Kitabı oku: «Organisation C.»
Gunnar Kunz
Organisation C.
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Organisation C.
Prolog
1.
2.
3.
Nachwort
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Impressum neobooks
Organisation C.
Kriminalroman aus der Weimarer Republik
von Gunnar Kunz
Impressum:
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Prolog
Obwohl er es hätte besser wissen sollen, schöpfte Hartmut Gensch keinen Verdacht. Nicht einmal, als sie vom Weg abbogen und sich durch das von dicht stehenden Bäumen verdunkelte Unterholz schlugen, wurde er misstrauisch, sondern glaubte an eine Abkürzung.
Lag es am Alkohol? Einer Einladung zum Trinken hatte er noch nie widerstehen können, erst recht nicht, seit er von der Hand in den Mund lebte. Trotzdem, als Erklärung genügte es nicht. Er hatte viel gebechert, sicher, aber er vertrug auch einiges, und sein Schritt war immer noch fest. Hätte ihm die Gefahr, in der er schwebte, nicht klar sein müssen? Hätte er nicht zumindest mit irgendeiner Feindseligkeit rechnen sollen?
Falls ihm ein solcher Gedanke je gekommen war, so war er im Laufe des Abends wieder geschwunden. Alkohol machte ihn gefühlsduselig. Gefühlsduselig und vertrauensselig. Wer einen zum Bier einlud, konnte einem doch nichts Böses wollen, oder?
Von Ferne rief ein Käuzchen.
Hartmut Gensch lachte leise über eine Erinnerung, die ihm im selben Augenblick schon wieder entglitt, und fing an, vor sich hinzusummen. Eine alte Soldatenweise über ein Mädchen, das daheim auf seinen Liebsten wartet.
Er bekam nicht mit, wie sich die Schritte neben ihm plötzlich veränderten, erst langsamer wurden und über Laub scharrten, als ob sich jemand nach allen Seiten umsieht und vergewissert, dass sie allein waren, dann ihm nachsetzten, fest, eilig, entschlossen.
Der kalte Lauf einer Pistole drückte sich in seinen Hinterkopf und machte ihn schlagartig nüchtern. Aber da zerriss auch schon eine Explosion die Nacht, übertönte Blätterrascheln, Schritte und Käuzchen, ließ einen Blitzschlag durch sein Gehirn zucken und setzte seinem Leben ein Ende.
1.
Samstag, 6. Mai – Sonntag, 4. Juni 1922
Marschieren ist die deutscheste aller Gangarten.
Kurt Tucholsky zugeschrieben
1
Die Aussicht war atemberaubend. Hendrik Lilienthal lehnte sich auf die Brüstung aus glasierten Ziegeln und ließ seinen Blick über die nahe Havel und die Pfaueninsel schweifen. Das Wetter an diesem Mainachmittag war kühl, aber der Himmel überwiegend klar. Wenn er die Augen zusammenkniff, konnte er sogar die Türme von Potsdam erkennen.
Er drehte sich zu seinem Bruder um. Gregor stand am nördlichen Ende des Kaiser-Wilhelm-Turms und ließ sich von einer begeisterten Diana das Häusermeer von Berlin, den Dom und die Kuppel des Reichstagsgebäudes zeigen, als sähe er das alles zum ersten Mal. Hendrik war froh, dass er ihn überredet hatte, Berlins Unterwelt für ein paar Stunden sich selbst zu überlassen und sich wenigstens den Samstagnachmittag frei zu nehmen.
In der »Roten Villa«, dem Polizeipräsidium am Alexanderplatz, ging es derzeit drunter und drüber. Anscheinend hatten sich sämtliche Verbrecher Berlins verschworen, den Polizeibeamten das Leben schwer zu machen. Zum einen waren da die überhand nehmenden Hoteldiebstähle und die bewaffneten Banden, die bei Nacht Leitungsmasten erstiegen und die wertvollen Kupfer- und Bronzedrähte der Telefonleitungen stahlen. Zum anderen gab es mehr Morde als früher, nach Gregors Ansicht eine Folge der Verrohung durch den Großen Krieg. Ein Menschenleben zählte heutzutage nichts mehr. Und als wäre das nicht genug, mussten auch noch die Wettbetrüge von Max Klante aufgearbeitet und der Prozess gegen Carl Großmann, der seine Haushälterinnen vergewaltigt und ermordet hatte, vorbereitet werden. Von der Zuarbeit für das geplante Reichskriminalgesetz ganz zu schweigen. Ja, Gregor hatte sich einen freien Nachmittag mehr als verdient! Wenn er so weitermachte, würde er eines Tages noch zusammenklappen.
Diana war eine gute Ablenkung von seinen Sorgen. Die Eindrücke des Ausflugs sprudelten nur so aus ihr heraus und führten seinen Blick bald hierhin, bald dorthin. Gutmütig ließ Gregor alles über sich ergehen. Auch wenn er nie so recht wusste, wie er sich ihr gegenüber verhalten sollte, weil er einfach nicht glauben mochte, dass sie und Hendrik lediglich gute Freunde waren, auch wenn er immer noch darauf bestand, sie zu siezen, es war doch unverkennbar, dass er sich in ihrer Gesellschaft wohl fühlte.
Hendrik schmunzelte, als er die beiden ungleichen Gestalten da stehen sah. Sein Bruder wirkte wie ein Ministerialerlass, von Kopf bis Fuß korrekt. Diana dagegen sah aus wie ein Küken, das in einen Topf voll Farbe gefallen war. Im letzten Jahr hatte sie sich das Haar, der Mode entsprechend, zu einem Bubikopf schneiden lassen, dazu trug sie eine blassgelbe Bluse aus billiger Kunstseide, einen grasgrünen Rock und knallrote Schuhe. Was die Zusammenstellung ihrer Garderobe betraf, war bei ihr einfach Hopfen und Malz verloren. Hin und wieder versuchte Hendrik ihr klarzumachen, dass ein Herrensakko sich nicht mit einem üppigen Pailettenkleid vertrug oder die schlanke Modelinie eines Hemdrockes nicht zu Fledermausärmeln passte, aber es war vergebliche Liebesmüh. Sie zog an, was ihr gerade gefiel, und scherte sich nicht um die Wirkung. Eine von vielen Eigenschaften, die ihn für sie einnahmen.
Gregor fing seinen Blick auf. »Gehen wir?«
Hendrik nickte. Diana hakte sich bei ihm ein und erklärte ihm, was sie über gotischen Baustil, den Grunewaldsee und das Nistverhalten von Buchfinken wusste, und das alles derart übergangslos, dass man unweigerlich den Eindruck bekam, das eine sei die direkte Folge des anderen.
Während sie die eisernen Stufen des Turms hinabstiegen, spürte Hendrik, wie es in seinem Bauch rumorte. Die fettige Grützwurst vom Frühstück lag ihm schwer im Magen. Ein begüterter Studienkollege hatte ihn eingeladen, um über alte Zeiten zu plaudern, und angesichts der Tatsache, dass es Monate her war, seit er das letzte Mal ein Glas Wein oder ein anständiges Stück Fleisch genossen hatte, hatte er der Einladung einfach nicht widerstehen können.
Auch dreieinhalb Jahre nach dem Krieg war die Ernährungssituation in Deutschland alles andere als rosig. Das lag an den Folgen des Friedensvertrages mit seinen Gebietsabtretungen und Reparationslasten, aber auch an der fortschreitenden Geldentwertung. Vor dem Krieg kostete ein Whiskysoda in einem Café eine Mark achtzig oder höchstens zwei Mark fünfzig. Heute waren es fünfunddreißig bis sechzig Mark. Und für ein Pfund Schweineschinken musste man zweiundvierzig Mark auf den Tisch legen. Wegen der Dürre im vergangenen Sommer gab es nicht genug Winterfutter für die Milchkühe, sodass die Bauern ihre Tierbestände reduzierten, was Probleme bei der Milchversorgung zur Folge hatte. Vor dem Zentralviehhof, wo an bestimmten Tagen verbilligtes Fleisch angeboten wurde, gab es regelmäßig Warteschlangen. Skorbut war in Großstädten keine Seltenheit. Die Wenigsten konnten sich satt essen. Aber man durfte nicht klagen; anderswo sah es noch schlimmer aus. In Russland, zum Beispiel.
»Ist euer Schriftgelehrter wieder krank?«, fragte Hendrik seinen Bruder, als sie unten angelangt waren.
»Ja. Woher …?«
Hendrik deutete auf Gregors Zeigefinger, auf dem sich der Überrest eines Tintenflecks abzeichnete. »Ich weiß doch, wie ungern du Schreibarbeiten erledigst. Wenn du es trotzdem tust, muss schon ein besonderer Grund vorliegen.«
»Der Kerl ist notorisch unzuverlässig und ständig krank.«
»Vielleicht solltet ihr ihn nicht so von oben herab behandeln.«
»Bedauere ihn auch noch! Wir machen die Drecksarbeit, und er lässt sich’s gutgehen. Die letzten Tage bin ich zu gar nichts gekommen.«
»Na, immerhin haben Sie es geschafft, Ihr Fahrrad zu reparieren«, meinte Diana.
Gregor drehte sich zu ihr herum und musterte sie stirnrunzelnd.
»Die Kettenschmiere an Ihrer Hose!«
»Verflixt!« Er bückte sich und versuchte, den Fleck zu entfernen, aber alles, was er erreichte, war, dass sich der Ölfilm verteilte.
Als er sich wieder aufrichtete, hatten sich seine Augenbrauen dichter zusammengezogen. »Ihr könnt es nicht lassen, mit euren deduktiven Fähigkeiten zu prahlen, was? Tintenflecke. Kettenschmiere. Was kommt als nächstes? Verdächtige Fasern auf meiner Jacke? Eine Analyse meiner Nasenhaare?«
»Wie wär’s mit einer Beschreibung dessen, was du da im Picknickkorb trägst?«, meinte Hendrik unschuldig.
»O ja«, fiel Diana ihm ins Wort, »zum Beispiel die leckeren Kirschkuchen.«
»Oder die Brezeln.«
»Nicht zu vergessen die hart gekochten Eier.«
Gregor machte den Mund auf, schloss ihn aber wieder, ohne etwas entgegnet zu haben.
»Na komm, das war nun wirklich nicht schwer«, sagte Hendrik. »Man erkennt es deutlich an der Art, wie sich das Tuch über dem Korb ausbeult.«
Gregor starrte den Picknickkorb in seiner Hand an, und für eine Sekunde war er bereit, Hendriks Erklärung für bare Münze zu nehmen. Dann riss er den Kopf herum und sah seinen Bruder so strafend an, dass Hendrik und Diana nicht anders konnten, als in Lachen auszubrechen.
»Du hast es geglaubt«, japste Hendrik. »Gib’s zu: Einen Moment lang hast du es geglaubt.«
»Ihr habt reingeguckt, als ich die Fahrkarten besorgt habe.«
»Hunger macht neugierig«, sagte Diana.
»Die Klugheit eines Menschen lässt sich aus der Sorgfalt ermessen, mit der er das Künftige bedenkt«, dozierte Hendrik. »Georg Christoph Lichtenberg.«
»Klugscheißer!«
»Was ist, essen wir jetzt?«
Sie suchten sich ein Wiesenstück nahe einer Gruppe Kiefern und machten sich über das mitgebrachte Essen her. Hendrik hielt sich dabei zurück, weil sein Magen immer noch kollerte. Er genoss das Picknick auch so. Es war einfach schön, mit Gregor und Diana den Tag zu verbringen. Dieser Ausflug zu dritt, immer wieder aufgeschoben, war seit Langem geplant gewesen. Fast hatte er schon nicht mehr daran geglaubt, dass es dieses Jahr noch klappen würde.
Er lehnte sich an einen Kiefernstamm, rückte seine Brille gerade und beobachtete eine Eidechse, die zwischen zwei Steinen aufgetaucht war und misstrauisch zu ihnen herüberlugte. Wenn er ehrlich war, konnte auch er selbst ein bisschen Erholung vertragen. Seine Studenten interessierten sich nicht mehr für Platon, Kant und Hegel, sondern nur noch für Spengler, Sombart und Krawalle, so kam es ihm jedenfalls vor. Manchmal wollte er am liebsten alles hinwerfen.
Diana dagegen hatte es anscheinend mit ihrer Assistentenstelle bei Professor Planck gut getroffen. Trotz der vielen Arbeit war sie in den vergangenen beiden Jahren aufgeblüht. Er verstand zwar nicht die Bohne, worum es ging – anscheinend versuchten sie irgendwie, mehr über den Aufbau von Atomen herauszufinden –, aber sie sprach mit Leidenschaft über ihre Arbeit, und das war die Hauptsache. Hendrik gönnte es ihr. Sie hatte es verdient.
Wenn die Physik ihr dazu Zeit ließ, arbeitete sie nebenher als Sekretärin. Sie sparte für eine Überfahrt nach London, um ihre Schwester zu besuchen. Für ein behütet aufgewachsenes Mädchen aus der Provinz erwies sie sich als erstaunlich zäh. Nie hörte er, dass sie sich über etwas beklagte.
Auch nach nunmehr zwei Jahren, in denen sie auf freundschaftlicher Basis Leben und Wohnung miteinander teilten, war er ihrer Gesellschaft nicht überdrüssig. Ein Gespräch mit Diana war so anregend, so spritzig, so vergnüglich wie eh und je.
Hendrik nahm einen herabgefallenen Zweig und ritzte eine Karikatur von ihr in den Boden, löschte sie jedoch gleich wieder aus, ehe sie entdecken konnte, was er da tat. Aber sie achtete ohnehin nicht auf ihn, weil sie in eine Diskussion mit Gregor vertieft war.
Vor dem Picknick hatten sie ausgemacht, heute ausnahmsweise einmal nicht über Wucherpreise, Reparationslasten oder die Situation in Oberschlesien zu reden. Stattdessen schimpfte Gregor darüber, dass die Kriminalkommissare mit ihrer Besoldungsgruppe 8 schlechter gestellt waren als die Schutzpolizei. Und jetzt sollten den Beamten auch noch die Straßenbahnfreikarten entzogen werden!
Der Wind frischte auf, dunkle Wolken sammelten sich am Himmel. Da das Picknick mit Stumpf und Stiel vertilgt war, brachen sie auf und wanderten entlang der Moorwässer des Pechsees zum Bahnhof Grunewald, um mit der Bahn nach Hause zurückzufahren.
Kaum hatten sie sich jedoch der Eingangshalle auf ein paar Hundert Schritt genähert, als auch schon ein Schutzmann winkend auf sie zugelaufen kam.
»Herr Kommissar«, japste er, »endlich! Wir brauchen Ihre Hilfe.«
»Wachtmeister Bruck!«, sagte Gregor entgeistert.
»Wir haben eine Leiche entdeckt, nicht weit von hier. Sie müssen sofort mitkommen; hier ist der Teufel los, sage ich Ihnen.«
»Woher wissen Sie, dass ich hier bin?«
»Im Präsidium hieß es, Sie machen einen Ausflug in den Grunewald. Das ganze Revier ist ausgeschwärmt, Sie zu suchen.«
»Ich bin nicht im Dienst. Warum hat man Ihnen nicht Werneburg oder Trettin geschickt?«
»Die sind anderweitig beschäftigt. Sie waren als Einziger verfügbar.«
Gregor murmelte etwas darüber, dass man nicht einmal an seinem freien Tag Ruhe hatte, und drehte sich zu seinen Begleitern um. »Es bleibt mir wohl nichts übrig, als mitzugehen. Tut mir leid, dass unser Ausflug ein vorzeitiges Ende nimmt.«
»Och …«, sagte Hendrik.
»Eigentlich …«, ergänzte Diana.
Unbeteiligt sahen die beiden zu Boden.
»Nein«, erwiderte Gregor, »kommt nicht infrage!«
»Haben wir dir je im Weg gestanden?«
»Oder Ärger gemacht?«
»Komm schon, du weißt, dass auf unsere Verschwiegenheit Verlass ist. Und es kann nützlich sein, eine Sache von einem anderen Blickwinkel aus zu betrachten. Denk an Schopenhauer.«
»An wen?«
»Schopenhauer. Eine gefasste Hypothese gibt uns Luchsaugen für alles sie Bestätigende und macht uns blind für alles ihr Widersprechende.«
»Klugscheißer!« Gregor wandte sich um und folgte dem Schutzmann, erhob aber keinen Einwand, als die beiden ihm folgten.
Hendrik musste sich ein Grinsen verkneifen. Er wäre jede Wette eingegangen, dass sein Bruder in Wahrheit nichts dagegen hatte, dass sie mitkamen. Seit sie ihn vor zwei Jahren bei der Aufklärung des Mordes an Max Unger unterstützt hatten, waren sie stillschweigend zu Hilfskräften mutiert. Nicht, dass er ihnen erlaubte, sich in seine Arbeit einzumischen. Aber die Kriminalpolizei war notorisch unterbesetzt, und so half Hendrik gelegentlich als Schreiber aus oder zeichnete Tatortskizzen. Und wenn Gregor einmal feststeckte, besprach er sich gern mit ihnen beiden. Vielleicht war es auch nur ein Vorwand, um Diana zu sehen.
»Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf: Die Leiche ist in keinem guten Zustand. Muss monatelang da gelegen haben«, sagte Wachtmeister Bruck mit Blick auf Diana.
Gregor zuckte die Achseln und schwieg dazu.
Der Schutzmann führte sie etliche Minuten lang in den Grunewald zurück. Schließlich bog er vom Weg ab und drang in das Unterholz ein. Fingerkraut und Sauerklee blühten hier, es roch übel nach Ruprechtskraut.
Zwischen zwei Ginsterbüschen blieb Gregor stehen und sah sich aufmerksam um, nicht, als ob er etwas Bestimmtes zu finden hoffte, mehr, als wollte er die Atmosphäre des Ortes in sich aufsaugen. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich jemand die Mühe macht, eine Leiche so weit durch unwegsames Gelände zu schleppen«, sagte er nachdenklich. Auch als er sich wieder in Bewegung setzte, blieb seine Stirn gefurcht. »Wer immer hier ermordet wurde, muss auf eigenen Füßen hergekommen sein.«
Schon von Weitem konnte man die Stätte des Verbrechens erahnen, weil sich trotz der versteckten Lage bereits ein Dutzend Neugieriger eingefunden hatte. Ein Schutzmann bewachte den Tatort und hielt die Leute in angemessener Entfernung. Edgar Ahrens, Gregors Assistent, war ebenfalls vor Ort und untersuchte den Waldboden.
»Da hinten steht der Herr, der die Leiche entdeckt hat«, erklärte Wachtmeister Bruck. »Besser gesagt, sein Hund war es.«
»Ich rede gleich mit ihm.« Gregor nickte Edgar und dem zweiten Schutzmann zu und schüttelte Simon Weinstein, einem Beamten der Spurensicherung, die Hand. »Gut, dass ihr da seid.«
»Schon seit einer Stunde. Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, dass ich deinen Ausflug ausgeplaudert habe. Aber nach allem, was ich hörte, als die Meldung reinkam, wirst du hier dringend gebraucht.« Er gab Diana einen altmodischen Handkuss. »Fräulein Escher, welche Freude, Sie zu sehen! Professor Lilienthal! Dr. Pauly ist da hinten.«
Er deutete auf einen Mann, der sich über ein ausgehobenes Loch im Boden beugte und mit seinem Backenbart und seinem Körperumfang einem Walross nicht unähnlich sah. Jeden Augenblick erwartete man, ihn untertauchen und prustend an einer anderen Stelle wieder an die Oberfläche kommen zu sehen.
Der Gerichtsmediziner wurde auf sie aufmerksam und winkte ihnen zu. »Guten Tag, Gregor. Ach, Fräulein Escher und der Herr Professor sind ja auch da! Kommen Sie nur; ein überaus lehrreicher Fund, ja wirklich, überaus lehrreich.«
Gregor ging zu ihm hinüber, gefolgt von Hendrik und Diana, die beide eine wichtige Miene aufsetzten, als gehörten sie dazu.
Ein halb verwester Körper erwartete sie, grün und grau verfärbt, mit deutlichen Fäulnisspuren. An einigen Stellen hatte sich Schimmel auf der Haut gebildet. Die Überreste von Hemd und Uniformhose waren zerfressen, die Gliedmaßen eingetrocknet und geschrumpft. Auch von Nase und Augen war nicht viel übrig geblieben; Insektengänge zogen sich kreuz und quer durch das Gesicht, Käferlarven verstopften die Körperöffnungen.
Hätte ich bloß nicht die fette Grützwurst gegessen, konnte Hendrik gerade noch denken, ehe er ins nächstgelegene Gebüsch stürzte und sich übergab.
Als er zurückkam, blinzelte Gregor, was, wie Hendrik wusste, seine Version eines Grinsens war. Hendrik achtete auf gebührenden Abstand zwischen sich und der Leiche und vermied jeden Blick auf den Toten. Diana dagegen ging sogar näher heran, um die Einzelheiten in Augenschein zu nehmen. Wie hielt sie das bloß aus?
Simon Weinstein machte sich an der Leiche zu schaffen und schaltete einen batteriebetriebenen Haartrockner ein, den er so umgebaut hatte, dass er damit mikroskopisch kleine Teile von Kleidung und Haut des Toten sammeln konnte. An der Stelle, wo die Luft angesaugt wurde, war ein Trichter angebracht, und dort, wo die Luft wieder austrat, befand sich ein Baumwollsäckchen, das sämtliche Fasern und Partikel auffing.
Auch Dr. Pauly beugte sich wieder über den Leichnam.
»Kannst du mir schon etwas über den Toten sagen, Oliver?«, fragte ihn Gregor. »Es ist doch ein Mann, oder?«
»Ja. Er liegt hier seit mindestens einem halben Jahr, vielleicht länger. Wurde vermutlich gleich nach Eintritt des Todes vergraben. Ich hab‘ den Körper noch nicht im Detail untersucht, aber ich würde mich sehr wundern, wenn der Tod von etwas anderem verursacht wurde als hiervon.« Er deutete auf ein daumengroßes Loch in der Stirn, das entweder die Eintritts- oder die Austrittsöffnung einer Schusswunde sein musste.
Hendrik ließ sich von Dr. Paulys Worten verleiten, wieder hinzusehen, und bereute es sofort. Er wandte den Kopf zur Seite und bemühte sich, durch gleichmäßiges Atmen seinen Magen zu beruhigen.
Gregor ging in die Hocke, betrachtete sinnend die Ausmaße der Grube. Dann richtete er sich auf und blickte in jene Richtung, in der der Bahnhof Grunewald liegen musste. Seiner Miene war nicht zu entnehmen, was ihm durch den Kopf ging. »Was meintest du eben mit lehrreich?«, fragte er stattdessen.
»Siehst du das hier?« Dr. Pauly deutete auf die ledrig braun aussehende linke Hand des Toten. »Mumifizierung. Geschieht normalerweise durch schnellen Wasserentzug an trockener Luft. Die Hand hat höher gelegen als der Rest des Körpers, das Blut ist in tiefere Regionen geflossen. Möglicherweise ist auch Dauerfrost dafür verantwortlich. Wenn du dir dagegen den Bauch- und Unterleibsbereich ansiehst – Adipocire. Fettwachs, im Volksmund. Und das gibt’s vor allem bei Feuchtigkeit und Sauerstoffmangel. Beides an derselben Leiche, das ist was für meine Studenten.«
Tatsächlich hatte sich das Körperfett des Toten an vielen Stellen in eine schmierige, bröckelige Masse umgewandelt, die grauweiß glänzte, beinahe wie Seife.
Dr. Pauly betastete eine Fäulnisblase am linken Unterbauch. Es knirschte, als würde jemand einen Schneeball formen.
Hendrik stürzte wieder ins Gebüsch.
2
Diana bemühte sich, flach zu atmen und sich auf das Geschehen auf dem Seziertisch zu konzentrieren. Sie und ihr vorlautes Mundwerk! Hendrik hatte wohlweislich darauf verzichtet, der Leichenöffnung beizuwohnen, aber sie musste ja unbedingt die Abgeklärte spielen. Vorhin im Wald hatte sie nicht mal mit der Wimper gezuckt. Da war es ihr gelungen, den Toten nicht als Menschen zu sehen, sondern als wissenschaftliche Herausforderung. Hier jedoch …
Diana zwang sich, die von Stoffresten befreite und von den Ohren bis zum Nabel y-förmig aufgeschnittene Leiche anzusehen. Die Hautlappen waren auseinandergefaltet, sodass das Innere des Rumpfes frei lag, die Kopfhaut war abgezogen und die Schädeldecke geöffnet. Dr. Pauly beschäftigte sich mit dem Gehirn, während sein Assistent dem Leichnam Organe entnahm, diese abspülte und zum Wiegen in eine Schale legte. Ein Protokollant notierte die Kommentare des Gerichtsmediziners.
Weil sie spürte, dass Gregor sie beobachtete, setzte Diana ein gleichmütiges Gesicht auf. Sie würde nicht vor seinen Augen schlapp machen. Sie würde nicht schwach werden.
Es war nicht einmal der Anblick des aufgeschnittenen Körpers, der ihr zu schaffen machte. Es waren die schmatzenden Geräusche, wenn Dr. Pauly mit entblößten Armen in den Torso hineingriff und Organe beiseite schob oder ihnen Flüssigkeitsproben entnahm. Und vor allem der Gestank. An der frischen Luft war er erträglich gewesen, hier dagegen, im Sektionssaal der Charité, trafen sie die geballten Verwesungsdünste.
»Stört Sie der Geruch?«, fragte Dr. Pauly, während er mit einer Hakenpinzette in den Innereien herumstocherte. »Das sind nur Ammoniak und Tyramin. Ptomaine, wissen Sie, Eiweißabbau bei Fäulnis.«
Sie machte ein zustimmendes Geräusch, als würde seine Erklärung etwas ändern, und versuchte, durch den Mund zu atmen.
Gregor war wohl zu der Überzeugung gelangt, dass sie den Innereien des Toten nicht ihren eigenen Mageninhalt hinzufügen würde, denn seine Aufmerksamkeit wandte sich den Erklärungen des Gerichtsmediziners zu.
»Die Todesursache ist eindeutig«, sagte der gerade und deutete auf eine Schale, in der eine von Blut und Gewebeteilen befreite Kugel lag, abgeplattet und verformt. »Es wurde dreimal auf ihn geschossen. Die erste Kugel, die tödliche, drang am rechten Hinterkopf ein, wurde nach schräg oben in das Gehirn getrieben und trat durch die Stirn aus.«
Zur Demonstration setzte er die Schädeldecke auf, schob einen dünnen Stab in den Schusskanal und stieß ein paarmal hindurch. »Es handelt sich um einen aufgesetzten Schuss; mit ein wenig Mühe kann man noch die Einschussöffnung mit der sternförmigen Platzwunde erkennen, außerdem eine Stanzverletzung von der Mündung des Laufs. Pulverschmauch und unverbrannte Pulverkörner sind in den Wundkanal eingedrungen und unter die Haut gelangt. Einige Partikel sind bis in die Lederhautschicht gekommen.«
»Wenn der Mörder sich dem Opfer so weit nähern konnte, dürften die beiden sich gekannt haben.«
»Schlüsse ziehen ist deine Aufgabe, ich beschreibe nur. Wo war ich? Äh, ja. Der zweite Schuss erfolgte ebenfalls aus nächster Nähe und traf ihn, vermutlich im Fallen, hinter dem Ohr. Der dritte Schuss drang aus größerer Entfernung in die rechte Schläfe; eine Art Fangschuss, würde ich sagen, um auf Nummer sicher zu gehen. Obwohl das Opfer zu dem Zeitpunkt bereits tot war.«
»Über die Möglichkeit eines Selbstmordes müssen wir uns jedenfalls keine Gedanken machen.«
»Weiter: Der erste Schuss hat eine ziemliche Verwüstung im Gehirn angerichtet, Arterien zerrissen und dergleichen. Der Hinterhauptslappen ist förmlich explodiert. Eine echte Sauerei.«
Er nahm die Schädeldecke wieder ab und tippte nachdrücklich gegen Knochensplitter und Hirngewebe, als sei seine Erklärung nicht weiß Gott plastisch genug. Diana richtete ihren Blick starr auf die Metallbeine des Seziertisches und wünschte, der Tag möge schnell vorübergehen.
»Ist der Fundort der Leiche zugleich der Tatort?«, wollte Gregor wissen.
»Ich denke schon. Unwahrscheinlich, dass der Tote lange an der Luft gelegen hat, der Art der Verwesung nach zu urteilen. Außerdem hat Simon Patronenhülsen gefunden, und die wird ja niemand durch die Gegend geschleppt haben, um sie dem Mann mit ins Grab zu legen.«
»Also umgebracht und an Ort und Stelle verscharrt.«
»So ist es.«
»Was kannst du mir über den Toten sagen?«
»Männlich, einsneunundsiebzig groß, Rechtshänder. Dunkelbraune Haare. Die Weisheitszähne sind voll ausgebildet, andererseits gibt es keine nennenswerten Alterungserscheinungen wie Abnutzung der Kauflächen, Zurücktreten des Zahnbettes und so weiter, ich würde also sagen: Anfang zwanzig. Genaueres, sobald ich mir das Gebiss im Detail vorgenommen habe. Interessant sind auf jeden Fall die Gebissreparaturen, nicht so sehr die Emailleplomben rechts, aber in der Brücke am linken Oberkiefer besteht die Kappe des hinteren Molaren aus Silber. Ungewöhnlich. Weiter: Keine Tätowierungen oder ähnliche Auffälligkeiten, aber eine alte Schussverletzung an der linken Schulter, möglicherweise aus dem Krieg. Verschiedene geheilte Knochenbrüche und Stichnarben; ein Raufbold, wenn du mich fragst. Und das tust du ja. Die rechte Kniescheibe muss ihm Probleme bereitet haben.«
»Du bist wie immer ein Quell an Informationen«, sagte Gregor, der sich Notizen machte.
»Nicht ich – er.« Dr. Pauly deutete auf die Leiche. »Sie reden alle mit mir, ununterbrochen. Ich bin nur ein guter Zuhörer, das ist alles.«
»Und was sagt er dir über den Zeitpunkt seines Todes?«
»Wenn man die ausgedehnte Fettwachsbildung bedenkt, schätze ich, dass er schon eine Weile da gelegen hat. Die Muskulatur ist bereits in die Fettwachsbildung einbezogen, das geschieht etwa nach fünf, sechs Monaten. Dann die Leichenfauna: Käfer, Regenwürmer, Ameisen, Tausendfüßler, Asseln … Wir untersuchen die Viecher noch, haben einige lebende Exemplare eingefangen, die –«
»Lass die Einzelheiten beiseite«, unterbrach Gregor mit Seitenblick auf Diana. »Wann?«
»Immer dasselbe mit euch Kriminalisten, immer nur Ergebnisse, Ergebnisse. Keinen Sinn für die Kunst der Forschung.«
»Nenn mir einfach eine Zahl.«
»Na ja, also … Acht, neun Monate. Nagele mich nicht auf den Tag fest.«
»Das wäre September letzten Jahres.«
»So in etwa.«
»Dann lasse ich meine Leute die Vermisstenmeldungen von, sagen wir, Juli bis Dezember durchgehen. Was ist mit den Überresten der Kleidung? War nichts in den Taschen, das uns Aufschluss über seine Identität geben könnte?«
»Nichts. Keine Geldbörse, gar nichts.«
»Möglicherweise Raubmord.«
»Wie gesagt: Schlüsse zu ziehen, überlasse ich dir. Aber wenn du dich ein paar Tage geduldest, können wir vielleicht den Zeitpunkt des Todes weiter eingrenzen, je nachdem, was unser Freund hier gegessen hat.« Er machte sich an einer der Organschalen zu schaffen, während sein Assistent den Darm aufschnitt. »Die graugrüne Farbe der Schleimhaut und die Einrisse haben nichts zu bedeuten, das ist bloß die angedaute Magenwand.«
Diana bekam weiche Knie und kämpfte gegen einen säuerlichen Geschmack an.
»Die Einzelheiten lese ich dann in deinem Bericht«, hörte sie Gregor sagen. Dann fassten sie zwei Hände an der Schulter und führten sie hinaus. Sie hatte nicht die Kraft, sich dagegen zur Wehr zu setzen.
»Sie sind ganz käsig im Gesicht«, meinte Gregor.
Gierig sog sie frische Luft in ihre Lungen. »Ich … bin in Ordnung.«
»Sie können einfach keine Schwäche zugeben, was? Wem versuchen Sie, etwas zu beweisen?«
Diana war außerstande zu antworten. Sie wusste, wenn sie jetzt den Mund öffnete, würde sie sich übergeben. Eine volle Minute lang tat sie nichts weiter, als gleichmäßig zu atmen und sich auf das Geräusch der ein- und ausströmenden Luft zu konzentrieren. Sie musste sich an der Wand des Hauses abstützen, um nicht zu Boden zu sacken. Und vielleicht gerade, weil sie so hilflos war, fand sie den Mut, mit dem Rest ihrer Stimme zu fragen: »Warum … bestehen Sie eigentlich darauf … mich zu siezen?«
»Ihre Gedanken sind sprunghaft, wie immer.«
»Das ist … keine Antwort.«
Gregor rieb sich den Arm, als ob er friere, räusperte sich, rückte seine Krawatte zurecht. »Ich bringe Sie nach Hause.«
Und diesmal war Diana zu keinem Widerspruch in der Lage.
3
»Tür zu, es zieht!«, rief Gregor.
Hendrik ließ Diana vorbei und schloss die Tür. »Dir auch einen guten Morgen«, erwiderte er.
Gregor brummte etwas, das man mit viel gutem Willen als »Morgen« interpretieren konnte. Normale Umgangsformen würde er wohl nie annehmen. Er stand auf einem Stuhl und war eben dabei, sein Büro mit Fotos der Leiche aus dem Grunewald zu tapezieren. Die ständige Präsenz der Bilder half ihm angeblich, sich auf einen Fall zu konzentrieren, auch wenn Hendrik eher fand, dass sie einem dabei half, schlank zu bleiben. Er jedenfalls hätte angesichts der verfaulten Körperteile kein Frühstück herunterbekommen. Aber man musste vermutlich schon dankbar sein, dass sein Bruder auf Bilder der Obduktion verzichtete.
Gewohnheitsmäßig begab sich Hendrik zur Fensterbank und warf einen Blick in die Blumentöpfe, um zu sehen, ob Erste Hilfe noch möglich war. Die Ackerminze war zerrupft, die Begonien sahen aus, als habe jemand die Blätter abgefressen, und die Gartenkresse bestand nur noch aus Stielen. »Kannst du dir keine Frühstücksstulle leisten?«
»Das war nicht ich – die Läuse sind daran schuld.«
Vorsichtig drehte Hendrik ein übrig gebliebenes Blatt um. Tatsächlich war darunter alles schwarz. »Sieht aus, als würdest du Läusekolonien züchten und keine Pflanzen.«
»Hab‘ schon alles probiert, die kommen immer wieder.« Gregor stieg vom Stuhl und bot seinen Besuchern mit einer Geste Platz an. »Was führt euch her?«
»Wir waren gerade in der Nähe«, meinte Diana, »da dachten wir, wir sagen mal guten Tag.«
»Die Sedanstraße liegt in Weißensee, nicht in der Nähe«, erwiderte Gregor mit Blick auf Dianas linken Mundwinkel. Eine Spur getrockneter Blaubeersaft verriet, dass sie und Hendrik Agnes Lilienthal besucht hatten, Hendriks und Gregors Tante, die eine legendäre Blaubeertorte backte.
Hendrik grinste. »Klugscheißer.«
Sein Bruder blinzelte und lehnte sich im Stuhl zurück. »Ihr seid also neugierig, ob es etwas Neues über den Toten im Grunewald gibt.«
Diana konnte sich nicht länger beherrschen. »Gibt es etwas?«
»Dr. Paulys Obduktionsbericht ist da.« Gregor nahm eine Mappe von seinem Schreibtisch und blätterte durch die darin liegenden Papiere. »Seine Beobachtungen lassen wie immer an Klarheit und Genauigkeit nichts zu wünschen übrig. Es ist eine Freude, mit dem Mann zusammenzuarbeiten.«
»Und? Was sagt er?«
»Im Wesentlichen bestätigt er seine vorläufige Einschätzung von vorgestern. Drei Kugeln, deren erste bereits tödlich war. Zeitpunkt: Ende September, Anfang Oktober, plusminus ein paar Wochen.« Gregor legte den Bericht beiseite. »Der Mageninhalt hat nichts gebracht, außer der Erkenntnis, dass der Tote lange nichts gegessen, dafür aber umso mehr getrunken hatte. Der Chemiker wollte sich zwar nicht festlegen, glaubt aber, Alkohol nachgewiesen zu haben, der nicht durch Fäulnisbildung entstanden ist, vermutlich Bier. Schwierigkeiten bereitet uns immer noch die Identifizierung der Leiche. Meine Männer sehen gerade die Vermisstenkartei durch.« Er griff nach einer weiteren Mappe. »Dann haben wir noch die ballistische Untersuchung …«
»Ballistik – dabei geht es um Kugeln und Pistolen und so, nicht wahr?«, fragte Diana.
»Richtig. Sollten wir bei einem Verdächtigen eine Waffe finden, können wir möglicherweise sagen, ob die tödlichen Schüsse daraus abgegeben wurden oder nicht.«
»Das geht?«
»Einfach ist es nicht. Und leider laufen jede Menge Scharlatane herum, die vor Gericht als Sachverständige auftreten, aber keine Ahnung haben, was sie eigentlich tun. Doch im Prinzip: Ja, es geht. Jede Waffe hat ihre charakteristischen Merkmale. Sie haben sicher von den Anarchisten Sacco und Vanzetti gehört, drüben in Amerika. Die wurden aufgrund eben dieser Merkmale ihrer Waffen verurteilt.«
»Was sind das für Merkmale?«
»Bei der Fabrikation werden spiralartige Rillen in die Läufe geschnitten, um die Kugeln beim Abschuss in Rotation zu versetzen. Soviel ich davon verstehe, erhöht das die Reichweite und die Zielgenauigkeit. Keine Rille gleicht der anderen, dafür sorgen schon Unregelmäßigkeiten durch die Schneidewerkzeuge bei der Herstellung. Jedenfalls verursacht jeder Lauf Schrammen im Geschoss, die so individuell sind wie Fingerabdrücke. Es gibt einen Franzosen, der behauptet, dass auch die Schlagbolzen unverwechselbare Spuren auf den Böden der Patronenhülsen hinterlassen. Unter dem Mikroskop kann man all diese Spuren gut erkennen, allerdings ist ein direkter Vergleich schwierig. Man müsste ein Mikroskop erfinden, mit dem man die Bilder von Kugel und Vergleichskugel übereinander legen kann, oder wenigstens nebeneinander …«
Er starrte an die Decke und dachte eine Weile über seine Bemerkung nach. Dann schüttelte er den Kopf und vertiefte sich wieder in den Inhalt des Papiers in seiner Hand. »Kaliber 9 Millimeter … Länge … Gewicht … Die Tatwaffe ist vermutlich eine Mauser C/96, die sogenannte Besenstiel-Mauser. Eine typische Militärpistole. Aber das will nichts heißen, bei den Mengen an Waffen, die derzeit verschoben werden.«
»Verschoben?«
»Die Hälfte der Waffen, die nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages vernichtet werden sollen, verschwindet in dubiosen Kanälen. Wird in geheimen Waffenlagern gehortet oder ins Ausland verkauft, nach Irland oder Finnland.«
Gregor trommelte mit den Fingern auf der Schreibtischplatte und sah aus dem Fenster. Dann schüttelte er den Kopf. »Wenn ihr jemanden umgebracht hättet, draußen, im Grunewald – was würdet ihr anschließend tun?«
»Du meinst, um nicht erwischt zu werden?«, fragte Hendrik.
Gregor nickte.
»Ich weiß nicht. Zusehen, dass ich von dort verschwinde, nehme ich an.«
»Ich würde vorher die Taschen des Opfers durchsuchen, ob er auch nichts bei sich trägt, das auf mich schließen lässt«, ergänzte Diana. »Jedenfalls, wenn ich nicht kopflos vor Panik wäre.«
»Und dann?«
»Abhauen. In eine andere Stadt ziehen.«
»Nein, im Gegenteil: mich so unauffällig wie möglich benehmen. Nach Hause fahren, Tee trinken, Zeitung lesen, einkaufen gehen.«
»Ihr würdet nicht auf den Gedanken kommen, die Leiche verschwinden zu lassen, damit man sie nicht so schnell findet?«
Hendrik grübelte. »Wenn ich einen Wagen in der Nähe hätte … Aber nein, dazu ist die Stelle zu abgelegen. Ich müsste die Leiche endlos durchs Gelände schleppen, dabei könnte mich jemand sehen.«
»Vielleicht war es Nacht.«
»Trotzdem. Es gibt immer späte Spaziergänger. Oder Zecher, die in den frühen Morgenstunden heimkehren. Zu riskant.«
»Und vergraben?«
Diana schüttelte den Kopf. »Mit bloßen Händen?«
»Vielleicht mit einem Messer. Aber das dauert ewig. Und jederzeit kann jemand vorbeikommen.«
Gregor nickte, als habe er etwas bestätigt bekommen. »Ein Loch auszuheben, wie das, in dem wir die Leiche fanden, braucht Zeit. Nur mit einem Spaten könnte man so etwas einigermaßen zügig bewerkstelligen. Aber würde der Täter nach Hause fahren, einen Spaten holen, und dann nach einer, zwei, drei Stunden zurückkehren, um sein Werk zu vollenden? In der Zwischenzeit hätte sonst wer über den Toten stolpern können.«
»Er hat es aber getan«, wandte Diana ein.
»Eben.«
»Was glaubst du?«, wollte Hendrik wissen.
»Ich glaube, er hatte den Spaten dabei. Oder vorher an der betreffenden Stelle versteckt. Weil es eben keine Tat im Affekt war. Weil er den Mord von Anfang an geplant hat.«
»Du meinst, das Opfer ist brav mitgegangen und hat nichts gemerkt?«
Gregor wurde einer Antwort enthoben, weil die Tür aufging und ein Kriminalbeamter hereinkam. »Wir haben die Vermisstenanzeigen durch.«
»Und?«
»Nichts.« Er legte einen Stapel Registerkarten auf den Tisch. »Die hier wiesen eine gewisse Übereinstimmung auf. Aber wir haben sie überprüft: Fehlanzeige.«
»Dann sucht zwei Monate vorher und nachher.«
»Zeitverschwendung. Der Mann wurde nicht als vermisst gemeldet. Und alle Spuren sind kalt. Das Ganze ist ein totgeborener Fall.«
»Sucht trotzdem. Wenn uns die Vermisstenmeldungen nicht weiterbringen, bleibt immer noch die öffentliche Leichenschau. Vielleicht kann man auch einen Aufruf in diesem Blatt vom Zahnärzteverband veröffentlichen und hoffen, dass der Zahnarzt, der die Gebissreparaturen vorgenommen hat, sich meldet. Dr. Pauly meint, die sind ungewöhnlich.«
Der Kriminalbeamte zuckte die Achseln und verließ das Büro.
»Wer war das?«, fragte Diana.
»Arthur Nebe. Ein ehemaliger Oberleutnant, der es jetzt bei der Polizei versucht. Ist durch die Kriminalkommissar-Anwärterprüfung gerasselt, aber er will sie unbedingt wiederholen. Ehrgeizig ist er ja.«
»Du magst ihn nicht?«
Gregor zuckte die Achseln. »Der wird nie ein guter Kriminalist. Wenn seine Schwester nicht im Innenministerium arbeiten würde …« Er betrachtete sinnend die Registerkarten.
»Was sind das für komische Laschen da am Rand?«, wollte Diana wissen.
»Die stehen für verschiedene Registermerkmale. Wenn sich eine Vermisstenanzeige nach vier Monaten nicht aufklärt, werden die Daten auf solche Karten übertragen und katalogisiert. Die Laschen dienen dem leichteren Auffinden, wenn man nach etwas Bestimmtem sucht.«
»Also: ›große Nase‹ oder ›Tätowierung‹ oder ›Warze am Daumen‹?«
»So ähnlich.« Gregor war mit seinen Gedanken nicht bei der Sache. »Totgeborener Fall!«, murmelte er. »Solange ich hier Kommissar bin, gibt es keine totgeborenen Fälle.«
4
Hendrik gab sich Mühe, seinen Triumph nicht allzu deutlich zu zeigen. Dass Gregor von sich aus zur Universität kam und ihn um Hilfe bat, hatte er vermutlich einer komplizierten Mischung aus Gewohnheit, Rivalität und Bequemlichkeit zu verdanken. Sein Bruder benahm sich in dieser Hinsicht äußerst widersprüchlich. Einerseits lehnte er »die Einmischung von Amateuren« ab, andererseits genoss er es, Hendrik als Vertrauten an seiner Seite zu haben, wenn er einen Fall entwirrte. Zudem glaubte er immer noch, ihm beweisen zu müssen, dass an der Polizeiarbeit nichts Anrüchiges war. Nicht zuletzt mangelte es an Hilfskräften. Das Polizeipräsidium stand Kopf, sämtliche Kriminalbeamte schoben Doppelschichten; was lag also näher, als auf Hilfe innerhalb der Familie zurückzugreifen?
»Hast du deinen Skizzenblock dabei?«
Hendrik nickte und überzeugte sich davon, dass er einen Stift in der Tasche trug.
»Was ist denn das für ein Stummel? Bist du so arm, dass du dir keinen neuen Bleistift leisten kannst?«
»Wieso? Der hier tut’s doch noch.«
Gregor schüttelte den Kopf, startete den Wagen und fuhr über die Friedrichstraße nach Tempelhof.
»Wer ist denn nun der Tote?«, wollte Hendrik wissen.
»Ein gewisser Hartmut Gensch. Ein junger Mann aus bürgerlichem Elternhaus, mehr weiß ich im Augenblick auch nicht.«
»Ihr habt doch wochenlang nichts über ihn in Erfahrung bringen können. Wodurch seid ihr weitergekommen?«
»Sein Zahnarzt hat sich auf unseren Aufruf in den Zahnärztlichen Mitteilungen gemeldet und seine Gebissarbeit wiedererkannt.«
»Und jetzt fahren wir zu seinen Eltern?«
»Zur Mutter, der Witwe eines Ministerialbeamten. Sie hat ihren Sohn bereits im Leichenschauhaus identifiziert.«
»Identifiziert? Aber er war doch …«
»Der Bestatter hat ihn vorher … bearbeitet.«
Hendrik wollte sich das lieber nicht vorstellen. Auch die beste Kosmetik konnte neun Monate im Waldboden und eine Obduktion nur bedingt kaschieren. »Wie hat sie den Anblick verkraftet?«
»Als würde sie so etwas jeden Tag machen. Die Frau ist aus Eisen.«
Am Hohenzollernkorso wohnten überwiegend gut situierte Mieter, das sah man nicht nur an der sauberen Straße, sondern auch an den verzierten Fassaden. Gregor stellte den Wagen ab und betrat mit Hendrik einen pompösen Hauseingang. Es roch nach Seife und Preußentum. An der Wand hing ein Schild: Musizieren streng verboten. Sie stiegen in den zweiten Stock und betätigten den Klingelzug.
Kürzlich hatte Hendrik ein Buch über ägyptische Mumien gelesen; die Frau, die ihnen öffnete und sie einließ, erinnerte ihn daran. Er hätte nicht zu sagen vermocht, woran das lag, denn ihre Haut war zwar bleich und faltig, aber nicht vertrocknet. Vielleicht hing es mit ihrem fehlenden Minenspiel und den geräuschlosen Bewegungen zusammen, die einem das Gefühl gaben, sich in einem Mausoleum zu befinden. Und mit den Augen, ja, eindeutig mit den Augen! Die hatten etwas Unheimliches an sich. Unterstützt wurde diese Wirkung noch durch ihre Art zu sprechen. »Das Mädchen hat Ausgang«, erklärte sie, und es klang wie das Rascheln von Laub.
Hendrik bezweifelte, dass es ein Mädchen gab. Nicht, wenn man den Staub auf Fensterbänken, Vasen, Bildern berücksichtigte. Frau Gensch sah nicht aus wie jemand, der seinen Bediensteten Schlampereien durchgehen lassen würde. Sie selbst war über und über mit Schmuck behängt: Ohrringe, Halsketten, Armreifen, Ringe an den Fingern. Hendrik kannte sich mit dergleichen nicht aus, aber er hätte gewettet, dass die Edelsteine falsch waren.
Die Wohnung bestätigte seinen Verdacht, dass hier mehr auf Schein als auf Sein Wert gelegt wurde. Zwar hing an der Garderobe ein Pelz, aber der hatte schon bessere Tage gesehen. Wieso überhaupt ein Pelz? Jetzt, Ende Mai? Um Besucher darauf hinzuweisen, dass Frau Gensch sich einen leisten konnte?
Der Salon, in den Hendrik und Gregor geführt wurden, sollte ebenfalls den Eindruck von Reichtum erwecken: Musselingardinen (abgegriffen), ein teures Sofa (mit abgerissenen Troddeln), eine antike Kommode (verschrammt). Die Teppiche waren an einigen Stellen so dünn, dass man den Boden durchschimmern sah. Die spanische Wand verdeckte eine schadhafte Stelle in der Tapete, wie Hendrik sich durch einen raschen Blick überzeugte, als Frau Gensch gerade nicht hersah. Die Sesselpolster waren geflickt, auch wenn eine darübergeworfene Decke diese Tatsache zu verbergen suchte. An einer Stelle der Wand zeichnete sich ein dunkles Rechteck ab; hier musste einmal ein Bild gehangen haben. Vielleicht war es verpfändet oder verkauft worden wie das fehlende Tafelsilber. Sogar die Kristallgehänge des Lüsters wiesen Lücken auf.
Auf einer Kommode standen drei Fotos. Eines zeigte eine jüngere Ausgabe der Frau mit einem steif wirkenden Herrn, vermutlich ihr Ehemann. Die beiden berührten sich nicht, nicht einmal mit den Fingerspitzen.
Daneben befand sich das Bild eines jungen Mannes in Uniform. Hendrik nahm es in die Hand. »Ist er das?«
Sie bewegte kaum den Kopf beim Nicken.
Die Aufnahme musste vor etlichen Jahren gemacht worden sein, denn die Person darauf war kaum älter als sechzehn oder siebzehn. Gewehr bei Fuß, Hacken zusammengeschlagen, ein siegessicheres Grinsen im Gesicht, so präsentierte sich Hartmut Gensch dem Betrachter. Hendrik dachte an seine eigene Zeit als Soldat. Auch von ihm existierte ein Foto aus jenen Tagen, aber darauf verriet jeder Muskel, wie unwohl er sich in der Uniform gefühlt hatte.
Das dritte Foto zeigte Hartmut Gensch zusammen mit zwei weiteren jungen Männern. Die Familienähnlichkeit war unverkennbar. »Ihre anderen Söhne?«
Wieder diese beinahe reglose Bestätigung.
»Wo sind sie jetzt?«, fragte Gregor.
»Gefallen.«
»Tut mir leid.«
Mit einer unwirschen Bewegung wischte sie die Bemerkung beiseite. »Früher waren sie meine Freude. Jetzt sind sie mein Stolz.«
Hendrik schauderte und stellte das Foto an seinen Platz zurück.
»Welches war das Zimmer Ihres Sohnes?«, wollte Gregor wissen.
Die Frau bewegte den Kopf zu einer der Türen.
Gregor drückte die Klinke. Die Tür ließ sich nur zur Hälfte öffnen, dann stieß sie gegen die Seitenkante eines Schreibtisches. An dessen Rückfront, in der Ecke des Zimmers, stand ein Kachelofen ohne Ofenrohr. In der Lücke zwischen Wand, Ofen und Schreibtisch, gleich hinter der Tür, stapelten sich Briketts.
Der Raum vermittelte einen merkwürdig zwiespältigen Eindruck von der Persönlichkeit seines Bewohners. Einerseits schien Hartmut Gensch besessen von rechten Winkeln. Geradezu zwanghaft hatte er Brieföffner, Tintenfass und Papiere an der Kante des Schreibtisches ausgerichtet und Stühle in Reih und Glied positioniert, wie Soldaten in Hab-Acht-Stellung. Andere Dinge zeugten von einer Nachlässigkeit, die nicht recht dazu passen wollte, angefangen bei der Tür, die man kaum aufbekam, bis zu den aufgehäuften Briketts.
Überhaupt enthielt der Raum wenig Persönliches, keine Briefe, keine Notizen, keine Erinnerungen, wenn man von einer Vitrine absah, in der Kriegssouvenirs ausgestellt waren: Abzeichen, Feldpostkarten, Uniformknöpfe, alle gewissenhaft beschriftet, daneben dreißig oder vierzig geschnitzte Figuren.
»Haben Sie hier viel verändert?«
»Ich hab‘ alles so gelassen«, sagte Frau Gensch tonlos. »Weil ich dachte, mein Junge kommt bald zurück.«
Das war unzweifelhaft die Wahrheit, denn es roch so muffig, als sei monatelang nicht gelüftet worden.
»Wie alt war er?«
»Einundzwanzig.«
Hendrik suchte auf dem überfüllten Schreibtisch vergeblich nach einer Möglichkeit, seine Skizzenmappe abzulegen. An der Wand war ein Regal angebracht, unpraktischerweise über jener Seite des Schreibtisches, an der man nicht sitzen konnte, weil die Schubfächer dort bis zum Boden reichten. Man musste aufstehen, wenn man etwas vom Regal holen oder darauf zurückstellen wollte. Hendrik lehnte seine Skizzenmappe gegen ein Bein des Schreibtisches und setzte sich auf den Stuhl. Nein, so ging das nicht. Er kehrte dem Zimmer ja den Rücken zu! Er drehte den Stuhl herum, legte seine Zeichenutensilien zurecht und fing an, den Raum zu skizzieren: Stühle, Schreibtisch, Vitrine.
Gregor nahm eine der geschnitzten Figuren in die Hand. »Von Ihrem Sohn?«, fragte er, um die alte Frau zum Reden zu bringen.
Sie nickte.
»Warum haben Sie keine Vermisstenanzeige aufgegeben?«
»Ich dachte, er kommt bald zurück«, wiederholte sie.
»Ist es öfter vorgekommen, dass er ohne Nachricht verschwand?«
»Ein- oder zweimal. Ich wusste dann, dass er wieder über die Stränge schlägt. Aber es hat nie lange gedauert.«
Hendrik konnte es nicht lassen, seinen karikaturistischen Neigungen nachzugeben, und zeichnete Frau Gensch als Mumie. Eine sonderbare Frau. Dass sie nicht zur Polizei gegangen war … Zwei Söhne gefallen, der dritte vermisst … Vielleicht war es ihre Art, die Wirklichkeit nicht wahrhaben zu wollen. Trotzdem blieb ihm ihre Haltung unbegreiflich.
»Hatte ihr Sohn Feinde?«
»Jeder, der ihn kannte, mochte ihn.«
»Und seine Freunde? Wer waren seine Freunde?«
»Ein Haufen Taugenichtse. Ich hab’s nicht gern gesehen, dass er sich mit denen ’rumtrieb. Früher war er auch mal so. Aber ich habe ihm Disziplin beigebracht. Ihn Respekt gelehrt. Der Krieg hat einen Mann aus ihm gemacht, auf den ich stolz sein konnte.«
»Wer waren seine Freunde?«, insistierte Gregor, während er die Figur zurückstellte.
Frau Gensch zählte ein halbes Dutzend Namen auf.
Neugierig ging Hendrik zur Vitrine, um sich die Figuren anzusehen. Sie waren gar nicht mal schlecht: grob gearbeitet, aber ausdrucksvoll. Vermutlich war es die Langeweile in den Feldlagern gewesen, die Hartmut Gensch dazu gebracht hatte, sich der Schnitzerei zuzuwenden. Schade, dass er kriegerische Motive bevorzugte: Soldaten, Wikinger, Landsknechte. Bäcker, Schornsteinfeger, Tänzer kamen in seiner Welt nicht vor. Geschweige denn Frauen, Kinder, Tiere. Halt, da gab es einen Schäferhund, der auf etwas zu lauschen schien. Und ein Fabelwesen mit Hörnern, Schwingen und einer dämonenhaften Fratze. Furcht einflößend, aber geschickt gearbeitet. Siegfrieds Drache?
»Ich weiß, wer es war«, sagte Frau Gensch plötzlich.
Überrascht sahen die Brüder Lilienthal sie an.
»Der Erwin war’s. Der Overbeck.«
»Was bringt Sie zu dieser Vermutung?«, fragte Gregor.
»Der war hinter der Ada her.«
»Wer ist Ada?«
»Hartmut und sie waren verlobt. Ich hab‘ ihn immer vor dem Flittchen gewarnt. Die ist nichts für dich, hab‘ ich gesagt. Aber er wollte ja nicht auf mich hören.«
»Ada – und wie weiter?«
»Bredow. Die Tochter von diesem Uhrmacher am Ende der Straße.«
»Wie lange kannten sich ihr Sohn und Fräulein Bredow?«
»Ein Jahr. Er hat sie bei so ‘nem Tanzvergnügen kennengelernt.« Sie schürzte abfällig die Lippen. »Wie die schon ’rumlief! Billig, das konnte man gleich sehen. Aber Hartmut … Er wollte nichts Schlechtes über sie hören. Ich hab‘ immer gewusst, dass sie sein Unglück ist.«
»Vielleicht hat sie ihn geliebt?«
»Ausgenutzt hat sie ihn. Sich von ihm ausführen und beschenken lassen. Und was ist der Dank? Seit Hartmut verschwunden ist, war sie kein einziges Mal hier, um sich nach ihm zu erkundigen. Die hat ihm keine Träne nachgeweint. Nicht mal vier Wochen hat es gedauert, da hat sie sich schon dem Erwin an den Hals geworfen.«
Während Gregor die Befragung fortsetzte, ging er im Raum umher, untersuchte die Vitrine, öffnete Schreibtischfächer und blätterte in den Papieren, die er dort fand. Es machte einen beiläufigen Eindruck, aber Hendrik wusste, dass sein Bruder das Zimmer systematisch untersuchte.
»Dieser Erwin Overbeck – waren er und Ihr Sohn miteinander bekannt?«
»Die haben ständig zusammengehangen, als seien sie dicke Freunde. Kannten sich von der Front. Aber sobald die Ada da war, hatte der Erwin nur noch Augen für sie. Wie der immer um sie ’rumscharwenzelt ist! Verhaften Sie den Erwin, Herr Kommissar! Der ist es gewesen.«
»Wir werden Ihrem Hinweis nachgehen.« Gregor machte sich Notizen. »Wann haben Sie Ihren Sohn zuletzt gesehen?«
»Am 1. September. Er hat den ganzen Tag versucht, Arbeit zu bekommen, und wollte abends noch … unter die Leute.«
Sich besaufen, übersetzte Hendrik in Gedanken.
»Mit dem Overbeck. Der hat es getan, wegen der Ada.«
»Erzählen Sie uns mehr über diesen Tag. Was genau hat Ihr Sohn gemacht? Wo hat er vorgesprochen?«
»Bei einer Reederei. Hat sich um eine Anstellung als Schreiber bemüht.« Ihre Miene nahm einen verbitterten Ausdruck an. »Um Arbeit angestanden, wie ein gewöhnlicher Proletarier. Wir, die wir seit Generationen in kaiserlichen Diensten standen!«
»Ihr Mann war Ministerialbeamter, wenn ich richtig informiert bin?«
»Im Finanzministerium. Ein treuer Diener des Kaisers. Der Kaiser hat ihn einmal selbst belobigt. Und plötzlich sind wir nichts mehr wert. Es gibt keinen Anstand mehr auf der Welt.«
»Ihr Sohn hat die Arbeit also nicht bekommen?«
»Natürlich nicht. Wer kein Jude oder Bolschewist ist, hat ja keine Chance. Die nehmen uns alle Arbeitsplätze weg. Heutzutage darf doch jeder Bergarbeitersohn studieren, wo kommen wir denn da hin? Aber was kann man schon erwarten, mit einem Sattler als Reichspräsident!«
»Nun, ich denke –«
»Die Genschs waren immer eine Stütze der Krone. Auf unseren Schultern ruhte die Verwaltung des Reiches. Jetzt hat man uns einfach vergessen. Auf die Müllhalde geworfen. Seit die Sozialisten an der Macht sind, geht es nur noch bergab. Die Arbeiter machen den ganzen Tag Revolution, und trotzdem geht's denen besser als unsereinem, ist das etwa gerecht?«
»Sie bekommen doch sicher eine Witwenrente.«
»Witwenrente, dass ich nicht lache! Kein Mensch kann davon standesgemäß leben. Mein Sohn hat versucht, eine Erhöhung durchzusetzen, aber er wurde nur höhnisch abgewiesen. Das hätte es unter dem Kaiser nicht gegeben. Als der Kaiser noch auf dem Thron saß, ging’s uns gut.«
»Mit Ihren finanziellen Verhältnissen steht es also nicht zum Besten?«
»Wie denn? Rücklagen verlieren an Wert, Sparkonten und Reichsanleihen werden von der Inflation aufgefressen. An allem sind nur der Rathenau und der Wirth Schuld.«
»Und ein kleines bisschen der verlorene Krieg.«
»Wenn uns die Juden und die Kommunisten nicht das Messer in den Rücken gestoßen hätten, würden wir jetzt als Sieger über die Champs-Élysées flanieren. Stattdessen verscherbelt der Rathenau unser Land an die Polen und sieht zu, wie polnische Verbrecherbanden ehrliche Deutsche terrorisieren.«
»Kommen wir zurück zu Ihrem Sohn. Wenn Ihre Familie keine nennenswerten Geldmittel besitzt und er selbst ohne Arbeit war, wie hat er dann die Geschenke für Fräulein Bredow finanziert? Mit Schulden?«
»So etwas würde er nie tun. Wir sind doch keine Bettler!«
»Irgendwo muss das Geld ja hergekommen sein.«
»Manchmal hat er für kurze Zeit Arbeit gehabt. Er war eben ein sparsamer Junge.«
Hendrik fand diese Antwort unbefriedigend, aber Gregor ritt nicht weiter darauf herum. Er stellte noch ein paar Fragen zu Hartmut Genschs Freunden und gab dann das Zeichen zum Aufbruch. Hendrik war frustriert. Sie waren jetzt noch ratloser als vor dem Gespräch mit Frau Gensch, fand er. Der Besuch hatte nichts erhellt, nicht einmal die Persönlichkeit des Toten.
»Stimmt«, gab Gregor zu, »der Mann ist nicht zu greifen. Was mich am meisten irritiert, ist, dass ich keine Briefe oder Notizen gefunden habe, keinerlei Schriftstücke. Ungewöhnlich. Normalerweise findet man immer etwas.«
»Vielleicht hat seine Mutter die persönlichen Dinge an sich genommen.«
»Möglich. Aber wenn du bedenkst, dass sie nicht einmal lüftet …« Gregor schüttelte den Kopf. »Hat keinen Zweck, lange darüber nachzugrübeln. Sehen wir lieber, ob Fräulein Bredow daheim ist.«
5
Auf den ersten Blick war Ada Bredow eine adrette Erscheinung. Hendrik wusste zuerst nicht, woran es lag, dass sie trotzdem aufdringlich wirkte. Erst beim zweiten Blick merkte er, dass sie kein Gespür für das rechte Maß besaß. Alles an ihr war eine Spur zu viel: zu viel Schmuck, zu viel Rouge, zu viel Blond.
»Polizei? Was gibt es denn?«
»Dürfen wir hereinkommen?«
»Ja, äh, natürlich.«
Die Wohnung war deutlich kleiner als die von Frau Gensch. Der Flur wurde von einem Wandspiegel dominiert, ein monströses, rostiges Ding. Am Kleiderhaken hingen Herrenjacken und -mützen, was darauf schließen ließ, dass Ada Bredow nicht allein lebte. Auf dem Herd in der Küche blubberte eine übel riechende Flüssigkeit vor sich hin.
»Was ist das?«, wollte Hendrik wissen.
»Nikotinbrühe. Gegen Blattläuse.«
»Das hilft?«, fragte Gregor interessiert.
»Bei mir jedenfalls.«
»Wie wird das gemacht? Einfach Kippenreste ins Wasser, und dann …?«
»Aufkochen. Aber machen Sie vorher das Papier ab.«
Hendrik verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Er konnte sich lebhaft vorstellen, wie Gregor in den nächsten Tagen mit stinkenden Substanzen experimentieren würde. Er machte sich eine mentale Notiz, das Büro seines Bruders mindestens bis zum Wochenende zu meiden.
Fräulein Bredow stellte den Ofen aus und führte die beiden Männer ins Wohnzimmer, das einem Uhrenmuseum glich. Nicht nur standen, hingen oder lagen überall Taschenuhren, Standuhren und Wanduhren herum, nein, auf Tischen, Stühlen und sogar auf dem Boden waren darüber hinaus Zifferblätter und Zahnräder, Uhrengläser und Springdeckel, Drahtösen, Gewichte, Pendel, Zeiger, Schlagwerke und Schrauben in allen Größen ausgebreitet. Richtig, Ada Bredows Vater war ja Uhrmacher!
»Wie kann ich Ihnen helfen, Herr Kommissar?«
»Wir ermitteln im Fall Hartmut Gensch.«
»Gibt es etwas Neues von ihm?«
»Tut mir leid, aber … Er ist tot.«
»Tot? Nein!« Ada versuchte, sich betroffen zu zeigen, was ihr gründlich misslang. Der Griff ans Herz war zu gewollt, und ihre Stimme hatte eindeutig zu viel Tremolo, um echt zu sein. »War es … ein Unfall?«
»Mord. Deshalb sind wir hier.«
»Mord? Aber wer …?«
Hendrik entdeckte eine geschnitzte Figur auf der Kommode und hob sie hoch. »Von ihm?«
Ada nickte zerstreut.
Es handelte sich um einen Hund, der Männchen machte und eine Zeitung im Maul trug. Das linke Vorderbein war ein Stück zu kurz geraten und die Rasse nicht zu identifizieren, aber die Figur hatte unbestreitbar einen lebendigen Ausdruck.
Die Tür des Nebenzimmers ging auf, ein Mann kam herein. »Dachte ich mir doch, dass ich Stimmen gehört habe.«
»Das ist die Polizei«, erklärte Ada hastig. »Denk dir, Hartmut ist tot!«
Der Mann hatte offenbar keine Lust, ihr Spiel mitzuspielen, denn er zuckte nur die Achseln.
»Er wurde ermordet, sagt der Kommissar.«
Gregor machte einen Schritt auf ihn zu. »Darf ich fragen, wer Sie sind?«
»Erwin Overbeck.«
Hendrik hatte es bereits vermutet. Er sah sich den Mann, den Frau Gensch als Mörder ihres Sohnes bezeichnet hatte, genauer an. Er trug einen gebrauchten Anzug, einen Selbstbinder und Halbschuhe aus Leder. Die kleinen Risse darin waren notdürftig mit einer Art Politur kaschiert worden. Anscheinend konnte er sich kein Hemd leisten, stattdessen hatte er eine gestärkte Hemdbrust vorgeschnallt und ebensolche Manschettenröllchen unter die Ärmel seines Anzugs geschoben. Es machte ihn dennoch nicht zu einem Beamten. Erwin Overbeck war das Muster eines Soldaten: wachsame Augen, angespannte Muskeln, vorgebeugte Schultern – er sah aus, als stünde er unter Sperrfeuer.
Besitzergreifend legte er seinen rechten Arm um Adas Taille. Hendrik stellte fest, dass der Ringfinger verstümmelt war.
»Hab‘ ich aus‘m Krieg«, erklärte Erwin, als er den Blick bemerkte.
»Ich würde Ihnen gern ein paar Fragen stellen, Fräulein Bredow«, sagte Gregor.
»Sie hat nichts damit zu tun«, fuhr Erwin dazwischen.
Gregor ignorierte ihn. »Können wir uns irgendwo setzen?«
Mit rotem Kopf sammelte Ada Zugfedern, Räderwerke und Uhrengehäuse von den Sitzgelegenheiten, deutete auf die Sessel und ließ sich selbst auf dem Sofa nieder. Nach kurzem Zögern setzte Erwin sich so, dass er zwischen ihr und Gregor saß. Hendrik holte seinen Skizzenblock hervor und fing an, eine Karikatur der beiden als Kanarienvogel und Krebs anzufertigen und zwischendurch stichwortartig ihre Antworten mitzuschreiben.
»Arbeiten Sie?«
»Ich bin Verkäuferin bei Tietz.«
»Noch«, mischte sich Erwin ein.
Gregor ignorierte ihn auch diesmal. »Am Alexanderplatz?«
»Dönhoffplatz.«
»Schon lange?«
»Seit drei Jahren.«
»Mögen Sie die Arbeit?«
»In diesen Zeiten kann man froh sein, wenn man nicht auf der Straße sitzt. Natürlich will ich das nicht ewig machen. Sobald ich einen netten Mann kennenlerne …« Sie warf Erwin einen Blick zu und klimperte mit ihren Wimpern.
»Wird Zeit, dass du aufhörst«, maulte der.
»Es ist eine gute Arbeit.«
»Ich mag nicht, dass du für diesen Juden schuftest. Ein deutsches Mädchen sollte sich nicht so erniedrigen.«
»Wir brauchen das Geld, das weißt du genau. Außerdem geht’s mir da gut. Es gibt eine Pensionskasse und eine Leihbücherei, und als Mitarbeiter bekommt man günstige Darlehen.«
»Geld verleihen, typisch Jude!«
»Sind Sie dort auf der Lehrlingsschule?«, unterbrach Gregor.
»Ja. In Warenkunde und Rechnen bin ich gut, aber Buchführung fällt mir schwer.«
»Wie haben Sie Hartmut Gensch kennengelernt?«
»Beim Tanzen. Er fiel mir auf, weil er so schneidig aussah.«
Erwin schnaubte.
»Komm, du musst zugeben, dass er eine gute Figur gemacht hat. Und tanzen konnte er auch.«
Erwin Overbeck offensichtlich nicht, das jedenfalls war die unterschwellige Botschaft, die Hendrik heraushörte.
»Wie war Ihr Verhältnis zu dem Ermordeten?«
»Rein platonisch. Wir waren … Na ja, wir mochten uns.«
»Sie waren nicht verlobt?«
»Wie kommen Sie darauf? Natürlich nicht. Ab und zu sind wir miteinander ausgegangen, das stimmt schon, tanzen, ins Café, solche Dinge. Manchmal hat er mich auch von der Arbeit abgeholt. Aber das war nichts Ernstes. Vielleicht hat Hartmut sich mehr erhofft. Ich glaube, er fand mich attraktiv.« Sie drehte sich nicht zu Erwin um, aber ihre Worte waren zweifellos für ihn bestimmt.
»Die Mutter von Herrn Gensch behauptet etwas anderes.«
»Ich wette, die alte Schachtel hat Ihnen erzählt, ich hätte es getan«, sagte Erwin.
Diesmal wandte sich Gregor ihm zu und sah ihn durchbohrend an. »Zu Ihnen kommen wir gleich. Im Augenblick unterhalte ich mich mit Fräulein Bredow.«
Erwin hielt seinem Blick, wenn auch mühsam, stand.
Ada fing an, nervös an ihrer Perlenkette zu nesteln.
»Ein Geschenk von Herrn Gensch?«, fragte Gregor.
Sie ließ die Kette los, als habe sie sich verbrüht. »Nein, sie … sie ist von Erwin.«
»Herr Gensch hat Ihnen Geschenke gemacht, nicht wahr?«
»Ein- oder zweimal. Kleine Aufmerksamkeiten, mehr nicht.«
»Keinen Schmuck? Kleider?«
»Ich glaube … Es kann sein, dass ein Kleid darunter war.«
»Unter den ein, zwei Dingen, die Sie von ihm bekommen haben?«
»Sie hat doch schon gesagt, dass Sie nichts mit ihm hatte. Also hören Sie auf, sie zu belästigen«, fuhr Erwin Overbeck auf.
Der Blick, mit dem Gregor ihn bedachte, war reines Eis. Hendrik fragte sich, warum sein Bruder den Mann nicht hinauskomplimentierte. Andererseits war es natürlich aufschlussreich, wie das Paar während der Befragung aufeinander reagierte.
»Sie haben zwei Möglichkeiten«, sagte Gregor. »Erstens: Sie verhalten sich ruhig, bis Sie an der Reihe sind. Zweitens: Sie verlassen dieses Zimmer.«
»Und wenn ich weder das eine noch das andere tue?«
»Dann gibt es als dritte Möglichkeit noch ein Apartment in der ›Roten Villa‹, mit Aussicht auf Gitterstäbe.«
Ada versuchte, die Wogen zu glätten. »Ja, gut, vielleicht waren es auch ein paar mehr Geschenke. Es war mir unangenehm. Er war ein netter Kerl, meistens jedenfalls. Aber ich war nicht an ihm interessiert.«
»Es hat kein … Austausch von Zärtlichkeiten stattgefunden?«
Sie zögerte mit der Antwort. Diesmal zuckten ihre Augen in Erwins Richtung, auch wenn sie sie rasch wieder unter Kontrolle brachte. »Er … hat mich einmal geküsst.«
Gregor sagte nichts.
»Na gut, vielleicht auch ein paarmal mehr. Er konnte ganz süß sein. Aber es war immer harmlos.«
»Es blieb also bei Küssen? Sie haben sich nicht verlobt? Keine Pläne für die Zukunft geschmiedet?«
Sie schüttelte energisch den Kopf. »Ich bin doch nicht blöd. Hartmut hatte keine Zukunft. Er wurde überall gefeuert, wegen seiner großen Klappe. Er dachte immer, die Welt schuldet ihm was. Einmal habe ich ihn bei Tietz untergebracht, aber das fand er unter seinem Niveau und hat das auch deutlich gezeigt. Bei den Albatros-Werken ist er ebenfalls rausgeflogen.«
»Warum?«
»Er hat einem Buchhalter den Kieferknochen gebrochen. Angeblich ging es um die Ehre der Armee.«
»Wenn er keiner geregelten Arbeit nachging – und nach allem, was ich mitbekommen habe, sind die Genschs nicht so reich, dass sie von Erspartem zehren können –, wovon hat er dann gelebt?«
»Keine Ahnung. Stimmt schon, es ist ein bisschen seltsam. Zumal er sein Geld nie beisammenhalten konnte. Wenn er mal was verdient hat, war’s im Nu weg.«
»Haben Sie sich keine Gedanken gemacht, wovon er Ihre Geschenke bezahlt hat?«
Sie machte eine unbestimmte Kopfbewegung.
Gregor ließ es dabei bewenden und wandte sich Erwin zu, dem man ansah, dass er wie auf glühenden Kohlen saß. »Nun zu Ihnen. Zunächst einmal: Was tun Sie hier, wenn ich fragen darf?«
»Ich mache die Abrechnungen für Herrn Bredow, den Vater von Fräulein Ada, wenn Sie nichts dagegen haben.«
»Aha. Was tun Sie beruflich?«
»Ich arbeite in einer Bank.«
»Und woher kannten Sie Hartmut Gensch?«
»Aus dem Krieg. Später waren wir zusammen beim Oberschlesischen Selbstschutz.«
»Wie sah Ihr Verhältnis zueinander aus?«
»Wir waren Kameraden. Sind gemeinsam durch so manche Scheiße gegangen, erst an der Marne, dann in Schlesien.«
»Wenn Sie befreundet waren – hat er Sie mal um Geld angepumpt?«
»Nee. Ich hätt‘ ihm auch keins gegeben. Hab‘ selber nischt.«
»Und wann haben Sie und Fräulein Bredow sich kennengelernt?«
»Hartmut hat sie mitgebracht, zu einem Hoffest.«
»Hier?«
»Nebenan. Heiko hat das organisiert. Heiko Brehm. Wir waren zusammen in Frankreich, ehe ihn eine Kugel erwischte.«
»Sie drei waren in derselben Einheit?«
»Nur kurz. Heiko hat’s erwischt, gleich nachdem Hartmut kam. Aber die beiden kannten sich von früher.«
»Wann war dieses Hoffest?«
»Im Sommer letzten Jahres. Juni, glaube ich.«
»Am zwölften«, sagte Ada und errötete.
»Und da haben Sie sich ineinander verliebt?«
Erwin zuckte die Achseln.
Gregor sah Ada an.
»Wir haben uns gut verstanden.«
»War Herr Gensch nicht eifersüchtig?«
»Und wie! Er hat mir eine Szene gemacht. Es war peinlich. Ich habe ihm ganz schön den Kopf zurechtgesetzt.«
»Wie hat er es aufgenommen, dass Sie sich von ihm ab- und Herrn Overbeck zuwandten?«
»Hab‘ ich ja nicht. Ich bin nicht so eine, die jedem gleich um den Hals fällt. Wir sind ein paarmal spazieren gegangen, und einmal hat Erwin mich in den Lunapark eingeladen, mehr war nicht. Richtig kennengelernt haben wir uns erst später, nachdem Hartmut verschwunden war.«
»Was dachten Sie, als Herr Gensch nicht wieder auftauchte?«
»Wie meinen Sie das?«
»Na, Sie müssen doch irgendeine Vermutung gehabt haben, was passiert ist.«
»Zuerst hab‘ ich angenommen, er hätte endlich eine Stelle angetreten. Bei seiner Mutter anrufen wollte ich nicht. Die mag mich nicht. Aber als er dann immer länger wegblieb … Ich dachte, er hätte vielleicht Schwierigkeiten und ist untergetaucht.«
»Schwierigkeiten?«
»Na ja, wegen Geld. Oder weil er sich wieder mit wem geprügelt hat.«
»Und Sie?« Diese Frage ging an Erwin.
»Warum sollte ich mir darüber Gedanken machen? Hartmut war sei eigener Herr.«
»Die Mutter von Herrn Gensch behauptet, Sie wären in der Nacht vor seinem Verschwinden mit ihm zusammen gewesen.«
»Na ja, das stimmt wohl. Wir sind durch die Wirtshäuser gezogen.«
»Gab es einen besonderen Grund?«
»Wir haben den Tod von Erzberger gefeiert.«
»Sie haben – was?«
»Tun Sie doch nicht so! Das ganze Land hat aufgeatmet, als dieses Schwein endlich weg war. Wir haben darauf getrunken, dass Deutschland einen seiner Schädlinge los ist.«
Fassungslos ließ Hendrik den Skizzenblock sinken. Sicher, der frühere Finanzminister Erzberger war nicht beliebt gewesen, und gewissenlose Zeitungsschmierer hatten sogar seine Ermordung noch mit Genugtuung kommentiert, aber eine solche Verrohung … »Warum dieser Hass?«
»Na, hören Sie mal! Der Erzberger, dem verdanken wir das Reichsnotopfer. Und für den Zusammenbruch 1918 war er auch verantwortlich, da können Sie jeden fragen, das sagt Ihnen jeder.«
»Und bereichert hat er sich«, stimmte Ada zu, »und Steuern hinterzogen und Meineide geschworen.«
»Lesen Sie Helfferichs Schriften, da steht alles genau drin. Jetzt hat der Kerl seinen Lohn. Der wird kein Unheil mehr anrichten. Kugelrund, aber nicht kugelfest.« Erwin lachte. »So wie dem muss es allen Volksverrätern ergehen. Mit Stumpf und Stiel muss man dieses Schieberpack ausrotten. Den Wirth, den Scheidemann, den Rathenau und wie sie alle heißen.«
»Aufsichtsrathenau«, spottete Ada, auf die Beteiligung des Außenministers an einer schier unüberschaubaren Anzahl Firmen anspielend.
Erwin Overbeck fixierte Hendrik mit scharfem Blick. »Das passt Ihnen wohl nicht? Sie sind auch so‘n Bolschewist, wie? Hab‘ ich mir schon gedacht.«
»Kommen wir zum Fall zurück«, sagte Gregor.
Erwin grinste, lehnte sich provozierend auf der Couch zurück und summte den Kehrreim eines Liedes. Hendrik kannte es. Im Oberschlesischen Selbstschutz waren die Soldaten angeblich im Takt dazu marschiert, und auch in den Straßen Berlins konnte man es immer wieder hören: Knallt ab den Walther Rathenau, die gottverdammte Judensau …
»Wo waren sie überall?«, fragte Gregor scharf.
Hendrik schrieb die Namen der Gaststätten mit, die Erwin nannte.
»Nicht in Halensee? Oder Schmargendorf?«
»Was sollen wir denn da?«
»Das hoffte ich, von Ihnen zu erfahren. Immerhin ist Ihr Kamerad im Grunewald gefunden worden. Alkoholisiert.«
»Wir haben uns irgendwann getrennt. Er war schon ziemlich abgefüllt, aber er wollte unbedingt noch weiter. Sie wissen schon, die neue Polizeistunde ausnutzen.«
Richtig, September letzten Jahres! Da durften die Gaststätten ihren Schankbetrieb zum ersten Mal bis ein Uhr nachts ausdehnen.
»Und Sie?«
»Ich hatte genug. Es war ja nicht mal Wochenende, und ich musste am nächsten Morgen wieder früh raus.«
»Wie spät war es, als sie sich von ihm verabschiedeten?«
»Weiß nicht. Muss so gegen elf gewesen sein.«
»Wie war Herr Gensch den Abend über? Benahm er sich ungewöhnlich?«
»Nee. Eigentlich wie immer.«
»Worüber sprachen Sie?«
»Über Politik.« Erwin grinste wieder. »Wird Ihnen nicht gefallen, was wir sagten.«
»Hat er Andeutungen gemacht, dass er vorhatte zu verschwinden? Oder sich mit jemandem zu treffen?«
»Nee. Kann ich mir auch nicht vorstellen, so voll wie der war.«
»Das heißt also, an jenem Abend gegen elf haben Sie ihn zuletzt gesehen?«
»Wie Sie das wieder erfasst haben …«
»Und Sie, Fräulein Bredow?«
»Am Tag vorher. Er hat mich von der Arbeit abgeholt.«
»Irgendwelche besonderen Zwischenfälle? Zerstreutheit, Furcht, Zukunftspläne?«
»Nein. Nur, dass … Na ja, er sagte, er würde mir einen Pelzmantel schenken.«
»Einen Pelzmantel? Bei seinen finanziellen Verhältnissen?«
»Deswegen habe ich ihn auch nicht ernst genommen. Aber er hat nicht aufgehört damit. Immerzu Andeutungen gemacht: ›Bald bin ich wieder flüssig‹ und so.«
»Haben Sie eine Ahnung, auf welche Weise er zu Geld kommen wollte?«
»Nein. Aber ich würde nicht viel auf sein Gerede geben. So was hat er andauernd gesagt. Er war ein netter Kerl, aber ein Angeber.«
War es wirklich nur Angeberei? Oder ein wertvoller Fingerzeig? Bloßes Geschwätz oder eine Spur, die zu krummen Geschäften führen konnte, zu Raub, Betrug, Unterschlagung? Hendrik fuhr sich durchs Haar, ohne zu merken, dass er es dabei zerzauste. Neun Monate war der Mord bereits her, und sie hatten nichts in der Hand als Vermutungen.
6
Heiko Brehm war anders, als Hendrik ihn sich vorgestellt hatte. Er erwartete einen weiteren aufgeblasenen Wichtigtuer, einen typischen Frontkämpfer, einen Kerl wie ein Marschtakt. Doch der Mann, der ihnen die Tür öffnete, war eher ein Volkslied: brummige Stimme, schaukelnder Gang, Vollmondgesicht. Jemand, von dem man erwartete, dass er im nächsten Augenblick eine Torte hinter seinem Rücken hervorzauberte und einem alles Gute zum Geburtstag wünschte.
Als er hörte, dass sie wegen Hartmut Gensch gekommen waren, nahm sein Gesicht einen besorgten Ausdruck an. »Ist er wieder aufgetaucht? Hat er … Ist ihm etwas zugestoßen?«
»Er wurde ermordet.«
Heiko nickte. »Hab‘ mir schon so was in der Art gedacht. Einfach sang- und klanglos zu verschwinden, sah ihm gar nicht ähnlich.«
»Nein? Seine Mutter sagt –«
»Ach, seine Mutter! Nehmen Sie’s mir nicht übel, aber seine Mutter ist die Letzte, auf deren Meinung ich was geben würde.«
»Wie meinen Sie das?«
»Sie ist … Na ja, sie gehört eher in ein vergilbtes Foto als ins wirkliche Leben, wenn Sie verstehen, was ich meine. Hartmut hielt es nie lange zu Hause aus. Wann immer er konnte, hat er sich davongemacht. Nichts war seiner Mutter gut genug, immer sollte er schneller, weiter, besser sein als die anderen.«
»Warum ist er nicht ausgezogen?«
»Kein Geld. Vielleicht auch aus Pflichtgefühl.«
»Nun, bevor wir weiter über die Genschs reden, erzählen Sie uns doch bitte etwas über sich. Was sind Sie von Beruf, wenn ich fragen darf?«
»Ich arbeite bei der Reichspost, am Schalter. Nichts Besonderes, aber man hat sein Auskommen.«
»Leben Sie allein?«
»Kann ich mir nicht leisten. Ich hab‘ zwei Kostgänger, Brüder. Sind im Augenblick allerdings wegen einer Familiensache in Regensburg.«
Hendrik sah sich in der Wohnung um. Bei Heiko Brehm hatte ebenfalls alles seine Ordnung, aber das lag wohl eher daran, dass er nicht viel sein Eigen nannte. Die dürftige Garderobe, die spärlichen Möbel, das zusammengewürfelte Geschirr, alles deutete auf finanzielle Probleme hin. Vielleicht setzte er aber auch nur andere Prioritäten, denn auf dem Küchentisch standen Gläser mit exotischen Gewürzen und vier Sorten Wein, und auf einer Anrichte befand sich ein Grammophon.
»Herr Gensch und Sie kennen sich seit Ihrer Kindheit?«, fragte Gregor.
»Sind zusammen zur Schule gegangen. Später waren wir in derselben Kompanie.«
»Was war er für ein Mensch?«
»Unkompliziert. Geradeheraus, das war es, was mir an ihm gefiel. Manchmal ein bisschen grob.«
»Grob?«
»Na ja, er leistete sich schon mal den einen oder anderen Scherz mit den Jungen in der Schule. Aber ich hatte in der Hinsicht nie Probleme mit ihm.«
»Könnten Sie diese Scherze näher erläutern?«
»Er hat gern mit Waffen hantiert, schon als Bub. Manchmal benutzte er Mitschüler als lebende Zielscheiben. Er war ein guter Schütze, es bestand keine Gefahr, aber das wussten die ja nicht. Einmal hat er einen Streit dadurch beendet, dass er seinen Gegner zu einem Spiel auf Leben und Tod zwang.«
»Wie meinen Sie das?«
»Also, er besaß so einen Trommelrevolver, da hat er alle Patronen bis auf eine rausgenommen und dann die Trommel gedreht, sodass keiner wusste, wo die Kugel steckte. Dann musste jeder der beiden die Waffe an seine Schläfe halten und abdrücken. Man nennt das ›Russisches Roulette‹, hab‘ ich mir sagen lassen, warum auch immer. In Wahrheit war natürlich keine Kugel im Lauf, aber der andere hat sich vor Schiss fast in die Hose gemacht.«
»Verstehe. Standesdünkel waren ihm auch nicht eben fremd, oder?«
»Das trifft auf die meisten von denen zu.«
»Denen?«
»Die Truppe. Die Kriegskameraden.«
»Gehören Sie denn nicht dazu?«
»Ach, wissen Sie, Herr Kommissar, ich bin ein schlichter Mensch. Gut essen und trinken, dazu ein bisschen Musik und Tanz, schon bin ich zufrieden. Das Politisieren liegt mir nicht. Bei den meisten Jungs geht es doch den ganzen Tag nur um Politik.«
»Sie waren so was wie ein Außenseiter?«
»Das nun nicht gerade. Ich mag Leben in der Bude. Hab‘ für Stimmung gesorgt, und dass wir immer was zu lachen hatten, selbst in den schwersten Stunden.«
»Sie meinen, im Krieg?«
»Klar. In irgend so‘m Dorf an der Front hab‘ ich zum Beispiel Wein und Wurst organisiert und einen Franzosen gefangen genommen, der Quetschkommode spielen konnte. War eine Riesengaudi. Der eine oder andere hat ein bisschen blöd geguckt, als ich dem Franzen auch was vom Wein spendiert habe, aber sie haben mich nicht gehindert. Leben und leben lassen, ist mein Motto.«
Hendrik, der die Aussagen mitprotokollierte, beugte sich über seinen Skizzenblock und entwarf eine Karikatur von Heiko Brehm mit dem Kopf eines Bären, der sich Honig von der Schnauze leckt.
»Ja, und dann natürlich Weihnachten 1914 – aber das war, bevor der Hartmut dazukam.«
»Sie meinen die Verbrüderungen an der Front? Ist an den Gerüchten etwas dran?«
»Gerüchte?« Heiko lachte. »Na ja, die Herren Offiziere hören das nicht so gern, jedenfalls die meisten. Haben versucht, die Vorfälle zu vertuschen. Aber, ja, ich war dabei. In Flandern. Erst haben wir Weihnachtsbäume aufgestellt und dann gesungen: Die Wacht am Rhein, Stille Nacht … Die Tommys haben sich revanchiert und ebenfalls gesungen. Irgendwann sind wir raus und haben uns im Niemandsland getroffen. Tabak getauscht, Konserven, Schals. Uniformknöpfe als Souvenirs. War wie ein Albdruck, der einem von der Seele genommen wird. Kein Robben im Dreck mehr, kein Kriechen über Leichen, kein Verhaken im Stacheldraht. Aufrechter Gang.« Er lachte wieder. »Am nächsten Tag schleppten die Schotten einen Fußball an, und dann ging’s los. Wir haben 3:2 gewonnen. Eine Riesengaudi, sag‘ ich Ihnen.«
»Ich habe davon gehört. Aber ich dachte …« Gregor schüttelte den Kopf, wie um sich zur Besinnung zu rufen. »Es war von einem Hoffest die Rede, das Sie veranstaltet haben sollen – waren da viele Kriegskameraden anwesend?«
»Nee. War eben ein Hoffest. Hauptsächlich Leute aus‘m Haus, ein paar Nachbarn, vielleicht noch zwei, drei Freunde. Der Hartmut, halt.«
»Stimmt es eigentlich, dass Herr Gensch Geldschwierigkeiten hatte?«
»Wundern würd’s mich nicht. Wenn der mal was besaß, ist es ihm gleich wieder durch die Finger gerutscht. Er war immer überzeugt, jeden Moment einen gut bezahlten Posten im Finanzministerium zu bekommen wie sein Vater. Irgendwie hat er nie kapiert, dass sich die Zeiten geändert haben.«
»War er beliebt?«
»Er war nicht gerade der Mittelpunkt jeder Gesellschaft, aber auch kein Einzelgänger. Den einen oder anderen hat er sicher mit seiner hochfahrenden Art vergrätzt. Doch im allgemeinen kam er klar.«
»Und Freunde? Hatte er Freunde?«
»Den Erwin, natürlich, Erwin Overbeck. Ich würde mich auch zu seinen Freunden zählen, obwohl wir uns nicht oft sahen. Ich hab‘ in meiner Welt gelebt, und er in seiner. Seine, das waren die alten Kameraden. Wie gesagt, immerzu politisieren und auf die Regierung schimpfen. Ich bin auch kein Freund dieser Novemberverbrecher. Die Republik ist ein korrupter Sumpf, der zum Himmel stinkt. Aber lasse ich mir deswegen das Leben vergällen? Nee, dazu isses zu kurz.«
»Erzählen Sie mir etwas über Herrn Overbeck. Kennen Sie ihn gut?«
»Gut ist übertrieben. Ich weiß bloß, dass sein Vater Offizier war. Einer von denen, die nach dem Krieg wegen dem Versailler Vertrag entlassen wurden. Der Erwin ist dann nach Berlin, weil er hoffte, hier bessere Chancen zu haben. Hat studiert, Jura. Er hat’s nicht leicht gehabt, ganz ohne finanzielle Unterstützung. Eine Zeitlang hat er in einem Bretterschuppen gehaust, hab‘ ich gehört, hinter einer Militärbaracke. Um Geld zu sparen. Im Sommer auch mal im Freien. Später ist er von Wartesaal zu Wartesaal vagabundiert, bis die Polizei ihn aufgriff. Inzwischen wohnt er billig irgendwo zur Untermiete und erledigt dafür alle anfallenden Reparaturarbeiten. Mit dem Essen lief es ähnlich: Er hat einen Sport daraus gemacht, seinen Hunger auszuhalten. Hat sich so diszipliniert, dass er nur einmal am Tag was brauchte.«
»Das muss ihm schwer gefallen sein.«
»Nicht wirklich. Er ist so ein Typ, wissen Sie. Einer, der sich selbst an die Zügel nehmen kann. Ich glaube, was er am drückendsten fand, waren die sozialen Unterschiede zu den reichen Studenten. Er musste halt nebenbei arbeiten. Das hat ihm zu schaffen gemacht. Das mit dem Essen … Ich glaube fast, er hält das auch heute noch so. Will sein Leben nicht von der Nahrungsmittelknappheit bestimmen lassen, verstehen Sie? Na ja, wer Feldküchenessen gewohnt ist, dem macht das vermutlich nichts aus. Obwohl …« Er schlug mit der flachen Hand auf seinen Bauch. »Für mich wär‘ das nichts. Zu viel Pflicht, zu wenig Genuss. Ich brauch‘ meinen Wein, meine Kartoffeln, meine Wurscht.«
»Jetzt arbeitet er in einer Bank, habe ich gehört?«
»Sein Vater hat ihm den Posten verschafft.«
»Waren Sie mit Herrn Overbeck in Oberschlesien?«
»Nee. Ich hatte die Schnauze voll vom Kämpfen. Dass die verdammten Polen eins aufs Maul kriegen, finde ich gut, aber das sollen man die Jüngeren machen, die noch voller Saft und Kraft sind. Ich glaub‘, der Erwin war auch nicht lange dabei. Als die Stelle bei der Bank frei wurde, hat er Oberschlesien und Studium sausen lassen und mit beiden Händen zugegriffen. Jeder muss heute sehen, wo er bleibt.«
»Wie war das nun mit dem Hoffest? Wie kam es überhaupt dazu?«
»Das Ganze war meine Idee. Die Stimmung hier im Haus war ja kaum noch zu ertragen. Überall laufen die Leute mit so ‘ner Fresse rum, und es wird und wird nicht besser. Wundert einen ja auch nicht. Mein Nachbar hat seine Stellung verloren und weiß nicht, wie er seine siebenköpfige Familie durchbringen soll. Die Söhne der Witwe von oben sind im Krieg gefallen, und ihre kümmerliche Rente reicht hinten und vorne nicht. Unterernährung, Tuberkulose, Kinder, die an Skorbut leiden – na ja, was erzähle ich. Ist Ihnen ja nischt Neues. Wenn man hier ins Haus reinkam, hatte man das Gefühl, auf ‘ner Beerdigung zu sein. Bei so was geh‘ ich ein wie ‘ne Primel. Also hab‘ ich ein bisschen gewirbelt. Erst waren alle skeptisch, aber dann sind sie doch gekommen. Der eine hat ein Brot rausgerückt, der andere ein paar Gläser eingemachte Gurken. Die Witwe hat sogar ‘ne Kartoffeltorte gebacken. Wir haben Girlanden aufgehängt und Lampions, die Kinder kamen mit Laternen … Ich hab‘ mein Grammophon runtergebracht, und nach einer halben Stunde hatten alle vergessen, wie schlecht es ihnen ging, und lachten und tanzten um die Wette. Selbst der olle Griesgram aus‘m zweiten Stock mit seinem Holzbein hat ‘ne flotte Sohle hingelegt und immerzu geschluchzt, er kann nicht glauben, dass er wieder tanzt.«
»Und Hartmut Gensch war auch da.«
»Nicht gleich. Er kam ein paar Stunden später, als wir alle schon einen sitzen hatten.«
»Allein?«
»Er brachte seine neue Braut mit, die Ada.«
»Wissen Sie, ob die beiden verlobt waren?«
»Keine Ahnung. Aber so, wie die aneinander geklebt haben, würd‘ ich mal sagen, die waren schwer verschossen.«
»Sie waren also nicht zurückhaltend, was den Austausch von Zärtlichkeiten betrifft? Befangen, wegen der vielen Leute?«
»Befangen? Mann, wenn Sie die Knutscherei gesehen hätten …« Er lachte.
»Erwin Overbeck war auch auf dem Fest?«
»Ja.«
»Hat er sich amüsiert?«
»Er macht sich nicht viel aus Feiern. Aber, ja, im Laufe des Abends ist er dann doch aufgetaut.«
»Bevor oder nachdem Fräulein Bredow kam?«
»Ach, darauf wollen Sie hinaus. Na ja, was soll ich sagen, Sie wissen sicher, dass die beiden ein Paar sind. Ja, der Erwin hat sich um sie bemüht.«
»Und sie?«
»Es hat ihr gefallen. Es ist nichts Unschickliches vorgefallen, verstehen Sie, kein Kuss oder eine unrechte Berührung oder so was. Es war nur, wie sie aufeinander reagiert haben.«
»Und Herr Gensch?«
»War ziemlich geladen. Er wollte gehen, sie wollte nicht, schließlich hat er sie angebrüllt, sie hat zurückgebrüllt, und da musste ich dazwischengehen. Sie haben sich aber wieder versöhnt und sind bis zum Schluss geblieben. Und, bevor Sie fragen, der Zwischenfall hat der Freundschaft zwischen Hartmut und Erwin keinen Abbruch getan.«
»Wann haben Sie Herrn Gensch zuletzt gesehen?«
»Irgendwann im Sommer. So etwa Juli, schätze ich. Es war jedenfalls heiß. Wir sind uns auf der Straße begegnet, haben ein paar Minuten gequatscht. Wir wollten uns mal wieder treffen, aber es ist nie was draus geworden. Er war dauernd auf Achse.«
»Wieso? Was hat er gemacht?«
»Keine Ahnung. Arbeit gesucht, nehme ich an.«
Gregor stellte noch ein paar belanglose Fragen und ließ sich den Namen des Schülers geben, den Hartmut Gensch zu Russischem Roulette gezwungen hatte, dann verabschiedeten er und Hendrik sich.
Unten, auf der Straße, sah der Kommissar seinen Bruder herausfordernd an. »Und? Wie ist deine Meinung zu dem Fall?«
»Also, ehrlich gesagt, ich kann überhaupt keine klare Linie entdecken. Für mich ist das alles Kraut und Rüben.«
»Das beruhigt mich ja. Ich hätte gewettet, dass du irgendeine Sentenz von einem deiner Philosophen parat hättest, mit der sich der Fall im Handumdrehen aufklärt.«
»Hör schon auf! Du weißt genau, dass ich deine Fähigkeiten als Kriminalist nicht in Zweifel ziehe. Sagen wir: Von Zeit zu Zeit kann es hilfreich sein, die Dinge von einer Außenseiterposition zu betrachten.«
»Und was sagt der Außenseiter?«
»Es deutet alles darauf hin, dass Erwin Overbeck es getan hat. Aber warum sollte er Hartmut Gensch aus dem Weg räumen, wo Fräulein Bredow doch klar gemacht hat, wo ihre Prioritäten liegen?« Hendrik kratzte sich am Kopf. »Was ist mit dir? Glaubst du, dass er es war?«
»Er bleibt natürlich mein Hauptverdächtiger. Schon, weil ich zur Zeit keinen anderen habe. Aber, ehrlich gesagt: Ich habe schon viele Morde aus Eifersucht gesehen. Was da im Grunewald geschehen ist, kommt mir eher wie eine Hinrichtung vor.«
7
Humorvoll? Mataphorisch? Sachlich?
Frustriert legte Hendrik seinen Federhalter beiseite und schloss das Tintenfass. Wie sollte das letzte Kapitel seines Buches aussehen? In welcher Stimmung wollte er die Leser entlassen? Solange er sich darüber nicht im Klaren war, hatte es keinen Sinn weiterzuarbeiten. Dabei wünschte er sich nichts sehnlicher, als dieses Werk, dem er drei Jahre seines Lebens gewidmet hatte, endlich abzuschließen.
Was will die Philosophie? erzählte die Geschichte des Denkens von der Antike bis heute und trat leidenschaftlich dafür ein, die Thesen berühmter Philosophen als Sprungbrett zur eigenen Auseinandersetzung mit den großen Lebensfragen zu nutzen, ein Ansatz, der, so fand Hendrik, angesichts der obligatorischen Klassikerverehrung durchaus Sprengkraft besaß. Als Leitmotiv hatte er einen Satz von Voltaire vorangestellt: Die nützlichsten Bücher sind diejenigen, die den Leser zu ihrer Ergänzung auffordern.
Einen Franzosen zum Mottogeber zu wählen, würde dem Verkauf seines Buches natürlich nicht gerade förderlich sein. Aber darüber konnte er sich später Gedanken machen. Erst einmal hatte er andere Sorgen. Wie sollte er sein Werk beenden? Mit einem Appell, sich nicht von großen Namen einschüchtern zu lassen und keine vorgefertigten Antworten zu übernehmen? Wenn die Leser das im Laufe der Kapitel nicht von selbst begriffen hatten, war ohnehin alles zu spät. Mit einer Art Zusammenfassung und einem Ausblick in die Zukunft? Furchtbar akademisch!
Wenn nur Diana schon zu Hause wäre! Vielleicht hatte sie eine zündende Idee.
Hendrik sah aus dem Fenster zur Matthias-Kirche hinüber. Ob die Schäden des Blitzeinschlags vom Sonntagabend schon repariert waren? Kaplan Lampe hatte erzählt, dass der Blitz aufgrund des Eisens im Glockenturm vom Blitzableiter abgesprungen war und zwei Löcher ins Mauerwerk geschlagen hatte. Alle elektrischen Sicherungen und Zähler waren beschädigt. Hör auf, du willst dich ja nur von deinem Problem ablenken!
In der Hoffnung auf einen Fingerzeig blätterte Hendrik sein Manuskript durch. Er war zufrieden mit dem, was er bisher geleistet hatte. Sein Sokrates, sein Leibniz, sein Schopenhauer waren keine verstaubten Denkmäler, sondern Menschen, die nach Antworten suchten. Er hatte von Epikur erzählt, der mit vierzehn in der Schule hörte, dass am Anfang der Welt das Chaos entstand, und wissen wollte, woraus. Von Augustinus, dem sein ausschweifendes Leben nicht mehr genügte, der sich selbst zum Rätsel wurde. Von Montaigne, der sich aus der Öffentlichkeit in einen Turm zurückzog, um dort neun Jahre lang seine Seele zu erforschen. Von Initialzündungen, die Menschen dazu brachten, um Erkenntnis zu ringen. Er glaubte an Kierkegaards Satz: Nur von Verwandelten können Wandlungen ausgehen. Es war ein sehr persönliches Buch geworden. Ein Buch voller Leidenschaft und Sehnsucht. Vermutlich würde die akademische Welt es verreißen.
Zurück zum Problem. Humorvoll? Mataphorisch? Sachlich? Vielleicht konnte ihn ein Blick in ein Philosophielexikon inspirieren. Hendrik griff nach einem der Bücher im Regal über dem Schreibtisch – und verharrte mit seinem Arm in der Luft.
Das Regal!
Geschlagene fünfzehn Sekunden blieb er in dieser unnatürlichen Position sitzen, ohne auch nur einen Muskel zu regen. Selbst seine Augen standen still und fixierten einen Schatten an der Wand. Das einzige, was sich bewegte, war sein Verstand. Der jedoch jagte um Ecken, probierte aus, verglich, verwarf.
Als endlich alles zusammenpasste, lief ein Zittern durch seinen Körper, der Arm sank herab. Äußerlich ruhig schob Hendrik seinen Stuhl zurück, stand auf, ging zur Tür. Der Grad seiner Aufgeregtheit war daran abzulesen, dass ihm nicht einmal in den Sinn kam, eine Jacke überzuziehen.
Zum Glück war es draußen mild, trotz vorgerückter Stunde und eines frischen Nordwestwindes. Aber selbst bei zwanzig Grad Minus wäre Hendrik nicht umgekehrt. Die Schlussfolgerungen, zu denen er gelangt war, zwangen ihn vorwärts. Sollte er auf die Bahn warten? Nein, dazu fehlte ihm die Geduld. Er schnappte sich sein Fahrrad und trat in die Pedale.
Am Potsdamer Platz verursachte er beinahe einen Unfall mit einem Elektromobil der Meierei Bolle, weil er weder nach rechts noch nach links sah, als er über die Kreuzung jagte. Er war viel zu sehr damit beschäftigt, im Geist jeden Quadratzentimeter der Gensch’schen Wohnung abzusuchen, um noch Kapazitäten für so profane Dinge wie Verkehrsregeln freizuhaben.
Erst, als das Polizeipräsidium vor ihm auftauchte, kam ihm der Gedanke, dass er vorher hätte anrufen sollen, um herauszufinden, ob sein Bruder nicht schon Feierabend hatte. Einerlei, jetzt war es ohnehin zu spät.
Er hatte Glück: Gregor war da.
»Das Regal!«, keuchte Hendrik.
»Dir auch einen guten Abend. Zivilisierte Umgangsformen sind dir wohl fremd?«
Zu einer anderen Zeit hätte sich Hendrik über diese Retourkutsche amüsiert, aber im Augenblick machte ihn alles ungeduldig, was die praktische Umsetzung seines Geistesblitzes verzögerte. »Der Schreibtisch! Das Licht!«
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.