Kitabı oku: «Mein Mann»
Günter Tolar
MEIN MANN
Tatsachen-Roman
(Nicht veröffentlichte Originalfassung)
GESCHRIEBEN 4.8.1991 (Bregenz) bis 14.11.1991 (Wien)
FÜR NORBERT
VORWORT
„AIDS IST NICHT WIRKLICH EINE KRANKHEIT,
es vereinfacht die Dinge, sie als eine solche zu bezeichnen, es ist ein Zustand von Schwäche und Ergebung, welcher dem Tier, das man in sich trug, den Käfig öffnet, dem Tier, dem ich gezwungenermaßen unumschränkte Vollmacht gebe, damit es mich verschlingt, dass ich mir lebendigen Leibes antun lassen muss, was an meinem Leichnam zu tun es sich anschickte, um ihn zu zersetzen. Die Pneumozystis-Pilze, würgende Boas für Lunge und Atem, und die Toxoplasmose-Erreger, die das Hirn zerrütten, leben im Inneren jedes Menschen, nur verweigert ihnen das Gleichgewicht seines Immunsystems schlicht und einfach das Bürgerrecht, während Aids ihnen grünes Licht gibt und die Schleusen der Zerstörung öffnet.“
Herve Guibert - "Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat."
Kapitel 1
„MACH’ ORDNUNG IN DEINEM SCHMERZ“,
sagte Roswitha, meine riegelsame Nachbarin, die immer jemand brauchte, um sich um ihn kümmern zu können.
„Ich finde es gut, wenn du darüber nachdenkst, darüber schreibst, darüber sprichst“, fügte sie hinzu, „mit jedem mal verdaust du es ein Stückchen mehr.“
Roswitha wohnte die ganzen fünfzehn Jahre, die ich und Norbert in diesem Haus lebten, ein Stockwerk tiefer. Wir grüßten einander, nicht mehr, sprachen kaum miteinander. Norbert hatte mehr Kontakt zu Roswitha, ich sträubte mich aus Gründen, die ich selbst nicht nennen kann. Ich sträubte mich, damit genug. Erst nach der Geschichte mit Norbert lernte ich sie wirklich kennen, sehr schätzen und sogar ein wenig lieben.
Norbert soll also verdaut werden und Nachdenken, Schreiben oder Reden soll diese Verdauung anregen. Wie unappetitlich ein Vokabular doch sein kann.
Alles das sagte Roswitha mit der ihr eigenen, kindlichen Nachdenklichkeit, kraus gezogener Stirn und intensivem Blick vor sich hin.
Ich begann also, Ordnung zu schreiben, zu denken, zu reden. Damit folgte ich aber nicht nur dem Ansinnen Roswithas. Auch Herbert, mein Regisseur, hatte, als ich ihm die Geschichte erzählte, sofort gesagt, dass das niedergeschrieben gehörte.
So fand ich mich in den nächsten Wochen immer wieder vor der Schreibmaschine. Mehr nachdenkend als schreibend. Mehr weinend, als klar denkend. Ordnung machend auf dem Weg, auf dem ich mich befand, befinden wollte, unnachgiebig. Dennoch Gedanken fassend. Zumindest versuchend, hie und da einen zu fassen zu kriegen. Besonders fündig wurde ich immer wieder im Haus in St. Oswald, wohin ich mich mit meinem Denkzeug gerne zurückzog. Hier war ich mit Norbert besonders allein.
Vor mir die Bücherregale, deren Vergrößerung wir noch miteinander ausmaßen, zwei Tage, nachdem Norbert sein Testament geschrieben hatte. Er zeichnete noch eine ordentliche Skizze, wissend, dass er sie nicht mehr realisieren würde. Wenn ich meinen Kopf sehr weit nach rechts drehe, sehe ich die Bücher, die Norbert nicht in unserer Wiener Wohnung aufbewahrt sehen wollte, schwule, schwüle Lektüre, Männergeschichten, literarische oder einfach spekulative, immer ästhetisch und immer ätherisch. Noch weiter rechts steht auf einem Regal sein Malzeug. Norbert betrieb Hinterglasmalerei. Kreativ und kopierend, beides mit Hingabe, Können und Selbstkritik. Ich musste einige Glasplatten, nachdem Norbert sie stundenlang bemalt hatte, zerbrechen hören und auch zusehen, wie er sie die lange Treppe hinunter in die Mülltonne trug, sie sorgsam verbergend, dass ich sie nicht sehen konnte. Totale Vernichtung. Eine einzige Glasplatte hat er vergessen, ich rahmte sie. Freunde sagten mir, ich hätte sie besser wegschmeißen sollen, weil Norbert sie sicher auch weggeschmissen hätte. Einige seiner vielen Schallplatten waren auch noch da. Er brachte immer aus Wien welche mit, hörte sie sich an und transportierte sie dann wieder auf einen der vielen Stapel, die wie Spalierobst in unserer Wiener Wohnung herumstanden.
Ich vermeide es zumeist, den Blick so schweifen zu lassen, weil ich die ohnedies permanente Präsenz meines Freundes nicht noch weiter rufen will. Weil ich „mit all dem fertig“ werden soll, wie mir meine Freunde rieten. Weil ich „darüber hinwegkommen“ muss, wie sie meinen immerwährend vorhandenen Schmerz kopfschüttelnd kritisierten. Weil ich doch „an das viele Elend in der Welt denken“ soll.
„Zeigefinger, die mich umgeben“, erklärte ich Norbert, mit dem ich, wie so oft nach seinem Tod, gerade wieder plauderte.
Sie blieb dennoch unfassbar, die Tatsache, dass Norbert am 14. März 1991 Selbstmord beging. Sein Tod war im Polizeiprotokoll sachlich und drastisch vermerkt:
„14.3.1991, 23 Uhr 37, U4 - Station Meidling - Gleis 1 - Todesursache: Kopf-Rumpf – Trennung“.
Es ist gerade fünf Monate her, dass das geschah.
Norbert und ich waren Freunde seit fünfzehn Jahren. Fünfzehn Jahre lang lebten wir zusammen und teilten buchstäblich alles miteinander. Ich sträube mich gegen das Klischee „teilten alles miteinander“ - und doch, ich vermag es nicht anders auszudrücken. Wir teilten alles miteinander. Es gab nichts, was einer allein hatte. Nichts. Bei unseren Freunden und Bekannten waren wir als ein ideales Paar angesehen, scheinbar überhaupt nicht zusammenpassend, und doch in einem wunderbaren Maß harmonisierend, dass es viele einfach nicht glauben wollten. Norbert war in einer sozialistisch-macho-dominierten Saubermann-Atmosphäre beruflich tätig, ich in christlicher Betschwestern-Umgebung bigotten Anstrichs voll gefährlicher Tücke und Falschheit. Aber selbst dort waren wir zwei angesehen und angenommen. Unsere spezielle Situation war für uns beide kein Problem, nicht nach innen und nicht nach außen, nicht zwischen uns und nicht den anderen gegenüber.
Seit fünf Monaten bin ich nun allein.
Ich behaupte, mein Leben ohne Norbert ist nicht denkbar. Ich behaupte das, weil ich weiß, dass es so ist. Ich weiß es, die anderen glauben es nicht. Ihnen ist mein Schmerz so leicht.
Das anbefohlene Ordnen meiner Gedanken soll mir und den anderen einen Beweis erbringen. Nur unter diesem Aspekt habe ich mich bereit erklärt, den anderen den Gefallen zu tun. Lächelnd und es besser wissend. Das Ordnen würde nichts anderes erbringen, als was ich schon weiß. Aber sie wollen es ja.
„Die Folgen mögen sich jene zuschreiben, die mich überredet haben!“, erklärte ich Norbert achselzuckend.
Norbert schweigt. Norbert schweigt so viel in letzter Zeit.
Kapitel 2
„JEDER SELBSTMÖRDER KÜNDIGT SEINEN SELBSTMORD AN“,
erklärte Prof. Ringel, den ich zwei Wochen nach dem Abgang von Norbert aufsuchte. Wir seien nur nicht in der Lage, die Zeichen zu deuten. Hinterher füge sich das Bild beklemmend lückenlos zusammen. Ich möge doch nachdenken, befahl Ringel mit seiner schnarrenden Stimme. Ich würde ein Indiz nach dem anderen finden, aber keines sei in seiner Einzelaussage so beschaffen, dass dadurch der Gedanke an einen bevorstehenden Selbstmord ausgelöst werden könne. Alle Hinweise, die der künftige Selbstmörder abgebe, seien verschlüsselt.
„Wie aber hat er diese letzte Woche überstanden?“, fragte ich, und das Grauen vor der schrecklichen Verzweiflung, die in Norbert geherrscht haben musste, kündigt sich in mir an. Dieses Grauen vor dem Unbekannten, der Norbert, wenn ich auf diese letzte Woche zurückblicke, für mich war, als er seinen eigenen Weg ging, den man nur allein geht. Einsam. Ich denke an meine Mutter. Alle waren wir dabei, als sie starb. Und dennoch, sie war allein im Sterben. Lebte aber dennoch. Wie Norbert. Er sah mich, und wusste, er würde mich zum selbst festgesetzten Zeitpunkt verlassen. Verlassen in eine Dimension, von der nur weniges gesichert ist: Dass er nicht mehr da ist und dass er für immer nicht mehr da ist, zumindest nicht in der Gestalt, Form oder Ausprägung, die ihm die auslösenden Probleme schuf.
Also erstens, replizierte Ringel mit akribischer Munterkeit, hätte er diese Woche ja nicht überstanden. ‚Zweitens’ ließ ich keines folgen, weil ich gleich weiterfragte: „Wieso aber eine ganze Woche?“
Am 7. März erfuhr Norbert, wie es um ihn stand. An diesem Tag begannen auch seine Vorbereitungen.
Da Ringel noch, vor sich hin nickend, nachdachte, fragte ich weiter: „Diese Kraft, diese wahnsinnige Stärke in dieser letzten Woche...“, meine Stimme wollte mir nicht mehr gehorchen, weil ich von meiner Unfähigkeit, diese Tage zu begreifen, voll überfallen wurde. Ohnmacht, die mein Blut rasen macht, die mir heiß werden lässt.
Konsequent, nickte Ringel sehr intensiv mit Präsenz und Munterkeit, das sei er wohl in höchstem Maße gewesen. Ein vorbildlicher Beamter halt.
Norbert war daran gewöhnt, die Bezeichnung ‚Beamter’, wenn sie ein anderer gebrauchte, als mit Traditionen beladenes Schimpfwort hinzunehmen. Aber er, für sich selber, war, da hatte Ringel Recht, mit Leib und Seele, mit Überzeugung und Charisma, Beamter.
Ich möge mir vorstellen, stach Ringel mit gestrecktem, gichtig verbogenem Zeigefinger in die Luft, dass Norbert seit dem Empfang des Todesurteils mit jedem Tag seiner peniblen Vorbereitung mehr Erleichterung erfuhr. Er habe sich folgerichtig und wohl überlegt Schritt für Schritt der Lösung seines Problems genähert und vom Leben entfernt. Alles mit haargenau den gleichen Mitteln, mit denen er sein Leben bestritt.
Ich war zutiefst erstaunt, denn Ringel vermochte, allein aus meiner Schilderung der letzten Woche, Norbert so exakt zu beschreiben, dass das Bild, das er entwarf, vollkommen mit dem übereinstimmte, das ich aus der nachträglichen Aufarbeitung dieser letzten Tage gewonnen habe.
Bei der folgenden Frage erfasste mich wieder diese Welle des Entsetzens, das mich auch jetzt noch überfällt, wenn ich an Norbert und den Augenblick seiner Tat denke: „Aber vor dem Sprung? Vor die U-Bahn?“
Ringel nickte eifrig. Wir bewegten uns auf einem Gebiet, in dem er sich auskannte. Fast schien es ihm Vergnügen zu bereiten, zu antworten. Da sei diese Tunnel-Theorie. Norbert sei die ganze Woche über, seit Empfang des Todesurteils, in einem finsteren Tunnel unterwegs gewesen. Sekunden vor der Tat sah er dann ein Licht am anderen Ende und wollte nichts anderes, als dort hin. Er sah Licht und war glücklich, weil die Lösung seines Problems, das ihn zu Tode belastete, in Sicht war.
„Aber knapp vorher! Da kommt die U-Bahn, und dann der Sprung, das kann doch nicht mit einem Glücksgefühl verbunden sein...“, ich geriet in ein hysterisch lautes Reden vor Ekel, Angst und Entsetzen.
Ringel nickte, wackelte abwechselnd mit dem Kopf und gab zu, dass unsere Phantasie da aushake. Unsereiner könne das nicht nachvollziehen. Was fühlt einer, der das Todesurteil eines Tages aus heiterem Himmel auf den Kopf zugesagt bekommt? Bei Aids durfte nichts verheimlicht werden. Was also fühlt einer, der DAS Todesurteil in der Tasche hat? Und der von seiner Gesellschaft so eingeengt ist? „Der DURCH MICH, seinen besten und einzigen Freund, so eingeengt war?“, bezichtigte ich mich selbst, der mir eigenen Neigung zum Selbstmitleid, das alles andere zu übertönen imstande ist, eifrig frönend.
Als ich mit dem Bruder von Norbert etwa fünf Monate später einen Notariatstermin hatte, um die Erbschaftsangelegenheiten zu erledigen, mussten wir auf die Abfassung eines Dokumentes warten. Der Notar hatte das Zimmer verlassen, wir waren allein. Da sagte Peter so nebenbei: „Übrigens, er ist gar nicht gesprungen. Er ist auf dem Rücken gelegen, mit dem Hals genau auf einer Schiene.“
Ich schloss die Augen und tat das, was ich, wenn ich einen Gedanken nicht fassen kann, automatisch tue, ich frage meine Phantasie. Sie beschied mir, dass das Liegen auf den Schienen und Warten wohl nicht ganz so schlimm wäre, als das Sehen des herankommenden Zuges und das rechtzeitige Springen. Norbert würde doch beim Liegen sicher die Augen zugemacht haben. Sicher. Er hatte sie fest geschlossen, und immer fester, je näher er den Zug kommen hörte. Ich fühle es wie einen kleinen Trost. Der Sprung, die Vorstellung des Sprunges ist so ziemlich das Schlimmste, an das ich zurückdenke. Das Liegen auf den Schienen bringt mir Norbert aus der Unbegreiflichkeit heraus und etwas näher, begreifbarer. Das bin ich imstande, annähernd zu verstehen.
Aber was ist ‚annäherndes Verstehen’? Eine Redewendung. Eine verbale Kurve, die nach kurzem Nachdenken sich um 180 Grad dreht und mich dorthin zurückwirft, von wo ich mich soeben loszulösen geglaubt habe. Annäherndes Verstehen ist genauso Wenig-Verstehen wie Nicht-Verstehen.
Reue, Hilflosigkeit, Ratlosigkeit breiten sich in mir aus, wie immer, wenn ich stehen geblieben bin. Wie immer, wenn ich bei einem der vielen Punkte angelangt bin, an denen mein Denken nicht mehr weitergeht.
Es ist ja Trost, den ich suche. Und es ist Beruhigung, die ich suche. Beruhigung vor dem Grauen, das ich fühle, wenn ich daran denke, dass ich eine Woche lang mit einem Todeskandidaten lebte, der Sterben nach Fahrplan betrieb. Mit einem Menschen, der mir so nahe stand, dass ich es nicht fasse, was dem alles durch den Kopf gegangen sein mochte in dieser Woche. Was in ihm alles vorgegangen sein mochte an diesem Tag als er es erfuhr, an diesem Tag, an dem er es tat, an den Tagen dazwischen.
Ringels Trost war aber keine leere Hülse. Ich wusste, dass der Psychologe Recht hat, ich selbst empfand es in der Woche nach dem Tod von Norbert, als ich meinen eigenen Selbstmord plante, genauso, wie Ringel es von Norbert erklärt hat.
Kapitel 3
„SIE GLAUBEN WOHL AUCH, SIE SIND WAS BESSERES?“,
waren die allerersten Worte, die ich an Norbert richtete.
Es geschah bei dem einzigen Kostümfest, das ich jedes Jahr mit Norbert besuchte. Das erste Mal war ich dort am 20. Jänner 1976, noch allein. Norbert schenkte mir alljährlich Blumen zu diesem Gedenktag, den ich so selbstverständlich jedes Jahr vergaß, wie Norbert selbstverständlich jedes Jahr daran dachte.
Ich war damals eben auf den ersten Höhepunkt meiner Berühmtheit und Beliebtheit aufgestiegen und wurde gerne zu Partys als Aufputz eingeladen. Die Veranstalter dieses Kostümfestes, ein Paar namens Toni und Peter, hatte ich kurz vorher kennengelernt. Peter arbeitete in einer renommierten Wiener Klavierfabrik als Chef-Disponent, Toni war gefeierter Solotänzer im Staatsopern-Ballett. Wenn man ihn privat sah, mochte man das nicht glauben, erst wenn man ihn auf der Bühne erlebte, erfuhr man, welch großer Künstler in diesem kleinen, unscheinbaren Kerl steckte. Die beiden hatten sich bei einer Kaffeejause anlässlich der Housewarming-Party eines eben emporgekommenen Designers, der mich ebenfalls als Aufputz geladen hatte, sehr devot an mich herangemacht. Spitze Zungen in meiner Umgebung flüsterten mir zu, dass die beiden Prominente sammelten, aber selten längere Zeit behielten. Diesmal aber war es anders. Sie luden mich zum Kaffee ein, wir freundeten uns an - und sie baten mich auch zu dem Kostümfest.
In welcher Verkleidung ich dort hin ging, weiß ich nicht mehr. Der Kleidung nach waren mehr Damen als Herren dort anwesend, die sich mit männlichen Stimmen kreischend unterhielten und die Freiheit genossen, unter sich zu sein und sich so geben zu dürfen, wie es unsere Art ist. Unsere Veranlagung. Keine Verstellung. Alle lagen sie mir gleichsam zu Füßen. Enervierend, so mokierte es sich in mir. Ich genoss es aber gleichzeitig huldvoll leutselig, hofiert zu werden. Jedermann ließ es sich zur Ehre gereichen, ein wenig mit mir zu plaudern, selbstverständlich zumeist über meinen Beruf, was ich besonders gerne tat, weil ich etwas davon verstand und die anderen nicht. Ich war noch nicht in der späteren Ablehnung dieses Stargerühmes verfangen. Damals gefiel mir das noch.
Eitel, wie einer meines Berufes in einer solchen Situation ist, bemerkte ich sehr bald den einzigen in der immerhin etwa dreissigköpfigen Runde, der sich nicht um mich kümmerte, der sich nicht um mich riss, der mich sogar durch intensives Wegsehen glatt ignorierte.
Vorerst war ich bereit, das gnädig zu verschmerzen. Als der Abend länger und die Gäste müder wurden, sich hinsetzten und Pornofilme betrachteten, wobei sie parallel mehr oder weniger, je nach Temperament und Partnerschaftslage, durchaus aktiv waren oder wiehernd und kichernd das Geschehen auf der Leinwand kommentierten, sah ich meinen Ignoranten allein an der Bar sitzen. Ich dachte bei mir, dass der wohl deshalb allein sitze, weil er ein Knofel sei, eine gesellschaftliche Null, kontaktarm, scheu, schüchtern, ein armer Teufel halt. Ich war sogar bereit, seine Ignoranz mir gegenüber großzügig zu verzeihen.
Der von dem ihn umwallenden Mitleid nichts Ahnende trug eine Strumpfhose, die seine überaus langen Beine sehr zur Geltung brachte, und ein grünes Hemd mit hellen Längsstreifen. Das Hemd hängt noch in meinem Schrank. Ich stehe oft davor. Zumal beim Ordnung Machen in meinen Gedanken. Da hängt es also. Eine Reliquie. Genau die Verehrung einer Reliquie genießt das Hemd bei mir. Ich nehme einen Ärmel, drücke ihn an meinen Mund und rieche gleichzeitig daran. Rieche ich Norbert? Tränen steigen mir auf. Es ist Lavendel, nicht Norbert. Aber die Lavendelsäckchen hat er noch in den Schrank gehängt, ich habe nichts verändert.
Das Gesicht von Norbert war an dem Abend stark verschminkt, er hatte seine Augen mandelförmig mit schwarzer Farbe und eingelegtem Flitter umschmiert.
Ich ging geradewegs auf ihn zu. Norbert blickte mir mit seinen künstlich vergrößerten Augen entgegen. Dann fielen meine denkwürdigen Eröffnungsworte: „Sie glauben wohl auch, Sie sind was Besseres?“
„Ich nicht“, antwortete er schnippisch, „das sind hier schon Sie!“
„Wieso ich?“, fragte ich, zugegeben scheinheilig.
„Tun Sie doch nicht so, als hätten Sie nicht bemerkt, wie alle vor Ihnen auf dem Bauch liegen“, sagte Norbert verächtlich.
Er sagte es in dem Ton, der mir später noch viel zu schaffen machen sollte. Es war ein unangenehmer Ton.
Ich höre Norbert mitten in meine Gedanken hinein sprechen. Norbert hielt sehr viel von seiner Sprechstimme. Sie neigte manchmal zum Umkippen in den Diskant. Ich machte ihn sehr bald darauf aufmerksam und gewöhnte ihm das Gejodel nach und nach ab.
Damals aber protestierte ich: „Ich weiß schon, dass die vor mir auf dem Bauch liegen. Aber warum machen Sie das mir zum Vorwurf? Ich kann doch nichts dafür, wenn die anderen mich hofieren...“
„Aber Sie genießen es“, trumpfte er auf.
Der Auftrumpfton, dem ich auch noch oft begegnen sollte. Norbert trumpfte gerne auf.
Ich musste ihm recht geben und lächelte. Das Lächeln, das ich einsetzte, wenn ich Wirkung machen wollte. Ein einstudiertes, leicht freches Lächeln, das entwaffnend wirken sollte und es sichtlich immer wieder auch tat.
So groß war unsere ‚Feindschaft’, dass wir das in unseren Kreisen völlig unübliche ‚Sie’ einander an den Kopf warfen. Jedes ‚Sie’ eine Ohrfeige. Mit diesem ‚Sie’ signalisierten wir einander, wie wenig einer den anderen interessierte. Eine kleine Abrechnung an einer unwichtigen Nebenfront war es für jeden von uns beiden, sonst nichts.
Norbert aber wurde gnädiger.
„Interessieren Sie sich nicht für Pornofilme?“, fragte er, wobei er mit dem Kopf auf die anderen deutete, die mit glänzenden Augen, ineinander oder in sich selber versunken, auf die Leinwand starrten. Oder sie schliefen einfach.
„Nein“, antwortete ich, „ich mache mir mein bisschen Sex selber.“
Mit dem ‚bisschen Sex’ untertrieb ich sehr, denn ich war damals als Sexomane unterwegs.
„Nur ein bisschen?“, fragte Norbert denn auch.
„Wieso? Meinen Sie, ich bin ein Sexmolch?“
„Na“, lächelte er, „bei den Warteschlangen?“
‚Warteschlangen’ ist das letzte Wort, an das ich mich wörtlich erinnern kann. Bis hierher haben wir das Gespräch später oft miteinander rekapituliert und wohl auch gereinigt. Das aber ist die Formulierung, auf die wir uns bei unseren Erinnerungen miteinander geeinigt haben.
Sehr bald kamen wir auf unsere große Gemeinsamkeit zu sprechen: Die Musik, das Konzert, vor allem die Oper. Es währte nicht lange und wir waren mitten im schönsten Fachsimpeln. Allerdings tat sich bald wieder eine Kluft auf. Norbert war total auf Sänger und vor allem Sängerinnen eingestellt, die damals sangen, Zeitgenossen. Ich aber hatte durch die sechs Jahre, die ich älter war als Norbert, auch noch Einblick in die Schar der Sänger, die damals nur auf den alten, schweren Schallplatten zu hören waren. Norbert war schon in die Langspielplattengeneration hineingewachsen. Wenn er mir eine Interpretin vorsetzte, konterte ich mit einer alten, die Norbert gar nicht, oder nur dem Namen nach kannte.
Wir waren so in unser Gespräch vertieft, dass wir gar nicht bemerkten, wie sich unsere Gastgeber und einige Gäste zublinzelten und mit heimlichem Vergnügen feststellten, dass sich da offensichtlich etwas anbahne. Als wir es endlich doch bemerkten, wurden wir sofort sehr gleichgültig. Wir spielten nicht nur den anderen, sondern auch uns gegenseitig Gleichmut und Gelassenheit vor, winkten allen Anspielungen ab, verabschiedeten uns von den anderen herzlich, von einander kaum, und gingen jeder seines Weges. Ich fuhr allein nach Hause, was damals einem Wunder gleichkam.
Am nächsten Tag war ich bei Peter und Toni zum Kaffee eingeladen. Ein schneller, unauffälliger Blick in die anwesende Runde zeigte mir, dass Norbert nicht da war. Ganz nebenbei, betont nebenbei, fragte ich, wo denn der Lange von gestern sei, sie wüssten schon, wen ich meine. Meine Frage war aber dermaßen nebenbei gestellt, dass Peter sofort an das Telefon stürzte und Norbert zu Hause anrief. Er war zu Hause, in seinem Haus. Ich erfuhr sehr bald, wie lang Norbert mit der Straßenbahn zu fahren hatte bis zu Peters Adresse. Er war aber so schnell da, dass er nur mit dem Taxi gefahren sein konnte. Sein Leben lang stritt er das ab.
Beim Kaffee ertappten wir einander immer wieder, wie einer den anderen ansah. Zuerst wendete jeder sofort die Augen ab, wenn er den Blick des anderen traf. Bald aber hielten wir einander stand. Ich weiß nicht, wie es Norbert erging, aber mir selber wurde seltsam warm, mein Blut floss unruhig in meinem dünnhäutigen Körper und um mein Herz herum versammelten sich Freude, Zuneigung, Staunen und Lächeln. Mein Gott, wie schwer es doch ist, Glück zu beschreiben.
An diesem Abend begleitete Norbert mich in meine Wohnung, einem finsteren Hinterhofloch auf dem Franz-Josephs-Kai im ersten Bezirk. Eine gute Adresse, sonst nichts. Ein Gasstrahler, der oberhalb der Türe des sogenannten Wohnzimmers angebracht war, eine fatale Erinnerung an billige Beiseln, die ebenso beheizt wurden, erwärmte die ganze Wohnung brutal. Das verbrennende Gas zog die Nässe aus den Wänden, Tropfen rannen herunter und machten die ohnedies schon schleissige Wandmalerei noch hässlicher.
Dort verbrachten wir unsere erste Nacht. Sooft ich daran zurück denke, stelle ich mit immer neuem Staunen fest, dass genau wie diese erste Nacht auch alle folgenden waren. Damals wurde unsere Liebe in allen gefühlsmäßigen und körperlichen Details festgeschrieben. Es war immer wieder diese eine Nacht, die wir erlebten. Eine Nacht. DIE Nacht immer wieder.
Ich bin, wenn ich diese Erinnerungen auch nur streife, drauf und dran, die ganze Ordnungmacherei hinzuschmeißen.
Norbert musste am nächsten Morgen sehr früh hinaus, weil er noch nach Hause fahren wollte. Er sei für den Tag im Büro nicht richtig gekleidet, sagte er.
Für den nächsten Abend verabredeten wir uns bei Norbert. Die Beschreibung, wie ich mit dem Auto zu Norbert kommen würde, war schwierig. Norbert beschrieb den Weg bis zu der Autobushaltestelle, an der ich jeden Morgen vorüber fahre, wenn ich Norbert am Grab besuche. Und immer sehe ich ihn dort stehen. Er winkte lächelnd wie ein Autostopper, stieg in das Auto, küsste mich kurz und wies mich links-rechts in die Gasse, in der sein Haus stand. Ich empfinde in der Abfolge meiner Erinnerung eine Lücke, die mir weh tut wie jede Erinnerung, die mit schwarzen Löchern qualvoll durchspickt ist. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob wir bei Norbert zu Abend aßen. Jede Lücke ein Vergessen, jedes Vergessen ein Mosaikstein zu meiner Verzweiflung. Ich weiß nur von vielen, vielen Schallplatten, die im Wohnzimmer die Kredenz, den Schrank und den umliegenden Boden füllten und bedeckten. Wir sahen uns die Schallplatten an, studierten die Texte auf den Hüllen, diskutierten über die Künstler, spielten auch einige auf der Stereo-Anlage, die Norbert später für unser Haus in St. Oswald spendete. In einem Zimmer im ersten Stock verbrachten wir dann die Nacht. Unsere zweite. Sie war glückhaft wie die erste, eine Bestätigung, dass wir miteinander glücklich sein konnten. Wunderbar glücklich. Wunder.
Es war das einzige Mal, dass wir bei Norbert die Nacht verbrachten. Ab nun trafen wir einander fast täglich bei mir.
Norbert begann mich zu umgeben. Es folgte eine unangenehme Phase unserer Liebe. Ich, nicht gewohnt, Rechenschaft über irgendetwas abzugeben, bäumte mich auf. Ein halbes Jahr lang wehrte ich mich gegen die ‚Vereinnahmung’, die ich da zu spüren vermeinte. Ich reagierte rüpelhaft, wollte weh tun. Wenn Norbert mich verliebt ansah, sagte ich, er sähe jetzt besonders blöd drein. Norbert liebte Rom besonders. Als ich das hörte, fuhr ich fünf Tage in die ewige Stadt - mit einem anderen Freund.
Mein Herz zieht sich zusammen bei diesen Gedanken. Ordnung machen? Ich schäme mich zutiefst. Ich vergrabe mein Gesicht in den Händen und spüre die Tränen, die über meinem ganzen Gesicht hängen. Mit Norbert habe ich das alles längst besprochen. Ausgeredet. Norbert wollte nie darüber reden, weil es ihm weh tat, in der Erinnerung und im Gespräch. Und weil es ihm leid tat, wenn ich mich zu Tränen schämte.
Dann aber war der Widerstand irgendwann einmal gebrochen und ich sank hinein in die Wohligkeit der zweisamen Häuslichkeit. Mittlerweile hatte ich eine neue Wohnung gekauft und eingerichtet, in die dann Norbert, kaum war sie fertig, mit mir einzog.
Als wir einander kennenlernten, war ich siebenunddreißig Jahre alt, Norbert einunddreißig. Mag sein, dass Norbert noch jung war, obwohl ich ihn immer als ganzen Mann in Erinnerung habe. Ich jedenfalls war nicht mehr jung. Alt genug, um keine ‚Jugendtorheit’ mehr zu begehen. Was ich da einging, war für immer bestimmt, für die Ewigkeit, wie man sie sich halt vorstellt, wenn man mit ihr nicht in Berührung kommt.
In der neuen Wohnung lebten wir dann miteinander unsere fünfzehn Jahre, die uns gegeben waren. Bis zu dem Abend, als das Telefon in eben dieser Wohnung läutete. Das braune Telefon, dessen Farbe Norbert nicht mochte, und mir das Ende unseres Beisammenseins mitgeteilt wurde.
Kapitel 4
AM DONNERSTAG, DEM 14. MÄRZ 1991
hatte ich sehr viel zu tun. Es war ein Tag außer der Norm. Wie sehr, das sollte ich erst nach Mitternacht erfahren.
An normalen Tagen werkte ich im Büro und telefonierte mit Norbert zumindest einmal um die Mittagszeit herum, oft auch öfter. An diesem, eben unüblichen, telefonierten wir weder am Vormittag noch um die übliche Mittagszeit. Meine Sekretärin hatte sich einen Urlaubstag genommen, da ging es im Büro immer etwas störrisch her.
Was mich gerade beschäftigte, notierte ich am Vormittag in meinem Tagebuch:
„14.3.1991 - Im Büro - Sekretärin auf Urlaub.
Ist ja nicht wahr, sage ich mir, das mit der Sex-Steuerung. Prof. Funo“ - in meinen Privatnotizen kürzte ich meinen Chirurgen Funovic so ab – „hat mir attestiert, dass ich gesundheitlich eine Art Midlife-Stabilität erreicht habe, die unbedingt gehalten werden müsse. Das mache aber auch Kräfte frei, meinte er. Und, ob ich das merke, fragte er.
Aha. Das sind die Kräfte, die aus meiner Stabilität kommen. Und ich habe erhöhtes Sex-Bedürfnis immer eher für ein Zeichen der Instabilität gehalten.
Was Letzteres betrifft, fühle ich mich wirklich nicht stabil. Schwach, zum Umfallen neigend, blödsinnig geil, blödsinnig.
Je nach Gemütslage offensichtlich ein anderes Urteil. Wenn ich ‚drauf’ bin, dann ist alles in Ordnung und muss in Ordnung sein, weil ES sein MUSS.
Stabilität. Stabil ist nur meine Instabilität.
Was der Funo mit der Einführung dieses Begriffes angerichtet hat.
‚In unserem Alter’, sagte er, ‚setzt die Vernunft des Weglassens ein!’
Weglassen, ja. Aber Vernunft? Ich habe mich noch selten so unvernünftig gefühlt.
Ich hab’s dermaßen NICHT in der Hand, dass ich neugierig bin, was jetzt wieder kommt.“
Infantile Sorglosigkeit im Tagebuch, Oberflächlichkeit, Darüber-Hin-Gleiten über alles, - und neugierig auf das, ‚was jetzt wieder kommt...’
Ich hatte Besprechungen in der Stadt und ab Mittag Dreharbeiten mit dem beliebten Sänger Holecek in dessen Garten. Die Aufnahmen waren mühsam, weil Holecek sich dauernd versprach, dafür aber immer allem und jedem die Schuld gab, nur sich selber nicht. Ich fuhr noch vor Beendigung der Arbeiten weg, weil ich zu meinem Verleger musste, der sich eben anschickte, mein Buch über die Geschichte des ‚Theaters an der Wien’ zu veröffentlichen. Die Bilder waren noch auszusuchen. Die Besprechung war kurz nach fünfzehn Uhr zu Ende. Ich bestieg mit seinem Mitautor Josef Sills mein Auto und fand es höchste Zeit, den einzigen täglich feststehenden Anruf bei Norbert zu tätigen. Norbert hatte um halb vier Dienstschluss, knapp vorher telefonierten wir in jedem Fall, um zu besprechen, wie es am Abend würde, wer früher, wer später, wer von uns beiden wann nach Hause käme. Ich rief also, noch geparkt, vom Auto aus an und hatte sofort die Sekretärin von Norbert am Apparat.
Sie war sehr aufgeregt und redete grell, wie froh sie sei, dass ich anriefe, Norbert sei um halb ein Uhr Mittag weggegangen mit der Bemerkung, er müsse für eine Stunde nach Meidling. Er habe noch gefragt, ob er etwas aus der Bäckerei zum Kaffee mitbringen solle, seine Mitarbeiterinnen hätten nein gesagt, es wäre noch was im Kühlschrank. Dann sei er gegangen. Sie hätten ihm noch nachgerufen, dass er seine Zigaretten auf seinem Schreibtisch liegen gelassen habe, aber er habe zurückgerufen, für die eine Stunde brauche er wohl keine Zigaretten. Das war das letzte, was sie von ihm gehört hätten. Jetzt sei es halb vier und er sei noch immer nicht da. Er sei doch der Chef des Büros und müsse als letzter alles absperren.
Aber damit nichts aufkomme, bleibe sie noch bis halb fünf da.
Ich versuchte sie zu beruhigen, Norbert würde schon kommen.
Nein, beharrte sie, wenn er sich nur um fünf Minuten verspäte, rufe er immer an. Sie habe solche Angst. Die Befunde. Er habe nichts gesagt. Sie habe solche Angst, dass etwas in den Befunden stünde.
Ein ferner Krampf, weither klirrendes Entsetzen fühlte ich kurz, ganz kurz, ganz weit weg. Norbert hatte einige Tage zuvor eine medizinische Durchuntersuchung über sich ergehen lassen.
Ich fragte, ob sie wisse, dass er die Befunde schon erhalten hätte. Nein, antwortete sie, ich müsste ihn doch selber kennen, der Herr Norbert rede ja nichts darüber.
Der ‚Herr Norbert’, dieser Respekt, er brachte die ferne Angst wieder ganz kurz in Bewegung.
Ich spürte nun doch Unruhe in mir, aber noch keine Hysterie. Mein Gott, er würde schon auftauchen, wo sollte er denn sein!
Ich bat die Sekretärin, sie möge gleich bei mir zuhause anrufen, sobald Norbert da sei. Notfalls solle sie auf das Tonband sprechen.
Herr Sills fragte vorsichtig, ob da Grund zur Unruhe wäre. Ich war mir nicht sicher. Norbert war immer penibel pünktlich. Nicht immer im Privaten, aber immer im Beruflichen.
Nachdem ich Herrn Sills vor dessen Wohnung abgesetzt hatte, fuhr ich sofort nach Hause. Mein erster Blick galt dem Anrufbeantworter. Er zeigte sieben Anrufe an, sechs waren nicht besprochen, aber der Anrufer hatte längere Zeit gehorcht, das Horchen war aufgezeichnet und zu hören. Der siebente war besprochen, es war die Sekretärin, die genauso grell wie vorhin berichtete, es sei halb fünf, sie gehe jetzt nach Hause, den Aktenkoffer von Norbert und seine Schlüssel sperre sie in den Schrank und er möge sie gleich, wenn er nach Hause käme, anrufen, sie mache sich solche Sorgen um ihn.
Jetzt begannen meine fernen Ängste, das kalte Entsetzen, die mühsam weggedachte Unruhe sich zu nähern und in meinem Körper auszubreiten. Ich zwang mich, dennoch logisch vorzugehen. Fragen waren es, die ich mir stellte: Was hielt Norbert davon ab, im Büro anzurufen, was hielt ihn davon ab, zu Hause anzurufen, was hielt ihn davon ab, ins Büro oder nach Hause zu kommen.
Ich beriet mich telefonisch mit unserem Freund Peter, dem Klavierdisponenten, der sich erbötig machte, Polizei und Rettung anzurufen. Er meinte, wenn ich das täte, mit meinem Namen, dann würde das Aufmerksamkeit erregen.
Peter rief nach einer halben Stunde zurück und meldete, dass kein Fall mit dem Namen von Norbert anhängig war. Ich fragte dann noch im amtlichen Leichenschauhaus nach, ob irgendwo eine unidentifizierte Leiche sei. Auch der Bescheid war negativ. Ich befürchtete einen Verkehrsunfall, was sonst konnte es sein?
Die Befunde! Hatte Norbert die Befunde schon? Stand da etwas drinnen? Er hatte eine panische Angst vor Krebs. Die Befunde! Ich wischte alle diese Gedanken beiseite, wer wollte denn so etwas wahr haben? Ich rief alle Bekannten, die mir einfielen, an und fragte, ob Norbert dort sei. Ich hielt meine Anfrage ganz beiläufig, um nichts aufzurühren. Überall antwortete man mir freundlich, dass man sich freuen würde, wenn Norbert da wäre, aber er sei nicht da und ich möge ihn schön grüßen. Ich aber wusste, dass diese Anruferei vollkommen überflüssig war. Norbert hätte sich in jedem Fall bei mir gemeldet, wenn er...
Nun suchte ich die Telefonnummer der Sekretärin von Norbert, wusste aber nur ihren Vornamen. Auf der Seite des Esstisches, die Norbert gehörte, lag ein Stapel Zeitschriften und obenauf ein schwarzes Kalenderetui. Ich blätterte es auf und fand darin ein neu geschriebenes Adressen- und Telefonverzeichnis. Am nächsten Tag und besonders nach dem Gespräch mit Ringel erkannte ich das als eines der vielen Indizien. Nie hatte Norbert sein Adressenverzeichnis so offen herumliegen lassen. Es war auch neu geschrieben. Adressenverzeichnisse sind zumeist in verschiedenen Schriften und mit verschiedenen Schreibwerkzeugen abgefasst, weil die Eintragungen ja nach und nach erfolgen. Nicht so bei diesem Verzeichnis, das war neu geschrieben, in einem Zug und in einer Schrift.
An diesem Abend aber dachte ich beim Anblick des Verzeichnisses nur daran, die Telefonnummer der Sekretärin zu finden. Anhand des Vornamens fand ich sie auch. Sie berichtete mir noch einmal, was sie mir schon am Nachmittag erzählt hatte und bekräftigte ihre Angst wegen der Befunde. Als sie auch noch zu weinen anfing, war es auch um meine Beherrschung geschehen. Ab jetzt ging ich nur noch auf und ab in meiner Wohnung. Durch den Spion in der Wohnungstüre beobachtete ich das An- und Ausgehen des Ganglichtes. Jedes Angehen war der Beginn einer Hoffnung. Dem Angehen des Lichtes musste aber auch eine Liftfahrt folgen. Immer wenn der Lift sich in Bewegung setzte, zählte ich die Stockwerke, die er passierte. Sieben mussten es sein, um zu mir zu gelangen. Wir wohnten allein im Stockwerk, wenn der Lift also sechs Stockwerke passierte, dann musste er zu mir gelangen. Nur zu mir. Umsonst. Der Lift fuhr nie so weit.
Nie mehr werde ich das Geräusch des Schlüsselansteckens von außen hören, nie mehr das Aufsperren, nie mehr das stoßweise Ausatmen von Norbert, wenn er wieder viel eingekauft und alles heraufgeschleppt hat.
Ich stieß Gebete aus, alle, die mir einfielen. Ich rief Norbert, und Norbert, und Norbert. Ich beschwor ihn, nichts zu tun, bevor er mit mir gesprochen hätte.
Dann keimte eine Hoffnung in mir auf: Norbert hat Geld in seinem Büro veruntreut und ist geflüchtet. Dann würde er ja leben, vielleicht in Südamerika, er würde sich sicher melden und ich käme dann sofort zu ihm.
Um halb zehn läutete das Telefon. Ich stürzte hin, hob ab, meldete mich, aber auf der anderen Seite sprach niemand. Da horchte nur jemand. Ich rief, der andere möge sich doch melden, nichts, er legte wieder auf. Am nächsten Tag und nach dem Gespräch mit Ringel erkannte ich auch das als Indiz. Da wollte Norbert wohl noch einmal meine Stimme hören. Mein Gott, so nahe war ich an ihm dran, so nahe war er bei mir. „Warum habe ich nicht gesagt, Norbert, komm nach Hause, wir können doch alles besprechen!“, klage ich und mein Ordnung Machen wird durch mein schweres Atmen unterbrochen, ich halte mir die Hand über die Augen als gäbe es da etwas, das ich nicht sehen will. Aber was sollen die quälenden Gedanken, an dem Abend dachte ich nicht im geringsten daran, dass Norbert das sein könnte, der da horchte. Zu oft kam es vor, dass jemand anrief und sich nicht meldete.
Um dreiviertel zwölf Uhr beschloss ich, das Auf- und Abgerenne aufzugeben und mich niederzulegen. Es war fast genau die Zeit, als es wirklich sinnlos wurde, auf Norbert zu warten, weil er da eben gestorben war.
Ich muss ein wenig eingeschlafen sein.
Da läutete das Telefon. Ich sprang aus dem Bett, stolperte, fiel fast hin, sah im Vorüberfliegen auf die Uhr, es war dreiviertel eins, ich hob ab, der Bruder, Peter, war dran und sagte mit tränenerstickter Stimme: „Günterl, du musst jetzt sehr stark sein.“
„Ja, was ist denn?“, fragte ich ungeduldig.
„Norbert ist nicht mehr“, sagte Peter.
Ich schwieg. Ich atmete nicht, ich bewegte mich nicht.
„Du musst jetzt stark sein“, insistierte Peter noch einmal mit immer schwierigerer Stimme.
„Ja!“, bellte ich entsetzt. „Was ist passiert!“
„Selbstmord“, sagte Peter noch, dann versagte ihm die Stimme.
Ich hörte, wie er den Hörer weitergab, dann meldete sich eine andere Stimme, stellte sich als Polizist vor, der die Nachricht zu überbringen hatte: „Sie sind der Lebensgefährte von dem Verblichenen?“
„Ja“, hauchte ich, atemlos, von Norbert als Verblichenem zu hören.
„Er hat Selbstmord begangen. U-Bahn. U4-Station Meidling. Er hat nicht gelitten, er war sofort tot.“
Um halb eins war Norbert weggegangen, jetzt war es zwölf Stunden später, wie lang wussten die das schon?
„Wann hat er es denn getan?“
Der Polizist entschuldigte sich, das wisse er nicht, das Kommissariat Meidling habe im Kommissariat Wolfersberg angerufen und ersucht, die traurige Botschaft den Hinterbliebenen persönlich zu überbringen. Mehr würden wir morgen vom zuständigen Kommissariat, das sei wohl Meidling, erfahren.
Ich legte auf. Ich war leer von Gedanken und leer von Gefühlen. Leer, leer, leer. Es war das Nicht-Verstehen eines Idioten, das chancenlose Nichts, in dem ich gefangen war. Ich ging auf und ab in dem langen Gang meiner Wohnung und schüttelte unablässig den Kopf. Schüttelte ihn manchmal so fest, als wollte ich Gedanken abschütteln, herausschütteln. Ich atmete ganz hoch, hohl und kurz. Es war eine Mischung aus ‚Nein!’ und ‚Um Gottes Willen!’ und ‚Das gibt’s doch nicht’, die ich mit mir herumtrug. Es war für mich einfach nicht vorstellbar, dass Norbert tot sein sollte. Tot. Das Wort allein! Dass er nicht, wenn auch reichlich spät, durch die quietschende Wohnungstüre doch noch in den nächsten Minuten, oder Stunden, heute würde ich ihm sogar das verzeihen, hereinkommen würde, sich entschuldigen, mir um den Hals fallen und sich vielleicht sogar ein wenig freuen würde, dass ich mir solche Sorgen um ihn gemacht hätte. Sorgen macht man sich nur um Menschen, die man liebt. Und Liebe kann gar nicht oft genug bewiesen werden, und sei es durch Sorge und Sorgen. Aber Liebe und Sorgen irrten jetzt planlos, suchend, getreten, verletzt, krank ins Leere, in dem sich Norbert befand. Wo befand sich Norbert? Im Leichen-Kühlhaus. Das alles ergab keinen brauchbaren Sinn, keinen Grund für eine sinnvolle Handlung, die ich jetzt gerne gesetzt hätte. Ich hielt die Hände vor mich, um zuzupacken, aber wo sollte ich denn zugreifen? Kein rettender Gedanke, keine Idee, kein Einfall, was jetzt zu tun wäre, um das Entsetzliche einfach unwahr zu machen, kam da. Auch kein Weinen, es war ja nicht wahr.
Da läutete das Telefon wieder. Sein Bruder Peter wollte wissen, ob irgendwelche Papiere von Norbert da seien. Ich sagte, ich würde nachschauen und ihn gleich anrufen, sowie ich etwas fände.
Norbert hatte seine Dokumentenmappe in dem Fach, in dem auch ich meine Dokumente aufbewahrte, deponiert. Seine Mappe, die sonst immer zuunterst lag, lag obenauf.
Ich nahm sie und blätterte sie durch, fand aber vorerst nichts. Erst ganz hinten, als ich sie schon fast wieder schließen wollte, erschauerte ich, als ich ein mit der Hand beschriebenes Blatt Papier vor mir sah:
‚Testament - 7.3.1991 - Ich, Unterzeichneter Norbert...’ - ich überflog es, ohne viel vom Inhalt mitzubekommen – ‚dieses Testament habe ich im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte eigenhändig geschrieben, datiert und mit Unterschrift versehen - Unterschrift’.
Ich blätterte weiter. Da war eine ‚Letztwillige Verfügung - 8.3.1991’ von Norbert über seinen Körper. Er wollte ihn der Anatomie zur Verfügung stellen. Es war ein Vordruck, den er nur ausgefüllt hatte. Unten aber stand in seiner geliebten Handschrift: ‚Bitte, bitte, ich will kein Begräbnis.’
Ich konnte nicht mehr schauen. Ich kann auch nicht schauen, wenn ich beim Ordnung Machen an diesen Satz gerate. Die Abrechnung beginnt zu greifen. „Mögen sich diejenigen, die mich dazu überredet haben, die Folgen selber zuschreiben - ich habe es schon einmal gesagt“, murre ich selbstzufrieden ob der abermaligen Bestätigung meiner Prophezeiung.
Ich blätterte weiter. Jetzt kam eine Liste, wer im Falle seines Ablebens zu verständigen sei. Ich war nicht erwähnt. Ich war ja auch schon verständigt. Auf derselben Seite stand auch noch, wo, ‚wenn nötig – hoffentlich’ eventuelle Begräbniskosten refundiert würden. Norbert rechnete also nicht hundertprozentig damit, dass es ganz ohne Begräbnis abgehen würde.
Ich suchte nach einem persönlichen Papier, bis jetzt hatte ich nur Amtliches gefunden. Aber da war nichts mehr.
Aus den Daten auf den Papieren ging klar hervor, dass Norbert seinen Selbstmord mindestens eine Woche lang geplant hat.
Ich rief Peter an und erzählte ihm das alles, las ihm auch, wieder ohne viel vom Inhalt zu begreifen, wesenlos und sinnleer die Papiere vor und erklärte ihm genau, wo er morgen die Mappe finden würde.
Ich bat Peter, anzurufen, bevor er käme, da ich um sieben Uhr zwanzig einen polnischen Freund vom Ostbahnhof abholen müsse, dann aber wieder zuhause wäre. Ich wüsste nur nicht, ob und wie viel der Chopin-Express Verspätung haben würde, er habe bis jetzt immer Verspätung gehabt.
Noch einmal, mit einschärfender Betonung, erklärte ich, wo die Mappe liege. Denn mir war völlig klar, was ich jetzt zu tun hatte.
Kapitel 5
IN DER FOLGENDEN NACHT...
sollte mein Leben ein Ende finden. Ich hatte das Telefon noch weiter benützt, um aus der brutalen Klammer, in der ich mich fühlte, wenigstens für kurze Zeit hinauszukommen. Er hatte Ernst, meinen Finanzmanager, der besonders gut mit Norbert befreundet war, in Mitterbach angerufen und ihm in Kürze die Tragödie erzählt. Auch Alex weckte ich auf und schockte ihn. Hans-Peter und Toni mussten ebenfalls eine schlaflose Nacht verbringen. Mit Hans-Peter hatte ich schon während der fürchterlichen Wartezeit einige Male telefoniert und alle Eventualitäten, auch die des Selbstmordes, durchbesprochen.
Meinen Bruder in Linz anzurufen schien mir zu grausam, er würde es seiner ganzen Familie sagen müssen. Ihn behielt ich mir für den nächsten Morgen auf.
Dann aber, als mir niemand mehr einfiel, den ich anrufen konnte und sich auch hier Leere und Ende abzeichnete, begann ich plötzlich, aktiv zu werden. Es wurde mir ganz klar im Kopf, dass es nur einen Weg für mich gab: Ich musste Norbert so schnell wie möglich folgen. Jetzt war er noch nicht weit weg, ich spürte noch die Hand, die ich, die Norbert noch nicht losgelassen hat. Ich wusste ja noch nicht, warum Norbert das getan hat. Ich wusste nur, DASS er es getan hat. Das Warum war mir aber völlig gleichgültig, nur das DASS zählte, die Tatsache. Es war mir nicht vorstellbar, dass Norbert etwas getan hat, von dem er nicht ganz selbstverständlich annahm, dass ich es auch tun könnte und ganz selbstverständlich auch tun würde. ‚Selbstverständlich’ war das Wort, das unser ganzes Zusammenleben geprägt hat. Es kam mir daher gar nicht in den Sinn, an der Richtigkeit dessen, was ich vorhatte, nur im geringsten zu zweifeln. Selbstverständlich war es meine Pflicht, nachdem ich alles für den Bruder Peter bereitgelegt hatte, Norbert zu folgen. Auch das Wie war kein Problem. Ich ging, wie ich war, hinaus auf meine Nordterrasse, von der es direkt senkrecht sieben Stockwerke hinuntergeht in den Hof. Ganz ruhig kletterte ich über das Geländer. Unten im Hof brannte kein Licht, ich sah also den Platz, auf dem ich in den nächsten Sekunden zerschmettert liegen würde, nur schemenhaft. Dennoch, ich wollte nicht sehen, wie ich darauf zuflog und kletterte daher so hinaus, dass ich mit dem Rücken voran fallen würde. So hing ich, mit den Händen am Geländer festgeklammert, mit den Füßen in der unter der Terrasse laufenden schmalen Dachrinne, die sich schon leicht nach unten bog unter meinem Gewicht. ‚Norbert’, rief ich in Gedanken, um nur ja niemand aufzuwecken. Noch einmal ‚Norbert!’ und jetzt loslassen - - da meldete er sich.
Es war Norbert, der ganz trocken und mit der ihm eigenen, leicht hochnäsigen Überlegenheit, sagte: „Aha, ich mache eine Woche lang Ordnung, und du hinterlässt das Chaos.“
Schnell schoss mir die Unordnung meiner finanziellen Verhältnisse durch den Kopf. Kein Mensch würde sich auskennen.
„Richtig, Norbert. Warum sagst du das erst jetzt, wo ich wahrscheinlich kaum mehr zurückkann?“
Es wollte mir nicht gelingen, wieder auf die Terrasse zu gelangen. Die jetzt schon stark nach unten gebogene Dachrinne, gab immer mehr nach. Wenn sie nicht hielt, dann würden meine Füße bald keinen Halt mehr haben und ich plötzlich durchsacken, was meine Hände wiederum nicht aushalten würden. Ich würde senkrecht, Füße voraus, nach unten fallen. Ich war darüber keineswegs in Panik. Wenn ich fallen würde, hätten meine Erben halt Pech gehabt und müssten sich durch die Hinterlassenschaft durchbeissen. Finanzmanager Ernst hätte da sicher mitgeholfen.
Einige Wochen später war ich zu einem Abendessen bei Ernst eingeladen. Es gab die ersten, von ihm und seiner Freundin selbst gebrockten, Eierschwammerl in einer hinreißenden Sauce. Da eröffnete mir Ernst, dass er sich in meinen Finanzen gar nicht mehr ausgekannt hätte. Ich beruhigte ihn, so kompliziert wäre es nicht gewesen, er hätte sich da schnell hineingefunden. Aber das sei ja nun kein Thema mehr, sagte Ernst. Eigentlich fragte er versteckt. Ich winkte ab, kein Thema. Derzeit.
Da aber gelang es mir doch, mich an den Armen hochzuziehen und einen Fuß in einer für mein Alter akrobatisch anmutenden Aktion über das Geländer zu bringen. Ich zog mich hoch und fiel dann endlich nach innen. Dort blieb ich auf dem Steinboden inmitten des vergammelten Unkrauts, das zwischen den Terrassensteinen stellenweise schon bis zu zwanzig Zentimeter hoch wuchs, liegen, bis mir kalt wurde. Ich kroch, schleppte mich irgendwie ins Schlafzimmer und kletterte auf das Bett. Ich kam auf meiner Seite zu liegen und atmete stoßweise. Als ich mich etwas beruhigte, streckte ich meinen rechten Arm aus und legte die Hand auf den Polster rechts von mir, auf dem gestern noch der Kopf von Norbert schlafend gelegen war, und eigentlich schon längst liegen sollte, wie es seit fünfzehn Jahren so war. Da lag aber nichts. Langsam breitete sich um mein Herz ein Schmerz aus, wie ich ihn vorher noch nie gefühlt hatte. Das Brennen und Ziehen wurde immer stärker, steigerte sich an den Rand des Erträglichen, das Herz begann unbändig zu klopfen, ich wurde im Rhythmus des Klopfens am ganzen Körper geschüttelt. Mir war der Schmerz höchst willkommen, unermessliche Freude stieg in mir auf, gleich würde mein Herz zerspringen. Ich versuchte, fest mitzuhelfen. Mit dem Rest der Kraft, die ich noch hatte, bat ich, flehte ich mit tödlicher Intensität: „Ja, ja, zerspring! Zerspring!“ In dankbarer Erwartung des unfassbaren Glücks, dass mein Körper selber mich in den Tod und damit zu Norbert zu bringen bereit war, lag ich da und war glücklich. „Zerspring! Zerspring!“, befahl ich mit meiner, wie ich hoffte, letzten Kraft.
„Das war das einzig richtige, was du tun konntest“, sagte mir einige Tage später Dr. Huber, mein Hausarzt seit dreißig Jahren. „Dadurch hast du eine Gegenreaktion eingeleitet, die das um dein Herz gestaute Blut abgeleitet hat. Hättest du das nicht getan, wäre alles Blut beim Herz geblieben und der Druck hätte möglicherweise etwas zerrissen. Da siehst du wieder, wie der Mensch doch instinktiv das richtige macht, wenn es um sein Leben geht.“
Scheiße. Genau und wortwörtlich das dachte ich.
Das Herzklopfen ließ langsam nach, es wurde sehr still in mir. Wieder legte ich meine Hand auf das Polster von Norbert. Ruhe breitete sich in mir aus, ein Glücksgefühl kam wieder auf, ein müdes, schläfriges, eines, in dem ich mir vorstellen konnte, ewig zu verharren. So musste es einem zumute sein, der langsam im Glück starb. Ins Glück starb. Isoldes Liebestod. Schlaftabletten. Ich hatte vor fünf Jahren eine schwere Zwölffingerdarmoperation. Damals bekam ich, um in der ersten Zeit der Rekonvaleszenz besser schlafen zu können, schwere Schlaftabletten verordnet. Ich nahm damals keine einzige, weil ich mir vorgenommen hatte, es auch so zu schaffen. Ich schaffte es auch. Die Tabletten mussten noch da sein. Ich wusste sogar genau, wo die Phiole stand. Behände sprang ich aus dem Bett und rannte ins Badezimmer. Da, genau am selben Platz seit fünf Jahren, stand das weiß-gelbe Plastikröhrchen. Ich nahm es in die Hand und wusste im selben Augenblick, was geschehen war: Das Röhrchen war leer, Norbert hatte es ausgeleert. Er wusste ganz genau, was ich vorhaben würde und verhinderte es. Ein Gefühl von fernem Zorn stieg in mir auf. Ein Anflug der Bockigkeit, die mich immer überfällt, wenn ich mich bevormundet fühle. Im gleichen Augenblick aber fiel mir ein, dass Norbert mir ja nur befohlen hatte, Ordnung zu machen. Er hatte mir also nur den schnellen, unüberlegten, überhasteten, unordentlichen Weg versperrt. Da erblickte ich die Rasierapparate. Norbert war Nassrasierer und verwendete diese in feste Plastik-Scher-Apparaturen eingeschweißten Klingen, die man nach Verwendung wegwarf. Ich musste an die Klingen herankommen. Die Apparate aber hielten fest, ich fummelte mit zittrigen Händen daran herum, zerschnitt mir zwei Finger, schlug die Apparate gegen den Rand des Waschbeckens, drückte sie gegen die verflieste Wand, umsonst, ich bekam die Dinger nicht auseinander. Einen Hammer wollte ich holen. Da aber schmiss ich alles in eine Ecke. Ich musste ja sowieso erst einmal Ordnung machen. Ich beschloss, mich einfach hinzulegen, ging aber doch noch einmal ins Badezimmer zurück, räumte die Rasierer-Scherben auf und versenkte sie in den Abfallkübel. Alle Spuren verwischen. In Ruhe alles fertig machen und dann verschwinden. Das musste mein Geheimnis bleiben, da durfte mir niemand draufkommen und womöglich dreinreden. Norbert hieß das Vorbild. Er hatte es genau richtig gemacht. Nicht einfach umbringen, ordentlich umbringen, das war die vorläufig letzte Botschaft, die ich von ihm entgegennahm.
Ich legte mich nieder.
Da läutete es an der Wohnungstüre. Ich stand auf und fragte über die Gegensprechanlage, wer da sei.
„Funkstreife“, meldete eine Stimme quäkend. Ich drückte erstaunt den Öffner. Was wollten die denn? Mir die Nachricht, die ich schon hatte, auch noch persönlich überbringen?
Der Aufzug hielt in meinem Stockwerk, zwei Polizisten stiegen aus und kamen ins Vorzimmer.
„Wir sind da, um Sie abzuholen. Es ist ein Zimmer für Sie in Krankenhaus Rudolfsstiftung reserviert. Wir haben Nachricht erhalten, dass Sie heute Nacht einen schweren Schicksalsschlag erlitten haben und daher schwer selbstmordgefährdet sind.“
In bemühtem Hochdeutsch sagte der eine diese bewegenden Worte. Der andere hörte stumm zu und betrachtete mich neugierig, den Star, der da im Bademantel aus Bangkok, einem Geschenk von Hans-Peter und Toni, stand und Selbstmord begehen wollte. Ein beneidenswerter Mensch, bekannt, berühmt, beliebt und so ein armer Teufel. Das Schicksal macht eben keinen Unterschied. Das Schicksal ist gerecht. Auf das Schicksal kann man sich verlassen. Triviales war es, das mir im Namen des zweiten Polizisten durch den Kopf ging. Aber ich fühlte schon wieder den Star in mir, richtete meine sonst etwas schlampig bucklige Figur auf und bot den vom Schicksal geschlagenen Großen dar.
„Sehe ich aus wie jemand, der Selbstmord begehen will?“, fragte ich ruhig.
Die Ruhe war gut gespielt, denn die beiden waren verunsichert, wie ich, mein Publikum wie immer genau beobachtend, mit einem Anflug von Genugtuung feststellte.
Da sagte der zweite: „Wir sind angerufen worden, dass wir Sie versorgen sollen.“
Meine Frage, wer denn da angerufen habe, konnten sie nicht beantworten. Unsicher standen wir drei einander gegenüber und wussten nicht, was wir nun tun sollten.
„Also sollen wir Sie nun mitnehmen oder nicht?“, fragte da der erste. Es wollte mir fast ein mitleidiges Lächeln auskommen. Wer sollte denn nun entscheiden, ob ich mitgenommen werden musste oder nicht? Ich selber? Es war eine der Situationen, in denen man Polizisten völlig ungerechtfertigt vorwirft, dass sie überfordert wären. Wie sollte denn der jetzt entscheiden, ob einer in Obhut gehörte oder nicht, dachte ich. Der Polizist aber löste das Problem auf die ‚menschliche’ Art, indem er zu mir ging, mich zutraulich am Arm nahm und mich herzlich bittend von unten ansah, was ihm nicht schwerfiel, da er kleiner war als ich. Dann sagte er: „Schauen Sie, wir mögen Sie alle, wirklich, meine Familie, seine Familie“ - damit deutete er auf seinen Begleiter, der eifrig nickte und mich jetzt ebenso flehentlich ansah – „wir brauchen Sie ja noch, also machen Sie bitte keinen Blödsinn, ja? Versprechen Sie mir das?“
Er hielt mir die Hand hin, ich schlug ein und nickte, gerührt ob der spontanen Sympathiekundgebung, die, selbst in dieser Situation, meiner berufsimmanenten Eitelkeit schmeichelte.
Als die beiden fort waren, fiel sofort die kalte Leere über mich und ich legte mich wieder hin. Es verging aber vielleicht höchstens eine Viertelstunde, da läutete es schon wieder. Ich stand wieder auf, ging zum Haustelefon, fragte, wer unten sei und bekam „Gitti“ zur Antwort.
Einen kleinen Moment lang fragte ich mich, wer Gitti sei, dann fiel es mir ein und ich drückte den Öffner. Während ich wieder den Bademantel aus Bangkok anzog, dachte ich, wie denn die Frau von Ernst, der doch in Mitterbach sei, jetzt zu mir kommen könne. Ernst lebte von Gitti getrennt. Er war ein Mann, der die Selbständigkeit seiner Frau nicht vertrug und bitterböse war, als Gitti eine Boutique eröffnete, die anfangs, wie Ernst es vorausgesagt hatte, geschäftlich überhaupt nicht ging, mittlerweile aber, nach zwei Jahren, imstande war, Gitti zu erhalten, und sogar recht gut, wie ich von Norbert, der immer mit Gitti in Kontakt geblieben war und sogar viel bei ihr kaufte, wusste.
Gitti kam also. Schon unter der Türe brach sie in Tränen aus, sie umarmte mich und ließ mich nicht mehr los. Es schien mir, dass nicht sie zu meinem Trost, sondern ich zu ihrem Trost beitragen musste. Gitti, das wusste ich, hatte Norbert durchaus als Mann geliebt. Wir setzten uns an den Esstisch, ich auf meine, Gitti auf die Seite von Norbert. Ich erzählte ihr den ganzen Hergang, immer wieder von schwerem Weinen unterbrochen. Auch Gitti weinte viel, schüttelte immer wieder wild den Kopf und war nicht und nicht bereit, das alles zu glauben. Insoferne war sie mir eine große Hilfe, weil die Worte des Trostes, die ich zu ihr sagte, ja auch Rückwirkung auf mich selber hatten.
Kaum war sie da, läutete wieder das Telefon. Ernst aus Mitterbach war dran und fragte mich, ob Gitti schon da sei.
Ich erzählte ihm von dem geheimnisvollen Besuch der Funkstreife. Ernst gestand, dass er die Polizei und die Rudolfsstiftung verständigt hatte. Ich wollte auch wissen, warum er Gitti hergeschickt hatte, wo ich doch eigentlich, hätte ich Ernsts Organisation nicht durchkreuzt, im Spital sein sollte.
Da sagte Ernst, Gitti hätte vor der Funkstreife da sein und mit mir ins Spital fahren sollen, um mich dort zu betreuen. Er verlangte Gitti zu sprechen und schimpfte sie in seiner gewohnten Manier nieder, warum sie so lang gebraucht habe.
Ich ging aufs Klo, um diese peinliche Debatte nicht hören zu müssen.
Als ich zurückkam, stand Gitti mitten im Wohnzimmer und betrachtete die vierzehn Porträtfotos von Norbert, die hinter einer Glasplatte, noch von ihm selber arrangiert, die vierzehn Weihnachten, die wir miteinander verbrachten, dokumentierten. Norbert ließ jedes Jahr zu Weihnachten ein Porträt von sich anfertigen. Seine engsten Verwandten und Freunde bekamen so ein Bild von ihm. Ich hatte auf einem Teil des Bücherregals im Wohnzimmer immer alle Fotos, noch in ihren Mappen, aufgestellt. Wenn Besuch kam, räumte Norbert sie jedes Mal schnell weg mit der Bemerkung, das sähe blöd aus, wenn ich fünf oder sechs oder sieben Fotos, wie viele es eben nach Anzahl der Jahre gerade waren, von ihm herumstehen hätte. Vor ein paar Tagen aber, ich weiß nicht genau, wann es war, weil ich es erst zufällig, aber noch vor dem Tod von Norbert, bemerkte, hatte dieser die vierzehn Bilder hinter Glas geordnet und an die Wand gehängt. Jetzt fiel mir auf, dass die Fotos so angeordnet waren, dass man keines mehr hätte dazutun können. Es war die abschließende Dokumentation. Kälte durchfährt mich. Abschließend. Der Unglaube, der mich in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten noch oft mit mehr oder weniger Heftigkeit überfallen sollte, nistete sich in mir ein. Norbert war tot. Das war unumstößlich. Alles andere würde sich finden müssen.
Es ging auf sechs Uhr zu. Um sieben Uhr zwanzig würde Mirek, der polnische Freund, am Ostbahnhof ankommen. Ich musste ihn abholen. Norbert hat mir aber geraten, ich solle vorher bei der Bahn anrufen und fragen, ob der Chopin-Express aus Warschau pünktlich ankommen würde, damit ich nicht sinnlos auf den Bahnhof fahren würde.
Ich schüttelte den Kopf. Norbert hat mich gebeten, Mirek einzuladen. Was sollte ich jetzt mit ihm anfangen?
Draußen begann zögernd der Morgen zu grauen. Ich wunderte mich. Da begann ein neuer Tag? Ein Tag? Nach dieser Nacht? Wie unerbittlich doch diese Vorgänge sind. Da begann einfach ein Tag. Der erste Tag ohne Norbert. Wie konnte die Welt das tun? Einfach darüber hinwegwalzen. Da fehlte doch einer. Fiel das niemand auf? Konnte man einfach so zur Tagesordnung übergehen? Da fehlte doch einer! Da fehlte doch einer!! Gitti war da, also verkniff ich es mir, zu schreien.
Kapitel 6
AM FOLGENDEN TAG ERFUHR ICH ALLES.
Um halb sieben rief ich bei der Bahn an und erfuhr, dass der Chopin-Express ziemlich pünktlich ankommen würde, vielleicht ein paar Minuten verspätet, aber unwesentlich, wie die präzise Aussage des Beamten lautete. Daraufhin rief ich den Bruder Peter an und verabredete mich mit ihm. Mit Mirek würde ich um etwa dreiviertel acht wieder in der Wohnung sein, Peter könne also um acht kommen und die Mappe abholen. Da war aber auch schon ein Plan in mir reif: Ich ersuchte Peter, im Hanusch-Krankenhaus, wo Norbert zuletzt in ambulanter Behandlung war, anzurufen und den Arzt ausfindig zu machen, der Norbert behandelt hatte. Wir müssten doch endlich erfahren, was in diesen gottverfluchten Befunden stand und ob dort der Grund für den Suizid zu finden war. Peter zögerte, ob es nicht besser wäre, ich riefe an, ich sei schließlich wer. Ich aber erklärte, dass ich sicherlich keine Auskunft bekommen würde. Ich sei ja nicht mit dem Verstorbenen verwandt, das müsse schon der Bruder tun. Der Tod trennte uns wieder, vermerkte ich ganz am Rand meines Schmerzes. Die Untersuchung im Hanusch-Krankenhaus hatte der Chef von Norbert vermittelt. Vielleicht könne ihm der helfen. Außerdem müsse er ihn ohnedies verständigen. Peter erzählte noch unter Tränen, wie er in der Nacht dem Vater, der gerade neunzig Jahre alt war, vom Selbstmord seines Lieblingssohnes Norbert erzählen musste. Der Vater sei verstummt und habe nichts mehr gesagt, solange Peter bei ihm war. Irene, des Vaters um vierzig Jahre jüngere dritte Frau, sagte Peter am Telefon, dass er bis zum Morgen noch immer nichts gesprochen hätte und nur trüb vor sich hinschaue. Hin und wieder schüttle er ganz leise den Kopf.
Gitti verabschiedete sich, ich fuhr zum Ostbahnhof, um Mirek abzuholen. Der Zug war auf die Minute pünktlich, Mirek kam strahlend daher und begrüßte mich mit den Worten: „Hallo! Wie geht es dir? Wo ist Norbert?“
Bei den vorigen Besuchen hatten wir immer beide Mirek abgeholt. Jetzt aber musste ich es ihm sagen: „Norbert ist tot. Er hat gestern Selbstmord begangen.“
Mirek brach, aufrecht stehend, zusammen. Sein Gesicht wurde so weiß, seine Augen wurden so groß, seine Haltung so starr, sein Entsetzen so unfassbar, wie es der ganze Inhalt der Nachricht war, die ihm da eben versetzt worden war. Hilflosigkeit, Mireks Hilflosigkeit, schlug sich nun zu meiner Leere dazu. Wir standen einander gegenüber und starrten uns an. Da war nichts zu sagen. Der Schmerz war nur stumm und voll konzentriert zu ertragen. Erst nach einigen Minuten, wir waren schon beim Auto angelangt, sagte Mirek ganz leise: „Oh mein Gott!“
Wir fuhren nach Hause. Ich machte Kaffee, Mirek irrte in der Wohnung herum, stumm und steinern.
Da kam Peter, trank auch Kaffee und wir besprachen, wie wir unser Vorgehen anpacken wollten.
Wir fuhren mit meinem Auto. Peter meinte, mein Wagen sähe besser aus als sein Firmenauto mit dem Reklameaufdruck eines Fleischhauers.
Unser Ziel war das Hanusch-Krankenhaus. Peter hatte mit dem Chef von Norbert telefoniert, der Weg war also weitgehend geebnet. Was nicht geebnet war, das sollte der Einsatz meines bekannten Gesichts besorgen.
Während der Fahrt sagte ich zu Peter: „Ich bete zu Gott, dass es etwas Schwerwiegendes ist, was wir jetzt erfahren. Dass Norbert um Gottes Willen wirklich einen Grund gehabt hat.“
„Vielleicht waren es gar nicht die Befunde?“, sagte Peter stirnrunzelnd vor sich hin.
„Was soll es denn sonst gewesen sein?“, bellte ich in unlogischer Sturheit.
Peter zuckte die Achseln und murmelte nur kryptisch: „In seiner Position...“
Was immer Peter damit gemeint haben mochte, ich überging es. Für mich waren es die Befunde. Ich hatte nur eine nagende Angst, dass es bei Norbert vielleicht nur die Panik vor einem negativen Ausgang der Untersuchung gewesen war, die ihn zu der Tat trieb.
„Aber nein, so dumm schätze ich Norbert nicht ein, obwohl er nichts so sehr fürchtete wie Krebs“, sagte ich und Peter nickte.
Krebs war für Norbert das Schlimmste, das einem Menschen widerfahren konnte. Mit etwas anderem rechnete er nicht. Aber mit Krebs musste, seines Erachtens, jeder rechnen. Die panische Krebsangst von Norbert rührte daher, dass seine Mutter, als er neunzehn Jahre alt war, ein halbes Jahr lang an Krebs gestorben war.
Die Gänge in dem Spital waren bevölkert, überall standen Sessel, auf allen Sesseln saßen Patienten, viele mussten stehen, alle hatten sie den ortsüblich leidenden Ausdruck. Alle erkannten mich, lächelten mir erkennend zu, nickten, grüßten, tuschelten hinter meinem Rücken, zeigten denen, die mich nicht gesehen hatten, schau, da ist der, du weißt schon.
Wir wurden zuerst an die Stationsschwester der Ambulanz verwiesen, die uns helfen sollte, mithilfe des Patienten-Namens, dem Datum und der Art der Erkrankung den zuständigen Arzt zu suchen. Wir wussten aber nur den Namen, kein Datum und schon gar keine Krankheit. Die Schwester suchte und telefonierte, geriet in Hektik, weil ich ungeduldig fragte, ob denn nicht der Name genüge, um einen Patienten in diesem Spital zu finden, wobei ich ‚in diesem Spital’ schon mit dem drohenden Unterton dessen sagte, der es sicher nicht auf sich beruhen lassen würde, dass man ‚in diesem Spital’ Patienten nach Namensnennung nicht zu finden imstande war.
Plötzlich stockte sie und fragte vor sich hin: „Moment, ist das der, der...“, worauf sie sich selber unterbrach und mit einem Mal wusste, wo sie anrufen musste.
Peter und ich waren aufmerksam geworden. Was mochte das heißen, ‚der, der...’?
Die Schwester hatte jemand am Apparat, dem sie uns beide avisierte. Dann bat sie, ihr zu folgen. Wir wanderten wieder über mehrere bevölkerte Gänge, wieder schauten die Patienten mir nach, lächelten, grüßten und zeigten mich einer dem anderen.
Eine Tür mit der Namensaufschrift eines Arztes wurde vor uns geöffnet, ein Patient verließ den Raum, ein anderer, der wahrscheinlich die nächste Nummer hatte, wollte hinein, wurde aber von der Schwester gebeten, zu warten, worauf sie uns beide in das Zimmer schob, in dem ein etwa vierzigjähriger, weißbemantelter, bebrillter, schütterhaariger Arzt saß, der sich vorstellte, dem wir uns vorstellten und der uns dann ersuchte, Platz zu nehmen.
Er suchte aus einem Karteikasten, der sich neben seinem Schreibtisch befand, eine Mappe heraus, legte sie vor sich hin, blätterte versonnen darin, machte sie wieder zu, holte tief Luft und sah mich an: „Was sind Sie zu dem Patienten?“
Peter fiel ein: „Ich bin sein Bruder.“
„Ich bin nur Begleiter, Freund, wenn Sie so wollen“, sagte ich ergänzend.
Der Arzt nickte.
Dann fragte er weiter: „Und warum wollen Sie die Krankengeschichte wissen?“
Ich beschloss, brutal zu antworten: „Weil Ihr Patient in der vergangenen Nacht Selbstmord verübt hat.“
Der Arzt wurde steif, bleich mit grauen Strichen, saß plötzlich sehr aufrecht, sah uns forschend an, vermutlich sondierend, ob da vielleicht Schwierigkeiten auf ihn zukommen könnten, dann entspannte er sich etwas, blickte auf seine Mappe und nickte langsam vor sich hin.
„Wir kennen keinen Grund“, begann Peter vorsichtig, „wir wissen nur, dass er bei Ihnen in Behandlung war und wollen jetzt fragen, ob wir vielleicht bei Ihnen oder in Ihren Befunden den Grund finden könnten, verstehen Sie?“
Der Arzt nickte, dann sah er mich an und meinte: „Ich weiß nicht recht“, dann blickte er Peter an, „Sie als Bruder...“
Ich atmete scharf und tief ein, ich ahnte etwas, ich musste dem Arzt beibringen, dass er es vor mir auch aussprechen konnte.
„Vielleicht“, sagte ich langsam, wie zögernd, aber dennoch dezidiert und dick unterstrichen, „hilft es Ihnen, wenn ich Ihnen sage, dass ich seit fünfzehn Jahren der Lebensgefährte des Verstorbenen bin, wenn Sie verstehen, was ich meine...“
Der Arzt nickte wieder, dann sagte er es endlich langsam und leise: „Er war HIV-positiv.“
Ich atmete tief ein und lehnte mich langsam zurück. Peter aber verharrte in seiner aufmerksamen Position, er schien nicht verstanden zu haben.
„Aids also“, sagte ich, um Peter die Erklärung zu liefern, bevor er fragen musste.
Jetzt sah Peter mich an und lehnte sich auch langsam zurück.
Der Arzt aber schüttelte den Kopf und sagte: „Das muss nicht unbedingt heißen, dass er Aids HATTE.“
„Und?“, fragte ich, „im konkreten Fall?“
Der Arzt blätterte in seinen Papieren, um folgerichtig nacheinander zu erzählen: „Er kam mit Magenschmerzen und Neigung zu starkem Durchfall zu uns. Er war vorher, glaube ich, in Brasilien.“
Ich nickte: „Wir waren bis Anfang Februar drei Wochen in Brasilien, ja.“
Der Arzt nahm den Faden auf: „Und von dort, so erzählte er uns, hat er sich, wahrscheinlich vom vielen Kalt-Trinken, was mitgebracht. Wir haben das behandelt und es hat sich ja auch gebessert. Beim Ultraschall haben wir einen Gallenstein festgestellt, den er demnächst operieren lassen wollte.“
Das hatte mir Norbert erzählt. Ich hatte mit meinem Operateur Prof. Funovic alles so weit besprochen, dass Norbert nur noch sagen hätte müssen, wann er es machen lassen wollte.
Der Arzt fuhr fort: „Dann machten wir eine Gastroskopie. Dabei stellten wir in der Speiseröhre einen pilzartigen Belag fest. Ein Kollege meinte, das sieht verdammt nach einer Immunschwäche aus, wir müssen testen. Wir haben den Test gemacht und HIV-positiv festgestellt.“
Der Arzt verstummte.
Ich fragte, wie Norbert es erfahren hätte.
Der Arzt seufzte tief, blätterte in seiner Mappe um, las kurz hinein und sagte dann leise: „Am 7. März in der Früh haben wir die Befunde fertig ausgewertet gehabt. Wir haben ihn sofort im Büro angerufen und gebeten, herzukommen, wir hätten die Befunde fertig und es wäre da einiges zu besprechen. Eine halbe Stunde später war er schon da. Wir setzten uns zusammen - und haben es ihm gesagt.“
Wieder schwieg der Arzt.
Jetzt, wo der Doktor zum Kern der Sache gekommen war, wurde ich ungeduldig: „WAS haben Sie ihm gesagt?“
„Bei Aids“, fuhr der Arzt langsam und belehrend, wieder die Oberhand habend, fort, „haben wir vom Gesetz her die Pflicht, dem Patienten alles zu sagen.“
„WAS haben Sie ihm gesagt, und WIE haben Sie es ihm gesagt“, insistierte ich.
Der Arzt blickte missmutig auf, seufzte dann entnervt und sagte etwas lauter als vorher: „Wir haben ihm gesagt...“
„Wer WIR?“
Er deutete auf die im Zimmer anwesende Schwester - es war nicht die, die uns hergebracht hatte, sondern eine andere, ich bemerkte sie erst jetzt: „Die Frau Oberschwester war dabei. Wir haben ihm gesagt, dass er HIV-positiv ist. Da heißt nicht, dass er Aids hat. Der Belag in seiner Speiseröhre allerdings deutet eindeutig darauf hin, dass Aids bei ihm im Ausbrechen war. Er muss also damit rechnen, dass er in absehbarer Zeit in eine geschlossene Abteilung eingeliefert werden muss.“
„In absehbarer Zeit?“, fragte ich, fast ohne Atem.
Der Arzt nickte wieder, zuckte die Achseln und sagte dann: „In zwei Wochen, in drei Wochen vielleicht...“
„So bald!“, flüsterte ich und schloss die Augen.
„Ja, viel Zeit war da nicht“, meinte der Arzt.
„Und“, versuchte ich mich wieder zu fassen, „wie hat er es aufgenommen?“
Der Arzt zögerte, blickte dann die Oberschwester an, die sagte: „Gefasst.“
Der Arzt stimmte ihr zu: „Sehr gefasst sogar. Er sagte zwischendurch ein paar Mal ‚Na servus’ und ‚Na fein’, sonst hat er nur genickt und zur Kenntnis genommen.“
„Reagieren andere Leute anders?“, fragte ich.
„Hysterisch, sie brechen zusammen, oder weinen haltlos. Wir geben ihnen dann aus der Psychiatrischen einen Arzt zur Seite oder behalten sie ein paar Stunden hier.“
„Aber ihn haben Sie einfach gehen lassen?", fragte ich, und Fassungslosigkeit ballte sich in mir zusammen.
„Er machte eine so gefassten Eindruck“, stellte der Arzt sachlich fest, „dass uns eine psychologische oder psychiatrische Betreuung nicht geboten schien.“
Er blickte zur Schwester, die nickte zustimmend.
Ich aber fasste langsam das Unfassbare zusammen: „Sie sprechen am helllichten Vormittag aus völlig heiterem Himmel über einen Menschen das Todesurteil und lassen ihn, nur weil er diszipliniert ist und nicht gleich nach draußen zeigt, was in ihm vorgeht, einfach auf die Straße, in den Alltag hinaus? Ein Blick genügt Ihnen, um zu sehen, dass der Mensch, der da vor Ihnen sitzt, in keiner Weise gefährdet ist, dass er gefasst ist, dass er diese fürchterlichste aller Nachrichten, die ein Mensch empfangen kann, einfach schluckt und weiter geht an die Arbeit.“
Der Arzt wand sich leise und fragte: „Warum sagen Sie das?“
Ich wurde laut: „Weil der Mensch, der Ihrer Meinung nach keiner Hilfe bedurfte, am selben Tag, an dem Sie ihm die Nachricht mitgeteilt haben, sein Testament verfasst hat, über seinen Körper verfügte, Listen aufstellte, Abrechnungen machte und dann, eine Woche nach Ihrer, für Sie wahrscheinlich alltäglichen Benachrichtigung, Selbstmord begangen hat. Darum frage ich Sie!“
„Das ist zutiefst bedauerlich“, sagte der Arzt, „wirklich, glauben Sie mir, ich empfinde tief mit Ihnen. Aber er war todkrank. So oder so.“
Der Keulenschlag ließ mich aufspringen, tief durchatmen, die Tränen fest verbeißen und feststellen, dass alles ja doch keinen Sinn hätte, da Norbert nun einmal tot sei.
Als ich später einmal mit einigen Ärzten über die eigenartig oberflächliche Form dieser Benachrichtigung sprach, zuckten sie die Achseln und meinten, man gewöhne sich als Arzt daran, Todesurteile auszusprechen, das gehöre nun einmal zu dem gottverfluchten Alltag und man sei schon froh, wenn einmal ein Patient da sei, der keine Schwierigkeiten machte.
Ein paar Tage später ersuchte ich Prof. Funovic, den Arzt noch einmal anzurufen und sich die Sache von Kollegen zu Kollegen erklären zu lassen. Funovic rief schon wenige Minuten später zurück und sagte: „Seien Sie froh, dass er das getan hat. Er hat sich und euch allen viel erspart. In spätestens drei Wochen hätte der Pilzbelag sich so tief in die Speiseröhre hineingefressen, dass sie nur noch ein blutiger Schlauch gewesen wäre, den man hätte herausschneiden müssen. Ich glaube, das haben sie ihm sogar gesagt. In ein paar Wochen wäre er so und so tot gewesen.“
So und so.
Peter erzählte Monate später, er habe noch einmal mit der Oberschwester gesprochen. Die sagte ihm, sie hätten ihn gar nicht mehr operiert, so schlimm hätte die Speiseröhre ausgesehen. Sie hätten ihn nur noch behandelt.
Als Peter und ich das Spital verließen, waren wir selbst erstaunt über die Erleichterung, die wir spürten. Ich wusste nun, Norbert hat einen Grund gehabt, einen schwerwiegenden Grund. Es blieb also nichts anderes übrig, als ihm recht zu geben, als ihm zuzustimmen, er habe richtig gehandelt. Es sei richtig, dass er tot sei. Da aber schreckte ich zurück, es wollte plötzlich nicht klappen mit dem Recht geben.
Noch vom Auto aus telefonierten wir mit der Polizei, die uns nun alles mitteilte, Zeit, Ort, und noch einmal die grausliche Beschreibung der Todesursache. Er hatte nichts bei sich, außer einer billigen Uhr, die zertrümmert wurde, ein Flinserl im Ohr, zu dem ich das zweite Stück in meinem linken Ohr trage, und drei einfache Ringe am linken kleinen Finger, auch hier trage ich die entsprechenden Gegenstücke an meinem linken kleinen Finger. Und einen Zettel hatte er in der Tasche: ‚Mein Name ist Norbert ... , bitte verständigen Sie meinen Bruder Peter ..., Adresse, Telefonnummer, sollte seine Frau am Telefon sein, bitte sehr vorsichtig verständigen, da sie schwer zuckerkrank ist’. Eine Halskette mit dem Buchstabenanhänger ‚G’ fehlte und ist seither verschwunden.
Als wir wieder zu mir nach Hause kamen, informierte ich sogleich Mirek und sagte ihm auch, dass ich erleichtert sei, weil Norbert keinen grundlosen Selbstmord begangen hatte.
Mirek aber reagierte sehr diesseitig: „Ich habe Angst. Große Angst.“
„Warum?“, fragte ich.
„Angst um dich. Hast du jetzt auch Aids? Habe ich jetzt auch Aids? Ich habe furchtbare Angst.“
So weit, an mich selber und an die weiteren Umstände zu denken, war ich noch nicht. Ich sagte daher nur kühl: „Ja, jetzt werden wir uns alle testen lassen müssen. Es ist halt einmal so, wer sich bei uns mit einem anderen einlässt, ist vor nichts sicher.“
Mein nächster Gedanke war, wo ich ab nun wohnen sollte. In meiner Wohnung zu bleiben, war mir unmöglich. Alles um mich herum erinnerte ununterbrochen an Norbert. Hysterische Angst begann sich in mir einzunisten. Ich rief Ernst in Mitterbach an. Der lud mich und Mirek ein, zu ihm an den Erlaufsee zu kommen, wenigstens über das Wochenende.
Ich informierte meine Sekretärin. Nachdem ihr Entsetzen abgeklungen war, fasste die Ordnung in ihr Fuß. Sie sah in der Betriebsordnung der Firma nach und stellte fest, dass mir als Lebensgefährten drei Tage Sonderurlaub zustünden. Als Lebensgefährte durfte man gelten, wenn man mit der anderen Person mindestens fünf Jahre in einem gemeinsamen Haushalt gelebt hat. Sie riet mir aber ab, den Urlaub in Anspruch zu nehmen. Es hätte sicher ein ekelhaft süffisantes Echo gegeben, wenn ich als Mann aufgrund des Todes meines Lebensgefährten Sonderurlaub genommen hätte, der doch sonst nur ehrwürdigen und vor allem echten Witwen oder Witwern zustand. Zu anrüchig wäre alles, was damit zusammenhing, die Ableitungen, die Vermutungen, die daraus zu ziehenden Schlüsse, sicher dreckig, von bigotten Christlern gezogen. Ich beschloss, die Sache weitestgehend geheim abzuhandeln. Norbert hatte sich netterweise so umgebracht, dass nun ein Wochenende bevorstand. Ich fuhr mit Mirek an den Erlaufsee.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.