Kitabı oku: «Das letzte Schwurgericht», sayfa 2
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Fünf Monate später
Die Nachmittagssonne schien leicht schräg durch das Blätterdach der hohen Buchen und malte bizarre Muster auf den Asphalt des Weges. Es war brütend heiß, es ging kaum ein Luftzug.
Nur eine einzige Person folgte in kurzem Abstand dem dunkel gekleideten Mann, der würdevoll, gemessenen Schrittes über den Weg des Friedwalds im Waldfriedhof von Würzburg ging. Der Mitarbeiter des Bestattungsunternehmens Ewiger Frieden trug die schlichte Urne mit beiden Händen umfasst. Den Blick hielt er gesenkt.
Für den Bestatter war dies eine Urnenbeisetzung wie jede andere. Dass es Verstorbene gab, die keine Angehörigen mehr besaßen, war in der heutigen Zeit gar nicht so selten, wie man dachte.
Für die Leiche dieses Verstorbenen hatte die Person hinter ihm eine Feuerbestattung bestellt und auch den entsprechenden Baum für die Urnenbeisetzung ausgewählt. Bis zu dem kleinen Loch im Waldboden, das einer seiner Mitarbeiter gestern Nachmittag am Fuße der alten Buche ausgehoben hatte, waren es nur noch wenige Schritte.
Der Bestatter blieb, nachdem sie die Öffnung erreicht hatten, in Respekt bekundender, leicht gebeugter Haltung stehen, ehe er die Urne an zwei Bändern in das Grab senkte. Er verneigte sich kurz, dann drehte er sich um und gab der Person hinter ihm die Hand. Wortlos wandte er sich ab und verließ langsam den Ort der Beisetzung. In einer Stunde würde die kleine Grube durch einen Mitarbeiter des Unternehmens wieder geschlossen werden. Eine unscheinbare Tafel an der Buche würde darauf hinweisen, dass hier die sterblichen Überreste eines gewissen Alexander Thannenberger bestattet waren. Die Tatsache, dass man den Toten in einer Justizvollzugsanstalt abgeholt hatte, war allerdings etwas von der üblichen Routine bei derartigen Bestattungen abgewichen.
Die Person trat vor und starrte eine ganze Weile mit brennenden Augen in das Erdloch. Ihr fiel es schwer, die aufkommenden Emotionen einigermaßen in den Griff zu bekommen. Schließlich gab sie sich einen Ruck, drehte sich um und verließ den Friedhof. In ihrem Herzen herrschte abgrundtiefe Trauer, die als Nährboden für den abgrundtiefen Hass diente, den die Person empfand. Ein paar Tage der Trauer würde sie sich erlauben, dann hatte sie ein Vermächtnis zu erfüllen.
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Seit Simon Kerner zum Direktor des Amtsgerichts Gemünden am Main ernannt worden war, nahm er sich an einem Tag in der Woche nachmittags Akten mit nach Hause, um dort zu arbeiten. Dabei wählte er Tage, an denen er keine Strafsitzungen leiten musste und seine Abwesenheit vom Büro vertretbar war. An diesen Tagen zog er es vor, im angenehmen Ambiente seiner Jagdhütte zu arbeiten. Hier in der freien Natur war das Studium der Unterlagen fast schon erholsam. Zuvor fuhr er jedoch nach Lohr in ein Studio für Kampfsport, um sich körperlich fit zu halten. Danach erst setzte er sich vor die Jagdhütte und arbeitete. Kurz bevor die Dämmerung hereinbrach, vertauschte er dann das Diktiergerät mit dem Jagdgewehr und ging auf die Pirsch.
Heute war Donnerstag, und er hatte sitzungsfrei. Es war ein heißer Sommertag mit Temperaturen, bei denen in der Stadt der Asphalt schmolz. Das Training war heute besonders anstrengend gewesen. Zum Glück wehte hier auf der Spessarthöhe eine leichte Brise, so dass die Hitze zu ertragen war. Steffi, seine Lebensgefährtin, beneidete ihn dafür, dass es ihm die Unabhängigkeit des Richteramtes ermöglichte, einen Teil seiner Arbeit auch zu Hause zu erledigen. Sie musste es hingegen in der Hitze der Physiopraxis aushalten.
Seit Kerner in seiner vorherigen beruflichen Position als Oberstaatsanwalt gegen den Emolino-Klan ermittelt hatte, waren mittlerweile mehr als drei Jahre vergangen. Nach dem Tod Don Emolinos hatten die Ermittler des Landeskriminalamtes den Fall übernommen und dem Nachfolger des Mafiapaten systematisch das Handwerk gelegt. Don Trospanini war in die Netze der Steuerfahndung geraten und zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Nachdem die Strukturen des Emolino-Klans zerschlagen waren, verschwand er sang- und klanglos aus Gemünden.
Kerner gab sich natürlich nicht der irrigen Illusion hin, damit das organisierte Verbrechen aus Main-Spessart verbannt zu haben. Sicher nicht. Die Mafia hatte allerdings einen harten Schlag erhalten, von dem sie sich so schnell nicht wieder erholen würde.
Er warf einen Blick zum Himmel. Die Sonne war dem Horizont ein ganzes Stück näher gekommen. Seine Armbanduhr ermahnte ihn, sich für die Jagd fertig zu machen. Kerner klappte die Akte zu, die er gerade bearbeitete, schaltete das Diktiergerät aus und erhob sich. In einem Zug trank er das Glas Wasser leer, das auf der Platte des grob behauenen Tisches stand, dann packte er seine Arbeitsutensilien in einen geräumigen Aktenkoffer und stellte diesen im Inneren neben der Tür unter die Garderobe. Nach kurzem Nachdenken entschied er sich, die Shorts gegen eine lange Jagdhose zu tauschen. Selbst wenn die Tage sehr warm waren, konnten die Abende hier im Wald recht frisch werden. Außerdem schützte sie vor den allgegenwärtigen Zecken.
Bevor er sich auf den Weg zum Hochsitz machte, wollte er noch kurz die Toilette aufsuchen. Das Häuschen mit dem Herzen in der Tür befand sich etwa vierzig Meter von der Hütte entfernt. Es war über einen schmalen Trampelpfad, der vom Haus aus nicht eingesehen werden konnte, zu erreichen.
Simon Kerner war in Gedanken noch bei dem Urteilstext, den er gerade diktiert hatte, und achtete nicht sonderlich auf seine Umgebung. Als er das Toilettenhäuschen erreichte und die Hand nach der Tür ausstreckte, wurde er heftig aus seinen Überlegungen gerissen. Abrupt blieb er stehen und gab einen Laut der Verwunderung von sich. Das Holz der Tür war im Laufe der Jahre stark nachgedunkelt. Daher hob sich der tote, schwarze Vogel auf den ersten Blick kaum davon ab. Das Makabre an der Situation war aber die Tatsache, dass jemand das Tier mit Reißzwecken an die Bretter geheftet hatte.
»Verdammt«, stieß Kerner hervor, »was ist denn das für eine Schweinerei?« Er betrachtete den Vogel genauer. Es handelte sich eindeutig um eine Rabenkrähe.
Mit ausgebreiteten Schwingen hing sie mit dem Rücken zum Holz. Ihr Kopf baumelte haltlos nach vorne auf die Brust. Schockierend war, dass man der Krähe beide Augen ausgestochen hatte. Einzelne Blutstropfen hingen wie kleine Tränen am Schnabel. Das Brustgefieder war blutig, und man konnte ein kleines Loch erkennen. Offenbar eine Schussverletzung. Instinktiv musterte Kerner die Umgebung um die Toilette. Hier, unter dem Dach alter Buchen, war in den letzten Jahren dichter Unterwuchs hochgekommen, der sein Blickfeld stark einschränkte. Es war weit und breit niemand zu sehen. Kerner wandte sich wieder dem Vogel zu. Vorsichtig berührte er mit der Fingerspitze einen Blutstropfen. Die Flüssigkeit war noch nicht vollständig geronnen. Sein Finger wurde rot. Kerner wusste, was das bedeutete. Diese Erkenntnis trieb ihm einen leichten Schauer über den Rücken. Er hatte sich ungefähr drei Stunden an der Jagdhütte aufgehalten. Da das Blut der Krähe noch nicht geronnen war, musste der Vogel während seiner Anwesenheit hier aufgehängt worden sein. Kerner hatte keinerlei Geräusche gehört. Wenn ihm der Urheber dieser mysteriösen Inszenierung auflauern wollten, hätte er dies ohne Problem tun können. Für Kerner stand fest: Damit wurde ihm eine Botschaft übermittelt. Eine Nachricht, deren Sinn sich ihm allerdings nicht erschloss. Mit der Spitze seines Jagdmessers zog er die Reißzwecken aus dem Holz und nahm die Krähe in die Hand. Sie war noch nicht steif, konnte also noch nicht lange tot sein. Kerner drehte den Körper in der Hand. Der Einschuss stammte vermutlich von einer Kleinkaliberwaffe. Der Ausschuss war kalibergroß, also vermutlich ein Vollmantelgeschoss.
Simon Kerner kehrte zur Hütte zurück. Die Jagd war ihm heute vergällt, und so ließ er sich auf der Eckbank, die in den Winkel zwischen zwei Fenstern eingepasst war, nieder. Die tote Krähe legte er auf den Tisch, mit einer alten Zeitung als Unterlage. Nachdenklich betrachtete er das auch im Tod noch glänzende Gefieder.
Kerner lebte schon lange genug im ländlichen Bereich des Spessarts, um zu wissen, dass das Annageln einer toten Rabenkrähe nicht von ungefähr kam, sondern eine tiefere Bedeutung hatte. Er wusste um die Praxis mancher Bauern, tote Krähen auf dem Feld an Stangen anzunageln, um Artgenossen fernzuhalten. Große Schwärme von Saatkrähen konnten auf frisch angesäten Feldern enorme Schäden anrichten. Es gab aber noch eine ganz andere Bedeutung solcher Handlungen, die ins Mystische gingen und einem tief verwurzelten Aberglauben entsprangen: Rabenvögel galten als Boten des Todes! Kerner hatte keine Ahnung, was der Verursacher mit seiner morbiden Handlung bezweckte. Sollte das eine Mahnung oder gar eine Drohung sein? Der nächstliegende Gedanke führte natürlich zu seinem Beruf als Richter. Der Vogel war erschossen worden, was aber sicher keinen Hinweis auf eine konkrete Täterschaft ermöglichte. In der ländlichen Bevölkerung des Spessarts gab es mit Sicherheit noch eine ganze Anzahl unregistrierter Schusswaffen, insbesondere Kleinkalibergewehre. Seit Generationen wurde mit solchen Waffen dem Ungeziefer auf den Höfen der Garaus gemacht – was auch immer man darunter verstand.
Kerner betrachtete den Vogel nochmals eingehend, dann wickelte er den Kadaver in die Zeitung und erhob sich. Aus dem an die Hütte angebauten Werkzeugraum holte er einen Spaten und vergrub das Tier ein Stück von der Hütte entfernt im Wald. Er war sich zwar sicher, dass der Fuchs den Kadaver in der Nacht ausgraben würde, trotzdem widerstrebte es ihm, das Tier einfach in den Wald zu werfen.
Wenig später, die Dämmerung war nun schon stark fortgeschritten, verschloss er die Jagdhütte, legte sein Jagdgewehr und die anderen Utensilien nebst seiner Aktentasche in seinen Defender und fuhr nach Hause. Kerner hatte keine Ahnung, dass ihn dabei zwei Augen durch ein Fernglas aufmerksam beobachteten.
Nachdem sich die Scheinwerfer des Geländewagens im Wald verloren hatten, verließ eine hochgewachsene männliche Gestalt im Tarnanzug ihren Platz zwischen mehreren dicht stehenden Fichten und näherte sich der Hütte. Mit wenigen Schritten war der Mann an der Stelle, wo Kerner die Krähe vergraben hatte, und lockerte mit einem trockenen Ast das lose Erdreich. Kerner hatte die Erde nur dürftig festgetreten. Nachdem er den Kadaver in Händen hielt, schob er das kleine Erdloch mit den Schuhen wieder zu. Der Mann säuberte das Gefieder der Krähe nur notdürftig, dann fasste er den Vogel bei den Krallen und marschierte durch die Dunkelheit davon. Das Tier wurde noch gebraucht. Ein Grinsen überzog sein Gesicht.
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Donnerstagnacht. Die Uhr des nächsten Kirchturms hatte gerade die zweite Stunde geschlagen. Es war Neumond, so dass die schmale Seitenstraße im Würzburger Stadtteil Frauenland nur vom Schein der in Abständen aufgestellten Bogenlampen einigermaßen erhellt wurde. Ihr weißliches Neonlicht hatte Mühe, das dichte Blätterdach der dicht belaubten, alten Ahornbäume zu durchdringen, die links und rechts entlang des Gehsteigs standen.
Die Haustür des leicht zurückgesetzten Einfamilienhauses öffnete sich langsam, fast zögernd. Das Licht des Flures fiel nach draußen und riss einen Streifen ungepflegter Beete aus der Dunkelheit, unterbrochen durch den verzerrten Schatten einer von hinten angestrahlten, hoch gewachsenen, leicht gebeugten Gestalt. Der nur mit einem blauweiß gestreiften Schlafanzug gekleidete Mann hatte offensichtlich Mühe, seine Bewegungen zu koordinieren. Einerseits versuchte er, die Haustür aufzuhalten, andererseits wollte er mit einem Rollator die Türschwelle überschreiten. Mit den kurzen, tippelnden Schritten eines gehbehinderten, älteren Menschen schaffte er es schließlich und bewegte sich nun über die flache, behindertengerechte Steinrampe in Richtung der Vorgartentür. Der Mann war barfuß, doch das schien ihn nicht zu stören. Es war ja Sommer und nachts herrschten angenehme Temperaturen. Auch dass die Haustür hinter ihm ins Schloss fiel, schien er nicht zur Kenntnis zu nehmen. Der kurze Weg zum Tor war rechts und links mit LED-Leuchten erhellt, die mit einem Bewegungsschalter ausgestattet waren.
Der Mann war in Panik. Seine dünnen, schlohweißen Haare standen wirr von seinem Kopf ab. Die Augen hatte er vor Erregung weit aufgerissen. Sein Sehvermögen war besonders in der Nacht stark eingeschränkt, und seine Brille lag drinnen auf dem Nachttisch.
Er suchte nach seinem Jungen.
Der Anrufer hatte ihn aus dem Tiefschlaf gerissen und ihm mit eindringlicher Stimme erklärt, er müsse sofort vor das Haus kommen, weil Michael, sein Sohn, von einem Auto angefahren worden sei. Er läge schwer verletzt direkt vor dem Grundstück.
Mit zitternder Hand ließ der alte Mann den Griff des Rollators los und zog die Gartentür auf. Dabei taumelte er etwas, weil ihm leicht schwindelig wurde. Sein Kreislauf war durch das hektische Aufstehen völlig durcheinander. Die Aufregung ließ seinen Puls rasen. Er passierte die Tür und trat auf den Gehsteig hinaus. Die grobe Körnung des Asphalts stach ihn in die weichen Fußsohlen. Er registrierte es kaum. Verwirrt suchte er die Straße ab. »Michael«, rief er dann mit brüchiger Stimme, die kaum ein paar Meter weit trug. Noch einmal: »Michael!« Aber da war nichts.
Er schob seine Gehhilfe über den auf Höhe des Eingangs abgesenkten Bordstein auf die Straße. Etwas verloren stand er mitten auf der nächtlichen Fahrbahn und stammelte den Namen seines Sohnes. Keiner hörte seine schwache Stimme. Alle Häuser dieser Wohnstraße lagen in Dunkelheit. Die Bewohner schliefen.
Keiner sah das unbeleuchtete schwarze Auto, das sich einen guten Steinwurf weit entfernt vom Bordstein löste und sich langsam rollend, fast schleichend der einsamen Gestalt näherte. Etwa sechzig Meter vor dem Mann heulte der Motor plötzlich auf, und der Wagen fuhr mit voller Beschleunigung auf den Alten zu. Als der frontal angebrachte Rammbügel des massigen Geländefahrzeugs auf den mageren Körper des alten Mannes traf, gab es ein klatschendes Geräusch. In hohem Bogen wurde er über die Kühlerhaube nach oben geschleudert. Hart schlug er mit dem Kopf gegen die Windschutzscheibe des Fahrzeugs, das ungebremst weiterfuhr. Das Sicherheitsglas erhielt sternförmige Risse, die vom zentralen Auftreffpunkt des Schädels ausgingen. Ein deutlich sichtbarer Blutfleck im Zentrum des Aufschlages zeugte von der Wucht des Zusammenpralls. Der Körper des Mannes wurde seitlich von der Motorhaube geschleudert und schlug hart gegen den Bordstein. Der völlig deformierte Rollator landete ein Stück weit entfernt im Rinnstein.
Erst ein Stück hinter der Kollisionsstelle bremste der Wagen abrupt ab. Grell durchschnitten die glutroten Bremsleuchten die Nacht. Die Fahrertür wurde aufgerissen, eine Gestalt sprang heraus und näherte sich dem gestürzten Greis. Die Pistole mit Schalldämpfer zuckte zweimal in ihrer Hand, dann hastete sie wieder zum Wagen zurück. Mit durchdrehenden Reifen preschte das Fahrzeug die Straße entlang. Erst an der nächsten Kurve wurde das Fahrlicht eingeschaltet.
Ein Bewohner aus einem der Nachbarhäuser, der einen leichten Schlaf hatte, wurde von dem Schlag der Kollision und dem späteren Quietschen der Reifen aufgeweckt. Schlaftrunken erhob er sich und sah von seinem Schlafzimmerfenster aus auf die Straße. Er fragte sich erbost, welcher rücksichtslose Mensch mitten in der Nacht einen derartigen Lärm verursachte. Verärgert wollte er sich schon wieder zurück ins Bett legen, als er die bewegungslose Gestalt im gestreiften Schlafanzug im Rinnstein liegen sah. Schlagartig war er wach. Er schlüpfte in seine Hose und rannte hinaus. Mit Entsetzen erkannte er unter der blutigen Maske das Gesicht seines Nachbarn.
Wenig später konnte der herbeigerufene Notarzt nur noch den Tod Dr. Wilhelm Kürschners, des pensionierten Vorsitzenden Richters des Landgerichts Würzburg, feststellen. Der Aufprall hatte ihm das Genick gebrochen und der Bordstein den Schädel eingeschlagen. Die beiden Schüsse in seine Augen wären gar nicht mehr erforderlich gewesen. Der Täter hatte die Augenhöhlen in zwei blutige Seen verwandelt. Das Blut verschwand als schmales Rinnsal im zwei Meter entfernten Gully. Der Notarzt alarmierte die Einsatzzentrale der Polizei. Wenig später traf die Mordkommission ein und verwandelte die stille Seitenstraße in einen emsigen Ameisenhaufen.
6 
Erster Kriminalhauptkommissar Eberhard Brunner hob sein Weinglas und prostete seinem Gegenüber zu.
»Zum Wohl, Simon, schön, dass du wieder einmal einen gemeinsamen Schoppenabend ermöglichen konntest. Seitdem du in Gemünden die höheren Weihen eines Amtsgerichtsdirektors erhalten hast, sehen wir uns ja kaum noch.«
In der Zeit, als Simon Kerner in seiner Funktion als Oberstaatsanwalt der Staatsanwaltschaft Würzburg das große Ermittlungsverfahren gegen die Mafia-Familie Emolino im Landkreis Main-Spessart durchführte, war Brunner der Leiter der mit den Ermittlungen beauftragten Sonderkommission Spessartblues. Nach Beendigung des Verfahrens und der Auflösung der Sonderkommission hatte man Brunner zum Leiter des Kommissariats 1 der Würzburger Mordkommission ernannt.
Simon Kerner trank, dann setzte er sein Glas langsam wieder ab. »Da kann ich dir nur beipflichten. Weißt du, für mich besteht im Grunde eigentlich keine Notwendigkeit mehr, nach Würzburg zu fahren. Mal abgesehen von jährlich ein bis zwei Dienstbesprechungen am Landgericht. Ich pendle zwischen meiner Wohnung in Partenstein und dem Gericht in Gemünden hin und her und wenn Steffi und ich etwas einkaufen wollen, fahren wir nach Lohr oder Karlstadt. Das sind für uns die kürzesten Wege. Da bekommen wir eigentlich alles, was wir so benötigen, und haben nicht den Stress wie in der Großstadt.«
Die beiden, die seit der gemeinsamen Ermittlungsarbeit im Emolinofall Freunde geworden waren, saßen in der Weinstube Johanniterbäck und genossen einen fruchtigen Silvaner. Gerne hatte Kerner Brunners Einladung angenommen, die Nacht bei ihm im Gästezimmer zu verbringen. So konnte er ohne Rücksicht auf Promillegrenzen zusammen mit dem Freund den Abend genießen und sich ein paar Schoppen gönnen. Morgen war Samstag, und er musste nicht ins Büro.
Durch das Gespräch schweiften Kerners Gedanken für einen Moment in die Vergangenheit zurück. Er war damals hart an die Grenzen seiner Integrität gestoßen, weil er lange Zeit geglaubt hatte, durch einen schrecklichen Zufall auf der Jagd den Sohn des Mafiabosses, gegen den er ermittelte, erschossen zu haben. Die Mafia entführte daraufhin seine Freundin und drohte ihm mit deren Tod. Unter diesem Zwang hatte sich Kerner nach schwersten inneren Kämpfen einige Zeit in der Grauzone des Gesetzes bewegt. Dank seiner Fähigkeiten, die er sich als Offizier einer Elitekampftruppe der Bundeswehr angeeignet hatte, gelang es ihm schließlich, Steffi zu befreien. Der Hinrichtung durch die Mafia waren Steffi und er nur knapp entgangen. Kerner würde niemals vergessen, dass er in diesem Kampf in die Abgründe seines eigenen Ichs geblickt hatte. Noch heute setzte er sich immer wieder mit der Tatsache auseinander, dass durch ihn Menschen zu Tode gekommen waren. Es war für ihn noch immer erschütternd, wenn er sich bewusst machte, wie fragil auch bei ihm die Zivilisationsschicht war. Seitdem beurteilte er die Verfehlungen der Menschen, die vor ihm als Richter standen, aus einem erweiterten Blickwinkel.
Brunner bemerkte, dass sein Freund kurze Zeit geistesabwesend war. Der Kripobeamte konnte sich denken, wohin Kerners Gedanken abgeglitten waren. Auch Brunner war in dem damaligen Fall hart an die Grenzen seiner Loyalität gegenüber dem Gesetz einerseits und dem Freund andererseits gestoßen. Beide wussten, dass durch dieses Kapitel ihres Lebens ein schwarzer Schatten auf ihre ansonsten weißen Westen gefallen war.
Brunner hielt einen abrupten Themenwechsel für angebracht.
»Hast du übrigens mitbekommen, dass vor zwei Tagen Dr. Kürschner verstorben ist? Dr. Wilhelm Kürschner, du kannst dich doch an ihn erinnern? Er war lange Zeit beim Landgericht Würzburg der Vorsitzende des Schwurgerichts. Ein harter Knochen, bei dem die Angeklagten nichts zu lachen hatten.«
Kerner hatte den plötzlichen Themenwechsel noch nicht ganz nachvollzogen. Es dauerte einen Augenblick, bis er aus seiner Gedankenwelt in die Gegenwart zurückgekehrt war und Brunners Worte verinnerlicht hatte. Zustimmend nickte er.
»Natürlich erinnere ich mich an Dr. Kürschner. Wir haben ihn damals bei der Staatsanwaltschaft hinter vorgehaltener Hand Dr. Gnadenlos genannt. Ein äußerst fähiger Jurist, aber wirklich knallhart in seinen Entscheidungen. Eine Anklage vor dem Schwurgericht endete fast zu hundert Prozent mit einer Verurteilung. Lass mich überlegen, so alt dürfte er doch noch gar nicht gewesen sein. Es stand gar nichts in der Zeitung.«
»Es war kein natürlicher Tod. Eine äußerst unschöne Sache. Er wurde vor seinem Haus von einem Auto überfahren. Aus den Spuren zu schließen, vorsätzlich. Wir haben ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Der Zusammenstoß war so stark, dass er an den Folgen sofort verstorben ist. Damit hat sich der Täter aber nicht zufrieden gegeben. Nach der Kollision ist der Fahrer oder Beifahrer ausgestiegen, zu dem alten Mann hingegangen und hat ihm gezielt aus nächster Nähe in beide Augen geschossen.«
»Das ist ja total pervers! Das sieht ja fast so aus, als wollte der Täter eine Botschaft hinterlassen. Riecht irgendwie nach einer Rachehandlung oder einem Ritualmord.«
»Wir tappen im Augenblick noch völlig im Dunkeln. Laut Aussage der Nachbarn war Dr. Kürschner ziemlich dement. Wieso er mitten in der Nacht auf die Straße gelaufen ist, ist noch rätselhaft. Ein paar Kilometer entfernt, in der Nähe des Hubland-Campus haben wir das Tatfahrzeug gefunden. Die Spuren am Fahrzeug waren eindeutig. Es war gestohlen. Der Eigentümer hatte den Diebstahl schon angezeigt. Im Fahrzeug fanden wir keine verwertbaren Spuren, die auf den Täter hindeuteten. Wir ermitteln in Kürschners privatem und in seinem früheren beruflichen Umfeld. Aus ermittlungstechnischen Gründen ging noch nichts an die Presse hinaus. Deshalb konntest du auch noch nichts darüber in der Zeitung lesen.«
Kerner malte nachdenklich mit dem Zeigefinger Striche an sein beschlagenes Weinglas.
»Es würde mich nicht wundern, wenn der oder die Täter in seiner beruflichen Vergangenheit zu finden wären. Dr. Kürschner war wirklich ein knallharter Richter, der keine Kompromisse machte.«
Brunner sah ihn zweifelnd an. »Bei einem Schwurgerichtsprozess entscheiden doch fünf Richter, drei Berufsrichter und zwei Schöffen, über das Urteil. Kann da wirklich der Vorsitzende eine so dominante Rolle spielen?«
»Prinzipiell ist das schon richtig. Die Berufsrichter und die Schöffen stimmen in geheimer Beratung über das Urteil ab, wobei jede Stimme gleichwertig ist. Eigentlich dürfte über die Beratungen nichts nach außen dringen, aber unter Kollegen ist dann hin und wieder mal durchgesickert, dass es keinen Fall gab, bei dem letztlich etwas anderes herausgekommen ist, als sich Dr. Kürschner vorgestellt hatte. Er muss, gelinde gesagt, bei den Urteilsberatungen eine starke Überzeugungskraft gehabt haben. Es war ein offenes Geheimnis, dass Kürschner eine gewisse Affinität zur Todesstrafe hatte und bedauerte, dass man sie in Deutschland abgeschafft hatte. Man kann das ja sogar nachlesen. Er hat sich in seiner Freizeit literarisch mit den teilweise martialischen Strafen früherer Jahrhunderte auseinandergesetzt. Sein Standardwerk über die Hinrichtungsstätten in Würzburg zu Zeiten der Fürstbischöfe und deren Rechtsprechung hat ja in einschlägigen wissenschaftlichen Kreisen durchaus Anerkennung erfahren. Insgesamt betrachtet, war der Kollege schon eine etwas schillernde Juristenpersönlichkeit, was man aber höheren Orts aufgrund seiner fachlichen Fähigkeiten hinnahm.«
»Naja, für uns war es natürlich eine Genugtuung, wenn er einen Straftäter, dem wir mühsam ein Verbrechen nachgewiesen haben, dann auch tatsächlich hinter Gitter geschickt hat. Und das oft auch lebenslänglich.«
Kerner nickte. »Kann ich gut verstehen. Uns Staatsanwälten ging es ja nicht anders. Ich habe damals als Oberstaatsanwalt in zahlreichen Prozessen die Anklage vor dem Schwurgericht vertreten. Ich kann dir sagen, Kürschner hätte in seinen Verhandlungen eigentlich gar keinen Staatsanwalt gebraucht. Da ging es wirklich hart zur Sache. Dabei ist er immer völlig ruhig und freundlich geblieben. Das hat viele Angeklagte und ihre Verteidiger eingelullt. Wenn er dann das Urteil verkündete, hat es manchem Angeklagten regelrecht den Boden unter den Füßen weggezogen.
Ich erinnere mich noch gut an den letzten Prozess, den er als Vorsitzender des Schwurgerichts geleitet hat. Ich habe damals in diesem Verfahren die Anklage vertreten. Es war zufällig auch meine letzte Verhandlung vor dem Schwurgericht, bevor ich dann die Ermittlungen gegen die Main-Spessart-Mafia übertragen bekommen habe. Es ging um einen ziemlich verzwickten Mordfall, letztlich ein Indizienprozess, der hinsichtlich der Beweislage auf etwas tönernen Füßen stand. Da ich von der Täterschaft absolut überzeugt war, habe ich natürlich alles darangesetzt, um eine Verurteilung zu erreichen.«
»War das nicht die Sache mit diesem Winzer, diesem Thannenberger? Er hatte seine schwangere Freundin im Schlaf mit dem Kissen erstickt.«
Kerner nickte.
Brunner erinnerte sich. »Ich war damals nicht mehr bei der Mordkommission, sondern bereits mit der Gründung der Sonderkommission Spessartblues beschäftigt. Aber wir haben uns natürlich unter Kollegen darüber unterhalten. Wie ich hörte, war die Beweislage wirklich ausgesprochen schwierig. Thannenberger hat ja dann auch bis zum Schluss die Tat geleugnet.«
»Ja. Es gab keine Zeugen, lediglich den Ehemann der Ermordeten, der sich zum Todeszeitpunkt seinerseits bei einer Geliebten aufhielt. Die Ehe war, wie er aussagte, total zerrüttet. Als er am Morgen nach Hause zurückkam, fand er seine Frau tot vor. Er hat dann sofort die Polizei verständigt. Am Anfang galt er ja als Hauptverdächtiger, aber seine Freundin verschaffte ihm ein wasserdichtes Alibi. Sie sagte aus, dass er die ganze Nacht bei ihr gewesen sei.
Thannenberger gab schließlich zu, dass er bei der Ehefrau gewesen war, er habe sie aber weit vor dem festgestellten Todeszeitpunkt wieder verlassen. Bei der Obduktion wurde dann festgestellt, dass die Tote im vierten Monat schwanger war und an diesem Abend mit Thannenberger Geschlechtsverkehr gehabt hatte. Das Kind stammte allerdings, wie die spätere Untersuchung ergab, von ihrem Ehemann.
Nachbarn sagten aus, dass sie am späteren Abend aus der Wohnung Streit vernommen hätten. Diese Zeugen bestätigten, dass es sich dabei nicht um die Stimme des Ehemannes gehandelt hatte. Blieb nur Thannenberger. Das Gericht kam zu der Überzeugung, dass die Ermordete wegen des Kindes die Beziehung zu Thannenberger beenden und zu ihrem Mann zurückkehren wollte. Bei dem dadurch ausgelösten Streit sei Thannenberger ausgerastet und habe in dessen Verlauf seine Geliebte mit dem Kissen erstickt. In der Lunge der Toten fand man Stoffpartikel, die mit dem Kissen übereinstimmten. Das Problem Thannenbergers war, dass man unter den Fingernägeln der Frau Hautmaterial von ihm sicherstellen konnte. Thannenberger hatte entsprechende Kratzspuren am Rücken. Er behauptete zwar, diese Spuren seien während des Liebesspiels entstanden. Wir gingen hingegen davon aus, dass sie sich im Todeskampf heftig gewehrt haben musste. Im Laufe des Prozesses hat er dann den Streit zugegeben, erklärte aber, er sei irgendwann im Zorn gegangen. Zu diesem Zeitpunkt habe die Frau noch gelebt. Das Schwurgericht hat diese Aussage als Schutzbehauptung eingestuft und ihm nicht geglaubt. Erschwerend für den Angeklagten kam hinzu, dass er einen schlechten Pflichtverteidiger hatte, einen Anfänger ohne Erfahrung. Dr. Kürschner hat meiner Meinung nach solche grünen Burschen bewusst ausgesucht, damit er sie beim Prozess ohne Salz und Pfeffer zum Frühstück verzehren konnte. Die Prognose des Gutachters gab dem Angeklagten dann den Rest. Thannenberger war Jahre zuvor zweimal wegen Körperverletzung verurteilt worden. Im Gutachten wurde ihm daher eine grundsätzliche Bereitschaft attestiert, Konflikte mit Gewalt zu lösen. Damit war die Sache gelaufen.«
Kerner nahm einen Schluck Wein.
»Das Schwurgericht hat seinen Unschuldsbeteuerungen nicht geglaubt, und Kürschner hat ihn zu lebenslänglicher Freiheitsstrafe verdonnert. Auch für mich persönlich war es durchaus ein gerechtes Urteil. Natürlich habe ich mich auch gefreut, dass ich meinen letzten Schwurgerichtsprozess nicht verloren habe.«
Es trat eine kleine Gesprächspause ein, weil die Bedienung an den Tisch trat und die beiden einen weiteren Schoppen bestellten.
Brunner wechselte das Thema. »Was macht denn die Jagd?«
Kerner ging gerne darauf ein. »Meine Position beim Amtsgericht Gemünden gibt mir natürlich auch für mein Hobby mehr Spielraum.«
Plötzlich huschte ein nachdenklicher Zug über Kerners Gesicht. Brunner bemerkte es sofort.
»Simon, hast du in irgendeiner Form ein Problem? Ich sehe doch, dass dich etwas beschäftigt.«
»Du hast recht. Es ist aber eigentlich nicht von Bedeutung. Mir ist nur vor ein paar Tagen etwas ganz Merkwürdiges passiert. Ich saß vor meiner Jagdhütte und habe gearbeitet. Anschließend wollte ich mich noch im Wald ansetzen …« Ausführlich schilderte er daraufhin Brunner das Erlebnis mit dem Rabenvogel.
»Der Täter hat den Raben nicht nur dort angenagelt, er hat ihm auch die Augen ausgestochen. Ich will dem Vorfall jetzt nicht so viel Bedeutung beimessen. Ich vermute, dass mich irgendjemand einschüchtern will. Vermutlich ein Mensch, den ich verurteilt habe.«
