Sadece Litres'te okuyun

Kitap dosya olarak indirilemez ancak uygulamamız üzerinden veya online olarak web sitemizden okunabilir.

Kitabı oku: «Die verlorene Handschrift», sayfa 18

Yazı tipi:

Ilse ersuchte den Doctor, bei ihrem Gatten zu bleiben, und mühte sich am Tisch, die Herren ein wenig auf andere Gedanken zu bringen. Sie zog einen Brief der Rollmaus aus der Tasche, worin diese bat, ihr etwas Gelehrtes ganz nach Wahl des Herrn Professors zum Lesen zu schicken. Und Ilse sprach den Wunsch aus, es möchte durch solche Sendung eine schöne Kiste mit Rebhühnern und Eingeschlachtetem gutgemacht werden, welche die Frau Oberamtmann der städtischen Wissenschaft gewidmet hatte. Das half doch etwas, die Mordgedanken der finstern Männer in den Hintergrund zu drängen. Zuletzt brachte sie eine große runde Wurst herbei, welche die Rollmaus eigens dem Doctor bestimmt hatte, und setzte sie als Schaugericht auf den Tisch. Wenn man die Wurst ansah, wie sie so vergnügt dalag, in runder Fülle, ohne innere Kämpfe, mit blauem Band umwunden, da war es unmöglich zu verkennen, daß auf dieser Erde trotz falschem Schein und leerer Anmaßung doch auch Gediegenes zu finden war. Und als die Männer das gute dicke Ding betrachteten, erweichte sich ihr Herz zu einem leisen Lächeln und einer mildern Auffassung menschlicher Schwäche.

Aber da klingelte es, und Struvelius erschien. Der Professor rückte sich heftig zusammen und ging mit starken Schritten in sein Zimmer, der Doctor entfernte sich heimlich und versprach, in Kurzem wieder zu kommen.

Zuverlässig empfand Struvelius beim ersten Blick auf den Collegen, daß die letzte Unterredung ihre Schatten über diese neue Zusammenkunft zu werfen drohe, denn er sah betroffen aus, und sein Haar stand chaotisch auf dem Haupte. Der Professor legte ihm die gedruckte Stelle des Kirchenvaters vor Augen und sagte dazu nur die Worte: »Diese Stelle ist Ihnen entgangen.«

»In der That,« rief Struvelius und saß lange darübergebeugt. »Ich kann mir diese Bestätigung gefallen lassen,« sprach er endlich, von dem Folianten aufsehend.

Der Professor aber legte den Finger auf das Buch: »In den Text des Pergamentblattes, welchen Sie ergänzt haben, ist ein ungewöhnlicher Druckfehler dieser Ausgabe aufgenommen, ein Druckfehler, welcher am Ende des Buches verbessert wurde. Die Worte des Pergamentblattes sind also zum Theil nach dieser gedruckten Stelle zusammengesetzt und eine Fälschung.«

Struvelius blieb stumm sitzen, aber er war sehr erschrocken und sah ängstlich in das zusammengezogene Gesicht des Collegen.

»Es wird jetzt zunächst Ihr Interesse sein, dem Publicum darüber die unvermeidliche Aufklärung zu geben.«

»Eine Fälschung ist unmöglich,« entgegnete Struvelius unbesonnen, »ich selbst habe das Pergamentblatt von dem alten Leim gereinigt, der den Text verdeckte.«

»Und doch sagten Sie mir, daß das Blatt nicht in Ihrem Besitz sei. Sie werden begreifen, daß es mir keine Freude machen kann, einem Amtsgenossen gegenüber zu treten, deshalb müssen Sie selbst unverzüglich das ganze Sachverhältniß öffentlich darlegen. Denn daß die Fälschung bekannt werden muß, ist selbstverständlich.«

Struvelius dachte nach »Ich räume ein, daß Sie in guter Meinung sprechen,« begann er endlich, »aber ich habe die feste Ueberzeugung, daß die Schrift des Pergamentes echt ist, und ich muß Ihnen überlassen, zu thun, was Sie für Pflicht halten. Wenn Sie Ihren Collegen öffentlich angreifen, so werde ich das zu ertragen suchen.«

Nach diesen Worten entfernte sich Struvelius widerspenstig, aber in großer Unruhe, und die Angelegenheit wälzte sich auf der Bahn des Unheils weiter. Ilse sah mit Betrübniß, wie heftig ihr Gatte unter der Störrigkeit seines Collegen litt, die er als unreinliches Wesen verurtheilte. Jetzt schrieb der Professor in die wissenschaftliche Zeitung, für welche er arbeitete, eine kurze Darstellung des wirklichen Sachverhältnisses. Er führte die verhängnisvolle Stelle des Kirchenvaters an und sprach schonend sein Bedauern aus, daß der scharfsinnige Herausgeber irgendwie durch einen Betrüger hintergangen sei.

Diese schlagende Beurtheilung machte an der Universität ein ungeheures Aufsehen. Wie ein gestörter Bienenschwarm, welcher hierhin und dorthin fliegt, summten die Collegen durcheinander. Struvelius hatte wenig warme Freunde, aber er hatte auch keine Gegner. Zwar die ersten Tage nach jenem literarischen Urtheil galt er für einen aufzugebenden Mann, aber er selbst hielt sich gar nicht dafür, sondern verfaßte eine Entgegnung. Darin betonte er nicht ohne Selbstgefühl die schöne Bestätigung, welche seine Ergänzungen durch die von ihm allerdings übersehene Stelle des Kirchenvaters erhalten, er behandelte das Zusammentreffen des Druckfehlers mit dem Wortlaut seines Pergaments als einen wunderlichen, keineswegs aber unerhörten Zufall und versagte sich zuletzt nicht, einige scharfe Seitenblicke auf andere Gelehrte zu werfen, welche gewisse Autoren für ihre Domäne hielten und einen kleinen Fund mißachteten, während doch kein unbefangenes Urtheil auf einen größern hoffen dürfe.

Diese tactlose Anspielung auf den geheimen Codex empörte den Professor in tiefster Seele, aber stolz verschmähte er jeden weitern Kampf vor der Oeffentlichkeit. Die Entgegnung des Struvelius war allerdings übel gelungen, indeß hatte sie doch die Wirkung, daß die Mitglieder der Universität, welche gegen Felix gestimmt waren, den Muth gewannen, auf Seite des Gegners zu treten. Die Sache sei immerhin zweifelhaft, und es sei doch gegen die Bundespflicht des Amtes, seinen Collegen öffentlich so groben Versehens zu bezichtigen. Der Angreifer hätte das auch einem Andern überlassen können. Gegen diese Schwachen kämpfte der bessere Theil der Amtsgenossen aus dem Lager unseres Professors. Einige der angesehensten, unter ihnen alle von Ilse’s Theetisch, beschlossen, daß die Angelegenheit nicht im Sande verlaufen dürfe. In der That stand für Struvelius der Streit ungünstig genug, denn ihm wurde ernstlich vorgestellt, daß seine Ehre ihn verpflichte, über das Pergament irgendeine Aufklärung zu geben. Er aber schwieg sich durch diese Verhaue hingeworfener Behauptungen durch, so wohl oder übel ihm möglich war.

Auch die Abende in Ilse’s Zimmer erhielten durch dies Ereigniß einen kriegerischen Charakter, immer wieder saßen die nächsten Freunde, der Doctor, der Mineralog und nicht zuletzt Raschke, wie Kriegstribunen in Berathung gegen den Feind. Raschke gestand an einem Abend, daß er soeben bei dem verstockten Gegner gewesen war und ihn flehentlich gebeten hatte, wenigstens zu bewirken, daß irgend ein Dritter das unglückliche Pergament zur Ansicht erhalte. Und Struvelius war einigermaßen in Thauwärme gekommen und hatte bedauert, daß er Schweigen versprochen, weil ihm noch andere Seltenheiten in Aussicht gestellt seien. Da hatte ihn Raschke beschworen, auf solche unheimliche Schätze zu verzichten und sich die Freiheit der Rede zurück zu kaufen. Es war eine lebhafte Erörterung gewesen, denn Raschke fuhr sich mit der kleinen Theeserviette – sie hatte Fransen und war Ilse’s Freude – über Nase und Augen und steckte sie dann in seine Tasche. Als Ilse ihm lachend seinen Raub zu Gemüth führte, brachte er nicht nur die Serviette hervor, sondern mit ihr noch ein seidenes Taschentuch, von dem er behauptete, daß es ebenfalls Ilsen gehören müsse, obgleich es offenbar Eigenthum eines mit Schnupftabak umgehenden Herrn war. Deshalb wurde gegen ihn der Verdacht erhoben, daß er das Tuch aus dem Zimmer des Struvelius mitgebracht habe. »Nicht unmöglich,« sagte er, »denn wir waren bewegt.«

Das fremde Taschentuch lag auf einem Stuhle und wurde von den Anwesenden mit kalten Blicken und feindlichen Empfindungen betrachtet.

4.
Der Professorenball

In diese akademische Verstörung fiel der große Professorenball, das einzige Fest des Jahres, welches sämmtlichen Familien der Universität Gelegenheit gab, in fröhlicher Geselligkeit zusammenzutreffen. Auch Studenten und andere Bekannte wurden geladen, der Ball war in der Stadt wohlangesehen und die Einladungen begehrt.

Ein akademischer Tanz ist etwas ganz Anderes als ein gewöhnlicher Ball. Denn außer allen guten Eigenschaften eines distinguirten Balles erweist er noch drei Vorzüge deutscher Wissenschaft: Fleiß, Freiheit und Gleichgültigkeit; Fleiß im Tanzen, auch bei den Herren, Freiheit in anmuthigem Verkehr zwischen Jung und Alt und Gleichgültigkeit gegen Uniformen und lackirte Tanzstiefeln. Zwar die Jugend hat auch hier im Ganzen einen weltbürgerlichen Charakter, denn dieselben Tanzweisen, Roben, Sträuße und Verbeugungen, grüßende Augen und geröthete Bäckchen mag man bei tausend ähnlichen Festen von der Newa bis nach Kalifornien erblicken. Nur wer genauer zusah, erkannte wohl an einem Mädchenkopf die geistvollen Augen und beredten Lippen, welche von dem gelehrten Vater auf sie übergegangen waren, und vielleicht in Locken und Bändern eine kleine akademische Eigenheit. Und der alte Satz, welchen Tiefsinn vergangener Studenten gefunden: Professorentöchter sind entweder hübsch oder häßlich, empfahl sich auch hier dem betrachtenden Menschenfreund, die landesübliche Mischung beider Eigenschaften war selten. Und unter den Tänzern waren neben einigen Offizieren und der Blüthe städtischer Jugend, dem gewöhnlichen Ballgut, hie und da junge Gelehrtengesichter zu sehen, hager und bleich, umflossen von schlichtem Haar, welches mehr geeignet war, sinnig auf die Bücher hinabzuhängen, als im Tanz durch den Saal zu schweifen. Was aber diesem Fest seinen Werth gab, war gar nicht die Jugend, sondern Herren und Frauen in gesetzten Jahren. Unter den älteren Herren mit grauem Haar und fröhlichem Antlitz, welche in Gruppen zusammenstanden oder behaglich zwischen den Damen umhertrieben, viele bedeutende Köpfe, feine ausgearbeitete Züge, ein frisches, lebendiges, unterhaltsames Wesen. Und unter den Frauen nicht wenige, die sonst das ganze Jahr geräuschlos zwischen dem Arbeitszimmer des Gatten und der Kinderstube einherschwebten, und die sich jetzt im ungewohnten Staatskleid dem Kerzenglanz ausgesetzt sahen, ebenso schüchtern und verschämt, wie sie vor langer Zeit als Mädchen gewesen waren.

Diesmal aber war beim Beginn des Festes in einzelnen Gruppen doch eine gewisse Spannung unverkennbar. Der Theetisch Werners hatte angenommen, daß Struvelius nicht kommen werde. Aber er war da. Er stand still in sich gezogen mit seinem gewöhnlichen zerstreuten Blick unweit des Eingangs, und Ilse und ihr Gatte mußten an ihm vorüber. Als Ilse am Arm des Professors durch den Saal schritt, sah sie, daß die Augen Vieler sich neugierig auf sie richteten, und hohe Röthe stieg ihr in die Wangen. Der Professor führte sie der Frau des Collegen Günther zu, welche mit Ilse verabredet hatte, daß sie am Abende zusammenhalten wollten, und Ilse war froh, als sie auf einem der erhöhten Sitze neben der muntern Frau Platz gefunden hatte, und sie wagte im Anfange nur schüchtern um sich zu blicken. Aber der Schmuck des Saales, die vielen stattlichen Menschen, welche suchend, plaudernd, grüßend den großen Raum füllten, dazwischen die ersten Klänge der Ouvertüre, gaben ihr bald eine gehobene Stimmung. Sie getraute sich weiter umzuschauen und nach ihren Bekannten zu spähen, vor Allem nach dem lieben Manne. Sie sah ihn unweit der einen Saalthür stehen inmitten seiner Freunde und Genossen, ragend an Haupt und Gliedern. Und sie sah unweit der andern Thür den Gegner Struvelius stehen mit kleinem Gefolge, fast nur von Studenten umgeben; so standen die Männer zwiefach getheilt, den Groll in ihrem Busen ehrbar bändigend. Aber zu Ilse kamen die Bekannten des Gatten, der Doctor kam und lachte sie aus, weil sie vorher große Sorge gehabt, wie man in dem Gewirr fremder Menschen einander finden werde, auch der Mineraloge kam und erklärte seine Absicht, sie um einen Tanz zu ersuchen. Doch Ilse machte ihm dagegen ernste Vorstellungen: »Bitte, thun Sie das nicht, ich bin in den neuen städtischen Tänzen nicht sicher, und Sie möchten mit mir nicht gut bestehen. Da wollen wir einen Grundsatz daraus machen, und ich werde gar nicht tanzen. Aber das ist auch nicht nöthig, denn mir ist sehr festlich zu Muth, und ich freue mich von Herzen über all die schmucken Leute.« Bald traten Fremde heran, ließen sich ihr vorstellen, und sie erlangte schnell größere Gewandtheit, Tänze abzuschlagen. Darauf führte auch der Historiker seine Tochter zu ihr, der würdige Herr sprach längere Zeit mit Ilse und setzte sich endlich sogar neben sie, und Ilse fühlte freudig, daß darin eine Auszeichnung lag. Endlich wagte sie sich selbst einige Schritte von ihrem Platz, um Frau Professor Raschke zu sich zu holen. Und es dauerte nicht lange, so bildete sie mit den Bekannten eine hübsche kleine Gesellschaft, die niedliche Frau Günther machte allerliebste Scherze und erklärte ihr fremde Damen und Herren. Auch die Frau Rectorin kam herbei und sagte, sie müsse sich zu ihnen setzen, weil sie merke, daß es bei ihnen so lustig hergehe, und die Magnificenz warf ihre Augen wie Leuchtkugeln hin und her und zog einen Herrn nach dem andern zu der Gruppe; und wer der Magnificenz Hochachtung bewies, der begrüßte auch die neue Frau Collegin. Es wurde in ihrer Nähe ein Kommen und Gehen wie auf einem Jahrmarkt, und Ilse und die Magnificenz saßen da wie zwei Nachbarsterne, von denen einer den Glanz des andern vermehrt. Alles war gut und schön, Ilse war seelenvergnügt, und es fand in ihrer Nähe nur etwas mehr freundschaftliches Händeschütteln statt, als sich im Ganzen mit der Feierlichkeit eines Balles verträgt. Und als Felix auch einmal herzutrat und sie fragend ansah, da drückte sie ihm leise die Fingerspitze und lachte ihn so glücklich an, daß er keiner weitern Antwort bedurfte.

Da, in einer Pause, als Ilse die Wände des Saales entlang sah, erblickte sie auf der entgegengesetzten Seite Frau Professor Struvelius. Sie saß in auffallend dunklem Kleide, ihre eine sapphische Locke hing ernst und schwermüthig von dem feinen Haupt. Die Gattin des Feindes sah bleich aus und blickte still vor sich nieder. In der Haltung der Frau war etwas, was Ilsen das Herz bewegte, und ihr war, als müßte sie hinübergehen. Sie überlegte, ob ihrem Felix das recht sein werde, und fürchtete sich auch vor einer kalten Abweisung. Endlich aber faßte sie ein Herz und schritt quer durch den Saal auf die gelehrte Frau zu.

Sie wußte nicht, was sie that. Sie selbst war viel mehr aufgefallen, sie wurde viel schärfer beobachtet, und die Anwesenden beschäftigte der Zwist zweier Häuptlinge viel angelegentlicher, als sie ahnte. Wie sie jetzt mit festem Schritt auf die Andere zuging und schon einige Schritt vor ihr die Hand nach ihr ausstreckte, da entstand eine bemerkbare Stille im Saale und viele Augen richteten sich auf die beiden Frauen. Die Struvelius erhob sich geradlinig, stieg eine Stufe von ihrem Sitz hinab und sah so gefroren aus, daß Ilse erschrak und kaum eine alltägliche Frage nach ihrem Befinden über die Lippen brachte.

»Ich danke Ihnen,« antwortete die Struvelius, »ich bin keine Freundin lauter Geselligkeit, wohl nur deshalb, weil mir alle Eigenschaften dafür fehlen. Denn zuletzt ist dem Menschen nur da wohl, wo er Gelegenheit hat, irgendeine Anlage thätig darzustellen.«

»Mit meiner Anlage sieht es vollends schlecht aus,« sagte Ilse schüchtern, »aber mir ist hier Alles neu und deshalb unterhalte ich mich sehr durch das Zusehen, und ich möchte meine Augen überall haben.«

»Das ist bei Ihnen eine ganz andere Sache,« versetzte die Struvelius mit kalter Abfertigung.

Zum Glück wurde die dürftige Unterhaltung im Beginn unterbrochen. Denn die Consistorialräthin schoß neugierig wie eine Elster zu der Gruppe, um menschenfreundlich zu vermitteln oder in der auffallenden Scene mitzuwirken. Sie pickte in das Gespräch hinein, und gleichgültige Reden wurden kurze Zeit fortgesetzt. Ilse kehrte erkältet auf ihren Platz zurück, mit sich selbst ein wenig unzufrieden. Sie hatte keine Ursache dazu. Die kleine Günther sagte ihr leise: »Das war recht, und ich bin Ihnen jetzt noch einmal so gut;« und Professor Raschke kam zu ihr herangeschossen; er erwähnte nichts, aber nannte sie einmal über das andere seine liebe Frau Collega. Er frug besorgt, ob er ihr nicht etwas Gutes, wie Thee oder Limonade, zutragen dürfe, er nahm den feingeschnitzten Fächer, den ihr Laura aufgenöthigt hatte, bewundernd aus ihrer Hand und steckte ihn aus Vorsicht in die Brusttasche seines Fracks. Dabei kam er auf eine lustige Geschichte, wie er als Student sich in seiner kleinen Stube selbst tanzen gelehrt hatte, um seiner gegenwärtigen Frau zu gefallen, und im Feuer seiner Erzählung begann er vor Ilse die Methode darzustellen, durch welche er sich in der Stille die ersten Pas beigebracht. Er bewegte sich gerade im Schwunge, und der Schwanenflaum des Fächers ragte wie eine große Feder aus seinem Flügel hervor, als ein neuer Tanz begann und der Professor durch die wirbelnden Paare mit Laura’s Fächer weggefegt wurde. – Es waren nur wenige Schritte, die Ilse durch den Saal gethan hatte, aber die kleine Aeußerung eines selbständigen Willens hatte ihr die gute Meinung der Universität gewonnen. Denn mancher Bemerkung, welche wohl über ihr ländliches Wesen gemacht wurde, klang jetzt bei Männern und Frauen die Anerkennung entgegen: sie hat Gemüth und Charakter.

Nach altem Brauch wurde der Ball in seiner Mitte durch ein gemeinschaftliches Abendessen unterbrochen. Würdige Professoren waren schon einige Zeit vorher im Nebenzimmer spähend um gedeckte Tische gewandelt, hatten vorsorglich Zettel gelegt und mit wohlgekräuselten Kellnern eine Weinlieferung verabredet. Endlich lagerte sich die Gesellschaft, nach Familien geordnet, um die Tafeln. Als Ilse am Arm des Gatten nach ihrem Platze schritt, frug sie leise: »War’s recht, daß ich hinüberging?« Und er erwiederte ernsthaft: »Es war nicht unrecht.« Damit mußte sie sich vorläufig begnügen.

Während der Tafel brachte Magnisiens den ersten Toast auf die akademische Geselligkeit aus, und die Herren vom Theetisch fanden, daß seine leise Anspielung auf ein freundliches Zusammenhalten der Collegen in unzarter Weise an die brennende Frage des Tages rühre. Aber diese Wirkung ging sogleich in andern Trinksprüchen unter, und Ilse merkte, daß die Tischreden hier anders betrieben wurden als in der Familie Rollmaus, denn ein College nach dem andern schlug an das Glas. Wie zierlich und geistreich wußten sie leben zu lassen, sie hielten ihre Frackschöße und blickten kaltblütig in die Runde und gedachten in herrlichen Worten der Gäste, der Frauen und der übrigen Menschheit. Als die Pfropfen des Champagners knallten, wurde die Beredtsamkeit übermächtig, und es schlugen sogar zwei Professoren zu gleicher Zeit an die Gläser. Da erhob sich noch einmal der Professor der Geschichte, und Alles wurde still. Er begrüßte die neuen Mitglieder der Universität, die Frauen und Männer, und Ilse merkte, daß dieser Gruß auch auf sie selbst gehe, und sah auf ihren Teller herab. Aber sie erschrak, als er immer persönlicher wurde und zuletzt gar ihren Namen laut in den Saal rief und den der Mineralogin, welche auf der andern Seite ihres Felix saß. Die Gläser klangen, ein Tusch wurde geblasen, viele Collegen und einige Frauen erhoben sich und zogen mit ihren Gläsern heran, es entstand hinter den Stühlen eine kleine Völkerwanderung, und Ilse und die Mineralogin mußten ohne Aufhören anstoßen, danken und sich verneigen. Als Ilse erröthend aufstand, um mit den Grüßenden anzustoßen, streifte ihr Blick unwillkürlich die nächste Tafel, wo wieder die Struvelius gegenüber saß, und sie sah, wie diese nach dem Glase zuckte, aber schnell zurückfuhr und finster vor sich hinstarrte.

Die Gesellschaft erhob sich, und jetzt erst begann die rechte Festfreude. Denn auch die Professoren wurden regsam und gedachten ihrer alten Tüchtigkeit. Und der Saal erhielt ein verändertes Aussehen, denn jetzt drehten sich auch ehrwürdige Herren mit ihren eigenen Frauen im Kreise. Ach, es war für Ilse ein herziger und rührender Anblick! Mancher alte Frack und bequeme Wegstiefel bewegte sich im Tacte. Die Herren tanzten entschlossen mit allerlei Schleifung des Fußes und kühner Bewegung der Kniee in dem Stil ihrer Jugendzeit und mit dem Gefühl, daß sie ihre Kunst auch noch verstanden. Einige der Frauen hingen schüchtern in den Armen der Tänzer, manche auch etwas schwerfällig, andern aber sah man an, wie gut sie das Regiment im Hause führten, denn wenn die Wissenschaft des Gemahls nicht ganz ausreichte, wußten sie ihn durch ein kräftiges Herumschwingen im Kreise fortzutreiben. Und Magnificus tanzte mit seiner runden Frau, sehr zierlich, und Raschke tanzte mit seiner Frau und sah beim Anlauf, der einige Zeit in Anspruch nahm, triumphirend nach Ilse hinüber. Bei diesem Ball geschah, was lange nicht vorgekommen war: die Professoren wagten auch eine Senioren-Française. Als aber Raschke dazu antrat, entstand ein besorgtes Kopfschütteln seiner Vertrauten. Nicht ohne Grund, denn er brachte eine heillose Verwirrung in die Touren. Er wollte seine Frau durchaus nicht mit einer andern Dame vertauschen, welche ihm gegenüberstand, dann ergab sich, daß er keine feste Ansicht über seinen eigentlichen Platz gewinnen konnte, und erst am Ende, als ein großer Stern gebildet wurde, bei welchem die Herren an der Außenseite als Strahlen herumkreisten, da fand er sich an der Hand irgendeiner Dame wieder zurecht und schwenkte lachend seine Beinchen gegen die Außenwelt.

Lustiger wurde das Getümmel, alle Nachbarinnen Ilsens waren durch den Taumel ergriffen und tanzten Walzer; Ilse stand unweit einer Säule und sah in das bunte Treiben herab. Da strich etwas hinter ihr herum, ein seidenes Kleid rauschte, die Struvelius trat neben sie.

Betroffen sah Ilse in die großen grauen Augen der Gegnerin, welche langsam begann: »Ich halte Sie für edel und gemeiner Empfindung ganz unfähig.«

Ilse verneigte sich ein wenig, um ihren Dank für die unerwartete Erklärung auszudrücken.

»Ich gehe umher,« fuhr die Struvelius in ihrer gemessenen Weise fort, »wie mit einem Fluche beladen. Was ich in diesen Wochen gelitten habe, ist unaussprechlich, heute in der lauten Freude komme ich mir vor wie eine Ausgestoßene.« Das Tuch in ihrer Hand zitterte, aber sie sprach eintönig fort: »Mein Mann ist unschuldig und in der Hauptsache von seinem Recht überzeugt. Mir als seiner Frau geziemt, seine Auffassung und sein Schicksal zu theilen. Aber ich sehe auch ihn durch eine unselige Verwickelung innerlich verstört, und ich fühle mit Entsetzen, daß ihm die gute Meinung seiner nächsten Bekannten verloren sein mag, wenn es nicht gelingt, die Zweifel zu lösen, welche sich um sein Haupt sammeln. – Helfen Sie mir,« rief sie in plötzlichem Ausbruch die Hände ringend, und zwei große Thränen rollten ihr über die Wangen.

»Vermag ich das?« frug Ilse.

»Es ist ein Geheimniß bei der Sache,« fuhr die Struvelius fort, »mein Mann hat die Unvorsichtigkeit gehabt, unbedingtes Schweigen zu versprechen, sein Wort ist ihm heilig, und er selbst ist wie ein Kind in Geschäften und weiß sich in dieser Sache keinen Rath. Ohne sein Wissen und Zuthun muß versucht werden, was ihn rechtfertigt. Ich bitte Sie, mir dabei Ihren Beistand nicht zu versagen.«

»Ich kann nichts thun, was mein Mann mißbilligen würde, und ich habe bis jetzt niemals ein Geheimniß vor ihm gehabt,« versetzte Ilse ernst.

»Ich will nichts, was nicht vor dem strengsten Urtheil bestehen könnte,« fuhr die Andere fort. »Ihr Gemahl soll zuerst wissen, was ich etwa ermitteln kann; gerade deshalb wende ich mich an Sie. Ach, nicht deshalb allein, ich weiß Niemanden, dem ich vertrauen könnte. – Ihnen sage ich, was ich nicht von Struvelius erfahren habe, er hat das unglückliche Pergamentblatt von Magister Knips erhalten und an diesen wieder zurückgegeben.«

»Das ist der kleine Magister auf unserer Straße?« frug Ilse neugierig.

»Derselbe. Ich muß den Magister veranlassen, daß er das Blatt wieder herbeischafft oder mir sagt, wo es zu finden ist. Nicht hier ist der Ort, dies zu besprechen,« rief sie, als die Tanzmusik verstummte. »Bei der Stellung unserer Männer darf ich Sie nicht besuchen, es würde mir zu schmerzlich sein, die veränderte Haltung Ihres Gemahls in einer Begegnung zu empfinden; aber ich wünsche Ihren Rath und bitte Sie, eine Zusammenkunft am dritten Orte möglich zu machen.«

»Wenn Magister Knips im Spiel ist,« erwiederte Ilse zögernd, »so schlage ich Ihnenvor, sich zu Fräulein Laura Hummel, meiner Hausgenossin, zu bemühen, wir sind in ihrem Zimmer ungestört, und sie weiß mehr von dem Magister und seiner Familie als wir beide. Aber, Frau Professorin, wir armen Frauen werden bei einem fremden Manne schwerlich etwas durchsetzen.«

»Ich bin entschlossen, Alles zu wagen, um meinen Gatten von dem unwürdigen Verdacht zu befreien, der sich gegen ihn zu erheben droht. Beweisen Sie sich so, wie Sie mir erscheinen, und ich will Ihnen auf Knieen danken.« Sie rückte wieder heftig mit der Hand und sah dabei sehr gleichgültig aus.

»Wir treffen uns morgen,« versetzte Ilse, »darin wenigstens darf ich Ihrem Vertrauen entsprechen.« Und sie beredeten die Stunde.

So trennten sich die Frauen. Noch einmal sah die Struvelius hinter der Säule hervor aus ihren großen Augen flehend nach Ilse, dann umschloß beide der Schwarm aufbrechender Ballgäste.

Nach der Heimfahrt hörte Ilse im Traum noch lange die Tanzmusik und sah fremde Männer und Frauen an ihr Lager kommen, und sie lachte und wunderte sich über die närrischen Leute, die sich gerade eine Zeit aussuchten, wo sie im Bette lag ohne ihr schönes Kleid und den Fächer. Aber in diese frohe Betrachtung fuhr die heimliche Sorge, daß sie ihrem Felix von all diesen Besuchen nichts sagen dürfe. Und da sie leise über solchen Zwang seufzte, schwebte der Traum zurück nach der elfenbeinenen Pforte, aus welcher er herangezogen war, und ein fester Schlummer löste ihr die Glieder.

Am nächsten Morgen ging Ilse zu Laura hinauf und vertraute ihr die Ereignisse des Abends, zuletzt die Bitte der Struvelius. Die geheime Zusammenkunft mit der Frau Professorin war ganz nach Laura’s Sinn. Sie hatte in den letzten Wochen am Theetisch mehr als einmal von dem geheimnißvollen Pergament gehört, sie fand den Entschluß der Struvelius hochherzig und sprach von allem, was Magister Knips anzetteln könne, mit Verachtung.

Mit dem Stundenschlag traf Frau Struvelius ein. Sie sah heut recht gedrückt und leidend aus und man erkannte auch hinter ihren unbeweglichen Zügen die ängstliche Spannung.

Ilse kürzte die unvermeidliche Einleitung von Grüßen und Entschuldigungen ab, indem sie begann: »Ich habe Fräulein Laura von Ihrem Wunsche gesagt, das Pergamentblatt zu erhalten, sie ist bereit, Herrn Magister Knips sogleich herüber zu rufen.«

»Das ist unendlich mehr, als ich zu hoffen wagte,« sagte die Struvelius, »ich war bereit, mit Ihrer gütigen Hilfe ihn selbst aufzusuchen.«

»Er soll herkommen,« entschied Laura, »und er soll sich hier verantworten. Er ist mir immer unausstehlich gewesen, obgleich er mir manchmal für Geld hübsche kleine Bilder gemalt hat. Denn seine Demuth ist so, wie sie keinem Manne geziemt, und ich halte ihn im Grund seines Herzens für einen Schleicher.«

Die Köchin Susanne wurde gerufen und von Laura in Gegenwart der Frauen als Herold in die Burg der Knipse gesandt. »Du sagst unter keinen Umständen, daß Jemand bei mir ist, und wenn er kommt, führst du ihn sogleich herauf.« Susanne kehrte mit schlauem Gesicht zurück und überbrachte den Gegengruß: »Der Magister läßt sagen, er wird sich sogleich die hohe Ehre geben. Er erstauntesich, aber es war ihm recht.«

»Er soll sich wundern,« rief Laura. Die verbündeten Damen ließen sich um den Sophatisch nieder und empfanden den Ernst der Stunde, welche ihnen bevorstand. »Wenn ich mit ihm spreche,« begann Frau Struvelius feierlich, »haben Sie die Güte, genau auf seine Antworten zu achten, damit Sie dieselben im Nothfalle wiederholen können, seien Sie mir Beistand und Zeugen.«

»Ich kann schnell schreiben,« rief Laura, »ich will aufzeichnen, was er antwortet, nachher kann er’s nicht ableugnen.«

»Das wird zu sehr wie ein Verhör,« warf Ilse ein, »es macht ihn nur mißtrauisch.«

Draußen scholl das wüthende Gekläff eines Hundes. »Er kommt,« rief die Struvelius und rückte sich entschlossen zurecht. Ein polternder Schritt ließ sich von der Treppe hören, Susanne öffnete und Magister Knips trat ein.

Gefährlich sah der nicht aus, ein kleiner gekrümmter Mann, von dem man zweifeln konnte, ob er jung oder alt war, ein blasses Gesicht mit hervorragenden Backenknochen, auf denen zwei rothe Flecke lagen, zusammengedrückte Augen, wie Kurzsichtige zu haben pflegen, von vieler Nachtarbeit bei trüber Lampe geröthet, so stand er, den Kopf auf eine Seite geneigt, in fadenscheinigem Rock, ein demüthiger Diener, vielleicht ein Opfer der Wissenschaft. Als er drei Damen sitzen sah, wo er seinem Herzen nur für eine Fassung gegeben hatte, alle streng und feierlich, darunter die Frauen gewaltiger Männer, blieb er bestürzt an der Thür stehen. Doch faßte er sich und machte drei tiefe Verbeugungen, wahrscheinlich jeder Dame eine, enthielt sich aber alles Gebrauchs der Worte. »Setzen Sie sich, Herr Magister,« begann Laura herablassend und wies auf einen leeren Stuhl gegenüber dem Sopha. Der Magister trat zögernd heran, rückte den Stuhl weiter aus dem Bereich der drei Schicksalsgöttinnen und schob sich mit einer neuen Verbeugung auf eine Ecke des Rohrgeflechts.

»Es wird Ihnen bekannt sein, Herr Magister,« begann Frau Struvelius, »daß die letzte Schrift meines Mannes Erörterungen veranlaßt hat, welche allen Betheiligten und, wie ich voraussetze, auch Ihnen peinlich gewesen sind.«

Knips machte ein sehr klägliches Gesicht und legte den Kopf ganz auf eine Schulter.

»Ich berufe mich jetzt auf das Interesse, welches auch Sie für die Studien meines Mannes haben, und ich berufe mich auf Ihr Herz, wenn ich Sie ersuche, mir offen und geradsinnig die Auskunft zu geben, welche uns Allen wünschenswerth sein muß.« Sie hielt an, Knips sah mit gebeugtem Haupt von der Seite zu ihr hinüber und schwieg ebenfalls. »Ich bitte um eine Antwort,« rief die Struvelius nachdrücklich.

»Ach sehr gern, hochverehrte Frau Professorin,« begann endlich Knips mit feiner Stimme, »ich weiß nur nicht, worauf ich antworten soll.«

»Aus Ihren Händen hat mein Mann das Pergament bekommen, welches die Veranlassung zu seiner letzten Abhandlung gewesen ist.«

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
Hacim:
1020 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain