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Kitabı oku: «Die verlorene Handschrift», sayfa 25

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Der Rector zuckte die Achseln und sprach diesen Grundsätzen seine Anerkennung aus.

»Mein armer Erbprinz,« rief Ilse bedauernd, als der Rector sich entfernt hatte.

»Mein armer Codex,« parodirte der Professor lachend.

»Aber eine Ausnahme hast du doch gemacht,« wandte Ilse ein, »bei deinem Weibe.«

»Hier ist die Lehrstunde nur der Leitfaden, unser ganzes Leben die Erläuterung,« versetzte der Professor. »Den künftigen Landesherrn von Bielstein aber wirst du unter diesen Umständen wohl nur aus der Ferne als dein stilles Eigenthum betrachten können; und auch mir schwindet eine gewisse unsichere Hoffnung, welche ich auf das flüchtige Begegnen mit seinem Vater baute. Denn es ist allerdings wahrscheinlich, daß man dort meine Weigerung als launischen Hochmuth auffaßt.«

Darüber hätte der Professor ruhig sein können. Es wird dafür gesorgt, daß solche Auffassung nicht zu rechter Zeit an die Adresse gelangt, für welche sie bestimmt ist. Die Schärfe wird umgebogen, die Spitze abgebrochen und zuletzt hält man in hoher Luft dergleichen Gesinnung für so ungeheuerlich, daß man sie nur den verworfensten Menschen zutraut. Dafür galt der Professor keineswegs. Schon der Rector war vorsichtig genug, die Weigerung Werners durch Gründe zu verdecken, und in der Residenz des Fürsten hatte man einmal beschlossen, daß der Erbprinz ein Zuhörer des Professors werden sollte. Aus dem eingesandten Verzeichniß der Vorlesungen wurde ein kleines Collegium Werners ausgesucht: Besichtigung und Erklärung antiker Bildwerke in Gipsabgüssen, bei welchen der Erbprinz mit seinem Begleiter wenigstens nicht unter allerlei bunten Mützen zu sitzen nöthig hatte, sondern in fürstlicher Isolirung umherwandelnd gedacht werden konnte.

Wieder wogten die Wellen der reifen Aehren, als Ilse mit ihrem Gatten dem Gute des Vaters zufuhr. Ein Jahr, reich an Freuden, nicht frei von Schmerzen, lag hinter ihr, auch sie hatte jetzt eine kleine Geschichte, Frieden mit Streit, Wachsthum und Vergehen am eigenen Leben erfahren. Wer in ihr Antlitz sah, der konnte an der bleichen Wange das Leid erkennen, welches sie getroffen, und an dem sinnenden Blick, daß ernste Gedanken durch ihr Haupt gezogen waren. Aber als sie auf der Höhe das dunkle Dach des Vaterhauses erblickte und an der wetterblauen Holzkirche vorbeifuhr, da war Großes und Kleines vergessen und sie empfand sich wieder als Kind in dem Frieden der Heimat, der ihr jetzt so wohlthuend und trostbringend erschien. Als sich die Gutsleute um die Thür drängten, als die Geschwister heranstürmten und der Vater alle überragend den Gatten und sie selbst aus dem Wagen hob, da hielt sie Jeden in stummem Gruß umfangen, aber als der kleine Franz an ihr aufsprang, drückte sie ihn so lange an ihr Herz, bis sie die Haltung verlor und in Thränen ausbrach, so daß ihr der Vater das Kind vom Arme nehmen mußte.

Es konnte nur ein kurzer Besuch sein, den die Gatten auf dem Gut machten, Amtsgeschäfte zwangen den Professor zu schneller Heimkehr, er hatte Ilse den Vorschlag gemacht, sie länger beim Vater zu lassen und abzuholen; sie aber wollte nicht.

Prüfend sah der Vater auf Haltung und Antlitz der Tochter und ließ sich von dem Professor immer wieder erzählen, wie schnell und gut sie in der Stadt heimisch geworden war.

Unterdeß flog Ilse durch Hof und Garten hinaus in die Landschaft, wieder leichtbeflügelt wie die kleinen Geschwister, die ihre Hand nicht loslassen wollten. »Alle seid ihr gewachsen,« rief sie, »mein Krauskopf aber am meisten, der wird werden wie der Vater. Ein Landwirth, Franz.«

»Nein, ein Professor,« erwiederte der Knabe.

»Ach du armes Kind,« sagte Ilse.

Die Feldarbeiter verließen die Garben und eilten ihr entgegen, es gab viel zu grüßen und zu fragen: der Großknecht hielt seine Pferde an, das Sattelpferd, der Schimmel, rückte heftig mit dem Kopfe. »Er kennt Sie recht gut,« sagte der Knecht und klatschte lustig mit der Peitsche. Ilse ging in das Dorf und trug ihren Gruß zu den Toten und den Lebendigen, und als der kranke Benz sie endlich losgelassen hatte, rief er nach seiner Tafel und verfertigte mit zitternder Hand ein Freudengedicht. Bedächtiger wandelte die Frau Professorin durch den Hof. Vom Zuge der Mägde geleitet, schritt sie den Gang zwischen den Rindern entlang, trotz ihrem modischen Kleide der sagenhaften Frau Berchta ähnlich, welche Segen streuend durch Stall und Haus des Landmanns gleitet. Vor jedem gehörnten Haupte hielt sie an, die Kühe hoben die Mäuler zu ihr auf und brummten, bei jeder war eine wichtige Neuigkeit zu berichten. Die Mägde wiesen ihr stolz die angebundenen Kälber und baten um Namen für die erwachsenen Fersen; denn der Herr hatte befohlen, daß Ilse das Jungvieh mit Namen versehen sollte, und die Mägde freuten sich über die vornehmen Stadtnamen Kalypso und Xanthippe. – Alles vertraut und Alles wie sonst, und doch bei jedem Schritt Neues für Auge und Ohr.

Clara gab ihr Rechenschaft über die Wirthschaft; das Mädchen hatte sich trefflich gehalten, ihr Lob, welches die Mamsell und, was wichtiger war, die Großmagd in vertraulicher Unterredung ertheilten, that Ilse sehr wohl und sie sagte: »Jetzt erst bin ich ganz beruhigt, ich kann hier entbehrt werden.«

Gegen Abend suchte der Professor seine Frau, die seit Stunden verschwunden war. Er hörte den Lärm der Kinder am Bach und dachte sich, wo Ilse jetzt sein müsse. Als er um den Stein der Höhle bog, sah er sie im Halbdunkel sitzen, das Auge nach dem Vaterhause gewandt. Er rief ihren Namen und streckte die Arme nach ihr aus, sie flog ihm an die Brust und sagte leise: »Ich weiß, daß an deinem Herzen meine Heimat ist; habe Nachsicht, wenn die alte Zeit mir jetzt mächtig wird.«

Am späten Abend, als der Vater den Professor in das Schlafzimmer führte und mit ihm noch Geschäfte und Politik besprach, schickte Ilse ihre Schwester Clara zu Bett und sie setzte sich auf den Stuhl. Da der Vater hereinkam, das Licht vom Tische zu holen, fand er die Ilse wieder an ihrer alten Stelle zum Nachtgruß und sie hielt ihm den Leuchter hin. Er setzte das Licht auf den Tisch, ging, wie er pflegte, vor ihr auf und ab und begann: »Du bist bleicher und ernster als du warst. Wird das vorübergehen?«

»Ich hoffe, es wird vorübergehen,« wiederholte die Tochter. – Nach einer Weile fuhr sie fort: »Man denkt über Vieles anders in der Stadt und man glaubt anders, Vater.«

Der Vater nickte mit dem Kopf. »Das war’s,« sagte er, »und deshalb habe ich um dich gesorgt.«

»Es wird mir unmöglich, schwere Gedanken los zu werden,« sprach Ilse leise.

»Armes Kind,« rief der Landwirth, »dabei dir zu helfen, geht über meinen Verstand. Denn bei uns auf dem Lande ist es leicht, an Vatersorge zu glauben, wenn man über das Feld geht und sich des Wachsthums freut. Aber laß dir von einem Landmann ein vertrauliches Wort sagen. Es ist in allen Dingen auf Erden Bescheidenheit nöthig und Entsagung. Wir auf dem Lande sind nicht besser und gescheidter, weil wir wenig um das sorgen, was dem Menschen räthselhaft ist. Wir haben keine Zeit zu grübeln, das ist bequem, und wenn uns ein Gedanke erschreckt, hilft die Arbeit darüber weg. Aber manchmal kommt doch die Ungewißheit. Auch ich habe Tage gehabt und ich habe sie noch, wo ich mir meinen Kopf zerbreche, obgleich ich weiß, daß ich nicht auf’s Reine kommen kann; und deshalb suche ich mir jetztsolche Gedanken fern zu halten. Das ist Vorsicht, aber es ist nicht Tapferkeit. Du bist hineingesetzt in ein Leben, wo dir das Hören und Nachdenken unvermeidlich wird. Du mußt dich durchkämpfen, Ilse. Vergiß dazu zweierlei nicht. Die Menschen haben von je sehr verschieden angesehen, was ihnen nicht ganz verständlich war, und sie haben einander deshalb seit alter Zeit gehaßt und wie Kannibalen geschlachtet, nur weil Jeder gegen den Andern Recht haben wollte. Darin liegt eine Warnung. Aber Eines hat sich immer bewährt gegenüber dem Zweifel: seine Pflicht thun, alle Tage das Nächste thun und im Uebrigen vertrauen, daß man nicht deshalb verloren ist, weil man Eines und das Andere denkt. Bist du der Liebe deines Mannes sicher?«

»Ja,« versetzte Ilse.

»Und hast du eine aufrichtige Achtung vor dem, was er thut, für dich und für alle Andern?«

»Ja,« rief Ilse.

»Dann ist Alles in Ordnung,« sagte der Vater, »denn an seinen Früchten erkennen wir den Acker. Um das Uebrige grämen wir uns nicht heut, nicht in der Zukunft. Gib mir das Licht und geh zu deinem Mann. Gute Nacht, Frau Professorin.«

Zweiter Theil

Drittes Buch

1.
Die Buttermaschine

Im großen Saale der Universität war ein gewähltes Publicum versammelt, Würdenträger der Regierung und Stadt, Männer der Wissenschaft, hinter ihnen die Studenten, welche ab- und zuströmend die Thür des großen Portals in Bewegung erhielten. Oben aber auf der Gallerie saßen die Frauen der Professoren, in der Mitte der ersten Reihe Ilse mit Laura auf dem Ehrenplatz. Heut war für Ilse ein großer Tag, denn der Glanz der höchsten akademischen Würde sank auf das Haupt ihres Gatten. Felix Werner war zum Rector Magnificus gewählt und sollte hier sein Amt antreten.

In langem Zuge schritten die Lehrer der Universität in den Saal, vor ihnen die Pedelle in altertümlicher Amtstracht, große Scepter in der Hand; die Herren selbst nach den Facultäten geordnet. Die Theologie begann den Zug und die Philosophie schloß den Reigen, diese an Zahl der Männer und Bedeutung die stärkste Abtheilung, alle zusammen aber bildeten eine stattliche Genossenschaft, neben einzelnen Nullen gingen hochberühmte Herren, auf welche das Land stolz sein durfte, und es war eine Freude für Jedermann, soviel gelehrtes Wissen körperlich versammelt zu sehen. Nur die würdige Darstellung im Zuge gelang den großen Geistern nicht, sie hielten schlecht Reihe, mancher sah aus, als ob er mehr an seine Bücher denke als an den Eindruck, welchen seine Gestalt dem Publicum machen sollte, einer hatte sich gar verspätet – er hieß Raschke – und kam sorglos und vertraulich grüßend hinter den jüngsten Privatdocenten hergelaufen. Den Zug empfing ein lateinischer Gesang des akademischen Sängerchors, nicht verständlich, aber festlich. Die Professoren ordneten sich auf ihren Sitzen, der bisherige Rector betrat ein hohes, mit Blumen verziertes Katheder, hielt zuerst eine gelehrte Rede über den Nutzen, welchen vor längerer Zeit das unruhige Volk der Araber der medicinischen Wissenschaft gebracht hat, und berichtete dann über die akademischen Ereignisse des letzten Jahres. Der Vortrag war schön und Alles warsehr feierlich, die Ehrengäste der Stadt und Regierung saßen unbeweglich, die Professoren hörten ergeben zu, die Studenten knarrten nur wenig an der Thür, und wenn von dem gemalten Plafond der Aula zuweilen die Langeweile ihre großen Fledermausflügel gegen die Augen der Zuhörer herabbewegte, wie bei akademischen Schaustellungen unvermeidlich ist: – Ilse merkte heut nichts davon. Als Magnificus den Vortrag beendet hatte, bat er mit einer zierlichen Handbewegung und den verbindlichsten Worten seinen Nachfolger, zu ihm auf die Erhöhung zu steigen. Ilse erröthete, als ihr Felix das Katheder betrat. Der Rector nahm sein Barett ab, die goldene Kette und den Mantel, der wie ein alter Fürstenmantel aussah, und Alles setzte und hing er um seinen Nachfolger mit warmen Wünschen und Aeußerungen der Hochachtung. Laura flüsterte ihrer Nachbarin zu: »Wenn unser Herr Professor ein Schwert an der Seite trüge, wäre er ganz wie ein Kurfürst auf den Bildern draußen;« und Ilse nickte freudig, es war genau ihre Ansicht. Jetzt aber trat Werner in Purpurmantel und Kette vor. Die Pedelle kreuzten ihre Scepter zu beiden Seiten des Katheders und der neue Rector hielt majestätisch eine Ansprache an Professoren und Studenten, worin er Günstiges erbat und gutes Regiment verhieß. Wieder begann der akademische Chor ein lateinisches Triumphlied, und der Zug der Universitätslehrer bewegte sich in das Nebenzimmer zurück, wo die Professoren ihren Rector händeschüttelnd umstanden und die Pedelle Purpurmantel und Kette in Kästen packten, zur Schonung für spätere Zeiten. Auch Ilse empfing die Glückwünsche der Frauen und des Theetisches, welcher sich an der Gallerietreppe aufstellte und sie lustig mit »Magnificenz« begrüßte.

Zu Haus fiel Ilse dem Gatten um den Hals und sagte ihm, wie stattlich er in seinem Ornate ausgesehen habe. »Was die Zigeunerin sprach,« rief sie, »heut ist es erfüllt, heut trug der Mann, den ich liebe, den Fürstenhut, sei gegrüßt du mein Fürst und Herr.«

Für den Nachmittag dieses großen Tages war der Besuch des Erbprinzen angemeldet, Ilse sah noch einmal in die Winkel der blanken Wohnung, damit sie als Hausfrau keine Unehre erlebe, und ließ sich von dem Gatten über die Form unterrichten, in der man mit vornehmen Herren spricht. »Damit ich Bescheid weiß, wenn er sich auch um mich kümmert. Ich bin unruhig, Felix, denn es ist doch etwas Großes, den künftigen Herrn der Heimat kennen zu lernen.«

Mit dem Stundenschlag fuhr der Wagen vor, Gabriel in seinem besten Frack führte die Herren an das Zimmer des Rectors. Unterdeß ging Ilse erwartungsvoll in ihrer Stube auf und ab. Nicht lange, und ihre Thür wurde geöffnet, zwei Herren traten, von dem Gatten geleitet, ihr entgegen. Da war der Prinz, eine zarte Gestalt unter Mittelgröße, schwarzes Haar, ein kleines Gesicht mit weichen Zügen, über den feinen Lippen ein dunkler Streif, welcher den beginnenden Bart andeutete, die Haltung etwas schlottrig und verlegen, so machte er den Eindruck eines zarten und schwächlichen Menschenkindes. Befangen trat er auf Ilse zu und sagte ihr so leise, daß sie kaum die Worte verstand, wie sehr er sich freue, in ihr eine Landsmännin zu begrüßen.

Ilse erhielt durch sein schüchternes Wesen ihren Muth zurück, und da sie in dem Anblick ihres jungen Prinzen ein wenig bewegt war, so begegnete ihr, daß sie ihm eine kleine Rede hielt: »Wir aus unserm Lande hängen an der Heimat, und da ich jetzt Ew. Hoheit so nahe vor mir sehe, wage ich auch zu sagen, daß ich Ew. Hoheit sehr gut wiedererkenne. Sie waren noch ein ganz junger Herr und ich war ein halbwüchsiges Mädchen, da sah ich Sie zuerst neben Ihrem Herrn Vater in der Residenz. Ew. Hoheit saßen auf einem sehr kleinen Pferde; während mein Vater und ich grüßten, stand das Pferd still und wollte nicht weitergehen, Sie sahen mich freundlich an, ganz mit denselben Augen wie jetzt. Ich hielt ein Paar Rosen in der Hand, und weil Sie unser junger Prinz waren, bot ich Ihnen die Rosen an. Aber Sie schüttelten den Kopf und Sie konnten auch nichts nehmen, weil Sie den Zügel halten mußten, und ich glaube, Sie waren etwas ängstlich auf dem Pferde. Nur das Pferd fuhr mit seinem Kopfe nach den Blumen. Da kam ein Großer in Uniform herangeritten, faßte das Pferd, und wir traten zurück. Sie sehen, ich weiß noch Alles, denn für ein Mädchen vom Lande ist so etwas eine wichtige Erinnerung. – Aber erweisen Hoheit mir doch die Ehre, Platz zu nehmen.«

Der Begleiter des Prinzen, Kammerherr von Weidegg, begrüßte Ilse verbindlich; er war ein Mann in mittlen Jahren, groß, von guter Haltung und keinem üblen Gesicht. Er übernahm die Leitung der Wechselreden, und ein kleines Gespräch lustwandelte über die Berge und Wälder des Heimatlandes. Es blieb ein anständiger Austausch von Worten, welcher sich ungewöhnlicher Gedanken gänzlich enthielt. Der Prinz war schweigsam, spielte mit einem Augenglase und sah befremdet und vorsichtig auf die stattliche Professorsfrau, welche ihm gegenüber saß. Zuletzt frug der Kammerherr nach den Stunden, wo dies Zimmer sich Fremden öffne, und drückte den Wunsch aus, dem Prinzen und ihm möge gestattet sein, zuweilen einzutreten. »Von den wenigen Beziehungen, welche die fremde Stadt bietet, ist uns dies Haus besonders werthvoll, in welchem mein durchlauchtigster Prinz das Recht beanspruchen darf, nicht ganz als Fremder behandelt zu werden.« Das alles war recht sauber und verbindlich, und als der Professor die Fremden bis an die Entréethüre geleitet hatte, sagte er zu seiner Frau: »Nun, sie sehen ja menschlich genug aus.«

»Ich habe mir Prinzen ganz anders gedacht, Felix, keck und übermüthig, dieser hatte nicht einmal einen Stern auf der Brust.«

»Der war nur in die Tasche gesteckt,« tröstete der Professor.

»Aber er sieht aus wie ein guter Junge,« schloß Ilse, »und da er mein Landsmann ist, soll er auch gut behandelt werden.«

»So ist es recht,« versetzte der Professor lachend.

Es machte sich in den nächsten Wochen allmählich, daß der Erbprinz und sein Kammerherr die gute Behandlung behaglich fanden. Der Kammerherr bewährte sich als angenehmer Mann, er hatte größere Reisen gemacht, hatte Einiges erlebt, Vieles gesehen und allerlei gelesen, auch was nicht gerade am Wege liegt; er sammelte Autographen und war dem menschlichen Geschlecht durch kein Laster und keine üble Gewohnheit lästig. Während einem längeren Aufenthalte in Rom hatte er mit alten Bekannten des Professors in Verbindung gestanden, er war durch die Ruinen Pompeji’s gewandelt und zeigte ein wohlthuendes Interesse an der Einrichtung altrömischer Häuser. Außerdem verstand er gut zu hören und zu fragen und erzählte zuweilen mit anständiger Medisance Anekdoten von vielgenannten Personen. So geschah es, daß der Professor gern mit ihm verkehrte, und daß er am Theetisch Ilse’s den Wirthen willkommen, den Gästen nicht unbequem war. Auch ihm selbst schien der Verkehr mit den gelehrten Herren Freude zu machen, er besuchte den Doctor und betrachtete bei diesem alte Holzschnitte, er behandelte den Professor Raschke mit rücksichtsvoller Artigkeit und begleitete nebst seinem Prinzen den Philosophen an einem klaren Winterabend bis zu der entlegenen Wohnung, während Raschke sehr interessante Beobachtungen über den Schlaf der Pflanzen mittheilte.

Daß der Erbprinz sich ebenso gut unter den Professoren zurechtfand, konnte man nicht behaupten; er hörte dem Gespräch der Männer leidend zu, wie einem akademischen Hörer ziemte, und sprach durchaus und zu rechter Zeit das Schickliche. Nur zuweilen deutete er durch leises Knipsen seiner Lorgnette an, sein Gemüth werde wohl eine andere Art von Unterhaltung nicht ungern ertragen.

Ilse war unzufrieden, wenn er mit der Lorgnette knackte, und wenn sie zu ihm hinübersah, hörte das Knipsen auf.

Denn Ilse wollte, daß er sich unter den andern Männern recht stattlich hervorthun sollte, und ihr war, als könnten die Herren ihr selbst einen Vorwurf daraus machen, daß ihr Prinz für Männergeschäfte kein rechtes Herz erwies. Sie war deshalb als Hausfrau mit zarter Aufmerksamkeit um ihn bemüht; sie wagte den Rath, daß er den Thee nicht zu stark trinken möchte, und bereitete ihm selbst die Mischung. Der Prinz ließ sich das gern gefallen, er saß am liebsten auf dem Stuhl neben ihr und sah ihr freundlich zu, wie sie um den Tisch wirthschaftete. Nur ihr gegenüber ging er ein wenig aus seiner vorsichtigen Zurückhaltung heraus, er erzählte ihr, was er von Merkwürdigkeiten der Stadt gesehen, und wenn er gerade nichts zu sprechen hatte, machte er wenigstens ihr Amt leicht, er stellte den Sahntopf vor sie hin und hatte ein scharfes Auge auf die Zuckerbüchse, wenn er meinte, daß Ilse für sich davon Gebrauch machen könne.

Einst, als er wieder schweigsam neben ihr saß und die Herren gerade zornig über der Bibliothekverwaltung des Vaticans zu Gericht saßen, machte Ilse den Vorschlag, ein Werk anzusehen, das ihr der Gatte gekauft hatte, gutgestochene Bildnisse berühmter Gelehrten und Künstler. Sie gingen zu der Lampe des Nebenzimmers, der Prinz betrachtete mit matter Theilnahme die Köpfe. »Von manchem weiß ich nichts,« begann Ilse, »als einige Worte, die mir mein Mann über sie erzählt hat. Ihre Bücher habe ich nicht gelesen und von den schönen Werken, die sie gemalt und componirt haben, kenne ich auch gar wenig.«

»Mir geht es gerade so,« versetzte der Prinz ehrlich, »nur die Musiker kenne ich etwas.«

»Und doch ist es eine Freude, die Gesichter anzusehen,« fuhr Ilse fort, »man denkt bei Jedem, wie der Charakter und die Vorzüge dieses Mannes sein möchten, und wenn man Jemand fragt, der mehr weiß, ergibt sich manchmal eine Bestätigung und manchmal ein Irrthum. Das hilft Einem die Männer lieb und vertraulich zu machen und man sucht Gelegenheit, auch mit ihrer Kunst und Weisheit bekannt zu werden. Ich mühe mich jetzt, von einem nach dem andern mehr zu erfahren. Wenn man aber etwas von einem großen Manne gelesen hat und sein Bild nach einiger Zeit wieder ansieht, dann ist es, als schaute man in das Gesicht eines guten Freundes.«

»Lesen Sie gern?« frug der Prinz aufblickend.

»Langsam,« erwiederte Ilse, »denn von ernsten Dingen geht nicht viel auf einmal in den ungelehrten Kopf, besonders wenn es schwere Gedanken erregt.«

»Ich lese nicht gern,« versetzte der Prinz, »am wenigsten, was einem so vorgelegt wird. Und mir ist es langweilig, denn ich habe nichts Ordentliches gelernt und ich weiß nirgends recht Bescheid.«

Das sagte er mit Bitterkeit. Ilse erschrak über das Geständniß. »Dem werden Ew. Hoheit jetzt abhelfen, es ist ja hier so schöne Gelegenheit.«

»Ja,« versetzte der Prinz, »vom Morgen bis zum Abend, und Alles durcheinander, ich bin jedesmal froh, wenn die Stunden zu Ende sind.«

Ilse betrachtete den jungen Herrn mit großer Betrübniß. »Das ist ja für Ew. Hoheit ein rechtes Unglück. Haben Sie denn nichts, was Ihnen zu wissen oder zu besitzen recht lieb ist? Eine Sammlung von Steinen oder Schmetterlingen oder von seltenen Büchern oder Kupferstichen wie der Doctor drüben? Dabei hat man das ganze Jahr sein Vergnügen und man lernt auch allerlei, wenn man sich diese werthen Sachen zusammenträgt.«

»Wenn ich dergleichen haben will, kann ich Alles in Haufen gesammelt haben,« versetzte der Prinz. »Aber wozu? es steht schon soviel Zeug um mich herum. Wenn ich heut Steine suchen wollte, geriethen alle Leute um mich in Aufregung, und es würde mir entweder verwehrt oder eine ganze Sammlung ins Haus getragen.«

»Das hilft freilich nichts,« bedauerte Ilse, »man muß selbst um das Einzelne sorgen, dann kommt die Freude. Ein Mensch kann nicht Alles wissen, aber etwas muß jeder haben, was er ordentlich versteht. Wenn ich mein kleines Leben vergleichen dürfte mit dem großen, das Ew. Hoheit erwartet, so könnte ich Ihnen wohl etwas erzählen. Als meine gute Mutter sich zu ihrer letzten Krankheit einlegte, war ich ein ganz junges Ding, aber ich wollte durchaus an ihrer Stelle die Wirthschaft führen. Da fand sich, daß ich mir nicht Rath wußte. Ich verstand nicht einmal, ob die Leute fleißig oder träge waren, ich kannte auch nicht die Handgriffe, und wenn Jemand etwas schlecht machte, konnte ich’s nicht lehren. Deshalb saß ich an einem Abend muthlos und ärgerlich über mich selbst, und ich glaube, ich weinte. Da sagte mein guter Vater: du durftest nicht soviel auf einmal übernehmen, du sollst erst etwas genau lernen. Und er wies mich in die Molkerei. Wissen Ew. Hoheit, was das ist?«

»Nicht so recht,« versetzte der Prinz.

»Das ist ja die Milchwirtschaft des Gutes, ich will Ew. Hoheit sagen, was dabei zu thun ist.«

Sie erzählte ihm die ganze Tagesarbeit des Milchkellers. »Und jetzt machte sich’s so. Ich griff selbst mit an, wurde fest in der Arbeit und bekam ein Urtheil über die Mägde. Ich lernte jede Kuh genau kennen und lernte auch, welche Art für uns am besten war und warum. Denn nicht jede Race paßt überallhin. Bald bekam ich den Ehrgeiz, Butter und Käse recht fein zu machen. Ich erkundigte mich bei den Klugen und las auch zuweilen in einem Buch darüber. Dann besprach ich mit dem Vater Verbesserungen. Und gerade als ich wegkam, war die Rede davon, statt unseres großen Butterfasses von Holz eine neue Maschine anzuschaffen. Sie ist jetzt aufgestellt, soll sehr gut sein und schöne Butter machen, ich habe sie aber noch nicht gesehen. Denn Ew. Hoheit kennen doch das Buttern?«

»Nein,« versetzte der Prinz.

Ilse beschrieb es ihm ein wenig. »Wenn aber der Vater um Johanni die große Rechnung machte, da war mein Stolz, daß die Kühwirthschaft in jedem Jahr höhern Ertrag gab. Mich ärgerte nur, daß der Vater über meinen kleinen Gewinn lachte, denn der eigentliche Werth der Kühe lag für ihn in ganz andern Dingen.« Auch darüber machte Ilse eine leise Andeutung. »Und sehen Hoheit,« fuhr sie fort, »erst von dieser Zeit ab fühlte ich mich in der Welt recht zu Hause. Noch jetzt, wenn ich einmal in eine Fabrik gehe, ertappe ich mich darüber, daß ich sie wie eine andere Art Molkerei ansehe, und wenn von Staatseinnahmen und Regierung die Rede ist, vergleiche ich sie noch heut mit unserer Wirthschaft. Aber es ist wohl thöricht, daß ich Ew. Hoheit von Butter und Käse unterhalte.«

Der Prinz sah ihr treuherzig in die Augen. »Ach, gnädige Frau,« sagte er, »Sie sind glücklich daran gewesen, mir aber ist es nie so gut geworden, daß ich bei dem, was mir lieb war, recht ruhig beharren konnte. Vom Morgen bis zum Abend bin ich erzogen worden und von Einem zum Andern geschleppt. Wenn ich als Kind in den Garten ging, war immer die Gouvernante dabei oder der Erzieher, und wenn ich im Grase sprang, wurde darauf gehalten, daß meine kleinen Sprünge auch für andere Leute gut aussahen, niederkauern durfte ich nicht; und als ich mich einmal auf den Kopf stellen wollte, wie ich bei andern Knaben gesehen hatte, gab es Entsetzen wegen der Unschicklichkeit und Arrest. Jeden Augenblick hieß es, das paßt nicht für einen Prinzen, oder das ist jetzt nicht an der Zeit. Sooft ich aus der Stube kam, starrten mich die fremden Leute an, auch ich mußte immer auf sie sehen und grüßen; mir wurde gesagt, wem ich die Hand geben durfte und wem nicht, wen ich anreden durfte und wen nicht. So ging es alle Tage. Immer waren es leere Redensarten, in drei Sprachen, und jeden Tag war der Gedanke obenan, daß man sich nur gut präsentire. Einmal wollte ich mir mit der Schwester einen kleinen Garten anlegen, sogleich wurde der Hofgärtner gerufen, der uns graben und pflanzen mußte. Da war’s uns vom ersten Tage verleidet. Dann wollten wir Theater spielen und hatten uns schon selbst ein Stück ausgedacht, wieder wurde uns gesagt, das sei dummes Zeug, und wir mußten ein Spiel auswendig lernen mit französischen Redensarten, wo die Kinder immer riefen, wie lieb sie Papa und Mama hätten, und wir hatten gar keine Mutter. Ueber diesem Zurichten für den Schein ist meine Kinderzeit vergangen. Ich versichere Sie, ich weiß nichts gründlich, und wenn ich jetzt hier in dem ewigen Lernen bleibe, so habe ich das Gefühl, daß es mir gar nichts helfen wird, und ich komme mir sehr unnütz vor in der Welt.«

»Ach, das ist traurig,« rief Ilse in tiefem Mitgefühl. »Aber ich flehe Ew. Hoheit an, verlieren Sie nur nicht den Muth. Es ist unmöglich, daß das Leben unter so vielen tüchtigen und gescheidten Männern, die Sie hier finden, ohne Segen für Sie sein sollte.«

Der Prinz schüttelte den Kopf.

»Denken doch Ew. Hoheit an Ihre Zukunft,« fuhr Ilse leise fort. »Ach, Sie haben alle Ursache, zuversichtlich und tapfer zu sein. Ihr Amt ist doch das höchste auf Erden. Wir andern arbeiten und sind glücklich, wenn wir ein einzelnes Menschenleben vor dem Untergange bewahren, und wenn es noch so klein und elend ist, Ihnen aber wird einmal Wohlsein und Leben von vielen Tausenden in die Hand gegeben. Was Sie für Schule und Bildung thun durch gute oder schlechte Lehrer der Seelen, und ob Sie für Krieg oder Frieden stimmen, das kann ein ganzes Land glücklich machen oder verderben. Wenn ich an diesen erhabenen Beruf denke, kommt mir die Ehrfurcht vor Ihnen, und ich möchte Sie auf meinen Knieen anflehen, daß Sie thun, was möglich ist, um sich zu einem tüchtigen Fürsten zu machen. Dafür ist jetzt der beste Rath, daß Sie guten Willen zeigen, auch das zu lernen, was Ihnen langweilig ist. Und im Uebrigen vertrauen Sie der Zukunft, auch Ihnen wird die Freude am Leben und das Gefühl der Tüchtigkeit kommen.«

Der Prinz schwieg, denn die Erwähnung seines künftigen Fürstennamtes gehörte zu den Anspielungen, welche bei Hofe verpönt sind und die im stillen Geiste zu verfolgen einem Thronerben noch weniger als Andern erlaubt ist.

»Gelehrte Vorlesungen höre ich genug,« sagte endlich der Prinz, »ich wollte aber lieber, ich wäre bei einem Landwirth in der Lehre gewesen, wie Sie.«

Sie kehrten zu den Herren zurück, und der Prinz nahm den Rest des Abends aufmerksam an der Unterhaltung Theil. Als er sich entfernt hatte, sagte Ilse zu ihrem Gatten: »Da geht er hin, er hat, was Tausende froh machen würde, und doch ist er unglücklich, denn sie haben ihm sein ehrliches Herz in Leder eingenäht, wie einer Gliederpuppe. O, sei gütig gegen ihn, Felix, und gönne ihm manchmal etwas von deiner Seele, damit ein Theil deiner Sicherheit und Kraft auf ihn übergehe.«

Der Gatte küßte sie auf das Haupt und sagte: »Dir wird das leichter möglich sein als mir. Aber er selbst hat sich das Rechte gesagt, drei Jahre bei deinem Vater in der Wirthschaft wären für ihn und sein Land die beste Hilfe.«

Beim Frühstück des nächsten Morgens nahm der Kammerherr die Zeitungen aus der Hand des Lakaien, der Prinz saß schweigend am Tisch, spielte mit dem Kaffelöffel und beobachtete eine Fliege, welche vom Rande des Sahntopfes unehrerbietige Versuche machte, in die fürstliche Milch zu sinken. Da die schriftliche Instruktion dem Kammerherrn die Pflicht auferlegte, den Prinzen vor jeder gefährlichen Lectüre zu behüten – es waren damit unzufriedene Zeitungen und schmutzige Romane gemeint –, so bot er seinem Herrn zuerst das unter allen Umständen gefahrlose Tageblatt, während er selbst eine wohlgesinnte Zeitung ergriff, um dort die Hofnachrichten, Beförderungen und Ordensverleihungen zu mustern. Er war längst mit seiner Lectüre zu Ende, der Prinz aber studirte noch immer über den frischen Schellfischen und Austern. Betrübt sah der Kammerherr, wie die junge Hoheit wieder einmal für den Lauf der Welt so geringe Theilnahme zeigte. Ein Bekannter des Kammerherrn war zum Rittmeister ernannt, ein anderer kündigte seine Verlobung an, er verfehlte nicht, den Prinzen aufmerksam zu machen, dieser aber lächelte nur in seiner zerstreuten Weise.

Der Kammerherr ging also zu seiner nächsten Pflicht über, er überlegte das Programm des Tages. Und da ihm oblag, den Prinzen mit den Neuigkeiten der Kunst, Literatur und der Stadt in geziemender Auswahl bekannt zu machen, so wartete er ungeduldig auf die Befreiung des Tageblattes, um sich aus diesem Rath zu holen. Endlich unterbrach der Prinz diese Erwägungen durch die Frage: »Hier finde ich eine permanente Ausstellung landwirthschaftlicher Geräthe, was ist in solcher Ausstellung zu sehen?«

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Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
Hacim:
1020 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain