Kitabı oku: «Als DDR-Auslandskader in Mosambik (1979 – 1982)»

Günter Mosler
Günter Mosler
Als DDR-Auslandskader in Mosambik
1979 – 1982
Zwischen Dschungel, Taiga, Savanne, Wüste und Heimat
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2013
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Copyright (2013) Engelsdorfer Verlag Leipzig
1. digitale Auflage 2013: Zeilenwert GmbH
Alle Rechte beim Autor
Fotos © Günter Mosler
ISBN 9783954887705
www.engelsdorfer-verlag.de
INHALT
Cover
Titel
Impressum
Vor dem neuen Auslandsarbeitseinsatz
Meine Dienstreise in die VR Angola vom 28. März – 16. April 1979
Vor der Ausreise
Das erste Jahr 1979/1980 in Moatize
Das zweite Jahr 1980/1981 in Moatize
Das dritte Jahr 1981/1982 in Moatize
VOR DEM NEUEN AUSLANDSARBEITSEINSATZ
Nach einem langem Kadergespräch im Ministerium für Bauwesen der DDR, liegt meine Bereitschaft zum weiteren Auslandarbeitseinsatz vor.
Im arabischen Raum, wie in Syrien, Irak oder Kuwait wäre der nächste Arbeitseinsatz möglich. Helene an meiner Seite, Dollarscheine zum Leben, Rest transferieren, aber auch ein arabisches Land kennenlernen - das alles hat seinen Reiz. Denkbar wäre ein Einsatz in Syrien. In Aleppo werden Stahlbetonsilos im Gleitbauverfahren von der DDR gebaut. Über Bau-Exportleistungen im NSW erfährt man nichts, in der Kombinatsleitung ist das ein geschütztes Geheimnis. Danach zu fragen, könnte für einen Reisekader böse Folgen haben. Der „Dollar-Kuchen“ ist längst unter einigen Genossen und Nichtgenossen verteilt.
Seit dem 2. Mai 1978 bin ich wieder im VEB Bau- und Montagekombinat „Chemie“ im Einsatz, aber nicht in Zeitz, sondern im Betriebsteil Leuna. Die Oberbauleitung hat von meiner Bereitschaft zum weiteren Auslandeinsatz Kenntnis genommen und versetzte mich daraufhin in die Baubetriebsleitung.
Es wäre nicht böse gemeint, aber verständlich: Für langfristige Aufgaben bin ich für eine Oberbauleitung ungeeignet.
Also muss ich die bittere Pille schlucken, jeden Morgen 4:00 Uhr aufstehen, um ca. 4:50 Uhr zur Bushaltestelle rennen und am späten Nachmittag gegen 17:30 Uhr zu Hause sein.
Als Technologe wälze ich Bauzeichnungen, stelle Baumaterial, Arbeitszeiten und Baumaschineneinsätze zusammen, erarbeite Bauablaufpläne, löse Aufträge und Bestellungen aus, bin auf Baustellen zu Arbeitsberatungen oder Erläuterungen bestimmter Details einer technologischen Ausarbeitung.
Wenn ich in einer Oberbauleitung erscheine, betrachtet man mich als Exot: „Ach du bist der Mosler, der in Vietnam und Sibirien war.“
„Haben die Amerikaner den Vietnamesen großen Schaden angerichtet?“
„Ist es dort wirklich so schwülwarm? “
„Was habt ihr dort gebaut? “
„Gibt es in Vietnam nur Reis zum Essen?“
„Habe gehört, Vietnamesen essen Hundefleisch. Stimmt das?“
„Sind Vietnamesinnen scharfe Weiber?“
„Habe gehört, Vietnamesinnen haben kleine Tüten. Stimmt das? “
Andere stellen Fragen zu Sibirien:
„Ist dort wirklich so kalt, dass die Spucke wie ein Stein zu Boden fällt?“
„Mein Alter erzählt, dass ihm bei den Russen, in der Gefangenschaft, der Arsch an der Latrine festgefroren ist und beim Pinkeln, im Freien, kam am Ende eine dünne Eisstange heraus, aber weißt du, wenn mein Alter was gesoffen hat, erzählt er Stories über sein Leben in der Gefangenschaft.“
„Wie kann man bei -40 °C/-30 °C arbeiten?“
„Gibt es spezielle Technologien zur Herstellung und Verarbeitung von Beton bei den sowjetischen Freunden?“
„Der Boden ist doch gefroren, wie kann man darauf bauen?“
„Scheint auch dort die Sonne?“
Sie stellen diese Fragen und ich gebe bereitwillig Auskunft. Meine Dia-Vorträge im Baubetrieb, Schulen, Hausgemeinschaften kommen gut an. Von Schülern kommen ebenfalls interessante Fragen: „Wie weit ist der Kommunismus in der Sowjetunion fortgeschritten?“
„Ob ich in Moskau Leonid Breschnew begegnet bin oder ob ich im Lenin-Mausoleum war.“
„Liegt dort tatsächlich der Leichnam Lenins oder eine Wachspuppe?
„Gibt es in Sibirien auch Sommerferien oder nur Winterferien?“
Auch solche Fragen beantworte ich ausführlich.
Obwohl die Tätigkeit in der technischen Abteilung interessant ist, füllt sie mich nicht aus. Acht Stunden lang im verqualmten Raum sitzen, schmeckt mir nicht. Unter beliebigem Vorwand, mit einer Englischvokabelliste in der Hand, verlasse ich den Raum, gehe ins Freie und pauke Englisch.
Mein Parteisekretär kommt auf mich zu und sagt: „Günter, von der Kreisparteileitung wurdest du für den kommenden Kreisparteilehrgang und anschließend für die Bezirksparteischulung in Ballenstedt nominiert. Für deine verantwortungsvolle Auslandstätigkeit brauchst du theoretische Kenntnisse über Marxismus-Leninismus, damit du standfest in Diskussionen mit Andersdenkenden bist. Aus deinen Akten geht hervor, du hast an so wichtigen Lehrgängen noch nicht teilgenommen.“
Mein Gehirn wird immer hellhöriger und denkt: ‘So ein Scheiß passt doch nicht in mein Berufsumfeld.’ Doch ich antworte meinen Parteisekretär: „Oh, das ist nett, dass die Kreisparteileitung an mich denkt. Warum nicht? Wenn das in meinen Zeitplan passt, bin ich sofort bereit, meine marxistisch-leninistischen Kenntnisse zu vertiefen. Die Kreisparteileitung hat recht, wertvolle Argumente für Diskussionen mit Andersdenkenden sind eine gute Waffe, Genosse Parteisekretär.“ Bei dieser Lüge werde ich gar nicht rot im Gesicht.
Über zwei Wochen bin ich schon in Leuna, die tägliche Fahrt hin und zurück. Es wird immer langweiliger. An das Kramen in verstaubten Zeichnungen und Akten kann ich mich nicht gewöhnen. Ich bewundere die Kollegen, die täglich viele Stunden den Stuhl oder Sessel drücken, Frühstück, Mittag und Kaffeetrinken pflegen, dazwischen arbeiten und den Feierabend erwarten. In der Baubetriebsleitung gibt es auch Kollegen, die meinen Ehrgeiz, Mut, Risikobereitschaft hoch schätzen. Sie stellen sachliche Fragen zur Verständigung, zum Zusammenleben und -arbeiten mit Menschen fremder Kulturen, besonders in der Anfangszeit eines Auslandeinsatzes. Meine Erzählungen werden mit Interesse verfolgt, ich muss versprechen, bald einen weiteren Dia-Vortrag zu halten.
Während des Mittagessens sagt mein Parteisekretär: „Hätte ich gewusst, dass sich dein Einsatz weiter verzögert, dann hätte ich dich zum Kreisparteilehrgang delegiert, du stehst auf der Dringlichkeitsliste.“
Ich zucke mit den Schultern und will den Spruch meiner Großmutter wiederholen: Der Mensch denkt und Gott lenkt, aber mein Parteisekretär sprach plötzlich einen vorbeigehenden Genossen an.
Ich werde zum Betriebsdirektor gerufen. Bestimmt geht es darum, in seinem Auftrag eine Baustelle aufzusuchen oder zum Nachauftragnehmer zu fahren. Mein oberster Chef schaut mich lächelnd an und sagt: „Hier ist ein Dienstreiseauftrag, morgen musst du dich beim Ministerium für Bauwesen in der Kaderabteilung melden.“
Mein Blutdruck und Kreislauf pulsieren immer höher, ein Gedanke löst den anderen ab. Ein neuer Einsatz steht bevor! Aber wo? Syrien, Irak, Kuwait?
Der Direktor sagt weiter: „Wir werden dich bald verabschieden müssen“, und fragt: „Hast du eine Ahnung, welches Land das sein wird?“
„Nein“, antworte ich.
Am nächsten Morgen ziehe ich meinen Ausgangsanzug an und binde die Krawatte um. Helene sucht und findet zwischen Knöpfen und Nadeln mein Parteizeichen. Ich bringe es am Jackenrevers an, aber muss lange überlegen ob links oder rechts. In einer alten Zeitung entdecken wir Erich Honecker mit seinem Parteizeichen auf der Seite des Herzens. Dann frühstücken wir gemeinsam, anschließend bringt mich Helene zum Bahnhof.
Im Ministerium für Bauwesen werde ich von Helga, der Sekretärin zum Chef der Kaderabteilung, begleitet.
Nach einer flüchtigen Begrüßung, kommt er sogleich zur Sache: „Genosse, wir brauchen dich dringend in Mosambik! Bist du dazu bereit?“
Eine neue Situation ist entstanden. Ich überlege kurz und sage: „Für einen weiteren Auslandeinsatz halte ich mich seit März bereit, in Brandenburg-Plaue habe ich meine Englischkenntnisse vertieft. Aber aus der Länderkunde ist mir bekannt, Mosambik war eine portugiesische Kolonie, dort wird Portugiesisch gesprochen.“
Darauf bemerkt mein Gesprächspartner: „Genosse, das ist zutreffend – und für diesen Einsatz wirst du zum Portugiesisch-Sprachlehrgang delegiert. Mit Helga fährst du zur Schwarzen Pumpe und dort erfahrt ihr alles Weitere. Übrigens: Die Schwarze Pumpe ist der Generalauftragnehmer für das Vorhaben in Mosambik.“
Danach verabschieden wir uns freundlich.
Was bauen wir in Mosambik? Nichts Konkretes konnte mir der Kaderchef sagen. Oder wollte er nicht?
„Wir unterstützen dort den mosambikanischen Bergbau“, war seine kurze Antwort.
Tief in Gedanken versunken trete ich an meine Rückreise nach Zeitz. Um mich abzulenken, gehe ich zum Mitropa-Wagon, bestelle ein Radeberger Bier und unterhalte mich mit anderen Reisenden im Gang.
Am Bahnsteig in Zeitz steht Helene mit Buffy. Unterwegs berichte ich über die neue Lage.
Auch Helene sagt: „Mosambik war doch eine portugiesische Kolonie, dort wird Portugiesisch gesprochen. Heißt das, unser Englischpauken ist für die Katz gewesen?“
„Mit Englisch kann man sich überall verständigen. Aber du hast recht, in Mosambik wird Portugiesisch gesprochen und ich werde in nächster Zeit zum Sprachlehrgang delegiert“, antworte ich. So richtig können wir uns mit der neuen Lage noch nicht abfinden. In bester Stimmung ist Buffy. Unser kleiner weißer Pudel springt um mich herum, will gekuschelt werden, kommt auf meinen Schoss, wackelt mit der Rute und freut sich.
„Ob wir Buffy mitnehmen dürfen?“, fragt Helene.
„Wir werden uns darum bemühen“, antworte ich.
Im Baubetrieb spricht sich meine Afrika-Delegierung schnell herum. Kollegen stellen Fragen über Fragen, die ich nur oberflächlich beantworten kann. Abwimmeln möchte ich die Kollegen nicht, sonst würde man mich als Hochnäsigen betrachten. In Gruppengesprächen, besonders auf Baustellen, höre ich blöde Bemerkungen. „Da wirst du schwarze Weiber mit hängenden Tüten sehen. ... Diesmal bekommst du harte Währung, da könnt ihr im Intershop einkaufen. ... Du musst gute Beziehungen haben, dich schicken sie ständig ins Ausland, jetzt sogar nach Afrika, dort kommt kein Schwanz von uns hin.“ Einer klagte: „Meine Oma ist vor kurzem verstorben. Mein Alter wollte zu Beerdigung seiner Mutter in den Westen und hat keine Ausreisegenehmigung bekommen. Es war nichts zu machen, obwohl er gute Einschätzungen vom Betrieb und Anglerverein bekam. In Höxter hat die Verwandtschaft auf ihn gewartet, ohne Erfolg, mit fünf Tagen Verspätung und ohne die Anwesenheit meines Vaters, wurde Oma beerdigt.“
Ein Witzbold schaltet sich ein und fragt: „Uwe, du trauerst doch nicht um deine Oma, nur um die D-Markscheine, die euch beiden durch die Lappen gegangen sind!“
Heute fahre ich mit Helene mit unserem Wartburg zur „Schwarzen Pumpe“. Eine Genehmigung der Baubetriebsleitung liegt vor. Helga vom Ministerium für Bauwesen ist schon da. In der Kaderabteilung werden wir freundlich begrüßt, Helga stellt mich als erfahrenen Auslandskader für den Einsatz in Mosambik vor. Mein Gesprächspartner ist sehr freundlich, stellt mir Fragen zu meiner Berufsentwicklung, zur Partei- und Organisationszugehörigkeit und zur Familie. Er schaut von Zeit zu Zeit in einen Aktenhefter, lauscht dabei meinen Antworten. Anschließend frage ich beiläufig, ohne meine Neugier zu demonstrieren: „Was baut denn die Schwarze Pumpe in Mosambik und welche Aufgaben habe ich dort zu erfüllen?“
Darauf antwortet mein Gesprächspartner: „Wir helfen unseren mosambikanischen Freunden bei der Entwicklung des Steinkohlenbergbaus. Es fehlen Bergbauspezialisten vor Ort. Du bist dort als Leiter für den Wohnungs- und Sozialbau vorgesehen. Ein Portugiese ist als Bauabteilungsleiter vor Ort beschäftigt. Nach deiner Ankunft reist er nach Portugal zurück. Für diese Aufgabe musst du einen Portugiesischlehrgang absolvieren. Der findet in der Zeit vom 27.11.1978 bis zum 19.1.1979 in Oppach statt.“
Der Arbeitseinsatz in Mosambik ist in greifbarer Nähe, vielleicht schon nach dem Sprachlehrgang in Oppach, denke ich. Auf den Baustellen in Zeitz werde ich sofort umringt und mit Fragen belegt. Die Kunde von meiner nächsten Tätigkeit in Afrika kam auch hier längst an.
Ich denke viel an das weite afrikanische Land Mosambik. Im Grunde genommen freue ich mich, im Wohnungs- und Sozialbau tätig zu werden. Harte Währung bekomme ich auch, Mosambik gehört zum Hartwährungsgebiet. Und die afrikanische Kultur kennenzulernen, reizt mich.
27.11.1978. Mit der Reichsbahn fahre in Richtung Süd-Ost nach Oppach, nahe der tschechoslowakischen Grenze, im Bezirk Dresden. Meine letzte Etappe muss ich mit dem Bus reisen. An der Bushaltestelle wartet ein Herr mit gleichem Ziel, er muss zum Portugiesischsprachlehrgang nach Oppach. Wir machen uns bekannt. Es ist Dr. Armin Krauße, Bergbauingenieur, und zufällig wohnt sein Bruder auch in Zeitz.
Am späten Nachmittag sind alle Kursanten angereist. Im Speisesaal treffen wir uns zu Begrüßung. Es sind Mitarbeiter der Schwarzen Pumpe mit Spezialisten für Maschinenbau und Instandhaltung, Elektriker, Laboranten, Ökonomen, dann Mitarbeiter vom VEB Steinkohlenkokereien August Bebel Zwickau und Bergbauspezialisten aus dem ehemaligen Kohlerevier Ölsnitz. Im Saal sehe ich die Familie Ingrid und Peter Höhl, beide wohnen, wie ich, in Zeitz-Ost. Wir freuen uns bei dieser Begegnung. Auch sie wollen portugiesische Sprachkenntnisse erwerben, für Aufgaben in der Hauptstadt von Mosambik. Peter soll von Maputo aus die Steinkohle-Tagebau-Erschließung in Moatize vorbereiten, Ingrid wird als Arzthelferin in der Botschaft arbeiten.
Der Unterricht beginnt am Montagnachmittag und endet am Freitag zur Mittagszeit. Unterrichtet wird auch am Nachmittag, anschließend folgt Selbststudium. Studenten der Leipziger Universität unterrichten uns. Sie wohnen in Bungalows und stehen uns zur Seite. Das Lernregime ist sehr locker, jeder von uns muss Mosambikaner anleiten können, dazu brauchen wir portugiesische Sprachkenntnisse.
Wir lernen Redewendungen wie:
| Bom dia | = Guten Tag (bis Mittag) |
| Boa tarde | = Guten Tag (ab Mittag bis zum Dunkelwerden) |
| Boa noite | = Guten Abend; Gute Nacht |
| Ate logo | = Auf Wiedersehen |
| Ate ja | = Bis gleich |
| Ate manha | = Bis morgen |
| Por favor | = Bitte |
| Muito obrigado | = Vielen Dank |
| Sim | = Ja |
| Nao | = Nein |
und vieles anderes. Wir lernen Substantive, Artikel, Grundzahlen usw. Wir hören Vorträge von Vertretern der „Schwarze Pumpe“ und dem VEB Steinkohlenkokereien „August Bebel Zwickau“ über Moatize. Anschließend werden Delegierungsverträge für den künftigen Arbeitseinsatz in der Volksrepublik Mosambik unterzeichnet und ausgehändigt.
Am Wochenende, beim Gassigang mit Buffy, pauke ich laut Vokabeln und Redewendungen. Meine gute Buffy erschreckt, kläfft, wenn ich laut portugiesische Sätze ausspreche. Das arme Luder versteht doch kein Portugiesisch.
19. Januar 1979: Ich erhalte das Zeugnis der Bildungseinrichtung mit dem Vermerk: Am Grundlehrgang Portugiesisch mit 300 Unterrichtstunden teilgenommen zu haben. Wir verabschieden uns mit einem: „Auf Wiedersehen in Moatize“.
Sehr interessant waren die Vorträge über Moatize und Tete von Mitarbeitern der Abteilung „M“ (Moatize) „Schwarzen Pumpe“, die den Entwicklungsprozess des mosambikanischen Steinkohlenreviers studierten und von Anfang an, seit 1977/78, das Engagement der DDR in Mosambik verfolgten und ihm dann beiwohnten. Einige Kursteilnehmer waren bereits in Moatize.
Aus den Vorträgen und Erzählungen erfahre ich interessante Dinge über Tete und Moatize: Tete ist eine dünn besiedelte Provinz, 8,3 Einwohner kommen auf einen Quadratkilometer. Der Fluss Sambesi, übrigens der viertlängste Fluss Afrikas, durchquert die Provinz und mündet im Indischen Ozean. Am unteren Sambesi, in der Provinz Tete, steht der Cahora-Bassa-Staudamm. Der Stausee speist das größte afrikanische Wasserkraftwerk. Der Sambesi ist reich an Krokodilen und Flusspferden. Bis zur Unabhängigkeit im Jahr 1975 war die Kohleförderung im Raum Moatize um das Mehrfache gestiegen. Aus Belegen geht hervor, dass es im Jahr 1945 ca. 12.000 Tonnen und im Jahr 1975 ca. 570.000 Tonen waren.
Mit der Unabhängigkeit des Landes im Jahr 1975 und der gewählten politischen Richtung, konnten sich bestimmte Kreise im In- und Ausland nicht abfinden. Es kam zu einer Massenflucht von Europäern und von ausgebildeten einheimischen Facharbeitern. Leitungspersonal verließ die Produktionsstätten und die Gruben. Die Steinkohlenfördermenge wurde rückläufig, die Gefährdung der Sicherheit in den Gruben stieg zunehmend. Im September 1976 kam es in der Grube Chipanga VI zu einer verheerenden Schlagwetterkatastrophe. Achtundsechzig mosambikanische Kumpels verloren dabei ihr Leben. Die mosambikanische Regierung sah eine weitere Entwicklung des Moatize-Kohlereviers erheblich gefährdet und bat das Ausland, darunter die DDR, um Unterstützung. Noch im gleichen Jahr flog eine hohe Bergbauexpertengruppe nach Moatize, untersuchte den technischen und materiellen Umfang der Katastrophe und erarbeitete ein sicherheitstechnisches Minimalprogramm für die anderen Gruben. Schon neun Monate später, im August 1977, kam es erneut zu einer verheerenden Schlagwetterkatastrophe. Dabei verloren sechsundfünfzig Kumpels ihr Leben. Es kam zu gewaltigen Unruhen im gesamten Kohlerevier. Mehrere Menschen wurden umgebracht, darunter auch der Direktor der Companha Carbonifera de Mocambique. In dieser schrecklichen Zeit wandte sich die mosambikanische Regierung erneut an das Ausland und bat um Unterstützung für den Bergbau. Die VR Rumänien entsendeten 12 Bergbauexperten und die DDR im Januar 1978 schon 50 Bergbaukumpel und Material nach Moatize. Ein Bild des Grauens fanden unsere Bergleute im Stollen: Verweste Leichen der Verunglückten lagen über Monate bei über 40 °C in der Tiefe. Eine Grabstätte wurde für die toten Bergleute in einem der Stollen errichtet. Unsere Bergleute brachten die Bergbausicherheit weitgehend in Ordnung, bauten einen Posto de Medico (medizinischen Stützpunkt) für einheimische Bergleute auf und besuchten täglich die Gruben. Bald daraufhin verständigten sich die Regierungen der Volksrepublik Mosambik und der DDR in einem Abkommen vom 24.04.1978 zum weiteren Betreiben – mit voller Unterstützung der DDR – des Steinkohlereviers in Moatize, welches seit der letzten Schlagwetterkatastrophe nicht mehr vollständig im Betrieb war.
Am 12. Mai 1978 wurde die Steinkohlegesellschaft verstaatlicht und bekam den Namen: Empresa Nacional de Carvao de Mocambique „CARBOMOC“.
Vor Ort weilen bereits mehrere Bergbauspezialisten, Elektriker, Maschinen- und Instandhaltungsspezialisten, medizinisches Personal und Geologen, die die DDR-Delegation bilden. Bungalows für DDR-Cooperanten befinden sich im Bau.
Zu bedenken geben mir Gespräche mit vorgehaltener Hand in den Pausen, denn ich erfuhr auch die unerfreulichen Dinge. Nach der Verstaatlichung des Kohlereviers von Moatize folgten Anschläge auf Hochspannungsleitungen. Verübt wurden Anschläge auf die Eisenbahnlinie Moatize-Beira. In den Dörfern wurden FRELIMO-Aktivisten verschleppt und grausam ermordet. Ausländische Zulieferer verweigerten Lieferungen von Ersatzteilen für Grubenausrüstungen. Eine Grubenwehr wurde gebildet, man befürchtete Anschläge auf Gruben und nicht zuletzt auf unsere Spezialisten. Es gab große Probleme mit der Energieversorgung und Engpässe in der Lebensmittelversorgung der Bevölkerung.
Ich dachte mir jedoch, wenn es wirklich so gefährlich wäre, würde man uns nicht in dieses Land schicken.
15. Februar 1979: Die DDR-Bürger erfahren aus Medienberichten, dass eine hochrangige Partei- und Staatsdelegation der DDR, unter Leitung von Erich Honecker, vom 15 bis 24. Februar 1979 die Sozialistische Libysche Volksjamahiriya vom 15. bis 17. Februar 1979, die Volksrepublik Angola vom 17. bis 20. Februar 1979, die Republik Sambia vom 20. – 22. Februar 1979 und die Volksrepublik Mosambik vom 22. bis 24. Februar 1979 besucht. Die DDR-Medien berichten ständig über den Staatsbesuch. In der „Aktuellen Kamera“ flattern Bilder von Maputo über den Schirm. Ich verfolge aufmerksam den Besuchsverlauf. Aber in offiziellen Dokumenten kommt der Begriff Steinkohle, Moatize oder Tete nicht vor. Vielleicht habe ich auch etwas übersehen oder überhört?

Erich Honecker und Samora Moises Machel (Bild aus DDR-Medien)
In unseren Medien erscheinen nur lobende Kommentare. Die Deutsche Demokratische Republik hat die Beziehungen zu den vier besuchten Staaten sowie zu den Befreiungsbewegungen qualitativ ausgebaut.
Es ist Montag früh: Mit ernstem Gesichtsausdruck kommt der sonst witzige Parteigruppenorganisator in unser Büro und fragt: „Habt ihr gehört, was passiert ist?“ - „Nein“, unsere Antwort, „erzähle!“ Darauf Herbert unser Kampfgenosse: „Das Flugzeug mit Erich Honecker ist abgestürzt.“ „Was ist passiert?“, fragen mehrere neugierige Stimmen. Herbert, ohne auf unseren blöden Gesichtsausdruck zu achten, setzt fort: „Erich hing mit seinem Fallschirm an einem Baum. Nach mehreren Stunden kam ein Engel geflogen und fragte: ‘Erich soll ich dir helfen?’ - ‘Nein, meine Genossen werden mir helfen!’, antwortete Erich erbost auf das himmlische Angebot. Nach 24 Stunden kommt der Engel wieder geflogen und fragt: ‘Erich du hängst ja immer noch, soll ich dir helfen?’ - ‘Meine Genossen sind bald vor Ort!’, so seine widerwillige Antwort. - Nach weiteren Stunden kommt der Engel erneut, fliegt vorbei, ohne auf Erich zu achten. Erich genervt ruft: ‘Engel, jetzt kannst du mir helfen!’ Und der Engel antwortet sehr erfreut: ‘Erich, ich bin Genosse geworden.’“ – hahahaha …
Ich studiere Zeichnungen, Leistungsbeschreibungen, Bewehrungszeichnungen und -listen, prüfe Maßketten und stelle Materiallisten zusammen. Mein unter Zeichnungen verborgenes Telefon am Schreibtisch klingelt. Ich denke mir nichts dabei. Es klingelt mehrmals während der Arbeitszeit. Irgendwann nehme ich den Hörer ab und am anderen Ende der Leitung ist Helgas Stimme zu hören. Ich spüre meine Herzschläge, die Beine kommen wanken, nein, nicht wegen der zarten Stimme Helgas, aber wegen dem, was sie mir vielleicht sagen wird. Eine förmliche Begrüßung folgt und anschließend sagt sie: „Genosse, wir haben einen dringenden Auftrag für dich. Eine mehrwöchige Dienstreise nach Angola. Melde dich unverzüglich beim Ministerium für Handel und Versorgung der DDR, in der Abteilung Gaststätten und Hotelwesen. Dort bekommst du weitere Informationen.“
MEINE DIENSTREISE IN DIE VR ANGOLA
VOM 28. MÄRZ – 16. APRIL 1979
Die Il-62 der Interflug schwebt hoch über den Wolken, auf Südkurs, in Richtung Luanda. In den späten Abendstunden begann der Flug mit einem bedrückenden Gefühl. Es war die Nachricht im Radio, eine Interflugmaschine vom Typ IL-18, mit Hilfsgütern nach Angola, ist am Flughafen in Luanda verunglückt. Ich sitze an der Fensterseite, schaue nach draußen und beobachte die Lichter am rechten Flügel der Maschine. Unter den Passagieren sind alte und junge Afrikaner, vermutlich Angolaner, Studenten, Facharbeiter, Dienstreisende, aber auch eine Vielzahl Europäer – scheinbar DDR-Bürger, Diplomaten, Spezialisten, Außenhändler. Die Maschine ist nicht ausgebucht. Die freien Plätze sind vielleicht für neue Passagiere in Algier oder Lagos. Die Stewardessen versorgen uns sehr gut, sie sind sehr freundlich, aber bestimmend in der Sache.
Wenige Tage vor der Dienstreise las ich in Nachschlagwerken über Angola und bekam folgendes Bild über dieses Land: Am 11. November 1975 wurde die Unabhängigkeit der Volksrepublik Angola proklamiert. Bis zu diesem Zeitpunkt war Angola portugiesische Kolonie, eine sogenannte überseeische Provinz, an der südwestlichen Küste Afrikas. Nach der Unabhängigkeit von Portugal entbrannt ein Konflikt mit der Rebellengruppierung UNITA, die von Jonas Savimbi geführt wird, dieser Konflikt dauert noch an und nimmt an Schärfe zu. Die USA und Südafrika unterstützen die prowestliche UNITA-Rebellen, wiederum die Sowjetunion und Kuba die MPLA, aber auch andere sozialistische Länder – darunter die DDR – solidarisieren sich mit der VR Angola im Kampf gegen die UNITA-Rebellen.
Daraus kann geschlussfolgert werden, die junge Volksrepublik Angola ist noch ein instabiles Land.
Unsere Delegation, auch Arbeitsgruppe genannt, besteht aus acht Mitgliedern: Harri Peters als Delegationsleiter, Renate Petrahn als Dolmetscherin. Von der angolanischen Seite, dem Ministerium für Binnenhandel, wurde an die DDR das Ersuchen herangetragen, sie bei der Organisierung und Realisierung der Inbetriebnahme einschließlich Renovierung einer Reihe von Hotels in Luanda zu unterstützen.
Unter vorgehaltener Hand wird gesagt, während des Partei- und Staatsbesuches in Angola wurde diese Bitte an Dr. Günter Mittag, Politbüromitglied und zuständig für Wirtschaft, herangetragen. Mittag gab den Auftrag weiter, den Umfang der Leistungen zu untersuchen. In Vorbereitung dieser Reise wurde mir folgendes Aufgabengebiet übertragen:
Beratung des Delegationsleiters zu allen Fragen, die das Bauwesen betreffen;
Erfassung der erforderlichen Bauleistungen zur Inbetriebnahme der besichtigten Hotels;
Einschätzung der erforderlichen Baukapazitäten nach Mengen und Währungseinheiten, Arbeitszeit- und Bauzeitaufwand sowie erforderliche Maschinen, Geräte und Kleinmechanisierung;
Wünsche der angolanischen Seite entgegenzunehmen und Lieferungen und Leistungen des Bauwesens der DDR hinsichtlich der Fertigungsstellung der Hotels zu prüfen.
Die Nacht wird vom Tag abgelöst. Über uns ein herrlicher blauer Himmel. Unter uns ein lang gestrecktes Wolkenfeld. Wir fliegen in 10.000 m Höhe. Unsere IL-62 fliegt immer tiefer in den Süden Afrikas. Wir überqueren den Äquator, unter uns ist der Atlantische Ozean. Eine Stewardess überreicht jedem Fluggast, der zum ersten Mal den Äquator überquert, eine bunte Urkunde der Interflug, auf meiner mit dem Vermerk: „Die Äquatortaufe am 28. 3. 1979, 13:40 MEZ wird dem Kollegen Günter Mosler bescheinigt. Er kam mühelos über das Zentrum der Erdkugel. Es soll ihm gelingen, weitere Male diese Schwelle zu überfliegen.“
Plötzlich wird die Stille von der Ansage zur bevorstehenden Landung in Luanda unterbrochen. Luanda, die Hauptstadt Angolas, hat ca. 450.000 Einwohner, einen Hafen, eine Erdölraffinerie und eine traurige Vergangenheit. Von hier aus wurde der Sklavenhandel hauptsächlich nach Brasilien getrieben.
Wir landen mit leichtem Aufschlag auf dem Rollfeld des Flughafens Luanda. Objekte auf dem Boden gleiten an uns vorbei, die Geschwindigkeit lässt nach und unsere Il-62 kommt zum Stehen. Beim Betreten der Gangway spüren wir das tropische Klima Angolas. Die meisten meiner mitreisenden Kollegen der Arbeitsgruppe sind zum ersten Mal in einer tropischen Klimazone. Es ist schwülwarm, Erinnerungen an Vietnam werden in mir wach. Das Schwitzen und Stöhnen nimmt seinen Lauf. Nach der Pass- und Zollabfertigung, beides verläuft zügig, werden wir vom Camarada Fernando Continho, Abteilungsleiter Tourismus im Ministerium für Bienenhandel der VR Angola, begrüßt. Hier bietet sich die Gelegenheit, meine portugiesischen Sprachkenntnisse auf den Prüfstand zu stellen. Ich spitze meine Ohren und vergleiche mein Verstehen mit der Übersetzung unserer Dolmetscherin Renate. Oje, ich verstehe kaum was, unser Gastgeber spricht stark nasal und sehr schnell.
Wir werden im neusten Hotel „Presidente“ in der Palmenallee, die entlang des Atlantischen Ozeans führt, untergebracht. Ein gewaltiges mehrstöckiges Scheiben-Bauwerk, das von Portugiesen im Jahr 1975, kurz vor der Unabhängigkeit, fertiggestellt wurde. Nachdem wir unsere Zimmer belegt haben, beginnt das Einführungsgespräch zwischen unserem Delegationsleiter und dem Minister für Binnenhandel der VR Angola Camarada Van Dumen.

Blick vom Hotel „Presidente“ auf den Ozean
In Luanda sind alle Hotels mit ca. 85% ausländischen Spezialisten belegt, die restlichen 15% stehen zur Unterbringung von Gästen zur Verfügung. Eine Reihe von Hotels kann nicht vollständig belegt werden, denn der technische Zustand ist mangelhaft. Der Bedarf an Hotelplätzen ist sehr groß und wächst zunehmend weiter, informierte der Minister.
Wir registrieren uns in der DDR-Botschaft und erhalten ein Aufenthaltsvisum für die VR Angola. Hier werden wir über die besorgniserregende Wirtschaftslage des Landes, über die unzureichende Ernährungs- und Gesundheitssituation der angolanischen Bevölkerung und über die unzureichende reine Trinkwasserversorgung besonders im Landesinneren informiert. Jährlich sterben Tausende Menschen an leicht heilbaren Krankheiten wie Malaria, Durchfallerkrankungen und Atemwegentzündungen. Meningitis, Tuberkulose und Erkrankungen durch Wurmbefall sind an der Tagesordnung. Die Sterblichkeitsrate von Kindern unter fünf Jahren ist sehr hoch. Angola braucht allseitige Unterstützung von außen. Wir werden über Aktivitäten der konterrevolutionären Banden informiert, die auch in Luanda operieren und zu hoher Wachsamkeit in der Stadt und außerhalb angehalten. Die Genossen der Botschaft belehren uns über Verhaltensweisen der angolanischen Gesprächspartner bei Verhandlungen, Entscheidungsfindung und Terminen. Sie empfehlen, viel Geduld beim Partner aufzubringen.
In der Stadt sind mehrere DDR-Bürger, darunter FDJler, Spezialisten verschiedener Branchen und Berater, zu denen wir schnell Kontakt finden. Unter vorgehaltener Hand erfahren wir, dass Kubaner in Angola besonders gefährdet sind. Man erzählt, dass ein Angolaner der einen Kubaner tötet und der als Beweis seiner Tat die Zunge oder beide Ohren seines Opfers vorführt, von konterrevolutionären Banden 500 Dollar für einen Toten erhält. Die meisten Kubaner, auch Zivilisten, sind bewaffnet.
An den folgenden Tagen suchen wir Kontakt zum angolanischen Partner, der uns Objekte zur Besichtigung benennen soll. Die verantwortlichen angolanischen Camaradas sind nicht aufzufinden, nicht kompetent für Aussagen oder es mangelt ihnen an Zeit für uns.
Es folgt das erste Wochenende. Wir spazieren in der Stadt und auch außerhalb. Es ist schwülwarm, ein typisches Tropenwetter. Das Angebot in den Geschäften erinnert an Vietnam, wobei das Angebot dort noch besser war.

Luanda
Die Hauptstraßen sind breit, die Fahrbahndecken asphaltiert, der Verkehr mäßig, es gibt Kraftfahrzeuge westlicher oder japanischer Produktion, sehr viele Häuser sind renovierungsbedürftig. Wir gehen an einer gepflegten katholischen Kirche mit architektonischen Elementen verschiedener Epochen vorbei. Es scheint Gottesdienst gewesen sein, denn die Menschen bewegen sich im Kirchhof. Das Gotteshaus hat einen weißen Anstrich – im Innenhof Palmen, Gräber mit großen Marmorgrabsteinen, dazwischen Rasen. Ganze Straßenabschnitte sind menschenleer. Mag sein, dass die Hitze oder Mittagszeit unpassend für Ausgänge sind. Die Neugier treibt uns, Luanda zu erkunden, der angolanische Partner lässt uns allein. Vom tropischen Klima lassen wir uns nicht, noch nicht abschrecken. Schweiß trieft vom Körper, wir nähern uns der Uferallee. Seitwärts des Uferstrandes verkaufen Frischfischhändler ihre Ware. Darunter Schwertfische und sehr lange silberfarbige Seeaale. Der Fischgeruch breitet sich aus. Die Käufer umringen die Händler, feilschen Preise, erzählen und lachen viel dabei.
Mittlerweile ist Nachmittag geworden. Hungrig, müde und verschwitzt gehen wir zurück ins Hotel, um eine Ruhepause einzulegen.
Die Unterkünfte im Hotel „Presidente“ sind gut ausgestattet. Wir haben einen herrlichen Ausblick auf den Atlantischen Ozean. Die Verpflegung im Hotelrestaurant ist gut, aber insgesamt für uns kleine DDR-Dienstreisende mit beschränkter finanzieller Ausstattung viel zu teuer.
Wir sind uns einig mit unseren Dollars sorgsam umzugehen, damit am Ende der Dienstreise für jeden vom Taschengeld was übrig bleibt.
Im Intershop einkaufen, mit Familie, wird uns gut tun. Wir entscheiden uns für einen Hotelwechsel in das Hotel „Panorama“ auch mit herrlichem Blick zum Atlantischen Ozean. Scherzhaft gesagt mit Blick nach Brasilien.
Endlich, am Mittwoch den 4. April 1979 kommt es im Hotel „Panorama“, auf Drängen des Delegationsleiters Harri Peter, zum ersten Gespräch zur Durchführung der gemeinsamen Aufgabe. An diesem Gespräch nehmen teil:
Camarada Continho, andere Abteilungsleiter sowie unsere gesamte Delegation.

Kinder auf dem Weg zur Schule
Die angolanische Seite benennt sieben Hotels, Restaurants, Kaufhallen und Produktionsbetriebe für das Gaststättenwesen, die zu besichtigen wären. Camarada Continho wird uns begleiten und zur Seite stehen.
Wir besichtigten:
Das Hotel „Costa do Sol“ mit 78 Betten liegt am Stadtrand von Luanda, direkt am Atlantischen Ozean. Es wurde Anfang der 60-er Jahre erbaut.
Das Hotel „Continental“ mit 121 Betten es liegt im Stadtinneren von Luanda.
Das Hotel „Kate Karo“ – Residencial mit 82 Betten ist im Stadtinneren, es wurde in den 40-er Jahren erbaut.
Das Hotel „Satelite“ mit 108 Betten, im Ort Viana, ist etwa 20 km von Luanda entfernt.
Das Hotel „Ocapi“, früher Don Joao II, mit 150 Betten, liegt im Stadtinneren von Luanda.
Am Sonnabend, dem 7. April am Vormittag, kommt es im Ministerium für Binnenhandel zu einem Gespräch zwischen dem Camarada Versimo, dem Direktor für Tourismus, Gaststätten und Hotels und unserem Delegationsleiter Harri Peters. Für dieses Gespräch wurden für den Bereich Bauwesen folgende Gesprächsgrundlagen ausgearbeitet:
Bei der bautechnischen Instandsetzung der zu besichtigenden Hotels wird vorgeschlagen, die angolanischen Camaradas mit einem Bauingenieur/Bau-leiter zur fachlichen und organisatorischen Anleitung zu unterstützen.
Die Hauptaufgabe für diesen Bauingenieur/Bauleiter wäre der Ausbau des Objektes Hotel „Satelite“ und parallel die Instandsetzung der bestehenden Hotels in der von angolanischen Genossen genannten Reihefolge.
Die angolanische Seite müsste dazu bereitstellen: komplettes Projekt für das Objekt „Satelite“, wenn vorhanden dann auch Projekte der bestehenden Hotels, Leistungsverzeichnisse für Bauleistungen in den bestehenden Hotels, Baukapazitäten, Baumaterial, Baumaschinen und Geräte.
Falls die angolanische Camaradas Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Baumaterialien sowie Baumaschinen und Geräte für die Instandsetzung der Hotels haben, müssten sie uns die Wünsche vortragen.
Am Nachmittag können wir keine weiteren Objektbesichtigungen vornehmen. Genosse Continho hat wichtige Termine, verspricht uns am Sonntag zum Sklavenmuseum zu begleiten. Wir sind in Eile. Unser Rückflug ist für den 11. April geplant und ohne Begleitung besteht keine Objektbesichtigung.
Jeden Morgen beobachten wir vom Balkon unseres Hotels ein interessantes und seltenes Schauspiel auf der Oberfläche des Atlantischen Ozeans. Ein Schwarm von Delfinen springt im langen Bogen aus dem Wasser und zieht vom Süden in Richtung Norden.
Den Sonnabend verbringen wir beim Baden und Sonnen am Strand außerhalb von Luanda. Wir sehen afrikanische Rundhütten, beobachten Flora und Fauna. Alles ist interessant, wer kommt schon als DDR-Bürger nach Afrika?
Am Sonntag, wie versprochen, werden wir zur Besichtigung des Sklavenhandelmuseums abgeholt. Unser Kleinbus steuert aus Luanda heraus, hält vor einer Anhöhe, auf der ein weiß getünchtes einstöckiges Haus steht: das Sklavenhandelmuseum.

Menschenhandel-Museum in Luanda; ehemalige Anlegestelle zum Verschiffen der Sklaven
Um dahin zu gelangen, müssen wir viele Stufen hinaufsteigen. Es ist schwülwarm, der Himmel von Wolken überzogen. Langsamen Schrittes erreichen wir das Gebäude und werden vom Mitarbeiter des Museums begrüßt. Die Räume sind klein, an den Wänden präsentiert man erschreckende Zeichnungen und Bilder. Gefesselte Afrikaner auf dem Weg zum Verschiffen, getrieben und geprügelt von Bewachern, Exekutionen von Afrikanern, afrikanische Männer an einer Holzstange vorn und hinten gefesselt, Leichen von Afrikanern auf dem Boden, daneben hochnäsige schwarze und weiße Bewacher, überfüllte Schiffe mit afrikanischen Frauen, Kindern und Männern und verstorbene Afrikaner, die während der Überfahrt in den Ozean geworfen wurden. Wir sehen Werkzeuge, die zum Quälen gefangener Afrikaner dienten. Das Museumsgebäude befindet sich an einer ehemaligen Anlegestelle. Von hier aus wurden zusammengetriebene Afrikaner auf Segelschiffe verladen und über den Atlantischen Ozean, vorwiegend nach Brasilien, transportiert. Aus Übersetzung der Schriften und des Vortrages über den Sklavenhandel kann ich entnehmen, dass die Sklaven einfache Beute waren, sie wurden auf dem Weg oder in ihrer Hütte gefangen genommen und verschleppt, sie waren nicht ausreichend bewaffnet. Oder es waren einfache Menschen die in ethnischen Konflikten oder Kriegen gefangen und an Menschenhändler veräußert wurden.
Die meisten Schiffe, die für den Sklavenhandel genutzt wurden, befanden sich im Besitz von Europäern, sie wurden von Menschenhändlern gekauft oder gemietet. Ein einziges Schiff konnte bis zu 1000 Gefangene aufnehmen, ein großer Teil, nicht selten die Hälfte, verstarb unterwegs.
Im Jahr 1807 wurde zu nächst der Sklavenhandel in den englischen Kolonien verboten. Im Jahr 1833 verkündete England, 1848 Frankreich, die völlige Aufhebung der Sklaverei.
Wir bedanken uns beim Vortragenden, aber auch bei unserer Dolmetscherin Renate Petrahn für das fast einstündige simultane Dolmetschen.
Den Rest des Sonntages verbringen wir am Strand beim Baden und Sonnen. Dann geht’s zum Abendessen.
Am Montag, dem 9. April, besichtigen wir das Hotel „Globo“, das mit 94 Betten im Stadtinneren von Luanda steht. Es wurde im Jahr 1951 in traditioneller Bauweise erbaut. Das Objekt verfügt über drei Geschosse und insgesamt 47 Zimmer. Am Nachmittag besichtigen wir mehrere Restaurants, Produktionsbetriebe für das Gaststättenwesen, das Hotel „Tropico“ und eine Kaufhalle, die für das Bauwesen nicht relevant sind.
Zum ersten Mal sehe ich eine riesige Kaufhalle mit vielen Kassen, eigenem Stromaggregat, der sich bei Stromausfall automatisch einschaltet, um Diebstahl zu verhindern. Die Kaufhalle, für das Publikum geschlossen, ist mit „Intershop“-Waren versorgt – für die Nomenklatur.
Am Dienstag, dem 10. April, liegt für den Rückflug am nächsten Tag noch keine Okay-Buchung bei Interflug vor. Wir erfahren, dass wir erst am 16. April 1979 mit der Balkan-Airline nach Sofia und von dort weiter nach Berlin-Schönefeld fliegen werden.

Kinder vor der Kamera
Dieser verspätete Rückflug hat auch Vorteile für uns. Wir haben Anspruch auf Tagegelder. Damit können DDR-Bürger auf Dienstreise sparsam umgehen. Ein Einkauf mit Familie im Intershop ist somit sicher. Also sind wir nicht verärgert.
Wir nutzen die Zeit zur Ausarbeitung des Abschlussberichtes für unser Ministerium für Handel und Versorgung und untebreiten Entscheidungsvorschläge:

Westafrikanische Rundhütten
„In der VR Angola gibt es auf allen wirtschaftlichen Gebieten nur wenig ausgebildete Fachkräfte. Die Produktionsleistungen aus dem Jahre 1973 sind noch nicht erreicht. In vielen Einrichtungen stehen hochmoderne Produktionsmittel zur Verfügung, die jedoch aufgrund fehlender Fachkräfte nicht oder nur im geringen Umfang genutzt werden können. Es ist dringend notwendig, all diese Objekte funktionsfähig zu machen und ihrer Bestimmung zu übergeben. Das ist umso mehr notwendig, da die VR Angola für ihre weitere Entwicklung viele Spezialisten benötigt, aber die Unterbringung Schwierigkeiten bereitet, weil kein ausreichender Wohnraum oder Hotels zur Verfügung stehen.“
Die Zeit verbringen wir am Strand. Zu Hause ist es noch kalt.
Sonntag, der 15. April 1979, der letzte Tag in Luanda. Wir sitzen im Hotelrestaurant speisen und trinken Bier. Schräg gegenüber erkennt Harri Peters einen jugoslawischen Staatsbürger aus einer beruflichen Begegnung in der DDR. Im Laufe des Abends kommt es zwischen beiden zum Gespräch, dabei zeigt sich, dass auch dieser jugoslawische Staatsbürger in Luanda eine Arbeitsgruppe leitet, die die gleiche Arbeit verrichtet wie wir, in den gleichen Hotels. Aus dem Gespräch geht hervor, dass noch weitere ausländische Arbeitsgruppen diese Hotels besichtigten oder noch besichtigen werden.
Unsere Aufgabe haben wir erfüllt und sind auch mit unserem Dollar-Taschen-geld sehr zufrieden. Vielleicht kann unsere Dienstreise in einem Satz zusammenfasst werden: Außer Spesen nichts gewesen.
VOR DER AUSREISE
Die Dienstreise nach Angola hat sich gelohnt, 120 Dollar pro Person war das Ergebnis unserer Einsparung. Der Dollar Kurs ist derzeit sehr hoch und beträgt über 1: 4. So viel D-Mark in Forumschecks hatten wir noch nie in der Hand. Auch meiner Helene konnte ich gute Nachrichten überbringen, in der Interflugmaschine kann Buffy mitgeführt werden.
Während des Fluges nach Luanda konsultierte ich die Chefstewardesse und den Flugkapitän: „… es kommt vor, dass Fluggäste kleine Vierbeiner mitführen. Das Mitführen von Tieren in der Passagierkabine ist abhängig von ihrer Größe. Genaue Informationen darüber sollte man bei der Interflugdirektion einholen. Wichtig ist ein Veterinär-Impfausweis mit gültigen Impfungen, z. B. gegen Staupe, Tollwut. Pass- und Zollorgane im jeweiligen Land könnten dieses Dokument bei der Ein- und Ausreise anfordern“, sagte die Chefstewardess.
Die Zeit während der Bahn- und Arbeitszeit nutze ich zum Festigen meiner portugiesischen Sprachkenntnisse. Jetzt paukte auch schon Helene portugiesische Vokabeln und zusammenhängende Sätze; am Abend übten wir beide laut die Aussprache.
Es ist Ende Mai. Ich erhalte einen Dienstreiseauftrag zur Schwarze Pumpe zum Vorstellungsgespräch beim Delegationsleiter von Moatize. Dr. Thomas Klemm weilt zurzeit in der Abteilung „M“. Dr. Klemm – schlank, blond um die 40 – kommt lächelnd auf mich zu. Es ist ein offenes Gespräch in Beisein zweier Mitarbeiter der Abteilung „M“, keine Schönfärberei zur tatsächlichen Lage der Arbeits- und Lebensbedingungen in Moatize, was mit Aussagen von Kollegen in Oppach übereinstimmt. Mein Gesprächspartner ist informiert, dass ich in der Vergangenheit im oberschlesischen Bergbaurevier als Bauleiter im Wohnungs-, Sozial- und Industriebau tätig war. Es fällt kaum der Begriff Mosambik, nur Moatize, Moatize, Tete, Tete. Dr. Klemm bereitet mich auf meine zukünftige Aufgabe vor: Meine allererste Aufgabe wird sein, eine Dieselelektroanlage vor Ort bauen zu lassen. Gegenwärtig werden die Gruben provisorisch mit fahrbaren Stromaggregaten auf Dieselbasis versorgt. Bei langer Laufzeit sind die Aggregate sehr störanfällig, ein Hemmnis für die zügige Aufrechterhaltung der Kohleförderung in Steinkohlegruben. Mein Gesprächspartner nennt die Steinkohlengruben Chipangas. Weitere Aufgaben werden genannt: Übertagebauten für neue Gruben, Instandhaltung von Wohnungs-, Sozial- und Industriebauobjekten. Geplant sind auch weitere Bauinvestitionen. Die Ursachen der unzureichenden Stromversorgung begründet mein Gesprächspartner ganz offen mit konterrevolutionären Sabotageakten an Hochspannungsleitungen von Cahora Bassa in das Landesinnere. Auch das deckt sich mit Aussagen in Oppach.
Dr. Klemm, mein zukünftiger Chef in Moatize, wird dringend zu einer Beratung gerufen. Wir verabschieden uns, werde abschließend gebeten, das Projekt der Dieselelektroanlage vor meiner Ausreise, die voraussichtlich Ende Juni erfolgt, mit der Abteilung „M“ technologisch aufzuarbeiten. Er machte auf mich einen sehr guten Eindruck, war gut vorbereitet, freundlich und verbindlich im Ton, glaubwürdig in der Sache. Auf die Zusammenarbeit mit ihm freue ich mich.
Zur Mitnahme von Buffy gab es keinen Widerspruch. „Manche nehmen Kleinkinder mit, du eben einen Zwergpudel“, war die Antwort von Mitarbeitern der Abteilung „M“. Dr. Klemm, mit seinem auffallend angenehmen Lächeln, gab die Zustimmung, einen Zwergpudel in der Delegation in Moatize zu haben.
Ich halte mich in der Abteilung „M“ auf, nehme Einblick in die Projektunterlagen der Dieselelektroanlage, erhalte auch den Auftrag, Stahlbewehrungselemente für Fundamente der Dieselaggregate und Stützenfundamente im VEB Bau- und Montagekombinat Halle anfertigen zu lassen. Darüber hinaus wird mir empfohlen, eine fertig gestellte Dieselelektroanlage in Hettstedt anzuschauen.
Über die Volksrepublik Mosambik weiß ich nur wenige Dinge: Dieser südostafrikanische Staat am Indischen Ozean war über Jahrhunderte eine portugiesische Kolonie. Am 25. Juni 1975 erlangte Mosambik die Unabhängigkeit und schon am 16. September erfolgt die Aufnahme in die UNO. Mosambik grenzt im Norden an die Vereinigte Republik Tan¬sania, im Westen an die Republiken Malawi, Sambia, Rhodesien, die Südafrikanische Republik und das Königreich Swasiland sowie im Süden erneut an die Südafrikanische Republik. Es hat eine Fläche von 800.000 km², davon sind 13.000 km² Binnengewässer und 11 bis 12 Millionen Einwohner, die aus Bantu, Arabern, Indern, Europäern, hauptsächlich Portugiesen, bestehen. Die Hauptstadt, früher Lourenco Marques, wurde am 3. Februar 1976 nach dem gleichnamigen Fluss Maputo umbenannt. Die niederschlagsrei¬chen und heißen Monate sind Oktober bis März, die übrigen sind relativ kühl und meist trocken. Die Jahrestemperatur schwankt hier zwischen +18 und +40 °C. In Maputo beträgt die Jahresdurchschnittstemperatur +22 °C. Noch gut erhalten ist in der Volksrepublik Mosambik die afrikanische Tierwelt. Vertreten sind Antilope, Gazelle, Nashorn, Elefant, Giraffe, Löwe, Leopard, Gepard, Hyäne, Flusspferd, Krokodil und viele Vogelarten. Mosambik verfügt über große Bodenschätze, darunter Steinkohle, Pegmatit (mit den wirtschaftlich wichtigen Mineralien Tantalit und Mikrolith), Kupfererz, Nickelerz, Asbest, Glimmer, Edel , Halbedel und Schmucksteine. Weiterhin gibt es in Mosambik-Erdgas, Fluorite, Eisen , Mangan , Titan und Uranerz, Gold, Grafit und Bauxit.
Aber das interessiert mich nur am Rande des Geschehens. Ich fahre weiterhin täglich mit dem Bus nach Leuna und lerne dabei Portugiesisch. Im Büro wälze ich Zeichnungen, nehme an Beratungen teil oder habe einen Auftrag in einer Oberbauleitung zu erledigen.
Die Arbeitskollegen interessieren sich für Mosambik. Oft werde ich mit Standardfragen bombardiert: „Wann geht es los?“ – „Was wirst du dort machen?“ –„Bekommst du dort Dollar oder Rubel? Darf deine Frau mitreisen?“
Mein Parteisekretär bedauert sehr, mich nicht zur Parteischulung delegieren zu können. Allerdings erhalte ich „gute“ Hinweise von meinem Parteisekretär, das „Kapital“ von Karl Marx und „Was tun“ von Lenin zu studieren und vor der Abreise nach Mosambik soll ich mir in der Parteileitung politische Literatur und Agitationsmaterial abholen.
Unser Parteigruppenorganisator hat verlauten lassen, es gibt wieder Schwierigkeiten, Willige für den nächsten Parteilehrgang zu finden. Jeder Angesprochene zählt Argumente auf, die ihn vom anstehenden Lehrgang befreien. Einige Genossen Bauarbeiter sagen direkt: „Jetzt nicht, vielleicht beim nächsten Lehrgang, dann nur im Winter und nicht im Sommer, wenn Gartenarbeit ansteht.“ Oder „Er hat einen Vogel, mich zum Parteilehrgang zu schicken.“ Der arme, gestresste Parteisekretär ist zu bedauern. Seine Schäfchen, die Genossen, spuren nicht, haben nicht das Bewusstsein, wie es in Medien dargestellt wird. Die berichten ständig von heroischen Leistungen im sozialistischen Wettbewerb. Neue sozialistische Brigaden entstehen, mit Namen wie: „Walentina Tereschkowa“, „Ho Chi Minh“, „Karl Liebknecht“ und „Patrice Lumumba“. Erwähnt werden Heldentaten im sozialistischen Wettbewerb an der Erdgastrasse in der UdSSR und der Aufruf: „Nehmt Beispiel von den Trassenbauern …“
Unser Parteisekretär möchte auch glänzen, aber der Glanz kommt nicht, seine Genossen, auch die standfesten, denken in Privatdimensionen, was der Parteilinie nicht entspricht. Ob Genosse oder Nichtgenosse, ob Gläubiger oder Nichtgläubiger, ob Politiker oder Nichtpolitiker, jeder Mensch ist vom Wesen aus ein Materialist und wird sich wehren, Vorteile preiszugeben.
2. Juli 1979, in der Abteilung „M“ des VEB Steinkohlenkokereien August Bebel Zwickau erhalte ich meinen Arbeitsvertrag für Mosambik. Ich werde in die HF4 mit 1.500,00 Mark im Monat und 33 Urlaubstage im Jahr eingestuft. Darüber hinaus bekomme ich eine Überstundenpauschale von max. 50 Stunden, die nachgewiesen werden müssen, einen Klimazuschlag von 100,00 Mark im Monat, zusätzlich einen jährlichen Betrag von 350,00 Mark und Helene 200,00 Mark für die Tropenbekleidung. Im Arbeitsvertrag steht weiter: „… Aufgrund der besonderen Bedingungen des Einsatzes in der Steinkohle in der VR Mosambik wird ein Feldzuschlag von 10,00 Mark/Tag gezahlt, wenn 50 % Untertagetätigkeit vorliegen … Für die Dauer der Tätigkeit in der VR Mosambik erhält der Spezialist Valutabeträge in der Landeswährung gemäß der Vereinbarung zur arbeitsrechtlichen Regelung vom 18.10.1977 …“ Mit dem Arbeitsvertrag, der ab 3. Juli 1979 seine Gültigkeit hat, bin ich sehr zufrieden, werde schönes Geld verdienen und auch meiner Frau wurde eine Beschäftigung in der Versorgung vor Ort zugesprochen.
Die Bewehrungseisen für die Fundamente der Dieselaggregate werden in der Eisenbiegeanlage des VEB Bau- und Montagekombinates „Chemie“ Halle nach gelieferten Zeichnungen angefertigt und zum Versand nach Mosambik zum Hafen Beira am Indischen Ozean gebracht.
Heute ist ein herrlicher Julitag, meine Dienstreise zur „Schwarzen Pumpe“ verbinde ich mit einem Familienausflug hinter die Grenze nach Polen. Halina hat Ferien und Helene einen freien Arbeitstag. Unser Wartburg ist vollgetankt, wir fahren mit der maximal zulässigen Geschwindigkeit. Ich darf mir kein Vergehen erlauben, es könnte für mich Folgen haben. Wir liegen gut in der Zeit, um einen Termin um 10.00 Uhr in der Abteilung „M“ wahrzunehmen.
Helene und Halina verbringen die Zeit meiner Abwesenheit im Freien, der heiße Sommertag lockt ins Grüne.
Um 12.00 Uhr sind wir wieder beisammen. Meine Aktentasche mit Zeichnungen der Dieselelektroanlage bewahre ich im Gepäckraum auf und fahre in Richtung Cottbus und weiter zum Grenzübergang in Guben. Ich wähle mit Absicht Guben. Der polnische Teil dieser Stadt heißt Gubin. Dort habe ich von November 1954 bis November 1956 meinen harten Wehrdienst absolviert. Zu dieser Zeit war der Marschall der Sowjetunion Konstantin Rokossowski von 1949 – 1956 Verteidigungsminister der VR Polen. Viele sowjetische Generäle und hohe Offiziere waren in Etagen des Verteidigungsministeriums der VR Polen tätig.
Jetzt bietet sich die Gelegenheit, die Stadt und den großen Kasernenkomplex in Walowice Halina und Helene zu zeigen. Als Ausländer bin ich vorsichtig, will schnell am Kasernenbereich vorbeizufahren, um nicht den Verdacht einer Spionage zu geben. In der DDR, in Polen und in der CSSR sind Kasernenbereiche sensible Bereiche. Die Pass- und Zollkontrolle verläuft reibungslos, wir werden nicht aufgefordert, die Dokumente zu zeigen. Mit einem Lächeln wird uns gute Fahrt gewünscht. Auf der polnischen Seite wünschen die Pass- und Zollkontrolleure einen angenehmen Aufenthalt in der VR Polen.
Wir fahren durch die Stadt, die nicht wiederzuerkennen ist. Anstelle der im II. Weltkrieg zerstörten Häuser sind neue entstanden – alles räumlich sauber, gepflegte Gehwege und Straßen mit Asphaltbelag, Geschäfte, Cafés, Restaurants, Kino und gut gekleidete Frauen, Männer und Kinder auf den Straßen. In den 50er Jahren war Gubin eine Ruine, Berge von Schutt und Asche. Bei Aufräumarbeiten fand man menschliche Überreste, Straßen und Fußwege waren kaum passierbar, eine Geisterstadt.
Wir halten vor einer Gaststätte. Legen eine Mittagspause ein. Bestellen Mittagessen, werden sehr freundlich bedient, man erkennt nicht, dass wir DDR-Bürger sind, wir kommunizieren in perfekter polnischer Sprache.
Es ist nach 14.00 Uhr geworden. Brechen auf zur Weiterfahrt. Meine Orientierung ist verblasst - alles neu. Den Weg zum Offizierskasino finde ich nicht und danach fragen möchte ich nicht, nichts erinnert an alte Zeiten.
An einer Kreuzung steht ein Wegweiser mit Aufschrift Walowice. Dort ist der Standort der Kaserne, in dem unsere mechanisierte Einheit stand.
Dorthin fahren wir, es sind nur fünf Kilometer, also sehr nah. Eine riskante Fahrt für mich. Beim Vorbeifahren erkenne ich den Kasernenkomplex mit vielen Blöcken auf der rechten Straßenseite, in denen ich 24 Monate gedient habe.
Wir schlagen den Heimweg ein, diesmal über den Grenzübergang Bad Muskau, etwa 60 km von Gubin/Polen entfernt. Die polnischen Pass- und Zollkontrolleure geben das Zeichen weiterzufahren. Der DDR-Zöllner gleich nebenan fordert mich auf, den Gepäckraum zu öffnen und er fragt: „Was haben Sie in der Aktentasche? Bitte öffnen!“
Ich öffne und sage: „Nur technische Zeichnungen.“ Plötzlich wird mir klar, ich bin in eine Falle geraten.
Der Zöllner schaut mich verdutzt an und fragt: „Haben Sie eine Genehmigung zum Mitführen technischer Dokumente ins Ausland?“
„Nein“, antworte ich mit großen Augen.
„Das Mitführen von technischen Dokumenten im Ausland ohne Genehmigung ist verboten. Was Sie getan haben, verstößt gegen das Zollgesetz der DDR“, wurde ich belehrt. Ich werde aufgefordert, zum Stellplatz zu fahren. Mir wird ganz schwarz vor meinen Augen. Daran habe ich nicht gedacht!
Ein zweiter Zöllner kommt hinzu und die Befragung beginnt: „Warum führen Sie in der VR Polen technische Dokumente mit?“
„Ich hatte eine Dienstreise zur Schwarzen Pumpe und habe diese mit einem Familienausflug verbunden. Nach 13.00 Uhr waren wir an der Grenze in Guben und, und … jetzt fahren wir nach Hause nach Zeitz. Hätte ich gewusst, dass technische Dokumente …, dann hätten wir diesen Ausflug anders geplant, … es tut mir leid!“
Beide Zöllner blättern in den Zeichnungen herum, stellen Fragen, ich vermeide strikt die Bezeichnung Mosambik, sonst könnte der Verdacht aufkommen, ich sei ein Doppelagent.
Dann beraten beide Zöllner leise. Einer der Genossen geht in das Gebäude, ich vermute, er telefoniert mit dem Grenzübergang in Guben, kommt zurück, ich werde noch mal belehrt und … erhalte freie Fahrt.
Es hätte viel schlimmer ausgehen können und mein Status Auslandskader wäre Vergangenheit gewesen.
Nachdem ich Einblick in die Dokumentation der Dieselelektroanlage genommen habe, fahre ich nach Hettstedt im Bezirk Halle, am Rande des Harzes, um dort ein selbes, bereits fertiges Objekt anzuschauen. In der Invest-Abteilung werde ich freundlich begrüßt. Als ich mein Anliegen konkretisiere, das gleiche Vorhaben in Mosambik zu realisieren, werde ich mit Kaffee und einer Bockwurst bedient. Man schildert mir die üblichen Schwierigkeiten beim Bau der Dieselelektroanlage, deren Fertigstellung sich weit hinauszieht und die bis heute noch nicht im Betrieb ist, vor drei Jahren wurde damit begonnen. Wir machen einen Rundgang in der Dieselelektroanlage. Ich habe Gelegenheit, das fast fertig gestellte Objekt in Augenschein zu nehmen. Anschließend gehen wir zurück ins Büro, wo ich gebeten werde über Vietnam, Sibirien, Angola und über Mosambik zu erzählen. Natürlich komme ich dieser Bitte nach und nach einstündiger Unterhaltung verabschiede ich mich.
Auch zu Hause gehen die Ausreisevorbereitungen zügig voran. Eine Transportkiste für Buffy steht bereits da, deren Anblick Helene in Tränen versetzt – Buffy in der Kiste und das für lange Flugstunden.
„Mein Gott, wie hält das arme Wesen die vielen Flugstunden aus? Wird Buffy ausreichend mit Essen und Trinken versorgt? Ist der Transportraum ausreichen klimatisiert? Buffy musst doch auch Gassi machen? Werde ich Buffy in Maputo am Flughafen lebend in die Arme schließen können?“, klagt meine Frau ständig unter Tränen.
Seit einem Jahr ist Halina an der Martin-Luther-Universität in Halle, hat eine gute Unterkunft im dortigen Internat. Wir haben das Zimmer, das sie mit einer Kommilitonin teilt, mit Zustimmung der Internatsleitung zusätzlich möbliert, mit Radio und Fernseher ausgestattet. Die Internatsleitung ist von unserem 3-jährigen Auslandeinsatz informiert und wird unsere Tochter betreuen.
Auch unsere Wohnung steht ihr zur Verfügung. Sie kann zu jeder Zeit nach Hause kommen. Sparkassenbuch und Girokonto haben wir unserer Halina zuggängig gemacht. Man weiß nie, was auf uns zukommt. Mosambik ist weit, die Luft könnte dort bleihaltig sein, wenn sich FRELIMO und RENAMO bekämpfen. Auch im Nachbarstaat Rhodesien stehen die Zeichen auf Sturm. Mosambik unterstützt den dortigen Befreiungskampf. Die Kollegen in Oppach und Dr. Klemm haben so manches Ungeschminktes verlauten lassen.
Der Ausreisetermin steht fest, am Sonnabend, dem 11. August 1979, fliegen wir mit der Interflug nach Maputo, übernachten einmal in Unterkünften der Botschaft und am nächsten Morgen fliegen wir von Maputo nach Tete.
Seit Tagen sitzen wir auf gepackten Koffern. Helene hat alles ordentlich verpackt, es sind vier Koffer. Die Transportkiste für Buffy und das Handgepäck dazu. An Fachliteratur habe ich auch gedacht. Unsere Buffy hat die erforderlichen Impfungen und den Veterinären Impfpass dazu, Sitzübungen in der Kiste machen sie nervös. Sie ahnt, was Schreckliches auf sie zukommen wird.
Freitag, der 10. August: In der Kaderabteilung der Kombinatsleitung in Halle habe ich Reisepässe für mich und meiner Frau erhalten. Reisepässe für einen Auslandskader einschließlich Familienangehörigen werden dort deponiert. Meine Kollegen in Leuna sind sehr erfreut, beim Kaffeetrinken plaudern wir. Ich kann den Flugstreckenverlauf erläutern und über Neuheiten aus der Abteilung „M“ erzählen. Ich folge der Aufforderung meines Parteisekretärs, vor Ausreise in der Parteileitung politische Literatur und Agitationsmaterial abzuholen. Die Parteileitung ist geschlossen, der Parteisekretär nicht aufzufinden. Ein Genosse der Gewerkschaftsleitung, der an mir vorbei eilt, sagt laut: „Günter, heute ist Freitag, ab eins macht jeder seins.“
Alle Vorbereitungen sind abgeschlossen.
DAS ERSTE JAHR 1979/1980 IN MOATIZE
Abschied für lange Zeit tut weh. Wer kennt das nicht!
Wir sitzen im Flughafenrestaurant – vier Koffer neben uns. Buffy auf Helenes Schoss, Halina hält Muttis Hand, beide mit geröteten Augen, Christina, eine Mitbewohnerin unseres Hauses, die uns zum Flughafen gebracht hat, schweigt. Ich bin unruhig, die Frauen trinken Kaffee, ich ein kühles Bierchen. In kurzen Abständen schaue ich zum Abfertigungsschalter hin, wo Reisende nach Mosambik warten. Langsam kommt Bewegung am Schalter auf, immer mehr Passagiere mit Angehörigen kommen hinzu. Ich erkenne Hans, Gerhard, Herbert und Uwe vom Lehrgang in Oppach. Eine junge Frau mit Kind, die ich nicht kenne, ist auch dabei – alle in Begleitung von Familienangehörigen und Freunden. Nach Prüfung des Veterinären Impfpasses durch den Zoll, wird Buffy als Sondergut aufgenommen. Helene und Halina bitten unter Tränen, mit der Kiste behutsam umzugehen. Buffy ist ein liebes Hündchen. Die Abfertigung verspricht alles Mögliche zutun. Gruppen von Reisenden mit ihren Angehörigen stehen Schlange vor der Pass- und Zollabfertigung. Auch wir können uns nicht trennen, Tränen rollen, die Taschentücher sind nass. Da und dort werden leise Abschiedsgespräche geflüstert, Halina hält unsere Hände fest. Die Minute des Abschiedes ist da. Wir drücken und küssen unsere Tochter, flüstern liebvolle Abschiedsworte und verabschieden uns von Christina. Wir schauen noch mal zurück. Halina und Christina winken. Noch eine Sekunde und wir sind mit schwerem Herzen im Transitraum. Ein neues Gefühl hat uns ergriffen, eine schwere Last ist gefallen.
Unsere IL-62 rollt zur Startbahn. Der erste Abschnitt des Fluges Berlin-Maputo beginnt mit ohrenbetäubendem Anschublärm und immer schneller werdender Startgeschwindigkeit bis zum Abheben der Maschine.
Vom ovalen Fenster aus sehen wir, wie schnell das Flugzeug an Höhe gewinnt. Immer kleiner werden Flughafenkomplex, Grundstücke, Häuser, Wege, Straßen, die Autobahn, Kraftfahrzeuge, die „Mauer“. Wir fliegen auf 10.000 Meter Höhe mit einer Geschwindigkeit von 850 km/h, verlautete die Bordinformation nach dem Start.
Helene ist sehr besorgt um Buffy. Eine Stewardesse serviert Getränke. Helene bittet bei der Zwischenlandung nach Buffy zu schauen, mit ihr Gassi zu gehen, Essen und Trinken zu geben. Die nette Stewardess lächelt, verspricht alles Mögliche zu tun.
Nach drei Stunden Flugzeit ertönt die ersehnte Durchsage, in 20 Minuten landen wir am Flughafen in Algier. Der klimatisierte Transitraum ist sehr klein, dunkel, wenig einladend, es gibt keine Zeitschriften oder Prospekte. Wir müssen stehen und warten, die wenigen Sitzplätze sind besetzt.
Unsere IL-62 ist startbereit. Es folgt das übliche Startritual und wir haben die Höhe von 10.000 Meter erreicht. In zirka acht Stunden gibt es die nächste Zwischenlandung in Lagos/Nigeria.
Stewardessen servieren Speisen und Getränke, keine befriedigende Nachricht über Buffy: „Die Zeit war zu kurz den Hund zu versorgen, er lebt, liegt hätschelnd auf vier Beinen in der Kiste.“ Helene ist traurig, bittet in Lagos unserem Hündchen doch was zu trinken zu geben. Hinterm Bullauge herrscht Dunkelheit. Es ist Nacht, am Himmel glitzern unzählige Sterne. Tief unter uns eine unendlich dunkle Fläche, wir fliegen über dem Atlantischen Ozean. Helene schläft. Mit meinen Gedanken bin ich in Moatize. Wir fliegen schon sieben Stunden. Plötzlich knarrende Geräusche unter dem Fußboden des Flugzeuges, ein gutes Zeichen: Das Fahrgestell wird herausgefahren und es folgt die Ansage: „In 20 Minuten landen wir auf dem Flughafen von Lagos.“
Es ist fünf Uhr am Morgen MEZ. Wir betreten einen Transitraum im Obergeschoss. Genügend Sitzplätze sind vorhanden, Helene steht am Fenster mit Blick zum Flugzeug, in der Hoffnung, unsere Buffy zu erblicken.
Unter den Mitreisenden wird getuschelt, die blonde Frau mit Kind im Kinderwagen ist die Ehefrau vom ZK-Beauftragten der SED für Moatize, Genossen Heino Westphal.
Afrikaner in weißem, langem Herrenkleid im Transitraum bieten auf dem Fußboden diverse Waren zum Kauf an. Die Neugier treibt uns DDR-Bürger, das exotische Warenangebot in Augenschein zu nehmen. Es sind diverse Schnitzereien, Felle, Teppiche, leichte Damen- und Herrenbekleidung, Damen- und Herrenschuhe, Hausschuhe, Handtaschen, Schmuck, Masken, Vasen und anderes. Die Händler – müde aber erfreut Interessenten zu haben – erheben sich vom Boden und führen einzelne Exemplare vor. Versprechen sich, ein gutes Geschäft zu machen.
Ein überaus freundlicher Verkäufer lockt Zuschauer mit gewaltigem Preisnachlass, ein T-Shirt 15,00$ kostet plötzlich 5,00$, die Damenhandtasche von 100,00$ plötzlich nur 25,00$.
Meine Langeweile treibt auch mich zum Händler. Ich schaue auf sein Warenangebot, nehme ein Paar Lederschuhe zur Hand. Der Händler kommt mir entgegen: „50,00$“ und ich antworte: „Zu teuer“, er geht auf 30,00 $ herunter. Ich antworte erneut: „Zu teuer“. Er sagt: „25,00$“. Ich lächle und sage: „Okay, habe German-Mark“. Blitzschnell sagt er: „100 German-Mark“. Ich zeige ihm 100 Mark der DDR. Mein Verhandlungspartner schaut hin, stutzt und sagt: „Nein, das ist kein gutes German Geld, das ist russo, russo, russo …“, nimmt Schießstellung ein und ruft lächelnd: „russo trrrrrrrrr, trrrrrrrrr …“, die Zuschauer lachen.
Nach etwa drei Stunden Aufenthalt fahren wir zum Flugzeug. Am Eingang wird Helene informiert: Unsere Buffy bekam Essen und Trinken, rührte nichts an, sitzt auf ihren vier Beinchen, hechelt wie zuvor in Algier.
Die IL-62 rollt zur Startbahn. Bald darauf hebt sie zur vorletzten Etappe ab. Die Flugdauer bis Luanda beträgt etwa drei Stunden. Eine Stewardess verteilt bunte Urkunden der Interflug an die Fluggäste, die zum ersten Mal den Äquator überfliegen, Helene bekommt auch eine, das erinnert mich an meine Dienstreise nach Angola. Die Chefstewardess verspricht, unsere Buffy nach der Landung zu versorgen.
Um 13.00 Uhr sind wir im Transitraum am Flughafen in Luanda und das Warten zur letzten Etappe beginnt. Buffys Lage ist weiter unverändert, sie nimmt weder Nahrung noch Getränke an.
Nach zwei langen Stunden Zwischenaufenthalt hebt die Il-62 erneut ab und nimmt Kurs nach Osten. Der Flug dauert ungefähr. 4 Stunden, so die Ankündigung.
Über dem Territorium Mosambik schwenkt die IL-62 nach Süden auf Maputo zu.
Einer unserer Mitreisenden ruft plötzlich: „… Freunde, schaut nach unten, der Sambesi und der Staudamm Cahora Bassa unter uns, in wenigen Minuten überfliegen wir Tete und Moatize, bleibt am Fenster …“
Die Maschine setzt zur Landung an, es ist 19:00 Uhr, dunkel, unsere Il-62 berührt die Landebahn und … kommt nach längerem Bremsvorgang zum Stehen.
Das erste Gepäck am Band ist die Kiste mit Buffy. Wir nehmen sie herunter und öffnen die Kiste. Buffy will herausspringen, kann aber nicht, denn ihre Beine wollen nicht folgen. Doch sie gibt freudige Laute. Helene nimmt Buffy aus der Kiste heraus und eilt ins Freie. Unsere Mitreisenden, aber auch Mosambikaner, umringen uns und schauen zu. Helene setzt Buffy ab und unser Zwergpudel macht lange, lange Gassi. Buffy hat über 24 Stunden kein Wasser gelassen, wie konnte das arme Tierchen so lange innehalten?
Vertreter der DDR-Botschaft, die mit Kleinbus und Pkws auf uns warten, sind nicht begeistert, einen mitreisenden Hund zu sehen. Es fallen Bemerkungen wie: „Noch ein Hund dazu …“ oder: „Sie denken, sie sind im Urlaub …“ oder: „Jetzt noch Hunde betreuen, wo wir so viel Arbeit haben …“
Das Band transportiert Gepäckstücke: Zwei Koffer. Auf zwei weitere warte ich, doch die kommen und kommen nicht. Ein Botschaftsangehöriger nähert sich, das Transportband hält an. Ich sage, dass mir zwei Koffer fehlen. Wir eilen zum diensthabenden Dispatcher und melden, nach dem Vorzeigen der Gepäckscheine, den Verlust zweier Koffer an.
Beim Besteigen der Fahrzeuge fällt mir auf, dass in Mosambik Linksverkehr herrscht, was mich überrascht. Nach einer halben Stunde Fahrt halten wir vor dem Gästehaus der Botschaft. Auch hier die große Überraschung.
„Ein Hund haben Sie …! Das fehlt noch …“
Einen besorgten Rat gibt uns eine Frau, Angehörige der Botschaft: „Zum Weiterflug nach Tete nehmt doch Euer Hündchen mit in die Kabine, niemand verbietet das, erspart ihm die Strapazen, die Kiste lasst ihr hier, morgen bringe ich eine große Reisetasche für Buffy mit.“ Das ist nett von dieser Person.
Der 13. August: Am Morgen besteigen wir eine Boeing der mosambikanischen Fluggesellschaft LAM, zur allerletzten Etappe nach Tete/Moatize.
Im Flugzeug findet Buffy unterm Sitz platz. Der Kopf schaut heraus – vom Flugpersonal unbemerkt. Stewardessen sind Mosambikanerinnen, Piloten Europäer, der Sprache nach Portugiesen. Die Ansagen erfolgen in englisch und portugiesisch.
Zwei Stunden später sind wir in Tete.
Ein Lkw W-50 wartet. Albert, der Kraftfahrer, hilft, unser Gepäck auf die Plattform zu hieven. Wir steigen hinauf und fahren durch ausgetrocknete Landschaften auf einer Fernverkehrsstraße nach Moatize. Die Sonne brennt erbarmungslos, Buffy hechelt ununterbrochen, der heiße Wind peitscht in unsere weißen Gesichter. Die Fernverkehrsstraße ist leer, rechts und links Savannenlandschaft, dürres fast verbranntes Gras, dornige Gewächse, breit gefächerte, akazienähnliche Bäume. Wir sehen einzelne dickstämmige Affenbrotbäume, in der Ferne felsige kahle Berge, die bräunlich schimmern. Nach etwa 35 Minuten Fahrt biegt unser W-50 rechts ab, auf beiden Seiten der Straße sehen wir Einfamilienhäuser älterer Bauart mit Vorgärten, reichlich bepflanzt. Ich erkenne große Bananenstauden, und Zitrusbäume. Nach etwa 800 Meter biegen wir wieder rechts ab, und wir sind in der neuen gelben und blaugrauen Bungalowsiedlung.
Vor der Casa (Haus) 5 bleibt unser Lkw stehen. Albert hilft beim Aussteigen, Buffy hechelt.
Es ist extrem schwülwarm und wir warten vor unserer neuen Bleibe. Ein Pick up kommt angefahren. Helga Klemm, die Ehefrau vom Delegationsleiter Dr. Klemm, bringt Möbel und Schlüssel fürs Haus. Buffy bekommt sofort Streicheleinheiten.
Helga belehrt: „Auf keinen Fall unbehandeltes Wasser trinken, erst abkochen, dann in den Filterbehälter gießen, Chlortabletten hinzufügen und filtern lassen. Mit Wasser und Elektroenergie sparsam umgehen, beides ist Mangelware; die Pflanzen nicht gießen und die Klimaanlagen möglichst wenig laufen lassen.“
Das Haus hat zwei Eingänge, direkt in Küche und Wohnzimmer, außerdem zwei Bäder, zwei Gästezimmer und Wirtschaftsnischen.
Wir sind abgekämpft von der langen Reise und von den ersten Eindrücken auf der Strecke nach Moatize, verschwitzt, die Kleidung klebt am Körper, Steinkohlestaub bedeckt unsere Haut.
„Jetzt keine Schwäche vortäuschen, ran an die Arbeit, das Haus einrichten“, befiehlt Helene.
Die Möbel stehen im Freien und müssen vom Steinkohlestaub befreit und gereinigt werden. Wir haben nur einen Eimer und Wasser. Ich eile zur Helga. Klemms wohnen außerhalb der Bungalowsiedlung. Helga gibt mir Wasch- und Scheuerlappen, Reinigungsmittel und Escudo–Vorschuss zum Einkauf in der Verkaufstelle. Die Sonne brennt auf Hochtouren. Wir schruppen Möbel, Estrichfußboden, verjagen unzählige Kakerlaken, finden sie auch in Schubladen, im Bad, in allen Räumen. Helene fängt an sich zu ekeln, ich fege lebende und tote Insekten aus dem Haus, suche in allen Räumen nach Schlupflöchern und stopfe sie mit Papier, Steinen und Dreck zu. Wir bekommen Besuch vom Nachbarhaus Casa 6, Frau Heide Berndt mit Tochter aus Zwickau, vor zwei Wochen eingereist. Horst, ihr Ehemann und Untertageelektriker, ist noch im Schacht. Heidi bietet sofort Hilfe an. Gemeinsam schleppen wir schwere Möbel aus Ebenholz in die Räume. Horst kommt, hilft beim Einrichten. Wir fühlen uns wie in einer Familie. Helene schließt Bekanntschaft mit Dorothea Zock, kommissarisch verantwortlich für die Verkaufsstelle, ihr Ehemann Klaus, Leiter einer Chipanga, beide seit mehrere Wochen in Moatize, wohnen im Casa 1.
Dorothea erfährt, Evelyn Westphal ist mit Kind eingereist, hat einen Arbeitsvertrag als Verkaufsstellenleiterin mitgebracht. Heino, ihr Gatte, Beauftragter des ZK der SED mit Diplomatenpass, holte Frau und Kleinkind vom Flughafen mit einem japanischem Dienstauto ab. Dorothea ist traurig, bangt um ihren vollen Arbeitsplatz und auch Helene sieht ihre Chance schwinden, beschäftigt zu werden. Sie erfährt, wie schwierig die allgemeine Versorgungslage nicht nur in Tete oder Moatize ist.
Kinder mit dicken Bäuchen, nackt oder völlig zerlumpt, stehen mit ausgestreckter Hand vor den Bungalows und rufen: „Pao, pao, senhora, pao, pao senhora!“ Brot, Brot!

Familie Berndt vor unserem Casa 5
„Es ist traurig dem zuzusehen“, erzählen Dorothea und Heidi. „Albert unser W-50-Fahrer, ein sehr beweglicher Typ und portugiesisch sprachgewandt, versucht täglich mit allen möglichen Tricks in Tete etwas zu ergattern: Brot, Mehl, Öl, Fleisch, Fisch, Eier, Gemüse. Er muss sich auch unangenehme Sprüche anhören, von wartenden Einheimischen. In Abständen von sechs bis acht Wochen kommen Versina-Sendungen aus der DDR mit Fleisch-, Wurst- und Brotkonserven sowie anderen Lebensmitteln und Haushaltswaren.“
Es ist 18.00 Uhr, ein Pick up hält vor unserem Casa. Dr. Thomas Klemm begrüßt uns mit seinem netten Lächeln, fragt nach Buffy. Unser Pudel ist kläffend zur Stelle. Buffy fühlt sich längst häuslich, bekommt Streicheleinheiten.
Wir duzen uns, berichten über unseren Reiseverlauf, Gepäckverlust, letzte Gespräche in der Abteilung „M“ zum Vorhaben Dieselelektroanlage. Helene bittet um baldige Beschäftigung in der Delegation.
Dr. Klemm schildert ausführlich, ohne Geheimnistuerei, die komplizierte Versorgungslage in Mosambik, die Knappheit mit Elektroenergie und Wasser, die Bemühungen der Delegationsleitung, unsere Arbeits- und Lebensbedingungen möglichst angenehm zu gestalten.
Abschließend bittet er darum, am folgenden Tag um 7:00 Uhr in seinem Büro, im Escritorio, Direktionsgebäude, zum Einführungsgespräch zu erscheinen. Er betont dabei, meine aller erste Aufgabe wird sein, eine Dieselelektroanlage 2 x 1100 KVA zu bauen.
18.00 Uhr wird es in diesen Breiten dunkel, wir sind geschafft von der langen Reise, ersten Eindrücken und der schwerer Arbeit. Um 22:00 Uhr fallen wir beide erschöpft in die Betten.
Nach durchgeschlafener Nacht melde ich mich im Direktionsgebäude der „CARBOMOC“ bei Dr. Klemm, der auch Stellvertreter des Generaldirektors ist.
Thomas erklärt die Struktur der „CARBOMOC“, der Generaldirektor ist ein weißer Mosambikaner portugiesischer Herkunft, sehr jung, dynamisch, um die dreißig, zurzeit auf Dienstreisen. Dr. Klemm spricht über Probleme der Stromversorgung, die auf Aktivitäten der feindlich gesinnten RENAMO zurückzuführen sind, auch die Struktur unserer Delegation wird mir erklärt. Wir gehen aufs Betriebsgelände: Erst zur Bauabteilung, von Mosambikanern „obra“ genannt, sie besteht aus einer Zimmerei „… wo sich vor Schichtbeginn die Belegschaft zum Prüfen der Anwesenheit und zur Arbeitsaufteilung versammelt …“, sagt Dr. Klemm.
Vor der Zimmerei stehen zwei Herren: ein Portugiese, der Abteilungsleiter Senhor Amaral, etwa 55 Jahre, und ein Mosambikaner, der Meister Senhor Cebola, etwa 65 Jahre – unser Schätzung nach.
Dr. Klemm spricht gut portugiesisch, macht uns bekannt, mich als Bauabteilungsleiter ab heute im Dienst. Beide lächeln freundlich, den Portugiesen verstehe ich überhaupt nicht, er nuschelt und nasalt. Ich gebe mir große Mühe am Gespräch teilzunehmen, mit meinem schwachen Portugiesisch.
Dr. Klemm verspricht mir, am nächsten Tag zu Schichtbeginn, eine Dolmetscherin zur Verfügung zu stellen, damit ich mich der Belegschaft vorstellen und mein Arbeitskonzept für den Bau der Dieselelektroanlage erläutern kann.
Wir gehen weiter zum vorgesehenen Standort der zukünftigen Halle der Dieselelektroanlage, nicht weit von der Bauabteilung. Die Fläche ist ausreichend groß, gut zugängig und eben. Daneben befindet sich die mechanische Werkstatt, Fuhr- und Maschinenpark, alles, was mich beim Bau der Dieselelektroanlage unterstützen würde.
„Also kannst du sofort mit dem Abstecken der Halle beginnen?“, sagt Thomas.
Natürlich würde das meine erste Aufgabe sein. Nach dem Abstecken muss der Baugrund untersucht werden. In der Zeichnung der Fundamente steht ein Vermerk: „Die Tiefe der Fundamente ist örtlich anzupassen …“
„Das bedeutet nach der Baugrunduntersuchung die Tiefe festlegen …“, antworte ich.
„Das dürfte kein Problem sein, die Werkstatthalle steht auf diesem Baugrund seit Jahrzehnten, Setzungen sind nicht zu erkennen“, sagt Dr. Klemm.

Nachdem wir uns trennten, beauftrage ich, mit meinen Sprachkünsten, Agostinho Fermenga, den Zimmerbrigadier, für den kommenden Morgen mehrere Holzpfähle und zwei große Bauwinkel im Verhältnis 3:4:5 anzufertigen. Dann bin ich wieder in der Zimmerei, versuche Kontakte mit Zimmerleuten und anderen Bauarbeitern zu knüpfen. Alle sprechen verständnisvoll langsam mit mir, zeigen ihre Werkstücke für Chipangas, zwei fertigen Särge, Tische, Bänke, Rahmen usw. aus Ebenholz. Ich sehe keine Holzverarbeitungsmaschinen. Alles wird von Hand bearbeitet: Das harte Holz wird gehobelt, gesägt, die Kerle schwitzen, wischen mit dem Hand-rücken den Schweiß von Stirn und Nase ab, die Werkzeuge sind nicht bester Qualität. Zum ersten Mal sehe ich echtes rohes Ebenholz. Der innere Kern ist schwarz der Au-ßenring weiß, weißgelb bis braun. Ebenholz ist ein hartes, witterungs-festes, schweres Edelholz aus tropischen Bäumen.
Es ist Mittagszeit. „Für die Über-tagebelegschaft der CARBOMOC sind zwei Stunden Mittagspause vorgeschrieben“, sagt Dr. Klemm am Morgen. Pünktlich 12.00 Uhr verlassen die Maschinisten, Schlosser, Mechaniker, Zimmerleute, Bauarbeiter und Hilfskräfte ihren Arbeitsplatz und eilen in ihre aldeas (Dörfer), Acampamentos (Ortsteile) oder Beiros (Ansiedlungen).
Helene hat längst unser erstes Mittagessen vorbereitet und wartet vor der Casa auf mich. Buffy vermisst nichts und freut sich mich zu sehen.
„Das Mittagessen war nicht einfach zuzubereiten, mehrmals fiel der Strom aus“, berichtet Helene.
Ich bin dreckig, fast wie ein Schornsteinfeger. Übertagebeschäftigte sind auch vom Steinkohlestaub befallen. Er haftet am verschwitztem Körper und an der Kleidung, ich spüre sogar die Steinkohlepartikelchen beim Zusammenbeißen der Zähne.
In der Casa führt der erste Gang zur Dusche, sich vom Kohlestaub zu befreien. Das Duschen erinnert an Vietnam, nur warmes Wasser umgibt mich. Wie gern hätte ich kalt geduscht, aber so sind die Tropen.
Pünktlich um 14.00 Uhr stehe ich vor der Bauabteilung. Bauarbeiter und Meister Cebola sind schon da. Die mich am Vormittag nicht sahen, schauen regungslos auf mich. Senhor Amaral kommt langsamen Schrittes hinzu. Ohne Dolmetscher ist die Verständigung schwierig und Amaral der Portugiese, der mir jetzt unterstellt wurde, begreift nun langsam sein Abgang nach Portugal.
„Morgen werden Arbeitskräfte zum Abstecken und Aushub von Schürgruben benötigt, für die Dieselelektroanlage“, weise ich an.
Amaral, Cebola und ich gehen Arbeitsstandorte aufsuchen. Dabei fällt auf, Cebola geht Abseits von uns.
Ich nehme ihn untern Arm und ziehe Cebola an mich heran, was ihn sehr erstaunt. Um Vertrauen zu gewinnen, frage ich: „Senhor Cebola, onde Voce mora ?“ (Wo wohnen Sie?)
Cebola schaut mich an, lächelt und antwortet: „No beiro direito.“ (In der Ansiedlung.), und zeigt mit der Hand rechts.
Stelle die nächste Frage, damit keine Pause entsteht: „Sind sie Zimmermann oder Maurer vom Beruf?“
Cebola antwortet: „Ich mache alles, ich war lange Zeit in den Goldgruben Südafrikas beschäftigt, dort war man auch mit mir zufrieden.“
Amaral geht schweigend neben uns beiden. Am ersten Arbeitsstandort heben Arbeitskräfte einen Graben aus, Amaral sagt: „Für Entwässerungsrohre.“
Meine Frage an Cebola: „Wann soll der Graben fertig sein?“
Cebola zögert, schaut zu Amaral, ich lasse nicht locker und bitte freundlich aber bestimmend: „Senhor Cebola, bitte antworten Sie mir.“
„Es ist dringend …“, antwortet Cebola.
Und Senhor Amaral präzisiert: „Montag soll der Entwässerungskanal fertig sein, für zusätzliche Toiletten im Gebäude.“

Senhor Cebola mit drei seiner Frauen und Kindern
Anschließend gehen wir zum Standort der Dieselelektroanlage. Hier erkläre ich ohne Dolmetscher die Reihenfolge der Arbeiten ab morgen: Abstecken, Schürfgruben ausheben von Hand, wenn der Grund tragfähig ist, wird die Baugrube ausgehoben.
Amaral macht einen desinteressierten Eindruck, kann sein, er versteht mich nicht und stellt keine Fragen. Dafür fragt Cebola: „Wie viele Arbeitskräfte werden ab morgen benötigt? Wie groß wird die Halle sein? Ein langes Bandmaß haben wir nicht.“
Darauf antworte ich: „Zwei Arbeitskräfte an jeder Schürfgrube. Morgen früh bringe ich Bandmaß, Lot, Schnur, Messstangen mit, auch Zeichnung für das Vorhaben.“
Zum Feierabend, nach Duschen, Kuscheln mit Buffy und Plausch mit Helene, mache ich mich an die Freiflächengestaltung auf unserem Grundstück. Nach Sonnenuntergang, sitzen wir mit Heidi und Horst auf der Eingangstreppe und werten den heutigen Tag aus. Der zweite Tag in Mosambik neigt sich dem Ende zu.
Pünktlich um 6.00 Uhr bin ich mit Dolmetscherin Rosi in der Bauabteilung. Etwa 50 arme, junge und alte Bauarbeiter, in verschlissener Bekleidung, barfüßig, einige in schäbigem Schuhwerk, stehen vor der Zimmerei in Reih und Glied, wie militärisch angeordnet, schauen starr und stumm in meine Richtung. Francesco der Schreiber, etwa 20 Jahre jung, ruft die Anwesenden auf, Amaral und Cebola blicken zum Aufgerufenen. Die armen Kerle tun mir leid. Cebola spricht in Tschinjugwe, seiner Bantusprache zur Belegschaft, weder Amaral, Rosi noch ich verstehen was davon. Ich nehme an, Meister Cebola stellt mich vor. Die Augen sind auf mich gerichtet, manche lachen, andere stehen regungslos oder diskutieren. Cebola dreht sich zu mir, bewegt die rechte Hand und sagt freundlich in portugiesisch: „Bitte sprechen Sie.“
Mit freundlichem Lächeln grüße ich die Belegschaft mit bom dia, caros amigos, guten Tag liebe Freunde, stelle mich vor, mit meinen portugiesischen Vokabeln.
„Gemeinsam mit Senhor Amaral, Senhor Cebola, Senhor Fermenga und euch, liebe Freunde, wollen wir unsere Bauabteilung für neue wichtige Aufgaben stärken. Die erste Aufgabe, die wir schon heute in Angriff nehmen, sind Vorbereitungen zum Bau einer Dieselelektroanlage 2 x 1100 KVA, einschließlich der Halle für die Herstellung von Elektroenergie.“ Ich zähle weitere Aufgaben auf, wie Übertagebauten für neue Chipangas, Tagesunterkünfte für Bergbauarbeiter, ein Labor, Maismühlen, ein Kulturzentrum, mehrere Brunnen teufen für die Wasserversorgung, Instandhaltungsarbeiten, Betonhohlblöcke produzieren, Holzelemente nach Bedarf herstellen u. v. a., Rosi übersetzt fast simultan. Abschließend frage ich, ob alle verstanden haben, welche Aufgaben vor uns stehen.
Die Antwort kommt im Chor: „.Sim, senhor engenheiro.“
Cebola teilt Arbeitskräfte auf, Amaral kommt auf mich zu und sagt abwertend: „Nichts haben sie verstanden.“
Mit Agosto, so wird Agostinho genannt, und fünf Arbeitskräften gehen wir zum Standort der zukünftigen Maschinenhalle. Vor Ort schauen wir in den Lageplan, bestimmen Eckpunkte und schlagen Holzpfahle ein. Mich erstaunt, wie flott diese Zimmerleute arbeiten. Agosto, überall dabei, schaut in den Lageplan, dirigiert seine Leute. Für mich bleibt nichts zu tun. Das Abstecken bereitet den Zimmerleuten Spaß. Nach etwa zwei Stunden sind alle Holzpfähle geschlagen und die Achsen für 12 bis 15 Schürfgruben werden bestimmt. Cebola führt eine Gruppe Bauarbeiter an – barfüßig, mit ramponierten Spaten, Haken, Schaufeln bewaffnet – und auch ein Eimer ist dabei. Mit dem Begriff Kaskade habe ich kein Problem, Cebola kommt mir zuvor sagt: „Sim, cascatas.“ Ich gebe die Abmessungen der Stufen mit 50 bis 60 Zentimeter Breite und 25 bis 30 Zentimeter Höhe an. Die gesamt Tiefe einer Schürfgrube sollte mindestens 50 Zentimeter im gewachsenen Boden enden.
Die Verständigung ist befriedigend, was ich sage, kommt an, wenn ich sage: „Senhor …, faz favor falar devagar …“ (Bitte sprechen Sie langsam), folgen sie meiner Bitte.
Bis zur Mittagspause halte ich mich hier auf, führe Gespräche mit Cebola und Agosto. Beide sind respektvoll und sprechen nur, wenn sie gefragt werden. Im Umgang mit mosambikanischen Mitarbeitern verspüre ich militärischen Gehorsam, was mir nicht schmeckt.
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