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Kitabı oku: «Die verlorene Handschrift», sayfa 21

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»Es ist Ihr Tuch,« versetzte der Doctor traurig.

»Das ist noch schlimmer als alles Andere,« rief Laura mit bebender Stimme. »Sie haben heut eine Art, mit mir zu verkehren, die für mich entwürdigend ist, und ich frage Sie, was habe ich gethan, um solche Behandlung zu verdienen?«

»Was habe denn ich gethan, daß Sie mir diese Vorhaltung machen?« frug der Doctor. »Sie haben mir heut Morgen diesen Gevattergruß gesandt.«

»Ich?« rief Laura, »Sie haben mir diese Katzenpfoten gesandt, aber nicht ich dies Tuch. Mein Tuch hatte nichts von den Reizen dieses bunten Drucks, es war nur weiß.«

»Ebenso darf ich von meinen Handschuhen sagen, sie hatten nicht den Vorzug, Krallen zu besitzen, es war gewöhnliches Leder.«

Laura wandte sich zu ihm hin und starrte ihm ängstlich in das Gesicht. »Ist das wahr?«

»Es ist wahr,« versicherte der Doctor mit überzeugender Aufrichtigkeit, »von diesen Pelzhandschuhen weiß ich nichts.«

»Dann sind wir beide Opfer einer Täuschung,« rief Laura bestürzt. »O, verzeihen Sie mir, vergessen Sie, was geschehen ist.« Und den Zusammenhang ahnend, fuhr sie fort: »Ich bitte Sie, sprechen wir nicht mehr davon. – Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen das Tuch umbinde.« Er hielt ihr die Hand hin, sie trocknete ihm die Finger mit ihrem Tuche und schlang es hastig über die Risse. »Es ist zu klein zum Verbande,« sagte sie traurig, »wir müssen Ihr eigenes darüberlegen. Das war ein häßlicher Tag, Herr Doctor, o vergessen Sie und sein Sie mir nicht böse.«

Böse war der Doctor keineswegs, und das war auch aus der eifrigen Unterhaltung zu erkennen, in welche beide jetzt versanken. Denn beiden war das Herz leicht geworden und sie waren bemüht, einander das gegenseitig zu beweisen. Als der Wagen sie vor ihren Thüren absetzte, gab es einen herzlichen Nachtgruß.

Am nächsten Morgen trat Herr Hummel in Laura’s Geheimzimmer und legte ein blaues Papier auf den Tisch. »Da ist gestern ein Irrthum vorgefallen,« sagte er, »hier hast du, was dir gehört.« Laura öffnete schnell das Papier, ihr gesticktes Tuch lag darin. »Dem Doctor drüben habe ich seine Handschuhe auch zurückgeschickt und eine Empfehlung dazu, und ich habe ihm auch sagen lassen, es sei ein Versehen, und ich, der Vater Hummel, sendete ihm, was ihm gehörte.«

»Vater,« rief Laura ihm gegenübertretend, »diese neue Kränkung war nicht nöthig. Mir magst du anthun, was dir dein Haß gegen die Nachbarn eingibt, aber daß du nach Allem, was gestern geschehen ist, aufs Neue einen Dritten verletzen kannst, das ist grausam von dir. Dies Tuch gehört dem Doctor. Und da ich es zurückerhalte, werde ich es ihm bei erster Gelegenheit wiedergeben.«

»Richtig,« sagte Hummel, »es ist von dir mit eigenen Händen gesäumt und gestickt. Thue jetzt, was du vor deinem Kopfe verantworten kannst. Du weißt aber, und auch er weiß, was ich von diesen Artigkeiten zwischen hier und dort halte. Willst du gegen meinen entschiedenen Willen handeln, so wage es. Auf einen Geschenkfuß mit den Hähnen möchte ich unsere Wirthschaft nicht einrichten, weder in Kleinem, noch in Größerem. Da du, wie ich höre, bei den Miethern mit dem Doctor oft zusammenkommst, so wird es gut sein, wenn du auch daran denkst. Dies sollte eine Erinnerung sein.« Er ging gemüthlich zur Thür hinaus und ließ seine Tochter im Aufruhr gegen sein hartes Regiment zurück. Sie hatte nicht gewagt, dem Vater zu widersprechen, denn er war heut, abweichend von seinem polternden Wesen, in ruhiger Haltung und sie fühlte aus seinen Worten einen Sinn, der ihr den Mund schloß und das Blut in die Wangen trieb. Und es wurde für das geheime Tagebuch ein stürmischer Vormittag.

Herr Hummel war auf seinem Comtoir mit einer Lieferung von Soldatenkäppis beschäftigt, als ihn ein Klopfen störte und zu seiner Verwunderung Fritz Hahn eintrat. Hummel blieb würdig sitzen, bis der achtungsvolle Gruß des Andern vollzogen war, dann erhob er sich langsam und begann im Geschäftston: »Was steht zu Ihren Diensten, Herr Doctor? Wenn Sie einen feinen Filzhut nöthig haben, wie ich annehme, so ist das Verkaufslokal eine Treppe tiefer.«

»Ich weiß es,« versetzte der Doctor artig. »Ich komme zunächst, Ihnen für das Tuch zu danken, das Ihre Güte mir ausgesucht und gestern zum Geschenk gemacht hat.«

»Nicht übel,« sagte Hummel. »Es ist der alte Blücher darauf gemalt; er ist ein Stück Landsmann von mir und ich dachte, daß Ihnen das Tuch deswegen angenehm sein würde.«

»Ganz recht,« antwortete Fritz, »ich werde es mir als Andenken sorgfältig aufheben. Ich verbinde mit meinem Dank die Bitte, daß Sie diese Handschuhe hier Fräulein Laura überreichen. Wenn gestern bei der Uebergabe ein Versehen vorgefallen ist, wie Sie mir freundlich mittheilen ließen, so habe ich daran keine Schuld. Da diese Handschuhe Ihrem Fräulein Tochter bereits gehören, so bin ich natürlich außer Stande, dieselben zurückzunehmen.«

»Wieder nicht übel,« sagte Hummel, »aber Sie sind im Irrthum. Die Handschuhe gehören meiner Tochter ganz und gar nicht, sie sind von Ihnen gekauft und von meiner Tochter mit keinem Auge gesehen worden. Und sie sind heut früh zum Eigenthümer zurückgewandert.«

»Verzeihung,« erwiederte Fritz, »wenn ich Sie selbst als Zeugen gegen Ihre Worte in Anspruch nehme, die Handschuhe sind gestern als ein landesübliches Geschenk an Fräulein Laura geschickt worden. Sie selbst haben dem Boten die Sendung abgenommen und durch Ihre Worte die Annahme bestätigt. Die Handschuhe sind also durch Ihre eigene Mitwirkung Eigenthum des Fräuleins geworden und ich habe durchaus kein Anrecht darauf.«

»Kein Advocat kann einen Fall besser ins Licht setzen,« entgegnete Herr Hummel mit Behagen. »Es ist nur ein Uebelstand dabei. Diese Handschuhe waren undeutlich, denn sie lagen in Papier und Blumen versteckt, wie ein Frosch im Grase. Hätten Sie mir die Handschuhe offen und mit der Bitte, sie meiner Tochter zu geben, in dies Comtoir gebracht, so würde ich Ihnen schon gestern gesagt haben, was ich Ihnen jetzt sage, daß ich Sie nämlich für einen ganz wackern jungen Mann halte und daß ich nichts dawider habe, wenn Sie jeden Tag Pathe stehen, daß ich aber sehr viel dawider habe, wenn Sie meiner Tochter irgend etwas von dem beweisen, was man hier zu Lande Artigkeit nennt. Ich bin gegen Ihr Haus nicht artig, und ich will es nicht sein. Deshalb kann ich auch nicht zugeben, daß Sie gegen meine Leute artig sind. Denn was dem Einen recht ist, ist dem Andern billig.«

»Ich bin wieder in der unangenehmen Lage,« antwortete der Doctor, »Sie durch Ihre eigenen Thaten widerlegen zu müssen. Sie selbst haben mir gestern die Ehre einer Artigkeit erwiesen. Da Sie mir als persönliches Zeichen Ihres Wohlwollens ein Tuch geschenkt haben, worauf ich, der ich nicht Ihr Mitgevatter bin, gar keinen Anspruch hatte, so darf auch ich sagen, was dem Einen recht ist, ist dem Andern billig. Und gerade Sie werden gar nichts einwenden dürfen, wenn ich diese Handschuhe in Ihr Haus sende.«

Hummel lachte. »Alle Hochachtung, Herr Doctor; Sie haben nur vergessen, daß Vater und Tochter nicht ganz dasselbe sind. Ich habe nichts dagegen, daß Sie mir gelegentlich ein Geschenk machen, wenn Sie diesem Triebe nicht widerstehen können. Ich werde mir dann überlegen, was ich Ihnen dagegen zuschicken kann. Wenn Sie also meinen, daß diese Handschuhe für mich passend sind, so will ich sie als eine Ausgleichung zwischen uns beiden behalten. Und wenn ich einmal mit Ihnen zusammen Pathe stehen sollte, werde ich sie über meine Daumen ziehen und Ihnen vorzeigen.«

»Ich habe sie Ihnen als Eigenthum Ihrer Tochter übergeben,« erwiederte Fritz mit Haltung, »wie Sie weiter damit verfahren, darüber steht mir keine Entscheidung zu, nur ein Wunsch.«

»So ist es recht, Herr Doctor,« stimmte Hummel bei, »die Sache ist zur Zufriedenheit aller Betheiligten abgemacht, und wir sind miteinander zu Ende.«

»Noch nicht ganz,« versetzte der Doctor. »Was jetzt kommt, ist allerdings eine Forderung an Sie. Auch Fräulein Laura hat als meine Gevatterin mir ein Tuch bestimmt und übersandt. Das Tuch ist nicht in meine Hände gekommen, ich habe unzweifelhaft das Recht, auch dieses Tuch als mein Eigenthum zu betrachten, und ich ersuche Sie ergebenst, die Zusendung zu bewirken.«

»Oho,« rief Hummel, und der Bär in ihm regte sich. »Das sieht aus wie Trotz, und darauf gebührt eine andere Sprache. Mit meinem Willen erhalten Sie das Tuch nicht, es ist meiner Tochter zurückgegeben, und wenn sie es Ihnen noch einhändigt, handelt sie als ein ungehorsames Kind gegen das Gebot ihres Vaters.«

»Dann also ist meine Absicht, Sie zum Widerruf dieses Verbotes zu veranlassen,« antwortete der Doctor nachdrücklich. »Sie haben, wie ich gestern zufällig bemerkte, die übersandten Handschuhe mit anderen vertauscht, welche bei Fräulein Laura den Glauben anregen mußten, daß ich ein unverschämter und schaler Spaßmacher sei. Solche hinterlistige Kränkung eines Fremden, selbst wenn er ein Gegner wäre, ziemt keinem redlichen Mann.«

Hummels Augen wurden groß, und er trat einen Schritt zurück. »Alle Wetter,« brummte er, »ist so etwas möglich? sind Sie der Sohn Ihres Vaters? sind Sie Fritz Hahn, der junge Humboldt? Sie können ja grob sein wie ein Bürstenbinder.«

»Nur wo es nöthig ist,« versetzte Fritz. »Ich habe mir in meinem Verhalten gegen Sie nie einen Mangel an Zartgefühl zu Schulden kommen lassen, Sie aber haben gegen mich ein Unrecht begangen und Sie sind mir eine Genugthuung schuldig. Als ehrlicher Mann werden Sie mir diese geben und meine Genugthuung soll das Tuch sein.«

»Es ist hinreichend,« unterbrach ihn Hummel, die Hand erhebend, »das alles nutzt Ihnen nichts. Denn ich will Ihnen, da wir unter uns sind, geradezu sagen, ich habe das nicht, was Sie Zartgefühl nennen. Wenn Sie sich durch mich gekränkt fühlen, so wäre mir das in der Stille leid, insofern ich Sie als einen muthigen jungen Mann vor mir sehe, der auch seine Grobheit hat. Wenn ich mir aber wieder bedenke, daß Sie Fritz Hahn heißen, so kommt mir die Meinung, daß es mir ganz recht ist, wenn Sie sich durch mich gekränkt fühlen. Und damit müssen Sie sich begnügen.«

»Was Sie mir sagen,« entgegnete Fritz, »ist zwar unhöflich, aber redlich ist es nicht. Und ich gehe mit der Empfindung von Ihnen, daß Sie gegen mich etwas gut zu machen haben. Dies Gefühl ist für mich jedenfalls angenehmer, als wenn ich in Ihrer Lage wäre.«

»Ich sehe, wir verstehen uns in allen Dingen,« erwiederte Hummel, »wie zwei Geschäftsleute, die beide ihren Vortheil gehabt haben. Ihnen ist angenehm, daß ich ein Unrecht gegen Sie habe, und mir macht es keinen Kummer. So soll es bleiben, Herr Doctor. Wir sind in unserm Herzen und vor der Welt Feinde, im Uebrigen aber alle Hochachtung.«

Der Doctor verneigte sich und schied aus dem Comtoir, Herr Hummel sah nachdenklich auf die Stelle, wo er gestanden hatte.

Er war den ganzen Tag in einer milden und menschenfreundlichen Stimmung, die er zunächst dadurch bewies, daß er mit seinem Buchhalter philosophirte. »Haben Sie auch einmal Bienenzucht getrieben?« frug er ihn über den Comtoirtisch.

»Nein, Herr Hummel,« antwortete dieser, »wie sollte ich dazu kommen?«

»Es fehlt Ihnen an Unternehmungsgeist,« fuhr Hummel tadelnd fort, »warum wollen Sie sich dieses Vergnügen nicht gönnen?«

»Ich wohne ja in einer Dachstube, Herr Hummel.«

»Tut nichts, die neuen Erfindungen erlauben den Bienengenuß in einem Tabakskasten. Sie setzen den Schwarm hinein, öffnen das Fenster und schneiden von Zeit zu Zeit Ihren Honig heraus. Sie können dabei ein reicher Mann werden. Sie sagen, daß dieses Geschmeiß Ihre Hausleute und Nachbarn stechen wird, haben Sie keine Sorge, solche Rücksichten sind altfränkisch. Folgen Sie doch dem Beispiel gewisser anderer Leute, die auch ihre Bienenstöcke an die Straße setzen, um die Ausgaben für Zucker zu ersparen.«

Der Buchhalter wollte diesem Vorschlag zur Güte nicht widersprechen. »Wenn Sie meinen,« versetzte er nachgiebig.

»Den Teufel meine ich, Herr,« brach Hummel los, »lassen Sie sich nicht einfallen, mit einem Bienenschwarm in der Tasche in mein Comtoir zu kommen, ich bin entschlossen, dergleichen Unfug unter keinen Umständen zu dulden. Für diese Gasse bin ich Hummel genug, und ich verbitte mir jede Art von Summen und Schwärmen um Haus und Hof.«

Als er am Nachmittag mit Frau und Tochter im Garten lustwandelte, hielt er plötzlich an. »Was war es doch, das hier durch die Luft flog?«

»Es war ein Käfer,« sagte seine Frau.

»Es war eine Biene,« sagte Herr Hummel. »Sollte dieses Gesindel schon ausfliegen? Wenn es etwas gibt, was ich nicht leiden kann, so sind es Bienen. Richtig, da ist wieder eine. Sie belästigt dich, Philippine.«

»Ich kann’s nicht sagen,« antwortete diese.

Aber wenige Augenblicke darauf flog eine Biene unleugbar um Laura’s Locken, und Laura mußte sich mit ihrem Sonnenschirme gegen die kleine Arbeiterin vertheidigen, welche die Wangen des Mädchens mit einem Pfirsich verwechselte. »Es ist auffallend,« sagte Hummel zu den Frauen, »das war doch sonst nicht so arg. In einem hohlen Baum des Parks muß sich ein Bienenstock etablirt haben, dergleichen kommt vor. Da draußen schläft der Parkwächter auf einer Bank, froh, daß ihn selber Niemand stiehlt. Du stehst ja gut mit dem Manne, mache ihn doch darauf aufmerksam. Das Ungeziefer ist unleidlich.«

Frau Hummel ließ sich zu einer Frage verleiten, der Wächter versprach aufzumerken, kam nach einer Weile wieder an den Zaun und rief leise: »Pst, Madame Hummel.«

»Der Mann ruft dich,« ermahnte Hummel.

»Sie kommen aus dem Garten des Herrn Hahn,« berichtete vorsichtig der Parkwächter, »dort steht jetzt ein Bienenstock.«

»Wirklich?« frug Hummel, »ist es möglich, sollte Hahn diese Liebhaberei gewählt haben?« Laura sah unruhig auf den Vater. »Ich bin ein friedlicher Mann, Wächter, und ich kann meinem Nachbar nicht zutrauen, daß er uns solchen Tort anthut.«

»Es ist sicher, Herr Hummel,« sagte der Parkwächter, »sehen Sie dort das gelbe Ding?«

»Richtig,« rief Hummel kopfschüttelnd, »es ist gelb.«

»Laß gut sein, Heinrich, vielleicht wird es nicht so arg,« begütigte seine Frau.

»Nicht so arg?« frug Hummel zornig. »Soll ich zusehen, wie sich die Bienen auf deine Nasenspitze setzen, soll ich dulden, daß meine Frau den ganzen Sommer eine Kugel vor sich herträgt, so groß wie ein Apfel? Laß nur gleich eine Stube für den Chirurgus zurecht machen, er wird doch die nächsten Monate nicht aus unserm Hause kommen.«

Laura trat an den Vater: »Ich sehe dir’s an, du willst mit dem Nachbar wieder Streit anfangen; wenn du mich liebst, thu’ es nicht. Ich kann dir nicht sagen, Vater, wie sehr mir dieses Gezänk zuwider ist. Ich habe genug darunter gelitten.«

»Ich glaube dir’s,« erwiederte Hummel gemüthlich. »Aber gerade weil ich dich liebe, muß ich bei guter Zeit diesen Injurien von drüben ein Ende machen, bevor dieses beflügelte Zeug seinen Honig aus unserm Garten hinüberträgt. Ich will dich von keiner Nachbarbiene anfallen lassen, verstehst du?«

Laura wandte sich ab und sah finster in das Wasser, auf welchem abgefallene Kätzchen der Birken langsam der Stadt zuschwammen. »Thun Sie etwas Uebriges, Wächter, um den Frieden zwischen Nachbarn zu erhalten,« fuhr Hummel fort, »und richten Sie Herrn Hahn meine Empfehlung und die Bitte aus, er möchte seine Bienen anbinden, damit ich nicht in die Lage komme, wieder die Polizei zu Hilfe zu rufen.«

»Ich will ihm sagen, Herr Hummel, daß die Bienen der Nachbarschaft lästig werden. Denn es ist wahr, die Gärten sind klein.«

»Sie sind ja so enge, daß man sie in einer Schachtel auf dem Weihnachtsmarkt verkaufen kann,« räumte Hummel bereitwillig ein. »Thun Sie’s auch aus Erbarmen mit den Bienen selbst. Unsere drei Märzbecher werden als Futter nicht lange vorhalten. Und nachher bleibt ihnen nichts übrig, als das eiserne Gitter zu benagen.« Er gab dem Wächter einige Groschen und fügte für seine Frau und Tochter hinzu: »Um des lieben Friedens willen, ihr seht, wie sehr ich den Nachbar schone.«

Die Frauen kehrten gedrückt nnd voll trüber Ahnung in das Haus zurück.

Da der Wächter sich nicht wieder sehen ließ, lauerte ihm Hummel am nächsten Tage auf. »Nun?« frug er.

»Herr Hahn meinte, die Stöcke wären weit von der Straße hinter Gebüsch. Sie belästigten Niemanden. Und er würde sich sein Recht nicht nehmen lassen.«

»Da haben wir’s,« brach Hummel los, »Sie sind mein Zeuge, daß ich das Menschenmögliche gethan habe, um Streit zu vermeiden. Der Mann hat vergessen, daß es einen Paragraph 167 gibt. Es thut mir leid, Wächter, aber jetzt muß die Polizei das letzte Wort sprechen.«

Herr Hummel besprach sich vertraulich mit einem Polizeidiener. Herr Hahn aber gerieth wieder einmal in Aufregung und Zorn, als er auf’s Rathhaus bestellt wurde; und Herr Hummel behielt gewissermaßen Recht, denn die Polizei gab Herrn Hahn den Rath, einer Belästigung der Nachbarn und Vorübergehenden durch Entfernung der Körbe zuvorzukommen. Herr Hahn hatte sich so herzlich über seine Bienen gefreut, ihre Wohnungen waren mit allen neuen Erfindungen ausgestattet, auch waren es gar nicht unsere zornigen deutschen Bienen, sondern italienische, welche nur stechen, wenn sie aufs äußerste gereizt werden. Das half jetzt alles nichts, denn auch der Doctor und Frau Hahn baten, die Stöcke zu entfernen, und so wurden diese in einer dunkeln Nacht von Herrn Hahn unter bittern und niederbeugenden Empfindungen aufs Land geschafft. An der Stätte, die sie öde zurückgelassen, errichtete Herr Hahn wenigstens einige Starnester auf Stangen. Sie waren ein schwacher Trost. Die Stare hatten bereits nach dem alten Brauch ihres Stammes Boten durch das Land geschickt und ihre Sommerwohnungen gemietet, und nur Sperlinge nahmen frohlockend Besitz von den Kästen und ließen als liederliche Haushalter lange Strohhalme zu den Löchern herabhängen. Herr Hummel aber zuckte verächtlich die Achseln und nannte die neue Erfindung mit lautem Baß Spatztelegraphen.

Das Gartenvergnügen begann, schwermüthige Ahnung war zur Wirklichkeit geworden, Argwohn und finstere Mienen schieden auf’s Neue die Nachbarhäuser.

6.
Kleine Gegensätze

Eine Professorsfrau hat auch Noth mit ihrem Mann. Wenn Ilse einmal mit wohlbekannten Frauen zusammensaß, mit der Raschke, der Struvelius und der kleinen Günther, etwa bei einem vertraulichen Kaffe, der nicht gänzlich verachtet wurde, dann kam so allerlei zutage.

Es war doch eine hübsche Unterhaltung mit den gebildeten Frauen. Allerdings streifte das Gespräch zuweilen flüchtig über die Häupter der Dienstboten, die Sorgen der Wirthschaft wagten sich auch als quakende Frösche aus dem Weiher gemüthlicher Plauderei hervor, und Ilse wunderte sich, daß auch Flaminia Struvelius ernsthaft über das Aufbewahren kleiner Essiggurken zu sprechen wußte und daß sie angelegentlich nach den Kennzeichen der Jugend an einer gerupften Gans forschte. Die lustige Günther aber erregte den Hausfrauen von größerer Erfahrung Entsetzen und Gelächter, als sie erklärte, daß sie das Geschrei kleiner Kinder gar nicht ertragen könne und daß sie das ihre – das sie noch nicht einmal hatte – vom ersten Anfang durch Streiche zu ehrbarer Ruhe zwingen werde. Wie gesagt, die Rede schweifte von Größerem auch auf diese Gebiete. Und wenn so einmal Unbedeutendes darankam, geschah es natürlich auch, daß die Männer einer ruhigen Besprechung gewürdigt wurden, und da ergab sich, daß jede der Frauen, wenn von Männern im Allgemeinen die Rede war, doch an ihren eigenen dachte, und daß jede, ohne daß sie es aussprach, ein heimliches Bündel Sorgen mit sich herumtrug und die Hörerinnen zu dem Schluß berechtigte, auch dieser Mann sei schwer zu behandeln. Gar nicht zu verbergen waren die Schicksale der Frau Raschke, denn sie waren stadtkundig. Man wußte sehr wohl, daß er an einem Markttage in seinem Schlafrock zur Universität gezogen war, in einem leuchtenden Schlafrock, orange und blau mit türkischen Mustern. Seine Studenten, die ihn zärtlich liebten und seine Gewohnheiten wohl kannten, hatten doch ein lautes Lachen nicht unterdrückt, und Raschke hatte ruhig den Schlafrock über das Katheder gehängt und in Hemdsärmeln gelesen und war im Ueberzieher eines Studenten nach Hause gekommen. Seitdem ließ Frau Raschke den Gatten niemals ausgehen, ohne ihn noch einmal zu untersuchen. Ferner kam heraus, daß er sich nach zehn Jahren in den Straßen der Stadt noch immer nicht zurecht fand und daß sie ihr Quartier nicht wechseln durfte, weil sie überzeugt war, daß ihr Professor sich nicht daran kehren und doch immer wieder in die alte Wohnung zurücklaufen würde. Auch Struvelius machte Sorge. Die letzte gewaltige hatte Ilse persönlich kennengelernt, aber es wurde auch ermittelt, daß er von seiner Frau forderte, für ihn lateinische Correcturen zu lesen, weil sie ein wenig diese Sprache gelernt hatte, und daß er gänzlich außer Stande war, freundlichen Weinreisenden seine Aufträge zu versagen. Denn die Struvelius hatte bei ihrer Verheiratung einen ganzen Keller voll kleiner und großer Weinfässer gefunden, die noch gar nicht abgezogen waren, während er selbst bitterlich klagte, daß er keinen Wein in den Keller bekomme. Sogar die kleine Günther erzählte, daß ihr Gatte der Nachtarbeiten sich nicht entschlagen konnte und daß er bei einer solchen Ausschweifung mit der Lampe unter den Büchern umherflackerte und einer Gardine zu nahe kam, die Gardine fing Feuer, er riß sie ab, verbrannte sich dabei die Hände und drang mit kohlschwarzen Fingern in die Schlafstube, verstört und einem Othello ähnlicher als einem Mineralogen.

Ilse erzählte nichts aus ihrer kurzen Laufbahn, aber auch sie hatte Gelegenheit, Erfahrungen zu machen. Zwar in später Arbeit war ihr Hausherr mäßig, auch mit dem Weine wußte er ziemlich Bescheid und trank bei Gelegenheit wacker sein Glas, wie einem deutschen Gelehrten ziemt. Doch mit dem Essen war’s bei ihm traurig bestellt. Es ist zwar nicht schön, wenn man viel um den Magen sorgt, und vollends einem Professor nicht anständig, aber wenn einer gar nicht weiß, was er ißt und Entenbein und Gansbein verwechselt, so ist das auch keine Freude für die, welche ihm etwas Gutes erweisen möchten. Zum Tranchiren war er vollends nicht zu brauchen. Die zähen stymphalischen Vögel, welche Herkules erlegt hatte, und den ungenießbaren Vogel Phönix, den sein Tacitus mit Achtung erwähnte, kannte er viel genauer als den Knochenbau einer Truthenne. Ilse gehörte zwar nicht zu den Hausfrauen, denen Vergnügen ist, den ganzen Tag in der Küche zu stehen, aber sie verstand das Geschäft und setzte eine Ehre darein, für den Mittagstisch ihr Herrscheramt würdig zu üben. Das war alles vergebens. Er machte zuweilen einen Versuch, seine Tafel zu loben, aber Ilse kam dahinter, daß sein Herz gar nicht dabei war. Denn als sie ihm einen prächtigen Fasan vorsetzte und er an ihrer beobachtenden Miene merkte, daß eine Aeußerung erwartet werde, da lobte er die Köchin, weil sie ein so stattliches Huhn eingekauft. Ilse seufzte und suchte ihm den Unterschied aus einander zu setzen, und sie mußte erleben, daß ihr Gabriel nach Tisch bedauernd sagte: »Es ist umsonst, ich kenne den Herrn, er hat kein Geschick zum Essen.« Seitdem war Ilse auf die Anerkennung angewiesen, welche ihr einzelne Herren des Theetisches zollten. Das war ihr kein Ersatz. Auch der Doctor hatte nach dieser Richtung nicht viel Achtungswerthes. Und es war jämmerlich und niederbeugend, die beiden Herren vor einem Schnepfenpaar zu sehen, das der Vater geschickt hatte.

Der Professor aber hielt den Doctor für ausnehmend praktisch, weil dieser etwas Geschick im Kaufen und Einrichten hatte, und er war gewöhnt, bei vielen Ereignissen des Tages den Freund zu Rathe zu ziehen. Der Schneider kam und brachte Tuchproben zu einem neuen Rock. Der Professor sah zerstreut auf die farbigen Signale der aufgeklappten Mappe. »Ilse, schicke doch zum Doctor, damit er wählen hilft.« Ilse schickte, aber mit bösem Willen; – zum Rockkaufen brauchte man den Doctor auch noch nicht, und wenn ihr lieber Mann darin keinen Entschluß hatte, so war sie doch da. Aber vorläufig half das nichts, der Doctor bestimmte gebietend Rock, Weste und den übrigen Kleiderbedarf ihres Gatten. Ilse hörte der Verhandlung schweigend zu, aber sie war recht herzlich böse auf den Doctor und auch ein wenig auf ihren Hausherrn. Sie beschloß in der Stille, daß das nicht so bleiben dürfe, unternahm schnell eine Kopfrechnung mit ihrem Wirthschaftsgeld, ließ den Schneider in ihr Zimmer kommen und bestellte selbst einen zweiten Anzug für ihren Mann mit dem Auftrage, diesen zuerst zu machen. Als der Künstler sein Werk abgeliefert hatte, rief sie den Gatten und frug, wie ihm die Prachtstücke gefielen. Er lobte, und sie sagte: »Sie sind für dich. Ich mache mich so hübsch als ich kann, um dir zu gefallen, trage du auch einmal mir zu Ehren, was ich für dich ausgesucht habe. Habe ich’s getroffen, so wähle ich dir in Zukunft und ich übernehme die Verantwortung für deine Kleidung.«

Aber der Doctor sah verwundert darein, als der Professor in anderm Schmucke erschien. Es ergab sich jedoch, daß er nichts daran auszusetzen vermochte. Und als Ilse dem Doctor allein gegenübersaß, begann sie: »Beide lieben wir den Mann da drinnen und wir wollen uns über ihn vereinigen. Sie haben das größte Recht, der Vertraute seiner Arbeiten zu sein, und ich darf nie daran denken, mich darin Ihnen gleich zu stellen. Aber wo mein kleiner Hausverstand ausreicht, da wenigstens möchte ich ihm nützlich werden, und was ich ihm darin sein kann, lieber Herr Doctor, überlassen Sie mir.«

Sie sagte das lächelnd, der Doctor aber trat ernsthaft vor sie hin: »Sie sprechen aus, was ich lange empfunden. Ich habe mehre Jahre mit ihm gelebt und manchmal für ihn gelebt, und diese Zeit war mir ein hohes Glück, jetzt fühle ich sehr wohl, daß Sie den nächsten Anspruch auf ihn haben. Ich werde versuchen müssen, mich in Manchem zu bescheiden; es wird mir schwer, aber es ist zuletzt gut, daß es so kommt.«

»So waren meine Worte nicht gemeint,« rief Ilse unruhig.

»Ich verstehe wohl, wie sie gemeint waren, und ich verstehe auch, daß Sie Recht haben. Ihre Aufgabe ist nicht nur, ihm sein Leben bequem zu machen. Denn er sieht gleichgültig über Vieles weg, was den Tag schmückt und behaglich zurichtet. Aber inniges Bedürfniß ist ihm, mit seiner Umgebung bei Allem, was ihn und seine Zeit bewegt, im Einklang zu leben. Darin ist er weich und reizbar. Nicht daß ich ein Verständniß für Einzelheiten seiner Arbeit habe, machte ihn zu meinem Freund, sondern weit mehr das gute Einvernehmen in den großen und kleinen Fragen unseres Lebens. Ich sehe jetzt, wie eifrig Sie bemüht sind, auch darin ihm Vertraute zu werden. Glauben Sie mir, der wärmste Wunsch meines Herzens ist, daß Sie mit der Zeit dieses hohe Recht erhalten.«

Er schied mit ernstem Gruß, und Ilse sah ihm betroffen nach. Der Doctor hatte an eine Saite gerührt, deren Schwirren sie in ihrem Glücke immer wieder mit Schmerzen fühlte. Ihr war das neue Hauswesen leicht und klein, und Alles schnurrte wie ein Kreisel, und auch sie legte keinen großen Werth auf ihre Thätigkeit. Aber es that ihr doch weh, daß ihre Arbeit dem Gatten so wenig war, und sie dachte wieder: »Was ich ihm sein kann, das merkt er kaum, und wo es mir schwer wird, seinem Geiste zu folgen, da entbehrt er vielleicht eine Seele, die ein besseres Verständniß hat.«

Das waren leichte Wolkenschatten, welche über die sonnige Landschaft dahinfuhren, aber sie kamen oft, wenn Ilse in ihrem Zimmer grübelnd allein saß.

Einst in der Dunkelstunde war Professor Raschke angelangt, er zeigte sich willig, über Abend zu bleiben, und Felix sandte den Diener zur Frau Professorin, dieser die Sorge um den abwesenden Gatten zu nehmen. Da Raschke unter den gelehrten Herren Ilse’s Liebling war, gab sie in der Noth einen Küchenbefehl, der ihm wohlthun sollte. Dieser Befehl verurtheilte einige junge Hühner, welche kurz vorher lebend angelangt waren, zum Tode. Die Herren waren bereits in Ilse’s Zimmer, als aus der Küche ein klägliches Geschrei ertönte und das Küchenmädchen ihr bleiches Gesicht an der Thür zeigte und die Herrin herausrief. Dort fand sich, daß das Gemüth des Mädchens das Schlachten nicht bewerkstelligen konnte. Da Gabriel die nöthigen Meucheleien sonst still an entlegener Stätte besorgt hatte, wußte sie sich heut keinen Rath, ein ängstlicher Versuch war schlecht abgelaufen und Ilse mußte das Unvermeidliche selbst thun. Als sie wieder eintrat, frug unglücklicher Weise Felix nach dem Grunde der Aufregung, und Ilse erzählte kurz den Vorfall.

Die Hähnchen kamen auf den Tisch, sie machten der Küche keine Schande, Ilse schnitt und legte vor. Aber ihr Gatte schob den Teller zurück und Raschke arbeitete zwar aus Artigkeit ein wenig an seinem Bruststücke herum, würgte aber auch über den Bissen. Ilse sah mit großen Augen auf die beiden Männer. »Weshalb essen Sie nicht, Herr Professor?« frug sie endlich den Gast mit mühsam erkämpfter Ruhe.

»Es ist nur eine Schwäche der Empfindung,« antwortete Raschke, »und Sie haben ganz Recht, es ist eine Thorheit; mich stört noch das Geschrei der armen Gebratenen.«

»Dich auch, Felix?« frug Ilse mit ausbrechendem Eifer.

»Ja,« erwiederte dieser, »ist es nicht möglich, das Umbringen unmerklich zu machen?«

»Nicht immer,« entgegnete Ilse gekränkt, »wenn der Raum so enge und die Küche so nahe ist.« Sie klingelte und ließ den unglücklichen Braten abtragen. »Da man in der Stadt das Schlachten so sehr bedauert, sollte man kein Fleisch essen.«

»Sie haben ganz Recht,« wiederholte Raschke versöhnend, »und unsere Empfindlichkeit hat nur geringe Berechtigung. Wir finden die Zubereitungen unbehaglich und lassen uns Bereitetes in der Regel sehr wohl gefallen. Aber wer gewöhnt ist, das Thierleben mit Theilnahme zu betrachten, den beunruhigt die Zerstörung eines Organismus für egoistische Zwecke immer, wenn sie in einer Weise vollzogen wird, an welche er zufällig nicht gewöhnt ist. Denn das ganze Leben der Thiere hat für uns etwas Geheimnißvolles. Dieselbe Lebenskraft, die wir an uns beobachten, ist im Grunde auch in ihnen thätig, nur eingeengt durch eine anders beschränkte und im Ganzen weit unvollkommenere Organisation!«

»Wie kann man ihre Seele mit der des Menschen vergleichen!« rief Ilse, »das Vernunftlose mit dem Vernünftigen, das Vergängliche mit dem Ewigen!«

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06 aralık 2019
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1020 s. 1 illüstrasyon
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