Kitabı oku: «Blutiger Spessart»

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GÜNTER HUTH

Blutiger Spessart

GÜNTER HUTH
Blutiger
Spessart

Ein Simon Kerner Thriller



Günter Huth wurde 1949 in Würzburg geboren und lebt seitdem in seiner Geburtsstadt. Er kann sich nicht vorstellen, in einer anderen Stadt zu leben. Er ist von Beruf Rechtspfleger (Fachjurist), verheiratet und hat drei Kinder. Seit 1975 schreibt er in erster Linie Kinder- und Jugendbücher sowie Sachbücher aus dem Hunde- und Jagdbereich (ca. 60 Titel). Außerdem hat er Hunderte von Erzählungen und Kurzgeschichten veröffentlicht. In den letzten Jahren hat sich Günter Huth vermehrt dem Genre Kriminalroman zugewandt und bereits einige Kriminalerzählungen veröffentlicht. 2003 kam ihm die Idee für einen Würzburger Regionalkrimi: »Der Schoppenfetzer« war geboren. Die erfolgreiche Serie hat sich mittlerweile in Mainfranken und auch im außerbayerischen »Ausland« etabliert. Der vorliegende Thriller ist der erste Kriminalroman um Simon Kerner. Günter Huth ist Mitglied der Kriminalschriftstellervereinigung »Das Syndikat«.

Die Handlung und die handelnden Personen dieses Romans sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit toten oder lebenden Personen oder Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ist nicht beabsichtigt und wäre rein zufällig.

Den Menschen

des Amtsgerichts Gemünden am Main

Prolog

Das Repetiergewehr im Kaliber .308 Winchester war mit einem Nachtsichtzielgerät und einem Schalldämpfer bestückt. Der Mann, der es mit einem Gewehrriemen über den Rücken geschnallt hatte, war seinerseits mit einer leistungsfähigen, militärischen Nachtsichtbrille ausgerüstet. Schwarz gekleidet, verschmolz er in der Nacht völlig mit den Bäumen des Waldes, zwischen denen er sich fast lautlos bewegte.

Sein Elektroquad vom Typ Ghostrider hatte er einige hundert Meter weiter hinten in einem Stichweg abgestellt. Dieses robuste Fahrzeug war für derartige Einsätze optimal – extrem geländetauglich, konnte man sich damit fast lautlos fortbewegen. Die restliche Strecke würde er zu Fuß zurücklegen. Wenig später hatte er den Waldrand erreicht. Regungslos blieb er unter den Bäumen stehen und beobachtete das freie Feld, das sich an den Wald anschloss. Mit Befriedigung nahm er zur Kenntnis, dass sich der Mond hinter einer riesigen Wolkenbank versteckte, die von der schwachen sommerlichen Brise nur träge ostwärts getrieben wurde. Das helle Licht des Vollmondes hätte die Leistungsfähigkeit seiner Nachtsichtausrüstung beeinträchtigen können.

Es dauerte nur zehn Minuten, dann tauchte sein Ziel links in seinem Gesichtsfeld auf. Er wartete einen Augenblick, bis die Situation günstig war, schob die Nachtsichtbrille nach oben und nahm das Gewehr hoch. Den linken Handrücken zur Stabilisierung gegen einen Baumstamm gedrückt, ruhte der Vorderschaft der Waffe regungslos in seiner Handfläche. Mit der Rechten drückte er den Kolben des Gewehrs gegen die Schulter. Das Fadenkreuz des Nachtsichtzielfernrohrs saugte sich am grünlichen Bild des Zieles fest. Der rechte Zeigefinger bewegte den Abzug mit der erforderlichen Gleichmäßigkeit nach hinten und überwand schließlich den Widerstand des Druckpunktes. Mit einem kaum vernehmlichen »Plopp« löste sich der Schuss. Den leichten Rückschlag der Waffe nahm der Schütze kaum wahr. Sofort repetierte er eine neue Patrone ins Patronenlager. Dieses mechanische Geräusch war lauter als der eigentliche Schuss, aber trotzdem so leise, dass man es in einigen Metern Entfernung schon nicht mehr hören konnte. Mit einem Blick durch das Zielfernrohr überzeugte sich der Schütze davon, dass er optimal getroffen hatte. Das spezielle Projektil, das er verwendete, ließ hinsichtlich der Wirkung keine Wünsche offen.

Er sicherte seine Waffe und schob die Nachtsichtbrille wieder vor die Augen. Schnell hatte er die ausgeworfene Patronenhülse gefunden und aufgehoben. Dann drehte er sich um und verschwand so lautlos, wie er gekommen war.

1

Das Treffen der beiden Männer fand auf den östlichen Wehrgängen der Festung Marienberg statt. Das Wetter war ausgesprochen unfreundlich, daher waren so gut wie keine Besucher auf den Mauerkämmen der historischen Wälle hoch über den Dächern von Würzburg unterwegs. Es regnete zwar nicht, aber der Wind blies in Böen über die Höhe und beugte das Gras auf den Befestigungen. Ideale Verhältnisse für eine geheime Zusammenkunft, die auf keinen Fall bekannt werden durfte.

Der Ältere der beiden Männer, Pietro Vasselari, blickte scheinbar gedankenverloren über das Tal hinüber zum gegenüberliegenden Nikolausberg, wo die Türme des Käppele, einer historischen Klosterkirche, herüber grüßten. Er trug einen dunkelblauen Nadelstreifenanzug, dazu einen breitrandigen Hut, unter dem schwarzes, mit silbrigen Fäden durchzogenes Haar hervorschaute. Sein Gesicht war von zahlreichen Falten zerfurcht. Er hatte den Teint eines Menschen, der viele Jahre lang Sonne, Wind und Wetter ausgesetzt gewesen war. Das machte ihn älter als die 72 Lenze, die er schon auf dem Buckel hatte. In der Hand hielt er einen schlanken, schwarzen Spazierstock mit einem kugeligen Knauf aus Silber, der einen Löwenkopf darstellte. Man sah dem Löwenkopf nicht an, dass er, wenn man an einer bestimmten Stelle drückte, ein zwanzig Zentimeter langes, schmales, beidseitig geschliffenes Stilett freigab. Eine sehr effektive Waffe. Vor allen Dingen deshalb, weil man immer den Überraschungsmoment auf seiner Seite hatte.

»Was ist nun, Renato, kannst du die Angelegenheit in unserem Sinne regeln?«, fragte er den anderen. Seine Stimme klang ungeduldig.

Man merkte, dass er es nicht gewohnt war, lange bitten zu müssen. Er drehte sich halb um und warf einen kurzen Blick zurück. Außer Hörweite lehnte sich Carlo, sein Chauffeur und Leibwächter, lässig gegen die Festungsmauer. Diese Gelassenheit täuschte jedoch. Er behielt die unmittelbare Umgebung der beiden Gesprächspartner scharf im Auge.

Der mit Renato Angesprochene zuckte mit den Schultern. Sein Äußeres zeichnete sich durch eine gewisse Sportlichkeit aus, wirkte aber deshalb nicht weniger gepflegt. Er war kräftig und muskulös – das Ergebnis regelmäßiger Besuche eines Studios. Man sah ihm nicht an, dass er die Fünfzig schon überschritten hatte.

»Don Pietro, sie wissen, wie gefährlich die Angelegenheit ist. Er ist ausgesprochen misstrauisch, und wenn er nur den geringsten Verdacht hat, lande ich mit Betonschuhen im Main.«

Der Alte zuckte mit den Schultern. »Was willst du nun, weiterkommen oder ewig für ihn den Consigliere spielen, der die heißen Kastanien aus dem Feuer holen muss? Die Familie wird aufatmen, wenn der alte Tyrann beseitigt ist. Du hast doch gesagt, du bist sicher, dass sie auf deiner Seite stehen werden.«

»Schon, aber besser wäre es, wenn es nach einem Unfall aussieht. Wenn man mich direkt mit seinem Tod in Verbindung bringt …«

»Mach dich nicht lächerlich. Es geht schließlich nur ums Geschäft.«

»Also, gut«, gab der Consigliere tief durchatmend zurück, »ich kenne da einen guten Mann, der das zuverlässig erledigen wird. Billig wird das allerdings nicht.«

»Das ist kein Problem. Sag mir, was es kostet, und ich stelle dir den erforderlichen Betrag zur Verfügung. Heute tue ich dir einen Gefallen – und morgen werde ich dich vielleicht um einen bitten.«

Er machte eine kleine Pause, dann fuhr er mit ruhiger Stimme fort: »Vergiss nicht unsere Abmachung. Ich übernehme die Prostitution in der ganzen Stadt und im Landkreis Main-Spessart, dafür bekommst du die Einkünfte aus dem Drogengeschäft.«

Renato nickte.

»Wenn die Angelegenheit erledigt ist, wirst du es ja erfahren. Bis dahin keine Kontakte mehr.«

Der Alte nickte, dann gab er seinem Chauffeur ein Zeichen und schlenderte langsam weiter.

Renato Mallepieri hingegen drehte sich um und eilte in die entgegengesetzte Richtung davon. Als er an dem Leibwächter des Alten vorbeimarschierte, schenkte der ihm keinen Blick.

Don Pietro Vasselari hatte es nicht eilig. Er genoss die schöne Aussicht. Man konnte dabei sehr gut nachdenken.

Mallepieri war für ihn lediglich eine nützliche Marionette, die er in diesem Spiel an den Fäden hielt. Wenn der Consigliere seinen Paten beseitigte, hatte er ihm die Drecksarbeit abgenommen. Der Pate der Würzburger Mafiafamilie wollte auf keinen Fall mit der Beseitigung des Konkurrenten aus dem Spessart in Verbindung gebracht werden. Das hätte in alle Familien große Unruhe gebracht. Später Mallepieri zu beseitigen war sicher keine große Angelegenheit. Schon seit längerer Zeit hatte Vasselari ein Auge auf die Geschäftsbereiche Don Emolinos geworfen. Wie es aussah, steckte der Alte in Schwierigkeiten mit der Justiz. Das bedeutete, dass das Alphatier der Emolinofamilie schwächelte. Ein guter Zeitpunkt, um sich sein Revier anzueignen. Sollte Mallepieri versagen, konnte man immer noch andere Methoden ins Auge fassen, um Emolino vom Thron zu stoßen.

Renato Mallepieri hatte durch das Treffen mit dem Paten der Konkurrenzfamilie Vasselari einen Schritt getan, der nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte. Das war ihm voll bewusst. Er war jetzt ein Verräter. Er hatte sich auf ein höchst riskantes Unternehmen eingelassen, aber wenn er sein Ziel, nämlich an die Spitze der Familie aufzusteigen, erreichen wollte, gab es keinen besseren Zeitpunkt. Der Thron des schwer angeschlagenen Don Francesco Emolino wankte. Die Polizei und die Staatsanwaltschaft in Würzburg hingen ihm seit fast zwei Jahren an den Fersen und hatten sich wie eine Meute Terrier an ihm festgebissen. Mallepieri war davon überzeugt, dass die Staatsanwaltschaft eher früher als später zuschlagen würde. Die Gefahr, dass der Alte auspackte, wenn er merkte, es ging ihm an den Kragen, durfte man nicht unterschätzen. In diesem Fall würden viele Köpfe rollen, unter anderem auch seiner. Deshalb war er sicher, dass er die meisten Mitglieder der Familie schnell auf seine Seite ziehen konnte, wenn Don Emolino etwas zustieß und er überraschend aus dem Leben schied. Und für die, die nicht kooperieren wollten, gab es andere Lösungen.

Don Pietro war keinen Deut besser. Ein gefährlicher weißer Hai, der in den Gewässern der Mafia schwamm und dort rücksichtslos auf Beute lauerte. Mallepieri hatte keinen Zweifel daran, dass er für den Alten nur Mittel zum Zweck war. Ein willfähriges Instrument, mit dessen Hilfe Vasselari sich die lukrativen Geschäfte im Revier von Emolino aneignen wollte. Dafür würde ihm jedes Mittel recht sein. Der Consigliere zuckte im Gehen mit den Schultern. Wenn er erst einmal an der Macht war, würde man über die Abmachung noch einmal reden müssen. Wer sagte denn, dass Don Pietro das ewige Leben hatte?

Wenig später hatte Mallepieri den öffentlichen Parkplatz der Festung erreicht. Wegen des schlechten Wetters rechnete man nur mit einer geringen Besucherzahl und hatte das Parkwärterhäuschen heute nicht besetzt. Folglich konnte man gebührenfrei parken. Auf dem Areal herrschte fast völlige Leere. Die wenigen Fahrzeuge, die über den ganzen Platz verstreut standen, waren unbesetzt. Mallepieri setzte sich in seinen weißen Alfa Romeo, 159 SW mit 200 PS und ließ den Motor kurz aufheulen. Er liebte den satten Sound der starken Maschine, dann legte er den Gang ein und rollte langsam vom Parkplatz. So schnell würde er nicht zur inneren Ruhe finden. Das, was er beabsichtigte, konnte ihm das Leben kosten oder ihm Macht und Reichtum verschaffen.

Zwei Stunden nach dem konspirativen Treffen auf den Festungswällen läutete das Mobiltelefon von Francesco Edoardo Emolino, dem Oberhaupt der Familie.

Er saß auf der linken Mainseite in Hofstetten in seiner etwas abgelegenen Villa und hatte sich gerade von seiner Haushälterin nach dem Essen einen Espresso servieren lassen. Seitdem seine Frau vor drei Jahren an Krebs gestorben war, lebte er allein in dem großen Haus mit zwei Stockwerken und zwölf Zimmern. Sein einziger Sohn Ricardo war schon lange ausgezogen und hatte eine eigene Wohnung. Im Haus wohnte noch sein Chauffeur, der ihm gleichzeitig als Leibwächter diente. Anna, seine Haushälterin, arbeitete nur tagsüber in der Villa; am Abend ging sie nach Hause. Emolino hatte ihr schon mehrfach angeboten, doch hier ins Haus zu ziehen, aber sie hatte immer abgelehnt. Sie fand, es gehöre sich nicht, mit einem Witwer zusammenzuleben.

Bei dem Handy handelte es sich um ein unregistriertes Prepaidmobiltelefon, das nicht so einfach abgehört werden konnte. Über seinen Festnetzanschluss liefen nur noch völlig harmlose Anrufe. Schon seit Monaten wusste er, dass er von der Polizei überwacht wurde.

»Pronto!«, meldete er sich kurz. Obwohl er schon seit Jahrzehnten in Deutschland lebte, pflegte er im Umgang mit seinen Landleuten nach wie vor die italienische Sprache. Die Nummer auf dem Display war ihm bekannt. Er wusste, wer anrief, und lauschte einige Zeit wortlos in den Hörer. Seine Miene veränderte sich im Laufe des Gesprächs dramatisch; war sie am Anfang angespannt gewesen, wechselte sie nun schlagartig in Betroffenheit und schließlich in Wut. Als der Anrufer schließlich schwieg, fragte er knapp: »Und daran gibt es keinen Zweifel?«

Die Antwort bestand offenbar nur aus einem Wort.

»Grazie«, gab Don Emolino zurück, dann unterbrach er das Gespräch und legte das Handy zurück. Schweren Schrittes ging er zu der breiten Fensterfront. Geraume Zeit starrte er wie versteinert hinaus. In der Ferne auf der gegenüberliegenden Mainseite konnte er, etwas versetzt, die Häuser von Langenprozelten erkennen.

Er setzte sich an den Schreibtisch zurück. Sein Espresso war mittlerweile kalt. Beiläufig schob er die Tasse zur Seite.

Es war ein Schock, wenn man erfuhr, dass ein Körper, den man für völlig gesund gehalten hatte, plötzlich von einem Krebsgeschwür befallen war. Bei seiner Frau hatte er dies auf dramatische Weise erleben müssen. Auch die Familie war nach seinem Gefühl so eine Art Organismus. Wie er soeben gehört hatte, schien sich auch hier ein Krebsgeschwür eingenistet zu haben.

Schließlich gab er sich einen Ruck, griff erneut zum Telefon und wählte eine Nummer. In solchen Fällen half nur eine schnelle, rigorose Operation, um den Tumor zu entfernen, bevor er auf den ganzen Körper übergriff. Er wählte die Nummer eines ausgezeichneten »Chirurgen«, der auf solche Eingriffe spezialisiert war.

Wenig später hörte er unten im Hof den Motor eines Fahrzeugs. Den Klang kannte er genau. Sein Consigliere hatte einen Zahnarzttermin in Würzburg gehabt, wie er Don Emolino erklärte.

Nach kurzem Anklopfen betrat Mallepieri das Arbeitszimmer.

»Hat in Würzburg alles geklappt?«, wollte Emolino wissen. Er musterte seinen Vertrauten mit prüfendem Blick.

»Alles klar«, gab Mallepieri locker zurück, »irgendwann werde ich mir wohl einen Weisheitszahn ziehen lassen müssen. Aber das hat noch Zeit, solange er nicht rebellisch wird. Liegt noch was an? Ansonsten würde ich nämlich nach Hause fahren.«

Don Emolino schüttelte den Kopf und sagte leise: »Nein, du kannst gehen. Morgen benötige ich dich erst gegen Mittag.«

Mallepieri nickte und verließ mit einem kurzen Gruß das Zimmer.

Don Emolino sah ihm lange hinterher. Die Sache mit dem Weisheitszahn dürfte sich erledigt haben.

Am nächsten Morgen verließ Renato Mallepieri sein Haus in Gemünden am Main, das in der Nähe der Scherenburg lag, und öffnete seine Garage. Er entriegelte seinen Wagen mit der Fernbedienung und wollte sich gerade hinter das Steuer setzen, als ein maskierter Mann um die Ecke bog und auf ihn zurannte. Trotz des sommerlichen Wetters trug er einen langen schwarzen Ledermantel. Für eine Schrecksekunde lang fühlte sich Mallepieri wie gelähmt. Keinen Augenblick zweifelte er an den Absichten des Vermummten.

In den nächsten Sekunden überschlugen sich die Ereignisse.

Mallepieris Hand fuhr zum Gürtel, wo unter dem Jackett eine durchgeladene Beretta steckte. Ehe er jedoch die Waffe greifen konnte, zog der Maskierte blitzschnell eine kurze Pumpgun unter seinem Mantel hervor und brachte sie in Hüftanschlag.

Wie aus dem Nichts stürmten fast zeitgleich zwei ebenfalls vermummte Männer mit Helmen auf dem Kopf in die Garage und brüllten den Angreifer an: »Polizei! Lassen Sie sofort die Waffe fallen!« Der Maskierte war aber offenbar so verblüfft, dass er die Gefährlichkeit der Lage nicht schnell genug einschätzen konnte. In den Ansatz einer Drehung hinein ertönte der scharfe Knall eines Schusses, und der Mann stürzte wie vom Blitz getroffen gegen die weiße Garagenwand. Dort bildete sich ein von weißer Gehirnmasse durchsetzter, blutroter Fleck, der wie ein skurriles Gemälde von der hellen Wand abstach.

Die beiden Polizisten traten mit schussbereiten Waffen vor, wobei der eine die Pumpgun mit einem Fußtritt unter Mallepieris Auto beförderte. Der Consigliere hatte unwillkürlich die Hände gehoben.

Als sich die beiden davon überzeugt hatten, dass von dem Angreifer keine Gefahr mehr ausging, sprach der Beamte, der geschossen hatte, in ein Mikrofon, das an der Brustseite seines Einsatzanzugs befestigt war. Der andere trat mittlerweile nach vorne und schob wortlos Mallepieris Jackett zur Seite. Er ergriff die Beretta und steckte sie sich in seinen Gürtel. Dann erst verstaute er seine eigene Waffe wieder im Holster.

»Sie warten hier«, befahl er kurz und knapp.

Mallepieri war so geschockt, dass er nur wortlos nicken konnte. Ihm war klar, dass er ohne das Eingreifen der Polizisten nicht mehr am Leben gewesen wäre. Erst nachdem sein Verstand langsam wieder zu funktionieren begann, fing er an, sich die Frage zu stellen, wieso die Polizeibeamten so plötzlich aus heiterem Himmel aufgetaucht waren.

Es verging eine knappe Minute, dann betrat ein Zivilist die Garage.

»Grüß Gott, Herr Mallepieri«, grüßte der Mann. Dabei streifte er den erschossenen Angreifer nur mit einem kurzen Blick, »mein Name ist Eberhard Brunner, Kriminalhauptkommissar Brunner. Können wir ins Haus gehen? Ich muss mit Ihnen sprechen.«

Mallepieri nickte unkonzentriert. Was hatte das alles zu bedeuten? Bis jetzt war immer Emolino im Fokus der Polizei gestanden. Wem hatte er diesen verdammten Killer zu verdanken?

Drinnen angekommen, orientierte sich der Kriminalbeamte kurz, dann ging er wie selbstverständlich in die Küche und holte Mallepieri ein Glas Wasser. Er stellte es vor ihm auf den Wohnzimmertisch ab, dann setzte er sich in einen Sessel. Langsam ließ sich der Hausherr ihm gegenüber auf der Couch nieder. Mit leicht zitternden Händen trank er einen Schluck.

»Geht es wieder?«, fragte Brunner.

»Ja«, gab Mallepieri mit unsicherer Stimme zurück.

»Es ist mir klar, dass Sie von den Ereignissen völlig überfahren sein müssen. Eines haben Sie aber sicher mittlerweile registriert, dass Sie nur knapp dem Tod entronnen sind. Der freundliche Zeitgenosse in der Garage, der demnächst in einem Kunststoffsarg auf dem Weg in die Rechtsmedizin sein wird, hatte ganz klare Anweisungen.«

Der Kriminalbeamte ließ sein Gegenüber keine Sekunde aus den Augen.

»Anweisungen von wem?«, brachte Mallepieri heiser hervor.

»Können Sie sich das nicht denken? Don Emolino hat genaue Informationen über Ihre Pläne, die Sie kürzlich mit Don Pietro gegen ihn geschmiedet haben. Sie können sich denken, dass er sich darüber nicht gerade amüsiert hat.«

Mallepieri wurde blass. »Woher weiß er …?«

»Sie wissen doch selbst am besten, dass Emolino seine Fäden überall gespannt hat. Er ist ein schlauer Fuchs, der sich schon lange keine Illusionen mehr über die Menschen in seiner Umgebung macht. In eurer ehrenwerten Gesellschaft kann man doch keinem über den Weg trauen. Dafür sind Sie ja das beste Beispiel. Muss ich das weiter erklären?«

Mallepieris Kaumuskeln traten deutlich hervor. »… und woher weiß die Polizei …?«

Brunner zuckte mit den Schultern. »Als Emolinos Consigliere ist Ihnen doch bekannt, dass wir seit geraumer Zeit gegen die Familie ermitteln. Emolino hat es bisher noch immer verhindern können, dass wir aussagebereite Zeugen gefunden haben, um ihn für den Rest seines Lebens hinter Gitter zu bringen. Bei den Vernehmungen können sie sich an nichts mehr erinnern, oder es rafft sie vorher ein plötzlicher Tod dahin.«

Mallepieri schwieg. Natürlich kannte er die Methoden, die Emolino anwandte, um unliebsame Zeugen zum Schweigen zu bringen. In vielen Fällen hatte er selbst dafür gesorgt, dass die Mauer des Schweigens hielt.

Brunner erhob sich und stellte sich vor die großflächige Glasfront; von hier aus konnte man hinunter auf das Maintal und bis zum Wald am Gegenhang blicken. Betont beiläufig meinte er: »Ein guter Scharfschütze hätte sicher kein allzu großes Problem, vom gegenüberliegenden Hang auf einen Mann, der hier am Fenster steht, zu schießen.«

»Was wollen Sie von mir?«, fragte Mallepieri, obwohl er natürlich eine ziemlich genaue Vorstellung von dem hatte, was jetzt kommen würde.

Brunner drehte sich um und ließ sich wieder auf seinem Platz nieder. »Dieses Mal konnten wir Sie retten, weil wir Emolino im ganzen Haus abhören. Aber in einer halben Stunde sind wir wieder weg, und Sie bleiben ganz allein zurück. Wollen wir eine Wette darauf abschließen, wie lange Sie dann noch am Leben sind? Für ihn sind Sie ein Verräter, der bestraft werden muss. Wenn Emolino erfährt, dass die Polizei seinen Killer erschossen hat, wird ihm mit letzter Sicherheit klar sein, dass Sie mit uns zusammenarbeiten.«

Nervös trank Mallepieri sein Glas leer. Er wusste natürlich, wie Emolino tickte. Der Polizist hatte recht.

»Sie müssen mich schützen«, stieß er hervor.

Brunner zog ein bedenkliches Gesicht. »Sie wissen doch bestimmt aus den Medien von der Personalknappheit im öffentlichen Dienst. Auch die Polizei ist davon betroffen. Daher müssen wir Prioritäten setzen. Wir können nicht jedem, der mit Emolino Ärger hat, Personenschutz gewähren.«

Er machte eine kurze Pause, dann fuhr er fort: »Wie gesagt, wir müssen unsere Kräfte rationell einsetzen. Aber stellen wir uns einmal vor, es gäbe jemanden aus dem innersten Kreis von Emolino, der sich ebenfalls schwerer Straftaten schuldig gemacht hat, als Mitwisser oder vielleicht sogar durch eigene Verbrechen. Wenn sich diese Person beispielsweise der Staatsanwaltschaft als Kronzeuge zur Verfügung stellen würde, dann könnte man einen aufwändigen Personaleinsatz zu seinem Schutz sicher verantworten.« Er verstummte und ließ seine Worte erst einmal einwirken.

Mallepieri rutschte nervös auf seinem Sitz herum. Für ihn war völlig klar, dass sein Leben seit heute keinen Pfifferling mehr wert war. Selbst wenn er jetzt sofort alle Zelte abbrechen und sich auf die Flucht machen würde, könnte er dem weit verzweigten Netz Emolinos kaum entgehen. Er hatte das schon oft genug erlebt.

»Was müsste ein Kronzeuge tun?«

Brunner sah ihn nachdenklich an, dann erwiderte er: »Er müsste uns die gesamten Strukturen von Emolinos Verbrecherorganisation aufdecken, Namen nennen, Straftaten aufdecken und uns Beweise liefern, damit wir in die Lage versetzt werden, Emolino und seine Handlanger für immer hinter Gitter verschwinden zu lassen.«

»Wie sähe so ein Deal aus?«

»Das Gericht könnte ihm Strafmilderung oder sogar Straffreiheit gewähren. Für solche Fälle gibt es dann ein Zeugenschutzprogramm. Er bekäme eine neue Identität, womöglich eine Gesichtsoperation und einen Job an einem neuen Wohnsitz, irgendwo, wo ihn keiner kennt.«

Mallepieri stand der Schweiß auf der Stirn. »Das kann ich nicht machen. Emolino wird mich überall finden!«

Brunner erhob sich. Sein Mitleid mit dem Mafioso hielt sich in engen Grenzen.

»Ihr Leben ist schon heute keinen Pfifferling mehr wert, aber das müssen Sie selbst wissen«, erklärte er emotionslos und bewegte sich zur Tür.

»Verdammt, Sie können mich doch jetzt nicht so einfach hier sitzen lassen!«, rief Mallepieri fast panisch.

Der Kriminalbeamte zuckte mit den Schultern. »Ich habe es Ihnen ja erklärt.«

Als er bereits den Türgriff in der Hand hatte, rief Mallepieri ihn zurück. »Warten Sie! Lassen Sie uns noch einmal miteinander sprechen!«

»Verschwenden Sie nicht meine Zeit!«, gab Brunner kalt zurück. »Wollen Sie uns nun helfen oder nicht?«

In Mallepieri tobte ein schwerer Kampf. Schließlich brach er innerlich zusammen. »Was muss ich tun?«, fragte er leise.

Brunner hatte natürlich mit dieser Entscheidung gerechnet. Er trat wieder in den Raum zurück. »Suchen Sie sich ein paar Kleidungsstücke zusammen und nehmen Sie Ihre Papiere mit. Soweit Sie Bargeld im Haus haben, können Sie es auch mitnehmen. Lassen Sie sonst alles stehen und liegen, auch Ihr Handy. Nehmen Sie aber die SIM-Karte heraus. Dann müssen wir zusehen, dass Sie von hier verschwinden. Emolino wird sehr schnell mitbekommen, dass sein Killer hier keinen Erfolg hatte, und einen anderen schicken. Wir bringen Sie in eine sichere Wohnung. Dort werden Sie vernommen.«

Mallepieri zögerte nicht länger. Er erhob sich und eilte ins Ankleidezimmer, um einen kleinen Koffer zu packen. Nachdem er sich entschieden hatte, gab es keine Zurückhaltung mehr. Wenig später verfrachteten Brunner und ein weiterer Kriminalbeamter ihn auf die Rücksitzbank eines zivilen Polizeifahrzeugs und warfen eine Decke über ihn. Ein paar Minuten später verließ das Dienstfahrzeug Gemünden und fuhr mit hoher Geschwindigkeit in Richtung Würzburg. Außerhalb der Ortschaft konnte sich Mallepieri wieder aufrichten. Schweigend saß er auf dem Rücksitz und kaute angespannt auf seiner Unterlippe. Ihm war klar, dass diese Entscheidung die einzige Chance war, sein Leben zu retten.

Brunner, der auf dem Beifahrersitz saß, verzog keine Miene, aber der Triumph, diesen dicken Fisch an Land gezogen zu haben, ließ ihn innerlich jubilieren. Vor zwei Jahren war es dem Landeskriminalamt gelungen, einen Undercover-mann in die Organisation von Don Pietro in Würzburg einzuschleusen. Don Pietros Familie agierte von Würzburg in Richtung Oberfranken. Schon lange ging er mit der Absicht schwanger, in Don Emolinos Geschäftsbereich zu »expandieren«. Brunner wusste, dass der verdeckte Ermittler dem Emolino-Klan einen Tipp gegeben hatte. Es war ihnen klar gewesen, dass der Alte sofort reagieren würde. Mallepieri war deshalb engmaschig überwacht worden. Es wäre ihm natürlich lieber gewesen, der Killer wäre am Leben geblieben, aber sie mussten Mallepieri auf jeden Fall unverletzt bekommen. Oberstaatsanwalt Kerner würde außer sich vor Freude sein. Vielleicht war dies der erste Schritt, die Mauer des Schweigens, die Emolino um sich aufgebaut hatte, zu durchbrechen.

2

Vier Monate später

Der Wetterbericht hatte im Bereich Nordbayern für Sonntag auf Montag einen schweren Sturm vorausgesagt, der mit Windstärken bis 10 vor allen Dingen über Unterfranken hinwegfegen sollte. Das Unwetter sollte von lang andauernden, sintflutähnlichen Regenfällen und starken Gewittern begleitet werden. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, möglichst nicht die Häuser zu verlassen und Parkanlagen und Wälder zu meiden.

Der schwer gepanzerte, grüne VW-Bus mit den schussfesten, vergitterten Scheiben verließ am Montagmorgen die Justizvollzugsanstalt Würzburg exakt um 8.00 Uhr. Kaum hatte der Fahrer das schützende Dach über dem Innenhof der Strafanstalt verlassen, musste er die Scheibenwischer auf höchste Leistungsstufe stellen, denn in der Mainmetropole regnete es noch immer in Strömen. Die Vorhersage des Wetterberichts war voll eingetreten. Ständig kamen über Funk Meldungen von den Einsatzkräften der Feuerwehr herein, die die ganze Nacht unterwegs gewesen waren, um umgestürzte Bäume zu entfernen und abgedeckte Dächer zu sichern.

Fluchend wischte Norbert Beckmann, der Beamte, der am Steuer des Gefangenentransporters saß, von innen mit einem Lappen die Frontscheibe frei, die durch den plötzlichen Temperaturunterschied zwischen Außen und Innen schon nach wenigen Metern völlig beschlagen war. Das Gebläse arbeitete lautstark mit höchster Leistung, in dem Bemühen, die Sicht wieder freizumachen. Die Scheibenwischer konnten die Wassermassen kaum bewältigen. Beckmann warf zum wiederholten Male einen prüfenden Blick in den Innenspiegel. Hinter ihm, auf der mittleren Bank des Transporters, saßen mit angespannten Mienen seine Kollegen Martin Bohlender und Dieter Trusch. Zwischen ihnen der Mann, den sie transportieren mussten. Da der eine Beamte Rechts- und der andere Linkshänder war, hatten sie ihre Plätze so gewählt, dass der Mann nicht an ihre Dienstwaffen reichen konnte, die sie am Gürtel trugen. Eine Vorsichtsmaßnahme, die sie bei dem kriminellen Kaliber ihres Fahrgastes für mehr als angebracht hielten.

Beckmann konzentrierte sich wieder auf die Fahrbahn. Es fiel ihm recht schwer, da er heute einen ausgesprochen schlechten Tag hatte. Seine derzeitige private Situation ging ihm nicht aus dem Kopf. Am Wochenende hatte ihm seine Frau Veronika ihre Scheidungspläne eröffnet. Es gärte zwar schon seit längerer Zeit in ihrer Beziehung, aber bisher hatten sie die Schwierigkeiten noch immer irgendwie in den Griff bekommen. Sein Job als Mitglied des Mobilen Einsatzkommandos der Polizei war häufig stressig, mitunter sogar gefährlich und brachte ständig wechselnde Dienstzeiten mit sich. Umstände, die einem Familienleben nicht gerade zuträglich waren, dessen war sich der Polizeibeamte voll bewusst. Doch Norbert Beckmann liebte seinen Beruf und sah in seiner Mitgliedschaft in dieser Spezialeinheit auch die Möglichkeit, schneller Karriere zu machen – was seiner Meinung nach letztlich wieder der Familie zugutekam. Einige Jahre noch, dann würde er sich auf eine führende Position in einem Kommissariat bewerben können, und die Situation würde sich entspannen. Das hatte er seiner Frau schon häufig erklärt, aber darauf wollte Veronika offenbar nicht mehr warten. Sie hatte, wie sie ihm sagte, nicht geheiratet, um dann immer allein zu sein und täglich in der Furcht zu leben, ihr Mann könne im Dienst verletzt werden oder gar ums Leben kommen. Auslöser war wohl der letzte Einsatz gewesen, bei dem sein Kommando einen Drogenhändler über die A7 verfolgt hatte. Ein total zugekiffter Irrer, der mit seinem Mercedes über die Autobahn gerast war und dabei auch noch auf die ihn verfolgenden Einsatzkräfte schoss. Die Autobahn musste gesperrt werden, um andere Verkehrsteilnehmer nicht zu gefährden. Darüber war natürlich im Fernsehen groß und breit berichtet worden, wodurch seine Frau alle Einzelheiten mitbekommen hatte. Letztendlich hatten sie den Kerl geschnappt. Allerdings hatte Beckmann ein leichtes Schleudertrauma davongetragen, als sein Dienstwagen beim Versuch, den Flüchtigen zu stellen, gegen die Leitplanke geprallt war. Das hatte wohl bei seiner Frau das Fass zum Überlaufen gebracht.

Beckmann riss sich mit Gewalt von seinen Gedanken los. Leicht über das Lenkrad gebeugt, starrte er angestrengt durch die Windschutzscheibe. Von dem Wagen, der vor fünfzehn Minuten ihrem Transport vorausgefahren war, war nichts zu sehen. Es handelte sich dabei ebenfalls um einen gepanzerten Gefangenentransporter, in dem sich ein mit Handschellen gefesselter Angeklagter befand. Sie hatten diesem Fahrzeug ausreichend Vorsprung gelassen; somit bestand keine Gefahr, dass sich die beiden Transporte und die darin befindlichen Personen auf dem Weg zum Gericht begegneten.

Als sich der Wagen der ersten Kreuzung mit einer Ampelanlage näherte, schaltete Beckmann das Martinshorn und das Blaulicht ein und fuhr zügig über das Straßenkreuz hinweg. Anlass für einige Autofahrer, wütende Blicke herüberzuwerfen, weil sie plötzlich abbremsen mussten und dazu noch von einer Wasserfontäne getroffen wurden, die der Transporter nach beiden Seiten hochspritzte. Doch Beckmann konnte darauf keine Rücksicht nehmen, er hatte strikte Anweisung, während der Fahrt nicht anzuhalten.

Der Grund für diese strengen Vorsichtsmaßnahmen saß in seinem Fahrzeug. Es handelte sich um den Kronzeugen in dem Strafprozess gegen Francesco Edoardo Emolino, Renato Mallepieri. Er war ebenso wie Emolino deutscher Staatsbürger italienischer Abstammung. Emolino war wegen Gründung einer kriminellen Vereinigung und Anstiftung zum mehrfachen Mord von der Staatsanwaltschaft vor dem Schwurgericht des Landgerichts Würzburg angeklagt worden. Schon seit geraumer Zeit saß er deswegen in Untersuchungshaft in der Justizvollzugsanstalt Würzburg. Heute sollte der Prozess gegen ihn beginnen, für den von vornherein mehrere Tage angesetzt worden waren. Mallepieri war dabei der Schlüssel, mit dem die Strafverfolgungsbehörden Emolino endlich knacken wollten. Der Kronzeuge war wie ein Augapfel gehütet worden. Wochen hatte er in einer sicheren Wohnung im Landkreis Würzburg verbracht. Dort hatte man ihn verhört und seine Zeugenaussagen aufgenommen. Eine ganze Gruppe Ermittler der Sondereinheit Spessartblues war für seine Bewachung abgestellt worden, da sein Leben höchst gefährdet war.

Das Verfahren, das in ganz Deutschland für Furore in den Medien sorgte, wurde insgesamt von außerordentlich strengen Sicherheitsmaßnahmen begleitet. Die Justiz rechnete damit, dass von bestimmten Kreisen der Versuch unternommen werden könnte, Emolino zu befreien, und man traf entsprechende Vorsichtsmaßregeln. Zu viel stand für den Angeklagten auf dem Spiel. Immerhin drohte ihm eine lebenslange Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung.

Aus anderen Gründen, aber in noch viel stärkerem Maße galt diese Bedrohungssituation auch für Mallepieri. Sein Leben war extrem gefährdet, das stand außer Zweifel. Um heute Morgen keine längere Fahrt über Land in Kauf nehmen zu müssen, war Mallepieri gestern am späten Abend in die Justizvollzugsanstalt Würzburg verlegt worden, wo er die Nacht, streng bewacht, in einer Einzelzelle verbrachte.

Fünfzehn Minuten später erreichte das Fahrzeug mit dem Kronzeugen sein Ziel: die Einfahrt zur Tiefgarage des Strafjustizzentrums Würzburg in der Ottostraße. Per Funk überzeugte sich der Fahrer davon, dass das vorausfahrende Fahrzeug mit dem Angeklagten am Ziel angekommen war. Wie man ihm sagte, saß Emolino bereits in einer Wartezelle des Strafjustizzentrums, wo er bis zum Beginn des Prozesses verwahrt wurde. Man konnte also den Kronzeugen in ein gesichertes Zimmer neben dem Schwurgerichtssaal schaffen.

Beckmann schaltete das Sondersignal aus. Langsam rollte er die am Altbau der Würzburger Justiz entlangführende Parkstraße entlang, die zugleich die einzige Zufahrtsstraße zur Tiefgarage des Strafjustizzentrums darstellte. Zwischenzeitlich hatte der Regen deutlich nachgelassen. Die Beamten im Fahrzeug machten sich bereit. Diese Phase, eingesperrt in die sich schluchtartig verengende Zufahrt zur Tiefgarage des Gerichts, war die gefährlichste während des gesamten Gefangenentransports. Hier gab es kein Ausweichen und keine Wendemöglichkeit. Wenn sie erst einmal das schwere Metalltor zur Tiefgarage passiert hatten, waren sie in relativer Sicherheit. Es gab dort reservierte Parkplätze für Polizeifahrzeuge, von denen aus man den Zeugen auf kurzen, sicheren Wegen zum Schwurgerichtssaal bringen konnte.

Die auf grün springende Ampel oberhalb des Tores zeigte an, dass die Zufahrt zur Tiefgarage freigegeben war. Beckmann rollte langsam die Asphaltstraße hinunter, die mit Gefälle zum ferngesteuerten Tor der Garage führte. An der tiefsten Stelle der Einfahrt hatte sich aufgrund des Unwetters ein regelrechter See gebildet. Während sich der Transporter im Schritttempo der Einfahrt näherte, drückte ein Justizwachtmeister, der den Vorgang auf einem Bildschirm in der Zentrale im Gebäude verfolgen konnte, den Schaltknopf, und das Tor bewegte sich knarrend im Schneckentempo nach oben.

Der Mann, der sich hinter den Büschen der angrenzenden Parkanlage versteckte, kniete bereits in der richtigen Position. Er wusste, dass er vom nahen Fußgängerweg nicht gesehen werden konnte. Eine ganze Reihe von Sträuchern gab ihm ausreichend Deckung. Im Übrigen waren bei dem augenblicklichen Regenwetter sowieso nur wenige Menschen unterwegs. Er wischte sich mit dem Ärmel das Wasser aus dem Gesicht. Dass er nass bis auf die Haut war, störte ihn nicht.

Aufs äußerste konzentriert, beobachtete er die Ankunft des zweiten Gefangenentransporters. Er hatte genaue Instruktionen erhalten. Der zweite Wagen war sein Ziel! Das erste Fahrzeug war schon seit einiger Zeit in der Garage verschwunden.

Als der Wagen kurz vor dem Tor zum Stillstand kam, führte er das Abschussrohr an die Schulter, klappte die Zielvorrichtung auf und blickte hindurch. Ruhig visierte er, erfasste das Ziel und betätigte ohne Hast den Auslöser. Dieses russische Modell eines panzerbrechenden Raketenwerfers war kinderleicht zu bedienen und hatte nur einen geringen Rückstoß. Nach hinten einen langen Feuerstrahl ausstoßend, zischte die Rakete aus dem Abschussrohr und raste mit rasch zunehmender Geschwindigkeit auf das rückwärtige Fenster des Polizeifahrzeugs zu. Die vergleichsweise dünne Panzerung des Fahrzeugs war für das Geschoss, das mühelos siebzig Millimeter Stahl eines modernen Panzers durchbrechen konnte, kaum spürbar. Zwischen dem Einschlag in den Transporter und der nachfolgenden Explosion verging keine für Menschen erkennbare Zeitspanne. Nach Sekundenbruchteilen blähte sich das Fahrzeug plötzlich wie ein überdimensionaler Ballon nach außen auf und explodierte in einem enormen Feuerball. Der Druck der Explosion prallte gegen den noch nicht geöffneten Teil des Metalltors der Tiefgarage, traf es mit der Wucht einer gigantischen Faust und verbog es nach innen. Fenster der angrenzenden Gebäude splitterten, und von den in der Nähe stehenden Bäumen brachen Äste herunter. Der Knall und die nachfolgende Druckwelle der Explosion erreichten den Schützen nicht unvorbereitet. Längst lag er auf der Erde und drückte sich fest gegen das nasse Gras. Seine Trommelfelle hatte er durch Gehörschutzkapseln geschützt. Als der Luftdruck schadlos über ihn hinweggegangen war, drehte er sich ohne Hast zur Seite und steckte die Abschussvorrichtung in die unauffällige, längliche Sporttasche zurück, in der er sie auch hertransportiert hatte. Dann erhob er sich und zwängte sich durch die nassen Büsche nach draußen auf den Weg. Er wusste, dass zwischen Explosion und Reaktion der Sicherheitskräfte im Haus einige Zeit vergehen würde. Vermutlich waren im Augenblick alle vom Schock gelähmt. Den Flammen, die in der Schlucht der Zufahrt mehrere Meter hochschlugen, schenkte er nur einen beiläufigen Blick. Das Benzin des Fahrzeugs sorgte für eine tosende Feuerhölle. Er wusste, welch verheerende Auswirkungen diese Waffe hatte. Man konnte sich auf diese Baureihe absolut verlassen. Vorsichtig bewegte er sich über die Glassplitter der im angrenzenden Ziviljustizzentrum geborstenen Fensterscheiben.

Kurze Zeit später verließ ein dunkelblauer Van eine Parkbucht vor dem Gebäude der nahen Universität. In der Ferne hörte der Fahrer Sirenengeheul: Feuerwehr und Rettungsfahrzeuge. Trotz allem hatten die Verantwortlichen der Justiz offenbar schnell reagiert.

Der Mann fühlte keine besonderen Emotionen. Zu oft hatte er in seinem Leben schon vergleichbare Situationen erlebt. Er war sich sicher, dass es dort nichts mehr zu retten gab. Die Insassen des Fahrzeugs waren in tausend Stücke gerissen worden, die Überreste würden in den Flammen bis zur Unkenntlichkeit verbrennen. Damit war der Job für ihn erledigt. Das Honorar würde in den nächsten Tagen auf seinem Auslandskonto eingehen.

Auf der Talavera, einem großen Parkplatz in der Nähe des Mains, stellte er den gestohlenen Wagen ab. Den Schlüssel ließ er stecken. Mit einem Handgriff aktivierte er den Zeitzünder, der in der kommenden Nacht den Wagen in eine Brandfackel verwandeln würde. Den Zeitpunkt hatte er deshalb gewählt, weil dann mit hoher Wahrscheinlichkeit keine unbeteiligten Menschen gefährdet wurden. Seine Handlungen waren rational gesteuert, seine Motive geschäftlicher Natur. Er tötete nicht zum Vergnügen. Da keine weiteren Todesopfer erforderlich waren, um sein Ziel zu erreichen, würde es auch keine geben. Mit dieser Aktion waren dann alle Spuren, die er möglicherweise hinterlassen hatte, vernichtet. Er stieg aus. Es regnete nicht mehr. Die Sonne kämpfte sich durch die Wolkendecke und begann, seine feuchte Kleidung zu trocken. Er setzte eine Sonnenbrille auf, überquerte ohne Eile den Parkplatz und marschierte wenig später mit seiner Tasche in der Hand in die Zellerau, wo in der Wredestraße ein weiteres Fahrzeug auf ihn wartete. Auch dieses Auto war gestohlen und diente nur dazu, seine Spuren zu verwischen. Irgendwo auf der Strecke zwischen Würzburg und seinem Wohnort würde er dann in sein eigenes Fahrzeug steigen. Dort konnte er auch die noch immer feuchte Kleidung wechseln. Während der Fahrt würde er seine gesamte Ausrüstung an einer passenden Stelle im Main versenken.

Der eine oder andere in seinem Geschäft hielt diese Maßnahmen wahrscheinlich für übertrieben, aber er überließ seine persönliche Sicherheit nur ungern einem Zufall.

3

Die Explosion hatte das ganze Strafjustizzentrum erschüttert. Sie war bis in das entfernteste Büro zu spüren gewesen. Emolino saß mit Handschellen gefesselt im Keller des Gerichtsgebäudes, in einem durch massive Gitter abgeteilten Bereich der Wartezellen; er gab sich keine Mühe, ein zufriedenes Lächeln zu verbergen. Seinen beiden Strafverteidigern, die sich außerhalb des abgesperrten Teils in seiner Nähe befanden, konnte man den Schrecken deutlich ansehen. Betroffen schauten sie sich an, blickten fragend zu ihrem Mandanten. Doch Emolino zuckte nur mit den Schultern.

Es dauerte einige Zeit, dann war draußen das Geheul herannahender Einsatzfahrzeuge zu hören. Zum Glück war es von der Basis der Städtischen Feuerwehr bis zum Unglücksort nicht weit. Kurze Zeit darauf waren auch die Sirenen der Polizei- und der Rettungsfahrzeuge zu vernehmen.

Emolino setzte sich gelassen auf eine der Pritschen, während seine Verteidiger nervös rauchten. Jetzt war er ganz ruhig.

Im Inneren des Hauses konnte man das chaotische Durcheinander, das an der Explosionsstelle herrschte, nur erahnen. Das Benzin aus dem zerstörten Transporter ließ ein Flammeninferno entstehen, dessen Feuerzungen bis ins erste Stockwerk hochschlugen. Sofort trat ein Alarmplan in Kraft, der dafür sorgte, dass das ganze Gebäude geräumt werden musste. Es dauerte daher auch nicht lange, bis ein sehr nervöser Justizwachtmeister herbeigerannt kam und ihnen mitteilte, dass die Verhandlung heute wegen des Explosionsunglücks nicht stattfinden würde. Eine Information, die Emolino ohne große Überraschung zur Kenntnis nahm. Seine Verteidiger hingegen forderten, dass ihr Mandant und sie sofort evakuiert würden. Ihre hektischen Fragen nach der Ursache und den Auswirkungen der Explosion konnte der Beamte nicht beantworten. Wenige Minuten später kamen die zwei SEK-Beamten, die Emolino auf der Herfahrt begleitet hatten, herbeigeeilt und legten ihm mit verbissenen Mienen wieder die Handschellen an. Den beiden Männern war klar, wem ihre drei Kollegen aus dem Transporter ihren Tod zu verdanken hatten. Emolino nahm ihre Handlungsweise mit stoischer Gelassenheit hin. Ihm konnte heute nichts die Laune verderben.

Die beiden Beamten führten Emolino und seine Verteidiger durch die Lobby des Justizgebäudes zu einem außerhalb wartenden zivilen Polizeifahrzeug.

Auf dem ganzen Vorplatz standen Justizbedienstete herum und warteten darauf, ihren Arbeitsplatz wieder betreten zu können.

Wenig später war Emolino wieder auf dem Weg in die Justizvollzugsanstalt.

4

Eine Stunde nach der Explosion konnten die Behördenangehörigen, deren Zimmer nicht betroffen waren, wieder an ihre Arbeitsplätze zurückkehren. Währenddessen tigerte Oberstaatsanwalt Dr. Simon Kerner ruhelos im Dienstzimmer seines Vorgesetzen, des Leitenden Oberstaatsanwalts Armin Rothemund, auf und ab. Er trug noch immer die schwarze Amtsrobe und die weiße Krawatte, die er für die Schwurgerichtsverhandlung angezogen hatte. Durch den Alarm hatte er sich nicht umziehen können. Der grau-melierte Teppichboden dämpfte seine energischen Schritte nur dürftig.

Die beiden Männer waren ziemlich unterschiedlich.

Kerner, 46 Jahre alt, 182 cm groß, sportlich, um nicht zu sagen athletisch gebaut, kurze brünette Haare.

Rothemund, elf Jahre älter, 176 cm groß, mit schütterem Haarwuchs, figürlich eher mager, mehr der Typ zerstreuter Professor, im dunkelblauen Anzug, mit hellblauem Hemd und einer passenden Fliege.

»… es bleibt dem Schwurgericht jetzt gar nichts anderes übrig, als diesen Verbrecher freizusprechen. Ohne Mallepieri sind wir, was die Beweislage betrifft, so gut wie blank. Die Indizien reichen für eine Verurteilung nicht aus. Verdammter Mist! Mehr als zwei Jahre Ermittlungsarbeit praktisch für die Katz. Nach dieser Explosion – besser sollte ich sagen Hinrichtung – werden wir keinen Menschen mehr aus seinem Umfeld finden, der gegen Emolino auch nur die Stirne runzelt. Das Härteste ist, dass ich auch noch derjenige sein werde, der auf Freispruch plädieren muss. Ich hoffe nur, dass ich nicht die Beherrschung verliere.«

Er schlug sich wütend mit der geballten Hand in die Handfläche der anderen. »Ich kann mir diese Gaunervisage bildlich vorstellen, wie er bei der Urteilsverkündung auf der Anklagebank sitzt und feixt.«

Rothemund klopfte rhythmisch mit einem Füllfederhalter auf seine lederne Schreibtischunterlage. Auch ein Zeichen seiner immensen Anspannung. Allerdings hatte er in seinem langen Juristenleben, darunter die meiste Zeit in führender Position bei der Staatsanwaltschaft, schon einige Niederlagen einstecken müssen. Nicht immer war der Anspruch des Staates auf Strafverfolgung zu realisieren. Die Ermordung des Kronzeugen in der Emolino-Sache war allerdings bisher die spektakulärste Pleite. Er wusste aus eigener Erfahrung, dass es, je nach Temperament des zuständigen Staatsanwalts, Tage bis Wochen dauern konnte, bis man den Frust über derartige schlimme Erfahrungen überwunden hatte. Und Kerner war ein ausgesprochen ehrgeiziger Strafverfolger. Einer seiner Besten.

»Ist nun mal nicht zu ändern, Simon«, warf er ein. »Viel schlimmer ist der sinnlose Tod der drei jungen Polizeibeamten des Sondereinsatzkommandos. Zwei hinterlassen Frau und Kinder, wie ich gerade vom Polizeipräsidenten erfahren habe.«

Kerner ließ sich auf einen der Sessel fallen, die rund um eine Sitzgruppe platziert waren.

»Dafür wird mir dieses Schwein Emolino bezahlen!«

Er spuckte die Worte regelrecht aus.

»Ich werde keine Ruhe geben, bis wir diesen Verbrecher hinter Gitter bringen und den Schlüssel zu seiner Zelle wegwerfen können. Sicherungsverwahrung bis zum Lebensende! Keine Gnade! Die drei Männer und der Kronzeuge hatten keine Chance.«

Beide Männer wussten natürlich, dass dieser Ausbruch lediglich ein Ventil für die soeben erlittene Niederlage war. Die Entscheidung darüber, wie ein Urteil lautete, lag selbstverständlich im Ermessen des Gerichts und nicht im Wunschdenken eines enttäuschten Staatsanwalts.

»Die Kriminaltechniker, die schon vor Ort sind, haben bereits anhand des Ausmaßes der Explosion Vermutungen geäußert, dass das Fahrzeug von einer Rakete oder einer Panzerabwehrgranate getroffen wurde. Einzelheiten werden wir allerdings erst erhalten, wenn die Ermittler an das Fahrzeug herantreten können. Im Augenblick ist das immer noch eine Gluthölle. Das kann noch dauern. Ich habe mir aber sagen lassen, dass es mit entsprechenden Verbindungen kein Problem ist, sich so ein Geschoss auf dem schwarzen Markt zu besorgen.

Der Mörder muss sich in den Grünanlagen neben der Einfahrt versteckt gehalten haben. Man konnte die Stelle, wo er stand, genau ermitteln. Schuhabdrücke im regennassen Erdreich und die vermutlich durch den Raketenantrieb des Geschosses angesengten Büsche waren deutliche Hinweise. Die Zeiten, in denen die Mafiosi ihre Killer mit einer abgesägten Schrotflinte losschickten, sind lange vorbei.«

»Was mich viel mehr bedrückt, ist die Tatsache, dass dieser Abschaum offenbar genau wusste, wann der Gefangenentransport hier eintreffen würde. Die konkreten Uhrzeiten haben nur wenige Personen gewusst. Diese Verbrecher müssen von Insidern Informationen bekommen haben, womöglich sogar aus der Justizvollzugsanstalt.« Kerner schüttelte den Kopf.

Rothemund zuckte mit den Schultern. »Ich werde nach unserem Gespräch mit dem Leiter der Anstalt telefonieren. Es wird dann sicher interne Ermittlungen geben, aber es wird vermutlich nicht viel dabei herauskommen. Es gibt auch noch einige andere Möglichkeiten. Eventuell waren die Verteidiger oder deren Umfeld durchlässig. Der Gerichtstermin war ja zwangsläufig einer ganzen Anzahl von Leuten bekannt. Für eine entsprechende Summe ist eine unterbezahlte Sekretärin womöglich bereit, ein paar Informationen weiterzugeben.«

Rothemund wechselte das Thema. »Du denkst an die Pressekonferenz heute Nachmittag, die ich kurzfristig in Abstimmung mit der Frau Landgerichtspräsidentin einberufen habe? Der Vorfall wird heute Abend in allen Medien sein. Einige private TV-Anstalten haben sich auch angekündigt. Wir machen das im großen Besprechungsraum. Ich werde kurz einleiten, dann übergebe ich dir das Wort. Du schilderst lediglich den Sachverhalt mit den formaljuristischen Konsequenzen. Ich werde noch eine schriftliche Presseerklärung vorbereiten. Lies sie dir vorher bitte durch. Mir wäre recht, wenn du dich an das Konzept halten würdest. Emotionen sollten wir möglichst raushalten – zumindest vor der Presse. Du kannst sicher sein, dass der Generalstaatsanwalt und das Justizministerium jede veröffentlichte Zeile kritisch lesen werden. Da können wir uns keine Blöße leisten.«

Kerner verzog ärgerlich das Gesicht. »Ich bin wirklich nicht in der Stimmung, mich mit dieser Pressemeute herumzuschlagen.«

Rothemund machte eine entschiedene Handbewegung. »Lieber Simon, da kommen wir leider nicht drum herum. Das gehört zum Geschäft. Das weißt du. – Übrigens, Kommissar Brunner wird auch dabei sein. Er soll ein paar Einzelheiten zum Anschlag berichten, dann haben die Herrschaften genügend Stoff für ihre Artikel. Ich werde abschließend erklären, dass wir das Ganze als ein verlorenes Scharmützel im Kampf gegen das organisierte Verbrechen betrachten, den Krieg aber selbstverständlich nicht verloren geben.« Rothemund legte eine kurze Pause ein, dann sprach er noch einen anderen Punkt an, der ihm seit dem Attentat auf der Seele brannte.

»Simon, die heutigen Ereignisse werfen auch Fragen auf, die deine berufliche Lebensplanung unter einem anderen Blickwinkel erscheinen lassen. Du hast dich ja auf mein Anraten hin auf die wegen Erkrankung des derzeitigen Amtsinhabers frei werdende Direktorenstelle beim Amtsgericht Gemünden am Main beworben. So wie ich die Signale aus dem Justizministerium beurteile, hast du gute Chancen, die Stelle auch zu bekommen. Dabei haben deine Erfolge in Bezug auf die Strafverfolgung der unterfränkischen Mafia eine wesentliche Rolle gespielt. Wir hatten ja darüber gesprochen, dass du einige Zeit in die Provinz hinausgehst, dir dort Erfahrungen als Behördenleiter aneignest und dann, wenn ich in einigen Jahren diese Behörde verlasse, mein Nachfolger wirst.«

Kerner nickte. Rothemund war ihm Freund und Mentor zugleich. Er hatte die überdurchschnittlichen Fähigkeiten Kerners als Jurist schon bald erkannt und gefördert. Kerner hatte gleich nach seinem Dienst als Zeitsoldat bei der Bundeswehr ein Jurastudium begonnen und innerhalb kürzester Zeit abgeschlossen. Sein Examen hatte er mit einer Spitzennote abgelegt und war sofort bei der Staatsanwaltschaft in Würzburg eingesetzt worden. Zwischendurch hatte er einige Jahre als Richter am Amtsgericht Bamberg gearbeitet, um dann wieder an die Würzburger Behörde zurückzukehren. Dort hatte er es bis zum Oberstaatsanwalt und Vertreter des Behördenleiters gebracht. Eine Bilderbuchkarriere.

»Wir sind bei diesen Überlegungen natürlich davon ausgegangen, dass bis dahin das Verfahren gegen Emolino beendet und der Kerl verurteilt ist. Das wäre ein hervorragender Abschluss deiner Tätigkeit hier gewesen. Da die Entscheidung über die Stellenbesetzung in diesen Tagen fallen wird, solltest du dir Gedanken machen, ob du die Bewerbung unter den gegebenen Umständen aufrechterhalten willst. Du bist wie kein anderer in der Materie der Verfolgung dieses Verbrechers drin. Ich könnte mir vorstellen, dass man im Ministerium einer Entscheidung gegen den Direktorenposten nach den heutigen Ereignissen Respekt zollen wird. Meine Nachfolge ist für dich damit sicher nicht vom Tisch. Simon, im Augenblick wirst du hier gebraucht.«

Kerner erhob sich. »Ich muss dir ehrlich sagen, dass mir meine Karriere im Augenblick ziemlich egal ist. Glaube mir, Emolino zur Strecke zu bringen ist nach den heutigen Geschehnissen mein Hauptanliegen, noch mehr als zuvor.«

Er zog seine Robe aus und warf sie sich über den Arm.

»Armin, nimm es mir bitte nicht übel, dass ich dieses Thema zunächst hintanstelle. Jetzt müssen wir erst einmal diese Pressekonferenz hinter uns bringen. Danach werde ich nach Hause fahren. Ich benötige dringend zehn Stunden Schlaf. Die Vorbereitung auf den Prozess und jetzt das alles hier – das geht ganz schön an die Substanz.«

»Mach das, Simon. Aber denk daran, der Kampf muss weitergehen! Wir benötigen dafür motivierte Männer. Männer wie dich!« Er legte dem Oberstaatsanwalt väterlich seine Hand auf die Schulter und brachte ihn zur Tür.

Nachdem Kerner das Büro verlassen hatte, blieb der Leitende Oberstaatsanwalt noch eine ganze Weile mitten im Zimmer stehen und starrte gedankenverloren zum Fenster hinaus. Von seinem Dienstzimmer bis zu der Stelle, von der der Schütze den Anschlag auf den Gefangenentransport durchgeführt hatte, war es Luftlinie nur eine kurze Strecke. Auch er hatte den Knall der Explosion und die Erschütterung des Gebäudes deutlich mitbekommen. Dieser Anschlag hatte ihm wieder einmal drastisch vor Augen geführt, wie verletzlich und angreifbar die Justiz dieser Republik war.

Er riss sich aus seinen Gedanken. Um Kerner machte er sich keine größeren Sorgen. Der würde sich seine Worte durch den Kopf gehen lassen und eine Entscheidung treffen, die der Sache dienlich war, da war er sich sicher. Nach einigen Tagen würde er den Schock überwunden haben und mit der ihm eigenen Zähigkeit die Ermittlungen gegen den Emolino-Klan weiterbetreiben. Als sein Vorgesetzter musste er nur ein wenig aufpassen, dass Simon Kerner die Sache nicht zu persönlich nahm.

Er griff zum Telefon und wählte eine Nummer im Bayerischen Staatsministerium der Justiz und für Verbraucherschutz. Über seine Verbindungen konnte er vielleicht schon einen Tipp erhalten, wie die Chancen Kerners im Auswahlverfahren um den Direktorenposten standen.

5

Die Pressekonferenz dauerte fast zwei Stunden. Nach den offiziellen Statements verlangten die Journalisten noch persönliche Interviews. Wie erwartet, hatte Kerner der Pressemeute völlig beherrscht Rede und Antwort gestanden. Er war Profi, seine Befindlichkeit war seine private Angelegenheit.

Nur einmal reagierte er etwas irritiert. Eine Journalistin fragte ihn, ob es zutreffend sei, dass er sich an eine andere Justizbehörde versetzen lassen wollte. Innerlich stieß Kerner einen Fluch aus, weil diese Behörde, was die Geheimhaltung von Personalinformationen betraf, offenbar löchrig wie ein Schweizer Käse war. Äußerlich ließ er sich jedoch nichts anmerken und gab eine diplomatische Antwort, die man auslegen konnte, wie man wollte.

Er betrat sein Büro und warf verärgert die Unterlagen aus der Pressekonferenz auf den Besprechungstisch in der Ecke. Eigentlich hatte er jetzt sofort nach Hause fahren wollen, aber auf seinem Schreibtisch lagen einige rote Akten, die alle den Merkzettel »Eilt sehr« trugen. Seufzend ließ er sich in seinen Bürosessel fallen. Eine halbe Stunde würde er wohl noch investieren müssen.

In diesem Augenblick klopfte es an seine Tür. Kerner runzelte die Stirne. Welche Störung gab es jetzt schon wieder? Unwirsch brummte er ein halblautes »Herein«.

Erster Kriminalhauptkommissar Eberhard Brunner steckte den Kopf herein und musterte den Mann hinter dem Schreibtisch.

»Kann ich noch einmal kurz …?« Der Kriminalbeamte war Leiter des Dezernats für das organisierte Verbrechen der Kripo Würzburg und hatte in dieser Eigenschaft an der Pressekonferenz teilgenommen. Der Fall Emolino gehörte schon seit Jahren zum Dauerbrenner seiner Abteilung. Er war nach der Pressekonferenz noch von einigen Journalisten in Beschlag genommen worden und hatte deshalb nicht mehr mit Kerner sprechen können.

»Wird sich wohl nicht verhindern lassen«, erwiderte der Oberstaatsanwalt jetzt gespielt brummig.

Der Kriminalbeamte grinste und schloss die Türe. Ohne Umstände näherte er sich der Sitzgruppe am Besprechungstisch und ließ sich unaufgefordert in einen der Sessel fallen. Brunner und Kerner kannten sich seit dem Tag, an dem Kerner in der Staatsanwaltschaft das Morddezernat übernommen hatte. Die beiden hatten sich im Laufe der Jahre kennen und schätzen gelernt und, das konnte man ohne Übertreibung sagen, dabei eine freundschaftliche Beziehung entwickelt. Die brummige Reaktion des Staatsanwalts beachtete Brunner gar nicht. Die brutale Hinrichtung des Kronzeugen in dem Verfahren gegen Emolino hatte auch den Kriminalisten schwer getroffen. Schließlich war dadurch die Ermittlungsarbeit mehrerer Monate weitgehend nicht einmal mehr das Papier wert, aus dem die Akten bestanden.

Kerner unterschrieb noch schnell einen Antrag auf eine richterliche Durchsuchungsanordnung, dann klappte er die Akten zu und legte sie in den Postauslauf. Ein Mitarbeiter würde sie später abholen. Er legte seinen Füllfederhalter in die Ablageschale und sah Brunner wortlos an.

»Ich hoffe, die Frage lautet: Wie machen wir weiter … und nicht ob? Oder?« Brunner beugte sich nach vorne und musterte Kerner durchdringend. Er war einige Jahre jünger als Kerner. Ebenfalls sportliche Figur, militärisch kurz geschnittene Haare, gekleidet in legerem Denim – damit entsprach er durchaus dem Klischee eines Serienkommissars aus dem Fernsehen. Das war aber auch alles, was er mit diesen Krachbumm-Typen, wie er sie nannte, gemeinsam hatte. Brunner war ein sehr fähiger Ermittler. Ein Kriminalbeamter mit menschlichem Tiefgang, psychologischem Einfühlungsvermögen und hoher Intelligenz.

»Simon, du hast mir ja anvertraut, dass du einen beruflichen Karriereschritt anstrebst. Ich hoffe aber, dass das mit den Ereignissen des heutigen Tages hinfällig ist. Wir können und müssen diesem verdammten Verbrecher und seiner sogenannten Familie das Handwerk legen! Früher oder später macht er einen Fehler und dann …«

Er machte eine bezeichnende Handbewegung mit seiner flachen Hand an seinem Kehlkopf vorbei. »Je dichter wir ihm aufs Fell rücken, desto eher wird das passieren. Die angrenzenden Dons in Bayern und Hessen sind massiv beunruhigt, wie ich aus Kollegenkreisen erfahren habe. Durch unsere intensiven Ermittlungen gegen Emolino bleibt das Interesse der Behörden auch an ihren Aktivitäten für sie unerfreulich wach. Das ist schlecht fürs Geschäft. Wenn Emolino so weitermacht, bekommen wir möglicherweise sogar Tipps aus dem Milieu. Er dürfte einigen Herren unangenehm aufstoßen. Also, Simon, kneifen gilt nicht!«

Kerner rieb sich mit der Hand über das Gesicht. »Eberhard, das hat nichts mit Kneifen zu tun, das weißt du. Im Prinzip hast du natürlich recht. Nimm es mir aber bitte nicht übel, wenn ich darüber noch ein paar Tage nachdenke. So eine Entscheidung kann man nicht übers Knie brechen.« Er wechselte das Thema. »Was willst du jetzt als nächsten Schritt unternehmen?«

»Auf jeden Fall den ganzen Klan weiter observieren. Wir sind im Augenblick noch in der glücklichen Lage, in der Sonderkommission ausreichend Beamte zu haben, sodass wir uns das leisten können. Allerdings brauchen wir schnelle Erfolge, andernfalls wird man uns die Männer abziehen. Diese Bande darf meiner Meinung nach keine Zeit haben, Luft zu holen!«

Kerner nickte. »Was machen eigentlich die parallelen Ermittlungen der Steuerfahnder? Wegen des Prozesses habe ich mich in den letzten Tagen nicht mehr darum kümmern können. Wir benötigen möglichst schnell wieder einen Grund für einen Haftbefehl, wenn Emolino jetzt freikommt. Ich befürchte, dass er sich sonst ins Ausland absetzt. Die nötigen Verbindungen zur amerikanischen Mafia hat er ja, wie wir wissen.«

Brunner erhob sich und schlenderte zum Fenster, von dem man einen guten Blick auf die angrenzenden Grünanlagen hatte.

»Die haben bei der letzten Durchsuchung von Emolinos Büro, als der Kerl in Untersuchungshaft saß, kistenweise Beweismaterial mitgenommen. Akten, Computer und dieses ganze Zeug. Das dauert Wochen, bis sie alles gesichtet haben. Wenn das mit Mallepieri geklappt hätte, wäre das alles überflüssig gewesen. Jetzt müssen die Jungs wieder ran.«

Der Oberstaatsanwalt nickte zufrieden, dann stand auch er auf und stellte sich neben Brunner. »Bleiben wir an diesem Dreckskerl dran, wie du gesagt hast. Vielleicht kriegen wir ihn auf der Schiene Steuerhinterziehung und Geldwäsche. Bei Al Capone hat es damals ja auch so geklappt. Observiert ihn weiter und sorgt dafür, dass er die Überwachung auch mitbekommt. Irgendwann verliert er vielleicht die Geduld, dreht durch und macht einen Fehler! Der Bursche ist es nicht gewohnt, dass man ihm auf die Pelle rückt. Das ist Majestätsbeleidigung, das schwächt sein Ansehen in der eigenen Familie und die Beziehung zu den anderen Mafiafamilien. Man darf nicht vergessen, auch die Tatsache, dass sich einer seiner Männer uns als Zeuge gegen ihn zur Verfügung gestellt hat, ist eine große Blamage. Don Emolino, das Alphatier, ist angeschlagen.«

»Du kannst dich darauf verlassen«, gab Brunner zurück. »Meine Männer sind vor Ort und lassen ihn nicht aus den Augen. Sobald er das Haus verlässt, kleben wir an ihm wie die Kletten. – Was machst du jetzt?«

»Ich fahre nach Hause und schlafe mich erst mal aus. Ehrlich gesagt, bin ich ziemlich fertig. Dieser Mist geht ziemlich an die Substanz.«

Der Kommissar nickte verständnisvoll. Er kannte den Zustand sehr gut, wenn man mit aller Energie in einem Fall ermittelt hatte und einem dann der Verbrecher um Haaresbreite durch die Maschen schlüpfte.

»Du hörst wieder von mir.« Er winkte knapp, dann drehte er sich um und verließ das Dienstzimmer.

Kerner blieb noch einen Augenblick stehen und betrachtete das intensive Grün der Bäume, die nur wenige Meter von seinem Fenster entfernt wuchsen. Er konnte nur hoffen, dass die Männer im Transporter nichts mehr mitbekommen hatten. Da schloss er Mallepieri nicht aus. So einen Tod wünschte man niemandem.

Schließlich gab er sich einen Ruck und vertrieb die grüblerischen Gedanken. Er zog sein Anzugjackett an und verließ das Dienstzimmer. An der bewachten Pforte vorbei verließ er das Haus. Der diensthabende Justizwachtmeister nickte ihm freundlich zu.

Wenig später saß er in seinem schwarzen Land Rover Defender. Wie immer hatte er ihn auf der Straße geparkt, da er mit dem hohen, sperrigen Geländefahrzeug in der Tiefgarage Platzprobleme hatte. Die Stellplätze waren alle für Normalmaße ausgelegt. Dadurch befand er sich jetzt in der glücklichen Lage, über seinen Wagen verfügen zu können. Andere Justizbedienstete, die in der Tiefgarage geparkt hatten, konnten wegen des durch die Explosion verbogenen Tores mit ihren Fahrzeugen nicht das Haus verlassen. Der Eingang zur Tiefgarage musste erst wieder provisorisch gerichtet werden.

Von seinen Kollegen wurde er häufig belächelt, weil er mit einem derart unbequemen Fahrzeug fuhr, aber das störte ihn nicht. Simon Kerner war passionierter Jäger. Eine Leidenschaft, die ihn unter anderem dazu veranlasst hatte, seinen Wohnsitz mehr als fünfzig Kilometer von Würzburg entfernt zu wählen. Am Rande des Spessartdorfes Parten-stein hatte er sich ein Einfamilienhaus gemietet. So hatte er mit dem Wagen nur fünf Minuten in das von ihm angepachtete Hochwildrevier, wo er, wann immer ihm Zeit blieb, seiner Jagdleidenschaft frönte.

Zehn Minuten später war er auf der B 27 in Richtung Gemünden unterwegs und gab Gas. Der flotte Turbodiesel röhrte auf, und einhundertsechzig Pferdestärken trieben den schweren Geländewagen mühelos voran.

6

Francesco Edoardo Emolino saß in Gemünden am Main im Hinterzimmer des Eiscafés Gelati, das ihm, wenn er nicht in seiner Villa war, als Büro diente, und schaufelte einen Berg Pasta in sich hinein. Um den Hals hatte er sich eine großzügig bemessene Stoffserviette gebunden, die verhindern sollte, dass er sich die ölige Tomatensoße auf sein Hemd tropfte. Emolino genoss das heimische Essen nach dem seiner Meinung ungenießbaren Fraß in der Justizvollzugsanstalt sichtlich.

Ihm gegenüber saß sein neuer Consigliere Michelangelo Trospanini, der nach dem Verrat Mallepieris in der Rangordnung der Familie aufgestiegen war.

Trospanini stammte aus Neapel und war ein nichteheliches Kind. Seine Mutter kam kurz nach seiner Geburt zu Verwandten nach Deutschland. Nachdem sie wenig später einen Deutschen heiratete, bekamen sie und ihr Kind die deutsche Staatsbürgerschaft. Michelangelo Trospanini war aber im Herzen immer Italiener geblieben. Seine absolute Loyalität gehörte Don Emolino.

Auf dem Stuhl daneben saß Ricardo, Emolinos Sohn. Ricardo, 26 Jahre alt, arbeitete seit zwei Jahren pro forma in der Eisdiele als Geschäftsführer. De facto war er ein Lebemann, der ständig zu viel Geld ausgab. Er war zwar mittlerweile bis zu einem gewissen Grad in die Geschäfte seines Vaters eingeweiht, hatte aber noch keine Vollmachten. Jeder Versuch Emolinos, den Jungen in seinem Sinn zu erziehen, war bisher an dessen Dickköpfigkeit gescheitert. Dabei hatte der Junge durchaus Potenzial. Um seine Eignung zu prüfen, hatte Emolino ihm schon verschiedene Aufträge erteilt.

Vor vier Wochen hatte er beispielsweise in Frankfurt einem Letten, der für die Russenmafia arbeitete und Emolino im Wege stand, eiskalt zwei Kugeln in den Kopf geschossen. Emolino empfand dabei innere Befriedigung, weil sich sein Sprössling dabei wie ein Profi verhielt und keine Spuren hinterließ.

Ansonsten aber war der Junge nach Meinung seines Vaters noch zu leichtsinnig und in seiner persönlichen Entwicklung nicht ausgereift. Ein typischer Beweis für diese Unreife war für Emolino die Tatsache, dass Ricardo gerne sehr teure italienische Sportwagen fuhr, ständig wechselnde Frauenbekanntschaften pflegte und jede Menge Geld für teure Kleidung ausgab. Für einen Mann mit italienischen Wurzeln zeigte er wenig Familiensinn und ließ sich viel zu sehr treiben. Nur an seinem Rauhaardackel Fredo, den er ständig mit sich herumschleppte, hatte er auf infantile Weise einen Narren gefressen.

Irgendwann war Don Emolino der Kragen geplatzt und er hatte ihm den Geldhahn zugedreht. Jetzt musste Ricardo mit seinem nicht allzu üppigen Geschäftsführergehalt auskommen. Ein Umstand, weswegen er im Augenblick nicht besonders gut auf seinen Vater zu sprechen war. Das war Don Emolino allerdings ziemlich gleichgültig.

Ricardo war sich darüber im klaren, dass er irgendwann Nachfolger seines Vaters werden würde. Wenn sich der Alte weiterhin so vehement mit der Polizei anlegte, würde seine Zeit vielleicht viel schneller kommen, als er dachte. Bis dahin galt auch für ihn: Der alte Don war der Chef, und er hatte sich zu beugen.

Die beiden Männer sahen zu, wie es sich der Chef des Familienklans schmecken ließ. Sie wagten es nicht, ihn dabei zu stören.

»Habt ihr mal rausgesehen?«, quetschte er schließlich undeutlich hervor, weil er mit vollem Mund sprach. Mit den Zinken der Gabel wies er zum Fenster. »Diese verdammten Bullen. Seit ich aus dem Gefängnis bin, steht ständig eine Zivilstreife vor der Tür. Seht euch doch nur mal diese beiden Figuren darin an. Denen sieht man doch den Schnüffler schon von weitem an. Seit Stunden steht der Wagen auf der anderen Seite des Platzes und rührt sich nicht von der Stelle. Denken die vielleicht, ich sehe sie nicht?«

Trospanini ließ sich vom Zorn seines Paten nicht anstecken. »Das konnte man doch erwarten, Don Francesco. Sie werden es nicht so einfach hinnehmen, dass das Verfahren gegen dich wegen dieses … Unfalls nicht fortgesetzt werden konnte. Vermutlich wollen sie uns absichtlich provozieren.«

Emolino stieß ein fettes Lachen aus, wobei einige Brocken aus seinem Mund auf die Tischdecke fielen. »Ich habe wirklich keine Lust, mir die gute Laune verderben zu lassen. Sollen die sich doch die Ärsche breitsitzen.

Ich hätte gar zu gerne mal das Gesicht dieses Oberstaatsanwalts gesehen, als man ihm in seinem Büro mitteilte, dass sich sein großartiger Kronzeuge im wahrsten Sinne des Wortes in Luft aufgelöst hat.« Die Vorstellung daran ließ seinen Ärger verfliegen.

Er schob sich eine weitere Gabel Spaghetti in den Mund und nuschelte im Kauen: »In der Verhandlung jedenfalls hat er bei seinem Plädoyer, als er die Einstellung des Verfahrens beantragen musste, geguckt, als hätte er in eine Zitrone gebissen.«

Unvermutet erschien eine steile Falte zwischen seinen buschigen Augenbrauen, und seine stechenden Augen bekamen einen bösartigen Schimmer.

»Dieser Verräter Mallepieri ist einen viel zu leichten Tod gestorben. Wenn er mir in die Hände gefallen wäre …«

Trospanini und Ricardo mussten nicht lange überlegen, was er damit meinte.

Francesco Emolino betrieb das Gelati am Marktplatz von Gemünden seit mehr als fünfzehn Jahren. Auch nach der Übertragung der Geschäftsführung auf seinen Sohn änderte sich nichts an der Tatsache, dass er der Boss im Hintergrund blieb. Von Gemünden aus hatte er im Laufe der vielen Jahre ein dichtes Netz von Geschäftsverbindungen über den gesamten unterfränkischen Raum gespannt, das unter seiner Kontrolle stand.

Bis die Ermittler der Sonderkommission Spessartblues offiziell auftraten und Durchsuchungen der Geschäftsräume und der Wohnung von Emolino durchführten, ahnte kein Mensch in der Region, dass dieser eher kleine, nach außen stets freundliche, unscheinbare Mann einer der einflussreichsten Mafiosi in Deutschland war. Hier, in seiner Heimatstadt Gemünden, hatte außer dem inneren Zirkel der Familie niemand von den fragwürdigen Geschäften des freundlichen Sizilianers Kenntnis. Schon seit mehr als dreißig Jahren besaß er die deutsche Staatsbürgerschaft und war in der Gemeinde ein durchaus angesehener Bürger.

Als Francesco Emolino vor einigen Wochen aufgrund der unerwarteten Aussage seines Consigliere Mallepieri verhaftet wurde, schlug diese Nachricht in Gemünden wie eine Bombe ein. Unter der Bevölkerung gab es einen Aufschrei der Empörung. Das Lohrer Echo, das führende Presseorgan der Region, erging sich einige Zeit in Lobgesängen über den armen Mann, der offenbar Opfer einer Rufmordkampagne geworden war. Keiner wusste, dass der Don dem Chefredakteur des Blattes vor zwei Jahren mit einem größeren zinslosen Darlehen aus einer üblen Patsche geholfen hatte. Ein Gefallen, der nun zur Rückzahlung anstand.

Als Emolino vor dem Schwurgericht angeklagt wurde und die Schuldvorwürfe allmählich ans Tageslicht kamen, verstummten die Unterstützer nach und nach.

Der Freispruch von Francesco Emolino wurde von den Bürgern in der Spessartregion mit unterschiedlicher Resonanz aufgenommen. Dann drang die Kunde von der Ermordung des Kronzeugen bis in den Spessart, und einige Menschen in der Gegend wurden sehr nachdenklich. Noch dazu, als sich die überregionale Presse auf den Fall stürzte und Stück für Stück das Geflecht der Beziehungen und Seilschaften publik wurde. Ein Einfluss, der bis in die höchsten politischen Kreise der Europäischen Union reichte. Jetzt wurde vielen klar, dass der Alte in seinem Eissalon wie eine Spinne im Netz saß und an den Fäden zog.

Don Emolino, wie er von seiner Familie stets respektvoll genannt wurde, war in der Wahl der Mittel, was die Durchsetzung seiner Wünsche und Ansprüche betraf, keineswegs zimperlich. Mallepieris Aussagen gingen hier bis ins Detail. Die Staatsanwaltschaft wusste von ihm, dass zahlreiche Auftragsmorde auf Emolinos Konto gingen. Sie wären aber nur durch die persönliche Aussage des Kronzeugen zu beweisen gewesen. Hinzu kamen Straftaten wie Erpressung und Bestechung, die Mallepieri ebenfalls bezeugt hätte. Nicht allein durch Mallepieri wusste man, dass sich das Imperium des Don Emolino auf Rauschgifthandel, Wucherkreditgeschäfte und Prostitution stützte. Nur hatte man ihm bisher nichts nachweisen können. Alles lief über Scheinfirmen und Geldwäsche im großen Stil. Mit Bestechung und Korruption erreichte er, dass die an diesen Geschäften Beteiligten eisern schwiegen. Zu groß war außerdem die Furcht, dass sich sonst ihre Lebenserwartung drastisch reduzieren könnte.

Emolino leerte seinen Teller, wischte mit einem Stück Brot die übrige Soße zusammen und schob sich den letzten Bissen in den Mund. Mit einem kräftigen Schluck Montepulciano spülte er den Rest hinunter. Dann stieß er genüsslich auf, zog die Serviette vom Hals und holte einen Kugelschreiber aus der Jackentasche. Mit großen Buchstaben schrieb er darauf: »Ist der Raum sauber?« Fragend sah er die anderen an.

Trospanini nickte. »Wir haben ihn erst heute kontrolliert. Keine Abhörgeräte feststellbar.«

Emolino nickte zufrieden. »Gut, Michelangelo, dann will ich erst einmal wissen, wie es um die Geschäfte bestellt ist.«

Trospanini hob einen Laptop auf den Tisch und schaltete ihn ein. Dann schloss der Buchhalter des Paten eine externe Festplatte am Rechner an. Emolino hatte angeordnet, alle brisanten Daten auf externen Datenspeichern zu archivieren. Auf den Rechnern des Unternehmens befanden sich nur völlig harmlose Daten. Die Steuerfahnder, die vor dem Prozess die Rechner mit den Festplatten beschlagnahmt hatten, würden mit ihren Ermittlungen total ins Leere laufen.

Trospanini war bisher nach Mallepieri der zweite Mann gewesen. Nach dem Verrat Mallepieris war der Buchhalter zum Consigliere aufgestiegen. Konzentriert begann er mit seinem Bericht. Emolinos Gesicht wurde im Laufe des Berichts immer ausgeglichener. Ein Beweis dafür, dass er mit der Geschäftsentwicklung hoch zufrieden war. Sein Zwangsaufenthalt im Knast hatte sich nicht negativ auf seine Konten ausgewirkt. Trospanini hatte die Sache gut im Griff. Er würde ihm, obwohl er ihn zum Consigliere befördert hatte, weiterhin die Buchhaltung überlassen.

Als Trospanini mit seinem Bericht am Ende war, warf er dem Paten einen fragenden Blick zu. Nachdem der zufrieden nickte, löste die Verbindung zum externen Datenspeicher.

Emolino trat langsam ans Fenster und starrte hinaus. »Es sieht so aus, als würde dieser Oberstaatsanwalt keine Ruhe geben. Wir werden Mittel und Wege finden müssen, ihm seine Grenzen aufzuzeigen.«

Den beiden Männern am Tisch war klar, wen der Pate meinte. Simon Kerner gehörte schon lange zu den größten Feinden der Familie.

»Papa, kann ich das nicht machen?« Der junge Emolino sah den Paten forschend an. Er musste einen Weg finden, dass ihm der Alte wieder mehr Geld zur Verfügung stellte.

»Ricardo, das ist wirklich noch eine Nummer zu groß für dich«, wehrte der Alte kopfschüttelnd ab. Er sah seinen Consigliere fragend an.

Der überlegte kurz, dann wiegte er den Kopf. »Man muss das Risiko abwägen. Mit dem Kronzeugen sind auch einige Polizisten gestorben. In der Zeitung stand, dass sie Familie hatten. Man kann sich ausrechnen, dass die Ermittlungsbehörden vor Wut schäumen. Wenn jetzt auch noch der Oberstaatsanwalt….«, er zögerte kurz, dann fuhr er fort: »… überraschend von uns geht, werden sie alles aufbieten, um uns zu kriegen. Dann gibt es einen totalen Krieg! Das wäre schlecht fürs Geschäft.«

Don Emolino sah seinen Consigliere nachdenklich an, dann nickte er langsam beipflichtend mit dem Kopf. »Da hast du sicher recht. Wir müssen zuerst immer an die Geschäfte denken. Wenn dann einige Zeit ins Land gegangen und Gras über die Sache gewachsen ist, kann es ja zu einem bedauerlichen Unfall kommen.«

Trospanini lächelte verhalten.

7

Brunner betrat sein Büro im vierten Stock des Polizeipräsidiums. Die Sonderkommission Spessartblues, die vor zwei Jahren mit vierzehn Beamten für die Ermittlungen gegen den Emolino-Klan eingerichtet worden war, nahm fast das ganze Stockwerk in Anspruch. Oberstaatsanwalt Kerner hatte damals den Vorschlag gemacht, der Kommission diese – natürlich ironisch gemeinte – Bezeichnung zu geben. Seinerzeit war man noch voller Optimismus ans Werk gegangen, in der festen Überzeugung, dass der Pate bald den Blues verspüren würde. Das erklärte Ziel war es, dieser Hydra des Verbrechens möglichst schnell alle Köpfe abzuschlagen und ein Nachwachsen zu verhindern. Jetzt, nachdem der Erfolg der intensiven Ermittlungsarbeit zunichte gebombt worden war, spürte Brunner selbst in sich das schwermütige Gefühl, das man landläufig mit dem »Blues« umschrieb.

Der Leiter der Einsatzgruppe legte seine Jacke ab und zog das Schulterhalfter mit seiner Dienstpistole aus. Die Hitze des Tages hatte unter seinen Achseln handtellergroße Schweißflecken hinterlassen. Auch das Leder des Holsters war dunkel durchfeuchtet. Nachdem er seine Waffe in ein Schreibtischfach gelegt hatte, entnahm er dem gleichen Fach eine Dose Deospray, öffnete an der Brust sein Hemd, fuhr mit der Spraydose unter den Stoff und verpasste sich beidseitig in die Achselhöhlen eine kurze Dusche.

Monika Rettig, Kriminalhauptkommissarin und seine Vertreterin, kam herein und verzog das Gesicht.

»Hier riecht es ja wie in einem Freudenhaus«, kommentierte sie Brunners Versuch, einen Hauch von Reinlichkeit zu verbreiten.

»Na, du musst Erfahrungen haben«, gab der Beamte mit dem Anflug eines Grinsens zurück. »Aber was will man denn bei diesen Dschungeltemperaturen schon machen?«

Mit der Kommissarin hatte Brunner eine der besten Profilerinnen in seine Sonderkommission aufgenommen, die im Bereich des Präsidiums zu finden war. Sie war schlank, fast dünn, aber drahtig und ausgesprochen sportlich. Ihre blonden Haare trug sie kurz. Obwohl sie sich nur wenig schminkte, waren sich die Männer in der Kommission einig, dass sie durchaus eines zweiten Blickes wert war. Das Faszinierende an ihr waren ihre Augen, die eine bestechende Intelligenz ausstrahlen. Sie waren von dunklem Braun mit einer frechen, gelblichen Aureole um die Iris.

Nach der kurzen Flachserei ließ sich die Kommissarin auf einem der Stühle nieder. Selbstverständlich hatten sich die erschütternden Ereignisse im Strafjustizzentrum wie ein Lauffeuer in der Dienststelle verbreitet. Eigentlich war ihr nicht zum Scherzen zumute.

»Wie lief es?«

Brunner zuckte mit den Schultern. »Das kannst du dir doch denken. Kerner ist ziemlich fertig und frustriert. Mir geht es auch nicht besser. Drei tote MEK-Männer. Drei Witwen und mehrere Waisen. Ich bin froh, dass ich den Angehörigen nicht die schlimme Botschaft überbringen musste.« Er lehnte sich gegen den Schreibtisch. »Wir hatten Emolino fest am Haken, und jetzt können wir wieder von vorne anfangen. Dieser Verbrecher ist glitschig wie ein Aal.«

»Der Tod der Männer ist wirklich eine schlimme Sache. Wenn man könnte, wie man wollte …« Sie ließ den Rest des Satzes offen. »Kommen wir zur Kernfrage: Wie machen wir jetzt weiter? Wir sind es den ermordeten Kollegen schuldig, dass wir nicht eher Ruhe geben, bis wir ihren Mörder zur Strecke gebracht haben.«

»Kerner will, dass wir Emolino nicht aus den Augen lassen. Observierung rund um die Uhr. Er soll nicht denken, dass er uns das Rückgrat gebrochen hat.«

Die Kommissarin sah ihren Kollegen zweifelnd an. »Emolino wird sich nicht die geringste Blöße geben. Das ist ein alter Fuchs, der mit allen Wassern gewaschen ist. Die Drecksarbeit haben sowieso seine Handlanger gemacht.«

»Wem sagst du das. Wir müssen den Druck noch stärker erhöhen und hoffen, dass er irgendwann doch nervös wird und einen Fehler macht. Wenn wir auch den Nachbarbossen auf die Füße steigen, werden die wiederum Druck auf Emolino ausüben. Nichts hasst die Mafia mehr, als wenn man sie aus ihren dunklen Löchern aufscheucht. Vielleicht können wir noch einmal jemand aus seinem Dunstkreis umdrehen, damit er uns verwertbare Informationen zuspielt.«

Rettig, die zum Fenster hinaus gesehen hatte, drehte sich wieder zu ihrem Kollegen um und entgegnete kopfschüttelnd: »Nach dieser Hinrichtung des Kronzeugen direkt unter den Augen der Justiz wird niemand mehr aus seinem engeren Umfeld den Mund aufmachen. Ich denke, wir kommen nicht darum herum, in die Organisation einen verdeckten Ermittler einzuschleusen.«

»Weißt du, wie lange es dauert, bis wir da jemand installiert haben? Da können Jahre vergehen. Und das wäre definitiv ein Himmelfahrtskommando!«

»Stimmt. Aber hast du eine bessere Idee? Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir wieder in die Langzeitermittlung eintreten. Das geht nur mit langem Atem. Vielleicht sollten wir eine völlig unerwartete Strategie einschlagen. Als ersten Schritt lösen wir die Sonderkommission auf, damit er das Gefühl hat, wir geben auf. Wir können ja das Gerücht streuen, dass man uns die Gelder total zusammengestrichen hat. Eine kleinere, effiziente Kerngruppe ermittelt weiter. Wenn wir ihn genug eingelullt haben, schleusen wir den Undercoveragenten ein. Dann müssen wir abwarten, was der Mann erreicht.«

Sie wandte sich zur Türe. »Wir müssen später noch einmal in Ruhe darüber reden. Der Gedanke ist noch zu unausgegoren. Ich habe jetzt eine Zeugenvernehmung. Wir sehen uns danach.«

Sie ließ einen sehr nachdenklichen Brunner zurück.

8

Kerner erwachte davon, dass ihm eine warme, weiche Hand zärtlich über die nackte Brust streichelte. Er spürte kalten Schweiß auf seiner Haut, und ihn fröstelte es trotz der warmen Außentemperaturen. Langsam drehte er sich auf die Seite und kuschelte sich träge an Steffis schlafwarmen Körper. Steffi Burkhard, 29 Jahre alt, blondes, langes Haar, Tochter des Bürgermeisters von Partenstein, gab schnurrende Geräusche von sich und drängte sich ihrerseits gegen Kerners Körper. Seit vier Jahren war sie mit Kerner liiert. Sie hatten sich auf einer Kirchweihfeier der Gemeinde kennen gelernt. Danach verabredeten sie sich immer wieder einmal. Ihre Treffen fanden dabei in erster Linie in Würzburg statt, weil Steffi keine Lust auf die Tratscherei im Dorf hatte. Bis dahin war alles ziemlich unverbindlich. Bei einem gemeinsamen Ansitz auf einer verschwiegenen Kanzel in Kerners Jagdrevier, zu der er sie überredet hatte, war es dann geschehen. Seitdem zeigten sich die beiden auch in Partenstein als Paar.

»Du hast sehr unruhig geschlafen«, stellte sie leise fest, während sie ihm mit verspielten Fingern das feuchte Haar aus der Stirne strich. »Hast Du schlecht geträumt?«

»Die Geschichte mit der Explosion gestern kann ich nicht so einfach wegstecken«, erwiderte er. »Ich habe einen ziemlichen Mist zusammenphantasiert.«

Es war Wochenende. Gestern Abend hatten sie lange bei einer Flasche Wein zusammengesessen, und Kerner hatte ihr von den Ereignissen erzählt. Es würde heute sowieso ausführlich in den Medien durchgekaut werden, sodass er keine Dienstgeheimnisse verriet.

Beide waren sich bewusst, dass sie sich mit dem Aufstehen Zeit lassen konnten. Steffis Streicheln wurde langsam intensiver und zielgerichteter. Zärtlich fuhr sie mit den Fingernägeln über Kerners Rücken.

Plötzlich hielt Kerner sanft ihre Hand fest und schüttelte leicht den Kopf. »Tut mir leid, mein Schatz, aber ich bin wirklich nicht in der Stimmung. Ich hoffe, du kannst das verstehen. Drei Polizeibeamte sind sinnlos gestorben, und dieser Verbrecher bleibt auf freiem Fuß!« Er erhob sich und wandte sich in Richtung Badezimmer. »Es wird sicher noch einige Tage dauern, bis ich das etwas verdaut habe.« Dann wechselte er das Thema und bemühte sich um einen etwas lockereren Tonfall: »Du hast zehn Minuten, um dich fertig zu machen. Wir wollten doch bei dem schönen Wetter in der Jagdhütte frühstücken. Also los, du Faultier, sieh zu, dass du aus den Federn kommst!« Mit einem Ruck zog er ihr die Bettdecke weg, was sie zu einem schrillen Protestgeschrei veranlasste.

Die Jagdhütte lag auf einer abgeholzten Höhe inmitten des Spessartreviers, das Kerner schon seit Jahren als Jäger gepachtet hatte. Von der Veranda aus hatte man einen herrlichen Blick hinunter ins Maintal, wo sich der Fluss in der sommerlichen Hitze träge durch sein Bett schlängelte.

Kerner holte den Korb mit dem Frühstück aus dem Kofferraum seines Defenders und stellte ihn auf den Tisch vor der Hütte.

»Schatz, brühst du bitte schon mal den Kaffee auf? Ich will noch kurz in die Zeitung sehen.« Kerner hatte das örtliche Presseorgan mitgebracht. Die schreienden Überschriften des Leitartikels auf der Titelseite waren nicht zu übersehen. Konzentriert begann zu lesen.

Die Jagdhütte hatte eine unabhängige Stromversorgung über eine Solaranlage auf dem Dach. Steffi ging hinein und schaltete den Wasserkocher ein. Als sie wieder vor das Haus trat, war Kerner noch immer in die Zeitung vertieft. Sie störte ihn nicht. Mit einem Lappen wischte sie die grobe Tischplatte ab, die aus einem einzigen Eichenstamm gefertigt war; dann begann sie, den Tisch mit dem Geschirr aus der Hütte zu decken.

»Schatz, können wir jetzt frühstücken?«

Kerner legte die Zeitung zur Seite. Er hatte etwas Mühe, sich gedanklich von den Nachrichten zu lösen. Leicht abwesend griff er sich ein Croissant und begann, es mit Marmelade zu bestreichen. Normalerweise liebte Kerner solche besinnlichen Stunden, in denen er den Berufsalltag vergessen konnte. Heute hatte er jedoch Mühe, in diese entspannte Welt einzutauchen.

Steffi beobachtete ihn unauffällig. Sie war von Beruf Physiotherapeutin und arbeitete in einer renommierten Orthopädiepraxis in Gemünden. Die juristische Materie war ihr völlig fremd. Eine Eigenschaft, die Kerner an ihr besonders schätzte, weil so nicht die Gefahr bestand, dass sie während ihrer Freizeit beruflich fachsimpelten. Allerdings verfügte die junge Frau über ein ausgeprägtes Einfühlungsvermögen, das ihr bei der Behandlung ihrer Patienten half. Zudem war sie dank ihres scharfen Verstandes in der Lage, juristische Sachverhalte auf eine ganz natürliche Weise zu betrachten – was Kerner sehr schätzte.

»Das ist alles sehr bedrohlich«, nahm sie wieder das Thema auf, das seit gestern ihre Gespräche beherrschte, obwohl sie sich vorgenommen hatten, es heute ruhen zu lassen. Aber sie bemerkte sofort, dass Kerner nicht wirklich abschalten konnte. Vielleicht half es ihm, wenn sie darüber sprachen.

»Sind die Leute, die hinter diesem Mord stehen, auch für dich gefährlich?« Dieser Gedanke beschäftigte sie schon seit einiger Zeit.

Kerner schüttelte den Kopf. »Ich denke eher nicht. Die wissen, dass es keinen Sinn hätte, etwas gegen mich zu unternehmen. Wenn ich ausfalle, wird die Sache von einem anderen Staatsanwalt übernommen. Das brächte allenfalls ein paar Wochen Aufschub. Ihre Gewalt richtet sich deshalb auch in erster Linie gegen Zeugen. Wenn die dann nicht mehr aussagen, besteht die Gefahr, dass das ganze Verfahren nicht durchgeführt werden kann. Das ist wesentlich effizienter, als den Staatsanwalt zu töten. Aber eine Sicherheitsgarantie bedeutet das nicht.« Er griff entschlossen nach dem Messer und beschmierte ein Brötchen mit Butter. »Lass es damit gut sein, Liebling, wir wollen uns doch nicht das schöne Wochenende verderben.«

»Eine Sache noch, weil das uns ganz persönlich betrifft. Du hast dich doch auf die Position des Amtsgerichtsdirektors in Gemünden beworben. Dabei bleibt es aber doch?« Das sollte beiläufig interessiert klingen, man konnte aber deutlich die Spannung heraushören, die diese Frage bei ihr auslöste.

Kerner legte das Gebäck zur Seite und atmete schwer. »Mein Chef hat das Thema gestern auch schon angesprochen. Nachdem Emolino uns fürs Erste durch die Maschen geschlüpft ist, bleibt uns, bleibt mir, eigentlich nichts anderes übrig, als weiterzumachen. Man kann da nicht einfach aussteigen.«

Steffi sah ihn betroffen an. Kerner erwiderte den Blick. »Ich muss mir das alles noch einmal in aller Ruhe durch den Kopf gehen lassen. Das ist heute noch zu früh. Du hast dich darauf gefreut, dass wir auch beruflich näher beisammen sind, das weiß ich. Ich doch auch. Aber ich habe eine Verantwortung, auch gegenüber den getöteten Polizisten und ihren Familien. Das ist alles nicht einfach!«

Sie konnte sehen, wie ihn die Geschichte aufwühlte. Ihr lagen zwar noch viele Fragen auf der Zunge, aber sie entsprach seinem Wunsch und wechselte das Thema. Wie sie ihn kannte, hätte er jetzt sowieso nicht mehr viel dazu gesagt.

»Schatz, du denkst daran, dass ich heute Nachmittag auf das Fest anlässlich des hundertjährigen Bestehens des Partensteiner Schützenvereins muss? Mein Vater hat mich gebeten, ihn zu begleiten.«

Kerner nickte. Seit Steffis Vater Witwer war, übernahm sie gelegentlich die Rolle der weiblichen Begleiterin des Bürgermeisters.

»Kein Problem, ich hatte für heute Abend sowieso einen Jagdansitz an einem Maisfeld im Revier geplant, das momentan massiv von Wildschweinen heimgesucht wird. Der Bauer hat mich schon zweimal deswegen angerufen. Dort muss mal dringend ein Stück erlegt werden, das vertreibt sie dann wieder für eine Weile.«

Steffi war als Mädchen vom Land mit den Problemen der Wildschweinschwemme im Spessart bestens vertraut und wusste, dass eine scharfe Bejagung dringend notwendig war. Die schwarzen Rüsselträger konnten in der Landwirtschaft verheerende Schäden anrichten, die dann der Jagdpächter aus der eigenen Tasche bezahlen musste. Dafür gab es keine Versicherung.

»Prima, dann wirst du mich ja gar nicht vermissen und kommst auch nicht auf dumme Gedanken«, unternahm sie den Versuch, ihn durch Necken etwas abzulenken.

Kerner lächelte sie an. »Du kleine, blonde Hexe weißt ganz genau, wie sehr ich deine Gesellschaft brauche und genieße. Ganz besonders in Zeiten wie diesen.« Er griff schnell über den Tisch und stupste sie spielerisch mit dem Zeigefinger gegen die Nasenspitze.

9

Schwarzwildjagd war Nachtjagd. Die Schwarzkittel, wie die Wildschweine von den Jägern wegen ihrer dunkelhaarigen Schwarte auch genannt werden, waren aufgrund der scharfen Bejagung und zahlloser Störungen durch Freizeitaktivitäten der Menschen fast überall nur noch nachts aktiv. Der Jäger hatte nur eine Chance bei Vollmond, wenn das Licht des Erdtrabanten ausreichte, um mithilfe eines starken Nachtzielfernrohrs einen sicheren Schuss auf seine Beute abgeben zu können.

Wenn Simon Kerner auf die Jagd ging, war er ein anderer Mensch. Die straff strukturierten Abläufe einer Ermittlungsbehörde, die sich ausschließlich an Gesetzen und Verordnungen zu orientieren hat, verlangten einen Menschen, der auf dieser Klaviatur spielen konnte. Kerner war auf diesem Gebiet ein Virtuose, der mit voller Passion der Verbrechensbekämpfung nachging. Genauso motiviert war er aber auch auf der Jagd. Insgeheim vertrat er die Meinung, dass sich die schwierige Jagd auf das intelligente Schwarzwild nur in Nuancen von der Verfolgung eines Verbrechers unterschied. Nur der meist finale Abschluss der Jagd auf Wildschweine unterschied sich natürlich von dem einer Verbrecherjagd.

Kerner folgte gegen 22.00 Uhr einem Wiesenweg. Er führte auf der rechten Seite am Waldrand entlang, während sich auf der anderen Seite eine Wiese erstreckte, an die sich wiederum das besagte Maisfeld anschloss. Schließlich gelangte Kerner zu einem Hochsitz, der an einen Dickungsrand gebaut war. Diese mehrere Hektar große Aufforstung befand sich am Fuße einer der zahlreichen bewaldeten Erhebungen, wie sie für den Spessart so typisch sind. Kerner hatte sich umgezogen und trug nun zweckmäßige Outdoorbekleidung. Über der Schulter hing sein großkalibriges Jagdgewehr, auf dem Rücken trug er einen Rucksack mit allerlei Utensilien.

Von diesem Hochsitz aus hatte man einen ausgezeichneten Blick auf das ungefähr siebzig Meter entfernte Maisfeld, das sich etwa achtzig Meter in der Längenausdehnung an die Grünfläche anschloss. Dieses Maisfeld war seit Tagen der Anziehungspunkt für eine große Rotte Wildschweine, die, wie er wusste, in der Dickung hinter dem Hochsitz ihren Tageseinstand hatten. Mais war für Wildschweine eine Delikatesse, ähnlich wie Kaviar für manche Menschen. Nach den Spuren, die Kerner schon seit Tagen bei abendlichen Besuchen im Revier beobachtet hatte, traten die Schwarzkittel ein Stück entfernt links von seinem Hochsitz aus dem Wald aus. Von dort wechselten sie regelmäßig, fast exakt im rechten Winkel zum Waldrand, über die Weide und drangen in das Maisfeld ein. In dieser Phase, in der sich die Schwarzkittel, wie man aus den Spuren lesen konnte, offenbar Zeit ließen, sollte ihm als geübten Schützen ein Treffer gelingen.

Kerner erklomm den Hochsitz und ließ sich in ungefähr sieben Metern Höhe auf das Sitzbrett nieder. Von hier aus hatte er einen hervorragenden Blick über die leichte Senke. Über den Rand des Maisfeldes hinweg, gewissermaßen am Horizont, konnte er den geschotterten Wirtschaftsweg erkennen, der sich zwischen den Ortschaften Partenstein und Wiesthal mehrere Kilometer entlangzog. Wie Kerner wusste, war dies eine beliebte Abkürzung der Landbevölkerung zwischen den beiden Orten – im Volksmund auch Cognacstraße genannt. Anders ausgedrückt, ein Schleichweg in beide Richtungen für nicht mehr ganz fahrtüchtige Dorfbewohner.

Er zog sein Gasfeuerzeug heraus und hielt es in die Höhe. Die sensible Flamme war der beste Anzeiger für die Windrichtung. Da Wildschweine ein ausgezeichnetes Witterungsvermögen besaßen, war diese Vorsicht durchaus angezeigt. Von links, also Westen, kam eine sanfte Brise auf ihn zu. Der Jäger nickte zufrieden. Solange sich die Windrichtung nicht unvermittelt änderte, würden ihn die schlauen Schwarzkittel, wenn sie an der erwarteten Stelle austraten, nicht wittern können.

Er stellte sein Jagdgewehr in die Ecke der Kanzel. Es handelte sich um einen modernen Halbautomaten in dem eher seltenen Kaliber 35. Whelen, einem sehr effizienten Hoch-wildkaliber. Dann packte er seinen Rucksack aus. Mit Decken polsterte er die freiliegenden Holzteile des Hochsitzes, einschließlich der Brüstung, damit ihn beim Hantieren mit der Waffe kein Geräusch verraten konnte. Schon ein leichtes metallisches Kratzen konnte genügen, um die aufmerksamen Wildschweine zu vertreiben.

Als alles gerichtet war, zog er das bereits befüllte Magazin aus der Tasche, lud die Waffe durch und sicherte sie.

Ein halbautomatisches Jagdgewehr hatte den Vorteil, dass nach einem abgegebenen Schuss die leere Patronenhülse ausgeworfen und aus dem Magazin automatisch die nächste Patrone nachgeladen wurde. Das erlaubte dem Jäger eine schnellere Schussfolge, was aber bei der Nachtjagd kaum eine Rolle spielte.

Danach legte er das Gewehr so vor sich auf die Holzbrüstung, dass er jederzeit schnell und lautlos zugreifen konnte. Langsam lehnte er sich zurück und bereitete sich auf eine längere Wartezeit vor. Bis zum Einbruch der Nacht war noch ungefähr eine Stunde hin. Sonst pflegte er in solchen Fällen die Wartezeit mit einem kleinen Nickerchen zu überbrücken. Erfahrungsgemäß ließen sich die Schweine Zeit. Wenn die Rotte dann im Anmarsch war, machte sie in der Regel im Wald so viel Krach, dass er sofort hellwach sein würde.

Heute fand er jedoch nicht gleich die nötige Entspannung. Immer wieder erschien vor seinem geistigen Auge das Bild des zerstörten und ausgebrannten Gefangenentransporters. Man hatte die Leichen vor Ort gar nicht bergen können, weil sie total verbrannt und teilweise mit den Wrackteilen des Fahrzeugs verschmolzen waren. Später wurde der Transporter abgeschleppt, damit die Leichenbergung in der Werkstatt der Polizei vorgenommen werden konnte.

Kerner wusste von seinen Kampfeinsätzen bei der Bundeswehr, wie Menschen aussahen, die in Fahrzeugen verbrannt waren. Oftmals war eine DNA-Analyse notwendig gewesen, um die Identität eines Opfers sicher feststellen zu können.

Kerner war als Fallschirmspringer und Einzelkämpfer ausgebildet und hatte als Hauptmann einige Zeit einen Spezialtrupp von acht Elitesoldaten befehligt. Mit seinen Männern agierte er während der Operation Südflanke vom Persischen Golf ausgehend an Land hinter den Linien des Feindes. Saddam Hussein hatte Kuwait überfallen, und zwei deutsche Diplomaten waren verschwunden. Er wurde mit seinem Trupp von einem Hubschrauber im Grenzgebiet zwischen Kuwait und dem Irak abgesetzt und schlug sich mit seinen Männern zu einem Lager der irakischen Armee durch, wohin man diese Diplomaten verschleppt hatte. Ihr Auftrag lautete: Befreiung mit allen Mitteln. Dieser Befehl wurde ausgeführt. Dabei mussten sie zur Ablenkung zwei irakische Militärfahrzeuge in Brand setzten, nachdem sie die Fahrer mit Messern getötet hatten. Ein geheimer Einsatz, der niemals offiziell bekannt geworden war.

Kerner atmete die kühle Nachtluft ein und bemühte sich, die Bilder aus der Vergangenheit in den Hintergrund zu drängen. Das war alles schon viele Jahre her, doch die gestrigen Ereignisse am Strafjustizzentrum, die eine frappierende Ähnlichkeit mit einer Kriegshandlung hatten, ließen die Erinnerungen wieder heftig aufleben.

Als er einen Blick nach rechts zum Waldrand hin warf, entdeckte er ein Reh, das gemächlich auf die Wiese zog, um dort zu äsen.

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