Kitabı oku: «Ein Schlüssel zur inneren Biografie»

Yazı tipi:

Günther Dellbrügger

EIN SCHLÜSSEL
ZUR INNEREN BIOGRAFIE


INHALT

EINLEITUNG: UNTERWEGS ZU SICH SELBST

1WER BIN ICH?

Zukunftsaspekte der Kindheit

Stufen der Abnabelung

Erste Ich-Erfahrungen

Anruf aus der Zukunft

Entwicklung durch Begegnung

Stufen der Gewissensbildung

2RELIGION IM ICH

Die innere Kraft von Natascha Kampusch

Im Ringen um die innere Freiheit

Vertrag mit dem zweiten Ich

Vertrauen: eine Religion im Ich

3DIE FREIE KRAFT IM MENSCHEN

Das Schwert: Bild des Ich

Das Schwert neu schaffen

Mitleid wird zu Freiheit

Entschluss, zu lieben

4MIT MIR IM DIALOG

Juan Ramón Jiménez, Yo no soy yo

5DAS GEHEIMNIS DES ICH – JOHANN GOTTLIEB FICHTE

Idealismus

Biografische Streiflichter

Lebenskrise

Professor in Jena

Religions-Erkenntnis

Ursprung des Gewissens

»Nicht ich ...«

Ein Funke kann überspringen

6MENSCHEN-ICH UND STERNEN-ICH. EIN DICHTERISCHER SCHULUNGSWEG

Ein Stern singt

Kosmisches Präludium

Weihe dich einer Gefahr

7TREUE ZU SICH SELBER

Sterben – eine Reifeprüfung

Fragen an uns selber

Von der Wichtigkeit des Gesprächs

Das Beispiel der Beichte

8URBILDER DER INNEREN BIOGRAFIE

Die Himmelsleiter

Auf den Hindernissen erscheinen die Engel

»Ihr müsst von Neuem geboren werden«

Stirb und werde!

9»ICH BIN DER STERNENWANDERER«

Lazarus im Werk Dostojewskis

»Lazarenische Literatur« (Jean Cayrol)

Der Archipel Gulag

Schwellenerfahrungen

Einsamkeit und Gemeinschaft

»Die Welt ist ein einziges Durchgangslager«

Das Lager: Ort der Wahrheit

10WEGE ZUR STÄRKUNG DES ICH

Wache auf, der du schläfst!

Geisteskampf

ABSCHLUSS: ÜBER DEN TOD HINAUS

ANHANG

ANMERKUNGEN

Warten können

heißt warten wollen.

Geduld haben

heißt Geduld üben.

Selbstbeherrschung erlangen

heißt dem eigenen Selbst

die Beherrschung

zu ermöglichen.

Gelassen werden

heißt innerlich loslassen,

weil man den Halt

im Ich gefunden hat.

Till von Grotthuss1

EINLEITUNG UNTERWEGS ZU SICH SELBST

»Die Würde des Menschen ist unantastbar.«

So steht es in unserem Grundgesetz. Dieses Bekenntnis zum Menschen, zu allen Menschen, ist den Gräueln des »Dritten Reichs« abgerungen. Die Wertschätzung des Einzelnen als »Geschöpf Mensch« ist ein großes Ideal, das in geistigen Sphären urständet. Die Würde des Menschen ist eine geistige Tatsache. Doch Tatsache ist auch, dass die Würde des Menschen weltweit täglich missachtet wird. Was folgt daraus? Dass wir erst am Anfang stehen, dieses Menschheits-Ideal zu verwirklichen, und in unseren Bemühungen nicht nachlassen dürfen, wenngleich der Weg vom Ideal zur Tat ein weiter ist und den einzelnen Menschen in seinem innersten Kern fordert.

An diesem inneren Kern lässt uns beispielsweise der ehemalige UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld in seinem posthum veröffentlichten Tagebuch Zeichen am Weg2 teilnehmen. Seine Aufzeichnungen legen Zeugnis ab von dem Ernst und dem Ringen um seine innere Biografie.

Obwohl in unserer Zeit der Individualismus angepriesen wird wie nie zuvor, sind die Attacken auf die Persönlichkeit massiv und treten aus ihrer Verschleierung mehr und mehr in das Licht unseres Bewusstseins. Wird die weltweite Gemeinde/Global Community durch unsere Stärke hergestellt, oder durch die Technik? Sind unsere Empathie, unser Wille zur Tat, unsere Erkenntnisse entsprechend mitgewachsen? Was ist konkret unter dem Begriff »Individualität« zu verstehen? Entwickelt sich Individualität auf ein Ziel hin? Haben wir dieses Ziel, Individualität zu sein, schon erreicht?

In diesem Buch umkreisen wir die Suche des Menschen nach seiner ureigenen Bestimmung und auch die Suche nach der eigenen unverwechselbaren Bestimmung des Menschen als Person. So finden sich in den einzelnen Kapiteln sehr verschiedene Motive zu dieser Suche. Immer zeigt sich in der inneren Biografie des Einzelnen das Ringen um einen Einklang mit sich selbst. Wer will nicht am Ende seines Lebens das Gefühl haben: Ich bin mir treu geblieben, ich habe mich von meinen Idealen leiten lassen.

1WER BIN ICH?

Der Angriff auf den Menschen und seine Entwicklung beginnt heute schon im frühen Kindesalter und hört bis zum Lebensende nicht auf. Wir wissen viel über die ersten drei Jahre des Kindes, sein Aufgehoben-Sein in einer geistigen Kraft, aus der heraus es die Grundfähigkeiten als Mensch entwickelt, bis hin zu dem ersten zarten »Ich-Erleben«.

Die Jahre der mittleren Kindheit und deren Mitgift für die innere Biografie des Menschen leben weniger deutlich in unserem Bewusstsein. Sie sind jedoch entscheidend für den weiteren Verlauf der Entfaltung und Selbstfindung des Menschen. Die Umbrüche dieser Lebensperiode sind ein Schlüssel für die innere Biografie. Aus diesem Verständnis heraus, zu dem das erste Kapitel einen Beitrag leisten möge, lassen sich die darauf folgenden Kapitel in einem neuen Licht sehen. Der Stern des Menschen, sein höheres Wesen, sein zweites Ich als Schlüssel seines Lebensweges erreicht den Einzelnen auf den unterschiedlichsten Bahnen. Von diesem Weg legen die weiteren Kapitel in je eigener Weise Zeugnis ab.

ZUKUNFTSASPEKTE DER KINDHEIT

Die Mitte der Kindheit3 ist eine Wendezeit. Abstand nehmen und »Reflexion« (Umwendung) üben, sich heraussondern und als eigenes Wesen erleben – das ist in dieser Phase des Lebens von Bedeutung. Der so gewonnene Abstand, das Wahrnehmen erster Veränderungen werden durchlebt und zugleich durchlitten. Die Frucht dieser Lebensperiode ist eine Wegzehrung, die wie Sternensamen in den kommenden Jahren immer wieder aufblitzt und auf dem weiteren Lebensweg voranleuchtet.

STUFEN DER ABNABELUNG

Betrachten wir unter diesem Gesichtspunkt genauer die Lebensstufen, die jeder Mensch durchläuft, so macht er schon vor der Geburt tiefe Erlebnisse von Aussonderung und Trennung durch – nur weniger bewusst. Schauen wir zunächst auf den Anfang des Erdenlebens, auf die Geburt. Wir als Eltern, als Erwachsene und Geschwister, freuen uns, wenn ein Kind das Licht der Welt erblickt. Ein altes Kinderlied spricht vom Stern, der jeden Geburts-Tag überleuchtet.

Im Erleben des Kindes sieht der Geburtsvorgang möglicherweise sehr anders aus. Man spricht von der Gefahr eines »Geburtstraumas«. Was ist damit gemeint? Der österreichische Anatom Joseph Hyrtl (1810–1894), der sich sein Leben lang für das Wohl von Waisen und Kindern aus bedürftigen Familien eingesetzt hat und ein vehementer Gegner einer einseitig materialistischen Weltanschauung war, versuchte, sich ganz in den vorgeburtlichen, lebensreifen Embryo zu versetzen und aus dessen Erleben den Geburtsvorgang zu schildern. Denn es gibt neben der Freude der Familie und den Schmerzen der gebärenden Mutter auch den Schmerz des zur Welt kommenden Kindes!

»Der Embryo im Mutterleib müsste, sofern er Selbstbewusstsein hätte und im Voraus wüsste, was beim Vorgang der Geburt mit ihm geschehen wird, diesen Vorgang zweifellos für seine absolute Vernichtung halten.«4

Warum? Die schützenden Hüllen werden zerreißen, das Fruchtwasser wegfließen, in dem das Kind bisher sein Lebenselement hatte! Dann muss es sich durch eine »würgende Enge« zwängen, wie durch einen zu klein erscheinenden Höhlenausgang. Schließlich wird die Nahrung bringende Nabelschnur durchtrennt. Aus dieser Sicht erscheint ein Überleben der Geburt höchst unwahrscheinlich ...

Aber zum Glück eröffnet die physische Geburt eine andere Zukunft. Ist der Geburtsschmerz überwunden und findet das Neugeborene eine liebevolle, umhüllende Aufnahme, kann es schnell gedeihen. In den ersten Jahren ist das Kind vollständig auf den anderen Menschen angewiesen. Wie anders ist das bei den hochentwickelten Säugetieren, bei denen das Jungtier schon voll ausgereift zur Welt kommt! Demgegenüber braucht das kleine Kind eine Schutzhülle, vergleichbar dem Uterus der Mutter, um im ersten Jahr leben und sich entwickeln zu können. Deshalb spricht man vom »extra-uterinen Frühjahr« (Adolf Portmann), in dem auch das Geburtstrauma durch Erfahrung von Geborgenheit, Nähe und Sicherheit überwunden werden kann. So bildet die physische Geburt eine erste Stufe im Selbstständig-Werden des Menschen. Es ist die Abnabelung, die sich jetzt im Physischen, später im Bereich der Lebensprozesse und Lebenskräfte und – beginnend mit der Mitte der Kindheit – im Seelischen fortsetzen wird.

Die Entwicklung des Kindes in den ersten drei Jahren ist ein Wunder, das nicht oft genug bestaunt werden kann. Nie im Leben später ist der Mensch wieder so tätig und »erfolgreich«. Als Kinder lernen wir, unsere Leiblichkeit im Raum zu orientieren, uns selber in die Gesetzmäßigkeiten des Raumes hineinzustellen und die Schwerkraft zu ordnen. Wir lernen, an der Sprache Geistiges zu erfassen, zu verstehen und selber ins Wort zu bringen. Wir nennen das Denken-Lernen. Wir gehen in der Nachahmung über die Nachahmung hinaus und erwerben uns denkend einen eigenen Zugang zur Welt geistiger Vorgänge, Inhalte und Wesen. Die Fähigkeiten von Stehen und Gehen, der Spracherwerb und das aufkeimende Denken werden ohne ein bewusstes Lernen erworben.

ERSTE ICH-ERFAHRUNGEN

Diese ersten Kindes-Jahre kulminieren in einer Erfahrung, die vermutlich jedes Kind macht – mehr oder weniger bewusst. Es ist die Erfahrung: »Ich bin ein Ich.« Es gibt eine Reihe von Erinnerungsberichten über diese Erfahrung, besonders von Schriftstellern. Die plastische Anschaulichkeit und individuelle Verschiedenheit in der Schilderung dieses gleichen Erlebnisses ist erstaunlich. So erzählt Jacques Lusseyran (1924–1971) von einer Erinnerung an seinen vierten Geburtstag – so klar wie ein Bild, das an der Wand hängt: Er lief auf dem Gehweg auf ein Dreieck aus Licht zu, das sich wie auf eine Meeresküste öffnete. Während er noch mit Armen und Beinen ruderte, sagte er sich: »Ich bin vier Jahre alt, und ich bin Jacques.« Er erlebte diesen Moment als »Geburt der Persönlichkeit«, als einen Moment großer freudiger Erregung: »... der Strahl allumfassender Freude hatte mich getroffen, ein Blitz aus wolkenlosem Himmel.«5

Der Schriftsteller Jean Paul (1763–1825) hat ebenfalls seine erste bewusste Ich-Erfahrung in Form einer kleinen, kostbaren Erzählung geschildert:

»Eines Tages an einem Vormittag stand ich als ein sehr junges Kind unter der Haustür und sah links nach der Holzlage, als auf einmal das innere Gesicht ›Ich bin ein Ich‹ wie ein Blitzstrahl vom Himmel vor mich fuhr und seitdem leuchtend stehen blieb. Da hatte mein Ich zum ersten Mal sich selber gesehen und auf ewig.«6

In diesen beiden stellvertretend genannten Schilderungen ist das Ich-Erleben verbunden mit einem Licht-Erleben von außen im Raume. Das Licht kommt von vorn oder von oben – »wie ein Blitzstrahl« – und trägt das Ich-Erleben. Wie schön, dass das Wort »ich« auch in »L-ich-t« enthalten ist!

ANRUF AUS DER ZUKUNFT

Etwa im neunten bis zehnten Lebensjahr beginnt im Kind eine Doppelbewegung zu wirken. Was in den ersten Lebensjahren überpersönlich am Menschenkind sich vollbringt – gehen, sprechen, denken –, erlebt jetzt in einem großen Umbruch seinen Abglanz. Das Kind erwirbt in einer Doppelbewegung ein persönliches Verhältnis zu den Gesetzmäßigkeiten von Raum und Zeit und den geahnten Dimensionen einer spirituellen Welt. In dieser Zeit taucht das Erleben »Ich bin ein Ich« auf neue Weise wieder auf, wie eine Oktave zum früheren Erleben, aber wie eine Oktave nach unten! Denn es ist nun kein Licht-Erleben, das die Ich-Erfahrung dem Kind zuträgt, unvermittelt wie ein Blitz aus heiterem Himmel, sondern in diesem Lebensalter taucht die Ich-Erfahrung aus den Tiefen der eigenen Seele herauf. Sie »taucht auf« – ganz wörtlich zu nehmen! – aus dem Meer des eigenen Seins, in das sie wie »untergetaucht« war.

In einem neuen Erwachen erlebt das älter werdende Kind tiefe Fragen: Wer bin ich? Wo bin ich? Was ist das für eine Welt? Alles wird frag-würdig, neu und rätselhaft. Ein hellerer Bewusstseinszustand führt das Kind in eine weitere Distanzierung zu seiner Umwelt und zu einem Erleben von Einsamkeit und Sehnsucht. Auch für dieses Erleben seien einige Zeugnisse angeführt. Sie schildern das Ich-Erwachen an der Schwelle zur mittleren Kindheit, sie schildern dasselbe, aber in charakteristisch verschiedener Weise. Hier leuchtet schon ein großes Geheimnis unseres Menschseins auf: Als Menschen ist uns gemeinsam, dass jedem von uns ein Ich eignet. Aber diese Gemeinsamkeit ist gerade der Grund unserer Verschiedenheit. Denn jeder lebt sein Ich auf andere Weise!

Der schon genannte Jean Paul erzählt aus seinen Knabenjahren, wie dieses neue Erleben anders ist als beim kleinen Kind, wie es von Sehnsucht durchtränkt ist. Auf dem Heimweg von den Großeltern mittags gegen zwei Uhr schaut er auf die sonnig glänzenden Bergabhänge und die ziehenden Wolken. Da überkommt ihn ein »gegenstandsloses Sehnen«. In diesem Sehnen erlebt er mehr Pein als Lust, ein »Wünschen ohne Erinnern«. Man merkt dieser Schilderung an, wie sie um Worte ringt, um dieses aus dem »tiefen Dunkel des Herzens« aufsteigende Empfinden adäquat auszudrücken:

»Ach, es war der ganze Mensch, der sich nach den himmlischen Gütern des Lebens sehnte, die noch unbezeichnet und farblos im tiefen Dunkel des Herzens lagen, und die sich unter den einfallenden Sonnenstrahlen flüchtig erleuchteten.«7

Aus dem tiefen Dunkel des Herzens steigt eine neue Ich-Erfahrung auf. Ähnlich spricht der Philosoph Karl Jaspers (1883–1969) in seiner Autobiografie über eine Sehnsucht, die ihn als Zehnjährigen beim Lesen einiger Gedichtzeilen ergriffen hat. Es sind die Gedichtzeilen von Friedrich Rückert (1788–1866), die er in seinem Schulbuch aufschlägt, die ihn finden und treffen:

»Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit

klingt ein Lied mir immerdar,

ach, wie liegt so weit, ach wie liegt so weit,

was mein einst war ...«

Bei diesen Zeilen ergreift ihn eine »hinreißende Sehnsucht«, die die »schmerzvolle, gleichsam totale Erinnerung des unergründlichen Gelebt-Habens« in ihm aufruft. In der Seele steigt ein Ahnen auf von einer unendlichen Fülle, die ihm einmal gegeben war, aber jetzt verloren ist. Die »Seligkeit des mir Unerreichbaren« droht ihm das Herz zu brechen.8

Nüchterner und mit dem ihm eigenen Humor berichtet der Philosoph Ernst Bloch (1885–1977) vom Auftauchen seines Ich-Erlebens. Auf einer Bank im Wald fährt es in ihn: »... und ich spürte ›mich‹ als den, der sich spürte ..., von dem man nie mehr loskommt, so schrecklich wie wunderbar, der ewig in der eigenen Bude ... sitzt. Den man immer vorrätig hat, ... und der zuletzt einsam stirbt.«9

Ich kann mir nicht entkommen, bin mir wie ausgeliefert – das ist die Nuance, die hier bei Ernst Bloch auftritt, ähnlich dem Jugendlichen, der auf einen Zettel schreibt, den er sich an den Spiegel klebt: »Heute bekommst du es wieder mit mir zu tun!« Als letztes Zeugnis zum Ich-Erwachen im neunten bis zehnten Lebensjahr seien Erinnerungen des Dirigenten Bruno Walter (1876–1962) erwähnt. Über die schon bei den bisherigen Schilderungen beschriebenen Elemente der Sehnsucht und der Einsamkeit hinaus, spricht er von einem inneren »Anruf«, der ihm als ein Unbekanntes, Mächtiges ans Herz griff. Er ist allein in der Schule und betritt den großen Hof, der ihm ohne spielende und tobende Kinder doppelt leer und verlassen erscheint. Er ist überwältigt von dieser Stille, lauscht dem leichten Wind und fühlt, wie ihm »aus der Einsamkeit ein Unbekanntes, Mächtiges ans Herz greift«. Er versteht diese neue Erfahrung als eine erste ahnende Empfindung, »dass ich ein Ich war, mein erstes Aufdämmern, dass ich eine Seele hatte und dass sie von irgendwo her – angerufen wurde«.10

Es ist der Ruf aus der Zukunft, einer unbekannten, aber mächtig wirkenden Zukunft. Das ältere Kind tritt in die Spannung ein, die zwischen dem »Nicht-mehr« und dem »Noch-nicht« besteht. Das »Paradies« der Kindheit ist endgültig verloren, das Tor zurück ist verschlossen. Sehnsuchtsvoll wird die Zukunft erwartet. Ein Zehnjähriger bringt es auf die knappe Formel: »Ich bin zu Hause, aber ich habe immer Heimweh.«

Heimweh nach der Zukunft! Das Kind sucht den Leitstern seiner eigenen Biografie. Das innere Gespräch mit dem eigenen höheren Ich beginnt. Das Verhältnis zum Erwachsenen ändert sich – und damit dessen Aufgabe: Kann er als Gegenüber zur Brücke werden, über die das suchende Kind zu sich selbst gelangen kann?

Über diesen etwa drei Jahren vor den Stürmen der Pubertät liegt noch die Ruhe einer keimhaften Selbst-Entwicklung. Körper- und Seelengleichgewicht schenken dem Menschen eine Vorahnung dessen, was er einmal werden kann und will. Der innere Dialog mit der eigenen Zukunft ist Hoffnung und Aufforderung zugleich. Die Stimme des höheren Ich zwingt nicht, ist aber unabweisbar. Sie ist Licht auf dem Weg in einen neuen Entwicklungsraum. Die Sehnsucht nach dem Grund des Lebens erwacht und wird den Menschen von nun an nicht mehr verlassen. Und er bedarf des Erwachsenen, der das Kind führt – nicht zu sich hin, sondern über sich hinaus!

ENTWICKLUNG DURCH BEGEGNUNG

Alle Entwicklung im Menschen geschieht durch Begegnung und Teilhabe. Besonders das Kind braucht die Wahrnehmung des anderen Menschen als Partner, in dem sich das eigene dumpfe Ich-Gefühl durch das Ich des Erwachsenen erweitert. Es ist auf Dialog angewiesen. Das Ich des anderen Menschen spiegelt das eigene Ich als Potenz, als Zukunft. Es wirkt als Lebenswirklichkeit, durch die der Mensch zu seinem eigenen wahren Ich-Wesen ahnend aufwacht.

Auch die Sprache wird als Medium neu erlebt, Erfahrungen werden geschildert und werfen Fragen nach Verarbeitung auf: Warum war das so? Das Kind, getragen von der Sprache, in der es aufgewachsen ist, findet zum bewussten Sprechen. Gleichzeitig vertieft sich das Hören zu einer neuen Haltung. Es werden die Intentionen des anderen ertastet und durchleuchtet: Ist der andere ehrlich, meint er es gut, erlebe ich von ihm Respekt?

Die Suche nach einer neuen Identität kann sich in jedem Fall nur am wahrnehmenden, sprechenden und agierenden Gegenüber entfalten. Das Kind braucht den Erwachsenen wie eine Brücke. Denn die Urverbundenheit des Kleinkindes mit der Welt (»Vater bin ich, Mutter bin ich, Sonne bin ich, alles bin ich« – so ein etwa vierjähriges Kind) ist verschwunden wie ein Regenbogen. Jetzt ist das Kind darauf angewiesen, die Welt zunächst als Inhalt des Lebens des Erziehers kennenzulernen. In dessen Verantwortung liegt es, ob das Kind später durch ihn zum guten Gebrauch der eigenen Freiheit finden kann. Indem der Erwachsene für sich selber nach dem Sinn seines Lebens sucht, zündet er ein Licht an. Dieses Licht kann dem älteren Kind ein Spiegel werden. Indem es das Licht des Erwachsenen erlebt, erwächst in ihm Lebensmut.

STUFEN DER GEWISSENSBILDUNG

Die Vorstufe zum eigenen Handeln ist die Einfühlung, die Empathie. Das Kind will – sich damit identifizierend – hingebungsvoll in den anderen eintauchen und miterleben, »wie Handeln geht«. Es erlebt menschliches Handeln mit, um es daran selber zu lernen. Doch das geht keineswegs reibungslos. Denn um das zehnte Lebensjahr beginnt eine Krise. Das Kind erfährt sein Willensleben neu: als »Nacht«, als Labyrinth, als hinter einer verschlossenen Tür, für das Bewusstsein unzugänglich.

In dieser Phase braucht das Kind Leitbilder, die Wirklichkeit eines anderen sprechenden und handelnden Ich, um dem »dunklen Grund« etwas entgegenzusetzen. Das Kind sucht im anderen Ich Quellen des Handelns, aus denen heraus es selber sein Verhalten mehr und mehr lenken kann. Darin liegt der hohe Auftrag und die Würde der Erziehung. Denn der Begegnungsraum zwischen Kind und Erwachsenem kann Zukunft vorbereiten und eröffnen. In den Jahren ab dem 9. Lebensjahr möchte der Stern des Kindes neu aufleuchten, bevor er zumeist in den Jahren der Pubertät noch einmal verschwindet. Das Gewissen als Zukunftspfand wird in diesen Jahren veranlagt.

Dieses Kapitel sei abgerundet mit Auszügen aus einem Brief, den der Arzt Hans-Müller Wiedemann aus der Seele des Kindes in der Mitte der Kindheit intuitiv an die Erwachsenen schreibt, »von Herz zu Herz«:

»Erzieht mich nicht nach dem Muster, nach dem euch eure Eltern erzogen haben. Denn ich bin anders, als ihr damals gewesen seid ... Ich möchte verstehen lernen, wie ein Mensch dem anderen helfen kann, und was einer dem anderen bedeutet. Denn ich ahne jetzt, dass der Mensch einsam sein kann ... Ich ahne, dass es hinter dem Fühlbaren und Sichtbaren meines Leibes ... noch etwas gibt, was ich auch bin und fühlen möchte. Ich hoffe, dass ihr von dort her zu mir sprechen lernt, wo der unsichtbare Mensch seine Heimat hat und wo sein Stern leuchtet ... Macht euch kein Bild von mir, aber habt Vertrauen in mich ...

... sucht den Sinn eures Lebens. Dieses Licht in euch wird wie ein Spiegel sein. Ich kann darin euren Sinn in meinen Mut verwandelt sehen ...

Die Welt ist nicht immer schön, aber sie ist wichtig für mich. Auch jede menschliche Beziehung in ihr ist wichtig ...«11

Diese Zeilen sind der Versuch einer Annäherung an das, was in der Seele des heranwachsenden Kindes lebt, das das Herz in sich entdeckt. Er könnte auch unterschrieben sein: Natascha Kampusch.

2RELIGION IM ICH
DIE INNERE KRAFT VON NATASCHA KAMPUSCH

Am 2. März 1998 wurde Natascha Kampusch als zehnjähriges Mädchen entführt. Sie hatte sich vorgenommen, dass dieser Tag der erste Tag eines neuen Lebens sein sollte. Auf dem Weg zur Schule wird sie von einem Mann in einem weißen Lieferwagen entführt. In einem Verlies unter einem gewöhnlichen Einfamilienhaus hält er sie achteinhalb Jahre gefangen. Nach und nach gestattet er ihr »Ausflüge«, bis sie in einem unbewachten Moment fliehen kann.12

IM RINGEN UM DIE INNERE FREIHEIT

Wie hat dieses Mädchen das ausgehalten, ohne zu zerbrechen? Wie hat sie den Täter in Schach gehalten, der zugleich über acht Jahre lang ihre einzige Bezugsperson war? Wie hat sie es geschafft, an ihrem Plan: »Mit 18 will ich frei sein!« festzuhalten und ihn gegen alle Widerstände zu realisieren? Ihr ungebrochenes Überleben ist umso bewundernswerter, als sie sich selber als unsicheres Mädchen schildert, das eine schwierige Kindheit hatte, im Wechselbad von Aufmerksamkeit und Vernachlässigung. Ihr starker Kern zeigt sich aber schon früh in dem Willen, zu lernen, Schwierigkeiten allein zu meistern.

Mit zehn Jahren sehnte sich Natascha Kampusch schon nach der Vollendung ihres 18. Lebensjahres, denn dann würde sie ausziehen und endlich selbstbestimmt leben können. Dieser Wille zur Zukunft, der Zeitbogen hin zum 18. Lebensjahr bildet die entscheidende Kraft, aus der Natascha Kampusch sich aufrechtgehalten hat. Sie hat aus der Zukunft überlebt!

Einige Wochen vor ihrer Entführung hatte sie durchgesetzt, allein zur Schule gehen zu dürfen. Sie wollte das, um ihre Angst selbst zu besiegen, von innen heraus stark zu werden. Die Entführungssituation zeigt dieses Ringen: Als sie den weißen Lieferwagen sieht, schrillen in ihr die Alarmglocken. Hat sie auf irgendeine Weise gewusst, was sie erwartet? Sie entschließt sich, nicht auf die andere Straßenseite zu wechseln, sondern an dem Unbekannten vorbeizugehen – als Mutprobe. Als sie ihm näher kommt, schwindet ihre Angst! Er strahlt etwas Schutzbedürftiges aus, verloren und sehr zerbrechlich ... In dieser Erstbegegnung blickt sie tief in die Psyche des kranken Täters. Er wirkt schutzbedürftig, verloren, schwach. Hier zeigen sich bei Natascha schon zwei dem menschlichen Ich zugehörige Stärken: Mut und Empathie.

In den Jahren zuvor waren in den Medien verschiedene Fälle von Entführungen, von Missbrauch an Kindern bekannt geworden, die auch in der Schule besprochen wurden. Psychologen hatten geraten, sich gegen Übergriffe nicht zu wehren, um nicht das eigene Leben aufs Spiel zu setzen. Natascha hielt sich daran. Der Täter befahl ihr, ruhig zu sein, doch Natascha setzte sich über seine Anweisung hinweg und fragte ihn – nach seiner Schuhgröße! Man müsse den Täter genau beschreiben können, hatte sie gelernt. Offenbar hat sie den ersten Schock zurückdrängen können, indem sie ihre ganze Aufmerksamkeit in die Sinneswahrnehmung schickte.

In ihrem Gefängnis angekommen, fragt sie offen: »Werde ich jetzt missbraucht?«, und erhält die Antwort: »Dazu bist du viel zu jung, das würde ich nie tun.« Der Missbrauch durch den Täter ist sublimer. Er ist auf die Wahnidee verfallen, sich mit absoluter Macht die Nähe eines Menschen zu erzwingen, sich eine Sklavin heranzuziehen.

Auf dem kalten, nackten Boden ihres Verlieses findet sich Natascha in absoluter Dunkelheit. Als der Täter mit einer Glühbirne zurückkommt, geschieht in ihr etwas, ohne das sie wohl nicht überlebt hätte: »Ich akzeptierte, was passiert war.« Ihre Panik weicht einem gewissen Pragmatismus. Sie fügt sich, passt sich äußerlich an. Sie hat diese Form der Anpassung an die gegebenen Verhältnisse später eine Regression in ihre Kindheit genannt, durch die sie sich geschützt habe. Dadurch bewahrte sie sich einen inneren Raum, in dem Widerstands- und Durchhaltekraft wachsen konnten.

Der Täter übt einen sublimen Terror aus. Auf der einen Seite erfüllt er ihr nach und nach viele äußere Wünsche (Videogerät, Radio, Bücher ...), andererseits foltert er sie durch quälende Helligkeit in den Nächten, Reizentzug zu anderen Zeiten, Hungerfolter, Beschallung. Von körperlichen Misshandlungen, die im Laufe der Jahre zunehmen, kann sie sich nur durch minutiöses Aufschreiben einigermaßen distanzieren: Sinneswahrnehmung und Leiblichkeit als primäres »Zuhause«, als Grundlagen der Identität werden vom Täter attackiert. Er versucht nach und nach, ihr diese Identität zu nehmen.

Er verlangt, dass sie sich einen neuen Namen sucht: Natascha wählt »Bibiana«. Sie darf nicht mehr von ihrer Lebensgeschichte, der Zeit vor der Entführung sprechen. Er will sich einen Menschen »züchten nach seinem Bild«. Ihr eigenes Bild verweigert er ihr: Sie bekommt keinen Spiegel, sie soll sich vergessen. Hinter seiner Fassade ist der Täter so schwach, dass er ihr verbietet, ihm frontal ins Gesicht zu sehen!

Als Natascha nach sechs Monaten zum ersten Mal ihr Verlies für kurze Zeit verlassen darf, wird ihr schmerzlich bewusst, wie perfekt und praktisch unauffindbar das Versteck ist. Das fällt ihr schwer auf die Seele. Sie realisiert, dass sie auf äußere Befreiung nicht rechnen kann.

Vom ersten Tag der Entführung an lebt sie weiter auf das entscheidende Datum hin: ihren 18. Geburtstag. Um ihre Identität zu bewahren und zu stärken, versucht sie, ganz bewusst in der Zeit zu leben, sie putzt und pflegt und verschönert ihren »Kokon«. Sie begibt sich in Form von »Zeitreisen« in den Laden der Großmutter, baut sich an glücklichen Erinnerungen wieder auf, entdeckt ein inneres Reich, das ihr niemand nehmen kann. In diesem Reich erblüht für sie das Wunder der Sprache neu: »Es waren Worte, die mich damals retteten.« (S. 87)13 Sie verwebt Worte ineinander, schreibt sich selbst lange Briefe und kleine Geschichten, macht sich selber Mut:

»Nicht unterkriegen lassen, wenn er sagt, du bist zu blöd für alles.

Nicht unterkriegen lassen, wenn er dich schlägt.

Nichts drauf geben, wenn er sagt, du bist unfähig.

Nichts drauf geben, wenn er sagt, du kannst ohne ihn nicht leben.

Nicht reagieren, wenn er dir das Licht abdreht.« (S. 232)

In äußerster Abhängigkeit erringt sie sich eine bewundernswerte Unabhängigkeit und Widerstandskraft. Das Erstaunlichste aber in ihrem Verhalten ist, dass sie die Gefahr des Hasses von Anfang an durchschaut, nämlich, dass der Hass auch den Hassenden allmählich auffrisst und vernichtet. In einem Buch von Michel del Castillo (geb. 1933) findet sich ein weisheitsvoller Ratschlag an den Jungen Tanguy:

»Nein, Tanguy, du darfst nicht hassen! Der Hass ist eine traurige Krankheit. Weil du viel gelitten hast, musst du viel verstehen und alles verzeihen. Überlasse den Hass jenen, die zu schwach sind, um lieben zu können.«14

Anstatt Hass zu entwickeln, erwachen in ihr der Wille und die Kraft zu verzeihen. Sie versucht, den Täter als Menschen zu sehen, der nicht von Grund auf böse ist, sondern es erst im Laufe seines Lebens wird. Dies ist keine Relativierung oder gar Entschuldigung des Täters, aber es hilft Natascha, ihm zu verzeihen und dadurch sich selber immer wieder von den Misshandlungen zu befreien. »Ich habe ihm die Entführung verziehen und jedes einzelne Mal, wenn er mich schlug und misshandelte. Dieser Akt des Verzeihens gab mir Macht über das Erlebte zurück und ermöglichte mir, damit zu leben.« (S. 184)

Instinktiv spürt sie, dass sie sonst zugrunde gegangen wäre. »Ich wäre auf eine Weise ausgelöscht worden, die viel schwerer gewogen hätte als die Aufgabe meiner alten Identität, meiner Vergangenheit.« Durch das Verzeihen – nicht durch den Hass – kann sie sich innerlich befreien; das Böse, das ihr zugefügt wird, kann sie nicht mehr erniedrigen und zerstören.

Sie hat nicht sympathisiert und kooperiert, sie hat aus innerer Stärke hinter der Fassade der Unterdrückung und des Terrors den Menschen gesucht.

»Stärker sein.

Nicht aufgeben.

Niemals, niemals aufgeben.« (S. 232)

Wo ist die Quelle dieser inneren Stärke? Wir stehen vor einem großen Rätsel, ja vor einem Geheimnis, das Natascha Kampusch nur an wenigen Stellen andeutet: Sie lebt in einem inneren Dialog mit dem, was sie ihr »zweites Ich« nennt.

VERTRAG MIT DEM ZWEITEN ICH

Indem Natascha Kampusch ins Jugendalter kommt, tritt eine neue Dimension in ihr Leben. In jedem Jugendlichen lebt der gesunde Impuls, die Jahre der Kindheit, die selbstverständliche Verbundenheit mit der Welt, in die man hineingeboren wurde, zurückzudrängen, um für das Eigene, das noch nicht da ist, einen Werde-Raum zu schaffen. So empfindet Natascha erstaunlicherweise, dass ihr die totale Freiheitsberaubung zugleich innere Freiräume eröffnet! »Im Schatten dieser Macht, die mir alles vorschrieb, konnte ich paradoxerweise zum ersten Mal in meinem Leben ich selbst sein.« (S. 147)

Doch zugleich vertiefen sich Angst und Einsamkeit, besonders an den Wochenenden, an denen sie immer allein ist. Sie wacht nachts schweißgebadet auf und ringt in der Dunkelheit darum, innerlich nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Ihr kommt die Idee, sich selbst als die erwachsene Natascha und ihre eigene Zukunft als ermutigendes Gegenüber vorzustellen. Sie sieht ihr Leben vor sich wie einen leuchtenden Zeitstrahl, der weit in die Zukunft reicht, sie sieht ihr eigenes 18-jähriges Ich, groß und stark, selbstbewusst und unabhängig!

In diesem inneren Erlebnis kommt ihr verborgenes Ich ihr entgegen, sie gehen aufeinander zu, in der Mitte reichen sie sich die Hand! Sie fühlt die warme Berührung, fühlt, »wie sich die Kraft meines großen Ich auf das kleine übertrug«. (S. 172)

Die bewegende Nachtszene in völliger Dunkelheit und Einsamkeit schenkt Natascha große Zuversicht. Das höhere Selbst, das in jedem Menschen schlummert, erwacht in ihr. Dies ist weder eine subjektive Einbildung noch ein starres Über-Ich, das herrscht, sondern ein Partner in Freiheit. Aus dieser lebendigen, immer neuen Beziehung erfährt sie Stärkung. »In dieser Nacht schloss ich einen Vertrag mit meinem eigenen, späteren Ich. Ich habe mein Wort gehalten.« (S. 172)

Dennoch gelingt ihr die Flucht zunächst nicht! Bei mehreren »Ausflügen«, unter anderem in einen Baumarkt, und sogar bei einer zufälligen Polizeikontrolle (!) ist sie wie gelähmt. Ihr wird klar, dass sie von außen keine Hilfe bekommt und dass sie sich nur allein befreien kann. Als sie 17 wird, spitzt sich die Situation zu, es kommt sogar zu Selbstmordversuchen. Der Kontakt zu ihrem höheren Wesen droht abzureißen. Sie spürt, dass ihre Kraft schwindet und sie immer tiefer in die paranoide Welt des Täters hineinrutscht. Es kommen ihr Zweifel: Wie soll ihr kleines, verzagtes Ich zu dem starken Ich werden, das sie aus diesem Gefängnis befreien wird?

Sie berichtet, dass ihr in dieser Situation nur die Selbstgespräche mit dem zweiten Ich (S. 231) geholfen haben. Dieser Ausdruck zeigt die ganze Paradoxie ihrer Situation: Es sind Selbst-Gespräche, aber das Selbst spannt sich zwischen dem kleinen, gewöhnlichen Ich und dem zweiten, starken, zuversichtlichen Ich. Natascha Kampusch kann sich in dieser Spannung halten und wird durch sie gehalten.

Eines Morgens bleibt ihr aus der Nacht ein vages Gefühl, dem sie erstaunt nachsinnt. Aus dem Schlaf bringt sie tiefe Entschlossenheit mit. Sie ist inzwischen 18 Jahre, fühlt sich stark und selbstbewusst. »Ich war nun erwachsen, mein zweites Ich hielt mich fest in der Hand.« (S. 249)

Aber es kommen neue Krisen, Phasen der Verzweiflung, verpasste Gelegenheiten ... Die Beziehung zum Täter spitzt sich zu. Er spürt, dass sie sich ihm mehr und mehr entzieht. In einem letzten Versuch, seine absolute Macht zu beweisen, befiehlt er ihr, einen schwarzen Farbeimer rot zu nennen. Als sie sich weigert, wird sie fast bewusstlos geschlagen.

Es ist sein letzter verzweifelter Versuch einer absoluten »Machtergreifung«. Er will nicht nur ihren Bewegungsraum, ihre Zeit, ihr Essverhalten, er will zuletzt ihr Bewusstsein kontrollieren und beherrschen. Wahrheit soll nicht sein, was sie durch Wahrnehmung und Denken schafft, sondern allein, was er ihr vorgibt. Schließlich konfrontiert sie ihn: er solle sie umbringen oder freilassen. Er spürt, dass er mit seinen Plänen gescheitert ist. Dann gelingt ihr doch noch die Befreiung! Bei der Gartenarbeit klingelt sein Handy, er lässt sich ablenken, zum ersten Mal seit dem Beginn der Gefangenschaft lässt er sie aus den Augen. In einem »übermenschlichen Gewaltakt«, angefeuert durch die Stimme ihres zweiten Ich, gelingt ihr die Flucht.

VERTRAUEN: EINE RELIGION IM ICH

Haben religiöse Aspekte in den Jahren der Gefangenschaft für Natascha Kampusch eine Rolle gespielt? Sie spricht wenig über dieses Thema, aber zwischen den Zeilen ist tiefes religiöses Vertrauen zu spüren. Vertrauen in eine Instanz, die übersinnlicher Natur ist, ein Wesen, das auf sie stärkend und ermutigend wirkt. Es kommt nicht darauf an, ob es zweites Ich, höheres Ich oder Genius genannt wird. Es sind dies alles Aspekte ein und desselben.

In ihrem Buch berichtet Natascha, noch sehr kindlich, von dem tiefen Trost eines Liedes, dessen Text sie direkt zu betreffen scheint, ein Gebet an die Muttergottes:

Es will das Licht des Tages scheiden;

nun bricht die stille Nacht herein.

Ach, könnte doch des Herzens Leiden

so wie der Tag vergangen sein!

Ich leg mein Flehen dir zu Füßen;

o, trag’s empor zu Gottes Thron,

und lass, Madonna, lass dich grüßen

mit des Gebetes frommem Ton:

Ave, ave Maria!

Es will das Licht des Glaubens scheiden;

nun bricht des Zweifels Nacht herein.

Das Gottvertraun der Jugendzeiten,

es soll uns abgestohlen sein.

Erhalt, Madonna, mir im Alter

des Glaubens frohe Zuversicht;

schütz meine Harfe, meinen Psalter;

du bist mein Heil, du bist mein Licht!

Ave, ave Maria!

Es will das Licht des Lebens scheiden;

nun bricht des Todes Nacht herein.

Die Seele will die Schwingen breiten;

es muss, es muss gestorben sein.

Madonna, ach, in deine Hände

leg ich mein letztes, heißes Flehn:

Erbitte mir ein gläubig Ende

und dann ein selig Auferstehn!

Ave, ave Maria!

Über die literarische Qualität dieses Liedes kann man sicher streiten, aber für das gefangene, einsame Kind war es ein höchster Segen. Oft können gerade Kinder durch das Äußere hindurch den wesentlichen Kern erfassen. So auch hier. Dieses Lied erschien Natascha geradezu für sie geschrieben. Sie bittet um ein »gläubig Ende« und ein »selig Auferstehen«.

Im Älterwerden findet Natascha eine Religion. Sie findet eine Religion im Ich. Sie erlebt die innere Spannung zwischen einem gewöhnlichen Ich und einem höheren, zweiten Ich. Entscheidend dabei ist die lebendige, treue Beziehung zu diesem Wesen – und der Mut, sich dieser Beziehung immer wieder neu zuzuwenden, sooft sie auch verloren scheint; sie lebt eine Religion im Ich.

Natascha Kampusch offenbart sich als ausgesprochen starke Persönlichkeit. Die Gefangenschaft ohne Aussicht auf Rettung und die ständige Bedrohung, der sie ausgesetzt ist, nimmt sie als Herausforderung an. Ihr Überlebenswille mündet in die Kraft, die Jahre ihrer Gefangenschaft als zu ihr gehörig anzunehmen. Sie lehnt nach ihrer Befreiung einen neuen Namen ab. Sie ist und bleibt Natascha Kampusch. »Ich bin Natascha Kampusch, ich wurde am 02.03.1998 entführt, und ich habe mich am 26.08.2006 selbst befreit.«

Natascha Kampuschs Lebenswille verdient unsere Bewunderung und Hochachtung. Ihr einsames Ringen um eine selbstbestimmte Zukunft ist die starke Treue zu dem, was wir unser höheres Selbst, den »Geist in unserem Herzen« nennen können.

»Strahlender als die Sonne

Reiner als der Schnee

Feiner als der Äther

Ist das Selbst,

der Geist in meinem Herzen

Dies Selbst bin Ich

Ich bin dies Selbst.«

Rudolf Steiner15

3DIE FREIE KRAFT IM MENSCHEN

Zu den Phänomenen unserer Zeit, welche die menschliche Biografie gestalten, gehört die Tatsache, dass im Berufsleben der Menschen ein Punkt kommt, an dem die Frage nach dem Sinn der eigenen Arbeit laut wird. Viele Menschen steigen an diesem Punkt um und suchen ein Arbeitsfeld, das über den Verdienst des Lebensunterhaltes hinaus eine innere Befriedigung schenkt und für das menschliche Umfeld und die Umwelt von Bedeutung ist. Wo es dem Menschen nicht gelingt, seinem Lebensstil in Familie und Beruf eine Sinngebung wie einen goldenen Faden einzuwirken, drohen die Kräfte zu versiegen. Viele Menschen, gerade diejenigen, die sich in der Welt sozial engagieren, in den Schulen, in der Entwicklungshilfe und wo auch immer, fühlen sich plötzlich ausgebrannt, d. h. ganz ohne Kraft. Durch diese Erfahrung gehen heute viele Menschen früher oder später, sodass sie den Eindruck haben: Ihre Existenz ist wie an ein Ende gekommen, und eigentlich müssten sie jetzt ganz neu beginnen. Aber woher die Möglichkeit und die Kraft nehmen, die freie Kraft aus dem Inneren des Menschen?16

DAS SCHWERT: BILD DES ICH

Alle Krisen wirken sich in der Seele, in den Lebenskräften, in Gesundheit und Krankheit aus, aber sie hängen zusammen mit dem, was ich »das Drama des menschlichen Ich« nennen möchte. Nicht Tragödie, sondern das Drama des menschlichen Ich. Wie kann man dieses Drama des menschlichen Ich anschauen? Die heutigen Wissenschaftler stehen eigentlich vor der großen Frage: Entspricht dem Wort »Ich« überhaupt etwas? Man kann es nicht anfassen, man kann es nicht messen. Ist es überhaupt wirklich?

Um die Frage nach dem menschlichen Ich und seine Entwicklung verstehen und beantworten zu können, möchte ich ein Bild verwenden, das für das menschliche Ich stehen kann – es findet sich auch im Neuen Testament: das Bild des Schwertes. Das Schwert ist ein Bild für das menschliche Ich, für die Ich-Kraft. Man muss sich nur einmal vergegenwärtigen, was es mit dem ganzen Menschen macht, wenn er ein Schwert ergreift und es führen will. Bis in seinen Leib vollzieht sich dabei eine Straffung, eine Konzentration; Wachheit ist gefordert. Wer ein Schwert führen will, muss diese Kräfte entwickeln.

In der Apokalypse des Johannes wird von dem Menschensohn gesagt, dass ein scharfes, zweischneidiges Schwert aus seinem Mund hervorgehe. Das knüpft an Jesaja an, der den Gottesknecht schildert: begabt mit der Kraft des Richtspruches, mit dem Wort, das aus seinem Munde hervorgeht und Entscheidung bewirkt. Die Kraft der Entscheidung, die innere Wachheit, das Kämpferische – all das kann uns am Bild dessen, der das Schwert gebraucht, deutlich werden.

Es gibt zu dem Schwert ein eindrückliches Bild aus der germanischen Mythologie: die Siegfried-Sage. Darin wird von einem Schwert erzählt, das einen wunderbaren Ursprung hat. Der nordische Seher schaut die ganze Schöpfung der Welt als in einem Baum zusammengefasst: die Weltenesche. Sie ragt in den Himmel und ist tief verbunden mit der Erde. Odin, einer der Götter, die den Menschen mit dem Ich begabt haben, stößt ein Schwert in die Weltenesche. So heißt sie dann die »Esche Yggdrasil«, das heißt übersetzt »Ich-Träger«, ein Name, der auch für den Menschen zutreffend ist. Der Mensch selbst erscheint im Bild der Esche Yggdrasil. Odin bestimmt, dieses Schwert solle dem gehören, der die Kraft hat, es herauszuziehen.


Federzeichnung der Weltenesche von Franz Stassen (1869–1949).

In der Sage gelingt es Sigmund, das Schwert herauszuziehen, aber es wird ihm später zerbrechen. Es ist sein Sohn Siegfried, der das Schwert wiederherstellen wird, denn er erfüllt die Prophezeiung, indem er keine Furcht kennt.

DAS SCHWERT NEU SCHAFFEN

Siegfried kommt auf eine geniale Idee. Er ergreift die Reste des Schwertes und raspelt sie in einzelne kleine Stücke, löst das Schwert auf und schmilzt es dann auf einem Ofen, über einem Feuer, das von Scheiten der Esche genährt wird. Die Esche, Bild für die Ich-Kraft des Menschen, wird genommen, um das Feuer zu schüren. Siegfried schmilzt die Teile des Schwertes und gießt sich daraus eine neue Waffe, schafft aus dem alten ein neues Schwert. Mit diesem Schwert kann er dann den Drachen besiegen.

»Dem sterbenden Vater

zersprang der Stahl;

der lebende Sohn

schuf ihn neu«

heißt es bei Wagner. Ein wunderbares Bild!

Wie aus einer ersten Schöpfung heraus wird der Mensch mit der Ich-Kraft begabt, aber sie zerbricht. Der Mensch scheitert, erlebt, dass er scheitert, dass er nicht das tun kann, was er eigentlich will, dass er an Grenzen gerät. Siegfried schmilzt das ein und schafft es aufs Neue. Ein Umschmelzungsprozess, ermöglicht durch die Kräfte des normalen, des gewöhnlichen Ich, die da geopfert werden, um die Wärme zu schaffen, die notwendig ist, um das neue Schwert herstellen zu können. Das Bild für das menschliche Ich – gegeben, zerbrochen, neu geschaffen aus der Kraft des Feuers, wir können auch sagen: aus der Kraft des Herzens.

In dieser Sage wird vornehmlich auf den Aspekt des Ich in seiner Beziehung zum Willen geblickt. Die Ich-Begabung steht als ein Geschenk der Götter vor uns. Wie aus einer ersten Schöpfung heraus wird der Mensch mit der Ich-Kraft, im Bild des Schwertes begabt. Dieses Schwert ist zweischneidig, geeignet zum Segen und zum Fluch. Der Mensch scheitert, erlebt, dass er scheitert, dass er nicht das tun kann, was er eigentlich will, dass er an Grenzen kommt. So fügt die Ich-Kraft der Welt zunächst tiefe Wunden zu, und nur dieselbe Kraft kann und muss diese Wunden heilen.17 Dazwischen liegt der Weg der Läuterung, der im Bild des Umschmelzens des Schwertes erscheint, eine Verwandlung im Ich.

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9783825160050
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