Kitabı oku: «Die verlorene Handschrift», sayfa 37
3.
Zwei neue Gäste
Der Professor stand mit dem Kammerherrn im Arbeitszimmer des Fürsten. Dieser hielt in der Hand die Denkschrift, welche Werner über das Antikenkabinet verfaßt hatte. »Erst hierdurch erhalte ich ein Urtheil über den Umfang des Katalogs, welchen Sie für nöthig halten. Ich bin bereit, auf Ihre Vorschläge einzugehen, wenn Sie sich verpflichten wollen, die oberste Leitung der neuen Aufstellung und des Katalogs zu übernehmen. Können Sie uns diesen Dienst nicht erweisen, so bleibt Alles wie bisher, denn nur das große Vertrauen, welches ich zu Ihnen habe, und der Wunsch, Sie in meiner Nähe zu behalten, würde mich veranlassen, die nöthigen Opfer zu bringen. Sie sehen, ich mache das Unternehmen von dem Grade der Zuneigung abhängig, welchen Sie selbst für diese Arbeit hegen.«
Der Professor entgegnete, daß seine Anwesenheit für die erste Einrichtung wünschenswert sein möge und daß er bereit , sei, einige Wochen darauf zu wenden. Später werde genügen, wenn er ab und zu die Fortschritte der Arbeiten prüfe.
»Damit bin ich vorläufig zufrieden,« sagte der Fürst mit kurzem Bedacht, »unser Vertrag ist also geschlossen. Ferner aber sehe ich, daß es darauf ankommt, einen Arbeiter zu gewinnen, welcher unter Ihrer Leitung die Aufnahme der Kunstgegenstände bewältigt. Der Conservator ist dafür nicht brauchbar?«
Der Professor verneinte dies.
»Und können Sie mir einen solchen Gehilfen vorschlagen?«
Der Professor musterte in Gedanken die älteren Mitglieder seines Kränzchens.
Diesmal fiel dem Kammerherrn sogleich der geeignete Mann ein. »Würde nicht Magister Knips für diese Arbeit passen?«
»In der That,« sagte der Professor, »Fleiß, Kenntnisse, seine ganze Persönlichkeit machen ihn vortrefflich geeignet. Ich glaube, daß er auf der Stelle zu haben wäre. Auch für seine Zuverlässigkeit gegenüber den Werthstücken könnte ich bürgen. Aber ich darf diese Verantwortung doch nicht übernehmen, ohne Ew. Hoheit mitzutheilen, daß er einmal in seinem Leben durch Mangel an Vorsicht in einen widerwärtigen Handel verwickelt wurde, der nicht mir, aber mehren seiner Bekannten das Vertrauen zu ihm verringert hat.«
Darauf erzählte der Professor schonend für alle Betheiligten die Geschichte von dem gefälschten Pergamentblatt des Tacitus.
Der Fürst hörte aufmerksam zu und erwog. »Ueber den Bestand der Sammlungen erlauben die alten Verzeichnisse augenblickliche Nachrechnung. Sie halten den Magister für unschuldig an jenem Betruge?«
»Ich halte ihn dafür,« sagte der Gelehrte.
»Dann ersuche ich Sie, dem Mann zu schreiben.«
Wenige Tage darauf betrat Magister Knips die Residenz. Er trug Reisetasche und Hutschachtel in eine anspruchslose Herberge, hüllte seinen Leib auf der Stelle in die Gewänder, welche er selbst gegen seine Mutter Lohndienertracht nannte, und suchte den Pavillon des Professors auf. Gabriel sah die Gestalt von Weitem durch blühendes Gesträuch heranziehen, den Kopf auf der Schulter, den Hut in der Hand. Denn Knips erachtete für anständig, im Bann des fürstlichen Schlosses das Haupt entblößt zu tragen, und durchschritt wie eine wandelnde Verbeugung den vornehmen Gesichtskreis. Auch der Professor konnte ein Lächeln nicht bergen, als er den höfisch zugerichteten Magister, glatt und duftend, mit zwei tiefen Verbeugungen vor sich sah. »Der Kammerherr hat Sie für diese Thätigkeit vorgeschlagen, ich habe nicht widersprochen. Denn unter der Voraussetzung, daß sie Ihnen in entsprechender Weise vergütet wird, bietet sie Gelegenheit zu einer großen Anstrengung, welche Sie vielleicht für immer aus kleiner Tagesarbeit heraushebt, und welche bei pflichtgetreuer Ausführung nicht nur Einzelne von uns, sondern die ganze Wissenschaft zu lebhaftem Dank verpflichten wird. Ihre Leistung hier mag deshalb für Ihr späteres Leben entscheidend sein. Denken Sie jede Stunde daran, Herr Magister, daß Sie Gewissenhaftigkeit und Treue nicht nur der Wissenschaft, auch dem Eigenthum des Fürsten zu beweisen haben, welcher Sie vertrauend hierherrief.«
»Hochwohlgeborner und hochverehrter Herr Professor,« erwiederte Knips, »als ich Dero Brief durchgelesen hatte, war mir nicht zweifelhaft, daß Dero gütiges Wohlwollen mir Gelegenheit geben wollte, einen neuen Menschen anzuziehen. Deshalb, an die Pforte eines unbekannten Lebens tretend, flehe ich tiefbewegt vor Anderem um die Fortdauer von Dero guter Meinung, welche ich in treustem Gehorsam verdienen zu können vertraue.«
»Gut also,« schloß der Professor, »melden Sie sich bei dem Kammerherrn.«
Schon am Tage darauf saß Knips vor einer Reihe antiker Lampen, den Frack durch Ueberziehärmel geschützt, die Feder am Ohr, von Büchern der fürstlichen Bibliothek umgeben. Er schlug nach, verglich, schrieb auf und war rüstig in seiner Arbeit, als wenn er sein Lebtag Commis in einem Nippesgeschäft des alten Roms gewesen wäre. Der Kammerherr meldete vor der Tafel heiter dem Prinzen: »Magister Knips ist da,« und der Prinz wiederholte der Schwester: »Der weise Knips ist da.« »Ah, der Magister,« sagte der Fürst ebenfalls mit Laune.
In derselben Woche wurde der Fürst von dem Kammerherrn in die Sammlungen begleitet, damit Knips gelegentlich unter die Augen des Herrn gestellt werde. Der Fürst sah neugierig auf den tiefgekrümmten Mann, dem der Angstschweiß ausbrach, und der jetzt völlig einer Maus glich, welche durch starke Bezauberung verhindert wird, in ihrem Loche zu verschwinden. Der Fürst erkannte sogleich, was er subalterne Natur nannte, und das bleiche breitgedrückte Antlitz, das zurückgezogene Kinn und die wehmüthige Miene schienen ihn zu ergötzen. Im Begriff, weiter zu gehen, wies er auf den Bücherwall, aus welchem Knips emporgeschossen war: »Sie haben sich schnell heimisch gemacht, ich hoffe, daß Sie bei uns fanden, was Ihnen an Büchern unentbehrlich ist.«
»Maßlosen Wünschen entsagend,« jammerte Knips in hohem Ton, »habe ich aus Allerhöchstdero Bibliothek vieles Brauchbare zu entleihen mir in tiefster Untertänigkeit gestattet, Fehlendes aber mit Beihilfe verehrter Gönner aus den Büchersammlungen meiner Vaterstadt herbeizuschaffen gewagt.«
Der Fürst ging mit kurzem Kopfnicken weiter, Magister Knips blieb in der Stellung demüthiger Hingabe stehen, bis der Fürst das Zimmer verlassen hatte, dann sank er auf den Stuhl zurück und schrieb, ohne links und rechts zu sehen, an dem angefangenen Worte weiter. Sooft der Fürst das Zimmer betrat und verließ, schnellte er auf und fiel zurück, durch Ehrfurcht in einen Automaten verwandelt.
»Sind Sie mit ihm zufrieden?« frug der Fürst den Professor.
»Noch über Erwarten,« antwortete dieser.
Der Kammerherr, froh seiner Empfehlung, erinnerte den Fürsten, daß derselbe Magister sich auch als vortrefflicher Wappenmaler erwiesen habe und merkwürdige Kenntnisse in Brauch und Festordnung der alten Höfe besitze. Als der Fürst den Saal verließ, streifte sein Auge vornehm über das gesenkte Haupt des Kleinen, aber Knips konnte mit dem Erfolge dieser Vorstellung zufrieden sein, er war sehr ehrerbietig und sehr bequem für fernere Verwendung befunden.
Ihm wurde sogleich Gelegenheit, seine Brauchbarkeit in einem außerordentlichen Fall zu beweisen. Die Ordnung des Hofes war in allen Stücken musterhaft, nicht am wenigsten, wenn der Fürst eine Aufmerksamkeit zu erweisen hatte. Ein vertrauter Kabinetsrath zog vor jedem Geburtstag, bei welchem der Fürst durch sein Herz zu einem Geschenk verpflichtet war, nicht weniger vor Volksfesten, welche die Stiftung eines silbernen Bechers oder andern Beweis fürstlicher Theilnahme nothwendig machten, den Tag des Festes nebst der für das Geschenk ausgesetzten Summe aus seinem Verzeichniß und sandte die Anzeige dem Kammerherrn. Denn dieser war mit dem ehrenvollen, aber schwierigen Amte bekleidet, etwas Passendes zu wählen und anzukaufen. Bei Geburtstagen der fürstlichen Familie hatte der Kammerherr aber nur Vorschläge zu machen, der Fürst entschied selbst über Geschenke und Preise. Jetzt nahte der Geburtstag der Prinzessin. Der Cavalier machte deshalb ihrer Kammerfrau einen Besuch und erkundigte sich unter der Hand, was die Prinzessin sich wohl wünsche. Auf diesem nicht ungewöhnlichen Wege wurde allerlei festgestellt, der Kammerherr fügte aus eignem Antriebe modische Kleinigkeiten bei, darunter Vorlegeblätter zu bunten Anfangsbuchstaben, welche gerade damals in Album und Briefbogen gemalt wurden, denn er wußte, daß die Prinzessin dergleichen gewünscht hatte. Der Fürst wählte aus der Liste und blieb zuletzt an den Vorlegeblättern hängen. »Diese Pariser Fabrikzeichnungen werden der Prinzessin schwerlich gefallen. Können Sie nicht gemalte Buchstaben alter Pergamente von einem Zeichner nachbilden lassen? Wer hat mir doch Ihren Magister Knips gerühmt? Er soll kleine Handzeichnungen recht zierlich anfertigen.«
Der Kammerherr freute sich ehrerbietig des hohen Einfalls und suchte den Magister auf; Knips versprach, alle Buchstaben des Alphabets nach alten Handschriften zu malen, der Kammerherr besorgte unterdeß die Kapsel. Als die Arbeit des Magisters dem Fürsten vorgelegt wurde, war dieser in der That überrascht. »Das sind ja schöne alte Miniaturen,« rief er, »wie kommen Sie dazu?« Jeder Buchstabe stand auf altem Pergament so gemalt, daß, wer flüchtig zusah, nicht erkennen mochte, ob die Arbeit alt oder neu war.
Lange sah der Fürst auf die Blätter. »Dies ist ein staunenswerthes Talent; sorgen Sie dafür, daß der Mann nach dem Werth seiner Leistung entschädigt wird.« Knips gerieth in ehrfurchtsvolles Entzücken, als ihm der Kammerherr die Zufriedenheit des Fürsten in glänzendem Gepräge zu erkennen gab. Dabei aber blieb es nicht. Denn kurz darauf besuchte der Fürst das Antikenkabinet in einer Stunde, wo Knips darin arbeitete. Der Fürst hielt wieder vor dem Magister an. »Ich habe mich über die Bilder gefreut,« sagte er, »Sie besitzen eine seltene Meisterschaft, Auge und Urtheil durch den Schein des Alterthums zu täuschen.«
»Allerhöchste Gnade möge verzeihen, wenn die Nachahmung wegen Kürze der Zeit nur unvollkommen ausfiel,« erwiederte der gebeugte Knips.
»Ich bin sehr damit zufrieden,« entgegnete der Fürst und musterte scharf Antlitz und Haltung des kleinen Mannes. Er fing an, dem Magister Antheil zu gönnen. »Es kann Ihnen nicht an Gelegenheit gefehlt haben, diese Kunst in lohnender Weise auszuüben.«
»Allerhöchster fürstlicher Huld blieb vorbehalten, meine geringe Fertigkeit für mich werthvoll zu machen,« versetzte Knips, »bis jetzt habe ich solche Nachbildung nur zu meinem eigenen Vergnügen geübt, oder hie und da als Scherz, um einmal Andere zu necken.«
Der Fürst lächelte und entfernte sich mit einer wohlwollenden Bewegung des Hauptes. Magister Knips war sehr brauchbar befunden.
Die Prinzessin saß an ihrem Schreibtisch, die Feder flog in der kleinen Hand, sie blickte zuweilen in ein Buch von gelehrtem Aussehen und schrieb Stellen ab, welche ihr durch Striche bezeichnet waren. Tritte im Vorzimmer störten die Arbeit, der Erbprinz trat ein, neben ihm ein Offizier in fremder Uniform. »Setzt euch, Kinder,« rief die Prinzeß. »Lege deinen Sarras ab, Victor, und komm zu mir. Du bist ein hübscher Junge geworden, man sieht dir’s an, daß du dich unter fremden Leuten behauptet hast.«
»Man schlägt sich durch,« erwiederte Victor achselzuckend und stellte den Säbel vorsichtig in die Nähe, daß er ihn mit der Hand erreichen konnte.
»Sei ruhig,« tröstete die Prinzeß, »wir sind jetzt sicher, er hat Geschäfte.«
»Wenn er das gesagt hat, wollen wir uns nicht darauf verlassen,« versetzte Victor. »Du bist ernster geworden, Siddy, auch das Zimmer ist verändert, Bücher und wieder Bücher,« er schlug einen Titel auf. »Archäologie der Kunst. Sprich, was thust du mit dem Zeug?«
»Man schlägt sich durch,« wiederholte Siddy achselzuckend.
»Siddy beschützt die Wissenschaft,« erklärte der Erbprinz. »Wir haben jetzt gelehrte Theeabende, sie läßt Stücke lesen mit vertheilten Rollen. Nimm dich in Acht, du wirst auch daran müssen.«
»Ich lese nur Bösewichte,« entschied Victor, »und allenfalls Bediente.«
»Das Beiwerk ist mein Theil,« sagte der Erbprinz, »das Beste, was an mich kommt, ist ein gutmüthiger Vater, der zuletzt seinen Segen gibt.«
»Er hat keinen andern Ton in seiner Kehle,« entschuldigte die Prinzeß, »als ruhigen Biedersinn, er wehrt sich, wenn er mehr als vier Verse hintereinander vortragen soll, dabei entsteht noch jedesmal eine Pause, in der er sich die Lorgnette zurechtrückt.«
»Sein eigentlicher Beruf ist Pastor,« spottete Victor, »er würde seiner Gemeinde den Genuß kurzer Predigten und eines tugendhaften Wandels verschaffen.«
»Höre, wenn er darin besser sein sollte als du, so wäre das noch kein Verdienst. Victor, du stehst bei uns in dem Ruf, immer noch sehr unartige Streiche zu machen, und uns wird die Bekanntschaft mit deinen Thorheiten nicht erlassen.«
»Verleumdung,« rief Victor. »Ich bin bei meinem Regiment übel angesehen wegen allzu schroffer Grundsätze.«
»Dann bewahre uns der Himmel vor einem Einbruch deiner Kameraden. Mir ist recht, daß du deinen Urlaub in dieser Galeere zubringen willst, aber ich wundere mich darüber. Du bist frei, dir steht die Welt offen.«
»Ja, frei wie eine Dohle, die aus dem Nest geworfen ist,« versetzte Victor, »man hat doch Stunden, wo Einem einfällt, daß die Garnison nicht alle Reize einer Heimat hat.«
»Und die suchst du bei uns?« frug die Prinzessin. »Armer Vetter! – Aber du warst unterdeß im Feldzug, ich wünsche Glück. Wir hören, du hast dich brav gehalten.«
»Ich hatte ein gutes Pferd,« lachte Victor.
»Und du hast die große Rundreise bei den Verwandten gemacht?«
»Ich habe die Mysterien dreier Höfe durchgelesen,« versetzte Victor. »Zuerst bei der Cousine, unschuldiger Schäferhof und reizendes Stillleben. Der Hofmarschall trägt eine Stickerei in der Tasche, an der er unter den Damen arbeitet. Die Hofdame kommt mit ihrem Bologneser zum Diner und läßt ihn von der Küche füttern. Jede Woche werden zweimal Leute aus der Stadt auf Thee und Backwerk geladen. Wenn die Familie den Thee allein nimmt, wird um Haselnüsse gespielt. Ich glaube, sie werden im Herbst vom ganzen Hofe gesammelt. Dann ging’s zum Großonkel an den Hof der sechsfüßigen Grenadiere, ich war der kleinste unter der Gesellschaft, den einen Tag waren Alle als Generäle gekleidet, den Tag darauf Alle als Nimrods in Jagdröcken und Gamaschen; heut wird exercirt, morgen gejagt, Pulver ist der größte Verbrauch des Hofes; auch das Ballet trägt, wie man sagt, unter dem Flor Uniformen. Endlich kam der große Hof der Tante Luise. Alle in weißen Köpfen mit Puder, hat Jemand jüngeres Haar, so sucht er es so schnell als möglich los zu werden. Abends tugendhafte Familienunterhaltung, wer medisirt, erhält am nächsten Morgen von der Fürstin eine Aufforderung zu Beiträgen für milde Stiftungen. Prinzeß Minna frug mich, ob ich auch fleißig zur Kirche gehe, und als ich ihr sagte, daß ich wenigstens mit unserm Feldprediger regelmäßig Whist spiele, fiel ich in Verachtung; sie tanzte den ersten Contretanz mit ihrem Bruder, ich bekam erst den zweiten. Die Abendgesellschaft genau nach ihren Würden aus den vier Schachteln geholt, jede in gesonderter Aufstellung. Saal der wirklichen Geheimen, der Kammerherren, des Kleinviehes vom Hofe und außerdem eine Vorhölle für unvermeidliches Bürgervolk, worin Banquiers und Künstler der höchsten Beachtung harren.«
»Dies steife Wesen macht uns vor aller Welt lächerlich,« rief der Erbprinz.
Die Prinzeß und Victor lachten über den plötzlichen Eifer. »Seit wann ist Benno roth?« frug Victor.
»Ich höre dies von ihm zum ersten Male,« sagte die Prinzeß.
»Ein Fürst soll nur Gentlemen in seine Gesellschaft laden, wer darin ist, steht dem Andern gleich,« belehrte der Erbprinz.
Wieder lachten die Andern. »Wir danken für den weisen Spruch, Professor Bonbon,« rief Siddy.
»In diesem Zimmer war’s, wo wir dich als Eule anzogen, Bonbon, und wo du seufzend unter Siddy’s Mantel saßest, als der Fürst uns überraschte.«
»Und wo du Strafe erhieltest,« versetzte Benno, »weil du mich armen Kerl so verunstaltet.«
»Mach’s ihm noch einmal,« bat Siddy.
»Wie du befiehlst.« Victor nahm ein buntes Seidentuch, formte zwei Zipfel durch Knoten zu Ohrbüscheln und verhüllte den Kopf des Erbprinzen, der sich das Manöver ruhig gefallen ließ. Sein ernsthaftes Gesicht mit den dunklen Augenbrauen blickte abenteuerlich aus der Hülle heraus. »Jetzt fehlt der Federrock,« rief Siddy, »den denken wir uns dazu. Ich bin die Wachtel und Victor macht den Hahn. Ich kenne noch die Melodie, die wir uns als Kinder erdacht haben.«
Sie flog zum Flügel und fuhr über die Tasten, der Erbprinz drehte den Theaterzettel, welchen er in der Tasche trug, zu einer spitzen Düte und stöhnte hinein: »Uhü, uhü, Frau Wachtel, ich fresse Sie.«
Die Wachtel sang: »Pikwerwit, alter Uhu, ’s macht sich nit.« Und der Hahn krähte: »Kikeriki, allerliebste Wachtel, ich liebe Sie.«
»Das ist nie wahr gewesen, Victor,« sagte die Prinzessin unter dem Spiele.
»Wer weiß,« entgegnete er, »Kikeriki.«
Das Concert war im besten Gange, Victor sprang auf den Teppich, schlug mit den Händen und krähte, der Erbprinz blies auf seinem Stuhle unermüdlich die Klagelaute des Uhu, Siddy bewegte ihr Köpfchen nach dem Tacte, sang ihr Pikwerwit und rief dazwischen: »Ihr seid lächerliche kleine Jungen.« Da klopfte es leise, schnell fuhren Alle auf, der Säbel flog an seinen Riemen, die Wachtel war im Nu in eine vornehme Dame verwandelt.
»Des Fürsten Hoheit läßt ersuchen, Höchstdenselben allein zu erwarten,« meldete der eintretende Kammerdiener.
»Ich wußte, daß er uns stören würde,« brummte Victor aufbrechend.
»Hinweg ihr Kinder,« rief Prinzeß Sidonie. »Noch einmal, mich freut’s, Vetter, daß du wieder da bist, wir Drei wollen zusammenhalten. Benno ist brav und mein einziger Trost. Vermeide, sooft der Fürst zugegen ist, dich mit mir zu beschäftigen, ich nehme dir nicht übel, wenn du dich gar nicht um mich kümmerst. Der Spion, welcher mir gesetzt wurde, ist jetzt mein Fräulein, die Lossau, jedes Wort, das du in ihrer Gegenwart sprichst, wird zugetragen. Die Herren kennst du, lustiger sind sie nicht geworden.«
»Da ist Benno’s Kammerherr heraufgekommen,« forschte Victor, »der Fürst sprach heut lange mit ihm.«
»Er ist gutmüthig, aber schwach,« bemerkte der Erbprinz, »und hängt ganz von seiner Stelle ab. Verlaß ist nicht auf ihn.«
»Sei diesmal hübsch artig, Victor,« fuhr die Prinzessin fort, »sei ein guter Chinese, trage deinen Zopf regelrecht, und benimm dich genau nach den Privilegien des Knopfes, den du auf deiner Mütze führst. Jetzt macht fort, dort hinaus, die Treppe meiner Kammerfrau hinab.«
Prinzeß Sidonie eilte dem Fürsten an die Thür des Empfangzimmers entgegen. Der Fürst durchschritt die Räume bis in ihre Arbeitsstube. Er warf einen Blick in das aufgeschlagene Buch. »Wer hat diese Zeichen gemacht?«
»Herr Werner hat mir die wichtigsten Stellen angestrichen,« versetzte die Prinzessin.
»Er ist mir lieb, daß du diese Gelegenheit benützest, dich durch einen ausgezeichneten Gelehrten fördern zu lassen. Er ist, wenn man von dem doctrinären Wesen absieht, welches an diesen Meistern der Bücher hängt, ein bedeutender Mensch. Ich habe den Wunsch, ihm für seine opfervolle Thätigkeit den Aufenthalt so angenehm zu machen als die Verhältnisse erlauben, und ich ersuche, daß du dabei das Deine thust.«
Die Prinzeß verneigte sich stumm, die Finger ihrer Hand schlossen sich krankhaft zusammen.
»Da es unmöglich ist, ihn und seine Frau dem Hofe näher zu stellen, so wünsche ich, daß du die Fremden einmal zu deinen kleinen Theeabenden einladest.«
»Mein gnädigster Vater wolle mir verzeihen, wenn ich nicht sehe, wie dies geschehen kann. Die Abendgesellschaft hat bis jetzt immer nur aus meinen Damen und den ersten Mitgliedern des Hofes bestanden.«
»So ändere das,« sagte der Fürst kalt, »es bleibt dir unbenommen, noch einen oder den andern von unsern Beamten mit ihren Frauen herbeizuziehen.«
»Verzeihung, mein Vater, da dies bis jetzt niemals geschah, würde Jedermann bemerken, daß die Aenderung nur durch die beiden Fremden veranlaßt ist. Es muß üble Nachrede verursachen, wenn ein zufälliger Besuch umzuwerfen vermag, was an diesem Hofe bis zu diesem Tage für erlaubt gehalten wurde.«
»Die Rücksicht auf unartiges Geschwätz soll dich nicht abhalten,« antwortete der Fürst gereizt.
»Mein gnädigster Vater möge huldvoll die Rücksichten würdigen, welche mich verhindern, etwas dergleichen zu thun. Es würde doch mir, der Frau, nicht ziemen, mich über Sitte und Brauch wegzusetzen, welche mein Fürst und Vater für sich selbst bindend erachtet. Du hast geruht, Herrn Werner bei kleiner Hoftafel den Zutritt zu gestatten, ihn würde auch ich, ohne ungewöhnlichen Anstoß zu erregen, an meinem Theetisch sehen dürfen. Die Frau dagegen ist von meinem gnädigsten Vater niemals mit dem Hofe in Verbindung gebracht. Es würde der Tochter schlecht anstehen, zu wagen, was der Vater selbst nicht gethan.«
»Dieser Grund ist ein schlechter Deckmantel für bösen Willen,« erwiederte der Fürst, »dich hindert nichts, den Hof ganz wegzulassen.«
»Ich kann keine Abendgesellschaft, und sei sie noch so klein, ohne meine Hofdamen laden,« entgegnete die Prinzessin hartnäckig, »ich darf von meinen Damen nicht fordern, an so rücksichtslos zusammengeladener Gesellschaft Theil zu nehmen.«
»Ich werde dafür sorgen, daß Fräulein von Lossau erscheint,« entschied der Fürst in bitterem Tone, »ich bestehe darauf, daß du im Uebrigen nach meinem Willen thust.«
»Verzeihung, mein gnädigster Vater,« versetzte die Prinzessin in großer Aufregung, »wenn ich in diesem Fall nicht gehorche.«
»Du wagst mir zu trotzen?« rief der Fürst in einem plötzlichen Ausbruch von Zorn und kam der Prinzessin näher, die Prinzessin erblich und trat wie zur Abwehr hinter einen Stuhl.
»Ich bin hier die einzige Dame unseres Hauses,« sagte sie entschlossen, »und ich habe in dieser hohen Stellung Rücksichten zu nehmen, von denen mich nicht der Herr dieses Hofes, nicht mein eigener Vater entbinden kann. Führen Ew. Hoheit eine neue Hofordnung ein, ich werde mich willig fügen, was aber Ew. Hoheit heut von mir verlangen, ist keine neue Ordnung, es ist Unordnung, demüthigend für mich und uns alle.«
»Freche, übermüthige Thörin,« rief der Fürst, seiner nicht mehr mächtig, »meinst du meinen Befehlen entwachsen zu sein, weil ich dich einmal aus meiner Hand ließ? Ich habe dich wieder hergezogen, um dich festzuhalten, du bist in meiner Gewalt, keine Sklavin ist es mehr. In diesen Mauern gilt kein Wille, als der meine, und wenn du dich nicht beugst, ich weiß verstockten Sinn zu brechen.« Er trat drohend auf sie zu. Die Prinzeß wich an die Wand ihres Zimmers zurück. »Ich weiß, daß ich eine Gefangene bin,« rief auch sie mit flammenden Blicken, »ich wußte, seit ich hierher zurückkehrte, daß ich in meinen Kerker trat, ich weiß, daß kein Schrei der Angst aus diesen Mauern dringt und daß eine Sklavin mehr Schutz findet unter den Menschen, als das Kind eines Fürsten gegen den eigenen Vater. Aber in diesem Zimmer habe ich eine Helferin, zu der ich oft flehend aufsehe, und wenn Ew. Hoheit mir jede Möglichkeit nehmen, bei Lebenden Hilfe zu suchen, ich rufe mir zum Schutz gegen Sie die Toten.« Sie riß die Schnur eines Vorhangs, das lebensgroße Bild einer Dame wurde sichtbar, in dem sanften Antlitz ein rührender Zug von Trauer. Die Prinzessin wies auf das Bild und sah nach dem Fürsten: »Wagen Ew. Hoheit die Tochter vor den Augen ihrer Mutter zu beschimpfen.«
Der Fürst fuhr zurück, ein rauher Ton drang aus seiner Brust, er wandte sich ab und winkte mit der Hand. »Verhülle das Bild,« sprach er tonlos. – »Rege dich und mich nicht unnöthig auf,« begann er mit verändertem Ton, »willst du meinen Wunsch nicht erfüllen, es sei, ich bestehe nicht darauf.« Er nahm seinen Hut vom Tisch und fuhr in sanfter Stimme fort: »Du bist bei der Bürgerschaft beliebt, das Wetter ist sommerwarm und verspricht Dauer. Ich werde an deinem Geburtstage den Beamten und der Stadt ein Tagesconcert im Park veranstalten; die Liste der Einladungen werde ich dir durch den Obersthofmeister zuschicken. Am Abend ist Galatafel und Festoper.« Der Fürst schritt durch die Thür ohne die Tochter anzusehen, die Prinzessin folgte ihm bis an das Vorzimmer, wo die Dienerschaft stand. Die Prinzessin machte bei der Thür eine tiefe Verbeugung, der Fürst winkte ihr freundlich mit der Hand. Dann flog die Prinzessin in ihr Zimmer zurück, warf sich vor dem Bild auf den Boden und rang die Hände.
Die Prinzen gingen durch den Park, die Spaziergänger grüßten und sahen ihnen nach. Ehrbar und altbärtig rückte der Erbprinz seinen großen Hut, Victor fuhr leicht an die Husarenmütze und nickte zuweilen einem hübschen Gesichte vertraulich zu. »Alles alte Bekannte,« begann er, »es freut Einen doch, daß man hier zu Hause ist.«
»Du bist immer ein Liebling der Leute gewesen,« sagte der Erbprinz.
»Ich habe sie ergötzt und geärgert,« versetzte Victor lachend. »Ich fühle wie Herkules den mütterlichen Boden unter mir und bin zu jeder Missethat aufgelegt. Benno, sieh nicht so gelangweilt aus, das leide ich nicht.«
»Wenn du nur alle Tage zu derselben Stunde mit mir spazieren gingest, würdest du auch so aussehen,« erwiederte Benno und blieb vor einem leeren Wasserbassin stehen, worin vier kleine Bären saßen und nach dem Publicum schauten, das ihnen Brot hinabwarf. Der Erbprinz nahm aus den Händen des Wärters, der mit abgezogener Mütze zu ihm trat, einige Brotstücke und warf sie gleichgültig den Bären zu. »Und wenn du auf höchsten Befehl dich alle Tage als populären Freund des Volkes zeigen und die dummen Bären füttern müßtest, so würdest du die Bären auch langweilig finden.«
»Bah,« rief Victor, »es steht ja nur bei dir, diese Mondkälber unterhaltend zu machen.« Er sprang mit einem Satz in den gemauerten Raum unter die Thiere, packte den ersten Bär wie einen Hammel, der zur Wollschur getragen wird, und warf ihn auf den zweiten, ebenso den dritten auf den vierten. Ein greuliches Gebrumm und Ohrfeigen der Bären begann, sie balgten heftig miteinander, das Publicum jauchzte vor Vergnügen. »Ihre Hand, Kamerad,« rief der Prinz einem Zuschauer, welcher mit lauten Aeußerungen des Beifalls dem Unfug zusah. »Helfen Sie heraus.« Der Angerufene, es war Freund Gabriel, hielt beide Hände herunter. »Hier, Excellenz, schnell, daß die Biester nicht in die Uniformhose beißen.« Er zog den Prinzen, der sich mit seinen Füßen an die Mauer stemmte, kräftig herauf, Victor sprang leichtfüßig auf den Mauerrand und gab seinem Beistand einen Schlag auf die Schulter. »Dank, Kamerad, wenn Sie einmal im Loch sitzen, halte ich Ihnen auch die Hand entgegen.« Das Volk schrie Bravo, es gab ein ehrerbietiges Gelächter, während unten das Fauchen, Kratzen und Beißen nicht aufhörte.
»Man muß Leben in die Verhältnisse bringen,« sagte Victor, »wenn mich dein Vater nicht wegjagt, soll es in acht Tagen an euerm Hofe zugehen wie hier in der Bärengrube.«
»Und ich hab’s unterdeß weggekriegt,« versetzte Benno bekümmert, »Einer sagte zum Andern, wenn Der doch auch so viel Courage hätte, und damit meinte er mich.«
»Sei ruhig, du bist der Weise; vor einsichtsvollen Leuten setze ich deine Tugend ins helle Licht. Zunächst erbitte ich dein Vertrauen. Welcher Dame vom Theater gönnst du deine Aufmerksamkeit, damit ich dir nicht in den Weg komme? Ich wünsche nicht, meine Aussichten bei dir zu verderben.«
»Man will an mir dergleichen durchaus nicht leiden,« versetzte Benno.
»Nicht leiden?« frug Victor erstaunt. »Was ist das wieder für eine Tyrannei? Ist hier guter Ton geworden, tugendhaft zu sein? Dann gönne mir wenigstens eine Mittheilung, welche andere Dame aus politischen Gründen von mir nur aus der Ferne bewundert werden darf.«
»Ich glaube, daß du freie Wahl hast,« entgegnete Prinz Benno gedrückt.
»Heil mir, daß ich nicht Erbprinz bin. Was aber hat den Fürsten veranlaßt, mich so gnädig hierher einzuladen?«
»Wir wissen es nicht, auch Siddy war überrascht.«
»Und ich Narr glaubte, sie hätte die Hand im Spiele gehabt.«
»Hätte sie etwas dafür versucht, so wäre dir sicher keine Einladung geworden.«
»Daß er mich nicht gern sieht, ist klar, es war ein kühler Empfang.«
»Vielleicht will er dich verheiraten.«
»Mit wem?« frug Victor schnell.
»Er hat dich doch veranlaßt, bei den Verwandten herumzureisen,« erwiederte der Prinz vorsichtig.
»Er? durchaus nicht. Ich wurde aus einer Hand in die andere spedirt und überall wie ein netter Junge behandelt. Das Ganze war offenbar eine Verabredung.«
»Vielleicht steckt eine unserer großen Ehestifterinnen dahinter,« sagte der Erbprinz.
»Bei mir nicht, verlaß dich darauf. Ich bin bei sämmtlichen geheimen Müttern unseres Vaterlandes, welche die allerhöchsten Familiengefühle unter Aussicht genommen haben, sehr schlecht angeschrieben, die rühren meinetwegen keinen Finger.«
»Wenn’s also der Vater nicht war und Niemand anders, so hat’s der Obersthofmeister gethan.«
»Sei gesegnet für diesen Verdacht,« rief Victor. »Wenn er mich hierher haben wollte, dann steht Alles gut.«
»Hast du ihn gesprochen?«
»Ich war bei ihm, er ließ sich sogleich vom Feldzug erzählen und sprach in seiner Art freundlich, nicht mehr als sonst.«
»Dann war er es, verlaß dich darauf.«
»Aber warum?« frug Victor, »was soll ich hier?«
»Das mußt du mich nicht fragen, um mich kümmert er sich wenig.«
»Warum lenkst du bei jedem Seitenweg vom Pavillon ab,« frug Victor, »habt ihr dort Fußangeln aufgestellt? Wetter, welch prachtvolles Gesicht! Sieh, du Duckmäuser. Also ihr seid tugendhaft geworden?«
Der Erbprinz erröthete vor Zorn. »Die Dame dort oben hat Anspruch auf die rücksichtsvollste Behandlung,« sagte er finster.
»Das ist also die schöne Fremde,« rief Victor. »Sie liest. Wenn sie nur einen Blick herunterwerfen wollte, damit man mehr als das Profil sähe. Wir gehn hinauf, du führst mich ein.«
»In keinem Fall,« versetzte der Erbprinz, »wenigstens jetzt nicht.«
Victor sah ihn verwundert an. »Du weigerst dich, mich dieser Dame vorzustellen? Ich brauche dich nicht.« Er machte sich von ihm los.
»Du bist toll,« rief der Erbprinz, ihn zurückhaltend.
»Ich war nie mehr bei Sinnen,« entgegnete Victor. Er eilte einem Baum zu, der seine niedrigen Aeste in der Nähe des Fensters emporstreckte, und kletterte mit der Behendigkeit einer Katze in die Höhe. Ilse sah auf, erkannte den Erbprinzen und einen aufsteigenden Offizier und trat vom Fenster zurück. Victor brach eine Gerte ab und berührte die Scheiben. Man hörte im Hause schellen, das Fenster wurde geöffnet, Gabriel sah heraus. »Immer in der Luft, Excellenz?« rief er, »was befehlen Dieselben?«
