Kitabı oku: «Die Familie Lüderitz»
Inhaltsverzeichnis
Genealogie
Autoren
Prolog
DIE SUCHE BEGINNT: CARL LÜDERITZ UND SEINE GESCHWISTER
1 Wissenschaftler und Armenarzt: Dr. Carl Ferdinand Lüderitz
2 Malerin mit Mut und Talent: Elisabeth Poppe-Lüderitz
3 Glückloser Konsul von Casablanca: Hermann Lüderitz
4 Vom Kaiserlichen Buchhalter zum armen Rentner: Albert Lüderitz
ABTAUCHEN IN DIE VERGANGENHEIT: CARLS URGROSSELTERN UND GROSSELTERN
5 Der Prediger: Johann Carl Lüderitz
6 Die Witwe des Predigers und ihre Töchter
7 Die Söhne des Predigers: Gotthilf Ernst und Carl Friedrich Ferdinand
8 Über Hugenotten und Möchtegern-Hugenotten: die Familien Ahé und Doussin
9 Die nächste Generation: Theobald Lüderitz
10 Die Zwillinge und das Tagebuch des Carl Adolph Lüderitz
HARZREISEN: DIE DEUTSCHE SEELE BEIM WANDERN
11 Berühmte „Vorläufer“: Goethe, Chamisso, Heine, Fontane
12 Das Reisetagebuch des Carl Adolph Lüderitz
13 Das Reisetagebuch des Carl Ferdinand Lüderitz
LÜDERITZ, BEYMEL UND NEIDER: DREI FAMILIENGESCHICHTEN TREFFEN AUFEINANDER
14 Familienbande: die Schwestern Lucie und Ottilie Neider
15 Die große Unbekannte: Ida Kreutzfeld – Haushälterin oder „Dame des Hauses“
16 Vom Memelland bis nach Berlin: die Beymels
17 Die vergessene Sängerin: Anna Goetz geb. Beymel
DIE SPURENSUCHE GEHT WEITER: LÜDERITZ-GESCHICHTEN BIS IN DIE GEGENWART
18 Die Ehefrauen des Georg Lüderitz: Margarete, Elisabeth und Maria
19 Bekannt und verkannt: Adele Lüderitz und Lise Ramspeck
20 Überleben in Nazi-Deutschland: Bernhard Lüderitz
21 Wandlerin zwischen den Welten: Sigrid-Maria Lüderitz
Epilog
Literatur- und Quellenangaben
Danksagung
Über Hayit Medien
Genealogie der Familie Lüderitz

Genealogie der Familie Lüderitz
Hayit Sachbuch
Gendergerechte Formulierung Aus Gründen einer einfacheren Sprache und einer besseren Lesbarkeit wird in diesem Buch auf die Nennung verschiedener Geschlechter verzichtet. Wir distanzieren uns aber ausdrücklich von geschlechtsspezifischen Diskriminierungen, auch im sprachlichen Umgang, und möchten deshalb darauf hinweisen, dass die überwiegende Verwendung der männlichen Form explizit als geschlechtsunabhängig verstanden werden soll.
Impressum
AutorenProf. Dr. Paul Enck Prof. Dr. Gunther Mai Prof. Dr. Michael Schemann
Herausgeber Ertay Hayit, M.A.
Lektorin Ute Hayit
Gesamtproduktion Mundo Marketing GmbH, Köln
1. Auflage, Köln 2021
© copyright 2021, Mundo Marketing GmbH, Köln
Alle Rechte vorbehalten All rights reserved
Printausgabe: ISBN 978-3-87322-296-0
E-Book PDF: ISBN 978-3-87322-297-7
E-Book ePub: ISBN 978-3-87322-298-4
E-Book mobi: ISBN 978-3-87322-299-1
Hayit Medien, eine Unit der Mundo Marketing GmbH
Tel.: 02 21 / 999 846 40, kontakt@hayit.de, www.hayit.de
Autoren

Paul Enck Forschungsleiter in der Klinik für Innere Medizin VI des Universitätsklinikums Tübingen bis 2020. Mehr als 500 wissenschaftliche Publikationen im Bereich Medizin und Psychologie (350 in PUBMED) seit 1982, zumeist englischsprachig, in den letzten fünf Jahren etwa 100 populärwissenschaftliche und journalistische Beiträge zu verschiedenen aktuellen medizinisch-psychologischen Themen (Placebo-Forschung, Darm-Hirn-Interaktion, Zwillingsforschung), zumeist in Englisch, ungezählte Auftritte in Medien (TV, Radio, Internet in Deutschland und im englischsprachigen Ausland), zuletzt Veröffentlichung eines populärwissenschaftlichen Buches (Darm an Hirn, Herder/Freiburg 2017, auch als Hörbuch, ab Juni 2019 als Taschenbuch).

Gunther Mai Emeritierter Professor für Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Universität Erfurt, Autor von knapp 100 Aufsatzpublikationen, 10 Monographien, Herausgabe und Mitherausgabe von 10 Büchern seit 1976. Für seine Aufsätze zum Konzept der „Agrarischen Transition“, das er in die wissenschaftliche Diskussion einführte, wurde er ausgezeichnet mit dem Preis der Fritz-Thyssenstiftung für sozialwissenschaftliche Aufsätze 2007, 2. Platz. Sein Buch über die Weimarer Republik wurde 2011 ins Italienische übersetzt.

Michael Schemann Ordinarius für Humanbiologie an der Technischen Universität München. Mehr als 200 zumeist englischsprachige Publikationen (in PUBMED) zu verschiedenen Themen im Bereich Neurophysiologie des Magen-Darm-Traktes. Viele Auftritte in Medien, zuletzt gemeinsam mit Paul Enck und Thomas Frieling Veröffentlichung eines Fachbuches (Neurogastroenterologie, DeGruyter 2017) sowie eines populärwissenschaftlichen Buches (Darm an Hirn, Herder/Freiburg 2017, auch als Hörbuch, ab Juni 2019 als Taschenbuch) mit einer verkauften Auflage von über 10.000 Exemplaren.
Prolog: Eine Biografie sucht sich ihre Autoren
Die folgende Geschichte haben wir uns nicht ausgesucht. Sie hat sich uns ausgesucht und das kam so: Einer von uns (Michael Schemann) suchte für einen Vortrag ein Foto von Dr. Carl Lüderitz und dem englischen Wissenschaftler James Ritchie. Er rief am 4. August 2018 einen der anderen Autoren (Paul Enck) an, der allzu salopp meinte, das könne nicht so schwierig sein. Nach Stunden der Recherche nach Ritchie im Internet kam eine frustrierte Mail zurück: kein Ergebnis! Und der andere, Carl Lüderitz aus Jena? Kein Eintrag in Wikipedia und bis auf einige wenige Publikationen keinerlei Informationen zu seiner Herkunft, seinem Werdegang, seiner Arbeit und seinem Leben.
Nur in einem Punkt gab es die Gewissheit, dass Dr. Carl Ferdinand Lüderitz der Erstbeschreiber der Peristaltik, einem lebenswichtigen Vorgang, der den Transport der Nahrung durch den Darm ermöglicht (1): Nerven in der Darmwand steuern, dass der Darminhalt vorwärtsbewegt wird und nicht steckenbleibt – solange der Darm gesund ist.
Was als Suche nach einem Foto begann, steigerte sich schnell – nachdem wir den Wohnort Berlin gefunden hatten – zu einer Recherche über die Herkunftsfamilie und deren Nachkommen. Im Zusammenhang mit dem Aufspüren eines Bruders von Carl – Hermann Lüderitz, um die Jahrhundertwende Konsul des Deutschen Reiches in Marokko –, fanden wir den dringend benötigten Historiker (Gunther Mai), der uns vor dilettantischen historischen Einordnungen und allzu vielen Spekulationen bewahren sollte.
Seitdem rekonstruieren wir drei mit wechselnder Intensität, aber auf hohem Niveau die Familiengeschichte der „Lüdis“ von 1700 bis in die Gegenwart. Dabei haben wir mehr als hundert Personen identifiziert, die in der einen oder anderen Weise mit Carl Lüderitz verbandelt sind, namentlich genannt in der Genealogie. Tausend und mehr Dokumente und Urkunden haben wir gesammelt und 10.000 Akten – digital oder analog – durchsucht.
Viele, aber nicht alle Personen tauchen in dieser Sammlung von Geschichten, die nicht immer in chronologischer Reihenfolge erzählt sind, auf. Manche beschränken sich auf eine Generation, viele sind generationenübergreifend. Alle sind so dicht wie möglich an der Realität, soweit sich diese aus Akten rekonstruieren lässt. Wo Fiktion ins Spiel kommt, ist diese gekennzeichnet.
Erst wenn man die Vergangenheit mit der Gegenwart in Beziehung bringen kann, entstehen Geschichten, davor ist es (nur) Geschichte. Leben bekommt Geschichte erst, wenn die Genealogie mit Dingen angefüllt ist, die die Zeit überlebt haben, wie Briefe, Tagebücher oder Fotos. Davor ist es nur ein Haufen Papier. („Hört, hört!“, lässt der Historiker verlauten, „und wer sorgt dafür, dass sie die Zeit überleben? Wir, die Historiker und Archivare.“). Und damit sie die Zeit überleben und Geschichten erzählen können, müssen sie hinterlassen werden; jemand muss sie sammeln und des Aufbewahrens für würdig befinden, und sei es nur in einem Schuhkarton oder auf dem Dachboden. Solche Beispiele werden in einigen Kapiteln beschrieben wie z.B. die Erinnerungen von Carls Vater Carl Adolph, die Bilder seiner Schwester Elisabeth oder sein eigenes Harz-Reisetagebuch.
Ein Foto von Carl Lüderitz haben wir immer noch nicht, dafür aber ein gemaltes Portrait. Eine Freundin meinte, dass wir, hätten wir schneller ein Foto gefunden, vermutlich nicht so weit und tief und lange gegraben hätten. Es ist so: Wir haben uns die Geschichte nicht ausgesucht, sie hat uns gesucht und gefunden.
Titelbild: Von Elisabeth Poppe-Lüderitz, der Schwester von Carl Lüderitz 1888 gemalte Familienszene mit der Malerin (stehend), Mutter Lucie geb. Neider, daneben ihr ältester Sohn Albert, links sitzend der jüngste Sohn Hermann und rechts Dr. Carl Lüderitz
DIE SUCHE BEGINNT: CARL LÜDERITZ UND SEINE GESCHWISTER
1 Wissenschaftler und Armenarzt: Dr. Carl Ferdinand Lüderitz
Wenn man es genau betrachtet, war Dr. Carl Ferdinand Lüderitz der erste richtige Akademiker in einer Kaufmannsfamilie – auch wenn sein Urgroßvater und ein Großonkel Theologie studiert hatten. Dies ist insofern bedeutsam, als es zeigt, dass seine Eltern den Wunsch gehabt haben müssen, ihren Kindern etwas Besseres zu bieten. Das traf zumindest auf die drei Söhne zu, wobei der ältere, Albert, in die Fußstapfen der Vorväter trat und Bankkaufmann wurde. Dabei brachte er es bis in die Reichsbank und zum Kaiserlichen Bankrat. Für die Tochter war ein anderer Weg vorgesehen, aber auch der lässt dieses Motiv erkennen.
Bild 1-1: Stadtplan von Berlin aus dem Jahr 1811 mit dem Eckhaus Markgrafenstraße 74 / Zimmerstraße 31 (roter Pfeil), dem Wohnhaus der Lüderitz-Familie 1820 – 1875 (Quelle: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-opus-104308
Kindheit, Schule, Studium
Carl wurde am 14. Februar 1854 in Berlin geboren und am 17. März in der Jerusalemkirche getauft. Eine seiner Taufpatinnen war Alma Lüderitz geb. Tarnovius aus Stettin, verheiratet mit Theobald Carl Albert, einem Bruder von Carls Vater. Als zweite Patin fungierte ein Fräulein Therese Doussin (im Taufeintrag Toussaint) zu Schönweide. Ihr begegnen wir später noch einmal, da sie einen Bruder der Mutter Lucie heiratet (–> Kapitel 14).
Seit 1820 lebte die Familie Lüderitz im eigenen Haus im Zentrum Berlins, heute Berlin-Mitte: Friedrichstadt, Markgrafenstraße 74 / Ecke Zimmerstraße 31. Zur Schule war es ein Fußweg von 400 m, zum französischen Dom weniger als 1000 m, bis zum Berliner Stadtschloss nur 2000 m – man wohnte im Herzen der Stadt. Das hatte seinen Grund: Die Familie zählte zur französischen (Hugenotten-)Gemeinde. Die Hugenotten hatten in diesem Teil der Stadt ihr kulturelles und ökonomisches Zentrum, hatten Siedlungs-, Bau- und Gewerbefreiheit und Privilegien und ein Recht auf kulturelle Identität gewährt bekommen. Das Haus war 1776 errichtet worden und gehörte damit zur barocken Erstbebauung in diesem Teil der Stadt. Es wurde 1881 abgerissen und durch ein größeres Haus mit mehr Etagen ersetzt, aber zu dieser Zeit wohnte die Familie Lüderitz schon an einem anderen Ort.
Carl und später sein jüngerer Bruder Hermann besuchten das Friedrich-Wilhelms-Gymnasium „um die Ecke“. Dieses war 1811 aus der Königlichen Realschule entstanden und eine Gründung des Pietisten Johann Julius Hecker aus dem Jahr 1747. Die Schule wurde zum führenden humanistischen Gymnasium in Preußen. Die Liste heute noch bekannter Schüler, wie z. B. Reichskanzler Otto von Bismarck, und Lehrer, wie z. B. „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn, war lang. Das Gymnasium zählte 1500 Schüler, als Carl 1866 einer von ihnen wurde.
Über Carls Schulleistungen weiß man wenig, lediglich seine gesammelten Deutschaufsätze mit Noten zwischen sehr gut und mittelmäßig sind uns bekannt. An diesen kann es nicht gelegen haben, dass er im Sommer 1869 ein Semester wiederholen musste. Das war in der Obersekunda, also zwei Jahre vor dem Abitur, das er im Februar 1872 ablegte. Der Oberprimaner Carl erhielt im November 1871 einen Schulpreis für eine „feierliche Rede“ zum Reformationsfest, wie die Schulchronik vermerkt. Einer späteren (1910) eigenen Aussage zufolge (2) hätte er gern ein künstlerisch-musisches Fach studiert. Aus der gleichen Quelle wissen wir, dass er leidlich Klavier spielte und durchaus ein Händchen für das Zeichnen hatte, wenngleich nicht das Talent seiner Schwester Elisabeth. Aber sein Vetter Hermann Nothnagel, sein großes akademisches Vorbild, hatte ihn letztendlich davon überzeugt, Medizin zu studieren.
Am 6. April 1872 schrieb sich Carl an der 1809 gegründeten Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin ein. Zwei Jahre später wechselte er nach Jena, wohin sein Vetter Hermann auf den Lehrstuhl für Physiologie berufen worden war. Zwischen den ersten zwei Semestern in Berlin und der Fortsetzung des Studiums in Jena unternahm Carl eine Reise durch den Harz (–> Kapitel 13).
Seine Familie muss ihn finanziell unterstützt haben, da für Studium, Promotion und Habilitation laut Statut der Universität Jena von 1883 Gebühren zu entrichten waren. Das Studium der Medizin in Jena kostete bei Erstimmatrikulation 21 Mark und 15 Mark für Veteranen (ehemalige Soldaten der Einigungskriege). Das Geld wurde verwendet für: Universitätshaupthalle, Philosophische Fakultät, Bibliothek, Kollegienkirche, Landkrankenhaus, Kollegienhauskasse. Darüber hinaus mussten einige Lehrveranstaltungen als Honorar für den Professor bezahlt werden. Auch die Promotion mit einer klinischen Arbeit über die progressive Muskelatrophie (3) zum Doktor der Medizin und Chirurgie am 25. April 1876 kostete mehrere hundert Mark (von der Kaufkraft her etwa 1600 Euro nach heutigem Wert). Die anschließende Habilitation war ebenfalls mit nicht näher bezeichneten Kosten verbunden.
Folgende Lehrveranstaltungen mussten an der Universität Jena im Fach Medizin belegt werden: Enzyklopädie und Methodologie, Naturgeschichte und Botanik, Chemie und Pharmazie, Anatomie, Physiologie und Anthropologie, Psychologie, Geschichte der Medizin.
Vorlesungen über die medizinischen Wissenschaften waren: Allgemeine und besondere Pathologie, Semiotik, Arzneimittellehre, Formulare, allgemeine und besondere Therapie, Chirurgie, Verbandslehre, Ophthalmologie, Entbindungskunst, Klinik, Tierarzneikunde, Staatsarzneikunde.
Carl richtete am 17. Mai 1880 an die Medizinische Fakultät in Jena das Gesuch, sich als Privatdozent für das Fach Innere Medizin habilitieren zu dürfen. Der Anatom Wilhelm Müller (1832 – 1909) erstellte das positive Gutachten zur Habilitationsschrift. Die öffentliche Verteidigung erfolgte zur Zufriedenheit der Fakultät am 11. Juni 1880. Mit Schreiben des Großherzoglich Sächsischen Staatsministeriums wurde am 29. Juni 1880 die Genehmigung der Habilitation an der Medizinischen Fakultät für das Fach Innere Medizin erteilt. Vom Wintersemester 1880/81 bis einschließlich Wintersemester 1881/82 hielt Carl als Privatdozent Lehrveranstaltungen ab. Im Jahre 1882 verließ Carl Jena und ging zurück nach Berlin, als auch Nothnagel Jena den Rücken kehrte, um einen Ruf in Wien anzunehmen.
Militärdienst und ärztliche Ausbildung
Bevor wir Carl nach Berlin folgen, ein paar Anmerkungen zum Militärdienst und zur klinischen ärztlichen Ausbildung, wie sie 1882 und sicherlich nicht nur in Jena üblich waren.
Im Jahr 1877 betrug die Wehrpflicht in der Regel drei Jahre. Als Einjährig-Freiwilliger war seine Pflichtzeit auf ein Jahr begrenzt. Carl meldete sich nach dem Staatsexamen zum Militärdienst. In seinem kurzen Lebenslauf am Ende der Habilitation (4) erwähnte er, dass er „ein Jahr hindurch seinen militairischen Pflichten Genüge geleistet“ habe. Die Einjährig-Freiwillige Militärzeit setzte ausreichende Geldmittel voraus, da Unterkunft und Ausstattung selbst finanziert werden mussten. Darüber hinaus musste der Anwärter die Mittlere Reife (Sekundarreife) an einem Gymnasium oder einer Mittelschule erworben haben. Aus diesem Grund wurde das Examen der Mittleren Reife lange Zeit als „das Einjährige“ bezeichnet.
Als Freiwilliger konnte man sich die Waffengattung aussuchen. Da Carl erst nach seiner Militärzeit im April 1878 die Stelle des Assistenzarztes an der Landesanstalt Jena antrat, muss ihn die Familie weiterhin unterstützt haben.
Carl wurde Assistenzarzt (cand. med. Hilfsarzt) an der Medizinischen Klinik unter Direktor Hermann Nothnagel (1841 – 1905) in Jena (SS 1878 bis WS 1881/82) und wohnte in der Bachgasse 417 – 418. Dies war gleichzeitig die Adresse der Grossherzoglichen Landes Heil-, Irren- und Pflegeanstalten und somit vermutlich seine Dienstwohnung. Nothnagel war dort der Lehrstuhlinhaber für Physiologie und Direktor der Medizinischen Klinik.
„In den Jahren 1788-91 wurden die zu Beginn der 80er Jahre auf dem Gelände in der Bachstraße [zu Carls Zeiten: Bachgasse] ... gegründeten Privatkliniken in eine aus Staatsmitteln finanzierte Einrichtung, das Medicinisch-Chirurgisch-Klinische Institut, umgewandelt. 1803 errichtete die Stadt Jena ein Krankenhaus ... in das jeder Landesangehörige gegen Erstattung der Verpflegungskosten aufgenommen werden konnte ... Hatten die Jenaer Medizinstudenten um 1800 die Kranken überwiegend noch in ihren Wohnungen zu besuchen und zu behandeln, setzte sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts die stationäre Betreuung mehr und mehr durch. Die Bettenzahl ... stieg allein zwischen 1880 und 1900 von 279 auf 539“ (5).
Gegen Ende seiner Ausbildung übernahm Carl im September 1876 die Praxisvertretung von Albert Nothnagel. Der Vater von Hermann Nothnagel war Dorfarzt (Wundarzt) in Alt-Lietzegöricke, einem kleinen Ort auf der östlichen Oderseite (Stare Łysogórki, heute Polen). Hermann Nothnagel schrieb am 1. Oktober 1876 in einem Brief an seinen Freund Dr. Schröder: „... und dann hatte sich mein alter Papa zum ersten Male seit 38 Jahren aus seiner Praxis auf 8 Tage losgemacht, und zwar ohne Sorgen, weil Karl Lüderitz ihn vertrat (ja, so weit ist der schon!)“ (2).
Zwischen Wissenschaft und Armenmedizin
Wissenschaftler haben eine spezifische Sicht auf diese Welt, also eine eher wissenschaftlich-verengte Perspektive. Carls Wissenschaft war das Erste, was wir wahrgenommen haben, als wir seine Fährte aufnahmen und anfingen, nach ihm zu suchen. Neben der gelegentlich zitierten Arbeit (1) gab es weitere Arbeiten zum Thema Darmmotorik, aber auch Arbeiten zur Mikrobiologie (Bakterien) und zur Kreislaufphysiologie. Jedoch wurden diese zehn Jahre und später nach seinem Umzug nach Berlin publiziert, also nach 1889. Das heißt, jedenfalls nach heutigem Standard, dass die Daten erst in der Zeit in Berlin erhoben wurden, und das wiederum, dass sie aus einem experimentell ausgestatteten Forschungslabor stammen müssen und nicht aus dem Hinterzimmer einer Arztpraxis. In der Tat trugen einige dieser Arbeiten den Vermerk „Aus dem physiologischen Institut zu Berlin“ und „Aus dem hygienischen Institut der Universität Berlin“, allerdings – anders als heutige Praxis – mit Carl Lüderitz als einzigem Autor. Bei einigen Arbeiten war auch „Dr. Carl Lüderitz, praktischer Arzt in Berlin“ vermerkt.
Bild 1-2: Foto vom Eingangsbereich der Jenaer Landeskrankenanstalten vor 1910 mit Blick auf die Medizinische Klinik (Quelle: unbekannter Fotograf; zur Verfügung gestellt von Frank Döbert, Jena)
Naheliegend war es, zunächst die Institute und deren Archive zu kontaktieren, so auch das Archiv der heutigen Humboldt-Universität. Immerhin handelt es sich um das Hygiene-Institut des Robert Koch (1843 – 1910), der 1885 nach Berlin berufen worden war, und um den Lehrstuhl des Physiologen Johannes Gad (1842 – 1926). Beide waren akademische Größen jener Zeit, deren Namen noch heute Klang haben. Insbesondere das Robert-Koch-Institut, das aus dem 1891 gegründeten und nicht zur Universität gehörigen Königlich Preußischen Institut für Infektionskrankheiten entstanden war und von Robert Koch geleitet wurde, hat alle Aktivitäten rund um das Institut penibel dokumentiert. Zum Abschied von der Universität wurde Robert Koch 1891 ein Album mit Fotos aller Mitarbeiter des Instituts überreicht. Carl Lüderitz war nicht darunter (6). In den Annalen des Gad-Instituts fand sich ebenfalls kein Hinweis auf einen Mitarbeiter Carl Lüderitz, auch wenn Lüderitz ihm in einer Arbeit für die Unterstützung dankte und Gad in einer eigenen Arbeit Lüderitz zitierte. Auch das Archiv der Universität und das Institut für Geschichte der Medizin an der Universität kannten ihn nicht.
Also packten wir das Problem von der anderen Seite an und suchten in Berlin den praktischen Arzt Dr. Carl Lüderitz im Jahr 1882. Hierbei lernten wir – zumindest die Nicht-Historiker – zum ersten Mal den Nutzen der historischen Adressbücher kennen, zumal sie, wie in Berlin, seit 1819 Jahr für Jahr herausgegeben wurden und inzwischen alle digital zur Verfügung stehen.
Carl war ab 1882 schnell und mit fast jährlich wechselnden Adressen im Süden der Stadt gefunden, bis er 1890 am Mariannenplatz 8 im Stadtteil Luisenstadt (heute: Kreuzberg) eine dauerhafte Bleibe für seine Praxis fand. Hier blieb er bis 1907 als „Lüderitz, C., Dr. med., prakt. Arzt etc., SO Mariannenplatz 8, 8 - 9, 4 - 5“. Letztere Angaben, so der Eintrag im Adressbuch von Berlin, bezogen sich auf die täglichen Sprechzeiten.
Bild 1-3: Wohnung und Praxis (Grundriss) am Mariannenplatz 8, Erdgeschoss aus dem Jahr 1864; (Abdruck mit freudlicher Genehmigung der Bauaktenkammer Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, Berlin vom 19.10.2020). Die Aufteilung der Räumlichkeiten in Praxis, Privat- und Personalbereich ist natürlich hypothetisch.
Das Haus gehörte zeitweilig zum Diakonissenhaus Bethanien, das gegenüber der Praxis ein Krankenhaus betrieb.
In den ersten zehn Jahren seiner Berliner Zeit finden wir Carl gelegentlich als Vortragenden und Zuhörer auf wissenschaftlichen Kongressen in Berlin. Immerhin wurde er auf einer Sitzung der „Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Mathematisch-Naturwissenschaftliche Classe von 1889“ – wobei es um Untersuchungen über die Zersetzung von Eiweiß durch anaerobe Spaltpilze ging – von Marcel Nencki (1847 – 1901) ausdrücklich erwähnt. Der polnische Chemiker und Arzt, der zu dieser Zeit im schweizerischen Bern forschte, dankte ihm für die Überlassung der Bakterienstämme, die Carl entdeckt hatte. Einige dieser zu den Clostridien zählenden Bakterienstämme (Bact.liquefaciens-parvus, B.radiatus, B.solidus, B.spinosus) waren seinerzeit mit der Namenserweiterung Lüderitzii versehen.
Nach 1892 endete Carls Engagement in der Wissenschaft abrupt, vollständig und endgültig. Wir können nur mutmaßen, dass er sich zehn Jahre Zeit gegeben hatte, um eine akademische Position zu erlangen. Vermutlich hat er deswegen „gratis“ an den universitären Instituten gearbeitet, sich möglicherweise auch Laborzugang und -zeit erkauft in der Hoffnung, mit solchen Vorleistungen eine Chance zu bekommen. Warum es am Ende nicht geklappt hat, kann auch nur vermutet werden.
Hier ein paar Ideen:
Er hätte mit Nothnagel nach Wien gehen sollen, aber er wollte nach Berlin zu seiner Familie.
Er hätte nach Wien gewollt, aber Nothnagel konnte ihn nicht mitnehmen.
Er hätte mehr und früher experimentieren und schreiben müssen, um den Erwartungen gerecht zu werden, aber er musste seinen Lebensunterhalt verdienen.
Er war am Ende doch mehr Arzt als Wissenschaftler, wollte Patienten sehen und nicht Labortiere.
Er war seinem großen Vorbild Nothnagel nicht gewachsen und hat dies eingesehen.
Es steckte am Ende gar eine Frau dahinter, dass er zurück nach Berlin gehen wollte.
Es könnte sein, dass ihm schon zu der Zeit bewusst war, dass der ehrenvolle Titel eines „Sanitätsrathes“ Publikationen voraussetzte und seine Veröffentlichungen diesem Zwecke dienten.
Die Überraschung kam diesmal nicht beim systematischen Suchen, sondern beim Surfen im Netz. Irgendwann tauchte der Name „Carl Lüderitz“ nicht nur im Einwohner- und Straßenverzeichnis der Berliner Adressbücher auf, sondern auch auf den amtlichen Seiten. Dort fanden wir „Dr. med. Carl Lüderitz“ als amtlich bestellten Armenarzt, und das nicht nur in einem Jahr, sondern fast in seiner gesamten Berliner Zeit von 1883 bis 1903. Er war auch als Säuglingsarzt registriert und Vertreter der Ärzteschaft in der Armenkommission, die die Aufgaben der Armenärzte und deren Verteilung regelte. Die Armenärzte waren in einem Verein organisiert, der sich um ihre Belange kümmerte (7).
Bild 1-4: Die zu den Armenarzt-Bezirken Nr. 84, 93-97 in der Luisenstadt („jenseits des Kanals“) des Dr. Carl Lüderitz im Jahr 1890 gehörenden Straßenzüge (rechts) zwischen Mariannenplatz (Praxis: blauer Punkt) und Görlitzer Bahnhof, projiziert auf einen Stadtplan von 1893 (Quelle: Beilage zum Berliner Adressbuch, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-2482696)
Berlin hatte 1885 etwa 1,3 Millionen Einwohner. Die Stadt war unterteilt in 326 Armenarzt-Bezirke in den verschiedenen Stadtteilen, die von insgesamt 63 Armenärzten betreut wurden. Hinzu kam eine Reihe von Spezialärzten (Augenärzte, Kinderärzte), die nur gelegentlich konsultiert wurden. Diese Armenarzt-Bezirke hatten unterschiedliche Einwohnerzahlen, je nach Dichte der armen Bevölkerung. Im Norden war diese größer als im Süden der Stadt. In Moabit und Wedding beispielsweise war ein Armenarzt für etwa 10.000 Einwohner zuständig. In der Luisenstadt, dem heutigen Kreuzberg, oder im Bezirk Friedrichstadt, der heutigen „Mitte“, entfielen bis zu 50.000 Einwohner auf einen Armenarzt. Im Mittel waren es, wie bei Carl, etwa 20.000 Menschen. Insgesamt gab es – ausweislich der Sozialstatistik jener Jahre – etwa 45.000 „Hausarme“ (3,8 % der Bevölkerung; 1878 waren es noch 35.000 gewesen), die von den Armenärzten betreut wurden. Nicht mitgerechnet waren die in Armenhäusern lebenden Personen. Damit entfielen auf jeden Armenarzt im Mittel etwa 700 Patienten. Carls Revier waren 1885 und in den nachfolgenden Jahren die Bezirke 84 und 93–97 mit insgesamt 19.800 Einwohnern (–> Bild 1-4).
---------
Ein Armenarzt behandelte üblicherweise Prostituierte, von denen es in Berlin um 1900 ca. 20.000 gab, an Sommerdiarrhöe leidende Kinder infolge verdorbener Milch, Waisenhaus-Pfleglinge, Leiden aufgrund schlechter Luft oder Schimmelpilzbildung in überhitzten Mietskasernen, Schwindsüchtige und Geschlechtskranke. Zu seinen Patienten zählten aber auch Obdachlose, Arbeitslose und generell Menschen ohne Krankenversicherung (Anfang 1900 noch 85 % der Bevölkerung). Er war zuständig für deren Medikamentenverordnungen, Krankschreibungen und Krankenhauseinweisungen. Dazu mussten Armenärzte eine morgendliche Sprechstunde, üblich von 8.00 bis 9.00 Uhr, einrichten und für Patienten ansprechbar sein. Darüber hinaus hatte der Armenarzt Ratgeberfunktion in Sachen Hygiene und Krankmeldungen; damit verbunden war eine Überwachungsaufgabe mit entsprechender Meldepflicht. Ein Armenarzt wurde – laut Ausschreibung der Stelle im Gemeindeblatt und Bewerbung durch den Arzt – von der Armenverwaltung des jeweiligen Bezirks eingestellt und erhielt ein Einkommen. Die Amtszeit eines Armenarztes betrug in der Regel drei Jahre mit der Möglichkeit der Wiederwahl. Manche waren wie Carl 20 Jahre und länger als Armenarzt tätig, andere sind nach nur einem Jahr ausgestiegen. Die Ausgaben für Gehälter aller Armenärzte betrugen in Berlin für das Jahr 1888 insgesamt 82.290 RM (8). Sowohl das Budget als auch die Anzahl der Armenärzte war zwei Jahre zuvor (1886) erhöht worden. Aus diesem Budget wurden 1885 bis 1888 die 63 Armenärzte bezahlt, d. h. deren Jahresgehalt betrug um die 1300 RM. Dies entsprach dem Durchschnittsgehalt eines technischen Angestellten in der Industrie und war dem eines angestellten Arztes durchaus gleichwertig. Die mehr als 100 Ärzte des Gewerkschaftskrankenvereins erhielten als Durchschnittsgehalt 1400 Mark, Berufsanfänger aber deutlich weniger. Nach anderen Quellen lag das Anfangsgehalt eines Assistenzarztes mit 1200 Mark deutlich unter dem des Armenarztes (9). Davon konnte ein Mensch zu jener Zeit offenbar leben, wahrscheinlich sogar eine Familie gründen und ernähren.
---------
Ob sich Carls Situation verbesserte, als er am 18. Dezember 1899 zum Sanitätsrat ernannt wurde, wissen wir nicht. Sicher half es ihm, Privatliquidationen zu erzielen. Der nichtakademische Titel wurde vom preußischen Gesundheitsministerium (korrekt: Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medicinal-Angelegenheiten) für mindestens 20-jährige Verdienste im öffentlichen Gesundheitswesen verliehen.
Die Akte des Ministeriums für die Jahre 1898 bis 1899 10 gibt Auskunft. Von den ca. 2500 Ärzten im Berlin des Jahres 1898 trugen 25 den Titel „Sanitätsrath“, davon wiederum ein geringer Teil den des „Geheimen Sanitätsrathes“. Vorschlagsrecht hatten Ministerialbeamte, aber auch Gemeindevorsteher und andere Amtspersonen konnten Vorschläge einreichen.
Die Vorschlagsliste des Ministeriums ging dann zwecks sozialer Überprüfung als Erstes an den Polizeipräsidenten in Berlin. Dabei wollte man vor allem ermitteln, ob der Arzt bereit war, die damit verbundenen 300 Mark „Stempelgeld“ zu bezahlen. Bereits die preußische Bürokratie ließ sich diese als privat angesehenen Privilegien offenbar gern bezahlen und erhob deftige Gebühren. Zum Vergleich: Das war in jenen Jahren ein Viertel des Jahresgehaltes eines Armenarztes und 5 % seines Jahreseinkommens.
Dazu war nicht jeder Arzt bereit oder in der Lage. In einem Schreiben des Polizeipräsidenten an den Minister schilderte dieser, dass die Erkundungen manchmal von der örtlichen Schutzpolizei durchgeführt worden seien, was den einen oder anderen „Auserwählten“ erbost habe.
Das Einschalten des Polizeipräsidenten hatte aber sicherlich noch einen anderen Hintergrund: Im Falle von Dr. Lüderitz schrieb der Polizeipräsident am 15. Februar 1898:
„Dr. Lüderitz ist nicht verheiratet, lebt in geordneten Verhältnissen (hat ein Jahreseinkommen von 5500 bis 6000 Mark und ein Vermögen von 24000 bis 28000 Mark). Politisch gehört er zur deutschfreisinnigen Vereinigung. In moralischer Beziehung hat er zu Ausstellungen keine Veranlassung gegeben. Als Arzt erfreut er sich einer ganz guten Praxis, besonders in weniger bemittelten Kreisen der Bevölkerung, er ist auch langjähriger städtischer Armenarzt und hat sich durch sein gründliches Wissen das Vertrauen seiner Kranken erworben. Am ärztlichen Vereinswesen nimmt er als Mitglied des Luisenstädtischen Ärztevereins sowie wissenschaftlicher Vereinigungen theil. Bei seinen Kollegen steht er im Ansehen.
In wissenschaftlicher Beziehung ist er eifrig und mit Erfolg thätig gewesen. Seine ersten Veröffentlichungen stammen aus einer Zeit, in welcher er in Jena als Assistent Nothnagels angestellt war, aber auch später, als er in das eigentliche, praktische Leben eingetreten war, bestätigte er fortgesetzt eine Vorliebe für wissenschaftliche Forschung. Er hat auch nachher wiederholt in staatlichen Laboratorien gearbeitet und seine Ergebnisse in Pflügers Archiv, in Virchows Archiv, in der Zeitschrift für klinische Medizin, in der Zeitschrift für Hygiene veröffentlicht, auch befand er sich auf den ärztlichen Kongressen zu Berlin unter den Vortragenden. Seine Arbeiten sind meist physiologischer Natur, sie betreffen besonders die Darmperistaltik, behandeln aber auch praktische Fragen. Eine derselben ist anatomischer Natur und bezieht sich auf das Rückenmarksegment, eine andere Veröffentlichung betrifft bakterielle Forschungen und ist im Hygienischen Institute vorhanden“.(10)
In einem weiteren Vorgang in der gleichen Akte schlägt der Polizeipräsident am 18. April 1899 vor, einen an sich sehr verdienten Arzt aus der Auswahl für zwei weitere Jahre herauszunehmen. Er sei noch sehr jung und eine so frühe Auszeichnung könne insbesondere unter den älteren Kollegen, die noch nicht ausgezeichnet worden seien, Unruhe erzeugen. In einem Obrigkeitsstaat regelte die oberste Ordnungsbehörde, die Polizei, offenbar auch Eifersüchteleien unter Privatleuten.
Carl zahlte und erhielt mit Datum vom 18. Dezember 1899 sein Patent als Sanitätsrat. Wie wir vom Polizeipräsidenten wissen, hatte er zusätzlich zu seinem Gehalt als Armenarzt einige Einnahmen (4000 bis 4500 Mark / Jahr). Zumindest nachdem er seine wissenschaftlichen Forschungen um 1892 eingestellt hatte, dürfte ihm dazu die Zeit geblieben sein. Andererseits waren seine Armenbezirke in der Berliner Luisenstadt mit 20 Ärzten für 20.000 Einwohner (1890) damals eher überversorgt. Reich wird er dort nicht geworden sein, vergleicht man sein Einkommen mit dem der anderen Ärzte aus den Sanitätsrats-Akten jener Jahre. Und dann verschwand Carl 1907 von einem Tag auf den anderen aus Berlin. Es sollte Wochen dauern, bis wir ihn wieder ausfindig gemacht hatten.
Lebensabend in Waldsieversdorf
Wir haben Carl auf zwei verschiedenen Wegen und nahezu gleichzeitig wiedergefunden. Beide Wege sind typisch für die Art und Weise, wie Recherchen manchmal verlaufen: lange Zeit langweiliges Durchforsten von Akten und Dokumenten und dann Überraschungsfunde an Stellen, an denen man sie nicht erwartet hätte.
Weg 1 (der systematische): Auf der Suche nach weiteren Veröffentlichungen von Carl hatten wir auch das Zentrale Verzeichnis antiquarischer Bücher (ZVAB) durchforstet und waren dort auf eine uns bislang unbekannte Publikation gestoßen: „Carl Lüderitz: Gedanken zur allgemeinen Energetik der Organismen. Berlin, Hirschwald Verlag 1910“. Diese späte Publikation war auch in anderen Medien besprochen worden – allerdings nicht immer positiv (11). In seinem Vorwort gab Carl preis, dass er ca. 50 km östlich von Berlin in Waldsieversdorf im Märkischen Oderkreis wohnte.
Weg 2 (der zufällige): Bei einer Google-Recherche, diesmal nach „Sanitätsrat Lüderitz“, tauchte weiter hinten in der Listung der Suchergebnisse eine Quelle auf, auf die wir nie im Leben gekommen wären. In einem Buch von Ute Lissa und Rosemarie Brüning, in dem sie über die Lebenserinnerungen ihres Vaters Paul Brüning (12) berichten, erwähnt dieser, dass er 1922 seine zukünftige Frau in der Kindermannstraße 28 in Waldsieversdorf im Haus des Sanitätsrates Dr. Lüderitz kennengelernt habe. Der hatte im Obergeschoss einen Raum an Lehrerinnen des Pädagogiums in Waldsieversdorf vermietet. Paul Brüning erwähnt auch, dass die Dame des Hauses den Kaffee serviert habe.
Bild 1-5: Lageplan der Villensiedlung Waldsieversdorf Ferdinand Kindermanns von 1910. Markiert (roter Punkt) ist das Haus in der Kindermannstraße 28, das Carl Lüderitz gekauft hatte (Quelle: (13), Wiederabdruck mit freundlicher Genehmigung der Witwe von Ottfried Schröck)
Sollte Carl Lüderitz doch eine Familie gegründet haben?
Wenn man heute nach eher mühsamer Anfahrt aus Berlin über die B 1 Richtung Frankfurt (Oder) nach Waldsieversdorf kommt, trifft man auf ein langweilig anmutendes Örtchen von vielleicht 800 Einwohnern. Dieses ist allerdings idyllisch an einem See gelegen und mit ein paar recht eindrucksvollen Häusern ausgestattet, wie sie typisch sind für die Landschaft des Märkischen Oderlands. Wer es nicht kennt, fährt leicht daran vorbei. Für Berliner war dieser Teil der Umgebung immer auch Naherholungsgebiet.
Der Ort selbst wirkt geplant, und das ist er auch: Es handelt sich um die 1895 von Ferdinand Kindermann gegründete Villensiedlung. Im Jahr 1910 hatte Waldsieversdorf 378 Einwohner, einer davon war Carl Lüderitz.
Unsere erste Informationsquelle für Waldsieversdorf, das vor 1907 Wüste Sieversdorf hieß, waren der rührige, leider 2019 verstorbene Heimatforscher Dr. Ottfried Schröck (13) und sein Freund Richard Bosdorf. Letzterer ist der heute 80-jährige Sohn des ehemaligen Bürgermeisters von Waldsieversdorf. Beide hatten Carl nicht mehr erlebt, wussten aber zu berichten, dass nach dem Zweiten Weltkrieg im Nachbarhaus Kindermannstraße 28 „Tante Ida“, die Haushälterin des Armenarztes wohnte (–> Kapitel 15). Sie war 24 Jahre jünger als Carl, was uns zu Spekulationen und Fantasien Anlass gab. Hier nur so viel: Sie starb 88-jährig im Jahre 1966 in der Alterspsychiatrie in Eberswalde. Sie war es auch, die den Tod von Carl Lüderitz meldete: Carl Lüderitz starb am 16. November 1930 in seinem Haus in Waldsieversdorf. Er wurde laut Sterbeurkunde des Standesamtes Buckow, zu dem der Ort gehört, 76 Jahre alt. Sein Neffe Georg gab später als Todesursache „Nierenschwund“ an, was auf eine chronische Nierenerkrankung hinweisen könnte. Allerdings ist diese Diagnose vorsichtig zu interpretieren. Da Carl Lüderitz der einzige Arzt in dieser Familie war, ist die mündliche Überlieferung der Diagnose „Nierenschwund“ vermutlich verzerrt, und es könnte sich auch um ein „hepatorenales Syndrom“ bei Leberzirrhose gehandelt haben (14).
Aber was hat der Sanitätsrat zwischen 1907 und 1930 in Waldsieversdorf gemacht? Warum ist er überhaupt dorthin gegangen? Die erste Idee war, es könnte ihn wegen des dort zwischen 1906 und 1908 von Ferdinand Kindermann gegründeten Sanatoriums dorthin gezogen haben. Aber das erwies sich schnell als falsche Spur: Sanatoriumsarzt war ein Dr. Otto Friederich aus Müncheberg, der 1899 die Tochter von Kindermann geheiratet hatte. Auch in der Umgebung fand sich keine Spur von Carl als Land-, Dorf- oder Stadtarzt. Erst das liebe Geld brachte uns auf die richtige Fährte: Er hat sich zur Ruhe gesetzt, wurde Privatier. Und das kam so:
Als Carls Mutter Lucie Lüderitz geb. Neider 1875 das Haus in der Markgrafenstraße 74 verkaufte, hat sie dafür wahrscheinlich erheblich mehr bekommen als das, was die Familie Lüderitz-Doussin viele Jahre zuvor hineingesteckt hatte. Benötigt wurde dieses Geld sicherlich für die Ausbildung, speziell für das Studium von Carl und Hermann und für die Mal-Ambitionen von Elisabeth. Albert war zu jenem Zeitpunkt noch nicht Angestellter der Reichsbank, sondern Kaufmann. In der Folgezeit zogen Lucie Lüderitz und ihre Familie, nach und nach kleiner werdend, von Mietwohnung zu Mietwohnung. Zunächst lebte man in der Friedrichstadt (heute: Mitte), dann in der Luisenstadt (heute: Kreuzberg), später ging es nach Friedenau. Zuletzt wohnte Lucie Lüderitz allein in Friedenau in der Fregestraße 62, wo sie am 8. September 1900 starb.
Wenige Jahre danach (laut Adressbuch vor 1903) kauften die beiden Brüder Albert und Carl Lüderitz in Friedenau (damals ein Teil von Schöneberg) zwei Wohnhäuser: Cranachstraße 51 und 52. Während Albert mit seiner Familie 1903 in die Nr. 51 zog und dadurch endlich bis 1918 ein dauerhafteres Zuhause hatte (–> Kapitel 4), verkaufte Carl seinen Teil vor seinem Umzug nach Waldsieversdorf im Oktober 1906.
Einmal auf die Spur des Geldes gesetzt, recherchierten wir weiter. Nachdem wir von der Villenkolonie Waldsieversdorf erfahren hatten, war es naheliegend anzunehmen, dass sich Carl hier eingekauft hatte. Kindermann hatte seine Villen wie warme Semmeln zu Preisen zwischen 7500 und 20.000 RM angeboten, für Grund und Boden, für ein komplett erstelltes Haus und Anschluss an die lokale Wasserversorgung (15). Er hatte seine Pläne in ein politisches Gewand gehüllt, einschließlich Anzeigenschaltungen im sozialdemokratischen „Vorwärts“, und kämpfte auf politischem und gerichtlichem Wege für seine Kolonie. Er wohnte 1894 in Berlin-Charlottenburg (Kantstraße 63). Gut möglich, dass er den Sanitätsrat Lüderitz persönlich kannte und überzeugte, bei ihm einzusteigen.
Das zuständige Katasteramt Strausberg gab bereitwillig Auskunft: Den nur teilweise erhaltenen Grundbüchern zufolge kaufte Carl direkt von Kindermann in Waldsieversdorf drei Grundstücke, die bereits vor 1900 auf seinen Namen im Grundbuch eingetragen wurden: Kindermannstraße 28 (damals Hausnummer 27; auf diesem Grundstück stand ein Haus) sowie in der Seestraße die Grundstücke 6 und 64, beides reine Wohnbauflächen. Das Grundstück Seestraße 64, das die Verlängerung des Grundstückes Kindermannstraße 28 bis hinunter zur Seestraße am Ufer des Großen Däbernsees war, verkaufte er kurze Zeit später an einen Justizrat aus Berlin. Die beiden anderen blieben bis zu seinem Tode in seinem Besitz.
Bild 1-6: Muster des Hauses, das Carl Lüderitz in Waldsieversdorf gekauft hatte / Quelle: (14)
Mit diesem Polster dürfte er die mehr als 25 Jahre bis zu seinem Tod 1930 gut gelebt und wahrscheinlich auch die Zeit des Ersten Weltkriegs, die darauffolgende Versorgungskrise und die Weltwirtschaftskrise der späten 1920er Jahre gut überstanden haben.
Die Auskunft des Katasteramtes barg aber eine weitere Überraschung: Für die beiden verbliebenen Grundstücke war als Erbin Carls Haushälterin Ida Kreutzfeld eingetragen. Carl hatte also seine Haushälterin, wenn sie es denn war und nicht seine Geliebte, großzügig abgesichert. Dies gab Raum für viele Spekulationen (–> Kapitel 15).
Eines der Grundstücke wurde 1966, kurz vor Idas Tod, verkauft. Das andere wurde 1970 an eine Marie Lüderitz geb. Beymel übertragen und von dieser an eine Renate Ehrlich geb. Beymel weitergegeben. Es sollte lange dauern, bis wir die Verbindungen dieser beiden Frauen zu „unserer“ Familie Lüderitz aufgeschlüsselt hatten.
Wir wissen nicht, was Carl in den 24 Jahren, die er in Waldsieversdorf lebte, tagtäglich getan hat. Er hat gelegentlich als Arzt praktiziert, aber wohl mehr im Rahmen der Nachbarschaftshilfe. Es gibt nur zwei Dokumente, beide von 1910, denen man entnehmen kann, dass er die naturwissenschaftlich-philosophischen Debatten seiner Zeit verfolgte. Das heißt, er hat gelesen, er hat über das Gelesene nachgedacht und seine Gedanken schriftlich in dem Büchlein „Gedanken zur allgemeinen Energetik der Organismen“ (11) festgehalten.
Carl war Abonnent der Zeitschrift „Neue Weltanschauung. Monatsschrift für Kulturfortschritt auf naturwissenschaftlicher Grundlage“. Ein Brief an den Herausgeber, Dr. Wilhelm Breitenbach (1856/57 – 1937), offenbart Carls politisch-philosophische Grundgedanken (16), die er auch in seinem 1910 erschienenen Büchlein ausführte (11). Er war offensichtlich kein Anhänger von Ernst Haeckel (1834 – 1919) und dessen „Monismus“. Der rastlose und charismatische Philosoph wurde zunächst bekannt als Verbreiter der Theorien Darwins in Deutschland, die er zu einer eigenen Theorie der Einheit von Materie und Geist (Monismus) entwickelte. Zu deren Verbreitung gründete er 1906 in Jena den Monistenbund.
Lüderitz distanzierte sich von Haeckel, den er aus seiner Jenaer Zeit gekannt haben mag. Er war zwar von der Bedeutung der Naturwissenschaften überzeugt, wies aber auch den Geisteswissenschaften eine wichtige Rolle bei der Erklärung von Leib und Seele zu. Carl war offensichtlich nicht der Meinung, dass alle Vorgänge naturwissenschaftlich zu erklären seien. Sonst hätte er in dem Brief an Breitenbach nicht vehement der Vorstellung widersprochen, dass Bewusstsein durch Hirnaktivitäten zu erklären sei. Das wäre heute unter Neurophysiologen Konsens, auch wenn die exakten Hirnströme noch undefiniert sind.
Allerdings wird aus seinen Ausführungen nicht klar, ob er auch der Religion eine Rolle zusprach. Dagegen spricht seine Abneigung gegen das Metaphysische und Übersinnliche. In seinem Brief an Breitenbach (16) bezog er sich auf die Philosophen Richard Avenarius (1843 – 1896) und Ernst Mach (1838 – 1916), beide Anhänger des Empiriokritizismus. Deren Erkenntnistheorie basiert auf reiner Erfahrung im Sinne von Messwerterfassung und nachweisbaren Prozessen. Dies mag seine in den Publikationen 1889 und 1890 zum Ausdruck kommende Hingabe zur Detailbeschreibung erklären. In keiner Veröffentlichung wurde die Darmaktivität jemals in solcher Genauigkeit und Gründlichkeit wie auch mit der ehrlichen Betonung der biologischen Varianz beschrieben. Der österreichische Physiker Mach war ein überzeugter Liberaler und später bekennender Sozialdemokrat – eine damals unübliche Einstellung für einen Universitätsprofessor.
Die erkennbare Zuwendung zu Machs politisch-philosophischen Ansichten spiegelt sich in Carls Zugehörigkeit zu den Deutsch-Freisinnigen wider, wie der Polizeipräsident von Berlin anlässlich seiner Ernennung zum Sanitätsrat berichtete. Die Deutsch-Freisinnige Partei, der auch Rudolf Virchow angehörte, war eine kurzlebige (1884 – 1893), nach damaligem Verständnis linksliberale Partei, die auf den Kronprinzen Friedrich setzte. Von diesem erhoffte sie sich eine Parlamentarisierung der Monarchie. Friedrich starb jedoch nach nur 99 Tagen, so dass ihm in diesem Drei-Kaiser-Jahr 1888 sein Sohn Wilhelm II. nachfolgte. Die Partei zerfiel, vereinigte sich 1910 erneut und ging im Wesentlichen 1918 in der Deutschen Demokratischen Partei auf.
Nach diesen Ausflügen in die Welt der Philosophie zog Carl vor, bei seinem Gelernten zu bleiben. Davon zeugt ein Halbsatz in den bereits 1972 niedergeschriebenen Erinnerungen des Enkels des Villenkolonie-Gründers Kindermann, Eberhard Friedrich. Darin schildert der Sohn des Sanatoriumsarztes Otto Friedrich, wonach die ortsansässige Schwester des Sanatoriums bei klinischen Notfällen „auch von meinem Vater und dem dort als Ruheständler noch etwas praktizierenden Dr. Lüderitz zugezogen wurde“ (17). So ganz konnte Carl die „Doktorspiele“ offenbar nicht sein lassen.
2 Malerin mit Mut und Talent: Elisabeth Poppe-Lüderitz
Am Anfang waren wir lediglich auf der Suche nach Informationen über den Berliner Arzt Dr. Carl Ferdinand Lüderitz. Aber bei einer solchen Recherche sind natürlich auch die engsten Familienangehörigen von biografischer Bedeutung, insbesondere wenn es sich dabei um einen kaiserlichen Oberbuchhalter der Reichsbank (Albert Lüderitz), einen Diplomaten im Dienst des Deutschen Reiches in Casablanca (Hermann Lüderitz) und eine aufstrebende junge Künstlerin (Elisabeth Lüderitz) handelte.
Während die beiden späteren Akademiker Carl und Hermann noch relativ leicht zu finden waren, gestaltete sich die Suche nach Elisabeth wesentlich schwieriger. Es gab zwar in Berlin bereits seit 1824 eine Mädchenschule, genannt „Höhere Töchterschule“. Daraus wurde die Königliche Elisabethschule, nachdem 1828 Königin Elisabeth, die Ehefrau des preußischen Königs Friedrich Wilhelm, das Protektorat übernommen hatte. Bereits viele Jahre vorher, seit 1747, fand Mädchenbildung in gemischten Klassen statt. Diese kam vor allem der ärmeren Bevölkerung zugute, die hier ihre Kinder gratis unterrichten lassen konnte.
Der Unterricht der Mädchen sah dabei „neben den Elementarfächern Christentum, Lesen, Schreiben, Rechnen ... allerhand weibliche Arbeiten wie Nähen, Stricken, Plätten, Blumen- und Wachsfrüchte machen, u.s.w., ferner Zeichnen, die Anfangsgründe des Französischen und sogar Geographie und Historie“ vor (1).
Die Mädchenschule war zusammen mit dem Friedrich-Wilhelms-Realgymnasium und seit 1811 mit dem Friedrich-Wilhelms-Gymnasium in einem Schulhaus in der Friedrichstadt untergebracht (Ecke Friedrichstraße / Kochstraße) und lag nur wenige hundert Meter vom Haus der Lüderitz-Familie entfernt. Sie wies, wie das Gymnasium selbst, einen beeindruckenden Zuwachs an Schülerinnen auf: von etwa 100 vor 1825 bis auf mehr als 500 im Jahr 1850 (2). Dabei blieb es bis zur Jahrhundertwende – zusätzlich zu den etwa 600 Gymnasiasten, 600 Realschülern und 400 Jungen und Mädchen in den Volksschulklassen – insgesamt also bei mehr als 2100 Schülern in insgesamt 42 Klassen (–> folgende Tabelle).

Als Kathinka Dorothea Elisabeth (* 1858 in Berlin) mit sieben Jahren schulreif wurde, schickte man sie wahrscheinlich zunächst in diese Volksschule. Wir können einigermaßen sicher annehmen, dass sie anschließend die Elisabethschule besucht hat. Allerdings konnte sie dort, anders als am Gymnasium, keinen Abschluss (Abitur) machen (Prüfungen waren 1827 an der Mädchenschule abgeschafft worden), dazu war der Unterricht der Mädchen zu sehr auf eine zukünftige Rolle als Hausfrau und Mutter geeicht (2).
Elisabeth mag dort aber ihre Liebe zur Kunst und zum Malen entdeckt haben. Der Weg in die Akademie der Künste wäre ihr sowieso versperrt gewesen, da diese erst nach dem Ersten Weltkrieg und unter politischem Druck auch Frauen aufnahm (ab 1919). Zu Zeiten Elisabeths wurde dies mit zum Teil fadenscheinigen Gründen wie z. B. moralische Bedenken wegen des Unterrichts im Aktzeichnen verwehrt.
Auf dem Weg zur Künstlerin
So wählte Elisabeth, offensichtlich mit Unterstützung ihrer Familie, den Weg, den viele kunstbeflissene Dilettantinnen (= Amateurinnen) ihrer Zeit gingen, und nahm privaten Unterricht. Sie lernte u. a. bei Prof. Carl Gussow (1843 – 1904), dem der akademische Malbetrieb zuwider war und der für einige Jahre eine private Malschule betrieb, bevor er sich 1892 fortschrittlicheren Akademien (München) zuwandte. Auch besuchte sie die Malschule für Frauen, die der Verein der Künstlerinnen und Kunstfreundinnen zu Berlin (VdKKB von 1867) unterhielt.
Zeitweilig studierten in Berlin bis zu 800 „Malweiber“ auf diese Weise Kunst – auch das illegale Aktzeichnen – im Vergleich zu den ca. nur 250 Studienplätzen, die an der Akademie der Künste zur Verfügung standen. Allerdings war dort das Studium subventioniert und kostete nur 120 Mark pro Jahr, während privater Unterricht bis zu 800 Mark pro Jahr und mehr kosten konnte. Carl Gussow war Portrait- und Genremaler, so lernte Elisabeth Lüderitz ebenfalls die Portrait- und Genremalerei.
Und sie muss gut gewesen sein: Nach ihren eigenen Angaben stellte sie seit 1880 regelmäßig Portraits für die jährliche Ausstellung der Königlichen Akademie der Künste (1880 – 1884) und beteiligte sich 1881 mit drei Bildern an der 39. Ausstellung des Kunstvereins Kassel.
Sie war 1891, 1893 und 1894 auf der Großen Berliner Kunstausstellung, 1892 auf der 63. Ausstellung der Akademie und 1893 auf der Weltausstellung in Chicago mit jeweils einem Bild vertreten. Bei der Großen Berliner Kunstausstellung 1895 war sie zum letzten Mal mit einem Portrait präsent. Bei der Internationalen Kunstausstellung Berlin ein Jahr später findet man sie zwar auf der Liste der in Berlin ausgezeichneten Maler, nicht aber als Ausstellerin. Nur eines der Bilder hat den Weg in die Kataloge gefunden, und das war „Mars und Venus“, gezeigt 1893 in Chicago (3).
Bild 2-1: Foto des Gemäldes „Mars und Venus“ von Elisabeth Lüderitz, gemalt vor 1893, gezeigt auf der Weltausstellung Chicago 1893; Quelle (3)
Elisabeth bekam viel Lob und auch Ehrungen:
Ihre besten Bilder waren Portraits, aber auch Darstellungen griechischer Mythologie, wie z.B. Sappho und Euphrosine, wurden gelobt (4).
„Es ist ihr gelungen, die altgriechische Dichterin (Sappho) ... durch Schönheit und Bedeutung fesselnd darzustellen“ (Neue Bahnen 1896)
„... ein ernst und tüchtig durchgeführtes Männerbildnis ...“ (Vossische Zeitung 1892)
„... organisiert von den deutschen Malern der Ausstellung, ist mit Abstand das beste Werk der Cornelia Paczka, geb. Wagner ... Außerdem die wichtigsten Einsendungen der Damen Elisabeth Poppe-Lüderitz, Berta Albin, Paula Monje ...“ (De Groene Amsterdamer 1896)
„Endlich ist noch hervorzuheben, dass in diesem Jahre auch zwei Damen mit großen Erfolgen in die Reihe der Porträtmaler getreten sind: Frau Elisabeth Poppe-Lüderitz mit dem Porträt einer Dame und ihrem mit Holbeinscher Delikatesse und Wahrheitsliebe durchgeführten Selbstbildnis ...“ (Zeitschrift für bildende Kunst, 1892).
Im Jahre 1891 – noch als Elisabeth Lüderitz – erhielt sie als erst zweite Frau eine ehrenvolle Erwähnung des Senats der Akademie der Künste. 1892 wurde ihr die dieselbe Auszeichnung zuteil, diesmal als Elisabeth Poppe-Lüderitz.
Wie sie sich selbst sah, beschreibt sie in einer Künstler-Enzyklopädie: „Meiner äußerlich stillen Entwicklung im Familienkreise gemäß beschränkte ich mich im Wesentlichen auf Staffeleibilder ... Meine Zugehörigkeit zur französischen Kolonie, meine Kunstreisen nach Paris, Italien und Wien, mein sonstiger Bildungsgang erzogen mich zu einer Lebensanschauung, die auf der Bewunderung der Antike und der Renaissance (Michelangelo, Venedig, Rembrandt) beruht, die weit abliegt von jener Modernität, für die Sophokles, Voltaire, Goethe nicht da sind. ...“ (5).
Elisabeth war bis 1896 Mitglied im Verein Berliner Künstlerinnen, dokumentiert lediglich durch ihre Ausstellungsaktivitäten, da das Archiv des Vereins weitgehend zerstört wurde. Danach verschwand sie vollständig von der Bildfläche. Sie findet sich auch nicht im Katalog der ersten drei Ausstellungen der Berliner Sezession (1898 – 1901), war dort auch nicht Mitglied. Dazu war ihre Kunst zu traditionell. Falls sie weiterhin gemalt hat, so tat sie dies zumindest nicht für die Öffentlichkeit.
Rätselhaftes Verschwinden
Am 8. September 1891 heiratete sie den Rechtsanwalt und (ab 1907) Justizrat Rudolf Poppe (1857 – 1937), war vermutlich dadurch finanziell abgesichert. Gleichzeitig bedeutet dies, dass sie als Person hinter ihrem Mann, dem Haushaltsvorstand, verschwand, da nur dieser im Adressbuch der Stadt Berlin dokumentiert war. Seit 1891 hatte die Familie, so es denn eine war (Kinder sind uns nicht bekannt), verschiedene Adressen in Berlin, die darauf schließen lassen, dass es ihnen – zumindest anfangs – finanziell gut ging.
Es ist nicht auszuschließen, dass die Inflation die Reserven für ihren Lebensabend aufgezehrt hat. 1927 ist Rudolf Poppe im Adressbuch auf derselben Seite sowohl als Pensionär als auch mittels einer Anzeige als praktizierender Anwalt mit neuer Adresse ausgewiesen; da war er bereits 70 Jahre alt. Die letzte Adresse, ab 1928, („3. Hof“) lässt nicht darauf schließen, dass sein Neustart von Erfolg gekrönt war.
Für uns drei Autoren blieb dieses Verschwinden ein Rätsel. Auf der Suche nach ihrem Verbleib haben wir verschiedene Hypothesen getestet und wieder verworfen:
Das Paar könnte versucht haben, Kinder zu bekommen, Mutter (oder Kind oder beide) könnten dabei gestorben sein. Immerhin lag 1896 die Kindersterblichkeit bis zum Erreichen des fünften Lebensjahres noch bei 20 %, und die Müttersterblichkeit war infolge von Kindbettfieber mit bis zu 1 % so hoch wie heute in vielen Entwicklungsländern. Aber in den Sterberegistern der verschiedenen Berliner Standesämter fand sich kein entsprechender Eintrag.
Elisabeth könnte auch zur Ausstellung nach Chicago (1893) gereist und in den USA geblieben sein. Aber sie fand sich nicht auf den Passagierlisten der Ozeandampfer jener Jahre. Und da die Familie Lüderitz viele ihrer Familiennachrichten im Friedenauer Anzeigenblatt veröffentlichte (Tod der Mutter 1900, Tod des Konsuls 1909, Pensionierung des Reichsbank-Buchhalters 1918), wurden auch alle Ausgaben dieser Wochenzeitung für die Jahre 1895 bis 1898 durchgeschaut – jedoch vergeblich.
Hoffnung gab für kurze Zeit Folgendes: In einer Internetnotiz fand sich der Hinweis, dass im Juni 2001 das Werk „Bildnis einer jungen Frau in Pelzmütze“ von Elisabeth Poppe-Lüderitz bei einer Versteigerung des Auktionshauses Peretz & Ball in Saarbrücken zum Kauf angeboten worden war. Leider ist das Auktionshaus seit vielen Jahren nicht mehr existent, und der Katalog konnte bislang nicht gefunden werden. Einlieferer und Käufer blieben unbekannt, somit konnte auch die Frage, ob es Nachkommen gibt, die vielleicht noch im Besitz von Bildern sind, nicht beantwortet werden.
Immerhin: Nachdem wir den Tod Rudolf Poppes am 28. Mai 1937 im Sterberegister des Standesamtes des letzten Wohnsitzes (Standesamt Berlin IX - Spandau) bestätigt gefunden hatten und dieser darin als Witwer bezeichnet wurde, war zumindest die rückwärts gerichtete Suche im gleichen Register erfolgreich: Elisabeth Poppe-Lüderitz starb am 17. Februar 1930 in Berlin im Alter von 71 Jahren. Todesursache: Grippe und Entkräftung. Damit hat sie nach Beendigung ihrer offiziellen Maltätigkeit noch 35 Jahre gelebt. Diese Information ersetzt immerhin die Fragezeichen in den biografischen Angaben der Kunstlexika, wie zum Beispiel im „Allgemeinen Künstlerlexikon (AKL)“ (6).
Um die Geschichte weitererzählen zu können, müssen wir noch mal an den Anfang zurückkehren, zu unserer Suche nach Informationen über Dr. Carl Lüderitz. Die Mütter von Carl Lüderitz und Hermann Nothnagel, Lucie und Ottilie Neider, waren Schwestern und Töchter eines Kaufmanns aus Güstebiese, einem kleinen Ort am anderen Ufer der Oder (im heutigen Polen), nur ca. 50 km von Berlin entfernt. Während Carl in Jena Medizin studierte, trafen die Vettern oft beruflich zusammen und waren auch familiär verbunden. Die Geschwister Lüderitz waren oft zu Gast bei den Nothnagels, auch als Hermann Nothnagel seine große Liebe – Marie Teubner (1848 – 1880) – gefunden und geheiratet hatte. Nach der Geburt ihres vierten Kindes starb Marie am 23. Juli 1880 im Wochenbett. Als Hermann Nothnagel 1882 in tiefer Trauer Jena verließ, um eine Professur in Wien anzunehmen, kehrte Carl Lüderitz zurück nach Berlin.
Als Nothnagel 1905 überraschend starb, beauftragte die Wiener Medizinische Fakultät den amtierenden Direktor des Instituts für Medizingeschichte, Prof. Max Neuburger (1868 – 1955), mit einer Nothnagel-Biografie (7). Diese wurde nicht zuletzt wegen des Ersten Weltkriegs erst 1922 veröffentlicht. Neuburger verwertete darin einen Teil der privaten Korrespondenz von Hermann Nothnagel; viele dieser Briefe sind zumindest teilweise im Buch abgedruckt. Mit Datum vom 21. September 1880 finden sich in einem Brief Nothnagels an seinen Kollegen und besten Freund Vincenz Czerny (1842 – 1916) in Heidelberg die folgenden Sätze: „Ich sitze täglich 4, 5 Stunden und arbeite in der Klinik; zu Hause sehe ich meiner Cousine zu, welche mir zur Zerstreuung das lebensgroße Ölbild meiner Kinder malt, als Gegenstück zu Marie. So gehen wenigstens die Stunden hin ...“.
So lag die Vermutung nahe, dass es sich dabei um das „Bildnis der Kinder des Dr. L.“ handeln könnte, das Elisabeth 1893 auf der Großen Berliner Kunstausstellung gezeigt hatte und durch seinen irreführenden Titel die Kinder ungenannt beließ. Diese neue Spur veranlasste uns, die Nothnagel-Nachfahren zu suchen.
Die Suche war erfolgreich, so dass wir bei den Nachfahren in der dritten Generation – der Familie Strasburger – anfragen konnten, ob im Nothnagel-Nachlass zum einen Informationen über den Verbleib dieses Bildes, zum anderen Informationen über Carl Lüderitz enthalten seien. Immerhin waren wir noch auf der Suche nach einem Foto von Carl.
Und wir hatten Glück: In der Chronik der Familie Strasburger fand sich ein Foto des Bildes, das die vier Kinder von Hermann und Marie Nothnagel in Lebensgröße zeigt. Dabei handelt es sich um eine eindrucksvolle Komposition mit bemerkenswertem Detailreichtum, so dass man fast auf ein hochaufgelöstes Foto zu blicken glaubt.
Bild 2-2: Die Kinder von Prof. Nothnagel, gemalt 1880 von Elisabeth Lüderitz. Foto aus der Familienchronik der Familie Leyde-Strasburger, freundlichst zur Verfügung gestellt von Hans Strasburger, München
Der Verbleib des Bildes, das wegen seiner schieren Größe schließlich auf den Dachboden verbannt wurde, ist ungewiss. Und noch eine Überraschung bereitete uns die Familie Strasburger: Sie schickte uns das Farbfoto eines Portraits der Uroma Marie, das noch im Original vorhanden und auf dessen Rückseite die Signatur „Elisabeth Lüderitz 1879“ vermerkt ist. Dabei handelt es sich um das von Hermann als „Gegenstück“ bezeichnete Bild, das ein Jahr vor Maries Tod entstanden ist. Ein Foto von 1915 zeigt die ursprüngliche, lebensgroße Darstellung der Marie Nothnagel geb. Teubner als Gemälde im Haushalt der Strasburgers.
Bild 2-3: Portrait der Marie Nothnagel geb. Teubner (1848 – 1880), gemalt von Elisabeth Lüderitz 1879. Unten eingeklinkt ist der auf der Rückseite des Bildes befestigte Abschnitt mit der Signatur. Freundlichst zur Verfügung gestellt von Hans Strasburger, München
Für die drei Autoren dieser Geschichte wäre dies zumindest ein angemessener Abschluss gewesen, selbst wenn die Frage nach dem Grund der Mal-Abstinenz offengeblieben wäre. Aber wir wurden noch einmal überrascht. Auch dazu kehren wir wieder an den Ausgangspunkt der Geschichte, der Recherche über Carl Lüderitz, zurück.
Bild 2-4: Fotografie von Marie-Edith Strasburger, Tochter von Hermann Nothnagel (das jüngste Kind auf Bild Nr. 2-2) mit ihren drei Söhnen und einer Tochter in Frankfurt 1915. Das Gemälde an der Wand ist ein Portrait von Marie Nothnagel geb. Teubner, aus dem das Bild 2-3 ausgeschnitten wurde. Freundlichst zur Verfügung gestellt von Hans Strasburger, München
Bilderfunde und des Rätsels Lösung
Carl Lüderitz hatte sich 1906 in Waldsieversdorf im Märkischen Oderkreis zur Ruhe gesetzt, wo er 1930 starb. Das Haus, das er dort gekauft und bewohnt hatte, erbte nach seinem Tod seine Haushälterin Ida Kreutzfeld. Nach deren Tod ging das Haus 1970 an eine Marie Lüderitz geb. Beymel, die mit einem Neffen von Carl Lüderitz, Georg Lüderitz, jüngster Sohn seines älteren Bruders Albert, verheiratet gewesen war.
Bild 2-5: Unsigniertes Gemälde, wahrscheinlich von Elisabeth Lüderitz, das die Malerin beim Schachspiel mit Bruder Carl zeigt
Bild 2-6: Selbstportrait der Elisabeth Lüderitz mit Weißfleckenkrankheit (Vitiligo), undatiert, gezeigt auf der Großen Berliner Kunstausstellung 1892
Georg war 1955 verstorben, so dass seine Frau das Erbe übernahm. Sie starb 1977 und vererbte Haus und Grundstück an eine Renate Ehrlich. Diese verkaufte es 1993 weiter, wie aus den Unterlagen des Katasteramtes Strausberg entnommen werden konnte. Familie Beymel wohnte seit 1905 am Friedrich-Wilhelm-Platz 7 in Berlin-Friedenau.
Am Samstag, den 19. Januar 2019 fuhr Paul, der Berliner unter uns, gegen Mittag am Friedrich-Wilhelm-Platz vorbei, um Fotos vom Haus Nr. 7 zu machen. In einer E-Mail an die anderen Autoren am gleichen Abend schildert er das so:
„Ich habe das Haus fotografiert, das Zigarrengeschäft der Beymels ist jetzt Gemeindecafé der Kirche direkt gegenüber ... Ich will schon wieder wegfahren, da spricht mich eine junge Frau an und fragt (freundlich), warum ich fotografiert habe (sie hatte auch gesehen, dass ich das Klingelbrett fotografiert hatte), und als ich ihr erkläre, dass hier vor mehr als 50 Jahren eine Familie Beymel gewohnt habe, die mit den Lüderitz verwandt seien, sagt die alte Dame neben ihr (die ich bis dahin kaum bemerkt hatte): ,Das bin ich‘. Eine etwa 80 Jahre alte, sehr gepflegt aussehende Dame, die sich als Renate Ehrlich, Tochter der Maria Lüderitz vorstellt, und die in dem Haus unter dem Namen Ehrlich/Zander wohnt. Ich war sprachlos.“
Wir haben seitdem Renate Ehrlich mehrfach interviewt und viele bis dahin unbekannte Informationen erhalten. Aber vor allem haben wir Bilder – sowohl Fotos als auch Gemälde – entdeckt: ein Bildnis einer ca. 35-jährigen Frau und das Genrebild einer jungen Frau und eines jungen Mannes beim Schachspiel (–> Bild 2-6; Bild 2-5).
Eines der Bilder ist signiert und datiert (8. Oktober 1892), und es sei, erklärte Renate Ehrlich, ein Selbstbildnis der Malerin: Elisabeth Poppe-Lüderitz. Auffällig sind große weiße Flecken auf der Haut, wobei es sich nicht um Farbeffekte auf dem Ölbild, sondern um die Weißfleckenkrankheit (Vitiligo, Scheckhaut) – eine Pigmentstörung aufgrund einer immunologischen Fehlfunktion – handelt.
Dass diese Krankheit nicht ansteckend ist, wusste man mit Sicherheit noch nicht im Jahre 1880 (8). Es erklärt womöglich den vollständigen Rückzug der Malerin aus der Öffentlichkeit und auch den Kommentar zu ihrem 1892 gezeigten Selbstbildnis auf der 63. Ausstellung der Akademie: „... und ihrem mit Holbeinscher Delikatesse und Wahrheitsliebe durchgeführten Selbstbildnis ...“ (9).
Bild 2-7: Portrait vermutlich von Hermann oder Carl Lüderitz, gemalt von Elisabeth Lüderitz, undatiert
Bild 2-8: Foto von Elisabeth Poppe-Lüderitz, 1909
Neueste Entdeckungen und Erkenntnisse
Juni 2019 Ein weiterer Dachboden – bei Matthias Lüderitz, einem Urgroßneffen der Malerin – brachte zwei weitere Bilder zutage, darunter das bislang schönste Werk. Es zeigt, signiert und datiert auf 1888, Carls Mutter Lucie mit ihren vier Kindern Albert, Carl, Elisabeth und Hermann (–> Titelbild) beim Familienrat. Das andere Bild ist das Portrait eines jungen Mannes, der sowohl Carl als auch sein jüngerer Bruder Hermann sein könnte. Es ist signiert mit „E. Lüderitz“, daher vor 1891 entstanden (–> Bild 2-7). Die drei Autoren können sich nicht einigen, wen der beiden Brüder das Bild darstellt und schwanken zwischen Wissenschaftlichkeit, Ehrlichkeit und Wunschdenken: „Es müsste Carl sein, dann hätten wir endlich das Bild, das wir seit Langem suchen.“ Ein Argument für Carl: Der Abgebildete trägt eine Uhrkette, und eine Uhr mit Kette hatte Carl in seinem Testament seinem Neffen vermacht; Hermann, geboren 1864, war dafür vielleicht noch zu jung. Aber auch Experten des Bayerischen Landeskriminalamtes konnten beim Vergleich des Familienbildes und des Porträts kein eindeutiges Urteil abgeben.
Januar 2020 Ein weiterer Besuch bei Renate Ehrlich zaubert ein Foto von 1909 hervor (–> Bild 2-8), das die 51-jährige Elisabeth zeigt, jedoch ohne einen Hinweis auf die Weißfleckenkrankheit. Da digitale Bildbearbeitung zu jener Zeit noch kein Thema war, war hier entweder Retusche oder Kosmetik am Werk. Das Retuschieren war bereits 1855 erfunden worden. Und auf die Frage, ob es vor 100 Jahren schon Kosmetik gegeben habe, ist die Antwort vom Historiker: „Kosmetik hatten die Frauen schon erfunden, als die Männer noch über die Erfindung des Rads nachdachten.“
August 2020 Auf einer Auktion bei E-Bay im November 2019 werden zwei Portraits angeboten, signiert von Elisabeth Poppe-Lüderitz und datiert auf 1898/1899. Herkunft und Verbleib dieser Bilder sind bislang unbekannt, aber sie zeigen, dass die Künstlerin weiterhin gemalt, aber nicht mehr öffentlich ausgestellt hat.
Verzeichnis der Bilder der Malerin
Ausstellung der Königlichen Akademie der Künste 1880: Page (verkäuflich)
Ausstellung der Königlichen Akademie der Künste 1881: Porträt der Mrs O (nicht verkäuflich)
39. Ausstellung des Kasseler Kunstvereins 1881: Ein Mitglied der Chinesischen Gesandtschaft in Berlin (1000 Mark), Page (800 Mark), Mann und Frau (nicht verkäuflich)
Ausstellung der Akademie der Künste 1883: Porträt des Fräulein Caty H (nicht verkäuflich)
Ausstellung der Akademie der Künste 1884: Porträt (nicht verkäuflich)
Große Berliner Kunstausstellung 1891: Porträt
63. Ausstellung der Akademie 1892: Nr. 926: Portrait; Nr. 927: Selbstportrait
Weltausstellung in Chicago 1893: Mars und Venus
Große Berliner Kunstausstellung 1893: Bildnis der Frau R. und Bildnis der Kinder des Herrn Dr. L. (–> Bild 2-2)
Große Berliner Kunstausstellung 1894: Damenbildnis
Große Berliner Kunstausstellung 1895: Bildnis
Ungelistet: Einzelportrait (Hermann oder Carl Lüderitz, Schachspiel, Familienrat, Frauenportrait, Männerportrait)
3 Glückloser Konsul von Casablanca: Hermann Lüderitz
Wenn man zum ersten Mal den Namen Lüderitz hört, denkt man unweigerlich an den Bremer Kaufmann Adolf (von) Lüderitz in Deutsch-Südwestafrika, für viele der Inbegriff des deutschen Kolonialismus Ende des 19. Jahrhunderts. Viele denken auch nur an Lüderitz-Land und Lüderitz-Bucht und an den Ort Lüderitz im heutigen Namibia – dabei gibt es auch in Brandenburg einen Ort mit Namen Lüderitz.
Selbst die Mitglieder unserer Lüderitz-Familie, die wir befragen konnten, assoziierten ihren Familiennamen mit dem des Kolonialisten und glaubten sich mit ihm verwandt. Von solchen spontanen Gedankenverbindungen waren auch zwei von uns nicht ganz frei, als wir Hermann Lüderitz als Konsul in Marokko orteten. Nur der Historiker wusste es natürlich von Anfang an und besser, hatte er doch über die Marokko-Deutschen geforscht und publiziert (1): Hermann Guillaume Theobald Lüderitz war von 1905 bis 1909 Konsul des Deutschen Reiches in Casablanca, Marokko, und hatte dazu einen langen Weg hinter sich gebracht.
Berlin – Heidelberg – Berlin
Hermann wurde am 1. März 1864 in Berlin geboren und am 20. April 1864 im Hause seiner Eltern in der Markgrafenstraße 74 getauft. Sein Vater, Carl Adolph Lüderitz, war mitsamt seiner Familie wenige Tage zuvor (am 6. April 1864) kollektiv in die Französische Kirche übergetreten, wohingegen die anderen drei Kinder noch evangelisch-protestantisch getauft worden waren. Zwei Jahre später starb der Vater mit nur 50 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt war Albert 16 Jahre alt und ging zur Realschule, Carl war zwölf Jahre alt und Schüler des Gymnasiums und Elisabeth war gerade mal vier Jahre alt. Die Mutter, Lucie Lüderitz geb. Neider, musste von nun an zwei Kleinkinder und zwei Halbwüchsige alleine durchbringen. Von 1866 bis 1875 firmierte sie im Adressbuch der Stadt Berlin als „Rentiere“, d. h. sie hatte Einkommen, für das sie nicht arbeiten musste. Meist war damit Hauseigentum gemeint, das vermietet war: In der Markgrafenstraße / Ecke Zimmerstraße war sie als Hauseigentümerin eingetragen, und es gab dort im Jahr 1875 sieben Mieter.
Innerhalb der nächsten zehn Jahre änderte sich diese Situation grundlegend: 1875 wohnte Albert (25 Jahre) vermutlich nicht mehr daheim, und Carl (21 Jahre) war 1874 zum Medizinstudium nach Jena gegangen. Die 17-jährige Elisabeth wohnte jedoch noch zu Hause und zeigte erste Ambitionen, Künstlerin zu werden. Hermann (9 Jahre) ging zu diesem Zeitpunkt noch zur Schule.
Da fasste Lucie einen folgenschweren Entschluss: Im Interesse der Ausbildung ihrer Kinder beschloss sie, das Haus in der Friedrichstadt, das der Familie seit 1820 gehörte, zu verkaufen und mit dem Erlös ihren eigenen Unterhalt und den ihrer Kinder bis zu deren Selbstständigkeit zu finanzieren. Für Hermann sollte dieser Weg noch mehr als zehn Jahre dauern.
Ab 1878 besuchte er das nahegelegene Friedrich-Wilhelms-Gymnasium und machte dort Ostern 1884 Abitur. Danach schrieb er sich zunächst an der Universität Heidelberg, dann in Berlin im Fach „Rechte“ ein und legte 1887 das Jura-Examen ab. Am 19. Oktober 1887 trat er als Referendar in den preußischen Justizdienst ein. Weit gefehlt, wer denkt, das habe die alleinerziehende Mutter endlich entlastet: Mit 23 Jahren erhielt Hermann als Rechtsreferendar kein Gehalt, sondern eine Unterhaltsbeihilfe, und die Familie (üblicherweise der Vater) musste sich schriftlich verpflichten, den Sohn standesgemäß zu versorgen: „Wer nicht aus wirtschaftlich gesicherten Verhältnissen stammte, konnte daher nicht königlich preußischer Beamter werden“ (2).
Seine Ausbildungsstationen waren: 1887 Referendar am Amtsgericht Alt-Landsberg, also nicht weit von Berlin entfernt, dann in Berlin am Landgericht I, anschließend bei der Staatsanwaltschaft und schließlich bei Rechtsanwalt und Notar Julius Müseler in der Leipziger Straße 13.
Ostern 1888 begann er eine Sprachausbildung am Seminar für Orientalische Sprachen (SOS), das im Jahr zuvor an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin gegründet worden war, und bereitete sich auf Marokko vor (3).
----------
Das Seminar für Orientalische Sprachen (SOS) war 1887 (3) auf Initiative von Bismarck gegründet worden. Diesem hatte bei der internationalen Berliner Konferenz 1878 kein Dolmetscher für das Türkische zur Verfügung gestanden, wenngleich die gesamte Konferenz um eine neue Friedensordnung für Südosteuropa rang, mit der die Balkankrise (1875–1878) infolge des Aufstrebens des Osmanischen Reiches beendet werden sollte.
Bei seiner Gründung studierten am Seminar 98 Personen im Sommersemester und 72 Personen im Wintersemester. Zehn Jahre später (1898/1899) waren es 111 bzw. 179 Studenten. Sie wurden unterrichtet von 18 Lehrern und acht Lektoren in 14 Sprachen: Chinesisch, Japanisch, Guzerati, Hindi, Hindustani, Arabisch (Syrisch, Ägyptisch, Marokkanisch), Persisch, Türkisch, Suaheli, Herero, Haussa, Russisch, Neugriechisch, Spanisch (3).
Heute würde man es vielleicht als „Kaderschmiede“ bezeichnen: Im nach kolonialer Bedeutung strebenden Deutschland zum Ausgang des 19. Jahrhunderts fehlte es an qualifizierten Fachkräften für die verschiedenen Regionen, in denen sich das Deutsche Reich „engagierte“ (China, Japan, Nordafrika, Südwestafrika). Insbesondere mangelte es an Sprachkenntnissen bei Militärs (Schutztruppen), Diplomaten, Kaufleuten und Postbeamten. Das SOS kam dieser Nachfrage nach und bildete diese Experten aus.
Der Unterricht muss sehr intensiv gewesen sein: Gruppen von vier bis fünf Studenten pro Sprache, muttersprachliche Lehrer und täglich Unterricht von 7 bis 21 Uhr im Sommer, im Winter ab 8 Uhr. Zusätzlich zum Sprachunterricht gab es Lektionen in Sach- und Länderkunde. Diese – Realienfächer genannt – waren: wissenschaftliche Beobachtung auf Reisen, Tropenhygiene, Agrikultur und Landeskunde.
Stolz verkündete man am Ende eines Jahrgangs die Absolventen, die eine Prüfung vor der königlichen Diplom-Prüfungskommission abgelegt und Positionen in den Ländern, deren Sprache sie gelernt hatten, erreicht hatten (3). In der arabischen und amharischen Klasse hatten in den ersten zwölf Jahren nur 20 Absolventen, vornehmlich Juristen, die Sprachausbildung durchlaufen. Alle gingen in den diplomatischen Dienst.
----------
Der lange Weg bis zum Konsul in Casablanca
Da wir Hermann in dieser Berliner Zeit (1886 – 1888) nicht im Adressbuch finden konnten, gingen wir davon aus, dass er wieder zu Hause wohnte. Anders hätte er das Pensum am Seminar für Orientalische Sprachen kaum schaffen können.
Der Schritt der Mutter, das Haus in der Markgrafenstraße im Jahr 1875 zu verkaufen, hatte für einige Familienmitglieder, insbesondere aber für Lucie selbst, weitreichende Folgen. Der Verkauf brachte zwar einen substantiellen Erlös und sicherte die Ausbildung von Carl, Elisabeth und Hermann. Es bedeutete jedoch, dass sie zukünftig darauf angewiesen war, Wohnungen mit günstigen Mietbedingungen zu finden. Im Berlin der folgenden Jahre stiegen die Miet- und Immobilienpreise dramatisch, häufige Wohnungswechsel und Umzüge waren die zwangsläufige Folge. Lucie wohnte bei Hermanns Rückkehr nach Berlin in der Hornstraße 22 in Luisenstadt (Kreuzberg), nicht gerade nahe an Hermanns Seminar, aber Berlin im Jahr 1888 war mit 1,45 Mio. Einwohnern noch überschaubar. Die Hornstraße war auch die Adresse, die Hermann bei seiner Immatrikulation in Berlin angab.
Wir wissen nicht, was Hermann bewogen hat, sich ausgerechnet für das marokkanische Arabisch zu entscheiden, aber wir denken, dass der Entschluss, nach Marokko zu gehen, bereits bei Aufnahme des Sprachstudiums festgestanden haben muss. Er brauchte schließlich, da er sich in der Referendarzeit befand, eine Befreiung von anderen Dienstpflichten, um überhaupt an diesem Intensiv-Unterricht teilnehmen zu können. Es gibt ein von Elisabeth Lüderitz gemaltes Bild des Familienrates aus dem Jahre 1888, das offenbar diese Entscheidungssituation zeigt und die unterschiedlichen Einschätzungen der Beteiligten wiederzugeben scheint (–> Titelbild)
Hermann Lüderitz wurde Ende 1889 auf seinen Wunsch hin von der Ministerresidentur in Tanger als Dragomanats-Eleve – als „Dolmetscher-Lehrling“ – übernommen. Mit seiner doppelten Ausbildung war er für diese Aufgabe bestens qualifiziert, da er sich als Dragoman und später als Konsul nicht nur mit den marokkanischen Behörden auseinandersetzen musste, sondern weil er auch den Vorsitz im Konsulargericht hatte, das Zivil- und Strafsachen verhandelte. Das betraf nicht nur Konflikte innerhalb der deutschen Kolonie, sondern die Europäer genossen in Marokko das Privileg, dass auch bei Rechtsstreitigkeiten zwischen einem Deutschen bzw. einem deutschen Schutzgenossen und einem Marokkaner das deutsche Konsulargericht zuständig war.
Drei Jahre später war Hermann allerdings noch immer nicht in einem festen Amt. Er unterstand weiterhin dem preußischen Justizministerium, das ihn für den Dienst im Auswärtigen Amt stets aufs Neue beurlauben musste.
Im Februar 1893 wandte er sich in einem Privatbrief an einen nicht näher bekannten Geheimrat im Auswärtigen Amt, um diesem „meine Sorge um meine Zukunft, um meine Karriere“ zu unterbreiten. Da der syrische Dragoman Melhameh die Stelle blockierte, war Lüderitz nur „als diätarisch angestellter Beamter“ außerplanmäßig beschäftigt, „ohne jede Aussicht auf feste Anstellung“ im auswärtigen Dienst. Er habe die „sichere, wenn auch langsame Karriere“ im preußischen Justizdienst aufgegeben und bat den Adressaten des Schreibens, dafür zu sorgen, dass die „quälende Ungewißheit“ und die daraus entstehende Unzufriedenheit zu einem Ende kommen möge. Die Bitte hatte offenbar insofern einen gewissen Erfolg, als ihm nur einen Monat später, am 7. März 1893, der „Titel eines zweiten Dragomans beigelegt“ wurde.
Dass er das marokkanische Arabisch sehr gut beherrschte, zeigt auch das folgende Beispiel: Im Gegensatz zu manchen seiner Kollegen, die sich mit Fragen des marokkanischen Rechts befassten und darüber auch promovierten, veröffentlichte er 1899 in den „Mittheilungen des Seminars für Orientalische Sprachen“ einen Beitrag zu „Sprüchwörtern aus Marokko mit Erläuterungen im Dialekt des nördlichen Marokko“ (4), mit dem sich Georg Kampffmeyer, einer der führenden Arabisten seiner Zeit und seit 1906 Dozent am Seminar für Orientalische Sprachen, in der gleichen Zeitschrift recht kritisch auseinandersetzte (5). Im selben Heft aus dem Jahre 1899, in dem der Lüderitz-Artikel erschien, findet sich jedoch ein kritisch-lobender Kommentar eines weiteren Experten (6). Dies spricht für mehr als ein rein technisches Interesse an Sprachkompetenz in einem fremden Land. Hier kam möglicherweise das musisch-künstlerisch-kulturelle Interesse der Familie Lüderitz zum Tragen.
Bild 3-1: Eine Publikation von Hermann Lüderitz aus dem Jahr 1899 (4)
Zwischendurch muss Hermann allerdings zuhause gewesen sein: Wir fanden ihn auf der Passagierliste eines Dampfers von Hamburg nach Tanger am 16. Oktober 1891 und spekulierten, dass er in dieser Zeit seine spätere Frau kennengelernt haben könnte. Er heiratete allerdings erst 1902.
Bild 3-2: Beispiele von arabischen Sprichwörtern aus der Publikation von 1899; aus (4)
Aber seine Karriereprobleme waren keineswegs gelöst, obwohl er in Tanger die Protektion seiner Vorgesetzten genoss. Als 1895 der unglücklich agierende Vizekonsul, der Kaufmann Heinrich Ficke, in Casablanca abgelöst und durch einen Berufskonsul ersetzt wurde, übertrug man Lüderitz die kommissarische Vertretung der Dragomanatsstelle in Casablanca. Der neue Konsul, August Freiherr von Brück, verfügte weder über Landeserfahrung noch über Sprachkenntnisse.
Bereits im März 1897 kehrte Lüderitz nach Tanger zurück, jetzt als Dragoman. Offenkundig nutzte er die folgende Zeit, um auch seine konsularische Ausbildung abzuschließen. Im September 1901 wurde ihm der Charakter als Konsul verliehen. Mit der Übernahme als Konsul war seine weitere Karriere insoweit gesichert, dass er ans Heiraten denken konnte. In einem Brief vom 24. September 1902 aus Berlin an seinen obersten Dienstvorgesetzten, Reichskanzler von Bülow, kündigte er die baldige Vermählung mit Fräulein Victoria Ribbeck aus Coburg an. Hermann und Victoria bestellten am 12. Oktober 1902 das Aufgebot und heirateten am 3. November 1902 in Coburg.
Von April bis Juli 1902 wurde er kommissarisch als Konsul in den beiden Königsstädten Marrakesch und Fes, wo es noch keine Berufskonsulate gab, eingesetzt. 1903 war er abermals Dragoman in Tanger. Spätestens seit Ende 1903 drängte dann der Gesandte Friedrich Freiherr von und zu Mentzingen im Auswärtigen Amt darauf, Lüderitz endlich auf die Stelle eines Konsuls zu berufen. Mentzingen fühlte sich auch dazu verpflichtet, weil er Lüderitz nach einem „schweren Sturz“ in Fes nicht dorthin zurückgeschickt hatte, so dass sich dieser wieder zusammen mit seiner Frau in einer Warteposition befand. Auf Mentzingens Empfehlung hin wurde er 1905 vom Auswärtigen Amt übernommen und als Konsul in Casablanca eingesetzt.
Im Folgenden die Empfehlung im servilen Originalton des Friedrich Freiherr von und zu Mentzingen (1856 – 1922), kaiserlicher Gesandter in Tanger von 1899 bis 1904 (1,7), an den Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt in Berlin, Dr. Otto von Mühlberg (1843 – 1934) (8):
„Tanger, den 3. März 1904
An den Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt
Hochverehrter Herr Unterstaatssekretär!
Im November v.J. hatten Eure Excellenz die Güte, mir mündlich die Erfüllung meiner Bitte wegen Ernennung des Konsuls Lüderitz nach Casablanca in Aussicht zu stellen, nachdem ich dargelegt hatte, wie sehr sich der Genannte an Stelle des für jenen Posten ungeeigneten Konsuls Igen qualifizieren würde. ... Unterdessen sitzt Lüderitz seit über Jahr und Tag hier in äusserst unangenehmer Lage. Er muss mit seiner Frau in einem theuren Hotel leben, da er sich bei der Ungewissheit seines Schicksals nicht in einer Privatwohnung auf länger binden kann. Das ist sehr kostspielig, namentlich da die schon vorher sehr hohen Preise der Lebensmittel in den letzten Monaten um ca. 100 % gestiegen sind. Dabei kann ich nur wiederholen, dass er ein ausgezeichneter, besonnener und erfahrener Beamter ist. Im Auswärtigen Amt hat er aus mir unbekannten Gründen den Eindruck eines unruhigen Geistes gemacht. Vielleicht hat er sich dort nicht ganz geschickt benommen, aber ein unruhiger Geist ist er sicherlich nicht. ... Er ist ganz unschuldig daran, denn ich habe seiner Zeit ohne sein Vorwissen den Antrag gestellt, ihn nach seinem schweren Sturze nicht mehr nach Fez zu schicken. ...
In jedem Fall wäre ich Eurer Excellenz für eine gütige Äusserung darüber dankbar, welche Aussichten Lüderitz hat, damit er eventuell, wenn er wirklich noch längere Zeit hierbleiben muss, sich sein Leben billiger einrichten kann. ... Lüderitz tut mir leid, und ich möchte wenigstens meinerseits das Mögliche thun, um ihm zu helfen, wiewohl ich ihn hier sehr vermissen werde, wenn er versetzt wird.Ich benutze die Schreibmaschine um Eurer Excellenz die Lektüre dieser leider etwas länger gerathenen Ausführungen zu erleichtern. Genehmigen Sie, Hochverehrter Herr Unterstaatssekretär, mit meinem besten Danke die erneute Versicherung aufrichtiger Verehrung Ihres gehorsamsten (Mentzingen)“
Ein verschlüsseltes Telegramm Mentzingens an von Mühlberg im Auswärtigen Amt vom 2. August 1904 erinnert in aller Kürze an den Vorgang: „Da wegen Erledigung der Konsulate in Nizza und Singapore Revirement zu erwarten, bringe ich meine Bitte Lüderitz zum Konsul in Casablanca zu ernennen, angelegentlich in Erinnerung – Mentzingen“ (8). Die Entsendung nach Casablanca erfolgte aber erst am 17. August 1905.
Zwei dramatische Vorfälle ereigneten sich während Hermanns Dienstzeit in Casablanca: die Beschießung der Stadt im Juli 1907 durch Frankreich und die sogenannte Legionärsaffäre im Herbst 1908. Bei beiden trat er nicht profiliert in Erscheinung. Anders als etwa sein späterer Nachfolger Walter Maenss, der ihm bereits 1907 als Dragoman zur Seite stand, oder Philipp Vassel, der die deutschen Interessen bei den internationalen Verhandlungen über die Entschädigung für das Bombardement vertrat. Beide stiegen zu den prominentesten deutschen konsularischen Vertretern in Marokko auf. Beiden Ereignissen vorausgegangen war die Erste Marokkokrise (1904 – 1906), in der nach Verschiebung des Gleichgewichtes zwischen England und Frankreich auf der einen und Deutschland und seinem Verbündeten Österreich auf der anderen Seite sich zugunsten der Achse Paris – London („Entente Cordiale“) der Einfluss Frankreichs in Marokko zu vergrößern begann. Der nach dem Besuch des Kaisers in Tanger 1905 auch medial überspitzte Konflikt zwischen Frankreich und Deutschland wurde 1906 auf der Konferenz von Algeciras beigelegt. Aber die Spannungen blieben, weil Frankreich seine Ziele größerer Einflussnahme in Marokko erreichte, während das Deutsche Reich international eher isoliert dastand (1).
Die Beschießung von Casablanca 1907
Nachdem der Sultan die Akte von Algeciras hatte unterschreiben müssen, ging eine Welle der Unruhe durch das Sultanat. Als 1907 in Marrakesch ein französischer Arzt ermordet wurde und die Franzosen zur Vergeltung einen Streifen marokkanischen Gebiets an der algerischen Grenze besetzt hatten, war die Zeit für den Bruder des Sultans gekommen, seine Ansprüche auf den Thron öffentlich anzumelden. Ein Bürgerkrieg bahnte sich an. Es genügte ein kleiner Funke, um in Casablanca Unruhen auszulösen, die in der Ermordung von neun europäischen Arbeitern gipfelten. Als Frankreich auch hier militärisch intervenierte, kam es in der Stadt und im Hinterland zum bewaffneten Aufstand, den Frankreich mit der Beschießung der Stadt beantwortete. Die Schäden waren enorm.
Bild 3-3: Karte von Casablanca zur Zeit der Beschießung von 1907; aus (9)
Konsul Lüderitz war zu diesem Zeitpunkt mit seiner Frau auf Heimaturlaub, aber sein Haushalt wurde erheblich beschädigt, auch sein Personal machte Schäden geltend. Meldung an die Reichsregierung machte sein Vertreter, Konsularverweser Maenss, am 9. August 1907 per Telegramm. Konsul Lüderitz selbst, zurück in Casablanca, meldete seinen Schaden am 29. November 1907 mit einem vierseitigen Schreiben und einer 33-seitigen Liste mit insgesamt mehr als 750 Positionen und einem geschätzten Gesamtwert von 35.765,18 Mark an. Diesen korrigierte das Reichsschatzamt um einen kleinen Rechenfehler von 11,50 Mark nach oben, um anschließend zu bemerken, dass die Liste „in vielen Punkten nach Art und Zahl der Sachen zu Anständen Anlaß [biete] sowie der in Rechnung gestellte Wert der einzelnen Positionen im Allgemeinen zu hoch gegriffen [sei]. ... ein Abzug von 25 % der geforderten Ersatzsumme [genüge], um eine angemessene Schadloshaltung zu ermitteln“ (8).
Uns Autoren war dabei vor allem eine gut bestückte Bar mit 6 Flaschen Rum, 17 Flaschen Champagner, 24 Flaschen Rheinwein, 12 Flaschen Rotwein, 3 Flaschen Sherry, 2 Flaschen Madeira, 50 Havanna-Zigarren und 25 Hamburger Zigarren aufgefallen sowie dass die beiden „Lüdis“ musikalisch gewesen sein müssen: Bratsche, Flöte, Gitarre, Geige (plus Ersatzgeigenbogen) waren ebenfalls genannt.
Die Feststellung der Schäden erfolgte zunächst 1907 durch eine deutsche Kommission, die aus ortsansässigen Kaufleuten bestand und unter dem Vorsitz des ebenfalls seine Interessen wahrenden Konsuls Lüderitz tagte. Trotz der Bedenken des Reichsschatzamtes, die intern blieben, sprach die internationale Entschädigungskommission Lüderitz bzw. inzwischen seiner Witwe im Juni 1910 einen Betrag von 42.800 Francs zu. Das entsprach 34.240 Mark und damit nahezu der Antragssumme.
Während die Reichsregierung in Berlin wenig Grund zur Beschwerde gegen das französische Vorgehen sah, führten die Casablanca-Deutschen unter der Führung von zwei Kaufleuten, Carl Ficke und Reinhard Mannesmann, lautstark Klage. Zum einen forderten sie eine sofortige Abschlagszahlung auf die zu erwartenden Entschädigungszahlungen für ihre Schäden durch das Reich, zum anderen kämpften sie um die „richtige“ Interpretation der Ereignisse, nämlich dass die Beschießung überflüssig und wohl mehr der Absicht Frankreichs geschuldet gewesen sei, einen weiteren Teil Marokkos zu besetzen.
Während die Herren nach Berlin reisten, um dem Staatssekretär des Äußeren ihren Standpunkt zu erläutern und um die Marokko-Interessenten zu mobilisieren, gelang es Konsul Lüderitz nicht, die Casablanca-Deutschen zu beruhigen und zur Mäßigung in ihrer Kritik fast mehr an der eigenen Regierung als an Frankreich zu bewegen. Er machte sich in seinen Berichten eher deren Auffassung zu eigen, dass die Casablanca-Deutschen der Hilfe bedürften, da infolge des Bombardements die Geschäfte stagnierten. Die Weiterleitung einer scharfen Eingabe des Kaufmanns Carl Ficke verweigerte er jedoch und gab sie dem Urheber zurück.
Die Legionärsaffäre
Auch in der Legionärsaffäre wurde es für Konsul Lüderitz zum Problem, dass seine Regierung in Berlin kein Interesse an einer Eskalation hatte. Nach dem Bombardement von Casablanca hatten die Franzosen größere Truppeneinheiten zur „Pazifizierung“ des Hinterlandes stationiert, darunter zwei Regimenter der Fremdenlegion. Diese sollen zu 45 % aus Elsass-Lothringern und 12 % aus Deutschen bestanden haben, zusammen 500 bis 600 Mann. Könnten diese zur Desertion verleitet werden, würde das die militärische Stärke der Franzosen empfindlich beeinträchtigen und ihrem Image schaden. Nach französischen Angaben wurden von August 1907 bis September 1908 217 Fälle von Desertion gezählt, darunter etwa die Hälfte von Deutschen. Es war eine der größten Massenfluchten in der Geschichte der Legion.
Erdacht und organisiert wurde das Ganze von dem Journalisten Heinrich Sievers, der Spanien-Korrespondent verschiedener Zeitungen und Nachrichtenagenturen war. Die Legionäre wurden in Bars und Cafés angesprochen, versteckt und in kleinen Gruppen nach Rabat geschleust, von wo sie mit deutschen Dampfern nach Deutschland gebracht wurden.
Die Deutsche Marokko-Zeitung berichtete fast wöchentlich triumphierend über die Zahl der Heimgeschafften und rief die Deutschen in Marokko auf, Geld und Kleidung zu spenden, was diese aus patriotischer Selbstverpflichtung auch taten. Die Franzosen konnten dieser Entwicklung nicht tatenlos zusehen und versuchten, vorübergehend mit Erfolg, den Weg nach Rabat zu versperren.
Im September 1908 versuchte Sievers, sechs weitere Deserteure in Casablanca unter den Augen der Franzosen auszuschleusen. Obwohl es letztlich seine Privataktion war, brauchte er die Hilfe des Konsulats.
Am 25. September führte er die Deserteure in Begleitung des Konsulatssekretärs Max Just von ihrem Versteck auf Umwegen zum Hafen. Dort wurden die Deserteure von Soldaten der Hafenwache erkannt und es kam zu handgreiflichen Auseinandersetzungen, wobei ein Revolver gezogen, der Spazierstock des Konsulatssekretärs zerbrochen und der marokkanische Konsulatssoldat verletzt wurde.
Kein Krieg wegen Lüderitz
Die politischen Aufwallungen waren enorm – in Casablanca wie in der Presse im Reich wie in Frankreich. Und Lüderitz saß, wie sich bald zeigen sollte, zwischen den Stühlen. Er hatte die eigenmächtige Privataktion von Sievers nicht nur gedeckt, sondern aktiv daran mitgewirkt. Zum politischen und völkerrechtlichen Problem für Lüderitz wurde, dass er einen Passierschein unterschrieben hatte, der den Franzosen in die Hände gefallen war. Dieser war für sechs Personen ausgestellt, obwohl sich nur drei Deutsche unter den Deserteuren befanden. Wider besseres Wissen ließ sich Lüderitz von dem politischen Anführer der Casablanca-Deutschen, Carl Ficke, der von der Aktion selbst wenig gehalten hatte, zu der Behauptung überreden, es habe sich unter den sechs „nicht ein einziger Nicht-Deutscher“ befunden.
Lüderitz, der zugeben musste, die Deserteure in ihrem Versteck besucht zu haben, wurde von seinem Konsulatssekretär so weit entlastet, als dieser eingestand, die ursprüngliche Zahl von drei auf sechs eigenmächtig erhöht und die Worte „deutscher Nationalität“ gestrichen zu haben, was Lüderitz bei der Unterschrift übersehen habe. Das mochte dem Eindruck der Briten und Franzosen entsprochen haben, die Lüderitz ein „relativ moderates“ und freundliches Verhalten attestierten, wohingegen sein Sekretär Just ein „sehr aktives Mitglied“ der anti-französischen Gruppierung in Casablanca gewesen sei.
Die Erregung der jeweiligen nationalen Presse war so enorm, dass in Frankreich wie in Großbritannien die Befürchtung geäußert wurde, es könne zum Krieg kommen. In der Tat hatte sich die Reichsregierung auf den „Ehrenstandpunkt“ gestellt, dass die „Gewalttätigkeit“ gegen einen Konsularbeamten nicht hingenommen werden könne. Die Öffentlichkeit werde diese Verletzung der „nationalen Ehre“ nicht akzeptieren. Diese Haltung änderte sich schlagartig, als der französische Untersuchungsbericht in Berlin vorlag. Der Kaiser hatte ohnehin ein Einlenken verlangt.
Jetzt verständigten sich beide Regierungen, das Schiedsgericht in Den Haag anzurufen. Das fällte am 22. Mai 1909 sein Urteil: Lüderitz hätte den Passierschein nicht für sechs Deserteure ausstellen dürfen; er habe aber einen „unbeabsichtigten Fehler“ gemacht, als er ihn unterschrieb, „ohne ihn zu lesen“, wie er in der mündlichen Verhandlung geltend gemacht hatte. Im Übrigen lautete das salomonische Urteil, die Deserteure hätten dem Konsulatssekretär nicht gewaltsam entrissen werden dürfen, Frankreich müsse diese aber nicht zurückgeben.
Der Gesandte von Wangenheim, der während der Legionärsaffäre in Tanger war, sagte in dem Zusammenhang, Hermann sei ein „außerordentlich tüchtiger und zuverlässiger Beamter“, habe aber den Fehler gemacht, den Passierschein zu unterschreiben. Wangenheim war der Überzeugung, „daß aus Marokko schließlich doch der Krieg kommen [müsse]“. Aber der Casablanca-Zwischenfall sei dafür nicht geeignet. „Wir haben darin nicht ganz reine Papiere durch die Dummheit des Konsuls, der aus lauter Vorsicht alles verdorben hat“ (10). Also: kein Weltkrieg wegen Lüderitz. Durch seine Dummheit.
Die Affäre endete, ohne dass die Öffentlichkeit davon Notiz genommen hätte. Die „Zweite Marokkokrise“ fand erst einmal nicht statt. Da die Konflikte zwischen den Großmächten jedoch fortbestanden, kam es letztendlich 1911 doch zur Zweiten Marokkokrise (1), allerdings ohne Beteiligung von Konsul Lüderitz.
Krankheit und Rückkehr nach Deutschland
Hermann Lüderitz war zur Zeit der Legionärsaffäre bereits schwer krank. Am 11. Dezember 1908 erhielt er auf Antrag acht Tage Urlaub wegen Krankheit. In dieser Zeit wurde er offenbar von Dr. Dobbert in Casablanca untersucht, der bei ihm eine „schwere Gallenblasenentzündung mit wiederholten Anfällen akuter Herzschwäche“ diagnostizierte. Gustav Adolph Dobbert (1853 – 1914) war von 1880 bis 1889 praktizierender Arzt in Casablanca und kehrte nach einem Aufenthalt in Hamburg 1902 nach Marokko zurück. Er war medizinischer Berater für Versicherungen, hatte aber gleichzeitig größeren Grundbesitz in Marokko (1).
In einem Telegramm an das Auswärtige Amt schlug der Gesandte in Tanger, Friedrich Rosen, am 21. Dezember 1908 vor, Lüderitz durch Dragoman Maenss vertreten zu lassen. Eine Woche später empfahl Rosen in einem weiteren Telegramm, Lüderitz nach Deutschland reisen zu lassen, da er sich vermutlich einer Operation unterziehen müsse (8).
Am 11. Januar 1909 notierte der Friedenauer Lokal-Anzeiger, dass sich Konsul Lüderitz an Bord eines Schiffes begeben habe. Die Deutsche Marokko-Zeitung Nr. 126 vom 12. Januar berichtete, dass dies am Montag, dem 11. Januar, erfolgt sei und er in Begleitung seiner Frau Victoria reise. Hermann Lüderitz hatte als Heimatadresse Coburg angegeben, den Heimatort seiner Frau. Die war zu diesem Zeitpunkt im siebten Monat schwanger.
Eine Fahrt von Tanger per Schiff nach Hamburg mit Zugfahrt nach Berlin oder Coburg hätte vermutlich 14 Tage gedauert. Schneller fuhr man zu jener Zeit entweder mit der Eisenbahn von Algeciras über Madrid und Paris oder, noch schneller, von Tanger nach Genua per Schiff und dann weiter mit der Eisenbahn. Das soll gut zweieinhalb Tage gedauert haben.
So war Hermann Lüderitz vermutlich Mitte Januar zu Hause in Coburg. Noch im gleichen Monat stellte er sich bei Universitätsprofessor Albert Albu in Berlin vor, der am 22. Januar 1909 dem Auswärtigen Amt mitteilte, Hermann Lüderitz sei in einem „schlechten Ernährungszustand infolge von Abmagerung, Zeichen allgemeiner Nervenschwäche, Vergrößerung der linken Herzkammer u. eine Vergrößerung der Leber, welche auf die vorangegangene Gallenerkrankung zurückzuführen ist. Ausserdem klagt Herr Consul Lüderitz seit Jahren über dramatische Schmerzen in den Gliedmassen, welche sich in letzter Zeit noch erheblich verstärkt haben. Zur Wiederherstellung der Gesundheit und Dienstfähigkeit bedarf Hr. Consul Lüderitz für längere Zeit der körperlichen und geistigen Schonung sowie einer Trink- bez. Badekur in Karlsbad und in Wiesbaden“, so Albu in seinem Schreiben, gefunden in der Personalakte Lüderitz im Auswärtigen Amt in Berlin (8).
Bild 3-4: Ärztliche Atteste von Prof. Krause und Prof. Albu, Berlin (Quelle: Personalakte von Hermann Lüderitz im Archiv des AA, P 1/9234, 9235. 9236)
Daraufhin bewilligte ihm das Auswärtige Amt am 10. Februar 1909 einen dreimonatigen Urlaub „unter Ausschluß der Reisezeit“, und sein Vertreter Maenss bekam eine monatliche Gehaltszulage von 120 Mark.
Wir fanden Hermann in der Karlsbader Kurliste vom 20. März 1909; er wohnte – allein – im Hotel Rotes Herz in Karlsbad.
In dieser Zeit meldete sich Hermann Lüderitz mit einem Schreiben an Reichskanzler Fürst von Bülow, in dem er schrieb (8):
„Seiner Durchlaucht beehre ich mich, im Anschluß an meinen gehorsamsten Briefe de dato Wiesbaden den 21. v. Mts. zu melden, daß mein Gesundheitszustand sich ganz neuerdings wieder verschlechtert hat und ich zu meinem großen Bedauern nicht in der Lage bin, schon jetzt mit Ablauf des mit Erlaß vom 19. n. Mts. - Nr. I e.6667 - bewilligten Nachurlaubes auf meinen Posten zurückzukehren.
Nach ärztlichem Urteil, wie er in der hier gehorsamst beigefügten Bescheinigung zum Ausdruck gelangt, ist es nunmehr erforderlich, daß ich vor meiner Rückkehr nach Casablanca noch mehrere Wochen zwecks weiterer ärztlicher Behandlung in Deutschland verweile. Gleichzeitig ist mir eine weitere Trinkkur verordnet worden. Eurer Durchlaucht darf ich daher die ehrerbietige Bitte vortragen, mir eine nochmalige Verlängerung meines Urlaubs und zwar auf die Dauer von sechs Wochen hochgeneigtest gewähren zu wollen. Lüderitz.“
Der Urlaub wurde im April um weitere fünf Monate verlängert. Ende Mai / Anfang Juni stellte sich Hermann Lüderitz erneut bei Prof. Albu vor, der laut Attest vom 3. Juni 1909 „seinen Zustand gebessert, aber nicht geheilt“ befand. „Insbesondere ist noch eine beträchtliche Vergrößerung der Leber nachweisbar, und da Herr Consul Lüderitz noch neuerdings wiederum über Schmerzen in der Lebergegend klagt, so erscheint es uns wünschenswert, dass er vor der Rückkehr in das für solche Kranke oft schädliche subtropische Klima Marocco´s noch mehrere Wochen unter ärztlicher Beobachtung in Deutschland bleibt. Dr. med. Albert Albu, Universitätsprofessor“.
Albert Albu (1867 – 1921), ein prominenter Vertreter der Theorie der Autointoxikation (11) als Ursache vieler chronischer Erkrankungen, hat hier möglicherweise eine bösartige Erkrankung der Gallenwege als chronische Leber-Erkrankung fehldiagnostiziert. Irgendwann in dieser Zeit zwischen Anfang Juni und Anfang August 1909 muss Hermann Lüderitz auf Prof. Fedor Krause (1857 –1937) getroffen sein, der die bereits im Dezember 1908 von Dr. Dobbert konstatierte Notwendigkeit einer Operation in einem Attest am 11. August dem Auswärtigen Amt bestätigte. Krause war Chefarzt der chirurgischen Abteilung des Augusta-Hospitals Berlin und hatte sich in Hamburg als Experte der Tumorchirurgie profiliert. Gemäß den Aufzeichnungen seines Neffen Georg Lüderitz unterzog sich Hermann Lüderitz dieser Operation, verstarb aber 24 Stunden später am 15. August 1909.
Hermann Lüderitz hatte noch erlebt, dass am 24. Februar 1909 in Coburg seine Tochter Erika Beatrice geboren wurde. Er hatte am 3. November 1902 Victoria Ribbeck geheiratet, deren Eltern in Coburg lebten. Victoria war am 21. Juli 1870 in Stettin als Tochter des Großkaufmanns Rudolph Ribbeck und seiner Ehefrau Alma Ottilie (–> Bild 9-3) geboren worden.
Die Witwe Victoria lebte bis September 1948 in Coburg und verzog dann nach Düsseldorf zu ihrer Tochter Erika, die dort ab 1955 als kaufmännische Angestellte tätig war. Die Mutter starb 1953 in Düsseldorf, die Tochter blieb unverheiratet und ohne Kinder. Sie zog im November 1981 in ein Seniorenheim in Hilden, wo sie am 16. Dezember 2001 verstarb.
Zwei Aspekte seien hier noch abschließend kurz erwähnt, die uns wichtig erscheinen: Zum einen bedachte Hermann Lüderitz in seinem 1908 kurz vor seiner Abreise nach Berlin verfassten Testament, in dem er seine Frau als Alleinerbin einsetzte, sein Patenkind und Sohn seines 1902 in Berlin verstorbenen Musiklehrers Otto Frank mit einem kleinen Legat. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass Hermann Lüderitz wie auch sein älterer Bruder Carl der Musik verbunden gewesen war.
Bedacht wurden im Testament auch sein Patenkind Charlotte, Tochter seines Bruders Albert, und ein weiteres uns bis dato unbekanntes Patenkind, Wolfgang Rottenburg. Dabei handelte es sich um den jüngsten und in Tanger geborenen Sohn (* 28. September 1890) des Zivilingenieurs Walter Rottenburg, der seit 1888 im marokkanischen Rabat im Auftrag des Sultans das Fort mit Krupp-Geschützen ausgebaut hatte und der im Mai 1890 mit seiner gesamten Familie nach Tanger übergesiedelt war. Die Rottenburgs waren der gesellschaftliche Mittelpunkt (nicht nur) der deutschen Kolonie; auch Hermann Lüderitz verkehrte in ihrem Haus und hatte Kontakt mit der Familie bis zu seinem Tod.
Auch seine Frau Victoria setzte Legate für drei uns bis dato völlig unbekannte Personen aus; diese Spur führte uns am Ende zu den Lüderitz am Niederrhein.
Zum anderen: Der Mädchenname der Mutter von Victoria Ribbeck war Alma Ottilie Dorothee Lüderitz (1841 – 1928), ein Umstand, der zunächst erheblich für Verwirrung bei uns sorgte: Sie war die Tochter des Stettiner Kaufmanns Theobald Carl Albert Lüderitz und seiner Frau Alma Marie Veronica Brandenburg genannt Tarnovius. Alma Ottilie war also Hermanns Cousine väterlicherseits, deren Tochter Victoria somit seine Nichte zweiten Grades. Rechtlich handelte es sich um eine Verwandtschaft im fünften Grad – legitim, aber reichlich verwirrend für Hobby-Genealogen wie wir.
4 Vom Kaiserlichen Buchhalter zum armen Rentner: Albert Lüderitz
Über Albert Carl Siegfried Lüderitz, den ältesten der vier Lüderitz-Geschwister, wissen wir von allen Familienmitgliedern am wenigsten. Dafür haben wir aber von ihm und seiner Frau Martha geb. Lützow und den Kindern eine Reihe von Fotos und zumindest ein Bild von Albert im Kreis seiner Herkunftsfamilie. Dieses wurde von seiner Schwester Elisabeth 1888 noch vor seiner eigenen Familiengründung (–> Titelbild) angefertigt.
Die Bilder stammen aus dem Nachlass von Georg Lüderitz, ihrem jüngsten Sohn, und fanden sich, wie die meisten unserer Schätze, bei Renate Ehrlich geb. Lüderitz, adoptierte Beymel, dem letzten Mitglied der Lüderitz-Familie in Berlin. Warum wir von Albert so wenig wissen, ist vermutlich einfach zu erklären: Malerinnen malen und stellen aus, Wissenschaftler publizieren und Konsuln stehen in der politischen Öffentlichkeit und Verantwortung. Das hinterlässt auch im vordigitalen Zeitalter Spuren, die man in Archiven, Bibliotheken und Zeitungen finden kann. Bankbuchhalter dagegen arbeiten eher im Stillen.
Kindheit und Jugend
Albert wurde am 18. September 1850 in Berlin-Friedrichstadt geboren. Seine Taufe fand am 30. Oktober 1850 in der Jerusalemkirche statt. Seine Taufpaten waren (unter anderem) die Großmutter väterlicherseits, Dorothea Lüderitz, die Großmutter mütterlicherseits, Catharina Neider, sowie der Bruder des Vaters, Kaufmann Theobald Lüderitz aus Stettin, und ein Albert Doussin, Rendant (Rechnungsführer).
Die Familie wohnte in dem Haus, das der Familie Lüderitz seit etwa 1820 gehörte – das Eckhaus Markgrafenstraße 74 / Zimmerstraße 31. Wenn man diese Adresse im heutigen Berlin sucht, findet man dort nur neuerbaute Geschäftshäuser, weil dieser Teil von Berlin am Ende des Zweiten Weltkrieges durch Bombardierung weitgehend zerstört wurde. Einige der verbliebenen Häuser wurden dann von der DDR geräumt und gesprengt, um Platz für den Mauerbau 1961 und den Grenzstreifen zwischen Ost und West zu schaffen: Die Mauer verlief entlang der Zimmerstraße.
Von den vier Ecken der Kreuzung Markgrafenstraße / Zimmerstraße war es die südwestliche Ecke, an der das Haus stand. Es stammte aus der barocken Erstbebauung der Friedrichstadt um 1776, der großen Erweiterung der alten Doppelstadt Berlin-Cölln (1).
Albert ging zur Realschule in der Friedrichstadt, Teil des Schulkomplexes Kochstraße / Ecke Friedrichstraße. Die Realschule wurde 1859 zur Realschule 1. Ordnung und blieb, wie auch die Mädchenschule, die später Elisabeth-Schule genannt wurde, unter gemeinsamer Leitung im gleichen Gebäudekomplex wie das 1811 gegründete Friedrich-Wilhelms-Gymnasium, an dem seine beiden Brüder einige Jahre später das Abitur ablegten. 1882 wurde die Realschule in Realgymnasium umbenannt und trug seitdem den Namen „Kaiser-Wilhelm-Realgymnasium“. Aber zu diesem Zeitpunkt war Albert bereits berufstätig.
----------
In der Veröffentlichung „Vollständiges Archiv aller Verordnungen, Verfügungen, Polizei-Gesetze und Bestimmungen, welche auf die bürgerlichen Verhältnisse und das Geschäftsleben der Einwohner des Preußischen Staats Bezug haben“ (2) aus dem Jahre 1839 wird das Gewerbe der Materialisten und Drogisten näher erläutert. Danach durfte der Materialist und Drogist manche Arzneimittel in beliebigem Umfang verkaufen, andere wiederum nur in größeren Quantitäten („en gros et en detail“) und nur an Apotheker. Bei den auch in kleinen Mengen verkäuflichen Waren handelte es sich um Gegenstände des täglichen Lebens, aber auch um Dinge, die man heute noch in einer Drogerie findet. Nur „en gros“ durften Produkte verkauft werden, die für die Herstellung von Arzneimitteln in der Apotheke notwendig waren oder gefährlich oder einer besonderen Steuer unterlagen.
Um 1810, als Alberts Großvater Carl Friedrich Ferdinand das Geschäft aufbaute, gab es in Berlin etwa 450 „Materialhändler“, zehn Jahre später waren es 530, neben 420 Tuch- und Seidenhändlern und 51 weiteren Kaufleuten, die 1820 die Korporation der Kaufleute zu Berlin bildeten. Im Jahr 1846, als Alberts Vater starb, waren es schon etwa 1200 Kaufleute, zehn Jahre später über 2000.
----------
Seit 1832 galten Abschlüsse der Realschule als Zugangsberechtigung für die mittlere Verwaltungslaufbahn. Diese sogenannte „Mittlere Reife“ hieß auch „das Einjährige“, weil junge Männer mit diesem Bildungsabschluss statt des normalen dreijährigen Wehrdienstes nur ein Jahr auf freiwilliger Basis dienen mussten. Wir wissen aber, dass er 1868 am Ende der Untersekunda, also vermutlich mit der Mittleren Reife, von der Realschule abging und „in den Kaufmannsstand“ trat. Wo er dann seine Kaufmannslehre absolvierte und in welchem Bereich, wissen wir leider nicht. Sein Vater und sein Großvater waren Kaufleute (Materialisten) und der Vater hatte ein Geschäft im eigenen Haus – C. A. Lüderitz Cp, Materialwaren –, in dem vermutlich vor allem Drogeriewaren verkauft wurden. 1865 firmierte Carl Adolph Lüderitz am Wohnsitz als Rentier, was bedeuten könnte, dass er das Geschäft vorzeitig aufgegeben hat. Er starb ein Jahr später im Alter von nur 50 Jahren.
Da Albert erst 16 Jahre alt war, als sein Vater starb, könnte man spekulieren, ob es überhaupt geplant gewesen war, dass er das Geschäft weiterführt. Aber nach dem Tod seines Vaters 1866 wurde seine Mutter Lucie im Adressbuch als Eigentümerin des Hauses und Rentiere eingetragen, was heißt, dass sie ein Teil der Räume vermietet hat, darunter wohl auch den Laden: Von 1870 bis 1877 betrieb der Kaufmann O. Klaunick in der Markgrafenstraße 74 ein Kolonial-, Butter- und Weingeschäft. Albert war 25 Jahre alt, als das Haus 1875 an den Bäcker Schnell verkauft wurde, der in der Kochstraße 48, also um die Ecke wohnte.
Über die Gründe für den Hausverkauf haben wir bereits spekuliert, kommen aber darauf noch einmal zurück: Finanzierung der Ausbildung der drei jüngeren Kinder Carl, Elisabeth und Hermann, die es offensichtlich einmal besser haben sollten als die Eltern, Studium der beiden Jungen und Kunstausbildung für das Mädchen. In der Konsequenz zog die Familie 1876 um, blieb aber in der Nähe – in der Markgrafenstraße 62 – wohnen.
Albert verschwand für einige Zeit aus unserem Blickfeld. Mit Sicherheit musste er nach der Schule zum Militär (vermutlich ein Jahr) und hat anschließend eine Kaufmannslehre (drei Jahre oder auch fünf wie sein Vater) absolviert. Erst 1878 (jetzt 28 Jahre alt) tauchte er als fertiger Kaufmann wieder auf. Wir haben allerdings nicht ermitteln können, wo er gearbeitet hat, und wir haben auch kein Geschäft unter seinem Namen gefunden, möglicherweise war er angestellt.
Was dann passierte, hat uns erstaunt. In rascher Folge fand sich die Familie Lüderitz an unterschiedlichen Adressen wieder: Lucie Lüderitz wohnte 1877 in der Alten Jakobstraße 120, ab 1878 in der Alten Jakobstraße 125, 1881 bis 1885 in der Trebbinerstraße 14, 1886 bis 1888 in der Hornstraße 22, 1889 bis 1892 in der Großbeerenstraße 83, 1893 in der Kleinbeerenstraße 20, 1894 und 1895 wieder in der Trebbinerstraße 11. Dann zog sie in die Nähe von Albert nach Berlin-Friedenau und war 1896 in der Wielandstraße 32, 1897 und 1898 in der Ringstraße 56 und 1899 und 1900 in der Fregestraße 62 gemeldet. Dort verstarb sie am 8. September 1900.
Eine Erklärung für die zahlreichen Umzüge ist die Zusammensetzung der Familie: Carl Lüderitz ging 1874 nach Jena zum Medizinstudium, kam aber 1882 wieder nach Berlin und wohnte in diesem Jahr bei der Familie in der Trebbinerstraße 14. Hermann Lüderitz ging nach dem Abitur 1884 zum Studium nach Heidelberg, kam 1888 zurück und wohnte bei der Familie in der Hornstraße 22, bevor er ein Jahr später nach Marokko ging. Elisabeth, die Malerin, scheint die meiste Zeit in der Familienwohnung ihr Atelier gehabt zu haben, malte aber 1885 in einem Gemeinschaftsatelier in der Schönebergerstraße 25; sie heiratete 1891 den Rechtsanwalt Rudolf Poppe und zog in einen anderen Berliner Bezirk. Und der Kaufmann Albert Lüderitz verschwand erneut für einige Zeit (1887 – 1889) aus dem Adressbuch, um 1890 als Kaiserlicher Bankbuchhalter und seit 1888 bei der Reichsbank beschäftigt wiederaufzutauchen. Er heiratete 1892 und zog nach Berlin-Friedenau.
Tabelle: Umzüge der Familie Lüderitz und einzelner Mitglieder Lucie Lüderitz (LL), Albert Lüderitz (AL), Carl Lüderitz (CL), Elisabeth Lüderitz (EL), Hermann Lüderitz (HL) *= Eigentum, sonst: Miete **1882: Trebbiner Str. 14, 1883: Ritterstr. 10, 1884: Reinickendorfer Str. 18c, 1886: Waldemarstr. 22, ab 1887 und bis 1906: Mariannenplatz 8
Ganz offensichtlich hat die wechselnde Familiengröße Lucie Lüderitz veranlasst, die Wohnung jeweils anzupassen, vermutlich um möglichst viel Geld aus dem Hausverkauf für die Ausbildung ihrer Kinder zurückzulegen. Aber das ist wahrscheinlich nur die halbe Wahrheit: In einem Zeitraum von nur 25 Jahren – 1875 bis 1900 – verdoppelte sich die Einwohnerzahl von Berlin von 966.000 auf 1.888.000 vor allem durch Zuzug und Zuwanderung. Dieser Prozess setzte nach 1871 ein, als Berlin Hauptstadt des neuen Deutschen Reiches wurde. Und das veränderte die Lage auf dem Wohnungsmarkt erheblich.
Ab 1892 sind alle Lüderitz-Kinder versorgt und haben Beruf und / oder eigene Familien. Es bleibt ein wenig rätselhaft, warum Lucie Lüderitz in den letzten acht Jahren ihres Lebens noch fünfmal umgezogen ist.
Umzug mit Martha und den Kindern
Albert trat 1887, mit 37 Jahren, in die Reichsbank ein und wurde Kaiserlicher Bankbuchhalter, 1898 Reichsbankbuchhalter, 1901 Oberbuchhalter und 1912 Kaiserlicher Rechnungsrat. Mit 65 Jahren ging er 1915 in Rente.
Er heiratete am 10. Oktober 1892 in Berlin Martha Wilhelmine Clara Lützow (* 19. Februar 1869), Tochter des Schuldirektors und späteren Besitzers einer Privatschule Friedrich Julius August Lützow und der Clara Pauline Albertine Lorenz. Martha Lützow war die Schwester von Karl Lützow, dem Pfarrer in Schmöckwitz und Eichwalde (7,8).
Bild 4-1: Die Kinder von Martha und Albert Lüderitz: Bernhard (li), Georg (re) und beide mit Charlotte, aufgenommen Weihnachten 1902
In den folgenden Jahren bekam das Paar drei Kinder: Charlotte, geboren am 24. Juli 1893, Bernhard, geboren am 27. März 1896, und Georg, geboren am 12. November 1897. Jetzt wiederholte sich, was wir schon bei Lucie Lüderitz und ihren Kindern nach ihrem Hausverkauf 1875 beobachten konnten: Albert zog nach seiner Hochzeit nach Berlin-Friedenau und wohnte bis 1893 in der Sponholzer Straße 42, zog dann in die Hauffstraße 13 (bis 1896), in die Lauterstraße 11 (bis 1899), in die Moselstraße 13 (bis 1902), in die Menzelstraße (bis 1904) und schließlich in die Cranachstraße 51 (ab 1905), wo er im eigenen Haus bis 1918 lebte. Das waren sechs Umzüge in 13 Jahren, eine vergleichbare Umzugsfrequenz wie bei seiner Mutter.
Dabei kann es im Fall von Albert und Martha nicht unbedingt am Geld gelegen haben. Er hatte mit Sicherheit ein festes Gehalt als Staatsbeamter im mittleren Dienst, und sie kam „aus gutem Hause“, wenngleich aus einer großen Familie (8). Die Kinder waren 1905 beim Umzug in die Cranachstraße noch nicht so alt, als dass eine Ausbildung schon viel gekostet hätte: Charlotte war zwölf, Bernhard neun und Georg erst sieben Jahre alt.
Tabelle: Umzüge von Albert und Martha Lüderitz. Carl Lüderitz (CL), Albert Lüderitz (AL), Charlotte Lüderitz (ChL), Bernhard Lüderitz (BL), Georg Lüderitz (GL), Adele Lüderitz (AdL); *Carl verkauft 1906, AL verkauft 1918, **= Eigentum, sonst: Miete
Es muss andere Gründe für die häufigen Umzüge gegeben haben. Einer könnte sein, dass die Familie mit dem Umzug nach Friedenau bereits früher (nach 1892) versucht hatte, dort dauerhaft Fuß zu fassen. Friedenau war als bürgerliche Villenkolonie großstadtmüder Beamter geplant worden (9), wurde aber bereits kurz nach seiner Gründung 1871 vom Ansturm der vielen Neubürger überrascht.
Der schnelle Ausbau, den auch andere Randbezirke von Groß-Berlin erlebten, mag die Preise für Wohnungen und Häuser nach oben getrieben haben. Möglicherweise war der 1905 erfolgte Häuserkauf viel früher (vor der Jahrhundertwende) geplant gewesen, musste aber wegen Kostenexplosion einerseits und Finanzierungsproblemen andererseits verschoben werden. Auch in Friedenau war der Wohnungsbau Spekulationsgeschäft (3).
----------
Kurz vor der Jahrhundertwende (1895) lebten in Berlin mehr als 40 % der Bevölkerung in gemieteten Wohnungen mit nur einem beheizbaren Zimmer, das in der Regel gleichzeitig als Küche, Wohn- und Schlafstube diente und mit Gemeinschaftstoilette im Treppenhaus oder im Hof. Um die Miete bezahlen zu können, wurden oft noch „Schlafburschen“ aufgenommen, von denen es in Berlin 1905 etwa 100.000 gab. Etwa 65.000 fast ausschließlich weibliche Dienstboten stellten ebenfalls mehr als 3 % der Bevölkerung, ebenso die häufig studentischen, überwiegend männlichen Zimmermieter, die oft bei Beamten- oder Offizierswitwen ein Zimmer gemietet hatten. Das Statistische Amt Berlins berechnete, dass 1905 in Berlin über 550.000 Einwohner mindestens zu viert in einem Zimmer wohnen mussten. (3,4)
Das Mietverhältnis war zwar rechtlich geregelt (5), erlaubte aber kurzfristige einseitige Kündigungen von Seiten der Vermieter. Mietverträge blieben auch nach Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) 1900 frei aushandelbar, wurden überwiegend nach den Vorgaben der Hausbesitzerverbände abgeschlossen und liefen meist über ein oder zwei Quartale mit wöchentlicher oder monatlicher Kündigungsfrist. „Vor allem zu den Quartalsterminen 1. April und 1. Oktober kam es jeweils zu Kündigungs- und daher auch zu Umzugswellen ... An diesen Umzügen ... waren in Berlin vor dem Ersten Weltkrieg jährlich über 30 % der Bevölkerung beteiligt und 45,7 % der Wohnungen hatten eine Bezugsdauer von maximal zwei Jahren (1905).“ (3)
„An den üblichen ,Ziehtagen´, zum 1. April und 1. Oktober, herrscht stets ein reger Umzugsverkehr. Beladen mit ihren wenigen Habseligkeiten, ziehen die Berliner von einer trostlosen Wohnung in eine noch trostlosere – womöglich in einen Keller oder einen soeben fertiggestellten, noch feuchten Neubau. ‚Trockenwohner‘ nennt man jene Mieter die eine frischverputzte Wohnung gerade so lange beziehen, bis sie ausgetrocknet genug ist und zahlungskräftigeren Mietern angeboten werden kann, während die Trockenbewohner oftmals krank werden von der Feuchtigkeit. Viele fallen ganz durch die weiten Maschen des sozialen Netzes. Obdachlosen, die von einem der überfüllten Asyle abgewiesen werden, bleibt nur, bei ‚Mutter Grün‘ zu nächtigen. An einem einzigen Tag, dem 30. Januar 1895, nimmt eine ‚Wärmehalle‘, Tagesasyl für Obdachlose, 4000 Personen auf“ (6).
----------
Zu den nach Friedenau ziehenden vielen Auswärtigen zählte auch die Familie Beymel, die um 1905 dort auftauchte (–> Kapitel 16). Die Beymel-Kinder und die Lüderitz-Kinder haben sich daher vermutlich in der Schule kennengelernt – ein Lüderitz wird viele Jahre später eine Beymel heiraten.
Albert und Martha fanden 1905 in der Cranachstraße eine längerfristige Bleibe, zumindest bis zu Alberts Pensionierung im Jahr 1915. Sie zogen 1918 nach Potsdam in die Augustastraße 39, nachdem sie das Wohnhaus in Friedenau verkauft hatten. Zu diesem Zeitpunkt mag es wiederum Sinn gemacht haben, das Geld aus dem Hausverkauf nicht in eine neue Immobilie zu investieren, sondern es für die Ausbildung der Kinder auf die Seite zu legen. Charlotte war jetzt 14 Jahre, Bernhard elf Jahre und Georg zehn Jahre alt. Wenn dies die Hoffnung der Eltern war, hat sie sich, wie sich herausstellen sollte, jedoch nicht erfüllt. Und auch Albert waren nur noch wenige Jahre beschert: Er starb laut Aufzeichnungen seines Sohnes Georg an Heiligabend des Jahres 1928 im Alter von 78 Jahren im St. Josef Krankenhaus in Potsdam an Darmkrebs. Er wurde am gleichen Tag auf dem französischen Friedhof in der Liesenstraße in Berlin beigesetzt.
Bild 4-2: Albert und Martha Lüderitz geb. Lützow (Foto von 1910)
Zufall oder Ursache und Wirkung?
Zwei wichtige Ereignisse in der Familie Albert Lüderitz fanden im Jahr 1917 statt.
Ereignis eins Die Familie verkaufte ihr Haus in Berlin-Friedenau (Cranachstraße 51) und zog 1918 nach Potsdam in eine gemietete Wohnung (Augustastraße 39), nachdem Albert 1915 in Rente gegangen war. Dies hatten wir früh recherchiert und interpretiert als Plan, mit dem Verkaufserlös die Ausbildung der Kinder zu finanzieren.
Ereignis zwei Der ältere Sohn Bernhard war durch einen Unfall, bei dem er sich die Wirbelsäule gleich mehrfach angebrochen hatte, für den Rest seines Lebens körperlich beeinträchtigt. Auch dies wussten wir bereits, aber wir wussten nicht, wann dieser Unfall geschehen war. Erst ein Nachruf in einer lokalen Zeitung im Jahr seines Todes (1953) gab das Unglücksjahr preis: Es war 1917 und Bernhard war zu diesem Zeitpunkt 21 Jahre alt.
Naheliegend also, die beiden Ereignisse in einen Kontext zu stellen. Fand der Umzug statt, weil Bernhard diesen Unfall hatte und weil eine neue Wohnung notwendig war? Die Familie wohnte in der Beletage, musste also Treppen steigen, während die Häuser in der Augustastraße in Potsdam ebenerdige Parterrewohnungen aufwiesen. Oder wurde verkauft, weil das Geld, das in der Friedenauer Immobilie steckte, für Bernhards Behandlung und Rehabilitation notwendig war? Er bekam zwar eine Rente, aber deren Höhe konnten wir nicht ermitteln: Die berufsgenossenschaftliche Versicherung gibt dazu keine Auskünfte, und vermutlich sind die Unterlagen längst vernichtet.
Oder passierte der Unfall, nachdem Bernhard eine Ausbildung in Potsdam begonnen hatte? In einigen Dokumenten jener Zeit wird er als Landwirt bezeichnet, aber weder Berlin noch Potsdam sind landwirtschaftlich geprägt. Plante die Familie deshalb, dorthin zu ziehen, und wurde die Immobilie erst daraufhin verkauft? Oder plante Albert den Verkauf aus besagten finanziellen Gründen vor dem Unfall, und der Unfall hat dann die finanziellen Pläne über den Haufen geworfen?
Ein Blick in die Grundbuchakte (nur für die Jahre 1900 bis 1920, damit der Datenschutz für die heutigen Besitzer gewahrt bleibt, genehmigt durch das Amtsgericht des Bezirksamtes Schöneberg) klärte Folgendes: Der Verkauf des Hauses an den Bäckermeister A. Köhler fand am 30. September 1918 statt („Auflassung“ war am 28. September 1918), der Umzug also vermutlich um diese Zeit. Im März 1919 wohnte Albert bereits in Potsdam. Nichts deutet in der Akte darauf hin, dass der Verkauf von langer Hand geplant war. Nach den bekannten biografischen Informationen verbrachte Bernhard nach dem Unfall zwei Jahre in einem Gipsbett, also auch noch im Jahr 1918. Das macht es einigermaßen plausibel, dass der Umzug aus finanziellen und praktischen Gründen erfolgte.
Wäre dies ein Roman, würden wir Autoren daraus eine Geschichte konstruieren, die sich auf Plausibilität, Spannung, Dramatik und Fortgang der Geschichte hin ausrichtete. Als Wissenschaftler reicht uns das nicht: Mit den wenigen Daten, die wir bis zu diesem Zeitpunkt zur Verfügung hatten, war eine finale Antwort auf diese Fragen einfach nicht zu geben. Wir suchten weiter.
Ein trauriges Ende
Martha Lüderitz verließ Potsdam unmittelbar nach Alberts Tod, ihr Verbleib zwischen 1929 und 1936 ist bislang unklar. 1937 wohnte sie jedoch bei ihrer Tochter Charlotte in Berlin-Lichtenrade (Landsberger Straße 55). Sie verstarb im selben Jahr an einer Lungenentzündung. Kurz vor ihrem Tod kam Sohn Bernhard aus Bad Berka nach Berlin, um ein halbes Jahr später wieder nach Bad Berka zu gehen und sich um seine Tochter aus der Ehe mit Adele Ramelow, die kurz zuvor (1935) verstorben war, zu kümmern. Aber das ist eine andere Geschichte (–> Kapitel 19).
Albert und Martha hatten 1926 ein Testament verfasst, in dem sich die Eheleute gegenseitig als Alleinerben eingesetzt hatten. Nach dem Tod des zweiten Elternteils waren die Kinder Erben in gesetzlicher Erbfolge. Ob sie etwas geerbt haben, ist jedoch fraglich. Wenn das Geld aus dem Hausverkauf in Wertpapieren angelegt gewesen war, ist es vermutlich im Super-Inflationsjahr 1923 (10) verloren gegangen.
Bei der Testamentseröffnung am 8. Januar 1929 gab Martha den Wert des Eigentums (Hausrat) mit 500 Mark an. Das ist mehr als tragisch, sicherlich auch für Albert, dessen Beruf der Umgang mit Geld gewesen war. Auch wenn Albert als Rechnungsrat eine entsprechende Pension bezogen hat, die ein stabiles Grundeinkommen selbst während und erst recht nach der Inflation gewährleistete: Die Familie war zu Beginn der von den Nazis versprochenen „neuen Zeit“ arm und driftete auseinander.
Diese ersten vier Geschichten aus der Lüderitz-Familie haben – im Hinblick auf den Ausgangspunkt unserer Recherche, die Suche nach dem Arzt Dr. Carl Lüderitz – viel Neues ergeben. Und wir haben erkannt, wieviel Freude es machen kann, gemeinsam auf die historische Suche zu gehen. So haben wir ohne langes Überlegen einfach weitergemacht und uns gefragt, woher die Familie Lüderitz eigentlich stammt. Auch wollten wir nicht zuletzt klären, ob sie etwas zu tun hat mit Adolf (von) Lüderitz (1834 – 1886), dem Kolonialisten aus Deutsch-Südwest, oder mit Gustav Lüderitz (1803 – 1884), dem berühmten Kupferstecher an der Berliner Akademie der Künste. Mit anderen Worten: Wir tauchten weiter ab in die Vergangenheit.
ABTAUCHEN IN DIE VERGANGENHEIT: CARLS URGROSSELTERN UND GROSSELTERN
5 Der Prediger: Johann Carl Lüderitz
Unsere Geschichten der Familie Lüderitz fangen chronologisch mit der Geburt des Urgroßvaters von Carl Lüderitz, Johann Carl Lüderitz, im Jahr 1739 an. Wir hätten sie früher oder später beginnen lassen können, doch es gab gewichtige Gründe für diesen Beginn: Genealogische Forschung wird, je weiter man in die Vergangenheit gerät, zunehmend schwieriger, weil Akten und Dokumente seltener sind, schwerer zu finden und auch schwerer zu lesen. Anders als adelige Familien, die ihre Familiengeschichte schon immer sorgfältig dokumentiert haben, um z. B. Erbansprüche zu sichern, hat das „gemeine Volk“ diesbezüglich weniger Tradition oder Traditionsbedürfnis. Dazu kommen Überlieferungen, die leicht durch Kriege, Feuersbrünste, Krankheiten wie Pest und Cholera und andere Ereignisse verloren gehen. Allein der Dreißigjährige Krieg (1618 – 1648) hat fast 20 % der Bevölkerung im Bereich des späteren Deutschen Reiches das Leben gekostet und in manchen Städten Brandenburgs, z. B. in Perleberg (1) und Magdeburg (2), mehr als der Hälfte.
Ein anderer Grund für unsere Entscheidung war, dass Johann Carl Lüderitz, den wir hier „Prediger“ nennen, der erste dieser Linie der Familie Lüderitz war, der nach Berlin kam, um dort zu heiraten. Das schien uns passend, war und ist doch die Dokumentation solcher genealogisch wichtigen Ereignisse in Berlin ungleich besser und verlässlicher als in der Provinz. Unsere Familie Lüderitz kam aus Halle an der Saale, und da sollen unsere Geschichten auch beginnen.
Bild 5-1: Kirchenbuch-Eintrag zur Geburt/Taufe von Johann Carl Lüderitz (Quelle: Kirchenarchiv der ehemaligen Provinz Preußen, Halle (Saale), Taufregister St. Laurentius 1739-1754, S. 4: 9. April 1739)
Halle an der Saale 1739
Johann Carl Lüderitz wurde am 9. April 1739 in Halle (Saale) als Sohn des Kaufmanns und Lederhändlers Johann Gottfried Lüderitz und der Anna Elisabeth Schindler geboren. Der Vater war der einzige überlebende Sohn von Andreas Lüderitz, Bürger und Schuhmacher, der am 10. Juni 1731 im Alter von fast 57 Jahren an Durchfall gestorben war. Andreas war 27 Jahre verheiratet gewesen mit Maria Dorothea, die am 28. Dezember 1750 im Alter von knapp 67 Jahren starb. Aus dieser Ehe waren fünf Söhne und zwei Töchter hervorgegangen, von denen beim Tod der Mutter neben Johann Gottfried nur noch eine Tochter lebte.
Johann Gottfried, geboren im November 1709, starb am 31. Januar 1791 im hohen Alter von 81 Jahren. Er war Schuhmacher-Innungsverwandter – also kein vollberechtigtes Mitglied der Innung – und Lederhändler. Aus dessen Ehe mit Anna Elisabeth gingen mindestens acht Kinder hervor, von denen vier sehr früh starben, darunter zwei Söhne, die auf die Vornamen des Vaters getauft worden waren. Als eines der letzten dieser Kinder aus erster Ehe wurde am 22. September 1759 Johann Gotthilf geboren, der das Geschäft des Vaters übernahm und ebenfalls im hohen Alter von 82 Jahren am 22. April 1842 starb; seine Frau, geboren am 24. Oktober 1764, starb am 1. November 1835. Der Vater heiratete ein zweites Mal und bekam drei weitere Töchter.
Johann Carl war der älteste überlebende Sohn aus der ersten Ehe des Vaters (das Schicksal seines zwei Jahre jüngeren Bruders Johann Heinrich ist unbekannt), bei dem aber offenbar bereits frühzeitig feststand, dass er nicht das väterliche Geschäft übernehmen würde. Ehe er sein Studium im Mai 1758 begann, hatte er ein Gymnasium besucht, die Lateinschule in Halle, vermutlich die der Francke’schen Stiftungen.
Am 1. Mai 1758 nahm Johann Carl das Studium an der Universität Halle auf, wo er sich am 23. Februar mit latinisiertem Vornamen – Joh. Carol. (Johannes Carolus) – für das Studium der Theologie eingeschrieben hatte. Nach Ausweis der Matrikel zahlte er nur die Hälfte der Studiengebühr von einem Taler und vier Groschen. Gemäß den Regelungen in den Matrikeln von 1730 / 31 wurde eine solche Befreiung sowohl den Söhnen von Professoren und einflussreichen Personen ehrenhalber gewährt als auch den armen Schülern, die von den Francke‘schen Stiftungen zur Universität kamen. Da Johann Carl 1759 bis 1762 als „Informator der deutschen und lateinischen Schule“ in Einrichtungen der Francke’schen Stiftungen tätig war (1759 – 1760 an der Knabenschule, 1761 an der Lateinschule, 1762 am Pädagogium), kann man mit einigem Recht vermuten, dass er dort selbst zur Schule gegangen war. Seine Beurteilung durch die Stiftung lautete: „Furcht Gottes ist zu erwarten, hat einige studia, Vortrag und regimen muß noch erlangt werden, Sitten sind angenehm.“
----------
Die Francke´schen Stiftungen wurden durch den Theologen und Pädagogen August Hermann Francke (1663 – 1727) gegründet. Dieser war seit 1691 Pfarrer an der St.-Georgen-Kirche in Glaucha, gleichzeitig Professor der griechischen und orientalischen Sprache an der Universität Halle. Mithilfe einer Spende gründete Francke Ostern 1695 eine Armenschule; unterrichtet wurden die mittellosen Kinder von einem Studenten der Universität. Da zunehmend auch Angehörige wohlhabender Kreise ihre Kinder zu Francke schicken wollten, gründete er 1695 das Pädagogium als Erziehungs- und Bildungsanstalt für Kinder aus dem Adel und dem reichen Bürgertum. 1697 wurde die Lateinische Schule für Knaben aus bürgerlichen Familien, die akademische Ambitionen hatten, errichtet. Der Unterricht wurde von Studenten gestaltet, die dafür freie Wohnung, freies Holz und 16 Groschen Lohn erhielten. Um den mittellosen Kindern ein angemessenes Umfeld zu bieten, gründete Francke zusätzlich ein Waisenhaus. Als 1701 das Hauptgebäude seiner Stiftung eröffnet wurde, waren Idee und Struktur innerhalb weniger Jahre verwirklicht worden.
----------
Das Theologiestudium galt vielfach als geeignetes Mittel, um den sozialen Aufstieg ins Bildungsbürgertum zu schaffen: ob als Pfarrer, als Lehrer oder als Hauslehrer. Die soziale Rekrutierung der evangelischen Pfarrer erfolgte aus deutlich niedrigeren sozialen Schichten als in anderen akademischen Berufen. In Halle, dem Zentrum der Theologenausbildung in Preußen, stammten von 1768 bis 1771 mehr als 40 % der Studenten aus Pfarrersfamilien, 11 % aus anderen akademischen Familien, 16 % aus Lehrer- und Beamtenfamilien, 7 % aus dem handeltreibenden und produzierenden Bürgertum; 17 % waren Söhne selbstständiger Handwerker, 7 % von Bauern, 1 % von Arbeitern und Tagelöhnern (3).
Man konnte ohne Abitur Theologie studieren; als 1788 das Abiturientenexamen eingeführt wurde, galt das nur fakultativ. Auch ein Nichtbestehen schloss nicht vom Studium aus, sondern nur von den Stipendien. Selbst das Universitätsexamen als Voraussetzung für die Einstellung als Pfarrer wurde in Preußen erst nach 1800 verbindlich festgeschrieben.
Zu der Zeit, als Johann Carl sein Studium beendete, gab es infolge des Siebenjährigen Krieges (1756 – 1763) in Preußen eine größere Nachfrage nach Pfarrern. Aus den hohen Einstellungsraten ergab sich ein Überangebot an Theologen, das in einer Art konjunktureller Welle bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts immer wieder auftrat. Doch Johann Carl ging, wie die Francke´schen Stiftungen notierten, „bald“ (ca. 1762) nach Aachen „in Condition“, d. h. in Stellung, vermutlich als Hauslehrer. Der Zeitgenosse Carl Müller schrieb 1783 (4), dass die meisten solcher Hauserzieher, Hofmeister oder Instruktoren Theologen seien: „… und aus der Erfahrung weiß man, daß sie die ärmsten Studierenden, und aus den niedrigsten Classen des Volkes entsprossen sind“. Ihre Armut zwinge sie – in einigen Ländern auch die Konsistorialordnungen – „nach der Akademie, in sogenannte Conditionen zu gehen, und es scheint auch für ein solches Lehramt in der Tat am schicklichsten zu seyn, – eine Vorübung zu dem künftig zu erwartenden geistlichen Lehramte abzugeben“. Sie kommen von unten, kommen mit rauen Sitten auf die Universität und gehen von dieser „in Condition“, wo sie den Kindern der Vornehmen Sitten lehren sollen, die sie selbst nicht beherrschen. Sie sind „höchstens junge, unerfahrne, und eingeschränkte Leute“ und diejenigen Studenten, die nicht so sind, haben das im Elternhaus gelernt und haben auch keine „Condition“ nötig. Dennoch: Als Hauslehrer mochten sie sich pädagogische Erfahrungen mit Kindern ebenso aneignen wie bürgerlich-protestantische Lebensformen. Aber zugleich galt der Hauslehrer als armselige Existenz, als „gebildeter Sklave“, der von seinen Dienstherren für alle Dienste herangezogen wurde.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.