Kitabı oku: «Romy spielt sich frei»

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Während der Arbeit an Sissi. 1955. Drehpause einer „Kaiserin“.


Im Jahr 2008 traf ich im sächsischen Zwickau bei der Präsentation meiner Romy-Schneider-Biografie eine Frau, die sich mit „Ich bin eine Kollegin von Romy“ vorstellte. Auf Nachfrage erklärte sie mir: „Ich habe auch ein Kind verloren.“ Ihr und allen anderen „Kolleginnen und Kollegen von Romy“ sei dieses Buch zugeeignet.

Günter Krenn

Der Anfang vom Ende

Rosa

Wanderjahre im 19. Jahrhundert

Eine Dynastie entsteht

Ihre Vorbilder: Clara Schumann und Josef Kainz

Ihr Mann: Karl Walter Albach

Ihr Titel: Hofschauspielerin

Ihr Sohn: Wolfgang Helmuth Walter

Magda

Vom Büro zur Bühne

Von der Bühne ins Studio

Filmstar(s) im Dritten Reich

Zwischen Selbstkritik und Eigenlob

23. September 1938: Romy wird geboren

12. März 1945: Die Stunde null

Das Imperium schlägt zu

Romy

Von der Schule ins Studio

Am Weg zum Klischee

Die dreiteilige Kaiserin

Mit Alain Delon in die Freiheit

Die Hofschauspielerin tritt ab

Der alternde Wolf bleibt

Die Stiefmutter im Hintergrund

Als Star zur Hölle und zurück

Gentleman Harald Meyen und Sohn David treten auf

Der Vater geht

Comeback mit Alain und das liebe Geld

Ihre wilden 1970er und Daniel Biasini

Aus dem Alltag einer alten Dame: Rosa

Die dunklen Jahre einer Dynastie

Trauerjahre einer Schauspielerin

Das Ende

Nach Romy

Die ewige Mutter!

Die ewige Tochter?

Die Zeiten ändern sich …

Anmerkungen

Dank

Bildnachweis

Impressum


Mit Ernst Marischka am Set zu Sissi II. 1956. Noch isst Romy ihrem Regisseur aus der Hand.


Szene aus L’Enfer. 1964. Sieben Jahre nach dem letzten Sissi-Film: Eine neue Schauspielerin „entsteht“.

Mit ihrer Tochter Sarah Biasini. 1981. Ein Schnappschuss, wie er scheinbar nur dem Fotografen Robert Lebeck gelingen konnte.

Es ist etwas Eigenartiges um unsere Erinnerungen […] Selten kommen sie, wenn man sie haben will, wenn man sie herbeigesehnt. Meistens schlagen sie wie Blitze in unsere Gedanken ein, wecken Gefühle, die uns einmal sehr glücklich oder traurig gemacht haben. […] Manchmal, wenn ich nachts nicht schlafen kann, stelle ich mir das Leben als riesiges Kaleidoskop vor, das man nur ein bisschen schütteln muss, und schon purzeln die Erinnerungsbilder kunterbunt durcheinander. Es ist ein Spiel zwischen Traum und Wirklichkeit. Zwischen Wehmut und Glück. Zwischen Resignation und Faszination.

Rosa Albach-Retty, 1978

Ich träume oft von Romy. Ich rede jeden Tag mit ihr. Sie ist für mich nicht tot. Sie ist da. Ich warte manchmal sogar auf ihren nächsten Anruf. Da wir nicht zusammenlebten, hat sich für mich nichts geändert. Gleich wird sie anrufen […] so, wie es immer war.

Magda Schneider, 1990

Es gibt nur ein Leben, und ich will es leben.

Romy Schneider, 1977

Die Einzige, die mich unter Druck setzt, bin ich selber. Ich versuche, stets mein Bestes zu geben. […] Wenn man mich mit meiner Mutter vergleicht, heißt das ja auch, dass sie in den Herzen und Gedanken der Menschen noch immer lebendig ist.

Sarah Biasini, 2021

Rosa Albach-Retty. 1979. Wenn ihr etwas schwerfällt, kann sie seit 1974 sagen: „Man ist ja keine 100 mehr …“

Es hat jede Affär’ ihren Hintergrund, ihr Milieu: Die Kulissen stimmen unsagbar gut zu dem, was gespielt wird.

Heimito von Doderer, Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre, 1951

Der Anfang vom Ende

Sie wird nicht zur Beerdigung ihrer Großmutter gehen.

Romy Schneiders Flugticket von Paris nach Wien ist erst für ein paar Tage nach dem Ereignis gebucht, damit sie allein am Grab Abschied nehmen kann. Ihre Anwesenheit beim Festakt, das weiß sie, würde zu viele Paparazzi anlocken, die sich weniger für ihre Anteilnahme als für ihr nahezu öffentliches Privatleben interessieren und damit Romy und nicht Rosa zum Zentrum des Anlasses machen: „Ich will nicht im Mittelpunkt dieser Trauerfeier stehen, die durch mein Erscheinen ihre eigentliche Bedeutung verlieren würde. Das hätte Großmama nun wirklich nicht verdient.“1 Erst ein Jahr zuvor war das Begräbnis ihres Exmannes nach dessen Selbstmord ein willkommener Anlass dafür, Jagd auf Fotos der trauernden Romy zu machen. Die Augen hinter großen Sonnenbrillen nur notdürftig verborgen, sich an einer Zigarette und ihrem Handgepäck festhaltend, navigiert sie sich wie per Autopilot gesteuert durch ein auf sie eröffnetes Blitzlichtgewitter. Mit ihren verweinten Augen lässt sich mittlerweile gutes Geld verdienen – und der Höhepunkt dieser Konjunktur, ihr Horrorjahr 1981, steht noch bevor. Beruflich befindet sich Romy Schneider in jener Zeit zwischen zwei Filmarbeiten und kurz vor einem körperlichen Zusammenbruch, ausgelöst durch zu viel Arbeit und eine ungesunde Kombination aus Alkohol und Medikamenten.

Beerdigungen machen ihr Angst, wie das bei den meisten Menschen der Fall ist. Beerdigungen zwingen dazu, Bilanz zu ziehen. Man sieht sich ungewollt mit der Endlichkeit des eigenen Lebens konfrontiert und muss lernen, damit umzugehen, dass man einen anderen Menschen nie wieder sehen wird. Das Ereignis bedingt ein Familientreffen, so freiwillig oder erzwungen wie bei anderen großen, unvermeidlichen Anlässen. Die Verwandtschaft demonstriert Geschlossenheit, Verbundenheit. Die geweinten Tränen sind zumeist echt, die gesprochenen Worte salbungsvoll, würdigend und pathetisch. Die Hinterbliebenen können heimlich Rechenspiele veranstalten, wer von ihnen der oder die Nächste sein könnte, je nach statistischer Wahrscheinlichkeit oder Gutdünken.

Begräbnisse bringen auch mit sich, dass sich eine Familie wieder mit sich selbst beschäftigt, sich Fragen stellt, wer der oder die Verstorbene war, wer man selbst ist. Es ist also ein guter Zeitpunkt, sich einer bestimmten Familie zu nähern. Besonders schmerzhaft sind solche Abschiede bei Menschen, die in jungen Jahren aus dem Leben gerissen werden – und die Leserschaft wird im Laufe dieser Geschichte an einige, allzu früh ausgehobene Gräber geführt werden. In diesem Falle, wir schreiben Mittwoch, den 3. September 1980, kann man in den zahlreichen Nachrufen auf die Verstorbene jedoch vom stolzen Alter von 105 Jahren lesen. Ort der Handlung ist die Ehrengrab-Abteilung des Wiener Zentralfriedhofs, die, an der von der Kirche zum heiligen Karl Borromäus abgehenden Hauptallee angesiedelt, eher einem Freilichtmuseum denn einer Nekropole gleicht. Der größte Friedhof Österreichs scheint zu wissen, was er der Fremdenverkehrswirtschaft schuldig ist. Zahlreiche Touristinnen und Touristen besichtigen die dort aufgestellten steinernen Visitenkarten für die Ewigkeit, fotografieren die Ruhestätten gefeierter Musiker wie Ludwig van Beethoven, Johannes Brahms, Johann Strauß, Hugo Wolf, Arnold Schönberg, aber auch von bekannten Schauspielern wie Hans Moser, Theo Lingen, Werner Krauss, Albin Skoda, dem Regisseur Georg Wilhelm Pabst. Die heute zu Grabe Getragene ist demnach prominent, viele der deswegen Anwesenden tragen ebenfalls bekannte Namen.

Im Vordergrund Trude Marlen, Magda Schneider und Wolfdieter Albach bei Rosas Begräbnis auf dem Wiener Zentralfriedhof. 3. 9. 1980. Die Grande Dame einer Schauspieldynastie ist nicht mehr.

„Tempus fugit – Die Zeit flieht“, das könnten aufmerksame Betrachter anstelle von Ziffern als Buchstabenfolge an der Uhr der berühmten Jugendstilkirche im Hintergrund der Begräbnisszene ablesen, und doch scheint sich Romy Schneiders Großmutter, wegen der man sich heute hier eingefunden hat, dieser Tatsache lange erfolgreich widersetzt zu haben. „Meine Großmutter hat noch mit 80 Theater gespielt. Ich möchte nicht so wie sie arbeiten und auch nicht 105 Jahre alt werden“2, wünscht sich Romy zwei Jahre später in ihrem letzten Interview, das bereits postum erscheint. Die verstorbene Greisin hieß Rosa Albach-Retty, war Burgschauspielerin, bis 1918 sogar k. u. k. Hofschauspielerin. Ihr biblisches Alter brachte es mit sich, dass sie nicht nur Kolleginnen und Kollegen, sondern schon manchem Familienmitglied ins Grab hinterher blicken musste. „Mit der habe ich noch gespielt“, das wird ebenso im Laufe der Jahre zu einer Phrase ihrer Erzählungen wie die erstaunte Feststellung, sie überlebt zu haben. „Am Ende ihres Lebens“, erzählt ihre Urenkelin Patrizia Albach über Rosa, „hat sie immer wieder zu meinem Vater, der Arzt ist, gemeint, 105 Jahre seien genug. Sie sei allein, alle ihre Bekannten und Freunde tot, ob er ihr nicht etwas geben könne, damit es schneller geht […] Das hat ihn einerseits belastet, andererseits konnte er sie mit seinem Humor wieder umstimmen.“3 Rosas Argumente zu entkräften ist freilich unmöglich. Ihr Mann starb 1952, ihr einziger Sohn, Wolf Albach-Retty, Romys geliebter Vater, 1967. Nur sie selbst ging aufrecht, diszipliniert und fast unverwundbar anmutend durch die sich unbarmherzig wandelnde und letztlich doch entfliehende Zeit. Ihre Villa in Wien hat sie schon vor Längerem aufgegeben, sie lebt seit Jahren in einem Künstlerheim in Baden. Die nur wenige Kilometer entfernte Bundeshauptstadt scheint ihr seither so fern wie New York.

Ihre Eltern sind schon lange tot, haben nur die Anfänge der außergewöhnlichen Dynastie erlebt, die sie mitbegründet haben. Dennoch ist der nun Verblichenen ihre Mutter vor fast sechs Jahren erschienen: an ihrem 100. Geburtstag am 26. Dezember 1974. Eine Szene, die sich in ihrer Kindheit abgespielt hat, kommt ihr an diesem Tag plötzlich in den Sinn. Gegen die ihr aufgezwungene Zucht und Ordnung rebellierend, fläzte sie sich als Dreizehnjährige neben ihren Vater mit übergeschlagenen Beinen zuhause in einen Sessel. Das war zu jener Zeit eine für ein wohlerzogenes Mädchen verbotene Haltung, denn eine Dame saß mit geradem Rücken an der Stuhlkante, winkelte ihre Beine schräg zur Seite ab, wobei Knie und Knöchel stets schicklich beieinander blieben. Die dazukommende Mutter herrscht ihr Kind daher an, sich nicht so „unanständig“ zu benehmen – die Jugendliche befolgt pikiert die Anordnung. Aus unbegreiflichen Gründen steht der Hundertjährigen die lang zurückliegende, fast vergessene Begebenheit an diesem düsteren Wintertag wieder vor Augen. Vielleicht weil sie den Anblick ihrer früh verstorbenen Mutter auf deren Totenbett im Jahr 1898 für immer als eine sie traurig stimmende Erinnerung in sich trägt, mit ihm alles verloren schien, was an ihrer Kindheit schön, heiter und unbeschwert war. An diesem runden Geburtstag kann sie die Mutter nun wieder deutlich wahrnehmen, spüren, riechen, hören, bittet sie deshalb laut um Verzeihung, streckt eine Hand nach der ihren aus. Jetzt, fast neunzig Jahre später, löst sich alles in Versöhnung auf, nimmt die Mutter die Entschuldigung an, lächelt ihr verständnisvoll und alles Ungemach der Vergangenheit aufhebend aus der Ewigkeit zu. Die Tochter fühlt eine vertraute Hand zärtlich über ihr Haar streichen, so wie damals, in Berlin, im Jahr 1887 …

Rosa

Der Schauspieler soll sich nicht alltäglich machen. Ein gewisser Nimbus echter, weihevoller Künstlerschaft, die unnahbar ist für das Triviale und Gemeine, soll ihn auch im profanen Leben auszeichnen.

Ernst von Possart, Lehrgang des Schauspielers, 1901


Romy in einem Kostüm für Sissi. 1955.


Rosa als Rita in Ludwig Fuldas Talisman am Deutschen Theater in Berlin. 1891. Romy hat ihre Großmutter immer sehr verehrt.

Rosa. 1894. Eine sogenannte Profil-perdu-Ansicht mit vorbildlich aufrechter Körperhaltung, aufgenommen im Atelier Tietze in Bad Elster.

Wanderjahre im 19. Jahrhundert

Die ersten beiden außerfamiliären Menschen, die Rosa in ihren Lebenserinnerungen erwähnt, sind Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke und Otto von Bismarck. Beiden begegnet sie Ende des 19. Jahrhunderts in Berlin. Und es ist vielleicht für manche ihre künftigen politischen Entscheidungen bezeichnend, dass sie ihr historiografisches Koordinatensystem mit zwei Zentralgestalten der deutschen Reichsgründung von 1871 beginnt. Beide hatten maßgeblichen Anteil an Preußens politischer Vormachtstellung nach den deutschen Einigungskriegen, als Siege gegen Dänemark, Österreich und Frankreich das Staatsgebiet sowie auch das deutsche Selbstbewusstsein erheblich vergrößerten. „Den großen Moltke“, damals 82 Jahre alt, trifft sie im Alter von acht Jahren, das ist 1882, im Frühling bei einem Spaziergang an der Hand ihrer Mutter im Berliner Tiergarten. Die bleiche, hagere Gestalt in Schwarz, deren Körpergröße ein Zylinderhut, im Volksmund „Angströhre“ genannt, noch nach obenhin verzerrt, muss der Kleinen riesenhaft erschienen sein. Als sie den Blick seiner stahlblauen Augen wohlwollend auf sich fühlt, knickst sie artig, er lobt ihr Aussehen und ihre Manieren, lüftet den Zylinder und fragt nach ihrem Namen, den sie ihm verrät: Rosa Retty. Dafür erntet sie von ihm den mit einer metallisch schnarrenden Stimme gesprochenen Kommentar: „Rosa. Das passt zu dir!“1 Die obligatorisch folgende Frage, ob sie denn auch ein braves Kind sei, wird von der Mutter bejaht, worauf der Feldmarschall beiden Damen noch einmal seine Höflichkeit offeriert und Rosa mit dem Auftrag verlässt, dass es so bleiben möge.

Das zweite und letzte Treffen mit dem als „der große Schweiger“ Apostrophierten findet im Jahr 1890 im Rahmen eines Empfangs im Palais des Grafen Dönhoff statt, bei dessen Buffet Rosa, inzwischen 16 Jahre alt, mit den Töchtern des Hauses gerade eine Tasse Tee trinkt. Der mittlerweile 90-jährige Moltke, ein Freund der Familie, kommt aus dem Salon, wo er in einer Herrenrunde Whist gespielt hat. Er fragt sie nach ihrer Herkunft, ist froh, dass sie behütet aufwächst, und erzählt ihr von seiner entbehrungsreichen Jugendzeit in der Landkadetten-Akademie in Kopenhagen. Als besondere Leistung seinerseits führt er keine politischen Taten an, sondern den Bau von Brücken und Wasserleitungen an den Dardanellen, die er neben den Befestigungsanlagen dort entworfen hat. Die pompösen Trauerbekundungen nach Moltkes Tod im April 1891 sind die ersten, die Rosa im Gedächtnis bleiben, die ostentative Theatralik daran beeindruckt die Schauspielerin: Schwarze Stoffe verhängen die Gaslaternen der Prachtstraße Unter den Linden, sogar der Leierkastenmann am Oranienplatz im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg ändert sein Repertoire und besingt den „Heldengreis“, der die Einheit Deutschlands garantierte.

Den zweiten, für diese Epoche wichtigen Mann lernt Rosa ebenfalls im Palais Dönhoff in der Wilhelmstraße 63 kennen: Reichskanzler Otto von Bismarck, den sie im Vergleich zu Moltke als größer und dicker beschreibt, mit milchweißem, fast mädchenhaftem Teint und einer sehr hohen Stimme. Rosa, die später am Theater und beim Film erlebt, wie man dort Geschichte umgestaltet, wird feststellen, dass man den Reichskanzler im Film zwar äußerlich nachahmt, ihm aber ein sonores, männliches Timbre zuerkennt, denn: „Kein Regisseur hätte es damals gewagt, den ‚Eisernen Kanzler‘ im Falsett reden zu lassen.“2 Rosa gegenüber ist Bismarck Kavalier, würdigt ihre darstellerischen Fähigkeiten auf der Bühne, streicht sich dabei Erdbeermarmelade aufs Brot und trinkt genießerisch stark gesüßten Tee. Es macht Rosa ebenso stolz wie verlegen, dass der Kanzler sie zum Abschluss mit seinem Lorgnon wie ein naturkundliches Exponat inspiziert und, nachdem er die Stehbrille wieder abgenommen hat, charmant ihren zweifellos auf Fleiß basierenden Erfolg lobt. In dem Film Mädchen in Uniform wird Rosas Enkelin Romy im Jahr 1958, klein und eingeschüchtert wirkend, vor einem imposant an die Wand hinter ihr gepinseltem Zitat Bismarcks posieren: „Der Mensch ist nicht auf der Welt, um glücklich zu sein, sondern um seine Pflicht zu tun.“

Berlin erlebt Ende des 19. Jahrhunderts einen beispiellosen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung. Am 18. Januar 1871 wird es zur Reichshauptstadt proklamiert, die in den Kriegen eroberten Gebiete sowie die hohen Reparationszahlungen durch Frankreich ermöglichten eine Potenzierung der industriellen Kapazität und damit ökonomische Prosperität, weshalb sich die neue Metropole ständig vergrößert. Hatte die Stadt 1850 nur 300.000 Einwohner, sind es 1877 rund eine Million, die sich bis 1905 sogar noch verdoppelt. Die neue Hauptstadt wird zunehmend modernisiert, erhält eine effiziente Kanalisationsanlage, elektrische Straßenbeleuchtung und ein Telefonsystem.

Rosa Retty geht mit offenen Augen und gespitzten Ohren durch diese Zeit, sieht die Entwicklung des Kurfürstendamms von einem unwegsamen Karrenweg, bei dem man bei einem Spaziergang noch im Schlamm stecken bleiben konnte, zu einer Promenaden-Allee, hört, dass man im Juni 1884 die Fundamente für das Reichstagsgebäude aushebt. Sie erlebt den Verkehr einer modernen Stadt, wie sie ihn bislang nie kannte, hört bis in die Nacht hinein die Geräusche der Trillerpfeife des Kondukteurs in der von Pferden gezogenen Straßenbahn. Autos sieht man noch keine auf den Straßen, hier fahren Kutschen. Ein- und Zweispänner, die „Kremser“ mit einem von vier Eisenstangen getragenen Planen-Dach. Rosa sieht aber auch weniger luxuriöse Modelle, darunter die „Auswandererwagen“, die vom Schlesischen zum Anhalter Bahnhof fahren, oder Leichenwägen vierter Klasse, die nur bei Dunkelheit unterwegs sind, um ihre mit einer Decke kuvertierte Fracht in billigem Holz zu transportieren. In einem noblen Zweispänner begegnet ihr eines Mittags der 1871 inthronisierte Kaiser Wilhelm I. Da ihn andere Passanten ebenfalls erkennen, fährt der Monarch bald grüßend durch ein ihm zujubelndes Spalier. Rosa erweist ihm ihre Reverenz, wie sie es auch künftig mit Autoritäten halten wird.

Rosa Retty wird zwar eine begeisterte Berlinerin, doch ihre Geschichte beginnt in einer anderen, vierhundert Kilometer weit entfernten deutschen Stadt. Geboren wird sie als Rosa Clara Franziska Helene Retty am 26. Dezember 1874 im hessischen Hanau, wo ihre Eltern zu jener Zeit am Theater engagiert waren. „Im selben Jahr wie Hofmannsthal, zwei Jahre nach Grillparzers Tod“, stellt Hilde Spiel in ihrem Porträt Rosas 105 Jahre später fest.3 Ihr Vater Rudolf Wilhelm Albert Retty kommt 28 Jahre vor ihr am 20. Februar 1846 in Lübeck zur Welt, weil auch seine Eltern Schauspieler und dort im Engagement sind. Er ist 1874 ein vielbeschäftigter Bühnendarsteller, dessen Bariton im Sprech- wie im Musiktheater bis hin zu Opernrollen eingesetzt wird. An den Wochenenden schreibt er Feuilletons für Zeitungen und bearbeitet Stücke, um sie für Inszenierungen vorzubereiten, denn auch als Regisseur, eine erst Ende des 19. Jahrhunderts aufkommende und „Spielleiter“ genannte Profession, bewährt er sich. Seine Tochter wird sein Können später mit einem Begriff umschreiben, der zu jener Zeit noch gar nicht erfunden ist: „Allroundtalent“. Als Basislektüre schwört Rudolf Retty auf Ernst von Possarts 1901 erschienenen Lehrgang des Schauspielers, das auch für seine Tochter zu einer wichtigen Anleitung für ihren Beruf wird. In Rosas Erinnerung ist der Vater ein Romantiker, bevorzugt bei der Wohnungssuche Innenstadtatmosphäre, logiert wenn möglich in alten Barockhäusern in Kirchennähe. Vielleicht leitet ihn als Wanderschauspieler dabei die Sehnsucht nach bürgerlicher Atmosphäre im Stadtzentrum, als sei er ein alteingesessener Citoyen. Die Tochter genießt die gemeinsamen Ausflüge an Nachmittagen, seine Erklärungen zu Flora und Fauna. Was sie von ihm lernt, ist vor allem, mit wenig zufrieden zu sein, seine Maxime lautet: „Je weniger du vom Leben verlangst, desto mehr gibt es dir!“4

Rosas Mutter, Maria Catharina Retty, geborene Schaefer, ist 1874 ebenfalls als Schauspielerin in Hanau engagiert. Sie ist ausgebildete Opernsängerin, singt jedoch nach der Geburt ihrer Tochter mit ihrem Koloratursopran nur mehr für diese. Rosas Lieblingsspeise ist Danziger Kaffeebrot und ihr Essverhalten irritiert die Familie. Schon als Kind isst sie lieber die dick mit Butter bestrichene Brotrinde und lässt das Innere übrig, sehr zum Ärger ihrer Mutter. Diese ist fleißig, führt detaillierte, in Wachstuch gehüllte, blau karierte Haushaltsbücher, um das Familienbudget sparsam zu verwalten. Ihre Kochkunst schließt neben der gutbürgerlichen deutschen auch die niederländische Küche ein, denn ihre Mutter Catharina van Meerten stammt aus Lommel im Brabant, weshalb Fleisch und Wurst im Hause Retty meist mit scharfem Senf gewürzt werden.

In Rosas Erinnerung hat sich die Mutter ihre Schönheit ihr ganzes kurzes Leben lang bewahrt: große, dunkle Augen in einem anmutigen Gesicht mit schmaler Nase und vollen Lippen, ausgestattet mit einer guten Figur. Ihren das Gegenüber fixierenden Blick verdankt sie einem Trachom, einer bakteriellen Augenentzündung, an der sie in ihrer Jugend leidet, erst nach ein paar kostspieligen Operationen und längerer Nachbehandlung kann die Gefahr einer Erblindung abgewehrt werden. Jahrelang muss die Tochter danach der Mutter Wimpern mit einer Pinzette auszupfen, weil die ruhige Hand des Kindes ihr einen teuren Arztbesuch erspart.

Von ihrem Vater erhält „Roselchen“ mit sechs Jahren eines der schönsten Geschenke ihres Lebens: einen Kanarienvogel namens Hansi, dessen freizügige Haltung bei zumeist offenem Käfig sich eine Katze zunutze macht und sein Leben auf rüde Art beendet. Rosa lernt dadurch früh unwiederbringlichen Verlust kennen. Die Mutter versteht ihren Schmerz, schafft es unter Wahrung ihrer sparsamen Prinzipien jedoch, der Tochter einen kompletten Satz an Trauerkleidung auszureden – sie kauft ihr nur eine Schürze und eine Halskrause in Schwarz. Als Rosa 1889, nachdem bekannt wird, dass sich der österreichische Thronfolger, Kronprinz Rudolf, in Mayerling erschossen hat, als Vierzehnjährige erneut einen Trauerflor verlangt, weil sie und ihren Freundinnen Fotografien des Adeligen sammeln, wie es spätere Generationen mit denen von Filmstars tun werden, geht dies der Mutter dann doch zu weit. Als Ersatz für Hansi bekommt Rosa einen schwarzen Dackel geschenkt. Und von diesem Zeitpunkt an werden vierbeinige Begleiter aus der Geschichte der Rettys und ihrer Nachfahren nicht mehr wegzudenken sein.

Woran Rosa sich früh gewöhnen muss, sind Ortswechsel. Noch während seiner zweiten Spielzeit in Hanau meldet sich Rudolf Retty am 2. April 1875 mit Ehefrau und Tochter nach Gießen ab. Der Vater nimmt Sommer- und Wintergastspiele an, weshalb Rosa immer wieder die Schule wechseln muss und später die Sesshaftigkeit umso mehr schätzen lernt. Immer wieder weint das Kind, weil es Abschied nehmen muss von Freunden, einer Umgebung, in die es sich eingelebt hat, während das Familiengeschirr, die Bücher und die Kleidung wieder in Reisekoffern verstaut werden. Weil Rosa als Kind an Blutarmut leidet, gastiert ihr Vater im Sommer mit Vorliebe in der Nähe von Kurorten an der Ostsee, darunter in seiner Heimatstadt Lübeck, in Heringsdorf oder Stettin, denn die Ärzte hatten dem Kind zur Kur Meeresluft empfohlen.

Rosa als bereits populäre Schauspielerin. 1890er Jahre. Das Porträt stammt von dem Hof-Fotografen Wilhelm Höffert aus Berlin. Ein Rollenfach springt gleichsam aus dem Bild.

Im Jahr von Rosas Geburt wohnten die Rettys in Hanau am Paradeplatz 17 (heute: Am Freiheitsplatz). Rosas Taufe wird im Taufbuch der evangelisch-lutherischen Johanneskirche am 24. Januar 1875 verzeichnet. Als Paten wurden eingetragen: Clara Maria Johanna Berger verwitwete Retty, die Großmutter des Kindes, sowie die Schauspielerin Helene Katharine Maria Schüle. Seinen Rufnamen erhält der Täufling nach der Schwester seiner Mutter, Rosa Köth. Rosas Großmutter Clara wird als Schauspielerin aus Königsberg mit zwei Kindern bezeichnet. Auch mütterlicherseits gibt es Verbindungen zum Schauspielerberuf. Rosas Großvater Carl Ludwig Schaefer war als Student Mitglied einer fahrenden Schauspieltruppe und lernte bei einem Gastspiel im belgischen Lommel die Tochter des Stadthauptmanns kennen, die um 1813 geborene Catharina Margareta Huberta van Meerten, ein Kind aus einer von dessen fünf Ehen. Da dieser sich weigert, seine Tochter mit einem Schauspieler zu vermählen, fliehen die beiden aus der Stadt – und heiraten ohne seine Einwilligung. Ein frühes Dokument dafür, dass zahlreiche Damen der hier erzählten Familiengeschichte dazu neigen werden, in entscheidenden Phasen ihres Lebens eigene Entscheidungen zu treffen. Wir wissen wenig über Catharina van Meerten, aber wir dürfen bei ähnlich verwegenen Entscheidungen ihrer Nachfahrinnen ihr verständnisvolles Lächeln voraussetzen.

In Homburg kommt schließlich am 24. September 1851 Rosas Mutter zur Welt, die mit 17 Jahren in einer Opernaufführung erstmals Bühnenluft schnuppert und am 30. Oktober 1874 mit 23 Jahren in Frankfurt/Main Rudolf Retty heiratet. Geboren wurde der zwar in Lübeck, seine Vorfahren lebten ebenfalls an der Ostsee, jedoch im Südosten der Halbinsel Samland, in Königsberg. Die Stadt wurde 1946 zusammen mit dem Großteil Ostpreußens der Russischen Sowjetrepublik eingegliedert und in Kaliningrad umbenannt. Große und identitätsstiftende Teile der für unsere Geschichte relevanten historischen Gebäude wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört und nicht wieder aufgebaut. Nur auf kolorierten Lithografien und alten Fotografien hat sich der unprätentiöse Charme der ehemals Königlichen Barockstadt mit ihren im Stil der Backsteingotik erbauten Kirchtürmen erhalten.

Eine Dynastie entsteht

Am 11. April 1852, nachmittags gegen 13 Uhr, ertrinkt im Königsberg durchziehenden Fluss Pregel ein Mann, dessen Alter im Totenbuch der Stadt auf 62 Jahre geschätzt wird. Er heißt Gottlieb Adam Adolph Retty.5 Sein Nachname findet sich in mehreren Varianten geschrieben, etwa auch Prettÿ oder Rettÿ. Geboren wurde er am 8. Oktober 1790 im etwa 120 Kilometer entfernten Rastenburg (heute: Kętrzyn/Polen). Zu seinen Lebzeiten erreichte das Königreich Preußen unter Friedrich Wilhelm II. (1744–1797) seine größte Ausdehnung. Aus dem früheren Flickenteppich aus kleinen Fürstentümern war eine Großmacht geworden, die sich durch Kriege eine militärische Vormachtstellung in Mitteleuropa sicherte. Das machtpolitische Rückgrat war eine mustergültig aufgebaute Armee, in der aufgrund der allgemeinen Wehrpflicht auch Gottlieb Adam Adolph Retty Dienst tat. In den Jahren 1821 und 1822 war er Hautboist (Oboenbläser), ab 1823 Musikmeister im 1. Infanterie-Regiment der preußischen Armee, aus der er im Jahr 1832 als Invalide in Ehren entlassen wurde. Wann genau er die Stelle als Hof- und Schlossküster in der protestantischen Schlosskirche zu Königsberg einnahm, ist nicht überliefert, sicher ist nur, dass er sie bis zu seinem Tod innehatte. Es war eine gute und sichere Position, denn die Hauptstadt des Herzogtums Preußen hatte Anfang des 18. Jahrhunderts einen großen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt. Nach dem Zusammenschluss der Städte Altstadt, Kneiphof und Löbenicht gelangte Königsberg durch den Handel zu wirtschaftlichem Reichtum. Holländische und englische Handelsschiffe ankerten im Brackwasserbereich des Frischen Haffs vor der Pregelmündung und tauschten dort englische Fabrikate, Wein und Kolonialwaren gegen Naturprodukte ein, die von jüdischen Händlern aus dem benachbarten Polen geliefert wurden. Ganz in der Nähe dieses kommerziellen Umschlagplatzes am Hafen lag das Haus des Riemermeisters Johann Georg Kant, dessen viertes von insgesamt elf Kindern, Immanuel Kant, im April 1724 geboren wurde und einige der wichtigsten Werke der Philosophie verfassen sollte.

Der Hof- und Schlossküster Adam Adolph Retty wurde eine Woche nach seinem Ableben, am 18. April 1852, in Königsberg beerdigt, das geht aus den Unterlagen der Altstädtischen Kirche hervor. Das sind die ersten amtlich verbürgten Angaben zu einem Mitglied der Familie Retty. Wir kennen auch die Lebensdaten seiner Gemahlin Henriette Amalie, geborene Vogel (deren Nachname in anderen Dokumenten „Vogler“ geschrieben wird). Geboren im Jahr 1801, starb sie am 8. Mai 1849, also drei Jahre vor ihrem Mann, den Dokumenten nach um acht Uhr abends im Alter von 48 Jahren an „Abzehrung“, also Tuberkulose. Beerdigt wurde sie am 15. Mai 1849, geheiratet hatte sie Gottlieb Retty mit zwanzig Jahren am 9. Februar 1821 in Königsberg. In den Sterbedokumenten ist von acht Kindern die Rede, insgesamt wurden aber neun Geburten verzeichnet. Für den Fortgang dieser Geschichte am wichtigsten ist ihr Erstgeborener, Rosas Großvater Gottlob Adolph Herrmann Retty, geboren am 12. Dezember 1821, getauft am 4. Januar 1822 nach evangelischer Tradition.6

Rudolf Retty. 1894. Rosas geliebter Vater, den sie als Heldendarsteller, „père noble“, Regisseur und Autor bewunderte.

Mag man seinen Vater ob seiner musikalischen Tätigkeit schon in den Bereich der Künstler einreihen, so beginnt mit Gottlob Adolph Herrmann die Theatertradition der Rettys. Und sie fällt in eine künstlerisch interessante Epoche: Das deutsche Theater hatte sich im 18. Jahrhundert im Zeitalter der Aufklärung immer stärker gegen die absolutistischen Königs- und Fürstenhäuser gewendet, ein bisher ungekanntes Freiheitsstreben ausgelöst und sozialkritische Stoffe auf der Bühne populär gemacht. In einer berühmt gewordenen Rede betrachtete Friedrich Schiller 1784 die „Schaubühne“ als eine „moralische Anstalt“. Schauspielerpersönlichkeiten wie August Wilhelm Iffland (1759–1814), nach dem ein ab dem 20. Jahrhundert an außergewöhnliche Schauspieler vergebener Ring benannt ist, strebten Anfang des 19. Jahrhunderts nach einer realistischen Darstellung auf der Bühne. Die Folgen des Revolutionsjahres 1848 lösten einen Theaterboom aus. Nicht nur Metropolen wie Berlin und München errichteten neue Häuser, dazu kamen an die 150 Hof- und Stadttheater, an denen auch die Rettys künftig gastieren würden.

Wann und wie Gottlob Adolph Retty Schauspieler wurde, ist nicht belegt, auf jeden Fall heiratet er seine Frau, während er 1844 am Stadttheater im schlesischen Glogau (heute: Głogów/Polen) im Rollenfach „Jugendlicher Liebhaber und Naturbursche“ tätig ist. Seine Gattin, Mademoiselle Clara Maria Johanna, geborene Presch, übt als „Jugendliche Liebhaberin und Soubrette“ denselben Beruf aus. Geboren wurde sie am 20. November 1823 in Berlin-Brandenburg als uneheliche Tochter des königlichen Hofjägers Johann Gottfried Presch und dort auch am 27. November 1823 getauft.

1845 gehen Herr und Frau Retty als „Liebhaber bzw. Liebhaberin und Chormitglieder“ vom Theater Glogau ab und werden vom Stadttheater Lübeck engagiert. Eine Volkszählung registriert Adolph (24) und Clara Retty (21), die in jenem Jahr in der Glockengießerstraße in Lübeck wohnen, und gibt bei beiden als Geburtsort Berlin an, was jedoch nur bei Clara zutrifft. In Lübeck kommt im Februar 1846 Rosas Vater Rudolph zur Welt. Drei Jahre später wird am 4. Januar 1848 in Rendsburg/Schleswig-Holstein ein zweiter Sohn geboren: Johannes Mathias Richard Retty, Rosas Onkel. 1853 ist ein Wohnverhältnis der inzwischen vierköpfigen Familie in Mannheim/Baden belegt. Wie Gottlob Adolph Rettys weiteres Leben verlief, bleibt im Unklaren, doch zumindest einige Indizien lassen sich finden. Während Frau Retty ab dem Jahr 1854 nur mehr im Fach „Mütter, komische Mütter, komische Alte“ besetzt wird, brilliert Herr Retty im Bereich „Liebhaber und Bonvivants“ – und das offenbar nicht nur auf der Bühne. Spätestens seit dem Jahr 1858 findet sich an den Theatern, an denen er engagiert ist (Flensburg, Kiel, Hamburg, Bielefeld, Dortmund, Cleve, Freiburg im Breisgau), immer ein „Frl. Ernestine Schneider“ (der Nachname ist in dieser Familiengeschichte nicht ohne Ironie), das besetzt wird als „Erste sentimentale oder tragische Liebhaberin“ – und dies vermutlich auch im Leben von Herrn Retty.

Wann und wie sich das Ehepaar offiziell getrennt hat, ist ungewiss, bestätigt ist erst ein Eintrag im Hamburger Sterberegister mit der Nr. 1349/1885. Dort steht, dass der Schauspieler am 11. April 1885 im Alter von 63 Jahren in seiner Wohnung in Hamburg, Naß 3, um 9 Uhr vormittags verstarb, wie ein Heildiener „aus eigener Wissenschaft“ bezeugt. Gottlob Adolph war lutherischer Religion und wird im Amtsregister als „ledig“ geführt, doch solche Täuschungen der Behörden waren in jener Zeit nicht schwer zu bewerkstelligen. Als sein Sohn Rudolph seine bereits schwangere Catharina am 30. Oktober 1874 in Frankfurt/Main heiratet und im selben Jahr Rosa in Hanau geboren wird, führt das amtliche Register ihre Großmutter (elf Jahre zu früh) bereits als „verwitwet“. Am 24. Februar 1886 heiratet Clara Retty in Niederrad-und-Oberrad/Hessen ein zweites Mal. Ihr Ehemann, der Expedient und vormalige Schauspieler Carl Heinrich Louis von der Ahé, genannt Berger, wurde am 25. Februar 1818 in Dresden geboren.7

Von einer kuriosen Familien-Reliquie kann Rosa später nur mehr erzählen. Sie befand sich ihren Angaben nach in einem Kästchen mit persönlichen Dingen, einer seltsamen Zeitkapsel aus dem Besitz ihres Vaters. Darin sammelte er zwei Ochsenzähne, rostige Nägel, einen abgenutzten Federkiel, ein handbemaltes Schächtelchen und einen goldenen Siegelring. Die Geschichte um diesen Ring hat ihr der Vater einmal so erzählt: Er hatte einst ein Schreiben erhalten, wonach in Mittelitalien ein Schloss samt Park als Erbgut auf ihn warteten. Auf einen nachforschenden Brief hin stellt sich heraus, dass es sich um eine Ruine samt Grundstück handelte, die mehr Investitionen erfordert, als sie je an Gewinn eingebracht hätte, weshalb eine Verzichtserklärung leicht vonstattenging. Der Ring befindet sich angeblich seit Generationen in Familienbesitz, seine Geschichte geht zurück bis ins 16. Jahrhundert, als ein Mitglied einer italienischen Familie namens Ferretti nach Russland auswanderte und sich in St. Petersburg als Porträtmaler einen guten Ruf erwarb. Dort verliebte der Italiener sich in eine Ungarin, danach siedelten ihre Nachkommen auf österreichischem Hoheitsgebiet. Wann sich der Familienname von Ferretti in Retty umgewandelt habe, sei unklar. Ein Mann aus dem Geschlecht der Ferrettis, Kardinal Giovanni Maria Mastai-Ferretti, wurde 1846 zu Papst Pius IX. gewählt. In sein Pontifikat fallen die Verkündung zweier Dogmen: jenes der Unbefleckten Empfängnis Mariens und das der päpstlichen Unfehlbarkeit. Rosa benützt die Geschichte in ihrer Autobiografie, um ihre Enkeltochter Romy in ein Verwandtschaftsverhältnis zu dem Pontifex zu rücken, fragt aber schnippisch: „Glauben Sie, daß man das dem Papst antun soll?“8

Die Historie rund um den sagenhaften Ring und somit eine Verbindung Romy Schneiders zu einem illustren Kirchenfürsten ist historisch nicht belegbar, wohl aber natürlich zu Malern, die von Italien bis nach Russland wirkten. Auf der Suche nach den italienischen Spuren der Familie Retty landet man in dem Ort Laino, einer lombardischen Gemeinde in der Provinz Como. Ab dem Anfang des 17. Jahrhunderts ist hier eine Künstlerfamilie namens Retti dokumentiert, die Arbeiten in ganz Europa ausführten. Zu ihnen gehörte Andrea Retti (auch Reddi oder Reddy geschrieben, geboren um 1595 in Laino, gestorben nach 1635 in Wien), ein italienischer Architekt und Stuckateur, der den Umbau der Stiftskirche Klosterneuburg bei Wien mitgestaltete. Lorenzo Mattia Retti (auch Retty geschrieben, geboren 1664 in Laino, gestorben 1714 in Ludwigsburg) arbeitete als Stuckateur und Architekt in Polen. Leopoldo Retti (geschrieben auch als Leopold Retty, 1704–1751) war als Architekt in Süddeutschland tätig.9 Eine direkte Verbindung zu unserer Geschichte könnte ein Dokument im Geheimen Staatsarchiv Berlin beinhalten. Aus ihm geht hervor, dass die Erben des Malers Leopold Retty aus Rastenburg/ Ostpreußen Ansprüche auf den Nachlass eines Paul Wilhelm Retty in Laino erheben. Dem Ehepaar Leopold Retty und Dorothea Retty, geborene Krausin, in Rastenburg/Kętrzyn wurden Ende des 18. Jahrhunderts mindestens drei Kinder geboren. Es wäre möglich, dass eines davon Gottlieb Adam Adolf Retty war, der 1790 in Rastenburg zur Welt kam. Urkundlich belegen lässt es sich bis dato nicht, doch würde sich dadurch manches aus den Erzählungen Rosas erklären lassen.10

Rosa. 1890er Jahre. Solche Blicke müssen Schriftsteller wie Arthur Schnitzler inspiriert haben.

Ihre Vorbilder: Clara Schumann und Josef Kainz

Nach all den Ausführungen rund um die Theaterfamilie Retty ist es an der Zeit, wieder zu den Zentralpersonen dieser Geschichte zurückzukehren: zu Rosa und ihren Eltern. Im Herbst 1887 tritt Rudolph Retty nach vielen Jahren an Provinztheatern ein Engagement am Deutschen Theater in Berlin an, dessen Direktor Adolph L’Arronge ist. Der Spielplan setzt auf eine wohldosierte Mischung von Klassikern und volkstümlichen Stücken, dieses Konzept machte L’Arronge zum erfolgreichsten Theaterleiter des Wilhelminischen Zeitalters. In Berlin beziehen die Rettys eine Wohnung in der Woehlertstraße 19 im dritten Stock. Rosa besucht die Höhere Töchterschule und erhält Klavierunterricht. Noch vor Mathematik, Physik, Chemie, Französisch, Geschichte, Literaturgeschichte und Musik steht „Gutes Benehmen“ auf dem Lehrplan, das sich auch in vorbildlich aufrechter Körperhaltung zeigen musste. Diese wird ihr ein Leben lang erhalten bleiben.

Rosa hat zu jener Zeit nicht vor, nach dem Vorbild ihrer Eltern den Schauspielberuf zu ergreifen, sie möchte Pianistin werden. Ihr Vorbild ist Clara Schumann, die sie auf Empfehlung des Dirigenten Hans von Bülow spielen hört. Das Konzertprogramm bleibt der jungen Rosa nicht in Erinnerung, wohl aber Claras langes, schwarzes, von einem weißen Stehkragen abgeschlossenes Kleid sowie ihr samtener Kapotthut, dessen Schleifen unter dem Kinn der Pianistin zusammengebunden waren. Die theatrale Erscheinung der damals fast siebzigjährigen Pianistin beeindruckt Rosa mehr als ihre künstlerische Leistung, sodass sie am Ende sogar zu klatschen vergisst. Bereits mit vier Jahren gibt ihr die Mutter Klavierunterricht, später engagiert man dafür die Kapellmeister jener Theater, an denen der Vater engagiert ist, darunter ist der später als Dirigent berühmt gewordene Felix Weingartner. Diesen begeistert weniger ihr Spiel, sondern viel mehr ihre Gesangskunst – er rät ihr zu einer Karriere als Opernsängerin. Ob sie dafür begabt genug wäre, wird sie nie herausfinden, denn Adolph L’Arronge beordert sie für eine Statistenrolle mit wenig Text auf die Bühne, ein Befürworter dieser Tat ist ein Schauspieler, der in ihrem Leben eine bedeutende Rolle einnehmen wird: Josef Kainz.

Sein Name ist einer der wenigen, die von den Schauspielernamen jener Zeit noch im Gedächtnis mancher gespeichert ist. Nicht zuletzt durch die Tatsache, dass ein renommierter österreichischer Theaterpreis, die Kainz-Medaille, nach ihm benannt ist. Die erste davon wird im Jahr 1958 an Rosa verliehen. Josef Gottfried Ignaz Kainz wird hundert Jahre davor in Wieselburg, dem heute in Ungarn gelegenen Mosonmagyaróvár geboren, erhält in Wien Schauspielunterricht und gelangt nach Engagements in Marburg, Leipzig und Meiningen 1880 an das Nationaltheater in München. In der bayerischen Hauptstadt muss er mehrfach Solo-Vorstellungen für einen seiner größten Bewunderer geben: den sagenumwobenen König Ludwig II. von Bayern. Ab dem Jahr 1883 ist Kainz in Berlin tätig und spätestens sein Engagement dort macht ihn zu einem der gefragtesten Schauspieler seiner Zeit, der um seinen Wert weiß und sich daher entsprechende Gagen aushandelt, die er in seinen aufwändigen Lebensstil investiert. Er brilliert als Don Carlos, Romeo, Hamlet, Richard III. und in zahlreichen anderen Hauptrollen. Was ihn über andere erhob, war wohl ein absolut originärer Stil, bei dem sich wendiger Körpereinsatz mit sensibler Darstellung verband. Den Kult rund um seine Person vergrößerte auch der Umstand, dass es zahllose Fotos von ihm gab, die ihn in unterschiedlichsten Rollen zeigten und vom Publikum eifrig gesammelt wurden. Während vor ihm „Naturkünstler“ auf ihre Begabung setzten, etablierte er eine Neuerung im Schauspielberuf, wie Egon Friedell festhielt: „Kainz hat das Moment der Arbeit in seine Kunst eingeführt, das ihr bis dahin fremd war. […] Seine Mittel waren denen vieler anderer keineswegs von Natur aus überlegen; aber sie waren mit einer bis dahin unerhörten Kraft ausgebildet, verfeinert und beherrscht.“11

Rosa mit Josef Kainz in Franz Grillparzers Die Jüdin von Toledo. 1904. „Er spielte, fern von jeder Schablone, mit einer Natürlichkeit, die sensationell wirkte“, schwärmte Rosa über ihr schauspielerisches Vorbild.

Aushangzettel des k. u. k. Hofburgtheaters in Wien. 19. 10. 1907. Dort debütierte Rosa 1891 als „Einspringerin“, 1912 wird sie schließlich zur Hofschauspielerin ernannt.

Aus heutiger Sicht ist die Verklärung von Kainz nicht leicht nachvollziehbar. Der optische Eindruck wurde nie auf Film festgehalten, die erhaltenen Schallplatten klingen für heutige Ohren zu pathetisch. Tatsächlich sind wir nicht mehr gewohnt, jenes deklamatorische Singen in der Stimme als Kunstform zu akzeptieren, im Gegensatz zum Gesang in der Oper ist uns jener Sprechstil völlig fern. Heute muss Theatersprache „natürlicher“ klingen, egal, ob man ein modernes oder klassisches Stück spielt. Selbst Rosa konnte sich im Alter nicht mit den historischen Tondokumenten von Kainz anfreunden, fand, dass sie einen völlig falschen Eindruck vermitteln. Wenn es nach ihr ginge, betont sie, müssten alle Stimmaufnahmen von Kainz vernichtet werden.

Außer ihrem Vater, so hält Rosa fest, war Kainz ihr einziger Lehrer – und diese beiden scheinen ihr als Instruktoren genügt zu haben. Sie besucht an den Nachmittagen das Stern’sche Konservatorium, verbringt ihre Vormittage zumeist damit, bei Theaterproben zuzusehen und dem Schauspielpersonal bei einem Kaufmann Essen zu holen. Als eine Schauspielerin ausfällt, wird Rosa gebeten einzuspringen, der Inspizient stößt sie 1891 förmlich auf die Bühne – und sie spielt wider Erwarten völlig unbeschwert. Wie schon ihren Vater, so überzeugt Kainz Rosa darin, dass im Schauspielberuf nicht nur der Körper, sondern auch die Stimme täglich trainiert werden muss. Jeden Morgen übt der Mime selbst, einen Korken im Mund, schwierige Textpassagen möglichst deutlich auszusprechen. Rosa tut es ihm gleich und arbeitet so an ihrer später von Kritikern und Publikum gerühmten Sprechtechnik. Lehrer und Schülerin werden sich bei den Übungen nahekommen; mag sein, dass Rosa in ihren Erinnerungen ein paar Mal abblendet, wenn die Geschichte zu sehr ins Private gerät.

Rosa lernt schnell und leicht. Lampenfieber, wie es später ihren Sohn Wolf und ihre Enkelin Romy fast unüberwindlich plagt, hat sie nur vor der Vorstellung, mit dem ersten Schritt auf die Bühne ist es verflogen. Ihre Methode, sich völlig in ihre Bühnenfiguren zu versetzen, hat natürlich den Nachteil, dass sie sich oft nur schwer wieder davon lösen kann. Bei tragischen Stücken wie Ibsens Nora führt das später oft sogar zuhause zu Weinkrämpfen, die Beruhigungsspritzen zur Folge haben. Ihre Enkelin Romy wird dies bei mancher ihrer Filmrollen ebenfalls durchleiden müssen.

Ihr erstes Engagement hat Rosa am Deutschen Theater, sie gastiert aber auch am Berliner und dem Lessingtheater. Gastspielreisen führen sie bis nach Kopenhagen. Mit 18 Jahren lernt sie den damals 30-jährigen Gerhart Hauptmann kennen, erlebt seine Transformation von einem anfangs eher schüchternen, an Bleistiften saugenden Autor zu einem sich 1942, mit achtzig Jahren beinahe „goethisch“ gebenden Heros der deutschen Bühne. Sie extemporiert in seinem Stück Der Biberpelz – und betont, ihre Interpretation in späteren Regiebüchern wiedergefunden zu haben. Eine das Spiel Rosas lobende Rohrpostkarte Hauptmanns bewahrt ihr Vater viele Jahre auf. Rosa trifft auch den stets gut frisierten Henrik Ibsen, der sich erst die Haare zerrauft, bevor er sich dem Berliner Publikum mit bohemeartiger Mähne präsentiert. Ein anderer deutscher Dichter, Hermann Sudermann, schreibt ihr die Rolle der Rosl in seiner Schmetterlingsschlacht auf den Leib, von ihm bekommt sie nach der geglückten Premiere den ersten Handkuss ihres Lebens.

Rosas erster großer Schwarm wird der gebürtige Russe Kolja Solowetschik, es ist eine platonische, romantische Liebe. Das Theater, das weiß sie längst, wird sie nie aufgeben, für keinen Mann der Welt. Ihr winkt 1895 ein Engagement am Deutschen Volkstheater in Wien und sie will gerne in die Stadt übersiedeln, in der sich das legendäre Burgtheater befindet. Als sie sich im Lessingtheater verabschiedet, rufen ihr die Leute zu, sie möge bleiben. Sie beteuert, nicht „Adieu“ sagen zu wollen, sondern „Auf Wiedersehen“, obwohl Ersteres angebracht gewesen wäre.

Karl Albach. Um 1896. „Der hochgewachsene, fesche Offizier verbeugte sich und strahlte mir unverwandt in die Augen.“ Mit diesen Worten schildert Rosa die erste Begegnung mit ihrem späteren Ehemann.

Ihr Mann: Karl Walter Albach

War Rosa bislang eine überzeugte Berlinerin, so erobert die Stadt, in die sie nun kommt, bald ebenfalls ihr Herz. Sie beginnt ihr Engagement am Deutschen Volkstheater am 2. März 1895 in dem Stück Ein Kind des Glücks von Charlotte Birch-Pfeiffer und wohnt mit ihren Eltern im achten Bezirk in der Strozzigasse Nr. 22. Die weiche, melodiöse österreichische Sprachmelodie geht ihr sofort ins Ohr, die stimmhaften Vokale, die oft verschwimmenden Konsonanten, alles scheint hier fröhlicher zu klingen als in Berlin, selbst wenn es anders gemeint ist. Der helle Klang ihrer Stimme rundet sich bald zum österreichischen Idiom. Den Sinn der Worte dieser neuen „Fremdsprache“ versteht sie nicht immer, doch wie so vieles wird sie es sich erarbeiten. Sie hat den Rest ihres Lebens dazu Zeit – das werden noch 85 Jahre sein.

Was ihr der neue Direktor Emmerich Bukovics als Erstes beibringt, ist, dass sie sich in der Wiener Gesellschaft schicker kleiden muss, als sie es bisher gewohnt war. Eine adäquate Adresse dafür ist das Modehaus Drecoll am Kohlmarkt 7, unweit der k. u. k. Hofzuckerbäckerei Demel. Geleitet wird das Geschäft von Johann Wilhelm Rudolf Christoph von Drecoll, einem gebürtigen Hamburger, der in Wien, Paris, Berlin und sogar New York Salons eröffnet. Er entwirft Bühnenkostüme für Burgtheaterschauspielerinnen ebenso wie Reitgewänder für Kaiserin Elisabeth. Die verschwenderisch opulente Dekoration seines Ateliers erinnert an die des Malers Hans Makart, wird dominiert von historistischem Prunk. Das Auge ist geblendet von Samt und Gold, Vasen, aus denen exotische Pflanzen wuchern. Die Vorhänge bleiben auch bei Tag geschlossen, der Maître bevorzugt künstliches Licht. Drecoll bedient Rosa persönlich, ordnet ihr nach einer ersten „Anamnese“ die Farben Blau und Weiß zu. Der Preis für zwei „Tageskleider“ übersteigt ihre Anfangs-Monatsgage, doch man findet eine Wiener Lösung. Direktor Bukovics erhöht ihr Gehalt, Maître Drecoll seinerseits gewährt einen Preisnachlass. Die junge Schauspielerin lächelt, sie ist nun endgültig in der Hauptstadt des Sich-Arrangierens angekommen.

Im Januar 1895 spricht man in Wien darüber, dass Rosas Kollegin Adele Sandrock vom Deutschen Volkstheater ans Burgtheater wechselt. Bildschön, noch weit entfernt von jenem Gepräge, das später perfekt zu den Buffo-Rollen in ihren Filmen passt, lernt Rosa sie kennen. Ihr gegenüber ist die sonst streitbare Sandrock fürsorglich, bemuttert sie fast. Launisch und mit loser Zunge prahlt sie Rosa gegenüber mit ihren Affären, darunter auch der mit einem Schriftsteller, den sie ihr mit den spöttischen Worten „Das ist mein süßer Zwerg, Herr Dr. Schnitzler!“12 vorstellt. Rosa ist überzeugt davon, dass sich zahlreiche von Sandrocks Formulierungen in der Literatur jener Epoche bei Autoren wie Schnitzler, Roda-Roda und Felix Salten wiederfinden. Das erste Treffen mit Schnitzler in Gegenwart der Sandrock macht Rosa verlegen, wiedersehen wird sie den Dichter erst ein Vierteljahrhundert später. Nach der Premiere seines Stücks Die Schwestern oder Casanova in Spa, bei der sie 1920 mitwirkt, lernt sie ihn persönlich kennen, nachdem er ihr eine Einladung zum Tee zukommen lässt. Sie betritt seine Villa in der Sternwartestraße Nr. 71 und wird von seiner Frau Olga empfangen, die ihr sofort sein Arbeitszimmer, die „Dichterklause“, mit dem Blick über das Döblinger Cottage zeigt. Schnitzler selbst kehrt von seinem Nachmittagsspaziergang zurück und tritt, wie der neugierige Gast bemerkt, erst vor sie, nachdem er Bart und Haupthaar sorgfältig arrangiert hat.

Rosas erste Tanzveranstaltung in Wien ist der Ball der Österreichischen Gesellschaft vom Weißen Kreuze in den Sophiensälen im Januar 1896, dessen Reinerlös in die Errichtung von Militärkurhäusern fließt. Fräulein Retty nimmt mit ihren Eltern daran teil und erinnert sich später an die bitterkalte Winternacht, in der die Hufe der Pferde ihres Fiakers Mühe haben, das Glatteis zu meistern. Sie selbst sitzt steif und unbeweglich darin, um ihr Kleid aus weißer Seide mit handgemalten Heckenrosen am Saum und Silbertüll nicht zu verdrücken. Am Ziel angekommen, bewundert sie den floralen Saalschmuck aus roten und weißen Rosen, aus Frühlingsblumen und Zitronenbäumchen. An diesem Tag entscheidet sich Rosas weiteres Leben, denn ihr wird ein Tanzpartner vorgestellt, der für die nächsten fünf Jahrzehnte an ihrer Seite bleiben wird. Eine Fotografie aus dem Jahr 1896 zeigt ihn in Uniform mit sorgfältig aufgezwirbeltem Schnurrbart. Sein Sohn wird später solche dekorativen Offiziere spielen, etwa 1957 in Der Kaiser und das Wäschermädel. Hochgewachsen und gutaussehend ist er, konstatiert Rosa, sein Name geht bei der Vorstellung im Hintergrundlärm unter, nicht aber seine Bitte, sich in ihre Tanzkarte eintragen zu dürfen. Besagte Karte hängt an ihrem linken Arm, nur mit Mühe kann sie sich davon lösen, das sie haltende Band zerreißt, ein anderes wird dafür geknüpft, denn der junge Mann trägt seinen Namen so oft auf dem Papier ein, bis kein Platz mehr darauf ist. Da er ihr gleich zu Beginn ein paar Mal zu oft auf die Zehen steigt, verbringt er den Abend mit der zwar tanzmäßig aber ansonsten keineswegs reservierten Dame in angeregter Konversation, bis der Morgen graut.

Rosas Mutter Käthe bittet den jungen Galan danach schicklich zum Tee, die Bekanntschaft setzt sich harmonisch fort. Mittlerweile kennt Rosa auch seinen Namen: Karl (in früheren Urkunden Carl geschrieben) Walter Albach, geboren am 21. Oktober 1870 im oberösterreichischen Windischgarsten, seine Eltern sind Dr. Heinrich Albach, k. u. k. Notar, und dessen Frau Theresia, geborene Herszan. Karl Albach ist zu jenem Zeitpunkt noch Oberleutnant in der k. u. k. Armee, wird jedoch gegen den Willen seines Vaters seine militärische Karriere bald beenden, um sein Jus-Studium fortzusetzen und als Anwalt seiner künftigen Ehefrau ein standesgemäßes Leben bieten zu können. Heinrich Albach reagiert zunächst verstimmt auf die berufliche Veränderung seines Filius, doch Walters Schwester Hilde und ihr Ehemann, Dr. Krischker, geben dem jungen Paar Schützenhilfe.

Käthe Retty hat gerade noch Zeit, ihren zukünftigen Schwiegersohn ein wenig kennenzulernen, denn ihr bleiben nur mehr wenige Monate Lebenszeit. Kurz nach dem Ball benennen die Ärzte nach einer Operation ihre diffusen Schmerzen mit der letalen Diagnose Unterleibskrebs. Mehr als Morphium bleibt nicht, um ihr die letzte Zeit so schmerzfrei wie möglich zu gestalten. In ihrer Erinnerung sind es wie zum Hohn vor allem Komödien, die Rosa in jener Zeit in Wien zu spielen hat. Es scheint ihr, dass sich sogar der Frühling in diesem Jahr beeilt, sich möglichst früh einzustellen, damit sich die Natur der Sterbenden gegenüber noch einmal freundlich zeigen kann. Familie Retty übersiedelt in die Parterrewohnung einer Villa in Hietzing, damit die Mutter ihre letzte Zeit in guter Luft verbringen kann. Zu Ostern versteckt „Kätchen“ ein letztes Mal im Garten die Ostereier für ihr Kind – wie früher, als hätte damit alles andere auch Bestand, als könnte die Routine über den fatalen Zustand hinwegtäuschen. 1896 ist Rosa 22 Jahre alt, spielt jedoch für die Todkranke noch einmal das Kind, sucht die Eier nach ihren Anleitungen, sieht, wie sich der Körper der Mutter vor Anstrengung krümmt. Der Tochter wird sich diese letzte Zeit mit ihr für immer einprägen. Die Morphiumdosen müssen bald erhöht werden. Die Mutter liegt im Halbschlummer, hat die Augen leicht geöffnet, auch wenn diese bereits stärker nach innen zu blicken scheinen. Im wachen Zustand, wenn das Betäubungsmittel nachlässt, schreit sie ihren Schmerz hinaus. An ihrem Bett sitzt die Familie, neu hinzugekommen ist der junge Offizier vom Ball, Karl Albach, der in der Nähe wohnt und bemerkt, dass es die Sterbende entspannt, wenn er leise mit seinem Säbel rasselt. Am 22. Mai 1896 beruhigt er sie zum letzten Mal auf diese Art. Eine Hand hält die ihre, die andere spielt mit dem blinkenden Kriegsgerät, mit dem er rasselt wie mit einem Kinderspielzeug. Rosa ist auf der Probe, während ihre Mutter stirbt. „Kätchen“ war noch keine 45 Jahre alt. Die Beziehung zu ihr wird der Tochter niemand mehr ersetzen können.

Anfang Dezember 1896 bringt es Rosas Popularität mit sich, dass der Hochzeitszug zur Evangelischen Kirche in der Dorotheergasse von zahlreichen Schaulustigen begleitet wird. Rosas Kollegenschaft vom Volkstheater ist anwesend, auch Direktor Bukowics gibt sich die Ehre. Rosa wird sich später an ihr lautes, impulsives „Ja“ erinnern, an das dadurch ausgelöste Gelächter in der Kirche. An der Seite ihres Vaters sitzt seine neue ständige Begleiterin Frieda Grossmüller, auch sie ist Schauspielerin und mit Rosa befreundet. Entgegen Rosas Wünschen wird es eine große, festliche Trauung, das Brautpaar muss die Kirche durch einen Seitenausgang verlassen, um der wartenden Menge zu entgehen, doch selbst das schafft die Braut nicht, ohne dass ihre Kleidung in Mitleidenschaft gezogen wird. Vierzehn Tage Flitterwochen am Lido von Venedig, der sich zu jener Zeit noch menschenleer zeigt, folgen.

Seine erste Wohnung richtet sich das junge Paar in der Strozzigasse ein. Rosas Familienname ist nun eigentlich Albach, doch sie etabliert einen gleichsam emanzipatorischen Doppelnamen und heißt bis zu ihrem Lebensende Rosa Albach-Retty. Auch ihre Schwiegertochter Magda und ihre Enkelin Romy werden sich bei der Namenswahl durchsetzen – und damit ebenfalls ein Zeichen setzen.

Ihr Titel: Hofschauspielerin

Im Jahr 1904 übersiedeln die Albachs in eine Villa in der Reithlegasse Nr. 9 in Oberdöbling, wo Rosa den Großteil ihres weiteren Lebens verbringen wird, als Telefonnummer steht 36-13-44 im amtlichen Wiener Telefonbuch. Die beiden dorischen Säulen neben dem hohen hölzernen Eingangstor bilden den einzigen Schmuck an der Fassade, die beiden Giebelkreuze an den breiten Seitenflügeln sind ohne dekorativen Inhalt.

Ein Jahr später, 1905, kommt das lang erhoffte Angebot, an das Hofburgtheater zu wechseln, wo Rosa im Laufe von Jahrzehnten 17 Direktoren „verbrauchen“ wird. Drei Jahre muss sie „an der Burg“ auf gute Rollen warten. Wie es Brauch ist, sucht die Elevin erst alle arrivierten Künstlerinnen und Künstler in deren Wohnungen auf und hinterlässt ihre Visitenkarte. Anfang des 20. Jahrhunderts ist das Burgtheater die bedeutendste deutsche Sprechbühne, auch wenn viele, darunter Karl Kraus und Max Reinhardt, noch die Zeit des Alten Burgtheaters am Michaelerplatz, das am 12. Oktober 1888 seine letzte Vorstellung gab, glorifizieren. Wichtiger als das jeweilige Stück, das man goutierte oder eben nicht, waren für das Publikum des 19. und frühen 20. Jahrhunderts die Schauspieler. Wegen ihnen besuchte man die Vorstellung, um ihrer Interpretation, ihrem Sprachduktus zu folgen.

Rosa ist eigensinnig und nicht immer kompromissbereit. Gleich zu Beginn überwirft sie sich mit dem Claquechef, der Geld dafür haben will, damit bei ihren Szenen an bestimmten Stellen gelacht oder applaudiert wird. Sie wirft ihn hinaus, aber überlegt später zitternd, ob dies nicht ein Fehler war. Ihr Mann beruhigt sie, dass sie aufgrund ihres Eventualvertrags immer noch ans Volkstheater zurückkehren könne. Doch der arrivierte Kollege Bernhard Baumeister nimmt sie unter seine Fittiche und die Schauspielerin Hedwig Bleibtreu wird ihre Freundin. Sie beeindruckt Rosa mit einem bei einer Probe in die Runde geworfenen Götz-Zitat, das sie an diesem Ort außerhalb einer Vorstellung nicht erwartet hätte. Rosa lernt Katharina Schratt kennen, über deren Beziehung zu Kaiser Franz Joseph ganz Wien tuschelt. Zu ihren Erinnerungen gehört, dass Werner Krauss oft betrunken auf die Bühne kommt und Kollegen damit ärgerte, wenn er als Bühnenleiche „post mortem“ in ihre Dialoge hineinbrabbelt. Rosa begleitet das Burgtheater-Ensemble auf Gastspielen in Prag und Russland, wo sie die Zarenfamilie der persönlichen Ansicht gekrönter Häupter hinzufügen kann. Stolz und amüsiert zugleich berichtet sie darüber, dass sie mit Kindern aus dem österreichischen Kaiserhaus ein Theaterstück einstudiert.

Ihr Mentor, Joseph Kainz, hat ihr beigebracht, stets die Kontrolle über ihren Körper zu behalten, auch über Schmerzen und Krankheiten hinweg. So wird sie sechs Jahrzehnte lang immer wieder mit Zwölffingerdarmgeschwüren auf der Bühne stehen und 1919, mit 45 Jahren, trotz einsetzendem grauem Star eine Augenoperation ablehnen, weil sie nicht mit Brille auftreten möchte. Noch mit 97 Jahren bezwingt sie eine schwere Grippe trotz hohem Fieber in kürzester Zeit.

Im Mai 1912 wird sie zu Hofschauspielerin ernannt, was sie als große Ehre empfindet. Für ihren Vater, den Wanderschauspieler mit wechselnden Engagements, steht fest: „Burgschauspieler sein ist kein Beruf, sondern ein Zustand!“13 Aus heutiger Sicht mag die Bedeutung des Ehrentitels unverständlich wirken, Max Reinhardt hielt jedoch bereits 1926 fest, dass man bereits zu diesem Zeitpunkt kaum mehr begreifen konnte, was es bedeutet hatte, ein Burgschauspieler zu werden, die Verpflichtung erhebliche Vorrechte und Ehren einbrachte.

Zu den Gepflogenheiten gehörte auch, eine Audienz beim Kaiser zu absolvieren, um sich für die Ehre der Ernennung ergebenst zu bedanken. Die erforderliche Garderobe war streng reglementiert: für die Damen ein schwarzes, hochgeschlossenes Kleid, das sich Rosa natürlich bei Drecoll am Kohlmarkt entwerfen lässt; dazu weiße Glacéhandschuhe und einen Hut ohne Krempe und Schleier, damit nichts das Gesicht verdeckt. Im Audienzsaal von Schönbrunn nimmt sie mit anderen auf der mit rotem Samt überzogenen Bank Platz, nachdem sie aufgerufen wird, betritt sie das imperiale Gemach. Vielleich liegt es an der allgegenwärtigen Präsenz des Kaisers in unzähligen Büsten und Bildnissen im öffentlichen Raum, dass er ihr so vertraut erscheint. Der über 80-Jährige beeindruckt sie, scheint ihr fast über eine jungenhafte Statur zu verfügen. Er verlässt das weiße Stehpult am Fenster, kommt auf die Eintretende zu, bedauert, sie noch nie auf der Bühne gesehen zu haben, da er kaum noch ins Theater gehe, sei jedoch von seiner Tochter Valerie über ihr Können unterrichtet worden. Vier Jahrzehnte später wird Rosa ihrer Enkelin Romy von dem Erlebnis berichten, wenn diese 1955 für den Film Die Deutschmeister als Mädel vom Land eine solche imperiale Audienz nachspielen wird. Als Franz Joseph wird ihr in der Szene Paul Hörbiger gegenüberstehen, Rosas Kollege vom Burgtheater. Der Kaiser ist im Film zu jenem Zeitpunkt 79 Jahre alt, also kann man die Szene mit 1909 datieren. In ihrem übernächsten Film wird Romy wieder mit Franz Joseph I. in Schönbrunn zu sehen sein. Der Kaiser wird dann 56 Jahre jünger sein und von Karlheinz Böhm verkörpert werden.

Am Vormittag des 10. März 1913 sitzt Rosa mit ihrem Mann beim Frühstück, als das Telefon läutet. Das Dienstmädchen Anna hebt ab und ruft dann die gnädige Frau mit dem Hinweis, es sei ein Gespräch aus Leipzig. Wohl ihr Vater Rudolf, vermutet Karl Albach. Ein paar Jahre schon hatte man sich bereits nicht mehr gesehen, doch schrieb der Vater Rosa regelmäßig. Dass er nun mit Frieda als seiner zweiten Frau in Leipzig in der Frankfurter Straße Nr. 24 wohnt, hat Rosa mittlerweile akzeptiert, obwohl sie es ihm lange nicht verzeihen wollte. Zu knapp nach dem Tod ihrer geliebten Mutter schien es ihr, zu groß der Altersunterschied: 18 Jahre alt war Frieda, Rudolf dagegen bereits 54. Die Hochzeit fand am 6. Juni 1900 statt. Als er ihr mitteilt, er wolle mit Frieda nach Leipzig ziehen, wird ihr bewusst, dass sie ihn nicht verlieren möchte, nennt ihn wieder „Pepus“, wie damals, als sie noch ein Kind in Berlin war. Sie weiß, dass er an Wien hängt wie sie selbst, aber Frieda hofft, in Leipzig größere Rollen spielen zu können. Als Rosa ihn zur Bahn bringt, nimmt sie von einem sichtlich gealterten Mann Abschied. Zwei Mal kommt er wieder auf Besuch, begrüßt seinen Enkel, applaudiert stolz seiner Tochter auf der Bühne. Die meiste Zeit verbringt er in der Hofbibliothek, studiert Bücher und macht Notizen für seine eigenen Werke. Längst arbeitet er mehr als Kritiker und Literat denn als Schauspieler. Worüber er nicht spricht, außer durch sein kummervolles Aussehen, ist seine Ehe.

Auch am Vormittag des 10. März 1913 wird Rosa nicht die Stimme ihres Vaters hören, sondern die von Frieda. Sie spricht schnell, unnatürlich laut und plötzlich versteht Rosa, was sie ihr in den Apparat schreit. Das Nächste, was sie hört, ist Lachen. Lautes, unkontrolliertes Lachen – und zu ihrem Schrecken bemerkt sie, dass sie selbst es ist, die so reagiert, ihrem Mann und ihrem Dienstmädchen auf diese Art erklärt: „Der Pepus ist tot! Versteht ihr? Tot! Erschossen! Ha, ha, ha! Wo liegt er? Irgendwo! Mit einem Loch im Kopf! Ha, ha, ha!“14 Lachkrämpfe schütteln sie noch, als ihr Mann sie ins Schlafzimmer trägt. Seine Bitten, sie möge damit aufhören, nützen nichts, auch nicht das kalte Wasser, mit dem er ihr heißes Gesicht kühlt. Der Kopf schmerzt, sie hat Zerrbilder vor Augen, ihre Zähne schlagen unkontrolliert aufeinander, etwas wie Schüttelfrost durchläuft sie, während sie weiterlacht. Zwei Stunden dauert der krampfartige Zustand an, bevor sie vor Erschöpfung einschläft. Als sie aufwacht, ist es fast Abend. Ihr Mann teilt ihr mit, dass das Theater keinen Ersatz für sie habe, sie die Vorstellung absolvieren muss, wenn es irgendwie geht. Nun siegt die Disziplin wieder, sie lässt sich ins Theater bringen, schminken, ankleiden, kann sich selbst beim Spielen zusehen. Obwohl sie am Rande der Erschöpfung ist, steht sie den Abend durch, erst danach bricht sie in der Garderobe zusammen.

Erhalten ist eine Anzeige des Polizeiamts der Stadt Leipzig, wonach der Schriftsteller Rudolf Albert Wilhelm Retty, 67 Jahre alt, evangelisch‐lutherischer Religion, wohnhaft in Leipzig, Frankfurter Straße 24, geboren in Lübeck, Ehemann der Friederike, geborene Großmüller, wohnhaft zu Leipzig, Sohn des Adolph Hermann Retty und seiner Ehefrau Clara Maria Johanna, geborene Presch, zu Leipzig in seiner Wohnung am 10. März des Jahres 1913 vormittags gegen acht Uhr verstorben sei.

Tage später sieht Rosa ihren Vater im Sarg, die Wunde wurde von den Einbalsamierern kunstvoll kaschiert, starker Rosenduft liegt in der Luft, sie erkennt das Parfüm ihrer Mutter, das diese verwendete, wenn sie Rosas Vater früher vom Theater abholte: Créme Simone. Mit ein paar Zeitungsausschnitten, Gedichten und seiner Taschenuhr verlässt sie Leipzig am nächsten Morgen mit dem Zug. Zuhause erwarten sie ihr Mann und ihr mittlerweile siebenjähriger Sohn Wolf, der ein Vierteljahrhundert später Romys Vater werden wird.

Ihr Sohn: Wolfgang Helmuth Walter

„Gibt es keine Liebe, die Jahre überdauert? Ist der Mann ständig wandelbar und unzuverlässig? Aber wenn ihn schon die Frau zu nichts verpflichten vermag – wenn er nur die scheinbar ausweglose Verworrenheit der Beziehungen sieht – warum fühlt er nicht den Ansatz zu großem und fruchtbarem Wachsen, der in jedem jungen Kind sich offenbart? Wie ist dieser ewig Wandlerische doch begrenzt in dem Gefangensein in seinem Ich, in der Unfähigkeit, über sich hinausreichen zu können!“, fragt Lisa Heise in einem mit 28. September 1919 datierten Brief den Dichter Rainer Maria Rilke.15 Auf wen genau sie sich bezieht, ist unklar, doch scheint es wie eine präzise Beschreibung des Wesens von Romy Schneiders Vater Wolf Albach-Retty.

Er verbirgt sich ein Leben lang hinter wohltemperierten Adjektiven, die immer wieder rund um seine Person verwendet werden. Wie er als Mensch in seinem Innersten wirklich war, scheint er der Nachwelt erfolgreich verborgen zu haben. Wo er auftaucht, wird gelächelt, bittet man ihn um Autogramme, freut man sich. Seine besonderen Kennzeichen sind Äußerlichkeiten: 1,78 Meter groß, blaue Augen, dunkelblonde Haare, liebenswürdiger gehobener Wiener Dialekt in hellem Timbre, Charme. Seine Tochter Romy wird über ihn sagen: „Er war ein wunderbarer Mann. Niemals in meinem Leben habe ich wieder so einen schönen Mann gesehen. Ein hemmungsloser Schürzenjäger, meine Mutter hat sehr unter ihm gelitten. Er war wirklich verrückt.“16

Seine eigene Mutter wird Wolf nie als solche anreden, sondern stets nur mit „Roserl“ – er folgt damit einer Tradition, denn auch sie nannte die ihre immer bei deren diminuierten Vornamen. Im Gegensatz zu seinen Eltern spricht er als Kind in breitem Vorstadt-Slang und liebt es, verbotene Schimpfworte mit der ihm eigenen selbstverständlichen Unschuld zu gebrauchen, weshalb sein Deutschlehrer Rosa mehrmals in seine Döblinger Villa zum Tee bittet, um ihr sein Leid zu klagen. Der Pädagoge schwärmt von der Intelligenz des Albach’schen Filius, bemängelt aber dessen ordinäre Ausdrucksweise. So hatte er eine Frage nach Goethe prägnant auf den Punkt gebracht: „Is dös der Dichter von ‚Leck mi im Oasch‘?“17 Die prägnante Pointe beeindruckt die Mutter erst in der Reflexion Jahre später, zum Zeitpunkt ihrer Prägung schärft sie dem Sohn ein, solche Formulierungen gefälligst zu unterlassen – und der reagiert, wie er es ein Leben lang tun wird, also ohne Unrechtsbewusstsein und auch ohne wirklich Konsequenzen zu ziehen: „Also weil du’s bist, Roserl, werd’ ich mich bessern!“18 Dass er es nicht tut, wird er erfolgreich mit Charme übertünchen.

Es wird Wolf später ein Vergnügen sein, seiner Tochter Romy schon im Kleinkindalter deftige Flüche im Dialekt beizubringen, mit der diese – ein Leben lang – ihre Umwelt überrascht und schockiert. So beschimpft sie ihren geliebten Bruder bereits in Kindertagen gelegentlich unflätig, fragt ihren Freund Hermann Leitner 1981 – und das durchaus freundschaftlich: „Warum meldest du dich nicht, du Arsch?“ Ein schönes Beispiel von Selbstironie ist dagegen eine Fotografie von ihrem Aufenthalt in Quiberon, auf die sie handschriftlich notiert, dass es sich bei der darauf zu sehenden, unkenntlich in einen Bademantel gehüllten „vornehmen Arscherlhalterin“ um sie selbst handle. Ein Beweis auch dafür, dass eine humorbegabte Frau wie sie keinerlei Probleme mit dem vielbeschworenen „Mythos Romy Schneider“ hatte.

Gegen den Rat besorgter Ärzte setzt Rosa durch, dass sie ihr Kind als Hausgeburt zur Welt bringen kann. Sie erzählt später von Wehen, die an die 17 Stunden dauern, wobei sie sich anfangs damit abzulenken versucht, die Blätter des Gummibaums in ihrem Schlafzimmer zu zählen. Ein Arzt und eine Hebamme sind regelmäßig bei ihr, ihr Mann hört im Nebenzimmer argwöhnisch dem zunehmend lautstarken Leiden seiner Gattin zu und droht, sollte etwas schiefgehen, alle Beteiligten – außer Rosa natürlich – zu erschießen. Als er seinen Sohn Wolfgang Helmuth Walter am 28. Mai 1906 erstmals zu Gesicht bekommt, reagiert er emotional: „Jessas, is der Bua schiach!“19 Diese Meinung teilt außer ihm niemand. Tatsächlich wird der nun Wolf genannte Sohn bald zu den bestaussehenden Schauspielern der deutschsprachigen Filmindustrie gehören. „Alle Frauen in unserer Familie“, erzählt seine Enkelin Patrizia Albach, „haben, wenn sie von ihm sprachen, immer betont: er war der Charmanteste von allen. Wenn er einen Raum betrat, waren alle baff. Er war wunderschön, charmant und sympathisch.“20

Der nonchalante, im Dialekt sprechende Phlegmatiker Wolf hat jedoch eine andere Seite, die sich später auch in seiner Tochter wiederfinden wird: Wenn er etwas Bestimmtes will, setzt er es mit eisernem Willen durch, ohne sich um die Reaktionen seiner Umwelt zu scheren. Gelingt ihm dies nicht, kann sich das ebenmäßige Gesicht unfreundlich verziehen und statt mit Argumenten seinem Begehren mit einem Schreianfall Nachdruck verleihen. Das Dienstmädchen Anna resigniert bald ihm gegenüber. Körperliche Züchtigungen muss der Kleine im Gegensatz zu vielen Zeitgenossen nicht fürchten, die Mutter greift als studierte Schauspielerin allerdings zu drastischen Mitteln. Einmal bringt er sie so in Rage, dass sie ihm androht, sich, wenn er sich nicht benehmen könne, zu erschießen. Er lässt es darauf ankommen, sie entnimmt daraufhin dem Waffenschrank ihres Gatten einen Revolver, stürmt mit Verve ins Schlafzimmer und bald hört der erstaunte Sohn nach der zuknallenden Tür drei Schüsse. Geschockt zögert er zunächst, bevor er wagt, ihr ins Zimmer zu folgen. Er sieht die Mutter auf dem Bett hingestreckt, bittet unter Tränen um Verzeihung, bemerkt dann zu seiner Erleichterung, dass sich die vermeintliche Selbstmörderin unverletzt erhebt. Es wird einige Zeit vergehen, bis die beiden über diese Lektion in schwarzer Pädagogik lachen können. An Wolfs Störrigkeit ändert es wenig. Als der Vater die Geschichte am Abend serviert bekommt, zieht immerhin er eine Konsequenz daraus: Die von seiner Frau unsachgemäß angeschossene Matratze wird durch eine neue ersetzt.

Wolf Albach (geboren 1906) im Kindesalter. Das gefällige Posieren scheint ihm schon früh leichtgefallen zu sein.

Ins Burgtheater nimmt Rosa ihren Sohn 1907 zum ersten Mal mit, nachdem er ein Jahr alt geworden ist, um ihn der Kollegenschaft zu zeigen. Ihr Mentor Josef Kainz bietet ihr, nun da sie Mutter geworden ist, endlich das Du-Wort an. Sie lehnt ab, will ihn weiter Herr Kainz nennen und für ihn selbst die Rosel bleiben. Ihre Forderungen, nun keine jungen Mädchen, sondern „würdigere Rollen“ zu spielen, quittiert der aktuelle Burgtheaterdirektor Paul Schlenther mit dem Angebot, in einem Stück die Mutter von Kainz zu spielen.

Als Rosa 1912 Hofschauspielerin wird, beeindruckt den sechsjährigen Wolf das dekorative handgeschriebene Dekret mit dem roten Siegel darauf, noch mehr jedoch das schwarzglänzende Kutschencoupé mit den zwei Schimmeln als Gespann, das seine Mutter nun regelmäßig abholt, um sie zu Proben oder Vorstellungen zu bringen. Seine Frage, ob die Karosse nun ihr Eigentum wäre, muss sie verneinen, erklärt ihm aber seine Funktion. Als edlen Spender nennt sie ihm den Kaiser, und Wolf vermutet, dass dieser offenbar ein vermögender Mann sein müsse, wenn er sich eine solche Equipage als Geschenk leisten kann. Auch das servile Scharwenzeln mancher Bahnbediensteter, wenn Rosa bei der Fahrt in die Sommerfrische ins Salzkammergut als die „gnädigste Frau Hofburgschauspielerin“ ein reserviertes Abteil erster Klasse beziehen kann und sich in diversen Stationen die Bahnhofsvorstände nach eventuellen Wünschen erkundigen und Erfrischungen anbieten, faszinieren den Jungen. Denn jedes Jahr im Juli werden Speiseporzellan, Silberbesteck, Sommergarderobe und Jagdwaffen für den Herrn Gemahl eingepackt und dann reist man mit Personal und Hausstand in eine gemietete Villa in St. Gilgen mit Blick auf den Wolfgangsee. Als Rosa ihm auch hier den unweit in Ischl weilenden Kaiser als Ursprung solcher Aufmerksamkeiten nennt, beschließt Wolf, sein „Roserl“ zu ehelichen, um sich künftig solche Privilegien zu sichern.

Als Kind scheut Wolf kein Risiko, der Hausarzt erhält für das Zusammenflicken von Schrammen und Knochenbrüchen sehr bald ein fixes monatliches Pauschalhonorar. Rosa ist überzeugt davon, dass ihre Verbindungen zum Kaiserhaus ihrem Sohn im Ersten Weltkrieg das Leben gerettet haben. Friedrich von Österreich-Teschen, also Erzherzog Friedrich Maria Albrecht Wilhelm Karl von Österreich, auf dessen Gut in Teschen die in der Monarchie berühmte „Teschener Butter“ erzeugt wird, sendet ihr, als der kleine Wolf an einem Lungenspitzenkatarrh leidet, täglich durch einen Diener einen Striezel Butter und ein Kännchen Milch aus seinem Palais, in dem sich heute die Albertina befindet. Abseits des Anekdotischen finden der Erste Weltkrieg und seine Folgen in Rosas Memoiren kaum Erwähnung.

Am 26. Dezember 1916 kann der nun zehnjährige Wolf Albach seine Mutter im Stück Alt-Heidelberg von Wilhelm Mayer-Förster erstmals auf der Bühne sehen. Neben seinem Vater sitzt er in der Direktionsloge und weint wie viele andere in der Szene, in der Rosa ihren Geliebten verliert. Als ihn seine Mutter nach der Vorstellung fragt, wie sie ihm denn gefallen habe, antwortet er mit dem größten Kompliment, zu dem seine Kinderseele fähig ist: „Du warst so schön wie ein Tramwaykondukteur!“21 Die uniformierten Herren, in deren Macht es lag, eine Straßenbahnkarte zu entwerten, schienen ihm damals das Höchste an Repräsentation, das man erreichen konnte.

Sein Interesse für das Theater ist damit zwar geweckt, Literatur und Musik begeistern ihn jedoch weniger. In der Oper langweilt er sich, die Versuche seiner Mutter, ihm klassische Dramen in kindgerechte Erzählungen umzudichten, interessieren ihn weniger als die realen Kriminalgeschichten, die ihm das Fräulein Anna aus den Berichten der Kronen Zeitung und der Neuen Freien Presse nacherzählt.

War seine Mutter mit dem Geräusch von Pferdekutschen groß geworden, so sind es für Wolf motorisierte Gefährte, die ihn begeistern. Während Rosa das Quietschen der Straßenbahn als äußerst unangenehm empfindet, wird es Wolf begeistern, Autos zu besitzen. Vor allem Sportwagen sind früh sein Traum – und er wird ihn sich erfüllen, sooft es ihm seine Gagen erlauben.

Mit 14 Jahren erschreckt der halbwüchsige Wolf seine Eltern in der Sommerfrische einmal dadurch, nach der Ankündigung, fischen zu gehen, einen Tag und eine Nacht lang verschollen zu bleiben. Als er bis zum Abend nicht da ist, will seine Mutter die Polizei rufen, während ihr Mann den „Schlankel“ mit einem Donnerwetter zu empfangen bereit ist. Er findet ihn ohne amtliche Recherchen schließlich auch dort, wo er ihn vermutet: bei einem Wanderzirkus, genauer gesagt im Wohnwagen der Zirkusreiterin. Nachdem Wolf die erste Standpauke geduldig über sich ergehen ließ, verkündet er seinen Eltern den Entschluss, die Schule abzubrechen, um mit sofortiger Wirkung zum Zirkus gehen zu können. Während ihr Mann erwägt, das Haupt seines Stammhalters mit Ohrfeigen zu verzieren, macht Rosa Wolf klar, dass er dann künftig ohne sie leben müsse, woraufhin er den Entschluss erneut zu überdenken bereit ist.

Rosa mit ihrem Sohn Wolf. 1910er Jahre. Als Schauspieler wird er später den Künstlernamen seiner Mutter, Albach-Retty, übernehmen.

Ihren Sohn durch die Mittelschule zu navigieren, bezeichnet Rosa als Schwerarbeit. Mit großer Freude nimmt sie seinen Entschluss entgegen, Chemie studieren zu wollen. Tatsächlich lässt er sich ins Chemische Institut in der Währinger Straße Nr. 10 inskribieren, von Erfolg gekrönt ist das Unternehmen jedoch nicht. Seine wahre Berufung findet er in der Schauspielerei, sein Ziel ist nun das Reinhardt-Seminar. Dort wird er aufgenommen, studiert fleißig und erfolgreich – eine weitere Generation der Rettys betritt mit ihm die Bühne. Wolf erhält Angebote mehrerer Theater, Rosa plädiert für eine Ausbildung in der Provinz, etwa in Troppau, doch der damalige Burgtheaterdirektor Franz Herterich engagiert die Nachwuchshoffnung lieber gleich ans eigene Haus. Wolf Albach nennt sich nach seiner Mutter nun Albach-Retty. Sein Name findet sich auch in den Tagebüchern von Arthur Schnitzler, der am 22. März 1927 dort vermerkt: „Die Retty vorzüglich als Comtesse; ihr Sohn Albach spielte sehr nett ihren Sohn.“22 Rosa ist eine kritische Partnerin, sie bespricht Wolfs Rollen mit ihm, hält mit ihrer Meinung über ungenügende Leistungen nicht hinter dem Berg.

Auch der Film, der ständig auf der Suche nach jungen, attraktiven Darstellern ist, findet Gefallen an dem jungen Mann. Zunächst agiert er in österreichischen Stummfilmen in Nebenrollen, wirkliche Karriere wird er jedoch erst im Tonfilm machen. Talente-Scouts der Universum-Film AG (Ufa) werden auf den gutaussehenden jungen Mann mit Theaterausbildung und hinreichender Gesangsstimme aufmerksam. Nach Probeaufnahmen in Berlin ist es der Megastar Lilian Harvey selbst, der ihn als neuen Partner für sich erwählt. Dass sich die neue Karriere in Berlin nicht mit der am Burgtheater abstimmen lässt, ist klar. Auf Wolfs Bitte versucht Rosa ihn aus dem Vertrag mit dem Burgtheaterdirektor und Schriftsteller Anton Wildgans loszueisen. Der weigert sich, pocht auf Vertragserfüllung des jungen Herrn Albach-Retty, weshalb Rosa ihre Kontakte zum damaligen Bundeskanzler Ignaz Seipel nützen muss, um Wolf aus dem Engagement zu befreien.

Zwei Herzen und ein Schlag unter der Regie des gebürtigen Wieners Wilhelm Thiele, der 1930 mit Die Drei von der Tankstelle Tonfilmgeschichte schreibt, wird 1932 Wolfs erster Erfolg, weitere Angebote an das Nachwuchstalent folgen auf dem Fuß. Neben Willi Forst, Willy Fritsch und Willy Birgel wird Wolf Albach-Retty bald einer der beliebtesten Kavaliere beim deutschen Tonfilm. Die mittlerweile 69-jährige Adele Sandrock, mit der Wolf 1932 Das schöne Abenteuer dreht, gesteht ihrer Freundin Rosa, dass ihr Wolf, wäre sie nur zwanzig Jahre jünger, nicht „ausgekommen“ wäre. Die darstellerischen Aufgaben in den Filmstoffen ähneln einander und verlangen dem jungen Albach-Retty keinerlei Mühe ab. Wolf kann als Beau posieren, in Filmen wie Frühjahrsparade (1934) eine Uniform ebenso kleidsam tragen wie einst sein Vater für den Fotografen. Was er im Film zu singen und sagen hat, ist frei von jeglichem Tiefsinn: „Ich freu’ mich, wenn die Sonne lacht! Ich freu’ mich, scheint der Mond bei Nacht“, heißt es in einem von Robert Stolz komponierten Foxtrott und einem Text von Ernst Marischka: „Ich weiß oft selber nicht warum! Ich bin halt dumm!“ In Liebling der Matrosen (1937) mimt er den Marineoffizier Leutnant Juritsch, der sich um ein fünfjähriges Mädchen (dargestellt von dem Kinderstar Traudl Stark) kümmert – ein als Offizier und Vatermodell tauglicher Gentleman, zumindest vor der Kamera. Im Leben wird er sich in dieser Rolle nicht bewähren.

Wolf Albach-Retty. 1930er Jahre. Noch vor der Jagd auf Wildpret und Frauenherzen muss man als seine größte Liebe wohl das Automobil ansehen.

Wolf Albach-Retty wird schnell zu einem beliebten Star des deutschen Kinos, zum verlässlich gewinnbringenden männlichen Teil für jegliche Lustspielkonstruktion. Für Interviews kämpfen sich die Reporter zwischen Damen in Garboschnitten, Titusfrisuren, Wuschelköpfen, Parfumwolken aus Chanel Nr. 5 und Soir de Paris hindurch, fragen ihn dann nach seinen bevorzugten Farben bei Frauenaugen oder Krawatten, seinen Hobbies. Da nennt er Fußball, Tennis, Bergsteigen, die Jagd, er betont, sich von Cadillacs leichter trennen zu können als von auf der Pirsch erbeuteten Geweihen. Es sind sichtbare Trophäen, nach denen er strebt, mit denen er sich gerne umgibt. Wolf liebt die Jagd, wie es schon sein Vater tat, der oft in der Villa des Schauspielers und Schriftstellers Rudolf Tyrolt in Gutenstein zu Gast war, um nach Ausübung des Waidwerks seine Lieblingsspeise, einen unterspikten Schweinsbraten, zu dinieren. Der Sohn begleitet ihn bald und wird sich später ein eigenes Jagdgebiet pachten: im Käfertal am Großglockner.

In den Drehpausen unterhält Wolf Albach-Retty den Drehstab mit Anekdoten und Scherzen, nennt alle vom Regisseur bis zu den Komparsen „Mein Schatz“ oder „Liebling“. Abends geht er mit Tirolerhut, braunem Lumberjack und Creppsohlenschuhen ins Nachtleben der jeweiligen Stadt, raucht stark, trinkt wenig, manchmal auch keinen Alkohol. Seine Gagen investiert er in ein angenehmes Leben, dazu gehören schnelle Autos, das erste ist ein Mercedes 4,5 Kompressor, das seine halbe Gage verschlingt. Seiner Mutter erzählt er am Telefon davon, in stolzer, jungenhaft lauter Diktion. Beim ersten Wien-Besuch fährt er damit vor dem Burgtheater vor und präsentiert sein Luxusauto stolz der Kollegenschaft. Die Familie nutzt alle Kontakte zur lokalen Polizei, um ihm Strafmandate wegen notorischer Geschwindigkeitsüberschreitung zu ersparen oder zu mindern. Sein Vater goutiert die neumodische „Bledheit“ seines Juniors nicht, ihn bringen öffentliche Verkehrsmittel ans Ziel. Die Frauen am Beifahrersitz wechseln rasch, am wichtigsten scheint Wolf zu sein, dass sie sich sorgsam die Schuhe abputzen – an deren Unterseite, damit sie sein Heiligtum nicht verschmutzen. Außer gegebenenfalls den Piloten dürfen die Damen nichts berühren, sich nirgendwo anhalten. Rosa erträgt so manch oberflächliche Bekanntschaft („sehr schön, sehr dumm“) ihres Sohnes mit mokantem Lächeln in ihrem Haus, dekoriert auf Wolfs Bitten hin seinen Bereich mit Blumen, kann sich nicht verkneifen, auch welche davon im Nachttopf zu platzieren. Sie hält sich aus seinem Beziehungsleben heraus, ihr Schweigen ist beredt genug, sie begnügt sich damit, die Halbwertszeit der Affären im Voraus zu schätzen. Es sind „Herzensschlampereien“, wie Arthur Schnitzler es genannt hat. Vergleiche mit dessen Figur des Anatol und Wolf bieten sich an.

Rosa fasst zusammen: „Film, Autos und Frauen waren, solange er jung war, die Leitmotive seines Lebens. Später las er eine Menge guter Bücher und befaßte sich mit Religion und Philosophie.“23 Im Frühjahr 1933 dreht Wolf in der Schweiz, diesmal heißt der Film Kind, ich freu mich auf dein Kommen. Aus Lugano, das im Leben seiner Familie später eine zentrale Rolle spielen wird, ruft er Rosa an, um ihr die (nächste) Frau seines Lebens anzukündigen. Bildschön, lieb, gescheit und seriös. Die Katalog-Adjektive kennt Rosa mittlerweile, auch das öfter verwendete Stichwort „Lebenspartnerin“, deren Namen sie meistens schon in dem Moment vergisst, wenn nach dem Abgang der Dame der Titel wieder frei wird. Doch immerhin ist Rosa neugierig auf den Namen – und diesmal fällt ihre Reaktion zu Wolfs Überraschung a priori positiv aus: „Ach ja, die ist entzückend!“24 Sie ist Schauspielerin, Rosa hat einige Filme mit ihr gesehen, besonders ihre Leistung in Max Ophüls’ Liebelei (1933) hat ihr dabei imponiert. Diesen Namen wird sich Rosa merken, weil er ein Leben lang und darüber hinaus mit der Familie Albach-Retty verbunden bleibt: Magda Schneider.

Ein Blick in die Zukunft repräsentiert dieses Familientreffen in Schönau am Königssee. Um 1970. Im Hause von Magda Schneider treffen sich Rosa, Magda und Romy Schneider, ihr Sohn David sowie Romys Bruder Wolfdieter mit dessen Familie, von der Tochter Patrizia zu sehen ist. Rosa erhält die Fotoserie als Erinnerung ein „unvergessliches Wochenende“. Und was bei dieser Zusammenkunft auch noch dokumentiert wird: Romys Beziehung zu ihrem Bruder ist eine besondere.


Magda

Ewig. Ist noch ein wenig länger als das Leben.

Arthur Schnitzler, Liebelei, 1894


Romy und Magda in New York. 1958. Man reist gemeinsam, streckt die Fühler nach Möglichkeiten zur Arbeit in der US-Filmindustrie aus, doch wie das Foto unbewusst verrät, werden sich die beruflichen Wege von Mutter und Tochter bald trennen.

Magda. 1933. Das Porträt stammt von der Wiener Modefotografin Edith Glogau. Ein Jahr zuvor hatte Magda einen Vertrag bei der Ufa unterschrieben.

Vom Büro zur Bühne

In diesem Geschäft, sagt man zu ihrer Zeit über das Filmen, bist du als Frau mit dreißig Jahren alt und mit fünfundreißig so gut wie tot. Es gilt demnach, die Zeit zu nützen, und das hat sie sich frühzeitig antrainiert. Sie lernt, studiert, probiert und verbessert sich, wenn es geht. Dass sie nach einer Zwangspause mit Mitte vierzig noch einmal an frühere Erfolge anschließen kann, die Resultate dieser Zeit ihr sogar eine gewisse „Unsterblichkeit“ zumindest im Feiertagsprogramm diverser Fernsehsender sichern, ist eine der zahlreichen Unwägbarkeiten in ihrem unberechenbaren Geschäft. Der Übergang von Liebhaberinnen- zu Mutterrollen kann Karrieren knicken oder sogar vorzeitig beenden, wie sie es bei vielen erlebt hat. So ist es verständlich, dass Magda Schneider 1956, nachdem ihr Ernst Marischka seine Pläne für eine Fortsetzung von Sissi dargelegt hat, vor allem im Hinblick auf ihre Tochter Romy eine kritische Anmerkung hat: „Nachdem Du uns Sissi II in groben Zügen erzählt hast, musste ich mal 1 Nacht darüber schlafen. Es hat mir sehr gefallen, aber Ernstl, es ist zu früh für Romy, eine Frau und Mutter zu spielen! Der ganze schöne Aufbau geht flöten u. wir unterbrechen mit dieser einen Rolle die ganze schöne Entwicklungslinie. Ich erinnere Dich an Deine eigenen Worte!! Junge, taufrische Geschöpfe muss sie spielen! Ich habe sehr genau überlegt, und ich verstehe Dich gut, es ist sehr naheliegend den Sissi-Erfolg weiter auszunützen, aber ich muss ja in erster Linie an die Weiterentwicklung des Kindes denken.“1

Besagte Weiterentwicklung wird sie vor allem interessieren, als Romy ein Teenager ist und sich zum Motor ihrer eigenen Karriere entwickelt hat. „Diese Jahre möchte ich noch einmal erleben“, das wird sie in Gesprächen deshalb später oft wiederholen und damit die Zeit meinen, in denen sie in den 50er Jahren gemeinsam mit ihrer Tochter acht Filme dreht, sich neuen Starruhm festigt, von Publikum und Presse gefeiert wird, nachdem der erste Erfolg, der sich zwanzig Jahre davor nur um ihre Person drehte, bereits verblasst ist. Dass ein Teil davon während der NS-Zeit stattfand, thematisiert in jenen Tagen niemand. Magda profitiert von der Ära des Wirtschaftswunders, in der man nicht über die zurückliegenden Jahre reden möchte, zumal viele der im Dritten Reich engagierten Personen in Politik und Wirtschaft wieder in guten Positionen sitzen, sondern lieber nach vorne blickt.

Oder weit zurück in die Historie. So lässt sich mit jener Art von „Papas Kino“, in dem Magda ihre erste Karriere begann, wieder gutes Geld verdienen. Sie feiert 1953 ihr Comeback, bei dem sie an ihre Zeit als Ufa-Star anschließen kann. Innerhalb weniger Jahre wurde sie ein Vierteljahrhundert davor zu einem der bekanntesten Gesichter des deutschen Tonfilms und ihr Allerweltsname ein Erfolgsgarant für zahlreiche Kinohits. Inhaltlich oft austauschbar, präsentierten die frühen Musiktonfilme ein Ensemble beliebter Schauspielerinnen und Schauspieler in ihrem Zentrum, vom dem sich das Publikum die immer gleiche Geschichte in leicht variierter Form stets neu erzählen zu lassen bereit war. Auch Magdas Privatleben gab Anlass zu Phantasien, denn im Gegensatz zu anderen Kolleginnen war sie tatsächlich mit einem prominenten, von der Masse verehrten Filmpartner verheiratet und schien somit privat ebenfalls in einer Märchenwelt zu leben. Ihre Tochter, zunächst nur in Homestories als familiärer Background erwähnt, wird später zu einem Weltstar. Allerdings hat Magda früh gelernt, dass das Leben abseits eines gesicherten Drehbuchs, ohne Schminke, schicker Abendkleidung und ausgeklügeltem Lichtdesign für einen Filmstar genauso unwägbar ist wie für eine Durchschnittsperson aus dem Publikum.

Geboren wird Magda am 17. Mai 1909 mittags um 12:30 Uhr in Pfersee, damals noch ein Industrievorort im Westen von Augsburg, der zwei Jahre später eingemeindet wird. Zu jener Zeit drückt ein anderer Augsburger, der später von sich reden machen wird, gerade die Schulbank am heutigen Peutinger Gymnasium auf der anderen Seite des Flusses Wertach: Bertolt Brecht. Später übersiedelt die Familie Schneider zunächst in die Stadtjägerstraße 26 und dann auf den Fasanenweg Nr. 2. Man tauft sie katholisch auf den Namen Maria Magdalena Schneider, ruft sie Leni, Lena, später Magda. Ihre Eltern sind der Installateur Xaver Schneider, geboren am 28. Dezember 1878, und seine Frau Maria, die am 28. Januar 1879 unter ihrem Mädchennamen Meier-Hörmann im Geburtenregister eingetragen wird. Xaver und Maria heiraten am 1. Mai 1904 in Marias Geburtsort Deubach, übersiedeln 1907 nach Pfersee und wohnen dort zunächst in der Stadtbergerstraße auf Nr. 45. Aus den Dokumenten im Augsburger Stadtarchiv geht auch hervor, dass Magda eine Schwester namens Irmengard hatte, die am 15. Dezember 1913 geboren wurde und bereits am 1. März 1917 in Augsburg verstarb.

Im Gegensatz zu ihrem ersten Ehemann hat Magdas Familie keinerlei Beziehung zum Theater. Sie muss sich ihre Karriere daher allein aufbauen und darf sich in der Branche später zu Recht als „Außenseiterin“ definieren. Um sich herum sieht sie in ihrer Kindheit Industrie- und Gewerbebetriebe, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts hier angesiedelt haben. „Und sonst hast du keine Wünsche?“2, fragt ihr Vater sie daher, als sie ihm als Heranwachsende erstmals ihre Träume von einer Bühnenkarriere offenbart. Er selbst hat sich als Sohn des aus dem bayerischen Memmingen stammenden Tagelöhners Thomas Schneider und seiner Frau Anna, geborene Gut, vom Erdarbeiter, Soldat und Tagelöhner zum Installateur hochgearbeitet. Wenn auch rhetorisch gemeint, beantwortet Magda die Frage im Laufe der nächsten Jahre doch mit einem klaren Nein. Sie hat ein Ziel vor Augen und wird es mit der ihr eigenen Gründlichkeit, ihrem Fleiß und dem Hang nach Perfektion auch erreichen.

Das für ein Mädchen aus ihrem Stand vorgegebene Muster – einen einfachen Beruf ergreifen und dann möglichst schnell heiraten – ist nicht nach ihren Vorstellungen. Etwas scheint sich früh in ihr ausgebildet zu haben: Sie weiß genau, wie sie nicht leben will, hat eine vage Ahnung davon, wohin sie sich entwickeln möchte, und dabei sehr früh erkannt, dass sie dafür hart arbeiten muss und auch dazu bereit ist. Das sind Charaktereigenschaften, die sich später auf ihre Tochter übertragen.

Ihre ersten Bühnenerfahrungen macht sie, wie andere Kinder, bei Weihnachtsspielen. Sie tritt einem Gesangsverein bei, nimmt Geigenunterricht. Immer wenn ihr Chor bei festlichen Anlässen ein Stück aufführt, ist Magda mit dabei, adaptiert Geschichten für die Bühne, hilft bei der dramaturgischen Konzeption. Ein von ihr geschaffenes und betreutes Werk öffentlich aufgeführt zu sehen, macht sie stolz, doch bleibt alles noch auf den Amateurbereich beschränkt.

Dem Wunsch der Eltern folgend, ergreift Magda nach dem Abitur zunächst einen bürgerlichen Beruf und wird Stenotypistin in einer Augsburger Getreidehandlung, ohne den Beruf jemals schätzen zu lernen. Im Grunde spielt sie die subalterne Bürokraft nur, wie später in Filmen, dort dann jedoch für bedeutend mehr Gehalt. Über ihren Gesangsverein, dessen Leiter auch dem Chor des kommunalen Theaters vorsteht, gerät sie in Kontakt mit der Bühnenwelt – und dieser Chorleiter ist es, der ihren Vater von ihrem Talent überzeugen kann. Sängerin zu werden ist ihr Berufsziel, sie besteht die Aufnahmeprüfung in das Leopold-Mozart-Konservatorium, studiert dort mit dem sie auszeichnenden Fleiß und eignet sich nach eigenen Angaben über zwanzig Partien an. Ihre Stimme ist nicht groß genug für eine Opernprimadonna, aber in ihrer Leichtigkeit und Beweglichkeit ideal für das in vielen Sparten einsetzbare Fach einer Soubrette. Magda studiert Schauspiel, Gesang, Ballett – all das wird ihr später beim Tonfilm helfen, der sich um 1930 in Deutschland etabliert. Neben dem Theater besucht sie das Kino regelmäßig, sieht zunächst die mit Livemusik begleiteten Stummfilme jener Zeit. Im Augsburger Adressbuch sind 1919 sechs „Lichtspieltheater“ verzeichnet, darunter der Gloria-Palast, die Schauburg und die Hofbräu-Lichtspiele. In Pfersee eröffnet bei wesentlich günstigeren Kartenpreisen in der Augsburger Straße im Jahr 1926 das Odeon. Ab 1928 beherbergt die Stadt mit dem Emelka-Palast sogar eines der zehn größten Kinos in Deutschland, das ab 1930 Tonfilme zeigt, nur ein paar Jahre später auch solche, in denen Magda agiert.

Magda Schneider in Die heimlichen Bräute. 1944. Im deutschen Film punktet Magda durch Natürlichkeit und Charme.

Sammelbild für das Salem Gold-Film-Bilder-Album Nr. 2. 1930er Jahre. Ein „Fan-Artikel“ dokumentiert ihre Beliebtheit.

Die Deutschland erfassende Wirtschaftskrise der späten 20er Jahre scheint Magdas Pläne zu vereiteln, der Vater verliert sein Geld, das Konservatorium wird dadurch unbezahlbar. Doch Magda kämpft um ihren Beruf, will nicht umsonst gelernt haben, ist bereit für ein Engagement. Ihr Lehrer auf dem Konservatorium schickt sie zur Überbrückung der Situation in die Ballettschule des Stadttheaters, wo zunächst niemandem auffällt, dass sie kein Schulgeld bezahlt. Der Unterricht ist fordernd, doch sie hat Disziplin und Stärke, und wenn er beendet ist, trainiert sie weiter und perfektioniert sich in Eigeninitiative. Die Ballettschülerinnen erhalten regelmäßig die Chance, in den laufenden Opern- und Operettenproduktionen des Theaters eingesetzt zu werden. Magda ist fest entschlossen, diese Chance zu nutzen, bis ein Ereignis beinahe alles wieder vereitelt. Als man sie auffordert, das Schulgeld zu bezahlen, muss sie eingestehen, dass sie das nicht aufbringen kann. Das würde ihren sofortigen Ausschluss bedeuten, doch Magda reagiert, wie sie das künftig immer tun wird: Mit offensivem Selbstbewusstsein und zutiefst pragmatisch. Sie verweist auf ihr erlerntes Repertoire, bittet um die Möglichkeit, ihr Können unter Beweis stellen zu dürfen. Karl Lustig-Prean, der Leiter der Schule, der später auch in Wien am Konservatorium arbeitet, ist amüsiert von dem Monolog der selbstbewussten kleinen Elevin und teilt ihr mit, es sich überlegen zu wollen. Tatsächlich wird Magda von einer Probe spontan zum Vorsingen abberufen, ist entsprechend nervös, aber dann tritt etwas ein, auf dass sie ihr Leben lang zählen wird. Im Augenblick der Bewährung kann sie sich auf ihre Fähigkeiten verlassen, wird sie ruhig, agiert präzise, überzeugt mit der Arie der Adele (Mein Herr Marquis) aus dem 3. Akt der Fledermaus von Johann Strauß Sohn.

Am nächsten Tag unterschreibt Magda einen Dreijahresvertrag als zweite Soubrette mit für sie fürstlichen 150 Mark Gehalt im Monat – da sind genau 149 mehr, als sie bisher an Taschengeld erhielt. Damit kann sie sich und ihren Eltern das Leben erleichtern. Nachdem die erste Soubrette öfter als Tänzerin eingesetzt wird, singt sie in der Spielzeit 1929/30 in Operetten wie der Fledermaus, der Puppenfee, dem Land des Lächelns, dem Zigeunerbaron. Ihren ersten Auftritt hat sie in einer Statistenrolle in Giacomo Meyerbeers Oper Die Afrikanerin am 19. Februar 1929. Elf weitere Partien, zumeist Nebenrollen, folgen in dem Jahr. Auf den Fotos aus jener Zeit verkörpert sie den aus Amerika bekannten Typus des „Flapper-Girl“ mit kurzen Röcken und kurzem Haar. Das Publikum nimmt die Neue mit dem hübschen Gesicht und dem bodenständigen Charme freundlich auf, der erste Soloapplaus für sie erschreckt sie fast, doch ist es genau der Moment, auf den sie hingearbeitet hat. Auf dieses Gefühl der Bestätigung, auf das sie nie wieder verzichten will.

Andere Theaterdirektoren werden auf sie aufmerksam, darunter das renommierte Theater am Gärtnerplatz in München. Am 10. Mai 1930 singt sie dort in Robert Gilberts Operette Die leichte Isabell die Titelpartie. Ihr Partner ist der vom Film her bekannte Paul Heidemann, der erste prominente Star, mit dem sie zusammenarbeitet. Er hat unter anderem mit Ernst Lubitsch gedreht, stand mit Harry Liedtke und Marlene Dietrich vor der Kamera. Dennoch ist Magda das Ereignis der Produktion, das Münchener Tageblatt nennt sie einen aufgehenden Stern, der seine ersten, wenn auch noch schüchternen Strahlen aussendet und voll gewinnender Jugendlichkeit sei. Der Münchener Intendant Julius Dewald bleibt vom Lob der Presse nicht unbeeindruckt, möchte sie fest engagieren, doch sie ist für drei Jahre an Augsburg gebunden. Der dortige Direktor entlässt das Talent jedoch großmütig aus dem Vertrag, so kann Magda ihre Karriere an einer der wichtigsten Operettenbühnen Deutschlands fortsetzen. Zwei Souvenirs aus der Anfangszeit sitzen in den folgenden Jahren auf allen ihren Schminktischen in Theatern bis hin zu Filmateliers: die Figur einer Micky Maus, die sie bei ihrem ersten Auftreten in Augsburg erhielt, und ein kleiner Teddy, der sie seit ihrer Premiere in München begleitet.

Bis zu vierzig Mal steht sie innerhalb eines Jahres in insgesamt 14 Produktionen im Monat auf der Bühne, arbeitet wie besessen, kann sich in der teuren bayerischen Großstadt jedoch keine eigene Wohnung leisten, wohnt zur Untermiete. Vom 24. Mai 1930 bis zum 1. Mai 1931 logiert sie in der Klenzestraße Nr. 27 und danach bis 24. Juni 1931 in der Müllnerstraße Nr. 20. Bei einer Gastspielreise nach Wien im Jahr 1930 ist der Direktor des Theaters an der Wien, Hubert Marischka, von ihrer Leistung so begeistert, dass er ihr spontan das Angebot macht, ihre Karriere in der österreichischen Hauptstadt fortzusetzen, doch München will Magda nicht gehen lassen. Die Verbindung zu Wien und Marischka bleibt dennoch bestehen, mit Huberts Bruder Ernst wird Magda ein Vierteljahrhundert später einige ihrer (und seiner) erfolgreichsten Filme drehen.

Standfoto für Die Puppenfee. 1936. In dem von Joseph Bayer komponierten gleichnamigen Ballett, das motivisch in den Film eingebaut wurde, tanzte Magda Schneider sechs Jahre zuvor noch in Augsburg auf der Bühne.

Von der Bühne ins Studio

Im Jahr 1931 fügen sich die Ereignisse in Magda Schneiders Leben auf seltsame Weise zukunftsweisend. Das Theater am Gärtnertor geht kurzfristig pleite, Magda ist daher ohne berufliche Bindung und erkennt: „Wenn man Karriere machen will ist es wichtig, sich nicht zu sehr festzulegen, keine zu starken Bindungen einzugehen und sich nicht selber durch zu langfristige Verträge Fesseln anzulegen. Man muß und kann damit rechnen, daß immer Angebote und Gelegenheiten kommen, die einen ganz unerwartet weiterhelfen können – aber nur, wenn man nicht gebunden ist.“3

Durch die Theaterpleite eröffnet sich Magda eine Chance, beim Film unterzukommen. Das Ende der Stummfilmzeit hat dem Musiktonfilm zum Erfolg verholfen, ein Genre, für das sie aufgrund ihrer Ausbildung prädestiniert erscheint. Der erste Kontakt zum neuen Medium fällt jedoch negativ aus, denn ihre ersten Probeaufnahmen überzeugen die Verantwortlichen der Ufa nicht. Kurioserweise gefällt sie sich selbst ebenfalls nicht, als sie sich zum ersten Mal auf der Leinwand sieht. Vielen geht es anfangs so, wird sie getröstet. An Aussehen und Stimme muss sie sich erst gewöhnen – und sie wird es ebenso tun wie das Publikum. Der Tonfilm muss sich Anfang der 30er Jahre erst etablieren, die technischen Voraussetzungen der Abspieleinrichtungen sind noch nicht ausgereift, die Tonqualität ist oft mangelhaft.

Dennoch bleibt der Film ihre große Hoffnung. Sie ist es gewöhnt, Ziele zu erreichen. In drei Produktionen spielt sie bei kleineren Filmfirmen in den Jahren 1930 bis 1931 Nebenrollen: eine Zofe, eine Telefonistin und eine Sekretärin. Das neue Gesicht fällt den renommierten Filmemachern dabei auf. Der Österreicher Joe May, einer der wichtigsten Regisseure der Unterhaltungsbranche mit eigener Produktionsfirma, sucht eine Hauptdarstellerin für seinen Film Zwei in einem Auto. Die Rolle beschreibt eine Siebzehnjährige, Magda ist zwar bereits 21, aber von kleinem, zierlichem Körperbau und wird 1931 für ihren ersten erfolgreichen Film engagiert. Das Drehbuch stammt von Ernst Marischka, der sie von ihrem Wiener Gastspiel her kennt und der Film schematisiert ein ewig gleiches Sujet: Ein junges einfaches Mädchen erobert mit ihrem natürlichen Charme einen Adeligen. Das Publikum nimmt den Film begeistert auf, Magdas Typ einer natürlichen Schönheit gefällt, zu ihrer Freude werden erste Künstlerpostkarten mit ihrem Konterfei gedruckt. Bislang hat sie selbst welche von Filmstars gesammelt, innerhalb kurzer Zeit wird sie sich nun einen eigenen Namen gemacht haben und ganze Serien begründen.

In vielen Filmen verkörpert Magda den modernen Aschenputtel-Typus, der letztlich ihre eigene Biografie zu bestätigen scheint. Als „Frau von Nebenan“, Mädchen aus einfachen Kreisen mit Allerweltsberufen, dem praktischen, patenten Zugang zu den Dingen, sticht sie die dem „Prinzen“ in der Geschichte ursprünglich zugedachte „Prinzessin“ aus. Wie manche ihrer Kolleginnen wird Magda verkörpern, wonach sich das Publikum der 30er Jahre sehnt: eine hübsche, adrette Person von natürlicher Frische in einer Handlung, die es für anderthalb Stunden von Alltagssorgen entbindet. Magdas Filme präsentieren eine monochrome Welt möglichen Glücks, die sich spätestens nach eineinhalb Stunden erschließt. Nach dem Happy End wird wohlweislich abgeblendet, wie schon Kurt Tucholsky schrieb. Publikum und Presse sind gleichermaßen begeistert. Mit ihr, so liest man, hätte der Typus des „süßen Mädels“ eine neue Dimension erhalten, mag sein durch eine leicht herbe Note. Man schreibt von „strahlender Jugend“ und „natürlicher Frische“ – schmeichelnde Begriffe, aber solche mit Ablaufdatum, die sich bei ihr wie bei ihren Kolleginnen mit den Jahren zu einer Hypothek auswachsen werden.

Magda übersiedelt nach Berlin, meldet sich am 12. September 1932 am Kaiserdamm 76 in Charlottenburg an, unterzeichnet einen Vertrag bei der Ufa. Es gibt Diskussionen wegen ihres deutschen Allerweltsnamens, den man internationaler gestalten möchte, oder zumindest den Vornamen in „Maggie“ umwandeln, was sie konsequent ablehnt und auf andere erfolgreiche Beispiele mit Durchschnittsvor- und -nachnamen verweist, etwa bei den Kolleginnen Sibylle Schmitz oder Renate Müller. Ihr Kalkül geht auf und sie kreiert ihren eigenen Typus. Magda will nicht unerreichbar strahlen, sondern als authentisches, natürliches Geschöpf agieren, mit dem eine Identifikation leichtfällt. Das porzellanhaft Puppenartige einer Lilian Harvey liegt ihr ebenso wenig wie das Vamphafte einer Pola Negri. Magda prägt das Signum der Natürlichkeit. Ihr Gesicht ist von breitknochiger Symmetrie, die Haare sind ordentlich aus der Stirn zurückgekämmt, damit sie manchmal in einer Szene ins Gesicht fallen dürfen und so etwas Unordnung suggerieren im sonst so kontrollierten Wesen. Ihre künstlich geschminkten Brauen schlagen hohe Bögen, überspannen weit ihre rehbraunen Augen, wirken wie Viadukte, auf denen sie ihre Emotionen leiten kann. Magdas Waffe ist ihr Lächeln. Sie tut es manchmal mit gefletschten Zähnen, aber sie lächelt. Und mit ihr das Publikum. Ihrer Tochter Romy wird sie später bei offiziellen Anlässen ebenfalls zuzischen, sie möge mehr lächeln. Auf den Starfotos blickt sie oft nach oben, vertraut auf etwas in der Ferne Liegendes. Eine erste Publikation über Magda erscheint 1935. Im Rahmen anderer Starporträts verfasst Dr. Werner Holl Das Buch von Magda Schneider, eine Biografie mit vier Umschlagbildern und 52 Seiten. Der Inhalt verspricht „interessante Abbildungen“. Zu haben ist es für 95 Pfennig, plus 15 Pfennig Portospesen.

Die Puppenfee. 1936. Die anonyme Zeichnung zeigt Magda mit selten ernster Miene.

Auch was ihr Domizil betrifft, unterscheidet sich Magda von ihren Kolleginnen, die gerne in mondänen Behausungen repräsentieren. Während andere Stars ihre Gagen in ein aufwändiges Leben in Berlin investieren, hat Magda andere Pläne. Weit weg von der Metropole und Arbeitsstätte Berlin, in Bayern zwischen Berchtesgaden und dem Königssee, erwirbt sie 1934 ein Grundstück in der Schönau, nennt es Mariengrund und lässt sich dort ein imposantes Haus im Stil der Gegend aus Holz und Steinen mit grünen Fensterläden erbauen: „Schlichte, weißgetünchte Mauern, von Wind und Wetter dunkelgefärbte Hölzer, die Dächer ziehen sich weit herunter und lassen Platz für leuchtende Blumenkaskaden, die von Balkonen herunterrieseln.“ 4 Dorthin fließt der Großteil ihrer Einnahmen aus dem Filmgeschäft, auch ihre Eltern ziehen bereits am 22. September 1935 aus Augsburg in die Schönau an den Grabenweg, wo die vielbeschäftigte Tochter nur ihre Ferien verbringt. „Die Familie Schneider wohnte von der bäuerlich-ländlichen Umgebung etwas abgehoben am Gelände des alten Bauernhofes Winkelen in einem villenartigen Haus […]. Es war ein vom äußeren Bild her gehobener Lebensstandard. Sie hatten zum Beispiel ein Schwimmbad und der Garten war von einer geschnittenen Hecke umgeben, was man damals in der Schönau kaum sah“5, erinnert sich ihr Nachbar Wolf Calebow.

Magdas Filme finden großes Publikumsinteresse, mehrjährige Verträge bescheren ihr jedoch auch zahlreiche Rollen, die sie nicht sehr schätzt, später als „Tralala-Hopsasa“ abtun wird. In manchen Produktionen aus jener Zeit, wird sich Magda später beklagen, verkörpert sie nur ein Objekt, das neben dem Hauptdarsteller agieren darf. Das Lied einer Nacht (1933) ist für sie so ein Beispiel, ein der Zeit geschuldeter „Sängerfilm“ mit dem populären polnischen Tenor Jan Kiepura in der Hauptrolle, in dem sie sich retrospektiv bloß als „Sängermaskottchen“ bezeichnet. Aber Kiepura ist erfolgreich, sie dadurch ebenfalls. Manche von Magda interpretierten Lieder werden Schlager, darunter Ich kenn’ dich nicht und liebe dich, den sie 1934 gemeinsam mit Willi Forst in dem gleichnamigen Film singt, oder das textlich etwas weniger anspruchsvolle Mir geht’s immer „danke schön“ aus dem Film Wintertraum (1935). Ihr Partner in diesem Film begleitet sie seit einiger Zeit auch durch ihr Leben.

Im Jahr 1933 lernt Magda Wolf Albach-Retty bei dem Film Kind, ich freu’ mich auf dein Kommen kennen, findet ihn gutaussehend, prächtig, gut gelaunt und verliebt sich in ihn, wie schon manche Schauspielerin vor und nach ihr. Ein Vierteljahrhundert später wird sie ihre Tochter Romy warnen, einen attraktiven Mann wie Alain Delon habe eine Frau nie für sich allein – und sie weiß, wovon sie redet. Sie selbst dürfte niemand gewarnt haben. Im Gegensatz zu anderen Traumpaaren wie Willy Fritsch und Lilian Harvey werden Magda und Wolf tatsächlich heiraten. Eine andere schicksalshafte Fügung, nur ein Jahr nachdem sie erstmals mit Wolf dreht, wird sie zunächst vergessen und erst Jahre später wieder daran erinnert werden. 1934 steht sie mit Wolf in Paris vor der Kamera. Der zu drehende Film ist Die Katz’ im Sack, als Wolfs Partnerin ist ursprünglich Elvire Popescu vorgesehen. Als sie erkrankt, wird Magda Schneider an ihrer Stelle nachbesetzt. Eine weitere Rolle im Film spielt die deutsche Schauspielerin Tina Eilers, die von ihrem Verlobten in Paris besucht wird. Der verbringt dadurch öfter Zeit mit Magda, die er nicht nur als Schauspielerin schätzt. Sie verstehen sich gut. Im Scherz meint er zu ihr in Hinblick auf Wolf: „Wenn Sie sich das mal überlegen sollten, dann sagen Sie mir doch Bescheid. Ich würde sie gerne näher kennenlernen.“ 6 Es wird 14 Jahre dauern, bis es dazu kommt, und Magda sich erinnert, damals in Frankreich ihren zukünftigen zweiten Ehemann kennengelernt zu haben: Hans Herbert Blatzheim.

Rosa, Wolf und Magda in Salzburg. 1937. Abseits offizieller Auftritte präsentieren sich die Film- und Theaterstars gerne folkloristisch in Tracht.

Magda und Wolf in Rendezvous in Wien. 1936. In ihren Filmen löst sich die Spannung zwischen den beiden spätestens beim verlässlich stattfindenden Happy End.

Mitte der 30er Jahre ist Magda verliebt in Wolf, hat ihrem Lächeln längst seinen Namen gegeben. Sie machen Reisen nach Budapest, Venedig, logieren in Wien und St. Gilgen bei den Wiener Schwiegereltern. Ebenso wie Magda liebt auch Wolf das Leben auf dem Land abseits formeller Kleidung und Habitus. Privat präsentiert sich der in Filmen stets elegant gekleidete Beau zu ihrem Erstaunen eher als „liebenswerter Lackel“, der am liebsten in Lederhosen und Tracht Hochwild am Großglockner oder in Ungarn Wildschweine jagt. Wenn Wolf bei Magda zu Besuch in der Schönau ist, trägt er oft seine abgenutzte Lederhose und seinen schäbigen Jagdrock. Er sei wohl auf Wanderschaft, meint zu ihm daher einmal ein Einheimischer, der ihn nicht erkennt, und er fragt, ob er sich hier Geld verdienen wollte. Wolf bejaht und fragt, ob es Arbeit für ihn gäbe. Mist abladen wird ihm angeboten, bevor er antworten kann, klärt Magda das Missverständnis auf.

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Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
327 s. 96 illüstrasyon
ISBN:
9783990406502
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