Kitabı oku: «Das Erbe des Bierzauberers»
Günther Thömmes
Das Erbe des Bierzauberers
Historischer Kriminalroman
Impressum
Weitere Informationen rund ums Bier
und den ›Bierzauberer‹ gibt es unter
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E-mail: gthoemmes@bierzauberer.info
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Alle Rechte vorbehalten
6. Auflage 2020
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung: Katja Ernst
E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung des Bildes »Die Kreuztragung Christi« (Detail)
von Hieronymus Bosch, Quelle: www.zeno.org
ISBN 978-3-8392-3422-8
Widmung
Für meine kleine Familie: Alexandra & Linus.
Danke, dass es Euch gibt!
Zitat
»Mögen andere Nationen sauren Wein trinken,
Du, glückliches Deutschland, trinke Bier!
Denn was die Traube den anderen,
gibt Dir das göttliche Korn!«
Trinkspruch, häufig irrtümlich dem Hause Habsburg zugesprochen
PROLOG: MATTHIAS – DER ERSTE BIERPOLIZIST

Sabotage
Die beiden unrasierten, dreckigen Männer saßen bereits seit Stunden im Gestrüpp und warteten. Es war einer der ersten halbwegs warmen Tage des Jahres 1433. Der vergangene Winter in Thüringen war ungewöhnlich mild gewesen, der wenige Schnee schon lange geschmolzen. Ein Karren nach dem anderen war an ihnen vorbeigezogen, nun sahen sie von Weitem noch einige Pilger näher kommen. Es dämmerte langsam, spätestens bei Anbruch der Dunkelheit sollten die Wege normalerweise menschenleer sein.
Die Dornen der Zweige stachen, ihre Lage war alles andere als bequem. Von Stechmücken zerstochen – so nah am Wasser war eine förmliche Einladung für die kleinen Blutsauger nicht weiter nötig gewesen –, kratzten beide sich bereits die nackten Unterarme blutig. Sie waren mittlerweile hungrig und durstig, doch hatten nichts mitgebracht, um dem abzuhelfen.
Der Ältere und Kräftigere der beiden hielt sich noch ein letztes Mal den rechten Zeigefinger warnend vor den Mund, um seinen erheblich jüngeren Kumpanen, der im Allgemeinen für etwas blöde gehalten wurde, am Plappern zu hindern. Dem hingen die langen, verfilzten Haare über die buschigen Augenbrauen und behinderten seine Sicht, sodass er sie wie lästige Insekten beiseitewischte.
Schließlich war es so weit. Das lange Warten sollte sich endlich auszahlen.
Die beiden Männer kletterten aus dem Versteck hinaus, das vom Weg aus nicht einsehbar gewesen war, und gingen zu der Stelle, wo der kleine Bach in den größeren einmündete.
Der Mann, der offensichtlich der Anführer war, zeigte auf das kleine Flüsschen, das im Moment nur ein Rinnsal war.
»Da kommt immer der ganze Dreck aus dem Dorf, den Ställen und den Kloaken runter, wenn sie den Bach weiter oben aufstauen und umleiten. Morgen oder übermorgen wird es wieder geschehen. Los, an die Arbeit!«
Beide sammelten schnell einen großen Haufen Äste ein und legten sie geschickt über den größeren Bach, der sich kurz hinter der Einmündung verengte und dort leicht zu stauen war.
Mit einigen größeren Hölzern und Steinen wurde das Werk befestigt.
Beide standen vor ihrem Damm aus Ästen und schauten zufrieden drein.
Der Blödmann kicherte.
»Soll ich den Anfang machen und schon mal draufstrullen?«
Der andere Mann lachte. »Nein, das wäre ja nur der halbe Spaß.«
Er stellte sich drei Schritte vor den Damm, ließ die Hosen runter und schiss erst einmal kräftig in den Bach. Seine Notdurft wurde sofort vom Wasser weggeschwemmt und landete in den aufgestapelten Ästen.
Er zog sich die durchnässte, matschige Hose wieder hoch und grunzte vor Behagen, während er sie mit einem Hanfseil zuband.
»So weit, so gut. Es klappt anscheinend, wie wir uns das vorstellen. Los, lass uns verschwinden, bevor wir gesehen werden.«
Unauffällig, als könnten sie kein Wässerchen trüben, gingen die beiden ihres Weges.
Der Kräftigere, mittlerweile entspannt lächelnd, gab seinem debilen Kompagnon noch einen freundschaftlichen Stoß mit dem Ellenbogen in die Seite.
»Das war leicht verdientes Geld«, bemerkte er dazu.
Der Idiot grinste vor sich hin.
Vier Tage später
Es stank.
Es stank zum Himmel.
Es stank zum Gotterbarmen.
Sogar für mittelalterliche Verhältnisse.
Der groß gewachsene, kahlköpfige Brauherr Paul in seiner Arbeitskleidung – ledernes Wams mit leichtem Pelzbesatz, eine enge Leinenhose, die in hohen Lederstiefeln steckte, sowie eine barrettartige Kopfbedeckung – und der dicke Matthias, seines Zeichens Büttel des Fürsten Friedrich des Friedfertigen, des Landgrafen von Thüringen, standen am Ufer des aufgestauten Bachs, der normalerweise in die Unstrut abfloss, mittlerweile aber eher einem kleinen See glich.
Beide hatten das Gefühl, mitten in einer Kloake zu stehen.
»Wer hat das aufgestaut?«
Paul, ansonsten eher die Ruhe selbst, war außer sich vor Zorn.
»Sieht mir nach einer Biberburg aus«, entgegnete Matthias, sah auf zu dem mehr als einen Kopf größeren Brauer und hielt beide Hände vor dem gewaltigen Körperteil verschränkt, dem er seinen Beinamen ›der Dicke‹ verdankte und der in ein Wams gepackt war, welches es jederzeit zu sprengen drohte. In Pauls braunen Augen, die sein kahler Schädel umso größer erscheinen ließ, las er dagegen alles andere als Zustimmung zu dieser banalen Feststellung.
»Eine Biberburg aus Baumästen und aufgestauter Scheiße?« Pauls Stimme drehte vor Empörung ins Falsett. »Nein, das ist Menschenwerk. Die Biber wissen schon, was sie uns als Fastenspeise schuldig sind, und suhlen sich nicht in unserem Kot. Diesen Damm hat jemand mit Absicht errichtet, damit ich kein sauberes Wasser zum Bierbrauen habe.«
»Wieso bist du so sicher?«
Der Büttel blieb ruhig, konnte er doch Pauls Folgerung nicht unbedingt nachvollziehen.
Paul fuchtelte mit seinen langen Armen unbestimmt in der Luft herum.
»Ich kann es schwerlich beweisen, aber mein Gefühl hat mich noch selten getäuscht.«
Matthias versuchte vergeblich, Paul zu beruhigen.
»Wer auch immer Schuld hat an dieser Schweinerei, das Gerede bringt uns nicht weiter. Was willst du jetzt tun?«
Er dachte auch als Erster wieder praktisch.
»Das Bier für unsere Markttage kann ich natürlich vergessen«, erwiderte der wütende Braumeister.
»Und den Zehnten deines Herrn dafür auch«, setzte er gleich noch eins drauf. »Aber er trägt seinen Spitznamen ›Der Einfältige‹ ja nicht zu Unrecht, also wird er es wahrscheinlich gar nicht bemerken.«
Der Ordnungshüter schaute erst böse drein, als sein Herr beleidigt wurde, er war desgleichen jedoch schon gewohnt, und so trug er es mit Fassung.
»Das bedeutet also nichts anderes, als dass wir das Bier wieder einmal aus Nordhausen heranfahren müssen. Wir machen uns langsam zum Gespött des Landes. Seit 150 Jahren haben wir eine Bierbannmeile, um zu verhindern, dass jemand im Umkreis von einer Meile rund um Weißensee Bier verkauft oder ausschenkt, außer wenn es von dir stammt.«
Die Erwähnung der Bierbannmeile brachte Pauls Gestik wieder auf Touren, seine Arme rotierten wie Windmühlenflügel.
»Und zum wiederholten Male müssen wir den Bann aufheben, weil wir sonst kein Bier haben. Ich verliere so langsam die Lust am Bierbrauen. Du musst mir helfen und den Mistkerl finden, der verhindern will, dass wir hier gutes Bier brauen.«
Matthias langte nach oben und schlug Paul jovial auf die Schulter.
»Wir werden ihn finden, und ich verspreche dir, er wird es teuer bezahlen.«
Er drehte sich um und machte Anstalten zu gehen.
»Komm mit zum Essen. Das wird dich aufmuntern. Es gibt gedämpfte Biberschwänze.«
Er lachte hämisch.
»Das ist das Beste, was wir auf dem Speisezettel haben, solange die Fastenzeit noch andauert.«
Paul schaute immer noch grimmig drein.
Dann entspannte sich seine Mimik, und er stimmte ins Lachen seines Gefährten ein.
»Ja, lass es uns den Viechern heimzahlen, falls sie es doch gewesen sind.«
Auf der Runneburg
Wiederum zwei Tage später hatte auch der Landgraf von Thüringen, Fürst Friedrich, die Geschichte vom ›Scheißedamm‹ vernommen. Friedrich, mittlerweile fast 50 Jahre alt, entstammte dem Hause der Wettiner und verbrachte die meiste Zeit auf seiner Runneburg in Weißensee. Er selbst nannte sich ›der Vierte‹, während seine Untertanen, je nach Lust und Laune, entweder den ›Friedfertigen‹ oder den ›Einfältigen‹ an den Friedrich dranhängten.
An diesem Morgen passte keines der beiden Anhängsel zu seiner Laune. Aufgebracht vom Bericht des Büttels, beschloss er, an den bestehenden Gesetzen etwas zu ändern.
Sogar seine Ehefrau, die Gräfin Anna, hatte ihn selten so erregt gesehen. Normalerweise gab sie die Richtung vor, was politische Entscheidungen oder die Regierungsarbeit anging.
Der Büttel und Gräfin Anna, die ihn an Größe leicht überragte, waren zwar nur ein kleines Publikum, Friedrich plusterte sich dennoch auf, als wolle er eine Regierungserklärung abgeben. Immer wenn er sich in Pose stellte, sah das unfreiwillig komisch aus, da seine Extremitäten für seine durchschnittliche Körpergröße zu lang und dünn geraten waren. Zusammen mit seinem leicht korpulenten Mittelteil ergab das für Beobachter den Anschein, als wäre er aus verschiedenen Körpern zusammengesetzt worden, die nicht zueinanderpassten. Seine Stimme erschallte durch das fürstliche Besprechungszimmer, das sich im Erdgeschoss der Burg gleich neben dem Audienzzimmer befand:
»Da haben wir einen prachtvollen Brauherren, den Paul, der sich nach Kräften bemüht, ein gutes und gesundes Bier zu brauen. Und immer dann, wenn ein größeres Fest oder ein Markt ansteht, pfuscht ihm jemand ins Handwerk.«
Er holte tief Luft und nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Krug, in dem sich warmer gewürzter Wein befand.
»Ich mag das Bier aus Nordhausen nicht. Es ist gepanscht und macht bisweilen toll im Kopf, wenn sie die falschen Würzkräuter zusetzen. Nicht nur die Grutmischung ist zweifelhaft. Leider ist es das einzige Brauhaus, das immer ausreichend Bier übrig hat, um uns zu beliefern, als würden sie darauf warten, uns Bier verkaufen zu dürfen. Und das, obwohl Kaiser Karl IV. schon vor langer Zeit für den Brauherrn Dietrich in Nordhausen eine Bierbannmeile proklamiert hat. Daher sollte der sein Bier doch eigentlich in der eigenen Stadt reichlich verkaufen können.«
Erneut hob er den Zinnkrug und setzte an.
»Aber zurück zum Grund unserer Erregung. Wir werden zwei Dinge veranlassen: Du«, er zeigt auf den dicken Matthias, »wirst den Schuft finden, der unser Brauwasser verdirbt. Und du, meine Gräfin«, er winkte in Annas Richtung, »wirst dir mit mir ein Gesetz ausdenken, damit wir zukünftig hier im Fürstentum und in Weißensee sauberes Bier trinken können.«
Der Weinkrug war mittlerweile zur Gänze geleert.
»Ja, ich trinke zwar lieber den Wein als das Bier, aber ein Gesetz für sauberes Bier wäre auch ein Wunsch meines seligen Vaters gewesen. Der alte Balthasar war ein gewaltiger Biertrinker vor dem Herrn. Am Ende seines Lebens hat er nur noch in der Wartburg gesessen und sich von Bier ernährt. Wir sollten außerdem sehen, dass wir jemanden finden, der durchs Land reist und den Brauern in die Töpfe schaut und untersucht, welche Rezepturen verwendet werden. Diese Profession gibt es noch nicht, wohl weil sie nicht ohne Gefahr ist.«
Wieder einige Tage darauf hörte der dicke Matthias in einer Schenke, die er regelmäßig kontrollierte, dass Dieter, der Dorftrottel, trotz des Verbotes, ihm Bier auszuschenken, irgendwie an Bier gelangt war. Er war schnell so volltrunken gewesen, dass er nur noch stammelte. Aber was er stammelte, handelte von einem Damm, den sie angeblich für einen Gulden Lohn gebaut hatten, wobei der Auftraggeber tatsächlich der Brauherr Dietrich aus Nordhausen gewesen war. Und die Hälfte davon – »einen Viertel Gulden, ehrlich!« – hatte er erhalten, aber bereits redlich verzecht.
Es war ein Leichtes für den Büttel, vom später wieder nüchternen Dieter den Namen seines Komplizen zu erfahren, und beide erhielten prompt eine Prügelstrafe und mussten zwei Tage lang auf dem Marktplatz am Schandpranger stehen.
Dietrich selbst konnten sie leider nicht belangen, Nordhausen war ihrer Gerichtsbarkeit zwar nicht komplett entzogen, aber als Freie Reichsstadt und, seit Kurzem, auch Mitglied der Hanse wäre der zu erwartende Ärger größer gewesen als die übliche Strafe Dietrichs; daher wurde lediglich sein Bier mit einem einstweiligen Einfuhrverbot nach Weißensee belegt.
Das Gesetz
Im nächsten Frühjahr war es so weit: Das neue Gesetz ›Statuta thaberna‹ oder ›Wirtshausgesetz‹, wie es in Absprache mit dem Weißenseer Bürgermeister Hartwig Schemelraufe genannt wurde, wurde im gesamten Fürstentum verkündet und auch ins Stadtbuch von Weißensee übernommen. Friedrich war nicht nur Landgraf, sondern auch Stadtherr von Weißensee, und Unruhen innerhalb der Stadt lieferten ihm einen willkommenen Anlass zu neuen Gesetzen.
»Da schlagen wir gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Es herrscht wieder Ruhe, und wir haben unser Biergesetz«, brüstete er sich vor seinem Hof mit seiner politischen Weitsicht, wieder einmal vergessend, dass Gräfin Anna die Idee dazu geliefert hatte.
Friedrich und Anna hatten ganze Arbeit geleistet und nicht nur das Bier geregelt, sondern auch das Benehmen beim Biertrinken gleich mit.
Artikel zwölf lautete: »Zu dem Bier brauen soll man nicht mehr nehmen als so viel Malz, als man zu den drei Gebräuen von 13 Maltern an ein Viertel Gerstenmalz braucht … Es sollen auch nicht in das Bier weder Harz noch keinerlei andere Ungeferck1. Dazu soll man nichts anderes geben als Hopfen, Malz und Wasser. Das verbietet man bei zwei Mark, und derjenige muss die Stadt für vier Wochen räumen.«
Und Friedrich wurde nicht müde, immer zu erwähnen:
»Das Gesetz gilt natürlich auch für Biere von auswärts.«
1 Ungeferck = gefährliche Stoffe.
Der erste Bierpolizist
Rund einen Monat nach Verkündung der Statuta thaberna erhielt der dicke Matthias eine Vorladung auf die Runneburg. Festlich gewandet für alle Fälle, schleppte er sich wieder einmal den steilen Weg zur Burg hinauf. Die Sonne brannte, zum Teufel, war das unbequem und heiß in seinem festlichen Wams aus grünem und braunem Samt. Zur Feier des Tages hatte er sogar einen Hut mit einer langen Fasanenfeder dran auf seinen Kopf gestülpt.
Keuchend hielt er am Haupttor inne, richtete sein Gewand und meldete sich förmlich beim Torwächter an. Er musste ausnahmsweise nicht lange warten. Friedrich begrüßte ihn und kam gleich zur Sache:
»Matthias, du hast gute Arbeit geleistet, um dem Bierbrauerschuft Dietrich auf die Schliche zu kommen. Ich möchte aber verhindern, dass dies noch einmal vorkommt, was er uns angetan hat.«
Er schlug Matthias anerkennend auf die linke Schulter.
»Daher ernenne ich dich hiermit zum offiziellen ›Fürstlichen Bierpolizisten‹, dem ersten dieser Art im ganzen thüringischen Lande.«
Matthias stockte der Atem. Er war zwar sonst nicht auf den Mund gefallen, wusste aber nicht, was er hiervon halten sollte.
Erst als Friedrich ergänzte: »Und dein Lohn soll das Zweifache sein von dem, was du bislang als Büttel erhalten hast«, grinste er voller Freude, und sein Bauch hüpfte übermütig mit.
»Du sollst alle Bierbrauer im Lande regelmäßig überprüfen, auf dass sie ihr Bier nicht vernachlässigen«, fuhr Friedrich fort. »Du wirst die Einhaltungen unserer Statuta thaberna einfordern und damit das Leben und die Gesundheit meiner Untertanen fördern. Streng wollen wir sein, jede Verfehlung und Nichtbefolgung unerbittlich ahnden, und du darfst dich durch keine Entschuldigung versöhnen lassen. Gleichzeitig musst du unbestechlich die Brauherren beobachten, denn gute Beobachtung bringt auch mir sicheres Geld in meine Steuerkasse, sodass du dein Auskommen damit schon allein sicherst.«
Matthias machte sich schon zum Gehen bereit, da ergriff Fürstin Anna noch das Wort. Und, wie das Sprichwort sagt, gibt es keine Rose ohne Dornen. Denn der erste Auftrag, den Anna erteilte, war nicht nach Matthias’ Geschmack.
»Ich möchte, dass du sogleich nach Nordhausen gehst und Dietrich endgültig das Handwerk legst, zum Wohle aller, auch der Nordhäuser Bürger.«
Die Adelsgeschlechter

25 Jahre später: Unfriede, Unzufriedenheit und politisches Chaos
Unfriede, Unzufriedenheit und politisches Chaos: Mit diesen wenigen Worten lässt sich die Situation im Mitteleuropa der Zeit zwischen 1450 und 1500 umschreiben.
Je nach Blickwinkel wird sie heutzutage als Zeit des Umbruchs, der Auflösung oder der Vielfalt gesehen.
In jedem Fall verabschiedete sich das Mittelalter aus der europäischen Geschichte mit den größten gesellschaftlichen Umwälzungen seit dem Ende des Römischen Reiches und der Völkerwanderung.
Staat und Kirche waren über jegliches vernünftige Maß hinaus marode und korrupt geworden. Politische Berater und Unterhändler verwendeten ihre meiste Energie darauf, nur noch die Bestechungssummen, welche zur Erlangung ihrer Ziele bei Ständeversammlungen, Reichstagen oder Konklaven notwendig waren, zu berechnen. Richtige Politik wurde fast nicht mehr gemacht, Intrigen und Korruption hatten die Mittel der Diplomatie ersetzt.
Schlimmste Höhepunkte der vorherrschenden Unfähigkeit und Dekadenz waren der Habsburgerkaiser Maximilian I., sein Cousin Siegmund ›der Münzreiche‹ sowie der legendäre Borgiapapst Alexander VI.
Obwohl Maximilian I. als ›letzter Ritter‹ und als Wegbereiter des habsburgischen Weltreiches in die Geschichte eingegangen ist, war er in finanziellen Dingen derart unfähig, dass man ihm heute nicht einmal eine Portokasse anvertrauen würde. Gleiches gilt für Siegmund, der als Regent von Tirol sogar trotz reicher Edelmetallminen ungeheure Schulden anhäufte.
Nur das Finanzgenie eines Jakob Fugger konnte sowohl Habsburg mit großzügigen Krediten im Tausch für weit reichende Privilegien wie auch die Kirche, die mit Fugger einen schwunghaften Reliquien- und Ablasshandel betrieb, über die Halbjahrtausendwende retten.
Der Klang der Reformation, die von Fugger nur aufgehalten, nicht jedoch abgewendet werden konnte, war dafür umso lauter.
Die Bevölkerung, die in den 200 Jahren zuvor durch Hungersnöte und Pestepidemien arg dezimiert worden war, hätte sich jetzt von diesen Schrecken erholen können, doch war dies nunmehr aus anderen Gründen nicht möglich: Durch den Niedergang des Rittertums und der höfischen Kultur hatten Raubrittertum, Wegelagerei und Fehde(un)wesen ein Ausmaß erreicht, welches die einfache Landbevölkerung in Angst und Schrecken versetzte. Landflucht war die logische Folge. In den Städten hatte die Kirche immer weniger Macht, und so schlug die Unzufriedenheit der Gläubigen auch gerne einmal in Unfrömmigkeit um.
Die Einnahme des als uneinnehmbar geltenden Konstantinopel im Jahre 1453 durch die Türken schürte nicht nur die Unsicherheit, sondern blockierte auch jahrhundertealte Handelswege zum Orient und den allseits begehrten Gewürzen. Doch anstatt gemeinsam gegen die drohende Gefahr anzugehen, verzettelten sich Habsburger, Ungarn und der Apostolische Stuhl in ebenso unergiebigen wie sinnlosen Machtkämpfen und Kriegen.
Auch das zerstückelte Heilige Römische Reich Deutscher Nation, bestehend zum einen Teil aus Hunderten kleiner Landesfürsten, von denen manche ihr ganzes Reich vom Turm ihrer Burg aus überschauen konnten, zum anderen aus etablierten Mächten mit straffer Verwaltung, wie Bayern, Württemberg, Sachsen, Brandenburg oder den geistlichen Kurfürstentümern Köln, Mainz und Trier, litt unter der ständigen Vermischung von Staat und Kirche.
Die Keime von Reformation und Revolution, für die späteren Bauernkriege sowie den noch späteren Dreißigjährigen Krieg wurden in diesen Jahren gelegt.
Und während in Norditalien Architektur und Kunst in einem Rausch aus Farben und Formen förmlich explodierten, wurden weite Teile Deutschlands immer noch von der simplen Geometrie des Fachwerkbaus beherrscht. Ein größerer Kontrast zur kühnen Domkuppel von Florenz war kaum vorstellbar.
Dennoch, gefördert durch die Erfindungen des Buchdrucks mit beweglichen Lettern, Entdeckungen der großen Seefahrernationen und neue Erfindungen von Menschen vom Schlage eines Leonardo da Vinci, trieben Aufklärung, Renaissance und Reformation auch in Deutschland bereits zarte Blüten.
So also sah es in Mitteleuropa aus, als unsere Geschichte ihren Fortgang nahm.
DIE ERBEN DES BIERZAUBERERS

Georg
Das Beginenhaus in der Hollensammlung, in unmittelbarer Nähe der Reutlinger Marienkirche, stand schon seit beinahe 100 Jahren. Immer mehr Frauen suchten Zuflucht in der halb laienhaften, halb religiösen Gemeinschaft, zu der Männer nicht zugelassen waren. Die Beginen gehörten keinem Orden an und führten kein klösterliches Leben. Die Erfüllung, die sie suchten, beschrieben sie selbst als den ›mittleren Weg‹. Ihre Vorbilder waren Frauen wie die Heilige Johanna von Orleans, die ein heiliges Leben geführt hatte, ohne je einem Orden angehört zu haben. Zwar hatten sie Regeln, die denen eines Ordens ähnelten, wer aber mit den Grundregeln der Bescheidenheit, Keuschheit und des Fleißes nicht zurande kam, konnte jederzeit ohne Folgen wieder austreten.
Als die 25-jährige Begine Gerlinde am 23. April 1458 vor die Tür trat und dort ein abgelegtes Bündel Mensch fand, das nach Kräften schrie und strampelte, war sie nicht überrascht. Es kam häufiger vor, dass junge Mütter ihre meist unehelich geborenen Kinder vor einem Beginenhaus ablegten. Die Waisenkinder wurden dort einige Jahre erzogen und durchgefüttert, bis sie alt genug waren, um irgendwo arbeiten zu können. Dies geschah, wenn die Findelkinder Glück hatten; wenn sie Pech hatten und nicht bei Beginen, Klöstern oder sonstigen wohlmeinenden Menschen abgelegt wurden, blühte den Kindern die Hölle auf Erden. Völlig rechtlos, wurden sie oft in die Sklaverei verkauft oder als leibeigene Knechte, Tieren gleich, auf Bauernhöfen gehalten.
Gerlinde nahm das Bündel vom Boden auf und schaute hinein. Ein kleines Jungengesicht, verheult und verrotzt, mit graugrünen Augen unter einem rötlich-braunen Schopf, sah ihr entgegen. Das Kind war kein Neugeborenes mehr, aber älter als drei Monate war es auch nicht.
»Na, dann werde ich dich mal mitnehmen, kleiner Mann«, sagte sie mehr zu sich selbst als zu dem Bündel. »Du bist sicher hungrig und durstig.«
Die Namensgebung war leicht, nach dem Tag des Fundes, an dem Papst Georg VII. seinen Namenstag feierte, wurde der Kleine ›Georg‹ genannt und auch gleich getauft.
Gerlinde hatte vor Kurzem von einer anderen Begine, die, da wohlhabend, in jüngeren Jahren viel gereist war und bei einem ihrer letzten Besuche in Reutlingen bei ihnen übernachtet hatte, gehört, dass Findelkinder in südlichen Ländern meist den Nachnamen ›Esposito‹ – ›Ausgesetzt‹ – erhielten, also schlug sie dies auch hier vor. Als Geburtstag für Georg Esposito wurde denn auch der 23. April 1458 ins Hausbuch der Beginen eingetragen.
Nachforschungen nach der Mutter wurden in diesen Findelkindfällen selten angestellt; wenn niemand zufällig etwas gesehen hatte, beließ man es in der Regel dabei, dass die Mutter ihr Kind nicht haben wollte. Die Beginen waren froh, wenn die Mutter es nicht tötete oder im Wald aussetzte.
Die Art des Zusammenlebens der Beginen, eine Wohn- und Arbeitsgemeinschaft, war ideal für die Aufzucht von Waisen- und Findelkindern. In Gerlindes Haus lebten derzeit acht Frauen, von denen die älteste mit Namen Hildegard die ›Mutter‹ oder ›Meisterin‹ war. Angeredet wurde sie aber mit ihrem gewöhnlichen Namen. Hildegard teilte ein, dass Gerlinde verantwortlich für Georg war und alle anderen nach Kräften mithelfen sollten. Es gab noch ein zweites Kind im Haus, ein Waisenkind mit Namen Peter, das aber bald weggehen musste, weil es mit zehn Jahren arbeitsfähig war und auf sich selber achtgeben konnte.
Die anderen Frauen kümmerten sich hauptsächlich um Alte und Kranke, machten Hausbesuche und besorgten die Gartenarbeit. Eine von ihnen klöppelte Spitzen für feine Gewänder, was ihnen etwas Geld einbrachte. Ansonsten waren sie auf Förderung durch adelige Frauen angewiesen, von denen es aber zum Glück mehr gab, als die meisten annahmen.
Seitdem die Bewegung der Beginen stark zugenommen und sich von Flandern aus bis nach Süddeutschland verbreitet hatte, wurde sie von der Kirche argwöhnisch beäugt. Ihre Weigerung, sich als Orden zu betrachten und somit von der Kirche kontrollieren zu lassen, war vielen Klerikern ein Dorn im Auge. Häufig waren es die gleichen Kleriker, deren Sittenlosigkeit und Habsucht von den Beginen angeprangert wurden. Und nachdem die Frauen begonnen hatten, Schriften der Kirche aus dem Lateinischen in die Sprache des Volkes zu übersetzen, war das Fass kurz vor dem Überlaufen. Es war nur noch eine Frage der Zeit – sollte es so weitergehen, würde sich die Heilige Inquisition der Beginen annehmen.
All dies war Gerlinde völlig gleichgültig, als sie sich in den ersten Wochen um den kleinen Georg kümmerte. Der hatte es wahrhaft gut getroffen, er wurde regelmäßig gefüttert – dank einer Amme, die Gerlinde gleich aufgetrieben hatte, wurde regelmäßig gewaschen und gewickelt. Von seiner Ziehmutter wurde er mit Zärtlichkeiten und Streicheleinheiten versorgt, die ein Findelkind ansonsten niemals hätte erwarten können. Gerlinde war nur mäßig hübsch, aber von ausgeglichenem, sonnigem Charakter, dazu dank eines, wenn auch geringen, Erbes nicht völlig unvermögend, was ihr die Aufnahme ins Beginenhaus erleichtert hatte. So hatte sie für ihr Findelkind immer wieder überraschende kleine Geschenke oder Naschereien bereit, auch ohne Anlass. Aber nicht nur Gerlinde, alle Frauen des Hauses hatten den kleinen Mann sehr bald ins Herz geschlossen.
Nach zwei Jahren machte er bereits Haus und Garten unsicher, die nächsten Jahre tobte er auf der Straße mit den anderen Kindern herum, er war arm wie die meisten Beginen, aber rundherum glücklich. Gerlinde lehrte ihn Sprechen, besonderen Wert legte sie auf seinen Namen, und alle lachten, wenn das Kind, laut ›Georggeorg Espositototo‹ rufend durch die Gegend tollte. Sie wurde auch nicht müde, ihm immer wieder zu bestätigen, welches Glück er gehabt habe und welches Schicksal ihm im Findelhaus oder anderswo geblüht hätte. Die Sommersprossen, die sich auf seinem Babygesicht beinah verschämt versteckt hatten und kaum sichtbar gewesen waren, waren mittlerweile voll erblüht. Nase und Backen waren voller Punkte, die besonders gut zu seinem Lachen passten. Wenn jemand Freude in die Hollensammlung brachte, dann war es Georg. Bei seinem Haarschopf hatte ein dunkles Rot den Braunton der ersten Monate vollständig verdrängt, ebenso wie Grün, nachdem er kein Baby mehr war, eindeutig seine Augenfarbe war. Diese Kennzeichen waren so augenfällig, dass alle Frauen im Beginenhaus sicher waren, dass er der Sohn, wahrscheinlich sogar der Bastard eines der häufig durchreisenden Händler, Spielmänner oder Boten war, die Reutlingen als Durchgangsstation benutzten.
»Niemand hier in Reutlingen hat rote Haare, Sommersprossen und grüne Augen«, war denn auch die einhellige Meinung der anderen Kinder, mit denen Georg manchmal spielte, aber ebenso oft wegen ebendieses Spottes aneinandergeriet. Ihm selbst, ständig verdreckt von seinen diversen Abenteuern, mit Schürfwunden an Armen und Beinen, wenn er vom Baum gefallen war oder mit einem anderen Jungen gerauft hatte, war sein Status als Findelkind völlig gleichgültig. Wenn er nicht mit Absicht darauf gestoßen wurde …
Kurz nach seinem sechsten Geburtstag, oder vielmehr dem Tag, an dem er gefunden worden war, ereignete sich die zweite Katastrophe seines Lebens. Georg spielte wie üblich auf der Straße, als eine Kutsche vorfuhr, der ein groß gewachsener Mann in einer schwarzen Soutane entstieg. Georg kannte natürlich nicht den Unterschied der verschiedenen Gewänder des Klerus, er ahnte jedoch, dass dies ein Mann hohen Ranges war. Mit grimmigem Gesicht wartete dieser, bis der ihm zu Fuß folgende Trupp Stadtsoldaten bei ihm angelangt war. Dann klopften sie alle laut und vernehmlich an die Tür des Beginenhauses und verlangten Zutritt. Die Tür wurde geöffnet und gleich nach Eintritt der Besucher wieder geschlossen. Georg kämpfte mit seiner Neugierde, hinüberzugehen, schließlich aber siegte die Angst. Er hockte sich in eine Häuserecke, von der aus er gute Sicht zu seinem Haus hatte. Geschrei kam aus dem Haus, gefolgt von Gepolter und Lärm. Derbe männliche Flüche, als es sich so anhörte, als fiele jemand eine Treppe herunter. Dann herrschte Ruhe.
Etwa zehn Minuten dauerte der Spuk.
Schließlich öffnete sich wieder die Vordertür, die Soldaten und der Priester traten heraus und führten alle Frauen des Hauses mit sich. Einige weinten, Gerlinde war darunter, das Gesicht unter einer Haube verborgen. Hildegard hielt ihren Kopf hoch, den verbissenen, tränenlosen Blick voller Hass auf den Priester gerichtet. Dieser bestieg seine Kutsche und gab das Kommando zur Abfahrt. Der Hauptmann der Soldaten zündete eine Kerze an, befestigte etwas an der Tür, verschloss diese, blies die Kerze wieder aus und marschierte mit seinen Soldaten davon, in ihrer Mitte führten sie die Frauen mit. Als alle weg waren, ging Georg vorsichtig zur Tür und schaute sich das Siegel an, welches der Hauptmann mit Wachs dort hingeklebt hatte. Hätte er lesen können, hätte er Folgendes gelesen:
›Auf Anordnung des Magistrats der Stadt Reutlingen und auf Wunsch der Heiligen Mutter Kirche und ihrer Heiligen Inquisition wurde beschlossen, die Bewohner dieses Hauses einer Befragung zu unterziehen, um antichristliche Umtriebe zu untersuchen. Bis zur Rückkehr der Bewohner bleibt dieses Haus verschlossen und darf ohne Anordnung nicht betreten werden.‹
Georg wartete den Rest des Tages und die ganze folgende Nacht vor dem Haus auf die Rückkehr der Beginen. Am nächsten Morgen hatte er sich unter Tränen damit abgefunden, dass er, obwohl erst sechs Jahre alt, bereits zum zweiten Male zum Waisenkind geworden war.
Ziellos lief er durch die Gassen von Reutlingen. Er hatte keine Ahnung, wohin er gehen sollte, und fühlte sich von Gott und der Welt verlassen. So klein er war, er wusste instinktiv, dass er keinen Büttel oder eine andere ›offizielle‹ Person ansprechen sollte. Zu heftig war die Abneigung, die er bei Gerlinde immer verspürt hatte, wenn vom Magistrat und Behörden die Rede war. Er ahnte, was ihn im Waisenhaus erwartete, wenn ihn jemand auf der Straße auflas.
Also versteckte er sich immer, sobald er einen Menschen sah, dem er das Attribut ›ehrenwert‹ verpassen würde. Er schlich zum Stadttor und wartete auf eine günstige Gelegenheit. Als er einen Karren erblickte, neben dem ein alter Mann herging, der so damit beschäftigt war, seinen Esel zu beschimpfen, dass er alles andere um sich herum nicht mehr wahrnahm, tat er, als ob er dazugehöre. Die Torwächter übersahen den kleinen Jungen, und so fand er sich bald außerhalb von Reutlingen auf der belebten, aber verdreckten und nach einem Platzregen sehr schlammigen Landstraße wieder.
Er wanderte gemächlich und ohne Ziel Richtung Westen, er wusste nicht wohin, also überließ er alles dem Zufall. Er schlief in Heuschobern oder im freien Feld. Nach ein paar Tagen stibitzte er eine Decke von einem Karren herunter, der ihn passierte. Ab da konnte er auch im Wald übernachten, wo er vor Entdeckung am sichersten war. Manchmal erbettelte er sich etwas zu beißen, meist stahl er es sich zusammen. Er brauchte nicht viel. In der zweiten Woche seiner Wanderung nach nirgendwo lief ihm ein kleiner herrenloser Hund über den Weg. Die beiden freundeten sich schnell an, und fortan liefen sie zu zweit. Georg fühlte sich sicherer mit seinem neuen vierbeinigen Begleiter, dem er trotz seiner kleinen Erscheinung den Namen ›Fafnir‹ gab. Gerlinde hatte ihm zur guten Nacht gerne alte Geschichten erzählt, in denen auch ein Lindwurm dieses Namens vorgekommen war. Und mit einem Lindwurm als Begleiter, da würde ihm niemand etwas zuleide tun wollen!
Sie mieden Menschen, wo sie konnten, was auf den Wegen, auf denen sie jetzt unterwegs waren, recht einfach war. Es herrschte wenig Verkehr, und man sah bereits von Weitem, wenn sich jemand aus der Gegenrichtung näherte.
Eines Tages, Georg wusste nicht mehr, seit wie vielen Wochen er bereits unterwegs war, stolperte er, während er hinter Fafnir herlief. Er fiel hin und schlug sich das Knie auf. Während er weinend und blutend am Wegesrand saß und Fafnir ihn tröstend abschleckte, kam ein Karren daher, der von zwei Ochsen gezogen wurde. Überbordend beladen, an allen Seiten hingen klappernde und scheppernde Gerätschaften herunter, machte er einen solchen Lärm, dass Georg für einen Moment seine Schmerzen vergaß und den Mann anschaute, der auf dem Kutschbock saß.
»Was ist geschehen?«, fragte dieser, hielt an und stieg herunter. Ein klein gewachsener Mann stand vor ihm, nicht mehr der Jüngste. In seiner Leibesmitte wölbte sich ein kugelrunder Bauch, der ihm den Abstieg vom Karren nicht gerade erleichtert hatte. Vorne bereits glatzköpfig, hatte er sich die letzten verbliebenen Haare hinten lang wachsen lassen und zu einem dünnen Pferdeschwanz zusammengebunden. Dunkle, vertrauenerweckende Augen sahen hinunter auf den kleinen weinenden Rotschopf. Der Mann, der roch, als sei er schon länger unterwegs, ohne sich zu waschen, war von Berufs wegen den Kummer anderer Menschen gewohnt. Mit einem Blick hatte er das Missgeschick des Jungen erfasst und lachte.
»Da hast du aber Glück, dass du auf einen Bader wie mich getroffen bist.«
Er nahm eine Handvoll Kräuter, wickelte sie in ein Tuch und knotete dieses um Georgs Knie. »Das wird die Blutung stoppen und den Schmerz lindern. Wohin seid ihr beiden eigentlich unterwegs, so ganz allein?«
Georg wurde misstrauisch, diese Frage mochte er nicht. Dennoch, und weil das Gesicht des Baders in ihm keinen Argwohn erregte, antwortete er.
»Ich weiß nicht, wir suchen einfach nur einen Platz, wo wir leben können, ohne dass ich ins Findelhaus komme.«
Der Bader wackelte mit dem Kopf und hielt seine Arme verschränkt, sodass sie auf seinem Kugelbauch auflagen.
»Das ist gar nicht gut, die Straßen sind viel zu gefährlich für einen kleinen Jungen wie dich. Und wenn du nicht weißt, wo du hin willst, wirst du nicht lange überleben.«
Der Kopf wackelte weiter, es schien eine Angewohnheit des Baders zu sein.
»Warum kommst du nicht mit mir?«, sagte der Bader. »Mein Name ist Michel, und ich ziehe durch die Lande und biete allen meine Dienste an, die sie brauchen können. Wenn du Lust hast, kannst du mein Gehilfe werden. Für deinen Hund haben wir auch Platz.«
»Ich heiße Georg Esposito, und das ist Fafnir.« Michel lachte, als er den furchterregenden Namen hörte, und streichelte dem Hund über den Kopf. »Wir kommen aus Reutlingen«, fuhr Georg fort und deutete mit der rechten Hand auf sich selbst und Fafnir.
»Mir ist aber gleich, wo wir hingehen, solange es nicht dorthin zurückgeht.«
»Keine Sorge, das liegt im Moment nicht auf meinem Weg. Wir gehen genau in die andere Richtung.«
Gesagt, getan. Georg kletterte auf den Karren des Baders, Fafnir wurde nach mehreren vergeblichen Versuchen hinaufzuspringen von diesem lachend hinaufgehoben. Der Schmerz war vergessen, jetzt konnte er endlich einmal im Sitzen reisen!
Michel war ein guter Reiseleiter, er hatte es nicht eilig und erzählte immerzu Geschichten. Von Dingen, die er auf seinen Reisen erlebt hatte, Geschichten, die ihm andere erzählt hatten, oder althergebrachte Sagen und Märchen. Georg war zu jung, um zwischen Wahrheit und Dichtung zu unterscheiden, so lauschte er allem mit der gleichen Andacht und mit meist weit offen stehendem Mund.
Ab und zu hielten sie in einem Dorf, Michel packte seine Gerätschaften aus, plauderte mit den Bewohnern, verkaufte Medizin, kurierte Wehwehchen und führte gelegentlich sogar eine kleine Operation durch. Er wurde oft mit klingender Münze bezahlt, manchmal jedoch gab es auch ein Huhn, einen Schinken oder ein schönes Stück Käse als Lohn für seine Arbeit.
Er mied die größeren Städte.
»Da sind wir Bader nicht immer so angesehen. In den Städten gibt es Medizi, die wollen uns am liebsten immer gleich zum Stadttor hinausjagen. Und solange es hier genug zu tun gibt, brauche ich nicht in die Städte zu gehen.«
Wochenlang fuhren sie in Süddeutschland herum, ohne dass Georg eine Ahnung hatte, wo sie sich befanden. Aus Wochen wurden Monate, aus Monaten Jahre. Gelegentlich schnappten sie Neuigkeiten auf der Straße auf, wie zum Beispiel, dass 1467 der Herrscher von Burgund, Philipp ›der Gute‹ gestorben war. Sein bereits mitregierender Sohn Karl ›der Kühne‹ hatte sogleich seine Nachfolge angetreten.
Georg lernte, was Michel ihm beibringen konnte, dazu gehörte neben dem Anrühren von mehr oder weniger vertrauenerweckenden Rezepturen auch ein wenig Lesen und Schreiben sowie Zählen und Rechnen.
»Wer nicht zählen und Münzen zusammenrechnen kann, wird immer behumst«, sagte Michel regelmäßig. ›Behumst‹ war eines seiner Lieblingswörter. Georg hatte es vorher noch niemals gehört. Hier, in Michels Welt, wurde grundsätzlich jeder von jedem behumst.
»Du musst lernen, aufzupassen. Die Welt ist schlecht und will meist nur dein Geld, so du welches hast. Und wenn du welches hast, achte genau darauf, wie viel du ausgibst und an wen.«
Für Georg waren diese Lektionen wertvoller als die, die mit Michels Handwerk zu tun hatten. Sie verstanden sich gut, Michel schimpfte zwar bisweilen, war aber nicht nachtragend, wenn Georg einen Fehler gemacht hatte. Dieser beherrschte das Bader-Handwerk bald perfekt, zumindest vom Standpunkt des Gehilfen aus.
Es lief aber nicht immer gut. Manchmal war ein Patient nach einer Operation verstorben, oder eine Medizin, die Michel beim letzten Besuch verkauft hatte, hatte nicht die erhoffte und versprochene Wirkung gezeigt. Dann gestaltete sich ein erneuter Besuch im Dorf schwierig. Beschimpfungen und Drohungen wurden gerufen, und bevor die Dorfbewohner handgreiflich werden konnten, ergriffen sie die Flucht. In solchen Fällen murmelte Michel noch stundenlang Verwünschungen vor sich hin und verfluchte sein schlechtes Gedächtnis.
»Ich sollte mir besser merken können, wo ich welche Tinktur verkauft habe und wem ich wo das Bein aufgeschnitten habe. Das würde mich und uns davor bewahren, in einen solchen Schlamassel erst hineinzugeraten.«
Tätliche Angriffe blieben aber aus, und so erfreuten sich alle drei bester Gesundheit, als sie im Frühling des Jahres 1468, vier Jahre, nachdem Michel Georg und Fafnir von der Straße aufgelesen hatte, nach einem Aufstieg durch einen dichten Nadelwald unversehens auf einer Anhöhe standen und Zeugen eines wahrhaft fantastischen Sonnenunterganges wurden. Die letzten zwei Tage hatte es heftig geregnet, und jetzt hatte die untergehende Sonne im Westen einen blutroten Saum über den wolkenlosen Horizont gelegt. Davor lag ein weites Tal mit steilen Hängen und einem großen Fluss mittendrin. Es war ein großartiger Anblick, den Georg nie wieder vergessen sollte.
»Das ist der Rhein, der größte Fluss in unserem ganzen Land!« erzählte Michel stolz, als wäre er der Eigentümer. »Ich war schon seit ein paar Jahren nicht mehr hier.«
Georg war überwältig von der Breite des Flusses, dem Tal, durch das er floss, überhaupt von der ganzen Landschaft. Schäumend und voll mit Schmelzwasser, das der Frühling aus den Bergen mitbrachte, wälzte sich der Rhein durch sein Bett. Niemals hätte sich Georg so etwas Gewaltiges vorstellen können. Das größte Abenteuer seines Lebens war, mit der Fähre überzusetzen. Er hatte furchtbare Angst, war jedoch andererseits fasziniert davon, über diesen riesigen Fluss zu fahren. Fafnir bellte und war begeistert, hauptsächlich deswegen, weil die Gerätschaften an Michels Karren während der Überfahrt klapperten und lärmten.
Drüben angekommen, hielten sie sich nach Süden, sie fuhren durch viele Dörfer, in denen die Menschen Weinreben anbauten. Überall gab es etwas zu tun.
Michel kehrte häufig in Gasthöfen ein und trank auch gerne mal ein Glas Wein über den Durst. Je wärmer es wurde, desto durstiger wurde er.
Er achtete nach wie vor darauf, dass er seine Arbeit ordentlich erledigte, aber manchmal war es schon lustig anzuschauen, wie er mit hochrotem, wackelndem Kopf schwankend auf seinem Karren saß und Trinklieder sang.
Auf ihrem Weg weiter rheinaufwärts sahen sie am Straßenrand zusammengekrümmt ein Bündel Mensch liegen. »Schauen wir einmal nach, was mit dem los ist«, sagte Michel. »Nicht, dass der überfallen und totgeschlagen wurde.« Sie stiegen vom Bock, beugten sich herunter und drehten den Körper um, der daraufhin ein schmerzvolles Gejammer hören ließ. »Na, zum Glück ist er nicht tot. Was ist mit dir geschehen?«, fragte Michel den Jungen, der immer noch kein Wort gesagt hatte. Er schaute ihn genauer an und sah überall Spuren von Schlägen, die Hände und Arme bluteten, der Kopf war voller Beulen. Michel riss ihm die Reste des sowieso nur noch in Fetzen herunterhängenden Hemdes vom Oberkörper und stieß einen überraschten Schrei aus. Der bestenfalls 14-jährige Junge sah aus, als hätte ihn jemand zu Tode prügeln wollen. Am ganzen Oberkörper gab es keine Stelle, die nicht malträtiert worden wäre.
»Wer ist das gewesen?«, fragte Michel, in dem Zorn aufwallte. Auch wenn es ihm Kundschaft brachte, diese Art von Gewalttätigkeit verabscheute er zutiefst.
Seltsam blassblaue Augen, die beinah durchsichtig wirkten, schauten ihn fragend an. Die kurzen, unregelmäßig stoppeligen Haare des Jungen sahen aus, als wären sie zuletzt mit einem sehr stumpfen Messer gestutzt worden.
»Und warum?«, vollendete Michel seine Frage.
Endlich öffnete der Junge den Mund: »Daniel Fischer!«, waren die beiden einzigen Worte, die er herausbrachte, bevor er erneut zusammenbrach.
Michel und Georg räumten schnell einen Teil des Wageninhalts beiseite, hoben ihn vorsichtig hinten drauf und betteten ihn behutsam. Michel behandelte die schlimmsten und offensichtlichsten Wunden und flößte ihm einen Schluck Wein ein.
»Das wird alles wieder heilen«, beruhigte er den Jungen.
»Nur deine Nase, die hat es schlimm erwischt.« Die war in der Tat regelrecht schräggehauen worden. Ohne Zweifel gebrochen, würde sie nie wieder gerade stehen.
Michel versuchte, die Nase ein wenig zu richten, erntete aber nur Schmerzgeschrei und hörte bald wieder auf.
»Das wird er überleben. Es gibt Schlimmeres als eine krumme Nase.«
Während der folgenden Stunden der Weiterfahrt schlief Daniel Fischer tief und fest. Zur nächsten Rast öffnete er die Augen und sah bereits erheblich besser drein als vorher.
»So, Daniel, nun erzähl mal genau, was dir passiert ist.« Michel platzte fast vor Neugierde.
»Mein Name ist nicht Daniel, wie kommt ihr darauf?«, sagte der Junge. »Ich heiße Bertram und bin Brauergehilfe. Besser gesagt, ich war es, bis heute morgen. Und zwar bei Daniel Fischer.«
»Ist das der Kerl, der dich so zugerichtet hat?«
Bertram nickte.
»Na, mit dem sollten wir mal ein ernstes Wort reden. Wo finde ich den Mistkerl?«
»In Straßburg, aber das ist nicht der Ort, wo ich wieder hin zurückgehen möchte.«
»So, so, Straßburg, das ist nicht mehr weit.« Michel wiegte wieder einmal seinen Kopf hin und her. »Was hast du denn angestellt, dass du so vertrimmt wurdest?« Er hatte mittlerweile festgestellt, dass Bertrams Wunden zwar schlimm aussahen und ohne Zweifel sehr schmerzhaft waren, jedoch zum Glück nicht lebensgefährlich. Er würde sich schon wieder aufrappeln. Da schadete es nichts, einmal zu erfahren, ob er die Prügel nicht unter Umständen sogar verdient gehabt hatte.
Bertram sah aus, als würden ihm jeden Moment die Tränen kommen. »Ich bin eingeschlafen bei der Arbeit. Wir hatten am Vortag von früh bis spät das Feuer geschürt, Holz herangetragen und aufgepasst, dass das Feuer nicht kleiner wird. Nach einer sehr kurzen Nacht musste ich heute Morgen auf die Biersteine achtgeben und sie im rechten Moment heranschleppen. Beim Warten darauf bin ich eingenickt und habe die Biersteine zu spät ins Brauhaus gebracht. Und was dann passiert ist, davon habt Ihr Euch ja selbst überzeugen können.«
Georg verstand überhaupt nicht, wovon er redete. Brauergehilfe, Biersteine, Brauhaus, was sollte das? Und überhaupt, wer bei der Arbeit einschlief, verdiente doch eine Tracht Prügel!
Michel und Bertram diskutierten noch eine Weile weiter, und da Michel nach Straßburg wollte, bedankte und verabschiedete Bertram sich schließlich und ging langsam, bedächtig und mit schmerzverzerrtem Gesicht rheinabwärts die Straße entlang, nur weg von Straßburg.
Daniel Fischer
Die Freie Reichsstadt Straßburg geht auf eine Gründung des römischen Kaisers Augustus zurück. Die etwa 10.000 Menschen waren stolz darauf, in einer der ältesten und gleichzeitig kleinsten Republiken des Heiligen Römischen Reiches zu leben.
Das öffentliche Leben war wesentlich interessanter als in anderen vergleichbaren Städten. Zum großen Teil war das zurückzuführen auf den Jahrhunderte dauernden Streit zwischen den beiden bedeutendsten Straßburger Patriziergeschlechtern, den Müllenheims und den Zorns. Deren Rivalität um die Vormacht war mehr als ein Mal in regelrechten Straßenschlachten ausgefochten worden. Bei einer dieser Auseinandersetzungen hatten 146 Zeugen ihre Berichte zu Protokoll gegeben und bestätigt, dass sogar Geistliche beider Familien aufeinander eingeschlagen hätten. Für das Rathaus der Stadt waren kurioserweise – und einzigartig in Europa – zwei Eingänge eingerichtet worden, einer für die Müllenheims, einer für die Zorns. Sie gingen sich aus dem Wege, wo sie nur konnten, sogar am Flüsschen Ill, das durch Straßburg fließt, waren die Ufer nach Familien geteilt: Es gab einen Kai Müllenheim und einen Kai Zorn.
Straßburg blickte nicht nur auf eine lange Geschichte zurück, sondern war auch eine kulturelle Hochburg. Vergessen waren die finsteren Zeiten, als 1349 bei einem der größten Pogrome des Mittelalters bis zu 3.000 Juden öffentlich verbrannt und die Überlebenden der Stadt verwiesen worden waren. Zwar war es Juden immer noch bei Todesstrafe untersagt, sich des Nachts innerhalb der Stadtmauern aufzuhalten, tagsüber jedoch liefen alle Geschäfte wieder ihren geregelten Gang. Der Drucker Johannes Mentelin hatte zwei Jahre zuvor in Straßburg die erste Bibel in deutscher Sprache gedruckt und war dafür von Kaiser Friedrich III. mit einem Wappen belohnt worden. Dadurch hatte er, zusammen mit dem Straßburger Münster, dem höchsten Gebäude der Welt, den Ruhm der Stadt durch das ganze Reich getragen.
Während auf der anderen Seite des Rheins sowie im Sundgau, südlich von Straßburg, im sogenannten Waldshuterkrieg eidgenössische Truppen plündernd und marodierend durch die Gegend zogen und zahlreiche Dörfer dem Erdboden gleichmachten, um es den österreichischen Adligen, die sich im Namen der Habsburger dort wie die Raubritter aufführten, heimzuzahlen, herrschten in Straßburg Zufriedenheit und Optimismus.
Auch die Brauwirtschaft Straßburgs hatte in den letzten 20 Jahren einen unerhörten Aufschwung erlebt. Eigentlich war das Elsass immer eine Weingegend gewesen. In der Nacht zum Palmsonntag 1446 aber hatte es zu regnen und zu schneien begonnen, und in nur einer Nacht waren alle Reben im gesamten Elsass erfroren. Für die Maß Wein wurden auf einmal ganze sieben Pfennige verlangt. Wein gab es also nur noch für die Reichen, die zudem ihre Keller für die ärmere Bevölkerung nicht öffneten. So fingen die findigen Straßburger an, verstärkt Bier zu sieden. Innerhalb von 20 Jahren eröffneten 40 neue Bierschenken in Straßburg. Die Stadt erhöhte daraufhin die Biersteuer, die in Straßburg ›Umgeld‹ genannt wurde, auf einen Schilling von 13 Schillingen2. Sogar mit diesem Umgeld war das Bier viel günstiger als der Wein.
Einer dieser neuen Straßburger Brauer war Daniel Fischer. Fischer war noch jung, erst Ende 20, aber im Jahre 1468 bereits auf dem besten Wege, ein reicher Mann zu werden.
Hatte er zuerst nur für seine eigene Schenke Bier gebraut, rannten ihm mittlerweile Schenkenwirte aus der ganzen Umgebung die Türe ein.
Der Grund lag nicht nur darin, dass Fischer sich aus dem Familienzwist der Müllenheims und Zorns heraushielt – die meisten Geschäftsleute ergriffen immer Partei für eine der beiden Familien –, sondern auch darin, dass Fischer einfach das beste Bier weit und breit herstellte. Er hatte einige Reisen unternommen, um so viel wie möglich übers Bierbrauen zu lernen, war in Nürnberg, Hamburg und Köln gewesen, sogar in Einbeck hatte er in die Töpfe geschaut.
Und so hatte er sich entschlossen, sein Bier nur mit Hopfen zu würzen und auch sonst bei der Rezeptur nur das Beste an Rohstoffen einzusetzen.
In seinem Sudhaus in der Brüderstraße in der Nähe des Münsters hing ein Schild, auf das er mit ungelenker Schrift geschrieben hatte:
»Mit dem zahmen Hopfen tut man großen Fleiß.
Ohne diese Blumen wird man nicht viel gutes Bier mögen machen.«
Der Erfolg gab ihm bald recht, und das Geld floss nur so herein.
Er hatte sein Haus aus Stein erbauen lassen, sodass er neben den öffentlichen, sogenannten ›Ofenhäusern‹ einer der wenigen Brauer war, die immer brauen durften. Es hatte durch die dichte Bauweise einige verheerende Brände in Vierteln mit Holzhäusern gegeben, bis das Brauen in Privathäusern verboten worden war.
Leider teilte er seine Erfolge nicht mit seinen Mitarbeitern. Er war für seinen Jähzorn bekannt, seine plötzlichen Gewaltausbrüche, und mehr als einmal hatte er einen Knecht wegen eines kleinen Fehlers aus dem Haus geprügelt. In dem Moment, wo er sich zornig mit beiden Händen in seinen gewaltigen Backenbart griff, war es das Beste, schnell Reißaus zu nehmen. Dann wurde es gefährlich.
Keiner seiner Brauknechte kannte auch nur eine der Rezepturen, und so manche derjenigen, die in sieben Jahren für ihn geschuftet hatten, hatten ihre Neugier mit Schlägen bezahlen müssen. Am liebsten prügelte er mit den Latten der Holzfässer, die in seiner Werkstatt herumlagen. Wie die meisten Brauer, die alle nur im Winter Bier herstellen konnten, arbeitete Fischer im Sommer als Küfer, soweit er nicht das Brauhaus auf den Herbst und die Brausaison vorbereitete.
Ein Stück Holz lag daher immer griffbereit, wenn ihm die Hand locker saß.
Sein Ruf hatte mittlerweile die Runde gemacht, sodass ihm nicht nur die Suche nach neuen Mitarbeitern schwerfiel, auch die Frauen, die ihn interessierten, wandten sich schnell ab und suchten das Weite.
In schöner Regelmäßigkeit saß er daher als Letzter noch in seiner Schenke und trank, bis er wie leblos von der Bank fiel.
Dennoch war der Fischerbräu regelmäßig voll.
Daniel hatte nicht nur gutes Bier anzubieten, sondern auch sein Essen ragte aus der breiten Masse heraus. Er kochte mit Bier, salzte und pfefferte viele Gerichte trotz der immer weiter steigenden Gewürzpreise so heftig, dass man glaubte, sich am Hofe eines Herzogs zu befinden. Seine Biersuppe wurde weithin gerühmt.
An diesem Morgen war Fischer auf der Suche nach einem neuen Brauburschen. Er musste klein und dünn sein, um in alle Töpfe reinklettern zu können, gleichzeitig aber kräftig, drahtig und zäh. Denn Daniel Fischer verlangte seinen Brauburschen körperlich alles ab. Wer da schlappmachte, wurde mit Schimpf und Schande davongejagt. Und wer richtig Pech hatte, so wie am gestrigen Morgen der Braubursche Bertram, der erhielt zum Abschied noch Prügel mit der Fasslatte.
Währenddessen hielten Michel, Georg und Fafnir mit ihrem schaukelnden und lärmenden Wagen Einzug in die Stadt. Da Michel lange nicht mehr hier gewesen war, hatten sie nichts zu befürchten von unzufriedenen Kunden. Sie machten Quartier in einer preiswerten Schenke, dem ›Schwarzen Schwan‹, die ihnen empfohlen worden war. Am nächsten Tag wollte Michel einmal Fischers Brauhaus aufsuchen und ein paar Takte mit Daniel reden.
»Damit der sich so was nicht angewöhnt, seine Burschen so durchzuprügeln!«
Dazu sollte es jedoch nicht mehr kommen.
Beim Abendessen im ›Schwan‹ langte Michel kräftig zu. Georg erhielt seine übliche Ration Suppe und Bier, aber Michel war so angetan vom Straßburger Bier, dass er einen Krug nach dem anderen in sich hineinschüttete.
Georg ging derweil in die Kammer und legte sich auf den Boden, nahm etwas Stroh und schlief sofort ein.
Kurze Zeit später, so kam es ihm vor, rüttelte ihn jemand sehr unsanft wach.
Der Schwanenwirt stand vor ihm und rief: »Schnell, steh auf. Dein Vater ist schwer verletzt.«
Georg stolperte schlaftrunken die Stiege hinunter, undeutlich hallte in seinen Ohren nach, dass Michel und er anscheinend für Vater und Sohn angesehen wurden, und sah gleich hinter der Tür Michel blutend auf einer Bank liegen. Auf der gleichen Bank, auf der dieser noch kurze Zeit vorher mit anderen Zechern, schäumend vor Bierseligkeit, sich den Hintern platt gedrückt hatte.
»Der alte Trottel hat sich in einen Raufhandel verwickeln lassen. Dabei ging es nur um einen Streit, wo das beste Bier herkäme«, erzählte der hochgradig erregte Wirt. »Deinem Vater hat unser Bier zwar sehr zugesagt, aber er behauptete, es sei nur das zweitbeste, das er jemals getrunken habe.«
Ein ebenfalls aufgeregter Gast mischte sich ein.
»Und das war unserem stadtbekannten Raufbold Anselm nicht gut genug. Anselm hat zwar schon einiges auf dem Kerbholz, aber so wie heute ist er noch niemals in Zorn geraten.
Erst haben die beiden einander mit Krügen auf die Schädel geschlagen, dann hat Anselm kurzerhand sein Messer gezückt und Michel abgestochen wie eine Sau.«
Michel stöhnte vernehmlich, das Blut lief trotz einer Bandage aus der großen Wunde in seinem Bauch.
Fafnir saß vor Michels Bank und bellte, fast so, als erfasse er den Ernst der Situation.
»Wir haben nach dem Medikus gerufen, aber der ist gerade woanders. Wenn es noch lange dauert, werden wir ihn nicht mehr brauchen.« Der Wirt war der Verzweiflung nahe.
»Noch niemals ist im ›Schwan‹ jemand erstochen worden. Mein guter Ruf ist ruiniert!«
Er dachte bereits wieder pragmatisch, ohne Emotionen.
Dass den Straßburgern dieser Pragmatismus zu Recht nachgesagt wurde, belegte die nächste Äußerung eines weiteren Gastes, dessen hervorstechendes Attribut sein fauliger Atem war.
»Sollte der Bader sterben, würde ich seinen Wagen und seine Gerätschaften kaufen.«
Georg sah ihn entsetzt an.
Und als hätte Michel nur auf das Stichwort gewartet, bäumte er sich noch einmal auf, tat einen letzten Schrei und sank zurück auf die Bank. Seine Augen verloren innerhalb einer Sekunde ihren Glanz, alles Leben war aus seinem Körper entwichen.
Die Frau des Wirts, eine kugelrunde Person mit dicken Pausbacken, die bis dahin versucht hatte, mit der Bandage den Blutfluss an Michels Wunde zu stoppen, fing zu weinen an. Der Wirt verdrehte die Augen und murmelte etwas, das wie ein Gebet klang, es könnte aber auch ein gotteslästerlicher Fluch gewesen sein.
Georg verstand die Welt nicht mehr, war er jetzt etwa schon wieder allein und auf sich selbst gestellt?
Irgendwann erschien der Büttel, Georg hatte kein Zeitgefühl mehr. Alles war wie verschwommen in seiner Wahrnehmung.
Der Büttel stellte sachlich Michels Tod fest, konstatierte, dass Anselm zur Verhaftung ausgeschrieben und ein Prozess feststellen werde, ob dieser in Notwehr oder nicht gehandelt habe.
Dann fragte er nach Michels Besitz, erklärte Georg zum nächsten Angehörigen und somit Alleinerben von Michels Nachlass. Er ließ sich von Georg Michels Geldkatze zeigen, nahm ein paar Münzen heraus, »für die Totengebühr und als Vorschuss für das Begräbnis«, wünschte eine gute Nachtruhe und verließ die Schenke.
Michel wurde noch in der Nacht abgeholt und gleich am nächsten Tag begraben.
Der Gast, der Interesse an Michels Gerätschaften und Fahrzeug angemeldet hatte, wollte am Tag wiederkommen. Georg sagte zu, aber ohne wirklich zu verstehen, was vor sich ging. Der Wirt versprach Georg, ihm bei der Verhandlung zu helfen, wobei sich Georg eindringlich an Michels Angst erinnerte, ›behumst‹ zu werden.
Natürlich ließ sich der Wirt seine Hilfe teuer bezahlen, dennoch war der Preis, den er für Georg dann aushandelte, gut genug, um diesem eine prall gefüllte Geldkatze zu übergeben.
Viel Geld für einen zehnjährigen Jungen …
»Was wirst du jetzt machen, so ganz allein?« Ob der Wirt dies wirklich wissen oder nur höflich zu dem Trauernden sein wollte, konnte Georg nicht ausmachen.
Georg wusste ebenfalls nicht, ob der Wirt ihn als Waise melden musste, daher sagte er vorsichtshalber schnell:
»Ich weiß nicht, meint Ihr, ich kann eine Weile hier in der Stadt bleiben? Später gehe ich zurück nach Reutlingen. Da wohnt eine Tante von mir.«
Das war gleichwohl das Letzte, was er vorhatte.
Der Wirt durchschaute ihn gleich, grinste nur und sagte:
»Sicher, in der Stadt findest du immer Arbeit. Pass nur auf deine Geldkatze auf und lass sie dir nicht stehlen. Du kannst dir aber auf jeden Fall erst einmal leisten, ein paar Tage hier wohnen zu bleiben, bis du etwas anderes gefunden hast.«
Obwohl Georg wenig Vertrauen in den Wirt hatte, viele Möglichkeiten blieben ihm nicht. Immerhin hatte ihn der Wirt nicht bestohlen.
Er versteckte das Geld an einem sicheren Ort und machte sich daran, Straßburg zu erkunden.
Erst Tage danach, als sich seine Trauer um Michels Tod bereits gelegt hatte, bemerkte er, dass er gar nicht erfahren hatte, welches Bier nach Michels Meinung denn die Krone verdient hätte. Daher beschloss er, es für sich selbst herauszufinden.
»An dem Trank muss ja etwas dran sein, wenn sich Menschen deswegen totstechen«, dachte er für sich.
Als Georg ein paar Tage später in Fischers Brauhaus zur Tür eintrat, war Daniel gerade damit beschäftigt, die atemberaubendste Frau, die seit langer Zeit bei ihm zu Gast gewesen war, zu überreden, das Nachtlager mit ihm zu teilen. Groß, schlank, mit langen schwarzen Haaren wie eine Zigeunerin, lehnte sie an der Theke, die dunklen Augen voller Glut, die ihn beinahe so faszinierten wie ihre vollen Brüste, die frivol unter ihrem knappen Kleid hin und her hüpften.
Sein Gast, Sonja hieß sie, war auf der Durchreise und während des Abendessens mit anschließender Zecherei in einen heftigen Streit mit ihrem Reisebegleiter, Verlobten oder Beschützer geraten; Daniel konnte dessen wirkliche Bedeutung nur raten; der Streit war in einer fremden Sprache ausgetragen worden, die Daniel lediglich als osteuropäisch erkannt hatte, mehr aber nicht.
Auf jeden Fall war der Mann wutentbrannt hinausgestürmt, nicht ohne der guten Ordnung halber ein paar Münzen »für den Fraß und das Gesöff« auf den Tisch zu werfen.
Den Umstand, dass diese Münzen weder für die Zeche noch für ein Nachtquartier ausreichten, versuchte Daniel sich gerade zunutze zu machen, als jemand ihn am Ärmel zupfte.
»Kann es sein, dass Ihr einen Brauburschen sucht?« fragte Georg forsch.
»Schleich dich, siehst du nicht, dass ich beschäftigt bin, oder magst du dir eine Backpfeife einfangen?«
Daniels schroffe Art hatte wieder einmal die übliche abschreckende Wirkung auf die Weiblichkeit. Das Gesicht der Frau erstarrte. Weil Fischer diesmal aber wirklich Feuer gefangen und schon seit längerer Zeit allein geschlafen hatte, änderte er seine Strategie, sobald er die Veränderung bei Sonja bemerkt hatte. Diese hatte Georg über den Kopf gestreichelt, also entgegnete Daniel etwas freundlicher:
»Woher weißt du das? Ich suche tatsächlich einen Burschen. Setz dich da rüber.«
Er zeigte auf einen leeren Platz.
»Lass dir etwas zu essen und zu trinken geben. Du kannst neben der Feuerstelle schlafen, wenn du sonst keinen Platz hast. Morgen reden wir weiter.«
Georg nickte und grinste, obwohl er im ›Schwarzen Schwan‹ übernachten könnte.
Die Frau aus dem Osten feixte ihm zu.
Daniel winkte Georg davon.
»Gute Nacht, lass uns jetzt in Ruhe.«
Georg bekam Suppe und Bier, Fafnir etwas Wasser. Er hatte mit Michel mehrmals Bier getrunken, so wusste er, dass zwei Krüge für guten Schlaf sorgten, ihm von mehr jedoch schlecht wurde.
Während er seinen zweiten Krug vor sich hatte, bemerkte er, dass Daniel seine glutäugige Osteuropäerin unverhohlen und mit ihrer Billigung tätschelte und sie bald darauf die Stiege hinaufschickte.
Ausnahmsweise war er einmal nicht der Letzte, der seine Schankstube verließ.
Das überließ er diesmal Adelheid, der guten Seele seines Brauhauses. Adelheid, die auch Georg verköstigt hatte, ohne Fragen zu stellen – sie war es gewohnt, dass Daniels Burschen abends neu eingestellt wurden –, war der einzige Mensch, gegen den Daniel Fischer niemals die Hand erhoben hätte.
Was aber auch daran lag, dass sie Daniels Mutter war.
2 Einer von 13 Schillingen entspricht etwa 7,7 Prozent.
Bertram
Nachdem er sich von Georg und Michel getrennt hatte, wanderte Bertram langsam, so gut es seine geschundenen Gliedmaßen zuließen, rheinabwärts.
Er wusste nicht, wo es hinging, niemals zuvor hatte er Straßburg verlassen. Aufgewachsen als Sohn eines einfachen, armen Kesselflickers, hatte er sich immer mit Gelegenheitsarbeiten am Leben gehalten. Die Arbeit bei Daniel Fischer war seine erste längerfristige Arbeit gewesen, beinahe ein Jahr lang hatte er es dort ausgehalten.
Der regelmäßige, wenn auch karge Lohn war ihm wichtiger gewesen als die ebenso regelmäßigen Schläge, besonders, als kurz nacheinander beide Eltern gestorben waren.
Jetzt hielt ihn nichts mehr in Straßburg, er wollte nur noch fort und Neues kennenlernen. Aber während er so dahinwanderte, begann er Daniel Fischer zu vermissen. Nein, nicht so sehr Daniel, den wollte er sein Lebtag nicht mehr wiedersehen, sondern dessen legendäre Biersuppe. Und je mehr der Hunger in seinen Eingeweiden wütete, desto mehr war Bertram sicher, dass diese Biersuppe das leckerste, köstlichste und wunderbarste Gericht war, das er jemals gegessen hatte.
Jeden Morgen vor Arbeitsbeginn hatte als Frühstück ein Topf davon über dem Feuer gehangen.
Nun sehnte er sich so danach, dass er gerne ein paar Schläge dafür in Kauf genommen hätte.
»Einen Esel muss man ja auch antreiben«, entschuldigte er sogar vor sich selber Daniels regelmäßige Unbeherrschtheiten.
Im nächsten Ort erbettelte er sich etwas zu essen, er hatte fast kein Geld, Fischers Lohn hatte nicht ausgereicht, um etwas zurückzubehalten. Die wenigen Pfennige, die er bei sich trug, hütete er daher wie einen Schatz.
Langsam verheilten seine Wunden, und er kam schneller voran, je besser er genas. Bei Worms lernte er während einer Rast einen kleinen, aber sehr muskulösen Mann kennen, der sich ihm als Emmerich vorstellte und der eine Reisegruppe anführte. Emmerich hatte sogleich erkannt, dass Bertram allein und ziellos unterwegs war, und fragte ihn, ob er mit ihnen reisen wolle. Bertram hatte kein Geld, aber Emmerich bot ihm sogar einen kleinen Lohn an, wenn er als Hilfe beim Tragen und zum Schutz bei Überfällen mitreiste.
»Kannst du mit Waffen umgehen? Du siehst jung, kräftig und geschickt aus. Je zahlreicher wir sind, desto sicherer sind wir vor Überfällen.«
Bertram bejahte und fragte:
»Wohin geht denn die Reise?«
»Wir haben zwei Kaufleute, die nach Trier möchten, von da geht es mit der restlichen Gruppe weiter nach Köln. Und der Weg von Worms nach Trier ist nicht ohne Gefahren.«
Bertram sagte sofort zu, das Angebot hatte auf den ersten Blick nur Vorteile für ihn, er war sicherer, nicht mehr allein, hatte Unterhaltung und verdiente sogar Geld auf der Reise.
Den gelegentlichen Spott über seine schiefe Nase, die in dem mittlerweile ausgeheilten Gesicht ziemlich deplatziert wirkte, überhörte er geflissentlich.
Auf dem Weg durch die Pfalz wurden sie immer wieder vor Räubern und Wölfen gewarnt. Nachdem sie Annweiler mit seiner mächtigen Burg Trifels passiert hatten, gerieten sie in den dichten Pfälzer Wald.
»Nun müssen wir achtgeben. Wir werden den Weg von Speyer über Saarbrücken nach Metz verlassen und weiter durch den Hunsrück in Richtung Trier reisen.«
So verlautbarte ihr Führer.
»Wir wären nicht die Ersten, denen hier ein Unglück widerfährt. Schon Richard Löwenherz wurde hier auf dem Rückweg vom Kreuzzug gefangen genommen und auf dem Trifels gefangen gesetzt.«
Bertram wusste zwar weder, was ein Kreuzzug, noch wer Richard Löwenherz war, aber spannende Geschichten vertrieben die Langeweile auf der Reise.
»Weit gefährlicher als marodierende Raubritter sind jedoch die Wölfe hier in dieser Gegend!«
Emmerich prahlte mit seiner Reiseerfahrung.
»Wölfe sind böse, gierig und falsch. Sie sind alles das, was wir Menschen verachten. Sie sind Kreaturen des Teufels!«
Während einige aus ihrer Gruppe erschrocken dreinsahen, lachten zwei junge Männer über die Bemerkungen. Ihrem Gewand nach zu urteilen, kamen sie aus der Stadt und waren die beiden Kaufleute, die nach Trier wollten.
»Lacht nur, ihr Narren, das wird euch noch vergehen«, sagte Emmerich.
Das Lachen verging ihnen tatsächlich, als sie die ersten beiden Männer am Wegesrand fanden. Es war offensichtlich, dass hier Räuber am Werk gewesen waren. Sie hatten ganze Arbeit geleistet und nicht nur die Schädel der beiden eingeschlagen, sondern auch alle Kleidung geraubt.
Stunden später fanden sie die ersten Wolfsopfer. Eine ganze Familie, Vater, Mutter und drei kleinere Kinder, hatte sich anscheinend ohne Geleitschutz auf den Weg nach Trier begeben. Alle fünf waren von den wilden Tieren übel zugerichtet worden. Komplett ausgeweidet, Arme und Beine zerbissen und abgenagt, die Kleidung zerfetzt, konnte man lediglich an den Köpfen noch menschliche Gestalten erkennen.
Emmerich bekreuzigte sich und schickte sogleich ein Gebet an den heiligen Wolfgang, den Beschützer vor Wölfen.
Bertram war nicht der Einzige, der bei diesem Anblick vom Wagen sprang und sich erbrach. Auch die beiden vornehmen Städter spuckten nach Leibeskräften.
Emmerich, desgleichen Anblick scheinbar gewohnt, befahl rasch, eine Grube auszuheben und die Opfer zu bestatten.
»Sonst zieht es noch mehr dieser Bestien an.«
Ein kurzes Gebet, dann zogen sie weiter.
Der weitere Weg nach Trier verlief ohne besondere Vorkommnisse.
In Trier verließen die beiden Kaufleute die Truppe, ein Kaufmann sowie eine Familie mit vier Kindern stießen hinzu, die alle nach Köln wollten. Schließlich noch zwei Nonnen, die dies ohne Geleitschutz nicht zuwege brächten und die Emmerich aus Anstand, und weil dies so üblich war, umsonst mitreisen ließ.
Am Ende des ersten Tages machte die Gruppe Rast in Bitburg. Die Stadt hatte, wieder einmal, schwere Zeiten hinter sich, die Bevölkerung war durch Krieg, Hungersnot und Krankheiten auf weit unter 2.000 Einwohner reduziert worden, ganz langsam ging es jedoch wieder aufwärts.
Bitburg gehörte im Jahr 1468 zwar offiziell zu Luxemburg, war jedoch 14 Jahre zuvor gegen 500 rheinische Gulden an den Grafen Robert zu Virneburg verpfändet worden.
Luxemburg hingegen hatte seit geraumer Zeit durch die Heirat von Elisabeth von Luxemburg mit dem Habsburgerkaiser Albrecht II. dem österreichischen Haus Habsburg gehört, aber durch Ende dieser Linie und Vererbung auf den Herzog von Sachsen waren die Besitzverhältnisse sehr turbulent geworden.
Auch der Herzog von Burgund hatte nämlich mittlerweile Ansprüche auf Luxemburg angemeldet. Dieser Herzog nannte sich Karl der Kühne und wurde später gerne als letzter Vertreter feudalen Geistes gesehen, als ein Mann, dessen hervorstechende Tugend seine blinde Tapferkeit war.
Luxemburg hatte schon immer eine bedeutende Rolle für die burgundische Politik gespielt, da es ein wichtiges Bindeglied zu den niederländischen Besitzungen der Burgunder war, wie Brabant, Limburg und Holland. Auch Karl der Kühne verfolgte den ehrgeizigen Plan, Erwerbungen zu einem Burgund, das den Namen ›Königreich‹ wirklich verdiente, zusamenzufassen.
Nachdem Albrechts Nachfolger, Kaiser Friedrich III., schließlich die 500 Gulden bezahlt hatte, gehörte Bitburg de facto wieder zum Habsburgerreich. Ruhe war dennoch nicht eingekehrt, nur die unmittelbare Kriegsgefahr schien einstweilen gebannt.
Die Nonnen konnten im Hospiz der dortigen Stiftkirche St. Maximin übernachten, die anderen Reisenden suchten einen Gasthof auf. Auf ihre Frage nach guter, preiswerter Kost und gutem Bier wurde ihnen Flügels Brauergasthof der ›Feiste Römer‹ in der Petersgasse3 empfohlen.
»Seit über 100 Jahren gibt es hier das beste Bier der Stadt!«, lobpreiste ihr Gastgeber die Schenke.
Bertram spitzte die Ohren.
Das war das erste Mal, dass er wieder in die Nähe einer Brauerei kam.
Vielleicht gab es dort Arbeit für ihn.
Auf dem Weg zum ›Römer‹ kamen ihnen bereits einige stark schwankende Gestalten entgegen, vor der Tür lagen links und rechts zwei im Rinnstein.
»Das Bier hier scheint recht stark zu sein«, lachte Emmerich.
Als sie in den gut gefüllten Römer eintraten, genossen sie erst einmal die Wärme, den Lärm und den Geruch nach Essen und Bier, der dort herrschte. Auf der Reise hatten sie bislang wenig Lobenswertes erlebt, was die Verpflegung betraf.
Immer nur Weizenbrot, Hafergrütze, dünnes Bier und etwas Gemüse, das war sättigend, aber nicht wirklich ein Genuss.
Emmerich ließ sich nicht lumpen und lud Bertram ein.
»Du bist ein guter Begleiter, sollst dich auch einmal satt essen.«
Von seinen Ersparnissen hätte Bertram nicht einmal die vier Pfennig ausgegeben, die ein großer Krug Wein oder ein Laib Brot kostete. So aber langte er zu.
Das Bier war köstlich, aber doch etwas dünner, als Bertram es von Straßburg her gewohnt war; braun und schäumend stand es im Krug. Sie merkten schnell, dass das ›Römerbier‹, entgegen ihrer ersten Prognose, nicht so stark war und tranken eines mehr.
Zu essen gab es eine Spezialität des Hauses: Laganum, dünn ausgerollte Teigfladen, die in mehreren Schichten abwechselnd mit Gemüse und Käse belegt und im Ofen gebacken wurden.
»Mensch, die sind ja gastfreundlicher als das Haus Abrahams!«
Emmerich war hellauf begeistert, genau wie alle anderen.
Das war das Raffinierteste, was alle jemals gegessen hatten.
»Ich esse ja sonst am liebsten eher grobes Fleisch, das hält Leib und Seele zusammen. Aber dies hier ist einfach köstlich!«
Bertram versuchte, sich an den anderen Tischen umzuhören, bevor er den ›Römer‹-Praxator direkt um Arbeit anfragen wollte.
Das war leicht, weil alle, durch das gute Bier befeuert, lautstark redeten und der Lärmpegel ständig stieg. So hörte er, dass man in den Städten, die in der Nähe zu Frankreich lagen, leichter die Bürgerrechte erhielt.
»In Frankreich hat es in den letzten 100 Jahren die Hälfte der Bevölkerung dahingerafft, durch Hunger und Pest«, ereiferte sich einer.
»Auch hier in Eifel und Moselland gab es viele Tote«, so ein Zweiter.
»Wir haben aber seit 20 Jahren keine Missernte mehr gehabt«, ergänzte ein dritter Zecher. »Die neuen Methoden wie das, was die Bauern ›Drei-Felder-Wirtschaft‹ nennen, verhelfen ihnen zu besseren Ernten.«
»Und die neuen Mühlentechniken erst. Da geraten das Brot und das Mehl viel besser«, fuhr der Erste fort.
»Die Städte füllen sich wieder«, kam der Zweite zurück zum Thema. »Und wer was kann, der kann hier leicht Bürger werden.«
Das lag für Bertram zwar in weiter Ferne, er war viel zu jung und hatte zu wenig Geld, aber in einer aufstrebenden Stadt gab es sicher Arbeit für ihn.
3 siehe ›Der Bierzauberer‹.
Dieter de Foro
Der Brauer Dieter vom Markte war ein abgrundtief schlechter Charakter. Der Nachkomme von Peter de Foro betrieb das Brauhaus ›Zum Lüsternen Eber‹, das seit über 200 Jahren in der Nähe des Hospitals lag. Die beiden anderen, von Niklas Hahnfurt4 gegründeten Brauhäuser Bitburgs, ›Römer‹ und ›Arschleder‹, waren nach Peters plötzlichem Tod 1281 von der Familie La Penna übernommen worden. Latinisierte Namen waren aus der Mode gekommen, so nannten sich die La Pennas mittlerweile ›Flügel‹. Deren Brauhäuser florierten, während die de Foros/vom Markte mehr schlecht als recht und nur mithilfe ihres sonstigen großen Reichtums den ›Eber‹ durch die letzten 200 Jahre hatten manövrieren können.
Dieter war der letzte männliche Nachkomme der de-Foro-Familie und, wenn kein Wunder geschah, würde das alte Stadtadelsgeschlecht mit ihm in männlicher Linie aussterben. Er hasste Kinder nämlich, und das, was er am wenigsten vom Leben erwartete, war, mit einer Frau in Familienbanden zu leben.
»Womöglich mit einer, die nach dem dritten Kind nur noch fett und nörgelnd hinter mir herläuft«, pflegte er mürrisch von sich zu geben.
Gerne ließ er sich nach ein paar Bier darüber aus:
»Ich möchte keinen schreienden, keifenden Nachwuchs. Die seit Generationen überlieferten göttlichen Strafgerichte, die mal als Hungersnot oder Missernte, mal als Seuche über uns kommen, zeigen doch überdeutlich, dass zu viele Menschen auf der Erde die vorgegebene Ordnung zerstören würden, wie schon Aristoteles gemahnt hat. Von mir aus kann das Menschengeschlecht gerne vom Angesicht der Erde verschwinden.«
Dann betrachtete er amüsiert den Schrecken in den Gesichtern seiner Zuhörer und brach in meckerndes Gelächter aus.
Misanthropie war jedoch nur eine seiner schlechten Seiten.
Verschlagen, hinterhältig, schweigsam und illoyal, war Dieter nur seinen eigenen Interessen und Neigungen verpflichtet, nämlich Bier, gutem Essen und Musik.
Dem Ersten und Zweiten in einem Maße, dass es an Völlerei grenzte, dem Letzteren in einem Ausmaß, das an Götzendienst gemahnte. Aber mit Geboten oder kirchlichen Regeln wie Todsünden gab er sich erst gar nicht ab. Seine sonst übliche Schweigsamkeit überwindend, rechtfertigte er so zum Beispiel volltönend die von ihm mit schöner Regelmäßigkeit abgehaltenen Fress- und Saufgelage, sobald er keinen Denunzianten in seinem Brauhaus glaubte:
»Fasten ist etwas für Idioten. Wenn alle Leute lesen könnten oder die Pfaffen es euch aus der Heiligen Schrift übersetzten, dann wüsste ein jeder, dass Jesus und die Propheten viel gefastet haben. Bis zu 40 Tage. Und dass sie es zum Kotzen fanden!«
Seine große, hagere Gestalt sprach seinem Lebenswandel Hohn.
»Seid froh, in der Stadt zu leben«, sagte er gerne.
»Hier dürfen wir sogar in der Fastenzeit Butter essen.«
Diesen Ausspruch unterstrich er, indem er mit der Hand in den Butterteller langte und ein großes Stück, ohne Brot oder sonstige Beilage, in sich hineinstopfte. Manch einem wurde dabei bereits vom Zusehen übel.
Seine Haare wurden zusehends dünner, aus Eitelkeit kämmte er sie nach vorne, was ihm ein leicht groteskes Aussehen verlieh. Sein fahles Gesicht mit den hervorspringenden Wangenknochen unterstrich dies noch.
Obwohl sein Bier bestenfalls Mittelmaß war und er das gute Essen meist nur sich selbst gönnte, war sein Brauhaus regelmäßig zum Bersten voll. Das lag ausschließlich an seinen erlesenen musikalischen Darbietungen. Es gelang ihm immer wieder, die besten fahrenden Sänger und Musikanten zu engagieren.
In Trier wie in Köln gab es bereits Meistersinger-Schulen, sodass deren Schüler auf der Reise häufig in Bitburg Station machten. Begleitet von Flöten, Dudelsäcken und Handtrommeln, sangen die Fortgeschrittenen unter den Sängern bereits mehrstimmig. Obwohl die Lehre der großen Pariser Magister Leoninus und Perotinus von der Mehrstimmigkeit bereits seit Längerem an den Meistersinger-Schulen gelehrt wurde, galt ein derartiger Vortrag in einer Schenke doch als etwas unerhört Neues. Die Menschen waren ganz verrückt danach und drängten in die Vorstellungen, egal was es kostete.
An diesem Abend war es eher ruhig. Keine Musik, wenige Gäste.
Dieter war derlei gewohnt.
Da er am nächsten Tag Bier brauen wollte, war es ihm aber recht, da konnte er zeitig zu Bett gehen.
Er plante, ein neues Rezept auszuprobieren. Ein Bier mit Zusatz von Queckenwurzel und Runkelrüben. Nach seiner Vorstellung sollte das Bier damit bernsteinfarben bis rötlich herauskommen.
»Dazu ein wenig Wermut und Wacholder. Das wäre doch mal was anderes als die dunkle, bittersüße Brühe, die von den Flügels hergestellt wird«, murmelte er vor sich hin.
Ihm graute nur vor der Arbeit, die Runkelrüben klein zu hacken.
»Mein Brauerbursch wird dazu keine Zeit haben, muss ich es wohl selber machen.«
Da fuhr ein Windstoß durch die fast leere Schenke: Die Tür wurde geöffnet.
Ein Junge stand im Eingang, ging auf ihn zu und fragte:
»Seid Ihr der Brauherr Dieter? Man ruft mich Bertram, und ich suche eine Arbeit als Brauerbursch! Der Flügel-Pierpreu vom ›Römer‹ hat mich zu Euch geschickt.«
»Was denkst du dir, du Bauerntölpel, dass du mich einfach so anreden darfst! Meine Familie ist seit Erlangung der Stadtrechte, seit über 200 Jahren, als Stadtadel im Bitburger Schöffenkollegium vertreten. Du solltest nur mit mir reden, wenn ICH DICH anspreche.«
Dieters Zorn war gespielt, er machte sich gerne einen Spaß daraus, vor einfachen Leuten den arroganten Edelmann herauszukehren.
Bertram blickte eingeschüchtert zu Boden und murmelte eine Entschuldigung.
Dieter schaute ihn an und bemerkte die Entstellung in dessen Gesicht.
Er lächelte hintergründig, eigentlich kam der Bursche ja wie gerufen.
»Magst du Runkelrüben klein schnitzeln? Dann kannst du gleich morgen anfangen.«
Er hatte nicht vor, ihn länger zu behalten, aber diese Arbeit konnte der schiefnasige Trottel ihm gut abnehmen. Danach würde er ihn vom Hof jagen.
4 siehe ›Der Bierzauberer‹.
Georg
Georgs Anfangslohn betrug zehn Pfennige am Tag. Damit hätte er nicht viel anfangen können, aber bei Fischer gab es zu essen, und er hatte sich von seinen, oder besser: Michels Ersparnissen noch vorher neu eingekleidet.
Eine einfache Hose für sieben Pfennige, für vier Pfennige ein Hemd, dazu 15 Pfennige für ein Paar Schuhe, die ersten seines Lebens. Fischer bestand darauf, dass bei der Arbeit mit den Biersteinen Schuhe getragen wurden. Trotzdem hatte er noch reichlich Münzen übrig, die er wieder zurück ins Versteck tat.
Daniel und Georg kamen überraschend gut miteinander aus. Oder war es, dass es Sonja, die länger geblieben war als nur eine Nacht, gelungen war, ihn zu zähmen? Seine Wutausbrüche und ebenso seine Prügelorgien blieben jedenfalls monatelang aus.
Wenn er auch Anfangs viel schimpfte, weil Georg keine Ahnung von der Brauerarbeit hatte, »Heiliger Himmel, einem Esel kann ich das leichter erklären. Dich anzuleiten ist eine Qual, womit habe ich das verdient? Die Via Dolorosa unseres gekreuzigten Heilands war ja ein Zuckerschlecken dagegen!« und dergleichen mehr, so merkte er doch bald, dass Georg schnell von Begriff war und er ihm das meiste nur einmal zeigen musste. Als ein Junge, der bereits in jungen Jahren dreimal Eltern oder Pflegeeltern verloren hatte, war dieser Kummer gewohnt und tat sich schwer, anderen Menschen zu vertrauen. So hatte Georg sich bereits früh eine gewisse Zähigkeit und Unempfindlichkeit angeeignet, die er jedoch gegenüber Daniel mit einer anhänglichen Loyalität paarte, die dem Charakter des selbst ziemlich raubeinigen Brauherrn ungemein entgegenkam. Langsam, ganz langsam, stieg Georg in den Rang eines Protegés von Daniel Fischer auf.
Da dieser als Einziger die Rezepturen kannte, durften weder Georg noch die anderen Mitarbeiter wirklich selber brauen. Aber die Handlangerdienste waren schwer genug.
Alle Arbeiten waren aufgeteilt, es gab niedere und höher gestellte Arbeiten, wobei die höher gestellten Arbeiten direkt mit den Rohstoffen zu tun hatten:
Das von Daniel vorher abgemessene Malz schroten und in den Maischbottich einmaischen.
Oder die von Daniel im stillen Kämmerlein berechnete Hopfenmenge hinzufügen.
Die niederen Arbeiten hingegen waren heiß und dreckig, und je heißer und dreckiger, desto niedriger.
Seit einigen Jahrzehnten war es in Straßburg üblich, nicht den Topf übers Feuer zu hängen, sondern es genau umgekehrt zu machen. Sobald der Braukessel bereit und mit allen Zutaten gefüllt war, versenkte man über hölzerne Kufen glühend heiße Steine darin und erhitzte so den Inhalt des Kessels.
Dies war enorm aufwendig, vor allem, da die Steine häufig zersprangen und somit nur ein einziges Mal verwendet werden konnten. Die Biere aber gerieten meist besonders aromatisch und süßlich, weil ein Teil des Malzextraktes am heißen Stein karamellisierte.
Georgs Aufgabe war es, die Steine zu erhitzen. Dazu wurde im Kamin ein wahres Höllenfeuer angefacht. Zwei ältere Gesellen bliesen mit einem Blasebalg Luft ins Feuer, während Georg mit einer Art langarmiger Riesenzange die Steine hineinlegte und wieder herausnahm. Er hatte das Gefühl, direkt in einem Ofen zu sitzen, die Flammenzungen leckten nach seinen Händen und seiner Kleidung, er troff vor Schweiß, und mehr als einmal hätte er sich um ein Haar schlimme Verbrennungen zugezogen. Nach getaner Arbeit war er krebsrot, seine Haut brauchte Stunden, um ihre normale Farbe wiederzuerlangen.
Sein Herr schickte ihn auch regelmäßig auf die Suche nach Biersteinen. Columban, der lahme und halbtaube Knecht, fuhr mit dem Eselskarren los, manchmal, bevor Georg aufgesprungen war. Der Knecht mochte ihn nicht besonders und zeigte dies deutlich. Dann musste Georg immer hinter dem Karren herlaufen und sich im Fahren daraufschwingen. Das war nicht ganz ungefährlich, trotz der langsamen Fahrt.
Hatten sie dann Biersteine gefunden, musste Georg sie hochwuchten und auf den Karren legen. Columban stand derweil daneben und grinste. In der Brauerei angekommen, musste Georg auch allein abladen. Viele der Steine waren ziemlich schwer, und mehr als einmal schmerzten ihm abends alle Knochen.
Auch Georg schätzte Daniels berühmte Biersuppe und freute sich jeden Morgen darauf. Und am Ende seines zweiten Jahrs in Straßburg, nachdem Georg in der Zwischenzeit ein fester Bestandteil von Fischers Brauerei geworden und auch im Rang der Arbeiten aufgestiegen war, wich Daniel von seiner ansonsten strengen Gewohnheit ab und verriet Georg das Biersuppenrezept:
»Du hängst einen Topf mit Bier übers Feuer, nimm am besten von dem dunklen, süßen, in einen anderen Topf schlägst du ein Dutzend Eier auf, legst ein großes Stück Butter dazu, etwas Milch und quirlst es mit kaltem Bier ab. Dann gießt du das heiße Bier zu den Eiern, ein wenig Salz und noch einmal quirlen. Dann nimmst du ein gutes Brot und richtest die Suppe auf diesem an. Du kannst die Suppe auch mit Zucker oder Zimt versüßen.«
Er hielt inne und steckte sich demonstrativ schmatzend die Finger in den Mund.
»So werden sich die Gäste die Finger schlecken und mehr von dieser Suppe verlangen.«
Monat für Monat ging ins Land, Daniel wurde ruhiger, je älter er wurde. Dafür sorgten nicht zuletzt auch Sonja und Adelheid. Sonja war in Straßburg geblieben, ihr vormaliger slawischer Stolz war einer treuen Ergebenheit für Daniel gewichen, seit sie durchschaut hatte, dass sie ihn dadurch eigentlich umso besser im Griff hatte. Adelheid und sie verstanden sich bestens. Adelheid war für die Küche zuständig, insbesondere für das Kochen der Eingeweide und Innereien, die, angerichtet mit Paradieskorn, Lorbeer und Langpfeffer, neben der Biersuppe zu den Spezialitäten der Fischer-Küche gehörten, Sonja für die Schankstube, beides jedoch unter Daniel Fischers Oberaufsicht.
Georg profitierte von dieser Entwicklung, indem Daniel ihn mehr und mehr in seine speziellen Brauergeheimnisse einweihte.
»Solltest du jemals von hier fortgehen und mir mit meinen eigenen Rezepturen Konkurrenz machen, werde ich dich windelweich prügeln!«, sagte er mehr als einmal, wenn Georg ihm wieder ein weiteres Geheimnis entlockt hatte.
Georg hatte, genau wie Sonja, Gefallen an der Stadt gefunden.
Dadurch, dass sie seit Langem nur dem Kaiser untertan waren und sonst niemandem, ließ es sich befreit und gut dort leben. Sogar der Stadtadel war entmachtet worden, die Zünfte dominierten, und wer ihnen nicht in die Quere kam, oder noch besser, ihnen angehörte, hatte ein gutes Auskommen.
Es gab drei Zünfte, die den Handel und das Gewerbe beherrschten:
Die Kaufleute und Bäcker waren zusammengeschlossen, ebenso die Fleischhauer, Loher und Schuhmacher.
Die dritte Zunft waren die Schmiede und Schröter. Die Schröter hatten die Aufgabe, abgefüllte Weinfässer aus den Kellern der Winzer zu ›schroten‹, auf Wagen durch die engen Gassen zu transportieren und auf die Rheinschiffe zu verladen.
Die Zünfte hatten am meisten von den ständigen Streitereien zwischen den Familien Müllenheim und Zorn profitiert und sich langsam, aber sicher starke Machtpositionen erarbeitet.
Die Zunft der Kaufleute und Bäcker war die älteste, vornehmste und bedeutendste Vereinigung. Ihr wurden später, nach dem Aufschwung des Braugewerbes durch die Frostkatastrophe von 1446, auch die Bierbrauer angeschlossen.
Für das Kind eines Straßburger Bürgers betrug der Eintrittsbeitrag zwölf Schillinge und ein Pfund Wachs, mit dem Kerzen für die verstorbenen Zunftmitglieder hergestellt wurden.
Der gleiche Eintrittspreis galt für Berufe, die einer Zunft neu hinzugefügt wurden, unabhängig von der Herkunft.
Neulinge von auswärts hatten in etablierten Berufen keine Möglichkeit, Mitglied zu werden. Verstoß gegen die Zunftregeln wurde hart bestraft, bis zu einer Mark kostete eine einfache Missachtung, wie zum Beispiel die Herstellung von Brot ohne entsprechende Erlaubnis.
Daniel besuchte die Zunftversammlungen regelmäßig, erzählte hinterher ausführlich davon und schimpfte über die Einfalt und Sturheit seiner Zunftgenossen.
Georg hatte bald herausgefunden, dass es schwierig, wahrscheinlich sogar unmöglich werden würde, hier in Straßburg ein eigenes Brauhaus auf die Beine zu stellen, auch wenn dies in noch so weiter Ferne lag.
Also versuchte er zu lernen, in seiner karg bemessenen freien Zeit das Leben zu genießen und zusammen mit Fafnir Straßburg zu erkunden.
Dominiert wurde die Stadt vom Münster. Das Liebfrauenmünster war angeblich eines der höchsten Gebäude auf der ganzen Welt, zumindest der Nordturm!
Als ein Monument aus rosa Vogesensandstein strebte es dem Himmel entgegen: der ganze Stolz der Straßburger, die nicht müde wurden zu betonen, dass der Bau des Münsters von Bürgergeldern und nicht vom Bischof oder vom Domkapitel finanziert worden war.
Oftmals stand Georg am Münsterplatz, der nicht weit von Fischers Brauerei war, und bewunderte nicht die prächtigen Bürgerhäuser, sondern die eintürmige Kirche und ihre charakteristische asymmetrische Form, obwohl er diese Gedanken nicht in Worte fassen konnte.
Er fragte sich, wie weit entfernt dieser Turm zu sehen sei, »vielleicht sogar über das Rheinufer hinweg«.
Grundsätzlich waren die Voraussetzungen für die Aufnahme in das Brauhandwerk nicht nur in Straßburg, sondern in jeder Stadt des Reiches außergewöhnlich hoch gesteckt. Die beiden wichtigsten Voraussetzungen fehlten Georg von Anfang an: der Nachweis der ehelichen Geburt – sein Nachname ›Esposito‹ dokumentierte dies sogar anschaulich – und der Besitz des Bürgerrechts. Daniel ignorierte dies, obwohl ihm im Gegensatz zu Georg dieser Makel bewusst war, und setzte sich über die alten Regeln hinweg, indem er Georg mehr und mehr in seine Geheimnisse einweihte.
Vor der großen Elsässer Frostkatastrophe war das Recht, ein Brauhaus zu errichten und zu führen, nur an einflussreiche und wohlhabende Bürger, die auch Grundstücksbesitzer waren, verliehen worden. Da diese Brauherren ihr Privileg jedoch in der Regel nicht selber nutzten – ihre städtischen Ämter ließen dies nicht zu –, sondern die Arbeit von Lohnknechten und Gesellen ausführen ließen, hatte sich aus diesen ein ebenfalls privilegierter Berufsstand herauskristallisiert: der der Braumeister, denen es sehr bald gelungen war, ihren Berufstand streng abzuschirmen und gegen Neulinge von außerhalb zu verteidigen.
Nach der Katastrophe waren die Regeln etwas aufgeweicht worden, weil mehr guter Nachwuchs benötigt wurde, als die eigenen Reihen hergaben.
Daniel Fischer war jedoch auch hier die Ausnahme, weil er nicht bei einem Straßburger Brauherr gearbeitet hatte, sondern sich gleich mit eigenen Mitteln sein eigenes Brauhaus errichtet hatte. Seine Kenntnisse hatte er von einigen nützlichen Reisen, die er als junger Mann unternommen hatte. Er kam insofern nicht aus dem eigenen Nachwuchs, hatte sich aber mittlerweile den Respekt der anderen Brauer erworben.
Der aber nicht unbedingt auf Gegenseitigkeit beruhte, weswegen Daniel auch nicht daran dachte, eine Erlaubnis zu Georgs Ausbildung einzuholen.
Je mehr Zeit verging, je besser Georg das Bierbrauen beherrschte, desto mehr sah er in Georg den Sohn, den er wohl niemals selber zeugen würde können. So hatte ihm eine Wahrsagerin vor Jahren prophezeit. Und ein Medikus, den er aufgesucht hatte, hatte diese Diagnose bestätigt. Sonja schien es egal zu sein, er hatte ihr gegenüber seine Bedenken jedoch noch nicht geäußert.
Georg lernte viel in dieser Zeit. Viele Menschen aus ganz Europa besuchten Straßburg, darunter Pilger und Wallfahrer, Kaufleute und Ritter, aus Frankreich, sogar aus Spanien und den Niederlanden kamen sie an den Rhein. Daniel hatte ihm einmal erzählt, dass in den letzten 100 Jahren in der Diözese Straßburg über 30 neue Wallfahrtsorte entstanden waren, darunter mehr als die Hälfte Marienheiligtümer mit sogenannten Hostienwundern.
»Sollen die Narren doch kommen und ihr gutes Geld bei uns lassen«, hatte der wenig fromme Brauherr oft genug gelästert.
Das Völkergemisch, das sich in der Schankstube drängelte, die fremden Sprachen und der Anblick fremd aussehender Menschen boten Georg viele Möglichkeiten, Erfahrungen zu sammeln. Er nutzte sie redlich.
Bertram
Wieder einmal war er verprügelt worden, wieder einmal verfluchte er sein Schicksal.
Zwei Tage lang hatte er jeweils zwölf Stunden lang mit einem nicht sehr scharfen Messer Eimer um Eimer voller Runkelrüben klein geschnitten. Kurze Pausen für ein karges Essen, das Dieter de Foro ihm mehr hingeworfen als -gestellt hatte, dann ging es weiter.
Als er fertig war, hatte er seinen Lohn eingefordert und nach weiterer Beschäftigung gefragt.
Hohnlachen und eine Tracht Prügel waren die Antwort gewesen.
»Soll ich dir den Rest deines Gesichts auch noch verunstalten? Reicht dir deine Nase noch nicht?«
Jetzt saß er am Straßenrand und weinte.
Mehr über die erneute Demütigung als über die Verletzungen.
Er konnte es einfach nicht glauben: Sogar ein Mitglied der städtischen Hochgerichtsbarkeit setzte sich über Recht und Anstand hinweg und verweigerte ihm seinen verdienten Lohn!
Dieter vom Markte war allerdings nicht so geschickt im Austeilen gewesen wie Daniel Fischer, und daher hatte er davonlaufen können.
Er war vom Pech verfolgt und wusste nicht, warum.
Während er sich in Selbstmitleid erging, erkannte er plötzlich mit glasklarem Blick, dass er einfach nicht wehrhaft genug war.
Emmerich hatte ihn zwar als Begleiter akzeptiert, er hatte seine Wehrhaftigkeit während der Reise jedoch nicht unter Beweis stellen müssen.
Er war kräftig, aber es fehlte ihm sowohl an Selbstbewusstsein als auch an ordentlicher Bewaffnung und Erfahrung im bewaffneten wie im unbewaffneten Kampf.
Ein Ruck ging plötzlich durch ihn, als er beschloss, dies zu ändern.
Das wenige, was er darüber wusste, hatte er von Emmerich gelernt.
Lange Zeit waren die Ritter das Maß aller Dinge in perfekter Bewaffnung gewesen. Mit Schwert, Schild und Lanze war ein guter Ritter praktisch unbesiegbar gewesen.
Dies hatte sich in letzter Zeit dramatisch geändert. Der Niedergang des Rittertums war nicht zuletzt auch neuen Waffen geschuldet. Langbogen und Armbrust konnten mit ihren schnell verschossenen Pfeilen und Bolzen auch stärkste Rüstungen durchschlagen. Ein geübter Bogenschütze konnte einen Ritter zur Strecke bringen, lange bevor dieser den Schützen attackieren konnte. Auch ein Verbot des Papstes für diese unritterlichen Waffen hatte nichts genützt. Es war weitgehend ignoriert worden.
Bertrams Entschluss stand fest: gute Waffen mussten her, bevor er sich wieder mit anderen Menschen einließ. Einen Dolch hatte er sich von dem Geld für Emmerichs Dienste bereits beschafft. Mittelgroß, mit schlanker Klinge, jedoch scharf geschliffen, mit einem schwarzen Griff aus Messing, den er mit Leder umwickelt hatte. In einem kleinen Futteral steckend, band er ihn sich jetzt an der Wade fest, bevor er seine Schnürstiefel – die andere Neuanschaffung von Emmerichs Lohn – darüberzog. Damit sollte im Notfall das Überraschungsmoment auf seiner Seite sein.
Eine mittelgroße Armbrust, die bräuchte er noch. Und Übung im Kampf.
Emmerich und seine Gruppe waren schon weitergereist. So gab er sein letztes Geld für einen Beutel mit Wegzehrung aus, dann verließ er Bitburg durch das Kölner Tor. Allein, voll Hass und zu allem entschlossen.
Er musste nicht lange warten, bis er ein Objekt zum Üben gefunden hatte. Hinter Nattenheim traf er auf einen Schäfer, der mit seiner kleinen Herde am Wegrand stand. Der mittelgroße, schwarzbraune Hund bellte ihn fröhlich an, nicht ahnend, wen er da anbellte.
Der Gruß des Schäfers wurde nicht erwidert. Wortlos ging Bertram auf den Hund zu, nahm seinen Dolch, packte den Hund am Hals und schnitt ihm kurzerhand die Kehle durch.
Blut spritzte, als das Messer weich durch das Fleisch des Hundes glitt, der Schreck ging ihm anfangs durch Mark und Bein, schließlich war es das erste Mal, dass er bewusst ein Lebewesen tötete, und dieses dazu noch ohne Grund.
Der Schäfer, ein älterer Mann, dessen Gesicht von einem großen Hut verdeckt war, schrie auf und ging, mit seinem Stab vor sich her fuchtelnd, auf Bertram los.
Bertram schlug ihm den Stab aus der Hand und trommelte mit den Fäusten auf den armen Schäfer ein, der gar nicht wusste, wie ihm geschah. Völlig überrascht von dem Angriff, versuchte er lediglich, sein Gesicht zu schützen, durch die Hiebe und Tritte ging er alsbald zu Boden.
Bertram hatte leichtes Spiel. Er ließ erst ab, als der Schäfer blutend und regungslos, aber noch lebend vor ihm im Gras lag.
Er setzte eine Grimasse auf, die er als diabolisch empfand, überlegte kurz, ob er auch noch ein Schaf massakrieren sollte, empfand das aber als seiner unwürdig und ging weiter seines Weges.
Seine erste Bewährungsprobe hatte er bestanden. Niemals wieder würde jemand ihn wehrlos finden und verprügeln. Plötzlich verwandelten sich der Hass und die Rage, die er eben noch auf alles Lebende empfunden hatte, in ein Triumphgefühl, wie er es noch niemals verspürt hatte. Herr über Leben und Tod zu sein, ein Leben nach seinem Belieben zu verlängern oder zu beenden, dieses Hochgefühl war unbeschreiblich.
Um vor eventueller Verfolgung sicher zu sein – vielleicht hatte der Schäfer ja einen Lehnsherren, der ihn zur Rechenschaft ziehen wollte –, verließ Bertram die Hauptstraße Richtung Köln und wollte sich nach Osten durchschlagen, in Richtung Kyllburg.
Nach einer Stunde Wegzeit fiel ihm ein, dass er in Bitburg noch etwas vergessen hatte, was der Erledigung harrte. Er ging zurück, um die Stadt herum, mischte sich am südlichen Stadttor, dem Trierer Tor, unauffällig unter das Volk und gelangte so in die in diesen ausnahmsweise friedlichen Zeiten weniger streng bewachte Stadt.
Das Brauhaus lag links vom Stadttor, lediglich zwei Türme weiter, hinter dem Hospital. Bertram wartete in einer dunklen Nische des Turms, bis er sicher war, dass der letzte Gast den ›Lüsternen Eber‹ verlassen hatte, dann schlug er zu.
Der Kampf, wenn man es überhaupt ›Kampf‹ nennen konnte, war kurz. Bevor Dieter verstanden hatte, dass er angegriffen wurde, steckte ihm Bertrams Messer schon bis zum Heft im Hals, sodass es hinten wieder herausfuhr. Er sprang mit einem Schrei auf, zog sich das Messer aus dem Hals und wollte damit auf seinen Widersacher losgehen. Bertram hatte mit einem sofortigen Tod gerechnet und war entsprechend überrascht über den anfänglichen Widerstand. Der dauerte indes nicht lange. Mit jedem Atemzug kamen große blutige Luftblasen aus der Kehle, Bertram hatte mit seinem Dolch Dieters Luftröhre angeschnitten. Der lag bald am Boden und röchelte, während seine Wunde weiterhin blutigen Schaum ausspuckte. Bertram stand mitleidlos grinsend über ihm und wartete in aller Ruhe ab, bis der Todeskampf des Brauherrn, der ihn um seinen Lohn geprellt hatte, vorbei war.
Bis Dieter vom Markte am nächsten Mittag in seinem Brauhaus gefunden wurde, mit durchgeschnittener Kehle und den Mund voller Rübenschnitzel, hatte Bertram die Stadt schon wieder verlassen und war auf dem Weg nach Süden.
Dieters Tod wurde zu Protokoll genommen, besonders die Rübenschnitzel wurden vermerkt. Das Protokoll ging an alle Hochgerichtsbarkeiten in der Umgebung mit der Bitte, den Täter nach Bitburg zu überstellen, sollte er gefasst werden.
Mord und Totschlag kamen häufiger vor, als es der Obrigkeit lieb war, aber an Adligen doch eher selten. Da musste mit aller Macht ein Exempel statuiert werden.
Nach einem weiteren Tag erreichte Bertram das Moseltal und war dem Bitburg-Luxemburgischen Herrschaftsbereich bereits wieder entronnen.
Er folgte der Mosel flussabwärts. Was er brauchte, Essen oder Geld, stahl er unterwegs. Es war leichter, als er anfangs gedacht hatte.
Einen Fehler jedoch machte er: Er vergaß, dass er aufgrund seines entstellten Gesichts leichter zu beschreiben war als andere. Da die Wunden verheilt waren und sogar die Nase nicht mehr schmerzte, dachte er meist gar nicht mehr daran. Gelegenheit, in einen Spiegel zu schauen, hatte er keine.
Kurz vor Cochem machte er Rast in einer Schankstube. Der Raum war beinahe leer, lediglich zwei andere Männer verspeisten gerade eine riesige Fleischportion mit einem großen Krug Wein. Bertram sah das üppige Gepäck der beiden, dann hörte er interessiert mit.
Die beiden waren unterwegs zu den Herren von Eltz auf der gleichnamigen Burg. Die Burg Eltz lag im Tal der Elz, die das Maifeld von der Vordereifel trennt.
Der ältere der beiden war der Wortführer, und offensichtlich waren sie Kaufleute in Sachen Bewaffnung. Sie führten Gerätschaften mit sich, die Bertram niemals als Waffen erkannt hätte.
Nach einem weiteren Krug Wein kam Bertram mit ihnen ins Gespräch und gab sich als Brauerbursch auf Wanderschaft aus. Ganz gelogen war das ja nicht.
Der ältere der Kaufleute stellte sich als Bredelin vor, der jüngere, »mein Sohn, der mein Geschäft übernehmen und jetzt lernen soll«, hieß Eberwin.
Ohne großes Nachfragen erzählte Bredelin.
Sie kamen aus Nürnberg, waren in Trier gewesen und jetzt eigentlich auf dem Heimweg. Eine Kundschaft hätten sie noch unterwegs zu besuchen, die Eltzer Herrren.
»Die Burg Eltz ist schon über 300 Jahre alt, wird aber gerade ausgebaut. Und da haben wir neue Waffen im Angebot.«
Bertram schaute interessiert, als Eberwin eines der seltsam anmutenden Geräte in die Hand nahm.
»Das ist eine Hakenbüchse. Hier in der Moselgegend oder im Luxemburgischen nennt man sie ›Arkebuse‹. Das sind ganz neue Arten von Verteidigungswaffen. Die möchten wir den Eltzern verkaufen.«
Bertram hatte keine Vorstellung, wie diese Waffen funktionieren sollten, und gab das auch unumwunden zu.
»Ich kann es dir nicht vorführen, es ist zu aufwendig und zu gefährlich hier drinnen, aber glaube mir, die Wirkung ist verheerend«, erklärte Bredelin.
Nachdem Bertram kein klares Ziel hatte, versuchte er, sich so bei den beiden anzubiedern, dass sie ihn zur Gesellschaft mitreisen ließen.
»Nürnberg ist eine große Stadt. Da gibt es sicher Arbeit für mich.«
»Dann komm mit uns. Wir haben einen kleinen Wagen, nur für unser Gepäck und unsere Ware, neben dem wir hergehen. Da ist gute Gesellschaft immer passend. Und ich verspreche dir, wenn wir in Nürnberg angelangt sind, weißt du alles über die neuen Waffen. Auch wenn es dir beim Bierbrauen nicht hilfreich sein wird.«
Am nächsten Tag schon besuchten sie die Burg Eltz. Imposant und gewaltig reckte sie sich auf einem 70 Meter hohen Felsen aus dem Tal des kleinen Elzflüsschens empor, das sie von drei Seiten umfloss. Die Lage war gut gewählt, einerseits abseits der großen Straßen und nicht leicht zu finden oder zu erobern, andererseits an der Verbindung zwischen Mosel und den fruchtbaren Gegenden des Eifeler Maifeldes. Lediglich eine schwere Auseinandersetzung hatte die Burg Eltz in ihrer Geschichte durchstehen müssen: die sogenannte ›Eltzer Fehde‹ von 1331 bis 1336. Dabei ging es um einen politischen Streit der Eltzer Herren mit dem Erzbischof und Kurfürsten Balduin von Trier. Balduin belagerte schließlich die Burg, und die Eltzer ergaben sich, bevor die Burg zerstört werden konnte. Seither waren die Eltzer Lehensleute des Trierer Erzbischofs.
Bredelin und Eberwin hatten hier gleich drei Kunden. Seit über 200 Jahren lebten auf der Burg Eltz drei Linien der Eltzer in einer sogenannten Ganerbengemeinschaft5. Die Linien waren benannt nach den drei Brüdern Elias, Wilhelm und Theoderich, die die Stammesteilung damals beschlossen hatten.
Sie traten ein durch die auf drei Pfeilern ruhende gewölbte Vorhalle, durch die sich die Hoffront der Häuser öffnete.
Als die Herren von Eltz sich zur Begrüßung näherten, schickte Bredelin Bertram fort.
»Geh, setz dich irgendwo hin und warte, bis wir unser Geschäft erledigt haben.«
Bertram tat, wie ihm gesagt wurde, setzte sich aber noch nahe genug, um Bredelins Vorstellung mitzuerleben.
Zuerst wurden Neuigkeiten ausgetauscht, die fahrende Kaufleute immer reichlich mit sich führten und die in einer etwas abgelegenen Burg gerne gehört wurden.
Besonders die politische Lage, Kriege und Eroberungen wurden am liebsten kolportiert.
»Die Türken stehen schon in Bosnien, nach Wien ist es nicht mehr weit«, war eine der neuesten Schreckensmeldungen.
»Dafür zahlen es die Portugiesen den Arabern heim und belagern Tanger. Die Stadt wird bald in Christenhänden sein.«
»Und der englische König Heinrich VI. wurde im Tower zu London von seinem Rivalen Eduard, der sich jetzt als König ›der Vierte‹ nennt, ermordet.«
Schließlich war der Informationspflicht Genüge getan, die Vorstellung begann.
Eberwin nahm eine der sechs Hakenbüchsen, die sie mit sich führten, und Bredelin begann mit seinem Vortrag.
»Hochverehrte Herren von Eltz. Gewiss habt Ihr schon gehört von der Erfindung des Freiburger Franziskanermönchs Bertholdus Niger, obwohl dessen Erfindung bisweilen auch anderen klugen Köpfen zugeschrieben wird. Bertholdus hatte für ein Experiment in einem Mörser Salpeter, Schwefel und Kohle zerstampft. Den Mörser stellte er, zusammen mit dem Stößel, in einen Ofen und verließ seine Kammer. Kurz darauf erfolgte eine heftige Explosion. Alles war in die Luft geflogen. Der Stößel steckte sogar so fest in der Decke, dass er nicht einmal durch Berühren mit Reliquien der heiligen Barbara herausgezogen werden konnte.«
Er trank einen Schluck Wein, der ihm gereicht worden war.
»Dies geschah vor über 100 Jahren und ist wohl bekannt. Nun, resultierend aus dieser Erfindung, welche ›Schwarzpulver‹ genannt wurde, entstanden neue Waffen. Und die neueste Verteidigungswaffe möchten wir Euch vorstellen.«
Eberwin hielt die beinah acht Kilogramm schwere Büchse triumphierend über den Kopf, während Bredelin fortfuhr.
»Ihr braucht Euch in Zukunft nicht mehr allein auf Kriegsmaschinen wie Katapulte oder Schleudern zu verlassen. Auch Armbrüste oder Langbögen gehören der Vergangenheit an. Wir arbeiten in Nürnberg Hand in Hand mit einer Gießerei, einer Schmiede und einer Schleiferei. Dazu kommt noch feinste Drechslerarbeit für die Hölzer. Diese Hakenbüchsen haben ein Luntenschloss und werden von vorne geladen. Sie sind bestens geeignet, von einer Burgmauer herab auf einen Angreifer zu schießen.«
Einer der drei Herren von Eltz, deren Namen Bertram nicht verstanden hatte, hatte Eberwin die Büchse aus der Hand genommen und wog sie nun, fachmännisch begutachtend, in seinen Händen.
»Das ist das Beste, Leichteste und Durchschlagendste, was es derzeit an schießenden Verteidigungswaffen gibt!« Bredelin redete sich in eine regelrechte Euphorie.
»Seht Ihr diesen Haken?« Er zeigte auf einen eisernen Haken unter dem Lauf der Arkebuse.
»Damit könnt Ihr die Büchse auf der Mauer oder an einem Ast fixieren, um den Rückstoß aufzufangen. Und der ist enorm, glaubt mir, genauso wie die Geschwindigkeit der Geschosse.«
Dass die Treffsicherheit ab zehn Metern Entfernung rapide abnahm, verschwieg er wohlwissentlich.
»Wie schießt man damit?«, ergriff der erste Eltzer das Wort.
»Ganz einfach! Zuerst nehmt Ihr ein Zündkraut. Das ist ein nicht gekörntes Schwarzpulver. Und dann werde ich unsere neue Entwicklung vorstellen. Bislang wurden die Hakenbüchsen mit einem Luntenschloss ausgestattet. Damit konnte man bereits während des Abdrückens zielen und dadurch genauer schießen als mit den früheren Modellen. Es gab aber viele Nachteile: Man musste eine brennende Lunte mitführen, die Lunte am Schloss ständig korrigieren, und konnte nicht zuletzt bei Feuchtigkeit nicht schießen. Und bei starkem Wind wurde das Pulver aus der Pfanne geweht. Daher waren diese Büchsen bei Wind und Regen nutzlos. Mit unseren neuen Büchsen hingegen könnt Ihr Euch bei jedem Wetter verteidigen. Unsere Nürnberger Handwerker haben dieses ›Radschloss‹ neu entwickelt.«
Er ging zur Büchse, zeigte auf den Mechanismus, die Büchse ging von Hand zu Hand. »Seht dieses Zahnrad aus Eisen, das durch die Zündpfanne greift. Ihr dreht es mit einem Schlüssel an der Achse, dadurch wird diese Kette gespannt, die sich um seine Achse windet.
Am anderen Ende befindet sich die Schlagfeder. Durch Auslösen des Hahns wird die Feder gelöst, der Hahn, auf dem ein Stück Schwefelkies liegt, schlägt Funken in der Pulverpfanne, und der Schuss geht los.«
Eberwin schritt zur Demonstration.
Bertram verfolgte mit großer Spannung, was da kommen sollte.
»Habt Ihr ein Objekt, auf das ich schießen soll?«, fragte Eberwin.
Auf einen knappen Befehl eines Eltzers hin brachte ein Bursche einige größere, flaschenähnliche Pflanzen, die wie ein Gemüse aussahen, die Bertram aber völlig unbekannt waren.
»Ah, Churpizze, die sind hervorragend zur Demonstration geeignet«, rief Bredelin aus.
Sie hängten einen Churpiz an einem Seil vom Galgen herab, der im Hof stand.
Bredelin schickte mit warnenden Gesten die Herren von Eltz in sichere Entfernung, während Eberwin derweil umständlich die Arkebuse von vorne lud, die Pulverpfanne füllte, das Radschloss spannte, zielte – und abdrückte.
Die Wirkung war erstaunlich: ohrenbetäubender Lärm, Qualm und ein Eberwin, den der Rückstoß an die Wand einige Meter hinter ihm drückte.
Das Seil schwankte im Wind, vom Churpiz war nichts mehr zu sehen, außer einigen schmierigen Flecken an den Wänden des Innenhofes, einige Meter weit vom Galgen entfernt.
Höflicher Applaus der drei Herren von Eltz.
Bredelin und Eberwin verneigten sich kurz wie Künstler nach einer Darbietung und nahmen kurz darauf huldvoll die Bestellungen entgegen.
Bertram war tief beeindruckt. Das verheerende Resultat dieses Schusses übertraf alles, was er sich bisher unter einer Handwaffe hatte vorstellen können.
Es folgte ein üppiges Mittagessen, auch Bertram wurde eingeladen, allerdings nur, um mit dem Gesinde zu essen. Dennoch, die Küche von Eltz war gut und deftig, er trank sogar einen Moselwein, der mit Milch und Honig vermischt war.
Dann, mit leichterem Gepäck, verließen die drei die Burg. Fünf der sechs Büchsen waren gleich gegen bare Münze dagelassen worden. Eine wollten die Nürnberger Kaufleute behalten, »falls sich unterwegs noch ein Kunde ergibt, dem wir es vorführen möchten«.
Bei Koblenz trafen sie auf den Rhein, jetzt wusste Bertram wieder ungefähr, wo er sich befand. Das verhasste Straßburg lag stromaufwärts, Nürnberg glücklicherweise Richtung Osten.
Bredelin und Eberwin waren prächtiger Laune, eine gute Bestellung, reichlich Vorauszahlung, da konnten sie es sich leisten, großzügig zu sein. Sie luden Bertram zum Essen ein.
Der Weg ging entlang der Lahn, durchs Nassauische in Richtung Limburg. Viel Wald, nur wenige Menschen begegneten ihnen, Siedlungen waren noch seltener. Sie mussten im Wald übernachten. Die Nürnberger Kaufleute waren aber auch darauf vorbereitet.
»Wenn man wie wir dauernd auf Reisen ist, findet man nicht immer ein Gasthaus«, sagte Bredelin lachend, während Eberwin das Feuer anzündete.
Bertram nutzte die Gelegenheit, sich noch einmal ausführlich die Vorzüge der Hakenbüchse demonstrieren zu lassen.
»Kann man damit auch jagen?«
»Das Wild ist zu weit weg und wittert uns zu schnell, das dürfte schwierig sein. Die Büchse ist besser zur Verteidigung aus der Nähe geeignet.«
Tage später fand man die beiden Kaufleute im Wald. Bredelin war die Kehle mit einem scharfen Dolch durchschnitten worden, offensichtlich im Schlaf.
Eberwin war nicht mehr wiederzuerkennen. Eine gewaltige Explosion aus nächster Nähe hatte seinen Kopf weggerissen und seinen Oberkörper zerfetzt. Auch ihn hatte der Tod offenbar im Schlaf überrascht.
Geld fand man keines bei ihnen, auch keine Waffe, kein Pulver und keine Munition.
Von Bertram fehlte jede Spur.
Die letzten Menschen, die die beiden lebend gesehen hatten, berichteten von einem jungen Mann in ihrer Begleitung. Einem Mann mit entstelltem Gesicht, genauer gesagt, einer extrem schiefen Nase. Die Beschreibung deckte sich auch mit der, die der Schäfer bei Nattenheim seinem Vogt gegeben und die dieser an den Hof des Trierer Kurfürsten weitergereicht hatte. Auch hier wurde ein Protokoll erstellt und an verschiedene Städte gesandt. Als dieses in Bitburg ankam, erinnerte man sich auch hier an einen Burschen mit schiefer Nase, der im Brauhaus ›Zum lüsternen Eber‹ gesehen worden war.
5 Eine Ganerbengemeinschaft war nach altdeutschem Erbrecht das gemeinsame Familienvermögen, vorwiegend Grundbesitz, über das die Ganerben nur gemeinsam verfügen konnten.
Kaiser Friedrich III.
»Wo ist mein Medikus? Du verfluchter Quacksalber, komm endlich herbei!«
Gequält, aber donnernd hallte der Schrei des Kaisers an diesem Tag des Jahres 1474 durch die Hallen der kaiserlichen Residenz in Wiener Neustadt; das Echo der knallenden Türen, die der Kaiser aus Gewohnheit immer mit aller Kraft auftrat, drang sogar bis in die Frauenkapelle und störte dort die Andacht.
Geduckt, mit fliegenden Gewändern eilte der Medikus in Richtung der kaiserlichen Gemächer, ebenso sprangen und verdrückten sich die Bediensteten verschüchtert in Nischen und Türrahmen, als Friedrich III. mit wehenden rotblonden Haaren, das schmale Gesicht schmerzverzerrt, seinem Leibarzt ein Stück entgegenkam.
Der Kaiser, dem sonst im Allgemeinen eine unerschütterliche Robustheit des Körpers, gepaart mit einer spröden Unempfindlichkeit der Seele, nachgesagt wurde, wirkte an diesem Morgen ungewohnt wehleidig.
»Meine Bauchschmerzen bringen mich noch um! Tut endlich etwas dagegen.«
Andreas Reichlin von Meldegg, der kaiserliche Leibarzt, tastete sorgfältig den Bauch seines Patienten ab und sah hoch an dem schlanken, groß gewachsenen, mit etwa 1,80 Meter fast einen Kopf größeren Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Während er in der Magengegend einmal etwas fester drückte, rülpste dieser laut und vernehmlich, dann ließ er wie zur Antwort darauf einen kräftigen Furz fahren.
»Na, Ihr wisst immer wieder, wie Ihr meine Qualen lindern könnt.« Friedrich hörte sich bereits viel versöhnlicher an, obgleich seine gleichgültige Miene das Gegenteil ausdrückte.
»Ich gebe mir Mühe, Euch bestens zu versorgen«, erwiderte der aus Sankt Gallen stammende, ehemalige ›Physicus Iuratus‹ der Stadt Konstanz.
»Hier, schluckt dies. Das wird Euch guttun.«
Er rührte ein Pulver in einen Becher mit verdünntem Wein ein. Friedrich trank und rülpste erneut erleichtert.
Andreas schaute leicht angewidert, als er die Fahne vom Wein, vermischt mit halbverdautem Essen, aus dem Mund des Kaisers roch.
»Warum tue ich mir das immer wieder an? Dieser Teufel Alkohol! Als meine Frau, die gute Eleonora, noch lebte, da hatten wir beide nichts für dieses Zeug übrig. Jetzt ist sie schon seit sieben Jahren tot, und der Wein schmeckt immer noch sauer.«
Friedrich redete sich in Rage.
»Aber jetzt, im Alter, was bleibt mir anderes an Freuden, außer ab und an einmal gut zu essen und zu trinken!«
Er beruhigte sich wieder.
»War das eine Tafel gestern! Ein Bankett wie das der Söhne und Töchter Hiobs! Koteletten und Schulter, Teile vom Lamm, Rinderhaxe, Kalbsgekröse und dazu ein halber Kapaun, wie ich das alles hineinbekommen habe, ist mir ein Rätsel.« Friedrich lachte gequält.
Reichlin von Meldegg war weniger erfreut.
Trotz der schwierigen Zeiten und der politischen Nöte, in denen sich der Kaiser häufig befand, war der Kaiserhof eine Insel der Sorglosigkeit und Völlerei inmitten eines zerrissenen Landes. Die Bevölkerung fiel, was ihre Ernährung anging, von einem Extrem ins andere; ausgelassenen Festen folgten lange und intensive Fastenzeiten, deren Einhaltung streng überwacht wurde.
Am Hof hingegen waren selbst an normalen Tagen alle Portionen üppiger als anderswo, obwohl der Kaiser eigentlich als geizig verrufen war.
Über Mangel an Arbeit durfte sich der kaiserliche Leibarzt also nicht beklagen.
Mit 41 Jahren stand er in der Blüte seiner Jahre, er war einer der am höchsten angesehenen Medizi im ganzen Reich, bis zum Tod von Papst Pius II. im Jahre 1464 sogar päpstlicher und kaiserlicher Leibarzt in Personalunion gewesen.
Pius II., der bürgerlich Enea Silvio de’ Piccolomini geheißen hatte, hatte ihn auch mit dem Kaiser bekannt gemacht. Friedrich hatte Enea damals nicht nur als kaiserlichen Sekretär geschätzt, sondern auch seine lockeren Verse geliebt und ihm den Ehrentitel ›poeta laureatus‹ verliehen. Mit Vorlesungen über die Dichter der Antike an der Universität Wien war er einer der einflussreichsten Denker des Humanismus gewesen, bevor er 1456 zum Kardinal ernannt und zwei Jahre später sogar überraschend zum Papst gewählt worden war.
Enea, Andreas Reichlin von Meldegg, bis zu seinem Tode auch der kaiserliche Kanzler Kaspar Schlick sowie ihr gemeinsamer Freund, der Brixener Bischof Nikolaus Cusanus, hatten nächtelang mit Diskussionen über philosophische und politische Themen verbracht, so mancher Krug Wein war dabei geleert worden. Nachdem sich Friedrich, bis 1452 noch als König Friedrich IV., danach als Kaiser Friedrich III., regelmäßig hinzugesellt hatte, waren die Weinrationen reichlicher – obwohl Friedrich anfangs selten Wein trank –, der Wein aber keineswegs besser geworden.
Enea Piccolomini bemerkte des Öfteren mit spitzer Zunge, dass die Holzkannen, in denen der Wein ausgeschenkt wurde, ruhig öfter als einmal jährlich gereinigt werden könnten.
»Das wäre der Qualität des Weines sicherlich nicht abträglich.«
Saurer Wein aus Holzkannen, der mit Zucker so lange gesüßt wurde, bis er trinkbar war, das konnte auf Dauer auch der robusteste Magen nicht verkraften.
Und da der Kaiser, obwohl ansonsten eher menschenscheu, viele andere Verpflichtungen hatte, bei denen geschlemmt und gezecht wurde, denen seine humanistischen Freunde jedoch entgehen konnten, hatte ihn seit einigen Jahren eine heftige Gastritis fest im Griff.
Regelmäßig schrie der mittlerweile 60-jährige Kaiser nach dem Aufwachen wie ein weidwunder Löwe nach seinem Leibarzt, wie nun nach der gestrigen Schlemmerei.
Andreas Reichlin von Meldegg war anfangs nicht davon angetan, sich ausschließlich mit kaiserlichen Rülpsern und Fürzen abzugeben.
Die sechs Jahre jedoch, von 1458 bis 1464, in denen er zwei Hauptkunden hatte, noch dazu die beiden wichtigsten Herrscher Europas, waren sehr aufreibend gewesen.
Andauernd auf Reisen, zwischen Rom, Graz und Wiener Neustadt hin- und herpendelnd, auf lange Sicht konnte er keinen zwei Herren dienen. Obwohl er den Tod seines Freundes betrauerte, als Papst Pius II. im August 1464 in Ancona starb, war er auch erleichtert, zumindest was seine Profession betraf. Da im gleichen Monat wie Pius auch der Vierte im Bunde, Nikolaus Cusanus gestorben war, blieb ihm nur noch der verschlossene, wortkarge Kaiser Friedrich zur geselligen Diskussion. Das damit einhergehende, etwas ruhigere Leben hatte ihn mit den körperlichen und geistigen Launen des Kaisers wieder versöhnt.
Friedrich selbst wollte seinen Leibarzt um keinen Preis der Welt missen.
Seit 1438 trug das Haus Habsburg die Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Und im Jahre 1474 saß Friedrich III. bereits seit 34 Jahren auf dem Thron, 22 davon als Kaiser. Zum König gewählt in Frankfurt, gekrönt in Aachen, gefolgt vom Triumph der Kaiserkrönung in Rom – er sollte in der 400-jährigen Erfolgsgeschichte der Habsburger der Einzige bleiben, dem diese Ehre zuteil wurde, wanderte der Regent aus der Steiermark seither ruhelos zwischen Graz, Linz und Wiener Neustadt hin und her.
Er gab reichlich Anlass zum Spott. Zuerst hatte der Pöbel darüber gelacht, wie er immer jünger geworden war: Als Herzog von Österreich Friedrich ›der Fünfte‹ wurde er zu König Friedrich ›dem Vierten‹, und als Kaiser nahm er den Namen Friedrich ›der Dritte‹ an.
»Und sollte er noch Papst werden, wird er sich ohne Zweifel Friedrich ›der Zweite‹ nennen!«, war ein beliebter Spott auf den Kaiser.
Auch einige seltsame Angewohnheiten und Widersprüchlichkeiten Friedrichs hatten den Weg auf die Straße des Spotts gefunden. Er war geradezu als geizig verschrien, gleichzeitig aber als süchtig nach Gold, Schmuck und Juwelen und hatte den Ruf, einer der besten Experten der Welt zu sein, um eine gefälschte Preziose zu erkennen, aber nur, um beim Kauf nicht hereingelegt zu werden. Er galt als abergläubisch und fromm zugleich, vernarrt in Horoskope und gleichzeitig als Freund des Humanismus.
Die Wiener hassten ihn, das beruhte auf Gegenseitigkeit. Er zog seine Residenz in Wiener Neustadt allen Wiener Annehmlichkeiten vor.
»Wien ist ein Pestloch und eine Schlangengrube«, behielt er seine Meinung nicht für sich.
Verheiratet gewesen war er mit der 21 Jahre jüngeren Prinzessin Eleonore von Portugal. Von den sechs Kindern, die sie geboren hatte, lebten nur noch zwei: der 16-jährige Maximilian, der später selbst Deutscher Kaiser werden sollte, und Kunigunde, seine zehnjährige Tochter. Friedrich hatte von Beginn seiner Regentschaft an militärische Auseinandersetzungen gescheut und immer den Verhandlungsweg bevorzugt. Dies war ihm häufig als Mühseligkeit ausgelegt worden, und trotz vieler zäh errungener Erfolge hielt sich hartnäckig sein Spottname ›Des Römischen Reiches Erzschlafmütze‹.
Obwohl an diesem Morgen Andreas wieder einmal die kaiserlichen Leiden gelindert hatte, wusste er, dass dies nicht von Dauer sein würde.
Und, in der Tat, die Reue des Kaisers war kurz.
Am nächsten Abend saßen sie bereits wieder an einer so vorzüglichen Tafel, dass beiden das Wasser im Mund zusammenlief.
Angerichtet auf feinster Keramik aus Faenza, die als Neuheit italienischer Herkunft erst vor Kurzem ihren Weg an den kaiserlichen Hof gefunden hatte, standen die Speisen vor ihnen. Zuerst bewunderten sie wieder einmal die Feinheit der Struktur des Tafelgeschirrs.
»Schaut nur, die Farben, die Brillanz ist unübertroffen«, war Friedrich sichtlich stolz auf sein Tafelgeschirr. »Die Art, wie die Italiener auf den gebrannten Ton eine Zinnglasur aufbringen, ist einfach unvergleichlich.«
»Unser Freund Enea Silvio de’ Piccolomini hatte es schon immer verstanden, sich mit guten Leuten bekannt zu machen.« Andreas wusste genau, wem Friedrich dieses Fayence-Geschirr zu verdanken hatte.
»Dieser Luca Della Robbia, der die Erfindung gemacht hat, lebt er noch in Florenz?«
»Ich denke ja.«
»Wir sollten ihn an unseren Hof rufen und die Kunst dieser Keramik-Herstellung hier lehren lassen.«
»Daraus wird nichts werden. Della Robbia ist alt und gebrechlich. Diese Reise würde ihn umbringen. Und außerdem: Die Florentiner überwachen eifersüchtig ihre Waren und möchten nicht, dass irgendjemand sie nachmacht. Zwar gibt es schon Manufakturen auf der Insel Mallorca und anderswo, die ähnliche Keramik herstellen, aber alle sind sehr verschlossen. Das ist allgemein bekannt.«
Der Leibarzt war häufiger im Süden gewesen und wusste um die Praktiken des Handels und der Herstellung von gefragten Produkten.
Nachdem dieses Thema erledigt war, wandten sie sich dem Essen zu.
Andreas Reichlin von Meldegg war im Gegensatz zum nur mäßig gaumengebildeten Kaiser ein Feinschmecker. Auch wenn er seinen Patienten häufig davon abraten musste, er selbst wusste ein gutes Mahl sehr wohl zu schätzen. Und beinahe alles, was Friedrich III. über gutes Essen wusste, hatte dieser von ihm.
Friedrich erinnerte seinen Leibarzt hingegen gerne an die traumatischen Geschehnisse des Habsburger Bruderkriegs von 1462.
»Als mein eigener Bruder mich damals bekriegt und in der Wiener Hofburg eingeschlossen hatte, da war Haferbrei das Beste, was es zu essen gab. Hunde und Katzen haben wir in unserer Not gegessen, sogar die Aasgeier, die eigentlich auf unser Ende warteten, landeten zu ihrer eigenen großen Überraschung in unseren Kochtöpfen.«
Den Gourmet Reichlin von Meldegg schüttelte es bei dem Gedanken daran.
»Damals habe ich mir geschworen, dass ich nie wieder solch eine entsetzliche Speise zu mir nehmen muss.«
Nun stand vor ihnen eine Kalbsbrust, gefüllt mit in Wein eingeweichtem Weißbrot, Eiern, Butter und Rosinen. Das Fleisch duftete herrlich nach Muskatnuss und Thymian.
Friedrich ließ großzügig den Wein dazu einschenken.
»Unser Koch hat sich wieder einmal selbst übertroffen.«
»Wollen wir ihn nicht enttäuschen!«
Beide ließen sich die Kalbsbrust munden, dennoch konnte sich Andreas Reichlin von Meldegg einen Kommentar nicht verkneifen.
»Wenn Ihr weiter den sauren Wein in Euch hineinstürzt, werdet Ihr nicht mehr lange leben.« Friedrich stutzte, rümpfte seine lange, mächtige Nase und fragte indigniert:
»Was soll ich denn Eurer geschätzten Meinung nach trinken? Vom Wasser allein werde ich krank. Und guten Most gibt es nicht zu jeder Zeit des Jahres.«
Andreas erwiderte:
»Lasst Euch einen guten Brauer an den Hof kommen und trinkt kräftiges, süßes Bier. Das wird Euer Leiden vielleicht mildern, zumindest aber nicht so schädlich sein wie die zwei Liter vom sauren Wein, die Ihr täglich trinkt.«
Friedrich nickte und sagte:
»Dann helft mir aber bei der Suche.«
»Wie wäre es wieder einmal mit einer Kur? Vor zwei Jahren, als der Fürstentag in Baden-Baden tagte, habt Ihr dies gleich mit einer heilsamen Kur verbunden. Im Rheinischen gibt es gute Brauer. Lasst uns dort einen suchen.«
»Ein guter Gedanke! Dann möchte ich auch nach dem mir treu ergebenen Straßburg reisen. Das sind mir seit jeher mit die liebsten Untertanen gewesen. Und eine Heilige Messe im Straßburger Münster ist niemals zu verachten.«
Der Kaiser auf Reisen
Schneller als beabsichtigt, zwangen zahlreiche verschiedene Angelegenheiten Kaiser Friedrich zu einer längeren Reise über viele Stationen.
Im Frühjahr 1475 setzte sich der kaiserliche Tross von Wiener Neustadt aus in Bewegung.
Neben dem Kloster Salem hatte auch Dijon in Burgund als eines der wichtigsten Reiseziele gegolten. Dort wollte Friedrich mit Karl dem Kühnen, dem Herzog von Burgund, die Verheiratung seines Sohnes Maximilian mit Maria von Burgund und auch die Besitzverhältnisse von Luxemburg verhandeln.
Dieses seltsame Staatengebilde, das sich Burgund nannte, hatte sich in den letzten 100 Jahren zu einem teilweise zersplitterten, teilweise aber auch kompakten Territorium gemausert, das vom Genfer See bis zum Oberlauf der Loire und nach Westfriesland reichte. Dort entfaltete das späte Mittelalter seine prächtigste Hof- und Lebenshaltung, nirgendwo sonst wurde so farbenprächtig gelebt und gefeiert wie in Burgund.
Als verbindende Landbrücke zwischen Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation weckte die Pracht Burgunds jedoch immer wieder Begehrlichkeiten als potenzielles Beuteobjekt. Und so war Karl der Kühne dabei sowohl meist Verteidiger seines Reiches als manchmal auch vorbeugender Aggressor und tummelte sich munter auf den Schlachtfeldern Zentraleuropas.
Daher hatte sich auch in der Zwischenzeit die Reiseroute des Kaisers geändert. Dijon wurde gestrichen. Karl der Kühne hatte im Juni 1474 begonnen, die Stadt Neuss zu belagern.
Und das, obwohl er zur gleichen Zeit, im November desselben Jahres, bei Hericourt von den Eidgenossen im Auftrag der Habsburger besiegt wurde.
»Wie kann dieser Tor zwei Kriege zugleich führen?« Friedrich war ratlos.
Auch die Neusser Belagerung, die im Zusammenhang mit der Kölner Stiftsfehde stand, bei der Karl den Erzbischof von Köln, Ruprecht von der Pfalz, unterstützte, wurde von Friedrich nicht gutgeheißen.
»Wir müssen diesen Narren wieder zur Räson bringen, bevor er noch größeren Schaden anrichtet«, sagte Friedrich mehr als einmal.
»Hat er aus Hericourt nichts gelernt?«
Da er mit leichtem Tross und wenigen Wachsoldaten reiste – er wollte schneller und beweglicher unterwegs sein –, hatte er seine Armee schon einmal nach Neuss vorgeschickt.
In Salem hatten sie ihren ersten längeren Aufenthalt. Das Stift im Linzgauer Hinterland des Bodensees war ein wohlhabendes Zisterzienserkloster und seit 1137 im Rang einer Abtei.
»Salem, ein schöner Name! Der biblische Ort des Friedens.«
Friedrich machte hier gerne Station.
Die politisch ehrgeizigen Äbte wussten, was sie an diesen hohen Besuchen hatten, und hofierten diese entsprechend. Die Bewirtung war wieder einmal erlesen. Die klostereigene Brauerei stellte ein passables Bier her, und die Klosterküche war für hohen Besuch auf Wild spezialisiert. Hirsch, Hirschkuh und Wildschwein gab es in solchen Mengen, dass die köstlichen Rebhühner nur beiläufig zur Kenntnis genommen wurden.
Auch hier wurde mit Leidenschaft über die Kochkunst diskutiert, und das ohne erhobenen Zeigefinger, da der saure Wein diesmal wegfiel.
»Diese grüne Sauce ist ein Geschenk des Himmels«, seufzte von Meldegg und tunkte einmal mehr ein großes Stück Weißbrot hinein.
»Was da wohl alles drin sein mag?« Friedrich aß zwar auch mit Genuss, ihm fehlten indes die Kenntnisse über die Zutaten.
»Wenn ich mich nicht täusche, Bohnenkraut, Minze, Sauerampfer und Mangold. Dazu erschmecke ich Wein, Essig und etwas Lebkuchen.«
Der fantasielose Friedrich war wieder einmal beeindruckt vom kulinarischen Genius seines Leibarztes.
Nach dem Essen ließ sich besser verhandeln. Satte Gäste waren leichter für Zugeständnisse zu gewinnen. Das wusste die Führung von Salem auch. Diesmal bat der Abt Johannes Stantenat den Kaiser um Erteilung von Privilegien. Diese betrafen in erster Linie die Autonomie des Klosters. Friedrich nahm die Anliegen zur Kenntnis und versprach, sich nach seiner Rückkehr darum zu kümmern. Dies sollte allerdings noch zehn Jahre dauern. Erst am 20. August 1485 besuchte Kaiser Friedrich III. das Kloster Salem wieder, brachte dafür aber erfreuliche Meldung bezüglich der Privilegien: »Mein Freibrief wird Euch gestatten, fortan von Euren Untertanen Steuern zu erheben und säumige Zahler selbst zu bestrafen. Des Weiteren dürft Ihr Euren Schutzvogt selbst wählen und wieder absetzen.«
Nachdem der Tross Salem wieder verlassen hatte, ging es Richtung Rhein, und nach zehn Tagen hatten sie Straßburg erreicht.
»So, jetzt wollen wir unseren treuen Straßburgern noch unsere Aufwartung machen, bevor wir uns mit Herzog Karl auseinandersetzen müssen.«
Friedrich besprach auch Regierungsdinge abseits von seinem Kanzler und seinen sonstigen Beratern gerne mit seinem Leibarzt.
»Was denkt ihr, Andreas, wie sollen wir die Verhandlung mit dem Burgunderherzog angehen?«
Reichlin von Meldegg zuckte die Schultern.
»Das hängt davon ab, was Ihr erreichen wollt. Wollt Ihr dem ›Großherzog des Westens‹« – er grinste bei Nennung dieses Titels, den der Parvenü sich selbst verliehen hatte – »eine Lektion erteilen dafür, dass er Euch vor zwei Jahren in Trier zuerst mit seinem Reichtum gedemütigt und dann noch die Königswürde und eine Krönungszeremonie abgeschwatzt hatte, zu der er dann schlussendlich nicht erschienen ist?«
Friedrich erinnerte sich, als wäre es gestern gewesen: 400 Wagenladungen kostbarer Wandteppiche, jede Menge Gold und Silber hatte Karl mitgebracht, um die Trierer Abtei Sankt Maximin in eine Mischung aus Palast und Schatzkammer zu verwandeln. Sein Schwert hatte allergrößtes Aufsehen erregt: Das vollständige Vaterunser prangte auf dem Schwertgriff, jeder einzelne Buchstabe bestand aus Diamanten. Die besten Musiker hatte er mitgebracht, Karl selbst war in einem prächtigen, juwelenbesetzten Mantel, durchwirkt mit goldenen Fäden, erschienen, und alles nur zu dem einen Zweck – so war es Friedrich erschienen –, um ihm, dem Kaiser, deutlich aufzuzeigen, was wahrer Reichtum bedeutet. Friedrich war am Ende dieser sinnlosen Demonstration ohne Gruß und Verabschiedung abgereist.
Der Leibarzt schaute auf den sinnierenden Kaiser und fuhr fort:
»Oder wolltet Ihr nicht doch Euren Sohn Maximilian erstklassig mit seiner Tochter Maria verheiraten?«
Friedrich, der allen anderen Menschen meist mit Misstrauen begegnete, fuhr aus seinen Gedanken hoch und lächelte.
»Ihr seid mit allen Wassern gewaschen. Wärt Ihr nicht so ein guter Leibarzt, als Berater könntet Ihr kaum besser sein. Da hätte sogar mein guter alter Kanzler Schlick noch etwas lernen können.«
Er zitierte sein Lieblingsmotto: »Mögen andere Kriege führen, du glückliches Österreich, heirate!«
Von Meldegg kam nochmals auf das Trierer Treffen zu sprechen: »Erinnert Ihr Euch noch an das Geschenk, welches Karl Eurem 14-jährigen Sohn überreichte?«
»Diese eigens für ihn angefertigte, mit Initialen und Wappen geschmückte, kostbare Kriegsordnung?«
»Ja. Ich weiß immer noch nicht, ob er Euch damit seine Geringschätzung zeigen oder Maximilian Ehre erweisen wollte.« Er kratzte sich am Kopf.
»Nun, in dubio pro reo. Im Zweifel für den Angeklagten.«
Der Kaiser wechselte das Thema: »Was ist denn diese Maria von Burgund für ein Weib?«
Von Meldegg war wie immer bestens informiert.
»18 Jahre alt, sein einziges Kind. Lebte die ersten Jahre in ziemlicher Abgeschiedenheit auf der Festung Le Quesnoy. Nach der Trennung von den Eltern wurde das Kind in Gent am Hof des Grafen von Flandern erzogen. Sie wurde in allen für ihren Stand wichtigen Wissensgebieten unterrichtet und gilt allgemein als klug.«
»Auf ihre Rolle als mögliche Herrscherin wurde sie allerdings nicht vorbereitet«, warf Friedrich ein. »Soweit ich weiß, hofft Karl immer noch auf einen Sohn.«
»Das habe ich auch gehört«, lachte von Meldegg.
»Ach ja, da wäre noch etwas«, fuhr er fort. »Sie soll wunderschön sein!«
»Na, das wird meinen Sohn freuen, sollten wir zu einer Einigung kommen.«
Friedrich erklärte die Besprechung für beendet.
Von Meldegg verspürte ein trockenes Ziehen in der Kehle und machte sich auf in die Stadt.
Georg
Der Herbst des Jahres 1475 hatte in Straßburg früh begonnen und somit die Brausaison ebenso. Georg hatte von Daniel den Auftrag bekommen, eine neue Rezeptur auszuprobieren, die Daniel euphorisch ›Trippel‹ nannte.
»Mehr Malz allgemein, mehr geröstetes Malz, mehr Hopfen, da sollte ein wunderbares Bier herauskommen. Vorne süß, hinten bitter, in der Mitte voller Geist.«
Georg fragte nach, warum Daniel nur Hopfen nähme, er hatte mittlerweile in den paar Jahren bei Daniel auch über andere Rezepturen reden hören.
Daniel tat das nur kurz und schnell ab.
»Lass die anderen mit Fichten- und Tannensprossen würzen, der Hopfen ist das Beste, was die Natur uns bietet.«
Er schob noch nach:
»Und mach ja, dass der Trippel schön dunkel wird, am besten kohlrabenschwarz!«
So mühte sich Georg mit dem Maischescheit und bellte Befehle hinüber zum Feuer, wo sein Nachfolger die Biersteine erhitzte, als ein älterer Mann neben ihm auftauchte, den er noch niemals hier gesehen hatte.
Von vornehmer Gestalt, gekleidet wie ein Edelmann, wich Georg verschüchtert zur Seite, um ihn vorbeizulassen, wo immer er hinwollte.
Der Mann machte jedoch keine Anstalten, vorbeizugehen.
»Was schaffst du da Köstliches?«, fragte er Georg.
»Ein Bier, Eure Herrschaft!« Georg wusste nicht einmal, wie er den hohen Herrn richtig anreden sollte.
Dieser lachte. »Ein Bier! Das sehe ich auch. Ich meine, was für ein Bier?«
Georgs Mut kehrte zurück. Der Herr schien ihm nichts Böses zu wollen.
»Ein ›Trippel‹, so nennen wir das. Das wird ein neues Bier, und wir hoffen, dass die Leute wie verrückt danach sein werden.«
»Bist du hier der Brauherr?«
»Oh, nein. Verzeiht, wenn ich den Eindruck erweckt habe. Ich bin lediglich der Brauerbursche Georg. Der Brauherr ist Daniel Fischer. Er ist im Moment in der Küche und sieht nach den Speisen.«
»Habe ich diesem Daniel also nicht nur dieses herrliche Bier zu verdanken« – erst jetzt sah Georg, dass der Herr einen Krug in der Hand hielt, aus dem er einen genüsslichen Zug nahm –, »sondern auch dieses köstliche Hasengericht mit Wein, Schweinebauch, Nelken, Pfeffer, Thymian und Pumpernickel?«
»Ja, Herr, ich braue hier alles nach Daniel Fischers Rezepturen. Er ist der Herr von allem hier. Obwohl …« Er zögerte, ob es einem Fremden gegenüber nicht zu vorlaut klang, »… ich könnte das Bier auch allein machen. Ich bin ja bereits seit vielen Jahren hier und habe viele Rezepturen bereits gebraut. Sagt es aber bitte nicht weiter.«
Andreas Reichlin von Meldegg lachte leise und hatte in diesem Moment eine Idee.
»Möchtest du irgendwann einmal ein eigenes Brauhaus führen?«
»Möchten gerne, aber ich kann nicht lesen und schreiben und bin kein Bürger und nur ein Waisenkind.« Mittlerweile war er sich seiner Defizite bewusst geworden.
»Das können wir ändern.«
Der Leibarzt des Kaisers stellte sich neben den Bottich und wartete ab, bis Daniel aus der Küche zurückkehrte.
Zuerst erschien Sonja, was von Meldegg zu einem anerkennenden Kopfnicken veranlasste.
Bald darauf kam Daniel, von Meldegg stellte sich vor und erklärte seinen Plan. Die Verhandlung mit Daniel war kurz. Erst schien es, als sollte der alte Jähzorn wieder hochkommen, der in seinen jungen Jahren jeden Streit begleitet hatte.
Dann sah er die Münzen, die von Meldegg aus dem Beutel kullern ließ, und grinste.
Georg, bereits wieder bei der Arbeit, sah nur, wie beide einander die Hände schüttelten.
Er ahnte, dass sich sein Schicksal soeben geändert hatte. Wie, das erklärte Daniel ihm nach getaner Arbeit.
»Heute ist dein Glückstag, Junge!« Daniel redete gar nicht erst um den heißen Brei herum.
»Der Herr war Andreas Reichlin von Meldegg, Leibarzt des Kaisers. Des Kaisers! Verstehst du?« Seine Stimme wurde schrill.
»Und er möchte dich nach Österreich an den Hof des Kaisers mitnehmen. Damit du ein Bier braust, mit dem der Kaiser seinen sauren Wein ersetzen kann.«
Seine Aufregung war echt.
»Er fragte erst, ob ich mitgehen wolle. Ich kann aber mein Brauhaus hier nicht aufgeben. Daher habe ich ihm dich versprochen.«
Georg verstand nicht alles sogleich. Er sollte jetzt verreisen?
»Der kaiserliche Tross reist noch weiter rheinabwärts. Auf der Rückkehr, in etwa drei bis vier Monaten, wird von Meldegg dich hier abholen und mitnehmen. In der Zwischenzeit soll ich dich noch in alles einweisen, was du vielleicht noch nicht weißt. Und ich soll aufschreiben, was man zum Betrieb eines Brauhauses an Gerätschaften benötigt.«
Er klopfte Georg auf die Schulter.
»Junge, Junge, so jung und schon kaiserlicher Brauer! Und lesen und schreiben will er dich auch lehren. Ich sage ja, heute ist dein Glückstag!«
Georg war nicht sicher, ob er dieser Einschätzung zustimmen sollte.
Ein wenig Angst hatte er schon.
Ein paar Monate in Straßburg hatte er ja noch …
Aufbruch
Der Kaiser verbrachte zwei Wochen in Straßburg. Von dort begab man sich auf ein Schiff und fuhr rheinabwärts Richtung Neuss, das seit Juli 1474 von Karl dem Kühnen belagert wurde. Die Nachrichten, die mittlerweile mit schöner Regelmäßigkeit rheinaufwärts kamen, klangen dann allerdings beruhigend. Da die Neusser tapfer Widerstand geleistet hatten, bis Friedrichs Armee auf der Bildfläche erschienen war, hatte Karl die Stadt nicht einnehmen können. Und im Juni, nach einem Jahr der Belagerung, hatte Karl der Kühne schließlich aufgegeben. Was sicher auch damit zu tun hatte, dass seine Soldaten zwischendurch immer wieder einmal ihre Kampfhandlungen unterbrochen hatten und zum Grab des heiligen Quirinius in Neuss gepilgert waren. Dort hatten sie gebetet und geopfert, danach wurde wieder fröhlich weitergekämpft.
Friedrich hätte eigentlich frohlocken sollen, wieder einmal war der Kaiser ein Rätsel für die Menschen in seiner Umgebung. Seine kleinen, tief liegenden braunen Augen verrieten Unschlüssigkeit und alles andere als Freude.
Sein optimistischster Kommentar war noch:
»Das wird dem alten Hitzkopf eine Lehre sein!«
Von Meldegg ergänzte:
»Und es schwächt seine Position für die Heiratsverhandlungen.«
Dem konnte Friedrich nur zustimmen.
Als Treffpunkt für die Verhandlung schlug Friedrich Trier vor. Immer wieder hielt das Schiff an, um Nachrichten abzugeben oder aufzunehmen. Die Kuriere Karls und Friedrichs ritten hin und her und sich die Hintern wund, bis eine Einigung erzielt war.
»Wir sind den Trierern ja noch etwas schuldig, da wir die Krönung Karls vor zwei Jahren abgesagt haben.«
Auch hierzu hatte der kaiserliche Medikus ein Bonmot parat:
»Erinnert Ihr Euch noch, dass Karl in seinem Triumphgefühl bei den Trierer Handwerkern bereits eine Königskrone in Auftrag gegeben hatte? Da war die Enttäuschung groß gewesen, nachdem diese Träume zerplatzt waren und er die Krone abbestellte.«
Er lachte schelmisch, der Kaiser schwieg dazu.
Friedrich war meist auf Ausgleich bedacht, und Trier war außerdem gewissermaßen neutrales Gebiet, da der Erzbischof von Trier, der ebenfalls Kurfürst war, sich von niemandem dreinreden ließ.
»Ob der Erzbischof nach meiner Abreise wohl alle Rechnungen bezahlt hat, wie ich es ihm aufgetragen hatte«, fragte Friedrich, jedoch mehr als Selbstgespräch. »Ich habe auf jeden Fall niemals eine Rechnung von ihm erhalten. Also hat er noch etwas gut bei mir!«
Und außerdem wollte Friedrich dort die zwei Jahre zuvor gegründete Universität besuchen.
Das Treffen in Trier Anfang Oktober 1475 verlief, im Gegensatz zu dem von Karl mit großem Aufwand inszenierten Treffen zwei Jahre zuvor, ohne großen Pomp. Maximilians Schwiegervater in spe, angetreten als frisch Besiegter zweier sicher geglaubten Schlachten, war nicht in Streitlaune.
Schnell wurden die Modalitäten vereinbart. Die Hochzeit wurde für August 1477 festgelegt.
Karl der Kühne ließ keinen Zweifel daran, warum er so schnell zugestimmt hatte.
»Ihr werdet noch sehen, was Ihr mit Marias Taufpaten, König Ludwig XI., für eine Freude haben werdet. Er ist ein heimtückischer und herrschsüchtiger Charakter und hat es bereits auf mein Burgund abgesehen. Sogar seine Untertanen nennen ihn ›Den Grausamen‹!«
Er sah Friedrich genau in die Augen.
»Aber wenn jemand mein Burgund für meine Tochter verteidigen kann, so ist es Eure habsburgische Landesmacht.«
Dann trennten sich ihre Wege.
Karl reiste zurück nach Dijon, Friedrich doch noch nach Neuss.
Denn trotz dieser Abmachung hatte Friedrich noch eine kleine Rache für Karls Neusser Angriff parat. Die Stadt Neuss erhielt aus Friedrichs Hand das Münzprivileg, das Recht, mit rotem Wachs zu siegeln, die Rechte einer Hansestadt sowie ein neues Wappen. Fortan war er dort sehr gerne gesehen.
Von Neuss aus reiste Friedrich auf kürzestem Wege zurück nach Wiener Neustadt. Der Winter nahte, und da waren lange Reisen mühsam.
Von Meldegg fuhr rheinaufwärts, legte in Straßburg an und holte Georg ab.
Der Abschied von Daniel war bewegend. Wenn jemand Georg ein paar Jahre früher erzählt hätte, dass er bei der Trennung von Daniel Fischer Tränen in den Augen haben würde, den hätte er ausgelacht. Auch Sonja hatte ihn mittlerweile lieb gewonnen wie einen Sohn und weinte hemmungslos. Sie bat darum, Fafnir behalten zu dürfen.
»Damit wir eine Erinnerung an dich haben.«
Georg zögerte, von Meldegg aber meinte auch, die Reise, jedoch erst recht das Leben am Hof würden Fafnir nicht guttun.
»Hier in der Braustube fühlt er sich zu Hause. Also lass ihn hier.«
Schweren Herzens gab Georg nach, umarmte Daniel und Sonja.
»Gib uns Nachricht, wie es dir ergeht! Oder komm uns einmal besuchen!«
Beide hatten keine Ahnung, wie dieser Wunsch in Erfüllung gehen würde.
Zu zweit ließ sich schneller reisen, nur in gefährlichen Gegenden schlossen sie sich einer bewaffneten und eskortierten Reisegruppe an.
Als sie nach Überlingen kamen, blieben sie ein paar Tage dort und ruhten sich aus.
Hier erkannte Georg zum ersten Mal die Möglichkeiten, die man als Angestellter eines Kaisers haben konnte: Herr von Meldegg besaß ein eigenes Schloss!
»Das Schloss hat meine Familie erst vor fünf Jahren fertiggestellt und es ist unsere Stadtresidenz«, erklärte der Leibarzt. »Ich bin so viel auf Reisen, da möchte ich wenigstens wissen, wo ich daheim bin, wenn ich einmal Ruhe habe.«
Georg war so beeindruckt von Haus und Garten, dass er es nicht verbergen konnte.
»Die Gartenanlage hat einen Ausblick sowohl auf die Stadt wie auch auf den See.«
Auch von Meldegg war sichtlich stolz auf seine Residenz.
Bald rüsteten sie wieder zur Weiterreise. Unterwegs redeten sie viel, von Meldegg versuchte hier bereits, Georg etwas Bildung zu vermitteln, sodass er als Brauer am Kaiserhof bestehen konnte.
»Lesen und Schreiben ist wichtig, aber nicht alles. Auch in der Sprache musst du gewandter werden«, erklärte er Georg.
»Der kaiserliche Hof ist nicht so streng zeremoniell wie andere Fürstenhöfe. Aber dennoch eine Schlangengrube. Voller Günstlingswirtschaft, Verleumdungen und falscher Freunde. Sei also gewarnt! Wenn du zu gutgläubig bist, wirst du dort nicht bestehen.«
Die Worte erinnerten Georg einmal mehr an Michels Warnungen und seine ständige Angst davor, ›behumst‹ zu werden.
»Ist die Welt wirklich so schlecht«, dachte er bei sich.
Nun, er war zumindest vorgewarnt.
Ein gutes Stück reisten sie per Schiff auf der Donau, das Wetter war auf ihrer Seite, und mit Unterricht im Lesen und Schreiben verging die Zeit schneller als erwartet.
So erschienen sie im März 1476 auf Kaiser Friedrichs Burg in Wiener Neustadt.
Junge Freundschaft
Georg, mittlerweile 18 Jahre alt, war nun bereits einige Monate lang kaiserlicher Brauer in der Residenz Wiener Neustadt und glücklich wie noch nie zuvor in seinem Leben.
Von Meldegg hatte seine Beziehungen spielen lassen und all die Gerätschaften, die Daniel akkurat beschrieben hatte, ohne Ausnahme besorgen lassen: Langarmige Zangen für die Biersteine, hölzerne Ascheschaber, Schöpfkellen, Maischescheit, alles war vorhanden.
Georg glaubte, die feinste Brauerei im ganzen Heiligen Römischen Reich zu ›besitzen‹. Ihr waren sogar eine Malztenne, eine Malzdörre, eine Getreidekammer und eine Fässerkammer angeschlossen. Das Brauhaus bestand aus einem Maischebottich, der hier in Österreich ›Maischschaff‹ genannt wurde und der auch als Läuterbottich diente, einem Brühschaff zum Aufbrühen des Hopfens und einem Schaff mit verzapfter Bodenöffnung, unter der ein Fangtrog und eine Rinne angebracht waren. Da lief dann die fertige Bierwürze in den Gärbottich.
Georgs Lohn betrug 30 Pfennige am Tag, acht Pfennige mehr als zum Beispiel ein erfahrener Maurergeselle bekam. Dafür hätte er sich jeden Tag zwei Hühner leisten können. Das tat er natürlich nicht, sondern legte fleißig Geld zur Seite.
»Wer in Armut aufgewachsen, wird niemals zum Verschwender!« Diesen Spruch aus der großen Sprüchesammlung des Baders Michel behielt er zeitlebens im Hinterkopf.
Man hatte ihm drei Brauburschen an die Seite gestellt, die ihm beim Mälzen und beim Sieden zur Hand gingen. Der älteste von ihnen, Winand, hatte schon reichlich Erfahrung mit Steinbierbrauen. Er kam aus Hirt in Kärnten, wo dies seit über 200 Jahren Praxis sei, wie er zu betonen nicht müde wurde. Dennoch akzeptierte er Georg als Vorstand der Brauerei. Die beiden Jüngeren, Otto und Rembold, kamen nur bei Bedarf hinzu. Ansonsten mussten sie in der Küche arbeiten und sogenannte ›Bengelarbeit‹ verrichten, Fische ausnehmen, Bratspieße drehen oder Geflügel rupfen.
Als Quelle für die Biersteine hatten sie einen Platz am Ufer des Leithaflusses gefunden, an dem es reichlich Grauwacke gab. Diese Steine barsten beim Eintauchen in die Würze nicht, auch wenn sie glühend heiß waren.
Um Kundschaft brauchte sich Georg auch keine Sorgen zu machen: Er braute nur für den Hof, da gab es viele durstige Seelen. Friedrich und sein Leibarzt waren nicht die Einzigen, die den Wein leid waren, der so sauer war, dass er die Schnauzen der Zinnkannen zerfraß. Der Trupp der tschechischen Söldner mit den unaussprechlichen Namen, der für die Sicherheit des Hofes garantieren sollte, war immer durstig und gab sich bisweilen heftigen Trinkgelagen hin.
Da Trunkenheit wie überall, so auch hier am Hof, sowieso als aristokratische Tugend galt, hatte er also immer reichlich zu tun.
Wiener Neustadt war zu dieser Zeit das glanzvolle urbane Zentrum Österreichs, durch seine Nähe zum Balkan lag es im Brennpunkt der strategischen Planungen sowohl der Ungarn als auch der Türken und der österreichischen Kleinherrscher. Mit ihrer zwölf Meter hohen und zweieinhalb Kilometer langen Stadtmauer galt die Residenz als uneinnehmbar, zumal die Bewohner der Stadt auf Anordnung Lebensmittel für mindestens ein Jahr zu horten hatten, um einer eventuellen Belagerung zu widerstehen.
Georg liebte die ausgedehnten Parkanlagen voller Obstbäume, Blumenbeete, Fischteiche und Tiergehege. Ebenso genoss er die Aussicht von der Burg über das Steinfeld, den südlichen Teil des Wiener Beckens, und auf die Voralpen, die Hohe Wand und den Schneeberg im Süden und Westen. Schnell hatte er das pannonische Klima schätzen gelernt, mit warmen und trockenen Sommern, dafür kalten, jedoch ebenso trockenen Wintern.
Wenn er etwas in Süddeutschland und Straßburg gehasst hatte, so war es der ständige Regen gewesen.
Die Stadt selbst kam ihm vor wie das Paradies, obwohl auch Straßburg schon ansehnlich gewesen war. Hier jedoch waren die Straßen gepflastert, Bettler, fremde Kinder und ›untaugliches Volk‹ auf Anordnung von oben aus der Stadt verjagt worden. Die Kirchen durften nicht barfuß betreten werden, sogar die Schweine mieden auf höchste Anordnung die Straßen und suhlten sich anderswo. Da ließ es sich leben!
So braute Georg vor sich hin, probierte verschiedene Rezepturen aus. Er hielt sich an die Vorgabe Daniel Fischers, nur mit Hopfen zu würzen. Ansonsten aber braute er auch mit anderem Getreide, nahm neben Roggen, Gerste und Weizen auch Emmer, Einkorn und Buchweizen, gelegentlich Rispenhirse oder Dinkel und erhielt dabei die unterschiedlichsten Resultate. Manchmal beschwerten sich die Höflinge, dann gelobte er Besserung. Manchmal kam Reichlin von Meldegg persönlich vorbei und gratulierte ihm zu einem besonders gelungenen Wurf. Dies vermerkte Georg dann in einem Buch. Das Schreiben klappte immer besser, anfangs konnte Georg seine eigene Schrift nach ein paar Tagen nicht mehr erkennen.
Kaiser Friedrich ließ sich anfangs nicht blicken, der hatte andere Sorgen.
Obwohl von Meldegg Georg mehrmals das kaiserliche Wohlwollen übermittelte.
»Seine Säfte fließen wieder besser, seine Verdauung ist regelmäßiger, und seine Leibschmerzen haben fast ganz aufgehört.« Georg vernahm es mit Befriedigung.
Das wichtigste Lob aber für seine Ohren kam immer von Kunigunde, der Tochter von Kaiser Friedrich III.
Sie war das schönste Mädchen, das Georg jemals gesehen hatte, mit einem weißen, ebenmäßigen Gesicht, rehbraunen Augen, langen Haaren und zarten Händen. Und obwohl erst elf Jahre alt, kam sie regelmäßig in seine Brauerei. Sie musste dies eher heimlich machen, da es als unfein galt, und sie sollte doch die Erziehung einer Prinzessin genießen.
Als sie zum ersten Mal in der Brauerei erschienen war, dachte Georg noch, sie hätte sich verirrt, und hatte sie, da er sie nicht erkannt hatte, mit barschen Worten hinausgeschickt.
»Ich habe mich nicht verlaufen. Ich will mir das Brauhaus ansehen«, hatte sie patzig zurückgeschossen.
Bei Interesse an seinem Brauhaus wird ein jeder Brauer weich, und so hellte sich auch Georgs Miene auf. Er versuchte, Kunigunde mit einfachen Worten zu zeigen, worauf es beim Bierbrauen ankam, was man falsch machen konnte und wie sich ein gutes von einem schlechten Bier unterschied.
Dann zeigte er sein Rezeptbuch, deutete auf eine Notiz darin und sagte lachend:
»Das ist des Kaisers Lieblingsbier. Da muss er am wenigsten furzen!«
»Du redest sehr respektlos über meinen Vater!«
Nun war es heraus!
Da Kunigunde sich nicht vorgestellt hatte, hatte Georg sie für eines der zahllosen Kinder der Höflinge oder Minister gehalten, die immer durch die Burg tollten.
Ihm rutschte das Herz in die Hose.
»Bitte verzeiht mir. Ich wusste nicht, dass …«
Kunigunde schnitt ihm das Wort ab.
»Lass nur, ich lache auch immer über seine Blähungen, zumindest wenn er oder sein Leibarzt nicht dabei sind.«
Nun lachten beide, Georg stellte sich auch vor.
»Das weiß ich doch«, sagte Kunigunde, die häufig an der Tafel ihres Vaters speiste.
»Beim Essen hat der Leibarzt viel erzählt, wie er dich gefunden hat, wie ihr zusammen gereist seid und wie er dich Lesen und Schreiben gelehrt hat. Er ist sehr stolz auf dich, jedoch auch auf sich selbst.«
Bei den nächsten Besuchen fragte sie ihn weiter aus. Georg hatte auch Daniel Fischers Rezept für die berühmte Biersuppe mitgenommen. Die stand nun regelmäßig auf dem Speiseplan, als Frühstück für die Kinder.
Auch Kunigunde liebte diese Suppe.
Manchmal brachte sie Georg aber auch etwas zu essen ins Brauhaus. Georg mochte besonders den Obstbrei, der mit Honig und Pfeffer gewürzt war.
Im Laufe der nächsten Monate wurden sie gute Freunde. Wenn Kunigunde in Wiener Neustadt weilte, besuchte sie ihn. Anfangs brachte sie manchmal ihre besten Freundinnen und Gespielinnen mit, die Schwestern Rosina und Sigune von Kraig, die, gleich alt wie Kunigunde, der Brauerei und Georg jedoch nicht das geringste Interesse entgegenbrachten.
Nach einer Weile kam sie wieder allein, dann spottete sie über Rosina.
»Mein Bruder Maximilian bildet sich ein, sich in sie verliebt zu haben. Und jetzt hält sie sich schon für eine Erzherzogin.«
Auch ihre Hofmeisterin Else Pellenhofer wurde gelegentlich Opfer ihrer spitzten Zunge.
»Bauerntrampel«, schimpfte sie. »Und so was soll mich erziehen. Sie und ihr Mann Hans gehören in einen Kuhstall, nicht an einen Fürstenhof!«
Georg kannte die Pellenhoferin nur vom Sehen, dünkelhaft und geflissentlich ignorierte sie den kleinen Brauerburschen und sah ihn wohl nicht als passenden Umgang für ihren Zögling. So stahl sich Kunigunde meist davon, wenn sie in die Brauerei kam, und schimpfte über ihre Erziehung.
»Vom Lesen und Schreiben wollen sie mir nur das Nötigste beibringen. ›Zu viel Lernen kostet dich Kraft und Gesundheit, mein Liebes‹, sagt die Pellendorferin. ›Und vermindert deine Anmut!‹ Sticken und Nähen soll ich lernen, Reiten, Waidwerk und Haushaltsführung.«
Georg wusste nicht, was daran schlecht sein sollte, er sollte aber noch oft genug ihren wachen Geist und ihren robusten Charakter kennenlernen, aus dem sich mit den Jahren zwei herausragende Eigenschaften über allen anderen ausbilden sollten: Eine tief gehende, ungeheuchelte Frömmigkeit und eine geradezu klassische, aristokratische Tapferkeit.
Sie verbrachte aber auch viel Zeit in Graz, weil ihr Vater nicht viel Zeit für sie hatte und, wie sie Georg bald erzählt hatte, ihre Mutter, Eleonore von Portugal, vor Jahren schon verstorben war.
»Ich war erst zwei Jahre alt, als sie starb, an einer Krankheit der Eingeweide, so wurde mir erzählt. Sie soll eine sehr schöne Frau gewesen sein, ihr Vater war der König von Portugal.«
»Nun weiß ich auch, woher du deine Schönheit hast.«
Georgs Kompliment ließ Kunigunde erröten.
Sie fuhr fort:
»Meine Mutter liebte den Tanz, das Spiel und die Jagd. Das sind nun Dinge, die mein Vater verachtet. Sie hatte mich wie auch meine fünf Geschwister, von denen vier bereits als Kind gestorben sind, immer mit süßen Naschereien aus Portugal verwöhnt.«
Manchmal brachte sie solche Süßigkeiten mit, Naschereien, von denen Georg keine Ahnung hatte, dass es so etwas gab.
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