Kitabı oku: «Mords-Brocken»

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MORDS-Brocken

Der zwölfte Fall für Peter Kleinlein

Von Günther Dümler


Impressum

Texte: © Copyright by Günther Dümler

Umschlag: © Copyright by Günther Dümler

Verlag: Günther Dümler

Nürnberg

g.l.duemler@t-online.de

Druck: epubli - ein Service der neopubli GmbH,

Berlin

Mords-Brocken

Kaum dass es richtig angefangen hat, scheint sich das neue Jahr für die Kleinleins zu einem wahren Seuchenjahr zu entwickeln. Hat es noch sehr erfreulich mit der Geburt eines weiteren Enkelkindes begonnen, so wartet es bereits unmittelbar danach mit den ersten Schwierigkeiten auf. Die aufkommende Coronakrise verhindert sowohl einen Besuch beim neuen Nachwuchs als auch den geplanten Italienurlaub. Doch auch der Alltag in Röthenbach entwickelt sich zunehmend kritisch angesichts von Hamsterkäufen und aufkommender Spannung unter der Bevölkerung.

Das ohnehin angespannte Klima wird durch die Nachricht über einen schrecklichen Unfall in unmittelbarer Nähe Röthenbachs noch zusätzlich verschärft. Ein Berufspendler fand den toten Bürgermeister Holzapfel direkt am Fuße eines Erdrutsches, ausgelöst durch den Orkan Sabine. Ein herabstürzender Felsbrocken hatte seinen Schädel buchstäblich zerschmettert. Doch war es überhaupt ein Unfall oder hat jemand nachgeholfen?

Wie schon so oft sind Kommissar Schindler und der Röthenbacher Hobbydetektiv Peter Kleinlein unterschiedlicher Meinung.

Inhaltsverzeichnis

Mords-Brocken

Inhaltsverzeichnis

Weitere Bücher aus der Rödnbach-Reihe:

Vorwort

Handelnde Personen

Eine schwere Geburt

Spekulanten unter sich

Eine virtuelle Familie

Der Feind rückt näher

Röthenbach steuert kopflos in die Krise

Zeit ist ein kostbares Gut

Ein Unfall und andere Fälle

Wahltag

Maskerade

Der Schlaf des Gerechten

Die Messer sind gewetzt

Schindlers Schicksal

Holzapfels Witwe

Eine undankbare Aufgabe

Ofenfrisch aus der (Gerüchte-)Küche

Die Sache mit dem Sack

Peter hält sich bedeckt

Heiße (Nachrichten)Theke

Jung, blond, gewissenlos

Gedankenspiele

Auf ein Wort, Herr Schindler

Schindlers Osterbeichte

Chronologische Entwicklung Corona-Pandemie

Kleine fränkische Nachhilfestunde

Weitere Bücher aus der Rödnbach-Reihe:

Mords-Kerwa (Juli 2012)

Mords-Wut (Dezember 2012)

Mords-Urlaub (Mai 2013)

Mords-Schuss (August 2013)

Mords-Kerle (November 2013)

Mords-Krach (März 2014)

Mords-Brand (August 2014)

Mords-Fasching (Februar 2015)

Mords-Therapie (Januar 2016)

Mords- Zirkus (Februar 2017)

Mords-Zinken (Mai 2018)


Erstfassung Juni 2020

Alle Rechte vorbehalten

Vorwort

Dies ist die zwölfte Folge der Dorfkrimireihe um den unfreiwilligen Hobbydetektiv Peter Kleinlein. Dass es jemals dazu kommen würde haben weder der Autor, noch der Hauptprotagonist jemals zu träumen gewagt. Der Peter ist von Anfang an immer nur mehr oder weniger versehentlich in die vertrackten Fälle hineingerutscht. Eigentlich ist er ja nur ein Rentner mit viel zu viel Zeit und viel zu wenig Ideen, was er damit anfangen könnte. Und so ist er, wenn er ehrlich ist, schon ein bisschen dankbar für jede Denksportaufgabe, die ihm die Ereignisse und der stets etwas zu voreilige Hauptkommissar Schindler geradezu auf dem Silbertablett servieren.

Die folgende Geschichte ist völlig frei erfunden. Gerne hätte ich, wie allgemein üblich, auch noch ergänzt: einen Bezug zur Realität gibt es nicht. Doch der unübersehbare Bezug zur Coronakrise ist im Jahr 2020 leider traurige Realität. Die kriminellen Aspekte des Geschehens hingegen sind 100% reine Fiktion und haben niemals stattgefunden. Ähnlichkeiten jeglicher Art mit wahren Begebenheiten und real lebenden Personen sind rein zufällig und keinesfalls beabsichtigt.

Der folgende Fall handelt im Umfeld der verheerenden Corona-Pandemie, die im Januar 2020 in China ihren Anfang nahm. Zunächst ist das Problem für die Röthenbacher sowohl räumlich als auch in ihrem Bewusstsein ein weit entferntes Ereignis, das man nur in den täglichen Nachrichten verfolgt. Bald aber erreicht die verheerende Seuche Europa und macht auch vor der Heimat unserer Protagonisten nicht Halt. Peter Kleinleins Ermittlungen geraten wegen der zu erwartenden Ausgangsbeschränkungen schon bald unter enormen Zeitdruck.

Handelnde Personen

Die Rödnbacher Freunde


Peter Kleinlein Rödnbacher, Hobbydetektiv
Marga Kleinlein seine stets besorgte Ehefrau
Simon Bräunlein Metzgermeister aus Rödnbach, Hersteller der 1A preisgekrönten Bratwurst
Gisela Bräunlein seine (im Sinne des Geschäfts) bessere Hälfte, das Gehirn des Betriebes
Lothar Schwarm Friseurmeister aus Rödnbach, sehr sensibel, äußerst gepflegte Erscheinung
Maria Cäcilie Schwarm Kosmetikerin aus der Oberpfalz, mittlerweile Lothars Ehefrau

Die Ermittler


Erwin Schindler Kriminalhauptkommissar
Heinz Havranek Kriminalobermeister
Roland Preißler Dezernatsleiter

Weitere Beteiligte


H. H. Pfarrer Ludwig Stiegler Gemeindepfarrer von St. Leonhard in Röthenbach
Helmut Holzapfel Ein fast kopfloser Bürgermeister
Karin Holzapfel Witwe
Erika Siebenkäs Teilzeit-Gemeindesekretärin
Tobias Kanzler neuer Stern am Röthenbacher Politikhimmel
Karl Bernreuther Wirt des Goldenen Adler
Manuel Grimm Gemeinderat, Waldbesitzer
Berthold Schedl Feuerwehrkommandant
Rudolf Weidinger ehemaliger Gemeinderat, im Ruhestand
Michael Leutzmann Wildpinkler und Entdecker
Margarethe Beckgenannt Beggn Gredl Führendes Mitglied der Hundsweiber und unerschöpfliche Gerüchtequelle
Frau Zängerlein Ältere Dame mit festen Moralvorstellungen
Frau Sebald Grüne Witwe, Rechtsanwaltsgattin

Eine schwere Geburt

Einen Unfall hatte es gegeben und erneut hatte es die Heidi, die Tochter der Kleinleins betroffen. Doch im Gegensatz zu ihrem Sturz vor zwei Jahren handelte es sich diesmal nicht um ein gebrochenes Schlüsselbein. Sie trug diesmal überhaupt keinen Schaden davon, so wie damals, als sie beim Aufhängen der frisch gewaschenen Vorhänge von der Leiter fiel und in der Folge der 12-jährige Basti notgedrungen einige Wochen bei den Kleinleins verbrachte. Schuld war seinerzeit Bastis bester Freund, ein ausgewachsener Mischlingsrüde namens Jennerwein, ein schlimmer Vorwurf, den der Basti natürlich vehement bestritt, wie es Freunde eben für einander tun. In Ausübung seiner hoheitlichen Aufgaben innerhalb seines heimisches Reviers und in der Nachfolge seines Namenspatrons, des gleichnamigen bayerischen Volkshelden und Wilderers, hatte er die impertinente Nachbarskatze ohne Rücksicht auf etwaige im Weg befindliche Hindernisse verfolgt und im Verlauf dieser Hetzjagd unglücklicherweise die Haushaltsleiter mitsamt der Hausherrin zu Fall gebracht.

Nichts dergleichen war diesmal geschehen. Niemand hatte sich verletzt. Genau genommen handelte es sich gar nicht um einen Unfall im eigentlichen Sinn, sondern schon eher um ein ungeplantes Ereignis, eines von der Sorte, das man allenfalls lachend und augenzwinkernd zur Kenntnis nahm. Ein Unfall war es nur sprichwörtlich, nämlich insofern, dass die Heidi überraschend und völlig ungeplant noch einmal Mutter, der Basti stolzer Bruder eines kleinen Schwesterchens und die Kleinleins, die Marga und ihr Peter, zu beider großen Freude erneut Großeltern wurden.

Es war alles gut gegangen, Mutter und Kind, eine kleine Bianca, waren gesund und wohlauf. Alles wäre so schön gewesen, wenn sich das alles in einem anderen, einem normalen Jahr ereignet hätte und nicht ausgerechnet im Februar des Seuchenjahrs 2020, von dem man getrost annehmen durfte, dass es in die Annalen als das Coronajahr eingehen würde. Noch gab es in Bayern keine Ausgangsbeschränkungen, aber die Meldungen aus China, Italien und mittlerweile immer öfter auch aus dem Nachbarland Österreich, ließen nicht nur die Kleinleins das Schlimmste befürchten.

~

Es ist der 13. Februar und noch früh am Abend. Marga und Peter sitzen beim Essen in der Küche und lauschen den neuesten Nachrichten, die mittlerweile nahezu stündlich aus dem Fernseher zu ihnen vordringen, von allen Sendern. Normalerweise ist den Kleinleins ihre Ruhe während der Mahlzeiten heilig und der „Abberaad“, wie altmodische Franken die Flimmerkiste immer noch nennen, daher konsequent ausgeschaltet. Im Moment aber überschlagen sich die Ereignisse derart, dass man eine Ausnahme macht. Das letzte Mal, dass die Kleinleins so viel Zeit vor dem Fernseher verbracht hatten, ist schon ewig her. Damals waren die ersten Menschen auf dem Mond gelandet und die Röthenbacher hatten, wie der ganze Rest der Welt, gebannt zugesehen. Diesmal handelte es sich nicht um eine technisch-wissenschaftliche Meisterleistung, sondern eher um ein weltweites Problem, vor dem die moderne Wissenschaft bisher noch kapitulieren musste. Nach Ansicht aller Experten konnte es noch mehr als ein Jahr dauern, bis man auf einen Impfstoff oder wenigstens auf eine wirksame Medizin zur Eindämmung der Krankheit hoffen durfte.

Der Moderator kommentiert eben die neuesten Meldungen von der Coronafront. Immer häufiger bestimmen erschreckende Berichte von der neuen Seuche die Berichte, von der Pandemie, die vom chinesischen Wuhan aus ihren Anfang nahm und die sich anschickte die ganze Welt in Angst und Schrecken zu versetzen. Die Marga schüttelt immer wieder ungläubig den Kopf und seufzt schließlich.

„Allmächd, etz homm dee scho widder 100 Doode mehr. Woss ner dess für a Grangheid iss, sowoss hommer ja doch nu nie ghabd. Hoffentlich kummd des nedd aa nu zu uns rüber.“

Peter stimmt ihr ebenso betroffen dreinschauend zu.

„Dei Word in Goddes Ohr. Vor über hundert Jahr, dou hodds schon amal die sogenannde spanische Gribbe gebn, dess muss ähnlich schlimm gwesen sei. Vielleichd sogar noch schlimmer, mer wass ja nunni, wie’s dessmal nausgehd. Abber damals war die Medizin ja aa nu nedd so weid wäi etz. Heidzudooch hädd mer mid sowoss doch nimmer grechnd. Mer gehd ja immer dervo aus, dass a Doggder, und wenns aa an Spezialisdn braucherd, alles widder richdn konn, abber dess woss mer dou sichd, dess iss scho hard. Dou maani, wern mer nu Allerhand derlebn. Wemmer denkd, wenn irgndwo a Unglügg bassierd iss, mid, sagn mer amal hundert Obfer, dou hodds doch daachelang Sondersendunger im Fernseeng gebn, alle warn zudiefsd bedroffn. Etz gibds scho über hundert Doode pro Dooch. Wo soll dess bloß nu hieführn? Einfach unglaublich iss dess.“

Und nach einem mitfühlenden Seufzer fügte er hinzu:

„Dess hädd uns grad nu gfehld, dass dess bei uns aa so schlimm wird. Immerhin wolln mer doch nach Osdern zu der Heidi fahrn und von dord aus weider nach Idalien. Abber wennsd siggsd, woss dou in China lous iss, dou derf ja scho gar ka Mensch mehr aff die Strass.“

Marga, die sich eine derartige weltweite Ausbreitung noch viel weniger vorstellen konnte, versuchte ihren Mann und wohl noch mehr sich selbst zu beruhigen.

“Naja, so vill Menschn fahrn ja nedd nach China und durch die Luft konn der Virus ja nedd kummer. Dess hodd doch der Exberde vorhin gsachd.“

Peter war da völlig anderer Meinung. Auch er machte sich schon seit Tagen Gedanken über das was kommen könnte. Es ist nicht so, dass er glauben würde, ein Virus könnte fliegen, aber bezüglich der Übertragungswege war er weit weniger optimistisch.

“Des brauchds ja aa gor nedd. Denk amal, wer heidzudooch alles gschäfdlich nach Asien verreisd odder dee dausende von Durisdn, dee allaans in Nämberch tagtäglich rumrenner. Dou gäihd dess rugg-zugg. Gottseidank iss der Christkindlesmarkd scho gwesen, abber denk ner blous amal an die Spillwarnmesse. Dess computergschdeuerde Blasdiggzeich kummd doch zu neunzg Brozend aus China.“

Das mit den 90 Prozent war nicht ganz so sicher, vielmehr ein plakativer Ausdruck für sehr, sehr viel. Marga nickte denn auch zustimmend. Sie hatte auch schon einen Grund ausgemacht, den sie für die drohende weltweite Katastrophe verantwortlich machte. Vor allem die Lebensgewohnheiten der Chinesen waren ihr äußerst suspekt. Speziell die Ernährungsweise dieser undurchsichtigen Asiaten stand im Fokus ihrer Verdächtigungen.

„Naja, wundern brauchd mer si eigndlich abber aa widder nedd, wemmer denkd, woss dee alles essn, Ratzn, Schlanger, Ungeziefer, Schwalbnnesder. Dou grausds der doch. Drum gäih ich aa gor nedd su gern mied, wenn die Schwarms immer zu den Chinesn nach Erlnbach wolln. Dordn iss alles so arch gwürzd. Dou mergsd doch gor nimmer, aus woss dess Essn gmachd is. Dee wern scho wissen warum!“

Peter dagegen probierte gerne einmal etwas Neues und hatte schon alleine deshalb ein entspanntes Verhältnis zur chinesischen Küche. Deshalb versuchte dagegen zu halten.

„Dess konn alles in China sei, vor allem in dene rückständichn Browinzn, nedd amal so arch in Beeking odder Schanghai odder in anner andern von dene haufn Millionenstädte, woss dee so homm. Wennsd die Bilder im Fernseeng odder in Illustrierde siggsd, dann sinn dee dord middlerweil hübbermodern. Dou kummer mir scho gor nimmer mied. Und außerdem, die Chinesn bei uns, des sinn doch meisdns gar kanne, dess sinn haubdsächlich Vietnamesn oder Dailänder und dergleichn. Und dann, muss mer sagn, bei uns, dou gibds ja schließlich aa suwoss wie a Gsundheidsamd, woss die Hygiene in die Wärdshäuser überwachd. Dou bassierd überhaubds nix.“

Damit war das Thema erst einmal durch, sowohl bei den Kleinleins, als auch in der Nachrichtensendung. Weitere Themen schien es zur Zeit ohnehin nicht zu geben, denn unmittelbar darauf erschien bereits die Wetterkarte auf der Mattscheibe.

Wenig später hatten sich die beiden Kleinleins wieder etwas beruhigt und sahen einigermaßen entspannt auf dem bequemen Sofa sitzend zu, wie sich die Kandidaten beim perfekten Dinner schlugen. Angesichts von getrüffelten Nudeln und perfekt gebratener Rinderlende hatte die Marga die Katastrophenmeldungen schon wieder verdrängt und völlig neue Pläne.

„Horch Beder, sollerd mer nedd widder amal die Bräunleins und Schwarms eiladn, bevor bei uns evenduell aa nu so a Ausgangsschberre kummd? Wer wass, wie lang mer dess überhaubd nu derf!“

„Brima Idee“, meinte der Angesprochene, der immer Lust auf eine gepflegte Unterhaltung in angenehmer Atmosphäre hatte.

Spekulanten unter sich

Zwei Anrufe später war zumindest bezüglich des Termins für den gemütlichen Abend unter Freunden alles geregelt. Fast alles. Von nun an bereiteten Marga die vielen Dinge, die es deshalb für sie vorzubereiten galt größeres Kopfzerbrechen: Rezepte wälzen, Zutaten und Getränke besorgen und natürlich in allererster Linie die Frage der passenden Dekoration. Ohne passende Deko keine Feier. Das ist bei der Marga immer so. Es ist nicht so, dass sie nicht gerne und gut kochen würde. Dass es schmeckt ist bei ihr selbstverständlich, aber den richtigen Pfiff, das Tüpfelchen auf dem I, den macht das Ambiente, das sie bisher immer perfekt zum Anlass abzustimmen verstand, auch wenn zu Beginn der Überlegungen stets eine unverhältnismäßige Hektik stand.

Immerhin waren es laut Kalender noch weitere zwei Wochen bis zum Aschermittwoch hin, also Faschingszeit, was zumindest die Auswahl des Themas enorm erleichterte. Luftschlangen auf dem Tisch, Servietten mit lustigen Motiven, sich um sich selbst drehende Spiralen über den Heizkörpern, die mittels Aufwind in wirbelnde Bewegung gerieten, das war ohnehin klar und zum größten Teil bereits vorhanden. Peter hatte dies zeitgleich mit dem Abbau der Weihnachtsdekoration anbringen müssen. Die dadurch unvermeidlich entstandenen häuslichen Spannungen hatten sich glücklicherweise mittlerweile gelegt. Immerhin musste Peter stundenlang immer wieder die Leiter hinauf und wieder herunter steigen. Seine Knie schmerzten und er sehnte ein Ende herbei, was jedoch in diametralem Gegensatz zu den ausufernden Wünschen seiner Frau stand. Jeder freie Quadratzentimeter des Wohnbereichs musste in ein Ausstellungsgelände für dekorative Lifestyleartikel verwandelt werden. Speziell zur Weihnachtszeit artete dies jedes Mal in einen erbitterten Wettbewerb um die Krone für prachtvollste, glitzerndste Dekoration aus, den seine Marga jeweils auf Platz zwei beendete, unmittelbar hinter den Käthe-Wohlfahrt-Läden. Doch derlei Sticheleien konnten die Marga nicht anfechten. Auch im aktuellen Fall war Marga wieder mit Volldampf bei der Sache.

Vielleicht könnte man, wenn schon keinen ausgewachsenen Hausball, dann doch wenigstens einen Kappenabend veranstalten. Dafür brauchte es dann nicht gleich ein aufwändiges Kostüm, auch ein lustiges Hütchen, eine Pappnase und etwas Schminke wären völlig ausreichend. Peter könnte ja die Glatze mit dem roten Haarkranz aufsetzen, die er sowieso immer im letzten Moment aus dem Fundus auf dem Dachboden hervor zog und dazu den Zylinder aus schwarzem Filzstoff. Das war damit bereits beschlossene Sache und abgehakt. Solche Entscheidungen konnte man ihm beim besten Willen nicht selbst überlassen. Er selbst würde natürlich die notwendigen Überlegungen wieder so lange aufschieben, bis es für etwas Besonderes ohnehin zu spät sein würde. Und dann würde es sowieso auf das erstbeste Teil hinauslaufen, das ihm bei seiner verzweifelten Suche auf dem Dachboden in die Finger fallen würde. Also die Glatze. Warum bis zum letzten Moment warten? Was erledigt ist, ist erledigt.

Für ihr eigenes Outfit würde sie sich mit der Maria kurzschließen und beraten was man machen könnte. Sie war immerhin die Gastgeberin und zudem eine Dame, da kam natürlich nicht irgend etwas x-beliebiges in Betracht. Es müsste schon etwas sein, das weder die Frisur in Mitleidenschaft zöge, noch beim Hantieren in der Küche hinderlich wäre. Sie hatte da doch noch so ein winziges, putziges Hütchen. Das konnte man mittels einer Klammer seitlich am Haar befestigen. Vielleicht noch eine bunte Fliege um den Hals. Das sollte reichen. Das Make-up wäre dann eine Aufgabe für die Maria, die als gelernte Kosmetikerin schließlich Profi ist und die sicher mit etwas Schminke in der Lage wäre etwas Originelles zu zaubern.

Ein weiterer Anruf bei den beiden Freundinnen und auch die wichtige Frage des Mottos konnte mit einem fetten Haken versehen werden. Auch die Gisela und die Maria fanden die Idee gut. Bassd scho. Sie freute sich schon sehr.

~

Als die Freunde am Samstagabend schließlich eintrafen, war tatsächlich alles so vorbereitet, genau wie sie es sich vorgestellt hatte. Auch die Ankömmlinge waren mehr oder weniger originell verkleidet. Die Damen mehr, die Herren weniger, was die drei Banausen aber nicht im Geringsten störte. Die Gisela trug ein buntes Kopftuch, sowie Ohrringe aus Messing von der Größe eines Kanaldeckels, wie ihr Mann despektierlich anmerkte und in der Hand hielt sie eine Tabakspfeife mit einem langen, elegant geschwungenem Mundstück. Zusammen mit der dunklen Schminke und den auffälligen Ringen an ihren kräftigen Fingern konnte man problemlos die Zigeunerin in ihr erkennen. Maria hatte sich eine lange, mit silbernen Fäden durchsetzte Perücke aufgesetzt, die wie eine Mähne herabhing und aus ihrer Stirn ragte ein langes, kerzengerades Horn heraus. Alles war in meisterlicher Manier ausgeführt, wie es von einer Kosmetikerin ihrer Klasse nicht anders zu erwarten war. Sie verkörperte unverkennbar ein Einhorn. Diese Fabeltiere waren dieses Jahr absolut in, nicht nur bei kleinen Mädchen. Simon und Lothar hatten, wie nicht anders zu erwarten war, keine Idee und als bedauernswerte, stressgeplagte Handwerksmeister angeblich auch keine Zeit sich über eine passende Maskerade Gedanken zu machen. Sie hatten Wichtigeres zu tun. Am Ende kam Simon, mit dem Rücken zur Wand stehend, auf eine geniale Lösung, auf die er dann auch mächtig stolz war. Das konnte er auch, zumindest aus seiner Sicht. Sie hatten ganz einfach ihre Berufskleidung getauscht. Lothar kam als Metzger, mit einem viel zu großen weißen Käppi auf dem Kopf, das Simon bei der Arbeit trug um das Hineinfallen von Haaren oder Schuppen in das Brät für die 1A bräunleinschen Bratwürste zu verhindern. Zudem hatte er ein T-Shirt mit aufgedrucktem Schweinekopf angezogen, das Simon einst anlässlich der Röthenbacher 900-Jahrfeier als optischen Blickfang für seine Grillstation anfertigen ließ. Nicht dass es notwendig gewesen wäre. Seine mehrfach preisgekrönten Bratwürste sprachen natürlich für sich. Da die beiden Herren von sehr unterschiedlichem Körperbau waren, schlackerte das Leibchen an Lothars zierlichem Körper wie an einem dramatisch unterernährten Kind, das sich heimlich eines von Vaters Hemden übergezogen hatte. Das Mützchen gar rutschte ihm ständig auf die Ohren herab. Umgekehrt funktionierte diese geniale Tauschidee natürlich nicht so gut, denn Simon hätte einen von Lothars Friseurkitteln sicher mit dem ersten kräftigen Atemzug komplett ruiniert. Immerhin trug er einen aufgeklebten schwungvollen Schnäuzer zur Schau, der dem von Horst Lichter in nichts nachstand. Um den Hals hatte er eine Schere und einen Kamm an einer Schnur hängen. Da schließlich erst im letzten Moment auf diese Idee gekommen war, musste er auch hier improvisieren und so hatte er kurz entschlossen die erstbeste Schnur genommen, die ihm in den Weg kam und das war halt nun mal die, mit der er sonst seine Räucherwürste abzubinden pflegte, bevor er sie im Laden mittels Fleischerhaken an die Decke hängte. Vermutlich war ihm selbst aufgefallen, dass er daher deutlich mehr nach Räucherkammer als nach Friseursalon roch. Also hatte er versucht, dieses Manko mit einer reichlichen Ladung Tropical Dream auszugleichen, da dieses Duftwässerchen in seiner Vorstellung einen perfekten Geruch nach Friseursalon erzeugen würde. So war es auch kein Wunder, dass Peter den Freund mit deutlichen Worten begrüßte.

„Servus Simon. Allmächd, du stinksd ja wahrhafdich wäi in Booder sei Hund.“

Diese Bemerkung ist nicht despektierlich gemeint, jedenfalls nicht so sehr, wie es der Wortlaut vermuten lassen könnte. Es handelt sich hierbei ein geflügeltes Wort aus der fränkischen Umgangssprache und bedeutet im Allgemeinen nichts anderes, als dass bei Friseuren sogar der Hund fein riecht und im vorliegenden Fall, dass Simon etwas zu viel des Guten bei der Verwendung eines Duftwässerchens getan hatte. Er musste damit ja nicht sparen, denn das Fläschchen stand immerhin seit Weihnachten vor drei Jahren ungeöffnet in seinem Alibertschränkchen.

Simon war ob Peters Lästerei keineswegs beleidigt, sondern stellte nur lakonisch fest.

„Ich geh ja schließlich als Dorfbooder, falls ers nunni gmergd hobd. Dou konni ja schlechd riechn wäi a Ring Stadtworschd.“

Die Stimmung schien also schon zu Beginn prächtig zu sein und machte Hoffnung auf einen launigen Abend im Kreis von Freunden. Das Essen verlief dann auch in der harmonischen und in freundschaftlichen Atmosphäre, die die Beziehung der drei Familien untereinander schon seit jeher auszeichnete. Als die Herren mit ihrem dritten Veldensteiner und dem ersten Schnaps und die Damen mit dem Abwaschen und Aufräumen in der Küche beschäftigt waren, war die Zeit gekommen, sich über die neuesten Nachrichten zu unterhalten.

„Hobd ers scho ghärd?“, meinte Lothar. „Der Radio hodds heid nachmiddooch brachd, dass etz in Nordrhein-Wesdfahln aa scho an Haufn Infizierde gibd. Wahrscheinli homm ser si alle auf an Kabbmabnd angschdeggd. Dess wird nu woss gebn, wenn dee närrischn Rheinländer am Rosnmondooch erschd richdi loslegn. Bei uns in Deitschland kommer beschdimmd aa bald mid grössere Brobleme rechner. Mid derer Globalisierung bleibd dess gor nedd aus“, orakelte der Aushilfsmetzger und wackelte dazu mit dem ausgestreckten Finger, so als wollte er seinem Gegenüber die Schuld dafür zuschieben, was er natürlich nicht beabsichtigte. Seine aufgeregte Gestik war lediglich Ausdruck seiner ehrlichen Befürchtungen.

„Naja“, räumte Peter ein, „mir wolldn ja im Abrill nach Münchn, erschd amal um unser neis Enggerla zu besuchn und dann wolld mer eigndlich weider nach Idalien, ins Biemonde, ins Wein- und Drüfflbaradies. Abber dess wird wohl kaum woss wern, wenns schdimmd, woss die Exberdn brognosdiziern. Dee dreedn ja neierdings alle Dooch im Fernseeng im Fümbferback auf. Demnach kummd dess Virus etz aa zu uns und werd si in kürzesder Zeid soweid ausbreidn, dass äs öffndliche Leben mehr odder wenicher stillgleechd wern muss. In Oberidalien überleegns ja grod scho a allgemeine Ausgangsschberre. Abber sei’s wäis mooch. Ich braucherd ja nedd unbedingd an Urlaub, abber mei glanne Bianca mächerdi scho amol besuchn.“

„So isses“, bestätigte Simon und fügte auch gleich hinzu, was er damit genau meinte. „Urlaub brauchd ner bloß der Mensch, der wo woss ärberd. Du bisd ja scho lang Rendner, dou brauchd mer doch ka Erholung mehr. Von woss denn? Nedd amal als Dedeggdief brauchd di im Momend anner. Etz bisd braggdisch scho äs zweide Mal in Rende gschiggd worn. Äs erschde Mal vo deiner Firma und etz als Dorfgriminaler. Du hosd doch etz scho fasd zwaa Jahr kann Einsatz mehr ghabd. Sinn die Verbrecher alle ausgschdorbn? Odder hosd ka Lusd mehr?“

„Schäi wärs, abber äs Gsindl sterbd ned aus, wäi mer sachd“, meinte Peter lachend, „aber ich misch mich ja nedd in Alles ei. Dou derfür hommer ja die Bollizei und in mein letzdn Fall hodd si der Schindler ja nedd amal so bläid ohgschdelld. Jednfalls war ich heilfroh, wäi er mid seiner gesamdn Kavallerie zu meiner Befreiung angrüggd is. Ich bin ehrlich gsachd froh, wenni nedd immer hindern Rüggn von der Marga ermiddln muss. Dee dauerndn Heimlichkeidn sinn unsern häuslichn Gliema aa nedd grad zudräglich.“

Und um von diesem brisanten Thema abzulenken, wechselte er schlagartig die Richtung.

„Abber woss anders, hobbd er von derer Sabine woss midgrichd?“

„Heimlichkeidn? Sabine? Woss soll nern dess bedeudn?“, fragte Lothar verwirrt. „Woss hosdn du mit andere Weibsbilder zu schaffn?“

„Loodah“, rief Peter kopfschüttelnd, „doch ka andere Frau! Sabine iss doch der Name von dem Sturm, der vor drei Dooch gedoobd hodd. Scho vergessn? Ich wolld bloß wissn, ob ihr an Schadn dervo dragn habd, bei dem Unwedder.“

Beide verneinten unisono. Aber über eine Verwüstung im Wald in Richtung Heinerslohe wusste Lothar zu berichten. Er bekam die Neuigkeiten in seiner Eigenschaft als Dorffriseur immer als Erster mit, als Erster unter den Männern versteht sich. Mit Gisela, der einzigen und zugleich besten Fleischereifachverkäuferin von Röthenbach konnte er diesbezüglich aber natürlich nicht mithalten. Wenn sie von einem Ereignis nichts gehört hatte, dann konnte man getrost davon ausgehen, dass es in der Realität schlicht und ergreifend auch nicht existierte.

Besagte Gisela konnte man gegenwärtig nicht dazu konsultieren. Sie war mit den anderen Damen noch in der Küche beschäftigt, inzwischen wahrscheinlich bereits beim Espresso aus Margas neuester Errungenschaft, einem chromglänzenden Kaffeevollautomaten mit allen Schikanen, also war es an Lothar die Verwüstungen zu beschreiben.

„In Richdung Heinersloh naus, dou hodds a ganze Schneisn in Wald neigschloong. Die Bäum liegn kreizaquer überanander. Deilweis hängers abber aa bloß nu an an seidener Fadn in der Lufd, weils von an anderen Baum am Umfalln ghinderd wern. Noch. Kein Mensch konn soong, wann dee dann endgüldich umfalln. Dou konn a einfacher Windstoß scho langer. Drum soll mer zur Zeid aa ned in Wald naus, wall mehr odder wenicher Lebnsgefahr bestehd. Die Waldbesitzer könner im Momend aa nu nix undernehmer hobbi ghärd, weil die Entfernung von dem Windbruch aa für sie selber zu gfährlich wär. Etz wardns, bis a sogenannder Harvester frei wird, der die diggsdn Baumstämm einfach mid an hydraulischn Greifer fesdhäld und der wo‘s undn dann aa glei absäächd und danach zielsicher und ohne Wackler ableechd wäi a Mikadostäbler. Abber dess konn nu dauern, weil der ganze Landgreis auf des Monsdergeräd warded.“

„Ja“, stimmte ihm Simon bei, „dess hobbi aa scho glesn. In der Zeidung war a längerer Ardiggl drin. Manche Bäum hodds ja glei midzsamds der Wurzl rausgrissn. Dou homm mir im Dorf direggd ja nu Glügg ghabd.“

„Dou konnsd Rechd haben“, fuhr Lothar nun fort, „Und dou wo‘s so steil nunder gäihd, wissd er scho, an der Schdell wo damals der Sommer Helfried den junger Kerl beobachded hodd, wäi er midsamds derer Gelddaschn und dee erbressdn hunderddausnd Euro abghaud iss. Dou derf mer etz überhaubd nimmer hie, weil dou scho a boar mordsdrummer Felsbroggn nundergschdürzd sinn und die Gefahr besteht, dass nu mehrer bassiern konn. Wissder scho, dou, wo undn die Bank an der Bushaldestelle stäihd. Du konnsd di doch beschdimmd nu an dee Schdell erinnern, Beder, an den Fall mid dem verschwundner Zahnarzdsohn und seiner syrischen Freundin.“

Die Freunde nickten zustimmend. Die Örtlichkeit und die damaligen Vorkommnisse hafteten immer noch deutlich in Peters Gedächtnis. Dieser Fall hatte ihm eine Menge Kopfzerbrechen bereitet, bevor er schließlich die beiden gesuchten Ausreißer finden und sowohl den Erpresser, als auch einen Mörder zur Strecke bringen konnte. Die beschriebenen Verwüstungen bedeuteten für ihn aktuell aber kaum eine Gefahr, denn in diese Gegend kam er so gut wie nie.

Sie erzählten sich noch die eine oder andere Neuigkeit, von der sie glaubten, dass sie auch für die beiden anderen von Interesse sein könnten. Bald stießen auch die Damen wieder zu ihnen und man zog vom abgeräumten Esstisch um auf die großzügige Couch der Kleinleins. Es wurde wieder einmal einer der beliebten Abende im Kreis der besten Freunde oder der BKS-Familie, wie man mittlerweile sagen musste.

Eine virtuelle Familie

Die Maria hatte schon seit Langem eines, aber nun hatten sich auch die Gisela und die Marga eines zugelegt. Die Rede ist natürlich von einem nagelneuen Smartphone. Die Maria brauchte alleine fürs Geschäft schon eines, da ihre verwöhnten Kundinnen auch schon mal außerhalb der Öffnungszeiten ihres Schönheitstempels einen Termin vereinbaren wollten. Die Gisela dagegen hatte sich lange gegen diesen neumodischen Kram gewehrt. Letztendlich wurde sie dann aber doch mit diesem neuen Volksleiden infiziert und zwar ausgerechnet in ihrem ureigenen Revier, dem Metzgerladen. Die Rede ist natürlich von der Whatsapp-Seuche, die, im Gegensatz zu Corona, in der Regel die jüngere Bevölkerung zu befallen pflegt, die auch die deutlich schwereren Symptome bis hin zu suchtartiger Abhängigkeit zeigt. Mit zunehmender Häufigkeit gehörten mittlerweile aber auch schon viele Ältere zur Risikogruppe.

Die ganze Misere begann damit, dass die Metzgersfrau die übliche Frage 'Woss derfs denn heut sei?' mehrfach wiederholen musste. Es dauerte dann, bis die geistig völlig abwesenden Damen sich von den eminent wichtigen Informationen auf ihrem Handy losreißen, sich widerwillig, fast schon patzig ob dieser Störung, zu einer Antwort herbei lassen konnten. Danach mussten sie sich sogleich wieder ihren unverzichtbaren kleinen Wunderkästchen widmen, um hektisch über deren bunte Displays zu wischen.

Am Anfang hatte sich die Gisela über die unhöfliche Missachtung ihrer Bemühungen natürlich maßlos geärgert, konnte aber mit Rücksicht aufs Geschäft nicht so reagieren, wie sie gern gewollt hätte. Die Kundin war noch immer Königin. Doch sie, die beste Fleischereifachverkäuferin von allen, war schließlich auch nicht gerade ein Niemand und wenn sie zum Beispiel einen wertvollen Einblick in die höheren Sphären der Qualitätsfleisch- und Wurstwaren gab, dann erwartete sie auch, dass man ihren fundierten Ratschlägen die verdiente Beachtung schenkte.

Mit der Zeit bekam sie jedoch mit, wie praktisch es sein kann, schnell mal zuhause rückfragen zu können, was denn dem werten Herrn Gemahl nun anstelle des ausverkauften Pressacks genehm wäre. Aufgrund dieser Erfahrungen hatte sie von Tag zu Tag mehr angefangen ernsthaft zu überlegen, ob sie sich nicht auch so ein Gerät anschaffen sollte. Aber nicht etwa, weil sie Simon nach seinen Wünschen fragen wollte. Sie hatte andere Pläne.

Eine Eingewöhnungszeit benötigte sie so gut wie gar nicht. Die Gisela ist ja schließlich nicht auf den Kopf gefallen und kannte sich deshalb im Handumdrehen bereits bestens aus. Bald hatte sie mit ihrer unnachahmlichen Überzeugungskraft, von der so manche Kundin ein Lied singen konnte – 'derfs a bissler mehr sei, gell, ja, dess maani doch aa' - , auch ihre Freundin Marga von den Vorteilen dieser zeitgemäßen Kommunikation überzeugt. Vor allem dieses fabelhafte Whatsapp hatte die Damen bald schon in ihren Bann gezogen. Nun konnten sie sogar Bilder in Windeseile miteinander teilen. Die Gisela brauchte jetzt auch nicht mehr mitten im Verkaufstrubel ans Telefon zu eilen. Die Textnachrichten konnten ja warten, bis sich der Andrang im Laden wieder gelegt hatte. Die Neuerung war wirklich praktisch.

Eines Tages hatte sie sogar einen weiteren Schritt gewagt, war einseitig vorgeprescht und hatte eine Whatsapp-Gruppe „BKSF“ eingerichtet. Was wie das Firmenkürzel eines großen Konzerns klingt war in Wahrheit eine Kreation aus den Anfangsbuchstaben der Familiennamen Bräunlein, Kleinlein und Schwarm plus ein F für Familie. Somit hatte sie im Nu die Beteiligten Damen zu einer virtuellen Großfamilie verschmolzen. Peter, der schon seit langem ein geeignetes Mobiltelefon besaß, wurde gnädigerweise auch in die Liste aufgenommen. Er hatte es von seiner Marga geschenkt oder um bei der Wahrheit zu bleiben, verordnet bekommen. Sie wollte, dass er wenigstens immer erreichbar wäre, wenn er es denn schon nicht lassen konnte seine Nase in die kriminellen Angelegenheiten anderer Leute zu stecken. Das waren aber auch die einzigen Gründe. Es war keinesfalls so, dass ihm Marga damit seine kriminalistischen Umtriebe ausdrücklich erlaubt hätte, bei Weitem nicht. So weit würde es wohl kaum jemals kommen.

Wie sie alle schon bald leidvoll erfahren mussten, hat die schöne neue Welt der drahtlosen Kommunikation auch ihre Schattenseiten. Zu Beginn war alles noch prima, die Gisela schickte ständig irgendwelche Kochrezepte, die von der Marga prompt mit ebenso raffinierten Backanweisungen beantwortet wurden. Nur das Rezept für ihre berühmte Donauwelle war nie darunter. Das fiel unter die Rubrik Familiengeheimnisse, wobei in diesem Fall ausschließlich die reale Familie Kleinlein zu verstehen ist. Diesbezüglich gab es keine Kompromisse. Alles hat schließlich seine Grenzen. Sie würde ja auf nicht auf die Idee kommen, Simon nach den geheimen Zutaten für seine preisgekrönten bräunleinschen 1A Bratwürste zu fragen.

Sehr bald schon begann zum Leidwesen beider Damen eine inflationäre Flut mehr oder weniger origineller Videos und Fotos von überall her einzutrudeln, mit guten Ratschlägen für ein sorgenfreies Leben, mehr oder weniger geistreichen Sprüchen und fernöstlichen Weisheiten. Solange diese nur auf der Rückseite der Abreißblättchen des Apothekenkalenders gestanden hatten, konnte man sie ja noch einfach ignorieren. Nun aber ertönte beinahe pausenlos ein aufdringliches Geräusch, das an das Gezwitscher einer Nebelkrähe im Stimmbruch erinnerte, um das Eintreffen einer weiteren dieser unerwünschten Allerweltsweisheiten anzukündigen. Angeblich konnte man dies in den Einstellungen ändern. Bisher hatten sie das aber noch nicht geschafft und Patrick, den Sohn der Bräunleins zu fragen, kam nicht in Betracht. Der würde sie nur wieder auslachen. Es begann daher mittlerweile gewaltig zu nerven, Tendenz steigend. Das Problem war, dass die beiden Damen allen Bekannten, die meist schon längst über ein Smartphone verfügten, voller Stolz über ihre Neuerwerbung ihre Handynummer mitgeteilt hatten mit eben diesen bekannten Folgen.

Die Maria, als Betreiberin eines professionellen Kosmetikstudios, hatte für solche Spielchen keine Zeit. Sie nutzte das Handy fast ausschließlich für die notwendige geschäftliche Kommunikation. Die wenigen Kundinnen, denen sie ihre Nummer gegeben hatte, waren zudem während einer der Verschönerungssitzungen dezent aber unmissverständlich darauf hingewiesen worden, dass die wahllose Verbreitung von Kettenbriefen und schlauer Sprüche zur Streichung aus der Kundenliste führen konnte. Und die Damen, die in Zukunft noch Aussichten auf einen der begehrten Termin haben wollten, die hielten sich besser daran.

Doch jede Medaille hat bekanntlich zwei Seiten. Das Ganze hatte neben der Flut von vielen unerwünschten guten Ratschlägen auch einen unschätzbaren Vorteil für die Kleinleins mit im Gepäck. Ihre Tochter Heidi schickte nun von Zeit zu Zeit kurze Videosequenzen von der kleinen Bianca, was bei der Marga jedes Mal Ausbrüche größten Entzückens auslöste.

Eben zeigte die Marga eines dieser kleinen Filmchen, was die beiden Freundinnen veranlasste, die Köpfe noch enger zusammen zu stecken. Es gibt wohl kaum ein anderes Thema, das geeignet wäre so viele aah’s und ooh’s, ergänzt von einem gelegentlichen 'ach Godderla, oadli', auf die Lippen der Damen zu zaubern.

„Wie ald iss etzerdler, eier Glanne?“, fragte die Gisela.

„Morng werns drei Wochn“, antwortete die Marga sichtlich stolz „und bis etz hommers noch nedd amal besuchn könner, weil doch der Beder die ganze Zeid so an hardnäggichn Husdn ghabd hodd und dou kommer ja nedd in an Haushald mid an glann Bobberler auf Bsuch kommer.“

Sie sandte erneut einen sehnsuchtsvollen Blick in Richtung des kleinen Bildschirms.

„Unser glanns Waggerler woll mer doch nedd anschdeggn, auf gar kann Fall. Dess wär uns ja selber nedd Rechd. Abber etz wo der Beder widder vill besser beinander iss und aa nimmer anschdeggnd, dou woll mer nächste Wochn scho amal fahrn.“

Die Herren hatten ein völlig anderes Gesprächsthema. Bei ihnen drehte sich alles um die große Politik, genauer gesagt um die bevorstehende Wahl zum Gemeinderat und um die des Bürgermeisters. Amtsinhaber Helmut Holzapfel hatte seine erste Amtsperiode mittlerweile ohne größere Skandale hinter sich gebracht. Die anfänglichen Zweifel an seiner Eignung hatte er allerdings nie ganz abschütteln können, was aber einen Vollblutpolitiker wie den Holzapfel in keinster Weise anfechten konnte. Ein paar ewig Unzufriedene gibt es schließlich immer und überall und einem jeden Recht getan ist eine Kunst, die niemand kann, wie der Volksmund schon seit alters her absolut richtig erkannt hat. Andererseits hatte er aber auch keine gravierenden Fehler auf seine Kappe nehmen müssen. Das musste nicht weiter verwundern, denn er gehörte zum Typus des allgegenwärtigen Vereinsmeiers und Gschafdlhubers, der sich in alles einmischte. Er tauchte unweigerlich auf den Veranstaltungen aller ortsansässigen Vereine auf, wobei er es meisterlich verstand, seine Verdienste allenthalben in den Vordergrund zu stellen. Wer erinnerte sich nicht an die protzige 900-Jahr-Feier des Ortes vor einigen Jahren. Diese hatte ihm eine willkommene Bühne für seine Selbstdarstellung geboten und er vergaß seither bei keiner seiner meist langatmigen Reden, den Bürgern die unbestreitbaren Verdienste ihres Bürgermeisters an diesem Jahrhundertereignis in Erinnerung zu rufen.

Alles in Allem hätte er daher eher zuversichtlich in die kommende Auseinandersetzung mit seinem Gegenkandidaten gehen können, doch aus unerfindlichen Gründen erhielt dieser, ein gewisser Tobias Kanzler, seines Zeichens aktueller Oppositionsführer im Gemeinderat, einen enormen Zuspruch. Jede geplante Wahlkampfaktion Holzapfels schien er vorauszusehen und verstand sie zu unterlaufen. Es war wie beim Rennen zwischen Hase und Igel. Was immer er vorhatte, Kanzler war schon vorher da. Dazu kam, dass der Neubau des großen Einkaufszentrums am Ortsrand für viele ein Anlass zur Kritik war. Man konnte schwer einschätzen, inwieweit dies die Aussichten auf eine Wiederwahl beeinträchtigen würde. Eines war sicher, es hatte ihm nicht nur Freunde eingebracht.

Vor allem die von Einigen als unerträglich empfundene Überflutung des Dorfs mit Ortsfremden, speziell an den Samstagen und die damit verbundenen Verkehrsbeeinträchtigungen und Verschmutzungen rund um die Parkplätze durch achtlos weggeworfene Zigarettenkippen, Eisverpackungen, Taschentücher und dergleichen brachten viele Alteingesessene auf die Palme. Seit die Metzgerei Bräunlein auch noch die Fleisch- und Wurstabteilung im Supermarkt übernommen hatte, war Röthenbach mehr oder weniger zu einem Ausflugsziel, ja zu einem Wallfahrtsort für Städter geworden, die sich vergleichsweise günstig und trotzdem mit bester Qualität für eine ganze Woche eindecken wollten. Früher war Röthenbach ein Ort der Idylle, argumentierten die Kritiker, nun aber rollten bis spät am Abend noch gefühlt unzählige Fahrzeuge polternd durch die Hauptstraße. Lärmbelästigung und Luftverschmutzung waren die Folge.

Allen voran war es jener Tobias Kanzler, der sich zum Anwalt dieser Unzufriedenen aufgeschwungen hatte und der versuchte mit deren Stimmen im Rücken den selbstgefälligen Amtsinhaber, Bürgermeister Holzapfel, von seinem bequemen Sessel im Rathaus zu verdrängen. Wer ihn über seine eigene Person philosophieren hörte, was nicht gerade selten vorkam; der durfte getrost annehmen, dass hier der Familienname Programm war. Einer wie er konnte zweifellos auch Kanzler, ganz sicher aber Bürgermeister einer so unbedeutenden Gemeinde wie Röthenbach.

Ein unübersehbarer Makel blieb aber trotz aller Redekunst und ungeachtet aller Hochglanzprospekte wie eine Erbsünde an ihm haften: Er war unbestreitbar kein reinrassiger Röthenbacher. Gerade erst einmal knapp fünfzehn Jahre wohnte er in der Gemeinde, was ihn für viele Röthenbacher nur wenig heimischer erscheinen ließ, als die wilden Horden, welche im dreißigjährigen Krieg das Dorf heimsuchten und mehrmals verwüsteten, wie aus den alten Kirchenchroniken hervorging. Röthenbach hätte wohl gut und gerne einen Integrationsbeauftragten vertragen können, auch ohne massenhaften Zuzug aus orientalischen Regionen.

Tobias Kanzler machte vehement Stimmung gegen den Bau des BIGMA-Supermarkts und die damit verbundenen Störung der Dorfidylle. Er wollte damit den Makel seiner Herkunft aus der Großstadt wett machen, sich als aufrechter Anwalt der berechtigten Interessen der alteingesessenen Röthenbacher Bürger präsentieren und somit einen entscheidenden Schritt in Richtung einer gelungenen Integration machen.

„Mir gfälld der aane so wenich wäi der andre“, ließ sich Simon vernehmen, „obwohl ich nix Schbezielles geecher die zwaa Herrn soong konn. Sie kaufen alle zwaa ihr Fleisch und Worschd bei mir, dess hassd ihre Frauen nadürlich und dou hodds nu nie woss gebn. Abber so richdi symbadisch kummers beide drotzdem nedd bei mir rüber. Der Aa is a Reigschmeggder, woss er drotz aller Gschafdlhuberei nedd verbergn konn und der Ander a eingebildeder Aff. Siebngscheid sinns alle zwaa. Dou wassd nedd, woss dassd wähln sollsd, Besd odder Cholera. Ich mach wahrscheinli für kann von dene zwaa mei Kreizler.“

„Dess konnsd doch nedd machen“, warf Lothar ein, „mir leben ja Goddseidank in anner Demmogradie. Dass mer wähln derf iss doch unser höchsdes Gut. Wähln gäih iss für mich Bürgerpflichd!“

„Ich gäih ja wähln“, korrigierte in Simon, „abber ich mach hald beim Burchermasder ka Kreizler. In Gemeinderad wähl ich nadürli scho, dou mou mer sich ja a nedd für aans von zwaa gleich große Übl endscheidn, dou konnsd dee achd Kandidadn quer über alle Bardeien aussoung, dee der gfalln und basda.“

Peter lachte über den Schlagabtausch der beiden Freunde. Auch er tat sich schwer, sich für einen der beiden Bürgermeisterkandidaten zu entscheiden, aber so lange kein anderer Bewerber zur Verfügung stand musste es zwangsläufig einer der beiden Herren werden.

Es war mittlerweile schon fast 20 Uhr und so fragte er die Freunde, ob sie etwas dagegen einzuwenden hätten, wenn er kurz für die Nachrichten den Fernseher anmachen würde. Die bevorstehende Coronakrise hatte ihn schon von Anbeginn an in eine gewisse Spannung versetzt und er wollte die neueste Entwicklung unbedingt verfolgen.

Er hatte gerade zur rechten Zeit eingeschaltet. Die letzten Töne der Erkennungsmelodie der Tagesschau waren gerade verklungen, da verkündete der Sprecher auch schon die neuesten Meldungen von der Virusfront. In China griff die Seuche immer weiter um sich. Die gespenstischen Bilder zeigten menschenleere Straßen, nur ab und zu war eine einzelne dahin eilende Person mit Gesichtsmaske zu erkennen. Dann kam eine Stellungnahme des deutschen Gesundheitsministers. In Deutschland gäbe es bisher lediglich 16 Infizierte, verkündete er erleichtert. Viele davon stammten aus dem Ort Gangelt im nordrhein-westfälischen Landkreis Heinsberg. Anscheinend hatten sie sich allesamt bei einem Kappenabend, einer Karnevalsveranstaltung, angesteckt. Wer das Virus eingeschleppt hatte, war derzeit aber noch nicht geklärt. Der Minister versicherte, er sehe zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Gefahr für eine Pandemie. In Deutschland habe man die Lage vollständig im Griff, ließ er sich vernehmen. Das mochte für den Moment auch tatsächlich richtig sein. Anders verhielt es sich allerdings für die Passagiere eines Kreuzfahrtschiffs namens „diamond princess“, das mit 621 Coronainfizierten vor Yokohama in Quarantäne lag. 'Die Lage der 3711 Passagiere und der Besatzung ist verzweifelt', vermeldete der Sprecher mit ernster Miene.

Auch die Gesichter auf dem Röthenbacher Kappenabend hatten plötzlich bedenkliche Züge angenommen, ganz im Gegensatz zu ihren Pappnasen und Faschingshütchen.

Der Feind rückt näher

Gut drei Wochen waren seit den beiden denkwürdigen Kappenabenden vergangen, dem recht harmlosen in Röthenbach und dem fatalen in Gangelt. Inzwischen hatte sich gezeigt, dass sich das Virus von dem kleinen Gangelt ausgehend in weite Teile Deutschlands ausgebreitet hatte. Auch in Baden-Württemberg schien sich ein Infektionsnest zu bilden. Die dort Erkrankten hatten ausnahmslos in Italien, genauer in Südtirol oder dem Piemont Urlaub gemacht. In Italien, dem ersten europäischen Hotspot, hatte die Epidemie bereits ein verheerendes Ausmaß erreicht. Die komplette Ausgangssperre, die zuvor nur in Norditalien gegolten hatte, war nun über ganz Italien ausgeweitet worden. Die Fernsehbilder zeigten leergefegte, von bewaffneten Militärstreifen kontrollierte Straßen.

Gleichzeitig wurde in Spanien der Weltfrauentag mit Massendemonstrationen und großem Tamtam gefeiert, Verbrüderungs-, sorry, Verschwesterungsszenen eingeschlossen, mit fatalen Folgen. Wie sich bald herausstellte, hatten sich dabei Zehntausende infiziert und bildeten somit die Basis für eine todbringende Krankheitswelle, die nach einem weiteren Monat bereits mehr als 20000 Todesopfer gefordert haben würde.

Die Unvernunft wurde aber auch hierzulande auf die Spitze getrieben. Als Italien bereits komplett abgeriegelt war, waren noch ganze Reisegruppen, vor allem aus der Tübinger Gegend, zum Skilaufen nach Südtirol aufgebrochen. Entsprechend hoch waren danach die Ansteckungszahlen. Den Vogel schoss jedoch eine Gemeinde in Österreich ab. Als kein vernünftiger Mensch mehr die Augen vor dem kommenden Inferno verschließen konnte, feierte im Tiroler Ischgl die Apres-Ski-Gemeinde fröhlich weiter, so als ob es kein Morgen gäbe. Doch der Morgen kam natürlich und er war verheerend. Zahllose Erkrankungen hatten hier ihren Ausgangspunkt mit Auswirkungen bis ins entfernte Island. Als andernorts bereits Menschen mangels Beatmungsmöglichkeiten dem sicheren Tod überliefert werden mussten, dachten die Tiroler Behörden nicht im Ansatz daran, das fröhliche Treiben zu beenden. Während die Kassen munter klingelten blieben die Alarmglocken stumm. Die Lifte liefen munter weiter und was weit schlimmer war, auch die Partys in den zahlreichen Unterhaltungsbetrieben der Region. 'Schifoan, jojojojo! Schifoan! Jo, Schifoan is des leiwandsde, woss mer si nur vurstölln ko-o-onn!', schallte es aus den Lautsprechern.

Die WHO erklärte Covid-19, wie man die Seuche nun immer häufiger nannte, zur Pandemie. Das bedeutet, dass man einer weltweiten Ausbreitung mit hunderttausenden von Opfern ins Auge sehen musste. Alle Kontinente waren mittlerweile betroffen, angeblich mit Ausnahme der USA, wo Präsident Trump immer noch von einer kleinen Grippe faselte, die man mit einer Einreisesperre leicht in den Griff bekommen werde. In Deutschland wurden nun alle Veranstaltungen mit mehr als 1000 Personen verboten. Das betraf natürlich auch die Fußball-Bundesliga. Eine heilige Kuh der Deutschen war in Gefahr geschlachtet zu werden. Die Nachholpartie Mönchengladbach gegen Köln wurde als Geisterspiel ausgetragen, also ohne Zuschauer, was allerdings tausende Unbelehrbare nicht daran hinderte, sich vor dem Stadion lauthals grölend zu versammeln. Nicht alle hatten offenbar den Schuss gehört, der die Welt in Zukunft in eine kollektive Schockstarre versetzen würde. Die Politik in Deutschland diskutierte bereits über Schulschließungen und die Bundeskanzlerin sprach von der größten Herausforderung für unser Land seit dem 2. Weltkrieg.

~

Es ist Freitag und somit der Tag, an dem sich die Röthenbacher Freunde zu ihrem traditionellen Schafkopfabend im Goldenen Adler treffen. Dass der heutige Freitag auf einen 13. fällt ist sicher Zufall. Angesichts dessen, was den Röthenbachern ins Haus steht, könnte aber selbst der nüchternste Betrachter des Geschehens, durchaus abergläubisch werden.

Der Adler ist noch gut besucht. Im Ort sind ja schließlich noch keine Infektionen bekannt geworden. Die Menschen sehen bisher offenbar keinen Anlass die Öffentlichkeit zu meiden. Man will es sich noch einmal richtig gut gehen lassen bevor die Krise auch Röthenbach erreicht. Dass sie kommt scheint sicher, nur wann? Immerhin hat Ministerpräsident Söder, zusammen mit der Kanzlerin, heute Mittag im Fernsehen bereits eindringlich gemahnt, ab morgen nur noch in dringend notwendigen Fällen das Haus zu verlassen, sei es zum Einkaufen oder auf dem Weg zur Arbeit. Gaststätten, Kultureinrichtungen und Spielplätze sollen geschlossen bleiben. Selbst Besuche bei Verwandten, die nicht in der gleichen Hausgemeinschaft leben, sollen tunlichst unterbleiben, vor allem um die Älteren in den Familien zu schützen, die statistisch gesehen wesentlich häufiger von schweren Verläufen der Krankheit und Todesfällen betroffen sind als Jüngere.

Die drei Familien sitzen an ihrem angestammten Tisch. Sie werden sich an die neuen Vorschriften halten und sich wer weiß wie lange nicht mehr zu Gesicht bekommen, aber heute wollten sie sich unbedingt noch einmal treffen. Schließlich fühlen sie sich allesamt kerngesund. Die Herren plus Maria spielen einen gepflegten Schafkopf, während Marga und Gisela miteinander ratschen.

„Woss sagsdn etz zu dene neier Coronaregln?“, fragte Marga die Freundin.

„Unser neis Enggerler seeng mer etz auf jedn Fall nimmer so schnell. Zum Glück simmer ja vor vierzehn Dooch nu schnell nach Odalfing nunder gfahrn zur Heidi. Der Beder hädd ja wahrscheinli nu länger rummdroddld. Abber ich hobb gsachd, nix dou und Rechd hobbi ghabd. Etz gängerds scho nimmer. Allmächd, iss dee Glaa oadli“, geriet sie umgehend ins Schwärmen.

„Dee wennsd oolachsd, dann fängd sie a glei äs Grinsn oh, übers ganze Gsichd. Ich sooch ders, ich bin ganz hin und wech. Mer maanerd grad, sie däd scho richdi flirtn, so freindlich schaud an des Kindler an. Und etz dess. Wer wass, wann mer äs nächsde Mal widder hiefahrn könner. Mir zreißds ja schier äs Herz, wenni bloß droo denk.“

„Ja, solangs so glaa sinn, sinns am schönsdn“, stimmte die Gisela zu. „Dou machns ja so schnell Fordschridde, beinah jedn Dooch könners woss Neis. Dess iss wergli schee. Abber wenn dee Grangheid etz erschd richdich zu uns kummd und wenns ner bloß annähernd so schlimm werd wäi in Idalien odder Ösderreich, dann schauds zabbnduusder aus in die nächsdn Monade, vielleichd a ganz Jahr hobbi ghörd.“

„Monade? Maansd so lang dauerd dess. Dee wern doch bald an Imbfschdoff habn. Wenn dess a ganz Jahr dauerd, dann läffd ja die Glaa scho, bevor mers äs nächsde Mal seeng. Um Godds Willn, so schlimm werds doch nedd glei wern.“

Die Marga war so aufgeregt, dass sie bislang gar nicht bemerkt hatte, dass ihr Magen bereits angefangen hatte sich laut knurrend bemerkbar zu machen. Vielleicht liegt es ja an der Aufregung, die ihr etwas auf den Magen geschlagen war, dachte sie, doch ein Blick auf die Uhr bestätigte ihr, dass zweifellos auch eine gehörige Portion Hunger dafür verantwortlich war. Auch die Kartler hatten offenbar schon Appetit. Wie immer legten sie nach einer geraumen Zeit eine Pause ein, um sich an der hervorragenden Küche des Goldenen Adler gütlich zu tun, zum letzten Mal für vielleicht längere Zeit. Auf einen Wink hin erschien prompt die Resi mit den Speisekarten. Sie war schon lange Jahre Bedienung im Adler und kannte die Gäste und ihre Gewohnheiten in- und auswendig.

„So, iss Zeid für die Essensbause?“ fragte sie freundlich in die Runde, während sie die umfangreichen, ledergebundenen Karten verteilte. „Lassd eich Zeid, ich kumm dann scho widder, abber heid iss wergli der Deifl los. Scheind’s wolln alle noch amal woss Gscheids essn, bevors ab morgn nix mer gibd.“ Sprach es und verschwand eilig in Richtung Tresen.

Die Auswahl dauerte wie immer nicht sehr lange, da fast jeder sein Leibgericht bestellte, wozu er eigentlich auch gar keine Karte benötigt hätte. Selbst die Marga war inzwischen wieder unter die Normalos gegangen. Ihr zaghafter Versuch in die Welt der Vegetarier einzutauchen konnte bereits beim letzten Osterfest vor knapp einem Jahr als gescheitert betrachtet werden. Der Hase, den sie in der Osternacht verputzt hatte, war noch aus Bio-Schokolade. Der leckere Lammbraten am Tag darauf dagegen bereits wieder feinste Qualität aus der Metzgerei Bräunlein. Es war aber auch zu schwierig, nur für Peter die feinsten Gerichte zu zaubern und selbst nichts davon zu genießen.

Eine Zeit lang herrschte Ruhe, nur ein leises, genüssliches Schmatzen war zu vernehmen. Als die Resi abgeräumt hatte und man die zuvor unterbrochenen Tätigkeiten wieder aufnehmen wollte, kam der Wirt zu ihnen an den Tisch, um sich zu erkundigen, ob es denn geschmeckt habe und um ein bisschen Smalltalk zu machen. Ein guter Wirt hält seine Stammgäste bei Laune.

„Gudn Ahmd beinander! Und, hodds gschmeggd?“

Hatte es natürlich, wie immer.

„Einwandfrei! Und Karl, wie schauds bei eich aus?“, fragte Peter zurück. „Wenn ab morgn die Wärdschafdn gschlossn werdn, dann wärds beschdimmd nedd so einfach für eich.“

„Ja, dess wassi selber nunni so genau. Es kummd hald drauf an, wäi lang mir zoumachn müssn. Zwaa Wochn iss nu ka Broblem, so lang hobbi ja sonsd aa in der Urlaubszeid gschlossn und dess iss hald dann heier scho im März. Abber wenns länger dauerd, dann gud Nachd. Ich hobb keine Ahnung, wäi ich dann meine Rechnunger zahln soll.“

Verständiges Kopfnicken war die Reaktion auf das Gesagte. Keiner hatte jedoch einen guten Rat parat. Es waren alle gleich geschockt von den Auswirkungen und wer weiß, was alles noch zusätzlich auf die Menschen zukommen würde.

„Wenigsdns die Resi und in Koch konni in Kurzarbeid schiggn, dee sinn fesd angschdelld“, fuhr Karl Bernreuther, der Adlerwirt fort, „abber alle Andern, die stundnweisn Aushilfen homm nadürli dann kann Verdiensd mehr. Ich wass bisher nu gar nedd, ob für dee aa sowoss wäi Kurzarbeid infrage kummd. In der Küchn brauchi ja dann aa ka Bersonal mehr. Ausser, ich schdell vorübergehend auf Außer-Haus-Verkauf um. Dou mussi mer nu Gedankn machen, wäi i dess alles organisier. Alles zu seiner Zeid. Lusdich wärds aff kann Fall. Ich hoff ja immer nu, dass die Sach schneller beendet iss, als wäi mer etzerdla annimmd. Etz wenns wärmer werd im Frühjahr, dann härd doch die Gribbe aa immer schlagardich auf.“

„Dess glaubi nedd“, meinte Lothar. „Schau amal nach Idalien. Hosd du schon amal in frühere Jahre was midgrichd, dass dausende von Menschen in Kranknhäuser sterbn? Also ich fürchd, dess mid dem Corona iss a ganz a anders Kaliber.“

„Also ich hobb da a Whatsapp grichd von an Bekanndn, dou stehd, dass an Erkältung jedes Jahr mehr Menschn sterbn als wäi an dem Corona. Dou schau her.“

Der Wirt holte sein Handy hervor und zeigte Lothar die betreffende Nachricht. Da stand tatsächlich:


Danach folgte eine krude Verschwörungstheorie, die darin gipfelte, dass es sich bei Corona um eine von den Pharmaunternehmen geschürte Panik handle, mit dem Zweck Masken, Desinfektionsmittel und Medikamente usw. zu verkaufen. Anschließend folgte eine Behauptung, die Wahrscheinlichkeit als unter 50-jähriger an Corona zu sterben, läge bei 1:45 Millionen, also bei weniger als 2 Personen auf ganz Deutschland bezogen. Selbstmord würde 28 mal mehr Todesopfer fordern als Corona.

Peter, der neben Lothar saß, war neugierig geworden.

„Zeich amal. Woss stehdn da?“, und nach einem kurzen Moment des Nachdenkens legte er richtig, beinahe zornig, los.

„Und dess soll von an Universidädsbrofessor stammer? Dess glaubsd doch selber nedd. Dou schau amal her, an Erkältung sinn in die erschdn 2 Monade heuer scho 69602 Menschn weltweid gstorbn. Glaubd anner allen Ernsdes a Brofessor däd Erkältung schreibn? Wergli nedd, des wär dann allenfalls Influenza odder vielleichd nu Gribbe, abber Erkäldung, dassi nedd lach. Laienhafder gehds ja gar nimmer. Du wassd doch nedd amal, ob dei Nachbar a Erkäldung hodd und dee dou, dee wissen dess für die ganze Welt. Und 153696 Selbstmorde. Woher wass mer denn dess so genau? Horch amal, dou kenn ich an Herrn von der Grimminalbollizei in Nämberch, der hädd alaans in unsern Rödnbach scho 5 Selbstmorde mehr diagnosdizierd als dann wergli gwesn sinn. Außerdem sacherd a Fachmann Suizid und nedd Selbstmord.“

Trotz des ernsten Themas und Peters sichtlicher Erregung lachten die Anwesenden bei der Erwähnung von Hauptkommissar Schindler kollektiv auf. Doch Peter war noch nicht fertig.

„Und dann die Behaubdung, dass die Pharmaindustrie des ganze Corona zur Umsatzsteigerung anzeddld hädd. Dee wärn doch heilfroh, wenns überhaubd genuch Maskn und Schutzkleidung für die Krankenhäuser herbringerdn, von die Brivadbersoner ganz zu schweign. Na, suwoss debberds hobbi denn doch nunni ghärd. Dess woss die Aaner midn Kobf und ihrn Einsatz aufbauer, dess reißn solche verantwordungslosn Verharmloser midn Arsch glei widder ei. Dess glaubsd doch nedd wergli Karl, odder?“, wandte er sich direkt an den Wirt.

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