Kitabı oku: «Der Schoppenfetzer und der Narrenwein»

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Foto: Rico Neitzel – Büro 71a

Günter Huth wurde 1949 in Würzburg geboren und lebt seitdem in seiner Geburtsstadt. Er kann sich nicht vorstellen, in einer anderen Stadt zu leben.

Er ist Rechtspfleger (Fachjurist), verheiratet, drei Kinder.

Seit 1975 schreibt er in erster Linie Kinder- und Jugendbücher, Sachbücher aus dem Hunde- und Jagdbereich (ca. 60 Bücher). Außerdem hat er bisher Hunderte Kurzerzählungen veröffentlicht. In den letzten Jahren hat er sich vermehrt dem Genre Krimi zugewandt. 2003 kam ihm die Idee für einen Würzburger Regionalkrimi. „Der Schoppenfetzer“ war geboren.

2013 erschien sein Mainfrankenthriller „Blutiger Spessart“, mit dem er die Simon-Kerner-Reihe eröffnete, mit der er eine völlig neue Facette seines Schaffens als Kriminalautor zeigt. Durch den Erfolg des ersten Bandes ermutigt, brachte er 2014 mit dem Titel „Das letzte Schwurgericht“ den zweiten Band, 2015 mit „Todwald“ den dritten Band, 2016 mit „Die Spur des Wolfes“ den vierten Band und 2017 mit „Spessartblues“ den fünften Band dieser Reihe auf den Markt.

Der Autor ist Mitglied der Kriminalschriftstellervereinigung „Das Syndikat“.

Die Handlung und die handelden Personen dieses Romans sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit toten oder lebenden Personen oder Persönlichkeiten des öffentlichen Lenbens ist nicht beabsichtigt und wäre rein zufällig.

Günter Huth

Der Schoppenfetzer und der Narrenwein

Der fünfzehnte Fall des Würzburger

Weingenießers Erich Rottmann


Günter Huth

Der Schoppenfetzer und der Narrenwein

© Echter Verlag, Würzburg

Alle Rechte vorbehalten

Gestaltet von Peter Hellmund

Gedruckt und gebunden von Pressel, Remshalden

Zweite Auflage 2021

ISBN

978-3-429-05639-1

978-3-429-05159-4 (PDF)

978-3-429-06535-5 (ePub)

www.echter.de

Inhalt

An einem Herbstabend in der Nähe von Maindorf

Würzburg, Samstag, den 22. Oktober

Würzburg, Montag, den 24. Oktober

Würzburg, Donnerstag, den 27. Oktober

Maindorf, Montag, den 31. Oktober

Würzburg, Montag, den 31. Oktober

Am selben Tag ebenfalls in Würzburg

Würzburg, Dienstag, den 1. November

Würzburg, Mittwoch, den 2. November

Maindorf, am Abend des 2. Novembers

Würzburg, Donnerstag, den 3. November

Würzburg, Freitag, den 4. November

Am selben Tag im Stückfasskeller

Würzburg, Montag, den 7. November

Würzburg, Mittwoch, den 9. November

Zu guter Letzt

An einem Herbstabend in der Nähe von Maindorf

Die Dämmerung breitete sich wie ein Mantel über die Weinberge und verwandelte die kräftigen Herbstfarben der Weinstöcke immer mehr in ein sanftes pastellfarbenes Landschaftsgemälde. Die schwarze Luxuslimousine fuhr mit Standlicht im Schleichgang den geschotterten obersten Weinbergsweg entlang. Der Fahrer bemühte sich, den Steinschlag durch hochschlagenden Split möglichst gering zu halten. Unter den drei Männern im Wageninneren herrschte Schweigen. Die drei waren Hauptakteure eines ungewöhnlichen Plans, dessen Fundamente jetzt in Form gegossen werden sollten.

„Wir sind da“, durchbrach der Fahrer das Schweigen. „Da vorne ist es.“ Aus dem schwachen Licht tauchten etwas entfernt die kantigen Konturen eines weißgestrichenen Weinbergshäuschens auf. Der Mann auf dem Rücksitz beugte sich nach vorn und übersetzte die Worte des Mannes am Lenkrad für den Beifahrer in bestes Mandarin, die chinesische Hochsprache. Der kleine schlanke Mann neben dem Fahrer nickte. Auch im Profil war seine chinesische Herkunft deutlich zu erkennen. Die dichten schwarzen Haare trug er streng nach hinten gekämmt, wo sie mit reichlich Gel an Ort und Stelle gehalten wurden.

„Das ist ja winzig“, übersetzte der Dolmetscher die Worte des Chinesen.

Das steinerne Weinbergshäuschen stand direkt am Grenzweg zwischen den Weinbergen und dem darüberliegenden Trockenrasengebiet oberhalb von Maindorf, einem bekannten Weinort am Main.

Das Häuschen besaß zwei Fenster, die offenbar mit Gardinen verhängt waren, denn erst jetzt, aus der Nähe, erkannte man gedämpften Lichtschein. Der Fahrer lenkte den Wagen nach rechts und parkte ihn dicht neben den obersten Rebstöcken. Die drei stiegen aus und näherten sich der Eingangstür. Der Übersetzer trug eine Kühltasche und einen Aktenkoffer. Ehe sie anklopfen konnten, wurde die Tür geöffnet und die Konturen eines kräftigen Mannes zeichneten sich im Lichtschein ab.

„Guten Abend“, grüßte der Gastgeber und trat zur Seite, damit die Besucher eintreten konnten. Im Vorübergehen gab der Fahrer ihm die Hand. Der Chinese beschränkte sich darauf, sich zu verneigen, während der Dolmetscher ihn vorstellte. Die Eintretenden mussten die Augen etwas zusammenkneifen, denn die einzige, aber kräftige Lichtquelle, eine auf einem kleinen Tisch stehende Gasleuchte, blendete sie.

Der winzige Raum nahm praktisch die gesamte Grundfläche des Häuschens ein und war spartanisch eingerichtet: der Tisch, sechs Stühle, in eine Ecke eingepasst ein kleiner Schrank. Trotzdem strahlte der Raum eine gewisse Gemütlichkeit aus, der man sich nur schwer entziehen konnte.

Der Gastgeber machte eine einladende Handbewegung.

„Herr Präsident, vielleicht nehmen Sie hier Platz.“

Der so Angesprochene hob die Hand. „Den Präsidenten habe ich heute zu Hause gelassen. Also bitte ganz zwanglos.“ Er wartete, bis sich der Chinese niedergelassen hatte, dann nahm auch er Platz. Als das Stühlerücken beendet war, ergriff der Präsident das Wort: „Ich freue mich sehr über das Zustandekommen dieses Treffens. Insbesondere begrüße ich sehr herzlich Herrn Chang Shixin, der den weiten Weg aus dem Reich der Mitte zu uns auf sich genommen hat, um mit uns zusammenzuarbeiten. Ich hoffe, ich habe Ihren Namen richtig ausgesprochen.“ Er blickte um Verständnis bittend in Richtung des Chinesen.

Nach der Übersetzung des Dolmetschers verbeugte sich der Chinese knapp und begann zu sprechen. Der Gastgeber lauschte andächtig der für ihn fremden Sprachmelodie. Der Übersetzer transferierte seine Worte fast synchron ins Deutsche.

„Meine Herren, es ist mir eine große Ehre, Ihr Gast zu sein, um mit Ihnen Geschäfte zu machen. Ich bin überzeugt, dass sich unsere Interessen und die Ihren sich auf wunderbare Weise vereinen lassen.“ Er schloss mit einer neuerlichen Verneigung.

Der Präsident fuhr fort: „Herr Chang, ich darf Ihnen Max Runkelbauer vorstellen, der uns hier in dieses idyllische Weinbergshäuschen eingeladen hat.“

Der Übersetzer hatte offenbar Mühe, die Bezeichnung „Weinbergshäuschen“ ins Chinesische zu übersetzen, und musste allerlei Umschreibungen bemühen, bis der Gast verstehend nickte.

„Unser Gastgeber ist selbständiger Winzer, der seinen Wein selbst vermarktet. Ein Geschäft, bei dem man in Deutschland zwar große Eigenständigkeit genießt, bei dem man aber auch in ständigem Wettstreit mit den großen Weingütern und den Winzergenossenschaften liegt. Ein harter Wettstreit, bei dem durchaus mit Ellbogen gearbeitet wird. Es ist deshalb notwendig, sich ständig Neues einfallen zu lassen, um den Absatz sicherzustellen. Leider laufen die Geschäfte bei Herrn Runkelbauer seit zwei Jahren nicht mehr ganz so gut.“

Nicht mehr ganz so gut ist wirklich stark geschmeichelt, dachte Runkelbauer. Wenn dieser Handel heute nicht zustande kam, würde sein Betrieb das nächste Jahr nicht mehr überstehen.

Der Präsident ließ dem Dolmetscher wieder etwas Zeit, damit er mit dem Übersetzen nachkam. Herr Chang hielt den Kopf währenddessen leicht gesenkt und hörte konzentriert zu, dann nickte er zum Zeichen, dass er alles verstanden hatte.

„Als ich vor einigen Monaten aus geschäftlichen Gründen in Nordchina in der Provinz Shandong zu tun hatte“, fuhr der Präsident fort, „lernte ich Herrn Chang kennen. Er leitet dort ein großes Weingut, in dessen Weinbergen, man höre und staune, unter anderem auch Müller-Thurgau angebaut wird. Bei einer ausgiebigen Verkostung konnte ich mich von der Qualität des Weines überzeugen. Herr Chang und ich haben uns dann lange und ausgiebig unterhalten. Dabei haben wir eine Geschäftsidee entwickelt, die ich nach meiner Rückkehr mit meinem Bekannten, Herrn Runkelbauer, diskutiert habe. Das Ergebnis dieser Kontakte ist dieses heutige Treffen. Wir sind uns darin einig, dass die Umsetzung dieser Idee von allen Seiten eine gewisse … Risikobereitschaft verlangt. Die ist aber, soweit ich das verstanden habe, durchaus vorhanden.“

Alle am Tisch, mit Ausnahme des Dolmetschers, stimmten dieser Aussage kopfnickend zu.

„Dann würde ich vorschlagen“, fuhr der Präsident fort, „zunächst einmal den Wein, um den es geht, zu verkosten. Schließlich will keiner die Katze im Sack kaufen. Anschließend können wir ja die Einzelheiten besprechen.“

Auf einen Wink hin öffnete der Dolmetscher die Kühltasche und stellte eine Bordeauxflasche auf den Tisch, auf der sich ein Etikett mit chinesischen Schriftzeichen befand. Herr Chang griff sich die Flasche und fuhr mit den Fingern über das Glas, auf dem sich sofort Tau gebildet hatte. Runkelbauer holte aus einem Eckschrank mehrere Probengläser. Während Chang den Schraubverschluss öffnete, erläuterte er: „Meine Herren, das hier ist ein Müller-Thurgau aus der Ernte des letzten Jahres meines Weinguts. Es ist mir eine Ehre, Ihnen diesen Wein jetzt präsentieren zu dürfen.“ Während der Dolmetscher noch übersetzte, schenkte Herr Chang in jedes Glas eine angemessene Menge ein. Nachdem er alle bedient hatte, erhob er sein Glas. „Wie sagt man hier? Zum Wohl.“ Die beiden Worte des Trinkspruchs versuchte er auf Deutsch zu sagen, was ihm nur mäßig verständlich gelang.

Die Herren, die sich alle als Weinsachverständige verstanden, rochen, schlürften und ließen den Tropfen auf der Zunge zergehen, um anschließend den Abgang auszukosten. Anerkennende Lautäußerungen kamen von allen Seiten aus den Kennerkehlen.

„… eindeutig ein ausgezeichneter Müller-Thurgau mit einem beeindruckenden Nachhall“, stellte Runkelbauer anerkennend fest. „Der aus meinem Wengert ist nicht besser.“

Die anderen schlossen sich dem Lob an. Der Dolmetscher übersetzte, Herr Chang verneigte sich und lächelte.

Der Präsident stellte sein Glas ab und ergriff wieder das Wort. „Meine Herren, kommen wir auf den Punkt: Bei meinen Gesprächen mit Herrn Chang haben wir beide festgestellt, dass sich unsere Interessen auf erfreuliche Weise überschneiden, deshalb sind wir hier. Als Präsident einer … gewissen Institution habe ich in den letzten Jahren mit zunehmender Sorge zur Kenntnis nehmen müssen, dass unsere Ausgaben für diverse Veranstaltungen horrend gestiegen sind. Als Verantwortlicher bin ich daher bemüht, uns jede nur erdenkliche Einnahmequelle zu erschließen. An diesem Punkt kommen unsere gemeinsamen Interessen“, er deutete auf Max Runkelbauer und verneigte sich in Richtung des Chinesen, „auf wunderbare Weise zusammen. Herr Chang würde es begrüßen, wenn er seinen Wein nach Franken exportieren könnte mit dem Fernziel, sich den Markt in Europa zu erschließen.“

Der Dolmetscher übersetzte so schnell, dass ihn Herr Chang mit einer Geste bat, etwas langsamer zu sprechen. Der Präsident legte geduldig eine Pause ein. Nach der Übersetzung nickte der Chinese heftig und lächelte.

„Herr Chang und ich sind uns darin einig“, nahm der Präsident wieder den Faden auf, „dass er, würde er den offiziellen Weg des Marktes beschreiten, auf absehbare Zeit keine Chance hätte, sich zu etablieren. Chinesischer Wein in Franken wäre, außer vielleicht für einige experimentierfreudige Kenner, ein absolutes ‚No-Go‘.“ Er blickte fragend in die Runde. Runkelbauer stimmte ihm vollkommen zu.

Der Präsident räusperte sich und sah den Chinesen direkt an. „Manchmal muss man die Menschen ganz einfach zu ihrem Glück zwingen. Max Runkelbauer ist bereit, durch das Zurverfügungstellen seines Namens und durch die Bereitstellung diverser Lagerressourcen das Experiment ‚chinesischer Müller-Thurgau in Unterfranken‘ zu unterstützen. Herr Chang seinerseits wird sich, wie er mir sagte, selbstverständlich durch großzügige finanzielle Investitionen und äußerst günstige Konditionen beteiligen.“ Er gab durch ein Handzeichen zu verstehen, dass er nun dem chinesischen Gast das Wort überlassen wollte.

Der Dolmetscher übersetzte ins Deutsche: „Es wird mir eine Ehre sein, mich mit einem Tanklastzug unseres Weines an dem Experiment zu beteiligen. Außerdem kann der geschätzte Herr Winzerkollege mit einer Finanzbeteiligung an seinem Unternehmen rechnen, als Ausgleich für das zu tragende Risiko. Ich habe Verträge aufsetzen lassen, die vom Herrn Präsidenten juristisch geprüft und für gut befunden wurden.“

Er gab dem Übersetzer ein Zeichen, der daraufhin einen Aktenkoffer auf den Tisch hob und mehrere Schriftstücke herausnahm. Der Text war sowohl in chinesischer als auch deutscher Schrift geschrieben. Dann zog er einen edlen Kugelschreiber aus der Aktentasche und legte ihn neben die Papiere.

„Lassen Sie mich noch einmal die Parameter dieser Kooperative zusammenfassen“, meldete sich der Präsident wieder zu Wort. „Es sind, das gebe ich unumwunden zu, knallharte wirtschaftliche Notwendigkeiten, die mich veranlasst haben, diesen Deal einzufädeln. Aber keinesfalls, das möchte ich klarstellen, geht es dabei für mich um persönliche Bereicherung.“ Er räusperte sich. „Wie hier in dieser Runde teilweise bekannt, wird jedes Jahr in der sogenannten Närrischen Weinprobe, einer Sendung des Bayerischen Fernsehens, die aus dem Stückfasskeller des Staatlichen Hofkellers übertragen wird, der sogenannte Narrenwein vorgestellt. Bisher kam bei diesem speziellen Bocksbeutel immer ein uns bekanntes großes Weingut zum Zuge und machte das damit verbundene Geschäft. Meine Organisation war hierbei immer außen vor. Das werden wir jetzt mit unserer kleinen Kooperative ändern!“

Runkelbauer zog ein nachdenkliches Gesicht. „Sind Sie sicher, dass wir diesmal zum Zuge kommen? Ich bin da immer noch etwas skeptisch!“

„Letztes Jahr hätte ich Ihre Bedenken geteilt. Es wurde jedoch das Auswahlkonzept für den Narrenwein geändert. Bisher hat die Vorstellung des Weines eine ehemalige Weinkönigin in der Sendung vorgenommen. Dieses Jahr wird das Procedere auf Wunsch der Zuschauer des Bayerischen Fernsehens geändert. Unterfränkische Weingüter können ihre Weine einreichen und der Weinexperte der Stadt Würzburg, Bürgermeister Andy Farmer, wird im Rahmen einer Blindverkostung seine Auswahl treffen. Diese wird etwa zwei Wochen vor der eigentlichen Veranstaltung unter notarieller Aufsicht stattfinden. Während der eigentlichen Aufzeichnung der Fernsehsendung wird dieser Wein dann von Herrn Farmer vorgestellt.“ Der Präsident hielt das Probierglas gegen das Licht. „Was Ihre Frage betrifft, Herr Runkelbauer, das lassen Sie mal unsere Sorge sein. Herr Chang und ich haben da unsere Mittel und Wege.“ Er grinste leicht. Herr Chang verneigte sich wieder lächelnd, schob den Vertrag über den Tisch und reichte den Kugelschreiber weiter.

Schon wenige Tage später verließ ein Kühltankwagen mit der Aufschrift „Wang-Transporte Frankfurt a. M.“ das Weingut Chang in der chinesischen Provinz Shandong und machte sich auf den weiten Weg. Zwischen dem Weingut Chang und dem Ziel, dem Weinort Maindorf in Unterfranken, lag eine halbe Weltreise.

Weitere zwei Wochen später läutete mitten in der Nacht, kurz nach drei Uhr, Max Runkelbauers Handy. Er war sofort hellwach, schnappte sich das Telefon und huschte auf nackten Füßen aus dem ehelichen Schlafzimmer in die Küche. Seine Frau hatte einen gesegnet tiefen Schlaf und bekam davon nichts mit.

Runkelbauer meldete sich und hörte die Stimme eines unbekannten Mannes, der ihm erklärte, die bestellte Lieferung aus China sei eingetroffen. Der Winzer bekam vor Aufregung feuchte Hände. Er erklärte dem Anrufer, dem Fahrer des Tankwagens, wie er in den Hof des Weinguts fahren konnte, ohne den Weg durch den Ort nehmen zu müssen. Runkelbauers Weingut lag etwas außerhalb von Maindorf. Eine halbe Stunde später wurde hektoliterweise Müller-Thurgau aus China in einen von Runkelbauers Edelstahltanks gepumpt. Als der letzte Tropfen im Tank war, bestätigte Runkelbauer die Lieferung auf einem Lieferschein, und wenig später war der Tankwagen wieder verschwunden. Danach stand Runkelbauer nachdenklich in seinem Weinkeller und betrachtete das silbrig schimmernde Metall des Tanks. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Er löschte das Licht im Keller, ging zurück in seine Wohnung und legte sich wieder ins Bett. An Schlaf war jetzt allerdings nicht mehr zu denken.

Würzburg, Samstag, den 22. Oktober

Bürgermeister Andy Farmer stieg über die breite, aber steile Steintreppe hinunter in die historische Unterwelt des Weinkellers unter der Würzburger Residenz. Der Weg war ihm zwar vertraut, trotzdem musste man immer aufpassen, dass man auf den glitschigen Stufen nicht ausglitt. Die Luftfeuchtigkeit im Keller setzte sich auf den Steinen ab. Farmer konnte sich beim besten Willen nicht mehr erinnern, wie oft er schon diese Stufen hinabgeschritten war, um im Namen der Stadt an irgendwelchen Feierlichkeiten teilzunehmen. Geblendet blinzelte er. Ungewöhnlich heller Lichtschein strahlte ihm aus der Tiefe entgegen. Die Fernsehleute waren offenbar schon mitten in den Vorbereitungen.

Der Bürgermeister fühlte sich innerlich angespannt. Das lag sicher nicht an den bevorstehenden Fernsehaufnahmen, derartige Aktionen waren ihm durchaus vertraut. Der eigentliche Grund war der Besuch zweier Männer vor vier Tagen in seinem Büro, der ihm nicht aus dem Kopf ging.

Vier Tage zuvor

Dienstag, kurz nach 14 Uhr, Andy Farmer kam gerade von einer Besprechung mit dem Oberbürgermeister, als seine Sekretärin an die Tür klopfte.

„Entschuldigen Sie bitte, Herr Farmer, in meinem Büro stehen zwei Herren, die Sie dringend sprechen möchten. Sie haben allerdings keinen Termin.“

Wegen der offenen Tür beugte sie sich zu Farmer herab und flüsterte ihm etwas ins Ohr.

„Für den Präsidenten habe ich natürlich Zeit. Und wer ist dieser Roger Wang?“, entgegnete Farmer laut.

Sie zuckte mit den Schultern. „Herr Wang ist Asiate, er spricht aber ganz ausgezeichnetes Deutsch.“

Farmer machte eine einladende Handbewegung. Er aß sehr gerne gebratene Ente süßsauer, fühlte sich dem Chinesischen essenskulturell also durchaus zugeneigt. Im Moment konnte er gerade einige Minuten erübrigen.

„Schauen wir mal, was sie auf dem Herzen haben. Schicken Sie sie rein.“ Flüsternd fügte er hinzu: „Wenn das Gespräch länger als zehn Minuten dauert, kommen Sie bitte rein und erinnern mich an meinen nächsten Termin.“ Er zwinkerte ihr verschwörerisch zu. Sie lächelte verstehend und ging wieder hinaus. Einen Moment später betrat der Präsident zusammen mit einem kleinen, zierlichen Asiaten das Büro des Bürgermeisters. In der Nähe der Tür blieben beide kurz stehen und der Präsident breitete die Arme aus. Sein Begleiter machte lächelnd eine leichte Verneigung.

„Lieber Andy, herzlichen Dank, dass du für uns etwas Zeit erübrigen kannst, obwohl wir keinen Termin haben. Ich darf dir Herrn Wang vorstellen.“

Der Asiate verbeugte sich erneut. Der Präsident und Farmer duzten sich schon seit ewigen Zeiten.

Andy Farmer erhob sich, kam hinter seinem Schreibtisch hervor und gab seinen Besuchern die Hand. Dann wies er in Richtung seines Besprechungstisches und bot ihnen Platz an. Der Präsident und Wang ließen sich nieder, Farmer setzte sich ihnen entspannt gegenüber und musterte sie neugierig. Wang stellte einen Aktenkoffer neben seinem Stuhl ab, dann blieb er, ohne sich anzulehnen, kerzengerade sitzen.

Als hätte er einen Stock verschluckt, dachte Farmer. Laut fragte er: „Was führt euch beide zu mir? Wie kann ich helfen?“

Der Präsident fuhr sich durch seine dichten, nach hinten gegelten weißen Haare.

„Lieber Andy, du weißt ja, dass die nächste Faschingssession vor der Tür steht und ich als einer der Verantwortlichen in diesem Narrenzirkus mir rechtzeitig Gedanken darüber machen muss, wie die finanzielle Seite aussieht. Es ist ja nichts Neues, dass es keine ernstere Angelegenheit gibt als den Fasching. Seit Jahren schon haben wir massive Probleme, beispielsweise die Kosten des Faschingszugs zu stemmen.“

Wenn er betteln will, warum hat er dann diesen Asiaten mitgebracht?, dachte Farmer.

Als hätte er Farmers Gedanken gelesen, fuhr der Präsident fort: „Da ich ja weiß, dass auch die Stadt in den Miesen steckt und wir kaum nennenswerte Unterstützung bekommen können, habe ich mir etwas einfallen lassen, das unsere Situation nachhaltig verbessern könnte.“ Er nickte in Richtung Wang. „Dies ist auch der Grund, warum ich Herrn Wang mitgebracht habe.“ Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Ich war gewissermaßen der Türöffner für Herrn Wang und werde mich aus terminlichen Gründen jetzt wieder verabschieden. Herr Wang wird dir erläutern, um was es geht. Es wäre mir ein großes Anliegen, wenn du unsere Vorstellungen unterstützen könntest.“ Hastig stand er auf, gab dem überraschten Farmer die Hand, nickte Wang kurz zu und verließ das Büro.

Der Bürgermeister fühlte sich etwas überrumpelt, wollte aber nicht unhöflich sein. „Also, Herr Wang, dann legen Sie mal los. Aber meine Zeit ist leider begrenzt.“

Herr Wang verneigte sich, dann begann er zu sprechen. „Ich vertrete eine Interessengruppe, die ihre geschäftlichen Aktivitäten gern auf Unterfranken ausdehnen möchte.“

„Aha“, machte der Bürgermeister. Er musste seiner Sekretärin recht geben, der Mann sprach ganz ausgezeichnet Deutsch, wenn es auch etwas gestelzt klang. „Das ist ja sehr interessant, da wir hier in Würzburg immer an einem Zuwachs neuer Firmen interessiert sind. Können Sie mir sagen, auf welchen Geschäftsfeldern Sie aktiv sind?“

„Die Volksrepublik China ist, wie Sie sicher wissen, eine massiv wachsende Volkswirtschaft, die neben vielen anderen Produkten in zunehmendem Maße qualitativ hochwertigen Wein produziert. Dies gilt auch für das Weingut, das ich hier vertrete.“ Er bemerkte die hochschnellenden Augenbrauen des Bürgermeisters und fuhr fort: „Wir wissen, dass man China nicht unbedingt mit Weinproduktion in Verbindung bringt. Es wird Sie aber vielleicht in Erstaunen versetzen, zu hören, dass wir mittlerweile bei der Weinerzeugung beispielsweise Frankreich bereits überholt haben.“

„Das ist ja sehr interessant“, warf Farmer ein, der noch immer keine Vorstellung hatte, warum der Mann ihm dies alles erzählte.

„Mainfranken als qualitativ hochwertiges und international bekanntes Weinanbaugebiet hat unser Interesse geweckt. Wir würden gern in einem ersten Schritt mit Hilfe etablierter Winzer einen Fuß in die Tür der unterfränkischen Weinproduktion bringen.“

Farmer sah seinen Besucher mit großen fragenden Augen an. Hatte er da richtig verstanden?

„Wollen Sie damit sagen, unterfränkische Winzer sollen chinesischen Wein verkaufen?“ Er schüttelte heftig den Kopf. „Das wird keiner tun! Die würden sich ja ihr eigenes Geschäft kaputtmachen.“

Der Chinese lächelte noch immer.

„Unterfranken ist eine gesegnete Provinz mit zahlreichen wohlhabenden Winzern. Bedauerlicherweise gibt es aber auch vereinzelt Familienbetriebe, die ziemlich kämpfen müssen, um gegen die Konkurrenz der Großen ihr Überleben zu sichern. Bei Menschen dieser Kategorie sind wir mit unserer Geschäftsidee durchaus auf offene Ohren gestoßen.“

„Das heißt, Sie haben jemanden gefunden, der bei dieser verrückten Idee mitmacht?“ Der Bürgermeister war sichtlich betroffen.

Der Chinese nickte lächelnd und verbeugte sich leicht. „Wir setzen unsere Pläne und Vorgehensweisen immer sehr stringent um.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, wie Sie dies in die Praxis umsetzen wollen. Mal abgesehen davon, dass das rechtlich problematisch sein dürfte. Außerdem, was sollte ich mit einem derartigen … Geschäft zu schaffen haben?“ Die Stimmlage Farmers änderte sich merklich. Seine Stirn legte sich in ärgerliche Falten.

„Um Ihnen dieses zu erläutern, bin ich hier“, erwiderte der Chinese unverändert freundlich.

„Da bin ich aber mal gespannt!“, brummte Farmer. Es klang mehr wie ein Knurren.

In diesem Augenblick klopfte es und seine Sekretärin streckte den Kopf herein. „Herr Farmer, ich möchte Sie an Ihren nächsten Termin erinnern. Sie sind schon etwas spät.“

Der Bürgermeister warf ihr einen etwas ärgerlichen Blick zu und winkte ab. „Sagen Sie den Termin bitte ab, ich bin durch eine dringende Angelegenheit hier aufgehalten worden. Und bitte keine weiteren Störungen mehr.“

Die Sekretärin blickte verwundert, nickte dann aber und verschwand wieder. In ihr Büro zurückgekehrt, verdrehte sie die Augen. Mal hü, dann wieder hott, daraus sollte jemand schlau werden. Offenbar hatte der Chef gerade Stress.

So als hätte die Unterbrechung gar nicht stattgefunden, fuhr Herr Wang fort: „Wir wissen, dass Sie aus einer bekannten Winzerfamilie stammen und in der unterfränkischen Weinszene eine bedeutende Persönlichkeit sind. Ihr Wort hat Gewicht.“

Farmer runzelte die Stirn. Anscheinend war dieser Wang gut informiert. Laut sagte er: „Kommen Sie bitte auf den Punkt!“

Der Chinese verneigte sich leicht. „Demnächst finden in Würzburg wieder die Vorbereitungen für die Fernsehsendung Die Närrische Weinprobe statt. In dieser Veranstaltung wird immer ein sogenannter Narrenwein vorgestellt. Wie wir wissen, wurde dieses Jahr das Procedere dergestalt abgeändert, dass Sie, Herr Bürgermeister, diesen Wein im Rahmen einer Blindverkostung aus mehreren von verschiedenen Weingütern eingereichten Weinen auswählen werden.“

„Diese Änderung wurde aufgrund des Ergebnisses einer Zuschauerumfrage vorgenommen.“

„Das ist korrekt“, stimmte Wang zu. „Es waren in der Presse auch die zehn Weingüter namentlich genannt, die im Vorfeld im Rahmen einer Ausschreibung ausgelost worden waren, um an dieser finalen Auswahl teilzunehmen.“

Andy Farmer beugte sich leicht nach vorn und fixierte sein Gegenüber mit schmalen Augen, ließ ihn aber ohne Unterbrechung weitersprechen. Er fühlte, der Mann würde jetzt auf den Punkt kommen.

„Die Interessengruppe, die ich hier vertrete, würde es sehr begrüßen, wenn Sie nun bei dieser Verkostung dem Wein eines bestimmten Weinguts den Vorzug geben würden.“ Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: „Sie können natürlich sicher sein, dass sich Ihre Kooperation nicht zu Ihrem Nachteil auswirken würde.“

Die Reaktion seines Gesprächspartners kam laut und explosiv. Mit Wucht donnerte Farmers Handfläche auf den Besprechungstisch, so dass der Chinese erschrocken zusammenzuckte und zum ersten Mal sein Lächeln aufgab.

„Was ist denn das für eine gigantische Sauerei!“, brüllte Farmer. Wang wich unwillkürlich mit seinem Stuhl ein Stück zurück. Für einen Augenblick sah es wirklich so aus, als würde der Bürgermeister seinen Besucher am Kragen packen. Etwas gemäßigter fuhr er dann fort: „Sie glauben also, Sie könnten mich für Ihre krummen Geschäfte einspannen, indem Sie mich bestechen?“

Wang hatte sich wieder gefasst. „Ihr Deutschen seid immer so kategorisch“, erwiderte er ruhig. „Es geht doch nur um ein Geschäft. Jeder hat einen Vorteil und damit ist es gut. Win-win, wie man so schön sagt.“

„Ich sage Ihnen jetzt was. Sie schnappen sich Ihr feines Aktenköfferchen und sehen zu, dass Sie Land gewinnen. Dort ist die Tür! Wenn ich Sie noch einmal sehe, dann …“ Den Rest ließ er offen. Er sprang auf die Beine, ging zur Tür, öffnete sie weit und blieb wie ein Zerberus daneben stehen.

Erstaunlicherweise bewegte sich Herr Wang aber nicht. Er warf Farmer einen durchdringenden Blick zu, dann sagte er aufreizend ruhig: „Herr Bürgermeister, Sie sind nicht sehr höflich. Sie sollten bei Ihrem Verhalten bedenken, dass meine Organisation bisher schon immer ihre Interessen durchgesetzt hat. Wir wissen, wo Sie wohnen, und wir wissen auch, dass Sie Familie haben. Wenn man derart angreifbar ist, sollte man bessere Manieren haben. Uns ist es egal, ob Sie das Geld nehmen oder nicht. Wir erwarten nur von Ihnen, dass Sie sich bei der Auswahl des Narrenweines an unser kleines Gespräch erinnern.“

Farmer stand wie versteinert an der offenen Tür und starrte den kleinen Chinesen an, der sich nun geschmeidig erhob und mit einem leisen Lächeln und einer angedeuteten Verbeugung an Farmer vorbei auf den Flur hinaustrat.

Bürgermeister Farmer stand noch geraume Zeit auf der Stelle, bis er langsam seine Bürotür wieder schloss. Er ließ sich in seinen Bürostuhl fallen und versuchte sich zu beruhigen. Schließlich griff er zum Telefon und bat seine Sekretärin, ihn mit dem Büro des Präsidenten zu verbinden. Kurz danach erhielt er die Auskunft, dass der Präsident eine längere geschäftlich bedingte Auslandsreise angetreten hatte. Er überlegte, ob er sofort die Polizei einschalten sollte. Das eben war reine Erpressung! Die Frage war nur, wie er das beweisen konnte.

An dieses bedrückende Erlebnis musste Andy Farmer denken, als er jetzt die Stufen zum Weinkeller hinunterstieg. Seit diesem Tag hatte sich sein Leben irgendwie verändert. Schon wenn das Telefon klingelte, wurde er nervös. Er musterte Menschen kritisch, die an seinem Haus vorbeiliefen. Folgte ihm jemand längere Zeit auf der Straße, wechselte er die Seite.

„Ah, schön, Andy, dass du schon da bist!“ Der Präsident des Fastnachtsverbands, Bernie Schlehbusch, kam mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. „Da können wir ja in aller Ruhe vorher noch die Details besprechen. Der Toni ist auch schon da und macht alle mit seiner Gschaftlhuberei verrückt.“ Mit Toni war Anton Felsmann, der Präsident des Fränkischen Weinbauvereins, gemeint, der bei derartigen Veranstaltungen natürlich nicht fehlen durfte. Die beiden marschierten in den langen Schlauch des Stückfasskellers hinein, der an beiden Seiten von hohen Fässern flankiert wurde, an deren Vorderseiten Kerzen brannten. Am Ende des Kellers, der in eine Art Sackgasse mündete, war eine Bühne aufgebaut, auf der ein langer Tisch stand, der mit einer weißen Tischdecke bedeckt war. Nebeneinander standen dort zehn Bocksbeutel, die alle verhüllt waren. Davor erkannte er eine Reihe Versuchsgläser. Rund um die Bühne wuselten Fernsehtechniker, die Kameras herumschoben, Scheinwerfer justierten und Kabel verlegten. Ein Mann eilte aus dem Hintergrund ins Licht, der sich als Rocky Horror, Regisseur, vorstellte und Andy Farmer zu einer Stell- und Beleuchtungsprobe bat. Es folgte eine Tonprobe. Gleich darauf stürzte sich die Maskenbildnerin auf ihn, bat ihn in eine Ecke, drückte ihn auf einen Stuhl und begann, ihm den Glanz aus dem Gesicht und seiner hohen Stirn zu pudern. Fasziniert musterte Farmer die Reihe von Piercings, welche die Außenränder ihrer beiden Ohren schmückten. Ob das wohl weh tat? Eine gute halbe Stunde später war man dann eigentlich so weit. Eigentlich.

„Wo ist Frau Feen?“, brüllte ein Mann mit Klemmbrett in der Hand, vermutlich der Aufnahmeleiter, quer durch den Keller. „Hat jemand Frau Feen gesehen?“

Andy Farmer wusste natürlich, dass die Sendung von Nikki Feen, der ehemaligen deutschen Weinkönigin, moderiert werden sollte. Auch er wunderte sich. Üblicherweise führten Moderatoren mit den Gästen Vorgespräche. Gewissermaßen ein Warm-up, das als „Eisbrecher“ für nervöse Kandidaten gedacht war. Eine Maßnahme, die bei ihm natürlich nicht erforderlich war. Medienmäßig war er ein alter Hase.

Eine junge Frau, vermutlich die Assistentin, die sich gerade mit den Kameraleuten unterhalten hatte, kam zum Aufnahmeleiter gelaufen.

„Ich habe Frau Feen zuletzt gesehen, als sie aus der Maske kam und mir erklärte, sie wolle noch einmal die Toilette aufsuchen. Das war aber schon vor einer halben Stunde.“

„Mein Gott, dann sehen Sie halt nach! Wir müssen endlich anfangen!“

Hastig eilte die junge Frau davon. Es dauerte keine zwei Minuten, dann tauchte sie wieder auf. Der Aufnahmeleiter sah sie fragend an. „Was ist los? Wo ist sie?“

Die Assistentin näherte ihren Mund seinem Ohr und flüsterte etwas.

„Verdauungsprobleme? Was heißt hier Verdauungsprobleme? Wir können doch nicht ewig warten, bis Frau Feen ihre Innereien wieder im Griff hat!“

„Sie hat gesagt, sie kommt in ein paar Minuten“, versuchte die Assistentin ihren Chef zu besänftigen.

Der Regisseur gesellte sich dazu und klopfte fordernd mit dem Finger auf seine Armbanduhr. „Meine Herrschaften, Zeit ist Geld! Wir liegen schon deutlich im Zeitplan zurück.“

Mit wenigen Sätzen erläuterte der Aufnahmeleiter dem Regisseur die Problematik. Der verdrehte die Augen und ging zu dem Mann am Aufnahmepult.

In diesem Augenblick erschien endlich die erwartete Nikki Feen im Lichtkreis der Scheinwerfer. Sie trug einen knallroten Hosenanzug, der ihre schlanke Figur ansprechend betonte.

„Ich muss mich vielmals entschuldigen“, sagte sie mit einem verlegenen Lächeln, „aber das Lampenfieber …“

Der Aufnahmeleiter winkte ab. „Kein Problem!“ Zu seiner Assistentin gewandt: „Ist sie schon verkabelt?“ Als diese den Kopf schüttelte, machte er eine auffordernde Handbewegung. „Also, dann los, worauf wartet ihr noch?“

Nikki Feen wurde von der Assistentin zur Seite geführt, wo eine Tontechnikerin ein Funkmikrofon unter ihrer Kleidung befestigte. Der hautfarbene Mikrofonkopf selbst wurde mit einem Klebepad an ihrer rechten Wange befestigt.

Während Andy Farmer den Vorgang noch interessiert beobachtete, fühlte er sich plötzlich am Arm gefasst. Auch er wurde von einem Tontechniker verkabelt.

Zehn Minuten später betraten die beiden Hauptakteure die kleine Bühne. Der Regisseur wies sie kurz ein.

„Frau Feen, Herr Bürgermeister, Ihnen ist ja bekannt, dass es sich bei dieser Wahl des diesjährigen Narrenweins um eine Blindverkostung handelt. Sie sehen dort oben zehn verschiedene Weine in Bocksbeuteln von unterschiedlichen Weingütern aufgereiht. Ich kann Ihnen hierzu nur Folgendes sagen, es wurden drei Silvaner, drei Müller-Thurgau, zwei Grauburgunder und zwei Riesling eingereicht. Sie können beide natürlich nicht sehen, welcher Wein sich in welchem Bocksbeutel befindet. Von den Flaschen wurden die Originaletiketten entfernt, stattdessen befindet sich auf jedem Bocksbeutel das eigens für den diesjährigen Narrenwein von einem Grafiker entworfene Etikett, das keine Rückschlüsse auf das jeweilige Weingut zulässt. Auf der Rückseite wird später das weinrechtlich vorgeschriebene Etikett aufgeklebt. Während der Verkostung befindet sich dort nur eine Nummer. Frau Feen, Sie moderieren diese Verkostungen ohne jegliche Textvorgabe. Ihre Augen, Herr Bürgermeister, werden verbunden sein, so dass Sie die Bocksbeutel nicht sehen können, da sie teilweise unterschiedliche Formen haben. Anfassen dürfen Sie sie natürlich auch nicht. Auch die Zuseher haben keinen Wissensvorsprung. Frau Feen nennt für das Protokoll die Nummer des Weines und schenkt Ihnen anschließend ein. Der Bocksbeutel wird dann sofort wieder verhüllt. Jetzt können Sie die Binde abnehmen und versuchen. Anschließend bleibt es Ihnen überlassen, sich auf dem bereitliegenden Zettel zum jeweiligen Wein Notizen zu machen. Wenn Sie die zehn Weine durchprobiert haben, geben Sie in die Kamera die Nummern der Weine bekannt, die Ihrer Meinung nach ausscheiden sollen. Anschließend werden Ihnen wieder die Augen verbunden und Frau Feen hält die Nummern der ausgeschiedenen Bocksbeutel in die Kamera. Der soeben beschriebene Vorgang wird so oft wiederholt, bis nur noch ein Wein übrig ist, der dann als Sieger zu küren ist. Den Sieger geben Sie dann persönlich in der Fernsehübertragung bekannt.“ Er sah Feen und Farmer prüfend an. „Haben Sie das so verstanden oder haben Sie noch Fragen?“

Beide schüttelten einträchtig den Kopf.

„Na, dann fangen wir einfach mal an. Da es sich ja um eine Aufzeichnung handelt, können wir erforderlichenfalls wiederholen oder durch den Schnitt korrigieren. Der Vorgang wird von Dr. Rosenberger, dem Notar, beobachtet.“

In diesem Augenblick hörte man vom Eingangsbereich des Weinkellers her laute Stimmen. Dort wurde offenbar gestritten. Der Regisseur drehte verärgert den Kopf in Richtung des Stimmenwirrwarrs und rief: „Kann ich hier mal Ruhe haben! Hier läuft gerade eine Fernsehaufzeichnung!“

Die Assistentin des Aufnahmeleiters hastete nach vorne, um nach der Ursache des Lärms zu sehen. Einen Moment später kam sie zurück und erklärte: „Am Eingang steht ein gewisser Herr Schöpf-Kelle, der behauptet, er sei Reporter der Würzburger Mainpostille. Er beharrt darauf, dass er ein Recht darauf habe, über die Vorauswahl des Narrenweins berichten zu dürfen. Ich habe es nicht geschafft, ihn abzuweisen.“

„Der hat schon ganz andere geschafft“, mischte sich Bürgermeister Farmer ein. „Am besten, Sie lassen in rein, sonst faselt er morgen in der Zeitung eine Ente zusammen, die sich gewaschen hat. Sie müssen nur dafür sorgen, dass er nicht mitbekommt, welchen Wein ich letztendlich aussuche. Sonst weiß es morgen schon der ganze Landkreis.“

Der Regisseur gab der Assistentin ein Zeichen und sie eilte nach vorn, um den Reporter ans Set vorzulassen.

Vergnügt grinsend kam Schöpf-Kelle heran und winkte den Beteiligten gut gelaunt zu. Sofort zückte er seine Kamera, die ihm um den Hals hing, und begann, Bilder zu schießen.

Der Aufnahmeleiter eilte mit beiden Händen abwinkend auf den Reporter zu, fasste ihn am Arm und schob ihn ein Stück zur Seite. Dort redete er ziemlich intensiv auf ihn ein. Schöpf-Kelle erwiderte etwas, hob dann aber beide Hände zum Zeichen seiner Kapitulation und ließ die Kamera wieder sinken.

„Ich habe ihm gesagt, dass wir anschließend die von ihm geschossenen Bilder gerne ansehen würden. Letztendlich hat er zugestimmt.

„Also, nun aber los!“, kommandierte der Regisseur leicht genervt.

„Ton okay?“ – „Ton okay!“

„Kamera bereit?“ – „Kamera bereit!“

„Dann Action!“ Er ließ seine Hand wie ein Fallbeil von oben nach unten fallen.

Nikki Feen, die neben dem am Tisch sitzenden Andy Farmer stand, blickte freundlich lächelnd in die Kamera, an deren Vorderseite ein Rotlicht aufleuchtete.

„Guten Abend, meine Damen und Herren, ich begrüße Sie sehr herzlich zur ersten Wahl des Würzburger Narrenweins, der in dieser Faschingssession eigens für diesen Zweck in einem speziellen Bocksbeutel abgefüllt wird.“ Sie gab einen kurzen Abriss über die bisher gepflegte Praxis der Auswahl des Narrenweins und berichtete von dem Wunsch der fränkischen Fernsehzuschauer, zukünftig diesen für die Region so repräsentativen Wein im Rahmen einer Blindverkostung durch einen Weinexperten auswählen zu lassen.

„Neben mir, meine Damen und Herren, sitzt der bekannte Würzburger Bürgermeister Andy Farmer, dessen Qualifikation als Weinkenner und Neutralität als Juror wohl niemand anzweifeln wird.“ Sie schilderte kurz das neue Verfahren und erklärte, dass die Bekanntgabe des ausgewählten Weines in der Fernsehsendung Die Närrische Weinprobe erfolgen wird.

Der Regisseur unterbrach mit einem Handzeichen die Aufzeichnung und trat nach vorn.

„Das war schon sehr schön, aber nach einem Blick auf die bisherigen Muster der Aufnahmen müssen wir noch etwas an der Beleuchtung ändern. Das heißt, alles noch mal auf Anfang.“

Die Moderatorin atmete einmal tief durch, dann lächelte sie Andy Farmer zu. „So ist das halt mal bei Aufzeichnungen. Da braucht man immer Geduld.“

Die Maskenbildnerin nützte die Pause, um bei den beiden Protagonisten das Make-up aufzufrischen. Ein paar Minuten später ging es weiter.

Nach vier weiteren Unterbrechungen standen nur noch fünf verhüllte Bocksbeutel vor Andy Farmer. Es waren die Weine mit den Nummern 1, 3, 7, 8 und 10. Bürgermeister Farmer gab dem Regisseur ein Zeichen, dass er eine Pause benötigte. Der Regisseur unterbrach und Farmer stand auf, um die Toilette aufzusuchen. Er stand gerade am Waschbecken und wusch sich die Hände, als ein Mitarbeiter des Fernsehteams hereinkam. Zumindest trug er ein T-Shirt mit dem Emblem des Bayerischen Rundfunks. Seine Basecap hatte er so tief ins Gesicht gezogen, dass man seine Gesichtszüge nicht erkennen konnte. Als Farmer sich abwandte, um den Waschraum wieder zu verlassen, trat der Mann von hinten an ihn heran und legte ihm die Hand auf den Arm. Der Bürgermeister drehte sich überrascht herum. Da drückte ihm der Mann einen kleinen Zettel in die Hand. Jetzt konnte Farmer kurz seine asiatischen Gesichtszüge sehen. Ehe er reagieren konnte, war der Mann wieder draußen. Farmer faltete den kleinen Zettel auseinander und erschrak. Das Blatt zeigte ihm ein Foto der vertrauten Vorderfront seines Wohnhauses, darunter stand die Ziffer 7. Sonst gab es keinerlei Hinweise. Für Farmer war die Botschaft aber klar. Die Organisation erinnerte ihn an seine Aufgabe. Der kalte Schweiß brach ihm aus. Hastig faltete er die Notiz zusammen, steckte sie in die Hosentasche und verließ die Toilette. Draußen sah er sich um. Von dem Asiaten war weit und breit nichts mehr zu sehen.

Als er gerade zum Set zurückkehren wollte, versperrte ihm der Zeitungsreporter Schöpf-Kelle den Weg.

„Herr Bürgermeister, es wäre schön, wenn Sie mir für unsere Leser ein kurzes Statement zu dem neuen Auswahlverfahren des Narrenweins geben könnten. Es ist ja, seit es die Närrische Weinprobe gibt, das erste Mal, dass nicht von vornherein feststeht, von welchem großen Weingut der Narrenwein kommt.“

Andy Farmer winkte ungeduldig ab. „Lieber Schöpf-Kelle, Sie sehen doch, wir sind mitten in der Aufzeichnung. Wenn Sie mich interviewen wollen, dann machen Sie bitte einen Termin mit meinem Sekretariat aus. Jetzt muss ich aber weiter!“

„Auch kein Foto?“

Kopfschüttelnd eilte Farmer davon. Der Reporter sah ihm verwundert hinterher. Er konnte sich überhaupt nicht erinnern, dass sich Bürgermeister Farmer einmal der Presse verweigert hätte. Für ein schönes Foto stand er normalerweise immer zur Verfügung. Farmers Verhalten war für ihn so ungewöhnlich, dass der Sensor in seiner Reporternase Alarm schlug. Stimmte hier etwas nicht? War hier vielleicht eine echte Story abzugreifen? Schöpf-Kelle nahm sich vor, am Ball zu bleiben. In diesem Augenblick tippte ihn ein Finger auf die Schulter. Aus seinen Gedanken gerissen, bemerkte er erst jetzt die Assistentin des Aufnahmeleiters, die sich ihm unbemerkt genähert hatte.

„Herr Schöpf-Kelle, es tut mir sehr leid, aber Sie müssen nun den Weinkeller verlassen. Wir zeichnen jetzt die Wahl des Siegerweines auf. Das ist streng geheim und muss leider ohne Sie erfolgen. Sie haben sicher Verständnis dafür, dass wir die Auflösung nicht schon vorher in der Zeitung lesen möchten.“ Sie wies freundlich, aber bestimmt zur Treppe.

Schöpf-Kelle zuckte mit den Schultern. „Ist schon in Ordnung.“ Er wandte sich ab und verließ den Weinkeller. Immerhin hatte er Interviews mit dem Weinbaupräsidenten und dem Faschingspräsidenten auf seinem Aufnahmegerät sowie einige Fotos gemacht, die er dem Aufnahmeleiter auch brav vorgezeigt hatte. Das würde zunächst mal für einen informativen Artikel genügen. An der Geschichte mit Farmer würde er auf jeden Fall dranbleiben. Sein journalistischer Instinkt sagte ihm, dass da irgendetwas im Busch war.

Als Farmer zum Set zurückkehrte, warf ihm die Maskenbildnerin einen kritischen Blick zu. Der Mann hatte während der Pause heftig geschwitzt. Warum auch immer. Jedenfalls musste sie noch einmal gründlich nacharbeiten. Während sie am Gesicht des Bürgermeisters arbeitete, wollte er von ihr wissen, ob es in der Crew auch Asiaten gab. Sie verstand zwar nicht, was diese Frage sollte, verneinte aber. Was aber offenbar bei dem Mann einen neuerlichen Schweißausbruch verursachte. Wahrscheinlich hat er zu hohen Blutdruck, dachte sie, der sein Blut bei Stress in Wallung bringt. Wenig später hatte sie das Problem durch den Einsatz von massenweise Puder wieder im Griff. Auf dem Bildschirm würde man das später nicht sehen.

Andy Farmer kehrte nach der Aufforderung des Regisseurs an seinen Platz auf der Bühne zurück. Er wusste jetzt, was er tun musste, sosehr ihm das auch widerstrebte.

Eine halbe Stunde später fiel die Klappe. Regisseur Rocky Horror war mit dem Ergebnis ihrer Arbeit zufrieden und entließ Nikki Feen und Andy Farmer.

Nachdem die Exweinkönigin und der Bürgermeister wieder abgeschminkt waren, gesellten sich die beiden Präsidenten zu ihnen.

„Das ist ja prima gelaufen“, stellte Toni Felsmann händereibend fest. „Ich denke, wir haben uns alle einen guten Schoppen und etwas Ordentliches zu essen verdient.“ Er blickte beifallheischend in die Runde.

Nikki Feen hob bedauernd die Hand. „Tut mir leid, aber ich muss in den Sender und ein Nachmittagsmagazin moderieren. Ein anderes Mal gern.“ Sie gab jedem die Hand und verabschiedete sich.

„Wie sieht es mit den beiden Herren aus? Sie werden mir doch keinen Korb geben? Ich habe in den Juliusspital-Weinstuben Plätze reservieren lassen.“

Schlehbusch nickte zustimmend. „Von mir aus gern.“

Andy Farmer war es jetzt nicht gerade nach Feiern zumute, stimmte aber zu. Es gab noch einige Punkte zu besprechen, was man bei dem Essen erledigen konnte.

Nachdem man ausgiebig gespeist und getrunken hatte, die Herren waren mittlerweile beim Du, wurde Felsmann noch einmal geschäftlich.

„Es wurde ja bei der Festlegung der Regularien dieses Auswahlverfahrens vereinbart, dass dem Siegerweingut eine Urkunde ausgestellt wird, die seinen Erfolg ausweist. Wir drei werden diese Urkunde unterzeichnen, wodurch sie im Geschäftsverkehr für den betreffenden Winzer auch einen gewissen Wert erhält. Die Urkunde ist noch im Druck und wird in den nächsten Tagen geliefert werden. Wenn ich sie unterschrieben habe, werde ich sie mit einem Fahrradboten an dich, Bernie, weiterleiten. Du bist dann so nett und schickst sie an Andy weiter. Wir legen sie dann in einen schönen repräsentativen Rahmen und überreichen sie während der Närrischen Weinprobe an den Sieger.“

„Sehr gut gelöst!“, stimmte der Faschingspräsident zu.

„Kann ich nur beipflichten!“, erklärte der Bürgermeister.

Die drei Herren hoben ihre Gläser und stießen auf ihren Erfolg an. Dass einer der drei die Begeisterung nur sehr gebremst teilte, fiel den beiden anderen nicht auf.

Würzburg, Montag, den 24. Oktober

Am Morgen fuhr Agnes Schneider, eine der Mitarbeiterinnen des Redaktionsteams des Bayerischen Rundfunks, Abteilung Fernsehen, kurz vor 7 Uhr mit dem Aufzug hinauf auf die Ebene der Redaktionsräume. Aus ihrer Handtasche ragte die heutige Ausgabe der Mainpostille heraus, in der Hand hielt sie einen Kaffee to go, den sie sich in der Kaiserstraße mitgenommen hatte. In der Regel war sie täglich die Erste, die die Büroräume des Senders betrat. Als ausgesprochene Frühaufsteherin hatte sie um diese Zeit bereits eine Stunde Jogging hinter sich. Wie jeden Morgen öffnete sie zunächst einmal einige Fenster, um frische Luft in die Räume zu lassen. Dabei fiel ihr Blick auf den Bahnhofsvorplatz, der von hier aus dem höchsten Stockwerk des Postgebäudes, in dem der BR untergebracht war, bestens eingesehen werden konnte. Sie nahm einen Schluck von dem heißen Kaffee, dabei drückte sie den Einschaltknopf ihres Computers. Mit Schwung warf sie die Mainpostille auf ihren Schreibtisch, dann schnappte sie sich ihre Handtasche und den Kaffeebecher und verschwand auf der Toilette, um etwas an ihrem Make-up zu arbeiten, solange der Computer hochfuhr. Als sie zurückkam, zeigt der Bildschirm das Logo des Bayerischen Rundfunks. Sie setzte sich in ihren Bürostuhl und klickte sich ins E-Mail-Programm, dass der BR nutzte, ein. Sofort wurde angezeigt, dass unter info@brfernsehen-unterfranken.de fünfzehn neue Nachrichten eingegangen waren. Diese E-Mail-Adresse war öffentlich und alle Zuschauer konnten sich über diese Adresse mit ihren Anliegen an die Redaktion wenden. Sie überflog die Betreffzeilen, ob auf dem ersten Blick eine wichtige Nachricht zu erkennen war. Eine Betreffzeile machte sie stutzig. „WARNUNG!“ stand da in großen Lettern zu lesen. Sofort klickte sie auf die Mitteilung und öffnete sie. Mit aufgerissenen Augen las sie die Nachricht:

An die Fernsehverantwortlichen der Sendung Die Närrische Weinprobe

Wir haben erfahren, dass bei der Aufzeichnung der Auswahl des diesjährigen Narrenweins durch Bürgermeister Andy Farmer schon vorher feststand, dass der Wein eines bestimmten Weinguts aus Maindorf zum Zuge kommen soll. Wir finden das absolut korrupt, skandalös und kriminell.

Wir werden unter allen Umständen die Kür dieses Weins zum diesjährigen Narrenwein zu verhindern wissen. Wenn es sein muss, mit Gewalt!

Fränkische Weinpatrioten

Sie las die Botschaft zum zweiten Mal, dann klickte sie auf das Druckersymbol und der Laserdrucker in der Ecke erwachte aus dem Schlafmodus. Noch während der Drucker die E-Mail ausspuckte, griff sie nach dem Telefon und drückte die Kurzwahltaste für den Privatanschluss des Redaktionsleiters. Sie erwischte ihn offenbar gerade beim Frühstück. Mit knappen Worten erläuterte sie den Grund ihres Anrufs, dann las sie dem Mann die E-Mail vor.

„Ich bin in ein paar Minuten da!“, stöhnte der Redaktionsleiter, dann beendete er das Gespräch.

Würzburg, Donnerstag, den 27. Oktober

Erich Rottmann, ehemaliger Hauptkommissar und seit seiner Pensionierung immer wieder an der Lösung skurriler Kriminalfälle in Würzburg beteiligt, saß mit seinem Hund Öchsle im Wartezimmer der Tierarztpraxis ihres Vertrauens. Wobei der Begriff Vertrauen in erster Linie für den menschlichen Part dieses Zweiergespanns galt. Öchsle sah dies naturgemäß etwas anders. Bei ihm waren die alljährlichen Routineimpfungen fällig. Eine Prozedur, der sich der Rüde, um es einmal vorsichtig zu umschreiben, nur mit einem sehr schaumgebremsten Enthusiasmus unterzog. Den Kopf auf den Vorderläufen abgelegt, harrte er, leinenlos wie immer, unter dem Stuhl seines Menschen, mit Trauermiene den Dingen harrend, denen er nicht entgehen konnte.

Rottmann gegenüber saß eine ältere Dame, die in einem verschließbaren Weidenkorb eine Katze auf dem Schoß hielt. Die Katze fand die Anwesenheit des Rüden wohl als ausgesprochen störend, denn immer, wenn er auch nur mit einem Ohr zuckte, gab sie fauchende Laute von sich. Ihre Besitzerin schien diese Antipathie zu teilen, denn ständig warf sie kritische Blicke herüber. Rottmann hatte diese bisher noch gar nicht zur Kenntnis genommen, da er sich gerade Gedanken darüber machte, ob er wohl heute noch rechtzeitig zum Stammtisch kommen würde. Denn im Augenblick befand sich im Behandlungszimmer ein Mann mit einer Boxerhündin, die unter erheblicher Verstopfung litt. Vorhin, während der Besitzer wartete, an die Reihe zu kommen, hatte er alle im Wartezimmer sitzenden Personen ausführlich über alle Symptome dieser Erkrankung informiert. Auch die Katzenbesitzerin war noch vor ihm dran und sie sah nicht danach aus, als hätte sie es besonders eilig.

Plötzlich zuckte Öchsle zusammen und begann damit, sich mit schnellen Bewegungen seines Hinterlaufs hinter dem Ohr zu kratzen. Die Reaktion des Stubentigers war absolut hysterisch. Unter lautem Fauchen tobte die Katze so heftig in ihrem Gefängnis herum, dass ihrer Besitzerin der Weidenkorb fast vom Schoß gefallen wäre.

„Mein Herr, sollten Sie mit Ihrem Hund nicht draußen warten, wenn er so voller Flöhe ist? Dieses Ungeziefer überträgt sich doch auch auf andere Tiere! Im Übrigen sollten Sie so rücksichtsvoll sein, Ihren Hund anzuleinen. Woher soll man wissen, ob er nicht auf Katzen aggressiv reagiert?“

Erich Rottmann sah die Frau an, als hätte er sie gerade eben zum ersten Mal wahrgenommen.

„Machen Sie sich keine Sorgen, gnädige Frau, stellen Sie sich vor, er hat heute zum Frühstück bereits eine ziemlich fette Katze verspeist und ich denke, dass er im Augenblick noch verdaut. Was die Flöhe betrifft, haben Sie natürlich recht.“ In diesem Augenblick schnellte Rottmanns Hand nach vorn und griff sich etwas nicht Sichtbares von Öchsles Fell. „Habe ich dich!“, stellte er zufrieden fest und betrachtete etwas, was er zwischen Daumen und Zeigefinger hielt. „Sehen Sie, schon wieder einer weniger.“ Mit zufriedener Miene zerrieb er den imaginären Floh zwischen den Fingern und wischte diese an seiner dunkelbraunen Cordhose ab.

„Gott, wie ekelig!“, stieß die Frau entsetzt hervor, packte den Weidenkäfig am Griff, erhob sich und verließ mit hochrotem Kopf das Wartezimmer.

„Weißt du, was sie hat?“, brummelte Rottmann leise und streichelte Öchsle über den Kopf. Wie es aussah, hatte sich soeben seine Chance, den Stammtisch noch rechtzeitig zu erreichen, um eine Katzenbehandlungslänge verbessert.

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür zu den Praxisräumen und der Mann mit der Boxerhündin kam heraus. „Gott sei Dank, jetzt flutscht es wieder. So ein Einlauf wirkt Wunder!“, erklärte er in Rottmanns Richtung und verließ mit seiner Hündin die Tierarztpraxis.

„Der Nächste bitte!“, rief die Arzthelferin und sah Rottmann auffordernd an.

„Ich schätze mal, das sind jetzt wir.“ Von der Katzenbesitzerin war weit und breit nichts mehr zu sehen. Rottmann erhob sich und schnalzte auffordernd mit der Zunge. Öchsle sah ihn mit ausgesprochen leidender Miene an, fügte sich dann aber in das Unausweichliche. Einige Minuten später verließen Herr und ein wieder bestens gelaunter, mit Leckerchen reichlich belohnter Hund die Praxis. Als sie an den auf den Gehsteig parkenden Fahrzeugen vorbeiliefen, entdeckte Rottmann die Katzenbesitzerin, die ihn mit bösen Blicken bedachte. Offensichtlich hatte sie in ihrem Fahrzeug gewartet, bis Rottmann fertig war. Erich Rottmann winkte ihr mit einem ausgesprochen freundlichen Lächeln zu, was bei ihr gestenreich einen regelrechten Wortschwall auslöste, dessen sicher höchst interessanten Inhalt Rottmann wegen der geschlossenen Scheiben aber bedauerlicherweise nicht verstehen konnte.

Rottmann und Hund marschierten gerade zielstrebig über den Residenzplatz, als sich in seiner Joppentasche sein Mobiltelefon meldete.

„Wer will denn da schon wieder was in aller Herrgottsfrühe?“ Er überlegte kurz, ob er überhaupt drangehen sollte, entschied sich dann aber dafür, da es ja auch wichtig sein konnte. Die Nummer des Anrufers war unterdrückt und daher auf dem Display nicht zu erkennen.

„Rottmann!“, meldete er sich mit forscher Stimme, wobei er das R besonders fränkisch rollte.

„Hallo, Herr Rottmann“, ertönte eine tiefe männliche Stimme, „wir kennen uns leider nicht. Ich habe Ihre Telefonnummer von Ihrem ehemaligen Kollegen Kriminalhauptkommissar Florian Deichler. Der Name sagt Ihnen doch sicher noch etwas?“

Rottmann gab ein Brummen von sich, das vom Verständnis her weder eine Zustimmung noch eine Verneinung darstellte.

„Mein Name ist Pytschykovwsky, Polizeidirektor Leander Pytschykovwsky, vom Landeskriminalamt in München. Herr Rottmann, es gibt da eine Angelegenheit, die ich gern mit Ihnen besprochen hätte, allerdings nicht am Telefon. Die Sache ist relativ dringlich, deshalb werde ich Sie noch heute zu Hause besuchen. Ich gehe davon aus, Sie werden das einrichten können.“

Rottmann runzelte die Stirn. Das war eindeutig keine Frage, sondern eine Feststellung, eher noch ein Befehl. Überhaupt hatte der Mann etwas Bestimmendes im Tonfall. Offenbar war er es gewohnt, Befehle zu erteilen. Schon während seiner aktiven Zeit als Leiter der Würzburger Mordkommission hatte Rottmann gewisse Schwierigkeiten mit autoritär auftretenden Vorgesetzten gehabt. Jetzt, nachdem er sich im Ruhestand befand, gingen ihm derartige Persönlichkeiten erst recht peripher tangential am Allerwertesten vorbei. Selbst wenn sie ihn auf Empfehlung von Florian Deichler kontaktierten.

„Jetzt einmal langsam!“, bremste Rottmann den Redefluss des Anrufers. „Im Augenblick bin ich gerade auf dem Weg zum Stammtisch. Dort werde ich mich mit Sicherheit mindestens zwei Stunden aufhalten. Danach werde ich mit meinem Hund Gassi gehen und anschließend ein bis zwei Stunden Siesta halten. Sagen wir, so um 17 Uhr 30 können Sie bei mir noch einmal höflich telefonisch nachfragen …“

„… ja, aber so geht das doch nicht!“ Die Stimme des Mannes dröhnte so laut aus dem Telefon, dass Rottmann es ein Stück vom Ohr weghalten musste.

„Ich bin absolut sicher, dass das geht“, erwiderte der Exkommissar und beendete das Telefonat. Er würde gelegentlich Deichler klarmachen müssen, dass er seine Telefonnummer nicht an irgendwelche Wichtigtuer herausgeben solle.

Eine knappe Viertelstunde nach der üblichen Zeit betrat Erich Rottmann seine zweite Wohnstube, den Maulaffenbäck. Alle Stammtischbrüder waren schon am runden Tisch versammelt und sahen einem ihrer Gründungsmitglieder verwundert entgegen. Normalerweise war Rottmann immer einer der Ersten. Im Vorübergehen nickte er Anni, der Bedienung, freundlich zu, dann klopfte er zur Begrüßung mit den Knöcheln auf die Tischplatte und ließ sich auf seinem Stammplatz auf der Bank niederplumpsen. Öchsle holte sich bei allen Schoppenfreunden einen Streichler ab, dann verkrümelte er sich unter die Bank und rollte sich zu einem gemütlichen Nickerchen zusammen, da nach seiner Erfahrung der Aufenthalt hier länger dauern würde.

„Na, Erich, haben wir heute etwas verschlafen?“ Dr. Horst Ritter, ehemaliger Leiter der Würzburger Staatsanwaltschaft und, wie Erich Rottmann, Gründungsmitglied des Stammtisches, zwinkerte ihm scherzhaft zu.

„Wahrscheinlich wurde er von seiner Freun… äh, ich meine, flüchtigen Bekannten Elvira aufgehalten“, mutmaßte Ron Schneider, ehemaliger Seniorchef einer großen Würzburger Anwaltskanzlei, „er will es nur nicht zugeben.“ Schneider, der schon seit längerem Probleme mit seinem Zahnersatz hatte und deshalb seit geraumer Zeit mit seinem Zahnarzt prozessierte, intonierte mit den gewohnten Zischlauten.

Anni, die Rottmann gerade seinen gewohnten Silvaner servierte, versuchte die Frotzeleien etwas abzumildern.

„Der Erich hat euch doch gestern gesagt, dass er heute mit Öchsle zur Impfung muss. Euer Kurzzeitgedächtnis lässt auch immer mehr zu wünschen übrig.“ Sprach’s und eilte zu einem anderen Gast, der nach ihr gerufen hatte.

„Ja, ja, auf unseren Erich lässt die gute Anni nichts kommen“, stellte Xaver Marschmann augenzwinkernd fest. „Darauf stoßen wir jetzt erst mal an.“ Dieser Aufforderung kam jeder der Schoppenbrüder immer gerne nach. Klingend stießen die Gläser aneinander. Nach zweieinhalb Stunden gingen die Schoppenfetzer auseinander.

Da Rottmann zum Frühschoppen die gewohnte tellerüberlappende Portion Leberkäse verzehrt hatte, verzichtete er auf das Mittagessen und legte sich sofort nach dem Heimkommen auf seine Couch.

Pünktlich um 17 Uhr 30 läutete Rottmanns Türglocke. Der Schoppenfetzer, der in der Küche stand und gerade die Spülmaschine ausräumte, brummelte leise. Öchsle gab ein kurzes warnendes Bellen von sich. Mit hoch erhobener Rute eilte er in den Flur und fixierte die Eingangstür.

„Das ist bestimmt dieser Beschisski oder wie dieser Typ heißt“, vermutete Rottmann und ärgerte sich schon mal auf Vorrat, weil der Typ nicht vorher angerufen hatte, obwohl er ihn darum gebeten hatte. Er betätigte den Türöffner und stellte sich mit in die Seiten gestemmten Händen unter den Türrahmen. Schnell, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, kam ein dunkelhaariger, schlanker Mann im dunkelgrauen Anzug mit Krawatte dynamisch die Treppe heraufgespurtet. In der Hand trug er eine dünne Aktenmappe. Als er Rottmann sah, blieb er abrupt einige Stufen tiefer stehen und musterte den Schoppenfetzer kurz, aber eindringlich. Für einen Augenblick hatte Rottmann das Gefühl, er würde gerade geröntgt.

„Ja, bitte?“ Öchsle streckte den Kopf neben Rottmanns Beinen durch und fixierte den Unbekannten mit kritischem Blick. Nichts an der Körperhaltung des Rüden signalisierte Freundlichkeit, die er üblicherweise zeigte, wenn sein Mensch Besuch bekam.

Während der Fremde die letzten Stufen überwand, griff er in seine Jackettasche, holte ein kleines Lederetui heraus und hielt es Rottmann entgegen. „Ich bin, wie Sie sehen, Polizeidirektor Leander Pytschykovwsky vom Landeskriminalamt in München. Herr Rottmann, wir haben vor kurzem telefoniert.“

„Stimmt …“, entgegnete Rottmann schnoddrig, „… und genau das sollten Sie noch einmal machen, bevor Sie hier so einfach meine Wohnung stürmen.“ Rottmann rückte keinen Zentimeter zur Seite.

„Das ist richtig, aber ich befinde mich unter einem extremen Zeitdruck, der derartige Formalitäten nicht zulässt. Ich muss Sie wirklich sehr eindringlich bitten, mich einzulassen. Wir, die Polizei, benötigen dringend Ihre Hilfe!“ Mit einer gleitenden Bewegung ließ er das Ausweisetui wieder in seiner Jackentasche verschwinden.

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
16 aralık 2025
Hacim:
192 s. 4 illüstrasyon
ISBN:
9783429065355
Yayıncı:
Telif hakkı:
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