Kitabı oku: «Resilienzcoaching für Menschen und Systeme»

Social Innovation und Change [sic!]

Der Autor
GÜNTHER MOHR, Dipl.-Volkswirt, Dipl.-Psych., Senior Coach DBVC, Supervisor BDP, zertifizierter und lehrender Transaktionsanalytiker im Feld Organisation und Management; Ausbildungen in analytischer Gruppenberatung, Verhaltenstraining und systemischer Beratung; Tätigkeiten am Finanzwissenschaftlichen Institut der Universität Bonn, in einer Psychosomatischen Fachklinik, als Personalberater für technische Führungskräfte, als Führungskräfteentwickler und Bildungsmanager, als interner Coach und Berater in einem Unternehmen; Leiter des Institut für Coaching, Training und Consulting, Hofheim; Autor von zahlreichen Büchern und Fachbeiträgen, im selben Verlag erschienen: Systemische Organisationsanalyse, Coaching und Selbstcoaching, Workbook Coaching und Organisationsentwicklung, Achtsamkeitscoaching, Systemische Wirtschaftsanalyse. Arbeitsmaterialen zum Buch und Kontakt zum Autor: www.mohr-coaching.de.
© 2017 EHP – Verlag Andreas Kohlhage, Gevelsberg www.ehp-verlag.de
Redaktion: Monika Cyran und Andreas Kohlhage
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Umschlagentwurf: Uwe Giese – unter Verwendung eines Fotos von Beate Claus: ›Spectaculum‹, Köln 2013 –
Entwurf der ›Scriptwächter‹ in Abb. 5–7: Christian Klefke, Gütersloh
Satz: MarktTransparenz Uwe Giese, Berlin
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print-ISBN 978-3-89797-129-5
epub-ISBN 978-3-89797-498-2
pdf-ISBN 978-3-89797-499-9
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Inhalt
I Resilienz im Alltag
Resilienz – ein neues Modewort?
Normale Beanspruchung – Die neue Welt der VUCA
Resilienz lernt man nicht im Wellness-Hotel
Raketenalarm
Levines Konzept der somatischen Erfahrung
»Scharfer« und »weiter« Resilienzbegriff
Individuelle und systemische Resilienz
Resilienz – eine billige Verschiebung von Verantwortung auf den Bürger?
Kollektive Traumata
II Resilienzpraxis mit dem Resilienzquadrat
Resilienzfaktor I: Externe Ressourcen
Social Support
Übungen
Natur als Resilienzfaktor
Mit Kinhin Natur erleben
Resilienzfaktor II: Die Körper-Geist-Verbindung
Embodiment
Yoga oder Krafttraining
Empathie macht Beziehungen möglich
Übungen
Resilienzfaktor III: Sinngestaltung
Seit 2000 Jahren die gleiche Sinnfrage
Resilienzfaktor IV: Interne Ressourcen
Mut zeigen und Vermeidung vermeiden
Selbstwirksamkeit in Beziehungen
Konsistent das Erleben konstruieren
Das »Heilige Land«
Gewohnheiten aufgeben
Realismus
Eigenverantwortung
Improvisationsfähigkeit, Spiel, Spaß und Humor
Im Bunker in Ofakim
Mit den Ambivalenzen des Lebens umgehen – Glücksrezepte
Übungen zu internen Ressourcen
III Sieben praktische Schritte zur Resilienz
Notwendige Begleitung auf dem Weg
Schritt 1: Das Leben zu erkennen ist erste Priorität
Übungen zur inneren Wahrnehmung
Schritt 2: Resilienz durch Meditation und Achtsamkeit unterstützen
Wie geht Meditation praktisch? – Einige Kernpunkte
Was Meditation nicht ist – Einige Mythen
Was ähnelt der Meditation?
Den Tag mit Meditation beginnen
Hausherr oder Hausmeister
Schritt 3: Emotionsregulation und Embodiment
Kognitive Verhaltenstherapie und Imagery Rescripting
Levines Somatic Experience
Energetische Psychotherapie
Advanced Integrative Therapy
Introvision
Neuroimagination
Schritt 4: Resilienz durch Leben im Spannungsgebiet
Jerusalem im Juli 2014
Wie fängt eine große Spannungssituation langsam an?
Schritt 5: Gefühle ausfühlen und Skriptarbeit
Schritt 6: Muster läutern
Antreibermuster
Antreiber beschreiben das Wie des Weges
Die fünf meist-benannten Antreiber
Wie ist die Korrekturrichtung für die Antreiber?
Beraterische Hilfe, um Resilienz an die Stelle des Antreibers zu setzen
Die sechs neuen Antreiber
Schritt 7: Dranbleiben
IV Organisationale Resilienz
Systemische Perspektive
Resilienz in den Systemdynamiken
Systemstruktur – Aufmerksamkeit, Rollen und Beziehungen
Systemprozesse – Kommunikation, Problemlösung und Erfolg
Systembalancen – Gleichgewicht und Rekursivität
Systempulsation – äußere und innere Pulsation
Das 7-Schritte-Programm
Dialogische Organisationsentwicklung
Bedürfnisse in Veränderungsprozessen
Haltung und Kultur
Fünf Brüder – Unternehmerische Resilienz in der Praxis
Abschluss und Ausblick
Literatur
I Resilienz im Alltag
Neben mir im Bus von Jerusalem nach Tiberias sitzt ein Soldat, der für den Sitz viel zu groß ist und dessen Schnellfeuerwaffe mir mit dem Schaft immer wieder mal in die Seite drückt. Gott sei Dank hat er die zwei vollen Magazine nur an das Mittelteil mit Kreppverschluss angebunden und nicht eingesetzt. Aber so ist das hier. Gestern schon hatte einer, während er an seinem Handy herumspielte, dauernd die Mündung seines Gewehrs auf mich gerichtet. Ich fühlte mich an Szenen in Kriminalfilmen erinnert, in denen man sonst so etwas sieht. Ich wollte schon »alles zugeben«. Makaber, surreal, fremd. Aber schon wie beim ersten Aufenthalt im heiligen Land habe ich mich nach einigen Tagen an solche Situationen gewöhnt. Es ist ein Teil dessen, wie man hier in Israel/Palästina mit Bedrohung und Spannung umgeht.
Resilienz ist die Fähigkeit, mit widrigen bis sehr widrigen Umständen umzugehen. Resilienz wird notwendig, wenn plötzliche starke traumatische Ereignisse ins Leben eingreifen oder auch wenn stetige Bedrohungen und Spannungen herrschen. Resilienz bedeutet dann, mit diesen Situationen so umzugehen, dass keine posttraumatische Störung, also etwa depressive oder auch gewalttätige Reaktionen, entstehen. Denn genau das widerfährt Menschen oft, die großen Spannungssituationen ausgesetzt waren oder sind. Und in dieser menschlichen Tendenz, widrige Umstände auch mit sehr archaischen Denk- und Verhaltensmustern zu beantworten, liegt eine große Gefahr. Deshalb gilt es, über individuelle Resilienz nachzudenken, aber auch deren Seite in Humansystemen, also Organisationen bis hin zu Gesellschaften, zu betrachten.
Neben den Konzepten und Ideen zu Resilienz konnte ich das Thema durch mein Interesse an konkreter Erfahrung in zwei Erlebensbereichen sehr intensiv selbst erfahren. Einmal war dies das Leben und Erleben in einer Region der Welt, in der das Thema ›Spannung‹ in Form potenzieller Lebensbedrohung ständig zum Alltag gehört und dadurch Resilienz für die Menschen notwendig macht. Dies ist im Nahen Osten/Palästina/Israel seit langem der Fall. Resilienz war das Thema eines internationalen Projektes an der Hebrew University in Jerusalem, an dem ich teilnahm. Es sollte dann mehr praktische Resilienz auf mich zukommen, als geplant war, denn ich erlebte den Krieg im Jahre 2014, der in Gaza, aber natürlich auch zeitweise auf den Straßen Ost-Jerusalems stattfand.
Der zweite Aspekt von Leben und Erleben war meine Zazen- Praxis. Zazen ist die Meditation im Zen, das lange »Sitzen auf dem Kissen«. Ich hatte Zazen wie viele aus dem Bemühen heraus begonnen, innerlich ruhiger zu werden und tiefere Erkenntnisse über das Leben zu bekommen. Die Reihenfolge der Erfahrungen hatte ich mir so vorgestellt: erst innere Ruhe finden und dann weise werden. Als ich mich ganz auf diesen Weg einließ, war meine Erfahrung dann allerdings anders. Zazen ist über weite Phasen innerlich ein gefühlsmäßig sehr intensiver und keineswegs immer »lustiger« Prozess, wie es der Zenlehrer Alexander Poraj einmal ausdrückte (Poraj 2016). Entgegen meiner anfänglichen Vorstellung übte ich bald nicht die stetige Zunahme innerer Ruhe, sondern das innere »Ausfühlen« sämtlicher Gefühle, die mit dem Menschsein zu tun haben. Dazu war Resilienztraining vor allem in Form konkreter Emotionsregulationstechniken für mich sehr hilfreich. Denn die in diesen Prozessen auftauchenden Gefühle reichen weit über das hinaus, was man allein durch seine individuelle Biographie erklären könnte. Es führt bis in archaische Bereiche des menschlichen Daseins. Zu der Art dieser Gefühlsprozesse werde ich unter Resilienzfaktor II (Körper-Geist-Verbindung) Näheres schreiben.
Der Begriff ›Gefühle ausfühlen‹ im Zusammenhang mit Meditation stammt interessanterweise schon von Johannes Tauler, einem deutschen christlichen Mystiker und Schüler Meister Eckharts, der von 1300 bis 1361 lebte. Meditation und Kontemplation sind nicht vorwiegend etwas Fernöstliches. Sie sind in allen Kulturen bekannt, aber aufgrund der schmerzlichen Konfrontation mit den Gefühlen seltener praktiziert und ins Leben integriert, als es für Menschen günstig wäre. Der Weg der Meditation ist – und davon bin ich mittlerweile sehr überzeugt – ein Königsweg zu gesteigerter Resilienz.
Insgesamt sind die Wege zur Resilienz zu verknüpfen. Dies kann das Erleben in einem Spannungsgebiet sein und die Reflexion in der Meditation, das zum Vorschein-kommen-Lassen was im Menschen in der Tiefe steckt. Es können natürlich bei jedem Menschen andere Wege sein. Den genannten Zugangsweg »Erleben und Meditieren« hatte mir Bernie Glassman nahegebracht. Der Zen-Meister jüdischer Herkunft bietet seit 20 Jahren ein Meditations-Retreat in Auschwitz an. An die schwierigen Stätten der Menschheit zu gehen und dort nicht gleich alles besser zu wissen, in Agitation zu verfallen oder zu resignieren, sondern innezuhalten und zu spüren, das hatte mich beeindruckt. Im Folgenden werden neben den wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Thema Resilienz immer wieder Beispiele für praktische und konkrete Wegerfahrungen eingefügt.
Resilienz – ein neues Modewort?
Resilienz ist ein Begriff, der der Materialwirtschaft entlehnt ist. Damit geht es ihm ähnlich wie dem Stressbegriff, der ebenfalls aus der Physik stammt. Der materialwirtschaftliche Resilienzbegriff gibt an, wie sehr ein Material nach Beanspruchung wieder in der Lage ist, seine Ausgangsposition einzunehmen, etwa bei einer Spiralfeder, die gedehnt wird und sich danach wieder entspannt. Übertragen auf die psychologische Resilienz bedeutet dies, nach sehr widrigen Erlebnissen wieder zu einem einigermaßen erträglichen Empfinden zurückzufinden. Aber dieses Bild ist für die psychologischen Situationen zu ergänzen, da in vielen Fällen als Resultat eines Resilienzprozesses ein neues Gleichgewicht entsteht. Es wird selten ganz wieder so, wie es vorher war. Im günstigen Falle erfolgt ein persönlicher Wachstumsprozess nach dem oder sogar durch das Trauma (posttraumatic growth). Menschen entscheiden sich dann oft, in ihrem Leben andere, ihnen selbst wesensgemäßere Prioritäten zu setzen.
Der Resilienzbegriff wurde in der Forschung – in den letzten Jahren besonders von dem Psychologen George Bonanno – ganz besonders auch als Reaktion auf traumatische Erlebnisse untersucht (Bonanno 2012). Er spricht von potenziell traumatischen Ereignissen (PTEs), wie z. B. schweren Unfällen, Verlust von nahen Angehörigen oder auch Gewalteinflüssen. Deren Auftretenswahrscheinlichkeit wird nach Auffassung des niederländischisraelische Traumaforschers Daniel Brom von Menschen gerne verdrängt. Brom spricht hier von einer Illusion, die Menschen haben. Jeder Mensch sei mindestens einmal im Leben mit einer solchen Situation konfrontiert (Brom 2014). Insofern ist das Lernen von Resilienz sinnvoll.
Beeinträchtigungen im Leben können auf zwei Weisen entstehen: durch ein Trauma oder durch »steady poison«. Fundamentale beeinträchtigende Lern- und Erfahrungsprozesse bei Menschen können einerseits durch ein einschneidendes Ereignis bewirkt werden, das alles verändert, andererseits durch eine ständige Konfrontation mit negativen Einflüsse. Dies passiert etwa, wenn einem Kind das Selbstvertrauen oder andere natürliche Fähigkeiten, für die es Wertschätzung braucht, kontinuierlich abgesprochen werden. In der Regel wird im letzteren Falle nicht von Traumatisierung im engeren Sinne der Definition gesprochen; es ist eher eine kontinuierliche, schwere Stresssituation. Der Übergang zwischen schwerem Stress und Trauma gestaltet sich fließend. Interessant ist aber gerade bei den Kindheitserlebnissen, dass hier oft eine Traumatisierung intergenerationell (von Generation zu Generation) weitergegeben wird. Traumata und schwere Stresserfahrungen verschwinden nicht einfach, wenn sie nicht behandelt, sondern verdrängt, abgespalten oder verschwiegen werden. Sie gären unterschwellig weiter und werden mehr oder weniger bewusst weitergegeben. Gerade viele Deutsche haben in diesem Punkt durch die Erfahrungen der Kriegsgeneration und der Nazizeit unbearbeitete Traumata. Die Weitergabe geschieht oft nicht durch ein einschneidendes Erlebnis, sondern subtil. In diesem fundamentalen Zusammenhang der Weitergabe von Traumata zeigt sich schon ein wichtiger systemischer Prozess, der in Systemen wie Familien, Gesellschaften, Bevölkerungen, Staaten auf die Resilienz des Einzelnen Einfluss nimmt.
Mittlerweile wird daher das Resilienzkonzept auf Individuen (Kinder und Erwachsene) aber auch auf Systeme allgemein und Organisationen im Speziellen angewendet. Jessica Di Bella hat beispielsweise die Resilienz von kleinen Unternehmen in einer vergleichenden Studie untersucht, die von fünf italienischen Brüdern geführt wurden (Di Bella 2014). Immer geht es darum, die Faktoren zu ermitteln, die zur Robustheit gegenüber widrigen Ereignissen und Einflüssen führen. Zahlreiche Untersuchungen haben sich mit Resilienz bei Kindern beschäftigt, aber auch im Erwachsenenalter ist es möglich, Resilienz zu entwickeln. Resilienz hat mit der Bewältigungsfähigkeit von Ereignissen und Situationen zu tun. Deshalb zunächst ein kurzer Einblick in die Anforderungsbedingungen, die der Mensch heute zu bewältigen hat.
Normale Beanspruchung – Die neue Welt der VUCA
Schneller, unberechenbarer und gefährlicher? Schon die normale Welt ohne traumatische Schicksalsschläge stellt gerade hohe Anforderungen. Dies wird heute manchmal ›VUCA-Welt‹ genannt. Volatilität (die schnellen Veränderungen), Unsicherheit, Complexity bzw. Komplexität und Ambiguität (Uneindeutigkeit der Vorkommnisse) kennzeichnen den Beginn des 21. Jahrhunderts.
Die Geschwindigkeit der Veränderungen in der Welt hat sich erhöht. Dies wird mit der Volatilität, dem Begriff für die schnellen Schwankungen von relevanten Daten und Kontexten, zu erfassen versucht. Ob die Sicherheitslage in einem Land oder auch die Seriosität und damit Kreditwürdigkeit eines Kunden (siehe VW oder Deutsche Bank) – schnelle Veränderungen sind die Herausforderung. Was zunächst nur für die Börsenschwankungen angenommen wurde, ist nun für viele Lebensbereiche zum Thema geworden. Gleichzeitig wird in einer Art Gegenbewegung versucht, alles zu berechnen. Das menschliche Verhalten wird in Algorithmen gepackt, die möglichst viel voraussagen sollen. Wie sich diese Algorithmen wiederum auf das Leben auswirken, erklärt der Journalist Christoph Drösser in seinem Buch Total berechenbar (Drösser 2016). Auch diese »berechnende Welt« erscheint den Menschen nicht gerade geheuer, weil sie mit dem Ziel unserer Beeinflussung erfolgt. Manche glauben gar, ein Überwachungsstaat wie in George Orwells legendärem Buch 1984 werde Wirklichkeit. Ein Ergebnis ist eine große Unsicherheit, die das Empfinden vieler Menschen kennzeichnet. Die Erwartung in Wohlstandsgesellschaften ist aber gerade ein Gefühl der Sicherheit. Wohlstand bedeute Sicherheit. Täglich wird suggeriert, man könne alles versichern, sich gegen alles absichern. Man muss nur dafür bezahlen, dann verliert das Leben seine Bedrohungen. Und wer das nicht hinbekommt, hat eher selbst ein Problem. Der Mensch ist in seiner Schwankung zwischen dem lange Zeit vorhandenen Schicksalsglauben und der Machbarkeitsidee zu sehr auf den zweiten Pol fokussiert worden. Manche nennen es den »Machbarkeitswahn«. Diese Polarität zwischen Schicksalsglauben und Machbarkeitswahn wird von der Daseinsanalytikerin Alice Holzhey-Kunz (2001) sehr schön beschrieben. Die Sozialwissenschaftlerin Herrad Schenk (2000) spricht gar vom Machbarkeitsmythos. Seit der Aufklärung hat der Glaube an ein vorherbestimmtes Schicksal und das Annehmen der höheren, eingreifenden Macht nachgelassen. Das Zurückweichen des Schicksals führt zunehmend zu der Ideologie, dass alles machbar sei. Die ungeheure Schöpferkraft des Menschen, die gerade im Bereich der Technik die segensreichsten, aber gleichzeitig potenziell gefährlichen (z. B. Atomkraft, Gentechnik) Erfindungen macht, steigert die Unsicherheit des Menschen. Das Ausgeliefert-Sein des Menschen an den Zufall, zumindest an das Leben mit allen seinen unberechenbaren Seiten wird mit verschiedenen Mitteln zu bewältigen versucht. Der Philosoph Odo Marquard nennt es so: »Früher wurde nichts gemacht, dann wurde einiges gemacht, jetzt wird alles gemacht« (zit. nach Holzhey-Kunz 2014).
Unsicherheit ist mehr als Risiko. Risiko wird in Investitionsentscheidungen in Szenerien und Wahrscheinlichkeiten abzubilden versucht. Unsicherheit ist aber nicht berechenbar. Sie knüpft an das Archaische des Menschen, das Ausgeliefert-Sein an das Leben an. Lange war in der Welt der Glaube an ein von außen gelenktes Schicksal vorherrschend. Dieser Glaube verliert in der westlichen, vorwiegend christlich geprägten Welt, in der einem personalen Gott die Zuständigkeit zugesprochen wird, an Boden, genauso wie in der östlichen Welt, in der man eher die Lenkung durch den karmischen Zusammenhang zwischen einzelnen Leben annimmt. Gleichzeitig spüren die Menschen, dass nicht alles machbar ist. So bleibt es eine der Fragen, die für die Menschen offen sind.
Zu den schnellen Veränderungen und vor allem ihrer ständigen Abbildung, wenn nicht sogar Inszenierung durch die Medien insbesondere bei tragischen Ereignissen, kommt als drittes die Komplexität hinzu. Komplexität, die Vielfalt von Aspekten in wenig systematischen Zusammenhängen, ist für Menschen eine hohe Herausforderung. Das betrifft die reine Aufnahmefähigkeit und das Verstehen genauso wie die damit eng verbundene emotionale Seite, wenn man etwas nicht überblickt oder sozusagen »keinen Plan« hat. In heutigen Projekten spielen so viele Gesichtspunkte eine Rolle. Ein größeres Bauvorhaben hat so viele Beteiligte, Interessen und Aspekte zu beachten, dass kaum ein Projekt noch in der geplanten Zeit realisiert werden kann. Aber auch auf der kleinen persönlichen Ebene scheint die Komplexität so hoch zu sein, dass Entscheidungen lieber aufgeschoben werden, was dann implizit auch wieder eine Entscheidung ist. Die Frage, soll ich Kinder bekommen, ist nur ein Beispiel für einen sehr grundlegenden menschlichen Lebensprozess, der aber heute dem Optimierungsgedanken unterworfen wird. So passiert es nicht selten, dass Paare das Kinderkriegen fast oder ganz verpassen.
Mit der Komplexität hängt auch die Ambiguität zusammen. Darunter ist die Mehrdeutigkeit von Phänomen zu verstehen. Man kann sie sehr unterschiedlich deuten. Situationen entstehen aus vielen Gründen. Was auf den ersten Blick plausibel erscheint, verliert durch Bewusst-Werden weiterer Elemente oder einfach durch die Zeit an Aussagekraft. Auch seit der »systemischen Revolution« in den 1980er-Jahren ist die Welt nicht mehr so eindeutig. Damals wurde erklärt, dass es nicht eine allseits gültige Wirklichkeit gibt, sondern alles eine subjektive Konstruktion der Welt ist. Gab es vorher die Idee, dass man, wenn man nur lange genug überlege und suche, die richtige und feste Lösung finde, ist die Wahrheitsfindung mittlerweile nicht mehr Programm. Es geht bei vielen Fragen »nur noch« darum, eine praktikable Lösungsrichtung zu finden. Lange Zeit wurde durch Ausblenden wichtiger Aspekte eine einfachere Lösungssituation geschaffen. Autoritäre Festlegungen, was und wer wichtig ist, versuchten hier etwas zu lösen. In demokratischen, pluralistischen Gesellschaften mit Menschenrechten ist dies kaum mehr möglich – und zwar zum Leidwesen vieler Menschen, die zu einfachen und schnellen Lösungen tendieren. Bei Resilienz geht es auch um das Aushalten dieser Spannungszustände, um die Erkenntnis, dass es manchmal keine schnelle Lösung gibt.
Ambiguität bedeutet in vielen Fällen auch Ambivalenz, gegenläufige bis unvereinbare Situationen in den Zielsetzungen und Interessen. Im Extremen liegen manchmal sogar Dilemmata vor, die sich durch unvereinbare Aspekte auszeichnen. Diese können nicht gelöst werden, ohne dass ein Preis gezahlt wird. Das alles in Win-Win-Situationen umformuliert werden kann, ist oft ein Mythos. Manche Lösungen verlangen einen beträchtlichen Preis.
Auf dem Hintergrund der VUCA-Welt ist eine zeitgemäße, neue Orientierung der Menschen nötig. Möglicherweise ist der Resilienzansatz dazu eine Möglichkeit. Entsprechend wurde schon bald die Grundidee der robusten Widerstandsfähigkeit gegenüber widrigen Einflüssen auch auf größere Systeme übertragen. Ökologische Systeme, die durch Umweltverschmutzung bedroht waren, boten sich dafür als erster Forschungsgegenstand an. Später kamen dann Organisationen und Unternehmen hinzu.
Die VUCA-Welt hat für Menschen einige Folgen:
• Die Notwendigkeit der Resilienz im Erwachsenenalter zeigt sich nicht nur in den ganz »normalen« Schicksalsschlägen des Lebens wie Unfällen, Krankheiten, Todesfällen. Hier spricht man von potenziell traumatischen Ereignissen. Über das Auftreten von traumatischen Ereignissen machen sich Menschen psychologisch in der Regel Illusionen. Die meisten nehmen an, dass ihnen nichts passiert, und sind dann nicht vorbereitet, wenn ihre Lebensgewohnheiten durch einen Schicksalsschlag durcheinander geraten.
• Besondere Stressfaktoren kennzeichnen die veränderte Welt, die in dem Kunstwort VUCA mit seinen vier Bestandteilen Volatilität, Unsicherheit, Complexity und Ambiguität, der Mehrdeutigkeit von Situationen, zum Ausdruck kommt. Vielfach wird der Eindruck vermittelt, der Mensch funktioniere am besten als willfähriges Instrument der Konsum-, Arbeits- und Freizeitindustrie und definiere sein Glück als Summe der erlebten, möglichst teuren Events. Das dort geschaffene Menschenbild wird dem Menschen in seiner Ganzheit aber nicht gerecht, sondern reduziert ihn (vgl. Mohr 2014, Achtsamkeitscoaching).
• Die Außenwelt wird vielfach als bedrohlich erlebt (Terror, Kriminalität), obwohl Statistiken belegen, dass Gewaltdelikte zurückgehen. Dabei ist bezüglich allgemeiner Kriminalität anzumerken, dass nicht jede kriminelle Tat, beispielsweise leichte Diebstahldelikte, bei der Polizei angezeigt wird. Vieles scheint hier »privatisiert« zu sein. Der öffentliche Raum wird weniger als geschützter Raum erlebt. Subjektiv gehen Menschen bei der kriminellen Bedrohung von einer Erhöhung aus. Das heißt, psychologisch ist dies sehr wirksam, auch wenn es vielleicht zum Teil an der medialen Darstellung liegt. Die terroristische Gefahr ist hierzulande als eine neue Form der Bedrohung dazugekommen. In Europa konnte man lange Zeit das Thema politische Gewalt und Terrorismus als etwas Fremdes, Absurdes, nur in bestimmten fernen Regionen Vorhandenes ansehen. Zwar kannte man mit der RAF, der IRA und der ETA politischen Terrorismus gegen bestimmte gesellschaftliche Gruppen. Aber mittlerweile ist eine Form des Terrorismus in Europa angekommen, die sich gegen jedermann richtet, die jeden treffen kann. Dies lässt viele Menschen auch unter einem latenten Bedrohungsgefühl leben.
• Gleichzeitig gehen Bindungen zu größeren ehemals vertrauten Systemen verloren. Firmen und andere Systeme verändern so schnell ihre Bindungskultur und ihren psychologischen Vertrag. Diese ungeschriebenen Abmachungen zwischen Firmen und Menschen (etwa »Wenn du gut arbeitest, kannst du immer bei uns bleiben, hast immer einen Arbeitsplatz«) werden heute zu häufig gebrochen. Firmen, die auch immer eine Gemeinschaft von Menschen darstellen, werden wie eine Ware behandelt, als Ganzes gekauft und verkauft, wechseln die Orientierungspunkte der Führung. Oder sie werden von Managergruppen (z. B. VW oder Deutsche Bank) übernommen, die verantwortungslose Praktiken zulassen oder sogar aktiv unterstützen. Dies nimmt den Menschen Sicherheit und Bindungsgefühl (vgl. Mohr 2015).
• Die Unterschiede zwischen Arm und Reich führen zu neuen Verwerfungen in den Gesellschaften. In bestimmten Teilen der Welt – etwa in Südamerika – ist sogar Menschenraub und Kidnapping zu einem alltäglichen Business geworden. Gated Areas, abgezäunte Gelände für Menschen mit Wohlstand, charakterisieren das Leben schon in vielen Ländern.
• Menschen werden heute älter als früher. Einerseits stellt dies höhere Anforderungen an die Gesundheit, auch an die mentale Aktivität. Früher wandten sich alte Menschen der Religion zu. In Indien ist es Tradition, das letzte Lebensdrittel der Spiritualität zu widmen. Die traditionellen Religionen haben aber ihre Attraktivität verloren. Gesucht werden neue Orientierungen.
Es gibt also genügend Gründe, sich mit Resilienz, dem konstruktiven Umgehen mit widrigen Umständen, zu befassen und sich darauf vorzubereiten. Dies ist jedenfalls besser als vordergründig als angepasstes Glied in der Konsum-, Arbeits- und Freizeitindustrie mitzuspielen und dann darüber zu klagen. Dieser Hintergrund macht auch die Einbettung der Resilienz in den gesellschaftlichen Kontext, also das Systemische der Resilienz, deutlich. Ein einseitig individuelles Verständnis des Begriffes Resilienz – im Sinne der Individualisierung gesellschaftlicher Probleme – muss kritisiert werden (z. B. Gebauer 2015). Details dazu später.
Resilienz lernt man nicht im Wellness-Hotel
Auf das Thema der Resilienz sind Entwicklungspsychologen gestoßen, als sie sich mit der Frage beschäftigten, wann sich Kinder selbst unter widrigen Umständen gut entwickeln. Mittlerweile gibt es eine Reihe großer Studien, wie beispielsweise die Kauai- Studie, die Mannheimer Risikostudie, die Bielefelder Invulnerabilitätsstudie oder die Freiburger Resilienzstudie. Die Ergebnisse der Freiburger Resilienzstudie wurden von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auch zur allgemeinen Umsetzung zusammengefasst (BZgA 2009). Man registrierte, dass Kinder, die unter widrigen Umständen leben, etwa durch Probleme der Eltern oder allgemeine soziale Probleme, sehr unterschiedlich gut klarkommen. Hier interessierten vor allem die Kinder, die sich »resilient«, also robust gegenüber widrigen Bedingungen, zeigten und sich trotz schwieriger Umstände gut entwickelten. Die amerikanische Pionierin der Resilienzforschung, Emmy Werner, beschäftigte sich in einer Studie auf der hawaiianischen Insel Kauai mit der Frage, warum sich bestimmte Kinder trotz einer Vielzahl von Risikofaktoren und entgegen aller gängigen Annahmen zu kompetenten und erfolgreichen Erwachsenen entwickelten (Werner 1993, 2000).
Gründe für diese scheinbare Unverwundbarkeit wurden zunächst vorrangig in den Persönlichkeitsstrukturen der Kinder gesucht. Man forschte nach einem Persönlichkeitsfaktor Resilienz. Da man diesen aber nicht fand, rückte die Resilienzforschung von diesem Verständnis sehr bald ab und interpretiert die Resilienz heute als dynamisches, veränderbares und durchaus auch entwickelbares Konstrukt (Masten / Reed 2002). Inzwischen legt man ein multifaktorielles Geschehen zugrunde. Sowohl soziale und kommunikative Verhaltensmuster als auch systemisch-konstruktivistische Kompetenzen werden betont. Also zum Beispiel, ob man in der Lage ist, einem Ereignis eine Bedeutung zu geben.
In der Folge beschäftigten sich viele Forscher mit der Frage, welche Schutzfaktoren zu einer Stärkung von Menschen in Risikomilieus führen (Fröhlich-Gildhoff/ Rönnau-Böse 2009; Masten / Reed 2002). Wenn die Familie schwierig ist, sind etwa Bezugspersonen außerhalb der Familie – die Kindergärtnerin, eine Tante, die Nachbarn – und die Förderung von Talenten (Denken, Musikalität, Sportlichkeit usw.) wichtige Resilienzfaktoren bei Kindern. Verstärkt traten also extrapersonale Protektoren zum Vorschein, welche selbst in hochriskanten Umfeldern existieren (Opp / Fingerle 2007). Solche Unterstützer bzw. extrapersonale Protektoren treten selbst unter sozialen Bedingungen auf, die ansonsten für die psychische Entwicklung eines Kindes katastrophal sind.
Die Hauptfrage der Resilienz bleibt, welche Faktoren Menschen in und nach sehr widrigen Umständen helfen, gut zurechtzukommen. Auch die Übertragung der Befunde von Kindern auf Erwachsene muss geprüft werden. Es gibt einige vertraute Ideen zur Resilienz. Das sind die Konzepte der schon erwähnten persönlichen Charakteristik, der Abwesenheit von Psychopathologie oder eine durchschnittliche Stufe psychologischen Funktionierens. Diese Ideen sieht Bonanno (2012) allerdings nicht als ausreichende Forschungsbasis an. Mit seinen Überlegungen lässt sich das Konzept stärker präzisieren und für Forschung und Praxis handhabbar machen. Bonanno schlug vor, auf sogenannte trajectories (Anpassungswege nach traumatischen Erlebnissen) zu schauen, die sehr verschiedene Muster über eine gewisse Zeit nach einem traumatischen Ereignis zeigen. Beispielsweise reagieren manche Menschen direkt sehr heftig und beruhigen sich dann über einen längeren Zeitraum wieder. Andere erscheinen zunächst gefasst und entwickeln erst nach und nach Symptome. Eine weitere Gruppe von Personen springt durch ein Trauma auf eine höhere innere Erregungsstufe, die sich kaum mehr verlassen lässt und konstant erhalten bleibt. Resilienz wird erreicht, wenn eine Person eine sehr widrige Situation erfahren hat, dennoch einen einigermaßen stabilen Weg von gesundem Funktionieren und positiver Anpassung in der Folgezeit zeigt (Bonanno 2012, 755).
Traumatische Situationen verändern einen Menschen auf allen Ebenen: kognitiv, im Fühlen und selbst körperlich. Wenn das gesamte Körper-Psyche-System in den Survival Mode (Überlebensmodus) umschaltet, verändert sich nach neuerem Wissen sehr deutlich etwas im Körper. Deshalb ist der Körper in allen Behandlungsvarianten zu beachten. Dies trifft für abrupte Traumata zu, als auch für Situationen in denen über längere Zeit eine sehr widrige Konstellation mit hohem Stresspegel herrscht. Kriegssituationen beinhalten oft beide Formen der Traumatisierung.
Raketenalarm
Wird eine Rakete im Gazastreifen Richtung Jerusalem abgefeuert, hat man theoretisch eineinhalb Minuten Zeit. In dieser Zeit sollte man einen sicheren Platz aufsuchen. »In Case of« heißt es in den ausführlichen Erklärungen auf dem Infoblatt in der Jerusalemer Universität. Ich wohne im neunten Stockwerk. Aufzug-Fahren ist da nicht angesagt. Die meisten Opfer bei Alarm gibt es durch Stürze beim Rennen oder durch Herzinfarkt. Den Shelter- Room mit Stahltüre bewohnt Tom, ein amerikanischer Chinese. Ich durfte schon einen Blick in sein Zimmer werfen, ist ziemlich zugestellt. Wie sollen da die Leute aus der ganzen Etage rein? Und wird er sein Zimmer nicht abschließen wollen?
Beim ersten Raketenalarm arbeite ich gerade im Computer-raum und gehe in das empfohlene Treppenhaus im zweiten Stock. Man soll immer zwei Wände zwischen sich und draußen haben, und die Treppenhäuser sind solide gebaut. Dort sitzt auch einer meiner Freunde, der im »Coexistence«-Programm arbeitete. Wir unterhalten uns ein wenig, bis jemand ruft: »it’s over«. Was soviel bedeutet wie: Der Alarm ist vorbei.
Eine Stunde später läuft das Halbfinalspiel der Fußballweltmeisterschaft Deutschland-Brasilien, die Kneipe ist brechend voll. Ich bin zurück im Zimmer im neunten Stock und arbeite noch an einer Präsentation, höre ein paar Mal Jubel von unten und denke, die halten bestimmt alle für Brasilien. Die Sache ist gelaufen. Dann reizt es mich doch und ich gehe nachschauen. Unten begegnet mir eine österreichische Kollegin. Sie ruft: »Es steht 5 zu 0!« Mein Gedanke: »Das ist aber ein bisschen heftig für die Deutschen. Die haben ja einen ganz schlechten Tag. Aber wenn Brasilien mal ins Rollen kommt …« Dann sagt sie: »für Deutschland.« Wenn man einen Raketenalarm hinter sich hat, erhöht ein 5:0 nach 27 Minuten gegen Brasilien die ohnehin schon surreale Atmosphäre enorm.
Für die Nacht lege ich mir für den eventuellen »case« alles zurecht. Wenn der Alarm kommt, muss es schnell gehen. Meine Schuhe lege ich so nah, dass ich sie schnell anziehen kann. Meine Wertsachen (Portemonnaie, Tasche mit Pass, Visum, deutscher Sim-Karte) stecke ich jeweils in einen Schuh, damit ich sie schlaftrunken nicht etwa vergesse. Der Computer ist sowieso im Rucksack, der neben den Schuhen steht. Nichts passiert in der Nacht. Tom, der morgens immer etwa zur gleichen Zeit aufsteht wie ich, gratuliert mir zum deutschen Fußballerfolg gegen Brasilien. Er ist schon der vierte, der mir gratuliert. Ich bin ein bisschen betreten. Aber das gehört irgendwie auch zum Surrealen in dieser Gesamtsituation. Er sagt, dass der Schlüssel für sein Zimmer, unter der Mikrowelle liegt. Zwei Tage später sitze ich in der Kneipe. Nur wenige Leute sind da. Wieder ein Alarm. Keiner bewegt sich. Ich frage unsicher »the sirene?« Die Antwort eines Unbewegten: »It’s only a fire alarm.«
Levines Konzept der somatischen Erfahrung
Es gibt mittlerweile sehr viele Konzepte zum Thema Trauma, auf die hier nur verwiesen werden kann. Beispielsweise gebührt im Rahmen neuerer Ansätze Luise Reddemann das Verdienst, insbesondere hypnotherapeutische Gedanken in die Traumabehandlung eingebracht zu haben (Reddemann 2011). Aber auch Konzepte wie Systemaufstellungen erscheinen sehr interessant. Der Kölner Psychologe Heinrich Breuer hat hier eine Kombination aus der Aufstellungsarbeit des manchmal umstrittenen Bert Hellinger und der Vorgehensweise des anerkanntesten Psychotherapeuten des 20. Jahrhunderts, Milton Erickson aus Phoenix/Arizona, entwickelt. Traumabehandlungen gehen in der Regel dreistufig vor. Nach einer anfänglichen Stabilisierungsphase kommt die entscheidende mittlere Phase, in der das Trauma angeschaut und bearbeitet wird, und anschließend die Integrationsphase.
Peter Levine schließt sich an Eugene Gendlins Konzept des Focusings an und betont die Bedeutung von Gefühlen, des sogenannten »Gefühls-Sinns« (Felt Sense) in Situationen. Levines Konzept der somatischen Erfahrung ist angelehnt an Beobachtungen, wie Lebewesen natürlicherweise reagieren, wenn sie sich in lebensbedrohlichen Situationen befinden oder sie verarbeiten. Im Rahmen der drei Phasen – Stabilisierung, Belastung und Integration – deckt der wichtige mittlere Schritt in der Traumabehandlung die Unterschiede auf. Levines typischer Ansatz beruht auf einer sorgfältigen Konfrontation mit Aspekten, die mit dem Trauma verbunden sind. Seine der Chemie entnommene Metapher des »Titrierens«, des langsamen »tröpfchenweisen« Konfrontierens mit den traumatisierenden Inhalten, zeigt, mit welch großer Sorgfalt jegliche erneute Traumatisierung verhindert werden kann.
Dahinter steht Levines Theorie natürlicher Reaktionen auf Bedrohung (Kampf, Flucht, Starre). Gesundung ist möglich, wenn eine Veränderung auf der körperlichen (somatischen) Ebene sowie Integration ermöglicht werden. Der Anteil einer Persönlichkeit, die innerlich im Trauma verbleibt, reagiert aus dem im Trauma fixierten Zustand heraus auf das Leben. Es ist ein Zustand großer Erregung, hoher Alarmbereitschaft, nicht wirklich auf die Realität fokussiert. Traumatische Ereignisse erzeugen und hinterlassen ab dann innere Traumasysteme. Mit körperlichen Erfahrungen jedoch werden die Verbindungen verwendbar gemacht, und der Prozess lässt sich verändern. Affektive Reaktionen auf bestimmte Trigger werden geheilt, ebenso wie überwältigende, nicht für das Hier-und-Jetzt angemessene Reaktionen. Kognitive Interpretationen werden intern neu strukturiert. Nun wird im hier vorliegenden Buch nicht die Behandlung schwerer Traumata beschrieben, sondern es werden Erfahrungen zusammengetragen, um für widrige und krisenhafte Situationen vorbereitet zu sein. Wir wissen bereits, dass einem mindestens einmal im Leben ein gravierendes, potenziell traumatisches Ereignis begegnet.
»Scharfer« und »weiter« Resilienzbegriff
Man kann heute zwei Handhabungen des Resilienzbegriffs feststellen. Im scharf definierten Resilienzbegriff ist Resilienz eng verbunden mit traumatischen Ereignissen und Erfahrungen. Bonanno (2012) zeigte deutlich, dass man die Fähigkeit zur Resilienz erst in der realen Situation, etwa nach einem tatsächlichen Trauma, bei einem Menschen erkennen kann. In der sehr fokussierten Definition von Resilienz wird auch deutlich, was Resilienz nicht bedeutet: psychische Stabilität in jeder Situation und zu jeder Zeit oder sich »im Flow befinden« oder einfach »normal sein«.
Die Frage ist, ob man sich auf traumatische Erlebnisse vorbereiten kann. Wenn man sieht, wie selbst physisch und psychisch nach härtesten Kriterien ausgesuchte Mitglieder von militärischen Kampfeinheiten nach einem traumatischen Erlebnis keine Resilienz, sondern posttraumatische Störungen zeigen, macht dies zweifeln. Bonanno beschreibt die Wege, die Menschen nach einem traumatischen Ereignis durchlaufen. Diese sind viel weniger voraussagbar als man zu Beginn dachte. Man kann oft erst im Nachhinein – nach einer potenziell traumatischen Situation – sehen, ob ein Mensch resilient reagiert. Der systemische Berater Volker Sotzko aus Österreich hebt in Resilienz-Coaching oder die Kunst, die zweite Geige zu spielen fünf Wirkfaktoren für das Wiedererhalten von Resilienz hervor: Ruhe, Sicherheit, Selbstwirksamkeit, Verbundenheit und Hoffnung. Man spürt, wie diese Aspekte nach einem schlimmen Erlebnis für Menschen wieder erstrebenswert sind. Sotzko bezieht sich dabei auf die akute und mittelfristige Zielsetzung nach einem Trauma, wie sie Stevan Hobfoll zusammen mit 21 anderen Traumaforschern herausgearbeitet hat (Sotzko 2013).
Sehr viele Beiträge zum Resilienzthema, vor allem aus praktischen Ratgeberbüchern, nutzen einen Resilienzbegriff, der eher eine allgemeine psychische Gesundheit beschreibt. So vergleicht die britische Pädagogin Trudi Newton (2007) eine Entwicklung, die auf sehr problematischen, ausgeprägten psychischen Einschränkungen beruht, mit einem Resilienzzyklus, der aus einem Grundverlauf positiver psychischer Wirkmechanismen besteht. Jutta Heller beschreibt Resilienz mit einem weiten Begriff aus sieben Schlüsselfaktoren:
• Akzeptanz,
• Optimismus,
• Selbstwirksamkeit,
• Verantwortung,
• Netzwerkorientierung,
• Lösungsorientierung,
• Zukunftsorientierung (Heller 2013, 2015).
Schulze und Seykora (2015) thematisieren 18 Faktoren, die nahezu den gesamten Bereich positiv wirksamer psychischer Faktoren umfasst. Sie stellen eine sehr umfassende Perspektive an Dimensionen vor, »die beschreiben, was einen resilienten Menschen ausmacht« (102). Von ›Abgrenzung‹ bis ›Ziele und Visionen‹ führen die Autoren Parameter ein, die für Resilienz relevant sein können. Ein sehr umfangreicher Fragebogen mit allen Dimensionen wird für die Anwendung geliefert. Anschließend geben sie für jede Dimension praktische Ratschläge als Lernschritte zur Erhöhung der Resilienz. Schulze und Seykora schreiben: »Unserer Auffassung nach ist Resilienz grundsätzlich etwas, das jeder Mensch von vornherein hat – es wird jedoch unterschiedlich entwickelt« (101). Für die Erreichung von Resilienz und die dazu vorhandenen Möglichkeiten verwenden sie die schöne Metapher »Ressourcensee«.
Die Ansätze des weiten Resilienzbegriffs sind durchaus plausibel, denn die Veränderungen in der Gesellschaft und besonders in der Arbeitswelt (siehe VUCA-Welt) können den Einzelnen an Grenzen führen, die durch mehr oder weniger ausgebildete Resilienz zu bewältigen sind. Während man sich früher in andere soziale Systeme zurückziehen konnte, etwa Familie oder Religionsgemeinschaft, steht heute jeder Mensch alleine auf und vor dem großen Markt. Es ist der Markt der Möglichkeiten, aber vor allem der Notwendigkeiten. »Glück« wird heute oft als die nach oben offene Summe der erlebten Highlights und Events gesehen.
Individuelle und systemische Resilienz
Resilienz wird in traditioneller Weise als Thema des Individuums gesehen. Es ist aber wichtig, die individuelle Resilienz immer in Verbindung mit der Resilienz der übergreifenden Systeme zu sehen. Die Ausgangsfrage lautet, wie sich ein Individuum bei äußerst widrigen und belastenden Ereignissen und Erfahrungen konstruktiv entwickeln kann. Das Individuum ist allerdings nicht getrennt von den Kontexten um es herum und von den Systemen, zu denen es gehört. Systeme können die Familien, eine Organisation oder auch ein Staat sein. Auch von der gesellschaftlichen Entwicklung her entstehen Resilienzerfordernisse. Aber auch die normale wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung schafft Resilienzbedarf, etwa wenn ökologischen Systemen die Robustheit genommen wird: Im Jahre 2016 war bereits am 8. August die Aufnahmefähigkeit des ökologischen Systems für Schadstoffe erschöpft. Eigentlich hätte nichts mehr dazu kommen dürfen. Das Erhalten von Organisationen und auch von unternehmerischen Projekten stellt ebenso eine Flankierung des Individuums dar. Resilienz kann sichere Umgebungen nicht ersetzen. Das wird im »Heuschrecken-Kapitalismus«, dem dauernden Kauf und Verkauf von ganzen Unternehmen, sehr deutlich.
Resilienz ist also zutiefst systemisch zu sehen. Dies wird auch bei den Resilienzfaktoren (Abb. 1) deutlich.

Abb. 1: Resilienzfaktoren
Resilienz – eine billige Verschiebung von Verantwortung auf den Bürger?
Bevor konkrete Wege zur Resilienz und die Resilienzfaktoren angeschaut werden, soll eine grundlegende Kritik am Konzept Resilienz zu Wort kommen. Einige Kritiker wie der Geschäftsführer von Medico International, Thomas Gebauer (2015, 2016), sehen in diesem Ansatz die Verlagerung von Verantwortung staatlicher Organe oder Regierungen auf den einzelnen Bürger. Staaten gewähren ihren Bürgern nicht mehr den Schutz von Leib und Leben, sondern verlagern dies auf den Einzelnen. Dies reiche von Versäumnissen – wie zu wenig polizeiliche Präsenz – bis hin zu expliziter staatlicher Politik, die aus ideologischen Gründen unnötige Risiken schaffe. Als Beispiel sei Israel genannt, wo die rechten Regierungen die Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten fördern, wohl wissend, dass die Palästinenser in ihrer Hilflosigkeit zu gewaltsamen Aktionen greifen, die israelische und andere Menschen in Palästina an Leib und Leben gefährden. Resilienz soll dann bei Einzelnen das ausgleichen, was Staaten »verbocken« oder mutwillig herbeiführen.
Diese Kritik soll hier sehr ernst genommen werden. Dies bedeutet konkret, dass Resilienz eben nicht das Feigenblatt für schlechtes Regierungshandeln sein darf, sondern dass der Staat für den Schutz seiner Bürger vor widrigen und gefährlichen Umständen zuständig bleibt. Fast jeder Minister in jedem Lande hat mit seiner Eidesformal geschworen, Schaden von seinen Bürgern fernzuhalten. Leider wird der Interpretationsspielraum oft recht breit ausgelegt. Psychologisch scheint es sogar so zu sein, dass gerade im populistischen Spektrum Politiker und Teile der Bevölkerung auf der Basis ihrer jeweiligen Projektionen gegen Dritte zueinander finden und fatale Eskalationen gesellschaftlicher Themen herstellen.
Gebauer mahnt zu Recht, dass Regierungspolitik nicht aus ideologischen, wirtschaftlichen oder machtpolitischen Gründen ein solches Desaster herstellen solle, das durch Resilienz vom Einzelnen ausgeglichen werden müsse. Hier kann der Begriff des »kleinen Mannes« wieder ins Spiel gebracht werden. Er stammt eigentlich aus den 1950er-Jahren in Deutschland und bedeutete, dass dem Einzelnen Anstrengung und – wie man annehmen kann – Verdrängung abverlangt wurde. Die »Unfähigkeit zu trauern«, wie Alexander und Margarete Mitscherlich (1967) die Schattenseite benannten, war der Preis. Es scheint eine Art Gesetz zu sein, dass Traumata nicht wegzudefinieren sind. Im Unbewussten der Menschen gären sie weiter. So folgte in den 1960er-Jahren und später durch die nächste Generation die Thematisierung und Auseinandersetzung mit dem Grauen. Echte Resilienz ist kein Verdrängen, sondern ein Wahrnehmen dessen, was gerade passiert oder passiert ist. Wenn dann, wie seit den 1990er-Jahren, die Forderung nach Resilienz die Schattenseiten der neoliberalen Wirtschaft kompensieren sollen, das heißt, wenn der Staat seine Aufgaben nicht mehr wahrnimmt und die Folgen davon auf den Einzelnen abschiebt, ist diese Forderung in Frage zu stellen. Ich habe dieses Thema im Buch Systemische Wirtschaftsanalyse–Mensch und Ökonomie in Einklang bringen (Mohr 2015) ausführlich behandelt. Man sollte also immer schauen, in welcher Situation und von wem Resilienz thematisiert wird.
Auch viele Staaten, die als failed state (gescheitertes Staatswesen) anzusehen sind, bzw. die Staaten, die dies bei anderen herbeiführen (z. B. die US-Amerikaner im Irak oder die Europäer und Amerikaner in Libyen; Israel in den Palästinensergebieten), bürden den Menschen Unmengen von Resilienzanforderungen auf. Ähnliches gilt auch für einen Großteil der afrikanischen Staaten. Dort kommen zur oft bitteren Armut noch die vielfältigen von Menschenhand verschärften Bedingungen (Korruption, Machtexzesse usw.) hinzu. Die Improvisationskünste der Menschen in diesen Ländern und auch ihr sozialer Zusammenhalt sind notgedrungen häufig sehr hoch entwickelt.
Dies hat sich auch in anderen historischen Situationen gezeigt. Beispielsweise hatten Menschen in der DDR und überhaupt in den Ostblockstaaten eine hohe Kompetenz zur gegenseitigen Unterstützung entwickelt. Der polnische Handwerker ist noch heute ein Synonym für gute Improvisationsfähigkeit. Und wer in der DDR ein Haus bauen wollte, musste ein ganzes Netzwerk haben (einen, der einen Lkw hat; Menschen, die an Baumaterialien herankommen usw.). Diese Netzwerk-Kompetenzen waren nach der Wende mit der flächendeckenden »Eroberung durch Baumärkte« nichts mehr wert. Man konnte ja nun alles kaufen. Generell können mit der Zunahme von käuflichen Gütern manche Eigenständigkeiten von Menschen verloren gehen, wie der amerikanische Philosoph Michael J. Sandel (2014) anmerkt.
Andererseits ist es bisher nirgendwo und niemals gelungen, das Leiden von den Menschen gänzlich wegzunehmen. Die »leidvolle Existenz« wird in vielen Weisheitslehren und Religionen – etwa im Buddhismus in seiner ersten Wahrheit »Das Leben ist Leiden« – an den Anfang der Analyse gestellt. Auch andere große Weisheitsgeschichten der Menschheit, wie etwa das biblische Neue Testament, das in die Passionsgeschichte mit der Kreuzigung Jesu mündet, thematisieren die schicksalhafte Schwere des Menschseins. Das Leidhafte des menschlichen Lebens, sei es die Sicherheit des Todes, die Existenz von Krankheiten, Naturkatastrophen, Unfälle oder andere Schicksalsschläge, bleiben erhalten. Da hilft kein Konsumparadies auf Erden. Die Daseinsanalytikerin Alice Holzhey-Kunz (2014) meint in ihrer Betrachtung der Polarität von Schicksalsglaube und Machbarkeitswahn, dass Hysteriker, die dauernd Gefahren wie Krankheitsanfälligkeiten zu sehen glauben, vielleicht realistischer seien als die, die dies ganz ausblenden. Da in der Meditation das Ziel verfolgt wird, das Leben ganzheitlich in seinem Wesen zu erfassen, hat schon der Buddha selbst in seinen Achtsamkeitsübungen auch solche Phantasien mit einbezogen, die sich mit dem eigenen Tod befassen (Thich Nhat Hanh 1999).
Sind nun die Menschen in Israel, einem Land, in dem Bedrohung und Spannung ständig vorhanden sind, resilienter als anderswo? Mir sind keine ländervergleichenden Untersuchungen bekannt. Ich würde die Frage auch nicht mit »ja« beantworten wollen. Die Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf Spannung und Bedrohung. In Israel lässt sich ein gewisser Gewöhnungseffekt ausmachen und offensichtlich eine noch höhere Leidensfähigkeit bei den Palästinensern. Es wäre zu untersuchen, ob dies dann zu einem positiven zwischenmenschlichen Verhalten führt oder etwa zum Rückzug in die Familie, die in orientalischen Gesellschaften immer eine große Rolle spielt. Das Beispiel von Ofakim, einer israelischen Stadt, die in naher Raketenreichweite zum Gazastreifen liegt, zeigt, dass Menschen sich bei Bedrohungen eher aus der Öffentlichkeit und dem Gemeinschaftsleben zurückziehen. Wenn dort die Sirenen schrillen, haben die Menschen nur 20 Sekunden Zeit. Sie bleiben also im Schutzraum und konsumieren intensiv Fernsehen oder Internet.
Kollektive Traumata
Am Abend nach der ruhigen Nacht gibt es wieder Alarm, und wir schauen – obwohl wir eigentlich die Metallwand vor das Fenster ziehen sollten – hinaus, um die Raketen fliegen zu sehen. Es sieht ein bisschen wie ein Feuerwerk aus. Seit letzter Woche sind täglich bis zu 20 Raketen aus Gaza Richtung Israel abgefeuert wurden. Mit ihren von den USA gelieferten Abwehrraketen, »Iron Dome« genannt, gelingt es, einen Teil der Raketen abzufangen und zu vernichten. Ich weiß von einem Bekannten, dass diese zum Teil von jungen Mädchen abgefeuert werden, die in einem sicheren Bunker sitzen und die Waffen fernsteuern. Viele Raketen gehen auch wegen ihrer geringen Präzision in unbewohntem Gelände herunter. Aber letzte Nacht ist eine Farbenfirma und diese Nacht wieder ein Wohnhaus getroffen worden. Es ist eine hilflose, verzweifelte Kriegsführung der Hamas, die wenig bewirkt. Die Reaktion der Israelis mit ihrer überlegenen Armee auf diese Angriffe sind Bombenabwürfe auf die vermeintlichen Abschussrampen in Gaza. Die Palästinenser haben keine Abwehrraketen, sie »schützen« ihre Abschussrampen, indem sie sie aus einer Schule oder einem Krankenhaus abfeuern. Die Opferzahl ist dann immer sehr hoch.
So ist der Kreislauf hier, seit die Israelis den Gazastreifen geräumt haben: Rakete in Richtung Israel – Luftangriff auf die Abschussstelle in Gaza – Rakete in Richtung Israel – Luftangriff auf die Abschussstelle in Gaza, so geht es immer weiter. Und viele Unschuldige sterben für diesen Wahnsinn der jeweils Herrschenden.
Israel/Palästina ist ein Beispiel dafür, dass erlittene Traumata weitergegeben und ständig erhalten werden. Ein Trauma ist nicht nur das private Schicksal. Die Menschen tragen große Traumata etwa aus Kriegen mit sich, die sich in einem kollektiven Narrativ oder im kollektiven Unbewussten einer Gruppe niederschlagen. Viele Juden würden heute noch nicht nach Deutschland fahren, obwohl sie selbst keinen Holocaust erlebt haben und Deutschland heute ganz anders ist. In ihrer Vorstellung ist die potenzielle Lebensbedrohung immer noch da. Große Traumata entstehen durch Weitergabe in Familien. Frankreich und Deutschland galten als »Erbfeinde«. Zum Glück konnte die Friedenspolitik von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle mit dieser »Tradition« brechen. Zwischen Serben und Kroaten wurde die Feindschaft im sozialistischen Jugoslawien unter der Decke gehalten, danach brach sie umso brutaler aus. Zwischen Russland und der Ukraine sind die Hungerwinter, die Stalin den Ukrainern Anfang der 1930er- und Mitte der 1940er-Jahre bereitet hat, noch nicht vergessen. Diese Erfahrungen befeuern spätere Konflikte. Wenn es nicht zu einer Versöhnung kommt, brechen sie erfahrungsgemäß immer wieder aus. Diese transgenerationale Perspektive der Traumata ist bei der Entwicklung und eventuellen Wiederherstellung von Resilienz nicht aus den Augen zu verlieren.
Resilienzerfordernisse entstehen teilweise durch politische Systemkonstellationen, und wie wir sehen werden, benötigen sie systemische Antworten, um bewältigt werden zu können. Dazu gehört, dass ein Zusammenwirken von Faktoren entstehen muss und der Mensch über die Gemeinschaft Resilienz erfährt.
II Resilienzpraxis mit dem Resilienzquadrat
Resilienzfähigkeit ist nicht trivial. Es ist die Fähigkeit, sich schwierigen Situationen zu stellen. Das Resilienzquadrat zeigt vier Gruppen von Resilienzfaktoren mit Perspektiven, die für das Thema wichtig sind. Sie enthalten externe und interne Ressourcen eines Menschen, ebenso die übergreifenden Themen Sinnfindung und Körper-Geist-Verbindung.

Abb. 2: Das Resilienz-Quadrat
Resilienzfaktor I: Externe Ressourcen
Social Support
Das Spannende an der persönlichen Resilienz ist, dass sie gerade nicht nur persönlich ist, sondern über die Person deutlich hinausgeht. Resilienz hängt ab von der Einbettung ins System. Der wichtigste Resilienzfaktor der Einzelperson ist die Unterstützung durch andere. Damit ist Resilienz immer systemisch. Dieser Beziehungsaspekt, das »Du« und das »Wir«, ist zentraler als die »Ich«-Fähigkeiten. Die Ich-Eingrenzung ist aufzugeben. »Heraus aus der Ich-Eingrenzung«, fordert Willigis Jäger (Jäger 2010). Und genau damit funktioniert Resilienz. Die Unterstützung durch andere Menschen, letztlich das Aufgehoben-Sein bei anderen Menschen, ist ein zentraler Resilienzgedanke. Der Einzelne ist alleine nichts. Alles, was er darstellt, ist durch andere bedingt. Entgegen aller Individualisierungsideologie, mit der die Konsumgesellschaft den Menschen zu beeinflussen versucht, ist Bescheidenheit angesagt. Wir sind angewiesen auf andere. Gerade in und nach potenziell traumatischen Situationen, die Resilienz erfordern, ist dies klar. Es wirkt auch mit den anderen Faktoren, etwa dem Sinn, zusammen. Der Bezug auf und zu anderen Menschen ist wesentlich. So hat sich etwa Viktor Frankl, der bekannteste Sinnforscher, der als KZ-Insasse in Buchenwald war, mit dem Gedanken an seine Frau am Leben erhalten. Tragischerweise stellte sich im Nachhinein heraus, dass seine Frau schon lange ermordet worden war.
Wesentlich ist mithin die Erkenntnis der natürlichen Ressourcen, die man in seinem Leben hat, und deren Pflege. Die Schweizer Resilienzforscherin Rosemarie Welter-Enderlin nennt positive Lebensmodelle, also Vorbilder und die Entwicklung von guten Beziehungen zu Vertrauenspersonen, die auf Gegenseitigkeit beruhen sollten, als Resilienzfaktoren (Welter-Enderlin 2010, 20). Allerdings macht sie auch Folgendes ganz deutlich: »Die Annahme, dass die wichtigsten Unterstützungsquellen in der Herkunftsfamilie liegen, ist oft falsch« (ebd., 18).
Also nicht Vater und Mutter, sondern die im weiteren persönlichen Umkreis gegebenen Menschen und die Natur sind die wichtigen Faktoren. Dies bedeutet auf der anderen Seite auch eine kritische Distanz zu den Dingen, die vermeintlich als Glücksbringer käuflich angeboten werden. Die Devise heißt also: Menschen und Natur hinein und unnötige Konsumdinge heraus. Die Konzentration gilt dem Wesentlichen. Man hat selten gehört, dass ein Mensch, der von einer schweren Krankheit oder einem Unfall gerettet wurde, Börsenspekulant wurde. Was eher passiert, ist, dass Menschen sich nach einer solchen Erfahrung anderen Menschen zu- und vom Konsumterror abwenden. Über den Bezug zum Konsum hat Harald Welzer (2013) in seinem Buch Selbst denken beschrieben, wie die Orientierung auf einen vertretbaren Konsum aussehen kann. Es reicht nicht, »consumer power« zu zeigen und von Shell zu Aral zu wechseln, um gegen den Unfall am Bohrturm Brent-Spar zu protestieren. Sondern es gilt das laufende Verwickelt-Werden in die Konsum-, Arbeits- und Freizeit-Industrie wahrzunehmen und das eigene Leben auf das Wesentliche zu konzentrieren. Auf dieser Basis kann man dann sein Engagement in den Rollenwelten steuern: Privatwelt, Konsumwelt, Gemeinwesenwelt, Professions- und Organisationswelt (vgl. Mohr 2015).
Übung »Rollenwelten«
Überlegen Sie, wie Sie die Balance der eigenen Rollenwelten neu ordnen können.
• Organisationswelt: Welchen Stellenwert in meinem Leben gebe ich der Organisation, für die ich arbeite? Wieviel Verantwortung (etwa eine Führungsaufgabe) will ich dort übernehmen?
• Professionswelt: Welche Kompetenzen habe ich im Leben und welche möchte ich noch lernen?
• Privatwelt: Wie möchte ich meine privaten Beziehungen leben? Was bringe ich ins Familiensystem ein?
• Gemeinwesenwelt: Für welche Fragestellungen und wo möchte ich mich (ehrenamtlich) engagieren?
• Konsumwelt: Welche Konsumdinge brauche ich wirklich und welche dienen etwa nur zur Kompensation von Stress?
Übung: »Unterstützer«
Überlegen Sie, welche drei Personen Sie außerhalb Ihres engeren Familienkreises haben, mit denen Sie über Ihre Probleme sprechen können. (Es sollten Menschen sein, die zuhören können, keine schnellen Ratschläge geben und Interesse an Ihnen haben.)

Abb. 3: Fünf-Rollenwelten-Modell
Natur als Resilienzfaktor
Das gefühlte Verhältnis der Menschen zur Natur hat sich sehr verändert. Lange Zeit war die Natur für die Menschen der unbezähmbare Gegner, dem man weitgehend hilflos gegenüberstand, dem man göttliche Qualitäten zuwies und den man durch Opfergaben versuchte gewogen zu machen. Heute ist die Natur im Bewusstsein vieler ein zartes Etwas, dessen Weiterbestehen sehr von unserem Verhalten abhängt. Beide Einschätzungen sind nicht falsch, aber einseitige Perspektiven. Es gilt, die Natur wirklich zu erfahren, wenn man sie als Resilienzfaktor nutzen will. Eine ganz gute Orientierung zum Erleben von Natur vermittelt der Amerikaner Henry David Thoreau, der im 19. Jahrhundert über seine persönliche Begegnung mit der Natur (»Leben aus den Wurzeln«) und insbesondere die Bescheidenheit, die sie ihn lehrte, Auskunft gibt. »Ich machte oft die Erfahrung, dass selbst der größte Menschenfeind und Melancholiker die holdeste und zärtlichste, die unschuldigste und eine höchst aufmunternde Gesellschaft in einem Gegenstand der Natur finden kann. Wer inmitten der Natur lebt, kann nicht ganz in Schwermut verfallen.« (Thoreau 1997, 57)
Mit Kinhin Natur erleben
Im Benediktushof in Holzkirchen bei Pater Willigis Jäger habe ich Kinhin gelernt, das langsame und das zügige meditative Gehen sowie den Tag morgens mit Gehen zu beginnen. Dort geht man im Kreis; etwa eine halbe Stunde lang. Dies war ein erster Impuls für mich, den ich in mein Leben einbaute. Aber ich entwickelte meine eigene Variante. Und zwar gehe ich durch Wald und Flur, aber zwei Stunden lang und in der Frühe um 5 Uhr. Ich legte einen eigenen Pilgerweg an, auf dem ich sukzessive Plätze tiefer Kraft entdeckte. So erfahre ich die Natur tagein tagaus: zunächst war das Wetter sehr präsent: Kälte, Regen, Wärme. Dann war immer der Kontakt mit den Tieren da. Nachts im Wald sein, bedeutet, in das Reich der Tiere einzudringen. Das muss mit Respekt passieren. Meist sehe ich die Wildtiere nicht, aber ich weiß, sie bemerken mich. Zu bestimmten Zeiten des Jahres sind etwa die Wildschweine sehr aktiv. Meist sind es nur einzelne oder zwei. Im Sommer und Spätsommer sind sie dann in größeren Gruppen in der Rotte mit ihren Frischlingen unterwegs. Dann gilt es schon einmal Lärm zu machen, damit kein Tier angreift, wenn man zu nahe kommt. Auch die Reviertiere wie der Fuchs oder der Rehbock zeigen sich manchmal, um ihr Herrschaftsgebiet zu behaupten. Der Mensch ist das gefährlichste Raubtier der Erde, das hat sich wohl hier auch herumgesprochen. Die Bussarde oder auch der Falke wurden mir ebenfalls sehr vertraut. Ich bin mit mir und mit der Natur.
Viele Menschen berichten Ähnliches. Nachdem sie die Natur als einen Erfahrungsbereich in ihr Leben hineingenommen haben, fühlen sie sich mit dem Leben enger verbunden. Wichtig ist hier, dass es um Wahrnehmung und Achtsamkeit geht, nicht um ein begriffliches Kategorisieren; es geht nicht darum, Wissen über die Natur anzusammeln. Wer durch den Wald geht und permanent kategorisiert, welche Pflanzen er kennt und benennen kann und was er alles weiß, nimmt nicht wirklich das Außen war, sondern nur seine eigenen Gedanken. Sicherlich hilft die Natur durch ihre Präsenz auch unbewusst den Menschen, sich zu innerlich zu reinigen und zu klären. Ich hatte einmal das Vergnügen, auf dem Jakobsweg immer wieder eine Gruppe Italienerinnen zu treffen. Man konnte sie schon von weitem hören. Sie unterhielten sich lautstark über ihre persönlichen, familiären Beziehungen, über Politik und alles Mögliche und widmeten der Natur keine Aufmerksamkeit – und dennoch war ich sicher, dass die Natur ihnen half. Festzuhalten bleibt: Neben dem Unterstützungssystem durch andere Menschen, dem Netzwerk, wie es neudeutsch genannt wird, ist die Natur als ein weiterer Faktor sehr nützlich, um Resilienz zu entwickeln.
Resilienzfaktor II: Die Körper-Geist-Verbindung
Embodiment
Der Körper rückt auch bei psychologischen Themen immer mehr in die Betrachtung. Der »Embodiment«-Ansatz betrachtet die Repräsentation psychischer Themen im Körper. Insbesondere Ereignisse mit hohem Stress- oder Bedrohungsgehalt für Menschen greifen sofort auf die emotionalen Zentren des Gehirns wie das limbische System durch. In potenziell traumatischen Situationen – und um diese geht es bei der Resilienz – ist das Alarmsystem des Gehirns aktiviert. Ist die Situation außerordentlich bedrohlich, kommt ein Mensch in den sogenannten Überlebensmodus (Brom 2014). Diesen Modus merkt sich der Körper unabhängig vom Kognitiven sehr genau. Es ist danach erst einmal eine tiefe Erinnerungsspur vorhanden. Der Körper ist in der Behandlung von Traumata genauso zu adressieren wie externe Ressourcen und innerpsychische Prozesse. Eine Geübtheit im Arbeiten mit der körperlichen Seite ist entsprechend auch für Resilienz sinnvoll.
Zunächst reagiert der Körper vor allem in Stresssituationen erst einmal automatisch. Dies bedeutet allerdings noch nicht, dass es auch langfristig gut ist. Er reagiert so, wie es in ihm durch die Evolution angelegt ist und wie er es gelernt hat. Bestimmte Reize lösen bei ihm Reaktionen aus, und das können durchaus konditionierte Reize sein, wie es viele automatisch ablaufende Angstreaktionen bei wenig objektiv bedrohlichen Situationen zeigen. In der Körper-Psyche-Beziehung sind zwei Hypothesen falsch: Die erste ist, Körper und Psyche seien unabhängig voneinander, so wie es vielleicht extreme Denkfans behaupten und dafür Descartes »cogito ergo sum« (ich denke also bin ich) heranziehen. Zum zweiten ist falsch, dass es eine 1:1-Beziehung von Körper und Psyche gebe. Alles, was in der Psyche ist, schlage sich direkt im Körper nieder und umgekehrt. Unbemerkte Krankheiten werden in der Psyche erst einmal nicht registriert. Thesen, dass ein Mensch das Vorhandensein einer schlimmen Krankheit wie Krebs im Unbewussten »wisse«, halte ich nur dafür geeignet, den Betroffenen ein schlechtes Gefühl einzureden. Was in einer solchen Situation niemand gebrauchen kann.
Die Body-Mind-Connection ist jedoch eine wichtige Ebene. Theoretisch lassen sich also Körperempfindungen und Gefühle wie Angst, Ärger, Freude, Zuneigung unterscheiden. Allerdings verbindet man schnell mit den Gefühlen bestimmte Körperzustände und natürlich umgekehrt. Auch gesamte Stimmungen wie Niedergeschlagenheit oder Euphorie gehören dazu. Im »Embodiment«-Ansatz werden Gefühle auch immer mit einer körperlichen Entsprechung angenommen.
Der Körper ist gerade in Bezug auf das Umgehen mit stark ins Leben eingreifenden Situationen sehr wichtig. Die Verbindung von Körper über Empfindungen hin zu Gefühlen macht Erfahrungen. Dann erst werden dazu entsprechend auch Gedanken und Gedankenkonstrukte entwickelt, mit denen man sich einen Reim auf das Erfahren macht. Diese Denkkonzepte haben dann wieder Rückwirkung auf die Stimmung. Die Bewertungen, die wir für Situationen haben, bestimmen unsere Gefühle. Das Ergebnis zahlreicher psychologischer Studien zeigt, dass, wenn man Menschen für eine Situation sehr unterschiedliche Erklärungen gibt und damit ihre Bewertungen beeinflusst, für die Einzelnen sehr unterschiedliche Gefühle resultieren. Die CBT (Cognitive Behavioral Therapy – kognitive Verhaltenstherapie) knüpft gerade an Letzteres an. Aaron Beck und Albert Ellis, die Klassiker der CBT, versuchten schon die Gedankenmuster (die Kognitionen) wegen ihrer Auswirkungen auf die Gefühle zu verändern.
In Bezug auf die körperliche Seite der Resilienz haben die Leipziger Hirnforscherin Tanja Singer und ihr Mitarbeiter in Untersuchungen festgestellt, dass lange Meditationserfahrung tatsächlich zu anderen Gehirnleistungen in den Alarmregionen führt (Singer / Lamm 2009). Die Amygdala und das mit ihr verbundene Alarmsystem sind bei Menschen mit langer Meditationserfahrung bedeutend weniger aktiv. Meditation macht »cooler«.
Langes Sitzen im Zazen, im Vipassana oder auch in der christlichen Kontemplation ist für die Resilienzentwicklung empfehlenswert. Eine schöne Darstellung zur Vipassana-Erfahrung liefert der Reisejournalist Andreas Altman (2010), der sich als Westeuropäer dieser für die meisten ungewohnte Form der Sitz-Meditation annahm. Er beschreibt sowohl die Leiden, die das mit sich bringt, als auch die kleinen Freuden, wenn man das eigene Gedankenfeuerwerk ausgehalten hat. Freude hat er auch empfunden, wenn die von ihm für unverwüstlich gehaltenen Inder vor ihm aufgeben mussten. Ein sportliches Durchhalten ist zwar nicht das Entscheidende, aber diese Art Berichte sind für jeden ein guter Hinweis, auf was er sich einstellen muss und was die Tiefenschichten der Psyche produzieren können, um einen von der Erkenntnis abzuhalten. Die leider viel zu jung verstorbene Psychologin Michaela Özelsel (1993) hat ihre Erfahrungen mit einem 40-tägigen Sufi-Retreat aufgeschrieben. Sie beschreibt, wie ihr in dieser Zeit alles, wirklich alles aus ihrem bisherigen Leben begegnet ist.
In den vier Verankerungen der Achtsamkeit unterscheidet schon Shakyamuni zwischen vier Achtsamkeitsebenen (Thich Nhat Hanh 1999): Körper, Gefühl, Geist, Geistesobjekte. Er empfiehlt differenzierte Meditationen all dieser Bereiche – und das vor 2600 Jahren. Schon damals hatte man die wesentlichen Ebenen der menschlichen Psyche erkannt. Die Übungen, die Thich Nhat Hanh im Buch mit dem irreführenden deutschen Titel Umarme die Wut beschreibt, sind zum Teil sehr drastisch. Man soll sich den Körper sowohl von seinem inneren Funktionieren in allen Aspekten als auch in seinem späteren Verfall, sogar noch nach dem Tode vorstellen. Das Leben soll ganzheitlich wahrgenommen werden. Die Empfehlung, über den Körper die Gefühle zu beeinflussen, ist in der Psychologie also schon sehr lange bekannt. Das schon erwähnte »Gefühle-Ausfühlen« hört sich einfach an, bedeutet allerdings ein völliges Fernhalten der Gedanken. Denn Gedanken halten Gefühle oder innere Konzepte stabil. Doch das Fernhalten der Gedanken ist nur mit sehr viel Übung möglich. Die »Emotionskompetenz«, die man gerade durch das Durchlebt- und Bewältigt-Haben von belastenden Gefühlen erlangt, ist eine wesentliche Resilienzfähigkeit. Einen anderen Aspekt berühren Storch und Tschacher (2014). Sie bezeichnen Affekte auch einmal als Affekteinstellungen. Also auch die Gefühle sind von Einstellungen und damit Gedanken im praktischen Erleben nur schwer zu trennen, obwohl es für das Lernen von Resilienz wichtig ist, die Ketten aus Bedürfnissen, Primärgefühlen (Verletztheit), Gedanken (»Das muss gerächt werden«), Sekundärgefühlen (Ärger) und Verhalten (Angriff), wie sie beispielsweise Marshall Rosenberg in seinem Buch zur »Gewaltfreien Kommunikation« (2001) beschreibt, genau anzuschauen. Rosenberg empfiehlt zu lernen, bei den Primärgefühlen zu bleiben.
Resilienz lernen besteht also darin, Einfluss auf seinen Körper zu nehmen. In vielen Methoden wird daher die Körpersensibilität gefördert. Übungen zum Körperbewusstsein wie etwa der »Bodyscan« leiten meist von den Füßen beginnend zu einer Reise durch den Körper und fragen nach den Empfindungen. Das von John Kabat-Zinn zusammengestellte Acht-Wochen-Programm Mindfulness Based Stress Reduction (MBSR) mit Elementen von Achtsamkeit, Yoga, psychologischen Ratschlägen wird mittlerweile flächendeckend angeboten. Es kann allenfalls ein Anfang sein, da es mit Kurzprogrammen hier nicht getan ist. Ein geeignetes Selbstlernprogramm mit entsprechenden CDs liegt von Maren Schneider vor (Schneider 2012). Ähnlich ist die Vorgehensweise im Yoga in der sogenannten »Tiefenentspannung«. Yoga als Gesamtkonzept ist heute ein sehr verbreiteter Ansatz, Körperwahrnehmung und Beweglichkeit zu verbessern. Allerdings gibt es sehr viele Herangehensweisen, um den Körper in Betracht zu ziehen, zu sensibilisieren und zu entwickeln. Der kanadischdeutsche Weisheitslehrer Eckhart Tolle spricht in seinem Programm »Jetzt!« vom »Schmerzkörper«, der die Einschränkungen des Menschen, die er durch Gesellschaft und Erziehung erfährt, enthält. Es gelte, den Schmerzkörper aufzugeben (Tolle 2002). Auch der Leiter des Zentrums für west-östliche Weisheit im Benediktushof bei Würzburg, Alexander Poraj, spricht von der Kontraktion, die der Mensch in jungen Jahren erfahren hat und die ihn später an der unmittelbaren Wahrnehmung der Welt hindert (Poraj 2016). Hier sei Bewusstheit zu schaffen, Meditation zu üben und auf diesem Wege ein verändertes Herangehen an die Welt zu erreichen. Wieweit solche Metaphern (»Schmerzkörper«, »Kontraktion«) hilfreich sind, ist sicher von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Festzuhalten bleibt, dass für Resilienz sowohl in Richtung Traumabewältigung als auch zur Prävention die Körper-Geist-Verbindung eine Rolle spielt. Am besten ist es, wenn die Körper-Geist-Verbindung als ein tägliches Übungsprogramm in das Leben integriert wird.
Yoga oder Krafttraining
Persönlich habe ich sehr lange Yoga betrieben und meine Beweglichkeit verbessert. Lange Body Scans, ausgedehnte Imaginationsreisen über die Körperregionen von den Füßen bis zum Kopf ließen mich kurzfristig etwas wahrnehmen, aber sehr schnell verpuffte der Effekt. Allerdings konnte ich meine Körperwahrnehmung durch ein anderes Vorgehen verbessern. Zugegebenermaßen hatte ich dies lange aus eher »ideologischen« Gründen abgelehnt, aber dann doch ausprobiert. Die Steigerung des Körperbewusstseins gelang mir durch Krafttraining. Ich merkte, dass das »In-die-Kraft-Gehen« bei meinem Körper mit Entspannung verbunden war. Ähnlich wie für manche Menschen die Vorstellung von Ruhe und Schwere wie im Autogenen Training günstig ist, für andere aber das Abwechseln von Spannung und Entspannung im Jacobsen-Training, musste ich meinen Weg finden. Die Muskeln zu spüren und Kraft zu empfinden, war für mich ein großer Schritt. Beweglichkeit war ein Thema, aber Kraft war das für mich wichtigere.
So gilt es für jeden, seine ihm gemäße Form zu finden. Sicher gibt es in verschiedenen Lebens-Phasen unterschiedliche Herangehensweisen. Dennoch sollte man für sich eine eher kontemplative Variante (Autogenes Training, MBSR-Bodyscan, Yoga-Tiefenentspannung usw.) genauso wie eher mit Spannung und Entspannung arbeitende Methoden wie Jacobsen-Training oder auch Krafttraining ausprobieren.
Empathie macht Beziehungen möglich
Empathie, das gefühlsmäßige Mitschwingen, ist eine wesentliche Komponente für Resilienz, weil dadurch erst Beziehungsfähigkeit möglich ist. Es richtet sich auf die andere Person, Fremdempathie genannt, und auf die eigene Person. Selbstempathie bedeutet, in sich hineinhören und gleichzeitig unterscheiden zu können, was wirklich wichtig und nötig ist. Und dies zu unterscheiden von dem, was aus Gewohnheit oder sogar aus dem Unbewussten, dem früh entschiedenen unbewussten Lebensplan (Skript), aus einem hervorkommt. Beispielsweise das drängende Gefühl »das muss jetzt unbedingt gesagt werden« ist in der Regel ein Ausdruck eigener rigider Gewohnheitsmuster (Skript), weil Optionen dann meist fehlen. Das Autonomie-Kriterium der Flexibilität ist dann meist nicht erfüllt. Fremdempathie ist das Hineinversetzen-Können in die andere Person. Dies setzt wiederum ein echtes Interesse an dieser Person voraus. Man könnte sogar von Sympathie sprechen.
In den letzten Jahren ist ein echter Gefühlshype entstanden. Etwas kritisch sind Positionen zu sehen, die die Spiegelneurone, die das gefühlsmäßige Mitschwingen mit dem anderen körperlich abbilden, zu einer Ideologie machen. Auf dem Hintergrund der deutschen Geschichte muss man sich eher fragen, wie die Spiegelneurone so schnell ausgeschaltet werden können. Sonst passt der tagsüber Menschen misshandelnde und mordende KZ-Wächter nicht mit dem treusorgenden Familienvater zusammen. Der Mensch scheint extrem systemisch zu funktionieren: jeweils nach der naheliegenden Kontextinterpretation kann er sehr unterschiedlich sein. Die Experimente von Milgram und Zimbardo, bei denen Menschen Gefängniswärter spielen durften und die allesamt wegen sich entwickelnder Gewaltneigung abgebrochen werden mussten, zeigen dies ebenso.
Dennoch sind Gefühle das Zentrale des Menschen. Alle Vorstellungen von cogito, ergo sum, die das Denken in den Vordergrund stellen, werden dem Menschen nicht gerecht. Rationalität und Logik werden gerne als Legitimation für Entscheidungen gewählt. Schaut man genauer dahinter, ist die Entscheidung durch Gefühle entstanden. Empathie schützt vor überzogenem Verhalten, vor Risiken, vor unethischem Verhalten anderen gegenüber und vielem mehr. Es ist kein Wunder, dass Menschen, die keine Empathie haben, Menschen mit einer sogenannten dissozialen Persönlichkeitsstörung, zu den schlimmsten Gewalttaten anderen gegenüber fähig sind.
Zur Empathie und ihrer Entwicklung gibt es mittlerweile eine Menge Wissen. Sie wird heute vorwiegend unter dem Stichwort »Mentalisierung« betrachtet. Mentalisierung bezieht sich sowohl auf das reflexhafte Handeln – wenn man jemanden sieht, der gähnt, muss man automatisch auch gähnen, wenn man jemanden sieht, der sich verletzt, sagt man »Aua« – als auch auf das reflektierte, kognitive Hineinversetzen in die Situation eines anderen. Die erste, automatische Form ist die frühere, quasi angeborene. Die zweite ist mehr gelernt. Diese zwei Formen der Empathie sind beide sehr wichtig, wie Sabine Herpertz in ihrem »neurowissenschaftlichen Blick auf die Mentalisierung« beschreibt (Herpertz 2015). Der Mensch schwingt durch seine Spiegelneuronen mit anderen mit.
Übung »Meditation einüben«
Sie ist ein Weg, das innere Gedankenfeuerwerk zur Ruhe zu bringen. Aber sie ist nicht zu berechnen. Hier ist Achtsamkeit geboten. Denn es passiert beim Üben zunächst oft ein Abgleiten in Gewohntes, da die gewohnten Gedankenvorstellungen zunächst noch sehr aktiv sind. Meditation ist nicht das Bemühen, das sehr angestrengt und wie eine Sportart betrieben werden sollte. Denn ein solches sportliches Training produziert nur Mehr des Vorhandenen. Man kann zwar erreichen, dass man schneller in die Versenkung fällt, mehr Ausdauer beim Sitzen erreicht, aber etwas Neues entsteht dadurch noch nicht. Doris Zölls weist in Zazen im Alltag darauf hin, dass es nicht Ziel ist, bei jeder Meditationseinheit nur darauf zu warten, dass die Glocke für das Ende läutet (Zölls 2014). Es braucht Geduld und braucht eine innere Haltung, das, was innerlich erscheint, willkommen zu heißen. Wichtig ist, sich Zeit zum Innehalten zu nehmen, die dann Meditation einleiten kann.
Übung »Alltagsmeditation nützen«
Es gibt immer wieder Situationen der Alltagsmeditation, in denen das Denken ausgeschaltet ist, man auf einmal versunken dasitzt und Ideen einfach auftauchen. Diese Situationen sind bewusst zu befördern und vielleicht dadurch vermehrt zu erleben. Meditative Situationen sind einfach da, entstehen im Alltag unverhofft. Es gilt sie willkommen zu heißen. Hinzu kommt ein körperlicher Prozess. Aus der Forschung zur Meditation wissen wir, wie gesund die begleitenden körperlichen Zustände sind. Beispielsweise arbeitet dann das Immunsystem besser, auch die psychoimmunologische Verknüpfung ist in den Stadien der Meditation sehr effektiv.
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