Kitabı oku: «Im Auftrag des Feindes»

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Günter Hein

Im Auftrag des Feindes

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Kapitel 74

Kapitel 75

Kapitel 76

Kapitel 77

Kapitel 78

Kapitel 79

Kapitel 80

Kapitel 81

Kapitel 82

Kapitel 83

Danksagung

Anmerkungen des Autors:

Impressum neobooks

Kapitel 1

Ende der Siebziger Jahre tobt der kalte Krieg zwischen Ost und West. Die Nato unter der Führung der Vereinigten Staaten von Amerika, und der Warschauer Pakt unter der Führung der Sowjetunion liefern sich im geteilten Deutschland einen Spionagekrieg. Am eisernen Vorhang versuchen CIA, KGB und die Staatssicherheit der DDR, mit allen Mitteln Informationen der jeweiligen Gegenseite zu stehlen und gegen sie zu verwenden.

Aber es gibt auch Nebenschauplätze, wo der Osten mit dem Säbel rasselt und der Westen das unterdrückte Land unterstützt…………

Sonnenschein fiel durch die verschmutzten Fenster im dritten Stockwerk des Auswärtigen Amtes in Ost-Berlin. Der einsetzende Frühling erhellte die trist in grau gehaltene Umgebung des Regierungsviertels der DDR.

»Ich komme gleich nach«, rief Reintraut Otto ihren Kollegen hinterher, die sich auf den Weg in die Kantine gemacht haben, um ihre Mittagspause anzutreten.

Nervös wischte sie sich die feuchten Hände an ihrem modischen Karo Rock ab. Mit gesenktem Kopf beobachtete sie, wie sich das Büro langsam leerte. Als die letzten Kollegen gegangen waren, stand sie eilig auf, um einen Blick auf die umliegenden Arbeitsplätze zu werfen. Nachdem sie sich versichert hatte, dass sie alleine war, ging sie zu ihrem Platz zurück und öffnete ihre Handtasche, die neben ihrem Schreibtisch stand. Sie wühlte aufgeregt in ihr herum, bis sie die kleine Kamera gefunden hatte. Hastig rannte sie zum Schreibtisch ihrs Vorgesetzten, öffnete eine Schublage und nahm einige Dokumente heraus, um sie auf dem Tisch zu platzieren. Sie schaltete seine Schreibtischlampe an, nahm die Kamera und fing an, Blatt für Blatt ab zu fotografieren.

Nachdem sie fertig war, legte sie die Blätter wieder ordentlich zusammen und steckte sie zurück in die Schublade. Dann schaltete sie die Lampe wieder aus und ging zu ihrem Platz. Die Kamera verstaute sie wieder in ihrer Handtasche.

Danach schaute sie noch einmal in den kleinen Handspiegel, den sie immer dabei hatte, und prüfte kurz ihr Makeup und ihre Frisur. Zufrieden legte sie den Spiegel zurück in die Handtasche und machte sich auf den Weg in die Kantine.

Ihr Vorgesetzter bemerkte das verspätete Eintreffen seiner Mitarbeiterin, ließ sich aber nichts anmerken. Verstohlen sah er zur Uhr und merkte sich die Zeit, die sie zu spät kam.

Nicht weit vom Regierungsbezirk entfernt rieb sich Bernd Hartmann fröhlich singend seine Hände mit Handwaschpaste ein, um den von seiner Arbeit als Kfz-Mechaniker angefallenen Film aus Öl und Schmiere zu entfernen. Er freute sich auf seinen wohlverdienten Feierabend mit seiner Frau Dagmar.

»Wenn der liebe Gott gewollt hätte, dass du singst, hätte er dir eine Stimme gegeben.« Sein Kollege Winfried Laatz trat ans Waschbecken und grinste Hartmann an.

»Und? Hast du schon mit dem Alten gesprochen?«

»Gleich, Laatzi, gleich. Ich will wenigstens saubere Griffel haben, wenn ich ihm aus Dankbarkeit die Hand schüttele.« Hartmann grinste und trocknete sich die Hände an einem alten verwaschenen Handtuch ab. Anschließend hängte er den schmutzigen Lappen seinem Kollegen über die Schulter.

»Na dann viel Glück. Seine Laune ist ja heute ganz gut.«

Hartmann legte seine Hand auf die Schulter von Laatz und verließ den Waschraum, um sich im Umkleideraum saubere Kleidung anzuziehen. Im Grunde sah er keine Schwierigkeiten, seinen geplanten Urlaub genehmigt zu bekommen. Er wollte mit Dagmar nach Ungarn an den Plattensee, um dort zu campen. Mit seinen Schwiegereltern hatten sie bereits abgemacht, dass sie den Trabant 600 für zwei Wochen bekommen würden. Das erleichterte vieles, denn Reisen in den Westen waren strikt untersagt, und als einzige Urlaubsmöglichkeiten im Ausland boten sich Bulgarien, Rumänien, Polen, die Tschechoslowakei und eben Ungarn an.

Wer ins Ausland reisen durfte, entschieden der Betrieb, das Jugendreisebüro oder die FDJ. Voll gepackt zogen im Sommer ganze Trabi-Karawanen an den Balaton, um Sonne satt und Westwaren zu genießen. Auch der ungarische Wein erfreute sich großer Beliebtheit bei den Urlaubern. Hartmann genoss jährlich das Wohlwollen seines Betriebes, mit dem er auch diesmal rechnete. Zögerlich klopfte er an die Tür des Meisterbüros.

»Herein!«, dröhnte eine knorrige Stimme von drinnen.

Hartmann betrat das Büro und schloss die Tür. Sein Meister saß an seinem Schreibtisch und blätterte in irgendwelchen Unterlagen. Hartmann räusperte sich, worauf sein Meister zu ihm aufsah.

»Na, Hartmann, was gibt es?«, fragte er freundlich.

»Es ist wegen des Sommerurlaubs.«

»Ach ja. Sie hatten ja Urlaub für den Sommer beantragt. Balaton war das, wenn ich mich recht erinnere.«

Er kratzte sich am Kopf, als müsste er lange überlegen. Dann lachte er.

»Keine Bange, Hartmann. Das geht in Ordnung. Sie können Ihren wohlverdienten Urlaub dort planen. Ich wünsche Ihnen einen schönen Feierabend. Und grüßen Sie Ihre Frau Gemahlin.«

»Vielen Dank, ich werde die Grüße ausrichten. Bis morgen und schönen Feierabend«, sagte Hartmann sichtlich erleichtert. Fast wäre er auf den Spaß hereingefallen.

Hartmann verließ das Büro und ging nach draußen, wo sein Fahrzeug stand. Der Meister grinste. Die Genehmigung für Hartmann hatte er wie in jedem Jahr von ganz oben bekommen. Hartmann war vorher von der Staatssicherheit überprüft und der geplante Urlaub als unbedenklich genehmigt worden. Dadurch dass er parteilos war, stellte er nicht gerade einen Paradebürger der DDR dar. Aber mit seinem Fleiß und seiner Kollegialität machte Hartmann alles wett.

Hartmann trat an seine Schwalbe und löste das Schloss. Er freute sich schon darauf, Dagmar die freudige Botschaft zu überbringen. Er hatte seine Frau während eines FDJ- Zeltlagers kennen gelernt. Abends, während sie sich alle um ein Lagerfeuer sammelten und die Gruppe gemeinsam Lieder zu Gitarrenklängen sang, saß sie plötzlich neben ihm. Sie fror sichtlich, weshalb sie immer näher an Hartmann heranrückte. Irgendwann an dem Abend trafen sich ihre Augen. Und blieben aneinander kleben. Sie lächelten sich an, und Dagmar kroch wortlos in seine warmen Arme. An ihn angelehnt und gewärmt saß sie mit ihm den Rest des Abends am Feuer, und sie sangen. Als es vorüber war und die Jugendlichen in die Zelte sollten, standen sie auf und sahen sich an.

»Danke.«

»Bitte«, stammelte Hartmann und suchte verzweifelt nach Worten.

Dagmar grinste ihn verschmitzt an und sagte: »Ich heiße Dagmar, nur für den Fall, dass du fragen wolltest. Wie heißt du?«

Hartmann errötete leicht. Es war zu seinem Glück dunkel, so dass Dagmar seine Verlegenheit nicht sehen konnte. »Ich bin der Bernd«, stammelte er.

»Ich freue mich, Bernd. Dann schlaf mal schön.« Sie sah ihn keck an und verschwand in der Dunkelheit. In dieser Nacht brachte Bernd kein Auge zu.

Als Dagmar sich am nächsten Morgen zu ihm an den Frühstückstisch setzte, war es um ihn geschehen. Sie hatte sich die langen rötlichen Haare zu einem Seitenzopf gebunden und trug einen roten Hosenanzug mit Latz. Darunter ein weißes Shirt. Ihre Sommersprossen und ihre vollen gleichmäßigen Lippen betonten ihr süßes Lächeln. Sie platzierte das Frühstücksbrett mit Brot, Butter, Marmelade und Tee und setzte sich.

Bernd sah sie nur wortlos an.

Sie sortierte ihr Frühstück auf dem Tablett. Tee rechts hinten, Teller und Besteck vor sich. Links hinten die Butter und die Marmelade. Zufrieden faltete sie die Hände, schaute zu Bernd auf und lächelte. »Morgen. Bist also immer so gesprächig. Dass du sprechen kannst, weiß ich ja von gestern Abend.«

Bernd musste lachen. Das Eis war endgültig gebrochen.

Dagmar lachte ebenfalls.

»Doch, doch. Ich kann sprechen. Wo kommst du her? Ich bin aus Berlin.«

Sie zog die Augenbrauen kurz hoch. Dann legte sie den Kopf schief und lächelte verschmitzt. »Brieselang. Langweilig. Keine so süßen Jungs wie in Berlin.« Sie sah ihn herausfordernd an.

»So was wie dich habe ich aber in Berlin auch noch nicht gesehen. Heute ist Naturkunde auf dem Programm. Wenn du Lust hast…« Hartmann war selbst erstaunt über seinen Mut.

»Wäre ich sonst hier? Ich könnte ja auch den Tag mit den langweiligen Ziegen verplempern, mit denen ich gekommen bin.«

So verbrachten sie schließlich die restliche Zeit im Ferienlager gemeinsam. Am letzten Abend küssten sie sich das erste Mal und versprachen, sich wieder zu sehen.

Hartmann musste grinsen, als er sich daran erinnerte. Er startete die Schwalbe und machte sich auf den Heimweg.

Kapitel 2

In der Bödickerstraße im Stadtteil Friedrichshain stand Aiden Carter mit tief ins Gesicht gezogener Schiebermütze in einem Hauseingang und wartete. Unauffällig gekleidet sah er aus wie jeder andere Bürger der DDR auch. Die Sachen hatte er im Centrum Warenhaus am Alexanderplatz gekauft. Seine alte Bekleidung hatte er in eine Plastiktüte eingewickelt und in einen Müllcontainer entsorgt. Er schaute auf seine Armbanduhr. 18:15 Uhr. Bald musste sie kommen. Wieder fuhr ein Fahrzeug an ihm vorbei. Er senkte seinen Blick, um nicht erkannt zu werden. Als er wieder aufblickte, sah er sie kommen. Mit elegantem Schritt ging sie zielstrebig auf das erste Haus mit den Balkonen zu, ihr Zuhause. Carter wartete, bis sie im Haus verschwunden war, und ging dann langsam los. Den Blick gesenkt erreichte er das Haus und drückte den vierten Klingelknopf von oben, auf dem der Name Otto stand. Dann drückte er die Tür auf und ging ins Treppenhaus. Es roch muffig. In Zweierschritten nahm er die Stufen nach oben. Sie hatte die Tür angelehnt. Sie wusste, dass er heute kam. Carter schaute sich im Treppenhaus noch einmal um und betrat die kleine 2-Zimmer Wohnung. Sie stand im Türrahmen zu ihrem Schlafzimmer und trug nur ein dünnes Negligee.

Carter nahm die Schiebermütze ab, zog seine Jacke aus und hängte beides an einen Garderobenhaken. Dann ging er grinsend auf sie zu. »Du bist einfach atemberaubend, weißt du das, mein Trautchen?« Sie legte den Arm um seinen Hals und zog ihn ganz dicht heran. Er konnte das Parfüm riechen konnte, was Sie aufgelegt hatte.

»Gefall ich dir?«, hauchte sie in sein rechtes Ohr. Sanft streichelte er über ihren nackten Hintern.

»Natürlich«, entgegnete er ihr, bevor er sie küsste und bestimmt ins Schlafzimmer schob.

Nachdem sie sich geliebt hatten, saßen sie beide rauchend auf dem Bett. Sie griff in ihre Nachttischschublade und holte die kleine Kamera hervor.

»Hier ist deine Belohnung«, strahlte sie. Carter nahm die Kamera und wog sie in der Hand.

»So leicht und doch so gewichtig. Gab es Probleme?«

Sie schüttelte den Kopf. »Keine. Ein Kinderspiel. In der Mittagspause gehen alle in die Kantine. Ich bin länger am Platz geblieben, um die Fotos zu machen, während alle beim Essen waren.«

Carter nickte zufrieden. »Gut. Du musst dennoch vorsichtig sein.«

Sie winkte ab, drückte ihre Zigarette in den Aschenbecher und legte ihren Kopf auf seine behaarte Brust. »Bin ich doch. Mach dir keine Sorgen.« Er streichelte ihren nackten Rücken.

Urplötzlich zog er die Decke zur Seite und stand auf.

»Ich muss los. Das Material muss so schnell wie möglich in den Westen.«

Reintraut rollte sich auf den Bauch und sah ihm zu, wie er sich anzog.

»Wann sehe ich dich wieder? Ich habe keine Lust, immer so lange auf dich zu warten.«

Er sah auf und blickte ihr fest in die Augen.

»Bald.« Dann beugte er sich hinunter und gab ihr einen sanften Kuss. »Bald.

Carter verließ das Haus und schlenderte die Straße entlang. Er bemerkte nicht, dass er verfolgt wurde. Er folgte der Straße bis zur Stralauer Allee und bog rechts auf die Eisenbrücke Richtung Treptower Park. Ein Mann kam ihm entgegen und rempelte ihn an.

»Entschuldigung. Keine Absicht«, sagte der Passant und ging weiter.

Die Kamera hatte den Besitzer gewechselt.

Der Verfolger hatte in ausreichendem Abstand die Übergabe bemerkt und gab über ein Funkgerät die Information weiter. Er nahm die Verfolgung des Remplers auf, während Carter der Eisenstraße weiter folgte.

»Nicht festsetzen. Es ist sowieso nur falsches Material auf dem Film zu sehen. Verfolge ihn bis zu seinem Ziel.«

»In Ordnung«, erwiderte der Verfolger. Der Mann ging bis zur Warschauer Straße und stieg dort in ein Taxi.

»Mann ist im Taxi. Stoppe Verfolgung.«

»Gesehen. Wir übernehmen.«

Am Checkpoint Charlie hielt das Taxi. Der Mann stieg aus und ging durch die Kontrolle in den Westen.

»Ist mit dem Paket im Westen. Kümmern uns nun um die Frau. Treffpunkt zur Besprechung in der Zentrale. Ende.«

»Was ist mit dem anderen Mann?«

»Der dürfte auch schon auf dem Weg nach drüben sein. Laufen lassen. Die Frau ist der Schlüssel.«

»In Ordnung. Bin auf dem Weg in die Zentrale. Ende.«

Kapitel 3

Am Geländer des Spreekanals nahe dem Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten in Berlin-Mitte genoss Aiden Carter die warme Frühlingssonne. Den Kopf leicht gesenkt, nahm er eine Schachtel F6 Zigaretten aus seiner Jackentasche und zündete sich ein Stäbchen an. Sein Blick fiel auf das Gebäude. Die moderne Stahlbetonkonstruktion mit seinem pompösen Haupteingang direkt am Spreeufer war Bestandteil des Ostberliner Regierungsbereiches am Marx-Engels-Platz. Daneben stand die Friedrichswerdersche Kirche und das Zeughaus Unter den Linden.

Vor der Tür parkte ein Kastenwagen der Marke Barkas mit laufendem Motor. Carter kannte die Barkas B1000 Fahrzeuge. Sie boten Platz für acht Personen. Zwei auf den vorderen Sitzplätzen, jeweils drei in den hinteren zwei Reihen. Die Fahrerkabine war durch ein Sicherheitsglas von der restlichen Kabine getrennt. Bei den Fahrzeugen im Fuhrpark der Staatssicherheit waren zudem innen die Türgriffe abmontiert, so dass der Wagen nur von außen geöffnet werden konnte.

Carter zog tief an seiner Zigarette und schaute sich unauffällig um. Wieder fiel sein Blick auf den Eingang des Gebäudes, aus dem jetzt ein großer Mann trat. Er trug einen langen Wollmantel und einen Hut. Die Tür aufhaltend schaute er nach links und rechts. Dann blickte er zurück ins Gebäude und nickte. Anscheinend ein Zeichen. Einen Augenblick später kamen ein Mann und eine Frau aus dem Gebäude. Dem Anschein nach wurde die Frau eher geführt, als dass sie freiwillig ging. Carter erkannte sie erst auf den zweiten Blick. Die Männer steuerten sie auf den Kastenwagen zu und drückten die sich hilfesuchend umsehende Frau in den hinteren Teil des Fahrzeugs. Ein Mann setzte sich neben sie, während der Andere die Tür schloss und sich anschließend auf den Beifahrersitz Platz nahm. Der Wagen setzte sich in Bewegung und entfernte sich schnell.

Carter schnippte seine Zigarette in den Fluss und ging in entgegengesetzter Richtung davon. Er musste Kontakt zu seinen Vorgesetzten bei der CIA aufnehmen. Reintraut Otto war soeben von Mitarbeitern der Staatssicherheit verhaftet worden.

Kapitel 4

Die Hitze in Washington war für Anfang Mai fast unerträglich. CIA-Direktor Ross Miller hoffte, dass die Klimaanlage lief, als er das Oval Office im Weißen Haus betrat. Der Präsident hatte seinen Stab zusammen gerufen. Neben dem Berater des Präsidenten waren der Verteidigungsminister, der Stabschef, der oberste General der NATO und der Chef der NSA anwesend. Wie immer wusste Miller nicht, worum es ging. Den Anruf für das Treffen hatte er vor zwei Tagen erhalten. Miller nickte jedem Einzelnen zu, bevor er sich setzte. Der Präsident stand auf und erhob das Wort.

»Guten Morgen, meine Herren. Ich habe sie zusammenkommen lassen, weil es in Europa schon wieder ein Problem gibt. Eine wichtige Agentin in Ost-Berlin ist enttarnt worden. Das ist nun der vierte Fall in kürzester Zeit. Meine Frage lautet: Wie zum Teufel kann es sein, dass unsere Leute ständig auffliegen?«

Die Frage des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Joel Graham, lies Miller leicht zusammenzucken.

»Ich treffe mich nächste Woche mit dem sowjetischen Staatschef und kann nur hoffen, dass es keine unangenehmen Fragen gibt.«

Miller räusperte sich. »Mister President, irgendwo ist ein Loch. Die da drüben wussten von Anfang an Bescheid. Anders kann ich mir das nicht erklären. Unser Kontaktmann, der die Verantwortung für die Betreuung hatte, ist sich sicher, alles korrekt abgeschätzt zu haben. Er hat keinerlei Risiko gesehen, zumal die Informationen, die die Dame zu sammeln hatte, jeden Tag über ihren Schreibtisch liefen.«

»Trotzdem ist sie verraten worden. Wir sitzen hier und können für die Frau nichts machen, weder rausholen noch sonst irgendetwas. Und peinlich ist das für uns auch. Die lachen sich kaputt im Osten, während ihre Spione hier und in den Westsektoren Berlins schalten und walten können, wie sie wollen.«

Präsident Graham beugte sich leicht in Richtung Miller. »Ich will, dass das komplett neu organisiert wird. Wir brauchen dringend die Informationen, was in Ost-Berlin vor sich geht. Wie wir aus ihren Berichten wissen, planen die Sowjets in Afghanistan irgendetwas. Ich erwarte Ergebnisse.«

»Wir werden tun, was in unserer Macht steht, Mister President. Unsere Männer in Kabul, Prag, Moskau und Warschau sind intensiv am Arbeiten. Und für Ost-Berlin finden wir eine Lösung.«

»Ich hoffe es für sie, Miller. Ich hoffe es. Wir können uns solche Pleiten nicht erlauben. Was planen Sie zu tun?«

»Ich werde einen meiner besten Männer nach Europa schicken, um die Angelegenheit persönlich in die Hand zu nehmen. Ich glaube, unser Hauptproblem ist, dass wir zu wenig Personal drüben haben.«

Präsident Graham rieb sich das Kinn.

»Ich hoffe, das funktioniert diesmal. Der Mann soll alles, was bisher dort läuft, in Frage stellen. Gibt es sonst irgendwelche Neuigkeiten?«

Graham sah in die Runde. Miller meldete sich noch einmal zu Wort.

»Die Pakete für Afghanistan sind soweit vorbereitet. Falls die Sowjets aktiv werden, ist dafür gesorgt, dass die Mudschahidin sich wehren können. Auch Pakistan und Saudi-Arabien beteiligen sich an der Unterstützung. Im Stillen hoffen wir natürlich, dass die Sowjets die Füße still halten.«

Der Präsident nickte zustimmend.

»Das hoffen wir alle.«

Dann erhob er sich. Alle Teilnehmer der Besprechung folgten seinem Beispiel.

»Na dann, meine Herren. An die Arbeit.«

Der Dienstsitz der CIA befindet sich seit den 1950er Jahren in Langley, Virginia, einem Vorort nordwestlich von Washington D.C., im sogenannten Langley Research Center. Der Komplex hat keine offizielle Adresse, die dorthin führenden Straßen sind namenlos. Es gibt auch keinerlei Angaben zu der offiziellen Mitarbeiterzahl. Manche schätzen jedoch, dass es sich um 20.000 Menschen handelt, die auf dem circa einen Quadratkilometer großen Gelände arbeiten.

Das Gebäude selbst war ein 180.000m² großer Klotz voll Glas, Beton und modernster Technik. Die CIA galt als der mächtigste Geheimdienst der Welt, gefolgt vom russischen KGB und dem israelischen Mossad.

Mark Madsen las noch einmal den Bericht, den er gerade geschrieben hatte. Zufrieden stand er auf und ging zum Fotokopierer. 5-fache Ausfertigung. Immer dasselbe Spiel.

Er sah auf die Uhr. Noch 10 Minuten bis zur Besprechung mit dem DCI, dem Direktor. Er spürte eine gewisse Anspannung. Das Gespräch konnte alles bedeuten. Eine Beförderung, eine neue Aufgabe. Madsen hatte keinen blassen Schimmer, was ihn erwartete. Er zündete sich eine Zigarette an und verfluchte sich dafür. Schon lange wollte er damit aufhören, hatte es aber bis heute nicht geschafft. Er atmete gierig den Rauch ein und legte sich seine Unterlagen zurecht, die er gleich zu der Besprechung mitnehmen wollte.

Mark Madsen war 37 Jahre alt und ledig. Mit einer Größe von 1,87 m und seinen stahlblauen Augen war er eine imposante Erscheinung. Er war kräftig, hatte aber keinen Gramm Fett am Körper, weil er regelmäßig Sport trieb. Von seiner letzten Freundin hatte er sich vor einigen Tagen getrennt. Sie sahen beide keinen Sinn mehr in der Beziehung, weil Madsen zu viel und zu lange arbeitete. Als Einzelkind aufgewachsen, hatte er noch eine starke Bindung zu seinen Eltern, die in Detroit lebten. Sein Vater, John Madsen, war in der Automobilbranche als Verkäufer tätig, und seine Mutter Meredith verdiente durch einen Job als Reinigungskraft ein wenig dazu. Beide sind über die ganzen Jahre hinaus bescheiden geblieben und haben diese Werte ihrem einzigen Kind vermittelt.

Madsen hatte die High School besucht und war in dieser Zeit ein leidenschaftlicher Eishockeyspieler, was ihm bei den Schulkameraden Beliebtheit und eine gehörige Portion Respekt einbrachte. Seine Körpergröße tat ihr Übriges. Nach der High School ging er direkt zum Militär, wo er sich freiwillig meldete. Nach seiner militärischen Ausbildung wurde er Mitglied der Special Forces, wo er Beobachtern der CIA auffiel. Nach seinem Wechsel in die Agency vor 13 Jahren arbeitete Madsen an einigen geheimen Operationen mit. Dank seiner Fähigkeiten, Menschen zu leiten und seiner rasanten Auffassungsgabe wurde er schnell Führungsoffizier. Seine Arbeit brachte ihn unter anderem nach Santiago de Chile, Luanda in Angola und Rom in Italien. Er sprach fließend Deutsch, Russisch, Spanisch, Farsi und Italienisch.

Er stand in dem Ruf, in brenzligen Situationen immer für eine Überraschung gut zu sein.

Madsen klopfte an die Tür seines Vorgesetzten.

»Herein«, rief CIA-Direktor Ross Miller.

Madsen trat ein. Miller stand auf und ging um den Schreibtisch, um seinen Gast die Hand zu schütteln.

»Hallo Madsen, kommen Sie. Setzen Sie sich. Kaffee?«

Madsen nickte, während er sich vor dem imposanten Schreibtisch Platz nahm. Der Direktor stellte Madsen und sich eine Tasse Kaffee bereit und setzte sich ebenfalls. Madsen sah eine Akte mit dem ihm wohlbekannten Aufdruck ´Top Secret´ auf dem Schreibtisch liegen. Beide tranken einen Schluck Kaffee, bevor Miller das Wort ergriff.

»Ich habe Sie zu diesem Gespräch gebeten, weil ich einen wichtigen Job für Sie habe. Ganz ehrlich gesagt, traue ich diese Aufgabe keinem anderen Agenten zu. Sie haben Erfahrung, sind zielstrebig und arbeiten sehr Ergebnisorientiert. Alle bisherigen Aufgaben haben Sie zu unserer vollsten Zufriedenheit erledigt. Es gibt einen kleinen Haken an der neuen Aufgabe: Sie sind wahrscheinlich für mehrere Jahre in Europa stationiert. Hätten Sie ein Problem damit?«

Mark Madsen musste nur kurz überlegen. Eigentlich passte das alles gut ins momentane Bild, was sein Leben anging. Er wohnte in einer von der CIA zur Verfügung gestellten Wohnung in einem Vorort von Washington, die er problemlos aufgeben konnte, und fühlte sich trotz seines Alters noch zu jung, um seine Zelte an einem festen Ort aufzuschlagen.

»Kein Problem, Sir. Ich bin ungebunden.«

Er trank einen Schluck und wartete gespannt auf die weiteren Informationen, die folgen sollten.

»Ausgezeichnet. Dann nehmen Sie bitte diese Akte und lesen sich alles genau durch.«

Der Direktor schob ihm das Papier zu.

»Es geht nach Deutschland. Genauer gesagt Berlin. Wir haben dort das Problem, dass wir aktuell keinen Agenten dort haben. Es fließen keine Informationen mehr. Die letzte Agentin, die uns mit Fakten versorgt hat, saß im Auswärtigen Amt und wurde am 25.April von der Staatssicherheit verhaftet. Keiner weiß, was mit ihr ist und was dort geschieht. Der Präsident will, dass die dortige Situation sich ändert und alles komplett neu organisiert wird. Wir brauchen dringend Informationen, was in Ost-Berlin vor sich geht. Die Sowjets planen in Afghanistan irgendetwas, im schlimmsten Fall eine Invasion.«

»Wir scheinen dort wirklich kein Glück zu haben. Ich erinnere mich grob an den Fall, wo der Tunnel unter der Friedrichstraße aufgeflogen ist. Das war schon mächtig peinlich für uns, zumal Chruschtschow das damals richtig ausgeschlachtet hat.«

»Richtig. Das Problem zieht sich wie ein roter Faden durch die letzten 20 Jahre. Und Sie sollen das ändern. Sie sind ein fähiger Mann, was Sie in Ihren letzten Auslandseinsätzen mehrfach bewiesen haben. Ich baue auf Sie. Lesen Sie die Akte, analysieren Sie die Situation und bauen Sie die Strukturen dort neu auf. Wir arbeiten hier derweil an Ihrer Legende, damit Sie sowohl im Westteil als auch im Ostteil der Stadt keine Probleme haben. Sie bekommen feste Partner, die Sie unterstützen, wo sie können. Ich bin davon überzeugt, dass Sie genau der richtige Mann dafür sind.«

Miller sah Madsen prüfend an.

»Was meinen Sie? Wie lange brauchen Sie für Ihre erste Analyse?«

Madsen warf einen prüfenden Blick auf die Akte.

»Ich mache mich gleich an die Arbeit. Ich denke, ich brauche eine Woche.«

»Gut, dann treffen wir uns in einer Woche wieder hier.«

Der Direktor stand auf und kam um den Schreibtisch, um Madsen zur Tür zu geleiten. Madsen erhob sich ebenfalls, nahm die Akte und ging mit dem Direktor zur Tür.

»Wie gesagt, ich bin fest davon überzeugt, dass Sie einiges bewegen können. Ich freue mich schon auf das nächste Gespräch.«

Die Männer schüttelten sich die Hände, und Madsen verließ das Büro. Miller ging an seinen Schreibtisch und nahm den Hörer vom Telefon. Er wählte eine Nummer. Die Gegenstelle hob ab.

»Miller hier. Die Aktion läuft an. Ich brauche eine Auflistung aller für uns in Europa tätigen Agenten sowie deren Standorte und aktuellen Aufgaben. Und bestellen Sie bitte den Leiter unserer Vertretung aus West-Berlin nach Langley. Ich will den Mann nächste Woche hier haben.«

Miller legte auf und setzte sich an den Tisch. Er sah auf das Bild seiner Familie und seufzte. Hoffentlich artet das nicht in einen neuen Krieg aus, dachte er. Diese verdammten Sowjets.

Madsen hatte die Akte einige Tage studiert. Er steckte sich eine Zigarette an und zog nachdenklich an der Kippe. Die Situation in Berlin war in der Vergangenheit wirklich nicht gut. Agenten wurden überhastet angeworben und unorganisiert losgeschickt. Keine Spur vom Agenteneinmaleins. Er wunderte sich überhaupt nicht, dass das immer wieder schief ging. In seinen Augen wurde sogar leichtfertig mit Menschenleben gespielt. Das würde er auf jeden Fall ändern. Die Anwerbung sollte in Zukunft mit einer guten Schulung einhergehen, ein Spezialist den Kandidaten aussuchen. Ein weiterer CIA-Mann sollte als Agentenführer regelmäßige Kontakte herstellen. Auch die Übermittlung der Nachrichten musste umorganisiert werden. Es war in der Tat eine Menge Arbeit, die ihn erwartete. Aber Madsen hatte bereits einen Plan ausgearbeitet, den er dem Direktor vorstellen wollte.

In der darauffolgenden Woche herrschte im Büro des CIA-Direktors Aufbruchsstimmung.

Madsen hatte umfangreich seinen Plan präsentiert. Miller nickte zufrieden. Aber auch er hatte einige Überraschungen für Madsen parat.

»Ich habe hier folgende Kontakte für Sie, die genau in Ihr Konzept passen. Zum einen unsere Vertreter in Berlin, West wie Ost. Sie werden als Vermittler zwischen beiden Vertretungen arbeiten, so dass Sie, wenn es notwendig werden sollte, fast unproblematisch in den Staaten hin- und herreisen können.«

Miller schob ihm zwei Akten über den Tisch. Madsen schaute kurz hinein, um festzustellen, dass es sich um die Personenbeschreibungen der beiden Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik handelte. Madsen musste anerkennend nicken.

»Noch etwas. Ich habe bereits ein Treffen mit Siegfried Heine arrangiert, der Ihnen bei der Anwerbung behilflich sein soll. Ich nehme an, Sie kennen ihn?«

»Ja, ich hatte in Italien mit ihm zu tun. Mehrfach, er hatte einen guten Eindruck hinterlassen. Ich sehe, Sie nehmen nur die am besten ausgebildeten Leute für diese Aufgabe.«

Miller fühlte sich ein wenig geschmeichelt.

»Heine wird Ihnen helfen, einen Agenten anzuwerben und auch auszubilden. Sie sollen ja möglichst nicht in Erscheinung treten. Sozusagen im Hintergrund die Strippen ziehen. Dann ist da noch vom US-Hauptquartier im Berliner Stadtteil Zehlendorf in der Clayallee der U.S. Commander Major General Thomas D. Phillips. Phillips kann Ihnen mit seinen guten Kontakten helfen. Passen Sie allerdings auf, dass er Ihnen nicht das Heft aus der Hand nimmt. Er hat gerne die Kontrolle über alles. Er ist informiert und wird Ihnen jederzeit zur Verfügung stehen.«

Madsen nickte anerkennend. Die Sache musste echt brennen, wenn schon der Direktor persönlich zuarbeitete. Miller trank einen Schluck Kaffee. Als er die Tasse absetzte, sah er Madsen gespannt an.

»Ihr Flug ist bereits gebucht. Sie sind bereits in der nächsten Woche in Europa. Ich hoffe, dass macht Ihnen nichts aus. Aber die Dringlichkeit der Angelegenheit…..«

Madsen winkte lächelnd ab. Er war bereit, diese Aufgabe so schnell wie möglich anzutreten. Sie reizte ihn sehr.

»Schon in Ordnung. Ich habe sowieso nichts weiter vor«, war seine ehrliche Antwort.

Kapitel 5

Siegfried Heine rührte in seinem Kaffee und schaute immer wieder zur Uhr. Wo bleibt er nur, dachte er und schaute sich besorgt um. Draußen begann es zu regnen. Viele Menschen spannten ihre Schirme auf, um sich vor dem warmen Frühsommerregen zu schützen. Es war zurzeit viel los in Wien. Die Urlaubszeit brach an und brachte regelrechte Besucherströme in die Stadt. Wohin man auch sah, es wimmelte von fotografierenden Touristen. Die Museen waren so voll, dass sich Schlangen an den Kassen bildeten. Die Wiener Kutschfahrer machten das Geschäft Ihres Lebens. Die Luftballonverkäufer am Prater ließen die Herzen der Kinder höher schlagen. Mit dem einsetzenden Regen strömten die Menschen nun über die Franzensbrücke über dem Donaukanal in Richtung Innenstadt.

Heine genoss es, in den kleinen Cafés seiner Heimatstadt die Touristen zu beobachten. Menschen verschiedenster Couleur in jedem Alter waren hier zur Sommerzeit vertreten. Touristen aus den USA, Studenten aus ganz Europa. Alles trifft sich in Wien, stellte er stolz fest. Während er seine Tasse Kaffee austrank, betrat ein hochgewachsener Mann das Café. Heine erkannte ihn. Er sieht müde aus. Bestimmt der Jetlag, dachte Heine. Er hob die Hand und winkte den Mann zu seinem Tisch.

Mark Madsen war in der Tat müde. Nach intensiven Vorbereitungen war er gestern Abend in Wien gelandet. Nach einem ausgedehnten Abendessen hatte er versucht, früh zu schlafen, fand aber keine Ruhe und lief lange Zeit rauchend im Hotelzimmer auf und ab. Madsen wollte noch am heutigen Tag nach West-Berlin fliegen, um dort noch ein wenig auszuruhen, bevor er mit aller Kraft seiner neuen Aufgabe nachging.

Er schaute sich kurz um, entdeckte Heine und ging zielstrebig auf den Tisch zu. Heine stand auf und reichte Madsen die Hand.

»Hallo Mark, schön dass du da bist.« Madsen ergriff die Hand und lächelte den Österreicher an.

»Hallo Siegfried, ich hoffe, ich habe dich nicht zu lange warten lassen. Es ist ganz schön was los in der Stadt.«

Die Männer setzen sich.

»Ja, der Sommer steht vor der Tür. Die Urlaubszeit bricht an, und ich glaube nicht, dass es in den nächsten Monaten anders wird. Ich genieße es, die vielen Menschen zu beobachten. Aber reden wir von dir. Ich freue mich wirklich sehr, dich zu sehen. Ist hier alles in Ordnung? Hotel? Restaurants? Wenn du Hilfe brauchst, sag es mir einfach.«

Madsen winkte ab.

»Alles bestens. Wirklich. Ich fliege sowieso heute noch nach Berlin.«

Der Kellner kam und nahm ihre Bestellung auf. Heine orderte einen weiteren Kaffee, während der US-Amerikaner einen Cappuccino wählte. Als der Kellner sich entfernte, kam Madsen zur Sache.

»Unsere Leute sind sehr unruhig. Nicht nur, dass bei den Sowjets irgendetwas vor sich geht, auch unsere Agenten in der DDR fliegen neuerdings reihenweise auf. Deswegen bin ich hier. Du hast die Aufgabe, einen neuen Agenten, möglichst in der Nähe von Berlin wohnend, zu rekrutieren. Tarne das Ganze als Urlaub. Reise nach Ungarn oder Bulgarien. Finde jemanden, bilde ihn ordentlich aus und dann informiere uns. Den Rest machen wir wieder. Du hast in der Vergangenheit schon mehrfach deinen guten Instinkt bewiesen, wenn es um das Anwerben geht. Die Kosten trägt wie immer die Firma.«

»Was geht denn in der UdSSR vor? Kannst du mir Näheres sagen?«

Madsen trank einen Schluck und nickte.

»Unsere Leute in Moskau erzählen von enormen Truppenbewegungen. Die offizielle Verlautbarung deutet auf Manöver-Vorbereitung. Allerdings ist es im Nachbarstaat Afghanistan momentan auch sehr unruhig. Unsere Analytiker sehen einen Zusammenhang. Bislang haben sich die Sowjets zurückgehalten, obwohl der afghanische Regierungschef ihnen dauernd in den Ohren liegt und Unterstützung anfordert. Seit der Ermordung Mohammed Daoud Khans und seiner Familie gleicht Afghanistan einem Pulverfass. Die CIA unterstützt seit Jahren die Revolution, um die Demokratie und westliche Denkweise durchzusetzen. Mit einer vermeintlichen Einflussnahme der Sowjets wäre unsere jahrelange Arbeit zerstört. Deswegen brauchen wir so viele Informationen wie möglich. Wo bewegt der Russe etwas, werden Truppen verlegt? Das ist die große Frage. Unsere Analytiker übernehmen dann den Rest.«

»Was hat der Neue für Aufgaben?«

»Er soll lediglich beobachten. Er soll hier und da mal einen Blick auf die sowjetischen Stützpunkte werfen und melden, was auffällig ist. Eventuelle Truppenbewegungen, Mannschaftstärken, Fahrzeuge zählen und so weiter. Wir wissen beide, wie stark die sowjetischen Truppen an der deutsch-deutschen Grenze vertreten sind. Aber im Grunde genommen steckt hinter den Aufgaben nichts Wildes, völlig ungefährlich. Der Mann begibt sich also keinesfalls in Lebensgefahr oder bekommt irgendwelche Mordaufträge. Dafür haben wir Spezialisten. Das Ganze läuft unter dem Codenamen Heinz Friedrich.«

Heine nickte.

»Da sehe ich kein Problem, etwas Passendes zu finden. Ich melde mich bei dir, sobald ich zurück bin.«

Die Männer tranken ihren Kaffee aus. Als Heine zahlen wollte, winkte der Amerikaner ab.

»Geht auf Kosten der Firma.«

Er stand auf und schüttelte Heine die Hand.

»Viel Glück, Siegfried. Wir brauchen dringend Leute in Ost-Berlin, also versuche alles in deiner Macht Stehende, um neue Agenten auszubilden. Und vergiss bitte nicht, dass die Sache unserem Präsidenten sehr am Herzen liegt.«

Heine nickte.

»Keine Bange. Du sollst einen gut ausgebildeten Mann bekommen. Und danach suche ich weitere Kandidaten.«

Madsen drehte sich um und ging zur Theke, bezahlte und verließ anschließend das Cafe. Heine wartete einen Moment und ging dann ebenfalls.

Vor der Tür sog er die warme Frühlingsluft ein. Es wird Sommer, dachte er. Herrlich.

Kapitel 6

Nachdem er eine Nacht in einem Hotel verbracht und sich richtig ausgeschlafen hatte, checkte er aus und rief sich ein Taxi, dass ihn zur US-Vertretung in der Clayallee bringen sollte. Er war in der Vertretung offiziell als Vermittler für die neu eröffnete amerikanische Botschaft in Ost-Berlin angemeldet. Die reguläre US-Botschaft befand sich in Bonn, der Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland. Die neue Botschaft befand sich in der Neustädtischen Kirchstrasse, direkt in Berlin-Mitte. Sie durfte sich wegen des 4-Mächte-Status Berlins nur Botschaft bei der DDR nennen. Durch die Tarnung als Botschaftsmitarbeiter konnte Madsen zwischen den Staaten reisen, ohne auffällig zu wirken. Als Madsen das Taxi bezahlt hatte und ausgestiegen war, sah er sich erst einmal um. Dann betrat er das Botschaftsgelände. Madsen zeigte am Eingang seinen Ausweis und ließ sich beim offiziellen Vertreter der Vereinigten Staaten vom Amerika in West-Berlin, Jonathan Brinks, anmelden. Eine Sekretärin des Vertreters holte ihn am Eingang ab und stellte sich als Darlene vor. Madsen fand sie sehr attraktiv. Zusammen stiegen sie in den Fahrstuhl, der im dritten Stockwerk hielt. Die Sekretärin führte ihn in das Büro des Vertreters. Madsen stellte seinen Koffer ab und ging auf den Schreibtisch zu. Jonathan Brinks war ein kräftig beleibter Mann, der allerdings einen sehr flinken Eindruck machte. Er kam erstaunlich schnell um den Schreibtisch herum, um Madsen die Hand zu schütteln.

»Herzlich willkommen in Berlin. Bitte setzen Sie sich.«

Die Sekretärin schüttete beiden Männer Kaffee aus einer Kanne ein und zog sich zurück. Dabei nahm sie den Koffer von Madsen mit.

»Wir haben Ihr Büro und Ihre Wohnung fertig. Ich hoffe, Sie werden sich wohlfühlen bei uns. Sind Sie mit der aktuellen politischen Situation vertraut?«

»Ich hatte ein intensives Briefing, bevor ich über Wien hierher kam.«

»Wunderbar. Dann brauche ich nicht lange reden und Sie können sich in die Arbeit stürzen.«

Brinks nahm einen Schluck Kaffee aus der mit der US-Flagge verzierten Tasse und fuhr fort.

»Offiziell treten Sie als Vermittler zwischen den Botschaften in West- und Ost-Berlin auf. Entsprechende Papiere liegen in Ihrem Schreibtisch. Sie haben dadurch unbegrenzten Zugang in den Ost-Sektor der Stadt. Der Botschafter drüben heißt Seymour Wallace, ein angesehener Diplomat, der schon in Botschaften in Prag und Moskau gearbeitet hat. Sie sollten sich als erstes mit ihm treffen. Wenn Sie wünschen, lasse ich einen Termin für Sie vereinbaren.«

»Sehr gerne«, erwiderte Madsen. »So kann ich mir die Örtlichkeiten direkt anschauen. Vielleicht kann er eine kleine Rundfahrt durch Ost-Berlin organisieren. In West-Berlin war ich schon einmal, ich denke, dass ich mich hier zurecht finde.«

»Mal sehen, was sich machen lässt. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg mit Ihrer neuen Aufgabe. Meine Sekretärin wird Ihnen nun alles zeigen.«

Die Männer standen auf. Wie auf Kommando kam die Sekretärin herein.

»Darlene, bitte zeigen Sie Mister Madsen alles, was er hier kennen muss.« Brinks reichte Madsen die Hand.

»Wenn Sie Probleme haben, melden Sie sich einfach. Ich habe Order, Ihnen zu helfen, wo ich kann.«

Madsen nahm die Hand und bedankte sich.

»Es ist gut zu wissen, dass man Unterstützung hat.«

Darlene führte ihn in sein neues Büro, welches abgeschlossen war. Sie überreichte ihm die Schlüssel, nachdem sie aufgesperrt hatte. Madsen pfiff erstaunt durch die Zähne. Ein Personal-Computer von IBM thronte massiv auf dem im rechten Winkel angeordneten Schreibtisch. Eine dicke Akte mit dem Vermerk `Top Secret` lag auf dem Tisch. Von Notizzetteln bis hin zu Heftklammern und einem Telefon war alles vorhanden, was ein modernes Arbeitszimmer haben musste.

»In der Akte finden Sie alles über die Mitarbeiter hier und in der DDR. Für den Zugriff auf die Datenbanken können Sie Ihr bisheriges Passwort benutzen. Sie sind über eine sichere Leitung direkt mit Langley verbunden. Das gilt auch für das Telefon. Zudem gibt es einen abhörsicheren Raum im Keller für Konferenzen für bis zu 10 Personen, der Ihnen bei Bedarf zur Verfügung steht.«

Sie zeigte nach draußen auf den Flur.

»Dort drüben finden Sie eine kleine Bar mit Kaffee und kalten Getränken, die rund um die Uhr geöffnet ist. Im Erdgeschoss gibt es eine kleine Kantine, wo täglich zwei Mahlzeiten zur Auswahl stehen. Im Keller haben wir Ihnen ein kleines Zwei-Zimmer-Appartement eingerichtet. Der Schlüssel ist mit dem Schlüssel für Ihr Büro identisch. Es ist die Zimmernummer 34. Ihr Koffer ist bereits dort.«

Sie lächelte. Madsen nickte anerkennend.

»Tja, herzlich willkommen und viel Spaß im neuen Job. Wenn Sie Fragen haben, wissen sie, wo Sie mich finden. Eine Telefonliste liegt in der Schreibtischschublade. Ich heiße Kennedy mit Nachnamen.«

Darlene sah ihn lächelnd an und verschwand. Madsen schloss die Bürotür und hängte seine Jacke an einen Kleiderhaken hinter der Tür.

Nach einer kurzen Inspektion der Schreibtischschubladen und der routinemäßigen Suche nach Wanzen holte er sich einen Kaffee und begann, die Akte zu durchstöbern.

Später betrat er seine kleine Wohnung im ersten Stockwerk. Klein war noch untertrieben in dem Fall. Es gab einen Miniraum, in welchem ein Sessel, ein Tisch sowie ein Fernsehgerät standen. Das Schlafzimmer war etwas größer. Es war sogar Platz für einen geräumigen Kleiderschrank. Das Bett sah sehr bequem aus und hatte mindestens 1,40 Meter Breite. Sein Koffer war schon leer oben auf dem Schrank platziert. Madsen öffnete die linke Schranktür und pfiff durch die Zähne. Die Hemden und Sakkos sowie seine Lederjacke waren ordentlich auf Kleiderbügel gehängt worden. Er öffnete die rechte Hälfte des Schrankes und nickte anerkennend. Darlene war anscheinend ein Engel. Hosen, Pullover, Unterwäsche sowie seine Schuhe waren ordentlich im Schrank eingeräumt und zwar zweckmäßig. Oben die Pullover, in der Mitte die Hosen und dann folgten die Unterwäsche und die Schuhe. Madsen schloss die Schranktüren und ging zum Badezimmer. Es war ebenfalls nicht sehr geräumig. Ein Waschbecken, eine Toilette und eine Dusche. In einem kleinen Spiegelschrank über dem Waschbecken waren seine Toilettenartikel eingeräumt. Madsen drehte sich einmal um sich selbst.

»Mehr passt auch nicht hier rein«, murmelte er. Es klopfte an der Tür. Madsen öffnete und erblickte Darlene.

»Ich wollte mich nur kurz erkundigen, ob alles in Ordnung ist?«, fragte sie lächelnd.

Madsen lächelte zurück.

»Alles wunderbar. Vielen Dank für das Einräumen meiner Kleidung.«

Darlene sah verlegen nach unten.

»Ich hoffe, Sie nehmen mir diesen kleinen Eingriff in Ihre Privatsphäre nicht übel. Es ist halt mein Job, dafür zu sorgen, dass alles bestens ist.«

»Nein, natürlich nicht. Ist schon ok. Sieht jedenfalls sehr ordentlich aus bei mir. Mal sehen, wie lange ich diesen Zustand aufrechterhalten kann.«

Madsen grinste schelmisch und fuhr dann fort.

»Darf ich mich vielleicht mit einem Essen revanchieren? Ich kenne mich ja noch nicht so aus und würde gerne mal etwas typisch Deutsches essen.«

Darlene strahlte.

»Sehr gerne. An welche Zeit dachten Sie?«

Madsen sah auf seine Uhr.

»Gleich? Ich habe schrecklichen Hunger.«

Darlene sah nicht nur phantastisch aus, sie war auch noch ein sehr angenehmer Gesprächspartner. Madsen erfuhr, dass sie in Deutschland hängen geblieben war, obwohl ihr hier stationierter Vater mitsamt der restlichen Familie längst wieder in die USA zurückgekehrt war.

»Die Liebe«, erklärte Darlene verlegen, als sie seinen fragenden Blick bemerkte. »Ich hatte gedacht, er wäre es. Der Mann fürs Leben. Aber ich habe gemerkt, dass ich mich getäuscht hatte. Es gab noch andere Frauen neben mir. Seitdem bin ich alleine und immer noch hier in Berlin. Mir gefällt es hier. Die Menschen sind auf ihre Art etwas Besonderes. Und es gibt nichts Schöneres im Sommer, als an einen der vielen Seen hier in der Umgebung baden zu gehen. Und was ist mit Ihnen, Mark? Was hat Sie bewegt, hierher zu kommen? So ganz alleine.«

Sie lächelte ihn fragend an. Mark stellte fest, dass er sich in ihrer Gegenwart sehr wohl fühlte. Er trank einen Schluck von dem deutschen Bier und lächelte zurück, darauf bedacht, seine makellose Zahnreihe zu zeigen.

»Der Job. Meine Ungebundenheit macht es möglich. Wissen sie Darlene, es fällt mir schwer, mein bisheriges Dasein zu erklären, aber ich kann es mal versuchen. Selbstverständlich gab es hier und da mal jemanden. Aber mein Job und die vielen langen Reisen haben Konkreteres verhindert. Auf der anderen Seite genieße ich meine Unabhängigkeit. Ich kann meine Seele baumeln lassen, wann ich will und wenn ich es brauche. Das ist für mich unbezahlbar.«

Darlene grinste spitzbübisch.

»Aber wenn es passiert dann passiert es. Ist das die Philosophie Ihres Lebens?«

»Gute Frage. Die habe ich mir noch nicht gestellt. Zum Glück kann man nicht in die Zukunft blicken.«

Madsen trank sein Bier aus und suchte nach dem Kellner. Er fand ihn und hob den Arm, um ihn herbeizurufen.

»Lassen Sie uns zahlen und zurückgehen, Darlene. Es war sehr nett mit Ihnen. Wirklich. Aber ich habe noch ein wenig zu tun. Ich bitte um Ihr Verständnis.«

Darlene nickte.

»Auch wenn das jetzt sehr plötzlich endet, können wir das gerne wiederholen. Ich mag Sie, Mark. Und das, obwohl ich Sie erst seit ein paar Stunden kenne. Ich verlange eine Wiederholung. Und lassen Sie mich nicht zu lange warten. Ich bin Sternzeichen Löwe. Und wehe, ich brülle.«

Sie lachte und trank ihr Glas Rotwein aus. Der Kellner kam, und Madsen zahlte. Anschließend verließen sie das Lokal und gingen zur Vertretung zurück.

Kapitel 7

Seymour Wallace war genau so, wie Madsen sich ihn vorgestellt hatte. Weltmännisches Auftreten, gepaart mit einer aristokratischen Ausstrahlung. Der drahtige Mann hatte zum ersten offiziellen Treffen mit Madsen einiges vorbereitet.

»Herzlich willkommen in Ost-Berlin. Ich hoffe, Sie gewöhnen sich schnell ein und genießen Ihre neue Aufgabe. Es ist uns hier in der Botschaft ein großes Anliegen, einen Beitrag zur Verständigung der Völker zu leisten. Als erstes möchte ich Ihnen ein wenig von der Stadt zeigen. Sie werden erstaunt sein, wie modern und fortschrittlich hier alles ist.«

Mit einem Zwinkern zeigte der Botschafter auf den Ausgang. Gemeinsam gingen Sie ins Erdgeschoss und auf die Straße. Sie stiegen in ein Fahrzeug, das bereits mit laufendem Motor wartete. Als der Wagen fuhr, wandte sich Wallace an Madsen.

»Verzeihen Sie diesen theatralischen Auftritt. In der Botschaft werden wir komplett abgehört. Das gegenüber liegende Gebäude ist zur Hälfte von der Staatssicherheit angemietet, und die sitzen dort den ganzen Tag und lauschen mit Richtmikrofonen. Einzig hier im Fahrzeug können wir frei sprechen. Der Wagen wird dreimal täglich nach Wanzen untersucht.«

Madsen nickte anerkennend.

»Ich bin erfreut, mit Profis arbeiten zu dürfen. Zu meinem Plan. Ich habe vor, einen neuen Agenten anzuwerben. Dieser soll möglichst aus Ost-Berlin kommen. Ich werde wegen der Kommunikation einen toten Briefkasten in West-Berlin und in Nürnberg installieren, wohin dieser Agent seine Informationen senden soll. Die ganze Aktion ist von Washington abgesegnet. Ich werde bei Ihnen in der Botschaft nur ab und an erscheinen. Ich brauche allerdings, um den Schein zu wahren, alle offiziellen Termine, an denen ich versuche teilzunehmen. Da hoffe ich auf Ihre Unterstützung.«

Seymour lächelte Madsen an.

»Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass ich lange genug dabei bin, um zu wissen, worum es geht. Meine Unterstützung haben Sie, aber Sie werden nicht so viele Termine haben. Das gesellschaftliche Leben hier hält sich in Grenzen. Oh, sehen Sie nur. Kennen Sie schon die so hoch gelobten Plattenbauten von Erich Honecker?«

Seymour zeigte aus dem Fenster.

»Wir sind hier in Hohenschönhausen. Ich glaube, ich habe in meinem Leben noch nie so etwas Hässliches gesehen«, brummte Seymour.

»Willkommen in der DDR.«

Kapitel 8

Die Sonne schien bereits den ganzen Tag. Das Thermometer zeigte 29°C Grad an. Es wehte ein leichter Wind, der von den am Nordrand des Plattensees wachsenden Mandelbäumen abgeschwächt wurde.

Heine beobachtete das gestern eingetroffene Paar schon den ganzen Vormittag. Gegen Mittag stand fest, dass er es versuchen wollte. Beide waren offenbar kinderlos, zudem scheinen sie ohne Freunde angereist zu sein.

»Schatz, wollen wir eine Runde schwimmen gehen?«, hörte er den Mann die Frau fragen.

Die Frau war schlank, mit einem wohlgeformten Po und kleinen festen Brüsten. Ihr langes rötliches Haar trug sie zu einem Zopf geflochten. Heine schätzte sie auf Ende Zwanzig. Sie war gut einen Kopf kleiner als ihr etwas älterer Mann.

»Gerne«, sagte sie lächelnd und stand von ihrer Liege auf.

Zusammen gingen sie zum See hinunter und tasteten sich langsam ins Wasser. Die Frau war schneller in dem kühlen Nass und fing an, den zögerlichen Mann zu bespritzen.

Heine folgte Ihnen ins Wasser. Vielleicht ergab sich eine Möglichkeit der Kontaktaufnahme.

»Na warte, das gibt Rache.«

Der Mann sprang seiner Frau entgegen und die beiden tollten gedankenlos herum wie zwei Frischverliebte. Die anderen Urlauber, die ebenfalls im Wasser waren, entfernten sich sicherheitshalber von den beiden. Heine paddelte genau neben dem ausgelassen Paar vor sich hin. Er spürte plötzlich ihre Fingernägel an seinem Arm. Die Gelegenheit!

»Hey, passen Sie doch auf. Sie haben mich gekratzt.«

»Entschuldigung«, entgegnete die Frau.

Die beiden hörten sofort auf mit ihren Spielchen und folgten Heine, der nun langsam zum Ufer ging.

»Ist es schlimm?«

»Halb so wild. Ich habe mich nur erschrocken. Nur ein kleiner unbedeutender Kratzer.«

Die Frau ließ nicht locker.

»Zeigen Sie mal her.«

Sie stand nun neben dem etwas rundlichen Mann.

»Hier«, zeigte er.

Da waren in der Tat zwei kleine, ganz leicht blutende Kratzer von den Fingernägeln. Die Frau nahm die Wunden in Augenschein und entschuldigte sich nochmals bei dem Mann, der nun lächelte. Der Ehemann kam hinzu und schaute neugierig auf Heines Arm.

»Alles halb so wild. Ich habe mich nur erschrocken. Sie können mich ja auf ein Gläschen Rotwein einladen. Dann heilt es schneller.«

Der Mann lachte nun. Das Paar musste auch lachen, allerdings mehr vor Erleichterung.

»Mein Name ist Siegfried, ich bin alleine hier im Urlaub. Gegen ein bisschen Gesellschaft hätte ich nichts einzuwenden. Ich hoffe, ich bin nicht zu aufdringlich.«

Der Mann übernahm nun das Gespräch.

»Wenn Sie Lust haben, können wir heute Abend gerne ein Gläschen zusammen trinken. Wir sind Dagmar und Bernd.«

Bernd reichte ihm die Hand, die der korpulente Mann annahm.

»Wo kommen Sie her? Ihr Dialekt kommt mir bekannt vor.«

»Ich bin Österreicher. Aus Wien. Und ihr beide?«

»Aus Berlin. Deutsche Demokratische Republik. Wir zelten hier. Gleich dort hinten.«

Bernd zeigte in die Richtung, wo ihr Zelt neben dem Trabant stand.

»Dann kommen sie heute Abend zu mir. Ich habe hier in der Nähe ein kleines Häuschen gemietet. Sie können gerne zum Essen kommen. Ich habe alles da, was man für ein leckeres Abendessen braucht. Nur Gesellschaft fehlt noch.«

Dagmar lächelte.

»Klar. Wir kommen gerne. Wann sollen wir da sein?«

»So gegen 19 Uhr?«

Der Wiener beschrieb den beiden den Weg zu seinem Ferienhaus.

»Sie können es gar nicht verfehlen. Dann also bis um Sieben. Ich freue mich.«

Heine nahm sein am Strand liegendes Handtuch und ging. Das ist wirklich ausgezeichnet gelaufen, dachte er.

Dagmar und Bernd sahen sich an.

»Scheint sehr nett zu sein«, sagte Bernd.

»Ein Freund aus dem Westen kann auch nicht schaden. Haben wir noch gar nicht gehabt.«

Beide gingen zurück ins Wasser, um noch ein wenig zu schwimmen.

Am Abend begab sich das Pärchen zu dem Ferienhaus. Bernd hatte noch einen Kanister Rotwein besorgt, den er mitnahm. Die Tür stand offen, der Österreicher erwartete sie bereits.

»Hallo. Schön, dass sie gekommen sind«, begrüßte sie der gemütliche Wiener.

»Kommen Sie rein.«

Sie betraten das Haus und sahen sich neugierig um. Die Wohnung bestand aus 2 Schlafzimmern im oberen Geschoss, einer kleinen Küche, einem Wohnraum mit TV sowie einem Bad.

Die Ausstattung war eher schlicht gehalten. Ein Stoffsofa in Beige, ein Schrank aus Birkenholz. Die Gardinen in den bunten Farben der frühen Siebziger. In der Küche sorgte ein Durchlauferhitzer für warmes Wasser. Der Fußboden war komplett mit einem grauen Teppich ausgelegt, der schon einige Gebrauchsspuren zeigte.

»Wir essen hinten auf der Terrasse. Ich habe bereits gedeckt. Das Essen ist auch schon im Ofen. Es dauert noch eine Viertelstunde, denke ich.«

Sie gingen durch die Wohnung zur Terrasse. Dort stand ein runder, weißer Tisch, der mit einer bunten Plastiktischdecke bedeckt war. Gedeckt war für drei Personen. Um den Tisch standen vier Plastikstühle, von denen drei mit einem Sitzkissen ausgestattet waren. Dagmar sah sich fasziniert um. Der Sichtschutz bestand aus einer zwei Meter hohen Hecke. Einige lieblos positionierte Blumentöpfe aus Kunststoff fielen ihr auf. Sie sah Bernd an und verdrehte die Augen.

»Ist sehr schön hier. Und ziemlich groß. Hier sind Sie ganz alleine?«

Bernd warf Dagmar einen bösen Blick zu. Wie immer war seine Frau sehr direkt. Der Österreicher nahm es anscheinend gelassen.

»Wissen Sie, ich bin schon alleine. Meine Frau hat mich vor 5 Jahren wegen eines Gigolos verlassen. Da kann man nichts machen. Aber deswegen muss ich ja nicht unbedingt zelten. Das ist mir zu unbequem. Hier habe ich durch den Fernseher noch zusätzliche Unterhaltung, obwohl ich von dem Gefasel kein Wort verstehe. Meistens lese ich nebenbei. Ich habe mir ein paar Romane mitgebracht.«

»Entschuldigen Sie bitte, wir wollten ihnen nicht zu nahe treten.«

Bernd war die Sache sichtlich peinlich.

»Schon gut. Ich mag diese Art. Direkt und unverblümt. Und lassen wir doch das Sie weg. Ich bin einfach der Siegfried.«

Bernd nickte zustimmend.

»Das ist gut. Und wir sind einfach Dagmar und Bernd.«

»Und jetzt setzt Euch. Ich hole das Essen. Vielleicht könnt ihr ja schon mal etwas von dem köstlichen Tropfen einschenken.«

Siegfried ging in das Haus. Dagmar nahm den Kanister mit dem Wein und fing an, die Gläser voll zu schenken.

Nachdem sie gegessen und abgeräumt hatten, holte der Österreicher drei Schnapsgläser und eine Flasche Obstler.

»So, zur Verdauung gibt es etwas ganz Edles. Den hier habe ich von Zuhause mitgebracht. Habt ihr schon einmal Obstler getrunken?«

Die Hartmanns sahen sich an.

»Nein, noch nie.«

»Dann gebe ich euch einen Tipp. Erst ein wenig im Mund behalten und dann erst herunterschlucken. Dann schmeckt ihr die feine Note.«

Die neuen Freunde hoben die Gläser und prosteten sich zu. Dann tranken sie. Der Österreicher nahm den Schnaps in einem Zug, während Dagmar und Bernd vorsichtig an dem Obstler nippten. Dagmar musste leicht husten. Bernd schnalzte mit der Zunge.

»Also ehrlich, Siegfried. Klasse. Ganz große Klasse.«

»Na dann, Bernd, hier ist noch einer.«

Siegfried schenkte nach.

»Auf einen schönen Urlaub.«

Die neuen Freunde verbrachten seit ihrem Abendessen jeden Tag zusammen. Mittlerweile hatte Siegfried den beiden Berlinern das zweite Schlafzimmer angeboten. Die beiden hatten das Angebot mit Freude angenommen und ihr Zelt abgebaut. Nun lagen sie auf der Terrasse auf den Liegen und ließen es sich gut gehen. Bernd wandte sich lächelnd an seine Frau.

»Das mit der Ferienwohnung ist eine gute Idee gewesen. Schatz, das sollten wir das nächste Mal auch so machen. Ich habe gestern Nacht so richtig gut geschlafen, das wäre bei dem Krach auf dem Campingplatz nicht möglich gewesen. Selbst du, die ja nun leidenschaftlich gern zeltet, hast es genossen. Gib es zu!«

Dagmar seufzte nur ein zufriedenes Ja. Siegfried wandte sich an Bernd.

»Weißt du, Bernd, die paar Mark mehr machen den Kohl ja auch nicht fett. Wir wollen uns doch erholen. Ich finde, der Urlaub ist die wichtigste Zeit des Jahres. Außerdem lege ich Wert auf ein richtiges Bett. Mein Kreuz schmerzt doch in letzter Zeit immer öfter. Tja, wir werden eben nicht jünger. Zudem will ich mit dir heute Abend in Ruhe reden, das wäre im Zelt auch ein Problem. Man hat in einer Wohnung mehr Privatsphäre.«

»Du machst mich neugierig.«

Bernd drehte sich zu seinem neuen Freund.

»Hast du mir eine Überraschung mitgebracht?«

»Warte ab, du wirst begeistert sein. Bei einem Gläschen leckeren Roten.«

Bernd grinste.

»Nachdem Dagmar uns etwas Feines zu Essen gezaubert hat. Glaub mir, die macht aus einem Geschirrtuch noch was Essbares. Und bis dahin noch ein kleines Nickerchen«, sagte er verträumt und schloss die Augen.

Am Abend zogen sich die Freunde nach einem ausgiebigen Essen ins Wohnzimmer zurück, während Dagmar in der Küche aufräumte und Geschirr spülte. Heine schenkte dem Freund und sich ein Glas Rotwein ein.

»Sag mal, Bernd, wie ist das so in der DDR?«

»Wie soll das sein? Ich schätze mal, wie woanders auch.«

Heine nahm das Glas Rotwein und starrte Gedankenverloren die Flüssigkeit an.

»Erzähle mir ein wenig von deinem Leben. Was arbeitest du? Wie viel verdienst du? Ist das viel, was ihr zwei an Geld im Monat habt? Habt ihr eine Wohnung? Gibt es genug zu essen? Man hört bei uns so vieles. Sicherlich sind manche Sachen stark übertrieben. Aber das interessiert mich. Ich erzähle dir dann auch, wie es bei uns in Österreich ist.«

»Also, eine Wohnung haben wir. Als wir geheiratet haben war, es einfach, eine kleine Wohnung zu finden. Wir haben ja vom Vater Staat einen Zuschuss bekommen, so dass wir uns einrichten konnten. Ich verdiene ca. 750 Mark, Dagmar so um die 500 Mark. Eigentlich genug zum Leben, die Waren bei uns sind aber ziemlich teuer. Wir haben als Beispiel einen kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher. Ein Farbfernseher kostet so 5.000 Mark. Das können wir uns einfach nicht leisten. Ein Problem ist auch, die Waren überhaupt zu bekommen. Die meisten Dinge gibt es entweder beschränkt oder in extremen Mengen. Das ist ganz unterschiedlich. Es ist zum Beispiel immer so, wenn es etwas in einem Laden gibt, das sehr beliebt ist, dann darf man die Ware nur einmal nehmen. Diese Waren haben immer eine Markierung, woran man sie sofort erkennen kann. Da wir zu Zweit einkaufen, geht es allerdings. Wir teilen uns auf und dadurch bekommen wir die Sachen doppelt. Es wird nicht namentlich erfasst, wer wie viel kauft.«

»Das ist bei uns anders. Es gibt alles im Überfluss. Wenn du in den Supermarkt gehst, dann kannst du alles kaufen, was du willst. Nur bei Weihnachtsbutter ist es beschränkt. Da darf jeder nur eine bestimmte Menge kaufen. Das kann man allerdings auch jeden Tag machen, so dass man mehr als genug bekommt. Es kontrolliert keiner wirklich. Wie sieht es mit Freunden und Verwandten aus?«

Bernd verzog ein wenig den Mund.

»Kontakte zu Freunden oder Verwandten gibt es eher weniger. Einige mögen Dagmar nicht, weil sie gerne redet, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Zu Weihnachten fahren wir immer zu Dagmars Eltern. Meine Eltern lebten zuletzt in Rostock. Sind beide bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Das war ein ziemlicher Schlag für mich. Mein Vater war im Ortsvorstand der SED und jammerte mir immer wieder die Ohren voll, wie schön er es fände, wenn ich mich auch ein wenig politisch engagieren würde. Ich habe allerdings nach meiner Zeit bei der FDJ keinerlei Interesse mehr auf staatliche Einrichtungen. Es interessiert mich einfach nicht. Ich will in Ruhe gelassen werden. Aber nach Vaters Tod meldete sich mein Gewissen. Ich habe mit mir gerungen, mich in der Partei zu engagieren. Sozusagen als Dankeschön an meine Eltern. Letztendlich habe ich es gelassen.«

Siegfried hakte nach.

»Und Dagmars Eltern. Wo leben die?«

Bernd grinste.

»Die sind eigentlich ganz in Ordnung. Sie wohnen in Brieselang, das ist nur eine halbe Stunde von uns entfernt. Dann und wann besuchen wir sie. Von ihnen haben wir den Wagen für den Urlaub bekommen. In Berlin fahren wir meist Straßenbahn. Wenn es schön ist, habe ich noch eine Schwalbe, mit der ich zur Arbeit fahre.«

»Was arbeitet ihr? Ich bin Unternehmensberater. Selbstständig also.«

»Ich bin Kfz-Mechaniker. Dagmar arbeitet als Schneiderin. Durch sie kommen wir billig an Kleidung.«

Heine schaute auf sein Weinglas und drehte es am Fuß ein wenig. Nachdenklich blickte er auf.

»Sag mal, Bernd, wenn ich dir eine Sache anbieten könnte, die dir ein wenig Geld mehr im Monat bringt, wärst du interessiert? Dann wäre auch irgendwann der Farbfernseher drin, soviel wird es dann schon sein.«

Hartmann schaute seinem Gegenüber neugierig in die Augen.

»Mehr Geld kann nie schaden. Es ist ja nicht so, dass wir keine Träume haben. Womit kann ich dir denn von der DDR aus helfen? Du weißt, dass ich von drüben aus eingeschränkt bin. Ich möchte auch nicht unangenehm auffallen. Die sind bei uns schon sehr darauf bedacht, alles unter Kontrolle zu halten.«

Heine beobachtete seinen Freund. Anscheinend hatte er angebissen. Zumindest grübelte er nach.

»Ich sehe, wie du deine Stirn runzelst. Es ist ganz simpel. Selbst von der DDR aus. Komm, ich erkläre es dir. Ich bin fest davon überzeugt, dass es dir gefallen wird«, sagte der gemütliche Österreicher.

Nun kommt es drauf an, dachte Heine.

»Also. Als Unternehmensberater arbeite ich auch für staatliche Unternehmen. Eines davon hat Interesse daran, zu wissen, was in der DDR und besonders in Ostberlin vor sich geht. Du würdest regelmäßig Briefe bekommen, in dem die Wünsche der Firma drin stehen. Du gehst dann los, schaust nach und schreibst die Sachen für die Leute auf. Das Ganze ist ungefährlich für dich, da du es verschlüsselt bekommst und auch verschlüsselt zurückschickst. Kein anderer außer dir und der Firma wissen, was geschrieben steht.«

Hartmann schaute ein wenig misstrauisch. Er schien zu überlegen. Der Österreicher schaute ihn gespannt an. Das ist der entscheidende Moment, dachte er. Wenn er jetzt anbeißt, habe ich ihn.

»Wie bei For Eyes Only – Streng geheim mit Armin Müller-Stahl? Den habe ich neulich im Fernsehen gesehen. Ist ein Agentenfilm. Das klingt bei dir jedenfalls auch so. Ist es so etwas?«

»Naja, den Film kenne ich nicht. Aber ein wenig wie ein Agent wärst du schon. Und wie gesagt: Es lohnt sich für dich und ist völlig ungefährlich. Das Verschlüsseln ist kinderleicht. Das bringe ich dir schnell bei. Keiner wird etwas wissen oder ahnen können. Also, wenn ich du wäre….«

Hartmann nahm einen Schluck Rotwein, sah auf sein Glas in der Hand und hielt es Heine hin. Heine schenkte grinsend nach.

»Du hast doch Träume. Was ist denn dein größter Traum?«

Hartmann musterte das Glas in seiner Hand und schaute den Rotwein durch das Licht an. Heine überlegte, was wohl in ihm vorging.

»Freiheit.«

Die Antwort überraschte Heine. Er sah Hartmann verblüfft an. Dieser merkte es aber nicht und erzählte verträumt weiter.

»Freiheit ist ein ganz großer Traum für mich. Einfach ohne diese ganzen Zwänge leben. Reisen, wohin man möchte, ohne vorher irgendwo eine Erlaubnis einzuholen. Glaubst du, das wäre durch diesen Job eines Tages möglich?«

Heine zuckte mit den Schultern.

»Warum nicht? Vielleicht machst du deine Sache ja so gut, dass die Firma dich in ihren Reihen haben möchte. Man soll niemals nie sagen.«

»Freiheit.«

Hartmann sagte dieses Wort zu sich selbst. Er blickte auf und sah Heine in die Augen.

»Ich wünschte, es würde wahr. Ich werde mich ins Zeug legen für diese Firma.«

Heine lächelte.

»Dann stoßen wir darauf an. Versuchen wir es. Und vertrau mir. Du wirst es nicht bereuen. Ganz bestimmt nicht.«

Die nächsten zwei Abende verbrachten die Freunde damit, Hartmann die Grundkenntnisse eines Geheimagenten zu vermitteln. Wenn Dagmar sich müde zurückgezogen hatte, legten sie los. Hartmann lernte das Dechiffrieren und das Abfassen von Geheimbriefen. Nebenbei floss literweise der ungarische Rotwein.

Kapitel 9

Einen Abend hatte Siegfried die beiden Ost-Berliner zum Essen eingeladen. Die drei steuerten ein ungarisches Lokal an. Siegfried betonte, schon oft hier gewesen zu sein, und lobte das Essen als einmalig gut.

Der Wirt empfing seine Gäste auch dem entsprechend. Nach der überschwänglichen Begrüßung brachte er wie selbstverständlich eine Flasche Weißwein. Siegfried nahm ihn gleich zur Seite, und flüsterte ihm einige Worte ins Ohr. Der Wirt nickte, und ging wieder.

»Mal kurz zur Erklärung, ihr beiden. Eine Speisekarte wird Lajos nicht bringen. Ich habe die Bestellung schon aufgegeben. Ihr werdet staunen, was für wunderbare Sachen in dieser kleinen Küche gezaubert werden. Und nun lasst uns auf einen schönen Abend anstoßen.«

Er hob sein Glas. Dagmar und Bernd stießen mit ihm an.

»Ich bin schon ganz gespannt, was du uns hier servieren lässt. Außer Palatschinken kenne ich eigentlich gar nichts. Wir haben uns sonst immer selbst etwas gekocht am Zelt«, sagte Dagmar.

»Die ungarische Küche ist äußerst würzig. Ich hoffe, ich enttäusche euch nicht, wenn es keinen Fisch gibt. Wir sind zwar hier am See, aber bei Fisch bin ich immer sehr vorsichtig. Aufgepasst, es geht los.«

Der Wirt brachte einen großen Teller mit unterschiedlichen Wurstsorten darauf.

»Lajos, erklärst du meinen Gästen bitte, was du uns hier Schönes gebracht hast.«

Lajos nickte und erklärte in gebrochenen deutsch.

»Wir hier haben véres hurka, das ist Blutwurst. Májas hurka, eine Leberwurst. Eine gute Debreziner. Kolbász, das ist Paprika, sehr pikant. Dazu Tarhonya und für guten Geschmack Erós Pista.«

Siegfried rieb sich die Hände und sah zu Lajos auf.

»Danke, mein Freund. So ihr beiden, dann lasst uns alles kosten.«

Nachdem der Vorspeisenteller leer war, orderte Siegfried noch eine weitere Flasche Wein.

»Das Zeug ist toll gewürzt, aber macht sehr durstig.«

Bernd nickte zustimmend und leerte sein Glas mit einem Zug.

»Können wir noch ein Wasser dazu bekommen, sonst bin ich bald betrunken«, merkte Dagmar an.

»Natürlich, meine Liebe«, antwortete Siegfried und bestellte bei Lajos noch eine Karaffe Wasser.

Als Hauptspeise gab es dann Pórkólt, eine Art Gulasch mit Túrógombóc, sogenannte Topfenbällchen mit Sauerrahm. Die Freunde genossen die ihnen unbekannten Gerichte.

»Wirklich sehr lecker, Siegfried. Ich glaube, ich bekomme nichts mehr runter«, stöhnte Dagmar nach dem zweiten Gang.

»Ich lass euch eine kleine Pause, aber um den Nachtisch kommt ihr nicht herum«, lachte Siegfried.

Nach einer Weile servierte Lajos dann das Dessert.

»Der Höhepunkt eines jeden Mahles bei Lajos«, freute sich Siegfried. »Esterházy-Torte. Bring uns dazu doch bitte einen Mokka.«

Nach dem Essen ließ Siegfried noch einen Barack kommen, einen Aprikosenschnaps.

»Der ist zur Verdauung nötig. Es gibt nach diesem Essen nichts Besseres. Prost.«

Die beiden Ost-Berliner hatten das Gefühl, sich nicht mehr bewegen zu können. Als sie auf dem Fußweg ins Ferienhaus waren, ging Dagmar extra langsam, um tief durchzuatmen. Nachdem die Hartmanns sich überschwänglich bei ihrem Gastgeber bedankt hatten, zogen sie sich auf ihr Zimmer zurück.

»Hast du das gesehen?«, wetterte Dagmar.

»Was meinst du denn?«, fragte Bernd, in diesem Moment nicht wissend, was seine Frau zu Meckern hatte.

»Na, dieses Bündel Geldscheine von Siegfried. Der hat dem Ungar einen dicken Batzen Geld für das Essen gegeben. Was meinst du denn, warum der so freundlich war und sich so bemüht hat, um diese ganzen Sachen zu servieren. Ich sage dir, wenn wir ins diesem Lokal alleine gesessen wären, der hätte uns doch mit dem Arsch nicht angeschaut. Das ist der Kapitalismus, das ist genau so gewesen, wie die Genossen es immer beschrieben haben. Jetzt verstehe ich erst, was damit gemeint ist. Ohne Geld bist du ein Niemand. Und dagegen kämpft unser System, unser Arbeiter- und Bauernstaat.«

Bernd nahm Dagmar in den Arm.

»Nun beruhigt dich mal. So ist das nun mal. Das änderst du auch nicht, wenn du dich jetzt so aufregst.«

Dagmar gab Bernd einen Kuss und ging ins Badezimmer. Bernd setzte sich auf die Bettkante und las in dem Buch, was er sich mitgebracht hatte. Als Dagmar im Bad fertig war, putzte sich Bernd die Zähne und kam dann ins Bett.

»Hast du dich beruhigt?«, fragte er vorsichtig.

Dagmar sah ihn an und lächelte.

»Mach das Licht aus«, sagt sie und schloss die Augen.

Heine war beeindruckt, wie schnell Hartmann lernte. Nach vier Tagen, Dagmar war in der Küche und wusch das schmutzige Geschirr vom Essen ab, nahm Heine Hartmann nochmals zur Seite.

»Ich habe es zu Anfang nicht erwähnt. Du erfährst über das Radio, was du anschauen sollst. Das Radio gebe ich dir mit. Zu einer bestimmten Zeit auf einer bestimmten Frequenz wirst du eine verschlüsselte Botschaft erhalten. Nachdem du alles analysiert hast, verfasst du einen Geheimbrief und sendest ihn an eine imaginäre Adresse. Dort wird keiner wohnen, nur ein Briefkasten ist belegt. Dort wird deine Post regelmäßig abgeholt und ausgewertet. Ein Kinderspiel. Zu Anfang wirst du allerdings ein bis zwei Briefe bekommen. Spätestens im zweiten Brief findest du die Informationen, wann auf welchem Sender deine Botschaften gesendet werden.«

»Na, dann kann ich ja kaum erwarten, dass es losgeht. Was mache ich mit den Briefen? Zerreißen?«

»Die Briefe musst du gleich nach dem Lesen verbrennen. Du darfst schließlich keine Spuren hinterlassen. Lasse also niemals irgendetwas liegen, sondern vernichte es sofort. Bis auf das Codebuch, was ich dir mitgebe. Das musst du ziemlich gut verstecken. Das darf definitiv nicht in die Hände von Fremden fallen.«

Bernd nickte verstehend.

»Wie läuft das mit der Bezahlung?«

»Dein erstes Geld bekommst du persönlich überreicht. Die im Westen werden dich einmal treffen wollen, um dich kennen zu lernen. 6000 Ostmark, 50 Westmark, dazu ein Konto im Westen und das monatliche Gehalt eines Soldaten. Aber vorsichtig, mein Lieber. Werde nicht verschwenderisch und kaufe dir plötzlich Unmengen von Sachen. Das würde auffallen, und ich glaube, dein Leben wäre dann nicht mehr so angenehm. Nimm nur gelegentlich etwas von dem Geld, wenn du etwas dringend brauchst. In ein paar Jahren sind es halt Ersparnisse, und dann fällt es nicht mehr so auf.«

»In Ordnung.«

Hartmann nickte.

»Ein Konto im Westen. Verrückt!«

Hartmann schaute verträumt auf sein Weinglas.

»Dann lass uns anstoßen. Und viel Spaß, alter Agent«, sagte Heine lachend.

Dagmar hatte in der Küche aufgeräumt und kam nun hinzu.

»Na, ihr beiden, was seid ihr so fröhlich?«

»Bernd hat mich bei unserem Spiel heute das erste Mal besiegt, stimmt´s Bernd?«

Siegfried hob das Glas in Bernds Richtung.

»Ja, Schatz. Es war zwar schwer, aber ich bin halt ein Gewinner.«

»Das ist mir neu«, erwiderte Dagmar lachend.

An den letzten beiden Abenden bekam Bernd immer wieder verschlüsselte Schreiben von Heine, um das Dechiffrieren zu üben. Immer dann, wenn Dagmar sich um die Küche kümmerte oder müde nach oben in ihr Schlafzimmer ging. Das hatte sich so eingebürgert. Siegfried kochte, Dagmar räumte auf und wurde vom Rotwein schnell müde. Meist machte Siegfried absichtlich mehr schmutzig als nötig, damit er und Bernd mehr Zeit hatten. Nach einer Weile klappte es mit dem Dechiffrieren schon sehr gut.

»Mensch, Bernd. Du bist zum Agenten geboren. Es ist sehr einfach, wenn man weiß, wie es funktioniert. Was denkst du?«

»Ich denke, mein lieber Siegfried, dass ich startklar bin.«

»Dann übergebe ich dir mal die Sachen, die du brauchst. Die Dinge musst du irgendwie nach Hause schmuggeln. Am besten in der Schmutzwäsche versteckt. Als erstes ein Kofferradio von Grundig mit Ohrhörern. Damit hörst du die Nachrichten an dich ab. Hier ist dein Codebuch. Dazu gibt es dieses Frühstücksbrett. Ist ziemlich dick, ist aber Absicht. Das ist manipuliert, sieh mal.«

Der Österreicher klappte das Brett in zwei Hälften. Der Innenteil war ausgearbeitet, so dass das Codebuch hinein passte.

»Und nun noch ein paar Blatt Geheimpapier für das Schreiben der Briefe. Damit bist du bestens ausgerüstet. Dein Codename lautet Heinz Friedrich. Auch das solltest du dir unbedingt merken. Heinz Friedrich.«

Hartmann betrachtete die Dinge mit erstauntem Blick.

»Was ich dich nochmal fragen wollte, ohne dir zu nahe treten zu wollen. Hast du jemals an Flucht gedacht?«

Bernd lächelte.

»Manchmal denke ich schon daran, wie es wäre, im Westen zu leben. Aber wegen der Familie meiner Frau und den Repressalien, die sie zu erwarten hätten, kommt eine Flucht nicht in Frage. Uns geht es ja soweit auch nicht schlecht.«

»War auch nur eine Frage, keine Aufforderung, alter Freund«, lachte Siegfried.

»Na, ihr großen Kinder, spielt ihr wieder euer Spiel?«

Dagmar war wie immer in der Küche fertig und kam mit einem Glas Wein dazu.

»Was ist das?«, fragte sie Bernd und zeigte auf das Radio und die anderen Sachen, die Siegfried ihm gegeben hatte.

»Schau mal, ein West-Radio. Hat uns Siegfried geschenkt. Das andere ist nur ein Buch zu unserem Spiel.«

»Versteckt es gut, damit es euch bei der Heimreise morgen nicht sofort wieder abgenommen wird, das ist nämlich ein richtig gutes Radio. Das neueste vom Neusten sozusagen.«

»Das kriegen wir hin, nicht wahr, Schatz?«, sagte Dagmar und kraulte ihrem Mann den Nacken.

Kapitel 10

Madsen saß in seiner kleinen Wohnung und sah fern, als es an der Tür klopfte. Er stellte den Ton ab und stand auf, um nachzusehen, wer da etwas von ihm wollte. Er öffnete die Tür und sah einen Botschaftsmitarbeiter vor sich stehen.

»Guten Tag, Herr Madsen. Der Botschafter Jonathan Brinks wünscht, Sie zu sehen.«

Madsen nickte.

»Sagen Sie ihm, ich komme sofort.«

Er schloss die Tür und ging zum Fernseher, um ihn auszuschalten. Anschließend nahm er seine Jacke vom Kleiderbügel an der Garderobe, versicherte sich, dass seine Zigaretten in der Jackentasche waren, nahm seine Schlüssel und verlies seine Wohnung.

Madsen klopfte an. Die Tür wurde vom Botschafter selbst geöffnet, der anscheinend auf ihn wartete.

»Madsen, schön dass Sie so schnell kommen konnten. Kommen Sie bitte herein.«

Madsen folgte Brinks zu seinem Schreibtisch, vor dem bereits ein Mann saß.

»Ich darf Sie kurz vorstellen, Michael Madsen. Das ist John Rider.«

Brinks legte seine Hand auf den Arm des Fremden, der sich erhob und Madsen die Hand reichte.

»Kaffee?«

Madsen nickte und schaute neugierig zu dem fremden Mann. Nachdem Brinks Madsen eine Tasse frischen Kaffee eingeschenkt hatte, zeigte er auf den freien Stuhl vor seinem Schreibtisch.

»Bitte setzen Sie sich.«

Brinks schob Madsen eine Akte zu und lächelte. Madsen nahm sie und blätterte die erste Seite auf. Nach einigen Schlucken Kaffee und dem Studium der Akte meldete sich der Botschafter zu Wort.

»Da ist alles enthalten, was Sie über Mr. Rider wissen müssen. Ihr Chef in Langley hat ihn uns entsandt mit seinen besten Empfehlungen. Er soll sie bei ihrer Arbeit unterstützen. Rider hat bereits in Berlin gearbeitet, Sprache und Menschen sind ihm nicht fremd. Da Sie ja als offizieller Botschaftsmitarbeiter tätig sind, soll Rider die Sachen erledigen, die sie als Offizieller besser nicht tun sollten.«

»Dann sollte er das freie Büro neben meinem bekommen.«

»Schon erledigt. Darlene hat sich bereits um alles gekümmert. Auch die Wohnung liegt direkt neben der Ihren.«

Madsen musste beim Gedanken an Darlene lächeln. Er sah zu Rider und fragte sich, ob Darlene ihm auch den Kleiderschrank so schön eingeräumt hatte.

Madsen trank seinen Kaffee aus und stand auf. Er reichte Rider, der sich ebenfalls erhob, die Hand.

»Na dann, ich kann jede Unterstützung gebrauchen. Auf gute Zusammenarbeit. Sie kommen am besten gleich mit mir.«

Brinks sah vom Schreibtisch aus zu, wie die Männer das Büro verließen, und lächelte zufrieden.

Madsen hatte sich durch Riders beeindruckende Akte gearbeitet. Er war bereits seit 6 Jahren bei der Agency und hatte auch in Berlin schon diverse Aufträge erledigt. Er galt als absolut zuverlässig, und ihm wurde eine große Zukunft bei der CIA vorausgesagt.

Nun galt es, ihn in die aktuellen Geschehnisse einzubinden. Es stand ein Treffen mit Siegfried Heine in Wien an. Madsen war mitten in den Vorbereitungen auf das Gespräch und beschloss, Rider dorthin mitzunehmen. Aber als erstes musste er ihn auf den aktuellen Stand der Dinge bringen. Einen Teil wusste er bereits, den Rest konnte er ihm während des Fluges nach Wien erzählen.

Hoffentlich war Heine auch erfolgreich, dachte Madsen. Ich brauche so langsam etwas Nachweisbares, sonst bin ich schneller wieder in den Staaten, als mir lieb ist.

Der Flug war kurz und angenehm. Madsen und Rider nahmen am Flughafen ein Taxi und ließen sich zum Prater bringen. Nachdem sie bezahlt hatten, gingen sie noch ein ganzes Stück zu Fuß zum verabredeten Treffpunkt. Mehrfach blickten sich die Männer vorsichtig um, blieben an Schaufenstern stehen, um in der Scheibe nach potentiellen Verfolgern Ausschau zu halten. Diese Sicherheitsmaßnahme schien allerdings nicht notwendig zu sein. Unbesorgt betraten sie das Café. Heine wartete bereits im hinteren Teil, von wo er den Raum gut überblicken konnte.

Als die beiden Amerikaner an den Tisch herantraten, stand er auf und reichte Madsen die Hand.

»Hallo Mark.«

»Hallo Siegfried, du siehst gut aus. Wie war der Urlaub?«

»Erholsam und erfolgreich.«

»Ich darf euch erst einmal vorstellen. Siegfried Heine.

John Rider. John ist meine rechte Hand in Berlin. Aber setzen wir uns doch.«

Als sie saßen, fragte Madsen neugierig nach.

«Wie ist es gelaufen? Kannst du uns einen Mann präsentieren?«

»Es wird dich freuen zu hören, dass ich den Rekruten gewinnen konnte.«

Die Bedienung im kleinen, aber durchaus charmanten Café kam an den Tisch. Heine hatte den Platz bewusst ausgewählt, damit die Männer sich ungestört unterhalten können. Zum einen war man hier durch den regen Publikumsverkehr am Wiener Wahrzeichen völlig unauffällig. Zum anderen kannte er die Gegend wie seine Westentasche. Durch das Fenster des Cafés hatte Heine einen sehr guten Überblick und konnte schnell reagieren, falls es den Anschein nahm, dass die Männer beobachtet wurden. Alle drei bestellten Wiener Melange. Als die Bedienung gegangen war, wandte sich Heine an Madsen.

»Ich habe ihm bereits die erste Aufgabe zukommen lassen. Die Absenderadresse ist der Briefkasten am Mehringdamm, wie besprochen. Du solltest aber schleunigst den Radiosender klarmachen, damit mein neuer Freund durch die viele Post aus dem Westen nicht auffällig wird«, sagte er.

Madsen nickte. Der CIA-Agent wusste nur zu gut um die Gefahr, der Hartmann ausgesetzt war.

»Das mache ich so schnell wie möglich, ich denke, wir können ihm nächste Woche einen weiteren Brief mit der Frequenz senden. Mit der Entschlüsselung kommt er hoffentlich klar?«

»Kein Problem. Mein Freund hat eine hohe Auffassungsgabe. Hier sind die persönlichen Daten von ihm. Mir ist es auch gelungen, ein Andenkenfoto von ihm und seiner Frau zu schießen. Die abgesprochenen finanziellen Dinge übernehmen wir nach Absprache. Ich werde versuchen, ihn gelegentlich zu besuchen und den Kontakt zu halten. Wie du weißt, komme ich als Handelsreisender viel herum, auch in der DDR.«

Heine überreichte Madsen eine Akte.

»Das geht in Ordnung. Gute Arbeit. Aber ich habe von dir nichts anderes erwartet. Danke.«

Madsen lächelte Heine an.

»Wie stehen die Chancen auf weitere Anwerbungen? Wir brauchen noch weitere Hilfe, besonders in Dresden, Cottbus, Rostock und Karl-Marx-Stadt. Natürlich erst, wenn der Neue konstant und unproblematisch läuft.«

Die Bedienung brachte den Kaffee. Madsen zahlte sofort und wartete, bis die Bedienung sich wieder entfernt hatte.

Heine nickte.

»Ich werde zusehen, was sich machen lässt. Ich melde mich wieder. Wir sollten aber jetzt unser Hauptaugenmerk auf den Berliner legen. Danach sehen wir weiter.«

Madsen nickte zustimmend.

»Da gebe ich dir Recht. Dann bin ich mal gespannt, was dein neuer Freund so zu berichten hat. Wie geht es Sabine und den Jungs?«

Wie Madsen wusste, war Heine geschieden und hatte zwei Söhne, acht und elf Jahre alt.

»Erfreuen sich bester Gesundheit. Ich bin froh, dass ich mit Sabine nach all dem Zirkus mit der Scheidung wieder einen normalen Umgangston pflegen kann. Erst am letzten Wochenende waren die Jungs bei mir. Es sind schon prächtige Burschen.«

Madsen nickte zustimmend, während er die Tasse Kaffee leerte. Er hatte Sabine bei ihrem letzten beruflichen Zusammentreffen kennen gelernt.

»Schön. Siegfried, so leid es mir tut, aber ich muss wieder los. Ich melde mich bei dir. Bis dahin viel Glück, auch für deinen Freund.«

»Ok, Mark. Und vielen Dank für den Kaffee«, sagte Heine.

»Geht wieder auf Kosten der Firma«, grinste Madsen.

Er nahm die Akte an sich und stand auf. Rider und Heine erhoben sich ebenfalls, und alle schüttelten sich die Hände. Anschließend verließen die Amerikaner das Cáfe. Heine wartete noch fünf Minuten und ging dann ebenfalls.

Kapitel 11

Im US-Hauptquartier im Berliner Stadtteil Zehlendorf in der Clayallee saßen der U.S. Commander Major General Thomas D. Phillips, John Rider und Michael Madsen zusammen, um über Sendungen von verschlüsselten Botschaften über ein Radioprogramm zu sprechen. Madsen benötigte die guten Kontakte von Phillips. Major General Phillips war eine imposante Erscheinung. Bei einer Größe von 1,91 m brachte er stattliche 115 Kilogramm auf die Waage. Sein fein geschnittenes Gesicht zierte ein dauerhafter drei Millimeter langer Drei-Tage-Bart. Seine dunklen Augen waren stets hellwach. Nachdem er sich im Koreakrieg als Kampfpilot einen Namen gemacht hatte, wechselte er Anfang der sechziger Jahre zur CIA. Im Vietnam-Krieg koordinierte Phillips die Geheimdienstaktivitäten. Seit 1975 war er in West-Berlin stationiert. Er war über Madsens Auftrag informiert und sollte ihm beratend zur Seite stehen, wenn Probleme auftauchten.

»Also, mein Favorit wäre RIAS. Ich kenne den Programmdirektor sowie den Intendanten persönlich. Wie stellen Sie sich die Nachrichtenübermittlung vor? Wann soll sie stattfinden?«

Phillips wandte sich fragend an Madsen. Dieser lehnte sich im Stuhl zurück und sah versonnen an die Zimmerdecke.

»Ist es zu empfehlen, dass es zu einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Sendung geschieht? Es soll definitiv ein Code sein, ein Gewirr aus Zahlen und Buchstaben. Wir können den Empfänger nicht rund um die Uhr erreichen, da er berufstätig ist. Mir schwebt eine abendliche Sendung vor. Immer am gleichen Wochentag. Wie wäre es in der Sendung Treffpunkt? Ich habe gehört, dass die Sendung sich großer Beliebtheit erfreut, sowohl in West als auch in Ost.«

Phillips nickte. Nachdenklich redete er langsam vor sich hin.

»Klingt gut. Ich werde also versuchen, Folgendes zu arrangieren. In der Montagssendung zwischen 20 und 21 Uhr werden zwischen zwei Liedern, die dort gespielt werden, die Zeilen durchgesagt. Eine Wiederholung gibt es, für den Fall, dass ihr Mann die erste Sendung verpasst hat, am darauf folgenden Mittwoch zwischen 21 Uhr und 22 Uhr. Wie klingt das?«

Madsen nickte erfreut.

»Das klingt hervorragend. Was meinen Sie? Wann können wir loslegen?«

Phillips kratzte sich am Kinn.

»Lassen Sie mir zwei Wochen Zeit. Dann sollte ich alles in Sack und Tüten haben.«

»Ausgezeichnet. Dann schon mal vielen Dank für Ihre Unterstützung.«

»Gern geschehen. Mein Büro steht Ihnen immer offen. Ich helfe Ihnen, wo ich kann, das habe ich meinem alten Kumpel Ross Miller versprochen.«

Kapitel 12

Es waren schon zwei Monate vergangen seit dem Balaton Urlaub, und nichts rührte sich. Hartmann glaubte schon, dass sich die Angelegenheit erledigt hatte. Eigentlich schade, dachte er, während er an einem Auto herumschraubte.

Hartmann war in den letzten Monaten förmlich aufgeblüht. Er trug nun die Haare länger und hatte sich auf Dagmars Drängen hin eine Nickelbrille besorgt, was bei der geringen Auswahl in der DDR kein leichtes Unterfangen war. Die alte glanzlose Hornbrille verschwand in den Tiefen der Wohnzimmeranrichte. Die gemeinsame Wohnung in der Kommandantenstraße im Stadtteil Lichterfelde war eine helle Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung mit vielen bunten Möbelstücken, die Dagmar zum Teil selbst bepinselt hat. Ihr Lieblingsmotiv waren Sonnenblumen, die wirklich überall zu sehen waren und in jeder Form auftraten. Als Aufkleber von Pril, die sie von einem Bekannten aus dem Westen bekommen hatte, oder als künstliche Blume, die sie selbst gebastelt hat.

Als er abends von der Arbeit nach Hause kam und die Post aus dem Briefkasten nahm, lag ein Brief von einem ihm nicht bekannten Absender aus dem Westen darin. Hartmann erstarrte. Dann schaute er sich um, ob er beobachtet wurde, und als er das ausschließen konnte, stieg er hastig die Treppen zu seiner Wohnung hoch. Dort angekommen ging er ins spärliche Wohnzimmer zu der Anrichte und holte aus einer Schublade, in der er seine alte Briefmarkensammlung verstaut hatte, eine Lupe. Wie gut, dass ich die alten Sachen nicht weggeworfen oder verschenkt habe, dachte er sich, während er sich auf dem Sofa positionierte, um unter optimalen Lichtbedingungen den Klebeverschluss des Briefes zu inspizieren. Der war schon einmal offen, dachte er. Unter Gegenlicht war ein ganz dünner Klebstofffilm zu sehen.

Wie in Trance schaute Hartmann auf die Rückseite und las den Absender.

Wolfgang Wiegand

Mehringdamm 27

1000 Berlin 36

Bundesrepublik Deutschland

Mit zitternden Händen griff Hartmann zum Brieföffner. Nach zwei Versuchen fuhr die Klinge in den Schlitz und öffnete den Brief. Atemlos zog er das Schreiben heraus und begann zu lesen.

Lieber Heinz,

ich hoffe, es geht Dir gut. Bei uns ist es im Moment sehr turbulent. Wie Du ja weißt, geht es Tante Klara immer schlechter, und wir befürchten, Sie in ein Pflegeheim bringen zu müssen. Sie ist nur noch bettlägerig, und Susanne hat so langsam nicht mehr die Kraft, die tägliche Pflege zu übernehmen. Die Kinder leiden genauso darunter. Naja, ich werde Dich auf dem Laufenden halten. Was macht das Briefmarken sammeln? Ich habe Dir extra eine ganz neue auf den Brief geklebt. Ich hoffe, die hast Du noch nicht. Melde Dich mal wieder. Mit lieben Gruß von allen

Dein Wolfgang

Hartmann stand auf und ging mit weichen Knien ins Bad. Er drehte den Wasserhahn auf und benetzte sich das Gesicht.

Lieber Heinz. Das Stichwort. Es geht los. Hartmann zitterte.

Reiß dich zusammen, dachte er. Er ist verschlüsselt. Du musst ihn entschlüsseln. Es ist ganz einfach. Siegfried hat es dir genau erklärt. Es ist Geheimpapier.

Hartmann kehrte ins Wohnzimmer zurück und nahm sich einen Bleistift und ein Blatt Papier aus der Schublade seiner Wohnzimmeranrichte. Dann holte er aus der Küche das Codebuch, das er aus dem hohlen Frühstücksbrettchen nahm, das bei den anderen Frühstücksbrettchen im Küchenschrank stand. Er ging ins Wohnzimmer zurück und setzte sich an den Tisch, um mit der Entschlüsselung zu beginnen.

Der Absender hatte zuerst mit einem leeren Kugelschreiber eine Zahlen- und Buchstabenfolge auf das leere Blatt Papier geschrieben. Dann hat er mit normaler Tinte den Brief geschrieben. Hartmann musste jetzt mit dem Bleistift das Blatt schraffieren, um die Abdrücke und somit den zu dechiffrierenden Text zu erkennen.

Nach ein paar Sekunden war die Struktur sichtbar. Hartmann konnte die Ziffernfolge erkennen und schrieb sie noch einmal ab. Dann nahm er das kleine Codebuch, das ihm Heine gegeben hatte, und schlug es auf. Nach einer Viertelstunde hatte er den Text fertig.

Bitte Informationen über die sowjetische Radaranlage in Pankow sammeln. Antwort bitte in den nächsten 14 Tagen.

Hartmann atmete tief durch. Hier war sie, die erste Aufgabe. Zum Glück kannte er den Standort der Anlage. Bei einigen seiner unzähligen Fototouren rund um Berlin war er oftmals auf militärische Anlagen gestoßen, ohne näheres Interesse daran zu zeigen. Bislang hatte er zugesehen, so schnell wie möglich von dort wegzukommen. Nun ist es umgekehrt, dachte er. Ich muss vorsichtig vorgehen, aber ich habe ja meinen Fotoapparat als Vorwand, wenn mich jemand anspricht. Plötzlich durchzuckte ihn ein Gedanke. Ich muss den Zettel verbrennen. Und den Brief ebenfalls.

Bevor er die Papiere verbrannte, notierte er sich die Adresse auf einem Zettel, den er in seinem Portemonnaie steckte. Nun geht es los, dachte er und kaute nervös an einem Fingernagel. Er schaute auf die Uhr.

»Verdammt!«, schrie er auf.

Es war 18.10 Uhr. Er war um 17.30 Uhr mit Dagmar verabredet gewesen.

Hartmann betrat das kleine Café und sah sich um. Er entdeckte Dagmar alleine an einem Tisch. Sie rührte gelangweilt mit einem Löffel in ihrem Kaffee. Er setzte sich ihr gegenüber und nahm ihre Hände in seine.

»Entschuldige bitte«, stammelte Hartmann.

»Ich musste länger machen in der Werkstatt. Irgend so ein hohes Tier von der Partei hatte ein Problem mit seinem Wagen.«

Dagmar sah ihn prüfend an.

»Du bist ganz blass, geht es dir nicht gut, Schnecke? Und schwitzen tust du auch. Naja, ist ja auch noch schön warm draußen.«

Schnecke nannte sie ihn immer. Er musste immer grinsen, weil er sich nicht an diesen Kosenamen gewöhnen konnte. Auch dieses Mal.

»Nein, alles in Ordnung. Es war ein langer Tag. Wollen wir noch rausfahren? Du wolltest mir noch etwas zeigen.«

Dagmar blickte ihn geheimnisvoll an.

»Na klar, ich bin so weit.«

Hartmann stand auf.

»Na dann mal los.«

Sie fuhren mit der S-Bahn Richtung Straußberg. Die Abendsonne in diesem Spätsommer war noch angenehm warm. Dagmar hatte am Morgen einen Korb mit etwas Brot und Wurst, einer Kanne Tee sowie einer Wolldecke gepackt.

Als sie aus der S-Bahn ausstiegen gingen sie Händchen haltend Richtung Ortsausgang. Der Verkehr wurde jetzt deutlich weniger. Es kamen ihnen auch nur noch vereinzelt Passanten entgegen. Irgendwann waren sie ganz alleine auf einem Schotterweg unterwegs. Sie unterhielten sich über den Tag auf der Arbeit. Bald erreichten sie große Felder mit Mais und Getreide.

Dagmar zog Bernd sanft Richtung Maisfeld. Sie gingen ca. 20 Meter in das Feld hinein, bis Dagmar stoppte. Hartmann beobachtete, wie sie die hohen Pflanzen im Umkreis von zwei Metern umknickte und auf den Boden drückte.

»Und wenn ein Bauer kommt?«, fragte Hartmann, während er unsicher auf jedes Geräusch achtete.

»Nicht um diese Zeit. Die essen alle zu Abend.«

Dagmar breitete die Decke aus und fing an, sich auszuziehen. Hartmann betrachtete sie mit neugierigen Blicken.

»Glotz nicht, mach dich auch nackig«, forderte sie ihn lachend auf.

Hartmann zog sich ebenfalls aus, ohne seine Augen von ihr abzuwenden. Dagmar hatte die Zöpfe aufgemacht und schüttelte ihren langen rotblonden Schopf. Einladend legte sie sich auf die Decke und klopfte mit der flachen Hand auf den Platz neben sich. Hartmann folgte der Aufforderung und zog sie an sich heran. Dann liebten Sie sich innig und leidenschaftlich.

Kapitel 13

Hartmann war aufgeregt. Er freute sich auf der einen Seite über die erste Aufgabe, die er bekommen hatte. Andererseits hatte er Angst, ein zu großes Risiko einzugehen. Dennoch war er fest entschlossen, heute seine ersten Erkundigungen einzuholen.

»So, tschüss bis morgen dann.«

Nachdem er sich die Hände gewaschen und umgezogen hatte, verabschiedete sich Hartmann von seinen Arbeitskollegen und trat aus der Kfz-Werkstatt ins Freie. Links neben dem Gebäude stand seine Schwalbe vom Typ KR 51. Einen PKW hatte Hartmann wegen der langen Lieferzeiten von bis zu zehn Jahren noch nicht.

Er stieg auf das Moped, steckte den Zündschlüssel hinein und startete es mit einem kräftigen Antritt. Der schrill kreischende Motor mit 1,8 PS sprang sofort an. Bernds Ziel an diesem späten Nachmittag war der alte Wasserturm neben der Grundschule von Pankow-Heinersdorf im Norden von Berlin. Dort stand die sowjetische Radaranlage zur Überwachung des Luftraumes von Berlin und des gesamten Umlandes, über die er weitere Informationen sammeln sollte.

Sein Herz schlug bis zum Hals, als er losfuhr. Die schlechte Straße, zum Teil noch mit Kopfsteinpflaster versehen, forderte seine volle Konzentration, so dass er sich ein wenig beruhigte.

Nach einer guten Viertelstunde war er am Ziel. Er stellte die Schwalbe in einer Nebenstraße ab, nahm seine Kamera aus der Satteltasche und schlenderte in Richtung Anlage. Auf dem Grundstück waren einige Uniformierte zu sehen. Hartmann machte diese als Soldaten der NVA, der nationalen Volksarmee, aus. Als er sich der Anlage bis auf fünf Meter genähert hatte, versuchte er, den Durchmesser der Parabolantenne zu schätzen.

»Schöne Antenne, nicht wahr?«

Hartmann zuckte zusammen. Ein NVA-Soldat hatte ihn von der anderen Seite des Zaunes gesehen und ihn angesprochen.

»Da bekommt man viele Radiosender mit, oder?«, entgegnete Hartmann.

Der NVA-Mann lachte.

»Ne, damit visieren wir den Flugverkehr an, hier und drüben.«

Der Mann zog an seiner Zigarette und schnippte sie dann weg. »Und nun verschwinden Sie, sonst muss ich Meldung machen.«

Hartmann wirkte sichtlich erleichtert.

»OK. Danke.«

»Nichts für ungut, Genosse.«

Hartmann warf einen letzten Blick auf die Umgebung. Dann drehte er um und ging zur Rückseite des Turms, wo einige Militärfahrzeuge parkten. Auch hier waren einige Wachsoldaten zu sehen. Insgesamt ca. 20 Soldaten als Wachmannschaft, versuchte er sich zu merken.

Hartmann schlenderte die Straße hinunter bis zur nächsten Abbiegung. Er machte noch ein paar Fotos von den Pflanzen am Wegesrand. Dort ging er einen weiten Bogen um die Radaranlage zurück zu seinem Moped. Er hatte genug gesehen.

Erleichtert, seine erste Aufgabe erledigt zu haben, startete er die Schwalbe und fuhr nach Hause. Das ist ja wirklich kinderleicht, dachte er. Ich muss nur ein wenig vorsichtiger an die Objekte herangehen. Das heute war zu ungestüm. Wenn der NVA-Mann schlechte Laune gehabt hätte, wäre es vielleicht unangenehmer geworden. Ich muss mir auch ein paar Ausreden zurechtlegen. Und der Fotoapparat muss immer dabei sein.

Mark Madsen fuhr wie jeden Tag in dieser Woche zu dem getarnten Briefkasten, um zu schauen, ob Post vom neuen Agenten aus Ost-Berlin gekommen ist. Heute lag ein Brief im Kasten. Na, da bin ich aber gespannt, dachte er. Madsen nahm den Brief und stieg wieder in sein Auto, einen BMW.

Nach einer halben Stunde hatte er die amerikanische Vertretung in der Clayallee erreicht. Er parkte sein Fahrzeug und ging in das Gebäude. Auf dem Weg zu seinem Büro traf er Darlene. Sie verabredeten sich für den nächsten Tag, um zusammen ins Kino zu gehen. Darlene schlug `Ein Rabbi im wilden Westen` mit Gene Wilder und Harrison Ford vor. Mark war es ziemlich egal, ihm war es nur wichtig, mit Darlene zusammen zu sein.

Nachdem er sein Büro betreten hatte, vergewisserte er sich, dass er ungestört war. Dann fing er an, den Umschlag zu untersuchen. Der Brief war zweifelsohne geöffnet worden. Mark fand aber keinerlei Spuren oder Beschädigungen. Er vermutete, dass die Kontrolleure heißen Wasserdampf benutzten. Als Absender stand Heinz Friedrich drauf. Ob die Adresse stimmte, wusste Madsen nicht. Hoffentlich hat er ans Verschlüsseln gedacht, hoffte Madsen. Er hatte schon viele Pannen erlebt. Aber seine Befürchtungen waren grundlos.

Nachdem er den Umschlag geöffnet hatte, zog einen Briefbogen heraus. Schnell erkannte er mit seinem geschulten Auge leichte Spuren, die auf eine Verschlüsselung hinwiesen. Dann begann er zu lesen.

Lieber Wolfgang,

das sind ja keine schönen Nachrichten von Tante Klara.

Ich wünschte, ich könnte euch helfen. Wäre ja auch für Sabine angenehmer. Aber leider ist das nicht möglich. Vielen Dank für die Briefmarke. Die hatte ich noch nicht. Bei mir gibt es sonst auch nichts Neues. Ich war gerade für zwei Wochen am Plattensee im Urlaub. Nun hat mich der graue Alltag wieder. Kommst du an die Briefmarkenserie zur Funkausstellung heran? Die wäre echt der Hammer. So, jetzt ist erst einmal Schluss. Du bist wieder dran mit Schreiben.

Oder ich höre anders von dir. Ist vielleicht besser, da ich immer noch schreibfaul bin. Liebe Grüße

Dein Heinz

Madsen machte sich umgehend an die Dechiffrierung des Briefes. Nach einer Viertelstunde war er fertig und las das Ergebnis.

Radaranlage wird von NVA bewacht. Ca. 50 Mann starke Mannschaft, wenn rund um die Uhr bewacht wird. Steht auf altem Wasserturm in Berlin Pankow. Ziemlich großes Modell. Zeichnet alle Flüge auf. Von Russen hier keine Spur. Bin angesprochen und dann verjagt worden.

Zufrieden lehnte sich Madsen im Stuhl zurück. Das Spiel hatte begonnen. Nun galt es, diesen Mann zu treffen, um ihm einige wichtige Tipps zu geben. Er war schließlich dort drüben auf sich alleine gestellt. Außerdem sollte er sein zugesagtes Geld bekommen. Rider schien schon darauf zu brennen, ihn kennenzulernen. Zunächst aber musste er ihm die Radiofrequenz senden. So wurde das Risiko mit den Briefen eingeschränkt. Phillips hatte bereits Einigung mit RIAS erzielt. Umgehend setzte er einen verschlüsselten Brief auf.

Nachdem er fertig war, leitete er die Botschaft von Hartmann an die zuständige Abteilung Aufklärung weiter. Dann musste er Rider informieren. Er sah auf die Uhr. Das wird ein langer Tag, dachte Madsen.

Kapitel 14

Hartmann zog die letzten Schrauben an der Motorabdeckung fest. Der alte Trabant sollte jetzt mit den neuen Zündkerzen wieder wie geschmiert laufen. Hartmann setzte sich auf den Fahrersitz und drehte den Ölhahn auf. Anschließend betätigte er den Zündschlüssel. Der Zweitakter sprang sofort an, und der Motor machte die normalen Geräusche. Zufrieden stellte Hartmann den Motor ab und stieg aus. Mit einem Lächeln ging er zu einem Mann, der am Garageneingang stand.

»Läuft wieder wie geschmiert, Herr Dr. Pawlick. Es waren lediglich die Zündkerzen, die erneuert werden mussten.«

Dr. Werner Pawlick war Anfang 50, leicht untersetzt. Auf seiner Nase saß eine mächtige Hornbrille mit dicken Gläsern.

»Na, da bin ich aber froh, ich hatte schon Angst, dass es richtig teuer werden könnte«, entgegnete Pawlick.

»Nein, nein.«

Hartmann winkte ab.

»Alles halb so wild. Sie bekommen dann eine Rechnung, wie immer«, sagte Hartmann und reichte dem Mann den Schlüssel.

»Vielen Dank, Herr…?«

»Hartmann, Bernd Hartmann.«

»Ja, vielen Dank, Herr Hartmann. Hier ist meine Karte, falls Sie mal einen Anwalt brauchen, stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.«

Pawlick nahm den Schlüssel und ging zu seinem Auto. Nachdem er sich angeschnallt hatte, startete er den Wagen und fuhr mit einem Winken aus der Garage. Hartmann sah hinterher und ging in die Sanitärräume, um sich die Hände zu waschen. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass es bereits wieder Feierabend war. Er drehte nachdenklich die Visitenkarte in den Händen. Anschließend legte er sie in den Spind und kleidete sich um.

Der Tag ist wieder wie im Flug vergangen, dachte er. Hoffentlich ist zuhause endlich mal wieder was im Briefkasten. Auf jeden Fall geht es gleich zu Dagmar nach Hause. Wie sehr ich mich nach ihr sehne und das, obwohl ich sie schon so lange kenne, dachte er. Nachdem er sich umgezogen hatte, verabschiedete sich Hartmann wie jeden Tag von den Kollegen und setzte seine Schwalbe in Gang.

Endlich! Gespannt nahm Hartmann den Brief mit Absender Wiegand aus dem Briefkasten und eilte die Treppe hinauf zu der Wohnung. Er schleuderte seine Arbeitstasche in die Ecke und schaute, ob Dagmar zuhause war. Anscheinend machte sie noch ein paar Besorgungen. Hastig öffnete er den Brief und machte sich an die Dechiffrierung.

Instruktionen ab sofort montags 20.00 Uhr über RIAS 1 auf

Kurzwelle 6005 kHz. Wiederholung mittwochs 21.00 Uhr. Baldiges Treffen wird arrangiert. Gute Arbeit bisher.

Hartmann nickte zufrieden und merkte, dass es kalt war in der Wohnung. Er zündete den Holzkohleofen an, und als die Kohle gut durchgeglüht war, verbrannte er den Brief.

Was bin ich froh. Keine Briefe mehr im Kasten, dachte er. Ihn nie wieder mit zittrigen Händen öffnen. Das Radio konnte er leise abhören und sich Notizen machen. Aber beim Öffnen des Briefkastens kann mal jemand neben ihm stehen. Was wäre, wenn der Brief hinunter fällt? Vielleicht steht ja gerade der Hausvertrauensmann neben ihm und hebt ihn auf. Und dann sieht er den Absender aus dem Westen. Hartmann liefen bei dem Gedanken kalte Schauer über den Rücken.

Er hörte, wie die Tür aufging und Dagmar hereinkam. Sie trug zwei Plastiktüten mit Lebensmitteln, die sie in die Küche brachte. Dann kam sie zu ihm, um ihn zu begrüßen.

»Hallo, Schatz.«

Sie schmatzte ihm einen Kuss auf den Mund.

»Wie war dein Tag?«

»Gut«, sagte Hartmann und lächelte zufrieden.

»Was gibt es zu essen?«

Nach dem Abendessen wollte Dagmar noch ein wenig stricken. Der Winter kommt mit großen Schritten, hatte sie prophezeit. Bernd fragte nicht nach, was genau sie fabrizierte. Im letzten Winter gab es mit dicken Socken und einem langen, bunten Schal eine schöne Weihnachtsüberraschung. Er zog sich in die Küche zurück und holte das Grundig-Radio von Siegfried hervor, welches er in der Eckbank versteckt hatte.

Nach kurzer Suche hatte er die Frequenz von RIAS Berlin gefunden. Er achtete darauf, nicht zu laut zu stellen. Westliche Musik wurde nicht besonders gerne gehört, und er wollte auf keinen Fall auffällig werden.

»Das war Thin Lizzy mit Whiskey in the Jar. Und bevor wir jetzt mit einem Klassiker der Rockgeschichte weitermachen, hier ein Gruß vom Wolfgang an den Heinz. B99OO H7Z66 J6666 44RR44T2 Z00ZZOO 4431123 GT44RT55 ZZE33SS.«

Aufgeregt notierte sich Hartmann die Nachricht, die vom Radiosender erklang. Mittlerweile war er geübt in der Dechiffrierung der Nachrichten, so dass er nach kurzer Zeit den Klartext vor sich liegen hatte.

Beim Lesen der Kurzmitteilung stieß er einen kurzen Pfiff aus.

01.11. 15.00 Uhr Tierpark Friedrichsfelde bei den

Sibirischen Tigern.

Hartmann dachte nach. Die wollen mich also kennen lernen. Siegfried hatte es ja gesagt, dass das kommt. Ich treffe mich mit dem Feind hier im Osten. Hoffentlich geht das gut. Und ich bekomme auch sicherlich mein erstes Geld. Nachdenklich lehnte er sich zurück. Nach einem kurzen Augenblick stand er auf und verbrannte seine Notiz im Holzkohleofen.

In der Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit in Ost-Berlin herrschte helle Aufregung.

»Haben sie das mitgeschrieben, Gefreiter?«, schrie Hauptmann Kemmer.

Der Gefreite nahm erschrocken seine Kopfhörer ab und fing an zu stammeln.

»Nein, Genosse. Es ging alles viel zu schnell. Ich konnte doch nicht ahnen……«

Hauptmann Kemmer winkte ab.

»Dann frage ich wegen Störfunk besser nicht nach. Rufen Sie umgehend Oberstleutnant Schrelle an. Sagen Sie, es ist von höchster Wichtigkeit. Er muss sofort hier erscheinen.«

Hauptmann Kemmer stürmte aus dem Funkraum. Es war lange ruhig im Westen. Zu lange. Und auf einmal wurde eine verschlüsselte Nachricht über RIAS durchgegeben.

Es war schon weit nach Mitternacht. Die Gemüter hatten sich beruhigt. Oberstleutnant Schrelle hat das Verpassen der Nachricht mit Fassung getragen. Im Grunde war er genauso überrascht wie alle anderen auch.

Doch ab sofort war man vorbereitet. Wenn die nächste verschlüsselte Nachricht gesendet wurde, sollte umgehend ein Störfunk rausgelassen werden. Alle Mitarbeiter der Aufklärung wurden informiert und hatten ab sofort zu zweit Dienst.

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Hacim:
270 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783738051599
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Bookwire
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