Kitabı oku: «Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung»
Gunther Schmidt
Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung
Neunte Auflage, 2020

Über den Autor
Gunther Schmidt, Dr. med., Dipl. rer. pol., Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie, ist Ärztlicher Direktor der sysTelios Privatklinik für Psychotherapie und psychosomatische Gesundheitsentwicklung sowie Leiter des Milton-Erickson-Instituts Heidelberg. Er ist Mitbegründer des Heidelberger Instituts für systemische Forschung und Beratung, der Internationalen Gesellschaft für Systemische Therapie (IGST), des Carl-Auer-Verlags, des Helm-Stierlin-Instituts in Heidelberg und des Deutschen Bundesverbands Coaching (DBVC), Ausbilder der MEG, Lehrtherapeut, Lehrender Supervisor der SG und der DGSF sowie Senior Coach des DBVC. 2011 erhielt er den Life Achievement Award der Weiterbildungsbranche, 2014 den MEG-Preis, 2015 den Coaching Award der deutschen Coaching Convention und 2017 den winwinno-Preis der Fördergemeinschaft Mediation DACH e.V., Deutschland, Austria, Schweiz.
Reihengestaltung: Uwe Göbel
Umschlag: Heinrich Eiermann
Satz: Verlagsservice Hegele, Heiligkreuzsteinach
Printed in the Czech Republic
Druck und Bindung: FINIDR, s. r. o.
Neunte Auflage, 2020
ISBN 978-3-89670-470-2 (Printausgabe)
ISBN 978-3-8497-8254-2 (ePUB)
© 2005, 2020 Carl-Auer-Systeme Verlag
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Inhalt
1.Der hypnosystemische Ansatz
2.„Hypnose“ und „Trance“
2.1Typische Vorurteile und Mythen hinsichtlich „Trance“ und „Hypnose“
2.2Ein qualitativ orientiertes, für Therapie flexibel nutzbares Tranceverständnis
2.3Unser „dreifältiges Gehirn“ und der daraus abgeleitete Nutzen einer systematischen Arbeit mit Tranceprozessen
3.Aufmerksamkeitsfokussierung – Eine zentrale Beschreibungsebene des Verständnisses dafür, wie Erleben und Verhalten entstehen und gestaltet werden
3.1Hypnotherapeutische Prozesse und Aufmerksamkeitsfokussierung – völlig natürliche Alltagsphänomene und Belege für die „Potenzialhypothese“
3.2Priming
4.Verständnis von Problemen und Symptomen als Ergebnis von selbsthypnotischen Tranceinduktionen
5.Der systemische Ansatz
5.1Systemische Prämissen
5.2Die Regelungsprozesse im System als Tranceinduktion („Regeltrance“)
6.Realität als Konstruktion von „Problemgeweben“ und „Lösungsgeweben“
6.1Ein Modell der Musterorganisation als Basis für die Kooperation mit Unwillkürlichem
6.2Grundaufgaben einer kompetenzfokussierenden Hypnotherapie
6.3Interventionen als Maßnahmen der Unterschiedsbildung – „Verhäkeln“ und „Enthäkeln“ bzw. „Neuverhäkeln“
7.Die Definition von „Therapie“ oder „Beratung“ als zieldienliche, kontextadäquate und kompetenzfokussierende Intervention
8.Typische Phasen und Schritte von hypnosystemischen Interventionen – Grundstrategie: Beratungssystem und Heimatsystem als zielfokussierende Systeme organisieren
8.1Aufbau des Beratungssystem und des Heimatsystems als zieldienliches Kooperationssystem
8.1.1Das Beratungssystem als zielfokussierendes System
8.1.2Pacing und das Rollenverständnis der TherapeutInnen und BeraterInnen
8.1.3Imaginationen als wirksame Veränderungskraft
8.1.4Utilisation
8.1.5Optimale Beobachterpositionen und das Beratungssystem als rituelles System der Kraftentfaltung
8.2Typische Phasen eines hypnosystemischen Therapie- und Beratungsprozesses
8.2.1Phase der Klärung des Kontexts, der zur Idee der Beratung führte
8.2.2Phase der Auftragsklärung und der Entwicklung von imaginationsfähigen Zielvisionen
8.2.3Phase der Ausnahmen bzw. Fokussierung auf „Lösungserleben“ bisher – Aufbau von Hoffnung und Selbstwert
8.2.4Vergleiche von Problem- und Lösungsmustern
8.2.5Bewusst-unbewusst-Dissoziationen, Fokussierung auf intuitives Wissen und körperorientierte Interventionen
8.2.6Probleme und Symptome als kompetente Lösungsversuche mit Preis (Kosten-Nutzen-Analysen) – dialektische Hypnosystemik
8.2.7Ambivalenzcoaching und neue Zielentwicklung
8.2.8Arten der Musterinterventionen
8.2.9Auswertungsschritte
8.2.10Abschluss
Literatur
1. Der hypnosystemische Ansatz
Den Begriff „hypnosystemisch“ habe ich um das Jahr 1980 vorgeschlagen, um ein Modell zu charakterisieren, das versucht, systemische Ansätze für Psychotherapie und Beratung (Coaching, Teamentwicklung, Organisationsentwicklung) mit den Modellen der kompetenzaktivierenden Erickson’schen Hypno- und Psychotherapie zu einem konsistenten Integrationskonzept auszubauen (welches auch hilfreiche Aspekte aus anderen Ansätzen mit einbezieht, die mit diesen Konzepten kompatibel sind und sie bereichern, z. B. aus Psychodrama, Körpertherapien u. a.). Inzwischen konnte dieses Modell zu einem umfassenden, sehr differenziert und flexibel einsetzbaren Interventions- und Beschreibungsansatz ausgebaut werden, wobei es durch tägliche Praxis und viele sehr wertvolle Rückmeldungen von KollegInnen und auch KlientInnen permanent weiterentwickelt wird. All die Erfahrungen, die wir und die durch Rückmeldungen Beitragenden machen, sowohl in ambulanten als auch in stationären, sowohl in Non-Profit- als auch in Profit-Organisations-Kontexten, belegen sehr deutlich, dass man sehr differenziert, quasi mehr maßgeschneidert auf die einzigartigen Kulturen der jeweiligen Klientensysteme eingehen kann, als dies mit den traditionelleren Verfahren oder den „üblichen“ systemischen oder auch hypnotherapeutischen Ansätzen gelingt. Was spricht dafür, gerade die systemischen und die Erickson’schen Modelle zu integrieren?
Die Konzepte der Erickson’schen Hypnotherapiekonzepte und die modernen systemisch-konstruktivistischen Therapie- und Beratungsmodelle gehen, wenn dies auch bei oberflächlicher Betrachtung gerade in der Erickson’schen Arbeit nicht immer deutlich explizit sichtbar wird, von ähnlichen, teilweise völlig identischen Grundannahmen aus:
•In beiden werden alle Lebensprozesse als Ausdruck von regelhaften Mustern beschrieben. Unter „Muster“ wird dabei verstanden die Verkoppelung, Assoziation, Vernetzung von diversen so genannten Elementen des Erlebens. Damit sind z. B. gemeint Kognitionen, Verhaltensbeiträge, die Art der Kommunikation, emotionale Reaktionen, aber auch physiologische Reaktionen wie Atmung, Körperhaltung etc., ebenso Faktoren wie Ort, Zeit, Beteiligte einer Situation etc.
•Beide verstehen lebende Systeme als sich selbst organisierende, autopoietische Systeme. Zwar kannte Milton Erickson diesen Begriff noch nicht (die Zeit seines Wirkens lag etwas früher), in allen seinen Arbeiten seit den 1930er-Jahren hat er sich aber genau an Prinzipien orientiert, welche völlig den Erkenntnissen der Forschung über lebende Systeme als sich selbst autonom organisierende Systeme entsprechen, oft wesentlich konsistenter und konsequenter, als es die modernen Ansätze tun, welche sich ausdrücklich auf die Autopoiese als Basis beziehen.
•Beide gehen von fast identischem Verständnis dessen aus, wie Veränderung geschehen kann. Wenn Erleben (individuell und interaktionell) als Ausdruck von regelhaften Mustern dargestellt werden kann, also von Assoziationsnetzwerken, die ja immer wieder aktuell abgerufen werden, also nicht grundsätzlich in sich stabil sind, dann heißt Veränderung allgemein ausgedrückt nichts anderes als das Einführen von Unterschieden in diese Muster. Damit wirksame Veränderungen angeregt werden, muss dann auch nicht ein ganzes Muster verändert werden, sondern es genügt meist, Unterschiede in einem oder mehreren Elementen oder Verknüpfungsstellen in ihm einzuführen. Da ja ein Muster sich als Ausdruck eines Wechselwirkungsnetzwerks darstellt, werden dann nicht nur die direkt veränderten Elemente des Musters erfasst, sondern in Wechselwirkung das ganze Muster. Auch in dieser Perspektive gehen systemische und Erickson’sche Hypnotherapiekonzepte vom gleichen Verständnis aus. So ist es dann ja auch kein Wunder, dass die wichtigsten Interventionen der systemischen Arbeit über lange Jahre fast alle aus der Erickson’schen Hypnotherapie entliehen wurden (Weakland 1982).
Ein wichtiger Vorteil der hypnosystemischen Konzeption ist aber z. B. (im Vergleich zu den traditionelleren systemischen Konzepten, die sich aus der Familientherapie entwickelt haben), dass mit ihr nicht nur systematisches Arbeiten mit interaktionellen Mustern möglich ist, wie es uns der systemische Ansatz bietet. Mit „interaktionellen Mustern“ sind insbesondere die Beiträge und Wechselwirkungen gemeint, die Beteiligte in Beziehungssystemen miteinander austauschen. Indem die hypnosystemische Konzeption diese wertvollen systemischen Instrumente mit dem sehr systematischen Blick auf internale, intrapsychische Musterdynamik verbindet, wie er in Grundansätzen in der kompetenzorientierten Erickson’sche Hypnotherapie angelegt ist und wie er jedenfalls aus ihr (wie weiter unten beschrieben wird) noch in praktisch sehr hilfreicher Weise weiter ausdifferenziert werden kann, wird ihr Beschreibungs-, Verständnis- und vor allem ihr Interventionsspektrum wesentlich vielfältiger und flexibler. So wird dann – viel mehr als dies mit den traditionellen systemischen Konzepten alleine möglich ist – ein geradezu maßgeschneidertes Eingehen auf die Einzigartigkeit der Menschen ermöglicht, mit denen gearbeitet wird.
Gerade die Erkenntnisse der Autopoieseforschung und der modernen Hirnphysiologie zeigen ja, dass die Einflüsse von Kontextbedingungen im System zwar sehr wichtig sind, ein individuelles lebendes System aber dennoch sein Erleben völlig autonom in seiner inneren, strukturdeterminierten Selbstorganisation bestimmt, also letztlich niemals zu einem bestimmten Erleben gezwungen werden kann („Es gibt keine instruktiven Interaktionen“, Maturana 1982). Wenn wir also die moderne Hirnforschung und die Autopoiesekonzepte berücksichtigen wollen, haben wir aber zu beachten:
•die konzentrierte Arbeit mit dem inneren System der Selbstorganisation lebender Systeme und
•die systematische Beschäftigung und Nutzung aller Prozesse der Wechselwirkung zwischen der Organisation der Innenwelt und den Einflüssen der jeweiligen Umwelten, also Prozesse der Kopplung zwischen individuellen lebenden Systemen und ihren Umgebungskontexten.
Aus dem Wissen der Hypnotherapie (z. B. darüber, wie dort Erlebnisphänomene beschrieben werden) und durch Anleihen bei diversen Körpertherapiemethoden wie Psychodrama, Transaktionsanalyse und Gestalttherapie, aber auch Verhaltenstherapie (immer mit dem Ziel, diese auf ihre Wirkung hinsichtlich der Gestaltung von Aufmerksamkeitsfokussierung optimal zu nutzen) lassen sich viele sehr hilfreiche Strategien für die Beschreibung von internalen psychophysiologischen Mustern und für zielgerichtete Interventionen in diese Muster ableiten und weiterentwickeln.
Mit hypnosystemischen Interventionen können selbst bei als sehr schwer wiegend, „hartnäckig“ und chronifiziert geltenden Problemen sowohl intrapsychisch als auch interaktionell zufrieden stellende Entwicklungen schnell, kostengünstig und nachhaltig angeregt werden. Ergebnisstudien, die wir seit 1997 an der Fachklinik am Hardberg in Siedelsbrunn durchgeführt haben (dort setzen wir diese Modelle in der Abteilung Systemisch-hypnotherapeutische Psychosomatik auch stationär um), belegen dies (Herr 2002).
Ich selbst hatte zunächst mit Hypnotherapie gar nichts im Sinn. Ich hatte das Glück, ab 1974 bei Helm Stierlin an seiner Abteilung für Familientherapie der Universität Heidelberg mitarbeiten zu können und die Entwicklung zum systemischen Ansatz dort mitgestalten zu dürfen. Mein eigener Weg zu den Erickson’schen Konzepten kam zunächst zustande durch Hinweise von Helm Stierlin und dann dadurch, dass ich entdeckte, dass fast alle relevanten Interventionstechniken der damaligen systemischen Therapie (wie z. B. positive Konnotationen, Symptomverschreibungen etc.) ihre Wurzeln in der Erickson’schen Hypnotherapie haben. Ab 1977 lernte ich, zusammen mit meinem Freund Bernhard Trenkle, die Arbeit einiger direkter Schüler von Erickson (J. Zeig, S. Gilligan, P. Carter, S. und C. Lankton, E. Rossi) in Deutschland kennen. 1979 konnte ich dann noch bei Milton Erickson selbst lernen (in Phoenix, Arizona). Die Erfahrungen, die ich dort machte, haben mein gesamtes Denken und Handeln, damit natürlich auch mein Verständnis meiner Arbeit nachhaltig bis heute verändert. Die Anregungen von Milton Erickson waren auch der Anstoß für mich, das hypnosystemische Integrationsmodell zu entwickeln. In den 1980er-Jahren war es allerdings, auch im systemischen Feld, noch sehr schwierig, diese Ideen (z. B. durch Artikel u. Ä.) in die öffentliche Diskussion zu bringen. Ich erinnere mich an viele Beiträge, die ich auf Kongressen etc. vortrug und die zunächst als merkwürdige Exotik abgetan wurden. Sicher mehr als meine Arbeiten haben die äußerst wert- und verdienstvollen Beiträge von Steve de Shazer, Insoo Kim Berg und viele AutorInnen in deren Nachfolge dazu beigetragen, dass sich das Bild deutlich gewandelt hat.
Inzwischen hat sich die systemische Arbeit durch diese hypnosystemischen Ansätze nicht nur für mich sehr verändert. Die systemische Perspektive hat andererseits aber auch das Verständnis vieler Hypnotherapievorstellungen deutlich beeinflusst und verändert.
2. „Hypnose“ und „Trance“
Um die zentrale Essenz der hypnosystemischen Konzeption verdeutlichen zu können, halte ich es für sinnvoll, zunächst mit dem hypnotherapeutischen Teil und den Vorstellungen von „Hypnose“ und „Trance“ zu beginnen, bevor wir die Grundprämissen systemischer Arbeit erörtern.
Betrachtet man Erlebnisprozesse, die als Symptome oder gravierende, als leidvolle Probleme wahrgenommen werden, sind diese allesamt qualitativ dadurch gekennzeichnet, dass sich bei den betreffenden Menschen eine bewusste, willkürliche Erlebnisinstanz ein bestimmtes Erleben wünscht (z. B. Wohlbefinden, Freude, Sicherheit etc.), unwillkürliche körperliche und seelische Prozesse aber gravierend davon abweichen, dabei aber als wesentlich stärker erlebt werden als die willkürlichen Prozesse, sodass sich das „Ich“ quasi als diesen unwillkürlichen Prozessen ausgeliefertes Opfer empfindet. Es werden massive Inkongruenzen oder, wie z. B. Grawe (1998, 2004) als Begriff vorschlägt, Inkonsistenzen zwischen verschiedenen, synchron ablaufenden Teilbereichen der psychischen Prozesse erlebt. Für Therapie bzw. Beratung, die als professionelle Hilfe für die Befreiung von solchen ungewünschten Phänomenen angelegt ist, ist es deshalb von größtem Interesse, über Strategien zu verfügen, mit denen solche Antagonismen im Erleben konstruktiv aufgelöst und unwillkürliche Prozesse günstig beeinflusst werden können.
Genau dieser Aufgabenbereich, nämlich die gezielte Beeinflussung unbewusster und unwillkürlicher Prozesse, ist das zentrale Thema der Hypnotherapie – mit ihrem Erfahrungsschatz von mehreren hundert Jahren (nimmt man die schamanistischen Traditionen noch dazu, von einigen zehntausend Jahren) und einem sehr großen Repertoire an Strategien für die Beeinflussung unbewusster und unwillkürlicher Prozesse.
2.1 Typische Vorurteile und Mythen hinsichtlich „Trance“ und „Hypnose“
Obwohl dies in den letzten zehn Jahren deutlich weniger geworden ist, gibt es aber immer noch viele undifferenzierte und völlig abwegige Vorstellungen beim Thema „Hypnose“.
Schon dadurch, wie diese Begriffe meist verwendet werden, entsteht leicht Verwirrung. Mit dem Begriff „Hypnose“ werden in der hypnotherapeutischen Fachwelt üblicherweise alle die Interaktions- und Kommunikationsprozesse gemeint, die rituell eingesetzt werden (entweder als Fremd- oder Heterohypnose oder als Selbst- oder Autohypnose) mit dem Ziel, bestimmte Erlebnis- und Bewusstseinszustände anzuregen, also die Prozeduren zur Erzeugung dieser Bewusstseinszustände. Diese Bewusstseinszustände selbst werden dann meist als „Trance“ bezeichnet. „Trance“ meint also das gewünschte Ergebnis der Prozeduren, während als „Hypnose“ der Weg dorthin bezeichnet wird, „Hypnose“ meint also quasi das kommunikative, interaktionelle Transportmittel hin zu diesem Ergebnis.
Die (eher traditionellere, oft als klassische Hypnose bezeichnete) hypnotherapeutische Arbeit geht in ihrem Selbstverständnis generell davon aus, dass durch die Anwendung von Tranceinduktionen Menschen dabei unterstützt werden können, bisher vorherrschende Bewusstseinszustände, die mit viel Leid und dem Erleben von Symptomen, Problemen und Inkompetenzen einhergehen, intensiv zu verändern und alternative Bewusstseinszustände zu entwickeln, die in hilfreicher Weise die Symptome und Leid auflösen. Die Erickson’sche Hypnotherapie geht zwar auch von dieser Annahme aus, erweitert aber die Möglichkeiten, Bewusstseinszustände zu beeinflussen, in flexibler Weise um sehr viele indirektere hypnotherapeutische Strategien, die gar nichts mehr gemein haben mit den bekannten klassischen Induktionsritualen, sondern die hypnotherapeutische Erkenntnisse in übliche Arten der Gesprächsführung einbauen. Gerade für die Arbeit in Kontexten, in denen man nicht ohne Weiteres mit „offiziellen Tranceinduktionen“ arbeiten kann, wird sie deshalb besonders interessant und nützlich (ich werde weiter unten ihre Möglichkeiten ausführlich darlegen).
Die sehr hohe Effektivität hypnotherapeutischer Arbeit gilt heute als völlig unumstritten. Es gibt kaum ein Therapieverfahren, welches so gut auf Wirksamkeit hin beforscht wurde wie die Hypnotherapie. In mehreren hundert systematischen Untersuchungen zur Effektivität der Hypnotherapie konnte ihre sehr hohe Wirksamkeit eindeutig nachgewiesen werden (siehe z. B. Bongartz, Flammer u. Schwonke 2002; Revenstorf 2003).
Aber schon, was als „Trance“, und auch, was als „Hypnose“ bezeichnet wird, ist bei einem Überfliegen der wichtigsten Hypnoseliteratur keineswegs einheitlich. Für Laien erweisen sich die begrifflichen Bestimmungen als ziemlich konfusionierend.
Der Begriff „Hypnose“ wurde von James Braid (1846) vorgeschlagen, abgeleitet von dem griechischen Wort hypnos = „Schlaf“. Braid wählte diesen Begriff deshalb aus, weil viele Phänomene, die seine KlientInnen während der von ihm durchgeführten Induktionsprozeduren zeigten, ihn an schlafähnliche Zustände erinnerten.
Unter „Trance“ wird in unserer Kultur meist verstanden, dass sich jemand passiv-rezeptiv, kataleptisch, tief entspannt, ganz nach innen gerichtet, mit geschlossenen Augen intensiv absorbiert quasi in einer anderen als der üblichen Konsensus-Realitäts-Welt (also der „normalen“ Welt) erlebt, oft so „abwesend“ oder auch wie schlafend, sodass er danach, wenn er sich wieder in das „normale“ Alltagswachbewusstsein zurückorientiert, dafür eine Amnesie erlebt. Weiter wird meist aufgelistet, dass jemand eine sehr verzerrte Zeitwahrnehmung entwickelt (etwas wird als wesentlich länger dauernd erlebt, als es nach der Uhrzeit gemessen der Fall war, oder etwas wird als von wesentlich kürzerer Dauer erlebt), das Erlebte (z. B. eine Erinnerung) oft viel plastischer und intensiver empfunden als im üblichen so genannten Wachzustand. Als sehr häufiges und sehr wichtiges Phänomen wird genannt, dass die Fähigkeit zu plastisch-bildhaftem, imaginativem Erleben deutlich verstärkt sei. Daneben werden viele physiologische Änderungen aufgelistet, wie z. B. Veränderung des Schmerzempfindens (Analgesie bis hin zu Anästhesie), des Blutdrucks, der Hirnwellen (Alpha-Wellen im EEG nehmen zu), des Blutbilds und der Hormonregulation.
Hier noch einmal eine kurze Zusammenstellung einiger typischer Erlebnisphänomene, die üblicherweise als „Trancephänomene“ bezeichnet werden:
• Dissoziation
• Altersregression/Altersprogression
• Zeitverzerrung
• Amnesie/Hypermnesie
• Analgesie/Hyperalgesie
• Identifikation
• positive/negative Halluzination
• Katalepsie
• Tunnelvision/„Röhrenblick“
• innere Bilder, innere Sätze (unwillkürliche „Tonbandschleifen“).
Sehr detaillierte phänomenologische Beschreibungen solcher „Trance“-Zustände finden sich in allen klassischen Lehrbüchern zur Hypnose (siehe z. B. Kossak 1989; Bongartz u. Bongartz 2000).
Solche Trancezustände werden therapeutisch jeweils als Mittel eingesetzt mit dem Ziel, bestimmte gewünschte Ergebnisse zu unterstützen, z. B. Analgesie bei Schmerzen, Entspannung, Unterstützung bei der Entwöhnung im Zusammenhang mit Suchtproblemen, hilfreiche Imaginationen bei Ängsten etc. Bezogen auf die Konzepte der traditionellen, klassisch-autoritären Hypnosearbeit findet man in praktisch jedem Lehrbuch und auch in allen psychiatrischen Veröffentlichungen den Hinweis, dass z. B. bei schweren Depressionen, insbesondere aber bei schweren Persönlichkeitsstörungen und Psychosen Hypnose absolut kontrainduziert sei. Mit den kompetenzfokussierenden modernen Hypnotherapieverfahren der Erickson’schen Provenienz aber kann nachweislich mit sehr guten Erfolgen auch gerade in diesen als kontrainduziert definierten Bereichen gearbeitet werden. So liegen z. B. sowohl zur Behandlung von Depressionen (Yapko 1995) als auch zur Behandlung von Psychosen (Milzner 2001; Schmidt 2004) und zur Behandlung schwerer Traumata (Reddemann 2004; Watkins u. Watkins 2003) ebenso wie für die Behandlung massiver Essstörungen sehr differenzierte Arbeiten vor. (Wie sich die Erickson’schen Verfahren in zentraler Weise von den klassisch-autoritären Verfahren unterscheiden, wird im weiteren Verlauf der Arbeit gezeigt.)
Laien stellen sich eine Hypnose meist so vor, dass dabei ein Experte von außen KlientInnen seine Vorstellungen von Entspannung, Ruhe, Schlaf o. Ä. und von Symptomfreiheit aufoktroyiert. Diese Art des Vorgehens wird z. B. von Gilligan (1991) als „autoritäre Hypnose“ bezeichnet. Ich nenne diese Art des Vorgehens „feudalistische Hypnose“, weil sie sich unter feudalistischen Herrschafts- und Beziehungsbedingungen entwickelt hat.
Allein schon für den Aspekt, der in solchen Vorstellungen von hypnotischen Prozeduren immer wieder auftaucht, nämlich den der „Führung“ durch den Suggestionen anbietenden „Experten“, der angeblich bestimmt, was dabei passiert, lässt sich aber klar sagen: Die Erkenntnisse der Autopoieseforschung (z. B. Maturana 1982; Maturana u. Varela 1987) und generell der modernen Hirnforschung belegen eindeutig, dass dies Vorurteile sind. Man kann letztlich niemand völlig dazu bringen oder zwingen, ein Angebot von außen gegen den eigenen Willen umzusetzen. Diese Zusammenhänge verdeutlicht z. B. auch G. Roth sehr eindrücklich, wenn er darauf hinweist, dass der assoziative Cortex wesentlich mehr Verbindungen innerhalb aufweist als nach außerhalb. Auf eine afferente oder efferente Faser kommen etwa fünf Millionen intracorticale Fasern. Allein im assoziativen Cortex gibt es wohl 500 Billionen Verbindungen. Daraus kann der Schluss gefolgert werden: „… dass sich dieses System auf Grund seiner hochgradigen Binnenverdrahtung im Wesentlichen mit sich selbst beschäftigt. Reize und Informationen dringen zwar von außen in das System hinein, und Erregungen verlassen es, aber dieser Effekt ist verschwindend klein gegenüber dem internen Geschehen“. Jede Fremdsuggestion wirkt nur als selbstgesteuert umgesetzte Idee.
Auf die geschichtlichen Aspekte der Entwicklung von Hypnose und Hypnotherapie will ich hier nicht weiter eingehen, da sie mir unwesentlich erscheinen für die Themen dieser Arbeit.
Das, was man unter „Trance“ versteht, muss viel differenzierter beschrieben werden, als dies die traditionellen und heute noch weit verbreiteten Beschreibungen in vielen Hypnoselehrbüchern tun: Wie weltweite anthropologische und ethnologische Studien zeigen, ist dieses seit ca. 250 Jahren speziell in Europa kultivierte Verständnis von Trance viel zu eng und zu einseitig (Bongartz u. Bongartz 2000; Goodman 1994). Die Arbeit mit Trance ist überall auf der Welt seit offenbar mindestens 10 000 Jahren wesentlicher Bestandteil praktisch jeder menschlichen Kultur und wurde und wird besonders für Heilungszwecke und religiöse Anlässe intensiv genutzt.
In Jäger-und-Sammler-Kulturen (die über die längsten Zeiträume der menschlichen Evolution die vorherrschenden Kulturen waren) werden z. B. kaum einmal Entspannungstrancen produziert, sondern solche mit viel Bewegung, sozialer Interaktion, mit optimaler körperlicher Spannung, Gesang und Tanz und niemals mit Amnesie etc. Dies lässt sich schlicht damit erklären, dass Trance immer schon ganz praktisch einfach nur ein Mittel zum Zweck für die sie Anwendenden war und bestimmten Zielen dienen sollte, in Jäger-und-Sammler-Kulturen eben der Vorbereitung erfolgreicher Jagd, auf der man es sicher nicht gebrauchen könnte, ganz entspannt die Aufmerksamkeit auf die eigenen Innenwelt zu richten.
Die bei uns meist mit „Trance“ assoziierten Zustände wie Katalepsie oder auch ein Erleben von solch massiver Dissoziiertheit, dass die betreffenden Personen das Erlebte eventuell als von außen kommend, nicht zu ihnen gehörend empfinden, treten typischerweise erst in Agrarkulturen mit dem Aufkommen von Kategorisierungen wie gut/böse etc. auf.
Was als „Trance“ erlebt, definiert und auch genutzt wird, liegt also keineswegs fest, sondern lässt sich jeweils nur kulturabhängig, allgemeiner gesagt, kontextabhängig beschreiben.
Die oben gezeigte in der westlichen Tradition seit dem 18. Jahrhundert immer wieder vorgenommene Art der Beschreibung und Definition von „Trancephänomenen“ allerdings macht bei näherer Betrachtung die Verwirrung keineswegs kleiner, da sich praktisch alle diese aufgelisteten Phänomene auch im üblichen Alltagserleben jedes Menschen finden lassen. Somit ist das auch überhaupt nichts Neues und muss nicht erst gelernt werden, da es von jedem Menschen ohnehin schon vielfach praktiziert wird. Das Phänomen „Analgesie“, das jeder Mensch z. B. sicher sehr gerne beim Zahnarzt nutzen würde, muss nicht erst gelernt werden. Jeder Mensch produziert es ständig. Wenn Sie z. B. irgendwo zuhören oder gerade diese Zeilen lesen oder ein Musikstück hören, werden Sie bestimmte Empfindungen nicht mehr wahrnehmen, z. B. nicht mehr deutlich spüren, wie sich die Armbanduhr an Ihrem Handgelenk anfühlt oder wie sich die Kleidung auf Ihrer Haut anfühlt oder wie sich die Rückenlehne des Stuhls deutlich anfühlt, auf dem Sie gerade sitzen, oder wie sich ein Ring an Ihrer Hand oder eine Halskette oder Ohrringe anfühlen. Jetzt, wenn ich dies hier explizit erwähne, könnte es aber gut sein, dass Sie diese Phänomene wieder deutlicher spüren. Zwar waren die Empfindungsreize für diese Wahrnehmungen immer da, aber erst dadurch, dass Sie Ihre Aufmerksamkeit wieder auf sie lenken, werden sie bewusst wahrgenommen (in diesem Beispiel hier haben wir uns dabei bevorzugt auf den kinästhetischen Sinneskanal konzentriert, wie Sie aus den herausgehobenen Textstellen ablesen können). Wie Sie also sehen, brauchen Sie Analgesie nicht erst zu lernen, Sie praktizieren Sie ohnehin den ganzen Tag (und nachts natürlich auch), schlicht durch das Mittel der Fokussierung von Aufmerksamkeit.
Der traditionelle europäische Trancebegriff sollte also unbedingt erweitert werden. Die üblicherweise bei uns mit „Trance“ assoziierten Entspannungszustände können sehr angenehm und wertvoll sein, bewirken aber keineswegs grundsätzlich immer Hilfreiches. Ob sie hilfreich wirken, hängt ab vom Kontext, für den man Trance als Hilfsmittel einsetzen will, und vom gewünschten, angestrebten Erleben, welches als zieldienlich angesehen wird.
Für Erfolg in Therapie und Beratung ist es besonders relevant, ob die „Trance“ einen wichtigen Unterschied einführt in die bisher problemstabilisierenden Muster. Sind diese z. B. gekennzeichnet durch ein relatives Übergewicht an Passivität, Rezeptivität, Entspannung und Introversion, und werden diese Tendenzen im Erleben einer Entspannungstrance womöglich verstärkt, würde dies keine Neuinformation bewirken, im besten Fall würde es nichts Relevantes bewirken.
2.2 Ein qualitativ orientiertes, für Therapie flexibel nutzbares Tranceverständnis
Um die Konfusion zu reduzieren, die sich durch aus dem Kontext gerissene, jeweils Einzelphänomene des Erlebens aufzählende Versuche der Definition von „Trance“ schnell einstellen kann, erweist es sich als wesentlich nützlicher, mehr qualitativ operierende Definitionen zu nutzen. Einen sehr wertvollen Beitrag hierfür hat z. B. Beahrs (1982) geliefert. Beim Vergleich zahlreicher Konzepte zum Thema „Hypnose“ und „Trance“ in der Fachliteratur konnte er zeigen, dass sich viele dieser Konzepte erheblich unterscheiden und auch widersprechen, in einigen Kategorisierungen aber stimmen alle diese Konzepte überein. Will man einen Begriff definieren, hat dies nur Sinn, wenn man ihn von anderen abgrenzt. In der Gegenüberstellung dessen, was man „übliches Wachbewusstsein“ und was man davon unterschieden als „Trance“ bezeichnen kann, fand Beahrs drei nützliche Unterscheidungskriterien: Dies sind die Kategorien willkürlich/unwillkürlich, strukturierte Wahrnehmung/fließend-bildhafte Wahrnehmung und Sekundär-/Primär-/Tertiärprozess.
Erlebt jemand etwas als Teil seiner üblichen Alltagswahrnehmungsprozesse (was M. Erickson jeweils subsumiert hat unter dem sehr unscharfen Begriff „Bewusstes“), dann erlebt er dies als von ihm selbst willkürlich gemacht, beeinflusst, als selbst verantwortete Wahrnehmung und zu ihm in seinem üblichen Selbstverständnis gehörend. Für diese üblichen Alltagswahrnehmungsprozesse hat B. Schmid (persönliche Mitteilung, 1988) den Ausdruck „Gewohnheitswirklichkeit“ vorgeschlagen, den ich dafür hervorragend finde.
In dieser „Gewohnheitswirklichkeit“ ist das Denken auch gekennzeichnet durch mehr strukturiertes, analytisches, schärfer ordnendes Denken, ebenso durch das, was S. Freud als „Sekundärprozess“ bezeichnet hat, in dem vor allem gedacht wird in „Entweder-oder-Logik“ („Ein Drittes gibt es nicht“).
Erlebt jemand etwas als Trancequalität (ganz unabhängig davon, um welches inhaltliche Erlebnisphänomen es sich dabei handelt), geht dies einher damit, als ob er es gar nicht selbst täte, sondern es wie von allein unwillkürlich geschehe. Das gesamte Erleben wird mehr als im üblichen Wachbewusstsein auf autonome Selbstregulation umgeschaltet. Das Denken ist dann auch mehr imaginativ ausgerichtet, lockerer, man lässt es mehr fließen bzw. erlebt es so, dass es mehr fließt (wie von allein), es sind auch erhebliche Wahrnehmungsverzerrungen (bezogen auf das übliche Wahrnehmen) möglich, Widersprüche lösen sich eher auf, man kann z. B. gerade ganz jung gewesen sein und dann sich plötzlich ziemlich alt fühlen oder eben noch am Meer und sofort darauf in hohen Bergen sein („Sowohl-als-auch-Logik“). In diesem manchmal auch als „Tertiärprozess“ definierten Erleben (Arieti 1976) können oft weit kreativer und auch konstruktiver Lösungen für schwierige Fragen gefunden werden können, Primär- und Sekundärprozess also sich in ganzheitlich kompetenterer Weise zu einer großen schöpferischen Kompetenz vereinigen können (die Tertiärprozess genannt wird). Z. B. soll Kekoulé so die Lösung für die Struktur des Benzolrings gefunden haben, als ihm nachts im Traum nach langen, ergebnislosen kognitiven Bemühungen das Bild einer Schlange erschien, die sich in den eigenen Schwanz biss (ebd.).
Als „Trance“ sollte also zweckmäßigerweise jeder Erlebnisprozess definiert werden, bei dem unwillkürliches Erleben vorherrscht, sowohl mit bewusster Wahrnehmung dessen, dass nun gerade mehr unwillkürliches Erleben dominiert, als auch dann, wenn dieses Vorherrschen unwillkürlichen Erlebens nicht bewusst wahrgenommen wird. Trance wird allgemein aufgefasst als Erlebnisweise, in der im Spektrum des Erlebens von willkürlicher Kontrolle zu mehr unwillkürlicher Selbststeuerung des Organismus übergeleitet wird (Beahrs 1982). Besonders Erickson wies auch immer wieder darauf hin, dass diese Prozesse charakteristischerweise noch verbunden sind damit, dass die vielen Brennpunkte der Aufmerksamkeit, die typisch sind für das Alltagswachbewusstsein, auf relativ wenige innere Wirklichkeiten beschränkt werden (oder, allgemeiner: auf die derzeit für die entsprechende Person relevantesten Wirklichkeiten) – als innerlich gelenkter Zustand. Der Fokus der Aufmerksamkeit wird konzentrierter, neues Lernen wird dadurch intensiver und einfühlsamer. Trance ist ein aktiver Prozess unbewussten Lernens, d. h., die durch die üblichen Alltagsbezugsrahmen gelernten Begrenzungen werden erweitert (Erickson a. Rossi 1979).
Mit „Schlaf“ (hypnos: der griechische Gott des Schlafes) hat das, was mit dem Begriff „Hypnose“ gemeint ist, gar nichts zu tun, auch wenn manchmal (bei bestimmten Entspannungstrancen) die KlientInnen relativ bewegungslos (kataleptisch), mit ruhiger Atmung und geschlossenen Augen verharren. Hypnose und Schlaf sind deutlich unterschiedliche Bewusstseinszustände. Deshalb schlug Braid, der Erfinder des Hypnosebegriffs auch – allerdings ohne Erfolg – vor, diesen durch „Monoideismus“ zu ersetzen.
Auch die Vorstellung, dass unbedingt bei jeder Trance Entspannung auftreten müsse, ist ein längst widerlegter Mythos. Hypnotische Induktionen sind wirksam auch ohne körperliche Entspannung, z. B. beim Fahren eines Fahrradergometers.
Der hier vorgeschlagene, gezielt auf qualitatives Erleben ausgerichtete Trancebegriff wird gerade von praktisch allen wichtigen VertreterInnen der Erickson’schen Hypnotherapie in unterschiedlicher Intensität bevorzugt (siehe z. B. Gilligan 1991; Yapko 1990; Rossi 1986). Erickson selbst sprach gerne von „common everyday trance“, um dies zu charakterisieren (Erickson a. Rossi 1979). Wie ich weiter unten noch ausführen werde, kann als eine Konsequenz eines solchen Trancebegriffs abgeleitet werden, dass es keineswegs nötig ist, ja oft sogar als hinderlich angesehen wird, eine offizielle, den traditionellen Vorstellungen entsprechende Tranceinduktion durchzuführen. Vielmehr wird in der Erickson’schen Hypnotherapie gerne auf so genannte Konversationstranceprozesse zurückgegriffen, d. h., man versucht, in ganz üblichem Konversationsstil jemand zu solcher Fokussierung einzuladen, so dass sich die gewünschten Erlebnisprozesse ganz wie von selbst einstellen. Gerade für die Arbeit mit größeren Systemen (z. B. Familien, Paaren, Teams, ganzen Organisationen etc.) lässt sich mit solchem Tranceverständnis viel flexibler und wirksamer arbeiten (wir kommen noch darauf zurück).
Abb. 1: Differenzierung zwischen diversen Bewusstseinsprozessen und „Trance“
In Abbildung 1 wird noch einmal verdeutlicht, wie man sich eine Einordnung diverser Erlebnisprozesse vorstellen kann, eingeteilt nach den zwei wichtigsten qualitativen Erlebniskriterien, nämlich willkürlich/unwillkürlich und strukturiertes/fließend-bildhaftes Denken. Das übliche Alltagsbewusstsein wäre einzuordnen im Quadranten „willkürlich und strukturiert“, das typische tranceartige Erleben im Quadranten „unwillkürlich und fließend/bildhaft“. Prozesse, wie man sie z. B. ganz gezielt einsetzt bei Kreativitätstrainings, der Entwicklung neuer Ideen in der Werbung und anderswo, oft als Brainstorming oder gezielte Imaginationen bezeichnet, lassen sich hier einordnen im Quadranten „fließend/bildhaftes Denken“, welches aber ganz willkürlich angestrebt und kombiniert wird. Außerdem finden wir ja häufig Erlebnisprozesse, die mit heftigen Verspannungen oder eigentümlichen Eigenbewegungen einhergehen (wie z. B. sich spontan am Kopf kratzen, „Ähm, ähm“ sagen, spontan-automatisiert lächeln etc.). Diese laufen meist deutlich unwillkürlich ab, sind aber durchaus verbunden mit der strukturierten Denkweise eines rational ausgerichteten Alltagserlebens.
Es sei aber darauf hingewiesen, dass dieser hier bevorzugte qualitative Trancebegriff nicht unumstritten ist. Gerade wissenschaftlich arbeitende Hypnoseexperten plädieren für die oben geschilderten phänomenologischen Zugänge (z. B. Weitzenhoffer 1994). Das hat sicher auch damit zu tun, dass für wissenschaftliche Forschung Replizierbarkeit und genauere Überprüfbarkeit vieler Phänomene notwendig erscheint, auch dann, wenn sich dies therapeutisch als eher hinderlich erweisen könnte.
Noch ein Hinweis: Die oft synonym verwendeten Begriffe „unbewusst“ und „unwillkürlich“ unterscheiden sich. Nicht jeder unwillkürliche Prozess auch unbewusst sein muss. Sie können z. B. ganz bewusst wahrnehmen, wie Sie vielleicht sehr heftig zu schwitzen beginnen oder Ihr Herz so heftig klopft, dass Sie meinen, andere würden es hören, oder Sie erröten plötzlich stark, obwohl Sie das gar nicht wollen. Dies sind alles unwillkürliche Phänomene. Alles, was unbewusst abläuft, ist sicher unwillkürliches Erleben, nicht aber umgekehrt. Der Begriff „Unbewusstes“ ist also ein Oberbegriff, unter den Unwillkürliches auch subsumiert werden kann.
Werden Tranceprozesse jeweils definiert als solche, bei denen intensiv unwillkürliches Erleben vorherrscht, bei denen jemand den Eindruck hat, dass „es wie von alleine passiert“, eröffnet sich uns der Blick auf ein weit gespanntes Spektrum von Variationen von Bewusstseinsprozessen (oder „Trance“-Prozessen). Dies macht die Arbeit im Dienste der Nutzung solcher Prozesse viel flexibler und umfassender, wir können das Wissen darüber, wie man hilfreiches Erleben aktiviert, in viel mehr Kontexten anwenden, als wir es mit dem klassischen Tranceverständnis können. Dann wird es auch viel leichter möglich, sie als wichtige Hilfe für aktive Handlungsvorbereitung im Alltag zu nutzen, die dann Handlungen im „Flow“ ermöglicht (also erfüllende Tätigkeit im Alltag in optimalem Kontakt mit allen dafür hilfreichen Eigenkompetenzen). Im Grunde wird der ganze „Trance“-Begriff abgelöst durch den von kontextbezogenen und zielbezogenen, mehr oder weniger funktional wirkenden Bewusstseinsprozessen.
2.3 Unser „dreifältiges Gehirn“ und der daraus abgeleitete Nutzen einer systematischen Arbeit mit Tranceprozessen
Die Unterscheidungen willkürlich/unwillkürlich und die Modelle, die sich mit Trancearbeit und den damit assoziierten hypnotherapeutischen Strategien beschäftigen, sind für nachhaltig wirksame Therapie- und Beratungsprozesse sehr wichtig und nützlich. Dies ergibt sich sehr schlüssig daraus:
Unwillkürliche Prozesse wirken grundsätzlich immer schneller, effektiver und auch energetisch ökonomischer (man braucht dabei wesentlich weniger Energie für gute Ergebnisse). Beobachtet man z. B. erfolgreiche Sportler oder perfekt wirkende Musiker, zeigt es sich, dass ihre Bewegungsabläufe sich im Unterschied zu weniger erfolgreichen KollegInnen als fließender, geschmeidiger erweisen, so als ob sie gar nicht selbst es wären, die sich bewegen oder die spielen, sondern so, als ob „es“ wie von alleine spielen oder sich bewegen würde und ihr bewusstes „Ich“ nur als koordinierende, steuernde Kraft das Ganze unterstützen würde. Subjektiv werden solche Prozesse meist erlebt, als ob sie wie automatisiert abliefen. Sie wirken umso intensiver, je mehr das Erleben der Beteiligten absorbiert wird in diese quasi automatisiert ablaufenden Prozesse, also je mehr man sich davon wie erfasst oder darin „versunken“ erlebt. Wenn diese unwillkürlichen Abläufe in Übereinstimmung erlebt werden mit dem bewussten Wollen des üblichen „Ich“, wird dies fast immer als äußerst angenehm und erfüllend und dabei ganz mühelos empfunden.
Den Überlegungen in 2.2 folgend, können wir solche Prozesse als „Trance“-Prozesse beschreiben. Sie weisen übrigens viele Ähnlichkeiten mit so genannten Flow-Erlebnissen (Csikszentmihalyi 1996) auf. Auch Flow-Erlebnisse sind gekennzeichnet durch ein hohes Maß an optimaler Koordination zwischen willkürlichen und unwillkürlichen Prozessen, mit ausgesprochen hoher Kompetenz und Effektivität verbunden, oft sogar mit dem Erleben reinen Glücksgefühls.
Gerade also das qualitative Erlebniskriterium „unwillkürlich“ und seine optimale Koordination mit willkürlichen „Ich“-Prozessen (ichsyntones Erleben) erweist sich als von besonderem Interesse für eine erfolgreiche Lebensgestaltung. Für Therapie und Beratung, aber auch generell für erfolgreiche Lebensgestaltung kann es von entscheidender Bedeutung sein, solche unwillkürlichen Prozesse zu nutzen. Denn gelingt es, Kompetenzen abzurufen und sie unwillkürlich wirken zu lassen, hat dies deutlich mehr Erfolgschancen und Wirksamkeit, als wenn man versucht, sie willkürlich zu aktivieren. Dies geht zwar auch manchmal, aber wirkt deutlich „hölzerner“ und ist immer weniger wirksam, dafür aber anstrengender. Will man also ein Erleben oder ein Verhalten nachhaltig für sich entwickeln und einsetzen, empfiehlt es sich sehr, es auf unwillkürlicher Ebene aufzubauen und ablaufen zu lassen.
Ein weiteres Prinzip Erickson’scher Arbeit ist außerdem, dass unwillkürliche Prozesse auf unbewusster Ebene quasi autonom (also auch ohne ein dabei aktiv beteiligtes bewusstes, gezieltes Wollen) wirksam werden können. Das so genannte unbewusste Wissen kann so verstanden werden als sehr wichtiger, vertrauenswürdiger Bereich, dessen hilfreiche Kompetenzen man wie eine eigenständig funktionsfähige „Abteilung“ nutzen kann. Perspektiven dieser Art drücken eigentlich nur aus, was jeder Mensch in seiner Alltagserfahrung ohnehin aus vielen Episoden kennt.
Oft erlebt man ja z. B., dass man sich nach dem Namen einer Person fragt oder nach einem bestimmten Buch, dieser einem dann aber nicht „einfällt“ (dieser Begriff weist ja schon darauf hin, dass etwas offenbar von irgendwoher ins Bewusste herein„fällt“). Je mehr man sich dann bewusst bemüht, sich an das Erfragte zu erinnern, desto mehr „entgleitet“ es einem. Man gibt dann vielleicht auf und wendet sich anderen Dingen zu. Nach Stunden, man hat vielleicht sogar schon wieder vergessen, dass man sich überhaupt gefragt hat, „fällt“ es einem dann doch noch spontan, „wie aus heiterem Himmel“, ein, obwohl (besser gesagt, gerade weil) man sich bewusst und willkürlich überhaupt nicht mehr darum bemüht hat, sich zu erinnern. „Es“ hat sich, ganz eigenständig und sehr kompetent, für einen erinnert.
Die Erkenntnisse der modernen Hirnforschung weisen noch deutlicher und nachdrücklicher darauf hin, wie zentral es für TherapeutInnen und BeraterInnen ist, sich mit der systematischen Beeinflussung unbewusster und unwillkürlicher Prozesse zu beschäftigen.
Die für Handlungen, aber auch sonstiges Erleben entscheidenden Bewertungsprozesse finden vor allem im limbischen System statt, also Teilen des Gehirns, die entwicklungsgeschichtlich älter sind als die Großhirnrinde und sich über verschiedene Bereiche des Gehirns verteilen. Die Hauptfunktion des limbischen Systems „besteht in der Bewertung dessen, was das Gehirn tut“ (Roth 1996, S. 209). Es steuert unser Erleben durch Gefühle als Rückmeldeverfahren, welches uns leitet nach dem Prinzip „Gut für uns, schlecht für uns“ (duales Prinzip, quasi nach dem Entweder-oder-Verfahren). Ohne diese Gefühlsfeedbacks „ist vernünftiges Handeln unmöglich. Wer nicht fühlt, kann auch nicht vernünftig entscheiden oder handeln“ (ebd., S. 212).
Am Beispiel einer typischen Angstdynamik kann man die Organisationsprinzipien von Wahrnehmungsprozessen und die zentrale Rolle der unbewussten, unwillkürlichen Prozesse gut verdeutlichen. Ein Signal aus der Außenwelt z. B. wird über die Sinnesorgane zunächst an den sensorischen Thalamus geleitet. In jedem Fall wird es dann zur weiteren Bewertung und der (unwillkürlichen) Entscheidung über die jeweils adäquate Reaktion zum Mandelkern (Amygdala) geleitet, einem Kern des limbischen Systems, der zentraler Bestandteil des Gefahrabwendungssystems ist. Hier werden Emotionen und Erinnerungen verarbeitet, je nach Einschätzung und Wichtigkeit werden durch ihn Angst, Flucht, Kampfreaktionen ausgelöst mit allen damit verbundenen Hormonausschüttungen und körperlichen Reaktionen wie Blutdruck, Herzschlag etc.
Vom Thalamus gibt es nun verschiedene Verbindungswege zur Amygdala. Um schnellste Reaktionen zu ermöglichen, führt eine direkte Verbindung ohne Umwege zur Amygdala. Sie stellt eine sehr undifferenzierte Art der Bewertung dar, die Amygdala-Reaktion wird nicht differenziert durch andere Prozesse. Sie läuft auch so schnell ab, dass wir keinerlei willkürliche und bewusste Vermittlung dazwischenschalten können. Wird die Amygdala erregt, und signalisiert sie Gefahr, löst sie eine Kaskade weiterer dazu passender Reaktionen z. B. des autonomen Nervensystems und des hormonellen Systems aus. Von ihr aus gehen auch wesentlich mehr Bahnen an andere Hirnzentren als umgekehrt. Schneller, als wir es bewusst registrieren, reagieren wir mit Abwehrreflexen, der Ausschüttung von Stresshormonen und Angriffsoder Flucht- und Schutzreaktionen, wenn in der Amygdala die eingehenden Reize als Erinnerung an mögliche Gefahren interpretiert werden (neben der angeborenen Grundbereitschaft zu Alarmreaktionen speichert sie also auch gelernte Gefahrensituationen von innen und außen). Ihr Vorteil ist, dass sie uns schon Reaktionen ermöglicht, bevor wir „denken“ können. Im Laufe der Evolution hat sich dieser Weg als zentrale Überlebenshilfe ausgebildet und bewährt.
Ein anderer Weg führt vom sensorischen Thalamus zur sensorischen Großhirnrinde im präfrontalen Cortex, in der die Signale (auch unter Rückgriff auf Erinnerungen, gelernte Erfahrungen) differenziert verarbeitet werden, geprüft und eingeschätzt wird, was adäquate Reaktionen sind etc. Von dort aus wird dann auch der Hippocampus einbezogen, der für spezifische Kontextzuordnungen und entsprechende Gedächtnisleistungen zuständig ist, z. B. dafür, ob es sich bei einem lauten Hilfeschrei um eine reale Gefahr auf der Straße oder einen Schrei aus einem laut laufenden Film im Fernsehen handelt. Dieser Weg erlaubt uns sehr differenzierte Beurteilungen und kontextadäquates Handeln, er ist aber wesentlich langsamer als der direkte Weg zur Amygdala.
Wenn aber jemand z. B. unter Ängsten, Depressionen oder traumatisierenden, sehr belastenden Erlebnissen leidet, ist seine Amygdala intensiv erregt und feuert viel schneller und intensiver als in einem mehr ausgeglichenen Zustand. Dadurch werden auch viele andere Bereiche des Gehirns in die Richtung dieser emotionalen Erregung beeinflusst, z. B. auch das Langzeitgedächtnis und der Kurzzeitgedächtnisbereich, der so genannte Arbeitsspeicher. Der oben beschriebene langsamere Weg über die differenzierende Aktivität des Cortex und die wirksame Einbeziehung des Hippocampus, der hilft, ohne starke Affekte die Wahrnehmungen situationsspezifisch einzuordnen, gelangen dann kaum noch zu Bedeutung. Die gesamte Aufmerksamkeit wird intensiv und einseitig ausgerichtet auf die Erinnerungen, Fantasien, Einschätzungsprozesse, die assoziiert sind mit gerade solchen belastenden Erfahrungen. Und alle aktuellen Eindrücke werden mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder aus der Perspektive der Gefahrenwahrnehmung interpretiert, was die Angst- und Stresskaskade wieder rückbezüglich verstärkt. So baut sich ein sich aufschaukelnder Rückkoppelungsprozess auf, der besonders auf unbewusster und unwillkürlicher Ebene sehr leidvolle Prozesse mit intensiv eingeengten Wahrnehmungsprozessen aufrechterhält.
Untersuchungen (mit bildgebenden Verfahren) bei Menschen, die sich als massiv traumatisiert erleben, haben gezeigt, dass durch solche Prozesse die Erinnerungen in sehr verwirrender Weise fragmentiert werden. Besonders belastend scheint dabei zu wirken, dass während der Erinnerung an Traumata die Aktivität der linken Hirnhemisphäre – und da wieder gerade die Bereiche, die für Sprache zuständig sind (Broca-Areal) – deutlich reduziert wird, die Aktivität von Bereichen der rechten Hemisphäre – besonders im Bereich der Amygdala (und der Insel etc.) – hingegen intensiv aktiviert ist. Damit verbunden, werden starke emotionale Prozesse ausgelöst, die aber in wesentlichen Aspekten unbewusst ablaufen und auch nicht oder durch Sprache direkt beeinflusst werden können (Van der Kolk a. Fisler 1995; Van der Kolk et al. 1997; Hofmann 1999).
Das Erleben wird außerdem stark beeinflusst durch unterschiedliche Formen des Gedächtnisses, die für Menschen relevant sind, z. B. unterscheidet man zwischen dem so genannten expliziten, narrativen Gedächtnis und dem so genannten impliziten Gedächtnis. Interventionen der kognitiven, auch mit Sprache assoziierten Art von Gedächtnis können die Prozesse des expliziten Gedächtnisses oft sehr gut und wirksam erreichen und dadurch zu hilfreichen Veränderungen von Problemmustern beitragen. Das implizite Gedächtnis aber, das ganz oder teilweise unbewusst funktioniert, setzt je nach Auslösereiz blitzschnell Bruchstücke von Erinnerungen, Einschätzungen, Körperreaktionen und Handlungsimpulsen frei, die sich auch gegen willkürliche Gegensteuerung meist kraftvoll durchsetzen. Wenn jemand gerade einen Prozess mit hoher Erregung der Amygdala erlebt, springen gerade die Bereiche des impliziten Gedächtnisses an, die mit Angst, Gefahrenerleben, sehr unangenehmen Gefühlen etc. assoziiert sind. Je mehr diese Einfluss gewinnen, desto einflussreicher werden wieder diese Prozesse. Dazu trägt auch bei, dass z. B. durch die damit verbundene erhöhte Cortisolausschüttung der Hippocampus belastet und geschädigt werden kann, dadurch schwächer wird und noch weniger zu differenzierender Korrektur der Angsteskalation beitragen kann; die Amygdala wird dabei gleichzeitig (als wenn ein Muskel trainiert würde) größer und damit wieder stärker (Grawe 2004).
Aus hypnotherapeutischer Perspektive könnte man die Analogie zeichnen, dass die beschriebenen Prozesse gekennzeichnet sind durch intensive Imaginationsprozesse auf der Amygdala-Ebene. Die Amygdala und die mit ihr kooperierenden anderen erwähnten Gehirnbereiche wirken wie ein höchst erfolgreicher Hypnosespezialist, wobei sie allerdings eine oft extrem leidvoll wirkende Trance (ungewünschtes Unwillkürliches herrscht vor) induzieren. Will man dies ändern, sollte man mindestens genauso kompetent und effektiv kommunizieren wie dieser „Quasihypnotherapeut“, wobei man ihn erreichen und auch mit ihm kooperieren sollte, denn gegen dessen enorme Kraft und Schnelligkeit kommt man sonst nicht an.
Diese mit dem impliziten Gedächtnis und der erhöhten Amygdala-Aktivität verbundenen, immer mehr Leid induzierenden Prozesse sind aber leider meist nicht wirksam durch die in unserer Kultur üblichen sprachlichen Prozesse erreichbar und beeinflussbar (die linkshemisphärischen Bereiche sind ja dabei tendenziell mehr deaktiviert). Gerade diese Prozesse sind aber entscheidend beteiligt an der nachhaltigen Aufrechterhaltung der Problemmuster. Für nachhaltige Besserung müssen aber besonders diese Prozesse erreicht und verändert werden.
Diese Überlegungen haben aus meiner Sicht gerade für das Feld der systemischen Therapie und Beratung große Relevanz. Dort wird vielfach betont, dass die menschlichen Realitätskonstruktionen vor allem durch Sprache beeinflusst werden. Die hier dargelegten Erkenntnisse der modernen Hirnforschung stellen diese Sicht deutlich infrage.
Die hier beschriebenen Prozesse der quasi automatisierten Aktivitäten der Amygdala und der damit assoziierten anderen Hirnbereiche sind aber nicht grundsätzlich ein Problem oder ein Defizit. Sie können sehr wohl als Ausdruck von wichtigen Fähigkeiten verstanden werden, die in vielen Kontexten überlebenswichtig werden können. Zum Problem werden sie nur dadurch, dass sie, wenn sie einseitig unwillkürlich dominieren, zum subjektiv erlebten Verlust von Wahlmöglichkeiten führen, sodass sich die bewusste, willkürliche „Ich“-Seite eines Menschen als ausgeliefertes Opfer wahrnimmt und sich in Hilflosigkeit gestürzt fühlt, was wieder gerade die Angstprozesse verstärkt. Diese Prozesse können, wieder den Überlegungen in Abschnitt 2.2 folgend, ebenfalls als Äquivalente von Trance-Prozessen (vorherrschend ist Unwillkürliches) verstanden werden, allerdings nicht von gewünschten, sondern von sehr leidvollen, die hier als „Problemtrance“ bezeichnet werden (siehe auch Kapitel 4). Daraus kann gefolgert werden, dass alle Interventionen wieder eigene Gestaltungsfähigkeit und mehr Wahlmöglichkeiten erlebbar machen sollten. Man könnte diese Interventionsrichtung (im Gegensatz zum Begriff „Tranceinduktion“) als „Problemtranceexduktion“ bezeichnen.
Diese Erkenntnisse der Hirnforschung zeigen auch, dass der in unserer Kultur noch immer bevorzugte und vertraute Glaube, dass Menschen rational und bewusst-willkürlich ihr Leben steuern, sich als Missverständnis des bewussten Ego herausstellt. Libet (1978) und nach ihm viele andere konnten zeigen, dass offenbar alle Denk- und Erlebnisprozesse nicht im Bereich der bewussten Großhirnrindenaktivität beginnen, sondern immer schon vorher Vorentscheidungsprozesse im Zusammenhang mit unbewussten Bereichen unseres Gehirns stattgefunden haben, bevor die bewussten Bereiche davon überhaupt etwas bemerken können.
Wenn sich ein Mensch einseitig parteiisch macht für die Seite der kognitiven Funktionen, wenn deren so genannte Rationalität als die vorrangig oder allein gültige Entscheidungsbasis wird und das so genannte Irrationale aus dem unwillkürlichen Erlebnisbereich tendenziell vernachlässigt oder abgewertet wird, blockiert er damit einen ganz entscheidenden Teil seiner Wahrnehmungs- und Entscheidungsmöglichkeiten. Das Primat des aufgeklärten, rationalen bewussten Denkens ist schlicht eine Illusion, die aber destruktive Folgen haben kann. „Die Erfahrung mit Patienten [mit Hirnschädigungen; G. S.] lässt darauf schließen, dass die kühle Strategie, die Kant und andere vertreten haben, weit eher der Art und Weise entspricht, wie Patienten mit präfrontaler Schädigung [des Gehirns; G. S.] an Entscheidungen herangehen, als der üblichen Verfahrensweise“ (Damasio 1997) gesunder Menschen. Die Großhirnrinde braucht also für erfolgreiche Entscheidungsfindung und Kommunikation dringend die „irrationalen“, entwicklungsgeschichtlich viel älteren Bereiche unseres „dreifältigen Gehirns“ (wie Paul MacLean, der Pionier der Erforschung des limbischen Systems, es nannte). Das Stammhirn und das Mittelhirn, so MacLean (1990), entsprechen dem Entwicklungsstand der Reptilien, z. B. des Alligators („der Alligator in uns“ – mit mehr als 200 Millionen Jahre an Geschichte) und der frühen Säugetiere. Sie sind besonders einflussreich und schnell wirksam für physiologische, aber auch für emotionale und für Entscheidungsprozesse. „Auf das limbische System zu hören ist die klügste Verhaltensweise überhaupt. Die Ebene des Verstandes und der Vernunft [gemeint ist die rational-analytische Vernunft der Großhirnrinde; G. S.] bildet sich in der Hirnentwicklung erst sehr spät aus und erhält auch nie einen im wahrsten Sinne entscheidenden Einfluss auf das Verhalten. Das limbische System benutzt sprichwörtlich den Verstand, um komplexe Situationen differenziert bewerten zu können, gibt aber nie die Letztentscheidung ab“ (Roth 2004). Der bewusste Verstand wirkt also höchstens als eine Art Berater, der sehr nützlich und wichtig ist. Aber: Der die Entscheidungen fällende „Vorstand“ der Entscheidungshierarchie sitzt im limbischen System, eine Willensfreiheit auf bewusster, willkürlicher Ebene haben Menschen nicht (Roth 2004, S. 145).
Aus meiner an Erickson’schen Modellen orientierten Sicht finde ich allerdings manche der Äußerungen z. B. von G. Roth zu einseitig und zu linear. Sicher kann die bewusste, willkürliche, im üblichen Sinne als rational beschriebene Seite des Funktionierens unseres Gehirns nicht mehr als die alleinige Steuerungsinstanz angesehen werden. Aber oft werden die neuen Erkenntnisse aus der Hirnforschung so dargestellt, als ob ein Mensch keinen freien Willen habe und deshalb vielleicht für seine Entscheidungen sogar nicht selbst verantwortlich gemacht werden könnte. Ich halte diese Sicht für viel zu linear-kausal angelegt. Es kommt wohl darauf an, was man als das Selbst, welches verantwortlich gemacht werden könnte, ansieht. Unsere empirische Erfahrung in klinischer und Beratungsarbeit und auch im persönlichen Leben sprechen sehr dafür, dass Eigenverantwortung sehr wohl ein sehr sinnvolles Konstrukt ist. Es setzt nur voraus, dass wir eben selbstverantwortlich in sehr kommunikativer und kooperativer Weise den Austausch, die Wechselwirkungen zwischen unwillkürlichen und willkürlichen Prozessen optimieren.
Prozesse, die üblicherweise außerhalb der bewussten Wahrnehmung ablaufen, also von ihr dissoziiert waren, äußern sich meist durch unwillkürliche Impulse, z. B. über unwillkürliche Körpersignale, Empfindungen, Änderungen der Atmung, Verspannungen, Gefühle etc. (die oft auch als dominierende Restriktionen erlebt werden), die in den bewussten Wahrnehmungs- und Kommunikationszusammenhang drängen. Will man ihren Wert verstehen und sie nutzen, setzt dies einen sehr wertschätzenden Umgang mit ihnen voraus. Sie können optimal genutzt werden als kompetente Instrumente des Feedbacks an das bewusste, willkürliche Erleben für stimmige Entwicklungen und als Warnsignale bei Unstimmigkeiten (Konzept der „somatischen Marker“, Damasio 1997).
Dies heißt aber nicht, dass man jedem spontanen Impuls folgen müsste und dass der intuitive Bereich allein dominieren sollte und die Kompetenzen des bewussten, rationalen Denkens übergehen sollte. Ratsam ist aber, in respektvollen Dialog mit ihm zu treten, um mit seiner Energie zieldienlich für das Gesamtsystem kooperieren zu können. Es stellt sich die Aufgabe, eine wertschätzende Kooperationsbeziehung zwischen den willkürlichen („Ich“-) und unwillkürlichen („Es“-)Seiten menschlicher Kompetenz aktiv herzustellen und zu nutzen. Dies erfordert den Aufbau und die systematische Beachtung einer Art innerer Moderatorenfunktion im Menschen für diese unterschiedlichen Kulturprozesse in uns, die immer gleichzeitig ablaufen. „Ich“ und „Es“ (also dieser unwillkürliche, intuitive Bereich) sollten, metaphorisch gesagt, gestaltet werden wie ein kooperatives Team. Nur dann können wertschätzende Verhandlungen und Übersetzungsleistungen zwischen diesen Teilbereichen unserer Kompetenz entstehen, und nur dann kann eine ganzheitliche Integration unserer Kompetenzbereiche gewährleistet werden.
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