Kitabı oku: «Die verlorene Handschrift», sayfa 39
»Mach’s gut, Linda,« sagte die Prinzeß, »sage ihr etwas Freundliches von mir.«
»Darf ich ihr erzählen, daß Hoheit von ihrem guten Kirschsafte gehört haben und gern einige Flaschen davon erhalten würden? Das macht sie überglücklich.«
Die Prinzessin nickte. »Die Tochter des Stadtrath Gottlieb wird eine Schönheit,« lobte die Baronin Hallstein.
»Prinz Victor hat alle Andern über ihr vergessen,« rief die Lossau gekränkt.
»Wünschen Sie sich Glück, liebe Betty,« versetzte die Prinzessin scharf, »wenn Sie von meinem Vetter vergessen werden. Die Aufmerksamkeiten des Prinzen sind in der Regel beunruhigend für die Damen, denen er sie zu Theil werden läßt.«
»Aber dankbar sind wir alle,« rief die Hallstein, eine Dame von Muth und Charakter, »daß Ew. Hoheit gegenüber der Frau vom Pavillon den Hof vertreten haben. Die kühle Abfertigung hat allgemein gefreut.«
»Meinst du, Wally?« sagte die Prinzeß nachdenkend. »Die Frau ist stolz und hat mir getrotzt. Aber ich hatte sie zuerst verletzt und an einem Tage, wo ich im Vortheil war.«
4.
Neckereien
Das Jahr ließ sich nach jeder Richtung leichtfertig an. Die Schnepfen waren häuslich eingerichtet, bevor die Jäger ihre Wasserstiefeln angelegt hatten, und die Märzbecher hatten wirklich im März geblüht. Der Mond lachte zwischen dem ersten und letzten Viertel jeden Abend mit schiefgezogenem Mund, an den Höfen begannen Prinzessinnen mit Professoren nach verlorenen Handschriften zu suchen und in den Städten zeigten die Bürger eine ungewöhnliche Neigung zu Maitrank und zu gewagten Unternehmungen. Auch ruhige Köpfe erfaßte der Taumel, Stroh und Papier wurden mächtig. Alle Welt trug nicht nur Hüte, auch Mützen von Stroh, alle Welt betheiligte sich an Papiergeschäften und neuen Aktien. Das Haus Hahn kam obenauf. Die Bestellungen der kleinen Kaufleute liefen so massenhaft ein, daß sie gar nicht mehr ausgeführt werden konnten, in allen Winkeln des Hauses saßen Mädchen und nähten Strohbänder zusammen, der Schwefelgeruch wurde auf der Straße und in den Nachbargärten unerträglich. Herr Hummel saß des Abends auf seinem umgestürzten Kahn, wie Napoleon auf Helena als ein überwundener Standpunkt und aufgegebener Mann. Mit zorniger Verachtung schaute er auf den Taumel der Menschheit. Wiederholt forderten ihn seine Bekannten auf, die große Bewegung auf sich wirken zu lassen, Mitglied zu werden von irgendeiner Gesellschaft, eine Bank zu gründen, Kohlen zu graben, Eisen zu schmelzen. Er wies alle diese Zumuthungen kurz von sich ab. Wenn er in seine thatlosen Werkstätten ging, welche sich fast nur durch den Kampf gegen Motten erhielten, und sein Buchhalter eine Vermuthung über die nächsten Pariser Hutformen wagte, so lachte er wild und entgegnete: »Ich verbitte mir jede Muthmaßung über die Deckel, welche die Leute brauchen werden, wenn dieser Schwindel aufhört. Wollen Sie aber durchaus die nächste Mode wissen, so will ich sie Ihnen andeuten. Pechkappen werden die Leute tragen. Ich wundere mich, daß Sie noch an Ihrem Pulte sitzen. Warum machen Sie es nicht wie andere Ihrer Collegen, welche jetzt überall in den Weinhäusern liegen?«
»Herr Hummel, das erlauben mir meine Mittel nicht,« versetzte der gedrückte Mann.
»Ihre Mittel?« rief Hummel, »wer fragt jetzt darnach? Schwefelhölzer sind so gut wie baar Geld, die Eckensteher machen Wechselgeschäfte und schenken einander ihre Brustbilder. Warum leben Sie nicht wie der Buchhalter Knips von drüben? Als ich meiner Frau beim Italiener eine Apfelsine kaufte, sah ich ihn in der Hinterstube sitzen mit einer Flasche Champagner in Eis. Warum setzen Sie sich nicht auch ins Eis in dieser hitzigen Zeit? Es ist Alles ein greulicher Schwindel geworden, ein Sodom und Gomorrha, das Strohfeuer brennt, aber es wird ein Ende mit Schrecken nehmen.«
Herr Hummel schloß sein Comtoir und schritt im Zwielicht nach dem Stadtpark, wo er wie ein Geist an der Grenze seines Grundstücks auf und ab wandelte. Aus seinen Betrachtungen wurde er durch ein wildes Gekläff des rothen Hundes geweckt, welcher an eine umschattete Bank des Parks stürzte und wüthend in die Stiefeln und Beinkleider eines Mannes biß. Hummel trat näher, ein Männlein und ein Fräulein flogen auseinander. Hummel war Weltmann genug, sich nichts merken zu lassen, aber er zog sich eilig in seinen Garten zurück und setzte dort seine Wanderung im Sturmschritt fort. »Ich hab’s gewußt, ich hab’s gesagt, ich habe gewarnt. Der arme Teufel.« Dabei trat er zornig auf den eignen Buchsbaum und vergaß die Stunde des Abendessens, so daß seine Frau zweimal in den Garten rufen mußte. Auch als er bei Tische saß, finster und mit einem Wetter geladen, äußerte er eine so tiefe Menschenverachtung, daß die Frauen bald verstummten. Laura machte noch einen Versuch, das Gespräch auf die Frau Bürgermeisterin zu bringen, welcher Hummel große Verehrung bewies, sooft sie vorbeiging, aber er brach in die entsetzlichen Worte aus: »Sie ist auch nichts Besseres als ein Weib.«
»Jetzt ist’s genug, Hummel,« rief seine Frau, »dieses Benehmen ist sehr unerfreulich, und ich muß dich ersuchen, deine üble Laune nicht so weit zu treiben, daß sie dich des Urtheils über weiblichen Werth beraubt. Ich kann Vieles verzeihen, aber niemals einen Frevel am Adel menschlicher Natur.«
»Bleib mir vom Leibe mit deinem menschlichen Adel,« versetzte Hummel, stand vom Tisch auf, rückte heftig den Stuhl an seinen Platz und stürmte in die Nebenstube, wo er im Halbdunkel wieder zornig auf und ab schritt; denn Gabriel lag ihm sehr im Sinn. Allerdings war die gesellschaftliche Stellung dieses Mannes keine hervorragende, er war nicht Verwandter, nicht Hausbesitzer, nicht einmal Bürger. Deshalb erwog Herr Hummel, daß eine Einmischung in die geheimen Gefühle desselben ihm selbst schwerlich anstehe. Aber zu dieser Erkenntniß drang er nicht ohne Kämpfe durch. Und er vermochte die Stimme, welche in einem Winkel seines Herzens zu Gunsten Gabriels brummte, durchaus nicht zum Schweigen zu bringen.
Unterdeß saßen die Frauen an dem verstörten Tisch. Laura sah finster vor sich nieder, ihr waren solche Auftritte nicht neu und sie wurden ihr immer schmerzlicher. Die Mutter aber war über den unverhohlenen Zorn gegen die Frauenwelt sehr bestürzt und versank unter den Wogen sturmbewegter Gedanken. Sie kam endlich zu der Ueberzeugung, daß Hummel eifersüchtig sei. Das war sehr lächerlich, und es gab durchaus keine erträgliche Veranlassung zu solcher Leidenschaft. Aber die Einfälle der Männer waren von je unberechenbar. Der Mime war den Tag vorher auf ihren Wunsch erschienen, er war sehr unterhaltend gewesen, Braten und Wein hatten ihm vortrefflich geschmeckt und er hatte ihr beim Abschiede mit kühnem dramatischen Blick die Hand geküßt. War es möglich, daß dieser Blick das Unheil angerichtet hatte? Jetzt ging auch Frau Hummel auf und ab, sah im Vorbeigehen nach dem Spiegel und beschloß als tapfere Hausfrau ihrem Mann noch heut Abend seine Thorheit vorzuhalten. »Geh hinauf, Laura,« sagte sie leise zu ihrer Tochter, »ich habe mit deinem Vater allein zu sprechen.«
Laura nahm schweigend den Leuchter und trug ihn auf ihren Geheimtisch, sie stellte sich an das Fenster und sah nach dem Nachbarhause hinüber, wo die Lampe des Doctors durch die Vorhänge schimmerte. Sie rang die Hände und rief: »Fort, fort von hier, das ist die einzige Rettung für mich und ihn.«
Unterdeß hatte Frau Hummel das Nachtmahl abräumen lassen, sie sammelte noch einmal Muth zu der bevorstehenden schweren Stunde und trat endlich an die Thür des Nebenzimmers, in welchem Herr Hummel noch immer umhertobte. »Heinrich,« begann sie feierlich, »bist du jetzt im Stande, den Fall, welcher dir alle Haltung geraubt hat, ruhig zu betrachten?«
»Nein,« rief Hummel und warf einen Stiefel an die Thür.
»Ich kenne die Veranlassung deines Zorns,« fuhr Frau Hummel fort und blickte verschämt vor sich nieder. »Darüber bedarf es keiner Erklärung. Es ist möglich, daß er sich zuweilen mit Blicken und kleinen Bemerkungen mehr herauswagt als nöthig wäre, aber er ist doch ein talentvoller und liebenswürdiger Mann und man muß seinem Beruf etwas zu Gute halten.«
»Er ist ein elender Laffe,« rief Herr Hummel und schleuderte den zweiten Stiefel von sich.
»Das ist nicht wahr,« rief Frau Hummel eifrig. »Aber wenn es wäre, Heinrich, selbst wenn du ihm jede Unwürdigkeit zutrauen könntest, vergiß nicht, daß in dem Herzen des Weibes Stolz und Pflichtgefühl wohnen, und daß dein Verdacht eine Beleidigung gegen diese schützenden Genien wird.«
»Sie ist eine gefallsüchtige, einfältige Gans,« rief Hummel und riß seine Schlafschuhe unter dem Bett hervor.
Frau Hummel fuhr entsetzt zurück. »Diese Behandlung hat dein Weib nicht verdient. Du trittst mit Füßen, was dir heilig sein sollte. Komm zu dir, ich beschwöre dich, deine Eifersucht bringt dich dem Wahnsinn nahe.«
»Ich eifersüchtig auf solche Person?« rief Hummel verächtlich und klopfte heftig die Asche seiner Pfeife aus. »Dann müßte ich in der That verrückt sein. Laß mich mit all dem Unsinn in Ruhe.«
Frau Hummel ergriff ihr Taschentuch und begann zu schluchzen. »Er war mir manchmal eine Erheiterung, er erzählte Geschichten, wie ich sie in meinem Leben nie wieder hören werde, aber wenn er dich so aufregt, daß alle Vernunft deiner Seele schwindet und du deine Frau durch die unwürdigsten Vögelnamen beschimpfst – ich habe manches Opfer gebracht in unserer Ehe, auch er soll noch am Altar des häuslichen Friedens fallen. Nimm ihn hin, er soll nie wieder eingeladen werden.«
»Wer ist Er?« frug Hummel.
»Wer sonst als unser Komiker?«
»Wer ist sie?«
Frau Hummel sah ihn mit einem Blick an, der unzweifelhaft machte, daß sie selbst die Dame war.
»Ist es möglich?« rief Hummel erstaunt. »So schwimmen wir Aepfel? Warum willst du deinen Theaterhanswurst am häuslichen Altar schlachten? Setze ihm lieber etwas Geschlachtetes vor, das wird für alle Theile bequemer sein. Sei ruhig, Philippine. Du bist manchmal undeutlich in deinen Reden und du machst zu viel Geklatsch, du hast deine Theatergespinste im Kopfe und du hast deine Launen und verwirrten Einfälle, aber im Uebrigen bist du meine brave Frau, auf die ich nichts kommen lasse, weder vor Andern noch in meinen Gedanken. Und jetzt fahre mir nicht mehr vor dem Lichte herum, denn ich habe mich entschlossen, und ich will ihm einen Brief schreiben.«
Während Frau Hummel sich betäubt auf das Sopha setzte und überlegte, ob sie durch das Lob ihres Gatten gekränkt oder beruhigt sein dürfe und ob sie sich selbst närrisch getäuscht, oder ob Heinrichs Wahnsinn nur die neue furchtbare Form der Bonhommie angenommen habe, schrieb Herr Hummel wie folgt:
»Mein guter Gabriel, gestern, den 17. hujus, Abends 73/4 Uhr, sah ich auf der Bank Numero 4 der Waldwiese die Dorothee von drüben und Knips junior zusammensitzen. Da Speihahn attakirte, flohen sie auseinander. Dies zur Warnung und weitern Beschlußfassung. Ich bin bereit, nach Ihrer Ordre zu verfahren. Stroh, Gabriel! Ihr affectionirter H. Hummel.«
Zu gleicher Zeit mit diesem Schreiben flog ein Brief Laura’s an Ilse in den Pavillon. Recht kummervoll schrieb die treue Seele. Die kleinen Händel des Hauses und der Nachbarschaft kränkten sie mehr als nöthig war, von dem Doctor sah sie wenig, und was ihr den bittersten Schmerz machte, sie hatte das letzte Lied ausgegeben, sie wußte dem Doctor nichts mehr zu senden und wollte den Briefwechsel ohne Beilage fortsetzen. Verwundert las Ilse einen Satz, dessen Sinn ihr nicht recht verständlich war. »Ich habe mir bei Fräulein Jeannette Erlaubniß ausgewirkt, einzelne Lehrstunden in ihrer Anstalt zu geben, ich will nicht länger ein unnützer Brotesser sein. Seit ich Dich aus meiner Nähe verloren, ist es um mich kalt und öde, mein einziger Trost bleibt, daß ich wenigstens vorbereitet bin, auch in die Fremde zu fliegen und dort die Körnchen einzusammeln, welche ich zur Fristung meines Lebens brauche.«
»Wo ist mein Mann?« frug Ilse ihr Mädchen.
»Der Herr Professor ist zu Ihrer Hoheit der Frau Prinzessin gegangen.«
»Rufen Sie Gabriel.«
»Er hat eine traurige Nachricht erhalten, er sitzt auf seiner Stube.«
Gleich darauf trat der Diener mit verstörtem Wesen ein. »Was ist geschehen, Gabriel?« frug Ilse erschrocken.
»Es ist nur in meinen eigenen Sachen,« versetzte Gabriel mit bebender Stimme, »es ist keine gute Nachricht, welche mir dies Papier zugetragen hat.« Er griff in den Rock und holte Hummels zerknitterten Brief hervor, wandte sich ab und legte den Kopf auf das Holz des Fenster.
»Armer Gabriel!« rief Ilse. »Aber noch ist eine Erklärung möglich, welche das Mädchen rechtfertigt.«
»Ich danke Ihnen für den guten Glauben, Frau Professorin,« sagte Gabriel feierlich, »aber dieser Brief meldet mein Unglück. Der ihn geschrieben hat, ist zuverlässig wie Gold. Ich wußte Alles, bevor ich ihn erhielt. Sie hat mir auf mein letztes Schreiben nicht geantwortet, sie hat mir die Brieftasche nicht geschickt, und gestern gegen Abend, als ich draußen umherging und gerade an sie dachte, flog neben mir eine Lerche in die Höhe und sang mir ein Lied, das mir Gewißheit gab.«
»Das ist Thorheit, Gabriel, Sie dürfen nicht dadurch Ihr Urtheil bestimmen lassen, weil Ihnen zufällig bei einem Vogel trübe Gedanken kommen.«
»Es war deutlich, Frau Professorin,« erwiederte Gabriel traurig. »Gerade als die Lerche aufflog und ich an die Dorothee dachte, fielen mir Worte ein, die ich als Kind gehört hatte und seit der Zeit nicht wieder. Es ist kein Aberglaube dabei und ich kann Ihnen den Spruch erzählen: Lerche, liebe Lerche, hoch über dem Rauch, was hast du mir Neues zu sagen? Dieser Gedanke kam mir, und darauf vernahm ich so deutlich, als wenn mir Jemand die Antwort ins Ohr spräche: Zwei Verliebte seh’ ich am Haselstrauch, den dritten hör’ ich klagen, zwei treten über den Stein in das geweihte Haus, der dritte sitzt allein und wischt sich die Augen aus.« Gabriel fuhr nach seinem Taschentuch. »Das war eine sichere Vorbedeutung, die Dorothee verleugnet mich.«
»Gabriel, ich fürchte, sie war immer ein Flattergeist,« rief Ilse.
»Sie hat selbst ein Herz wie ein Vogel,« entschuldigte Gabriel, »sie ist keine ernste Person und hat die Art, Alle freundlich anzulachen. Das wußte ich. Aber daß sie fröhlich und sorglos war und angenehm scherzte, hat sie mir lieb gemacht. Es war ein Unglück für mich und sie, daß ich von ihr weggehen mußte, gerade da sie ihr Gemüth auf mich richtete und die Andern abhielt, welche hübsch gegen sie thaten. Denn ich weiß, der Buchhalter hatte schon lange ein Auge auf sie, er hatte ihr Aussicht gemacht, sie zu heiraten, und das war eine bessere Versorgung, als ich ihr geben konnte.«
»Hier muß etwas geschehen,« rief Ilse. »Wollen Sie nach der Stadt zurück und selbst zum Rechten sehen? Mein Mann wird Ihnen sogleich die Erlaubniß geben. Vielleicht ist es doch nicht so schlimm.«
»Für mich ist es so schlimm, als es sein kann, Frau Professorin. Wollen Sie die Güte haben und für die Dorothee sorgen, daß sie nicht unglücklich wird, so danke ich Ihnen von Herzen. Ich will sie nie wieder sehen. Ja, Frau Professorin, hat man Jemanden lieb, soll man ihn nicht alleinlassen, wenn er in Versuchung ist.«
Ilse versuchte zu trösten, aber sie fühlte die Worte Gabriels tief in ihrem Herzen. »Der Dritte sitzt allein,« klagte es in ihr fort.
Sie stand wieder allein im Saal und sah scheu auf die fremden Wände. Aller Schmerz, der je in diesem Raume eine Menschenseele bewegt hatte, Eifersucht und verletzter Stolz, fieberhafte Erwartung und hoffnungsloses Sehnen, Trauer um zerstörtes Glück und Grauen vor der Zukunft, Schrei der Angst und Stöhnen eines gequälten Gewissens, herbe Mißtöne aus ferner Vergangenheit, längst verhallt, zerflossen, verweht, sie sandten heut einen undeutlichen zitternden Nachklang in das arglose Herz des Weibes. »Es ist unheimlich hier, und wenn ich in Worte fassen will, was mich ängstigt, so versagen sie. Ich bin keine Gefangene, und doch umgibt mich die Luft eines Kerkers. Der Kammerherr ließ sich seit Tagen nicht sehen, und der Prinz, der sonst zu mir sprach wie zu einer Freundin, kommt selten, nur auf Minuten, und dann ist es schlimmer, als ob er nicht da wäre. Er ist gedrückt wie ich und sieht mich an, als fühlte er dieselbe namenlose Angst. Und sein Vater? Wenn er vor mich tritt, ist er ein freundlicher Herr, dem man gut sein könnte, und sobald er mir den Rücken wendet, verzerren sich vor meiner Seele die Züge seines Antlitzes. Es thut nicht wohl, den Großen der Erde nahe zu sein, sie neigen sich Einem zu, öffnen ihre Seele wie gute Freunde, und kaum fühlt man die Erhebung, daß das Höchste Einem so großes Anrecht gewährt, dann ziehen sich die neckenden Geister plötzlich wieder in ihr unsichtbares Reich zurück, und man kümmert sich, denkt an sie und regt sich auf. Solch Leben nimmt den Frieden.«
»Felix sagt, man soll nicht sorgen um diese Sorglosen. Wie kann man Antheil und Sorge meiden, wenn ihrer Seele Wohlfahrt ein Segen für Alle ist?«
»Ist es nur darum, Ilse,« frug sie, »daß die Gedanken ruhelos fliegen? Oder ist es Stolz, bald verletzt und bald wieder geschmeichelt, ist es Angst um Geliebtes, das sie mir in der Stille entreißen wollen?«
»Weshalb bangt mir um dich, mein Felix? Warum zage ich, weil er hier ein Weib gefunden hat, das seinem Geiste ebenbürtig ist? Bin ich es nicht auch? An seinem Licht bin ich heraufgewachsen, ich bin nicht mehr die unwissende Landfrau, die er sich einst von den Herden geholt hat. Fehlt mir auch der lockende Reiz der vornehmen Dame, was kann sie ihm mehr geben als ich? Er ist kein Knabe und er weiß, daß ich jede Stunde nur für ihn lebe. Ich verachte euch, ihr kläglichen Bilder, wie habt ihr Zugang zu meiner Seele gefunden? Ich bin keine Gefangene dieser Wände, und wenn ich hier weile, wo ihr Macht habt über die Menschen, ich bleibe um seinetwillen. Man soll nicht verlassen, den man liebt, das Wort ist auch für mich gesprochen. Aber meines Vaters Kind steht nicht kläglich in der Kammer und wischt sich die Augen, wenn der Geliebte auch einmal mit einer Prinzessin unter dem Haselstrauch sitzt.«
Gabriel schlich in einem abgelegenen Theil der Anlagen dahin, da fühlte er einen Schlag auf der Schulter, Prinz Victor stand hinter ihm. »Freund Gabriel?« »Zu Befehl, Hoheit.« »Wo gedient?« »Blaue Husaren.« »Gut,« nickte der Prinz, »wir sind von derselben Waffe. Ich höre, Sie sind ein zuverlässiger Bursch. Wo fehlt’s Ihnen?« Er zog seine Börse heraus. »Wir theilen, nehmen Sie, was Sie brauchen.«
Gabriel schüttelte den Kopf.
»Dann sind die Weiber schuld,« rief der Prinz, »das ist schlimmer. Ist sie stolz?« Gabriel verneinte. »Ist sie ungetreu?« Der arme Bursch wandte sich ab. »Bei den Eltern bin ich leider ein schlechter Fürsprecher,« sagte der Prinz theilnehmend, »das Geschlecht der Väter gönnt mir wenig Zutrauen. Wenn’s aber gilt, einem Mädchen ins Gewissen zu reden, dann rufen Sie mich.«
»Ich danke für den guten Willen, Hoheit, mir ist nicht zu helfen. Das muß hinuntergearbeitet werden.« Er wandte sich wieder ab.
»Pfui, Kamerad, haben Sie den Soldatenspruch vergessen: Alle gern haben, Eine lieben, sich um Keine grämen? Wird ja einmal das Herz schwer, so muß man nicht allein umherlaufen, wie Sie thun. In Ermangelung eines andern Gefährten nehmen Sie vorläufig mit mir vorlieb.«
»Das ist zu viel Ehre,« sagte der arme Gabriel, nach der Mütze greifend.
Der Prinz hatte ihn während dieser Reden von dem offenen Wege abgeführt in ein dichtes Gebüsch, er setzte sich jetzt auf die Wurzel eines alten Baumes und wies mit einer Handbewegung Gabriel an den nächsten Stamm.
»Hier liegen wir im Versteck, Sie sehen dort hinaus, ich hier auf den Weg, daß uns Niemand überrascht. Wie sind Sie mit Ihrem Quartier zufrieden? Haben Sie gute Bekannte gefunden?«
»Ich meine, es ist klug, hier Niemandem zu trauen,« antwortete Gabriel vorsichtig.
»Nun,« versetzte der Prinz, »ich bin nicht von hier, ich habe nichts dagegen, wenn Sie mit mir eine Ausnahme machen. Nehmen Sie an, wir säßen im Felde, an demselben Feuer und tränken aus einer Feldflasche. Sie haben Recht, es ist hier nicht Alles so sicher, wie es aussieht. Das nächtliche Spuken im Schlosse gefällt mir auch nicht. Sie haben davon gehört?« Gabriel bestätigte lebhaft. »In solchem alten Schloß,« fuhr der Prinz behaglich fort, »sind manche Thüren, die Wenige kennen, vielleicht auch Gänge in der Wand. Ob’s Geister sind oder etwas Anderes, wer weiß es. Das schleicht daher und kommt auf einmal hervor, wo man nicht dran denkt, und wenn man gerade sein Nachthemd angezogen hat, öffnet sich eine geheime Thür oder eine Diele des Fußbodens steigt in die Höhe und eine verdammte Erscheinung schwebt herauf, räumt ab, was auf den Tischen ist, und ehe man sich besinnt, ist’s wieder verschwunden.«
»Wer’s leidet, Hoheit,« erwiederte Gabriel tapfer.
»Ja, wer sich zur Wehr setzen könnte,« lachte der Prinz, »es streckt die Hand aus, und man ist unbeweglich, es hält dem Schlafenden einen Schwamm vor die Nase, und er erwacht nicht.«
Gabriel horchte hoch auf.
»Die Leute erzählen, auch in Ihrem Pavillon soll’s nicht geheuer sein,« fuhr der Prinz fort. »Es wäre doch gut, wenn ein sicherer Mann einmal in der Stille Alles durchsuchte. Findet man einen Zugang, der nicht in Ordnung ist, so sperrt man ihn mit einer Schraube oder mit einem Riegel zu. Es ist freilich unsicher, ob man etwas findet. Denn dergleichen Teufelswerk ist schlau angebracht.«
Er winkte bedeutsam zu Gabriel, der gespannt auf ihn starrte.
»Das ist nur ein Gedanke von mir,« sagte der Prinz, »wenn aber ein Soldat in fremdem Quartier liegt, so sieht er sich nach einer Sicherheit um für die Zeit, wo seine Leute schlafen.«
»Ich verstehe Alles,« versetzte Gabriel leise.
»Man muß Andern nicht unnöthige Angst machen,« fuhr der Prinz fort. »Aber in der Stille thut man seine Pflicht als braver Junge. Ich sehe, das sind Sie.« Der Prinz erhob sich von seiner Baumwurzel. »Können Sie mich einmal brauchen oder hätten Sie mir etwas zu sagen, was Niemand sonst zu wissen braucht, ich habe einen Burschen, den mit dem großen Schnauzbart, einen guten stillen Menschen, machen Sie seine Bekanntschaft. Im Uebrigen pflegen Sie sich hier. Da lungert ja bei Ihnen noch ein Lakai herum, ist ein Gang zu thun, so kann der ihn abmachen. Es ist gut für eine Herrschaft, wenn in fremdem Hause immer ein zuverlässiger Mann zur Hand ist. Guten Tag, Kamerad. Hoffe, ich habe Sie auf andere Gedanken gebracht.«
Er entfernte sich, Gabriel blieb in tiefem Nachdenken zurück. Die Neckerei des Prinzen hatte den treuen Mann aus seinem Schmerz aufgerüttelt, er wirtschaftete jetzt den ganzen Tag geschäftig im Hause, nur des Abends, wenn seine Herrschaft im Theater war, sah man ihn zuweilen neben dem Diener des Prinzen in geräuschloser Unterhaltung auf einer Gartenbank.
An die Wände des Pavillons heftete der Geist trüber Ahnung seine grauen Schleier, im Fürstenschloß aber wirthschaftete unterdeß ein unsichtbarer Kobold anderer Art, Große und Kleine verstörend.
Der Stall war in Bestürzung. Das liebste Reitpferd des Fürsten war ein weißer Ivenacker. Als der Reitknecht am Morgen zu dem Pferde trat, fand er ihm auf der Brust ein großes schwarzes Herz gemalt. Die schändende Farbe ließ sich nicht abwaschen, wahrscheinlich hatte der Bösewicht eine Tinctur, welche für das Haupthaar der Menschen ersonnen war, zu diesem Frevel angewendet. Die Sachverständigen erklärten, nur die Zeit könne den Schaden heilen. Es war unvermeidlich, dem Fürsten Anzeige zu machen, der Herr gerieth in heftigen Zorn, strengste Untersuchung wurde angestellt. Die Nachtwache des Stalles hatte Niemand gesehen, kein fremder Fuß hatte den Raum betreten, nur der Reitknecht des Prinzen, ein schnauzbärtiger Kunde aus fremdem Volk, hatte zugleich mit der übrigen Stallbedienung ein Pferd seines Prinzen besorgt, welches dieser vor Kurzem von einem Verwandten zum Geschenk erhalten. Der Mann wurde verhört, er sprach wenig Deutsch, war nach der Aussage des übrigen Personals harmlos und einfältig, es war durchaus nichts auf ihn zu bringen. Zuletzt wurde der Stallknecht, welcher die Wache gehabt, aus dem Dienst gejagt. Er verschwand aus der Hauptstadt und wäre sehr ins Elend gekommen, wenn nicht Prinz Victor den armen Teufel in seiner Garnison untergebracht hätte.
Das Ballet gerieth in Aufruhr. In dem neuen Ballo tragico »der Nix« hatte die Prima Ballerina Giuseppa Scarletti eine glänzende Rolle, in der sie grünseidene Höschen mit reichem Silberbesatz tragen sollte. Als sie vor der ersten Aufführung dies Gewandstück, welches für die Rolle bedeutsam war, anlegen wollte, war die Helferin so ungeschickt, ihr dasselbe verkehrt, die Rückseite nach vorn, zu reichen. Die Dame sprach kräftig ihre Ungeduld aus, die Garderobiere drehte das Stück um, wieder war die Rückseite vorn. Das Kunstwerk wurde näherer Betrachtung unterworfen, man fand mit Entsetzen, daß es wie eine geschlossene Muschel aus zwei Hohlseiten zusammengesetzt war. Die Scarletti gerieth in Wuth, dann in Thränen und nervöse Zufälle, der Regisseur, der Intendant wurden gerufen, die Künstlerin erklärte, nach dieser Schmach und Aufregung nicht tanzen zu können. Erst als Prinz Victor, den sie hochschätzte, selbst in das Ankleidezimmer kam, ihr seine tiefe Entrüstung auszusprechen, und erst als der Fürst ihr sagen ließ, daß die Kränkung auf’s Strengste bestraft werden solle, gewann sie den Muth zurück, welchen die schwierige Rolle nöthig machte. Unterdeß hatte auch die elfenhafte Schnelligkeit des Theaterschneiders den Schaden ihres Kleides gebessert. Sie tanzte entzückend, aber mit einem schmerzlichen Ausdruck, der ihr sehr gut stand. Schon war der Intendant froh, daß das Unglück so vorübergegangen war, schon wurde in der letzten Decoration die ganze Tiefe der Bühne erschlossen, da zeigten sich plötzlich in der Nixengrotte unter bengalischem Feuer die ausgetauschten Beinkleider, sie hingen friedlich an zwei Zacken eines silbernen Felsens, als wären sie von einem Wassergeist zum Trocknen aufgehängt. Darauf unruhige Bewegung, lautes Gelächter im Publicum, der Vorhang mußte fallen, bevor das bengalische Feuer niedergebrannt war. Alles schnob Rache, aber der Missethäter war wieder nicht zu ermitteln.
Der Dienerschaft sträubte sich das Haar. Man wußte, daß in schweren Zeiten des fürstlichen Hauses eine schwarze Dame durch Gänge und Säle schritt und daß diese Erscheinung der hohen Familie ein Unglück bedeute. Der Glaube war allgemein, selbst der Hofmarschall theilte ihn, seinem eigenen Großvater war die schwarze Frau erschienen, als dieser einst in einsamer Nacht auf die Rückkehr seines gnädigsten Herrn wartete. An einem Abend hatte sich der Hof entfernt, und der Hofmarschall schritt, den Lakaien mit der Leuchte vor sich, durch die leeren Säle, dem Flügel zu, in welchem der Prinz Victor als Gast wohnte, um nach Verabredung bei diesem eine stille Cigarre zu rauchen. Plötzlich fuhr der Lakai zurück und wies zitternd in eine Ecke. Dort stand die schwarze Gestalt, das Haupt mit dem Schleier verhüllt, sie erhob drohend die Hand und verschwand durch eine Tapetenthür. Dem Lakaien fiel die Leuchte aus der Hand, der Hofmarschall tappte im Finstern bis zum Vorzimmer des Prinzen und sank dort auf das Sopha. Als der Prinz aus seinem Ankleidezimmer eintrat, fand er den Herrn in einem Zustand der höchsten Aufregung, selbst ein Glas Punschessenz, welches er ihm eigenhändig eingoß, vermochte den Gebeugten nicht aufzurichten. Die Kunde, daß die schwarze Dame erschienen sei, flog durch alle Räume des Schlosses, die bange Erwartung eines Unheils beschäftigte den Hofstaat und die Dienerschaft. Die Lakaien liefen des Abends im Schnellschritt durch die Corridore und erschraken vor dem Wiederhall ihrer eigenen Tritte, die Hofdamen wollten ihre Zimmer gar nicht mehr ohne Begleitung verlassen. Auch der Fürst erfuhr davon, er zog die Augen finster zusammen und sah bei der Tafel verächtlich nach dem Hofmarschall hinüber.
Sogar die Hofdamen blieben nicht verschont. Fräulein von Lossau, welche in dem Damenschloß, einem Flügel des Palastes, über den Gemächern der Prinzessin wohnte, kam zur Nacht in der glücklichsten Stimmung nach ihren Zimmern. Prinz Victor hatte sie auffallend ausgezeichnet, er war sehr drollig gewesen und hatte ihr dabei einigemal Gefühl gezeigt, das bei ihm selten durchbrach. Sie ließ sich von ihrem Mädchen entkleiden und legte sich unter anmuthigen Gedanken auf ihrem Lager zurecht, Alles wurde still, sie sank in den ersten Schlummer, das Bild des Prinzen gaukelte im Contretanz vor ihr. Da, horch, ein leises Geräusch, es knisterte, Etwas strich langsam unter ihrem Bett dahin. Sie fuhr in die Höhe, der unheimliche Ton hörte auf; schon war sie im Begriff, sich selbst zu belügen, daß Alles nur eine Einbildung des Schlafes sei, da knisterte und fuhr es wieder unter dem Bett, es stieß an ihre Schlafschuhe, es kam rasselnd hervor, sie hörte ein furchtbares Stöhnen und sah beim matten Schein der Nachtlampe, daß sich eine Kugel langsam hinter dem Stuhle heranschob und vor dem Bette Halt machte. Halb bewußtlos vor Entsetzen fuhr sie aus dem Bett, berührte mit dem nackten Fuß einen fremden Gegenstand, fühlte an der Stelle einen scharfen Schmerz und sank mit einem Schrei zurück. Jetzt erhob sie im Bett gellenden Hilferuf, bis ihr Mädchen herbeistürzte und zitternd das Licht anzündete; das Fräulein wies immer noch schreiend in eine Ecke, wo die stachlige Gespensterkugel jetzt in ruhiger Furchtbarkeit verweilte und sich allmählich als ein großer Igel darstellte, der noch träumerisch von seinem Winterschlaf mit einer Thräne an der Nase dasaß. Das Fräulein wurde vor Schrecken krank. Als der Arzt am frühen Morgen zu ihr eilte, fand er Lakaien und Kammermädchen in geschlossenem Haufen vor ihrer Thür versammelt. An der Thür war ein weißes Schild von Pappe befestigt, darauf mit großen Buchstaben zu lesen: Bettina von Lossau, fürstliche Hofspionin. Wieder wurde strengste Untersuchung befohlen und wieder wurde der Missethäter nicht ermittelt.
Aber der neckende Geist, welcher sich unter dem Schieferdache des Schlosses einquartirt hatte, trieb nicht nur mit Hof und Dienerschaft seine Possen, er wagte auch den Professor in gelehrter Arbeit zu stören.
Ilse saß allein und betrachtete zerstreut die Bilder zu Reineke Fuchs, als der Lakai die Thür aufriß: »Des Fürsten Hoheit.«
