Kitabı oku: «Odenwaldjagd»
H. K. Anger
Odenwaldjagd
Kriminalroman

Zum Buch
Mord im Forst Frühling im Odenwald! Hobby-Ermittlerin Charlie Knapp und ihre Freundin Tina wollen mit einer Wanderung zur Kapellenruine St. Maria in Lichtenklingen etwas für Figur und Fitness tun. Im Altarraum stolpern sie über die blumengeschmückte Leiche einer Forstbeamtin, die bei ihren Kollegen, Jägern und Jagdpächtern wenig beliebt war. Obwohl Hauptkommissar Gunter Haase vom Ermittlungsteam des K 11 in Heppenheim sie ausdrücklich warnt, kann Charlie es nicht lassen, ihre vorwitzige Stupsnase in die Ermittlungsarbeiten zu stecken. Auf der munteren Pirsch nach dem Mörder begegnen ihr an sagenumwobenen Orten des Odenwaldes ein Wilderer und zwei wahrhaftige Hexen. Wurde die Forstbeamtin etwa Opfer eines heidnischen Rituals? Charlie sorgt sich zudem um ihre Freundin Tina, die von einem perfiden Stalker drangsaliert wird. Bei einer Auszeit in einem buddhistischen Kloster versuchen die beiden Frauen zur Ruhe zu kommen. Doch die Idylle auf Odenwälder Höhen trügt. Der Mörder ist ihnen bereits auf der Spur …
H. K. Anger wurde im Ruhrgebiet geboren und ist nach Lebensstationen in Bielefeld, Freiburg und Leipzig in einem Odenwälder Dorf heimisch geworden. Die studierte Pädagogin hat in der Erwachsenenbildung gearbeitet, bevor sie 2006 aus Liebe zum Kochen mit dem Kochbuchschreiben begann. In ihrer Freizeit erkundet H. K. Anger in Begleitung ihres Mannes und ihrer Hunde mit dem Wohnmobil Ziele in nah und fern. Ihre Liebe zum Odenwald bringt H. K. Anger in ihren Odenwaldkrimis zum Ausdruck, in denen sie die idyllische Mittelgebirgslandschaft und die Menschen mit dem Herz auf dem rechten Fleck spannend in Szene setzt.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Christine Braun
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Simone / stock.adobe.com
ISBN 978-3-8392-6774-5
Recklinghäuser Zeitung,
6. April 1974
Tragischer Unfall in einem Mehrfamilienhaus in der Dattelner Straße. Eine alleinerziehende Mutter stürzte beim Frühjahrsputz von der Haushaltsleiter und wurde lebensgefährlich verletzt. Ihr aus der Schule heimkehrender Sohn fand sie leblos in der Küche. Der herbeigerufene Notarzt konnte nur noch den Tod der Frau feststellen. Der 13-jährige Teenager, der keine weiteren Verwandten hat, wurde in einer Pflegefamilie untergebracht.
1. Kapitel
Sie waren im Dunkeln aufgebrochen. An Bäumen und Sträuchern glitzerte Raureif. In den Kurven nahm Nadja Künzel den Fuß vom Gas, damit der grün lackierte VW Amarok nicht ins Rutschen kam. Ihr Beifahrer hatte die Sitzheizung auf die höchste Stufe gestellt und hielt die Augen geschlossen. Er schlief nicht, sondern nutzte die Fahrt vom Treffpunkt ins Revier, um sich zu sammeln. Sich mental auf das, was heute kommen sollte, einzustellen. Der heutige Tag sollte »sein« Tag, das Highlight seines 63-jährigen Lebens, werden. Dafür musste er geistig und körperlich fit sein. Einen scharfen Blick und eine ruhige Hand beweisen. Er drückte den Rücken gegen die Sitzlehne und atmete tief ein. Und aus. Ein, aus, ein, aus. Der Hauch eines Lächelns lag auf seinen Lippen.
Nadja Künzel setzte den Blinker und bog von der geteerten Straße in einen Waldweg ab. Über den Spitzen der hoch aufragenden Kiefern verblassten die Sterne, um der Morgendämmerung zu weichen. Nebelschwaden lagen als fahle Decke über dem Eiterbachtal. Nadja Künzel manövrierte den Pick-up durch eine enge steile Kurve und fuhr Richtung Westen. Im Rückspiegel tauchte für einen Moment eine pinkfarbene, wie Zuckerwatte geformte Wolke auf. Der Tag versprach sonnig, aber kalt zu werden. Beste Bedingungen für ihr Vorhaben, dachte Nadja Künzel zufrieden. Heute Abend wäre sie, sofern ihre Fähigkeiten als Jagdleiterin und das Jagdglück sie nicht im Stich ließen, ihrem Ziel ein Stück näher.
»Wir sind gleich da«, verkündete sie.
Ihr Beifahrer öffnete die Augen und schaute zum Fenster hinaus. »Haben Sie ihn in den letzten Tagen gesichtet?«, wollte er wissen.
Nadja Künzel nickte. »Er kommt morgens immer auf die Lichtung, um zu äsen. Manchmal mit einem Rudel Kahlwild. Aber meistens allein.«
Doktor Meyerhoff, Vorsitzender des Ausschusses für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz in Wiesbaden sowie passionierter Hobbyjäger, rieb die Handflächen aneinander, verschränkte die Finger und ließ die Gelenke knacken. Nadja Künzel zuckte zusammen, verkniff sich jedoch einen Kommentar. Sie wollte ihren Jagdgast, den sie als stellvertretende Leiterin des Forstamtes Odenbrunn auf der heutigen Einzeljagd führen durfte, nicht verärgern. Doktor Meyerhoff könnte sich für ihre Karriere als enorm wichtig erweisen. Denn Nadja Künzel hatte Pläne. Zukunftspläne, in denen der Odenwald nur eine Zwischenetappe darstellte. Sie hatte noch so viel vor. Nicht nur, was die Jagd betraf.
Nadja Künzel parkte den Amarok hinter einem Stapel geschlagener Fichten, die auf den Abtransport warteten. Die letzten Dürresommer hatten im Odenwald zu einer explosionsartigen Ausbreitung des Borkenkäfers geführt. Sowohl die Privatwaldbesitzer als auch OdenwaldForst kamen mit dem Schlagen der befallenen Bäume nicht mehr nach. Die Holzpreise waren dementsprechend in den Keller gerutscht. Wer derzeit in Wald investierte, konnte sich auf eine kapitale Fehlinvestition einstellen. Aber das sollte bald nicht mehr Nadja Künzels Sorge sein.
»Möchten Sie einen Kaffee, bevor wir aufbrechen?«, fragte sie ihren Jagdgast.
Doktor Meyerhoff schüttelte den Kopf. Jetzt, wo die Erfüllung seines Traumes zum Greifen nah war, peitschte das Adrenalin durch seinen Körper. Da benötigte er kein Koffein, um zu der frühen Stunde einen klaren Kopf zu bekommen. »Gehen wir!«, erwiderte er knapp.
Sie schulterten Rucksäcke und Jagdbüchsen und setzten sich in Bewegung. Das gefrorene Blattwerk brach unter ihren Sohlen. Ihr Atem stieg in weißen Wolken auf. Vorsichtig bahnten sie sich einen Weg durch ein Buschwerk von jungen Fichten und Kiefern. Den Blick hielten sie nach unten gerichtet, um sich auf der Pirsch nicht durch das Knacken eines brechenden Astes zu verraten. Obwohl der Hang stetig anstieg, hatte der Vorsitzende des Ausschusses für Umwelt keine Probleme, Nadja Künzel zu folgen. Respekt, dachte die Forstbeamtin und nahm sich vor, ihren Jagdgast später für seine Kondition zu loben. Im Moment war Schweigen angesagt.
Der aus Holz gezimmerte Hochsitz stand an der Nordseite der etwa Fußballfeld-großen Lichtung. Stumm erklommen sie die Stufen der Leiter und nahmen auf der rauen Holzbank Platz. Inzwischen war es hell geworden, sodass sie an diesem klaren Januarmorgen fast jeden Grashalm auf der Waldwiese ausmachen konnten. Ideale Bedingungen. Nadja Künzel lächelte. Doktor Meyerhoff hob den rechten Daumen in die Höhe.
Da vernahmen sie ein leises Rascheln. Eine Gruppe Hirschkühe betrat die Lichtung. Zuerst waren sie misstrauisch, sicherten mit aufgerichtetem Hals und steil gespitzten Ohren die Umgebung. Doch der Wind stand günstig. Das Kahlwild witterte die Menschen nicht. Ein Alttier senkte den Kopf und begann zu äsen. Die anderen Hirschkühe taten es ihm gleich.
Ein idyllischer Anblick, der Doktor Meyerhoff allerdings wenig freudig stimmte. Wo verdammt noch mal blieb »sein« Hirsch? Er musste sich zusammenreißen, um nicht ungeduldig auf der Bank hin und her zu rutschen. Nadja Künzel versuchte, ihn mit einem Lächeln zu beruhigen. Doch sie war ebenso angespannt wir ihr Sitznachbar. Was, wenn der Zwölfender an diesem Morgen nicht auftauchte? Wenn sich all ihre Vorbereitungen und Pläne als null und nichtig erwiesen? Die Forstbeamtin begann, ihre Unterlippe mit den Zähnen zu malträtieren. Der Ruf eines Eichelhähers ließ sie zusammenzucken. Das Rudel Kahlwild richtete die Hälse auf. Nadja Künzel hielt den Atem an.
Der alte Rothirsch mit der mächtigen Krone verließ die Deckung der Fichtenschonung und betrat die Lichtung. Die beiden Geweihstangen mit jeweils sechs Endungen schienen das Morgenlicht auf sich zu bündeln. Das stolze Haupt überragte die Köpfe der Hirschkühe um mehrere Handbreit. Die dunklen Augen waren klar und wachsam. Und doch entging ihnen das, was in Kürze das Schicksal des Rothirsches besiegeln sollte. Ohne Furcht oder Vorahnung schritt er in die Mitte der Lichtung, während die Hirschkühe sich am Rand aufhielten. Nichtsahnend gab er seine Flanke preis.
Doktor Meyerhoff legte die Jagdbüchse an und nahm das Ziel ins Visier. Atmete tief ein. Ein Schuss peitschte über die Waldwiese. Der Rothirsch sprang kurz in die Höhe und floh mit gesenktem Haupt. Vor der ersten Fichtenreihe brach er zusammen und rührte sich nicht mehr. Die Hirschkühe stoben in Panik auseinander.
»Gratulation!«, sagte Nadja Künzel, als sie den erlegten Hirsch erreichten. »Ein Blattschuss wie aus dem Bilderbuch. Mitten ins Herz.«
»Danke.« In Doktor Meyerhoffs Augen standen Tränen. Nicht, weil er den Tod des stattlichen Tieres bedauerte. Nein, solche Gefühle lagen ihm fern. Es waren Tränen der Freude, des Stolzes und letztendlich der Genugtuung. Bei der Jagdprüfung vor zehn Jahren hatte man ihn beinahe durchfallen lassen, ihm Schneid, Talent und Zielsicherheit abgesprochen. Aber Doktor Meyerhoff hatte sich durchgeboxt. Er war in Ungarn, Polen und in Südafrika auf Jagdreisen gegangen und hatte ständig dazugelernt. Zum Glück mangelte es ihm nicht am nötigen Kleingeld, um das kostspielige Hobby zu finanzieren. Da fielen die paar Tausend Euro für den Zwölfender, die er nun hinblättern durfte, nicht ins Gewicht. Die Gewissheit, »seinen Lebenshirsch« mit einem perfekten Schuss niedergestreckt zu haben, war ihm jeden Cent wert.
Mit vor Stolz geschwollener Brust sah er zu, wie Nadja Künzel ein paar Fichtenzweige abbrach und einen davon mit der gebrochenen Spitze zum Haupt des Hirsches ausgerichtet auf dem Einschussloch deponierte. Einen zweiten Fichtenzweig legte sie dem Hirsch quer in den Mund, um ihm mit diesem »letzten Bissen« ihre Achtung zu zollen. Schließlich zog sie ihr Jagdmesser aus der Scheide und überreichte dem erfolgreichen Schützen auf der blanken Klinge einen weiteren kleinen Fichtenast.
»Waidmannsheil!« Die Forstbeamtin beendete das Jagdritual mit einem kräftigen Händedruck.
»Waidmannsdank«, erwiderte Doktor Meyerhoff und steckte den Fichtenzweig an der rechten Seite seines Hutes fest.
»Da werden Sie bald eine schöne Trophäe zu Hause haben«, sagte Nadja Künzel.
»Das Geweih bekommt bei mir im Arbeitszimmer einen Ehrenplatz.«
»So tüchtige Schützen wie Sie können wir bei der nächsten Drückjagd gut gebrauchen«, säuselte Nadja Künzel.
»Ach, wissen Sie …« Doktor Meyerhoff blickte der stellvertretenden Forstamtsleiterin direkt in die Augen. »Mir geht es bei der Jagd nicht um das Gemeinschaftserlebnis. Ich bin lieber allein auf der Pirsch. Mein Ding wäre es eher, eine Eigenjagd in einem gut bestückten Revier zu pachten.«
Nadja Künzel hielt seinem Blick stand. »Ich werde mal schauen, was sich da machen lässt.«
Doktor Meyerhoff räusperte sich. »Bei Vertragsunterschrift würde ich mich natürlich erkenntlich zeigen.«
Nadja Künzel nickte. »Natürlich.«
Doktor Meyerhoff rieb sich zufrieden die Hände. Um diesen lang gehegten Wunsch in die Wirklichkeit umzusetzen, würde er viel geben. Vielleicht sogar alles. Er war schließlich nicht mehr der Jüngste. Wer weiß, wie lange er die Jagdbüchse noch führen konnte.
Nadja Künzel griff nach ihrem Handy. »Ich informiere die Kollegen, damit einer von ihnen vorbeikommt und den Hirsch möglichst schnell aufbricht. Ich nehme an, dass Sie auch am Wildbret interessiert sind?«
Doktor Meyerhoff winkte ab. »Mir geht es um das Geweih. Machen Sie mit dem Fleisch, was Sie wollen.«
Nach dem Telefonat ließen sie den Hirsch am Waldrand liegen und stiefelten zurück zum Pick-up. Nadja Künzel zog eine Kühltasche von der Rückbank hervor.
»Ich habe ein kleines Picknick vorbereiten lassen. Damit wir Ihren Erfolg gebührend feiern können.«
»Wie aufmerksam von Ihnen.« Doktor Meyerhoff fühlte sich sichtlich gebauchpinselt.
Nadja Künzel breitete eine grüne Tischdecke auf dem hinteren Teil der Ladefläche aus und richtete die mitgebrachten Köstlichkeiten darauf an. »Alles feinste Häppchen von heimischem Wild. Dazu nach alter Odenwälder Tradition gebackenes Sauerteigbrot. Der Bratkartoffelsalat ist übrigens ein Gedicht!«
Ihr lief das Wasser im Mund zusammen. Sie hatte gestern reichlich Kostproben genießen dürfen. Der Aushilfskoch des Cateringunternehmens, welches das Forstamt Odenbrunn bei solchen Anlässen bemühte, hatte sich als wahrer Künstler am Herd erwiesen. Außerdem war er äußerst charmant und zuvorkommend. Und hatte es geschafft, dass Nadja mehr von sich preisgegeben hatte als beabsichtigt. Vielleicht, dachte sie, während sie dicke Scheiben vom Brot abschnitt, sollte sie den Flirt von gestern in Kürze fortsetzen. Eigentlich stand sie nicht auf Männer, die ein paar Kilos zu viel mit sich herumschleppten. Aber der Aushilfskoch hatte ein bisschen was von Balu, dem Bären aus dem Dschungelbuch. Ein Typ zum Knuddeln.
Nadja Künzel gab einen Schuss vom im Eichenfass gereiften Apfel-Obstbrand in zwei Schnapsbecher aus Edelstahl und prostete ihrem Jagdgast zu. »Möge das Jagdglück Ihnen hold bleiben!«
Doktor Meyerhoff kippte den Schnaps in einem Zug hinunter. »In diesem Sinn bis demnächst?«
Nadja Künzel lächelte. »Bis demnächst!«
2. Kapitel
Ein paar Wochen später …
Charlie Knapp hielt die Luft an und zog und zog, bis ihre Wangen rot glühten und sie wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft schnappte.
»Verflixt noch mal!«
Der Reißverschluss ihrer Lieblingsjeans klaffte unterhalb des Hosenbundes mehr als einen Zentimeter auseinander. Um den Knopf am Bund zu schließen, müsste sie sich Gewalt antun. Charlie schälte sich aus dem prall sitzenden Kleidungsstück und pfefferte die Hose auf das ungemachte Bett. Ihr blieb nichts anderes übrig, als die Jeans anzuziehen, die sie vor Kurzem, auf dem Rückweg von einem Mandanten, im Rhein-Neckar-Zentrum in Viernheim gekauft hatte. Da hatte sie sich zwar über die Größennummer gewundert, die auf dem Etikett aufgedruckt stand, sich jedoch mit dem Gedanken getröstet, dass Konfektionsgrößen auch nicht mehr das waren, was sie von früher kannte. Wichtig war allein die Passform. Und ob sich die Jeans bequem anfühlte. Die Hose, die zusammengeknüllt auf ihrem Bett lag, war das reinste Folterinstrument. Charlie schlüpfte in die neu gekaufte Jeans, schloss den Reißverschluss und stellte sich vor den Spiegel. Drehte sich zur Seite, um sich im Profil zu betrachten. Instinktiv zog sie den Bauch ein.
»Das gibt es doch nicht!«, presste sie zwischen den Lippen hervor. Unter dem Pulli zeichnete sich ein nicht zu übersehendes Bäuchlein ab. Das auf dem besten Weg war, sich zu einem ausgewachsenen Bauch zu mausern. Wie konnte das geschehen, fragte sich Charlie und kehrte dem Spiegel den Rücken zu. Dank der Familiengene mütterlicherseits hatte sie es nie geschafft, superschlank zu sein. Sie war eher kompakt, aber von sportlicher Statur. In Hamburg, wo sie die letzten zehn Jahre verbracht hatte, war sie bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad unterwegs gewesen. Ihren treuen Drahtesel hatte sie vor ihrer Rückkehr in den Odenwald ihrer Freundin Frieda Olsen vermacht. Charlie nutzte für die meisten Wege inzwischen den alten Subaru, der auf dem Atzeldoalhof all denen als Fortbewegungsmittel diente, die einen Führerschein besaßen. Zu Fuß lief Charlie nur, wenn sie morgens und abends die Hühner versorgte und die Pachtpferde auf die Koppel brachte.
»Ich bin faul geworden!«, musste sich Charlie eingestehen. Und fett, flüsterte eine kleine fiese Stimme in ihrem Inneren. Woran nicht nur der Mangel an körperlicher Betätigung, sondern vor allem Gertie Haases kalorienträchtige Landhausküche schuld war. Gerties Kartoffelsupp mit einem ordentlichen Schuss Sahne, ihr Apfelkuchen und Riwwelkuche mit viel »guter« Butter, ihr Schmorbraten zum Wochenende und der Kochkäse auf selbst gebackenem Sauerteigbrot samt Feierabendbier zum Abendessen hatten ihre Spuren hinterlassen.
»Das muss sich, das wird sich ändern!«, verkündete Charlie in Richtung des Spiegels. Gestern war Frühlingsanfang, bis zum Sommer blieb also nicht mehr viel Zeit.
In dem Moment hallte ein Ruf die Treppe zum Obergeschoss hinauf. »Frieschdick iss ferddisch!«
Aus der gemütlichen Wohnküche mit den hellen Kiefernmöbeln und dem großen runden Esstisch schlug Charlie der Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee entgegen.
»Moije, Bobbelsche!«
Der freudige Morgengruß ließ Charlie zusammenzucken. »Wie oft hab ich dir schon gesagt: Nenn mich nicht Bobbelsche!«
Gunter Haase, Gerties ältester Sohn sowie seines Zeichens Kriminalhauptkommissar bei der Regionalen Kriminalinspektion K 11 in Heppenheim, köpfte, von Charlies Ausbruch unbeeindruckt, sein Frühstücksei.
Reiner Haase, Gunters jüngerer Bruder, zog die hellbraunen Augenbrauen in die Höhe. »Schlecht geschlafen?«
»Hör mer uff! Dudd dem oarme Mädschen doch de Meglischkeid gäwwe, sisch in aller Ruh hinzuhocke. Sie hodd geschdern werre bis schbäd owends im Biero gschaffd.« Gertie Haase schaute ihre beiden Söhne streng an.
Theo Sauer, Gunters ehemaliger Fast-Schwiegervater und Dauergast auf dem Atzeldoalhof, klopfte auf den Stuhl an seiner rechten Seite. »Komm zu mir! Hier hast du deine Ruhe!«
Unter Theos Stuhl lag Willy, der Rauhaardackel, den Charlie im vergangenen Jahr bei dem Mordopfer aus dem Lärmfeuer entdeckt und anschließend adoptiert hatte. Oder war es umgekehrt gewesen?
Charlie nahm Platz und ließ sich von Gertie dankbar eine Tasse Kaffee einschenken. Der Dackel stupste sie zur Begrüßung mit der feuchten Nase in die Wade.
»Hast du nichts zu tun?«, fragte Charlie Gunter Haase über den Rand ihrer Kaffeetasse hinweg. »Kein Mörder unterwegs, den du dingfest machen musst?«
Gunter Haase ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. »Heute ist Samstag, Bobbelsche. Und was meine Mörder betrifft, die gehen dich, mit Verlaub gesagt, nichts an. Ich bin die Polizei, du nicht.«
Emelie, Reiner Haases knapp 17-jährige Tochter, prustete los, wodurch ein paar Mohnsamen über den Tisch stoben. »Du bist doch nur sauer, weil Charlie diesen Brandstifter und Mörder aus Zotzenbach eher auf dem Schirm hatte als du. Ohne Charlie hättest du den Typen nie dingfest gemacht!«
Theo Sauer nickte. »Wo das Mädel recht hat, hat sie recht.«
Gunter Haase warf seiner Nichte einen strengen Blick zu. »Schon vergessen, dass du bei der ganzen Angelegenheit mit einem Bein im Knast standest?«
Emelie senkte die haselnussbraunen Augen und schob ein paar Brötchenkrümel auf ihrem Teller herum. »Nein, aber ich bezahl auch dafür!«, murmelte sie. Seit dem Winteranfang half sie jeden Donnerstagnachmittag bei der »Tafel« Bensheim aus.
»Nun hört doch auf zu streiten!«, bat Reiner Haase. Er war vom morgendlichen Melken erschöpft und hatte sich auf ein ausgiebiges Frühstück im Kreis der Familie gefreut.
Gertie schob den Weidenkorb mit den frischen Brötchen, Laugenbrezeln und Croissants zu Charlie hinüber. »Die Weck hodd de Gunna kaafd.«
Charlie schüttelte den Kopf und erhob sich vom Stuhl. Sie eilte zur Küchenspüle und begann, den Hängeschrank darüber zu durchwühlen. »Haben wir irgendwo Knäckebrot?«
»Gnäggebroud?« Gertie schaute Charlie entsetzt an. »Sou en Gelumps häwwemer heer nedd.«
»Was spricht gegen ein frisches, ehrlich gebackenes Brötchen?«, wollte Reiner Haase wissen und bestrich eine Brötchenhälfte üppig mit Leberwurst.
Emelie warf Charlie einen verschmitzten Blick zu. »Biste etwa auf Diät?«
Charlie spürte, wie ihr eine verräterische Röte in die Wangen stieg. »Natürlich nicht! Ich will nur mal ein bisschen Abwechslung.«
»Klar doch!« Emelie war anzusehen, dass sie Charlie kein Wort glaubte.
»Kinner!« Gertie schaute missbilligend in die Frühstücksrunde.
Charlie kehrte zum Frühstückstisch zurück, griff nach einer Laugenbrezel und biss hinein, ohne sie vorher mit Butter zu bestreichen.
»Und?« Reiner musterte seine Familie. »Wer hilft mir gleich, die Zäune zu reparieren? Ein Teil der Holzstiggel ist inzwischen so marode, dass der leiseste Windhauch genügt, sie umzukippen. Die müssen wir, bevor ich die Trockensteher auf die Weide an der Straße bringe, unbedingt durch neue ersetzen.«
Theo rührte konzentriert in seinem Kaffee, den er seit Jahren nur schwarz trank. »Kann sein, dass der Karl-Heinz aus Weinheim nachher bei mir vorbeischaut«, murmelte er.
Emelie stöhnte theatralisch auf. »Ich muss an meinem Vortrag für Sozialkunde arbeiten. ›Toleranz und soziale Integration als Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben‹. Sehr komplexes Thema.«
»Hört, hört!« Reiner Haase warf seiner Tochter einen bedeutungsvollen Blick zu. »Dann kannst du als Fallstudie ja gleich hier zu Hause anfangen. Was ›friedliches Zusammenleben‹ betrifft, sehe ich bei dir ein gewisses Maß an Nachholbedarf. Oder warum hast du dich gestern mit der Oma gestritten? Weil sie wollte, dass du endlich den Saustall in deinem Zimmer ausmistest?«
Nun waren es Emelies Wangen, die sich mit feiner Röte überzogen. »Ich habe halt im Moment nicht viel Zeit für so was.«
»Dann kümmere dich ein bisschen weniger um deine Tierschutzprojekte und dein Fridays-for-Future-Gedöns, und schon klappt das mit dem Aufräumen!« Reiner war unerbittlich.
»Ich find es gut, dass sich die junge Generation zu Wort meldet. Einer muss es ja tun. Bevor unsere schöne Welt vor die Hunde geht«, kam Theo Emelie zu Hilfe.
»Ich finde es nicht gut«, konterte Reiner, »dass meine Tochter dafür die Schule schwänzt.«
Gunter Haase legte sein Messer auf dem Teller ab. »Ich helfe dir gleich mit den Stiggel. Ein bisschen frische Odenwälder Landluft wird mir guttun. Bist du auch dabei, Bobbelsche?« Er wandte sich an Charlie.
»Also ich …« Charlie kam prompt ins Stocken. »Ich habe mir gedacht, dass ich bei dem schönen Wetter wandern gehe.«
»Du willst was?« Reiner stand die Verblüffung ins Gesicht geschrieben. In dem Jahr, in dem Charlie jetzt auf dem Atzeldoalhof lebte, hatte sie nicht einmal das Bedürfnis nach körperlicher Ertüchtigung gezeigt. Obwohl der Wanderweg zur Trommer Höhe direkt am Hof vorbeiführte.
»Ich werde meinen Rucksack schultern und ein paar Kilometer laufen«, verkündete Charlie großspurig. Dabei fragte sie sich im Stillen, ob ihre alten Wanderschuhe nicht vor ihrem Umzug im Müll gelandet waren.
»Das Wandern ist des Müllers Lust …«, trällerte Theo.
Gertie sammelte das Geschirr ein, um es in die Spülmaschine zu stellen. »Soll isch der en Broud med Kochkaas orre Worschd zureschd mache? Fer de Wäg doisch de Woald?«
Charlie verneinte durch Kopfschütteln. »Das ist lieb von dir«, erwiderte sie. »Aber ich habe ja gerade gefrühstückt.« Die nur halb aufgegessene Laugenbrezel hatte sie in der rechten Gesäßtasche ihrer Jeans verschwinden lassen.
»Gehst du allein?«, wollte Reiner wissen.
»Pass auf, dass du nicht dem bösen, bösen Wolf mitten im tiefen Tann begegnest!«, witzelte Gunter.
»Keine Sorge. Ich bin verabredet«, schwindelte Charlie. »Mit Tina. Wir wollen zusammen die Frühlingsluft genießen.«
Reiner kam auf die Beine und reckte sich. »Dann mal los!«, sagte er in Richtung seines Bruders.
Charlie stellte ihre Kaffeetasse in die Spülmaschine und polterte die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf. Als die Tür ins Schloss gefallen war, wählte sie die Nummer ihrer Freundin.
»Du musst mir unbedingt aus der Patsche helfen!«
3. Kapitel
Peter Steinmann schloss den Räucherofen, den er mit feinem Räuchermehl und frisch geschlachteten Regenbogenforellen bestückt hatte. Am Abend würde er den Räucherfisch mit einer Auswahl an Salaten zu einer Familienfeier nach Michelstadt bringen. Die Salate standen schon fertig im Kühlschrank, sie mussten vor der Auslieferung nur noch mit frischen Kräutern dekoriert werden. Als er sich die Hände im Außenwaschbecken wusch, trat seine Frau Tina an seine Seite. Sie kaute nervös auf ihrer Unterlippe.
»Ist was?«, wandte sich Peter Steinmann ihr zu.
»Spricht was dagegen, wenn ich bis drei, vier Uhr heute Nachmittag nicht hier bin?«
Peter trocknete sich die Hände an einem karierten Handtuch ab, das an einem Metallhaken neben dem Waschbecken hing. Er ließ seinen Blick über die Fischteiche schweifen, deren Oberflächen in der Frühlingssonne silbern glänzten. In den vom munter plätschernden Finkenbach gespeisten Wasserbecken tummelten sich Forellen, Saiblinge und Karpfen. Ein paar Teichhühner, die in den hinteren, für die Angelgäste nicht zugänglichen Uferbereichen ihre Nester angelegt hatten, zogen ihre Runden auf dem Wasser. In ein paar Wochen würden die ersten Küken schlüpfen. Eine Amsel machte mit dem typischen Reviergesang auf sich aufmerksam. Ansonsten war alles ruhig.
Peter Steinmann musterte seine Frau. Sie sah in den letzten Wochen blass und abgekämpft aus. Ihre braunen Mandelaugen, in die er sich als Erstes verliebt hatte, hatten ihren Glanz und ihren Optimismus verloren. Oft wirkte sie fahrig, war nicht wie früher hundertprozentig bei der Sache. Dabei ging die Saison für ihr Bistro und den erst im vergangenen Jahr eröffneten Wohnmobilstellplatz erst zu Ostern richtig los.
»Nein, kein Problem, wenn du dir ein paar Stunden freinimmst«, sagte er mit einem ermunternden Lächeln. »Ich komme schon allein klar.«
»Gut.« Tina Steinmann fischte ein Gummiband aus der Hosentasche hervor und fasste ihr schulterlanges dunkelblondes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen. »Ich bin mit Charlie verabredet.«
»Geht ihr shoppen?«
»Nein, wandern.«
Peter Steinmann stutzte. »Ihr beide?«
»Charlie hat mich gerade angerufen. Sie will unbedingt was für ihre Fitness tun. Und mir …«, Tina blickte auf ihre stämmigen Beine, »tut ein bisschen Bewegung auch gut.«
Peter schloss seine Frau in die Arme und gab ihr einen langen Kuss. »Zieh du mit Charlie los, und ich kümmere mich um die Fische. Und nach der Auslieferung des Fischbuffets machen wir uns einen gemütlichen Abend. Ich stell schon mal eine Flasche Sekt in den Kühlschrank.«
Tina verzog den Mund zu einem Lächeln, doch ihre Augen blieben ernst. »Ich freu mich darauf!«, behauptete sie. Sie schnappte sich ihre Jacke und ließ den Motor des Geländewagens an.
Von der 30-minütigen Fahrt über die Raubacher Höhe hinunter bis nach Wald-Michelbach und vom Kreisverkehr auf der Kreidacher Höhe bis nach Siedelsbrunn bekam Tina Steinmann kaum etwas mit. Sie war tief in Gedanken versunken. Das anonyme Schreiben, das vor drei Wochen im Bistro gelandet war, hatte sie völlig aus der Bahn geworfen. Sie hatte gehofft, dass sie mit ihrem fünfjährigen Aufenthalt in Australien, wo sie auf verschiedenen Ranches als Köchin gearbeitet hatte, alles hinter sich gelassen hätte. Mit der Vergangenheit abgeschlossen hätte. Der Brief bewies, dass dies nicht so war.
Tina, die wieder auf ihrer Unterlippe kaute, schmeckte Blut. Diejenigen, die sie damals mit dem Stoff versorgt hatten, hatten nichts vergessen. Oder vergeben. Sie würde für das, was sie getan hatte, bezahlen müssen. Tinas größte Sorge war, dass Peter davon erfahren würde. Er wusste nichts von diesem Lebensabschnitt, der so anders verlaufen war, als Tina es sich nach dem Abitur vorgestellt hatte.
Die kaufmännische Ausbildung, die sie auf Drängen ihrer Eltern absolviert hatte, war für sie ein Desaster gewesen. Tina war kein Zahlenmensch, hatte sich durch Mathe und Physik in der Schule stets durchgemogelt. In der Ausbildung war ihre Dyskalkulie mit aller Macht zutage gekommen. Ständig hatten ihre Vorgesetzten auf ihr herumgehackt, während sich ihre Kollegen über sie lustig machten. Um dem Druck standzuhalten, hatte Tina eine dumme wie gefährliche Entscheidung getroffen. Die letztendlich dazu geführt hatte, dass sie quasi über Nacht ihre Zelte im Odenwald abbrechen musste und auf den Kontinent geflüchtet war, der ihr damals am weitesten von ihrer Heimat entfernt vorkam. Bei ihrer Rückkehr hatte Tina nicht im Traum daran gedacht, dass die alten Geschichten bis in die Gegenwart überdauern würden. Der Brief hatte sie eines Besseren belehrt. Tina hatte nicht die geringste Ahnung, wie es weitergehen sollte. Doch nach außen musste sie, wenigstens fürs Erste, den Schein wahren. So tun, als ob alles bestens wäre.
Als Tina den alten Subaru vom Atzeldoalhof auf dem Wanderparkplatz unterhalb des buddhistischen Klosters »Buddhas Weg« erblickte, ließ sie von der malträtierten Unterlippe ab und setzte ein Lächeln auf. Vielleicht würde es Charlie schaffen, sie für ein paar Stunden auf andere Gedanken zu bringen. Tina brachte ihren Geländewagen neben dem Subaru zum Stehen.
Charlie umarmte die Freundin aus Schultagen stürmisch. Sie hatte sie nach ihrer Rückkehr in den Odenwald vor einem Jahr wiedergetroffen und wäre beinahe in die Wohnung der Patentante von Tinas Mann Peter eingezogen. Doch dann hatte Charlie sich entschieden, auf dem Atzeldoalhof zu bleiben. Mit Tina traf sie sich seither regelmäßig. »Danke, dass du gekommen bist! Ohne dich würde ich bestimmt wieder kneifen.«
Tina warf einen Blick auf Charlies blauen Rucksack, an dem außen eine Wasserflasche befestigt war. »Du meinst das wirklich ernst?«
Charlie steckte sich eine Strähne ihres rotblonden Haars hinter das rechte Ohr. »Nach der Passform meiner Klamotten zu urteilen, habe ich nur die Wahl: entweder ab sofort Nulldiät oder mehr Bewegung, um die Kalorien abzuarbeiten.«
Tina musterte Charlies adrett in der Jeans sitzenden Po und verglich ihn insgeheim mit ihrer Hinterpartie. »Na, deine Probleme möcht ich haben!«
Charlie seufzte. »Ich kann Gertie doch nicht dauernd brüskieren! Die ist vorhin schon aus allen Wolken gefallen, als ich nach Knäckebrot gefragt habe. Aber wenn sie mich weiter so mästet, muss ich mir demnächst eine komplett neue Garderobe zulegen. Dazu habe ich weder das Geld noch die Zeit. Und außerdem hasse ich es, halb nackt in diesen engen Umkleidekabinen zu stehen, wo dauernd eine übereifrige Verkäuferin den Vorhang aufreißt.«
Tina grinste. »Versuch’s doch mal mit Zalando!«
Charlie schnaubte. »Um das Gelieferte vor der versammelten Herrenriege des Atzeldoalhofes zur Schau zu stellen? Never ever!«
»Tja«, Tina zuckte mit den Schultern. »Dann müssen wir uns wohl auf die Socken machen. Ich hatte insgeheim gehofft, dass ich dich dazu überreden könnte, es uns im Teehaus bei leckerem Cappuccino und Kuchen gutgehen zu lassen.«
Charlie blickte hinauf zum Gebäudekomplex der vormaligen Fachklinik am Hardberg, die Anfang 2010 von einer buddhistischen Klostergemeinschaft übernommen worden war. Die ehemaligen Klinikzimmer beherbergten seitdem nicht nur die Klostergemeinschaft aus Mönchen und Nonnen, sondern auch Gäste, die die im Seminarhaus angebotenen Workshops und Kurse besuchten. Das frühere Schwimmbad war zum Teehaus umgebaut worden. Charlie kam sichtlich ins Schwanken. »Ich war noch nie dort.«
»Der selbst gebackene Kuchen ist eine Wucht«, erwiderte Tina. Dann runzelte sie die Stirn. »Ich glaub aber, dass sie erst nachmittags aufmachen. Für die Teestube sind wir zu früh dran.«
»Schade.« Charlie schulterte ihren Rucksack.
»Ja.« Tina schaute sehnsüchtig zum Kloster hinauf. »Ein bisschen was im Magen würde mir guttun. Ich bin heute gar nicht dazu gekommen, etwas zu frühstücken. Erst habe ich Peter beim Schlachten geholfen und dann kam dein Anruf.«
»Oh Mann, das tut mir leid.« Charlie war aufrichtig zerknirscht. »Außer dem Wasser und einer Packung Kaugummi habe ich nichts eingepackt.« Plötzlich hellte sich ihr Gesichtsausdruck auf. »Hey, der Kiosk am Sportplatz hat bestimmt geöffnet! Von hier aus sind es nur ein paar Schritte.«
»Ja, aber dort hat es vor ein paar Wochen gebrannt. Stand in der Zeitung. Ein defektes Kabel hat hohen Sachschaden verursacht.«
»Das ist jetzt echt blöd.« Charlie zog einen Flunsch. »Ich möchte nicht schuld sein, dass du mir am Berg wegen Unterzuckerung aus den Latschen kippst.«
»Ach was, ich komme schon klar. Ist Intervallfasten nicht eh total angesagt?«
»Wie du meinst.« Charlie setzte sich in Bewegung.
Tina hastete hinter der Freundin her. Dann stoppte sie abrupt. »Warte mal! Mir ist gerade eingefallen, dass für die Zeit der Renovierungsarbeiten am Kiosk ein Imbisswagen aufgestellt wurde. Lass uns schauen, ob wir dort wenigstens ein paar Müsliriegel bekommen!«
»Was darf es denn sein, meine Damen?« Der Mann hinter der Verkaufstheke des Imbisswagens schenkte den beiden Freundinnen ein strahlendes Lächeln.
»Haben Sie Müsliriegel?« Charlie musterte die herzhaft-deftigen Auslagen der Kühltheke und die Bierschankanlage.
Das Lächeln des Mannes wurde noch eine Spur breiter, wodurch sich an den Mundwinkeln Grübchen bildeten. »Stehen Sie mehr auf gesundes Körnerfutter oder darf es was Leckeres sein? Ich habe Riegel mit Kokosflocken, Schoko-Trüffelkern und weißen Schokotropfen. Die schmelzen Ihnen auf der Zunge. Ein Gedicht!«
»Vier Stück davon«, sagte Tina wie aus der Pistole geschossen.
Charlie seufzte innerlich, blieb aber standhaft. »Ich hätte gern eine Packung Studentenfutter.«
Der Mann, dem Charlies Rucksack nicht entgangen war, nickte. »Eine gute Wahl für unterwegs. Die Trockenfrüchte und Nüsse verschaffen Ihnen den notwendigen Energieschub, ohne zu belasten.«
Charlie nahm die Packung entgegen und verstaute sie im Rucksack.
»Darf ich Ihnen sonst noch zu Diensten sein?«, fragte der Betreiber des Imbisswagens. Mit der Hand strich er sich den dunkelbraunen Pony zurück, der ihm immer wieder in die Augen fiel. Für einen Mann seines Alters hatte er erstaunlich volles Haar, dachte Charlie.
»Ich weiß nicht …« Tina kämpfte gegen ihren inneren Schweinehund.
Was dem Mann hinter der Verkaufstheke nicht entging. »Warum setzen Sie sich nicht an einen der Tische? Die Sonne scheint heute so herrlich! Ich bringe ihnen in Nullkommanichts eine Tasse Kaffee und eine meiner Spezialitäten: mit knusprigem Frühstücksspeck umhülltes Rührei. Die Eier dafür kommen von den glücklichen Hühnern meiner Nachbarin. Fleisch kaufe ich nur in Bioqualität. Und die Wildkräuter zum Würzen habe ich heute früh auf dem Weg hierher frisch gepflückt.«
Auf Tinas Gesicht machte sich ein verträumtes Lächeln breit.
Auch Charlie fand, dass die blau lackierten Bistrotische und -stühle sehr einladend aussahen. Die Keramiktöpfchen mit Lavendelpflanzen und die kleinen Windlichter versprühten französischen Charme. »Okay, dann zweimal glückliches Rührei vom Hardberg«, willigte Charlie ein.
»Kommt sofort!«, versicherte ihnen der Mann mit der großen, ein wenig altmodisch anmutenden Brille.
»Sie haben außer Butter noch frische Sahne an die Eier getan, nicht wahr?«, fragte Tina, als der Mann ihre blitzblank leer geputzten Teller abräumte.
»Ertappt!« Der Imbissbetreiber versuchte, eine schuldbewusste Miene aufzusetzen. Was ihm kläglich misslang.
»Nein, verstehen Sie mich bitte nicht falsch!«, rief Tina aus. »Ich wollte damit sagen, dass ich ein so perfektes Rührei lange nicht mehr gegessen habe. Die meisten rühren H-Milch oder, noch schlimmer, Kondensmilch unter die Eier.«
Der Mann legte seine rechte Hand auf die Brust. »So ein Gemansche gibt es bei mir nicht. Ich koche ehrlich. Mit frischen und natürlichen Zutaten.«
Charlies Gesichtsausdruck spiegelte Verwunderung wider. »Ich hätte nicht damit gerechnet, dass es in einem provisorischen Imbisswagen so etwas Gutes zu essen gibt.«
»Mit dem Rührei können Sie sich für einen Stern im Guide Michelin bewerben«, stimmte Tina ihr zu.
»Ach nein.« Der Mann wirkte verlegen.
»Also wenn ich Testesser für einen Gourmetführer wäre – meine Empfehlung hätten Sie.« Tina strahlte den Imbissbetreiber an.
»Das ist nett.«
»Nein, ehrlich«, widersprach ihm Tina. »Sie sollten Ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen.«
»Darf ich?« Der Mann zog mit der linken Hand einen weiteren Stuhl an den Tisch.
Charlie fiel auf, dass das oberste Glied seines Zeigefingers fehlte. »Ein Unfall?«, fragte sie mitfühlend.
»Berufsunfall«, erwiderte der Mann mit einem schiefen Grinsen. »Nach einer langen Nacht mit den Kumpels sollte man nicht mit einem rattenscharfen Santokumesser hantieren. Auch nicht als Koch.«
»Tut mir leid«, sagte Charlie.
»Ach was, ich komm gut ohne das fehlende Stück Finger klar«, sagte der Mann. »Aber ich passe jetzt besser auf.«
»Das ist gut.« Tina nickte. »Es wäre jammerschade, wenn Sie nicht mehr kochen könnten. Wie lange werden Sie mit Ihrem Imbisswagen noch hier sein?«
»Der Kiosk soll zum Beginn der Sommerferien wieder in Betrieb gehen. Vielleicht finde ich ja in der Nähe ein schönes Plätzchen, wo ich meine mobile Küche aufstellen und Sie kulinarisch verwöhnen darf.« Der Mann zwinkerte Tina zu.
»Ich hätte nichts dagegen.«
»Bevor mein Vertrag ausläuft, sollten Sie noch mal kommen und meine Wildschweinterrine kosten.«
»Das werde ich«, versprach Tina.
»Wie wäre es nächste Woche? Mögen Sie Trüffel?«
»Hm, ich liebe Trüffel.« Tina fuhr sich mit der Zungenspitze über die Oberlippe.
Der Imbissbetreiber beugte sich zu Tina hinüber. »Für Sie rühre ich extra viel Trüffel unter.«
»So ein verlockendes Angebot kann ich kaum ausschlagen.«
»Das sollten Sie auch nicht.«
»Mal sehen, was sich machen lässt.« Tina klimperte mit den Wimpern.
Charlie griff demonstrativ nach ihrem Rucksack. Sie hatte genug von dem Spektakel, das Tina und der Imbissbetreiber gerade abzogen. Die beiden flirteten hemmungslos miteinander. So kannte Charlie ihre Freundin gar nicht! Vielleicht lag es an dem Kellerbier, das sich Tina anstelle des Kaffees zum Rührei bestellt hatte. Der Alkohol war ihr zur frühen Stunde in den Kopf gestiegen.
»Ich hätte gern noch einen Kaffee«, sagte Charlie mit Nachdruck.
»Natürlich, natürlich.« Der Mann stand widerwillig auf und ging mit den Tellern in Richtung des Imbisswagens.
»Alles in Ordnung?«, fragte Charlie ihre Freundin.
»Ja, mir geht es bestens!« Tina unterdrückte ein Rülpsen.
Als der Imbissbetreiber mit dem Kaffee zurück an den Tisch kam, gab Charlie die Tasse an ihre Freundin weiter. »Ich glaube, den kannst du jetzt gebrauchen. Ich bezahle.«
4. Kapitel
Zehn Minuten später stapften die beiden Frauen an der Minigolfanlage und an der Grillhütte vorbei den Abhang hoch. Oberhalb des Spielplatzes kamen sie schnaufend zum Stehen.
»Himmel!« Tina beugte sich vornüber, weil Seitenstechen sie zwickte. »Seit wann sind die Berge im Odenwald so hoch?«
»Wir sind noch nicht oben«, sagte Charlie schnaufend und warf einen Blick auf den rot-weiß lackierten Turm des Senders, der sich auf dem Bergrücken des knapp 600 Meter hohen Hardbergs gegen den blauen Frühlingshimmel abzeichnete.
»Wo ist eigentlich der Hund?«, wunderte sich Tina. Normalerweise war Rauhaardackel Willy bei Ausflügen stets an Charlies Seite.
»Der liegt wahrscheinlich auf Emelies Bett und schläft den Schlaf der Gerechten«, erwiderte Charlie.
»Würde mir auch gefallen«, brummte Tina.
Charlie beäugte die Weggabelung, die vor ihnen lag, und runzelte die Stirn. »Um nach Lichtenklingen zu kommen, können wir, wie geplant, den Wallfahrtsweg entlanglaufen. Der führt uns über die Stiefelhöhe als Rundwanderweg nach etwa zwölf Kilometern wieder zum Parkplatz zurück.«
»Zwölf Kilometer?« Tina verdrehte die Augen.
»Oder wir nehmen die Abkürzung, die oberhalb von Siedelsbrunn, an der ehemaligen Skipiste vorbei, parallel zum Eiterbachtal hinunterführt. Dann sind wir in einer guten halben Stunde an der Kapellenruine.«
»Hört sich viel besser an!« Tina nickte zustimmend. »Aber sag mal! Warum willst du unbedingt nach Lichtenklingen? Warum drehen wir nicht einfach eine Runde um das Kloster und sehen uns den Skulpturengarten an?«
»Ich habe Gertie versprochen, etwas von dem Lichtenklinger Brunnenwasser mitzubringen«, gestand Charlie. »Sie hat noch immer Schmerzen im Arm. Den hat sie sich doch im Herbst beim Apfelpflücken gebrochen. Der Legende nach soll das Wasser heilende Wirkung haben.«
»Also gut, packen wir’s!« Tina atmete tief durch. »Wo geht’s lang?«
Charlie schaute auf ihr Handy, wo sie Google Maps aktiviert hatte. »Hier über die Kuppe und dann schräg nach unten.«
Da der Weg stetig bergab führte, kamen sie zügig voran. Bis auf einen grün lackierten Renault Kangoo mit der weißen Aufschrift OdenwaldForst, der ihnen vom Tal aus entgegenkam, waren sie allein im Wald. Doch sie hatten keine Angst. Die Vögel zwitscherten und die Sonne wärmte ihnen den Rücken. Ein verblasstes Holzschild an einer Buche und ein grünes Infoschild an der letzten Abzweigung wiesen ihnen den Weg.
»Ich glaub, ich war seit unserem Schulausflug in der Grundschule nicht mehr hier«, meinte Tina, als die Mauerreste der einstigen Kapelle Lichtenklingen vor ihnen auftauchten.
»Ich kann mich nur daran erinnern, dass wir unten auf der Wiese am Parkplatz Bockwürstchen am Stock gegrillt haben«, musste Charlie eingestehen. »Und dass Benjamin mit der dicken Hornbrille hinterher in den Bach gekotzt hat, weil er zu viele Würstchen verdrückt hatte. Seitdem ist mir der Eiterbach noch weniger sympathisch.«
Tina schritt die flachen Stufen hinab, die zu der in Sandstein gefassten, mit einem Lauftrog versehenen Quelle führten. »Wenn ich mich recht entsinne, hat der Name des Baches nichts mit Eiter im eigentlichen Sinn zu tun. Geht er nicht auf keltische Wurzeln zurück?«
»Keine Ahnung.« Charlie ließ den Rucksack von den Schultern gleiten. Sie beugte sich hinunter zum Wasserstrahl, der aus einem in einer Sandsteinsäule verankerten Hahn in den Trog plätscherte. Die von Moos und Flechten besetzte Säule zierte oben ein Pinienzapfen, unterhalb waren Blütenblätter und Rosetten in den Stein gemeißelt. Das Wasser schmeckte kalt und klar.
Tina ließ ihren Blick über das sanft abfallende Tal gleiten, das im ersten Frühlingsgrün erstrahlte. Ein Bussard zog am wolkenlosen Himmel seine Runden. »Alles wirkt so friedlich hier.«
»Na, ich weiß nicht.« Charlie holte die mitgebrachten leeren Plastikflaschen aus dem Rucksack hervor und füllte sie mit Quellwasser. »Die leer stehende Försterei und die Kapellenruine haben schon eine eigene Stimmung.«
»Hast du etwa Angst vor der geheimnisvollen weißen Frau, die hier nachts spuken soll?«, neckte Tina sie.
Charlie machte einen Satz zur Seite, weil eine Waldameise ihr über den Handrücken krabbelte. Die Wasserflasche, die sie in der Hand hielt, schwappte über und ein Teil des Wassers ergoss sich auf Charlies Hose. »Mist!«, fluchte sie und starrte auf ihr feuchtes Hosenbein. »Die Frau in Weiß lässt mich kalt, aber diese Viecher hier im Wald nicht. Die können ganz gemein stechen!«
»Beißen«, korrigierte Tina. »Waldameisen beißen.«
»Klugscheißerin!«, brummte Charlie und verstaute die Wasserflaschen im Rucksack.
»Wollen wir uns die Ruine anschauen?«, schlug Tina vor.
»Wenn wir eh schon hier sind«, erwiderte Charlie mit wenig Begeisterung in der Stimme.
Sie folgte der Freundin, die hinter dem alten Forsthaus an der grau verputzten Hauswand in Richtung der Kapelle lief. Die Mauerreste des vermutlich im 11. Jahrhundert erbauten und nach der Reformation dem Verfall preisgegebenen Marienheiligtums waren dank der Renovierungsarbeiten im frühen 20. Jahrhundert gut erhalten. Der einschiffige rechteckige Sakralbau, der quadratische Chor und die Sakristei ließen erahnen, wie sich die Kapelle vor vielen, vielen Jahren den Gläubigen präsentiert hatte. Von einem mit einem Holzrahmen eingefassten, im Laufe der Jahre verblassten Farbdruck lächelte das Antlitz der Muttergottes auf die beiden Frauen hinunter. An der hoch aufragenden Außenwand des Altarraums hing eine schmale hölzerne Marienfigur. Besucher hatten Kerzen, Windlichter, Engelsfiguren, hübsch geformte Steine und andere Devotionalien in der Fensternische des Altarraums hinterlassen. Der rechteckige Altarstein war mit frischem Birken- und Haselgrün sowie Fichtenzapfen geschmückt. In einem großen Weckglas, das als Vase diente, befand sich ein Blumenarrangement aus weißen Tulpen, Ranunkeln und Schleierkraut. Eine große weiße Blockkerze thronte daneben, war aber in der milden Frühlingsbrise erloschen. Der Fuß des Altarsteins war in weißem Baumwollmusselin eingeschlagen, die Stoffenden waren zu einer Schleife geformt. Weiße Rosenblüten lagen wie große Schneeflocken um den Altarstein verstreut.
Erst jetzt bemerkte Charlie die weißen Fähnchen, die von den herunterhängenden Ästen der an die Kapellenruine angrenzenden Kiefern und Buchen flatterten. Ein seltsamer Geruch lag in der Luft.
»Riechst du das auch?«, wollte Charlie von ihrer Freundin wissen und hielt die Stupsnase in die Höhe.
Tina schnupperte. »Riecht für mich nach Weihrauch. Und vielleicht nach Myrrhe und Sandelholz. So ein archaischer Geruch.«
»Werden hier noch Gottesdienste abgehalten?«, wunderte sich Charlie.
»Offiziell nicht«, erwiderte Tina. »Es gibt nur die Muttergottes-Wallfahrt im August, zu der Gläubige von Siedelsbrunn aus hierherpilgern.«
»Bisschen früh dafür«, meinte Charlie.
Tina zuckte mit den Schultern. »Wahrscheinlich nutzen viele die Kapelle, um ein kurzes Gebet zu sprechen oder um Maria um einen Gefallen zu bitten.«
»Bitte, bitte auf der Stelle zehn Kilo weniger auf der Waage!« Das konnte sich Charlie nicht verkneifen.
»Um solche profanen Wünsche kümmert sich Maria nicht«, behauptete Tina.
Charlie ließ nochmals den Blick über den Altarraum schweifen. Obwohl die Blumen, das viele Schnittgrün, die Kerze und die Fähnchen eine friedliche Stimmung hätten erzeugen sollen, war ihr doch unwohl. Im Wald krächzte ein Kolkrabe. Charlie zuckte zusammen. Kündigte der Vogel weitere Besucher oder Wanderer an? Oder war es eine Warnung? Charlie rückte den mit den schweren Flaschen gefüllten Rucksack in eine bequemere Position und rieb sich die Unterarme, die mit Gänsehaut überzogen waren. »Komm, lass uns gehen!«, bat sie.
Die beiden Freundinnen schritten am Altarstein vorbei und traten durch die Maueröffnung. Zuerst erblickten sie nur ein Paar nackte Füße mit blutrot lackierten Zehennägeln, die hinter dem Mauerrest hervorlugten. Dann sahen sie die ganze Frau, die lang ausgestreckt in der ehemaligen Sakristei lag.
»Hallo!«, sagte Charlie leise und kam sich sofort ziemlich dämlich vor.
Die Frau blieb stumm. Sie trug ein weißes, hoch aufgeschlossenes und bis zum Hals reichendes Kleid, dessen Ärmel und Saum mit feiner Spitze besetzt waren. Die Hände mit den langen grazilen Fingern hielt sie wie zum Gebet gefaltet. Auf ihrer Brust lag eine weiße Rose. Das dunkelbraune, schulterlange Haar war mit einer Blütenkrone aus weißen Kamelien geschmückt. Die Lippen der Frau trugen die gleiche Farbe wie ihre Zehen- und Fingernägel.
»Lieber Gott!«, presste Charlie zwischen bebenden Lippen hervor.
»Ist sie tot?«, flüsterte Tina.
Charlie legte den Rucksack ab, ging in die Hocke und führte die Spitzen von Zeige- und Mittelfinger an die Halsschlagader. Die Haut fühlte sich trocken und kalt an. »Kein Puls mehr«, murmelte sie. An der Kragenspitze bemerkte sie leichte rötliche Verfärbungen. In Charlies Fingern juckte es, den Kragen nach unten zu schieben und nach der Ursache zu suchen. Doch sie wusste, dass sie auf diese Weise wertvolle Spuren zerstören würde. Langsam kam Charlie wieder auf die Beine. Dabei berührte ihr linker Fuß unabsichtlich den Kopf der Toten. Einer der beiden weißen, glatt polierten Kieselsteine, die auf den Augen der Toten lagen, rollte zur Seite und gab den Blick frei auf eine leere Augenhöhle, die sich anklagend zum Himmel richtete. Dort zogen erste Wolken von Westen auf.
Charlie unterdrückte die aufsteigende Übelkeit, wandte sich von der Toten ab und griff nach dem Handy. Gunter Haase meldete sich beim dritten Klingelton.
»Tina und ich, wir sind hier in Lichtenklingen gerade über eine weibliche Leiche gestolpert«, informierte Charlie den Hauptkommissar.
»Das ist jetzt nicht wahr, Bobbelsche?« Gunter Haase wischte sich mit dem Hemdärmel den Schweiß von der Stirn. Vor Charlies Anruf hatte er den 27. Holzpflock in Folge in die steinharte Odenwälder Erde gerammt.
»Ich befürchte doch«, sagte Charlie. »Am besten, du bringst gleich das ganz große Besteck mit.«
5. Kapitel
Mit einem triumphierenden Lächeln steckte Beate Holzapfel den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Haustür. Sie war soeben über sich selbst hinausgewachsen. Für andere Sportler wären die 500 Meter, die ihre ebenerdige Wohnung vom Briefkasten entfernt lag, nicht mehr als ein Fliegenschiss. Beate hatte, für ihre Verhältnisse, soeben einen Halbmarathon hingelegt. Noch immer etwas außer Atem lehnte sie den Carbon-Gehstock gegen die Flurwand und streifte die Jacke ab. Dabei fiel ihr Blick in den Spiegel, der neben der weißen Garderobe hing. Beate verzog den Mund automatisch zu einer Grimasse. Dann atmete sie einmal tief durch und konfrontierte sich nochmals mit ihrem Spiegelbild. Ihre Psychotherapeutin und sie arbeiteten seit mehr als fünf Jahren daran, dass sie ihr neues Ich endlich akzeptierte. Mit ihrem jetzigen Aussehen zurechtkam. Ob es ihr gefiel, spielte dabei keine Rolle. Sie musste lernen, mit dem, was geschehen war, zu leben.
Beate zog den langen, schräg geschnittenen Pony über die Narbe auf der Stirn. Der dicke Wulst an rotem, wucherndem Fleisch war dank mehrerer Operationen zu einem drei Millimeter breiten weißen Strich geschrumpft. Mit geschickt aufgetragenem Make-up bemerkten Leute, die nichts von ihrem Unfall wussten, den Makel meist überhaupt nicht. Der Rest von ihrem Gesicht – nun, das war eine andere Sache.
Vor dem Tag, an dem sich ihr ganzes Leben geändert hatte, war Beate nicht nur eine begnadete Turnerin, sondern auch eine richtige Schönheit gewesen. Mit ihrem herzförmigen Gesicht, den hoch liegenden Wangenknochen, der geraden Nase, dem sinnlichen Mund und den strahlend blauen Augen hatte sie allen Jungen im Landeskader sowie ihren Trainern den Kopf verdreht. Obwohl sie das gar nicht nötig hatte. Beate Holzapfel war die geborene Turnerin: Auf dem Schwebebalken tänzelte sie wie eine Ballerina, den Stufenbarren beherrschte sie wie keine andere, beim Sprung flog sie einer Feder gleich durch die Lüfte und auf der Bodenmatte zeigte sie sich als wahre Akrobatin. Beate war auf dem besten Weg, in den Olympiakader aufgenommen zu werden. Bis, ja, bis zu jener Nacht kurz vor ihrem 17. Geburtstag. Als sie plötzlich im Straßengraben lag, aus einer klaffenden Wunde auf der Stirn blutete, halbseitig gelähmt war und es nicht einmal merkte. Beate hatte, bedingt durch die schwere Schädel-Hirn-Verletzung, vier Jahre im Wachkoma gelegen. Dass sie es überhaupt zurück ins Leben geschafft hatte, grenzte an ein Wunder.
Beate atmete tief durch und streckte die Zunge heraus. »Hallo, funny face!«
Die Medikamente und die vielen Jahre, in denen sie zum körperlichen Nichtstun verdammt gewesen war, hatten ihre Spuren hinterlassen. Wenn Beate sich auf Fotos von früher sah, erkannte sie sich selbst fast nicht wieder. Nur ihre blauen Augen, die hatten nichts an Strahlkraft eingebüßt. Sie zeugten von Optimismus. Trotz allem. Alle Rückschläge, alle Niederlagen hatten ihren starken Willen nicht brechen können. In Beates Brust steckte das Herz einer Kämpferin. Mit eiserner Disziplin hatte sie sich aus dem Rollstuhl einen Weg in die Freiheit gebahnt. Denn Beate hatte ein Ziel: Sie wollte Rache. Endlich Genugtuung. Um jeden Preis.
»Beeil dich! Das Essen ist gleich fertig!«, rief Jörg aus der Küche. Er stand am Herd und rührte in einem Topf mit Tomatensoße. Die abgegossenen Spaghetti standen bereits in einer abgedeckten Schüssel auf dem Esszimmertisch.
Beate hauchte Jörg einen Kuss auf den Haaransatz im Nacken. Er hatte das Gewicht auf sein gesundes Bein verlagert, weil die neue Unterschenkelprothese drückte. Bis die Prothese richtig saß, war eine Menge Anpassungsarbeit notwendig.
»Es duftet himmlisch«, sagte Beate.
»Setz dich schon mal hin! Ich komme gleich mit der Soße«, erwiderte Jörg und lächelte.
Er besaß die beneidenswerte Gabe, das, was vorher war, nicht mit dem, was nachher kam, zu vergleichen. Er schaute nicht zurück. Jörg hatte sich während ihres gemeinsamen Aufenthaltes in der Rehaklinik in Beate verliebt. Wie sie vor ihrem Unfall, vor den vielen chirurgischen Eingriffen ausgesehen hatte, interessierte ihn nicht. Für ihn zählte nur das Hier und Jetzt. Eine winzige Unachtsamkeit auf dem Weg ins freie Wochenende hatte Jörg gezeigt, wie schnell das Leben vorbei sein konnte. Sein bester Freund Max, der hinter ihm auf der Moto Guzzi saß, hatte den Motorradunfall nicht überlebt. Jörg dagegen hatte »nur« den rechten Unterschenkel samt Fuß eingebüßt. Im Vergleich zu Max’ Schicksal ein, wie Jörg fand, geringer Preis.
Jörg zog den Topf vom Herd und humpelte zum Esstisch.
»Wollen wir morgen eine kleine Wanderung machen?«, schlug Beate vor, während sie ein paar Spaghetti um ihre Gabel wickelte.
Jörg warf ihr einen erstaunten Blick zu. »Du willst wandern? Ist das nicht ein bisschen früh?«
»Nun ja«, erwiderte Beate, nachdem sie die Spaghetti hinuntergeschluckt hatte. »Wandern ist vielleicht zu viel gesagt. Aber ich muss lernen, mit dem Stock auch in unebenem Gelände klarzukommen.«
»Eins nach dem anderen«, bremste Jörg ihren Übereifer. »Lass uns morgen eine Runde um den Teich im Hermannshof-Garten drehen! Die Ärzte haben dich davor gewarnt, dich zu schnell zu überanstrengen. Oder willst du zurück in den Rollstuhl?«
»Niemals!«, brachte Beate keuchend hervor.
»Siehst du.« Jörg gab etwas geriebenen Parmesan über seine Spaghetti. »Wir gehen morgen in den Park und bewundern die Frühlingsblüher. Der Rest wird sich finden.« Er gab Beate einen liebevollen Nasenstüber. »Und jetzt iss weiter, bevor alles kalt wird!«
Beate tat, als ob sie sich mit Jörgs Vorschlag einverstanden zeigte. Insgeheim überlegte sie jedoch, wie sie so schnell wie möglich in den Odenwald gelangen könnte. Sie musste das Gelände auskundschaften. Und ihre wackligen Beine an das Gehen über Stock und Stein trainieren. Denn Beate wusste: Ohne ihr entschlossenes Handeln würde sich nichts finden oder lösen. Sie musste aktiv werden. Und bleiben.
»Kann mir vielleicht jemand verraten, was das soll?« Kriminalrat Doktor Kuno Wölfelschneider blickte anklagend in die im Besprechungszimmer der Regionalen Kriminalinspektion Heppenheim versammelte Runde.
Kriminalhauptkommissar Gunter Haase unterdrückte nur mit Mühe ein Seufzen. »Es tut mir aufrichtig leid, aber ich habe mir den Samstagnachmittag auch anders vorgestellt«, wagte er einzuwenden. Seine langen Beine steckten noch immer in der mit Erde verschmierten Jeans, die er bei der Holzpflockaktion auf dem Atzeldoalhof getragen hatte. Sein hellgraues T-Shirt war verschwitzt. Aber was hätte er tun sollen? Nach Charlies Anruf blieb keine Zeit, die Klamotten zu wechseln. Da hatten andere Aufgaben Priorität.
Doktor Kuno Wölfelschneider sah dagegen wie aus dem Ei gepellt aus: Statt Freizeitlook trug er einen dreiteiligen Anzug in feinstem schottischen Lovat Tweed. Die dunkelbraun-blauen Dreifachstreifen auf dem in Brauntönen gewebten Tweedstoff waren in Sachen Countrymode für den britischen Gentleman zwar der letzte Schrei, weckten in Gunter Haase jedoch Erinnerungen an einen Motorradurlaub in den schottischen Highlands, in dem es unaufhörlich geregnet hatte. So schlecht wie das Wetter war damals auch die Laune seiner Freundin gewesen; sie hatte ihm anschließend den Laufpass gegeben. Der Gesichtsausdruck des Kriminalrates verhieß ebenfalls nicht Gutes.
»Sie wagen es, mich wegen einer Lappalie von einem Polomatch im Georghof wegzuholen? Mitten im vierten Chukker, als wir gerade in Führung lagen?«, polterte Doktor Wölfelschneider los.
Timo Keil, der vor Eile vergessen hatte, den Fahrradrucksack vom Rücken zu nehmen, warf seinem Vorgesetzten einen anerkennenden Blick zu. »Sie meinen, Sie haben auf einem Polopferd gesessen und mit dem Schläger auf den Ball eingedroschen?«
Doktor Wölfelschneider zog die Tweedweste mit den fünf braunen Hornknöpfen zurecht, die auf seinem Bauchansatz nach oben wanderte. »Natürlich nicht! Ich gehöre zu den Sponsoren des Clubs.«
»Ach so.« Timo Keil wirkte sichtlich enttäuscht.
Gunter Haase verkniff sich trotz des Ernstes der Lage ein Grinsen. Seitdem Inge Wölfelschneider ihren Gatten über Weihnachten und Silvester in ein luxuriöses Landhotel in die Grafschaft Devon entführt hatte, machte der Kriminalrat auf britische High Society. Zum Anzug trug er eine optisch passende Fliege, seine Füße steckten in handgefertigten Oxford Boots. Die Gerüchteküche in der Regionalen Kriminalinspektion kolportierte, dass es dem Kriminalrat nach einem Landhaus im Hochtaunuskreis als Zweitwohnsitz gelüstete. Gunter Haase fragte sich, wann das erste Teegeschirr aus Silber in das Büro des Kriminalrats einziehen würde. Die venezianischen Masken, die bisher dort die Wände verziert hatten, waren seit Kurzem verschwunden.
»Den Mord an einer jungen Frau würde ich nicht gerade als Lappalie bezeichnen«, meldete sich Kriminalkommissarin Martina Lohse zu Wort. In ihrem schwarzen, zu einem kurzen Pixie Cut geschnittenen Haar waren helle Farbspritzer auszumachen. Gunter Haases Telefonanruf hatte sie beim Renovieren erwischt.
»Wieso eine Leiche?« Kriminalrat Wölfelschneider runzelte irritiert die buschigen grauen Augenbrauen.
»Das Bobbelsche, äh, ich meine Frau Knapp, hat bei einer Wanderung im Odenwald eine Tote entdeckt«, bemühte sich Gunter Haase, den Sachverhalt richtigzustellen.
»Schon wieder dieser Odenwald!«, stöhnte Doktor Wölfelschneider auf.
»Und schon wieder die Frau Knapp«, fügte Kriminalkommissar Franz-Josef – Frajo – Helferich mit einem breiten Grinsen hinzu. »Unsere verehrte Hobbyermittlerin zieht anscheinend die Leichen an wie ein Haufen Kuhdung die Schmeißfliegen.«
»Ich glaub nicht, dass sie das mit Absicht macht«, murmelte Martina Lohse. Nachdem Charlie im letzten Mordfall als Einzige die richtigen Rückschlüsse gezogen und das Geflecht aus Lügen und Intrigen aufgedeckt hatte, behandelte die Kriminalkommissarin die Juristin vom Atzeldoalhof mit Hochachtung. Außerdem waren sich die beiden Frauen auf Anhieb sympathisch gewesen.
»Nun reden Sie nicht so lange um den heißen Brei herum! Was hat es mit dieser Odenwälder Sache auf sich?« Doktor Kuno Wölfelschneider wurde zusehends ungehaltener. »Am Telefon hat man mir erklärt, dass es sich um einen tragischen Wanderunfall handelt. Der definitiv weder in meine noch in Ihre Zuständigkeit fällt.«
»Im Odenwald fliegen die Messer halt tief«, murmelte Timo Keil. »Wenn man sich nicht schnell genug duckt, dann: zack!« Zur Verdeutlichung fuhr er mit dem Handrücken an seiner Kehle entlang.
Martina Lohse warf dem jungen Kollegen einen genervten Blick zu.
»Lasst uns systematisch vorgehen!«, schlug Gunter Haase vor. »Am besten ist, wir tragen das zusammen, was wir schon wissen.«
Die Kollegen nickten.
»Ich fang mal an, weil ich als Erster davon erfahren habe.« Gunter Haase stellte sich vor die mit magnetischer Whiteboard-Farbe bestrichene Wandfläche und schrieb »Telefoneingang: 12.27 h« sowie »Fundort: Kapellenruine Lichtenklingen, Eiterbachtal« in schwarzen Lettern an die Wand.
»Opfer weiblich, zwischen 30 und 35 Jahre alt, voraussichtliche Todesursache: Schnitt in die Halsgefäße, dabei Durchtrennung der Hauptschlagadern«, diktierte Martina Lohse.
Doktor Kuno Wölfelschneider verzog angewidert das Gesicht.
»Was mich wundert«, warf Frajo Helferich ein, »ist das wenige Blut, das wir beim Opfer ausmachen konnten. Ich meine, bei so einem Halsschnitt, da spritzt das Blut doch wie bei einem Springbrunnen heraus.«
»Du liest zu viele drittklassige Kriminalromane!«, rügte Gunter Haase den Kollegen. »Ich schätze, dass Ulf von der Spurensicherung uns später Näheres dazu sagen wird. Aber ich habe den Eindruck, dass der Täter genau wusste, was er tut.«
»Ach ja?«, meinte Frajo Helferich skeptisch.
»Nach der jetzigen Spurenlage müssen wir uns das Geschehen, meiner Meinung nach, so vorstellen«, Gunter Haase blickte in die Runde. »Der Täter oder die Täterin nähert sich dem Opfer mit dem Messer von hinten. Mit einem einzigen Schnitt durchtrennt er die Halsschlagadern. Das Blut tritt in großem Schwall aus, wodurch das Opfer quasi augenblicklich bewusstlos wird. Der Täter legt sein Opfer auf den Boden, dreht die Schnittstelle am Hals nach unten, sodass das Blut nicht, wie Frajo annahm, durch die Gegend spritzt, sondern in den Boden sickert. Die von der Spurensicherung genommenen Proben werden das mit Sicherheit beweisen.«
»Mag sein. Ich habe trotzdem das Gefühl, dass wir am Tatort zu wenig Blut gefunden haben.« Frajo Helferich setzte einen störrischen Gesichtsausdruck auf. »An dem Kleid waren doch nur ein paar wenige Tropfen.«
»Weil sie das Kleid zum Zeitpunkt ihres Todes nicht getragen hat«, stellte Martina Lohse fest.
Timo Keil, der bis dahin an einem losen Fetzen Nagelhaut geknibbelt hatte, blickte erstaunt auf. »Meinst du etwa, dass das Opfer nackt war, als es ermordet wurde? Kann doch nicht sein! Wer rennt schon nackt im Odenwald rum?«
Doktor Wölfelschneider musste unvermittelt an die Herrenabende in der Freiluftsauna seines Freundes Kurt-Albert am Breitenbach denken und nestelte an seiner Tweedfliege.
»Herr, schmeiß Hirn!«, entfuhr es Martina Lohse. »Selbstverständlich war das Opfer nicht nackt. Der Täter hat die Frau in ihren normalen Klamotten überfallen und ermordet. Dann hat er sie ausbluten lassen und das Blut abgewaschen. Genügend Wasser stand ihm ja durch den Brunnen zur Verfügung. Nach dem Waschen hat er ihr das Kleid angezogen und sie zurechtgemacht.«
»Sind inzwischen andere Kleidungsstücke vor Ort gefunden worden?«, wollte Frajo Helferich wissen. »Die Kollegen von der Polizeistation sind doch noch im Einsatz, oder?«
»Bis jetzt haben sie nichts gefunden.« Gunter Haase fuhr sich mit dem Handballen über die hohe Stirn, hinter der sich ein pochender Schmerz bemerkbar machte. »Von der Mordwaffe fehlt leider auch noch jede Spur.«
»Wissen Sie überhaupt schon was?«, blaffte Doktor Wölfelschneider den Hauptkommissar an.
»Wir sind gerade erst vom Tatort zurückgekommen«, versuchte Gunter Haase, sich zu rechtfertigen. »Mit der Auswertung der Spuren und dem Bericht des Pathologen können wir frühestens morgen Abend, realistischerweise wohl eher am Montag rechnen. Schließlich haben wir Wochenende.«
»Eben.« Timo Keil verschränkte vielsagend die Arme vor der Brust.
»Noch mal zum Blut und zum Kleid zurück.« Frajo Helferich zeigte sich beharrlich. »Wenn eure Vermutungen stimmen, hat der Täter das Opfer zuerst ermordet und im Anschluss ganz großes Kino veranstaltet: Er hat sie fein säuberlich gewaschen und ihr das mitgebrachte Kleid angezogen. Dann hat er das viele Grün, die Blumen und die Blumenkrone, die Kerzen und die Fähnchen arrangiert. Alles farblich perfekt aufeinander abgestimmt, nichts dem Zufall überlassen. Damit will er der Welt an sich, ergo auch uns, doch was sagen, nicht wahr?«
»Mit Sicherheit ist das eine Botschaft. Die Frage ist nur, welche«, murmelte Gunter Haase.
»Für mich hat die Frau wie eine Jungfrau oder Madonna ausgesehen«, bemerkte Martina Lohse. »Dieses Bild will er für die Nachwelt hinterlassen.«
»Ich hatte sogar den Eindruck«, erinnerte sich Gunter Haase, »dass ihre Zehen- und Fingernägel frisch lackiert waren. Das muss der Täter nach ihrem Tod gemacht haben. Lippenstift hat er ebenfalls aufgetragen.«
Timo Keil verzog das Gesicht zu einer angewiderten Grimasse. »Wie krank ist das denn?«
Doktor Wölfelschneider nickte. »Da muss ich Ihnen ausnahmsweise einmal recht geben.«
»Der Täter scheint ein Pedant zu sein«, sagte Frajo Helferich.
»Das alles hat viel Zeit in Anspruch genommen. Woher konnte der Täter sicher sein, dass er nicht gestört wird?«, wunderte sich Gunter Haase.
»Vielleicht hat er der Frau im Morgengrauen aufgelauert«, mutmaßte Frajo Helferich. »Um die Zeit ist niemand im Wald. Höchstens Jäger oder Förster oder so.«
»Zeugenbefragung???«, schrieb Gunter Haase an die Wand.
»Oder die beiden kannten sich und waren verabredet«, spann Martina Lohse den gedanklichen Faden weiter. »Der Mord und die Inszenierung der Toten waren bis ins letzte Detail geplant. Das war kein spontaner Überfall, weil er die Frau zum Beispiel vergewaltigen wollte.«
Doktor Wölfelschneider räusperte sich. »Wissen wir diesbezüglich schon Näheres? Wenn die Frau ein Opfer von sexueller Gewalt mit Todesfolge wurde, haben wir gleich die Medien im Nacken. Die warten doch nur auf so was.«
»Auf den ersten Blick handelt es sich nicht um ein Sexualdelikt«, erwiderte Gunter Haase. »Aber das muss die Pathologie noch bestätigen.«
Frajo Helferich nahm die Brille von der Nase und massierte die Nasenwurzel zwischen Daumen und Zeigefinger. »Jetzt sagt nicht, dass ich zu viele schlechte Krimis im Fernsehen schaue«, meinte er, nachdem er die Brille wieder aufgesetzt hatte. »Aber für mich wirkt dieses ganze Arrangement fast wie ein Opferritual.«
Martina Lohse runzelte die Stirn. »Hat diese Kapellenruine nicht diesbezüglich eine Vergangenheit?«
»Was für eine Vergangenheit?« Frajo Helferich schaute seine Kollegin verwundert an.
»Der Ort wird doch für verschiedene religiöse Zwecke genutzt«, erwiderte Martina Lohse. »Das haben mir die Kollegen von der Polizeistation Wald-Michelbach bestätigt.«
»Ganz genau!«, stimmte der Kriminalhauptkommissar seiner Mitarbeiterin zu. »Für Katholiken ist die Kapelle ein Wallfahrtsort. Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, wurden die jährlichen Wallfahrten um 1980 wieder aufgenommen. Am Sonntag nach Mariä Himmelfahrt pilgern die Gläubigen mit der Muttergottesstatue dorthin, die ansonsten in der Kapelle von Unter-Abtsteinach untergebracht ist. Aber viele suchen die Kappellenruine auch zwischendurch für ein Gebet auf.«
»Wollen Sie damit sagen, dass Sie beabsichtigen, sämtliche Gläubige aus der Region unter die Lupe zu nehmen?«, stöhnte Doktor Wölfelschneider auf. »Ich bitte Sie! Überlegen Sie mal, was für eine Außenwirkung das hätte! Die Schlagzeilen in der lokalen Presse mag ich mir gar nicht ausmalen.«
»Wir machen das, was nötig sein wird, um den Fall aufzuklären«, presste Gunter Haase zwischen schmalen Lippen hervor.
Martina Lohse blickte von ihrem Handy auf. »Ich habe schnell gegoogelt. Um Sankt Maria in Lichtenklingen ranken sich verschiedene Mythen und Legenden. Angeblich soll dort ein Schatz aus dem Dreißigjährigen Krieg vergraben sein, den ein großer schwarzer Hund bewacht.«
Frajo Helferich seufzte. »Leider habe ich davon heute nichts gesehen. Weder vom Hund noch vom Schatz. Sonst säße ich wahrscheinlich nicht mehr hier.« Sehnsüchtig schaute der Kommissar aus dem Fenster, wo die Frühlingssonne strahlte.
Martina Lohse grinste. »Wer was findet, muss teilen!« Dann wurde sie wieder ernst. »Angeblich treibt in Lichtenklingen auch eine weiße Frau ihr Unwesen. Die erblickte einst der Förster, der als Einziger in dem neben der Kapelle errichteten Forsthaus verblieben war. Die weiße Frau war Teil einer nächtlichen Prozession von Frauen, die sich singend an den Wänden der Kapelle entlangbewegte. Der Förster griff nach seinem Gewehr und legte auf die mystischen Gestalten an. Aber sein Arm versagte ihm den Dienst und blieb danach steif.«
»Genau das sollte allen Jägern passieren«, murmelte Timo Keil leise vor sich hin. »Dann müssten weniger unschuldige Tier sterben.«
»Timo!« Gunter Haase rügte den jungen Kollegen mit einem strengen Blick.
Frajo Helferich wandte sich an Martina Lohse. »Meinst du, dass der Täter von der Sage wusste und die Tote diese weiße Frau darstellen soll?«
»Damit wäre der Täter in Jägerkreisen zu vermuten«, warf Doktor Kuno Wölfelschneider ein. »Hören Sie sich dort einmal um! Möglichst schnell.«
»Das werden wir machen«, versprach Gunter Haase. »Aber wir sollten eher nachfragen, ob jemandem von der Jägerschaft oder den Förstern etwas in der Gegend um Lichtenklingen aufgefallen ist. Ein Pkw, der dort im Forst nichts zu suchen hat, ein früher Wanderer oder Jogger. Wenn wir Glück haben, hat jemand die Frau vor ihrem Tod gesehen.«
Martina Lohse tippte nochmals auf ihrem Handy herum. »Hier steht auch, dass der Ort schon in vorchristlicher Zeit als Quellenheiligtum verehrt wurde. Deshalb wird Lichtenklingen neben den katholischen Wallfahrern auch von neuheidnischen Gruppen als Kraftort oder magischer Ort genutzt. Der Brunnen unterhalb ist, wie ihr vielleicht bemerkt habt, mit eindeutig heidnischen Symbolen geschmückt. Dem Wasser wird laut Google eine heilende Wirkung zugesprochen.«
Frajo Helferich zog die Luft zwischen den Zähnen ein. »Also ist an meiner Vermutung doch was dran! Könnte es nicht sein, dass die Frau irgendwelchen Göttern, an die so kranke Typen glauben, geopfert wurde? Dass wir es nicht mit einem Einzeltäter, sondern mit einer ganzen Gruppe zu tun haben?«
»War gestern nicht Frühlingsanfang?«, meinte Timo Keil.
»Ein Frühlingsopfer, das dem Frühlingsgott dargebracht wird?« Gunter Haase drehte den Boardmarker nervös zwischen den Fingern. »Wie bei Igor Strawinskys ›Le sacre du printemps‹, wo nach der Anbetung der Erde eine Jungfrau ausgewählt wird, die dem Frühlingsgott geopfert werden soll?«
»Für eine Jungfrau im klassischen Sinn war die Tote zu alt«, wandte Martina Lohse ein.
»Sind hier in der Region denn neuheidnische Gruppierungen, zu Gewalt neigende Esoteriker, Hexen, Druiden oder Magiker unterwegs?«, wollte Frajo Helferich wissen.
»Ich kann mich an keine Vorfälle in den letzten Jahren erinnern«, erwiderte Gunter Haase. »Aber hör dich doch mal bei den Polizeistationen um, ob den Kollegen vor Ort etwas aufgefallen ist! Ich werde diesbezüglich beim Verfassungsschutz anklopfen.«
Beim Wort »Verfassungsschutz« zuckte Doktor Wölfelschneider zusammen. Er richtete seinen Blick auf das linke Handgelenk, wo seit Weihnachten eine sündhaft teure Bremont-Fliegeruhr prangte, stand auf und rückte das Tweedjackett zurecht. »Nun, Sie wissen, was zu tun ist. Wir sehen uns Montagfrüh um acht in meinem Büro. Dann möchte ich erste Erfolge sehen. Meine Dame, meine Herren!« Doktor Kuno Wölfelschneider nickte seinen Mitarbeitern zu und war aus dem Besprechungszimmer verschwunden. Ein Hauch von Kent-Rasierseife verblieb in der Luft.
Gunter Haase zog eine Grimasse, als ob ihn plötzlich Zahnschmerzen plagten.
Martina Lohse sprang auf und öffnete eins der Fenster. »Ich brauch frische Luft.«
»Also gut.« Gunter Haase versuchte, sich zu sammeln. »Lasst uns so vorgehen: Frajo, du stellst eine Liste mit allen Förstern, Jägern und Jagdpächtern aus der unmittelbaren Nähe des Tatortes auf und klapperst sie telefonisch ab, ob sie etwas gesehen haben! Falls ja, fahr hin und befrag sie vor Ort!«
Der Kriminalkommissar nickte.
»Timo«, fuhr Gunter Haase fort, »du setzt dich an den Computer und findest heraus, ob es Parallelen zu anderen Fällen in der Region gibt! Nimm dir ruhig die letzten 20 Jahre vor! Ich will nachher eine komplette Zusammenstellung!«
»Wenn’s unbedingt sein muss.« Timo Keil stöhnte theatralisch auf.
Gunter Haase verkniff sich einen Kommentar und berührte Martina Lohse kurz am Arm. »Und wir beide, wir machen jetzt noch einmal einen Ausflug in den Odenwald.«
»Allemal besser, als Wohnzimmer und Küche zu streichen«, erwiderte die Kommissarin grinsend und schnappte sich ihre dunkle, mit Nieten besetzte Lederjacke.
6. Kapitel
Charlie betrat das kleine Büro auf dem der Straße abgewandten Teil des Atzeldoalhofes, das sie sich mit Reiner und in den letzten Wochen vermehrt mit Emelie teilte. Weshalb die alten Plakate mit Abbildungen von Schleppern und Vollerntern Postern der Tierrechtsorganisation PETA hatten weichen müssen. Eins der Poster zeigte den Kopf einer schwarz-weiß gefleckten Holstein-Kuh, von denen es eine 200-köpfige Herde auf dem Atzeldoalhof gab. »Lass mir meine Milch! Trink Pflanzenmilch!«, bat die Kuh mit traurigen Augen. Auf einem zweiten Poster lag ein toter Rehbock ausgestreckt im Gras, was mit der Überschrift »Jagd ist Mord!« kommentiert wurde. Über der Lehne des Schreibtischstuhls hing ein grünes T-Shirt mit dem weißen Aufdruck »Go vegan, safe the world!«. Im Raum roch es nach Schokoladenkeksen, Klebestiften und Pubertätshormonen. Charlie reichte Reiner, der am Computer saß, eine Tasse Kräutertee, stellte ihre Tasse auf dem Schreibtisch ab und öffnete das Fenster.
»Hatte Emelie heute wieder ein Gruppentreffen?«
Reiner verzog den Mund zu einem Grinsen. »Die Mädels sind gerade abgezogen, um beim Italiener in Aschbach vegane Pizza zu mampfen.«
Charlies Magen reagierte augenblicklich mit Grummeln auf das magische Wort Pizza. Sie biss in den Apfel, den sie aus der Küche mitgenommen hatte. »Mist!«, fluchte sie, als der Saft ihr das Kinn heruntertropfte.
Reiner zog ein Papiertaschentuch aus der Hosentasche und reichte es ihr.
»Danke!« Charlie säuberte damit ihr Kinn und die klebrigen Hände. »Du siehst müde aus«, bemerkte sie, als sie das Taschentuch in den Papierkorb beförderte.
»Dieser Verwaltungskram bringt mich noch um!«, stöhnte Reiner und warf den Tabellen auf dem Computerbildschirm einen erbosten Blick zu.
»Von der Wiege bis zur Bahre – Papiere und Formulare«, witzelte Charlie, wurde aber schnell wieder ernst. »Du musst dir endlich Hilfe holen!«
Reiner seufzte und fuhr sich mit der Hand durch das hellbraune Haar. »Will ich ja! Vor allem für die Jobs auf dem Hof! Seitdem die Modder sich im September den Arm gebrochen hat und nicht mehr so kann wie früher, ertrinke ich schier in Arbeit.«
»Wenn du so weitermachst, hast du bald einen Herzinfarkt«, warnte ihn Charlie.
»Theo meint es ja gut«, jammerte Reiner weiter, »aber er steht mir mehr im Weg, als dass er eine wirkliche Hilfe ist. Außerdem kann er wegen seiner Hüften kaum krauchen.«
»Hast du mal beim Arbeitsamt in Mörlenbach nachgefragt?«
»Die haben nix. Wer will schon auf einem Bauernhof schuften? Höchstens Saisonarbeiter. Ich brauch jemanden für alle Tage im Jahr.«
Charlie nahm einen Schluck von ihrem Tee. »Du könntest eine Annonce in den Kleinanzeigen aufgeben. Vielleicht fühlt sich jemand angesprochen.«
»Ich rechne mir da keine großen Chancen aus.« Reiner war sichtlich bedrückt. »Die einzige Möglichkeit wäre …«
»Ja?« Charlie schaute ihn erwartungsvoll an.
»Ich habe bei der Sparkasse den Jürgen vom Hilbig-Hof getroffen. Bei ihm ist vor Kurzem Dirk Schmitt aufgetaucht und hat nach Arbeit gefragt.«
»Wer ist dieser Schmitt?«
»Eine verkrachte Existenz«, erwiderte Reiner Haase. »Der Dirk war mit dem Gunter in einer Klasse, hat aber kurz vor der mittleren Reife die Schule abgebrochen. Er wollte eine Lehre als Automechaniker machen, ist jedoch schon bei der ersten Lehrstelle rausgeflogen. Um an Geld zu kommen, hat er angefangen zu dealen. Nicht die ganz harten Drogen, aber ein bisschen Hasch und stimmungsaufhellende Medikamente. Er hatte sogar die Dreistigkeit, das Zeug auf dem Schulhof zu verkaufen. Irgendwann ist er damit aufgeflogen. Weil er sich bei der Festnahme mit einem Messer gewehrt und einen Polizeibeamten verletzt hat, ist er für drei Jahre in den Knast gegangen.«
»Uh, eindrucksvolle Vita!« Charlie verzog den Mund zu einer Grimasse.
»In den letzten Jahren hat sich Dirk wohl nichts mehr zuschulden kommen lassen. Hat sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten. Eine ganze Weile hat er sich um eine unserer ehemaligen Lehrerinnen gekümmert, die nach einem Unfall nicht mehr allein klarkam. Die hat in den höchsten Tönen von ›ihrem‹ Dirk geschwärmt. Inzwischen ist sie leider in einem Pflegeheim untergebracht.«
Charlie runzelte die Stirn. »Wenn ich das, was du eben gesagt hast, richtig deute, willst du diesem Dirk eine Chance geben?«
Reiner gähnte herzhaft. »Ich fürchte, dass ich keine andere Wahl habe. Außerdem hat er seine Strafe bekommen und abgesessen. Man kann ihn doch nicht ewig für eine Jugendsünde verdammen.«
»Nein, das sollte man nicht«, gab Charlie dem Freund recht. Als Juristin hatte sie oft genug miterlebt, wie schnell eine falsche Entscheidung, eine unbedachte Handlung lebenslange Folgen nach sich ziehen konnten.
»Ich werde mit Dirk sprechen, und dann sehen wir weiter.« Reiner stand vom Schreibtischstuhl auf und reckte sich. »Jetzt brauch ich ein schönes kaltes Bier. Nach dem ganzen Papierkram habe ich mir das verdient.«
»Ich hätte auch Lust auf eins«, seufzte Charlie und zog unwillkürlich den Bauch ein.
Reiner schaute sie verwundert an. »Wer oder was hindert dich daran?«
»Ich wollte mal ein bisschen kürzertreten.«
»Ach komm!« Reiner fasste sie sanft am Arm. »Du hattest heute einen verdammt harten Tag. Über ein Mordopfer zu stolpern, ist alles andere als angenehm. Wahrscheinlich stehst du noch immer unter Schock.«
»Nee, nicht wirklich«, widersprach ihm Charlie.
»Ein Bier und ein paar von Modders selbst gebackenen Käsehäppchen werden dir guttun.«
»Ich hab’s gewusst!«, seufzte Charlie. Gute Vorsätze auf dem Atzeldoalhof einzuhalten, war ein Ding der Unmöglichkeit.
Reiner blieb mitten im Flur stehen. »Wie hat mein Bruder eigentlich darauf reagiert, dass ausgerechnet du ihn wieder mit einer Leiche konfrontiert hast?«
Charlie dachte an Gunters gequälten Gesichtsausdruck, als er die Treppen zur Kapellenruine hochgestapft war. »Er hat sich alle Mühe gegeben, meine Anwesenheit mit Fassung zu tragen.«
Reiner grinste. »Kann ich mir lebhaft vorstellen.«
»Aber ich musste ihm in die Hand versprechen, dass ich mich diesmal nicht in die Ermittlungen einmischen werde«, sagte Charlie. Ihre Mundwinkel bebten leicht.
Reiner lachte laut auf. »Und? Wirst du dich an dein Versprechen halten?«
Charlie zuckte nonchalant mit den Schultern. »Mal sehen. Jetzt lass uns endlich ein Bier trinken!«
Am Dienstagmorgen brach Martina Lohse bereits um kurz nach sieben auf. Sie hatte sich, was die Fahrtzeit von ihrer Wohnung nördlich von Bensheim bis nach Erbach betraf, gründlich verschätzt. Mit der Folge, dass sie viel zu früh in Erbach, der Kreisstadt des südhessischen Odenwaldkreises, ankam. Der kleine Laden von Selena Sinten, mit der sie sich am Telefon verabredet hatte, öffnete erst um halb zehn.
Martina Lohse parkte den Dienstwagen im Untergeschoss des Parkdecks an der Neuen Lustgartenstraße. Sie kannte das beschauliche Odenwälder Städtchen mit den schmucken Fachwerkhäusern von der Erbacher Schlossweihnacht, die alle Jahre wieder Tausende Touristen aus nah und fern anzieht. Jetzt, Ende März, waren die große, mit Lichtern geschmückte Tanne vor dem Barockschloss auf dem Marktplatz, die Stände mit weihnachtlichen Spezialitäten und die Musikanten natürlich verschwunden. Die Büsche und Sträucher entlang der Mümling trugen das erste Grün. Im Lustgarten mit der angeschlossenen spätbarocken Orangerie reckten Primeln und Narzissen die gelben Köpfe in die Frühlingsluft. Vor der Orangerie waren weiße Sonnenschirme aufgestellt. Doch um den ersten Morgenkaffee draußen zu genießen, war es einen Tick zu kalt. Martina Lohse öffnete die Tür zum Café Klatsch.
Auf den von Rundsitzgruppen eingerahmten Tischen hatte es sich ein Trüppchen rüstiger Rentnerinnen gemütlich gemacht. Martina Lohse wählte einen kleinen Tisch im vorderen Bereich des Cafés, von dem aus sie durch die hohen Fenster in den Lustgarten schauen konnte. Sie hängte ihre Jacke über die Stuhllehne und machte sich auf zur fürstlich bestückten Kuchentheke. Fast hätte sie ein Stück Rhabarber-Baiser-Sahnetorte bestellt, dann besann sie sich eines Besseren und entschied sich für ein üppiges Frühstück.
Sie gab etwas Butter und Kirschkonfitüre auf die Croissantspitze und biss hinein. Himmlisch, dachte sie, als sie ihr butterweich gekochtes Frühstücksei löffelte. Meistens blieb ihr keine Zeit für ein ausgiebiges Frühstück. Entweder war es ihre fünfjährige Tochter Jana oder ihr Job, die morgens mit einem ausgewogenen Start in den Tag kollidierten. Die Kriminalkommissarin belegte ein Brötchen üppig mit Käse und Gurkenscheiben, danach musste sie sich geschlagen geben. Den Rest der Köstlichkeiten, die man ihr auf der kleinen Porzellanetagere serviert hatte, ließ sie zurückgehen. Martina Lohse spülte den letzten Bissen mit Kaffee hinunter und machte sich auf den Weg zu ihrem Termin.
Über die mit Blumenkästen geschmückte kleine Brücke gelangte sie auf den Marktplatz, wo sie sich rechts hielt und durch den Torgang am Alten Rathaus in eine schmale Gasse ging. Die Gasse mündete in ein Sträßchen, das an der evangelischen Stadtkirche vorbeiführte. Martina Lohse folgte der Straße, bis sie den Spielplatz auf der linken Seite erreichte. Am Haus gegenüber konnte sie schon das hellblaue Türschild mit der Aufschrift »Abrakadabra« erkennen.
Ein Glöckchen über der Tür verkündete ihre Ankunft. Hinter der Tür thronte ein großer goldfarbener Buddha, der die Kriminalkommissarin freundlich anlächelte. An beiden Seiten des schmalen Ladengeschäftes zogen sich geölte Holzregale entlang, in denen alles angeordnet war, was das esoterisch veranlagte Herz begehrte. Martina Lohse entdeckte Klangschalen, Pendel und Amulette, Edel- und Halbedelsteine, Räucherwerk, kleine Reisigbesen, Kerzen, Federn und Schmuck. In einem Regal stapelten sich Fachliteratur und Romane, unter denen Martina Lohse amüsiert alle sieben Bände von Harry Potter ausmachte. Ein Aromadiffusor im Kristallkugellook verströmte einen würzigen Duft nach Sandelholz und Zitrusfrüchten. Aus an der Decke angebrachten Lautsprechern erklang leise Harfenmusik. Hinter einem aus unbehandeltem Holz gezimmerten Verkaufstresen stand eine brünette Frau und sortierte Papiertütchen mit Kräutertee auf einem Tablett. Als ihr dabei die Lesebrille fast von der Nase rutschte, fluchte sie lauthals.
»Frau Sinten?«, fragte die Kriminalkommissarin.
Die brünette Frau nahm die Brille von der Nase und schaute ihre Besucherin aus blauen Augen mit Lachfältchen, die von einem fröhlichen Gemüt zeugten, an.
»Wir haben gestern telefoniert«, sagte Martina Lohse.
Frau Sinten, die die Kommissarin um mehr als einen Kopf überragte, streckte die Hand aus. »Willkommen. Ich bin Selena.«
»Martina«, erwiderte die Hauptkommissarin spontan.
»Möchtest du einen Tee?«, fragte die Ladeninhaberin. »Ich habe gerade eine Kanne finnischen Waldtee aufgegossen.«
»Hört sich spannend an«, meinte Martina Lohse.
»Eine tolle Mischung aus Blaubeeren, Brombeeren, Johannisbeeren und deren Blättern sowie Pinienkernen, Apfelstücken und Mistelkraut.« Selena Sinten goss die dampfende Flüssigkeit in zwei Keramikbecher und reichte einen davon der Kommissarin. »Zucker?«
Martina Lohse schüttelte den Kopf. Zögerlich nahm sie einen Schluck. Dann lächelte sie anerkennend. »Wirklich lecker!«
Selena stellte ihre Tasse auf den Tresen. »Du bist also gekommen, um etwas über Hexen zu erfahren.«
»Ich kenne, ehrlich gesagt, nur ›Die kleine Hexe‹ von Otfried Preußler oder Bibi Blocksberg«, gestand Martina Lohse.
»Daraus lese ich ab und zu meinen beiden Töchtern vor«, erwiderte Selena lachend. »Aber das ist natürlich alles Fiktion.«
»Und du, du bist echt?«, wagte die Kommissarin zu fragen.
»Ja. Ich bin eine wahrhaftige Hexe.«
Die Kommissarin musterte die Ladeninhaberin eindringlich. »Du siehst so normal aus!«
Selena prustete los. »Was hast du dir denn vorgestellt? Dass ich eine fette Warze auf der Nase habe und meine Kundschaft mit einem spitzen Hexenhut auf dem Kopf empfange? Oder dass ich einen Hexenbesen als Dienstfahrzeug nutze?«
»Ertappt«, murmelte Martina.
»Die alten Klischees greifen noch immer«, bedauerte Selena. »Vielleicht, weil Hexen zu allen Zeiten starke, selbstbewusste Frauen waren, die ihren eigenen Weg gingen. Und heute noch gehen. Das weckt Ängste. Für manche stellen alle, die anders als sie selbst sind, eine Bedrohung dar.«
»Wie genau sieht denn dieses ›anders‹ aus?«, hakte die Kommissarin nach.
»Es ist weniger eine Frage von Äußerlichkeiten, sondern eine Frage der Weltanschauung. Das Hexentum ist eine Naturreligion. Wir glauben daran, dass alles beseelt und miteinander verbunden ist. Für uns ist die Natur heilig. Deshalb orientieren wir uns auch am Kreislauf der Jahreszeiten. Gerade haben wir zum Beispiel Ostara, die Frühjahrstagundnachtgleiche, begangen.«
»Seid ihr in Gemeinschaften, in Zirkeln oder so was organisiert?«
»Es gibt frei fliegende Hexen und solche, die sich Hexenzirkeln zugehörig fühlen. Oder eine Mischform aus beiden. Mein Mann, der übrigens auch ein Hexer ist –«
»Ich dachte, Männer wären eher Druiden«, warf Martina Lohse erstaunt ein.
»Nein, es gibt auch männliche Hexen. Wir unterscheiden uns in vielerlei Hinsicht von den Druiden. Das Druidentum orientiert sich am antiken Keltentum und der keltischen Mythologie. Damit hat es eine etwas andere Ausgangsbasis, huldigt anderen Göttern. Mein Mann und ich fühlen uns dem Wicca-Kult zugehörig, der in den USA und in Großbritannien übrigens als Religion anerkannt ist.«
»Hoffentlich bleibt das auch unter Trump so.« Martina Lohse zog eine Grimasse.
»Die Coven, also die Wicca-Zirkel in den USA, sind weise genug, sich nicht zu weit in die Öffentlichkeit zu wagen, keine unnötige Angriffsfläche zu bieten«, erklärte Selena. »Sie haben vor Trump bestanden und werden es auch nach ihm tun. In dieser Hinsicht bin ich sehr zuversichtlich.«
»Dein Mann und du, seid ihr in so einem Zirkel aktiv?«, wollte Martina Lohse wissen.
»Wir sind initiiert, fühlen uns aber als frei fliegend. Das heißt, wir arbeiten nicht in den Zirkeln. So können wir individuell darüber bestimmen, wie wir unsere Rituale abhalten und wie wir unsere Spiritualität definieren.«
»Welche Rolle spielt Gewalt in eurem Hexentum?« Martina Lohse blickte Selena fest in die Augen.
»Natürlich keine!«, erwiderte die, ohne mit der Wimper zu zucken. »Wir wollen heilen, helfen, bewahren – nicht zerstören. Unsere Zauber sind keine schwarze Magie. Wir sind keine Satanisten und nutzen das Hexentum nicht als Tarnmantel, um rechte oder linke Ideologien zu propagieren.«
»Gibt es solche Zirkel oder Gruppen?« Martina ließ nicht locker.
Selena nippte nachdenklich an ihrem Tee. »Das kann ich nicht ausschließen. Ich kann nur für mich und die Hexen, die mir bekannt sind, sprechen. Aber da ist zum Beispiel dieser selbst ernannte Druide im Rhein-Neckar-Gebiet. Unter dessen weißem Druidenmantel verbirgt sich tiefbraunes Gedankengut. In den sozialen Medien und im Internet ruft dieser Typ ganz unverblümt zur Gewalt gegen Andersdenkende auf und verbreitet antisemitisches Gedankengut.«
»Auf den bin ich bei meinen Recherchen auch gestoßen«, sagte die Kommissarin. »Aber an dem sind die Kollegen vom Verfassungsschutz schon dran. Der kommt für unseren Fall nicht infrage.«
»Worum geht es dir eigentlich genau?« Selena blickte Martina fragend an.
»Zum einen möchte ich wissen, ob du von Gruppierungen oder Einzelpersonen weißt, die an der Kappellenruine in Lichtenklingen heidnische Rituale vollziehen.«
Selena runzelte nachdenklich die Stirn. »Ist mir, ehrlich gesagt, nicht bekannt. Der Zirkel, dem mein Mann und ich angehörten, ist dort nicht aktiv. Aber …«
Die Kommissarin blickte Selena erwartungsvoll an.
»Es gibt eine Hexe, die dort in der Region unterwegs ist. Sie hat, sagen wir mal, eine sehr eigene, eher feministisch ausgeprägte Orientierung.«
»Würde sie für ihre Überzeugung töten?«
Selena riss die blauen Augen erschrocken auf. »Es geht also um Mord?«
»Ganz genau. Eine Frau wurde erstochen und anschließend in einem weißen Kleid mit Blumen drapiert und mit Devotionalien ausgestattet. Für uns sieht das wie ein Ritualmord aus.«
»Und du meinst, dass jemand von uns dafür verantwortlich ist?«
»Ich meine nicht, ich recherchiere, um die Wahrheit herauszufinden.«
»Also diese Hexe, die in der Region um Hirschhorn aktiv ist, halte ich persönlich für sehr umtriebig, aber völlig harmlos. Sie gibt auch Meditationskurse und bietet Kräuterwanderungen an.«
»Kannst du mir trotzdem ihren Namen und, wenn du hast, ihre Telefonnummer geben?«
»Das mit dem Namen und der Adresse ist so eine Sache«, meinte Selena. »Die meisten Hexen geben sich aus Selbstschutz nicht unter ihrem richtigen Namen zu erkennen. Ich schau mal, ob ich Moira auf der Bestellliste entdecke. Sie ordert ab und zu Räucherwerk und anderen Kleinkram bei mir.«
Während Selena ihre Auftragsdateien auf dem Computer öffnete, blickte Martina Lohse auf ihr Handy. Keine Nachricht von Gunter Haase. Er hatte ihr versprochen, Bescheid zu geben, sobald der Pathologe in Frankfurt seinen Bericht gemailt hatte.
»Hier habe ich sie!« Selena reichte der Kommissarin triumphierend einen Zettel mit der Handynummer.
»Danke. Ich werde bei dieser Moira nachhaken.«
»Aber dir drückt doch noch was auf der Seele.«
»Ja«, gestand Martina. »Du hast eben gesagt, dass ihr gerade dieses Frühlingsfest begangen habt.«
»Du meinst Ostara. Es ist eines unserer acht Feste im Jahreskreis und steht für den Neubeginn. Die Göttin erwacht nach dem langen Winterdunkel und bringt Licht und Fruchtbarkeit über die Erde. Das feiern wir mit verschiedenen Ritualen. Manche sind denen, die Christen zu ihrem Osterfest begehen, übrigens sehr ähnlich.«
»Kommen bei diesen Ritualen auch Blumen vor?«
»Selbstverständlich! Was wäre die Tagundnachtgleiche ohne Blumen? Wir verwenden sogenannte Sabbatkräuter.«
»Die da wären?«
»Eine Auswahl von Frühlingsblumen, die zu Ostara blühen. Narzissen und Osterglocken, Iris, Veilchen, Stechginster, Waldmeister. Dazu Birken- und Haselgrün sowie Forsythienzweige.«
»Eure Opferblumen sind aber nicht alle weiß, oder?«
»Nein.« Selena schüttelte den Kopf. »Der Jahreszeit entsprechend bunt gemischt.«
»Und ihr verwendet nur Blumen für eure Rituale?«
»Und anderes Hexenwerk.«
Nach dem netten und aufschlussreichen Gespräch fiel es Martina Lohse schwer, die nächsten beiden Fragen zu stellen. »Kannst du Menschenopfer zu diesem Ostarafest definitiv ausschließen?«
»Das werde ich immer mal wieder gefragt«, seufzte Selena Sinten. »Doch da muss ich dich enttäuschen. Menschenopfer gehören in die Sparte Horrorfilm. Oder in die Märchenwelt. Mit ›Hänsel und Gretel‹ haben wir modernen Hexen nichts zu schaffen.«
»Gut.« Die Kommissarin machte sich zum Gehen bereit. »Nur noch eine letzte Frage. Wo warst du und auch dein Mann am frühen Samstagmorgen?«
Selena Sinten lachte gutmütig auf. »Ich nehme an, du musst das fragen, oder?«
Martina Lohse nickte.
»Im Bett. Aber bevor du voreilige Schlüsse ziehst: Wir haben dafür einen Zeugen.«
»Tatsächlich?« Martina spürte, wie sich Erleichterung in ihr breitmachte.
»Um sieben schaute der Dachdecker durch unser Dachfenster. Wir hatten im wahrsten Sinn des Wortes verpennt, dass er wegen des undichten Kaminanschlusses vorbeischauen wollte.«
Martina Lohse reichte ihr den Zettel, auf dem die Telefonnummer der Hexe Moira stand. Selena fügte den Namen und die Adresse des Dachdeckers hinzu.
»Also dann, auf Wiedersehen!« Die Kommissarin streckte die Hand aus.
»Würde mich freuen«, erwiderte Selena Sinten und griff nach einem der Papiertütchen auf dem Tablett. »Finnischer Waldtee. Hilft dabei, einen klaren Kopf zu bekommen.«
7. Kapitel
»Du gehst schon?« Beate Holzapfels Kollegin in der Rentenabteilung des Bürger- und Ordnungsamtes Weinheim blickte verwundert von ihrem PC-Bildschirm auf.
Beate setzte ein gequältes Lächeln auf. »Die leidliche Physiotherapie. Mir tun schon jetzt alle Muskeln weh. Nach der Therapiestunde ist es kaum auszuhalten.«
Die Kollegin seufzte mitfühlend. »Es ist nicht fair, oder?«
»Nein, das ist es nicht.« Beate rutschte auf ihren Rollstuhl, nahm ihre Tasche vom Schreibtisch und rollte bis zur Tür, die die Kollegin ihr aufhielt. »Bis morgen dann!«
»Bis morgen!«
Auf dem Behindertenparkplatz verstaute Beate routiniert den Rollstuhl und setzte sich hinter das Lenkrad ihres behindertengerecht ausgebauten Smart Forfour. Den Rollstuhl hätte sie heute nicht wirklich gebraucht, der Gehstock hätte gereicht. Doch Beate wollte verhindern, dass man sie bei ihrer Lüge ertappte. Der Rollstuhl wirkte authentischer.
Sie bog nicht nach links in Richtung Viernheim und der Praxis ihres Physiotherapeuten ab, sondern hielt sich rechts. Am großen Kreisverkehr wählte sie die zweite Ausfahrt in Richtung Schlossbergtunnel. Im Stadtgebiet von Weinheim hielt sie sich penibel an die Geschwindigkeitsvorschriften, doch hinter dem Ortsausgangsschild gab Beate Gas. Der schneeweiße Smart, den sie mittels staatlicher Zuschüsse und einer Finanzspritze ihrer Eltern hatte kaufen können, schnurrte mit der Regelmäßigkeit eines Präzisionsuhrwerkes. Beate öffnete das Fenster einen Spalt und genoss es, wie der Fahrtwind ihr dunkelblondes Haar zerzauste. Das Gefühl, sich endlich wieder ohne die Unterstützung anderer fortbewegen zu können, war unbeschreiblich. Beate schaltete ihre Playlist ein und trällerte laut mit. Der Smart steckte die Kurven im Gorxheimertal locker weg. Entspannt kam Beate auf der Kreidacher Höhe an und lenkte den Kleinwagen hinab ins Tal. Knapp vor der Aral-Tankstelle in Wald-Michelbach bog sie in eine schmale Straße, die sich steil den Berg hinaufschlängelte. Der Parkplatz vor dem Seniorenwohnsitz war nur zu zwei Dritteln belegt, sodass Beate ihren Smart ohne Probleme dort einparkte. Sie öffnete die Tür, schulterte den Rucksack, griff nach ihrem Gehstock und schritt die Stufen zum Haupteingang hinab.
Gudrun Schadt wartete in ihrem Zimmer in der dritten Etage auf sie. »Hereinspaziert, hereinspaziert! Der Kaffee ist fertig.«
Beate Holzapfel setzte sich auf einen der vier Stühle, die zum aus Nussbaum gefertigten kleinen Esstisch passten.
Gudrun Schadt griff nach der Kaffeekanne und goss den Kaffee in zwei mit einem Goldrand verzierte Tassen. Weil ihre Hände zitterten, schwappte etwas von der schwarzen Flüssigkeit auf die Untertassen. »Verflixt und zugenäht, diese blöden nichtsnutzigen Hände!«, schimpfte sie.
Beate kam auf die Beine, humpelte zur kleinen Küchenzeile und griff nach dem Lappen, der in der Spüle lag. »Ist doch nicht schlimm«, sagte sie beruhigend und wischte den Kaffee aus den Untertassen.
»Seitdem ich bei diesem verdammten Glatteis auf den Kopf gefallen bin, bin ich nur noch ein halber Mensch«, klagte Gudrun Schadt. »Nichts geht mehr wie früher.«
Das kenne ich nur zu gut, dachte Beate. »Schön haben Sie es hier«, sagte sie, um vom Thema »körperliche Gebrechen« abzulenken, das die ehemalige Deutsch- und Geschichtslehrerin offensichtlich leicht aus der Fassung brachte.
»Pah! Daheim in meinem Häuschen in der Schwalbengasse hatte ich es viel schöner. Und gemütlicher.«
»Aber von hier aus haben Sie einen herrlichen Blick auf die bewaldeten Höhen«, versuchte es Beate nochmals.
»In letzter Zeit mag ich gar nicht mehr rausschauen«, brummte Gudrun Schadt. »Diese scheußlichen Windräder verschandeln die ganze Landschaft.«
»Nun ja, der Strom kommt leider nicht einfach so aus der Steckdose«, wandte Beate ein. Sie hatte die Zeitungsartikel verfolgt, in denen über die lauten und andauernden Proteste gegen den Windpark Stillfüssel berichtet worden war.
»Das stimmt«, musste Gudrun Schadt zugeben. »Aber wenn wir uns alle ein bisschen einschränken würden, bräuchten wir den ganzen Quatsch nicht. Was ist an diesen Monstern denn grün oder öko?«
»Ein schwieriges Thema.« Beate rührte in ihrer Kaffeetasse und fragte sich, wie sie zum eigentlichen Grund ihres Besuches gelangen könnte. Vor zwei Wochen hatte sie von einer Schulfreundin erfahren, dass die Lehrerin im Ruhestand ihr möglicherweise ein paar entscheidende Infos zu dem Mann, den Beate schon lange suchte, geben könnte. Deshalb hatte Beate unter dem Vorwand, Hilfe bei der Einrichtung eines Aquariums für Betta-Kampffische zu benötigen, einen Besuchstermin mit der pensionierten Lehrerin vereinbart. Gudrun Schadt war lange Jahre Vorsitzende der Aquarienfreunde Odenwald gewesen. Über den Umweg der Fische hoffte Beate, die Lehrerin über ihr Leben nach der Pension und den jetzigen Aufenthaltsort des Gesuchten ausfragen zu können.
Gudrun Schadt kam ihr unerwartet zu Hilfe. »Mein Dirk, der sagt auch immer, dass wir alle viel zu viel haben. Und zu viel konsumieren. Echte Zufriedenheit stellt sich ohne den ganzen Schund und Kram ein, hat er gemeint. Und der Dirk sollte es wissen. Er hat schließlich ein paar Jahre auf der Straße gelebt. Und überlebt.«
Beate konnte ihr Glück kaum fassen. Sie wandte ihr Gesicht ein wenig ab, damit die Lehrerin das plötzliche Aufleuchten in ihren Augen nicht bemerkte. »Meinen Sie etwa Dirk Schmitt?«, fragte sie schließlich mit, wie sie hoffte, neutraler Stimme.
»Sie kennen Dirk?« Gudrun Schadt beäugte Beate über den Rand ihrer Lesebrille hinweg.
»Dirk Schmitt? Klar kenn ich den! Wir waren Nachbarn«, schwindelte Beate. »Er war so etwas wie ein großer Bruder für mich.«
»Oh ja! Der Dirk hat ein großes Herz! Ein ganz großes!« Gudrun Schadt nickte. »Wenn dieser verflixte Sturz nicht gewesen wäre, würden wir beide immer noch zusammen in meinem kleinen Häuschen wohnen. Er hat sich dort um alles gekümmert.«
Hinter Beates hoher Stirn mit der Narbe begannen die Gedanken zu rattern. Es fehlte nicht mehr viel und sie wäre am Ziel! Einfacher und zügiger, als sie zu hoffen gewagt hatte. Sie musste jetzt nur schnell reagieren. Die richtige Taktik zum Einsatz bringen. Die blöden Fische könnte sie anschließend getrost vergessen. »Das gibt es doch gar nicht!« Beate setzte ein strahlendes Lächeln auf. »Dirk und Sie haben in einem Haus gewohnt?«
»Allerdings.«
»Dann wissen Sie bestimmt auch, wo ich ihn jetzt finden kann«, plapperte Beate munter weiter. »Beim Auflösen des Haushaltes meiner Mutter habe ich ein Fotoalbum gefunden, worüber er sich bestimmt freuen wird. Aber ich finde seine Nummer nicht im Telefonbuch.«
Letzteres stimmte, denn Beate hatte sich bei der Suche nach der gewünschten Adresse fast die Finger an der Tastatur ihres Laptops wundgetippt. Der Rest war pure Lüge. Beate kannte Dirk Schmitt nur vage aus ihrer Schulzeit und aus dem Bericht ihrer Versicherung, wo er als Halter des in den Unfall verwickelten Wagens angegeben war. Ihre Mutter und ihr Vater erfreuten sich, dem Himmel sei Dank, bester Gesundheit. Aber das musste Beate der Lehrerin im Ruhestand nicht auf die Nase binden.
»Wenn er wie ein großer Bruder für Sie war, warum haben Sie ihn dann nicht unterstützt, als er in Schieflage geraten ist?«, hakte Gudrun Schadt misstrauisch nach. »Da hätte er jede Hilfe gebrauchen können.«
Beate zuckte innerlich zusammen. Das Gehirn der alten Dame war besser in Schuss, als sie gedacht hatte. Sie musste vorsichtig vorgehen. »Ach, wissen Sie, ich hatte diesen Unfall. Lag deshalb lange Zeit im Koma. Seitdem geht auch bei mir nichts mehr so, wie es einmal war. Meine Beine …« Beate ließ ihre Stimme weinerlich klingen.
»Ach, Kindchen!« Gudrun Schadt tätschelte ihr tröstend die Hand.
»Im Rollstuhl war es für mich schier unmöglich, zurück nach Wald-Michelbach zu kommen. Ich bin ja ganz allein.« Beates Stimme brach. Sie kramte ein Papiertaschentuch aus ihrer Hosentasche hervor und tupfte sich damit über die Augen.
Gudrun Schadts Gesicht hatte einen grimmigen Ausdruck angenommen. »Manchmal verdient der liebe Gott dort oben nicht mehr als einen herzhaften Tritt in den Hintern«, meinte sie.
»Inzwischen geht es mir schon viel besser.« Beate ließ das Taschentuch wieder in der Hosentasche verschwinden. »Deshalb werde ich es auch schaffen, Dirk zu besuchen. Ich bin mir sicher, der wird vor Freude aus dem Häuschen sein. Wie viele Jahre sind das jetzt?« Beate tat, als ob sie im Kopf nachrechnete.
»Sie haben Glück, Kindchen.« Die Lehrerin tätschelte nochmals Beates Hand. »Dirk hat mich heute Morgen total aufgeregt angerufen. Er hat eine neue Arbeitsstelle, wo er auch wohnen darf. Seit ich ins Pflegeheim musste, hat er unter unsagbaren Zuständen in diesem alten Wohnwagen am Waldrand gehaust. Nun hat er ein eigenes Zimmer. Wie ich mit einer Küchenzeile. Da kann er sich endlich was Ordentliches kochen. Zum Schluss war mein Dirk ja nur noch Haut und Knochen.«
Beate setzte einen geschockten Gesichtsausdruck auf. »Mein Gott! Wenn ich das gewusst hätte!«
»Warten Sie mal kurz, Kindchen! Ich schreib Ihnen die neue Adresse auf. Dann können Sie ihn dort besuchen.«
»Das werde ich bestimmt machen«, versprach Beate mit einem triumphierenden Lächeln.
Als Charlie die Fahrertür des Subaru öffnete und einsteigen wollte, kamen ihr Reiner und Theo entgegen. Theo hatte den Wetterwechsel nicht gut vertragen, denn er zog das rechte Bein nach. Seine Hüftgelenksarthrose machte sich zunehmend bemerkbar. Charlie fragte sich, wie lange er eine Operation noch hinausschieben konnte.
»So früh schon unterwegs?« Reiners Haar war von der Dusche nach dem morgendlichen Melken noch feucht.
»Ich muss für einen Mandanten in Odenbrunn bei OdenwaldForst was klären.« Charlie steckte die Sonnenbrille, die auf dem Armaturenbrett lag, in das Handschuhfach. Heute war eher Regen- als Sonnenschutz gefragt.
»Und danach gehst du nach Erbach und verzockst das schwer verdiente Geld auf der Pferderennbahn?«, wollte Theo mit einem Augenzwinkern wissen. Er ließ sich seine gute Laune durch die Hüftprobleme nicht verderben.
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