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Kitabı oku: «Die verlorene Handschrift», sayfa 49

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11.
Der Obersthofmeister

Zu derselben Stunde, in welcher Ilse den tröstenden Worten ihres Hauswirths lauschte, fuhr der Wagen des Obersthofmeisters an das Thurmschloß der Prinzessin. Erstaunt hörte die Prinzessin die Meldung des Dieners und flog in ihr Empfangzimmer hinab. Der Professor ließ die Truhe mit ihrem Inhalt in sein Zimmer schaffen und hatte sich eben über die Handschrift gebeugt, als der Hofmarschall eintrat, um seines Auftrags ledig zu werden.

Unterdeß erwartete die Prinzessin den alten Herrn.

Das Amt des Obersthofmeisters theilte ihm den Ehrendienst bei der Prinzessin zu, es galt für eine achtungsvolle Entfernung von der Person des Fürsten. An dem Flügel des Schlosses, den die Prinzessin bewohnte, sah man seinen Wagen jeden Morgen zu derselben Stunde vorfahren. Sein persönliches Verhältniß zu der jungen Herrin schien kühl, in Hofgesellschaften wurde er von ihr, nur soweit schicklich war, ausgezeichnet, die Bittsteller erfuhren zuweilen, daß ihre Gesuche ihm mitgetheilt waren. In der Stadt galt er für einen gutherzigen Mann, er wurde wegen seiner Wohlthätigkeit von den Bürgern mit Achtung betrachtet und war der einzige unter den Herren des Hofes, über welchen nie ein abgeneigtes Urtheil laut wurde. Er wohnte in einem altfränkischen Hause, von Gärten umgeben, war unverheiratet und lebte als reicher Mann, ohne nahe Verwandte, still vor sich hin. Er war, wie man annahm, ohne regelmäßigen Einfluß, er stand nicht in Gunst und wurde deshalb von den jüngeren Cavalieren mit ritterlicher Achtung behandelt. Trotzdem war er dem Fürsten und Hofe unentbehrlich. Er war der Großwürdenträger, nothwendig für die Repräsentation, er war Rathgeber in Familienangelegenheiten, Gesandter und Begleiter bei feierlichen Staatshandlungen. Denn er war von früher an den meisten Höfen Europa’s wohl bekannt, hatte Verbindungen in der großen Diplomatie, er genoß die besondere Gnade einiger auswärtiger Herrscher, an deren gutem Willen dem Fürsten gelegen sein mußte, und da bei unseren Höfen die Meinung, die ein Hofmann in der Fremde genießt, auch für das Urtheil des Schlosses maßgebend zu sein pflegt, so machte den Obersthofmeister der Briefwechsel, in dem er mit den Leitern auswärtiger Politik stehen sollte, und die reiche Auswahl, welche ihm unter breiten Bändern freistand, für den Fürsten selbst zu einer Autorität, welche ebenso lästig als schätzenswerth war, für den Hof aber zum stillen Berather und zur letzten Zuflucht in schwierigen Fragen.

Jetzt öffnete dem alten Herrn der Diener mit tiefer Verbeugung die Thür zum Empfangraum der Prinzessin. Gleichgültige Fragen und Antworten wurden gewechselt, dann trat die Prinzessin in das Nebenzimmer und forderte ihre treue Kammerfrau durch einen Wink auf, vorn Wache zu halten. Als die Unterredung vor dem Ohr jedes Lauschers gesichert war, änderte sich die Haltung der Prinzessin, sie eilte auf den alten Herrn zu und sah ihm fragend in das ernste Gesicht: »Ist etwas vorgefallen? Nichts Kleines hat Sie veranlaßt, sich hierher in die Wildniß zu bemühen. Was haben Sie Ihrem Töchterchen zu sagen? ist es Lob oder sind es Schelte?«

»Ich erfülle nur meine Pflicht,« versetzte der alte Herr, »wenn ich mich einstelle, um Ew. Hoheit Befehle entgegen zu nehmen und nachzusehen, ob der Aufenthalt meiner gnädigsten Herrin schicklich vorgerichtet ist.«

»Excellenz kommen zu schelten,« rief die Prinzessin zurücktretend, »denn Sie haben kein freundliches Wort für Ihr kleines Weibchen.«

Der Obersthofmeister neigte entschuldigend das weiße Haupt. »Wenn ich Ew. Hoheit ernster erscheine als sonst, so sind es vielleicht nur die Grillen eines alten Mannes, welche sich zu ungelegener Zeit eingestellt haben. Ich bitte um Erlaubniß, mich durch Ew. Hoheit Anblick davon zu befreien. Die leidende Gesundheit des Fürsten legt uns allen Sorge auf, sie mahnt an die Vergänglichkeit jedes Lebens. Selbst der guten Laune des Prinzen Victor gelang nicht, mich von trüben Gedanken zu lösen.«

»Wie geht es dem Vetter?« frug die Prinzessin leicht.

»Er überwindet die Schwierigkeit, ein Prinz zu sein, in seiner wunderlichen Weise,« erwiederte der Obersthofmeister, »aber es ist ein tüchtiger Kern in ihm, er vermag wohl ernste Sachen klug zu behandeln. Mich freut,« setzte der Hofmann hinzu, »daß meine gnädigste Herrin warm für einen Verwandten empfindet, der Höchstderselben treu ergeben ist.«

»Er war gegen mich stets nett und zuverlässig,« sagte die Prinzessin obenhin. »Jetzt aber haben Sie mich hart genug gestraft. Was Sie mir zu sagen haben, darf zwischen uns beiden nicht so verhandelt werden.« Sie faßte einen Sessel und schob ihn in die Mitte der Stube. »Hier sitzen Sie nieder, mein würdiger Herr, und mir erlauben Sie, daß ich die Hand des Freundes fasse, wenn er mir sagt, was ihm um meinetwillen Sorge macht.« Sie rückte sich ein niedriges Tabouret herzu, hielt mit beiden Händen die Rechte des alten Herrn und sah ihm spähend in die Augen. »Hoheit kennen das Mittel, mir zu dreister Bitte Muth zu machen,« sagte der Hofmann lächelnd.

»So ist’s besser,« rief die Prinzessin erleichtert, »ich höre die Stimme und ich halte die Hand, denen ich am liebsten vertraue.«

»Ich aber wünsche Ew. Hoheit eine stärkere und nähere Stütze als mich selbst,« begann der alte Herr ernsthaft.

Die Prinzessin fuhr in die Höhe. »Das also war’s, was Excellenz zu dieser Reise bestimmte?« rief sie ängstlich.

»Das war die Sorge, welche mich beschäftigte. Es ist nichts weiter als eine Ansicht,« entschuldigte der Obersthofmeister, sein Haupt neigend.

»Und das soll mich ruhiger machen?« rief die Prinzessin. »Was hat mir bis jetzt die Möglichkeit geschafft, zu leben, als Ew. Excellenz Ansichten.«

»Da Ew. Hoheit, noch in der Witwentrauer, zur Heimat gefordert wurden, war mir der Wunsch des Fürsten willkommen, weil ich dadurch das Recht erhielt, dies Gespräch mit Ew. Hoheit zu führen.« Es wies mit seiner Handbewegung auf den Sitz, die Prinzessin eilte wieder an seine Seite. »Auch jetzt, wo ich Ew. Hoheit vor mir sehe in dem heitern Glanz der Jugend, überreich ausgestattet, Andere zu beglücken und des besten Glückes theilhaftig zu werden, vermag ich den Gedanken nicht abzuwehren, daß Ihnen Unrecht ist, auf die Freuden des Hauses zu verzichten.«

»Ich habe dies Glück genossen und habe es verloren,« rief die Prinzessin. »Jetzt bin ich vertraut mit dem Gedanken, Manchem zu entsagen. Ich suche mir dafür eine Entschädigung, welche auch Sie nicht für unwürdig halten.«

»Es ist ein Unterschied zwischen uns von mehr als fünfzig Jahren,« sagte der alte Herr. »Was mir, dem unbedeutenden Manne, freisteht, das wird der Tochter des hohen Geschlechtes nicht ebenso leicht gestattet. Ich bitte meine geliebte Herrin um Erlaubniß,« fuhr er mit leiser Stimme fort, »heut an den Vorhang zu rühren, welcher ein finsteres Bild aus Ihrer frühen Jugend verhüllt. Sie waren Zeugin der Scene, welche den Fürsten von Ihrer erlauchten Mutter schied.«

»Es ist eine dunkle Erinnerung,« flüsterte die Prinzessin, ängstlich zu dem alten Herrn aufsehend, »die Mutter machte dem Fürsten Vorwürfe, es war etwas über den unseligen Pavillon. Der Fürst gerieth in eine Aufregung, die furchtbar war. Ich, das kleine Mädchen, lief herzu und umschlang das Knie der Mutter, er schleuderte mich fort –« die Prinzeß verhüllte die Augen. Der alte Herr machte eine abwehrende Bewegung und erwiederte ablenkend: »Die Nachwirkung dieses Ereignisses wurde verderblich für das Leben einer edlen Frau, aber auch für Sie selbst. Damals äußerte sich zuerst die krankhafte Reizbarkeit des Fürsten, welche seitdem seine Stimmung verdüstert. Von jener Stunde sieht der Fürst in Ihnen eine lebendige Zeugin dessen, was er selbst als seine Krankheit und seine Schuld empfindet. Er hat sich Jahre lang gemüht, Ihnen durch Güte und Aufmerksamkeiten jenen Eindruck zu verwischen, er hat nie geglaubt, daß ihm das gelungen ist. Scham, Argwohn, Furcht haben ihm stets wieder das Verhältniß zu Ihnen verdorben. Er will Sie nicht von sich lassen, weil er fürchtet, daß Ihr Vertrauen einem andern Menschen verrathen konnte, was er selbst sich zu bergen bemüht ist. Er hat widerwillig der ersten Werbung nachgegeben, er wird auch eine zweite sehr unfreundlich empfangen, denn er wünscht nicht, Ew. Hoheit wiedervermählt zu sehen. Wohl aber freut er sich in den Stunden, wo über seinem ungewöhnlichen Geist finstere Wolken liegen, des Gedankens, daß Ew. Hoheit das Recht verlieren könnten, ihm in der Stille Vorwürfe zu machen. In ihm nagt, daß er die fürstliche Würde seiner Gemahlin tötlich gekränkt hat, ihn beschäftigt jetzt der Gedanke, daß auch Ew. Hoheit über andern Verhältnissen vergessen könnten, was Beruf einer Fürstin ist.«

»Er hofft vergebens,« rief die Prinzessin außer sich. »Nie wird eine unwürdige Leidenschaft mich vor seine Füße werfen; nicht umsonst bin ich das Kind Ihrer Sorge gewesen.«

»Was ist unwürdig für eine Fürstin?« frug der Obersthofmeister nachdenkend. »Daß Ew. Hoheit sich frei erhalten von den kleinen Passionen, welche bei der Quadrille eines Maskenballs aufflattern, davon ist man überzeugt. Aber auch das geistvolle Spiel mit schönen und großen Interessen vermag einer Frau das Leben zu stören. Leicht hängt sich Schwärmerei an den feinsten geistigen Genuß, mehr als einmal ist ein Weib gerade da in der größten Gefahr gewesen, wo sie, von außen kräftig angeregt, sich höher, freier, edler fühlte als sonst. Es ist schwer, eine entzückende Musik zu hören und dem Künstler, der sie uns geschaffen, warme Theilnahme zu versagen.«

Die Prinzessin sah vor sich nieder.

»Gesetzt den Fall,« fuhr der Obersthofmeister fort, »daß ein Kranker in galliger Laune so grübelte und für solchen Zweck handelte, die Gesunde würde sich wohl hüten, ihm den Willen zu thun.«

»Sie würde sich aber auch nicht stören lassen in dem, was sie für Ehre und Reichthum ihres Lebens hält,« rief die Prinzessin, zu dem Alten aufsehend.

»Gewiß nicht,« versetzte dieser, »wenn solche Güter in der That durch die spielende Hingabe einer Frau an Kunst oder Wissenschaft zu erwerben sind. Am schwersten wird eine Fürstin dabei Befriedigung finden. Niemand verdenkt einer Frau aus dem Volke, wenn sie eine große Begabung zum Lebensberuf macht; vermag sie, als Sängerin oder Malerin sich zu befriedigen und Anderen zu gefallen, so lacht ihr alle Welt freudig entgegen. Wenn aber meine gnädigste Prinzessin ihre schöne musikalische Anlage benutzen wollte, öffentliche Concerte zu geben, weshalb würden die Menschen darüber die Achseln zucken? Nicht, weil Ew. Hoheit Talent geringer ist als das einer andern Künstlerin, sondern weil man Ihrem Leben andere Aufgaben zutheilt. Die Nation stellt an ihre Fürsten sehr bestimmte ideale Forderungen. Wenn leider den fürstlichen Herren unserer Zeit nicht leicht wird, diesen Idealen zu entsprechen, für die Frauen der erlauchten Geschlechter macht die ernste Richtung der Gegenwart dies eher möglich als in meiner Jugend. Eine Fürstin unseres Volkes soll das edle Vorbild einer guten Hausfrau sein, nichts mehr, nichts Anderes. Treu und wohlthuend und fest gegen ihren Gatten, sorgfältig in den Pflichten des Tages, warmherzig gegen Bedürftige, gütig und theilnehmend gegen Alle, denen der Vorzug wird, ihr zu nahen. Hat sie Geist, sie soll sich hüten zu glänzen, hat sie Talent für die Geschäfte, sie soll sich wahren, eine Intrigantin zu werden. Sogar die schöne Meisterschaft geselliger Tugenden wird sie mit größter Bescheidenheit üben. Wohlgewogenes Gleichgewicht der weiblichen Vorzüge ist der beste Schmuck einer Fürstin, ihre höchste Ehre, daß sie liebenswerther und besser ist als die Andern, ohne daß man darüber erstaunt, in Allem gut und tüchtig, nach keiner Richtung anspruchsvoll. Denn sie steht zu hoch, um für sich zu begehren und zu erobern.«

Die Prinzessin saß neben dem Sprechenden, das Haupt auf den Arm gestützt, sie sah traurig vor sich hin.

»Meine theure Fürstin hört dergleichen nicht zum ersten Mal aus meinem Munde. Oft habe ich um die Gefahr gesorgt, welche Ihnen ein hochfliegender Geist und die behende Einbildungskraft bereiten, das Wiegengeschenk einer neidischen Fee, welche Ew. Hoheit zu glänzend und verführerisch machte. Denn diese herrliche Begabung trägt die Schuld, daß Sie keine vornehme Natur sind, wie Ihr erlauchter Bruder, der Erbprinz. Zu lebhaft ist das Bedürfniß, sich geltend zu machen und auf Andere zu wirken. Den Bruder durfte man mit vollem Vertrauen seiner guten Art überlassen, jedes Einreden in seine Seele war bei dem vielgeplagten Kinde vom Uebel. Die reiche Künstlernatur aber, welche mit so großen Augen auf mich sieht, habe ich stets vor einer feinen Koketterie der Empfindung zu schützen gesucht. Ich bin jetzt ein harter Mahner an hohe Pflichten, weil ich Gefahren ahne, welche diese eroberungslustige Seele über sich und Andere heraufbeschwört.«

»Ich höre aus liebevollen Worten einen harten Vorwurf,« erwiederte die Prinzessin gehalten. »Ich soll mich vermählen – um vornehm zu werden.«

»Meiner lieben Hoheit wünsche ich, daß sie dieses große Ziel erreiche als Hausfrau eines Gemahls, der Ihrer Hingabe nicht unwerth ist. Nur auf diesem Wege darf eine Fürstin wahres Glück erwarten. Auch dies Glück wird nicht ohne Entsagung erworben, ich weiß es, Jedem ist schwer, sich selbst zu beschränken, wer im Purpur geboren ist, übt diese Tugend zehnmal schwerer als ein Anderer. Verzeihung,« fuhr er fort, »ich bin geschwätzig geworden, wie uns Alten vom Hofe zuweilen begegnet.«

»Nicht zu viel hat mir mein Freund gesagt, noch zuwenig,« rief die Prinzessin bewegt. »Mir ist der Gedanke lieb geworden, still vor mich hinzuleben, umgeben von Männern, die mich das Höchste lehren, was eine Frau zu erwerben vermag. Auch auf diesem Wege finde ich zarte Pflichten, edle Bande, welche mich mit den Besten vereinen, auch ein solches Leben ist einer Fürstin nicht unwerth; mehr als eine hat in früherer Zeit dies Loos gewählt, und die Nachwelt denkt ihrer mit Achtung.«

»Ew. Hoheit meint nicht Königin Christine von Schweden,« versetzte der Obersthofmeister. »Aber auch anderen war solche Wahl selten zum Heil. Denn Ew. Hoheit erwäge, wenn eine Fürstin sich mit weisen Männern umgibt, sie meint dabei immer einen Mann, der ihr der weiseste ist.«

Die Prinzessin schwieg und sah vor sich hin.

»Wir haben lange der Fürstinnen gedacht,« begann der alte Herr, »man darf auch das Schicksal der Männer beachten, welche durch zarte Bande an das Leben einer erlauchten Frau geschlossen werden. Gesetzt, es gelänge, einen Freund zu finden, der ohne unziemliches Fordern mit Selbstverleugnung und völliger Ergebenheit sein Leben den bewegten und wechselvollen Tagen einer Fürstin widmet: viel muß er aufopfern und entbehren. Recht des Mannes ist, daß das Weib sich ihm hingibt; hier soll ein Mann die Kraft, ja auch die Leidenschaft seiner Natur in Fesseln legen für eine Frau, welche nicht ihm gehört, der er nur vorsichtig in einzelnen Stunden nahen darf wie der Freund dem Freunde, die ihn selbst betrachtet als eine gewiß sehr werthvolle Habe, zuerst als schönen Schmuck, zuletzt im besten Fall als nützliches Hausgeräth. Am schlechtesten steht auf diesem Posten der Künstler, der Gelehrte, ich habe immer vor solchem wandelnden Conversationslexikon eines fürstlichen Haushalts Bedauern gefühlt. Auch große Talente gleichen dann den Philosophen des alten Roms, welche mit langem Bart und dem Mantel ihrer Schule im Schweif einer vornehmen Dame durch die Straßen zogen.«

Die Prinzessin stand auf und wandte sich ab.

»Besser allerdings ist die Lage des Mannes,« schloß der Obersthofmeister, »dem seine Persönlichkeit gestattet, das ganze Leben seiner hohen Freundin durch stille Arbeit zu leiten. Aber auch er muß nicht nur selbst das Schönste missen, er wird auch seiner Herrin beim reinsten Willen nicht immer ein Glück sein. Wer mehr sein will als ein treuer Diener, der vermindert die Sicherheit seiner Herrin. Wird solche ritterliche Hingabe angeboten, so mag ein edles Weib zögern, sie anzunehmen; sie hervorzulocken, ziemt einer Fürstin nicht.«

Der Prinzessin stürzten die Thränen aus den Augen, sie wandte sich schnell dem Alten zu. »Ich kenne ein solches Leben,« rief sie, »das in unaufhörlicher Selbstverleugnung drei Frauen unseres Hauses zum Segen war. O mein Vater, ich weiß wohl, was Sie uns gewesen sind, haben Sie Geduld mit Ihrem armen Pflegekinde, ich ringe gegen Ihre Worte, es wird mir schwer, ihnen mein Ohr zu öffnen, und doch weiß ich, Sie sind der einzige sichere Halt, den ich bis jetzt im Leben gehabt habe, Ihre Mahnung der einzige Zuruf, der meine Jugend vor dem Verderben bewahrte.« Wieder faßte sie seine Hand, und ihr Haupt sank an seine Schulter.

»Ich habe Ihre Großmutter geliebt,« erwiederte der alte Herr mit zitternder Stimme, »es war in einer Zeit, wo dergleichen leichtherzig aufgefaßt wurde, ein reines Verhältniß, ich habe für sie gelebt, ich habe ihr täglich entsagt; sie war doch unglücklich, denn sie war Gemahlin eines andern Mannes, und gerade die heiligsten Pflichten wurden ihr durch mein Leben erschwert. Ich habe Ihre Mutter als sorglicher Diener behütet, ich habe doch nicht verhindert, daß sie unglücklich wurde und in dem Gefühl ihres Elends starb. Jetzt halte ich das dritte Geschlecht an meinem Herzen und ich möchte, bevor ich von hier scheide, daß mein Leben und das Leiden der Mütter Ihnen zur Lehre sei. Habe ich je für Sie gesorgt, so thue ich es jetzt, hat mein liebes Kind je aus meinen Worten das Herz eines väterlichen Freundes gefühlt, so soll sie jetzt meinen Rath nicht gering achten, wie nüchtern er auch glänzende Träume störe.«

»Ich will Ihrer Worte denken,« rief die Prinzessin, »ich will mich mühen, zu entsagen, aber, Vater, mein gütiger Vater, es wird mir schwer.«

Der alte Herr rückte sich schnell zusammen und unterbrach ihre Worte. »Es ist genug,« sagte er in der Haltung seines Amtes, »Hoheit haben heut große Nachsicht gegen mich geübt, noch leben Andere, welche auch ihren Antheil an höchster Huld begehren.«

Es klopfte an der Thür, die Kammerfrau trat ein. »Der Diener meldet, daß Fräulein Gotlinde und die Herren im Theezimmer harren.«

»Ich habe mit Sr. Excellenz noch über Geschäfte zu sprechen,« antwortete die Prinzessin leise, »ich lasse Gotlinde bitten, bei unserm Gast meine Stelle zu vertreten.«

Der Abend lag über dem Thurmschloß, die Fledermaus flatterte aus ihrem Schlupfwinkel in der geräumten Kammer, sie zog ihre Kreise im Hofraum des Schlosses und schnalzte verwundert, daß sie in einer leeren Behausung erwacht war. Die Eule flog in die Thurmluke und suchte mit runden Augen nach der alten Stuhllehne, von der sie sonst auf die dummen Mäuse gelauert hatte, und die Totenuhr, die der Gelehrte aus der einsamen Kammer unter die lebenden Menschen hinabgetragen hatte, nagte und tickte auf der Treppe und in den Zimmern des Schlosses. Der Regen schlug an die Mauern und der Sturmwind heulte um den Thurm. Das Weib des Gelehrten fuhr durch die Nacht flüchtig wie ein gehetztes Wild, er aber schritt noch in seinem Zimmer auf und ab und formte träumend aus den gefundenen Blättern die ganze verlorene Handschrift. Und wieder wunderte er sich, daß sie ganz anders aussah, als er seit Jahren gedacht hatte.

Auch um das Fürstenschloß in der Residenz heulte der Wind und große Regentropfen schlugen an die Fenster, auch dort tobten die Gewalten der Natur und forderten Zugang in die feste Burg der Menschen. Säle und geschmückte Zimmer füllte das Dunkel der Nacht wie ein finsterer Rauch, nur die Laternen aus den Anlagen warfen ihren bleichen Schein durch die Fenster, er hing an den Hüllen der Kronleuchter und dem goldenen Zierat der Wände und machte die Oede der menschlichen Räume noch trauriger. Die Schloßuhr rief in melancholischem Schlage durch das Haus, daß die erste Stunde des neuen Tages gekommen sei. Dann wieder Stille, öde Stille überall. Zuweilen knisterte es in dem Parket des Fußbodens, und durch eine geöffnete Scheibe blies der Zugwind in die Vorhänge, welche schwarz um die Fenster hingen wie Leichenschmuck, der aufgesteckt wird beim Begräbniß eines Hausgenossen. Hier und da schien ein spärlicher Strahl aus der Tiefe auf die Bilder an der Wand, dort hingen in der fremden Tracht ihrer Zeit die Ahnen des Fürstenhauses, und wenn bei Tage der Kastellan die neugierigen Fremden durch die Säle geleitete, dann nannte er ihre Namen und sprach die Worte des Lobes über sie, welche er eingelernt hatte. Viele Geschlechter hatten in diesen Räumen gehaust, stattliche Männer und schöne Frauen hatten sich hier im Reigen geschwungen, in goldenen Bechern war der Wein geflossen, gnädige Worte, festliche Rede und das leise Gemurmel der Liebe waren hier gehört worden, der Glanz jeder früheren Zeit war überboten durch reicheren Zierat der späteren. Alles aber war verschwunden und verweht, über den bunten Farben lag die Schwärze der Nacht und des Todes. Die sich einst hier verbeugt und des bunten Gewühls geladener Gäste gefreut, sie alle waren hinabgestiegen zur Tiefe, nichts war geblieben in dieser Stunde als traurige Leere und unheimliche Stille und eine einzelne Gestalt, welche geräuschlos wie ein Geist auf dem glatten Boden dahinschlich. Es war der Herr dieses Schlosses. Das Haupt vorgebeugt wie im Traume, ging er bei den Bildern seiner Ahnen vorüber.

»Das scheue Reh entlief,« flüsterte er, »der Panther sprang zu kurz, heulend schleicht er, das Haupt gesenkt, in seine Kluft zurück. Die große Katze konnte ihre Krallen nicht bergen. Die Jagd ist aus, es ist Zeit, den Hammer dieser Brust in Ruhe zu setzen.«

»Es war nur ein Weib, ein kleines, unbekanntes Menschenleben, aber die Gaunerin Phantasie hat meine Sinne an ihren Leib gebunden, ihr allein gehört, was ich von Wärme und Hingabe für das Menschenvolk übrig habe.« Er blieb vor einem Bilde stehen, auf welches das trübe Licht einer gedämpften Lampe fiel. »Du Alter im Harnisch weißt, wie Einem ums Herz ist, der flüchtig von Haus und Hof zieht und seinem Feind überlassen muß, was ihm lieb war. Als du aus dem Schlosse deiner Väter eiltest, ein heimatloser Flüchtling, verfolgt von der Meute fremder Söldner, da war dir elend zu Muth und du warfst einen wilden Fluch hinter dich. Aermer fühlt sich dein Enkel, der jetzt flüchtig durch das Erbe gleitet, das du ihm hinterlassen, dir blieb die Hoffnung im harten Herzen, ich habe heut Alles verloren, wofür zu athmen der Mühe lohnt. Sie ist meinen Wächtern entflohen. Wohin? Auf den Stein zu ihrem Vater! Fluch der Stunde, wo ich selbst, durch ihre Worte getäuscht, den Knaben in ihre Berge sandte.«

Er schlich weiter. »Die dritte Station auf dem Wege zum Ende,« grübelte er, »ist eitles und nichtiges Spiel und bubenhafte Tücke. So sagte der gelehrte Pedant. Es traf ein, ich bin entstellt zu einem kindischen Zerrbild meiner Natur. Kläglich ist das Geflecht des Netzes, welches ich um ihre Glieder legte, fester Wille vermochte es im Augenblick zu zerreißen. Er hatte Recht, knabenhaft war das Spiel. Durch einen Federbart wollte ich ihn festhalten, und bevor noch die Kunst des Magisters ihre Wirkung gethan, störte ich mir selbst den Erfolg durch die zitternde Hast meiner Leidenschaft. Wenn ihm die Kunde kommt, daß sein Weib entflohen, dann schnürt auch er seine Bücher und höhnt mich in sicherer Ferne. Schlechter Spieler, der an die Spielbank trat mit gutem Vorsatz, Stück um Stück auf das grüne Tuch zu setzen, und der im Wahnsinn den Beutel hinwarf und durch eine Kugel Alles verlor. Fluch über ihn und mich! Er darf nicht von mir, er darf sie nicht sehen. Doch was nützt ihn zu halten, wenn ich nicht seine Glieder in Eisen schmiede oder seinen Leib da unten berge, wo wir alle geborgen werden, wenn die Andern Macht erhalten, sich unser zu entledigen. Du lügst, Professor, wenn du mich deinen alten Kaisern vergleichst. Mir graut bei dem Gedanken an Dinge, die jene lachend thaten, und mein Hirn weigert sich zu denken, was einst ein kurzer Wink der Hand befahl.«

»Eine Kugel und ein Würfel für zwei,« fuhr er fort, »das ist ein lustiges Spiel, von Meinesgleichen erfunden. Wie’s trifft, der Eine fällt, der Andere springt davon. Wir würfeln, Professor, wer von uns beiden dem Gegner diesen letzten Dienst erweist. Und ich werde dir zunicken, du Träumer, wenn ich der Glückliche bin, der zur Ruhe gebracht wird.«

»Reicht dein Witz aus, Philosoph, dein Schicksal vorauszusehen, wie jenem alten Sterndeuter gelang, den dein Tiberius nach der eigenen Zukunft frug? Laß uns versuchen, wie weise du bist.«

Er stand wieder still und sah unruhig auf die dunklen Bilder. »Ihr schüttelt mit den Köpfen, ihr Alten an der Wand, mancher von euch hat gethan, was Anderen leid wurde, ihr seid alle ehrenvoll eingesargt mit Trauermarschall und Leichenpferd, man hat Lieder gesungen euch zu Ehren und die Gelehrten haben lateinische Wehklagen geschmiedet und geseufzt, daß der goldene Regen aufhörte, der aus eurer Hand auf sie herabfiel. Dort steht einer von euch,« rief er und sah mit starrem Auge in einen Winkel, »dort schwebt der Wehegeist heran, der schwarze Schatten, der durch dieses Haus fährt, wenn das Unglück naht, die Schuld und die Buße. Es fährt dahin, die Narren zu schrecken, wesenlos, ein Spuk meiner kranken Laune. Ich sehe, wie es die Hand hebt, es scheucht, und mir graut vor der Malerei meines Gehirns. Hinweg,« rief er laut, »hinweg! Ich bin der Herr des Hauses!« Er lief durch die Zimmer und strauchelte, der schwarze Schatten eilte hinter ihm. Der Fürst stürzte auf den Fußboden.

Er rief laut nach Hilfe in dem öden Raum. Als der vertraute Diener aus dem Vorzimmer des Fürsten herzueilte, fand er seinen Herrn auf der Erde liegen. »Ich hörte einen gellenden Ruf,« rief der Fürst, sich wild erhebend, »wer hat geschrieen über meinem Haupt?«

Der Diener versetzte zitternd: »Ich weiß nicht, wer es war, ich hörte den Ruf und eilte herbei.«

»Ich war es wohl selbst,« sagte der Fürst tonlos, »mich überkam die Schwäche.«

Am frühen Morgen rief der Professor den Kastellan und stürmte die Thurmtreppe hinauf, er fuhr in der Kammer umher und rückte an Bohlen und Bretern, er fand manchen vergessenen Kasten, nicht den, welchen er suchte. Er ließ den Kastellan jeden Nebenraum des Schlosses öffnen, schritt durch die Böden und Keller, nirgend eine Spur. Er suchte bei dem Förster, welcher in einem Nebenhause wohnte, auch dieser wußte keine Auskunft zu geben. Als der Gelehrte wieder in sein Zimmer trat, legte er das Haupt auf seine Hände. Aber er schalt sich und bändigte sich. »Zu sehr habe ich die kühle Umsicht verloren, welche Fritz die höchste Tugend des Sammlers nennt. Gewöhne dich an den Gedanken, zu entsagen und prüfe ruhig die Hoffnung, welche noch dauert. Sei auch nicht undankbar für das Wenige, das du gewonnen.« Aber ihm wurde schwer, bei den gefundenen Blättern zu verweilen, und er ging wieder sinnend auf und ab. Er hörte Stimmen im Hofe, eiliges Laufen in dem Gange, endlich meldete ein Lakai die Ankunft des Fürsten, und daß dieser den Professor beim Frühstück zu sehen wünsche.

An der Thurmseite, welche der Morgensonne entgegenlag, war unter blühendem Gesträuch die Tafel gedeckt. Als der Professor unter das Dach trat, welches die Stelle vor Regen und Sonnenstrahlen schützte, fand er neben der Dienerschaft auch die Forstbeamten aufgestellt, und außer dem Marschall den Obersthofmeister, welcher unruhiger als der Professor die plötzliche Ankunft des Fürsten bedachte.

Der alte Herr näherte sich dem Gelehrten und sprach Gleichgültiges. »Wie lange gedenken Sie hier zu bleiben?« frug er verbindlich.

»Ich werde um Erlaubniß bitten, in der nächsten Stunde nach der Stadt abzureisen, ich bin fertig.«

Es währte lange, bis die Herrschaften kamen. Als der Fürst aus der Thür trat, fiel sein leidendes Aussehen allen Anwesenden auf, seine Bewegungen waren hastig, die Züge verstört, die Blicke fuhren unstät über die Gesellschaft. Er wandte sich zuerst mit harter Frage an den Förster. »Wie durften Sie das widrige Geschrei der Dohlen am Thurme leiden? Es ware Ihre Sache, dort aufzuräumen.«

»Ihre Hoheit, die Frau Prinzessin, hatte in vorigem Sommer für die Vögel gebeten.«

»Mir ist der Ton unerträglich,« sagte der Fürst, »bringen Sie Gewehre und machen Sie sich bereit, einigemal darunter zu schießen.«

Da der Verbrauch von Jagdpulver zu den regelmäßigen Landfreuden des Hofes gehörte, und der Fürst auch in der Umgebung des Schlosses gern selbst einmal auf einen Raubvogel oder ein anderes lockendes Ziel sein Gewehr richtete, fand der Hof diesen Auftrag weniger hart als der Gelehrte.

Der Fürst wandte sich an den Obersthofmeister. »Ich bin überrascht, Excellenz hier zu finden, ich wußte nicht, daß auch Sie sich für dies Stillleben Urlaub ertheilt haben.«

»Mein gnädigster Herr dürfte überrascht sein, wenn ich meine Pflicht nicht gethan hätte. Es war meine Absicht, Eurer Hoheit noch heute in der Residenz über das Befinden der Frau Prinzessin zu berichten.«

»Also darum!« bemerkte der Fürst spöttisch, »ich hatte vergessen, daß mein Obersthofmeister seines Wächteramtes nicht müde wird.«

»Ein Amt, das man fast ein halbes Jahrhundert im Dienst des erlauchten Hauses geübt hat, wird zur Gewohnheit,« erwiederte der Obersthofmeister. »Ew. Hoheit haben den Eifer eines Dieners, der sich gern nützlich machen möchte, sonst mit Nachsicht beurtheilt.«

Der Fürst wandte sich an den Hofmarschall und frug mit gedämpfter Stimme: »Will er bleiben?«

Der Hofmarschall versetzte gedrückt: »Es war kein Versprechen, nicht einmal ein Wunsch aus ihm zu holen.«

»Ich wußte es bereits,« unterbrach der Fürst rauh. Er kehrte sich zu dem Professor und zwang sich heftig zu freundlicher Miene, als er sagte: »Ich habe von meiner Tochter gehört, welchen Verlauf Ihr Feldzug gegen Stuhlbeine genommen hat. Ich wünsche darüber noch mit Ihnen allein zu sprechen.«

Man nahm Platz. Der Fürst starrte vor sich hin und trank einige Gläser Wein, auch die Prinzessin saß schweigend, es war eine einsilbige Unterhaltung. Nur der Obersthofmeister wurde gesprächig, er frug nach einer Büste Winckelmanns und sprach von dem lebhaften Antheil, welchen die Nation jedem ungewöhnlichen Schicksal ihrer geistigen Führer zuwendet.

»Es muß doch ein angenehmes Gefühl sein,« sagte er verbindlich zum Professor, »gewissermaßen von der ganzen gebildeten Welt gehütet zu werden. In hundert Fällen vergeht das Privatleben unserer großen Gelehrten ohne besondere Ereignisse und doch beschäftigt sich unser Volk so gern mit dem Lebenslauf der Geschiedenen. Wen ein günstiger Zufall mit Herren Ihresgleichen in Berührung setzt, der mag sich vorsehen, daß er nicht unter den Händen später Biographen für alle Ewigkeit mit einem entstellenden Strich versehen wird. Ich gestehe,« fügte er lächelnd hinzu, »daß diese Scheu mich mancher lehrreichen Bekanntschaft beraubt hat.«

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Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
Hacim:
1020 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
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