Kitabı oku: «Bauchgefühl & Gottvertrauen»
GUIDO CANTZ
Bauchgefühl & Gottvertrauen
Mein Leben von 1971 bis
20:15 Uhr

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eISBN 978-3-89710-954-4
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Für Kerstin und Paul

Inhalt
It’s Showtime!
1. Guido, du schaffst das schon!
2. Der erste Warnschuss
3. Was wäre ich ohne Otto?
4. Per Zufall im Karneval
5. Meine Ochsentour beginnt
6. Auftritte in den niederen Niederungen
7. Reisen bildet den Charakter
8. OMG – Oh my god!
9. Das deutsche Fernsehen erblondet
10. Willkommen in der Primetime
11. Wie geht versteckte Kamera?
12. Der Maulwurf – jemand möchte mir schaden
13. Der Mann an ihrer Seite
14. Wundersame weibliche Wesen
15. Wir sind dann mal zu dritt
16. Karneval, Comedy und meine wilde Seite
17. Die Vorteile der Solo-Langstrecke
18. Was erlauben Cantz?
19. Mein absoluter Kick
20. Wenn die Zukunft schon heute wäre, wüsste ich mehr
Hinter dem Vorhang
Danksagung
„Ich bin jetzt etwas über 50, seit 30 Jahren
im Scheinwerferlicht und habe 20 Jahre lang
einfach so drauf los gelebt. Macht zusammen 100. –
Was will ich eigentlich wirklich vom Leben?“
Guido Cantz – inspired by Otto
It’s Showtime!
Nur nicht nervös werden. Das habe ich mir zwar fest vorgenommen, doch gegen meinen Puls bin ich machtlos. Er steigt. Ich stehe hinter der Bühne des Saaltheaters Geulen in Aachen-Eilendorf und schiebe den schweren roten Samtvorhang vorsichtig ein wenig zur Seite. Es ist der 18. Oktober 1991. Heute findet hier ein sogenannter Vorstellabend statt, an dem bekannte Karnevalsredner, Musikgruppen und junge Talente ihr Programm für die neue Karnevalssession vorstellen. Alle 1.000 Plätze sind besetzt. Das Publikum ist gespannt und neugierig. Und ich werde gleich zum ersten Mal in meinem Leben vor so vielen Menschen auftreten. It’s Showtime!
Zwischen den leeren Metallboxen und Instrumentenkästen des Showorchesters fühle ich mich wie vor zwölf Jahren an Heiligabend. Als Achtjähriger habe ich durch das Schlüsselloch unserer Wohnzimmertür geguckt, um einen Blick auf den Baum und die darunterliegenden Geschenke zu erhaschen. Im Jahr darauf war ich zwar immer noch neugierig, hatte aber beschlossen, inzwischen für ein solch kindisches Verhalten zu alt zu sein. Nicht zu gucken, nicht einen Blick auf die voll besetzten Ränge und die Bühne zu werfen – solche Bedenken sind mir gerade sehr fern. Egal, was die beiden anderen Kollegen, die mit mir hier im Backstagebereich auf ihren Auftritt warten, denken mögen. Schließlich bin ich der Einzige an diesem Abend, der noch nie auf einer Bühne dieser Größe gestanden hat.
Ich erspähe die Showtanzgruppe. Soweit ich das von hier aus beurteilen kann, sind ihre Bewegungen fehlerfrei und synchron. Einfach perfekt! Und gleich bin ich dran! Die Mischung aus Vorfreude und Angst vor der eigenen Courage macht mich hellwach, ich habe das Gefühl, jede einzelne Sekunde so intensiv zu erleben wie selten zuvor. Mein Puls steigt allmählich weiter. Ich habe keine Ahnung, wie lang ihre Choreografie noch dauert, aber eines ist sicher: Sobald die Tänzerinnen und Tänzer ihren Schlussapplaus genießen, schlägt für mich die Stunde der Wahrheit. Noch dazu auf derselben Bühne, auf der schon Stars wie Udo Jürgens und Peter Alexander ihre Aachener Fans begeistert haben.
Gleich wird der Conférencier Heinz Krein den „Mann für alle Fälle“ aus Köln-Porz ankündigen, so habe ich meine Bühnenfigur getauft, weil ich als Stimmimitator Prominente von Boris Becker, über Willy Brandt, bis Rudi Carrell im Repertoire habe. Dem Ausdruck „Conférencier“ begegne ich übrigens heute zum ersten Mal. Ich hätte die Funktion von Herrn Krein instinktiv Moderator genannt, aber auf Französisch klingt sie natürlich gleich viel weltläufiger, schon allein der Begriff trägt Smoking und Fliege.
Dass ich übrigens zwanzig Jahre später regelmäßig Honorarabrechnungen vom Südwestdeutschen Rundfunk erhalten würde, in denen meine Tätigkeit mit „Conférence“ angegeben ist, konnte ich zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht wissen. Und selbst heute noch wird die Moderation einer Sendung wie „Verstehen Sie Spaß?“ unter dieser Bezeichnung für die Verwaltung firmiert. Dass sie etwas antiquiert ist, wird auch daran offensichtlich, dass sie nicht mehr allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geläufig ist. Denn als sich die für mich zuständige Sachbearbeiterin im Urlaub befand, rief mich eines Tages ihre aufgeregte Vertreterin an und wollte wissen, für welche Art von Konferenz wir so viel Geld ausgegeben hätten. Ich verstand zunächst nicht, worauf sie hinauswollte, bis sie sich darüber wunderte, dass das Wort so merkwürdig geschrieben sei. Glücklicherweise konnte ich helfen: „Ach so, Sie meinen Conférence, nicht Konferenz.“ Mein Lächeln war wahrscheinlich durch meinen Hörer bis nach Baden-Baden zu vernehmen. Und es war eines der wenigen Male, in denen ich mich gegenüber der Abteilung „Honorare und Lizenzen“, im Sender-Volksmund „Holy Holi“ genannt, nicht klein und unwürdig fühlte.

Im Oktober 1991 ist das noch ferne Zukunftsmusik, ich stehe vor meinen ersten Schritten in Richtung Bühnenkarriere im Karneval. Wie werden meine Gags heute wohl ankommen? Vor wenigen Tagen hat die Hollywood-Diva Elizabeth Taylor zum achten Mal geheiratet und ich wünschte, ich hätte auf der Bühne nur annähernd so viel Routine wie Frau Taylor auf dem Standesamt. Kein geringerer als Heinz Otten, der erfolgreiche Karnevalsredner, wird nach mir vor das Publikum treten, auch er ist hinter dem Vorhang bereits startklar und spürt meine Anspannung. Er gibt mir noch einen Tipp mit auf den Weg: „Wenn du das Gefühl hast, dass dir der Mund zu trocken wird, dann beiß dir auf die Zungenspitze. Das kurbelt den Speichelfluss an.“
Ich sage noch kurz „Danke“, da höre ich auch schon meinen Namen über die Saal-Lautsprecher und das Orchester spielt „Mer losse de Dom in Kölle“, meine Auftrittsmusik an diesem Abend. Ich betrete die Bühne: In der einen Hand trage ich ein altes Bordcase, heute besser als Handgepäck bekannt, welches mir mein Vater großzügig überlassen hat, in der anderen Hand einen Holz-Tennisschläger ohne Besaitung. Im Koffer sind einige Utensilien wie Perücke, Brille und Baseballcap, ein Zettel mit Stichworten und eine kleine Digitaluhr.
Sekunden später stehe ich mit leicht erröteten Wangen am Mikrofonständer, beginne mein Programm als Rudi Carrell und mache meinen ersten Gag: „Besser ein Holländer auf der Bühne als zwei auf der Autobahn.“ Ein Riesenlacher! Vermutlich auch, weil Aachen unweit der Grenze zu den Niederlanden liegt.
Mein Puls schlägt noch einmal einen Purzelbaum, dann legt sich die Aufregung. It’s Showtime! Und ich beginne, mich auf der Bühne richtig wohlzufühlen. Die Energie, die von den 1.000 Menschen zurückkommt, beflügelt mich. Ich möchte mehr davon! Es ist jetzt 20:25 Uhr – so wie auf dem mit Schreibmaschine verfassten Programm angekündigt. Also noch nicht Primetime. Aber für meine Premiere schon ganz schön nah dran an 20:15 Uhr.
Die Energie, die von den Menschen zurückkommt, beflügelt mich. Ich möchte mehr davon!

Wo soll diese Reise hingehen? – Die Antwort schiebe ich, gerade zwanzig Jahre alt, erst mal auf. Ich habe ein äußerst mittelmäßiges Abiturzeugnis in der Tasche, die Bundeswehr hinter mir und studiere ganz frisch Betriebswirtschaftslehre und weiß selbst nicht so genau, warum. Vielleicht weil mein Vater Betriebswirt ist und dieses Fach allgemein als vernünftige und seriöse Wahl gilt. Denn hört die Verwandtschaft „BWL“, stellt sie keine weiteren Fragen – das ist auf jeden Fall ein großer Pluspunkt. Für mich aber zählt jetzt nur, dass ich eine große Dosis der legalen Droge Applaus kosten darf und dass ich in Zukunft mehr davon bekommen möchte. Was ich eigentlich wirklich vom Leben will? Keine Ahnung. Um meinen genauen Platz im Leben zu finden, habe ich noch ein bisschen Zeit.
Heute, dreißig Jahre später, stehe ich allerdings an einem ähnlichen Punkt. Sicher, ich habe in den vergangen Jahrzehnten viele Antworten gefunden. Manches ist aber auch im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke geblieben. Mein Studium beispielsweise bezeichne ich selbst als „Fernstudium“, weil ich dem Hörsaal meistens fernblieb und es dementsprechend auch nicht abgeschlossen habe. Zunächst hatte mich die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen ins hundert Kilometer entfernte Siegen geschickt. Ich hoffte, irgendwann nach Köln wechseln zu können. Bis dahin legte ich die Strecke Tag für Tag mit dem Leichtkraftrad und 85 Stundenkilometer Spitzengeschwindigkeit auf der Autobahn zurück. Im Nachhinein spreche ich angesichts dieser Distanzen von meinem „Auslandssemester“. Doch schon bald konnte ich mit einem ehemaligen Klassenkameraden tauschen, der Köln erwischt hatte und lieber ein bisschen weiter wegwollte. Dummerweise wirkte sich bei mir ausgerechnet die größere Nähe zur Uni negativ auf meine Anwesenheit aus.
Immerhin kann ich auf eine zweijährige Ausbildung zum staatlich geprüften kaufmännischen Medienassistenten verweisen, dank der mein Lebenslauf an formalen Abschlüssen mehr zu bieten hat als Abiturient mit Führerschein. Ansonsten habe ich voll auf die Entertainment-Karte gesetzt.
Im Jahr 2010 wurde meine Ochsentour durch die große und kleine Welt der Unterhaltung belohnt, mein Karriere-Navi verkündete: „Sie haben Ihr Ziel erreicht!“ Samstagabend, 20:15 Uhr. Showtime! Ich wurde Moderator von „Verstehen Sie Spaß?“, einer Show, die ich schon als Kind geliebt habe. Ich war dort angekommen, wo ich immer hinwollte. Ich durfte zahlreiche spannende Drehs mit der versteckten Kamera erleben und hochkarätige Gäste auf dem wahrscheinlich größten Sitzmöbel des deutschen Fernsehens begrüßen.
Doch nach zwölf Jahren habe ich das Gefühl, es ist Zeit für einen Aufbruch. Etwas Neues. Ja, ich habe viel Kraft und Energie in diese Show gesteckt. Sie ist für mich nicht nur ein Format, sie ist mein Steckenpferd. Und trotzdem flüsterte mir meine innere Stimme ein, dass ich die ausgetretenen Pfade mal verlassen muss. Aber gleichzeitig war da der Guido, der die Kontinuität und Rituale liebt und es durchaus genießt, immer wieder auf Routen unterwegs zu sein, die er im Schlaf kennt. Diese zwei Pole sind immer beteiligt, wenn ich über anstehende Entscheidungen nachdenke. Klar ist nun: Ich kehre „Verstehen Sie Spaß?“ den Rücken. Noch offen sind aber Fragen wie: Wie geht es nun weiter? Was ist dir wichtig im Leben? Wer bist du und wer möchtest du gern sein?

Ich denke, für viele von uns war die Corona-Zeit ein Einschnitt. Wir waren plötzlich mit uns selbst konfrontiert und hatten unfreiwillig Gelegenheit, viel und intensiv nachzudenken. Im ersten Augenblick war ich für diese Zwangspause sogar ein wenig dankbar, doch es brauchte ein wenig, bis ich mich tatsächlich auf sie einlassen konnte.
Das Frühjahr 2020 war laut Plan gut durchgetaktet. Nach einer langen Karnevalssession standen in Belgien Aufzeichnungen für ein neues Quiz auf dem Programm. In der kurzen Zeit dazwischen habe ich in Österreich ein wenig Kraft getankt und bin direkt nach der Heimreise krank geworden. Ich lag mit Fieber im Bett und der erste Probentag meiner neuen Sendung fand ohne mich statt. Dank der breiten Produktpalette unserer Pharmaindustrie konnte ich mich anschließend doch noch durch meine Quizfolgen kämpfen. Wirklich gesund war ich noch nicht, ich habe lediglich die Symptome niedergedrückt. Im Nachhinein lag der Verdacht nahe, schon ganz früh an Corona erkrankt gewesen zu sein. Aber mein Antikörpertest Anfang April ergab etwas anderes.
Am 22. März trat in Deutschland der erste Lockdown in Kraft, doch in meinem Terminkalender machte sich das zunächst kaum bemerkbar. Zwar waren Anfang April die Show zum 40. Geburtstag von „Verstehen Sie Spaß?“ und eine weitere Aufzeichnung zunächst in Gefahr, doch beide Ausgaben konnten glücklicherweise stattfinden. Damals empfanden wir die Hygiene- und Sicherheitsvorschriften als kompliziert und kaum umsetzbar, heute werfe ich einfach instinktiv den Kopf in den Nacken, sobald ich ein irgendwie offiziell aussehendes Gebäude betrete, weil ich mit dem Stäbchen für einen Testabstrich rechne.
Im Anschluss an „Verstehen Sie Spaß?“ sah mein Terminplan die Moderation des „Jeckliner“, einer Karnevalskreuzfahrt, vor und Anfang Mai die Premiere meines neuen Comedyprogramms. Beides fiel dem Lockdown zum Opfer. Da ich mich immer noch schwach fühlte und mich insgeheim schon länger gefragt hatte, ob meine Kondition für dieses Gesamtpaket reichen würde, war ich zunächst erleichtert. Für einen kurzen Moment dachte ich sogar: „Siehst du, der liebe Gott passt auf dich auf!“ Doch diesen Gedanken verwarf ich angesichts des Ausmaßes der Pandemie sofort wieder. Nur um mir zu helfen, hätte die ganze Angelegenheit sicherlich mehrere Nummern kleiner ausfallen müssen. Ich war einfach froh, durchatmen zu können und nicht nur nach Hause zu kommen, um den Koffer umzupacken. Als ich dann nicht mehr von Termin zu Termin funktionieren musste, begann ich die Tragweite der aktuellen Lage zu erfassen, emotional wie auch wirtschaftlich. Zwar hatte ich zuvor die Nachrichten verfolgt und die neuen Regelungen zur Kenntnis genommen, aber mir fehlte bis dato der Freiraum, um über diesen Moment hinaus zu denken. Und dann wurde mir bewusst: Ich bin ja Mitinhaber von zwei Firmen mit 19 Beschäftigten, unsere Kerngebiete sind Künstlermanagement und Eventorganisation, also gleich zwei Branchen, in denen so gut wie gar nichts mehr ging. Was würde das mittelfristig für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bedeuten? Wie lang würde der Stillstand anhalten?
Weitere unangenehme Gedanken mussten auf einmal durchgespielt werden: Was wäre, wenn der Karneval nächstes Jahr ausfällt? Wir betreuen viele Künstlerinnen und Künstler aus diesem Bereich. Wann werden wir wieder Publikum im Fernsehstudio haben? Wie lange werde ich nicht auf Tournee gehen können? Gleichzeitig habe ich versucht, die Lage von der humoristischen Seite zu betrachten. Schließlich verbirgt sich in jeder Lebenssituation immer auch eine Portion Komik, manchmal ist sie nur sehr gut versteckt. Doch meine Gedanken mündeten nie in dem Impuls, mich an den Computer zu setzen und eine passende Nummer zu schreiben.
Es verbirgt sich in jeder Lebenssituation immer auch eine Portion Komik, manchmal ist sie nur sehr gut versteckt.
Ich fing an, meinen Beruf zu vermissen. Nach den ersten ruhigen Wochen, in denen ich gern und ausgiebig mit meiner Frau Kerstin und meinem Sohn Paul gekocht hatte, packte mich eine quälende innere Unruhe. Ich verspürte den Drang, wieder auf der Bühne zu stehen und Menschen zu unterhalten. Ich war wie auf Entzug. Bühnenentzug. Ich kann noch so müde sein, sobald ich auftrete, ist das Adrenalin sofort zur Stelle. Als Ersatz, um meine Energie in andere Bahnen zu lenken, bestellte ich mir einen Dampfstrahler und begann wie besessen unsere Terrasse zu reinigen, bis Kerstin meinte: „Lass noch ein bisschen was von den Steinen übrig!“
Dass ich die Familie immer wieder zur gemeinsamen Gartenarbeit motivieren wollte, stieß mittelfristig auch nicht auf ungeteilte Begeisterung, deshalb beschloss ich, wieder regelmäßig Fahrrad zu fahren. Auf diese Weise konnte ich mich gleichzeitig auspowern und in Ruhe nachdenken. Ich erkannte allmählich, wie unproduktiv diese Leere war, die sich nicht so einfach wieder schließen ließ. Sich immer nur im Kreis zu drehen und all das zu beklagen, was gerade nicht möglich war, brachte mich nicht weiter. Die Frage lautete eher: Soll die Show nach der Pause einfach so weiterlaufen wie bisher? Oder sollte ich ein paar der bekannten Abläufe überdenken und das Programm neu schreiben?
Auf einmal führte kein Weg daran vorbei, mir einzugestehen: Du wirst in diesem Sommer fünfzig Jahre alt, du bist jahrelang nur von Termin zu Termin gehetzt und hast keine Zeit gehabt, dir ein paar ganz grundsätzliche Fragen zu stellen. Jetzt bietet sich dir die Gelegenheit, über dein Leben nachzudenken, du wünschst dir aber einen vollen Terminkalender, um dich davor drücken zu können. Jetzt wegzulaufen ist sinnlos, der aktuelle Stillstand gilt auch für dich, egal ob du willst oder nicht.
Und dann dachte ich: Vielleicht möchte „der da oben“, dass du diesen Einschnitt nutzt, um dich und deine Ziele neu zu justieren. Ja, ich glaube an Gott! Ich bete regelmäßig und bitte ihn um seine Unterstützung. Er hat mich in den letzten dreißig Jahren auf meiner Ochsentour durch das Showgeschäft begleitet und war in allen Momenten des Aufbruchs, des Zweifels und der Unsicherheit meine Hilfe und mein Kompass. Und er wird mir hoffentlich in dieser Phase des Umbruchs auch wieder beistehen, denn bis jetzt waren mir zwei Dinge immer gute Ratgeber: Bauchgefühl und Gottvertrauen.
Gott war in allen Momenten des Aufbruchs, des Zweifels und der Unsicherheit meine Hilfe und mein Kompass.

Halten wir fest: Zwanzig Jahre ohne Plan einfach so drauf los gelebt, dreißig Jahre im Scheinwerferlicht den Applaus ausgekostet und dann einmal die große Pausentaste erlebt … Was hat das Leben noch mit mir vor und was möchte ich eigentlich wirklich? Und was will ich in Zukunft vielleicht nicht mehr? The show must go on?
Vielleicht haben auch Sie sich in den Monaten des Lockdown-Stillstands Fragen wie diese gestellt oder sind mit ihnen anderswo im Leben konfrontiert worden. Womöglich geht es Ihnen genau wie mir: Sie stellen fest, etwas Neues bricht auf. Ich möchte Sie jetzt mitnehmen auf meine Suche nach den für mich passenden Antworten. Dabei hilft es mir, auf die Ereignisse zurückzublicken, die meine vergangenen fünf Jahrzehnte geprägt haben. Sicher ist nur: Sich einfach auf die Zungenspitze zu beißen, hilft in diesem Fall nicht. Damals in Aachen übrigens auch nicht.
1. Guido, du schaffst das schon!
Wann genau sich mein Umfeld einig war, dass ich als „Mann für alle Fälle“ unkaputtbar bin, kann ich nicht mehr sagen. Vielleicht habe ich auch nicht laut genug widersprochen, weil es dem Ego durchaus schmeichelt, wenn man immer wieder hört: „Wer soll das schaffen, wenn nicht du, Guido.“ Und während meine für die Vernunft zuständigen Regionen des Gehirns signalisieren wollen: „Lass dich nicht so schnell einwickeln“, hat die innere Rampensau bereits eine Abkürzung in den Nervenbahnen entdeckt und prescht hervor: „Recht haben sie! Mach es!“ So kommt es denn auch dazu, dass ich mich Karneval um 23:30 Uhr auf der Bühne wiederfinde, nachdem zuvor drei andere Wortkünstler anderthalb Stunden lang ihre Pointen auf das Publikum abgefeuert haben. Die Damen und Herren im Publikum sind also bereits deutlich erschöpft und würden vermutlich über die Ankündigung „Zwanzig Minuten Toilettenpause!“ lauter jubeln als über ein „Und hier ist Guido Cantz.“
Ich weiß genau, was so ein Setting bedeutet: Jetzt musst du ackern. Du musst den Saal in den ersten neunzig Sekunden bekommen, sonst wird es für beide Seiten zäh. Noch schlimmer ist es nur, wenn du den letzten Auftritt des Abends erwischst, dann kommen nämlich schon die Kellner und beginnen zu kassieren. Während also sämtliche Gäste angeheitert versuchen sich zu erinnern, was sie in den vergangenen Stunden konsumiert haben, ist man auf der Bühne in derselben Situation wie der Lehrer, der den Nachmittagsunterricht mit einer Doppelstunde Mathe beenden darf. Falls dann noch lautstark über die halbe Sitzreihe die Frage erörtert wird, wer die zwei offenen Gläser Weißwein hatte, ist meine Anwesenheit auf der Bühne nur noch Hintergrundberieselung. Wie ein Fernseher, den man weder beachtet noch ausschaltet.
„Drück dich nicht vor der Herausforderung“ ist nicht immer der beste Ratgeber. So ließ mich denn auch ein schnell dahingesagtes „Guido, du schaffst das schon“, gepaart mit meinem hohen Selbstanspruch, den Vertrag für ein Fernsehprojekt unterschreiben, das damals zu den Tiefpunkten meiner jungen Karriere gehörte. Ein Desaster mit Ansage! Eigentlich hätte mir schon vorher klar sein müssen, dass es keine gute Idee ist, eine Primetime-Show mit Talk, Spielen und Quiz-Elementen an nur einem Tag proben und aufzeichnen zu wollen. Genau das aber war der Plan bei meinem Ausflug in den Hauptabend namens „Die große Edgar Wallace-Show“ im Jahr 2004.
„Drück dich nicht vor der Herausforderung“ ist nicht immer der beste Ratgeber.
Die genaue Entstehungsgeschichte des Formats kenne ich nicht, aber ich liege vermutlich nicht ganz falsch, wenn ich sie mir folgendermaßen vorstelle: Die Produzentin geht zum Sender und sagt: „Ihr zeigt doch gerade die alten Edgar-Wallace-Filme, die Rechte daran habt Ihr sowieso, lasst uns drum herum noch ein Entertainment-Format zimmern. Wir laden die Schauspieler der Originalfilme plus den Cast der Parodie „Der Wixxer“ ein, der Rest ergibt sich dann irgendwie. Ein paar Quizfragen, Spiele, bisschen quatschen, nein, nein, wir brauchen nicht viel Budget … Ach so! … Gut, ich hatte das Doppelte kalkuliert, aber kriegen wir hin!“
Als ich dann fragte: „Wann soll ich mich auf meinen Text vorbereiten, wenn sich in der einzigen Probe vielleicht noch alles ändert?“, hörte ich ein weiteres Mal: „Guido, du schaffst das schon!“ Weil dann aber doch ein bisschen zu viel kurzfristig umgestrickt werden musste, um es noch in den verbleibenden Minuten zwischen Probe und Show zu schaffen, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben mit Teleprompter gearbeitet. Mein Text lief also an einigen Stellen der Sendung auf einem Bildschirm unter der Kamera mit und ich habe versucht, ihn möglichst natürlich zu präsentieren. Etwas, das wirklich niemandem beim ersten Versuch gelingt. Anfänger neigen nämlich dazu, den Kopf mitzubewegen, während die Augen den Zeilen folgen.
Eingeladen waren Gäste, vor denen ich mich nicht blamieren wollte. Neben Show- und Schauspiellegenden wie Gritt Boettcher, Chris Howland und Thomas Fritsch saßen auch meine Kollegen Oliver Welke und Oliver Kalkofe mit mir gemeinsam auf dem Sofa. Die Zeit war, wie gesagt, knapp, aber glücklicherweise hatte die Redaktion mir ein paar Talkfragen aufgeschrieben, damit ich mich mit den Prominenten einigermaßen kompetent unterhalten konnte. Leider schwand mein Vertrauen in dieses Hilfsmittel schlagartig, als ich mit Grit Boettcher sprach. Über sie und Harald Juhnke in ihrer gemeinsamen Sketch-Show „Ein verrücktes Paar“ hatte ich schon als Grundschüler herzlich gelacht und stellte ihr eine Frage zu ihrem aktuellen Buchprojekt „Lyrik im Alter“. Über Bücher redet schließlich jeder Gast gern, wenn er in eine Sendung eingeladen wird. Bedauerlicherweise erfuhr Frau Boettcher in diesem Moment zum ersten Mal von diesen Plänen. Entsprechend entgeistert sah mich die damals 66-Jährige an, die sich vermutlich nicht annähernd so alt fühlte, wie ich ihr das gerade mithilfe dieses angeblichen Gedichtbands unterstellt hatte. Und dann befragte ich auch noch ihren österreichischen Schauspiel-Kollegen Herbert Fux nach Filmen, die er dummerweise nie gedreht hatte. Doch ich hatte weder die Zeit noch den Erdboden, um darin zu versinken.
Zum inhaltlichen gesellte sich schließlich noch das technische Chaos. Nach so und so vielen Unterbrechungen fiel es nicht mehr ins Gewicht, dass der arme Chris Howland, der ausnahmsweise tatsächlich ein Witzebuch herausgegeben hatte, bei seinem Beispielwitz einen falschen Einstieg wählte. Es war ein sehr langer, mir nicht unbekannter Gag. Doch ich wusste bereits, während Mr. Howland ihn vortrug, dass er nach etlichen Minuten des Erzählens pointenfrei versanden würde, weil der Erzähler zu Beginn leider falsch abgebogen war. Nach gefühlt zwölf – in Wirklichkeit wohl nur etwas mehr als vier Stunden – Aufzeichnung war die Sendung abgedreht. Ich nehme an, die schlimmsten Momente konnten herausgeschnitten werden. Mit Sicherheit kann ich das allerdings nicht sagen, da ich nie gewagt habe, mir das komplette Ergebnis anzusehen.
Dass ich dieses Erlebnis bis heute nicht verdrängen kann, verhindert auch das Datum, an dem die Sendung stattfand. Denn als wir kurz vor Mitternacht das Studio verließen, nahte unaufhaltsam mein 33. Geburtstag. Wir feierten ihn mit dem gesamten Team bei einem Umtrunk. Ein besonderes Highlight war die Geburtstagstorte. In Zuckerschrift stand dort zu lesen: „Guido, du schaffst das schon!“ Die schwarzwälder-kirsch-gewordene Mahnung, exakt diese Maxime ernsthaft zu überdenken.
Nachdem wir mit ein paar Gläschen auf mich angestoßen und den Stress der vergangenen Stunden hinter uns gelassen hatten, entdeckte ich dann noch die wütende SMS meiner damaligen Freundin. Sie war extra wach geblieben und nun sehr enttäuscht, mich um Mitternacht nicht zu erreichen.

Heute bin ich nicht mehr so zurückhaltend wie vor zwanzig Jahren, wenn ich eine Idee nicht gut finde, einen Text oder eine Inszenierung nicht mag und eigene Vorstellungen davon habe. Das habe ich mich natürlich noch nicht getraut, als ich froh war über meine ersten Fernsehengagements.
Bei meiner Premiere als Moderator in einer Fernsehsendung des ZDFs namens „Karnevalissimo“ war ich 27 Jahre alt, vor der Kamera unerfahren und habe sehr auf die Tipps meines Redakteurs vertraut. Mit Texten wie: „Im wahren Leben ist er Friseur, er schneidet aber auch auf der Bühne richtig gut ab“, war ich zwar unglücklich, habe mich aber anfangs noch nicht getraut, auch das laut zu formulieren.
Der Dienstleister in mir wollte einfach, dass der Kunde, in diesem Fall der Sender, glücklich ist. Heute sehe ich natürlich, dass Kollegen, die sehr viel früher als ich darauf gepocht haben, ihren eigenen Stil durchzuziehen, damit sehr gut gefahren sind. Vielleicht musste ich aber auch erst mal unterschiedliche Erfahrungen sammeln, um ein Gefühl dafür zu entwickeln, was gut ist und was nicht.
Trotzdem kann man mich durchaus auch heute noch mit einem: „Guido, du schaffst das schon!“, einfangen, wenn ich bezweifle, dass ein Plan aufgeht. Tief in meinem Inneren bin ich Dienstleister, genauer gesagt Humor-Dienstleister. Jemand, der seinen Auftrag sehr ernst nimmt und alles dafür tut, dass er möglichst fehlerfrei funktioniert. Im Rückblick kann man immer spekulieren: Wärst du heute woanders gelandet, wenn du an bestimmten Punkten deiner Karriere öfter „Nein“ gesagt oder dich durchgesetzt hättest? Aber es ist eben auch gut möglich, dass ich dann in der Fernsehwelt gar keine Rolle mehr spielen würde.
Tief in meinem Inneren bin ich Dienstleister, genauer gesagt Humor-Dienstleister.
In allererster Linie bin ich glücklich über die vielen Chancen, die sich mir geboten haben. Mir fällt kaum eine Unterhaltungssendung ein, in der ich nicht zumindest schon mal Gast war. Und wer hätte das gedacht? Dass der ehemalige Schülersprecher des Maximilian-Kolbe-Gymnasiums tatsächlich mal vor der Kamera stehen würde? Nach meiner Moderation unseres letzten Schultages wurde mir eine solche Zukunft zwar bereits in einem Artikel in unserer Abiturzeitung prophezeit, aber in demselben Heft sind wir auch davon ausgegangen, dass nun die nach menschlichem Ermessen schwersten Prüfungen hinter uns lägen und das weitere Leben ein Klacks sei. Diese Einschätzung erwies sich als ein Mµ zu optimistisch.
Durch meinen frühen Start als Unterhaltungskünstler habe ich beispielsweise nie einen klassischen Arbeitsalltag kennengelernt. Abgesehen von einem Ferienjob in der Firma, in der mein Vater gearbeitet hat und dem Praktikum bei Radio Köln innerhalb meiner Ausbildung, habe ich nie über längere Zeit Achtstundentage mit den üblichen Hierarchien eines Unternehmens erlebt. Genau genommen habe ich nie „richtig“ gearbeitet, aber nur deshalb, weil ich mein Hobby zum Beruf gemacht habe. Die Erfahrung, wie man gegenüber Vorgesetzten seinen Standpunkt klarmacht, musste ich mir bei unterschiedlichen Gelegenheiten und gegenüber unterschiedlichen Menschen wahrscheinlich langsamer erarbeiten als jemand, der täglich mit denselben Gesichtern zu tun hat. Vermutlich hat es bei mir deshalb ein bisschen länger gedauert, bis ich klar sagen konnte, was ich will und was nicht.
Und heute sage ich: Meinen Job als Dienstleistung zu betrachten, behalte ich bei. Ich sehe mich selbst, obwohl ich Unterhaltungskünstler bin, nicht als Künstler. Picasso war ein Künstler. Menschen, die Bilder malen, komponieren oder Weltliteratur schreiben, die in Bereichen wie Bildhauerei, Regie oder Schauspielerei Erfolge feiern, gehören für mich in diese Kategorie. Über mich selbst zu sagen: „Ich bin Künstler“, geht mir zu schwer über die Lippen. Vielleicht ist diese Dienstleistermentalität auch nur mein Vehikel, um auf dem Boden zu bleiben.
„Guido, du schaffst das schon!“ entpuppt sich dabei manchmal als das Mantra, das ich mir nicht ausgesucht habe, aber das im Hintergrund unhörbar erklingt und mich immer noch hin und wieder dazu verleitet, mir mehr aufzubürden als gesund für mich ist. Andererseits hat sich dieser Satz in der Vergangenheit so oft als wahr erwiesen, dass er mir in Momenten der Unsicherheit und des Zweifels durchaus hilft. Selbst jetzt – in diesem Augenblick, in dem noch unklar ist, wohin mein Weg mich in Zukunft führt – lässt er mich zuversichtlich sein, dass es weitergeht und dass alles gut wird.
2. Der erste Warnschuss
Wenn ich aus Erfahrung wirklich klug geworden wäre, dann hätte ich mir bereits seit 1996 nie mehr zu viel zumuten dürfen. Denn im Alter von 25 Jahren schickte mir mein Körper eine deutliche Warnung, die mich aber leider nur vorübergehend demütig werden ließ.
Zu dieser Zeit war ich bereits professionell im Karneval unterwegs mit mehr als 200 Auftritten während der Session. Um mich für die kräftezehrenden Wochen zu belohnen, hatte ich mir einen Last-Minute-Urlaub in der Dominikanischen Republik gegönnt. Ein Bekannter hatte mich noch vor den dort grassierenden Magen-Darm-Viren gewarnt. Für Infektionen dieser Art bin ich durchaus empfänglich und tatsächlich habe ich während des Rückflugs den engen Gang zur Bordtoilette mehr als nur einmal passieren müssen. Und mit jedem Mal erntete ich mehr mitleidige Blicke von meinen Mitreisenden.
Vermutlich lag es am Mittagessen vom Vortag. Es war im Angebot des Tagesausflugs inklusive. Da sagt der innere Schwabe natürlich nicht nein. Reis, Bohnen und Hähnchen hatten mir wenig Sorgen bereitet, Zweifel beschlichen mich eher beim gereichten Avocado-Salat, denn der wird weder gekocht, gebraten noch frittiert, was Krankheitserregern im Zweifelsfall sehr entgegenkommt. Letztlich dachte ich mir: „Genieß ihn einfach! So reif und lecker bekommst du sie ab übermorgen nicht mehr.“
Der Durchfall wurde allerdings in den kommenden Tagen immer schlimmer, sodass mein Hausarzt schließlich eine Stuhlprobe zum Hamburger Tropeninstitut schickte. Es hieß abwarten und auf die Diarrhö-Tabletten vertrauen.
In diesen Tagen begann auch die Vorbereitung auf die Fußballsaison. Fußball ist meine große Leidenschaft, seit ich sechs Jahre alt bin. Doch womöglich hat sie maßgeblich dazu beigetragen, dass ich von heute – also von meinem 50. Lebensjahr – aus betrachtet, im Alter von 25 eine längere Halbzeitpause mit körperlichem Systemausfall erlebte.
Da ich in der heißen Phase des Karnevals wie jedes Jahr aus Zeitmangel mit dem Training pausieren musste, wollte ich mich in der Vorbereitung umso mehr beweisen und als Stammspieler etablieren. Mit Peter Klimke, dem ehemaligen Bundesligaprofi von Bayer Leverkusen, hatten wir zudem einen neuen Trainer, der ambitionierte Ziele verfolgte und neue Spieler mitbrachte, darunter auch solche mit Oberliga-Erfahrung. Insofern gab es im Team definitiv technisch versiertere Fußballer als mich. Mich aber zeichneten Leistungsbereitschaft und Kampfeswillen aus. Beides musste ich unter Beweis stellen.
Klimke wollte sehen, dass wir die Vorbereitung ernstnahmen. Einmal pro Woche mussten wir zum Wiegen antreten, dazu schleppte er sogar seine private, ziemlich schwere mechanische Waage auf den Platz. Einer nach dem anderen durften wir auf das Original-Badezimmeraccessoire des Ex-Profis treten, der mit einem Block in der Hand die Entwicklung notierte und wenn nötig mahnende Worte sprach.
Da ich ein durchaus ehrgeiziger Sack bin, habe ich im Training alles gegeben. Dass ich nach den ersten beiden Saisonspielen plötzlich Schmerzen in der Leiste spürte, schob ich aufs Training und bat Klimke um eine Pause beim Pokalspiel am Mittwoch. Ich hoffte, am Wochenende wieder fit zu sein. Doch noch in derselben Nacht hatte ich plötzlich vierzig Grad Fieber und Schmerzen im Bauchraum. Mein Vater vermutete eine Blinddarmentzündung, der Hausarzt hielt das am folgenden Morgen ebenfalls für die passende Erklärung und so fand ich mich im Troisdorfer Krankenhaus ein: Bauchdrücken, Fieber, erhöhte Leukozyten – mein Blinddarm sollte wenig später entfernt werden. Nur ein Routineeingriff, sagte man mir, ein paar Tage Ruhe und die Sache wäre erledigt. Ich rief meinen ehemaligen Schlagzeuglehrer und guten Freund Ilja an und er versprach, am Nachmittag vorbeizukommen.
Als er später tatsächlich in meinem Zimmer stand, fand er jedoch nur ein unbenutztes Bett vor. Er fragte die Schwester, wo ich sei. Sie sah ihn besorgt an und wollte wissen: „Sind Sie ein Verwandter?“ – Eine Szene wie aus einer Arztserie, nur ohne den Nachsatz: „Wir konnten leider nichts mehr für ihn tun.“ Tatsächlich hätte aber dafür nicht viel gefehlt.
Als ich wieder zu mir kam, lag ein Schlauch in meiner Nase, der mich mit Sauerstoff versorgte, und in meiner linken Armbeuge steckte ein Zugang, der direkt zum Herzen führte. An das Gefühl erinnere ich mich bis heute. Ich spüre noch genau die Stellen, an denen der Schlauch verlief. Am rechten Zeigefinger hing ein Pulsmessgerät, der Blick unter die Bettdecke ließ außerdem einen Blasenkatheter und ein Kabel in meinem Hintern erkennen, das wohl dazu diente, meine Temperatur zu messen. Komplett verkabelt, heute würde man sagen: Ich war online. Leider gab es noch kein W-Lan.
Warum so viel Aufwand für einen Blinddarm? Einmal unterm Messer wurde er zwar in die ewigen Jagdgründe geschickt, wies aber keinerlei Entzündung auf. Dafür fand man eine Flüssigkeit im Bauchraum, deren Herkunft sich niemand erklären konnte. Nach der OP bin ich dann im Aufwachraum blau angelaufen: Herzinsuffizienz linksseitig.
Nun lag ich also auf der Intensivstation. Mit über vierzig Grad Fieber. Eine Spezialdecke mit Dauerluftzug arbeitete daran, meinen überhitzten Körper wenigstens in die Nähe der Normaltemperatur zu kühlen. Es war die Art von Zudecke, die man sonst benutzte, um stark unterkühlte Lawinenopfer wieder aufzuwärmen. Offensichtlich konnte man sie auch für das Gegenteil einsetzen.
In den kommenden Stunden und Tagen probierte man diverse Antibiotika aus und setzte sie wieder ab, bis schließlich eins Wirkung zeigte. Meine Eltern haben mir erzählt, dass ich in dieser Zeit immer wieder laut fantasiert hätte. Ich kann mich an die Stunden nach der OP nur schemenhaft erinnern, weil ich alles durch meinen Fieberschleier wahrgenommen habe. Ich weiß allerdings noch, wie die Menschen um mich herum sehr hektisch wurden und aufgeregt durcheinandersprachen.
Ohne das passende Antibiotikum hätte ich höchstwahrscheinlich nicht überlebt. Das Fieber ging nun zum Glück runter, aber eine Erklärung für meinen Zustand hatte immer noch niemand. Für die Mediziner war mein Fall ein spannendes Rätsel und das war alles andere als beruhigend. In den kommenden Tagen standen gefühlt sämtliche Ober- und Chefärzte bei mir am Bett und jeder durfte mal tasten, drücken, Blut abnehmen und dabei ernst gucken. Es kam mir vor, als hätte jeder einen Versuch frei. Ich fühlte mich wie ein Versuchskaninchen. Sie alle waren auf der Suche nach der Ursache für meinen Zustand. Und täglich half ich ihnen bei ihrer Spurensuche und beantwortete stets dieselben Fragen, nur dass sie von Vertretern aus unterschiedlichen Fachrichtungen gestellt wurden. Ob Urologe, Orthopäde oder Internist, sie alle hörten interessiert zu, bis jeder einzelne schließlich mit vollen Ampullen in der Hand mein Zimmer wieder verließ.
Ohne das passende Antibiotikum hätte ich höchstwahrscheinlich nicht überlebt.
Besonders schmerzhaft war allerdings die Prozedur mit der sogenannten Beckenmarkstanze. Eine Biopsie, bei der mittels einer langen Hohlnadel Knochenmark aus dem Beckenknochen entnommen wurde. Obwohl ich mit Schmerzmitteln bis oben hin vollgepumpt war, hätte ich am liebsten laut aufgeschrien.
Eigentlich fehlte am Ende nur noch, dass Studenten an mein Bett geführt wurden mit den Worten: „Schauen sie sich diesen interessanten Fall mal an.“ Doch selbst ohne Ärztenachwuchs fanden sich bei mir im Zimmer mehr Zuschauer ein als bei meinen ersten Auftritten bei Geburtstagsfeiern.
Es war zermürbend! Jeden Tag neue Tests, die keine eindeutigen Ergebnisse erbrachten und dazu die andauernden, heftigen Schmerzen. Die Erleichterung darüber, dass mein Fieber nicht mehr lebensbedrohlich war, geriet allmählich in den Hintergrund. Mein Zustand war schließlich nach wie vor schlecht. Jede Bewegung schmerzte und eine Besserung schien nicht in Sicht.
Ich wollte endlich Klarheit, ich wollte die Nachricht hören: „Ja, Sie kommen wieder in Ordnung, Sie stehen bald wieder auf dem Fußballplatz und auf der Bühne.“
Die Stimme ist mein wunder Punkt
Dass mein Körper nicht mehr mitspielen und meine Pläne durchkreuzen könnte, war mir seit zwei Stimmband-OPs in den Jahren 1991 und 1992 durchaus bewusst. Durch viele Auftritte und die Parodien hatte ich meine Stimmbänder überanstrengt und es hatten sich sogenannte Sängerknötchen gebildet. Im Zuge der beiden Operationen wurden sie abgeschält, erst auf der linken, dann auf der rechten Seite. Ein Eingriff, den man nicht unbegrenzt oft wiederholen kann.
Als meine Stimme das erste Mal den Dienst versagte, war ich noch bei der Bundeswehr. Beim zweiten Mal bekam ich meine Heiserkeit bei einem Karnevalsauftritt auf einer Radiositzung des Westdeutschen Rundfunks (WDR) an Weiberfastnacht nicht mehr richtig in den Griff.
In den beiden Aufklärungsgesprächen wurde ich über die Risiken des Eingriffs informiert, dass bei der Operation meine Stimmbänder schlimmstenfalls dauerhaft beschädigt werden könnten. Was wäre also, wenn ich meinen ersten Satz sprechen würde und mir meine Stimme nicht mehr gehorchte? Dann wäre alles, was ich mir gerade aufgebaut hatte, mit einem Schlag wieder vorbei.
Nach den Eingriffen durfte ich jeweils fünf Tage lang nicht reden, ich habe nur schriftlich kommuniziert und war hochnervös. Ist alles in Ordnung? Ich versuchte, optimistisch zu bleiben und den Gedanken an den in diesem Moment größtmöglichen Albtraum wegzuschieben, aber die Wartezeit war trotzdem schwer auszuhalten. Ich konnte nur abwarten, hoffen und beten.
In meine junge Karnevalskarriere war ich damals voller Elan gestartet. Ich hatte ja keine Ahnung, dass so etwas wie schonendere Sprechtechniken überhaupt existierten. Hinzu kam, dass es damals in den Sälen noch kein Rauchverbot gab. Ich erinnere mich an Wochenenden, an denen ich am Sonntagvormittag – nach sieben Auftritten am Samstag – noch recht heiser auf der Bühne stand und in der ersten Reihe direkt unter mir jemand Zigarre rauchte. Zigarren waren bei Herrensitzungen damals ähnlich angesagt wie heute Smartwatches, die ihre Träger als fitte Leistungssportler auszeichnen sollen. Andere Zeiten, andere Statussymbole. Mit dem kalten Rauch in der Nase und einem Kratzen im Hals kämpfte ich mich durch die zwanzig Minuten meines Programms und freute mich auf die frische Luft draußen.
Abends im Bett fühlte ich mich dann manchmal selbst wie ein starker Raucher. Ich spürte einen Druck auf der Brust, als hätte jemand eine steinerne Gehwegplatte darauf abgelegt. Und das, obwohl ich die erste Zigarette meines Lebens erst im Alter von über vierzig Jahren probiert habe und nach übereinstimmender Meinung meiner Frau und meiner Managerin dabei peinlich aussah.
Bei einer Atem-, Stimm- und Sprechtherapeutin lernte ich nach den beiden Operationen meine Stimme ökonomischer einzusetzen. Seitdem inhaliere ich auch während einer Tournee oder der Session regelmäßig mit Salzwasser und absolviere vor dem ersten Auftritt ein paar Aufwärmübungen für die Stimmbänder. Bis heute ist die Stimme allerdings meine Schwachstelle, wenn ich krank werde, beginnt es immer mit Halsschmerzen und Heiserkeit.
Plötzlich hilflos
Die Stimmbandoperationen hatten mir meine Verletzlichkeit vor Augen geführt, doch dieser Krankenhausaufenthalt war von einer ganz anderen Qualität. Zwar versuchten alle Beteiligten, sich nicht anmerken zu lassen, wie besorgt sie in Wirklichkeit um mich waren, doch da sie keine professionellen Schauspieler waren, blieb mir das nicht verborgen.
Ich war völlig hilflos. Mit gerade mal 25 Jahren war ich auf einmal darauf angewiesen, dass mich Schwestern und Pfleger in meinem Alter oder sogar jünger wuschen. Ich lag da wie ein nasser Lappen, hatte einen Blasenkatheter und obwohl ich mich nicht so schnell geniere, war mit das unendlich peinlich.
Ich arbeitete selbstständig, verdiente mein Geld selbstständig, doch plötzlich war von meiner Selbständigkeit nichts mehr übrig. Mir das einzugestehen, fiel mir zunächst nicht leicht. Hilflos zu sein, widersprach zutiefst dem Bild, das ich von mir selbst hatte. Ich war der „Mann für alle Fälle“ und der Sportler, der vor zwei Wochen noch in der Landesliga gekickt hatte. Wie war ich nur in diese Lage geraten?
Nachts konnte ich kaum schlafen, nicht nur weil sich das Gedankenkarussell im Kopf unaufhörlich drehte. Hinzu kam, dass in meinem Fünfbettzimmer niemals wirklich Ruhe einkehrte. Ein Mitpatient stöhnte fast ununterbrochen, ein anderer riss sich immer wieder die Zugänge aus dem Arm und eines Nachts erlitt wieder ein anderer einen Herzinfarkt. Wäre ich nicht tagsüber in meinen Erschöpfungsschlaf versunken, hätte ich die Zeit nur schwer durchgestanden.
Immer wieder gingen mir quälende Fragen durch den Kopf: Was ist, wenn das alles nie mehr wieder in Ordnung kommt? Wenn du nicht zurück auf die Bühne kommst? Nie wieder Fußball spielen kannst? Wenn die Dinge, die dir am meisten Freude machen in deinem Leben für immer passé sind?
Ich neige nicht zur Schwarzmalerei, aber mein Zustand begann mir Angst zu machen. Ich war ins Krankenhaus gegangen mit der Aussicht, nach einem simplen Routineeingriff unbeschwert in mein altes Leben zurückzukehren, nun aber war mein Leben an sich infrage gestellt. Wollte der liebe Gott mich etwas auf die Probe stellen? Wollte er vielleicht testen, ob diese Krankheit mein Vertrauen in ihn erschüttern könnte? – Nein, das entsprach nicht meinem Gottesbild.
Irgendwann wich meine Verzweiflung und verwandelte sich Schritt für Schritt in Trotz. Da war es auf einmal wieder, dieses: „Guido, du schaffst das schon!“ Und ich weigerte mich, einen Plan B für mein Leben zu entwickeln. Nicht nur für die Zeit im Krankenhaus, sondern auch für danach. Nein, sagte ich mir, wenn ich hier raus und wieder auf die Beine käme, dann würde ich das machen, wofür ich am meisten brannte. Keine faulen Kompromisse oder halbherzigen Versuche, in irgendeinem Beruf zu landen, der nur dazu diente, meine Verwandtschaft zu beruhigen. Ich wollte auf die Bühne und in Zukunft Entertainer sein.
ich weigerte mich, einen Plan B für mein Leben zu entwickeln.
Blicke ich heute auf mein bisheriges Leben zurück, dann hatte sich dieser Wunsch eigentlich schon immer abgezeichnet. Egal ob ich in einer Band Schlagzeug spielte, Hauptrollen im Schultheater übernahm oder bei Familienfeiern die Erwachsenen unterhielt: Ich stand einfach gern im Mittelpunkt und genoss dieses Gefühl, dass andere Spaß an dem haben, was ich tat.
Allerdings hinkte mein körperlicher Zustand meiner inneren Aufbruchstimmung erst mal noch weit hinterher, was folglich wieder meine Ängste schürte, dass ich nicht vollständig genesen könnte. Allein das Aufstehen war immer noch streng verboten. Ich habe dann irgendwann die Schwestern und Pfleger fast angefleht, mich doch wenigstens mit dem Rollstuhl zur Toilette fahren zu lassen, damit ich nicht auch noch die Bettpfanne benötigte. Sie waren so nett, mir das zu ermöglichen, auch wenn das für sie sehr viel mehr Arbeit bedeutete.
Als es mir dann ein bisschen besser ging, hatte ich plötzlich das Bedürfnis, endlich mal wieder ein Getränk mit Geschmack zu genießen. Meine Versorgung mit Flüssigkeit regelte eigentlich der Tropf. Plötzlich bildete ich mir ein, unglaublich Lust auf Apfelsaft zu haben. Ein Pfleger war so nett, mir ein Glas zu besorgen. Ich genoss den Apfelduft in der Nase, er fühlte sich fast an wie ein Spaziergang durch eine Apfelplantage am Bodensee … Und dann der erste Schluck, er beamte mich gedanklich zurück in meine Kindheit. Ich sah mich zu Hause in unserer Küche stehen: Ein kleiner Junge, gerade mal so hoch wie die Platte unseres Küchentischs, der das Glas vorsichtig mit beiden Händen hielt. Dieser Saft schmeckte endlich mal nicht nach Krankenhaus, sondern nach vergangenen Kindertagen, nach Sorglosigkeit und In-den-Tag-hineinleben.
Leider fehlt auf Apfelsaftflaschen der Hinweis auf die Risiken und Nebenwirkungen. Ich hatte kaum Appetit und deswegen auch so gut wie nichts im Magen, doch schon nach kurzer Zeit spürte ich, wie die Fruchtsäure alles in Aufruhr versetzte. Ich hatte eine tickende Apfelzeitbombe im Darmtrakt und war angesichts des nicht zu unterschätzenden Vorlaufs, den es für die Reise benötigte, bis ich endlich auf dem Topf saß, auf Hilfe angewiesen wie bei einem Formel-1-Boxenstopp: Ich brauchte Schmerztropfen, damit meine empfindliche Leiste überhaupt bereit war, das Ganze mitzumachen. Der Thermometerfühler musste aus meinem Hintern entfernt und diverse Infusionen von der Halterung über meinem Bett an einen Infusionsständer mit Rollen umgehängt werden. Zudem benötigte ich Hilfe, um mich in den Rollstuhl zu hieven. Danach rollte ich dann sehr langsam in Richtung Toilette, während mir eine Schwester den Infusionsständer hinterherschob. Wenn ich den gekachelten Raum dann endlich erreicht hatte, wartet noch der Kraftakt, mich vom Stuhl aufs Porzellan umzusetzen, diesen Teil erledigte ich dann wirklich allein, auch wenn mich das kräftemäßig fast an die Grenzen brachte. Wenn ich nach solch einem Toiletten-Ausflug endlich wieder im Bett lag, war ich auch so – ohne den Apfelsaft-Kick –jedes Mal fix und fertig wie Andere nach einem Marathonlauf.
Geistlicher Beistand welcome!
Am Wochenende besuchte dann der Krankenhausseelsorger die Intensivstation. Als ich gefragt wurde, ob er bei mir vorbeischauen solle, war ich sofort einverstanden. Zwar war meine Zeit als Messdiener längst vorbei und regelmäßige Besuche der Gottesdienste waren in diesem Alter auch nicht unbedingt Teil meiner Vorstellung von einem gelungenen Wochenende, doch jetzt, in diesem Moment, als dem Leben, wie ich es kannte, plötzlich der Stecker gezogen worden war, fing ich wieder an zu beten. Ich bat Gott um seine Kraft und Hilfe, damit ich wieder auf die Beine käme. Deswegen freute ich mich auch darauf, hier auf der Station die Heilige Kommunion zu empfangen und kurz mit einem Geistlichen zu sprechen. Ich erwartete zwar nicht, dass der Herr persönlich ihm eine Botschaft für mich mitgeben würde, aber man kann ja nie wissen. Allein das Gefühl, dass der Seelsorger sich Zeit nehmen und vielleicht tröstende Worte finden würde, sorgt bei mir für Vorfreude.
Ich war zwar nicht mehr aktiv in der Gemeinde, aber immer noch gläubig und suchte in dieser Situation wieder die Nähe zu Gott. Denn mir wurde plötzlich bewusst, wie zerbrechlich mein Leben ist. Dass ich eben doch nicht alles im Griff habe, auch wenn ich das bis vor Kurzem noch geglaubt hatte. In den letzten Jahren war ich einfach in dem Vertrauen durchs Leben gegangen, dass alles immer so weitergehen und im Zweifelsfall sogar eher besser werden würde. Schließlich verdiente ich gutes Geld und seit einiger Zeit bekam ich mehr Anfragen, als ich annehmen konnte. Doch jetzt, in dieser Krisensituation, verstummte die große Klappe, die ich auf der Bühne an den Tag legte. Ich war mit einem Mal ungewohnt kleinlaut und demütig.
Ich suchte in dieser Situation wieder die Nähe zu Gott.

In den Lockdown-Phasen der Corona-Pandemie habe ich oft an meinen Krankenhausaufenthalt zurückgedacht, wenn ich mit meiner Familie in einer Messe saß, in der zu dieser Zeit ja nicht gesungen werden durfte, die uns aber trotzdem in den unsicheren Zeiten ein bisschen mehr Halt gegeben haben.
Ich kann mich nicht mehr erinnern, was der Krankenhausseelsorger damals im Detail gesagt hat, ich weiß nur, dass mir seine Nähe guttat. Seine Verbindung mit Gott, der Urquelle unserer Lebenskraft, hat ein bisschen auf mich abgestrahlt und das war in diesem Augenblick die Hauptsache.
Dem Klinikpersonal bin ich bis heute unendlich dankbar, die Schwestern haben mir sogar Kassetten von zu Hause mitgebracht, denn Walkman hören war so ziemlich der einzige Zeitvertreib, der mir in der ersten Phase meiner Krankheit möglich war.
Und auch mein guter Freund und Fahrer zu allen Karnevalssitzungen Martin hat mir in dieser Zeit beigestanden und mich aufgemuntert. Er war das einzige Nicht-Familienmitglied, das mich auf der Intensivstation besucht hat. Wie er das geschafft hat? – Er gab sich einfach frech als mein zweiter Bruder aus. Und ich werde seine drei Mitbringsel nie vergessen: eine Flasche Cola, ein Snickers und die aktuelle Ausgabe des Playboy. Ich hätte damals nicht sagen können, nach welchem dieser drei Präsente mir der Sinn am allerwenigsten stand.
Um meine Stimmung zu heben, malten wir uns unseren gemeinsamen Tripp nach Las Vegas aus. Martin hatte bei einer Karnevalssitzung zwei Flüge dorthin gewonnen, im September sollte es losgehen. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass er einen Arzt zu diesem Zeitpunkt schon nach den Aussichten eines USA-Trips mit mir in diesem Herbst gefragt hatte. Dessen Antwort lautete: „Das können Sie sich gepflegt von der Backe schmieren. Aber sagen Sie es ihm vielleicht nicht unbedingt.“ Während ich also in meinem Intensivbett gedanklich den Las Vegas Strip entlangschlenderte, suchte Martin bereits Ersatz.

Als ich die Intensivstation schließlich verlassen durfte, war ich selbst überrascht über meine Reaktion: Obwohl mich nun ein Einzelzimmer erwartete, heulte ich Rotz und Wasser. Ich hatte das Gefühl, dass ich anderswo unmöglich so gut betreut werden könnte wie von diesem Team, das mir so ans Herz gewachsen war. Möglicherweise trugen auch die Medikamente ihren Teil zu meiner sehr emotionalen Reaktion bei.
Insgesamt dauerte mein Krankenhausaufenthalt noch fast weitere drei Wochen. Ich hatte zehn Kilogramm verloren, das meiste davon Muskelmasse, und brachte nur noch 62 Kilogramm auf die Waage. Meine Oberschenkel waren spindeldürr, sodass ich auf der neuen Station mit der Unterstützung einer Physiotherapeutin und einer Art Rollator erst wieder laufen lernen musste. Ich schlich mit meiner rollenden Stütze über den Gang und freute mich, wenn ich fünfzig Meter schaffte, ohne zwischendurch pausieren zu müssen.
Als ich gerade wieder mal mit dem Gehwagen unterwegs war, besuchte mich mein Freund Olli und zog mich auf: „Du kannst ja gar nichts!“, weil er mich ein bisschen provozieren und motivieren wollte. Ich nahm das allerdings nur gleichgültig zur Kenntnis und absolvierte weiter mein Pensum.
Meine Gesundung ging langsamer voran als ich, es mir erhoffte. Inzwischen war ich aber schon ein Profi-Patient: Wenn mir morgens Blut abgenommen wurde, unterbrach ich nicht mal mehr das Frühstück, sondern kaute weiter mein Brötchen, während sich langsam die Ampulle füllte. Ich freute mich einfach über jeden kleinen Fortschritt. Außerdem durfte ich nun endlich Besuch außerhalb des engsten Familienkreises empfangen. Mein Trainer kam vorbei und versicherte mir, dass das Team an mich denken und ich selbstverständlich wieder spielen würde, sobald ich wieder fit sei. Später besuchten mich auch noch ein paar Spieler und einige Mitglieder unseres eigenen Porzer Karnevalsvereins. Ich hatte endlich Kontakt zu meinem Leben da draußen und wollte es so schnell wie irgendwie möglich wieder aufnehmen.
Mein Entschluss, jetzt alles auf die Entertainer-Karriere zu setzen, wurde dadurch noch einmal bestärkt. Ich nahm mir einen Block und einen Stift und begann an meiner Nummer für die Karnevalssession 1997 zu schreiben.
Ich war hochmotiviert und sagte mir: „Jetzt erst recht, jetzt greifst du an! All das hier war ein Zeichen, dass du eine Entscheidung treffen sollst. Und jetzt gib Gas und mach was draus!“
Kurz vor meiner Entlassung wurde ich dann zu einem Nuklearmediziner nach Siegburg zur Knochenmarkszintigraphie gefahren. Als ich ihm meine Bilder in die Hand drückte, reichte ihm ein kurzer Blick und er war sich seiner Sache sofort sicher: „Sagen Sie nichts, ich gebe einen Tipp ab. Sie spielen Fußball, mindestens drei- bis viermal in der Woche. Sie haben eine Arthritis im Schambein, typische Fußballerkrankheit durch Überbeanspruchung.“
Nun hatte ich immerhin eine Teilantwort, was genau mich allerdings in diese ungünstige Gesamtlage gebracht hatte, blieb weiterhin unklar. Da Dr. House erst acht Jahre später seine Arbeit aufnahm, ist die verlässliche Differentialdiagnose nie erstellt worden. Letztlich sieht es so aus, als habe mein vom Dauerfalldurchfall geschwächter Kreislauf unter dem Einfluss der Vollnarkose endgültig kapituliert und die Arthritis im Schambein ihren Teil zu den Schmerzen beigesteuert.
Am Abend meiner Entlassung feierte ein Freund von mir Geburtstag. Die Party war keine vierhundert Meter vom Haus meiner Eltern entfernt, also beschloss ich, kurz vorbeizugucken. Es war das Jahr 1996, alle haben noch geraucht und der „blaue Dunst“, wie er damals noch in den Anti-Raucher-Kampagnen genannt wurde, hat mich massiv gestört – auch wenn es damals noch uncool gewesen wäre, das laut auszusprechen. Ich schnappte mir ein Radler, ein Getränk, das sonst nicht meine erste Wahl wäre, und sah mich im Raum um. Zu viele Menschen, zu dicht gedrängt und viel zu laut. Als hätte ich die letzten Jahre als Eremit in einer Höhle verbracht und wäre schlagartig in eine überfüllte Fußgängerzone gebeamt worden. Ich war völlig überfordert und noch nicht in der Lage, mit so viel Input umzugehen. Nach noch nicht mal einer Viertelstunde habe ich mich heimlich wieder verdrückt.

An der Arthritis habe ich noch einige Monate laboriert und fühlte mich insgesamt schwach. Es hat fast ein Jahr gedauert, bis ich wieder auf dem Fußballplatz stand. Doch diese erzwungene Auszeit hat mich schlussendlich auf den Weg geführt, den ich seitdem verfolge.
Vielleicht war diese Pause wirklich kein Zufall. Ich neige generell nicht dazu, an Zufälle zu glauben. Ich bin überzeugt, dass jeder von uns im Leben eine Aufgabe hat und dass meine darin besteht, andere Menschen zu unterhalten. 1996 war ich mir sicher, dass ich von nun an den Tag meiner Entlassung aus dem Krankenhaus wie einen zweiten Geburtstag feiern würde. Doch das geriet überraschend schnell in Vergessenheit.
Jeder von uns im Leben hat eine Aufgabe
Heute könnte ich noch nicht einmal mehr das Datum benennen. Doch heute stelle ich auch fest: 25 Jahre später stehe ich wieder an einem Wendepunkt. Zwar ist das Ganze nicht lebensbedrohlich, aber meine Zukunft liegt auch dieses Mal im Ungewissen. Nur dass ich diese Ungewissheit selbst gewählt habe.
In dieser Situation hilft mir die Erfahrung von damals, dass ich nicht allein die Fäden in der Hand halten muss, sondern dass jemand auf mich aufpasst. Das hat etwas ungemein Befreiendes.
3. Was wäre ich ohne Otto?
Meine Entscheidung, Humordienstleister zu werden, war nun also gefällt. Der Weg dorthin zeichnete sich allerdings deutlich früher ab. Vermutlich fiel eine Art Vorentscheidung schon ganze 19 Jahre früher, bei meinem Übergang vom Kindergarten in die Grundschule.
Als ich 1977 eingeschult wurde, hätte ich eigentlich noch Anspruch auf ein weiteres Jahr Kindergarten gehabt. Ich bin im August geboren und war ein sogenanntes „Kann-Kind“, also einer der Fälle, in denen man je nach Entwicklungsstand den Schulbesuch auch noch ein Jahr nach hinten vertagen kann. Meine Erzieherinnen waren jedoch der Überzeugung: „Vom Reden her ist er so weit.“ Was vielleicht übersetzt bedeutete: Von uns aus darf sich ab jetzt das Lehrpersonal der Dauerbeschallung aussetzen.
Ich war also einer der Jüngsten und definitiv der Kleinste und dazu auch noch der Rothaarigste in meiner Klasse. In meine blonde Phase trat ich erst deutlich später ein.
Im Laufe der Zeit bemerkte ich, dass man als kleiner Fuzzi Unterstützer braucht, um von den Mitschülern beachtet zu werden. Meine hießen Otto Waalkes, Dieter Hallervorden oder Jürgen von Manger. Otto war auf dem Schulhof definitiv eine stabile Währung, den fanden alle Mitschüler cool. Als stolzer Besitzer seines Albums „Der ostfriesische Götterbote“ rezitierte ich daraus ständig Nummern, die heute als Klassiker des deutschen Humors gelten: „Oberförster Pudlich“, „Englisch für Fortgeschrittene“ oder seine Parodie des angesagten „Lied der Schlümpfe“. Auch Dieter Hallervordens „Kuh Elsa“ eignete ich mir inklusive Intonation recht schnell an. Meine Mutter besaß außerdem eine Single mit dem „Kleinaktionär“ von Jürgen von Manger, besser bekannt als Alfred Tegtmeier. Obwohl ich in diesem Fall sicherlich noch nicht jede Pointe in ihrer inhaltlichen Tragweite verstanden habe, wusste ich instinktiv, dass es sehr lustig war, wie dieser Kleinaktionär den Vorstandsvorsitzenden Herrn Nottoff erst ans Telefon zitieren ließ und dann frech anredete, in der tiefen Überzeugung, dass das Unternehmen irgendwie auch sein Laden sei.
Mit diesem Repertoire hatte ich für jede große Pause ausreichend Material zur Verfügung. Und meine Eltern waren sicherlich allein schon deshalb dankbar für die Schulpflicht in Deutschland, weil sie sicherstellte, dass sie zumindest zwischen acht und 13 Uhr nicht als Publikum herhalten mussten. Es kam dann immer wieder etwas Neues hinzu. Wann immer ich durfte, sah ich mir Sendungen wie Hallervordens „Nonstop Nonsens“ oder „die Otto Show“ an, in der er mir als Harry Hirsch, Susi Sorglos oder Robin Hood, der Rächer der Enterbten neuen Input gab, den ich dankbar aufsaugte.
Otto war und ist mein absoluter Held und für mich der größte Komiker Deutschlands. Er tat als Erwachsener all das, was ich als Kind auch gern gemacht habe: albern sein, seltsame Geräusche produzieren, sich unkorrekt und frech benehmen. Viele seiner eher anzüglichen Witze habe ich als Kind noch nicht wirklich kapiert, aber ich habe immer meinen kindlichen Weg gefunden, sie für mich mit Sinn zu füllen.
Otto war und ist mein absoluter Held
Meine Otto-Leidenschaft durfte ich vor einiger Zeit im WDR in der Sendung „Cantz feiert Otto“ unter Beweis stellen. Als ich ihn kurz darauf im Flugzeug persönlich traf, hat er sich bei mir bedankt und wirkte ehrlich beeindruckt von meiner Textsicherheit. Als kleines Andenken gab er mir ein Autogramm auf seinen aktuellen Kunstkatalog: „Für Guido von deinem Fan Otto!“ Ich halte diesen Katalog selbstverständlich in Ehren. Sollte beim Aufräumen versehentlich jemals das Unvorstellbare passieren, würde ich sogar nachts heimlich die Altpapierdeponie danach absuchen.
Ich war in meinem Leben selten so nervös wie bei der Aufzeichnung einer Show zu seinen Ehren im Jahr 2015. Im ZDF präsentierte Johannes B. Kerner eine Sendung zum 50-jährigen Bühnenjubiläum des größten Ostfriesen aller Zeiten. Von Bully Herbig über Ralf Schmitz, bis Bülent Ceylan huldigten die unterschiedlichsten Kollegen ihrem großen Vorbild. Die Anspannung war bei allen Beteiligten über den ganzen Tag spürbar.
Vor den Augen von Otto eine Otto-Nummer zu präsentieren, das war wie Abitur, Fahrprüfung und Heiratsantrag zusammen. Es fühlte sich für uns alle mehr als nur ein bisschen gewagt an und jeder spürte, dass er bei diesem Drahtseilakt schnell abstürzen konnte. Mit meinem Karnevalshintergrund war ich natürlich prädestiniert für Ottos legendäre Parodie einer Büttenrede. Ich denke, ein paar Stichworte reichen: Vertreter der chemischen Industrie reimt über die Segnungen der Risiken und Nebenwirkungen ihrer Produkte. Die Passage, die auf dem dazugehörigen Album die größten Lacher erntet, lautet:
Und was ist denn am Kalb das Schöne ?
Doch nicht das Fleisch! – Die Östrogene!
Der Stoff ist wirklich ungewöhnlich,
er macht den Mann der Gattin ähnlich.
Der Schniedel schrumpft, die Büste quillt,
schon isser Mamas Ebenbild!
Sie schaut ihm neidisch auf den Busen,
jetzt kann er mit sich selber schmusen.
Ob Mann, ob Frau, ob hart, ob weich,
Chemie macht alle Menschen gleich.
Ich durfte nun also diese Rede, von Otto im Original im Mainzer Dialekt angelegt, präsentieren. Doch irgendwie fühlte es sich für mich falsch an, sie nur zu reproduzieren. Ich wollte noch eine persönliche Note hinzufügen, ein paar Reime als Würdigung. Der Verantwortliche auf Produzentenseite war sich nicht sicher, ob das in Ottos Sinne sei, doch der gab schließlich sein Okay. Und so fügte ich noch meine persönliche Hommage in Reimform hinzu:
Seit fünfzisch Jahrn im Rampelischt,
das glaubt dir keine Schlampe nischt.
Vital und fit, von Kopf bis Knie
un das schaffst du mit null Chemie!
Viagra oder andre Pille
erzeuge bei dir Widerwille.
Und statt mit Botox vom Labor
gehst du streng biologisch vor:
Jahrzehnte auf der Bühne stehn,
mit Ottifanten Gassi geh‘n,
Gitarre spiel‘n und Filme mache
bis des die Leude Träne lache.
Im Herzen rein im Kopf bescheuert –
so wird man ständisch runderneuert!
Dafür hab ich dich stets bewundert.1
Mach weiter so – und du wirst hundert!
Otto hat mich jedenfalls gut durch die ersten Jahre meiner Schulzeit gebracht und ganz nebenbei habe ich bei ihm auch viel darüber gelernt, wie Pointen funktionieren. Dass Otto später mehrfach in meiner Sendung „Verstehen Sie Spaß?“ zu Gast war, habe ich immer als besondere Ehre empfunden. Er ist und bleibt mein Vorbild. Denn er gibt dem Publikum immer ein Gemeinschaftsgefühl, dass wir alle miteinander lachen können, ohne dass es auf die Kosten eines Einzelnen geht.
Ministrieren und imitieren
Ein weiteres entscheidendes Schlüsselerlebnis in Sachen Comedy hatte ich einige Jahre später als Ministrant. Nicht nur, weil wir aus Quatsch auch mal auf die Melodie eines Kirchenliedes einen Text der Kölschrocker von BAP gesungen haben. Bei der alljährlichen Ministrantenfahrt in die Eifel ergriff einmal unser Obermessdiener das Mikrofon des Busfahrers und parodierte Willy Brandt.
Brandt war zwar bereits nicht mehr Bundeskanzler, aber seine leicht knurrende Stimme und seine bedächtige Art, mit der er jedes Wort einzeln betonte, waren immer noch präsent. Das wollte ich auch können! Denn hier war auf einmal jemand, der nicht nur das wiedergab, was andere auf Schallplatten aufgenommen hatten, sondern mit seiner Stimme spielte und selbst lustig war.
Mit 13 Jahren habe ich deshalb angefangen, Prominente zu parodieren. Neben Willy Brandt stürzte ich mich auf den Showmaster Rudi Carrell, dessen niederländischer Akzent mir sehr leichtfiel. Als dann am 7. Juli 1985 ein 17-jähriger Leimener als jüngster Tennisspieler aller Zeiten das Finale der Wimbledon-Championships gewann und anschließend im ganzen Land der Boris-Becker-Hype ausbrach, hatte ich eine neue Figur gefunden, die sich zu parodieren lohnte.
Mit fremden Stimmen zu sprechen, machte mir großen Spaß. Das liegt wohl in der Familie. Schon mein Vater liebte es, Dialekte zu imitieren. Wir lachten jedes Mal Tränen, wenn er seinen aus Sachsen stammenden Chef nachmachte. Damals, viele Jahre vor der Wiedervereinigung, begegnete man diesem Akzent in Westdeutschland nur ausgesprochen selten. Bis heute faszinieren mich Dialekte und regionale Sprachfärbung, auf Zugfahrten kann ich mich stundenlang mit der Frage beschäftigen, woher meine Mitreisenden wohl kommen, während sie mich an ihren Telefonaten teilhaben lassen.
Mit fremden Stimmen zu sprechen, machte mir großen Spaß.
Ich weiß noch, wie ich samstagabends bei meinem Kumpel Karsten zu Hause die Rudi-Carrell-Show verfolgt habe. Seine Eltern hatte eines dieser neuen Tastentelefone der deutschen Bundespost, Farbe Rot und – technisch konnte man kaum näher am Puls der Zeit sein – mit Lautsprecher, es konnten also alle Umstehenden hören, was am anderen Ende der Leitung gesprochen wurde.
Die jüngere Generation kann dieses Wunder wohl nicht mehr so recht nachvollziehen, aber für uns, die wir noch als Familie zu viert im Halbkreis stehend unserem Opa in Stuttgart zum Geburtstag gratulierten und kaum zu atmen wagten, wenn Mama den Hörer in die Luft hielt, damit alle seine Reaktion mitbekamen, war das zukunftsweisende Hochtechnologie.
Während also in Carrells Sendung gerade eine Metzgereifachverkäuferin als Mireille Mathieu „Akropolis adieu“ schmetterte – natürlich nach Rudis obligatorischer Ankündigung: „Eben noch an der Fleischtheke, jetzt auf unserer Showbühne“, griff ich zum Telefonhörer, wählte eine beliebige Nummer und sagte: „Guten Abend, hier ist Rudi Carrell, ich gratuliere, Sie haben gewonnen. Schalten Sie Ihren Fernseher ein. Ja, da läuft gerade Musik, deswegen kann ich sie ja anrufen.“
Manch einer mag einwenden, dass ich mit 16 Jahren für derart infantile Telefonstreiche womöglich schon ein bisschen zu alt gewesen sein könnte. Ich sehe das eher als Berufsvorbereitung. Wie von selbst entwickelte sich jedenfalls plötzlich ein Repertoire aus Gags bekannter Komiker, Witzen und selbstausgedachten Parodien. Ich brauchte also nur noch die Gelegenheit, es vor mehr Menschen als nur meinem unmittelbaren Umfeld zu präsentieren, das es zugegebenermaßen recht gut kannte. Glücklicherweise gab es immer wieder private Feiern oder größere Familienfeste, bei denen ich meinen Gag-Fundus ausprobieren und verfeinern konnte.
1989 habe ich es dann zum ersten Mal für Geld getan. Mein Bruder Jochen war damals schon Student und jobbte nebenbei bei einer Softwarefirma, die kurzfristig jemanden suchte, der das Sommerfest bespaßen sollte. Diese Chance habe ich sofort genutzt. Die Versuchsanordnung war geradezu perfekt: Man hatte ein Ausflugsschiff gemietet, das Publikum hatte dementsprechend keine Fluchtmöglichkeiten. Direkt am Eingang habe ich von allen Mitarbeitern Polaroidfotos geschossen, anschließend eine Tombola moderiert und meine Parodien vorgeführt. Für hundert D-Mark habe ich die Gesellschaft den ganzen Tag bespaßt. Ein, wie ich finde, guter Deal für das Unternehmen, das Boris Becker, Otto, Helmut Kohl und Guido Cantz zum Preis von einem bekam.
Ob die Initiative, mich zu beauftragen von meinem Bruder oder seiner damaligen Freundin ausging, kann ich gar nicht mehr genau sagen. Sie arbeitete jedenfalls auch bei diesem Unternehmen und kannte mich und meine Neigung, im Mittelpunkt zu stehen, schon aus der Schule.
4. Per Zufall im Karneval
Mundpropaganda verhalf mir zu immer weiteren kleinen und größeren Auftritten – bis zu einem schicksalhaften Polterabend in Porz im Jahr 1990. Der Abend lief richtig gut, die Festgesellschaft im Nebenzimmer lachte lauthals über meine Parodien und im Gastraum saß einer der bekanntesten Redner des Kölner Karnevals: Peter Raddatz, jedem Kölner ein Begriff als „Dä Mann met dem Hötche“. Die Karnevalslegende hatte ein gebrochenes Bein und konnte sich nicht selbst mal eben schnell unauffällig in den Saal schleichen und nachgucken, was dort los war. Vielleicht war gerade deshalb seine Neugier umso mehr geweckt. Raddatz wollte von der Bedienung wissen, wer da gerade nebenan die Leute so zum Lachen brachte. Ihre Antwort kam schnell: „Das ist so junger Typ aus Porz, ein ganz lustiger Vogel.“
Nach meinem Auftritt stellte mich jemand Peter Raddatz vor. Wer er war, wusste ich selbstverständlich. Raddatz fragte mich: „Es hat doch bestimmt jemand ein Video gemacht. Besorg dir das und schick es mir zu. Ich guck mir das gerne an und melde mich.“ Er gab mir dann seine Adresse und bekam im Gegenzug meine Telefonnummer.
Ich habe nicht ernsthaft damit gerechnet, dass sich daraus etwas ergibt. Typisches Kneipengespräch, dachte ich, vielleicht wollte er ja nur nett sein. Ich konnte ohnehin nicht zu Hause um das Telefon herumschleichen und bei jedem Klingeln hoffen, dass endlich Peter Raddatz anruft, um mir mitzuteilen, dass ihn noch nie zuvor ein Video so begeistert habe. Zu dieser Zeit war ich nämlich noch beim Bund, mein Wehrdienst ging in die Endphase und ich musste schon morgen zurück in die Kaserne.
Ein paar Wochen später, an einem Freitagnachmittag, weckte mich dann aber meine Mutter und streckte mir das Telefon entgegen. Ich war zwei Stunden zuvor von meiner Woche beim Bund zurückgekehrt und hatte mich wie jedes Mal kurz hingelegt.
„Ja, hier Raddatz, ich habe doch gesagt, ich melde mich mal. Ich würde dich gerne mal in Köln vorstellen beim Stammtisch Kölner Karnevalisten. Da bin ich Mitglied und die suchen immer Nachwuchs. Hättest du Lust dazu?“
Natürlich hatte ich Lust. Ich fuhr also zu dieser Versammlung, die an einem Samstag in einem Lokal namens „Zum Jan“ stattfand. Ich ging die Treppen hinab ins Kasino des Reiterkorps „Jan von Werth“ im Keller, in dem auch heute noch regelmäßig das Tanzkorps trainiert und einmal im Monat die Karnevalisten tagen. Dort saßen die Karnevalsprofis an einer langen Tischreihe und hinten im Eck entdeckte ich eine kleine Bühne, auf der ich gleich mein Können zeigen durfte.
Erstaunlicherweise war ich vor meinem Auftritt wenig nervös. Ich hatte nicht das Gefühl, dass von der kommenden Viertelstunde meine Zukunft abhängen würde. Im Nachhinein wundere ich mich, wie unbedarft ich diesen Auftritt anging, aber vielleicht lag genau darin das Geheimnis. Ich tat einfach, was ich immer tat und war gespannt, was die Experten hinterher dazu sagen würden.
Heute wäre ich wahrscheinlich aufgeregter als damals, denn mittlerweile verunsichern mich nur dreißig Menschen im Publikum mehr als 3.000.
Die Reaktionen der Karnevalisten waren nicht enthusiastisch, aber doch sehr positiv. Menschen, die selbst seit Jahrzehnten auf der Bühne stehen, wird man selten komplett überrascht erleben, dafür haben sie einfach über die Zeit schon zu viel gesehen. Mein Auftritt hatte nur einen einzigen Fehler: Er geschah eindeutig zu spät. Für den großen Vorstellabend im Oktober, bei dem sich neugierige Karnevalsjecken und die Literaten der unterschiedlichen Gesellschaften versammelten, um die neuen Talente unter die Lupe zu nehmen, war der Zug bereits abgefahren. Das Programm war fix und fertig und es gab beim besten Willen keine Lücke mehr. Man verabschiedete mich daher mit den Worten: „Du musst nächstes Jahr noch mal wiederkommen.“
Heute verunsichern mich dreißig Menschen mehr als 3.000.
Peter Raddatz hat mich nicht vergessen
Für mich war die Sache erst mal abgehakt, aber Peter Raddatz hatte mich zum Glück weiter auf dem Schirm. Als 1991 der Karneval aufgrund des Golfkriegs abgesagt wurde und damit ein Großteil der Sitzungen, der Straßenkarneval und die Züge ausfielen, beschloss der amtierende Karnevalsprinz von Porz, im wahren Leben Gastronom, an Karnevalsdienstag zum Abschluss der Session in seiner eigenen Kneipe ein Programm auf die Beine zu stellen. Raddatz brachte mich dort ins Gespräch und vermittelte mir den Auftritt. Als Versicherungsagent wusste er bestens Bescheid, wie man anderen etwas verkauft. Und ich war froh zu sehen, dass er mich nicht vergessen hatte und ganz offensichtlich immer noch fördern wollte. Seine Verlässlichkeit, die er als mein Fürsprecher an den Tag legte, ist der wichtigste Grund, warum ich diesen Weg einschlagen konnte. Er ist mein „karnevalistischer Ziehvater“, dem ich sehr dankbar bin, auch wenn er selbst sein Engagement immer ein bisschen runterspielt und sagt: „Das, was du da im Fernsehen machst, hab ich doch alles gar nicht erlebt. Für mich war die Bühne immer nur ein Nebenjob neben meinen Versicherungen.“

Im Frühjahr erinnerte Raddatz seine Vereinskollegen vom Stammtisch Kölner Karnevalisten an ihr Versprechen, mir in diesem Jahr noch mal eine Chance zu geben. Im Juni 1991 hatte ich also meinen zweiten Auftritt vor den Profis und wurde hospitierend in den Verein aufgenommen. Insgesamt dauert so eine Hospitanz zwei Jahre, letztlich ist das nur ein etwas blumigerer Ausdruck für eine schlichte Probezeit. Man möchte eben sicherstellen, dass ein neues Mitglied weder silberne Löffel klaut noch nach seinen Auftritten marodierend durch die Kneipen und Säle zieht. Doch im ersten Schritt ging es darum, mich als würdig zu erweisen für die Vorstellabende im Oktober.
Ich bestand diesen Test und nun nahte der besagte Auftritt, den ich heute als meinen offiziellen Start im Karneval betrachte. Der unvergessene Freitagabend im Saaltheater Geulen in Aachen-Eilendorf. Mein Einstand vor 1.000 Zuschauern.
Eine Woche später dann die Steigerung: Im ausverkauften Sartory-Saal in Köln stand ich am Samstag- und Sonntagabend jeweils 1.200 Zuschauern gegenüber. Der „Mann für alle Fälle“ konnte auch in seiner Heimatstadt überzeugen.
Was nach diesen Auftritten passierte, erscheint mir auch heute noch unwirklich, fast wie aus einem amerikanischen B-Movie. Genauer gesagt meine ich diese fünfminütige Szene, in der alle den Außenseiter, der vorher 85 Minuten lang nur rumgeschubst wurde, plötzlich als Held feiern, weil ihm irgendwas Besonderes gelungen ist. Das entsprach zwar nicht meiner Geschichte, aber das Gedränge vor meiner Garderobentür schien mir direkt aus einem solchen Film zu stammen. Literaten der unterschiedlichen Karnevalsgesellschaften hatten sich dort versammelt und fragten aufgeregt: „Wie können wir Sie denn engagieren, wo können wir Sie denn buchen?“
Ich war mit der Situation überfordert, doch zum Glück behielt Peter Raddatz einen kühlen Kopf und sagte ganz entspannt: „Du lässt dich jetzt gar nicht buchen, die Leute sollen dich anrufen.“
Und das taten sie. In den folgenden drei Tagen stand das Telefon nicht still. Mein Bruder war schon genervt, weil der Rest der Familie nicht mehr telefonieren konnte. Ich wurde von den Terminanfragen tatsächlich überrollt. Die positiven Kritiken in den Kölner Zeitungen dürften ihren Teil dazu beigetragen haben. Der Kölner Stadt-Anzeiger schrieb:
„,Super, ey, echt super!‘, tönte es am Samstagabend im großen Sartory-Saal. War da etwa schon wieder der neue Star am Kölner Kabaretthimmel Tom Gerhardt zugange? Falsch getippt. Guido Cantz heißt der Ulkvogel, der als ‚Mann für alle Fälle‘ 1.200 Zuschauern Tränen in die Augen trieb. Der größte Wunsch des jungen Büttenredners und Parodisten auf den traditionellen Karnevalssitzungen ist, das verwöhnte Publikum in Stimmung zu bringen. Dazu hat er am Samstag beim Vorstellabend den Grundstein gelegt.“2
Tom Gerhardt war zu dieser Zeit mein neuer Held unter den Komikern. Später sollte er als „Hausmeister Krause“ eine der ersten und mit achtzig Folgen auch eine der am längsten laufenden deutschen Sitcoms auf den Fernsehschirm bringen.
Ich hatte 1988 gleich zu Beginn seiner Karriere sein Programm „Dackel mit Sekt“ gesehen, in einem Bürgerhaus bei uns in der Nähe. Ich bin schier ausgerastet. Das was der Mann da auf der Bühne tat, seine Figur des Proleten Tommie, das war neu und anders. Ich dachte: „Wie toll ist das denn? So was will ich auch machen!“ Ich hatte allerdings ein schlechtes Gewissen, wenn ich meinerseits einfach so Passagen im Stil von Tommie auf der Bühne präsentierte. Also schrieb ich Tom Gerhardt einen Brief und fragte ihn, ob er damit einverstanden sei, dass ich ihn parodierte.
Als Antwort bekam ich eine Postkarte, auf der stand: „Es ist mir eine Ehre.“ Darüber war ich wirklich glücklich, denn während Otto Waalkes in jüngeren Jahren meine Initialzündung war, mich mit Humor zu beschäftigen, war Tom Gerhardt sozusagen die zweite Zündstufe für den frisch erwachsenen Guido, weil ich durch ihn noch mal eine ganz andere Herangehensweise an Bühnenshows entdeckte.
Auch in der Kölnischen Rundschau wurde ich namentlich erwähnt: „Der 20-jährige Student Guido Cantz stand als Mann für alle Fälle erstmals auf einer Narrenbühne. Treffsicher und pointiert imitierte der blonde Strahlemann die Stimmen von Rudi Carrell und Helmut Kohl und Boris Becker und Tom Gerhardt. Obwohl es ihn auch zum Kabarett zieht, suchte er den Erfolg im Fastelovend. Er sagt: ‚Ich bin ein richtiger Karnevalsjeck.‘“3
Und die BILD-Zeitung schrieb: „Der Mann für alle Fälle. Er kam, parodierte und siegte. Guido Cantz: ‚Besser zwei Holländer auf der Bühne als einer auf der Autobahn.‘ Er debütierte als ‚Mann für alle Fälle‘, Kohl, Blüm, Brandt, Boris Becker, die Parodien sind nicht neu, trotzdem ein Talent, ausbaufähig mit besseren Texten!“
Dafür dass ich zwei Zeilen vorher mit der Art meines Auftritts noch gesiegt hatte, trat der Autor dann zum Ende noch mal fest auf die Euphorie-Bremse.
Wie dem auch sei: Ich hätte keinen besseren Start erwischen können. Doch nun lautete die Herausforderung, die hoch gesteckten Erwartungen auch weiter zu erfüllen.
5. Meine Ochsentour beginnt
Im Anschluss an den Vorstellabend in Köln wurde ich hochgejubelt. Plötzlich galt ich als der neue Shootingstar im Kölner Karneval. Gefühlt jeder, der auch nur eine winzige Lücke in einer seiner Sitzungen entdeckte, wollte mich nun noch schnell engagieren. Für 85 Auftritte wurde ich gebucht; für einen Anfänger ist das eine echte Sensation. Um das mal einzuordnen für die wenigen Menschen, die nicht mit den Dimensionen des Karnevals im Rheinland und der Anzahl seiner Veranstaltungen vertraut sind: In meiner Rekordsession, in der ich definitiv zu weit über meine Belastungsgrenze hinausgegangen bin, waren es insgesamt 307 unterschiedliche Sitzungen, die ich mit meinem ca. 25- bis 30-minütigen Programm bereichert habe. Heute trete ich ungefähr 200-mal in der Zeit von Anfang Januar bis Aschermittwoch auf.
85 Auftritte waren also ein beachtlicher Start und natürlich erfüllte es mich mit einem gewissen Stolz, dass man sich so um mich riss. Doch das böse Erwachen ließ nicht lange auf sich warten. Denn natürlich bekam ich auch Auftrittspositionen, die für einen im Karnevalsgeschäft noch unerfahrenen 20-Jährigen wirklich undankbar waren. Spätabends, wenn das Publikum schon seit mehr als vier Stunden sitzt, einen Saal noch mal hochzureißen, ist selbst für Profis ein Knochenjob.
Spätabends, einen Saal hochzureißen, ist ein Knochenjob.
Ein bekannter Name hilft einem durchaus dabei, spätabends zumindest zu Beginn die nötige Aufmerksamkeit zu erhalten. Trotzdem muss man natürlich liefern. Aber die Leute unterbrechen zunächst mal ihre Gespräche, weil sie denken: „Der hat bestimmt was zu sagen, da höre ich jetzt zu.“ Kommt dann in den ersten dreißig Sekunden nichts, was sie zum Lachen bringt, sagen sie vielleicht halblaut „Na ja, der war früher auch schon mal besser“ und warten noch ein bis zwei Minuten ab, ehe sie sich wieder ihren Nachbarn zuwenden.
Wenn aber kurz vor Programmende ein No-Name wie „Der Mann für alle Fälle“ auf die Bühne tritt, ein junger 20-jähriger Typ, den keiner kennt, mit roten Haaren und einem Tennisschläger in der Hand, der anfängt Boris Becker zu imitieren, werfen sie vielleicht nur einen einzigen kurzen Blick in Richtung Bühne und unterhalten sich direkt weiter.
Rote Haare – das ist übrigens kein Druckfehler! Das ist meine natürliche Haarfarbe, auch wenn ich sie selbst schon länger nicht mehr gesehen habe und sie inzwischen unter meinem regelmäßig nachgefärbten blond wahrscheinlich komplett ergraut ist.
Nach der Session bin ich früher regelmäßig mit Freunden in den Ski-Urlaub gefahren. Freundlicherweise haben die anderen immer extra bis Aschermittwoch auf mich gewartet. 1997 kam die Idee auf, dass wir uns vor dem Trip doch alle die Haare blond färben könnten. Auf dem Höhepunkt der Boygroup-Mania sind wir deshalb als die „Blondstreet Boys“ aus Köln in Tirol aufgeschlagen. Während die anderen ihre Erblondung hinterher wieder rauswachsen ließen, standen bei mir bald darauf die ersten Fernsehauftritte an. Selbst wenn sich die Zuschauerinnen und Zuschauer meinen Namen nicht gemerkt hatten, erinnerten sich doch viele an „diesen Blonden mit dem Porz-T-Shirt“. Auf einmal hatte ich ein Markenzeichen, das dafür sorgte, dass man sich an mich erinnerte. Und dass sich die Treue zum Blondschopf auch noch anderweitig lohnt, damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet: Ich bin heute ein Anwärter auf die goldene Ehrennadel der deutschen Haarfärbemittel-Industrie für 25 Jahre Marken- und Produkttreue. Neben HP Baxter und Heino natürlich. Wer hätte das damals im Ski-Urlaub gedacht?
Zwischen Jubel und Niederlagen
In meiner erst Session schimmerte mein Haupthaar allerdings noch rötlich und mit meinem Ohrring sowie den Blousons, die ich gern trug, orientierte sich mein Äußeres an dem Duo „Bros“, das mit Hits wie „When will I be famous“ auf sich aufmerksam gemacht hatte. Vielleicht brachte mich unbewusst meine eigene Suche nach Berühmtheit auf die Spur dieses Brüderpaares, musikalisch spricht aus meiner heutigen Sicht wenig für diese Vorliebe. Der scheppernde Plastikpop klingt inzwischen ausgesprochen dünn und entfaltet noch nicht mal mehr Retro-Charme, sondern wirft eher die Frage auf, ob die Kopfhörer vielleicht kaputt sind.
Ruhm wollte sich mit einem solchen Outfit nicht einstellen. Im Gegenteil, ich bin zum Start ein paarmal richtig vor die Wand gelaufen. Und ich hatte zahlreiche Auftritte, nach denen ich gedacht habe: „Verdammt noch mal, warum hat das eigentlich nicht funktioniert?“
Ich musste noch lernen, Reaktionen richtig einzuschätzen und nach und nach erkennen, dass es Konstellationen gibt, die für einen Redner wirklich ungünstig sind. Das Gute war, dass ich gar nicht die Zeit hatte, um mich von einem missglückten Auftritt demoralisieren zu lassen. Meistens wartete kurz darauf schon der nächste. Und da ich schon an anderer Stelle erlebt hatte, dass ich das Publikum mitreißen konnte, reichte mein Selbstbewusstsein aus, um nach einer Niederlage nicht am Boden zu bleiben. Schließlich waren die vielen Hundert Menschen, die mir bei den Vorstellabenden zugejubelt hatten, weder allesamt Freunde noch Verwandte gewesen, das führte ich mir in diesen Augenblicken vor Augen. Ich analysierte nüchtern die Faktoren, die jedes Mal anders waren und zog daraus meine Schlüsse.
Mittlerweile, nach dreißig Jahren im Karneval und sonstigen Festivitäten aller Art, habe ich die möglichen Fallstricke natürlich verinnerlicht. Ich kenne die unter schiedlichsten Auftrittsorte, Zeiten und örtlichen Gegebenheiten und stelle mich auf sie ein.
Nach dreißig Jahren im Karneval habe ich die Fallstricke verinnerlicht.
Ich bin nicht verwöhnt
Wie selbstverständlich auch widrige Auftrittsumstände für mich sind, wurde mir zum ersten Mal wirklich bewusst, als mich mein Kollege Eckart von Hirschhausen mal einen Abend lang begleitete. Im Jahr 2000 absolvierten wir in Köln gemeinsam mit vielen anderen Kollegen die Sommerakademie der von RTL initiierten Köln-Comedy-Schule. Ein zehntägiges Comedyseminar, das sich explizit an Menschen mit viel Bühnenerfahrung richtete. Wir haben uns damals mit Impro-Comedy aufs Glatteis begeben und hatten ein Showcase vor Fernsehleuten. Darunter befanden sich sogar mehrere Unterhaltungschefs großer Fernsehsender, bei denen keiner von uns das gemacht hat, was er aus dem Effeff kann. Alle mussten wirklich komplett unvorbereitet improvisieren.
Diese Tage waren spannend, anstrengend und sehr lehrreich. Für Eckart brachte aber auch das Freizeitprogramm eine ganze besondere Erfahrung mit sich, nämlich den Eintritt in eine neue Welt. Es war der Samstag, wir hatten unsere Stunden absolviert, Sonntag war Seminarpause und Eckart hatte sich entschieden, in Köln zu bleiben. Als ich ihm erzählte, dass ich abends noch drei Auftritte hatte, wollte er mich gerne dahin begleiten.
Wir fuhren also zu einem Festzelt irgendwo im Westerwald. Als wir dort ankamen, war Eckart entsetzt: „Wie? Hier ist doch totales Chaos im Zelt, es ist ganz schlecht beleuchtet und die Tonanlage ist auch nicht besonders. Gehst du hier jetzt ernsthaft auf die Bühne?“
Natürlich ging ich auf die Bühne, das ist schließlich mein Job. Ich absolvierte meine 25 Minuten Programm und es lief richtig gut. Was sollte mir auch passieren? Für alle Fälle hatte ich ja einen Arzt dabei.
Die nächste Station war ein bisschen weniger chaotisch oder wirkte zumindest so, weil wir uns nun in einem Saal befanden und nicht mehr im wackeligen Zelt. Aber auch hier verharrte niemand in ehrfürchtigem Schweigen, weil er den großen Cantz seit Stunden so sehnsüchtig erwartet hatte, um dann mit dem Erscheinen des Maestros endlich erlöst zu werden. Ein Auftritt im Rahmen eines Sommerfestes oder einer Vereinsfeier ist kein Soloprogramm, bei dem Fans Tickets speziell wegen einer Person kaufen.
Die Haltung ist in etwa so, wie sie die Band Nirvana in ihrem Klassiker „Smells like Teen Spirit“ beschreibt: „Here we are now, entertain us!“
Eckart jedenfalls war inzwischen so fasziniert davon, dass er selbst auch ein bisschen in diese Welt eintauchen wollte. So kam es, dass er beim dritten Auftritt mit auf die Bühne kam und Zaubertricks vorführte.
An diesem Abend wurde mir jedenfalls klar, dass ich, was Ansprüche betrifft, um einen Saal zu unterhalten, wirklich überhaupt nicht verwöhnt bin. Und schon bald musste ich feststellen, auch nicht von der Kritik. So schrieb die BILD-Zeitung über meine zweite Session: „,Mann für alle Fälle‘: schade, Guido Cantz, Chance vertan. Der Mann für alle Fälle öffnet eine bunte Wundertüte, ein bisschen Politik, ein Trabi-Witzchen, ein paar Schweinigeleien, alles lieb und nett, aber irgendwie fehlt der Brüller. Noch ein weiter Weg zur Spitze.“4
Mit zwei von fünf möglichen Narrenkappen wurde meine Leistung dann auch entsprechend benotet. Diese Kritik hing tatsächlich sehr lang an meinem Bildschirm, ich kann gar nicht genau beantworten, warum. War es gelebter Masochismus oder sollte sie mich motivieren? Jedenfalls war dieses vergilbte Stück lange Zeit ein treuer Begleiter in so mancher Stunde vor dem Computer, während ich an neuen Programmen feilte.
Rückschlag als Motivationshilfe
Die folgende Session begann mit einer krachenden Niederlage. Im Kolpinghaus in Köln-Ehrenfeld veranstaltete mein Stammtisch Kölner Karnevalisten einen internen Redner-Vorentscheid, um die Teilnehmer des nahenden Vorstellabends zu ermitteln. Es gab wie immer mehr Bewerber als Auftrittsmöglichkeiten, deshalb musste eine Jury entscheiden, wer die begehrten Plätze bekam. Ich gehörte nicht dazu, man sagte mir: „Dieses Mal hat es leider nicht gereicht, du hast zu wenig Neues im Programm!“
Das war eine schallende Ohrfeige, die mich kalt erwischte. Ich fragte mich, wie das denn überhaupt ging, ein neues Programm aus dem Boden zu stampfen. Vieles von dem, was ich zu diesem Zeitpunkt auf die Bühne brachte, hatte sich schließlich über Jahre entwickelt.
Für mich war dieser Rückschlag ein Ansporn, beim nächsten Mal auf jeden Fall wieder dabei zu sein. Manchmal brauche ich einen Tritt in den Hintern, der dann ungeahnte Kräfte freisetzt.
Ich glaube, in solchen Momenten hilft mir meine Erfahrung vom Fußballplatz. Mit meinen Mannschaften bin ich insgesamt dreimal auf- und dreimal abgestiegen. Ich war also schon vertraut mit Erfolgen wie Negativserien und wusste, dass es mich niemals weiterbringen würde, das Schicksal zu beklagen. Das Schlüsselwort lautete vielmehr: Training. Ich musste also außerhalb des Karnevals trainieren. So einfach und gleichzeitig schwierig war das.
Ich fing folglich an, Material zu sammeln, Ideen aufzuschreiben, Witze zu notieren und traf mich dann auch zweimal mit einem erfolgreichen Karnevalsredner, um mir von ihm Tipps und weiteren Input abzuholen. Letzten Endes bestätigte er mich nur in dem, was ich jetzt ohnehin schon tat: Ich hielt die Augen offen und scannte meine Umgebung nach Gag-Potenzial.
Pointen konnten überall lauern: in Schlagzeilen, Werbespots, Fernsehsendungen, Alltagssituationen, Gesprächsfetzen, die man im Bus aufschnappte. Man musste sie nur zuspitzen und dann überprüfen, ob die Pointen auch wirklich gut waren. Dabei half mir, dass ich nun so gut wie jedes Wochenende bei unterschiedlichsten Gelegenheiten vor Publikum aufgetreten bin. Mein heutiger Geschäftspartner und Kompagnon Horst betrieb damals eine Agentur namens „Glückwunsch Office“, die unterschiedliche Gratulationen für Geburtstage, Firmenjubiläen, Silberne Hochzeiten etc. anbot. Er selbst war als glücksbringender Schornsteinfeger im Einsatz, ich war als Stimmenimitator für die Gratulationen durch einen Prominenten zuständig.
Auftreten, auftreten, auftreten
Für 390 D-Mark ließ ich Boris Becker, Helmut Kohl oder Otto auf die Geburtstagskinder los. 140 D-Mark bekam die Agentur, den Rest ich. Die Show dauert ungefähr zwanzig Minuten und der Preis war auch für Privatleute erschwinglich, die sich mal etwas Besonderes für einen speziellen Anlass gönnen wollten. Das Angebot wurde entsprechend gut angenommen.
Mir gaben diese Auftritte Gelegenheit, neue Ideen und Gags zu testen und die besten davon auf meine Liste für den kommenden Karneval aufzunehmen.
Ich spielte wirklich überall: in Vereinsheimen, in Kneipen, auf Tennisplätzen, Kegelbahnen, bei Privatleuten im Garten. Der Rahmen war so unterschiedlich wie die Anzahl der zu bespaßenden Personen. Einmal allerdings kam mir die Kulisse besonders kümmerlich vor.
Ich hatte kurzfristig einen Auftritt in der Eifel reinbekommen, irgendwo im Nirgendwo. Ich war dahin zeitig aufgebrochen, um vor Ort nicht in Hektik zu geraten. Trotzdem stürzte mir schon, als ich das Auto parkte, eine Frau ganz aufgeregt entgegen und fuhr mich vorwurfsvoll an: „Ja, da sind Sie ja endlich! Wo bleiben Sie denn die ganze Zeit?“
Ich war verdattert und überzeugt, deutlich zu früh da zu sein. „Nein, Sie sind zu spät, die Gäste sind alle weg, aber jetzt kommen Sie erst mal rein!“ Ich betrat einen Raum, in dem sich außer mir nur noch die besagte Dame, ihr Sohn und ihr Mann befanden. Der Ehemann kam mir seltsamerweise bekannt vor, aber er bestritt es vehement, mich zu kennen, und forderte mich auf, endlich anzufangen. Ich schlug vor, das Ganze auch lassen zu können, wenn die Gäste ohnehin schon gegangen waren. Seltsamerweise bestand er aber auf meinen Auftritt.
Ich spielte also vor nur drei Zuschauern, die von Anfang an nicht wirkten, als seien sei bei der Sache, was letztlich weder angenehm noch weiter schlimm war. Plötzlich begannen sie allerdings, wild miteinander zu streiten. Die Frau blaffte ihren Mann an: „Trink nicht so viel!“ Der protestierte: „Kümmere dich lieber um deinen eigenen Kram, wenn du nicht so eine furchtbare Spaßbremse wärst, wären die Gäste noch da!“ Nach einer Weile schaltete sich der Sohn ein, der sich nach eigenen Angaben schon immer andere Eltern gewünscht hatte. Die nächste Eskalationsstufe zu einem noch lauteren Familienzwist schien unmittelbar bevorzustehen …
Trotzdem habe ich es irgendwie geschafft, die Lage zu beruhigen, indem ich mein Programm einfach durchzog. Als ich fertig war, gaben sich die streitlustigen Herrschaften als Darsteller der ZDF-Sendung „Chiffre“ zu erkennen. In diesem Format spürte die Moderatorin Geschichten hinter Kleinanzeigen nach und hatte es in dieser Folge auf Leute abgesehen, die man buchen konnte, um andere zu belustigen. Neben mir hatte man für die besagte Ausgabe noch einen Zauberkünstler, eine Bauchtänzerin und andere Kollegen in die Kamerafalle gelockt.
Hinter einem roten Vorhang entdeckte ich dann auch die für heutige Verhältnisse gar nicht mal so gut getarnte Linse. Wer hätte das gedacht! Mein erster Kontakt mit der versteckten Kamera. Nur heutzutage hätten wir mit zwanzig fast unsichtbaren Mini-Kameras jeden Winkel dieses Raums filmen können. Und plötzlich war mir auch klar, woher ich den Vater-Darsteller kannte. Ich hatte ihn tatsächlich schon mal in einem Film im WDR-Verbrauchermagazin „Markt“ gesehen. Das bestätigte er mir jetzt.
Im Nachhinein war ich selbst erstaunt über mich, dass ich so unbeirrt weitergemacht hatte, obwohl diese Familie gerade komplett aus dem Ruder lief, bis an die Grenze der Peinlichkeit und darüber hinaus. Wahrscheinlich erschien mir diese ganze Situation so absurd, dass mein System einfach auf Autopilot umgeschaltet hat.

All die vielen unterschiedlichen Auftritte haben sich in jedem Fall auf mein Routinekonto eingezahlt. Eine harte Schule, die ich nicht missen möchte. Jede einzelne Buchung war ein Sprung ins kalte Wasser. Ich wusste vorher weder, ob es vor Ort ein Mikrofon geben würde (Ich mach’s auch ohne Mikro), geschweige denn eine Bühne. Ich musste deshalb zwangsläufig lernen, mich in jeder Situation bemerkbar zu machen und ein sehr unterschiedliches Publikum bei der Stange zu halten.
Zu den Auftritten, an denen ich nur wachsen konnte, zählten die sogenannten Sparauszahlungen in Kölner Kneipen. Eine Tradition, die man vor allem im Rheinland und im Ruhrgebiet kennt. Die Stammgäste zahlen einmal in der Woche, meistens am Freitag, etwa zehn Euro ein, damals natürlich noch zehn D-Mark, jeder hat ein Sparkästchen mit eigener Nummer. Das Geld wird auf einem Konto deponiert und genau Buch darüber geführt, wie viel jeder Einzelne angespart hat. Gegen Ende des Jahres, im November oder Dezember findet dann die Sparauszahlung statt. Von der Gesamtsumme wird ein gewisser Prozentsatz für die Party abgezweigt. Man gönnt sich ein kleines Buffet, einen DJ oder Alleinunterhalter und manchmal eben auch einen Komiker. An dieser Stelle kam ich dann häufig zum Einsatz.
In meiner Kindheit gab es noch den Weltspartag, ein Ereignis, dem wir damals tagelang entgegenfieberten. Wir stolzen kleinen Besitzer eines Sparbuchs fanden uns an diesem Tag in unserer Stammfiliale ein und bekamen Malbücher, Buntstifte, Luftballons oder – ganz uneigennützig von der jeweiligen Bank – ein neues Sparschwein geschenkt. Unausgesprochen stand dann nämlich sofort im Raum: „Wenn du hier nächstes Jahr auch wieder was bekommen willst, musst du es schön fleißig füttern.“ Erst mal überwog jedoch die Freude über die Präsente.
Sparauszahlungen sind sozusagen die Erwachsenenvariante des Events aus unserer Jugend. Sie finden allerdings abends statt und anstelle von Buntstiften steht Bier im Vordergrund. Es gibt leichtere Aufgaben als an einem Freitagabend um 23:45 Uhr in einer Kneipe in Köln-Ehrenfeld zu stehen und Menschen, denen nicht ausschließlich die Freude über ihr plötzlich dickeres Portemonnaie die Zunge schwerer werden ließ, zwanzig Minuten lang mit Scherzen und Parodien zu unterhalten. Wenn ich Glück hatte, gab es einen DJ oder Sänger mit Keyboard, dessen Mikrofon ich mitbenutzen konnte, darauf verlassen konnte man sich allerdings nicht.
Einmal war dummerweise das Mikrofonkabel so kurz, dass ich nur hinter der Theke auftreten konnte. Bei meiner Körpergröße kam ich mir vor wie ein Hobbit, der bei Aldi in Mittelerde versucht, über das Kassenband zu gucken.
Wenn es mir aber tatsächlich gelang, vor dem Tresen volle Aufmerksamkeit und laute Lacher zu generieren, dann erfüllte mich das damals mit einer Befriedigung, die womöglich nicht wesentlich kleiner ausfiel als die, die heute mein Kollege Mario Barth bei seinen Stadionweltrekorden empfindet.
Häufiger übernahm ich nun auch Moderationsjobs, die für mich sehr lehrreich waren, zum Beispiel Rheinische Abende bei Schützenvereinen oder eine Feier der IG Bergbau Chemie im Ruhrgebiet. Zwischen meinen einzelnen Parts nutzte ich stets die Gelegenheit, mir die auftretenden Künstler genau anzusehen.
Wie interagierten sie mit dem Publikum? Wo setzten sie beim Sprechen Pausen? Welchen todsicheren Gag brachten sie wahrscheinlich immer? Hinter den Kulissen nutzte ich dann auch die Chance, ihnen Fragen zu stellen. So gaben mir zwei Schotten, die damals viel in Deutschland auftraten, die „Ward Brothers“, beispielsweise Tipps, wie ich beim Servieren meiner Pointen mein Timing verbessern konnte. So entwickelte ich immer mehr Routine darin, vor ganz unterschiedlichen Zielgruppen zu stehen und sie bestmöglich zu unterhalten.

Meine Enttäuschung darüber, dass ich 1993 nicht zum Vorstellabend eingeladen wurde, trieb mich dazu an, mich weiterzuentwickeln. Und das durchaus mit Erfolg, wie ich dem Presse-Echo zu meinen Karnevalsauftritten ein Jahr später entnehmen kann. In Berichten über die ersten Veranstaltungen, durfte ich mir Passagen anstreichen, in denen es hieß: „Wie man es besser macht, bewiesen in der Abteilung Nachwuchs – Guido Cantz als Mann für alle Fälle.“
In einer anderen Zeitung las ich: „Wieder in Form zeigte sich der ‚Mann für alle Fälle‘ Guido Cantz. Er nahm besonders die Unterhaltungssendungen aufs Korn in bester Form …“ Was auch immer das heißt.
Ich habe diese Ausschnitte nicht umsonst aufgehoben, denn der Stammtisch Kölner Karnevalisten hatte mein Programm nur mit „durchschnittlich“ bewertet – auf der Skala von „überragend“ und „stark“ bis „schwach“ die zweitschlechteste Note.
Ein Jahr später erhielt ich dann meine bis dahin beste Bewertung: 5 von 5 Narrenkappen in der BILD-Zeitung. „Guido Cantz, der Mann für alle Fälle kriegt doch noch die Kurve. Sicher, die Themen kennt man schon, FC, Mallorca, Berti Vogts, aber er trampelt auf deinem Zwerchfell herum. Du kannst dich gegen ihn nicht wehren. Der Durchbruch.“5
Als Nachwuchskünstler galt ich selbstverständlich immer noch. Das lag vermutlich daran, dass ich mit Anfang zwanzig unter den Rednern auf den großen Bühnen altersmäßig deutlich herausstach. Der Nächstältere war Bernd Stelter mit Anfang dreißig alle anderen zählten zur Altersgruppe vierzig plus. Unabhängig davon gilt auch heute noch im Kölner Karneval die Faustregel: Zehn Jahre lang der Kategorie „Nachwuchs“ zugerechnet zu werden, ist völlig normal.
Als ich 1991 nach dem Vorstellabend im Sartory so unglaublich gefeiert wurde und mir gefühlt jeder auf die Schulter klopfte, blaffte mich plötzlich einer der sehr erfahrenen Bühnenkollegen von der Seite an: „Damit eines mal klar ist, hier in Köln wirst du als Redner erst mit vierzig ernst genommen, das kannst du vergessen!“ Ich war erst mal baff und kurz sprachlos, dann entgegnete ich nur: „So lange kann ich aber nicht warten.“
Man darf sich keinen Illusionen hingeben: Das jecke Entertainment ist auch ein ganz normales Business, in dem manche eben Angst vor potenzieller Konkurrenz haben. Im besagten Fall womöglich auch zu Recht.
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