Kitabı oku: «Systemische Wirtschaftsanalyse»

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EHP – HANDBUCH SYSTEMISCHE PROFESSIONALITÄT UND BERATUNG

Hg. Bernd Schmid

Autor:

GÜNTHER MOHR, Dipl.-Volkswirt, Dipl.-Psych., Senior Coach DBVC, Senior Coach/ Supervisor BDP, zertifizierter und lehrender Transaktionsanalytiker im Feld Organisation und Management; Ausbildungen in analytischer Gruppenberatung, Verhaltenstraining und systemischer Beratung; Zen-Lehrer; Tätigkeiten am Finanzwissenschaftlichen Institut der Universität Bonn, als Psychotherapeut in einer psychosomatischen Fachklinik, als Personalberater für technische Führungskräfte, als Führungskräfteentwickler und Bildungsmanager, als interner Coach und Berater in einem Unternehmen; mehrjährig Vorstand in einem internationalen Berufsverband (ITAA); Leiter des Instituts für Coaching, Training und Consulting, Hofheim; Autor von zahlreichen Büchern und Fachbeiträgen, u.a. im selben Verlag: Systemische Organisationsanalyse, Coaching und Selbstcoaching, Workbook Coaching und Organisationsentwicklung, Achtsamkeitscoaching.


© 2015 EHP – Verlag Andreas Kohlhage, Bergisch Gladbach

www.ehp-koeln.com

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Redaktion: Sabine Hedewig-Mohr, Nina Andres

Umschlagentwurf: Gerd Struwe, Uwe Giese

– unter Verwendung eines Bildes von Felix Nikolaus Mohr: ›Berg‹ –

Satz: MarktTransparenz Uwe Giese, Berlin

Gedruckt in der EU

Alle Rechte vorbehalten

All rights reserved. No part of this book may be reproduced or transmitted in any form or by any means, electronic or mechanical, including photocopying, recording or by any information storage and retrieval system, without permission in writing from the publisher.

ISBN 978-3-89797-119-6 (Print)

ISBN 978-3-89797-599-6 (EPub)

ISBN 978-3-89797-592-7 (PDF)

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Inhalt

Vorwort des Reihenherausgebers: Systemische Wirtschaftsanalyse zwischen persönlicher Einsicht und gesellschaftlich relevantem Handeln (Bernd Schmid)

Vorwort

1. Auf dem Weg zur sozialen Weltgesellschaft

Das merkwürdige Versprechen

Ein Kreislauf und große Ziele

Armut ist kein Rechenspiel

Vom Überleben zum Gemeinwohl

Das Ende der Entwicklung?

Systemisch: Verbundenheit, Kontext, relative Wirklichkeit

Keine Hungersnöte in Demokratien

Klein und groß, Mikro und Makro, individuell und systemisch

Systemische Transaktionsanalyse

Die Systemdynamiken

Fallbeispiel 2000–20XX: Wirtschaft am seidenen Faden

2. Aufmerksamkeit – Die Konstruktion der Wirklichkeit

Aufmerksamkeit als kostbares Gut

Aufmerksamkeit als Steuerungsgröße

Pendelbewegungen in der Aufmerksamkeit

Shareholder-Value: Trugschluss der Theorie

Bedürfnisorientierte Wirtschaft

Am Anfang war das Feuer

Grundthemen der Menschen

Systemische Alternative: Entwicklung achtsam gestalten

3. Rollen – Notwendige Institution oder Machtverschleierung?

Rollenakteure in der Wirtschaft

Rollenfiguren in Wirtschaft und Staat

Eine Person in fünf Rollenwelten

Neue Akteure: Analysten, Ratingagenturen und Hedgefonds

Die Klassiker: Innovatoren und Unternehmer

Die Tragenden: Unternehmensführung aus der Mitte

Die Oligarchen: Wenn Einzelne raffen können

Prinzipal und Agent: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing

Systemische Alternative: Die Geschichte ist ein Friedhof der Aristokratien

4. Beziehungen – Ohne dich bin ich nichts

Die Wahrheit zur Ich-Orientierung

Aber Beziehung ist Projektion

Das Maschinenmodell der Wirtschaft

Symmetrische Beziehungen, Verträge und Symbiosen

Das neue mächtige Dreieck

Verpflichtet Eigentum noch?

Besitztums- und Vergleichseffekt

Geld als soziale Demutswährung

Machtverhältnisse entscheiden

Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Beziehung

Gläubiger-Schuldner-Beziehung

Der Homo oeconomicus existiert nicht

Systemische Alternative: Ein integriertes Menschenbild

5. Kommunikation – aber bitte liquide bleiben

Transaktionen erzeugen den Kreislauf der Wirtschaft

Wie wichtig ist eigentlich der Markt?

Immer liquide bleiben

Doppelbödige Transaktionen

Risiken in der Kommunikation

Digital Natives oder Digital Junkies

Systemische Alternative: Die Erkenntnisse der Welt verbinden

6. Problemlösung – Das Leben ist ein Problem

Etwas lösen

Wirtschaftlich ist nicht privat-persönlich

Die neue Taktfrequenz und Burn-out

Hauptsache »spektakulär«: Das Perspektiven-Ereignis-Modell

Problemtrance und Lösungstrance

Geld ist (k)eine Lösung

Krisenlösungen

Vom Dramadreieck zum Ermöglichungsdreieck

Gute Äpfel und schlechte Birnen

Ich, Wir und Es

Musterbrechung

Systemische Alternative: Der aktivierende Staat

7. Erfolg – Das Elixier des Lebens?

Zahlenmenschen und Sportfans

»Profit is the cost of living«

Die Lüge der Leistung

Systemische Alternative: Integrierte, gemeinwohlorientierte Ziele

8. Gleichgewicht – Wie läuft es eigentlich langfristig?

Magische Gleichgewichte

Die langen Zyklen

Wirtschaftssysteme als Gleichgewicht

Ein erstes Gleichgewicht: The German Wirtschaftswunder

Ein zweites Gleichgewicht: Die makroökonomische Intervention

Ein drittes Gleichgewicht: Die Jagd nach dem Medianwähler

Zwischenphasen: Die Ausnahmen von den Mustern

Ein viertes Gleichgewicht: Das geforderte Deutschland

Systemische Alternativen: Sechs Megatrends für die Zukunft

Megatrend »Ausdehnung des Lebens«

Megatrend »Eine Welt«

Megatrend »Frauenpower«

Megatrend »Ressourcen-Beanspruchung«

Megatrend »Technische und kognitive Komplexität«

Megatrend »Individualisierung und emotionale Komplexität«

9. Rekursivität – Das Modell der russischen Puppe

Mangelnde Rekursivität: Marktverzerrungen, Marktversagen

Rekursivität durch gewohnte Kennzahlen

Die »Schwarze-Schafe-Theorie«

Von der Rekursivität zur Transparenz

Rekursivität durch Tabellenplätze

Systemische Alternative: Eine neue Ethik fürs Wirtschaften

10. Äußere Pulsation – Wer soll wie dabei sein?

Arbeitsplätze erhalten

Systemische Alternativen: Bedingungsloses Grundeinkommen

11. Innere Pulsation – Inklusion weitergedacht

Föderale Strukturen sind überlegen

Zwei Subsysteme: Öffentliche und private Güterbereitstellung

Integration der Subsysteme über Metasysteme

Auf dem Weg zur Weltgesellschaft

Systemische Alternative: Zusammenarbeit der Subsysteme

12. Ausblick

Anhang: Arbeitsmaterialien

Entwicklungsstufen im Erwachsenenalter

Einzelfragen zu den Systemdynamiken

Systemprozesse

Systembalancen

Systempulsation

Bedürfnisorientierte Wirtschaft

Modelle des Unbewussten

Literatur

Verzeichnis der Exkurse und Abbildungen

Systemische Wirtschaftsanalyse zwischen persönlicher Einsicht und gesellschaftlich relevantem Handeln

In vielen Menschen reift das Bewusstsein, dass wir uns mit unserem herkömmlichen Wirtschaften ruinieren. Aus Angst, Errungenschaften zu verlieren, aus Skrupel, unseren Kindern Problemberge zu hinterlassen, entsteht die grundsätzliche Bereitschaft zu weitreichenden Veränderungen. Konkrete Systemerneuerungen sind jedoch nicht allein durch Änderung persönlicher Lebensvollzüge zu erreichen, sondern brauchen strukturelle Gestaltung. Zwischen persönlicher Betroffenheit einerseits und der Wirksamkeit in Organisationen und politischen Prozessen andererseits klafft jedoch eine entscheidende Lücke. Damit Psychologie über die persönliche Gleichgewichtsfindung hinaus wirksam wird, muss sie sich mit dem Verständnis von Wirtschafts- und Gesellschaftsprozessen verbinden.

Dieses Buch leistet einen hervorragenden Beitrag zum Schließen der Lücke zwischen persönlicher Einsicht und gesellschaftlich relevantem Handeln. Es weckt Verständnisse für wesentliche Betrachtungsperspektiven, an denen sich persönliches Handeln und professionelle Gestaltung orientieren können. Die kluge und übersichtliche Gliederung bietet an, sich nach ersten Orientierungen immer wieder in diese Schatzkammer zu begeben und sich nach und nach deren Schätze zu eigen zu machen. Entscheidende Horizonterweiterungen und neue Handlungsperspektiven lassen sich so gewinnen.

Bernd Schmid

Vorwort

Als Psychologe und Volkswirtschaftler beobachte ich die Wirtschaftsentwicklung aus zwei Perspektiven. Eine rein wirtschaftliche Sicht ist ohnehin kaum anzutreffen. Die meisten bisherigen Begründungen für wirtschaftspolitische Schritte haben fragwürdige Menschenbilder oder etwas Glaubensmäßiges an sich, da die Wissensbasis nur sehr schmal ist. Egal ob der blinde Glaube an die Selbstheilungskräfte der Marktwirtschaft oder die grundlegende Skepsis gegenüber dem Kapitalismus: Ein Glaube ist psychologisch nur ein Gedanke, aber einer, mit dem man sich aus einem bestimmten Grund identifiziert. Psychoökonomik erforscht das Denken, Fühlen, Handeln und Kommunizieren der Menschen im Kontext Wirtschaft. Menschen bringen hier ihre Grundbedürfnisse und ihre Kontexterfahrungen mit, eigentlich nur wenige Prämissen. Aber diese sind, wenn es darauf ankommt, sehr virulent und komplex.

In der Psycho-Logik der Wirtschaft kommt Weiteres hinzu. Wirtschaft ist nicht rational. Verbraucher und auch Unternehmen entscheiden nach Intuition und bauen dann dafür Argumentationsketten auf. Es bleibt immer ein Trial-and-Error-Muster. Man versucht etwas und hofft, dass es gut geht. Diese Mechanismen habe ich viele Jahre beobachtet und sie in meiner Praxis als Coach und Organisationsberater thematisiert. Dann kam im September 2008 die Pleite der Bank Lehman Brothers als Auslöser der Finanzkrise. Die Finanzkrise war eine Zäsur, die die gesamte Wirtschaft und Wirtschaftspolitik traf, auch wenn sie inzwischen schon viele andere Schlagzeilen attestiert bekommen hat: Euro-Krise, Staatsschuldenkrise, Griechenland-Krise etc. Es begann mit der Krise der Finanzindustrie, und diese hat die gegenseitigen Abhängigkeiten der Player mehr denn je deutlich gemacht. Seit der Finanzkrise werden nun wirtschaftspolitische Instrumente eingesetzt, die vorher undenkbar bis vollkommen verpönt waren. Daher kommt in diesem Buch die Finanzkrise in mehreren Kapiteln vor.

Seit zehn Jahren untersuche ich Unternehmen mit dem von mir entwickelten Modell ›Systemische Organisationsanalyse‹. Betrachtet man die einzelnen Dimensionen eines Systems, so gewinnt man einen klareren Blick. So kam die Idee, nicht nur Unternehmen, sondern auch andere Aspekte der Wirtschaft mit Hilfe dieses Modells zu betrachten. Um das Handeln zu verstehen, werden psychologisch-wirtschaftliche Aspekte der Wirtschaft wie der Besitztumseffekt oder der Vergleichseffekt analysiert. Im ersten Kapitel geht es um Aufmerksamkeit, die auch im Wirtschaften unser kostbarstes Gut darstellt. Dort wo die Aufmerksamkeit ist, wird investiert. Was ausgeblendet wird, bleibt zunächst unbeachtet. Allerdings kann durch die heutigen technischen und medialen Möglichkeiten weniger verdrängt werden. Wir sind eine Welt. Im Kapitel Gleichgewichte wird etwa die gesamte Wirtschaftspolitik seit dem zweiten Weltkrieg in einen psychologischen Zusammenhang gebracht. Es handelte sich um ein wiederkehrendes Bemühen und Gleichgewichtsstreben. In diesem Buch wird nicht nur analysiert, sondern es werden auch systemische Alternativen geliefert. Ich wünsche den Lesern eine inspirierende Lektüre.

Günther Mohr

Mai 2015

1. Auf dem Weg zur sozialen Weltgesellschaft

Die Utopie einer friedlichen und einer überall von mindestens bescheidenem Wohlstand bestimmten Gesellschaft scheint greifbarer als je zuvor in der Geschichte. Das Weltvermögen von geschätzt 280 Billionen Euro könnte bei 7 Milliarden Menschen auf der Welt für jeden etwa 40.000 Euro bedeuten. Zugegeben, das Geld ist derzeit etwas anders verteilt. Wie können also Wirtschaft und Wirtschaftspolitik gestaltet werden, damit sie das Leben insgesamt unterstützen? Nach allem, was wir heute wissen, erfordern gerechte Lebensbedingungen auch eine fundamentale Transformation der Lebensweise in den entwickelten Ländern. Wachstum wird anders zu definieren sein als bisher.

Das merkwürdige Versprechen

Der maßgebliche Faktor für die Verteilung der Güter ist zunächst nicht die Politik, sondern die Wirtschaft. Dort entstehen Werte, die unser Leben bestimmen. Dabei ist das Wirtschaftsgeschehen auf allen Ebenen ganz wesentlich durch Psychologie bestimmt. Selten wurde das deutlicher als am 5. Oktober 2008, als Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihr Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) im Fernsehen mit einem Versprechen auftraten: »Die Spareinlagen sind sicher.« Ein Versprechen, das sie eigentlich niemals hätten einhalten können. Wenn nämlich am nächsten Tag Hunderttausende Deutsche vor den Banken Schlange gestanden und ihre Sparguthaben zurückverlangt hätten, wäre die deutsche Wirtschaft zusammengebrochen. Merkel und Steinbrück beruhigten mit diesem psychologischen Trick die Öffentlichkeit.

Ängste, Drohungen, Hoffnungen und Erwartungen beeinflussen die wirtschaftlichen Einschätzungen und Aktivitäten der Menschen. Diese Stimmungen werden von den Medien verstärkt, teilweise sogar geprägt. Wie die Psychologie im Einzelnen und im System der Wirtschaft relevant ist, wird im Buch betrachtet. Daraus werden zu wichtigen Fragen alternative Perspektiven entwickelt.

Systemische Zusammenhänge bestimmen das Funktionieren von Staat und Wirtschaft als Ganzes, aber auch die Erfolgsbedingungen des Einzelnen. Es ist eben nicht mehr egal, ob in China der viel beschworene Sack Reis umfällt oder nicht. Zudem haben sich seit 1990, dem Auftreten des Internet und der Auflösung des Ostblocks, die Informationen für nahezu alle Menschen auf der Welt vervielfacht. Das tägliche Erleben emotional belastender Nachrichten von rund um den Globus lässt die Welt kleiner, zuweilen chaotischer erscheinen. Aber auch die Kontrolle der Menschen und die Transparenz ihrer Aktivitäten in Arbeit und Konsum werden in einem Ausmaß möglich wie nie zuvor. Es existieren in der Welt kaum noch Nischen für den Einzelnen. Gerade Menschen in den reichen westlichen Ländern reagieren immer häufiger mit psychischen Mustern wie Burn-out auf die Situation. In der Krise von Finanzindustrie und Staatsfinanzen sind psychologische Verknüpfungen so bestimmend wie tatsächliche faktische Zusammenhänge. Sie resultieren aus vorhandenen oder ausgeblendeten Informationen, aus dem Erleben von Ereignissen und aus dem sich daraus bildenden Vertrauen.

In dieser Situation braucht es Perspektiven auf das Wirtschaftsgeschehen, die über das Bisherige hinausgehen. Die systemische Sichtweise ist eine solche Überblicksperspektive für die Wirtschaft. Ich lege deshalb in diesem Buch das systemische Rahmenmodell zugrunde, das ich für Organisationen entwickelt habe und in dem Buch «Systemische Organisationsanalyse« beschrieben habe (Mohr 2006). In vielen Diskussionen stellte sich heraus, dass es auch für die Betrachtung der Wirtschaft als Ganzes und die Offenlegung der hier wirksamen psychologischen Aspekte tauglich ist. In dem Buch wird die systemische Perspektive anhand von zehn dynamischen Mustern zur Wirtschaftsanalyse genutzt. Vielleicht gibt es einige Anregungen, die Wirtschaft als Systemwelt ein Stück besser zu begreifen und entsprechend zu handeln.

Ein Kreislauf und große Ziele

Gerade in der Wirtschaft sind systemische Prozesse wesentlich durch Kreisläufe geprägt. Peter Sloterdijk (2009) erzählt eine schöne Geschichte, die zunächst paradox wirkt, aber das Prinzip verdeutlicht.

Ein deutscher Tourist kommt in ein irisches Hotel und will sich einige Zimmer ansehen. Er legt dazu einen 100-Euro-Schein auf die Theke. Während er die Zimmer in Ruhe anschaut, läuft der Wirt mit dem Geld zum Metzger und bezahlt seine Schulden für Fleisch, der Metzger nimmt die 100 Euro läuft zum Bauern und bezahlt für dessen Lieferung. Der wiederum läuft zu einem Schreiner und bezahlt seine Schulden für die neuen Fenster. Der Schreiner läuft zu einer Dame, die im Ort spezielle Dienstleistungen für Männer anbietet und bezahlt seine offenen Rechnungen. Diese wiederum geht zum Hotel und gibt dem Wirt den 100-Euro-Schein für noch nicht bezahlte Zimmernutzung. Der Wirt legt den 100-Euro-Schein wieder auf die Theke. Dem deutschen Touristen haben die Zimmer nicht zugesagt, er nimmt den 100-Euro-Schein, geht von dannen und hinterlässt ein glückliches Dorf, in dem alle Schulden bezahlt sind.

So oder so ähnlich funktioniert das auch im wahren Leben. Wird der Kreislauf von Waren und Geld unterbrochen oder nur verlangsamt, wie es zum Beispiel im Jahr 2008 bei der Finanzkrise geschehen ist, werden Menschen vorsichtiger, investieren und konsumieren weniger und der gesamte Wirtschaftsprozess kommt ins Wanken.

Schaut man sich die verschiedenen Ansätze über den Sinn und die Ziele der Wirtschaft an, so finden sich zwei klassische Antworten: Erstens will Wirtschaft aus den vorhandenen Ressourcen mit dem geringsten Aufwand den größten Nutzen ziehen. Diese Zielsetzung wird auch als Allokation bezeichnet. Zweitens gehört nach heutiger Übereinkunft ein ausreichendes Niveau von Beschäftigungs- und Einkommensmöglichkeiten für möglichst viele Menschen zur Wirtschaft.

Manchmal wird auch ein drittes Ziel, das der gerechten Verteilung der erarbeiteten Ressourcen, ergänzt. Wobei die Ökonomen hier sehr unterschiedlicher Meinung sind, ob die Wirtschaft wirklich eine gerechte Verteilung herstellen kann und soll. In der Perspektive der Wirtschaftswunderjahre war dies noch selbstverständlich. Das Thema Verteilungsgerechtigkeit ist im Zuge der neoliberalen Dominanz der 80er- und 90er-Jahre zeitweise in den Hintergrund getreten, um dann nach der Wirtschaftskrise ab 2008 wieder zu Aufmerksamkeit zu kommen. Der französische Ökonom Thomas Piketty hat kürzlich rege Diskussionen durch seine These ausgelöst, dass es eine radikale Umverteilung zugunsten der Kapitaleigner gebe (Piketty 2014). Seine schlichte Formel: Die Kapitalrendite, also das Einkommen aus Kapital, ist tendenziell höher als die Wachstumsrate, sprich, die Reichen bekommen vom Kuchen ein relativ größeres Stück ab.

Heute sollte man bei der Betrachtung der Wirtschaft ergänzend den Aspekt der Nachhaltigkeit, also die Berücksichtigung der langfristigen Folgen des Handelns und des Ressourcenverbrauches, erwähnen. Es ist allerdings streng genommen eine Unterfunktion der Allokation, der sinnvollen und effizienten Kombination der Ressourcen. Man muss nur die verschiedenen Naturressourcen entsprechend wertschätzen und eventuell auch finanziell bewerten.

Dabei wird die wichtigste Ressource heute oft vernachlässigt, nämlich die der menschlichen Lebenszeit und der psychohygienischen Gesundheit. Menschen werden wieder, wie es zu Beginn der Industrialisierung und dann im tayloristischen Menschenbild mit der »Klein-Klein-Optimierung« menschlicher Handgriffe gipfelnd schon einmal der Fall war, als reine Produktionsfaktoren gesehen. Anders sind die heutigen Phänomene der Arbeitsverdichtung, der Arbeitsintensität und der langen Arbeitszeiten mit entsprechenden Folgen wie Burn-out nicht zu erklären. Im 19. Jahrhundert führte der gigantische technische Fortschritt zu einer materiellen Verelendung der Menschen. Heute scheint der technische Fortschritt zu einer psychischen Verelendung mit dem Anstieg psychischer Krankheiten und der häufigen Diagnose Burn-out zu führen. Auf jeden Fall rückt die psychosoziale Gesundheit in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Diese Welle wurde bereits von dem Konjunkturforscher Nefiodow vorhergesagt (Nefiodow 1999).

Die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert hat durch die neuen Produktionsmittel eine Veränderung der Produktionsverhältnisse (Eigentumsstrukturen, Machtverhältnisse) gebracht, wie Marx es nannte. Die technische Revolution des 20. und 21. Jahrhunderts bringt zumindest eine Veränderung der Kommunikation und der Beziehungen.


Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert Gesundheit als einen Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur als das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen. Dies ist ein sehr ambitioniertes Ziel.

Psychische Gesundheit ist laut WHO ein Zustand des Wohlbefindens, in dem der einzelne seine Fähigkeiten ausschöpfen und fruchtbar anbieten kann, die normalen Lebensbelastungen bewältigen kann und imstande ist, etwas zu einer Gemeinschaft beizutragen. Dazu kann auch die Wirtschaft beitragen. Sie könnte sich sogar dazu verpflichten.

Armut ist kein Rechenspiel

Der niederländische Ökonom Peter Lanjouw beschäftigt sich im Auftrag der Weltbank mit Armut und Ungleichheit in der Welt. Er hält eine Erhöhung der Armutsgrenze für nötig. Wer 1,75 Dollar oder weniger pro Tag zur Verfügung hat, soll als arm gelten. Bisher liegt die Grenze bei 1,25 Dollar pro Tag. Dies sei nicht mehr zeitgemäß, glaubt Lanjouw, weil lediglich die Veränderungen in der Berechnung der Kaufkraftparität, der so genannten PPP (Purchasing Power Parity) statistisch zu einer Halbierung der Anzahl der Armen in der Welt geführt habe. In einigen großen Schwellenländern ist die Anzahl der Menschen mit weniger als 1,25 Dollar zur täglichen Verfügung von 20 Prozent auf neun Prozent gesunken. In Indien allein ist die Zahl von 393 Millionen auf 100 Millionen Menschen gesunken. Ist aber wirklich die Armut in diesen Ländern kleiner geworden?

Die britischen Ökonomen Christopher Deeming und Bina Guhaju haben sich mit dem kleinen pazifischen Inselstaat Vanuatu beschäftigt. Dort leben 250.000 Menschen. Ein Fünftel bekommt überhaupt keinen Lohn. Der Rest lebt von Land- und Seewirtschaft. Bei einem zugerechneten Einkommen von einem Dollar pro Tag sind 5,4 Prozent der Kinder arm. Fragt man allerdings, inwiefern die Kinder ausreichend mit Nahrungsmitteln, Kleidung und Obdach versorgt sind, gelten 17 Prozent der Kinder als arm (Deeming/ Guhaju, zit. nach Kaufmann: »Armut als Variable«, Frankfurter Rundschau, 18.4.2014). Insofern sagt ein Durchschnitt für den Einzelnen nicht viel aus. Solche Kennziffern sind aber für volkswirtschaftliche Einschätzungen oft ausschlaggebend und – wie man an diesen Beispielen sehen kann – leiten sie in die Irre.

Vom Überleben zum Gemeinwohl

Die Zwecke des Wirtschaftens korrespondieren mit einer Grundtendenz, die für Systeme generell gilt, nämlich dem Überlebenswillen. Diese wesentliche Grundlage des Lebens und Wirtschaftens ist auch den meisten wirtschaftstheoretischen Konzepten immanent. Allerdings stellt sich die Frage, ob das Überlebensprinzip im Sinne von Mehr an Materiellem heute für viele Menschen in den reichen Ländern wirklich noch eine erforderliche Maxime ist. Oder ist diese Orientierung lediglich ein Relikt der Vergangenheit? Psychologisch gesehen werden solche »mentalen Ladenhüter« oft unreflektiert beibehalten. Der Gedanke »Es ist nicht genug da«, beherrscht die Menschen seit Generationen, unabhängig davon, ob dies tatsächlich Realität ist. Dahinter steckt eine evolutionsgeschichtlich erlebte und damit im kollektiven Unbewussten der Menschen, wie C. G. Jung es nannte, vorhandene Reaktion. Der Wettbewerb um eine marginale Verbesserung auf schon hohem Niveau wird innerlich als Existenzbedrohung erlebt. Zieht man die Aufmerksamkeitsebenen des systemischen Modells heran, befindet man sich auf der transgenerationalen Ebene (siehe Kapitel »Aufmerksamkeit«) (Mohr 2014).

Politisch kann man das in der Wirtschaft herrschende sogenannte Knappheitsparadigma als Ideologie bezeichnen. Marxisten deuten es als den ständigen Zwang des Kapitals, sich selbst zu vermehren. Allerdings war – und manchmal gilt das sicher auch heute noch – das Knappheitserleben zunächst durchaus etwas Positives. Not macht erfinderisch, vermeldet ein Sprichwort. In der Psychologie spricht die Transaktionsanalytikerin Fanita English von einem Überlebenstrieb, den Menschen zuerst und meist mit archaischen Reaktionen bedienen, ehe sie vom Gestaltungstrieb geleitet werden (English 2004), der sicher ganz andere Lösungen produzieren kann. In lebensbedrohlichen Situationen schalten Menschen auf den »survival mode« (Überlebensmodus) (Brom 2014). Erlebte Knappheit scheint in den Menschen sehr tief verankert zu sein, weshalb man von einem Paradigma sprechen kann. So muss es heute bei der Knappheit nicht immer um Materielles gehen. Oft ist aber eine vermeintliche, »gefühlte« Knappheit ausschlaggebend, um so zu reagieren, als ginge es ums Überleben.

Dies soll nicht bedeuten, dass alle im Wohlstand leben, aber das Knappheitsempfinden hält von der Bereitschaft zu gerechter Verteilung ab. In der Verhaltensökonomie vielfach nachgewiesen ist der sogenannte Besitztumseffekt (Endowment-Effect). Er besagt, dass niemand einen einmal erreichten Besitz, egal auf welchem Niveau, wieder aufgegeben will. Der Besitztumseffekt bedeutet, dass es uns Angst macht, wenn wir etwas verlieren. Studien in der Verhaltensökonomie haben gezeigt: Die emotionale Reaktion zum Verlust von 1000 Euro ist bedeutend stärker als die zum Gewinn von 1000 Euro. Entsprechend leiden betuchtere Leute unter diesem Effekt sogar relativ mehr als arme. Der Besitztumseffekt wirkt rein psychologisch, unabhängig vom tatsächlichen Vermögen. Das gelebte Knappheitsparadigma des »Es ist nie genug« ist eher ein Gewohnheitsmuster als eine reale Erfahrung, geschweige denn eine Notwendigkeit. Aber auch in einer Wohlstandsgesellschaft wird der Besitztumseffekt nun zum Thema, wenn etwa aufgrund der Klimaveränderungen notwendige Einschränkungen auf die Menschen zukommen.

Als Fazit lässt sich zum Knappheitserleben sagen, dass über seine Wirkung mehr Bewusstheit entstehen und dass es relativiert werden muss. Es gilt, wirkliche Knappheit von psychologisch verursachter zu unterscheiden.

Ein weiterer Aspekt kommt noch hinzu: Ökonomie verbinden die meisten Menschen auch mit Finanzgrößen wie Gewinn und Rendite. Schaut man in die europäischen Verfassungen, so ist der eigentliche Zweck des Wirtschaftens aber nicht der Gewinn. Der Österreicher Christian Felber weist darauf hin (Felber 2009), dass in diesen grundsätzlichen Regelwerken der Menschen durchaus von einem anderen Ziel des Wirtschaftens die Rede ist, nämlich vom Gemeinwohl. Finanzielle Kriterien und Gewinnorientierung sind nur die Mittel. In der Verfassung des Freistaates Bayern, Art 151,1 steht beispielsweise: »Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl, insbesondere der Gewährleistung eines menschenwürdigen Daseins für alle und der allmählichen Erhöhung der Lebenshaltung aller Volksschichten.«

In der Realität sind viele Entscheider allerdings im Knappheitsparadigma gefangen. Sie huldigen einer angeblich notwendigen Wachstumsideologie. Diese trägt dann heute oft sportliche Züge, die auf der finanziellen Ebene in Wettläufen zu EBIT, EBITDA, Gewinn je Aktie und Return of Investment gipfeln. Eine ganze Industrie von Analysten, Maklern und mit diesen verbundenen Medien unterstützt diese Denkweise.

Das Ende der Entwicklung?

Existiert Wirtschaften auch jenseits des Kapitalismus? Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama hat schon 1992 mit The end of history die bestehende als die endgültige Gesellschaft ausgerufen (Fukuyama 1992). Ernest Mandel dagegen läutete schon in der 1970ern den »Spätkapitalismus« ein (Mandel 1973). Er wollte damit sagen, dass an der Theorie des historischen Materialismus von Marx und Engels, nach der der Kapitalismus notwendigerweise von etwas anderem, nämlich dem Sozialismus abgelöst werde, doch etwas dran sei. Mittlerweile ist zumindest der real existierende Sozialismus untergegangen und wir müssten uns im Spät-Spätkapitalismus befinden. Es gab aber schon vor und immer neben der jeweils aktuellen Form des Kapitalismus ein Wirtschaften neben dem Wirtschaften. Man kann auch aus der Geschichte lernen, dass sich darüber hinausgehende, neue Aspekte des Wirtschaftens entwickeln können. Entsprechend kommt die Kritik an Francis Fukuyama etwa von Slavoj Zizek (Living in the end times, Zizek 2011), dem slowenischen Psychoanalytiker und sogar ehemaligen Präsidentschaftskandidaten in seinem Land: Wirtschaften muss nicht einseitig durch die bisherigen, im Moment wesentlich kapitalistisch geprägten Mechanismen bestimmt sein. Bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass es das auch gar nicht ist. Nachdem Anfang der 1990er-Jahre die real existierende Planwirtschaft aufgegeben wurde und seit 2008 der Finanzkapitalismus vorerst zu Ende war, könnte sich der Aufmerksamkeitsfokus eigentlich neu orientieren und sich eine neue Wirtschaftsform etablieren.

Alternative Bezugsrahmen wie die solidarische Ökonomie, die Gemeinwohlökonomie (Felber 2010), die feministische Ökonomie (Biesecker et al. 2000) oder auch die Überflusskritik (Paesch 2011) und die Gemeingütertheorie (Ostrom 2011) zeigen neue Töne. Der österreichische Attac-Mitbegründer Christian Felber zeigt mit seinem gemeinwohlökonomischen Konzept die Breite der Wirtschaftsziele auf und wird im Folgenden an verschiedenen Stellen eine Rolle spielen. Die Bremer Wirtschaftsprofessorin Adelheid Biesecker betont den Fürsorgeaspekt, der für Menschen und Natur am Anfang der ökonomischen Überlegungen stehen sollte. Fürsorge wird traditionell als eher weibliches Prinzip gesehen, ist aber gerade als Ergänzung zum Herkömmlichen – den oft noch aus militärisch-männlichen Kulturen hervorgegangen Ideen des Wirtschaftens – sehr wertvoll. Es geht darum, aus der Ökonomie nicht alles das auszugrenzen, was in der Vorsorge und im Sozialen liegt, aber für die Gesellschaft so entscheidend ist. Biesecker kritisiert die ökonomisch einseitige Orientierung auf unendliche, eigentlich nicht zu befriedigende Bedarfe. Sie spricht – das als kleine Kritik an ihrem interessanten und sympathischen Ansatz – von Bedürfnissen, was allerdings nicht ganz korrekt ist. Bedürfnisse sind als psychologische Größe mit dem Menschen eng verbunden, aber oft nicht wirklich bewusst. Bedarf ist die wirtschaftliche Größe, das was nach außen gezeigt und geäußert wird: was man meint, was das Bedürfnis sei.

Der Volkswirtschaftler Niko Paesch zeigt deutlich auf, wie endlich die momentane Ressourcenlage auf der Welt ist. Mit dem Soziologen Harald Welzer zusammen stellt er die Fraktion derjenigen dar, die Konzepte für die Realität der Naturressourcen und den Umgang damit präsentieren. Die Konzentration auf Wesentliches und Notwendiges wird eine zentrale Aufgabe der Zukunft sein. Die Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom beschreibt den Weg aus der »Tragödie der Gemeingüter«. Sie stellte fest, dass Gemeingüter verkommen, weil niemand die Verantwortung dafür übernimmt. Es gilt die Möglichkeiten zu nutzen, damit keine Ressourcenfriedhöfe entstehen. Dabei kann es um Autos, technische Geräte, Land und vieles mehr gehen. Dinge, die nur herumstehen und nur selten und wenn, dann ausschließlich von ihrem Eigentümer genutzt werden, obwohl sie der Allgemeinheit viel besser nutzen könnten. Die angesprochenen Alternativen versuchen die Wirtschaftsakteure anders zu orientieren. Es wäre gut, die Grundlagen des Wirtschaftens zu betrachten, um darin die spezifisch kapitalistische Variante zu erkennen und abzugrenzen. Zunächst ist es sinnvoll, die systemische Herausforderung zu beschreiben, um danach zu der Frage zu kommen: Welche Aufmerksamkeit ist angebracht, um die Welt voranzubringen?

Systemisch: Verbundenheit, Kontext, relative Wirklichkeit

Der mongolische Kriegsfürst Altay Kahn stellte im sechzehnten Jahrhundert für die Chinesen eine so gewaltige Bedrohung dar, dass sie seinetwegen die große Mingmauer bauten. Als Kahn nach der Eroberung Pekings vor den Toren der verbotenen Stadt stand und alle mit einem Sturm des Kaiserpalastes rechneten, überreichte er stattdessen eine Anfrage, ob die Chinesen sein Volk als Handelspartner akzeptieren würden.

Die kleine Geschichte zeigt: Handel und Wirtschaftskontakte sind erstrebenswerter weil nachhaltiger als der bloße Sieg. Und Überraschungen gehören zum Wirtschaftssystem dazu. Seit Altay Kahn ist eine Menge Zeit verstrichen, und im Laufe der Jahrtausende sind immer wieder Kriege aus verletztem Stolz geführt worden oder um eine vermeintliche Überlegenheit einer Nation zu verteidigen. Selten wurden Kriege aus der Not heraus geführt, es sei denn es waren Aufstände innerhalb von Staaten. Gerade das zwanzigste Jahrhundert hat hier Lehren erteilt. Regionen, die lange selbst keine Kriege innerhalb ihres Landes erlebt haben (USA, Schweiz) scheinen eher langfristig gedeihliche Bedingungen zu bieten. Die Wirtschaft als Treiber für Wohlstand hat mehr und mehr die Oberhand gewonnen. Doch auch Wirtschaftskrisen können die Welt an den Abgrund führen. Das zeigte uns die Weltwirtschaftskrise in den 20er-Jahren oder die Finanzkrise von 2008.

Das System von Wirtschaft und Politik ist als Ganzes zu sehen, und es lohnt sich, es aus einer systemischen Perspektive zu betrachten. Die systemische Perspektive wurde ursprünglich für die Therapie von Familiensystemen entwickelt. Mittlerweile wird sie auch auf viele andere Systeme, Organisationen, Gesellschaften, Wirtschaft, angewandt. Systemisch die Welt zu betrachten, bedeutet drei Fakten zu berücksichtigen. Erstens sind die Handelnden in der Welt immer in einer Beziehung miteinander verbunden. Individuelle Unabhängigkeit ist eine Illusion.

Kein Mensch und kein System ist wirklich unabhängig.

Wir sind verbunden und vernetzt miteinander. Wenn wir darüber nachdenken, wieso wir so leben können, wie wir leben, wer unsere Nahrung produziert, für unser Dach über dem Kopf oder unsere Sicherheit sorgt, wird das unmittelbar klar. Manchmal ist es auch erst durch genaue Analyse erkennbar, wie vielfältig unsere Existenz von anderen Lebewesen in der Natur und deren Zuarbeit abhängig ist. Gerade die ständige Betonung der angeblich erstrebenswerten Individualität, beispielsweise durch die Werbung, ist ein deutlicher Hinweis auf die eigentlich vorhandene wechselseitige Abhängigkeit. Bei genauerer Betrachtung hat gerade die Wirtschaft durch ihre Institutionen Handel und Arbeitsteilung friedliche Alternativen entwickelt, die – auf faire Weise gelebt – der systemischen Verbundenheit der Menschen Rechnung tragen. Die Form des Zusammenwirkens, die sogenannte Interaktion zwischen den Elementen eines Systems, ist wichtiger als ihre vermeintlichen Eigenschaften oder Fähigkeiten. Der zweite Aspekt heißt:

Alle Phänomene sind auf dem Hintergrund eines Kontextes zu sehen.

Themen sind nicht in sich zeitlos und übergreifend zu betrachten, sondern immer auf dem Hintergrund eines bestimmten Kontextes. Der macht auch überraschende Entscheidungen möglich. Die Gunst der Stunde ist für manche wirtschaftspolitische Wendungen notwendig. So schlimm das Ereignis auch war: Ohne den Atomunfall im japanischen Fukushima im Jahr 2011 wäre die deutsche Entscheidung zum Atomausstieg nicht zustande gekommen. Es braucht einen Kontext, ein bestimmtes wahrgenommenes – man könnte auch sagen konstruiertes – Zusammentreffen von Variablen, um etwas möglich zu machen.

Keine Hungersnöte in Demokratien

Zwei Beispiele zeigen die Relevanz der Kontextgestaltung. Der indischamerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen, der sich mit dem brennenden Thema der Armut in der Welt beschäftigt hat, betont dazu die Wichtigkeit der Demokratie. Er stellt fest, dass es in demokratischen Gesellschaften, so arm sie auch sein mögen, nie eine Hungersnot gegeben habe. Demokratie konstruiere auf Lösungen orientierte Wirklichkeiten (Sen 2010). Gerade bei wirtschaftlichen Prozessen ist eine Neigung vorhanden, demokratische Errungenschaften zugunsten von vermeintlich ökonomisch notwendigen Aspekten infrage zu stellen.

In den 1990ern wurden manche Entscheidungen durch die föderale Struktur in Deutschland verlangsamt. Manche Ökonomen bezeichneten Deutschland damals als »German Patient«. Plötzlich, nach der Wirtschaftskrise 2008 ist diese Kritik völlig verstummt. Es wurde deutlich, dass gerade die durch die föderale Struktur begünstigte, auf vielen Füßen stehende, mittelständische Wirtschaft ein wichtiger Anti-Krisen-Faktor ist. Der gesellschaftliche Kontext ist, wie beide Beispiele zeigen, nicht von der Wirtschaft zu trennen.


Besonders gravierend ist der dritte Aspekt des Systemischen:

Jedes einzelne Teilsystem strebt danach, seine bisherige Struktur und Weltsicht zu erhalten und immer weiter zu erschaffen.

Lebewesen entwickeln eigene Steuerungsformen, die für sie selbst systemerhaltend sind. Auch wir Menschen konstruieren uns die Welt so, dass sie für uns passt. Schon unser Körper, unsere Hirnphysiologie und insbesondere unsere Sinnesorgane, die auch die Informationsgrundlage für Denken, Einstellungen und Gefühle bilden, sind auf den Selbsterhalt ausgelegt. Echte Veränderung bedeutet auf diesem Hintergrund auch eine echte Herausforderung. Die beiden Systemforscher Humberto Maturana und Francisco Varela haben diese Eigenbezogenheit jedes Systems in seiner evolutionär gewachsenen Struktur besonders betont. Eingriffe von außen in ein System sind nur unter besonderen Bedingungen möglich: »Es gibt keine instruktive Interaktion.« Man kann ein Humansystem – etwa einen Menschen oder eine Gruppe – nicht einfach per Instruktion zu etwas anderem bewegen, das nicht seinem ursprünglichen Programm entspricht. Es sei denn, man koppelt dies sehr genau an seine Struktur an. Dieses Pacing (Mitgehen mit dem anderen) ist die Voraussetzung für Leading, also irgendeine Form von Führung. Dies stellen alle »Reformer« immer wieder fest. Auch viele Projekte der Entwicklungspolitik mussten hier Lehrgeld bezahlen, weil sie die Strukturmechanismen eines fremden Systems nicht verstanden und nicht passend ankoppeln konnten.

Die strukturerhaltende Funktion zeigt beispielsweise auch der schon erwähnte Besitztumseffekt. Man kann ein System zu nichts zwingen, man kann es zwar vernichten, aber zu nichts zwingen. Mit dieser Feststellung Maturanas und Varelas wird die Selbstbezogenheit von Systemen noch deutlicher (Maturana/Varela 1987):

Systemisch intervenieren bedeutet, aus der aktuellen Situation heraus unter Kenntnis des Bisherigen Veränderungen einzuleiten.

Systemisch bedeutet in diesem Sinne auch, pragmatisch vorzugehen. Max Weber hat die Tendenz zur Rationalität, aber auch zur Bürokratisierung beschrieben. Unter den »Großen Vier« – Marx, Nietzsche, Freud, Weber – ist er vielleicht der systemischste, weil er keine Heilslehre entwickelt hat, keine neue Gesellschaft wollte, keinen neuen Menschen entwickelte, keine Befreiung vom Trieb erstrebte, sondern Einzelhypothesen für die Entwicklung aufstellte.

Klein und groß, Mikro und Makro, individuell und systemisch

Für die Wirtschaft gibt es ein wesentliches systemisches Spannungsfeld, das zwischen der Mikro- und der Makroperspektive. Die Mikroperspektive beschäftigt sich mit dem Handeln des einzelnen Wirtschaftssubjekts, also des privaten Haushaltes, des Unternehmens oder eines Staatsorgans. Die Makroperspektive beschäftigt sich mit dem Zusammenwirken des ganzen Systems. Diese Perspektive korrespondiert interessanterweise mit der Polarität der individuellen und der systemischen Sichtweise.

Die systemische Perspektive, also die Makroebene einzunehmen ist für uns Menschen schwer zu begreifen. Darauf wies schon der bekannte systemische Theoretiker Matthias Varga von Kibéd hin (Varga v. Kibed o. J.). Menschen sind im systemischen Denken wenig geübt, da es ein Abstrahieren und ein Lösen vom kurzfristigen Erleben erfordert. Es liegt Menschen normalerweise näher, vom Einzelnen auf das Ganze zu schließen. Wenn ich wenig Geld habe, muss ich sparen. Das gilt für eine Familie und ein Unternehmen. Für eine gesamte Volkswirtschaft gilt dies aber nicht unbedingt. Wie die Wirtschaftshistorie mehrfach gezeigt hat, kann dies fatale Folgen haben, wie beispielsweise die restriktive Wirtschaftspolitik in Deutschland in den 1920er-/30er-Jahren, die oft mit dem Namen des Reichskanzlers Heinrich Brüning in Verbindung gebracht wird. Unterbleibt die ergänzende Nachfrage des Staates, werden dem gesamten Wirtschaftskreislauf Mittel entzogen. Wenn der Staat notwendige Investitionen unterlässt, müssen Unternehmen ihre Mitarbeiter entlassen, die dann wiederum kein Geld zum Konsumieren haben. Die Schraube dreht nach unten, die Situation spitzt sich zu. Seitdem gilt, dass ein Staat in einer Krisensituation investieren muss, auch wenn es paradox klingt. Man muss wie in einer Vogelperspektive einen Abstand zu den Dingen gewinnen, um besser sehen zu können. Die Makroebene, als deutlich systemische Ebene der Wirtschaft, braucht eine eigene Perspektive.

Systemische Transaktionsanalyse

Die Entscheidungen des einzelnen Individuums und die Bewegungen des Gesamtsystems Wirtschaft hängen zusammen, haben Rückwirkungen aufeinander und oft ist ihr Zusammenhang nicht vorhersehbar. Hier bewahrheitet sich der alte Spruch: »Prognosen sind vor allem schwierig, wenn sie die Zukunft betreffen.« Eine interessante Methodenkombination, um dieses Spannungsfeld zu betrachten, stellt die systemische Transaktionsanalyse dar. Sie verbindet den systemischen Ansatz mit der Transaktionsanalyse, die auf individuelle und überschaubare Beziehungskonstellationen gerichtet ist. Die Transaktionsanalyse stellt dabei eine Art Kernkonzept der Psychologie dar, weil sie die Verhaltensebene mit tiefenpsychologischer Betrachtung und humanistischem Menschenbild verbindet (Mohr 2008, 2010). Die Transaktionsanalyse besticht durch eine Orientierung am konkreten Verhalten der Menschen, ihren Transaktionen. Zudem hält sie kreative, optimal komplexitätsreduzierende Modelle für menschliche Reaktionen zur Verfügung und zeigt eine entwicklungsoptimistische Kultur. Mehr dazu in den Bücher zur Transaktionsanalyse (Mohr 2008, 2010). Ihr größter Vorteil besteht darin, dass ihre für die Mikroeinheit konzipierten Modelle sehr gut mit der systemischen und der Makroperspektive zu verbinden sind. Insofern habe ich eine Reihe von Einzelmodellen zur psychologischen Erklärung von Verhalten (Grundbedürfnisse, Denkbezugsrahmen, Ausblendung von Wirklichkeit, Rollen etc.) aus der Transaktionsanalyse bezogen. Das folgende Modell der Systemdynamiken zeigt ein Zusammenwirken aus systemischem Ansatz und Transaktionsanalyse.

Die Systemdynamiken

Der System- und Kreislaufcharakter der Wirtschaft lässt sich mit zehn Perspektiven in vier Feldern analysieren. Als Felder habe ich die Strukturen und Prozesse sowie das Gleichgewichtsstreben (Balancen) und die Pulsation an den äußeren und inneren Grenzlinien eines Systems angenommen. In diesen Feldern habe ich wiederum je zwei bis drei Dynamiken identifiziert. Diese zehn Systemdynamiken will ich jetzt auf das System Wirtschaft anwenden (siehe Abbildung 1).


Die erste Perspektive ist die der Aufmerksamkeit. Wirtschaftsfragen sind grundlegend komplex und alles ist miteinander verbunden, Mensch, Natur und Technik. Deshalb lenkt die Aufmerksamkeit hier das Denken und Handeln und fokussiert immer nur Teilaspekte, auch weil die Komplexität die Fähigkeit des menschlichen Gehirns übersteigt. Aber aus dieser Fokussierung werden häufig Schlüsse gezogen, die dann mehr oder weniger für das ganze System passen.


Die zweite Perspektive ist die der Rollen. Man muss sich klar machen, dass bestimmte Individuen verschiedene Rollen in einem System besetzen. Ein Beispiel ist die Rolle des Kapitaleigentümers, des Produzenten, des Konsumenten oder des regulierenden Staates. Bernd Schmid definiert die Rollen als zusammenhängende Muster mit bestimmtem Denken, Fühlen, Verhalten (Schmid 1994).

Darüber hinaus treten die Rollenträger in bestimmte Beziehungen zu anderen Rollenträgern. Die Art der Beziehung hängt wiederum maßgeblich von deren individuellen Eigenschaften ab. Das lässt sich leicht nachvollziehen. Wie sind etwa zwei zentrale Wirtschaftsbeziehungen, die Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehung und die Gläubiger-Schuldner-Beziehung definiert? In den Beziehungsdynamiken ist vor allem auch die Frage der Macht zu stellen. Welche Machtformen spielen eine Rolle? Spezifische Beziehungsmuster charakterisieren ein System. Aufmerksamkeit, Rollen und Beziehungen sind die drei Perspektiven, die die Struktur eines Systems beschreiben.

Im nächsten Schritt kann man die typischen Prozesse analysieren, die jedes Teilsystem wie auch die Wirtschaft als Ganzes charakterisieren: Das sind Kommunikations-, Problemlöse- und Erfolgsprozesse. Die Wichtigkeit von Kommunikation im persönlichen und beruflichen Leben ist jedem sofort einleuchtend. Wer hat keine Erfahrung mit Missverständnissen, Fehlern durch mangelnde Kommunikation oder der Erleichterung nach einem klärenden Gespräch? Wird die Kommunikation offen und fair geführt oder ist die Wirtschaftskommunikation charakterisiert durch subtile Werbebotschaft auf der einen und gerichtliche, juristisch spitzfindige Auseinandersetzung auf der anderen Seite?


Wie Probleme angegangen werden, ist ebenfalls ein charakteristisches Zeichen für ein System und es lohnt sich, diesen Prozess zu analysieren. Werden die Kosten des Wirtschaftens realistisch einbezogen oder – wie in vielen Großprojekten – wird ein Teil ausgeblendet? Dieses Phänomen der externen Kosten ist heute ein sehr zentrales bei vielen Projekten. Ein Prozess, auf dem selten der Reflexionsfokus liegt, ist der Erfolg. Was ist der Erfolg des Wirtschaftens, wie wird er herbeigeführt und wem kommt er zugute? Wird er überhaupt betrachtet, gefeiert, zelebriert oder ignoriert?

Nach Betrachtung der Systemstruktur und der Systemprozesse kommen noch vier typisch systemische Perspektiven hinzu. Befinden sich die verschiedenen Kraftfelder in einem System in einer Balance? Dies kann man sich beispielsweise am System zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften ansehen. Mal kann einer Erfolge vorweisen, mal muss er Rückschläge eingestehen. Sie verhandeln so lange, bis für beide Systeme die Balance stimmt. Man kann für lebende Systeme eine Gleichgewichtstendenz annehmen, die aus ihrem Streben nach Selbsterhalt folgt (»Homöostaseprinzip«). Organisationssysteme, zu denen man eine auf Rechtsgrundlagen beruhende Wirtschaft zählen kann, können widerstreitende Impulse, Interessen- und Zielrichtungen unter einem Dach vereinen (Simon 2007).

Interessant ist auch zu beobachten, in wieweit sich gleichartige Prinzipien in verschiedenen Teilsystemen wiederholen. Dies nennt man Rekursivität. Wenn in einem Wirtschaftssystem gleichermaßen transparente wie an anderer Stelle korrupte Prinzipien gelten, ist die Rekursivität niedrig. Auch die relativ geringe Ausprägung demokratischer Prinzipien in der Wirtschaft im Gegensatz zur Macht des Geldes – beispielsweise bei gerichtlichen Auseinandersetzungen – ist eine Einschränkung von Rekursivität. Sind die Prinzipien in verschiedenen Teilsystemen eines Systems ähnlich, sind die Vorhersagbarkeit besser und die Transaktionskosten geringer. Stafford Beer hat diese Sichtweise in seiner »viable systems theory« zuerst beschrieben (Beer 1994). Ein Beispiel sind auch Steuergesetze. Sie können rein klientelbezogen, etwa bei der Mehrwertsteuersonderregelung durch die schwarz-gelbe Regierung für das Hotel- und Gaststättengewerbe in 2009, formuliert sein oder generell für alle gelten.


Und dann noch die Frage: Wie reagieren Wirtschaftssysteme an ihren äußeren Grenzlinien? Wie also koppeln Teilsysteme an andere an oder grenzen sich von ihnen ab? Für menschliche Arbeitskräfte gibt es Einwanderungsbedingungen, für Kapital hat man noch keine Auffanglager gegründet, so resümiert Fritz Simon in seiner »systemischen Wirtschaftstheorie«. Diese »Äußere Pulsation« ist ein Beispiel für Offenheit oder Geschlossenheit des Systems.

Die »Innere Pulsation« betrachtet, wie sich in einem System Subsysteme entsprechend den technologischen und gesellschaftlichen Herausforderungen entwickeln. Beispielsweise ändert sich die Nahversorgung in vielen entwickelten Ländern. Kleine Lebensmittelläden in Fußwegnähe, die den täglichen Bedarf decken, verschwinden und es entstehen nur mit dem Auto erreichbare Einkaufszentren.

Die Pulsationen, das heißt die Dynamiken an den Grenzlinien von Systemen, sind im Zeitalter der Globalisierung für wirtschaftliche Systeme von hoher Bedeutung. Pulsation ist dann optimal, wenn angemessene Offenheit, Durchlässigkeit und kooperative Beziehungsgestaltung an äußeren und inneren Grenzlinien vorliegt. Nicht wünschenswert sind völlige Durchlässigkeit oder auch Abschottung gegen äußere Impulse.

Insgesamt gibt es in der Betrachtung von Systemen eine Sehnsucht der Menschen, das Komplexe möglichst zu vereinfachen. Nicht wenige wirtschaftstheoretische Ansätze erliegen aber auch gerade hier der Versuchung einfacher – oder zu einfacher – Lösungen. Manchmal wird aber erst durch die Erfassung der Komplexität die Wirklichkeit erfahrbar. Die systemische Perspektive ist eine frei gewählte Aufmerksamkeitsrichtung. Dieses Buch ist eine Einladung zu einer systemischen Sichtweise auf die Wirtschaft.

Fallbeispiel 2000–20XX: Wirtschaft am seidenen Faden

Die erste Anwendung der systemischen Wirtschaftsanalyse gilt der Wirtschafts- und Finanzkrise ab 2008. Systemisch auf die Wirtschaft zu schauen, bedeutet ihre Dynamiken zu erkennen. Die grundlegende systemische Perspektive ist die Aufmerksamkeit. Nicht zuletzt durch den Einfluss der Lobbyisten gab gerade diese Krise ein interessantes Beispiel für die Verschiebung der Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit ist das wichtigste Steuerungsprinzip in Humansystemen.

Im Laufe der Finanzkrise ist es den Akteuren gelungen, die Aufmerksamkeit zu verschieben. Aus einer von den Banken verursachten Finanzkrise wurde immer mehr eine Staatsschuldenkrise. In einem schleichenden Prozess wurden der Staat und die Gemeinwesen, die unbeabsichtigt in die Retterrolle geraten waren, zur Krisenursache (»Staatsverschuldung«) erklärt. Aus dem Retter wurde das Opfer. Die Gläubiger und die Eigner der Finanzinstitute wurden nicht zur Kasse gebeten. Angefangen hatte allerdings alles mit dem Fehlverhalten der Banken. Die Staaten und überstaatlichen Institutionen kamen unfreiwillig in die Rolle eines mächtigen Wirtschaftsakteurs.

Seit 2008 hängt nun die Wirtschaft gefühlt am seidenen Faden. Sie erscheint wie in einem großen Feldforschungslabor mit immer neuen Ereignissen. Was früher undenkbar war, etwa ständiges Fluten der Geldmärkte mit großer Liquidität, wird weltweit entgegen der vorher herrschenden volkswirtschaftlichen Lehrmeinung dauerhaft praktiziert. Gleichzeitig ist Unsicherheit ein beherrschendes Thema. Drohende Zusammenbrüche von Wirtschaftsakteuren und skandalöse Rechtsvergehen (Libor-Absprachen, Bilanzfälschungen, Veruntreuung von Anlagegeldern) reihen sich im Rhythmus weniger Monate aneinander. Es waren Wirtschaftsszenarien, die bis dahin kaum jemand für möglich gehalten hatte: Eine der größten Banken der Welt, die Lehman Brothers Bank, geht Pleite und die Auswirkungen werden sofort überall auf der Welt spürbar. Sogar die deutschen Spargelder scheinen in Gefahr. Nur durch das beherzte Eingreifen von Bundeskanzlerin und Finanzminister und deren – allerdings uneinlösbares Versprechen – die Spareinlagen seien sicher, wird Schlimmeres vermieden. Die Lehman-Pleite löste einen Beinahe-Zusammenbruch des Bankensystems und damit des Wirtschaftssystems aus. So nah am Crash war man seit den dreißiger Jahren nicht mehr.

Die Volkswirtschaften reagierten mit der Verstaatlichung großer Teile ihrer Bankenindustrie. An dieser Stelle tauschten Staat und private Unternehmen ihre Rollen. Rollen sind die zweite systemische Dynamik und sind nach der Aufmerksamkeit eine grundlegende und wesentliche Perspektive in jedem System. In der Wirtschaft ist entscheidend, wer über wirtschaftliche Güter verfügt. Es geht um Fragen wie: Gibt es Privateigentum? Wie ist die Eigentümerrolle genau ausgestaltet (»Sozialverpflichtung des Eigentums«)? Im heute immer noch laufenden Feldexperiment »Bewältigung der Finanzkrise« trat der Staat plötzlich in die Eigentümerrolle wichtiger großer Banken wie der Commerzbank, nahm aber die Managementrolle nicht wahr. Die beließ man bei den Bankern. So entstand eine Vergesellschaftung des Risikos ohne wirkliche Übernahme der Verfügungsgewalt. Die Staaten fühlten sich aber verpflichtet, die Banken aufzufangen. TINA (»There Is No Alternative«) hieß das Aufmerksamkeitslenkungsprinzip. Die Banken wurden für die Aufrechterhaltung des gesamten Systems gleichermaßen als notwendig wie für unfähig erklärt. Sie waren unfähig, sich selbst zu heilen. Andererseits hieß es, sie seien »systemrelevant«. Der Begriff »systemrelevant« kam auf, weil man zu diesem Zeitpunkt Angst hatte, sich Wirtschaft anders vorzustellen.

Auch entgegen der bis kurz vorher herrschenden wirtschaftswissenschaftlichen Lehre des Neoliberalismus wurden riesige Konjunkturprogramme zur Rettung der Wirtschaft eingesetzt. Ein Beispiel war die »Abwrackprämie« für Autos eines bestimmten Alters. Der Staat unterstützte die Haushalte und Unternehmen in ihrer Rolle als Nachfrager im Wirtschaftskreislauf. Zudem kauften die Zentralbanken in ungeahntem Ausmaß eigene Staatsanleihen auf, um diesen Markt zu stabilisieren und Liquidität in die Wirtschaft zu pumpen. Früher hat man das »Geld drucken« genannt. Die Programme kosten sehr viel Geld und haben die Durchschnittsverschuldung in Europa von 70 auf 100 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) erhöht. Festzuhalten bleibt, dass der Staat in dieser Situation von seiner Rolle als Rahmengeber und Normengestalter zu einem aktiven Teilnehmer in der Finanzindustrie wurde.

Die systemische Analyse schaut auch auf die Beziehungen in einem System. Die Beziehungen zwischen den Entscheidern in Politik, Finanzwirtschaft, Realwirtschaft und der Öffentlichkeit schienen sich zu wandeln. Das Vertrauen, eine Grundlage für Beziehungen, ist in wirtschaftliche Institutionen deutlich geschwunden.

Insbesondere die Finanzwirtschaft stand in der bisherigen Form in Frage. Zudem gab es kaum Manager und Entscheider, von denen Aussagen zu hören waren, sie hätten falsch entschieden oder es täte ihnen irgendetwas leid. Man verfuhr im Sinne von Helmut Kohls Maxime, der einmal gesagt haben soll: Wir machen keine Fehler, aber es gibt manchmal Fehleinschätzungen. Eine offene Kommunikation über wesentliche Aspekte dieser Krise fand nicht statt. Im Gegenteil, als die Nervosität ein wenig zurückgegangen war, mahnten die Lobbyvertreter der Finanzwirtschaft sofort wieder vor Regulierungen und drohten oder ängstigten mit mangelnder Kreditversorgung der Wirtschaft. Die Beziehungen änderten sich erneut.

Dabei hatte die Finanzkrise einen interessanten Auslöser: Die amerikanischen Regierungen unter Bill Clinton und George W. Bush wollten den amerikanischen Traum vom Eigenheim allen Amerikanern ermöglichen, eine quasi kapitalistische Sozialpolitik. Dazu wurden Hypotheken steuerlich begünstigt, und im Jahr 2003 senkte die US-Notenbank ihren Leitzins auf ein Prozent. Damit wurden die Kredite spottbillig. Millionen amerikanischer Haushalte kauften sich ein Eigenheim auf Kredit und ohne Sicherheiten. Ihre einzige Sicherheit stellte die waghalsige Voraussage ständig steigender Immobilienpreise dar. Als die Hypothekenzinsen wieder stiegen, konnten viele Menschen ihre Kredite nicht mehr bedienen. Anstatt ihr Haus abzuzahlen, nahmen sie weitere Konsumkredite auf und verschuldeten sich noch mehr. Wer sein Haus verkaufen wollte, merkte aber bald, dass er mit dieser Idee nicht alleine war. Die Preise für Häuser gingen in den Keller. Die Immobilienblase war geplatzt.

Auf keiner Ebene und zu keinem Zeitpunkt hatte eine Kommunikation des Risikos zwischen Banken und Kunden oder zwischen Banken und Staat stattgefunden. Risiken und die Kommunikation darüber waren ausgeblendet worden. Zusätzlich gelang es den amerikanischen Banken, ihre Bilanzsumme mit neuen Produkten, sogenannten Derivaten, hochzutreiben. Die Bilanzsumme – also die Größe, Bedeutung und Macht – einer Bank addiert sich aus den vergebenen Krediten. Die Bilanzsumme der Deutschen Bank war mit 2,2 Billionen Euro nur etwas kleiner als das gesamte deutsche Bruttosozialprodukt mit 2,9 Billionen Euro (2013).

Die US-Banken hatten aus den Immobilien-Krediten neue Kreditpakete, die sogenannten Derivate, entwickelt, die sie weltweit an Investoren verkauften. Derivate sind nichts anderes als Wetten auf das Eintreten eines bestimmten Ereignisses. Ohne es genau zu wissen, spekulierten Kunden in Europa darauf, ob Kunden in Amerika ihre Kredite bedienen könnten. Das System bröckelte und brach zusammen, als massenhaft Kunden ihre Kredite wirklich nicht mehr bedienen konnten und die Halter der Derivate alle ihren Wetterlös haben wollten. Die Banken, die zuerst betroffen waren, fanden eine Problemlösung und meldeten Insolvenz an, stellten sich also unter staatlichen Schutz. In den USA nennt man das »Chapter 11«. Die amerikanische Regierung konnte die drei großen Banken der klingenden Namen (Bear Stearns, Fannie Mae, Freddie Mac) mit einigen Milliarden Dollar stützen. Als am 15. September 2008 die Bank Lehman Brothers Chapter 11 beantragte, verzichtete der konservative, marktliberal eingestellte US-Finanzminister und vormalige Goldman Sachs-Manager Henry Paulson auf staatliche Unterstützung und ließ die Bank pleitegehen. Viele erinnern sich, wie die Mitarbeiter von Lehman mit kleinen Kartons, aus denen Ordner oder Blumen ragten, das Finanzviertel räumten. Die psychologische Unsicherheit über die Werthaltigkeit und Zuverlässigkeit aller Banken wuchs immens. Das Bankensystem in der bisherigen Form verlor sein wichtigstes Kapital, das Vertrauen. Vertrauen ist eine rein psychologische Variable, im Bankensektor existierte es plötzlich nicht mehr. Und das Misstrauen hält bis heute an. Der unmittelbare finanzielle Schaden, der durch diese plötzliche Insolvenz der Bank Lehman Brothers hervorgerufen wurde, wird auf 50 bis 75 Milliarden US-Dollar geschätzt. »Peanuts«, würde manch ein Banker sagen.

Das Resultat, der Erfolg des Vorganges, war jedoch nachhaltig. Die Finanzkrise brachte Staaten an den Abgrund. Der psychologische, über das systemische Zusammenwirken erzeugte Schaden war gigantisch.

Mindestens ein wichtiger Teil der Wirtschaft, die Finanzindustrie, hat damit ihr Scheitern dokumentiert. Gier und »moral hazard«, wie man moralische Vergehen in der Wirtschaft nennt, haben entscheidend dazu beigetragen. Da man dieser Branche in den USA auch die Altersvorsorge der Menschen anvertraut hat, sind die Grundfesten der Gesellschaft erschüttert. Die Fachleute halten seit 2008 den Atem an, dass bloß nichts Weiteres passiert. Die psychologischen Konsequenzen sind trotz Schnelllebigkeit des wirtschaftlichen Geschehens gravierend. Ob bei den Lehman Brothers die besonders »kriegerische« Sprache ihres Managements zu dem Desaster beigetragen hat? Der frühere CEO Richard Fuld sagte jedenfalls gerne Sätze wie »Wir werden die Konkurrenten vernichten«. Das eine solche Haltung nicht gerade zur solidarischen Rettung durch andere eingeladen hat, liegt auf der Hand. Mit Lehman »Sisters« wäre das jedenfalls nicht passiert.

Fest steht jedoch auch, dass ein aufgeblähter Finanzkapitalismus lange Zeit Wohlstand und Wachstum aufrecht erhalten hat. Aber letztlich fragile, psychologisch aufrecht erhaltende Kreisläufe charakterisierten die Wirtschaft. Hier kommt die systemische Perspektive der Balancen ins Spiel. Solange sich die aufgebauten Türme in Balance halten lassen, funktioniert das System, doch das psychologische Gleichgewicht kann zusammenbrechen, sobald ein Steinchen herausgezogen wird. In der Finanzkrise war dieses Steinchen die Pleite der Lehman Brothers. Und offenbar waren Finanzexperten weltweit von den Auswirkungen dieser Gleichgewichtsstörung überrascht. Das faktische und psychologische Einschreiten des Staates korrigierte das aus den Fugen geratene Gleichgewicht.

Folgerichtig wurde in Deutschland 2013 die Partei, die für die ungeregelte wirtschaftliche Aktivität stand und am meisten vor Staatseingriffen in die Wirtschaft gewarnt hatte, die FDP, aus dem Bundestag herausgewählt. Ihre wirtschaftspolitische oder besser gesagt wirtschaftsideologische Position war für die Menschen praktisch widerlegt.

Die Rekursivität, das Sich-Wiederholen ähnlicher Prinzipien, wird eigentlich in der Wirtschaftstheorie in vielen Modellen unterstellt. Das notwendige, durchgehende Prinzip in der Wirtschaftskrise war die Aufrechterhaltung des Wirtschaftskreislaufs und seiner Geschwindigkeit. Die systemischen Interventionen zur Finanzkrise zielten bezüglich Rekursivität auf das Erhalten dieses wirtschaftlichen Kreislaufs und seiner Geschwindigkeit ab.

Die neoliberal denkende amerikanische Bush-Regierung war mit ihrer Entscheidung, Lehman Brothers nicht zu retten, allerdings dem Prinzip der freien Marktwirtschaft gefolgt. Wenn ein Unternehmen gescheitert ist, soll es vom Markt verschwinden. Die psychologischen Folgen dieser Intervention ließ viele dann sehr schnell umdenken. Nachdem die Wirtschaftspolitik von John Maynard Keynes, die gezielte Beeinflussung der Wirtschaft durch staatliche Nachfrage, seit den 1990ern »beerdigt« schien, stand sie innerhalb weniger Wochen in der ganzen Welt wieder auf.

An dieser Stelle wird auch klar, wie die Subsysteme (Unternehmen, Konsumenten, Staat, Außenwirtschaft) miteinander agieren. Der Staat greift in die Wirtschaft ein, ob er will oder nicht. Nach der Rettung der Banken waren in Deutschland Konjunkturprogramme in Milliardenhöhe, etwa für die Abwrackprämie möglich, um rein psychologisch Handlungsfähigkeit und Sicherheit zu suggerieren. Diese Innere Pulsation, das Zusammenwirken der Subsysteme, ist in Deutschland auf der Basis der föderalistisch geprägten breiten Wirtschaftsstruktur – ähnlich wie in anderen Bundesstaaten – recht gut gelungen, aber in einigen Nachbarländern (Großbritannien, Frankreich) nicht. Zentralistisch organisierte Länder scheinen zu wenig regionale Wirtschaftskräfte auszubilden.

Wirtschaftssysteme kannten bisher auch eine Äußere Pulsation, das Setzen einer äußeren Grenzlinie. Früher bildeten alle Ostblockstaaten einen eigenen Wirtschaftsraum. Das ist vorbei. Es gibt sie aber noch, die äußeren Grenzlinien. Mittlerweile existieren nur noch einige nicht in die Weltwirtschaft integrierte »Schurkenstaaten«, wie George W. Bush diese Länder bezeichnete. Jedoch der Ausschluss erscheint heute immer weniger möglich. Man kann weder Russland noch Griechenland aus der Weltwirtschaft ausschließen. Die herrschende Aufmerksamkeit der globalen Welt ist der Wettbewerb – eine Form des Kampfes – aller Nationen auf dem Weltmarkt.

Gleichzeitig sind die systemischen Verknüpfungen heute sehr viel deutlicher als früher. Die Vernetzung aller wichtigen Wirtschaftsnationen, denen Gremien wie die G8 und G20 institutionell Rechnung tragen, aber auch die Verbindung mit Schwellenländern, jenen, die unsere T-Shirts produzieren, mit Russland und dem Irak, die unser Öl liefern, und mit Afrika, wo Millionen von Menschen einen Weg nach Europa suchen, lassen das globale System deutlich werden. Tatsächlich leben wir in einer Welt wechselseitiger Abhängigkeit. Darin, diese nicht in ausbeuterischen Beziehungen zu leben, besteht heute die große Herausforderung. In der Inklusion, dem Einschließen aller, liegt heute ein Quantensprung in der Wirtschaftsentwicklung. Zur Diskussion stehen allerdings die Spielregeln, die dabei verlangt werden.

2. Aufmerksamkeit – Die Konstruktion der Wirklichkeit
Aufmerksamkeit als kostbares Gut

Als ich die systemische Organisationsanalyse in Unternehmen eingeführte, erregte die Frage nach dem derzeitigen Fokus der Aufmerksamkeit Erstaunen. Dies geschieht, wenn man über eine Selbstverständlichkeit nachdenkt. Natürlich sind die Mitarbeiter in einem Unternehmen aufmerksam. Aber ist die Aufmerksamkeit auch dort, wo sie sein soll? Oder sind die Menschen abgelenkt durch die jüngste Personalie oder die Nachricht, dass eine Unternehmensberatung ins Haus kommt oder durch unklare Führungsstrukturen, die zu Reibungsverlusten führen? Erst durch Reflexion wird klar, dass Aufmerksamkeit eine große Kraft ist und fehlgeleitete Aufmerksamkeit Kraft kosten kann oder Arbeitsstunden, Kreativität, Sorgfalt. Wo Aufmerksamkeit ist, geht die Energie hin. Oder man kann auch sagen: Wo die Aufmerksamkeit ist, geht das Geld hin. Das gilt im kleinen Unternehmen, wie in der Wirtschaft als Ganzes. Aufmerksamkeit ist das kostbarste Gut des Menschen, so der Philosoph Wilhelm Schmid (Schmid 2007). Das kostbare Gut, das »Leben«, wie es der Buddhismus bezeichnet, hat sehr viel mit Aufmerksamkeit zu tun.


Zunächst aber ist die Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen theoretisch unbegrenzt. Er nimmt körperliche Befindlichkeiten wahr, er sieht, er hört, er denkt, er hat Gefühle. Um produktiv zu sein, muss er seine Aufmerksamkeit lenken. Der Mensch hat dabei die besondere Fähigkeit zur Bewusstheit. Mittlerweile fanden Wissenschaftler auch bei unseren Verwandten im Tierreich unterschiedliche Formen von Bewusstheit. Jedoch der Mensch hat durch seine Bewusstheitsfähigkeit und seine Aufmerksamkeitssteuerung die Erde in seinem Sinne gestaltet, wie es die Bibel im Alten Testament vorhersagt: »Macht Euch die Erde untertan«.

Wirtschaftspolitische Fragestellungen haben typischerweise unterschiedliche Aufmerksamkeitsfokusse. So gibt es, obwohl dies mittlerweile häufig geleugnet wird, in unserer Gesellschaft immer noch eindeutig rechte und linke Positionen. Ist jemand eher konservativ und pocht auf die weitestgehende Eigenverantwortung des Einzelnen? Oder möchte jemand die Gesellschaft in Richtung von mehr Teilhabe der Menschen, mehr Verteilungsgleichheit entwickeln, und sieht gerade in der wirtschaftlichen Aktivität die Gefahr von Machtzusammenballung? Dies sind schon manifeste Unterschiede, die die Aufmerksamkeit auf verschiedene Sachverhalte lenken und unterschiedliche Konsequenzen mit sich bringen.

Als deutlich wurde, dass sich gerade in der Finanzindustrie ein System aus Selbstbedienungsmentalität und Exzessen entwickelte, die die Wirtschaft beinahe zum Kollabieren brachte, wurden manche bekehrt und änderten ihre Einstellung. Zum Beispiel Frank Schirrmacher, der verstorbene Herausgeber der konservativen Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), der in seinem Buch Ego schrieb: »Ein Jahrzehnt enthemmter Finanzmarktökonomie entpuppt sich als das erfolgreichste Resozialisierungsprogramm linker Gesellschaftskritik.« (Schirrmacher 2013)

Es existiert sogar eine durchaus reichhaltige psychologische Forschung über die Zusammenhänge und Auswirkungen linker und rechter politischer Einstellungen. So leiden Linke emotional mehr, weil sie das fokussieren, was noch nicht gut in der Gesellschaft ist und wo noch Bedarf besteht. Sie versuchen dann die Aufmerksamkeit darauf zu lenken.

Aufmerksamkeit als Steuerungsgröße

In der unüberschaubaren Weite der Möglichkeiten des Denkens und Handelns von Humansystemen stellt sich die Frage, wie überhaupt eine Orientierung zustande kommt. Menschliche Systeme lösen dies per Aufmerksamkeit. Es gibt in der Konstruktion von Wirklichkeit offene und unterschwellige Aufmerksamkeiten, Nichtausgesprochenes, das einfach gilt, oder Tabuthemen, die niemand anspricht. Aber nur da, wo die Aufmerksamkeit sich konzentriert, scheint etwas zu passieren. Gelingt es, die Aufmerksamkeit auf einen Ausschnitt der Realität zu fokussieren, kann man dort beispielsweise wirtschaftliche Ressourcen hinlenken. In Gruppen von Menschen, sogenannten Humansystemen, wird die Lenkung der Aufmerksamkeit auf bestimmte Ideen offensichtlich zur Stabilisierung benötigt. Wenn viele Leute an das gleiche glauben, funktioniert das System besser. Dies können beispielsweise Ideologien sein, die dann über allem stehen. Oder tradierte Gesellschaftsübereinkünfte. Historisch hatte beispielsweise die Vorstellung, Gesellschaft und Wirtschaft könnten durch Ritter, Adel und Klerus sinnvoll gelenkt werden, lange Zeit Bestand.

In der Wirtschaft gilt: Nur dort wird investiert, wo Aufmerksamkeit herrscht.

Man kann sogar sagen: Nur dort wird investiert, wo Aufmerksamkeit konstruiert wird. Gerade in der wirtschaftspolitischen Diskussion, die sehr ideologie- und medienabhängig ist, erhalten Themen nach sehr merkwürdigen Kriterien Aufmerksamkeit. In Japan geht ein Atomkraftwerk in die Luft und in Deutschland werden die Atomkraftwerke abgestellt. Was die Atomkraftgegner in 30 Jahren des Protests nicht erreichen konnten, was weder die Atomunfälle in Harrisburg (1979) noch in Tschernobyl (1986) geschafft haben, nämlich die Aufmerksamkeit auf die Gefahren der Atomkraft zu lenken, ist Fukushima gelungen.

Die Aufmerksamkeit folgt einer bestimmten psychologischen Logik und Lenkung. Nur so findet größere wirtschaftliche Initiative und Aktivität statt. Dies gilt für Marktwirtschaften wie für Planwirtschaften. Ökonomisch könnte man sagen: Die systemische Währung ist Aufmerksamkeit. Daher ist immer die Frage zu stellen: Wo ist die wesentliche Aufmerksamkeit in der Wirtschaft?

• Ist die Aufmerksamkeit gerade auf das bedrohte Klima gerichtet?

• Attestiert man gerade Unternehmern zu wenige Entfaltungsmöglichkeiten?

• Oder sieht man gerade ein Verteilungsproblem weil einfache Arbeiten nur mit »Hungerlöhnen« bezahlt werden?

• Ist die Aufmerksamkeit bei der Angst, dass kriselnde Staaten ihre Schulden nicht mehr zahlen können und damit alle in den Abgrund ziehen?

• Steht gerade die Weltmarktkonkurrenz mit alten Freunden wie den USA oder neuen wie den Schwellenländern im Fokus?

• Oder, oder, oder …

Ob mit dem jeweiligen Aufmerksamkeitsfokus tatsächlich relevante Themen getroffen werden, erscheint oft fraglich. Zahlreiche Lobbyvertreter pushen die Interessen ihrer Geldgeber. Medienberichte werden zum größten Teil durch diese Impulse gesteuert und weniger dadurch, was tatsächlich gerade wichtig und wesentlich wäre. Der laufende Wechsel der Themen und ihre kurze Halbwertzeit in der Aufmerksamkeit machen dies deutlich. Die Politik und die Medien sind Systeme, die wunderbar dem radikal-konstruktivistischen Paradigma folgen, in dem es keine Wirklichkeit an sich gibt, sondern diese immer konstruiert wird.

Hinzu kommt eine Ausweitungstendenz des mit Geld verbundenen Teils der menschlichen Existenz. Heute werden immer mehr zwischenmenschliche Vorgänge und wichtige Lebensthemen über Märkte abgewickelt (Sandel 2013). Soziale Kommunikation findet über soziale Netzwerke statt, das Kennenlernen eines Partners erfolgt über eine Internet-Agentur und die Organisation von Festen übernimmt der Eventmanager. Die darin enthaltenen psychologischen Themen und Transaktionen werden zunehmend von verschiedenen Formen der Inszenierung überlagert. Die Frage, was überhaupt im menschlichen Leben wichtig ist, wird mit kommerziellen Angeboten beantwortet. Gelingendes Leben und Glück gelten heute häufig als Summe der erlebten Topevents, die entweder direkt zu kaufen sind (mein Auto, mein Haus, meine Yacht, mein Urlaub) oder einem als Auszeichnung mit entsprechenden Inszenierungen (gigantische Firmenveranstaltungen, Gewinnspiele) zu Gute kommen.

Der Grund für die Entstehung der herrschenden Aufmerksamkeiten ist letztlich nicht klar. Es scheint aber darum zu gehen, sich als Gemeinschaft zu identifizieren und zugehörig zu fühlen. Hinzu kommt, dass die Wirtschaft nur ein – wenn auch sehr mächtiges – gesellschaftliches Teilsystem ist. Auch die Politik, die Wissenschaft oder die Bürgergesellschaft können Einfluss gewinnen. Wirtschaft hat die Tendenz, alle anderen gesellschaftlichen Bereiche zu dominieren, vermeintlich weil sie die Lebensgrundlage schafft. Tiefenpsychologisch ist, wie oben beschrieben, – zumindest bis zur Generation der Baby Boomer – die Knappheitsvorstellung (»Es genügt nicht.« »Wohlstand ist ständig bedroht.«) stark verankert. Anstatt dies infrage zu stellen, werden mittlerweile selbst das Gesundheitssystem und die Kirchen nach fragwürdigen, neoliberalen ökonomischen Prinzipien gesteuert. Dennoch gibt es immer wieder Enklaven, die sich dem kapitalistischen wirtschaftlichen Verwertungszusammenhang zu entziehen versuchen. So gibt es Projekte, die Leistungen, etwa Haare schneiden, gegen andere Leistungen, wie juristische Beratung, tauschen und versuchen, so wenig Geld wie möglich auszugeben. Aber die Dinge im Leben, die man nicht mit Geld kaufen kann, werden immer weniger, wie der US-amerikanische Ökonom Michael J. Sandel erkannt hat (Sandel 2013).

Pendelbewegungen in der Aufmerksamkeit

Dennoch entstehen auch Pendelbewegungen in der Aufmerksamkeit, die, wenn es eine Zeit lang sehr stark in eine Richtung geht, plötzlich umschlagen. Seit einiger Zeit steht nicht mehr die Deregulierung nach dem neoliberalen Denken, sondern das Thema der gerechteren Einkommens- und Vermögensverteilung in der herrschenden Aufmerksamkeit. Dies mag für viele eine gute Nachricht sein. Doch auch hier steht die herkömmliche Wirtschaftslogik – mit der Verteilung von materiellen Ressourcen – im Fokus der Aufmerksamkeit.

Und ist die Verteilungsfrage für die etablierten Beschäftigten heute relevanter als Anfang der 2000er-Jahre? Damals war der Wohlstand insgesamt geringer, die Verteilung aber ebenso ungleich. Insofern entwickeln wirtschaftliche Systeme Aufmerksamkeit für bestimmte Phänomene, während andere ausgeblendet werden. Dies betrifft die Fakten und besonders die Interpretationen. Gerade bei den Fakten scheinen bestimmte Phänomene wie Armut und Reichtum sehr offensichtlich. Es gibt in Deutschland Menschen, das sogenannte Prekariat, die ihr Leben lang von Leistungen des Staates abhängen. Selbst wer Arbeit hat, kann nicht sicher sein, dass es für die Existenz seiner Familie reicht. Ob der Mindestlohn daran wirklich etwas ändern wird, muss sich erst noch erweisen.

Auf der anderen Seite ist das, was in einem Land Armut ist, im anderen schon Reichtum. Und beruht der Reichtum der Einen nicht auf der Armut der Anderen? Es gibt eine makabere Definition für Entwicklungshilfe: »Man nimmt es den Armen in den reichen Ländern und gibt es den Reichen in den armen Ländern«. Der Scheinwerfer der Aufmerksamkeit ist sehr subjektiv. Er zieht auch sehr schnell implizite Bewertungsmechanismen nach sich. Der deutsche Hartz IV-Empfänger wäre in Kalkutta ein reicher Mann. Aufmerksamkeit, inklusive der damit zusammenhängenden Wahrnehmungs- und Bewertungsprozesse, ist somit immer kontextabhängig.

Shareholder-Value: Trugschluss der Theorie

Ein sehr menschliches Anliegen ist auch die Reduzierung von Komplexität in der Welt. Die Idee der neoliberalen Ära, der Shareholder-Value, also die Wertsteigerung, die ein Aktieninhaber erhält, solle als einzige Größe maximiert werden und damit würden alle anderen Ziele eines Unternehmens automatisch erfüllt, war so ein Trugschluss der Wirtschaft. Dabei erwies sich, dass die Aufmerksamkeit allein auf dieser einen Kennziffer beispielsweise langfristige Investitionen eines Unternehmens nicht goutierte. Börsenhändler, die den Aktienkurs der Unternehmen beeinflussen, haben von vielen Märkten lediglich ein Minimalwissen und folgen daher simplen Regeln: Wer investiert, also Geld ausgibt, rutscht auf »sell«, der Empfehlung die Aktie zu veräußern. Wer Leute entlässt und damit die Kosten senkt, kriegt ein »buy«, also die Empfehlung die Aktie zu kaufen, egal ob es für das Unternehmen sinnvoll ist oder nicht. Die Handlung an den Börsen – kaufen oder verkaufen – wirkt sich auf den Aktienkurs und damit auf den Shareholder-Value aus.

Die Idee »Wenn der Börsenwert eines Unternehmens am höchsten ist, haben automatisch Mitarbeiter, Kunden und Gesellschaft auch das Beste erreicht«, hat sich als großer Irrtum erwiesen.

Hier lag und liegt, wo es immer noch versucht wird, ein klarer Fall von Abwertung der wirklichen Komplexität vor.

Bedürfnisorientierte Wirtschaft

Menschen und auch menschliche Gemeinschaften sind in ihrer Aufmerksamkeit durch Bedürfnisse gesteuert. Der Begründer der Transaktionsanalyse, Eric Berne, postulierte solche Grundbedürfnisse und benannte sie »hungers«. Dazu zählt ganz generell das Bedürfnis nach Reizen (Überraschung, Gefühle, Stimulierung), dann das Bedürfnis nach Zuwendung, aber auch das Bedürfnis nach Struktur, zum Beispiel durch wiederkehrende Muster im Leben (siehe Abbildung 2).

Die Wirtschaft versucht, diese Bedürfnisse zu bedienen. Die Werbung suggeriert Zuwendung: Gemeinschaftsgefühl soll bei jeder Marke entstehen, Konsum soll Stimulierung bewirken, wiederkehrende Events sollen Struktur geben. Doch häufig werden die Bedürfnisse durch die Bemühungen der Wirtschaft nur unvollständig befriedigt. Ein schales Gefühl bleibt zurück. Der Einzelne spürt, dass letztlich nicht seine Bedürfnisbefriedigung das Ziel der Veranstaltung ist, sondern dass er nur Mittel zum Zweck des kommerziellen Erfolgs ist. Diese Unerfülltheit führt zu einem Streben nach immer mehr vom selben. Auch innerhalb von Organisationen werden solche Anreize geschaffen. Wenn üppige Boni dabei nicht mehr ausreichen, geht man konsequenterweise auf ganz archaische Instinkte ein. Die Versicherung, die in die Schlagzeilen kam, weil sie Bordellbesuche und Prostituierte auf der Party als Belohnung für ihre Vertriebsmitarbeiter organisierte, ist ein Beispiel.


Die Verkürzung des Menschlichen auf die mit Anreizen steuerbare und konditionierbare Kreatur ist im wirtschaftstheoretischen und auch wirtschaftspraktischen Denken nicht selten, wie überhaupt in der Wirtschaft ein mechanistisch-psychologisches Denken verbreitet ist. In der Psychologie ist allerdings nachgewiesen (Deci 1975), dass bei Menschen die Motivation sinkt, wenn ein bisher intrinsischer Anreiz (»Ich mach es um der Sache willen«) durch einen extrinsischen Anreiz (»Das machen sie jetzt auf Anweisung und kriegen dafür aber Geld«) ersetzt wird. Bei der oft wenig humanen Haltung in wirtschaftlichen Unternehmen wundert es nicht, dass statistisch gesehen fast jeder vierte Arbeitnehmer innerlich gekündigt hat. Dies zeigt eine Gallup-Studie. Das amerikanische Marktforschungsunternehmen befragt jährlich Mitarbeiter in deutschen Unternehmen über ihr Engagement. Vor zehn Jahren hatte jeder sechste keine emotionale Bindung zu seinem Arbeitgeber mehr. Hauptursache für die steigende Demotivation: schlechte Chefs (Gallup-Studie 2012). Doch das Thema Führung steht in Unternehmen häufig nicht im Fokus der Aufmerksamkeit.

Wie können wirtschaftliche Akteure wie Unternehmen so initiiert werden, dass sie die wirklichen Auswirkungen ihres Handelns im Auge behalten? Dies bedeutet auch, dass sie verantwortlich handeln können.

Die neue Ökonomie legt die Aufmerksamkeit auf den Menschen mit seinen gesamten Bedürfnissen.

Das alte Ökonomiebild hatte allenfalls die ersten beiden Stufen der Maslowschen Bedürfnispyramide im Auge: Körperliche Grundbedürfnisse sowie Schutz- und Sicherheitsbedürfnisse. Die sozialen und Mitgestaltungsmotive des Menschen waren außen vor. Allenfalls konnten Wirtschaftskapitäne und Manager ihre Jungenspiele, wer stärker und geschickter ist, im wirtschaftlichen Wettkampf weiterspielen. Verantwortliches Handeln war dabei nur sehr eng auf das jeweilige Eigene – Scharmer spricht vom Ego-System im Gegensatz zum Eco-System – beschränkt. Alternative Bedürfniskonzepte (Berne 1961, English 1976/1991, Mohr 2008, Scharmer 2009) benennen weitere essenzielle Punkte, die im Wirtschaften und gerade bei politischen Interventionen in den Wirtschaftsprozess auch zu berücksichtigen sind: Bedürfnis nach Sinn, Bedürfnis nach Anerkennung, Bedürfnis nach Struktur, Bedürfnis nach verantwortlicher Führung, Überlebenstriebkraft, Gestaltungstriebkraft, Ruhetriebkraft.

Am Anfang war das Feuer

Jetzt ein kleiner Zeitensprung: Im kollektiven Unbewussten (s. Anhang) des Menschen sind seine Vergangenheit und die Erlebnisse seiner Vorfahren weiter virulent vorhanden. Überleben ist für Menschen als Beute- und Raubtier in der Evolution nicht leicht gewesen. Lange Zeit lebten auf unserem Planeten verschiedene Menschenarten. Es gab den Australopithecus, den Homo Erectus und den bekannten Neandertaler, um nur einige zu nennen. Der Neandertaler und der Homo Floriensis lebten noch zur gleichen Zeit wie unsere Vorfahren. Heute gibt es nur noch eine Art, den Homo Sapiens. Der Rückgang von Artenvielfalt ist eigentlich ein gefährliches Signal in der Umwelt. Aber was unterschied uns vom letzten mit uns auf der Erde lebenden weiteren Menschen, dem Neandertaler? Entscheidend war bei aller Vorsicht nach dem, was wir heute wissen, möglicherweise die größere Gemeinschaftsorientierung. Während der Neandertaler bevorzugt im engen Familienverband blieb, bevorzugten unsere Vorfahren die größeren Gemeinschaften bestehend aus mehreren Familien. Dort – etwa am Lagerfeuer im Winterlager – entwickelte sich eine größere Vielfalt an Ideen, Lösungen und Varianten. Durch eine höhere Gemeinschaftsorientierung fand man intelligentere Lösungen und war in der Lage, Naturgewalten wie Eiszeiten langfristig besser zu überleben. Es war also nicht die Gehirngröße, die den Homo Sapiens von seinem ursprünglichen Konkurrenten, dem Neandertaler, unterschied, sondern ein wesentlicher sozialpsychologischer Punkt. Die Neandertaler verschwanden dann vor etwa 25.000 Jahren aus der lebendigen Geschichte. Gemeinschaften zu bilden, liegt also unserer Menschenart offensichtlich inne. Sie erhöhen die Existenzsicherheit und vermitteln Zugehörigkeit.

Gesellschafts- und Gemeinschaftsbildung ist auch heute noch eine Perspektive, wie man sich wirtschaftliche Verbünde wie Unternehmen und Organisationen erklärt.

Betriebswirtschaftlich werden Unternehmen aus der Motivation erklärt, etwas zu produzieren oder Geld zu verdienen. Sozialpsychologisch ist der Aspekt der Gemeinschaft, die sich in einem Unternehmen bildet, nicht zu vernachlässigen. Vielleicht ist der wirtschaftliche Vorteil durch die Arbeitsteilung nur ein zufällig entdeckter zusätzlicher Effekt. Wir neigen dazu, daraus schon das Motiv zu konstruieren. Dies zeigt aber nur, wie weit ökonomische Begründungen für viele unserer Verhaltensweisen üblich sind. Ob Menschen eher gerne Gemeinschaften bilden und kommunizieren und sich nebenbei auch ökonomisch (Handel, Güterproduktion) betätigen oder ob sie sich primär gerne materiell entwickeln, wäre noch zu prüfen. Hierbei legen verschiedene Kulturen unterschiedliche Hypothesen nahe. Wir sind heute eindeutig vom westlichen Menschenbild des tatkräftigen Individuums geprägt, das seine Wurzeln in der griechisch-jüdisch-christlichen Tradition hat und auf stetige Höherentwicklung (»Wachstum«) gerichtet ist. Östliche Menschenbilder sind da bedeutend weniger materiell und fortschrittsorientiert und betonen eher einen ständig sich wiederholenden Kreislauf des Lebens, der allumfassende Machbarkeit infrage stellt und zuweilen Demut gegenüber Natur und Leben in den Vordergrund rückt. Interessanterweise begegnen sich diese Welten heute zunehmend, indem der Westen die meditative Gelassenheit des Ostens und der Osten westliche Geschäftigkeit importiert.

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