Kitabı oku: «Soll und Haben, Bd. 1 (2)», sayfa 29
»Kommt,« sagte Anton und wies mit der Hand die Straße hinab. So führte er den Willenlosen wie einen Gefangenen mit sich fort und verwandte kein Auge von ihm, weil er befürchtete, daß Schmeie den Rathschlägen seines bösen Gewissens folgen und in eine Seitengasse entlaufen könnte.
Der Galizier hatte nicht den Muth dazu, er schlich mit gesenktem Haupt neben Anton her, sah ihn zuweilen seufzend an und gurgelte unverständliche Worte vor sich hin. Auf Antons Zimmer fing er aus freien Stücken an: »Es ist mir gewesen eine Last auf meinem Herzen, ich habe nicht können schlafen, ich habe nicht können essen und trinken, und wenn ich gelaufen bin, um zu machen ein Geschäft, so hat es mir in der Seele gelegen, wie ein Stein in einem Glase: wenn man trinken will, fällt der Stein auf die Zähne, und man beschüttet sich mit Wasser. Weh! was habe ich mich beschüttet!«
»So redet,« sagte Anton, wieder erweicht durch die aufrichtige Klage.
»Ich bin hergekommen wegen der Wagen,« fuhr Tinkeles hastig fort und sah Anton furchtsam an. »Der Mausche hatte doch mit Ihnen gehandelt seit zehn Jahren, und immer ehrlich, und Sie haben verdient ein gutes Stück Geld an ihm; und da hat er gemeint, daß jetzt gekommen wäre die Zeit, wo er anfangen könnte ein großes Geschäft und mit Ihnen seine Abrechnung machen.« Und wie losgegangen ist das Geschrei und das Geschmuse, da ist er zu mir gekommen und hat zu mir gesagt: »Schmeie,« sagt' er, »du hast keine Furcht,« sagt' er. »Laß sie schießen und gehe unter sie und sieh, daß du anhältst die Wagen für mich. Vielleicht kannst du sie verkaufen unterwegs, vielleicht bringst du mir sie zurück, es ist immer besser, wir haben sie, als es hat sie ein Anderer.« »So bin ich hergekommen und habe gewartet, bis die Wagen angekommen sind, und habe gesprochen mit dem Wirth, weil die Waaren doch nicht würden kommen in Ihre Hände, wäre es am besten, sie kämen wieder in unsere. Aber daß der Wirth soll sein ein solcher Blutmensch, das habe ich nicht gewollt und habe ich nicht gewußt, und seit ich habe gesehen, wie er Ihrem Herrn hat aufgeschnitten den Rock, habe ich keine Ruhe gehabt, und ich habe immer gesehn vor mir das blutige Hemd und das feine Tuch von seinem grünen Rock, welches entzwei geschnitten war.«
Anton hörte die Geständnisse des Tinkeles mit einem Interesse an, welches den Widerwillen überwog, den er gegen das – nicht seltene – Manöver der galizischen Händler empfand. Er begnügte sich, dem Sünder zu sagen: »Eurer Schurkerei verdankt Herr Schröter seinen wunden Arm, und wären wir Euch nicht in die Quere gekommen, so hättet Ihr uns zwanzigtausend Thaler gestohlen.«
»Es sind nicht zwanzigtausend,« rief Schmeie sich windend, »die Wolle steht schlecht, und mit Talg ist nichts zu machen. Es sind weniger als zwanzig.«
»So,« sagte Anton verächtlich, »und was werde ich jetzt mit Euch thun?«
»Thun Sie nichts mit mir,« bat Schmeie beweglich und legte seine Hand bittend auf Antons Rock. »Lassen Sie schlafen die ganze Geschichte. Sie haben die Waaren, seien Sie damit zufrieden. Es ist ein schönes Geschäft, das der Mausche Fischel nicht hat machen können, weil Sie ihn haben daran gehindert.«
»Es thut Euch noch leid?« erwiederte Anton erzürnt.
»Es ist mir recht so, daß Sie die Waaren haben,« sagte der Jude, »denn Sie haben vergossen Ihr Blut darüber. Und deßhalb thun Sie nichts mit mir; ich will sehen, daß ich Ihnen kann in andern Sachen zu Gefallen sein. Wenn Sie etwas zu thun haben hier am Ort für mich, es wird mir sein eine Beruhigung, daß ich Ihnen kann zu etwas verhelfen.«
Anton antwortete kalt: »Wenn ich Euch auch versprochen habe, Eure Spitzbüberei dem Gericht nicht anzuzeigen, so können wir doch mit Euch kein Geschäft mehr machen. Ihr seid ein schlechter Mensch, Tinkeles, und habt Euch gegen unser Haus unredlich bewiesen. Wir sind von jetzt ab geschiedene Leute.«
»Warum sagen Sie mir, daß ich ein schlechter Mensch bin?« klagte Tinkeles; »Sie haben mich gekannt als ehrlichen Mann seit Jahren, wie können Sie sagen, daß ich schlecht bin, weil ich habe einmal machen wollen ein Geschäft, und habe dabei Unglück gehabt und hab's nicht gemacht? Ist das schlecht?« —
»Es ist genug,« sagte Anton, »Ihr könnt jetzt gehen.« Tinkeles blieb stehen und frug: »Können Sie vielleicht brauchen neue kaiserliche Ducaten? Ich kann sie Ihnen besorgen mit fünf und ein Viertel« – »Ich will nichts von Euch,« sagte Anton, »geht.«
Der Jude ging zögernd bis zur Thür und drehte wieder um. »Es ist zu machen ein schönes Geschäft mit Hafer, wenn Sie wollen mit übernehmen die Lieferung, ich will Ihnen einen Theil verschaffen: es ist dabei zu verdienen ein rares Geld.«
»Ich mache keine Geschäfte mit Euch, Tinkeles; geht in Gottes Namen.«
Der Jude schlich hinaus: noch einmal kratzte es an der Thür, aber das Gewissen war in dem Schelm so mächtig geworden, daß er sich nicht mehr in das Zimmer traute. Nach einigen Minuten sah Anton, wie er schwermüthig quer über die Straße ging.
Seit diesem Tage wurde Anton durch den reuigen Tinkeles in Belagerungszustand gesetzt. Kein Tag verlief, wo der Galizier sich nicht an Anton herandrängte und in seiner Weise Versöhnung mit ihm suchte. Bald überfiel er ihn auf der Straße, bald störte sein unsicheres Klopfen den Beschäftigten am Schreibtisch, immer aber hatte er etwas anzubieten, oder Neues mitzutheilen, wodurch er Gnade zu erwerben hoffte. Rührend war seine Erfindungskraft, er erbot sich, alles Mögliche für Anton zu kaufen, oder zu verkaufen, jede Art von Geschäftsgängen zu machen, zu spioniren und zuzutragen. Und als er entdeckte, daß Anton auch mit Offizieren verkehrte, und daß besonders ein junger Lieutnant mit zartem Gesicht und einem kleinen Bart zuweilen mit Anton aus der Restauration ging und die Wohnung desselben besuchte, da fing Tinkeles an, auch solche Gegenstände anzubieten, die nach seiner Meinung für einen Offizier angenehm sein mußten. Anton blieb zwar dabei, jedes Geschäft mit dem Sünder zu vermeiden, konnte aber zuletzt nicht mehr über's Herz bringen, den armen Teufel rauh zu behandeln, und Tinkeles erkannte aus manchem unterdrückten Lächeln oder aus kurzen Fragen Antons, daß seine Fürsprache beim Chef des Hauses nicht unmöglich sei. Und er warb darum mit der Ausdauer seines Ahnherrn Jakob.
An einem Morgen klirrte der junge Rothsattel in Antons Zimmer. »Ich werde krank gemeldet, habe starken Katarrh und muß in meinem trostlosen Quartier bleiben,« sagte er, sich auf dem Sopha niederlassend. »Sie können mir heut Abend helfen die Zeit vertreiben. Wir spielen eine Partie Whist. Ich habe noch unsern Doctor und einen und den andern Kameraden dazu aufgefordert. Werden Sie kommen?« – Erfreut und ein wenig geschmeichelt sagte Anton zu. »Gut,« fuhr der junge Herr fort, »dann müssen Sie mir auch die Möglichkeit geben, mein Geld an Sie zu verlieren; das elende Vingt-un hat mir die Taschen rein ausgefegt. Leihen Sie mir auf acht Tage zwanzig Ducaten.« »Mit Vergnügen,« sagte Anton und suchte eilig seine Börse hervor.
Als der Lieutnant das Geld nachlässig in seine Tasche steckte, klang auf der Straße der Hufschlag eines Pferdes; schnell trat er an das Fenster. »Wetter, das ist eine hübsche Katze, polnisches Blut, der Roßkamm hat sie einem der Rebellen gestohlen und will jetzt einen ehrlichen Soldaten damit anführen.«
»Woher wissen Sie, daß das Pferd zu verkaufen ist?« frug Anton, der unterdeß am Schreibtisch einen Brief siegelte.
»Sehen Sie nicht, daß ein Gauner das Thier im Parademarsch vorbeiführt?«
In dem Augenblick klopfte es leise an der Thür, und Schmeie Tinkeles schob zuerst sein lockiges Haupt und darauf den schwarzen Kaftan in die Stube und gurgelte unterwürfig: »Ich wollte die gnädigen Herren fragen, ob sie vielleicht wollen ansehen ein Pferd, welches so viel Louisd'or werth ist, als es Thalerstücke kostet. – Wenn Sie doch nur gehen wollten bis an das Fenster, Herr Wohlfart, Sie sollen es ja nur ansehen; sehen ist nicht kaufen.«
»Ist diese Gestalt einer von Ihren Geschäftsfreunden, Wohlfart?« frug der Lieutnant lachend.
»Er ist es nicht mehr, Herr von Rothsattel,« antwortete Anton in demselben Ton, »er ist in Ungnade gefallen. Diesmal gilt sein Besuch Ihnen. Nehmen Sie sich in Acht, er wird Sie verführen, das Pferd zu kaufen.«
Der Händler hörte aufmerksam der Unterredung zu und heftete seinen Blick neugierig auf den Lieutnant. »Wenn der gnädige Herr Baron will kaufen das Pferd,« sagte er zudringlich zu dem Lieutnant tretend und denselben unverrückt anstarrend, »so wird es ein schönes Reitpferd sein auch auf dem Gut in Ihrer Wirthschaft.«
»Was zum Henker weißt du von meinem Gut?« sagte der Lieutnant; »ich habe kein Gut!«
»Kennt Ihr diesen Herrn?« frug Anton.
»Warum soll ich ihn nicht kennen, wenn er es ist, welcher das große Gut hat in Ihrem Lande und jetzt gebaut hat eine Fabrik, worin er macht Zucker aus Viehfutter.«
»Er meint Ihren Herrn Vater,« sagte Anton zum Lieutnant; »Tinkeles hat seine Verbindung auch in unserer Provinz und hält sich oft Monate bei uns auf.«
»Was ich höre!« rief der Galizier nachdenkend, »es ist der Vater von dem Herrn Offizier. Um Vergebung, Herr Wohlfart, also Sie sind bekannt mit dem Herrn Baron, welcher ist der Vater von diesem Herrn!« – Um den Schnurrbart des Lieutnant zuckte ein Lächeln.
»Ich habe den Vater dieses Herrn wenigstens gesehen,« antwortete Anton, unwillig über die zudringliche Frage des Händlers und darüber, daß er das Erröthen seiner Wangen fühlte.
»Und um Vergebung, wenn ich fragen darf, Sie kennen den Herrn Offizier genau, wie man kennt einen jungen Freund – «
»Was geht Euch das an, Tinkeles?« frug Anton barsch und erröthete noch tiefer, weil er auf die Frage nicht so recht zu antworten wußte.
»Ja, er ist mein guter Freund, Jude,« sagte der Lieutnant, auf Antons Schulter schlagend. »Er ist mein Cassirer, er hat mir heute erst zwanzig Ducaten geborgt und wird mir kein Geld geben, um dein Pferd zu kaufen. Also geh zum Teufel.«
Der Händler lauschte mit vorgebogenem Hals auf jedes Wort des Offiziers und sah die jungen Männer mit einer Neugierde, und wie Anton zu bemerken glaubte, mit einer Theilnahme an, welche von seinem gewöhnlichen lauernden Wesen verschieden war. »Also zwanzig Ducaten hat er Ihnen geborgt,« wiederholte er mechanisch, »er wird Ihnen auch mehr borgen, wenn Sie mehr von ihm verlangen. Ich weiß,« murmelte er, »ich weiß.«
»Was wißt Ihr?« frug Anton.
»Ich weiß doch, wie es ist unter jungen Herren, welche gut Freund mit einander sind,« sagte der Händler mit einer nachdrücklichen Bewegung des Kopfes. »Also Sie können das Pferd nicht brauchen, Herr Wohlfart? So empfehle ich mich Ihnen, Herr Wohlfart.« Bei diesen Worten kehrte er kurz um und verschwand. Gleich darauf hörte man das Pferd im Trabe fortreiten.
»Ist das ein verrückter Kerl!« rief der Lieutnant, dem Davoneilenden nachsehend.
»Er ist sonst nicht so schnell bereit, sich zu entfernen,« erwiederte Anton, verwundert über das räthselhafte Benehmen des Geschäftsmannes. »Wahrscheinlich hat Ihre Uniform seinen Abgang beschleunigt.«
»Ich hoffe, sie hat Ihnen einen Gefallen gethan. Also heut Abend,« sagte der Lieutnant grüßend und verließ das Zimmer.
Am Nachmittag tönte wieder das leise Klopfen an Antons Thür, Tinkeles erschien auf's Neue. Er sah sich vorsichtig in der Stube um und trat, ohne auf Antons finstere Stirn zu achten, nahe an ihn heran. »Erlauben Sie mir zu fragen,« sprach er mit vertraulichem Kopfschütteln, »ist es in der Wahrheit, daß Sie ihm geborgt haben zwanzig Ducaten, und daß Sie ihm geben würden noch mehr, wenn er mehr haben wollte?«
Anton sah den Händler erstaunt an und sagte aufstehend: »Ich habe ihm das Geld gegeben und werde ihm noch mehr geben. Und jetzt sagt Ihr mir gerade heraus, was Euch im Kopfe herumgeht. Denn ich sehe, Ihr habt mir etwas mitzutheilen.«
Tinkeles machte ein schlaues Gesicht und zwinkerte bedeutungsvoll mit den Augen. »Wenn er auch ist Ihr guter Freund, so nehmen Sie sich doch in Acht, daß Sie ihm borgen kein Geld. Wissen Sie was, borgen Sie ihm keinen Gulden mehr,« wiederholte er nachdrücklich.
»Und weßhalb nicht?« frug Anton. »Euer guter Rath ist mir nichts werth, wenn ich nicht weiß, aus welchen Gründen Ihr mich warnt.«
»Und wenn ich Ihnen sage, was ich weiß, wollen Sie dann sprechen für mich bei Herrn Schröter, daß er nicht mehr denkt an die Frachtwagen, wenn er mich sieht in Ihrem Comtoir?« frug der Jude schnell.
»Ich will ihm sagen, daß Ihr mir seit der Zeit in anderer Weise ehrlich gedient habt. Was er dann thun wird, steht bei ihm,« erwiederte Anton eben so schnell.
»Sie werden sprechen für mich,« sagte der Händler, »das ist mir genug. Und Sie sollen hören, was Ihnen erhalten kann Ihr gutes Geld. – Es steht faul mit dem Rothsattel, dem Vater dieses jungen Menschen, sehr faul; das Unglück hält über ihn eine schwarze Hand. Er ist ein verlorner Mensch. Es ist ihm nicht zu helfen.«
»Woher habt Ihr diese Nachricht?« rief Anton erschrocken. »Es ist unmöglich,« setzte er ruhiger hinzu, »es ist eine Unwahrheit, Geschwätz von Winkelagenten und ähnlichem Volk.«
»Glauben Sie meiner Rede,« sprach der Jude mit einem eindringlichen Ernst, welcher seine Figur größer machte und sogar seine Sprache weniger mißtönend. »Sein Vater ist unter den Händen von Einem, der heimlich wandelt wie ein Engel des Verderbens. Er geht und legt seinen Strick um den Hals der Menschen, die er bezeichnet hat, ohne daß ihn Einer sieht. Er zieht den Strick zu, und sie fallen um, wie die hölzernen Kegel. Warum wollen Sie Ihr Geld verlieren an solche Leute, die schon tragen die Schlinge am Halse?«
»Wer ist der Teufel, den Ihr meint, wer hat den Baron in Händen?« rief Anton in einer Aufregung, welche ihn alle Vorsicht vergessen ließ.
»Was nützt der Name,« erwiederte der Galizier kalt. »Wenn ich auch wüßte den Namen, so würde ich ihn doch nicht sagen, und wenn ich ihn sage, es kann Ihnen nichts helfen und dem Rothsattel auch nicht, denn Sie kennen den Mann nicht, und Ihr Baron kennt ihn vielleicht auch nicht.«
»Ist dieser Mann Ehrenthal?« frug Anton.
»Ich kann den Namen nicht sagen,« wiederholte der Händler mit einem Achselzucken, »aber der Hirsch Ehrenthal ist es nicht.«
»Wenn ich Euren Worten glauben soll, und wenn Ihr mir damit einen Dienst leisten wollt,« fuhr Anton ruhiger fort, »so müßt Ihr mir Genaues mittheilen. Ich muß den Namen dieses Mannes wissen, und ich muß Alles wissen, was Ihr über ihn und den Freiherrn gehört habt.«
»Nichts habe ich gehört,« antwortete der Händler verstockt, »wenn Sie mich fragen wollen, wie die Gerichte fragen. Eine Rede, die gesprochen, verfliegt in der Luft, wie ein Geruch, der Eine fängt das auf, der Andere jenes. Ich kann Ihnen nicht sagen die Worte, die ich gehört habe, und ich will sie nicht sagen um vieles Geld. Ich will nicht die Hand legen an meine Gebetschnüre und vor Gericht zeugen. Was ich spreche, ist gut für Ihr Ohr und für kein anderes. Ihnen aber sage ich, daß Zwei haben zusammen gesessen nicht einen Abend, viele Abende, und nicht in einem Jahre, sondern mehrere Jahre, und sie haben leise mit einander gemurmelt in unserer Herberge hinten an dem Geländer, wo unten das Wasser läuft. Und das Wasser hat gemurmelt unten, und sie haben gemurmelt oben über dem Wasser. Ich lag in der Stube auf meinem Strohsack, daß sie glaubten, ich schliefe. Und oft habe ich gehört aus dem Munde von Beiden den Namen Rothsattel und den Namen von seinem Gute. Und ich weiß, daß ein Unglück über ihm steht, aber weiter weiß ich nichts. Und jetzt ist es gesagt und ich werde gehen. Der gute Rath, den ich Ihnen gegeben habe, soll sein Ihre Bezahlung für den Tag, wo Sie gefochten haben mit einer Pistole für die Wolle und für die Häute. Und Sie werden denken an das Versprechen, das Sie mir gegeben haben.«
Anton sah besorgt vor sich nieder. Durch Bernhard wußte er, daß der Freiherr mit Ehrenthal in vielfacher Verbindung stand, und dieser Verkehr des Gutsbesitzers mit dem übelberüchtigten Speculanten war ihm schon oft auffallend erschienen. Aber was Tinkeles sagte, klang doch zu unglaublich, er selbst hatte nie etwas Ungünstiges über die Verhältnisse des Freiherrn gehört. »Bei dem, was Ihr mir heut erzählt habt,« sprach er nach einer Weile, »kann ich mich nicht beruhigen. Ihr werdet Euch besinnen, vielleicht erinnert Ihr Euch an die Namen und einzelnen Worte, die Ihr gehört habt.«
»Vielleicht werde ich mich erinnern,« erwiederte der Galizier mit einem eigenthümlichen Ausdruck, der dem bekümmerten Anton entging. »Und so haben wir geschlossen unsere Rechnung, ich habe Ihnen Sorge gemacht und Gefahr, dafür habe ich Ihnen jetzt gethan einen Gefallen. Einen großen Gefallen,« setzte er selbstgefällig in das betroffene Gesicht Antons blickend hinzu. – »Können Sie gebrauchen Louisd'or gegen Banknoten?« frug er plötzlich im Geschäftston; »ich kann Ihnen lassen Louisd'or, wenn Sie mir dafür geben Ducaten oder Banknoten.«
»Ihr wißt, ich mache keine Geldgeschäfte,« antwortete Anton zerstreut. – »Vielleicht können Sie abgeben Wiener Wechsel auf gute Häuser?« – »Ich habe keine Wechsel abzugeben,« sagte Anton ärgerlich.
»Gut,« sagte der Jude, »eine Anfrage beißt Niemanden,« und wandte sich zum Gehen. An der Thür hielt er noch einen Augenblick an. »Dem Seligmann, der das Pferd hat vorgeführt für die Herren und hat auf die Herren gewartet einen ganzen halben Tag, habe ich geben müssen zwei Gulden Münz. Es ist eine baare Auslage, die ich gehabt habe für Sie, wollen Sie mir nicht wiedergeben meine zwei Gulden?«
»Gott sei Dank!« rief Anton wider Willen lächelnd, »jetzt seid Ihr wieder der alte Tinkeles. Nein, Schmeie, die zwei Gulden bekommt Ihr nicht.«
»Und Sie wollen mir nicht abnehmen die Louisd'or gegen Papier auf Wien?«
»Auch nicht,« erwiderte Anton.
»Adjes,« sagte Tinkeles. »Wenn ich Sie wiedersehe, sind wir gut Freund mit einander.« Er ergriff die Klinke. »Und wenn Sie wissen wollen den Namen von diesem Mann, der den Rothsattel so herunterbringen kann, daß er klein wird, wie das Gras auf der Landstraße, wo Jedermann tritt darauf, so fragen Sie nach dem Buchhalter von Hirsch Ehrenthal, mit Namen Itzig. Veitel Itzig wird sein der Name.« Bei diesen Worten eilte Tinkeles zur Thür hinaus. Anton sprang ihm nach, aber der Händler hörte nicht auf sein Rufen und war aus der Hausthür geschlüpft, bevor Anton ihn einholen konnte. Da gegründete Aussicht war, ihn in Kurzem wieder zu sehen, so ging Anton, sehr beschäftigt durch die Geständnisse des wunderlichen Heiligen, auf sein Zimmer zurück.
Was er gehört hatte, mußte er sogleich dem Sohne des Freiherrn mittheilen. Er sagte sich, daß bei dem großen Zartgefühl seines militärischen Freundes diese Mittheilung schwierig sei. »Aber es muß geschehen, noch heut Abend ziehe ich ihn bei Seite, ich gehe zeitig zu ihm, oder bleibe beim Aufbruch zurück.«
Diesem guten Vorsatz gönnte das Schicksal eine bequeme Ausführung nicht. So früh Anton auch in das Quartier des jungen Rothsattel eilte, er fand doch die Stube bereits durch fünf bis sechs Husarenlieutnants besetzt. Eugen lag in seinem Schlafrock auf dem Sopha, die Escadron lagerte um ihn herum. Gleich nach Anton trat der Doctor ein. »Wie geht's?« frug dieser zum Kranken tretend.
»Gut genug,« erwiederte Eugen; »ich brauche Ihre Giftpulver nicht.«
»Etwas Fieber,« fuhr der Doctor fort, »eingenommener Kopf und so weiter. Es ist zu heiß hier, ich schlage vor, das Fenster zu öffnen.«
»Beim Teufel, das werden Sie nicht, Doctor,« rief ein junger Herr, der sich aus zwei Stühlen eine Art Bank zusammengerückt hatte. »Sie wissen, daß ich außer dem Dienst keinen Zug vertragen kann.« – »Lassen Sie zu,« rief Eugen, »wir sind Homöopathen, die Wärme vertreiben wir durch Wärme. Was trinken wir?«
»Irgend ein Punsch wird für den Patienten immer noch am gesündesten sein,« sagte der Doctor.
»Holen Sie die Ananas, bester Anton, sie liegt mit dem ganzen Apparat hier nebenan,« bat Eugen.
»Ei,« rief der Doctor, als Anton die Frucht und der Bursch einen Korb Wein hereinbrachten, »ein süßer Coloß, ein ausgezeichnetes Exemplar. Mit Verlaub, ich mache den Punsch, die Mischung muß nach dem Zustand des Patienten eingerichtet werden.« Er griff nach seiner Tasche, brachte ein schwarzes Besteck hervor und suchte ein Messer zum Zerschneiden der Früchte.
»Alle Wetter! plagt Sie der Teufel! Zum Henker mit Ihrem Besteck!« riefen sämmtliche Husarenoffiziere aufspringend. Wie Heckenfeuer fuhren die Verwünschungen um das Haupt des Doctors.
»Meine Herren,« rief der Doctor, nur wenig eingeschüchtert durch den Sturm des Unwillens, »hat Einer von Ihnen ein Messer? Sehen Sie nicht erst nach, ich weiß, Keiner hat eins. Spiegel und Bürste, weiter darf man in Ihren Taschen doch nichts suchen. Und versteht Einer von Ihnen eine Bowle zu machen, die ein Mann von Herz und Welt trinken kann? Austrinken, ja, aber machen können Sie nichts.«
»Ich will's versuchen, Doctor,« sagte Bolling aus einer Ecke.
»Ah, Herr von Bolling, Sie auch hier?« erwiederte der Doctor mit einer Verbeugung.
Bolling nahm ihm die Ananas aus der Hand und hielt sie sorgfältig aus dem Bereich des medicinischen Armes. »Kommen Sie, Anton,« rief er, »und verhüten Sie, daß dieses Ungeheuer von Doctor mit seinem Tranchirmesser dem Getränk zu nahe kommt.«
Während Anton mit dem älteren Lieutnant in eifriger Thätigkeit war, zog der Doctor zwei Spiele Karten aus der Tasche und legte sie feierlich auf den Tisch.
»Fort mit Ihren Karten,« rief Eugen, »heut wenigstens wollen wir ohne Sünde beisammen bleiben.«
»Sie können's ja nicht,« spottete der Doctor, »Sie selbst sind der Erste, der darnach greifen wird. Ich beabsichtigte nichts, als ein ruhiges Whist mit stabilem Paré nach rechts und links, ein Spiel für fromme Einsiedler. Was Sie aber mit diesen Karten anfangen, das wird die Zeit lehren. Hier liegen sie beim Leuchter.«
»Hört nicht auf den Versucher,« rief einer der Lieutnants lachend.
»Wer die Karte zuerst anfaßt, zahlt ein Frühstück zur Strafe,« ein anderer.
»Hier ist der Trank,« sagte Bolling und trug die Bowle auf den Tisch. Er goß ein. »Kosten Sie, Blutmensch,« sagte er zu dem Doctor.
»Roh,« entschied dieser, »morgen Abend wird sie trinkbar sein.«
Während die Herren sich über das Getränk stritten, griff Eugen nach einem Spiel Karten und zog es mechanisch in zwei Häufchen ab, die er neben einander legte. Der Doctor rief: »Halt, gefangen! Er selbst zahlt die Strafe.« Alles lachte und drängte an den Tisch. »Die Bank, Doctor,« riefen die Offiziere, sie warfen ihm die Karten zu, schnell kamen einige andere Spiele aus den Taschen der Herren ans Licht, der Doctor legte ein Häufchen Papier und Silber auf den Tisch, das Spiel begann. Man pointirte nicht gerade hoch, kurze Scherze begleiteten den Gewinn und Verlust der Spieler. Auch Anton ergriff eine Karte und setzte ohne Aufmerksamkeit. Er vermochte heut nur mit Mühe an der Unterhaltung Theil zu nehmen und sah mit inniger Theilnahme auf den jungen Rothsattel, der sich ahnungslos über die Karten beugte. Anton gewann einige Thaler, aber mit Mißbehagen bemerkte er, daß Eugen endloses Unglück hatte. Ein Ducaten nach dem andern flog in die Casse des Bankhalters. Da Anton bei dem Verlust seines Wirthes nicht ganz unbetheiligt war, so machte er keine Bemerkung darüber, aber der Doctor selbst sagte zu seinem Patienten, nachdem er wieder einige Ducaten eingestrichen hatte: »Sie sind heiß geworden, Sie haben Fieber, es wäre am klügsten, wenn Sie nicht mehr spielten, ich habe noch nie einen Fieberkranken gehabt, der nicht im Pharao verloren hätte.«
»Das geht Sie nichts an, Doctor,« erwiederte Eugen heftig und setzte wieder.
»Du hast Unglück, Eugen,« rief der gutmüthige Bolling, »du gehst wieder zu sehr ins Geschirr.«
Als der Abzug beendet war, nahm der Doctor die Karten und steckte sie gemüthlich in die Tasche. »Die Bank hat stark gewonnen,« sagte er, »aber ich höre doch auf, es ist genug des Guten.«
Wieder erhob sich ein Sturm unter den Offizieren. »Ich will Bank legen,« rief Eugen, »geben Sie mir Ihre Casse, Wohlfart.«
Der Doctor protestirte, endlich beruhigte er sich mit der Ansicht, »vielleicht hat er Glück als Bankier, man muß dem Menschen nicht die Gelegenheit entziehen, eine Scharte auszuwetzen.«
Anton holte einige Cassenbillets aus der Tasche und legte sie schweigend vor Eugen hin, aber er selbst spielte nicht mehr. Traurig saß er da und sah auf seinen guten Freund, der mit einem Gesicht, das von Wein und Fieber glühte, auf die Karten der Spieler hinstarrte. Wieder flog ein Abzug auf den andern und wieder verlor Eugen, was er vor sich hatte. Die Cassenscheine flogen von ihm weg, kaum einmal fiel ein Blatt zu seinen Gunsten. Verwundert sahen die Offiziere einander an. »Auch ich schlage vor, daß wir aufhören,« rief Bolling, »ein ander Mal geben wir dir Revanche.«
»Ich will sie heut haben,« rief Eugen, sprang auf und verschloß die Thür, »Keiner kommt heraus. Setzt ordentlich und wagt, hier ist Geld.« Er warf einen Haufen Streichhölzer auf den Tisch. »Das Holz einen Champagnerthaler, morgen zahle ich; ich gebe zu, daß das Holz einmal gebrochen wird, unter einem Thaler kein Point.« Wieder fuhren die Karten auf den Tisch und wieder ging das Spiel fort. Anton bemächtigte sich unterdeß des Punschlöffels und beschloß, nichts mehr in die Gläser zu gießen. Eugen verlor immerfort; die Streichhölzer wurden wie durch eine geheime Kraft nach allen Richtungen fortgerissen. Eugen holte neue Bündel und rief: »Beim Abschied machen wir Rechnung.« Da erhob sich Bolling und stampfte mit dem Stuhle auf den Boden.
»Ein Hundsfott, wer die Stube verläßt,« rief Eugen.
»Du bist ein Narr,« sagte der Andere unwillig, »es ist Unrecht, seinem nächsten Kameraden das Geld abzunehmen, wie wir heut mit dir thun. Ich habe so etwas noch nie gesehen. Wenn hier der Satan sein Spiel hat, ich will ihm nicht helfen.« Er setzte sich vom Tisch ab, Anton trat zu ihm; Beide sahen schweigend dem Uebermuth zu, mit welchem das Geld aus einer Hand in die andere geworfen wurde.
»Auch ich habe genug,« sagte der Doctor und zeigte ein dickes Bund Hölzer in seiner Hand. »Dies ist ein merkwürdiger Abend; seit ich Karten kenne, ist mir so etwas noch nicht vorgekommen. Er vermag kein Paroli abzuschlagen.«
Von Neuem sprang Eugen zu dem Seitentisch, wo die Hölzer lagen, da ergriff Bolling den Rest des Packets, öffnete das Fenster und warf die Hölzer hinunter auf die Straße. »Besser, die Teufelsbolzen verbrennen da unten einen Stiefel, als hier deine Börse,« rief er. Darauf schleuderte er die Karten auf die Erde. »Das Spiel soll aufhören, du hast uns vorhin aufgetrumpft, wie einer aus der Wachtstube des alten Dessauers, ich thue jetzt dasselbe.«
»Ich verbitte mir solche Befehle,« rief Eugen gereizt.
Bolling schnallte seinen Säbel um und griff mit der Hand an das Gefäß. »Du wirst dich heut fügen,« sagte er ernst, »morgen will ich dir vor dem Corps Rede stehen. Macht Eure Rechnung, Ihr Herren, wir brechen auf.«
Die Marken wurden auf den Tisch geworfen, der Doctor zählte.
Eugen riß finster die Brieftafel aus der Tasche und notirte seine Schuld an die Einzelnen. Ohne Behagen, mit kurzem Gruß entfernte sich die Gesellschaft. »Es sind gegen achthundert Thaler,« sagte der Doctor auf dem Wege. Bolling zuckte die Achseln. »Ich hoffe, er kann das Geld schaffen, aber ich wollte doch, daß Sie heut das Stempelpapier in Ihrer Tasche behalten hätten. Wenn von der Geschichte etwas verlautet, so wird Rothsattel keine Ursache haben, sich zu freuen. Wir Alle werden gut thun, über den Vorfall zu schweigen, auch Sie, Herr Wohlfart, bitte ich darum.«
Anton ging in stürmischer Bewegung nach Hause. Den ganzen Abend hatte er wie auf Kohlen gesessen und dem Verschwender in der Stille die bittersten Vorwürfe gemacht. Er schalt sich, daß er ihm Geld geliehen hatte, und fühlte doch, wie unpassend es gewesen wäre, seinen Wunsch nicht zu gewähren.
Als er am nächsten Morgen Eugen aufsuchen wollte, öffnete sich die Thür, und Eugen selbst trat in das Zimmer, verstimmt, niedergeschlagen, unsicher. »Ein nichtswürdiges Malheur gestern,« rief er, »ich bin in arger Klemme; ich muß heut achthundert Thaler schaffen und habe in diesem Unglücksnest Niemand, an den ich mich wenden kann, als Sie. Seien Sie verständig, Anton, und besorgen Sie mir das Geld.«
»Auch mir ist es nicht leicht, Herr von Rothsattel,« erwiederte Anton ernst; »es ist keine unbedeutende Summe, und die Gelder, über die ich hier disponiren kann, sind nicht mein Eigenthum.«
»Sie werden es schon möglich machen,« fuhr Eugen überredend fort; »wenn Sie mir nicht aus der Verlegenheit helfen, so bin ich ganz rathlos. Der Chef versteht keinen Spaß, ich riskire Alles, wenn die Geschichte nicht schnell abgemacht wird.« Er ergriff in seiner Verlegenheit Antons Hand und drückte sie ängstlich.
Anton sah in das verstörte Gesicht dessen, der Lenorens Bruder war, und erwiederte mit innerer Ueberwindung: »Ich habe eine kleine Summe, welche mir gehört, in der Casse unsers Geschäfts, und habe von hier aus Geld an unser Haus zu senden. Es wird möglich sein, daß ich unsern Cassirer auf mein Geld anweise, und die Summe, welche Sie brauchen, zurückbehalte.«
»Sie sind mein Retter,« rief Eugen erleichtert; »in spätestens vier Wochen schaffe ich Ihnen achthundert Thaler zurück,« fügte er hinzu, bei der Aussicht auf das Geld geneigt, das Beste zu hoffen.
Anton ging zum Schreibtisch und zählte dem Lieutnant das Geld auf. Es war ein großer Theil der Summe, die er von seinem Erbtheil noch übrig hatte.
Als Eugen das Papier unter lebhaftem Danke eingesteckt hatte, begann Anton: »Und jetzt, Herr von Rothsattel, wünsche ich Ihnen noch etwas mitzutheilen, was mir gestern den ganzen Abend auf dem Herzen gelegen hat. Ich bitte Sie, mich nicht für zudringlich zu halten, wenn ich Ihnen nicht verschweige, was Sie wissen müssen, und was doch ein Fremder kaum zu sagen das Recht hat.«
»Wenn Sie mir gute Lehren zutheilen wollen, so ist der Augenblick schlecht gewählt,« antwortete der Lieutnant finster, »ich weiß ohnedies, daß ich einen dummen Streich gemacht habe, und bin auf eine Strafrede meines Papa's gefaßt. Was ich von ihm anhören muß, wünsche ich von keinem Dritten zu vernehmen.«
»Sie trauen mir wenig Zartgefühl zu, Herr von Rothsattel,« rief Anton, aufrichtig bekümmert durch den Aerger des Offiziers. »Ich habe gestern aus einer allerdings wenig lautern Quelle gehört, daß Ihr Herr Vater durch die Intriguen gewissenloser Speculanten in Verwickelungen gekommen ist oder doch kommen soll, welche seinem Vermögen Gefahr drohen. Auch der gefährliche Mensch, welcher die Ränke gegen ihn schmiedet, ist mir genannt worden.«
