Kitabı oku: «Die verlorene Handschrift», sayfa 47
»Ich weiß gar nicht, ob ich wünschen darf, daß es schnell gehe,« rief die Prinzessin munter, aber ihr Auge strafte den lachenden Mund Lügen. »Wissen Sie auch, daß ich uneigennützig bin, wenn ich Ihnen helfe, die Handschrift zu finden? Solange Sie suchen, gehören Sie uns. Haben Sie den Schatz gehoben, dann ziehen Sie sich in ihr unsichtbares Reich zurück und uns bleibt das Nachsehen. Ich habe Lust, die übrigen Kammern des Hauses vor Ihnen zu verschließen und nur Jahr um Jahr eine zu öffnen, bis Sie sich ganz zu uns gewöhnt haben.«
»Das wäre grausam nicht nur gegen mich,« versetzte der Professor.
Die Prinzessin trat ihm gegenüber. »Ich spreche nicht eitle Worte,« sprach sie schnell in verändertem Tone. »Der Fürst wünscht, daß Sie sich bei uns ansiedeln. Bergau hat Auftrag, über Aeußerlichkeiten, welche Ihren Entschluß nicht bestimmen werden, mit Ihnen zu verhandeln. Wenn ich dieselbe Bitte ausspreche, so folge ich meinem eignen Herzen.«
»Sehr unerwartet tritt diese Forderung an mich,« entgegnete der Gelehrte erstaunt. »Mein Brauch ist, dergleichen still und in verschiedenen Stimmungen zu erwägen, ich bitte Ew. Hoheit, in dieser Stunde keine Antwort zu fordern.«
»Ich kann Sie Ihnen nicht ersparen,« rief die Prinzessin. »Denn ich möchte in meiner Weise selbst um Sie werben. Sie sollen Amt und Thätigkeit sich hier so frei wählen, als unsere Verhältnisse gestatten, man will Sie in aller Weise auszeichnen und jeden Wunsch, dessen Befriedigung in der Macht des Fürsten steht, erfüllen.«
»Ich bin Universitätslehrer,« erwiederte der Professor, »ich bin es mit Freude, nicht ohne Erfolg. Mein ganzes Wesen, der Gang meiner Bildung weisen mich auf diesen Beruf. Die Rechte und Pflichten, welche mein Leben umschließen, halten mich mit festen Banden. Ich habe Schüler, ich stehe mitten in dem Werk, das ich in ihre Seelen schreibe.«
»Sie werden nirgend Schüler finden, die Ihnen treuer ergeben sind und wärmer an Ihnen hängen, als meinen Bruder und mich.«
»Ich bin kein Lehrer, der auf die Dauer einen Fürsten zu fördern vermag, ich bin gewöhnt an den strengen Gang meiner Wissenschaft und die stille Arbeit unter meinen Büchern.«
»Der letzte Theil Ihrer Thätigkeit wenigstens geht hier der Welt nicht verloren. Gerade hier sollen Sie Muße finden, vielleicht mehr als unter Ihren Studenten.«
»Das neue Leben würde mir neue Pflichten bringen,« antwortete der Professor, »und als Mann müßte ich sie mir fordern. Es würde mir auch Zerstreuung bieten, an welche ich nicht gewöhnt bin. Sie laden sich einen Mann, den Sie für fest halten; wohl, er steht fest in seinem Kreise, es besteht keine Bürgschaft dafür, daß er Ihnen in anderm Leben ebenso erscheinen werde. Vertrauen Sie nicht, daß ich Ruhe und Sammlung, wie Sie der Arbeiter bedarf, mir in veränderter Stellung bewahrte, und mein Mißbehagen über innere Störungen würde auch meiner Umgebung fühlbar sein. Schmeichelnd tönt der neue Ruf mir in das Ohr. Aber selbst wenn ich hier für mein Haus und meine Privatverhältnisse Alles hoffen dürfte, was dem Leben Behagen gibt, ich müßte doch da verharren, wo ich meiner Persönlichkeit nach am besten nütze. Ich habe heut die Ueberzeugung nicht, daß mir dies hier gelingen würde.«
Die Prinzessin sah betrübt vor sich hin. Immer noch klangen von draußen die Tritte der Männer, welche die Handschrift von aufgehäuftem Schutt befreiten.
»Und doch,« fuhr der Professor fort, »wenn uns das Glück wird, die Handschrift zu finden, so werden viele Tage, vielleicht viele Jahre meines Lebens durch eine neue Aufgabe in Anspruch genommen, welche so groß ist, daß ich dann meine Amtsthätigkeit als eine Last empfinden dürfte. Dann hätte ich das Recht zu fragen, in welcher Umgebung ich für dieses Werk am besten gefördert werde. Für diesen Fall würde mir auch das Recht zu Theil, die Akademie für längere Zeit zu verlassen. Finde ich nicht, so wird mir doch sehr schwer werden, von hier zu scheiden, meine Seele wird noch lange ruhelos um diese Stätte schweben.«
»So lasse ich Sie nicht frei,« rief die Prinzessin, »ich höre nur die Worte Pflicht und Pergament. Gilt Ihnen denn gar nichts die Neigung, welche wir Ihnen entgegentragen? Vergessen Sie in diesem Augenblick, daß ich eine Frau bin, und betrachten Sie mich als einen warmherzigen Knaben, der hingebend zu Ihnen aufsieht, und der nicht ganz unwerth ist, daß Sie an seiner Seele Antheil nehmen.«
Der Professor sah auf den Schüler, der vor ihm stand und kein Weib sein wollte. Die Fürstin hatte nie verführerischer ausgesehen, er blickte auf die gerötheten Wangen, auf die Augen, welche so herzlich an seinem Antlitz hingen, und auf die rothen Lippen, die vor innerer Bewegung zuckten. »Meine Schüler sehen sonst anders aus,« sagte er leise, »und sie sind gewöhnt, strengere Kritik auch an ihrem Lehrer zu üben.«
»Ertragen Sie einmal,« rief die Prinzessin, »daß Sie in einem empfänglichen Gemüth reine Bewunderung finden. Ich habe Ihnen früher gesagt, wie werthvoll mir ist, Sie zu kennen, ich bin keine Kaiserin, welche ein Reich regiert, und ich will Ihre Kraft nicht verwenden für meine Geschäfte. Aber ich würde für ein hohes Glück halten, Ihrem Geiste nahe zu sein, die edlen Worte aus Ihrem Munde zu hören. Ich fühle die Sehnsucht, das Leben mit den klaren Augen eines Mannes anzusehen. Sie haben mir leicht, wie spielend, Räthsel gelöst, die mich quälten, und Fragen beantwortet, mit denen ich seit Jahren rang. Herr Werner, Sie haben sich mir gütig zugeneigt; wenn Sie von hier gehen, werde ich da, wo ich jetzt am liebsten weile, mich vereinsamt finden. Wäre ich ein Mann, ich zöge Ihrer Lehre nach, ich bin hier gefesselt, und ich winke Sie zu mir.«
Hingerissen lauschte der Gelehrte auf die weiche Stimme, welche so innig zu überreden wußte.
»Ich bitte nicht für mich allein,« fuhr die Prinzessin näher tretend fort, »auch mein Bruder bedarf eines Freundes. Ihm wird einst die Aufgabe, für Viele zu sorgen. Was Sie an seinem Geiste thun, das gereicht Andern zum Heil. Wenn ich aus der Gegenwart mich träume in die Zukunft unseres Hauses, dieses Landes, so fühle ich stolz, daß wir Geschwister eine Ahnung von dem haben, was unsere Zeit von ihren Fürsten fordert, und ich fühle den Ehrgeiz, daß wir beide uns vor Andern würdig dieses hohen Berufes erweisen. Ich hoffe in meiner Heimat ein neues Leben entfaltet, den Bruder und mich umgeben von den besten Geistern unseres Volkes; was ein guter Fürst zu spenden vermag, reiche Einfassung eines wohlbefestigten Daseins, das sehe ich tüchtiger Geisteskraft zugetheilt. So leben wir verständig und ernsthaft, wie unsere Zeit verlangt, miteinander, es soll kein lustiger Hof werden in altem Stil, aber es soll ein herzlicher Verkehr sein zwischen dem Fürsten und dem Geist der Nation. Das wird uns freier und besser machen, es mag auch dem Ganzen zu gut kommen, es kann noch späteren Zeiten eine frohe Erinnerung sein. Wenn ich mir solche Zukunft denke, dann, Herr Werner, sehe ich Sie als lieben Gefährten unseres Lebens, und der Gedanke macht mich stolz und glücklich.«
Die Sonne sank, ihr letzter Strahl fiel glühend auf die Fürstin und das Haupt des Mannes. Süß tönte das Lied der Nachtigall im Fliederbusch, der Gelehrte stand schweigend der schönen Frau gegenüber, welche ihm das Leben so rosig malte; ihm pochte das Herz, und seine Kraft ward klein. Wieder sah er nahe vor sich zwei strahlende Augen, und noch einmal tönten die bittenden Worte: »Bleiben Sie bei uns« ihm mit hinreißendem Zauber in das Ohr.
Da rauschte es leise an der Prinzessin nieder, die Blätter der Handschrift, welche sie berührt hatte, fielen auf den Boden. Der Professor bückte sich darnach und schnellte in die Höhe. »Ew. Hoheit sehen mit fröhlichem Blick in die Zukunft,« begann er weich, »mein Auge ist gewöhnt, die einzelnen Zeilen in der Schrift vergangener Zeit zu lesen. Hier liegt meine nächste Aufgabe, um diese Blätter flattern meine Träume. Ich bin nur ein Mann der Schreibstube, und ich werde weniger, wenn ich mehr zu sein fordere. Ich weiß, daß ich Vieles entbehre: in dieser Stunde, wo das leichtbeschwingte Leben so schön vor mir glänzt, fühle ich dies tiefer als je. Aber mein bestes Glück muß sein, daß ich aus stillen Wänden in andere Seelen senke, was dort zur Blüthe und Frucht wird. Und meine größte Belohnung muß sein, daß ein Anderer in guten Stunden, wo er sich der eigenen Tüchtigkeit bewußt wird, mit flüchtiger Erinnerung auch des entfernten Lehrers denkt, seines Lehrers, der nur einer war unter Tausenden, die ihn gebildet haben, nur ein einzelner Säemann auf den unabsehbaren Feldern unserer Wissenschaft.«
So sprach der Gelehrte. Aber als er mit mühsam erkämpfter Haltung sagte, was wahrhaft und ehrlich war, da dachte er nicht allein an die Wahrheit und nicht allein an den Schatz, den er suchte, sondern an den größern, den er verlassen, um mit der schönen Fee des Thurmschlosses auf die Jagd zu ziehen. Er hörte die flehenden Worte: »Geh nicht, Felix!« und sie waren ihm eine Mahnung zu guter Stunde. »Wenn ich zu ihr kehre, wird sie wohl mit mir zufrieden sein,« sann der Arglose. Es wurde ihm erspart, sie darum zu fragen.
Unten rollte schnell ein Wagen heran, der meldende Diener nahte dem Zimmer. »So starr Ihr Wille, so fest Ihr Sinn,« rief die Prinzessin leidenschaftlich. »Aber auch ich bin eine hartnäckige Mahnerin; ich setze meine Werbung fort, Herr Werner. Krieg zwischen uns beiden. Auf Wiedersehen zum Abend.« Sie eilte die Stufen hinab. Das Abendlicht schwand hinter einer finstern Wolkenwand, der Wasserdampf schwebte in langen Streifen über die Wiesen und hing sich an die Wipfel der Bäume, und um die Mauern des Thurmes flogen krächzend die Dohlen. Oben knarrte die Thür der Kammer, der Kastellan rasselte mit den Schlüsseln, während der Gelehrte liebevoll auf die Blätter sah, welche er in der Hand hielt.
10.
Ilse’s Flucht
Ilse war am Morgen dieses Tages von dem Abschiedsgruß des Gatten erwacht, sie saß an ihrem Lager und horchte auf die rollenden Räder. »Das war eine bangsame Nacht,« sagte sie, »nach den Thränen und der Angst kamen die Träume. Ich hing über einem Abgrund, tief unten im Nebel rauschte ein Wassersturz, Felix hielt mich von oben an einem Tuch, seine Kraft ließ nach, ich fühlte das an dem Tuche, aber ich hatte im Traume keine Sorge, es war mir lieb, daß Felix mich losließ und nicht mit mir hinabsank. Schwebe in Frieden abwärts, mein Traum, zu deiner Pforte von Elfenbein, du warst ein guter Traum, denn sonst habt ihr einen Hang zum Schlechten, und manchmal muß man sich euer schämen.«
»Er fährt dahin, und ich bin allein. Nein, mein Felix, du weilst bei mir, auch wenn ich deine Stimme nicht höre. Ich war gestern heftig gegen dich, das thut mir sehr leid. Ich trage dich doch in mir herum, ganz nach deiner Lehre vom Geist des Menschen, der in den Andern übergeht. Das Stück Felix, welches ich in mir bewahre, wollen wir heut in Ehren halten und still ausdauern in dem häßlichen Hause.«
Sie öffnete die Vorhänge. »Es wird wieder ein trüber Tag, die Finken sitzen schon am Fenster und schreien nach der säumigen Frau, die heut das Frühstück ihrer Kleinen verschlief. Draußen blüht es, und die großen Blätter des Rhabarbers blähen sich vor Behagen in der feuchten Luft. Dem Vater aber muß des Regens zu viel werden, die Saat leidet. Nicht Jedem kann es der liebe Gott zugleich recht machen, begehrlich sind wir alle.«
»In der Heimat schwatzen sie über mich. Die Nachbarin sagte nicht das Aergste, was sie wußte. Dergleichen bin ich nicht gewohnt. Als ich das Weib meines Felix wurde, da meinte ich enthoben zu sein über jede Niedrigkeit der Erde, jetzt aber fühle ich die Stiche in meiner Seele.«
Sie hielt die Hand über die Augen. »Keine Thräne heut?« rief sie aufspringend. »Wenn die Gedanken mir wild umherziehen, ich will mir selbst beweisen, daß auch ich etwas von einem Gelehrten habe, ich will ruhig auf mein eigens Herz sehen und sein Pochen stillen durch kluges Nachdenken. Als er zuerst zu uns kam und der schöne Inhalt seiner Rede mich aufregte, da verfolgte mich sein Bild in meine Kammer; ich nahm ein Buch, aber ich wußte nicht, was ich las, ich ergriff eine Rechnung, aber ich konnte nicht mehr zusammenzählen, ich merkte, daß es stürmisch in mir werden wollte. Und es war doch ein Unrecht, so an einen Mann zu denken, der mir derzeit noch ein Fremder war. Da ging ich mit meiner Angst in die Kinderstube, räumte allen Geschwistern ihre Sachen auf und sah nach, ob die Knaben etwas zerrissen hatten. Ich war damals ein sehr hausbackenes Ding. Ach, ich bin’s immer geblieben; ich hoffe, heut soll es mir helfen. Ich suche den leichten Kram zusammen. Denn mir ist doch, als wäre mir die Reise nahe, dafür ist gut, wenn Alles gerüstet ist.« Sie öffnete Schrank und Kommode, zog ihren Koffer hervor und packte ein.
»Wohin?« frug sie leise, »in die Weite? Wie lange ist’s her, da hatte ich große Flügel wie eine Schwalbe und flog mit meinen Gedanken froh in die Fremde, und jetzt sind dem armen Schwälbchen die Schwingen gelähmt, ich sitze allein auf meinem Zweig, ich möchte mich tief verstecken in die Blätter und ich fürchte mich vor dem Flattern und Schwatzen der Nachbarn.« Sie stützte das Haupt müde in die Hand. »Wo soll ich hin?« seufzte sie, »zum Vater soll ich nicht, wie soll ich jetzt Berge und alte Säulen mit Freude schauen? wie kann man ein Herz haben für die Bilder der Natur und für das Treiben vergangener Völker, wenn das eigene Leben nicht in Ordnung ist?«
»Man soll sich immer betrachten als das Kind des ganzen Menschengeschlechts, sagt mein Felix, und das Haupt frei halten für den hohen Gedanken, daß die Millionen Gestorbener und Lebender mit uns verbunden sind zu einer unauflöslichen Einheit. Wer aber nimmt mir ab von denen, die waren und um mich sind, was mir durch die Seele stürmt und was stets auf’s Neue quälend in mir aufsteigt? wer löst mich von der Unzufriedenheit mit mir selbst und von einer heißen Angst um das Kommende? Ach, es ist eine Lehre für die großen Stunden des Menschen, wo er ruhig um sich schaut, aber die Lehre ist zu hoch für den armen Gequälten.«
Sie nahm die kleine Bibel von dem Schrank, welche ihr der gute Pfarrer auf dem Stein beim Abschied geschenkt hatte, und zog sie aus ihrer Kapsel. »Ich habe lange versäumt, in dir zu lesen, liebes Buch, denn wenn ich deine Blätter aufschlage, so fühle ich mich wie ein doppeltes Wesen, die alte Ilse wird lebendig, die einst deinen Worten ohne Grübeln vertraute, und dazwischen sehe ich wieder mit den Augen meines Mannes prüfend auf manche Blätter und ich frage, ob auch noch jeder Ausspruch, den ich hier finde, mein Gedanke sein darf. Das kindliche Vertrauen habe ich verloren, und was ich dafür erhalten, ich fühle, daß es vor Unsicherheit nicht schützt. Auch wenn ich die Hände zusammenlege und bitte, wie ich als Kind gelernt, so weiß ich, daß ich um nichts bitten darf als um die Kraft, selbst zu überwinden, was mir den Muth beschwert.«
Der Gärtner trat in das Zimmer, heut wie jeden Morgen, und bot einen Korb Blumen, welchen der Herr des Schlosses ihr sandte. Ilse fuhr auf und wies nach dem Tisch. »Setzen Sie hin,« sagte sie kalt, ohne den Korb zu berühren. Sonst hatte sie dem Mann oft ihre Freude gezeigt an dem schönen Blüthenschmuck, den er gezogen, und der Gärtner, dem immer weh that, daß die vornehmen Herrschaften über das Seltenste wegsahen, hatte sich an den warmen Antheil der fremden Frau so gewöhnt, daß er jeden Morgen selbst die Blumen brachte und ihr die neuen Lieblinge des Glashauses nannte. Das Beste, was er hatte, schnitt er für sie ab. »Die Andern merken es doch nicht,« sagte er, »und sie behält auch die lateinischen Namen.«
Heut setzte er gekränkt den Blumenkorb hin. »Es sind neue Pantoffelblumen dabei,« begann er vorwurfsvoll, »es ist mein Sortiment, Sie sehen diese Arten nicht wieder.« Ilse fühlte das Leid des Gärtners, sie trat mit Ueberwindung an den Tisch und sagte: »Wohl sind sie sehr schön. Aber die Blumen, lieber Herr, verlangen auch ein leichtes Herz, und das fehlt mir jetzt. Ich verdiene heut Ihre Freundlichkeit schlecht, seien Sie mir darum nicht böse.«
»Wenn Sie nur auf die graugefleckten achten wollen,« rief der Gärtner in Künstlerbegeisterung, »diese sind mein Stolz und sonst nirgend in der Welt zu haben.«
Ilse rühmte die grauen. »Manches Jahr habe ich mich gemüht,« fuhr der Gärtner fort, »ich habe Alles gethan, um guten Samen zu erhalten, immer kam Gewöhnliches. Als ich fast den Muth verloren hatte, blühten in einem Jahre alle die neuen Arten. Nicht meine Kunst that es,« fügte er ehrlich hinzu, »es ist ein Geheimniß der Natur, sie hat mir das Glück gegeben und die Sorge benommen ganz auf einmal.«
»Sie hatten sich doch darum bemüht und wacker das Ihre gethan,« antwortete Ilse, »handelt man so, dann mag man auch dem guten Geiste des Lebens vertrauen.«
Der Gärtner ging beruhigt von dannen, Ilse sah auf die Blumen. »Auch er, der euch zu mir sandte, ist mir zur Angst geworden. Und doch war er der Einzige hier, der mir gleichmäßige Freundlichkeit und eine gute Haltung gezeigt hat. Felix hat Recht, es ist für uns kein Grund, seinetwegen unruhig zu sein. Wer weiß, ob er große Schuld hat an den häßlichen Reden, die um dieses Haus fliegen. Ich darf ihm nicht Unrecht thun. Aber wenn ich seine Blumen betrachte, ist mir jetzt, als läge eine Natter darin, denn ich weiß nicht, ist seine Seele lauter oder unrein, ich verstehe seine Art nicht, und das macht unsicher und argwöhnisch.« Sie stieß den Korb weg und wandte sich ab.
Das Mädchen, welches ihr zur Bedienung übergeben war, kam betrübt in das Zimmer und bat, ihr bis morgen Urlaub zu geben, weil ihre Mutter auf einem Dorf in der Nähe schwer erkrankt sei. Ilse erkundigte sich gütig nach der Krankheit, gab ihr mit Wünschen und gutem Rath die erbetene Freiheit. Das Mädchen schlich verstört aus der Thür, Ilse sah ihr traurig nach. »Auch ihr ist das Herz schwer. Es trifft sich gut, daß Felix nicht zu Hause ist, da kann ich mir allein helfen. Es wird ein stiller Tag werden, nach dem Sturm von gestern ist mir das recht.«
Wieder klopfte es, der Kastellan vom Schlosse brachte die Briefe, welche ihm der Postbote auch für den Pavillon abgab. Es waren heut Briefe der Geschwister, die den regelmäßigen Verkehr zwischen dem Stein und seiner entfernten Tochter unterhielten. Ueber das ernste Gesicht von Frau Ilse flog ein Strahl der Freude.
»Das ist ein guter Morgengruß,« sagte sie, »ich will heut meiner Bande ausführlich antworten, wer weiß, ob in den nächsten Wochen Zeit dafür ist.« Sie eilte an den Schreibtisch, las, lachte und schrieb, die Angst war von ihr genommen, sie plauderte als frohes Kind in den Redensarten und Gedanken der Kinderstube. Darüber verrannen die Stunden, Gabriel trug das Mittagsmahl auf und ab. Als er sie am Nachmittag wieder über die Briefe geneigt fand, blieb er hinter ihr stehen und kämpfte mit sich, ob er sie anreden sollte, aber da Ilse so tief in ihre Arbeit versenkt war, nickte er vor sich hin und schloß die Thür.
Zuletzt schrieb Ilse an den Vater. Wieder wurde ihr das Haupt schwer, und aus der Tiefe stieg die Angst und legte sich brennend um ihre Brust. Sie sprang vom Schreibtisch auf und ging heftig durch das Zimmer. Da, als sie dem Fenster nahe kam, sah sie, daß der Herr des Schlosses langsam auf dem Kieswege dem Pavillon zuschritt.
Ilse trat schnell zurück. Nicht ungewohnt waren ihr die kurzen Besuche des Fürsten, heut aber blickte sie scheu auf die Wände, das Blut schoß ihr zu dem Herzen, sie preßte die Hände auf die Brust und rang nach Fassung.
Die Thür flog auf. »Ich komme zu hören,« begann der Fürst, »wie Sie die Einsamkeit dieser Stunden ertragen. Auch mein Haus ist geräumt, die Kinder sind von mir gezogen, es ist leer unter dem Schiefer des großen Baues.«
»Ich habe die Muße benützt, mit entfernten Freunden zu verkehren,« antwortete Ilse. Sie wollte heut die Namen der Kinder vor dem Fürsten nicht nennen.
»Gehört zu diesen Freunden auch das kleine Volk, welches in der Ferne auf dem Steine umherspringt?« frug der Fürst lächelnd, »haben die Kinder vom Gute wieder ihre Wünsche ans Herz gelegt?« Er ergriff einen Stuhl und lud Ilse zum Sitzen ein.
Seine Haltung gab auch ihr größere Ruhe, er sah in diesem Augenblick aus wie ein kluger und wohlwollender Mann.
»Ja, Hoheit,« versetzte Ilse. »Diesmal aber war meine jüngere Schwester Luise die eifrigste Briefstellerin.«
»Verspricht sie Ihnen ähnlich zu werden?« frug der Fürst leutselig.
»Sie ist jetzt zwölf Jahr,« erwiederte Ilse gehalten, »sie hat Gefühle über Alles, und ihre Phantasie fliegt um jeden Strohhalm. Es sieht fast aus, als ob sie die Dichterin der Kinderstube sein wollte. Ich weiß nicht, wie dieser phantastische Sinn in unsere Wirthschaft gekommen ist. Sie erzählt mir in ihrem Brief eine ganze lange Geschichte, die ihr selbst begegnet sei, und die doch nichts ist als ein kleines Märchen, das sie irgendwo gelesen hat. Denn seit ich in der Stadt bin, sind mehr Märchenbücher auf den Stein gekommen als in meiner Jugend.«
»Wahrscheinlich ist es nur kindliche Eitelkeit,« sagte der Fürst freundlich, »welche sie antreibt, eine Erfindung für Wahrheit auszugeben.«
»So ist es auch,« antwortete Ilse lebhafter. »Sie will sich im Walde verirrt haben, und als sie einsam unter den Pilzen saß, kamen die kleinen Thiere unseres Hofes, die sie sonst füttert, die weiße Maus im Käfig, das Kätzchen und der Schäferhund, setzten sich um sie und liefen vor ihr her, bis sie sich aus dem Walde fand. Die Katze neben der Maus, Hoheit, das war dumm! Diese Geschichte erzählt sie dreist als Wirklichkeit und fordert mich noch auf, sie rührend zu finden. Das wurde doch zu arg, ich habe ihr aber auch meine Meinung gesagt.«
Der Fürst lachte, er lachte von Herzen. Es war ein seltener Klang, der an den Wänden des dunklen Zimmers dahinzog, und verwundert schaute der Liebesgott oben auf den lustigen Mann herab. »Darf ich fragen, welche Kritik dem poetischen Gemüth zuertheilt wurde?« frug der Fürst. »In dem Märchen ist doch eine poetische Idee, daß Freundlichkeit, welche man Andern erwiesen, zur rechten Stunde wieder vergolten wird. Das ist leider nur Dichtereinfall, die Wirklichkeit kennt solche Dankbarkeit selten.«
»Man soll auch im Leben nicht auf fremde Hilfe bauen,« versetzte Ilse fest. »Und man soll Freundlichkeit Andern nicht erweisen, damit sie vergolten wird. Es ist ja besondere Freude, wenn ein Ton, den man in die Welt gerufen hat, als Echo herzlich zu uns zurückklingt, aber man soll nicht darauf vertrauen; ein verirrtes Kind soll tapfer seine fünf Sinne zusammennehmen, damit es den Weg zur Heimat selbst findet. Vor Allem aber soll man nicht poetische Einfälle für ein erlebtes Ereigniß ausgeben. Darüber gab’s wieder Schelte, denn, Ew. Hoheit, Mädchen in diesen Jahren muß man immer zu richtiger Besinnung zwingen, sie verlieren sich leicht in Träumerei.«
Der Fürst lachte wieder. Wo weilen die klugen Thiere, Frau Ilse, welche dir freundlichen Rath geben in deiner Noth?
»Sie waren zu streng,« sagte der Fürst. »Auch uns Erwachsenen täuscht die Hexe Phantasie ewig das Urtheil; man ängstigt sich ohne Grund und man hofft und vertraut ohne Berechtigung. Wer immer vermöchte, das unbefangene Urtheil über die eigene Lage zu bewahren, der wäre so frei, daß er das Leben schwerlich noch ertrüge.«
»Die Phantasie verwirrt uns,« antwortete Ilse umherblickend, »aber sie warnt uns auch.«
»Was ist alle Wärme der Empfindung, jede Hingabe an andere Menschen?« fuhr der Fürst traurig fort, »nichts als ein feiner Selbstbetrug. Wenn ich jetzt mir mit der frohen Empfindung schmeichle, daß es mir gelang, einen Antheil auch an Ihrem Herzen für mich zu gewinnen, zuletzt ist auch das nur eine Täuschung; aber es ist ein Traum, den ich mir sorgfältig erhalte, denn er thut mir wohl. Mit einem Genuß, den ich lange entbehrt, höre ich auf die ehrlichen Worte Ihrer Stimme, und mich peinigt der Gedanke, daß ich dies anmuthige Behagen je wieder missen soll. Es hat für mich höheren Werth, als Sie wohl meinen.«
»Ew. Hoheit sprechen zu mir wie zu einem recht guten Freunde,« entgegnete Ilse sich hoch aufrichtend, »und wenn ich den Ausdruck, womit Sie mir dies Gütige sagen, zu Herzen nehme, so muß ich glauben, daß Ihnen ganz so zu Muthe ist, wie Sie reden. Mir aber stört jetzt dieselbe Phantasie, welche Sie tadeln und loben, auch das Vertrauen, welches ich gern zu Ew. Hoheit haben möchte. Und ich will darüber nicht schweigen, denn mir thut weh, nach solchem lieben Wort etwas gegen Sie auf dem Herzen zu behalten.« Sie stand schnell auf. »Mir stört meinen Frieden, daß ich in einem Hause wohne, welches der Fuß anderer Frauen meidet.«
Der Fürst blickte überrascht auf die Frau, welche mit fester Haltung die innere Unruhe beherrschte. »Die Wahrsagerin,« murmelte er.
»Ew. Hoheit wissen so gut, welche Dienste die Phantasie thut,« fuhr Ilse schmerzlich fort. »Mich hat sie gequält, und mir wird schwer, in diesem Raum an die Achtung zu glauben, deren Ew. Hoheit mich versichern.«
»Was hat man Ihnen zugetragen?« frug der Fürst mit scharfem Ton.
»Was Ew. Hoheit aus meinem Munde zu hören nicht verlangen dürfen,« versetzte Ilse stolz. »Es ist möglich, daß ein Herr vom Hofe über dergleichen gleichgültiger denkt. Das sage ich mir selbst. Mir aber hat Unglück gebracht, daß ich hier bin. Es ist ein Fleck auf einem saubern Gewande, mein Auge haftet starr darauf, ich wasche ihn weg mit meiner Hand, und doch liegt er immer wieder vor mir, denn es ist ein Schatten, der von außen darüber fällt.«
Der Fürst sah finster vor sich hin. »Ich benütze die Ausreden nicht, welche Sie selbst dem Herrn eines Hofes in den Mund legen, denn ich fühle in diesem Augenblicke tief und leidenschaftlich wie Sie, daß man Ihnen ein Unrecht gethan. Ich habe nur eine Entschuldigung,« fuhr er in gehobener Stimme fort, »Sie kamen her, mir fremd, und wenig ahnte ich, welchen Schatz man in meiner Nähe barg. Seitdem haben Sie bei kurzem Gruß und Kommen für mich eine Bedeutung gewonnen, der ich mich widerstandslos hingebe. Selten erlaubt mir das Schicksal unverhüllt zu sagen, was ich empfinde. Ich scheue mich, die hochtrabenden Worte eines Jünglings zu gebrauchen, denn ich will Sie nicht beunruhigen. Glauben Sie aber nicht, daß ich gegen Sie weniger stark fühle, weil ich meine Bewegung zu verbergen weiß.«
Ilse stand in der Mitte des Zimmers, ein flammendes Roth fuhr ihr über die Wangen. »Ich bitte Ew. Hoheit, kein Wort weiter zu sprechen, denn mir ziemt nicht, das zu hören.«
Der Fürst lächelte bitter. »Schon habe ich Sie verletzt, und Sie machen mir schnell deutlich, daß eine Täuschung war, wenn ich auf Ihre Neigung hoffte. Und doch bin ich Ihnen gegenüber so arm, daß ich Sie bitte, Ihr Mitgefühl einer Leidenschaft nicht zu versagen, die so heiß in mir glüht, daß sie mir in dieser Stunde die Herrschaft über mich selbst genommen hat.«
Ilse flüsterte vor sich hin: »Hinweg von hier!«
»Entsagen Sie diesem Gedanken,« rief der Fürst in höchster Aufregung. »Ich kann Ihren Anblick, den Klang Ihrer Stimme nicht entbehren. Wie spärlich er mich erfreut, er ist das Glück meiner Tage, in einem Leben ohne Freude und Liebe das einzige große Gefühl. Daß ich Sie mir nahe weiß, hält mich aufrecht im Kampfe gegen Gedanken, die mich in düsteren Stunden betäuben. Wie der andächtige Wanderer auf das Glöcklein des Eremiten lauscht, so horche ich auf den leisen Ton, der aus Ihrem Leben in das meine klingt. Lassen Sie sich die Hingabe des einsamen Mannes gefallen,« setzte er ruhiger bittend hinzu. »Ich gelobe, Ihr Zartgefühl nicht mehr zu kränken, ich gelobe, mich mit dem Anrecht an Ihr Leben zu begnügen, das Sie mir in freier Wahl geben.«
»Mich aber reut jedes Wort, das ich zu Ew. Hoheit gesprochen, und mich reut jede Stunde, in der ich ehrfürchtig Ihrer gedacht,« rief Ilse in aufloderndem Zorn. »Ich war ein armes gläubiges Kind,« fuhr sie außer sich fort, »und ich habe für meinen Fürsten die Hände gefaltet, ehe mein Auge ihn gesehen, jetzt, da ich ihn kenne, graut mir vor ihm und ich raffe mein Kleid zusammen und spreche: Hebe dich weg von mir.«
Der Fürst fiel in einen Stuhl. »Es ist ein alter Fluch, der aus diesen Wänden in mein Ohr braust, es ist nicht Ihre Seele, die mich von sich stößt. Von Ihren Lippen soll nur das Wort der Liebe und des Erbarmens kommen. Nicht der Versucher bin ich, selbst ein Wanderer in der Wüste, nichts um mich als öder Sand und starrer Fels. Und ich höre verschmachtend ein Kinderlachen, ich sehe die blondgelockte Schaar bei mir vorüberziehen, ich sehe zwei Augen mit warmem Gruß auf mich geheftet und eine Hand, die dem Müden mit der gefüllten Schale zuwinkt, und wie ein Nebelbild ist Alles verschwunden, ich bleibe allein, und ich verderbe.« Er schlug die Hände vor die Augen. Ilse erwiederte kein Wort, sie stand abgewandt und blickte durch das Fenster nach den Wolken, welche flüchtig am Himmel zogen.
Es war still im Zimmer. Keines regte sich und Keines sprach. Langsam erhob sich der Fürst, er trat vor Ilse, wie verglast waren seine, Augen und seine Bewegungen mühsam und gezwungen. »Hat Sie verletzt, was ich in überströmendem Eifer sprach, so vergessen Sie es. Ich habe Ihnen gezeigt, daß auch ich noch nicht frei von der Schwäche lebe, vergeblich auf einen verwandten Herzschlag zu hoffen. Denken Sie nur daran, daß ich ein Irrender bin, der bei Ihnen Trost gesucht hat, es war eine demüthige Frage, können Sie keine Antwort geben, so zürnen Sie doch dem armen Bittenden nicht.« Ein langer Blick fiel auf sie, heiße Leidenschaft, tötlich verletzter Stolz und etwas Anderes, das der Frau Entsetzen erregte, lag in seinem Auge, fest und starr sah auch sie ihm in das Antlitz, er hob warnend den Finger und schritt zur Thür hinaus.
Sie lauschte auf die Tritte des Schreitenden, sie merkte jede Treppenstufe, die er hinabstieg, als sich die Hausthür hinter ihm schloß, riß sie an der Klingel.
Gabriel, der im Vorzimmer gestanden, trat schnell herein. »Ich will fort von hier,« rief Ilse.
»Wohin, Frau Professorin?« frug der erschrockene Diener.
Wohin? brauste es in Ilse’s Ohr.
»Zu meinem Mann,« rief sie, aber als sie die eigenen Worte hörte, fuhr sie zusammen; auch er war in einem Hause des Fürsten, er war bei der Tochter des argen Mannes, er selbst nicht sicher dort, sein Weib nicht sicher bei ihm. Wohin? wirbelte ihr im Hirn. Beim Vater auf dem Stein war der Sohn des argen Mannes; sie dürfe nicht hinkommen, hatte die Nachbarin gesagt. Sie senkte betäubt das Haupt, das Gefühl der Hilflosigkeit legte sich centnerschwer auf sie. Aber sie erhob sich wieder und trat nahe zu Gabriel. »Ich will dies Haus verlassen,« sagte sie, »ich will diese Stadt verlassen, noch heut, auf der Stelle.« Der Diener rang die Hände. »Ich wußte, daß es so kommen würde,« rief er.
