Kitabı oku: «Nächsten Sommer - Jugendbuch»
Hanne-Vibeke Holst
Ebook-Kolophon
Hanne-Vibeke Holst: Nächsten Sommer. Aus dem Dänischen übertragen von Gabriele Haefs. Titel der dänischen Originalausgabe: Til sommer © 1985 Hanne-Vibeke Holst. Die Originalausgabe erschien 1985 bei Gyldendal, Kopenhagen. Deutsche Erstausgabe: © 1992 KeRLE im Verlagd Herder Freiburg, Wien. Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2020 SAGA Egmont, All rights reserved.
ISBN: 978-87-26-56959-9
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 2.0
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Erstes Kapitel
»Ach, Louise, darf ich dir eine Rose in die Haare stecken?«
»Eine Rose? Du spinnst! Natürlich nicht.«
»Eine gelbe. Du würdest aussehen wie eine Prinzessin.«
Stine griff mit einer Hand in Louises lange blonde Haare.
»Stine, wir haben keine Zeit. In einer halben Stunde kommen sie angetobt und du sitzt hier rum und faselst von Rosen.« Louise knetete genervt das Hackfleisch. »Und du musst doch langsam kapiert haben, dass Rosen in den Haaren und Ringe in der Nase nichts für uns hier oben in Jütland sind, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen«, fügte sie hinzu und gab Salz und Pfeffer in die Schüssel.
»Wenn man sich so aufführen müsste, wie das hier üblich ist, würde man vor Langeweile bald krepieren«, sagte Stine und kippte lässig ein halbes Glas Thymian dazu.
»Das soll wohl nach irgendwas schmecken, ja?«, meinte Louise trocken und versuchte den Gewürzberg mit einem Teelöffel zu entfernen.
Stine seufzte resigniert.
»Dann lass mich wenigstens deine Nägel schwarz lackieren.«
»Nix«, sagte Louise abweisend. »Und wie wär’s, wenn du mir kurz mal hilfst diese Frikadellen zu braten? Es ist immerhin dein Fest. Wo habt ihr eine große Pfanne?«
»Keine Ahnung. Schau doch mal im Fach unter dem Herd nach.«
Stine schüttelte eine Flasche Nagellack, die sie aus dem Kühlschrank geholt hatte. »Nur die Zehennägel. Das sieht ja doch keiner«, schmeichelte sie.
»Quälgeist! Aber es muss ganz schnell gehen, sonst schaffen wir das nie.« Louise ging in die Hocke und hätte fast das Gleichgewicht verloren, als sie eine große, schwarze schmiedeeiserne Pfanne aus dem Schrank zerrte.
»Habt ihr hier eine Volksküche gehabt?«, fragte sie und knallte die Pfanne auf den Herd.
»Ne, die hat meine Mutter irgendwann mal gekauft, als sie in eine Wohngemeinschaft ziehen wollte. Jetzt komm her und setz dich, Baby.«
Louise stieg resignierend aus ihren Sandalen und setzte sich an den großen Kiefernholztisch, der von Salatköpfen, Tomaten, zwei Schüsseln Kartoffelsalat unter Plastikfolie und zwei älteren Zeitungen geradezu überquoll.
Stine schob ihren Stuhl ganz dicht an sie heran und nahm Louises Füße auf ihre Knie.
»Du hast so elegante Füße. Du solltest zum Ballett gehen.« Stine beugte sich über Louises Füße und achtete sorgfältig darauf, dass sich der schwarze Lack gleichmäßig auf den kleinen Nägeln verteilte und nicht an den Zehen kleben blieb.
»Jaja. Und Einrad fahren und Feuer fressen. Du hast immer so viele gute Ideen.« Louise lächelte und steckte sich eine Zigarette an.
»Ach, ist das vielleicht nicht lustiger als deine Jazzgymnastik für Fortgeschrittene und Porzellanmalerei an der Volkshochschule? Kann ich mal ziehen?« Stine blickte von Louises linkem Fuß auf und öffnete den Mund, damit Louise ihr die Zigarette zwischen ihre knallroten Lippen stecken konnte.
Louise erwiderte das Lächeln, während sie Stine betrachtete, die sich wieder mit zusammengekniffenen Augen ganz darauf konzentrierte, ihre Nägel zu lackieren.
Manchmal überlegte sie sich, wie öde alles gewesen war, ehe Stine vor zwei Jahren an einem Augustmorgen in die Stadt gekommen war. Dieses todtraurige Erdloch, in dem Louise ihr ganzes Leben verbracht hatte, bekam plötzlich einen Hauch von großstädtischer Schrillheit. Es konnte sogar witzig sein, in die Schule zu gehen.
Stine kam aus Kopenhagen und war nur unter Protest mit ihren Eltern hergezogen. Ihre Mutter war Keramikerin und ihr Vater unterrichtete am Lehrerseminar und plötzlich waren sie auf die Idee verfallen, zu ihren Wurzeln zurückzukehren oder so ähnlich.
Louise vergaß nie, wie sie Stine zum ersten Mal gesehen hatte. Am allerersten Schultag in der ersten Gymnasiumsklassea, wo alle mit frisch gewaschenen Haaren und sauberen Fingernägeln dasaßen, völlig verwirrt registrierten, dass sie jetzt aufs Gymnasium gingen, und niemand etwas zu sagen wagte aus Angst sich zu blamieren, kam Stine eine Viertelstunde zu spät.
»Hallo, ich heiße Stine. Ist das hier, wo die 1 g sich anöden soll?«, fragte sie frech, als sie den Kopf zur Tür hereinsteckte.
»Wenn du das so formulieren möchtest, dann ja«, hatte der Lehrer geantwortet. »Ansonsten kommst du eine Viertelstunde zu spät.«
»Ach? Das mach ich immer«, hatte Stine mit flachem Kopenhagener Akzent erwidert und der Name des Lehrers, der in Blockschrift an der Tafel stand, wäre fast herabgerieselt.
Alle starrten diesen exotischen Vogel, der sich in einem Schwarm von grauen Spatzen niedergelassen hatte, mit offenem Mund an.
Stines Haare waren leuchtend hennarot gefärbt, ihr ärmelloses T-Shirt war neongrün, ihr Tüllrock schenkelkurz und ihre spitzen Stilettopumps aus imitiertem Schlangenleder. Aber das Faszinierendste war die herzförmige Sonnenbrille, die sie nicht abnahm.
Louise war genauso gelähmt wie der Rest der Klasse, aber sie musste sich trotzdem auf die Lippen beißen, um nicht laut loszuprusten. Stine war die witzigste Frau, die sie je gesehen hatte. Und als Stine sich ohne zu zögern neben Louise setzte, stand einfach fest, dass sie Freundinnen werden würden.
»Jetzt hast du wirklich verdammt fetzige Zehen.« Stine betrachtete ihr Werk voller Bewunderung, nachdem sie die Zehen zweimal mit Lack überzogen hatte.
»Und was soll ich damit anfangen?«, fragte Louise und öffnete eine Flasche Wein. »Du weißt doch genau, dass in der Klasse nichts Lohnendes sitzt. Carsten ist entweder blau oder bekifft und außerdem traut er sich nicht mit Frauen über zwölf zusammen zu sein. Und Hans ist noch nicht in die Pubertät gekommen und interessiert sich ohnehin nur für Tut.«
»Du hast wohl Anders vergessen.« Stine streckte ihren linken kleinen Finger aus, der auch eine Lackschicht bekommen hatte.
»Anders! Hast du den eingeladen? Der kommt doch sonst nie?«, fragte Louise überrascht.
»Dann wird’s aber höchste Zeit, dass er mal ins Warme kommt. Wir brauchen frisches Blut hier in der 3 g, wir haben doch den ganzen Markt schon durchgekämmt. Außerdem ist er absolut nicht so prüde, wie wir uns einbilden. In diesem Sommer haben sich seine Augen irgendwie verändert. Es sind so richtige Schlafzimmeraugen geworden«, sagte Stine und hob mit viel sagendem Gesicht ihr Glas.
»Meinst du, er war mit der Kuhmagd im Heu?«, kicherte Louise.
»Mmm. Der Knabe hat jedenfalls verborgene Talente . . .«
Stine hatte offenbar vor, sich genauer mit ihrer Theorie zu befassen. Jedenfalls sorgte sie dafür, dass sie beim Essen neben Anders sitzen konnte. Je mehr sie trank, desto schamloser flirtete sie.
Sie zog sämtliche Register und ließ Kopenhagener Sprüche los, lehnte sich an ihn und legte sogar kokett eine Hand auf seinen Arm.
Anders ließ sich alles gefallen, nickte und sagte an den richtigen Stellen ja und nein und schob sich ansonsten eine Portion Frikadellen mit Kartoffelsalat nach der anderen ein. Er wirkte weder besonders verlegen noch besonders interessiert.
Louise saß den beiden gegenüber und amüsierte sich, während sie Stines Charme-offensive beobachtete. Sie musterte Anders eingehend und fragte sich, ob Stine Recht haben könnte. Vielleicht hatte er sich verändert? Sah er nicht irgendwie männlicher aus? Mit breiten Schultern, richtigen Pranken und einem markanteren Gesicht?
Oder vielleicht sah er ja auch schon länger so aus? Plötzlich ging Louise auf, dass er ihr vorher noch nie besonders aufgefallen war. Er gehörte zu diesen stillen Typen vom Land, die jeden Tag früh mit dem Bus kamen und gleich nach Schulschluss nach Hause fuhren. In den zwei Jahren, die sie zusammen in die Klasse gingen, war Anders nie auf ein Bier mit ins Café gekommen oder abends mit ins Kino gegangen.
Er schien ganz nett zu sein, das war es nicht. Er sah nur so aus, als ob er am liebsten seine Ruhe hätte. Und er musste wohl auch zu Hause seinem Vater auf dem Hof helfen.
»Was glotzt du so?«, fragte Stine halblaut quer über den Tisch. »Ich hab ihn zuerst gesehen.«
Anders musste das gehört haben, aber er ließ sich nichts anmerken und aß weiter.
»Prost!«, sagte Louise und bemerkte zu ihrem großen Ärger, dass sie rot wurde, als Anders sein Glas hob und ihr zuprostete. Sonst wurde sie nie rot. Sie wurde mit jeder Situation fertig und war einfach cool. Dafür war sie bekannt und deshalb war sie auch im letzten Jahr zur Schulsprecherin gewählt worden. Sie konnte einfach so ein Podium betreten und fünfhundert Menschen erzählen, wie die Weltsituation heute aussah und dass sie am nächsten Tag gegen Einsparungen im Bildungsbereich demonstrieren sollten.
In den ersten beiden Gymnasiumsklassen hatte sie sich in allen Fragen des Schülerrates sehr engagiert und sich total für die Politik interessiert. Jeden Nachmittag studierte sie die Zeitungen und lernte eine Menge Fremdwörter, die sie bei den Beratungen des Schülerrates und im Sozialkundeunterricht abfeuern konnte. Alle, außer Stine, waren zutiefst beeindruckt von ihr. Stine konnte nicht begreifen, dass Louise ihre Zeit mit solchem Unfug vergeudete.
Und jetzt tat sie das auch nicht mehr. Die endlosen Verhandlungen mit dem Rektor über die Farbe des Toilettenpapiers, über die Mensapreise und über den Zeitpunkt, an dem die Schulfeste aufhören mussten, ödeten sie an. Im Grunde durfte sie ja doch keinen Pups selber bestimmen.
Nein, in der 3 g wollte sie sich auf die Schule konzentrieren und einen guten Notendurchschnitt erzielen, um sich nicht mit irgendeiner zweit- oder drittklassigen Ausbildung begnügen zu müssen. Vielleicht würde sie auch Zeit finden, mehr zu zeichnen und mit Stine zu quatschen.
Dass sie sich etwas zurückhielt, konnte vielleicht auch ihr Image verbessern. Die anderen hielten sie ja für einen kalten Fisch, sie trauten sich kaum mit ihr zu reden.
Sie war aber kein kalter Fisch. Wenn sie selber Zweifel hatte, fragte sie Stine und die bezeichnete sie immer als Powerfrau. Stine hatte selbst teuflisch viel Power, vielleicht waren sie deshalb so gute Freundinnen.
»Louise, möchtest du eine rauchen?« Stine schob eine schwarze Zigarettenpackung zu ihr hinüber. Louise lächelte und nahm sich einen der schwarzen Glimmstängel mit dem Goldmundstück. Stine hatte also wirklich etwas vor. Die Marke ›Sobranie‹ kaufte sie nur zu bestimmten Gelegenheiten, wenn sie irgendeinem Typen imponieren und als Dame von Welt auftreten wollte.
Während Louise rauchte und wie üblich versuchte Ringe zu blasen, saß sie still da und betrachtete die anderen am Tisch. Sie hatten fertig gegessen und die Teller weggeschoben, sie rauchten und tranken und redeten alle durcheinander. Alle Feste waren gleich, immer lief dasselbe Spiel ab. Hans begrapschte wie immer Tuts Oberschenkel und sie entfernte wie üblich seine dünne, sommersprossige Hand von ihren Jeans.
Tut war die Puppe der ganzen Schule. Eine süße, kleine Maus mit weichen Locken und großen braunen Augen mit dichten, langen Wimpern. Louise war immer noch ganz hingerissen, wenn sie sah, wie diese Wimpern sich öffneten und schlossen. Hans war in sie verliebt, seit sie aufs Gymnasium gekommen waren, und ebenso lange hatte Tut ihn abgewiesen. Sie wollte nur große, starke Männer, die sie beschützen konnten, wie ihre Brüder das immer gemacht hatten. Bis auf weiteres wartete sie darauf, dass der Prinz auf seinem Schimmel am Horizont auftauchte. Louise und Stine machten sich ziemliche Sorgen, wer wohl kommen und diese kleine Kirsche pflücken würde.
»Kannst du dir sparen, Hans, ich hab dir doch gesagt, dass das alles nichts bringt«, sagte Carsten und öffnete mit dem Gabelstiel sein fünftes Bier. Das Bier schäumte über und spritzte auf den Teller, auf dem Carsten vorher schon seine Asche über den Kartoffelsalatresten abgeschlagen hatte.
»Schwein!«, rief Lene und warf ihm einen ihrer mörderischen Blicke zu, die exklusiv für ihn reserviert waren. Die beiden konnten sich einfach nicht ausstehen. Lene wohnte mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder zusammen und fühlte sich von der Gesellschaft überaus ungerecht behandelt. Carsten war der Sohn eines Oberarztes und wurde pausenlos von vorn bis hinten von seiner frustrierten Mutter bedient. Sie stritten sich immer wieder, wer von ihnen am übelsten dran war.
Auch Louise hatte sich schon hundertundsiebzehnmal mit ihm gestritten. Er konnte so provozierend sein, dass sie vor Wut losheulte. Einmal auf einem Fest hatte er im Suff behauptet, in sie verliebt zu sein. Seither benahm er sich ihr gegenüber nur noch übler, während sie versöhnlich geworden war, weil es ihm so schlecht ging. Er war so selbstzerstörerisch, schwänzte die Schule und trank und rauchte ununterbrochen. Während er mit seiner Igelfrisur dasaß und negative Wellen durch den ganzen Raum sendete, konnte sie trotz ihrer Gereiztheit Mitleid mit ihm haben. Er war tierisch begabt und hatte so viele Chancen, aber jetzt zerstörte er langsam alles.
Im Vergleich zu Carsten war Anders die reinste Milchreklame. Kerngesund. Und dänisch.
Er sammelte jetzt die Teller ein und auf dem Weg zur Küche flatterte Stine um ihn herum. Louise stand auf, um Maja und Anne beim Spülen zu helfen. Aus irgendeinem Grund blieb diese Arbeit immer an den beiden hängen. Sie waren zwei etwas zurückhaltende Mädchen, die Louise lange für strohlangweilige Hausmütterchen gehalten hatte. Aber sie waren wirklich witzig, wenn sie erst wagten sich ein bisschen gehen zu lassen.
Stine war blau. Knatschbesoffen. Später, als sie zu den uralten Jazz- und Rockplatten von Stines Vater tanzten, kam sie zu Louise, die am Regal stand, herübergetorkelt.
»Kannst du mir nicht helfen?«, fragte sie und legte Louise die Arme um den Hals.
»Wobei?«, fragte Louise und stützte sie.
»Bei ihm! Ich komm bei ihm einfach nicht weiter. Alles, was ich gelernt habe, kann ich mir sonst wohin stecken. Aber ich weiß, ich weiß, er ist der reinste Vulkan!« Stine blickte sie aus verhangenen Augen an.
Louise drückte sie liebevoll an sich und lehnte sie gegen das Lexikon der dänischen Sprache in achtundzwanzig Bänden.
»Ach, Louise, was soll ich mit Männern, wenn ich dich habe!«, sagte Stine, glitt langsam am Regal hinab und ging mit einem Plumpsen zu Boden.
Tut setzte sich neben sie und Louise ging zur Toilette. Sie bürstete sich die Haare und klaute einen Tropfen vom Parfüm von Stines Mutter. Sie wollte mit Anders tanzen. Er war der Einzige, mit dem sie überhaupt tanzen wollte.
Als sie wieder ins Wohnzimmer kam, saß er zwischen Maja und Anne auf dem Sofa und lachte und quatschte. Sie kannten sich schon lange, waren zusammen zur Grundschule gegangen und schienen sich köstlich zu amüsieren.
Louise nahm einen tiefen Schluck Wein und wollte zu ihm hinübergehen. Aber plötzlich schien die Entfernung zwischen ihnen größer und größer zu werden. Es war einfach unmöglich, das Sofa zu erreichen. Was sollte sie ihm sagen? Und warum wollte sie unbedingt mit ihm tanzen?
Stattdessen tanzte sie mit Hans und Lene, behielt Anders aber die ganze Zeit im Auge. Sie konnte ihn ja immerhin nach der Ernte fragen. Sie trank etwas mehr, ihr wurde schwindlig und sie sank in einen tiefen Ledersessel. Mit geschlossenen Augen nahm sie sich vor einfach zu ihm zu gehen und zu fragen: »Na, was macht die Ernte? Willst du tanzen?« – Nein, dann würde er sie ja für restlos verblödet halten.
»Wollen wir tanzen?« Louise fuhr zusammen, als Anders plötzlich vor ihr stand.
»Was macht die Ernte?«, fragte Louise und glotzte ihn blöd an.
»Die Ernte?« Er sah überrascht aus. »Die läuft sehr gut. Interessierst du dich für Landwirtschaft?«, fragte er mit einem kleinen Lächeln.
»Na ja, nicht besonders«, murmelte sie. »Ach, ich hab sicher einen Schwips«, fügte sie hinzu und nahm die Hand, die er ihr entgegenstreckte.
Ehrlich gesagt, war sie ganz schön beschwipst, das merkte sie, als sie tanzten und ihre komplizierten Schritte sich verhedderten. Sie und Stine hatten sich nämlich einige Serien ausgedacht, mit der sie samstagabends in der Disko auf der Tanzfläche die Schau abrissen. Sie endeten immer mit einem heißen, nassen Kuss, der sämtliche Zuschauer verärgern konnte. Stine liebte Provokationen.
Louise gab die wilden Schritte auf und lehnte sich stattdessen an Anders. Er war warm und roch gut. Frisch gewaschen und frisch gebügelt. Sein Körper war muskulös und knochig, es war schön, seine Hände auf den Hüften zu fühlen.
»Dann nimm ihn doch, zum Teufel!« Stine kam an ihnen vorbei, als sie schon lange tanzten. Louise zwinkerte ihr hinter Anders’ Rücken zu. Das ließ sich wirklich als gute Freundschaft bezeichnen.
»Wo du dich doch so für Landwirtschaft interessierst, kommst du vielleicht mit raus, das Korn ansehen?«, fragte Anders, während sie darauf warteten, dass Stine und Carsten sich über die nächste Platte einig wurden.
Louise nickte und ging mit ihm durch das verschachtelte Haus von Stines Eltern. Es war ein stillgelegter Hof, dessen Wohngebäude umgebaut und erweitert worden war. Hier hatte eine WG gewohnt und in einem der Flügel, in dem Stines Mutter jetzt ihr Atelier hatte, eine Druckerei betrieben.
»Ich hab noch eine Flasche oben im Wagen, wollen wir die holen?«, fragte Anders, als sie auf dem kiesbestreuten Hofplatz standen.
Louise nickte. Sie hatte zwar schon gut getankt, aber es reichte noch lange nicht aus.
»Was für ein Straßenkreuzer!«, kicherte sie, als sie das Auto, einen alten Opel Rekord, erreicht hatten.
»Aber der kann noch fahren und ich kann das nicht, deshalb kann ich heute keinen Ausflug mit dir machen«, sagte Anders. Er schloss das Auto auf und nahm die Flasche vom Vordersitz.
»Ein andermal also?«, fragte Louise und legte den Kopf schräg wie ein affektiertes Schulmädchen.
»Das weiß man nie«, antwortete er und schlug die Wagentür zu.
Sie gingen ein wenig den Weg hoch und über ein abgesengtes Kornfeld. Es war so neblig, dass sie einander kaum sehen konnten. Louise stolperte über einen Stein und Anders packte sie und ließ ihre Hand nicht los, als sie weitergingen. Anders trug die Flasche und ab und zu reichte er sie ihr und sagte »Prost!« und davon abgesehen sagten sie lange Zeit nichts.
»Ist es nicht seltsam, dass wir noch nie miteinander geredet haben?«, fragte Louise schließlich leise im Nebel, der sie einzuhüllen schien wie ein beschützender Teppich. Man konnte so viel sagen, weil man unsichtbar war.
»Nö, ist es sicher nicht. Du bist ja immer so beschäftigt und ich habe meine eigenen Angelegenheiten und deshalb weiß ich eigentlich nicht, wann wir uns hätten unterhalten sollen«, antwortete er und reichte ihr die Flasche, nachdem er selbst einen Schluck genommen hatte.
»Andererseits wundert es mich gar nicht, dass wir jetzt herumwandern«, fügte er nach einer Weile hinzu und drückte Louises Hand. »Ich mag dich sehr gern.«
»Danke, gleichfalls«, antwortete Louise. »Du bist nett.«
Sie machten kehrt. Es war kalt, Louise fror in ihrem dünnen T-Shirt und Anders legte den Arm um sie.
Als sie das Haus erreicht hatten, stiegen die anderen gerade in ein Gruppentaxi. So kam es immer. Zuerst betrank man sich auf einem Fest, dann zog man in die Stadt.
»Kommt schon, ihr könnt’s noch schaffen!« Tut und Stine hingen aus den Fenstern und brüllten ihnen entgegen.
»Willst du mit?«, fragte Louise.
Anders schüttelte den Kopf und Louise rief, die anderen sollten einfach fahren. Sie würden nachkommen.
»Vergiss es, das kennen wir schon!«, rief Stine und winkte, als das Taxi vom Hof fuhr.
»Warum wolltest du nicht mit?«, fragte Louise, als sie allein vor dem Haus standen.
»Ich muss bald nach Hause. Ich muss morgen doch früh aufstehen. Die Ernte, du weißt schon«, sagte er mit schiefem Lächeln.
»Aber du kannst doch jetzt nicht fahren!«, meinte Louise.
»Können wir nicht einen Kaffee kochen? Dann bin ich sicher bald wieder nüchtern.«
Sie gingen in die warme Küche. Louise setzte Wasser auf und Anders nahm sich eine Frikadelle aus dem Kühlschrank.
Während sie darauf wartete, dass das Wasser kochte, stellte Louise sich zum Aufwärmen an den Herd. Sie lächelte Anders verlegen an, sie waren so plötzlich in dieses grelle Licht gekommen.
Anders ging zu ihr, nahm still ihr Gesicht zwischen seine Hände, schob die Haare beiseite und küsste sie. O ja. Darauf hatte sie den ganzen Abend gewartet.
Das Wasser fing an zu kochen. Louise trat beiseite, um ihren Rücken vor dem Dampf zu schützen.
»Willst du unbedingt Kaffee?«, flüsterte sie und zupfte mit den Lippen an seinem Ohrläppchen. Er schüttelte den Kopf, Louise drehte die Platte hinter sich ab und zusammen gingen sie die Treppe zu Stines Zimmer hinauf. Louise war sicher, dass Stine ihr verzeihen würde, als sie das Licht einschaltete, die Bettdecke zur Seite schlug und sich, mit Anders über sich, aufs Bett fallen ließ.
Zwei Stunden später wurden sie von Carsten, Hans, Lene und Stine geweckt, die am Fußende lachten und johlten.
»Ihr habt’s euch ja gemütlich gemacht! Und das in meinem Bett!«, sagte Stine und versuchte verärgert zu klingen.
»Mmm.« Louise hatte die Decke ans Kinn gezogen und betrachtete sie schläfrig aus zusammengekniffenen Augen.
»Seht mal, was ich gefunden habe!« Hans richtete sich vom Boden auf und ließ triumphierend Louises Unterhose an einem Finger durch die Luft wirbeln.
Louise war das peinlich und sie verbarg ihr Gesicht in Anders’ Armhöhle. Er lächelte sie an und zwinkerte Hans zu.
»Da hast du uns ja wirklich die Tour vermasselt, alter Junge. Also ist sie vielleicht doch nicht frigide?«, fragte Carsten sarkastisch.
Lene stürzte sich augenblicklich auf ihn und Stine meinte, sie müsste jetzt aber wirklich nach unten gehen und Kaffee trinken, ehe sie alles bereute und sie hinausschmiss. Louise warf ihr eine dankbare Kusshand zu, als sie sich davonmachten.
»Danke für heute Nacht«, flüsterte Anders und drückte sie an sich, als sie wieder allein waren.
»Ebenfalls«, lächelte Louise und streichelte seine Brust. Die war glatt, aber es breitete sich langsam eine Kolonie lockiger Haare aus.
»Ich muss jetzt nach Hause.« Er gähnte und reckte sich träge.
»Wann sehen wir uns?«, fragte Louise. Sie konnte es einfach nicht ertragen, dass er gehen wollte. Es war lange her, dass sie das Gefühl gehabt hatte, so eng mit jemandem zusammen zu sein. Meistens war der erste Abend eine triste Angelegenheit. Manchmal hatte sie sich vor sich selber geekelt und sich einfach so schnell wie möglich verdrückt.
»Morgen um 8 Uhr 15, falls du nicht wie üblich zu spät kommst.« Er stand auf dem Boden und suchte im Kleiderhaufen nach seiner Unterhose.
»Du hast aber wirklich fetzige Zehen«, bemerkte er, als er ihren Fuß mit den schwarz lackierten Nägeln sah, der unter der Decke hervorlugte.
»Gott, die hatte ich ganz vergessen!«, rief Louise, hob den Kopf vom Kissen und musterte Stines Werk. »Hast du was dagegen?«
»Nein, du bist spitze. Wir sehen uns«, sagte er und beugte sich über sie. Er küsste sie hastig, aber zärtlich, dann ging er und schloss leise die Tür hinter sich.
Louise blieb liegen und lauschte ihm nach, als er die Treppe hinunterging, sich von den anderen verabschiedete, den Rekord anließ und durch den knirschenden Kies den Weg hinauffuhr.
Als er gefahren war, kam Stine zurück und kroch neben ihr ins Bett. »Hier riecht’s ja himmlisch«, sagte sie und machte es sich dort gemütlich, wo vorhin Anders gelegen hatte. »Hab ich nicht Recht gehabt, er ist ein Spitzenfang?«
»Not bad«, antwortete Louise und spürte ihn bereits in allen Zellen. Anders war wirklich something special. Und sie war warm und satt, als sie Stine gute Nacht sagte und im weichen Morgenlicht einschlief.
Zweites Kapitel
»Ich hab einfach keinen Bock mehr!« Louise seufzte und ließ sich im Korbsessel zurückfallen.
»Komm schon, wir sind bald fertig.« Anders saß neben ihr am Schreibtisch und schrieb ein Biologieprotokoll. Seit sie aus der Schule gekommen waren, saßen sie schon in Louises Zimmer, aber es schien nichts dabei herauszukommen. Das Fest lag bereits einige Tage zurück und sie waren zum ersten Mal allein zusammen. Und es gab auf der Welt einfach wichtigere Dinge als DNS-Moleküle und Fruchtfliegen.
Den ganzen Nachmittag hatten sie auf ihrem Bett gelegen und geredet und geschmust und ein bisschen geküsst. Als Louises Mutter kam und fragte, ob Anders nicht mitessen wollte, hatten sie noch kein Buch aufgeschlagen.
Das Abendessen war sehr lustig gewesen. Louises Mutter hatte sich mit dem Essen besondere Mühe gegeben, sie hatten Eis mit selbst eingemachten Brombeeren bekommen, mit denen sie sonst sehr knauserte. Louise konnte sehen, dass Anders ihrer Mutter sofort gefiel, und auch er entspannte sich, obwohl er sich Sorgen gemacht hatte, dass er »Umstände machen« könnte. Zum Glück war Louises Vater nicht zu Hause, er konnte ihren Freunden gegenüber so grob werden. Richtig gemein und ätzend. Einige hatte er schon wegekeln können und vielleicht war das auch sein Ziel gewesen.
Ihre kleine Schwester Liz hatte freiwillig den Abwasch übernommen.
»So verknallt, wie du bist, lässt du das Geschirr ja doch bloß fallen«, hatte sie gesagt und Louise aus der Küche geworfen.
Verliebt? War es möglich, sich in einer Nacht zu verlieben? War es möglich, sich in einen Klassenkameraden zu verlieben, den sie seit zwei Jahren jeden Tag gesehen hatte?
Andererseits hatte sie einen dreitägigen Orkan durchgemacht, nur einen halben Joghurt und einen Apfel gegessen und sechzig Zigaretten geraucht. Sie hatte sich nur auf Anders konzentrieren können und war den Anmachen der anderen gegenüber kalt geblieben. In den Stunden starrte sie einfach nur seinen Nacken an, der ihr als das Vollkommenste erschien, was sie je gesehen hatte.
Leider war sie blöd genug gewesen Stine zu erzählen, dass sie Anders für ein göttlich schönes Geschöpf hielt, objektiv gesehen. Stine hatte nur herablassend losgeprustet. Sie fand es sehr komisch, dass Louise litt, weil sie nicht mit Anders gesprochen hatte und einfach nicht wusste, wie er zu ihr stand. Als Louise ihr Gefühllosigkeit vorwarf, sagte Stine, dass es wirklich an der Zeit war, dass Louise einmal vor Ungewissheit stöhnen musste.
»Aber Stine, meinst du denn, ihm geht’s genauso?«, jammerte sie und Stine betrachtete sie nachsichtig.
»Süße, sperr doch mal die Gucklöcher auf! Der ist stoned! Armer Mann, der ist glatt in die Falle gelatscht. Hätte eben mich nehmen sollen.«
Aber Louise war erst überzeugt, als Anders in der Pause zu ihr kam, als sie allein am Kaffeeautomaten stand, und ihr einen zerknüllten Zettel reichte.
»Die Französische Revolution, Einkommenspolitik und ihr Einfluss auf die Zahlungsbilanz, schlaflose Nächte und du, du, du. Wann können wir uns sehen? A.«
Seit gestern hatte sie den Zettel schon tausendmal gelesen, er war inzwischen ganz abgegriffen und durchsichtig. Das war sie auch. Durchsichtig. Sie begriff nicht, was er mit ihr machte, aber schon beim bloßen Gedanken an ihn lief es ihr heiß und kalt über den Rücken. Also war sie vielleicht verliebt?
»Diesmal wird’s eben einfach nichts.« Anders legte den Kugelschreiber beiseite und steckte die Blätter in eine Plastikhülle. »Und jetzt muss ich nach Hause.«
»Du kannst doch hier schlafen?«, schlug Louise vor. Sie stand hinter ihm und hatte die Arme um seinen Hals gelegt.
»Aber ich muss doch um sechs Uhr zum Füttern aufstehen«, erwiderte er.
»Steh einfach früh auf und fahr nach Hause. Ist doch egal, ob du jetzt oder morgen früh fährst?«
»Do-och. Ich würde auch lieber in deinen Armen schlafen«, sagte er und zog sie zu sich herunter.
In diesem Moment hörte Louise, dass das Auto in die Garage gefahren wurde. Also kam ihr Vater nach Hause. Wenn er sich jetzt einmischte, dann würde sie austicken. In der letzten Zeit hatte er sich in alles, was sie machte, eingemischt. Hatte geschimpft und war bei jedem Dreck in die Luft gegangen. Die Mahlzeiten waren zu Schlachten zwischen ihnen geworden, dabei konnte schon »gib mir das Salz« als Kriegserklärung und »bitte sehr, hier ist die Butter« als Antrag auf Waffenstillstand aufgefasst werden. Liz klimperte nervös mit den Wimpern und die Mutter versuchte als diskrete Vermittlerin zu fungieren, wenn sie sich verbissen über alles – vom Preis für ein Pfund Tomaten bis hin zur Rolle der USA in Nicaragua – fetzten.
Früher hatte immer die Mutter auf sie gewartet, wenn sie lange ausgeblieben war. Entweder, um ihr die Leviten zu lesen, weil Louise zu spät nach Hause kam, oder weil sie nicht schlafen konnte und sich vorstellte, dass Louise vergewaltigt und verstümmelt in irgendeinem Wald lag. Aber jetzt war es der Vater, der mit einem Buch auf dem Schoß vor sich hin döste, wenn sie nach Hause kam.
Wenn Louise fragte, warum er in aller Welt noch so spät auf sei, dann sagte er, er müsse noch rasch ein Problem lösen oder dass er nachts so gut seine Gedanken sammeln könne.
Aber das glaubte Louise nicht, denn er fing immer an, sie kreuz und quer auszufragen. Wenn sie sich erkundigte, ob das ein Verhör dritten Grades sein sollte, wurde er wütend und erklärte, er sei nur daran interessiert, was sie mit wem unternahm. Vor allem Letzteres lag ihm sehr am Herzen.
Er ging ihr tierisch auf den Geist. Liz glaubte, die Midlifecrisis sei schuld daran. Louise war es schnurz, was der Grund dafür war, nur sollte er sie sich selbst überlassen.
»Du musst dich darauf vorbereiten, den Architekten zu begrüßen«, sagte Louise, als sie die schweren Schritte ihres Vaters auf der Treppe hörte.
Anders sah sie verwirrt an, aber sie streichelte ihm nur beruhigend über die Haare, als der Vater anklopfte und sie »herein« sagte.
»Hallo, Mutter hat gesagt, du hättest Besuch und da wollte ich nur schnell Guten Tag sagen«, sagte der Vater und hielt Anders, der ihn höflich begrüßte, die Hand hin.
»Na, aber du wolltest wohl gerade gehen«, fuhr der Vater fort. »Louise muss ja früh aufstehen und du selber sicher auch. Du kommst vom Land, nicht wahr?«
Anders’ Blick suchte unsicher Hilfe bei Louise. Sie sammelte all ihren Trotz und ihren Mut und ließ ihren angestauten Aggressionen freien Lauf: »Anders bleibt hier. Er schläft heute Nacht hier.«
»Ach ja? Das ist ja interessant. Ist deine Mutter darüber informiert?«
»Nö, aber er soll ja auch nicht in ihrem Bett schlafen«, antwortete Louise und erschrak selbst über ihre Frechheit.
»Louise, ich möchte gern einen Moment mit dir allein reden.«
Louise nahm diesen Befehl mit einem Schulterzucken entgegen und ging mit ihm auf den Flur. Doch als sie gerade im Begriff war, hinter ihm die Treppe hinunterzulaufen, blieb sie stehen. Sie wollte nicht länger herumkommandiert werden. Er sollte sie zum Teufel noch mal nicht demütigen und schon gar nicht vor Anders.
»Vater, hier gibt’s keine Diskussionen. Er bleibt hier«, sagte sie ruhig zu seinem Rücken, der in der Tweedjacke breiter und breirter wurde, bis er sich dann zu ihr umdrehte und sagte: »Louise, du bestimmst nicht in diesem Haus, auch wenn du dich aufführst, als ob dir hier alles gehört. Aber so lange du hier wohnst, hast du dich an einige wenige Regeln zu halten. Ich bin sehr großzügig, deine Mutter ist sehr großzügig, wir haben dich durchaus frei erzogen. Aber es gibt gewisse Regeln . . .«
Seine Stimme bebte vor unterdrückter Wut. Louise sah ihn trotzig an und hasste ihn verbissener als je zuvor. Sie verachtete ihn. Aufgeblasener fetter Frosch, reaktionärer Chauvi, konnte nicht ertragen, dass er keine Macht mehr über sie hatte. Darum ging es hier doch. Um Macht und Besitzansprüche. Er glaubte, sein Besitzrecht über einen Haufen Steine und einige teure Designermöbel garantiere ihm auch unbeschränkte Gewalt über sie. Aber das stimmte nicht mehr.
Louise kniff die Augen zusammen und schüttelte langsam den Kopf. Dann drehte sie sich um, ließ ihn stehen und ging zu Anders zurück.
»Wir hauen ab«, teilte sie Anders mit, der schon seine Tasche gepackt hatte, an der Tür stand und fluchtbereit wirkte. Louise streifte sich ihren blauen Pullover über den Kopf, stopfte Bücher, etwas Wäsche und ihre Kulturtasche in ihren Rucksack und knipste das Licht aus.
Auf der Treppe begegnete ihnen niemand, der Vater war offenbar in sein Zimmer gegangen. Aber Louise wollte sichergehen, dass ihre Botschaft bei ihm ankam, und deshalb schlug sie die Haustür hart hinter sich zu.
»Was jetzt?«, fragte Anders, als sie draußen auf dem Bürgersteig standen.
»Kannst du mich nicht zu Stine fahren?« Louise war todmüde und wollte am allerliebsten in einem warmen Bett neben einem lieben Menschen einschlafen.
»So spät? Willst du nicht lieber mit zu mir kommen? Dann nehmen wir morgen einfach den Bus?«, fragte er und fasste sie ums Handgelenk.
»Ich weiß nicht so recht . . . Was sagen denn deine Eltern, wenn du mitten in der Nacht eine wildfremde Person anschleppst?«
»Ach, das sind die doch gewohnt! Komm jetzt!« Er nahm ihren Rucksack und ging zum Rekord.
»Du bist ja vielleicht grob!«, sagte Louise, war aber erleichtert, weil er alles so gelassen hinnahm. Ein tröstliches Wangenstreicheln hätte sie in Tränen ausbrechen lassen.
Als sie die schlafende Villenstraße verließen, sah sie, dass ihre Mutter am Mansardenfenster stand und ihr nachschaute.
Das Erste, was Louise registrierte, als sie in Anders’ Bett erwachte, waren gleichzeitig die ungewohnte Ruhe und die fremden Geräusche. Als Zweites ging ihr auf, dass Anders verschwunden war und dass sie allein in einem kleinen Mansardenzimmer mit schrägen Wänden lag. Ein Stückchen blauer Himmel wurde von einem Dachfenster eingerahmt und draußen bewegte sich eine Baumkrone.
Sie erkannte seine abgenutzte Schultasche, die er achtlos auf den schweren, alten Schreibtisch geworfen hatte. Alle Möbel waren alt, der Schrank, der Stuhl und das Bett, in dem sie lag. Aber an der Querwand stand ein Holzregal mit einer Stereoanlage und vielen Büchern. Mit Romanen, Gedichtsammlungen, allem Möglichen. Und im untersten Fach stand unter einer Plastikhaube eine Schreibmaschine.
Wozu er die wohl brauchte? Um Aufsätze und Protokolle zu schreiben? Oder ob er ganz einfach schrieb? Er hatte nie darüber gesprochen, aber es gab sicher sehr viel, was er niemandem erzählt hatte.
Unten ging eine Tür und irgendwer kam pfeifend die Treppe herauf. Es hörte sich an wie Anders, deshalb stellte Louise sich schlafend und versuchte bildschön dabei auszusehen.
»Guten Morgen, Dornröschen!« Kaum hatte er die Tür aufgerissen, da stand er auch schon am Bett. Eine kalte Hand stahl sich unter die Decke und legte sich auf ihren nackten Bauch.
Louise schrie auf.
»Bist du wahnsinnig, Mann!«
»Entschuldigung, ich wollte bloß sehen, ob du wach bist. Ach, was bist du schön warm!« Er legte seinen Kopf an ihren Hals, schnupperte und stieß kleine genießerische Töne aus.
»Du riechst nach Kühen!«, rief sie und hielt ihn von sich weg. Er trug Arbeitskleidung. Grüne Cordhose und kariertes Hemd.
»Mmm. Ich komm ja auch gerade aus dem Stall, das ist also kein Wunder. Was ist das schön, eine Frau im Bett zu haben!«
»Wie spät ist es?«, fragte Louise mit einer leisen Ahnung, dass es schon ganz schön spät war.
»Viertel vor acht. Der Bus ist weg. Aber ich musste meinem Vater bei einer kalbenden Kuh helfen.«
»Und jetzt? Wie sollen wir jetzt zur Schule kommen?«
»Wir können den nächsten Bus nehmen oder Mutter kann uns fahren. Wir können auch ganz einfach wegbleiben.« Er setzte sich auf und legte eine Hand auf ihre Brust.
»Schwänzen? Ich dachte, du tust so was nicht?« Louise hatte schon oft geschwänzt, während Anders immer in der Schule war.
»Ich tu’s auch nur im äußersten Notfall.«
»Und der liegt heute vor?« Louise lächelte ihn an.
»Aber sicher. Bist du vielleicht nicht untergetaucht und habe ich es nicht auf mich genommen, dich vor deinem irrsinnigen Vater zu beschützen?« Anders breitete dramatisch die Arme aus und Louise hätte ihn küssen mögen, wenn sie sich die Zähne geputzt hätte.
»Hast du deinen Eltern gesagt, dass ich hier bin?«, fragte Louise nachdenklich.
»Sie sind über den tiefen Ernst der Angelegenheit im Bilde, ja!«, antwortete er mit tiefer Stimme. »Mutter backt auch schon Weißbrot und Kringel und was weiß ich, nur deinetwegen. Also mach, dass du aus dem Bett kommst!«
Als Louise mit Anders die Küche betrat, schien es dort von Menschen nur so zu wimmeln. Am Küchentisch saßen der Postbote, ein jüngerer Bursche und ein grauhaariger Mann in einem abgenutzten khakifarbenen Schlosseranzug, der Anders’ Vater sein musste. Sie tranken Kaffee und daneben stand seine Mutter am Herd und nahm eine Brotform aus dem Backofen. Sie stellte sie schnell auf dem Herd ab, wischte sich die Hände an der Schürze und kam mit ausgestreckter Hand auf Louise zu.
»Willkommen bei uns«, sagte sie und lächelte freundlich. Louise sagte Guten Tag und mochte die kleine, rundliche Frau, die sich ein Kopftuch um die Haare gebunden hatte, sofort.
»Ihr wollt doch sicher Frühstück? Setzt euch einfach hin.« Sie nickte einladend zum Esstisch in der Ecke hinüber. Anders setzte sich auf die Bank vor der Wand, wo auch für Louise Platz war. Der Vater und der Postbote nickten ihnen zu, während der junge Typ verlegen seinen Teller anstarrte und mit den Fingerspitzen Krümel zusammenschob.
»Na, dann muss ich wohl mal wieder«, sagte der Postbote und drückte seine Zigarette aus.
»Ja und wir auch«, erwiderte der Vater und griff nach seiner Schirmmütze, die neben der des Postboten auf der Heizung lag.
Sie schoben ihre Stühle lärmend zurück und bedankten sich für den Kaffee.
»Wir sehen uns sicher später«, sagte der Vater zu Louise und Anders, dann steckte er sich die Pfeife in die Brusttasche und ging hinaus.
»Da haben wir doch ein bisschen Ruhe«, sagte Anders’ Mutter und deckte für sie den Tisch. Sie servierte wirklich ein Luxusfrühstück, mit warmen Scheiben Weißbrot, selbst gebackenem Roggenbrot, Marmelade, Käse, drei Sorten Aufschnitt. Schließlich setzte sie sich mit einer Tasse Kaffee ans Tischende und sorgte dafür, dass sie auch ja genug zu essen hatten. Louise aß drei Scheiben Weißbrot, Anders sogar fünf, deshalb brauchte sie sich nicht zu schämen.
»Wie ist es denn so in der 3 g?«, fragte die Mutter. »Ihr seid ja bald fertig.«
»Wir müssen uns schwer ranhalten. Das erzählen sie uns wenigstens die ganze Zeit«, antwortete Louise, nachdem sie ihren Bissen hinuntergeschluckt hatte.
»Ja, das sage ich auch immer wieder zu Gunnar. Wir dürfen uns einfach nicht einbilden, dass Anders weiter hier zu Hause so viel helfen kann wie bisher. Wir wollen ja schließlich, dass er ein Examen macht, mit dem er etwas anfangen kann, nicht wahr, Anders?«
»Ja, aber jetzt habt ihr ja Søren als Hilfe.« Anders sprach Dialekt, als er sich an seine Mutter wandte. Er kam Louise ganz fremd vor, sie hatte ihn immer nur Standarddänisch sprechen hören. Nur selten benutzte jemand von den Landleuten Dialekt in der Schule. Und wenn es jemand wagte, dann verstand der Lehrer in der Regel nur Bahnhof und es musste doch übersetzt werden.
»Aber Vater klagt ja darüber, dass er nicht so schrecklich gute Arbeit leistet.« Auch die Mutter verfiel jetzt in den Dialekt.
»Vater muss sich einfach an ihn gewöhnen. Er will eben immer, dass alles nach seiner Mütze geht.«
»Ja und du hast das auch von keinem Fremden«, antwortete seine Mutter scherzhaft und trank den letzten Schluck Kaffee.
»Jetzt muss ich aber machen, dass ich rauskomme und ein paar Kartoffeln ausmache. Aber bleibt doch einfach sitzen«, sagte sie abwehrend, als Louise anfing Tassen und Teller abzuräumen. Louise war eigentlich nicht sonderlich häuslich, aber sie wollte gern einen guten Eindruck auf Anders’ Mutter machen.
»In fünf Minuten haben sie Biologie«, sagte Louise und überlegte sich, dass sie das Protokoll gestern gar nicht hätten schreiben müssen.
»Arme Würstchen. Für die wäre so eine Feldwanderung auch netter«, sagte Anders und legte den Deckel auf die Butterschale.
»Aber zum Glück kommen sie nicht mit. Sollen wir spülen?«, fragte Louise mehr aus Pflichtgefühl als aus Lust.
»Nein, das überlassen wir meiner Mutter!«
»Chauvi!«
»Sie würde in Ohnmacht fallen, wenn ich damit anfinge. Ich habe es versucht und ich musste ihr versprechen, dass ich es nie mehr wieder tue. Krieg ich einen Kuss?«
»Das weiß ich wirklich nicht«, antwortete Louise und lehnte sich nachgiebig an ihn. Erst als Anders’ Mutter mit einem Eimer voller Kartoffeln zurückkam, konnten sie sich verwirrt losreißen. Aber die Mutter ließ sich nichts anmerken und plauderte über das gute Wetter, das sie sich entgehen ließen.
»Na, dann werd ich mal das Gut vorführen«, sagte Anders und erhob sich.
Louise lieh sich von Anders einen alten Pullover und ein Paar Gummistiefel, damit sie mit in den Stall gehen konnte ohne sich restlos einzudecken.
»Puha!« Louise hielt sich die Nase zu, als sie den halbdunklen Stall betraten. Sie war vor vielen Jahren zuletzt auf dem Land gewesen, sie hatte den scharfen Gestank von Kuhmist und voll gesogenem Stroh total vergessen.
»Hast du eine feine Nase!«, lachte Anders. »Daran gewöhnt man sich. Du kannst mir glauben, es ist wunderbar, an einem eiskalten Wintermorgen hier reinzukommen. Es ist so warm und heimelig hier mit all den kauenden Viechern.«
»Wo sind denn die ganzen Kühe?«, fragte Louise, während sie den leeren Stall durchquerten.
»Die sind auf der Weide. Aber jetzt schau her.« Anders nahm ihre Hand und führte sie zu einer großen Box am Stallende, wo die Kuh, die am Morgen gekalbt hatte, zusammen mit dem schlafenden, frisch geborenen Kalb lag, das sich an ihren schweren, müden Körper schmiegte.
»Nein, das ist ja vielleicht süß!« Louise beugte sich weit über die Boxenwand. Die Kuh sah sie aus zwei halb geschlossenen, feuchten braunen Augen an.
»Das ist kein das, das ist ein kleiner Stier. Und es war gar nicht leicht, ihn rauszuziehen. Wir hätten fast den Traktor nehmen müssen.«
»Den Traktor!«, wiederholte Louise entsetzt, sie hatte sich immer eingebildet, dass bei Tieren Geburten leicht und unkompliziert verliefen.
»Geburten sind etwas Gewaltiges. Es geht so oft schief. Du solltest bloß wissen, wie viele hellrote Ferkelchen ich gegen den Zementboden gehauen habe, weil sie zu schwach zum Überleben waren.«
»Aber Anders!«, protestierte Louise.
»Entschuldigung, aber so ist das! Man gewöhnt sich an alles, auch daran, Tiere zum Schlachthof zu schicken, denen man selber die Flasche gegeben oder die man zwischen den Hörnern gekrault hat.«
»Es ist so ein entsetzlicher Gedanke, dass so ein kleines, weiches Kalb mit langen Augenwimpern geschlachtet werden soll«, meinte Louise und fand diesen Gedanken wirklich unerträglich.
»Red keinen Quatsch, du kleine Heuchlerin! Dein Schnitzel willst du doch trotzdem haben, was? Stadtleute sind ja so romantisch und mitfühlend, sie haben bloß so schrecklich wenig Grund dazu«, sagte Anders und trat ein paar Schritte von der Box zurück.
»Von jetzt an bin ich Vegetarierin«, sagte Louise und zupfte ihn am Hemd, um ihn zum Umdrehen zu bewegen. Er wirkte ein bisschen genervt. Louise hatte Angst, er wäre böse auf sie, aber er lächelte entgegenkommend und legte den Arm um sie.
Rasch gingen sie durch den Schweinestall, wo der Geruch noch schärfer war als im Kuhstall. Louise fand die quiekenden, schmatzenden, grunzenden, hellroten, trägen Schweine unerträglich, die sich in ihrem Dreck wälzten, während gierige Ferkel überall herumkrabbelten. Und überall mästeten sich fette Fliegen. »Aber jetzt zeig ich dir etwas ganz Niedliches«, sagte Anders und kletterte eine schmale Hühnerleiter in der Scheune hoch.
»Du willst mich doch bloß ins Heu locken«, sagte Louise.
»Das könnte dir so passen«, sagte er über seine Schulter und Louise kniff ihn in den Knöchel, ehe er den Fuß wegziehen konnte. Aber hinter einem Sparren auf dem halbdunklen Heuboden, wo es süß nach Sommer roch, zeigte Anders ihr vier winzig kleine Katzenkinder, die sich in einer Vertiefung im Heu aneinander schmiegten.
»Ach«, seufzte Louise und hob eins davon hoch. »Die haben die Augen ja noch gar nicht auf.«
Das Kätzchen piepste hysterisch, beruhigte sich aber, als Louise ihm den Rücken streichelte und es an ihrem Pullover nuckeln ließ, den das Kleine für die Brust seiner Mutter hielt.
»Möchtest du es haben?«, fragte Anders, der neben ihr hockte und sie ansah.
»Ja! Ich hab mir immer schon eine Katze gewünscht. Aber wo soll ich sie lassen? Mein Vater will keine Tiere im Haus haben und ich weiß ja auch nicht, wo ich nach dem Abi wohnen werde.«
»Du kannst es ja erst mal hier draußen in Pension lassen. Die dürfen ihrer Mutter doch erst in einigen Wochen weggenommen werden.«
Die Katzenmutter kam durch das Heu angewandert und leckte ihre fiependen Kätzchen ab, die sofort nach ihren Zitzen suchten. Louise legte das kleine schwarzweiß gefleckte Kätzchen neben sie und streichelte noch einmal sanft das weiche Fell.
»Mich auch«, flüsterte Anders lockend in ihr Ohr und rollte sich durchs Heu von den Katzen weg.
Seit dem Fest waren sie sich körperlich nicht so nah gewesen. Bei ihr zu Hause waren sie nicht allein im Haus gewesen und in der Nacht auf seinem Zimmer waren sie zu müde. Eigentlich hatte sie auch nicht so sehr daran gedacht, sondern an ihn. Aber dass seine Finger ihren Hals streiften, reichte aus, um zwischen ihnen den Funken springen zu lassen und hier war es ruhig und dunkel. Hier konnten sie ihre Körper einander begegnen lassen.
Sie erkannte den reinen Duft seiner Haut wieder. Wasser und Seife und im Wind getrocknete Wäsche. Sie erkannte auch seine Silhouette, die Linien von Schultern, Rücken und Hüften wieder. Es war so schön, ihn zu berühren, dass sie einen winzig kleinen Freudenbiss in seine Schulter setzen musste.
Alle hielten sie für sehr erfahren. Aber abgesehen von den beiden Jungen, mit denen sie fest zusammen gewesen war, hatte es in Wirklichkeit nicht mehr als ein oder zwei Erlebnisse von der Art gegeben, die Stine »One-Night-Shots« nannte. Solche Typen, die sie im Café oder nachts um drei in der Disko aufgelesen hatte und mit denen sie im Suff oder vor Langeweile nach Hause gegangen war. Wenn sie dann erst im Bett lagen, fand sie es peinlich, es nicht zu tun, und deshalb hatte sie die Zähne zusammengebissen und versucht die Sache möglichst schnell hinter sich zu bringen.
Mit Anders war es überhaupt nicht so. Schon beim ersten Mal hatte er sie dazu gebracht, sich zu entspannen, sicher, weil er selber entspannt war und es absolut nicht eilig hatte. Er liebte sie so natürlich, dass ihre Nacktheit ihr nicht peinlich war und dass sie sich ihrer Lust nicht schämte.
»Hast du das schon mal gemacht?«, fragte sie, als er danach mit geschlossenen Augen neben ihr lag.
»Lieben? Ja . . .«, murmelte er.
»Nein! Das merk ich doch, dass du das schon gemacht hast. Auch hier?«
»Im Heu? Ja, natürlich«, antwortete er. Louise spürte, dass er an ihrer Schulter lächelte.
»Mit wem?«
»Ach, das fällt mir gerade nicht ein. Mit zwei verschiedenen. Die sind jetzt wohl verheiratet. Die eine hat sogar zwei Kinder, sie arbeitet oben im Supermarkt.«
»Hast du viele Frauen gehabt?«, fragte Louise und sie versuchte nüchtern zu klingen, während die Eifersucht in ihr brannte.
»Na, vielleicht sechs oder sieben.« Er küsste ihr Ohrläppchen.
»So viele! Und wir haben dich für so ehrbar gehalten. Warum hast du es nie bei einer von uns versucht?«
»Hab ich doch. Letztes Jahr beim Frühlingsfest hab ich mir alle Mühe mit dir gegeben, aber du wolltest absolut nichts mit mir zu tun haben.« Anders ließ sich neben sie ins Heu gleiten und Louise machte es sich in seinem Arm gemütlich.
Beim Frühlingsfest! Louise erinnerte sich noch gut, dass sie mit Anders getanzt hatte. Ziemlich eng sogar. Aber sie und Stine waren auf die Musiker scharf gewesen, mit denen sie in der Pause Bier getrunken hatten, und deshalb hatte sie sich nicht besonders für ihn interessiert. Das mit den Musikern war dann aber nichts geworden, weil die nach dem Fest nach Århus zurückmussten. Außerdem gab es ein paar geistesschwache Tussis aus der 1 g, die sie wie die Fliegen umschwärmten und sich wie blöde Groupies aufführten. Und sie hatten keinen Bock, mit denen zu konkurrieren.
Das Heu piekste und als Anders erzählte, dass es hier oben massenhaft Mäuse gab, kam Louise der Heuboden absolut nicht mehr so romantisch vor. Sie zogen sich an und bürsteten sich gegenseitig das Heu ab, ehe sie auf den Hof zurückgingen.
»Man kann es dir ansehen«, murmelte Anders diskret aus dem Mundwinkel, als sie über die Pflastersteine gingen und seiner Mutter zuwinkten, die sie lächelnd vom Küchenfenster aus beobachtete.
»Und du hast Heu in den Haaren«, sagte Louise und wurde aber doch rot, als sie am Fenster vorbeigingen.
»Ich kann dir sagen, da hat sie was, worüber sie sich Gedanken machen kann«, sagte Anders und legte Louise den Arm um die Schultern. Aber erst, als sie außer Sichtweite gekommen waren.
»Was sagen sie eigentlich dazu, dass ich so einfach hier hereingeschneit komme?«
»Das finden sie toll. Da besteht doch die Hoffnung, dass ich normal bin und kein Schwuler oder Sonderling. Sie können einfach nicht begreifen, warum ich nicht schon längst eine Freundin habe und verlobt bin wie der Sohn der Nachbarn. Meine Mutter hätte gern eine Schwiegertochter, mit der sie quatschen könnte. Tagsüber sind wir ja nicht so viel im Haus und auch wenn sie zum Nähkränzchen geht und so, ist sie doch viel allein.«
»Wie heißt sie mit Vornamen?«, fragte Louise. Sie wollte Anders’ Mutter gern kennen lernen, weil sie eben Anders’ Mutter war und weil sie so lieb und echt wirkte.
»Åse. Und mein Vater heißt Gunnar. Dann habe ich noch einen großen Bruder und eine große Schwester und beide arbeiten in einer Bank. Sie heißen Niels-Peter und Grethe. Möchtest du sonst noch etwas wissen?«
»Im Moment nicht. Darf ich deine Mutter mit Vornamen anreden?«
»Ja, sicher. Oder willst du sie etwa Frau Søndergaard nennen?«
Anders zeigte ihr den ganzen Hof. Und Åses Gemüsegarten, wo die Porreespitzen aus der Erde lugten und wo es ein ganzes Beet mit Kräutern gab. Sie füllten sich die Taschen mit roten, saftigen Pflaumen aus dem großen Garten, wo auch Äpfel und Birnen bald reif sein würden. Im Hühnerstall fanden sie ein Ei, das Anders in einen Korb legte. Und draußen auf einem der Felder begegnete ihnen Gunnar, der mit der Pfeife im Mund auf seinem Traktor saß. Er hatte einen krummen Rücken und ein wettergegerbtes Gesicht, aber Louise konnte die hohen Wangenknochen und die ruhigen blauen Augen erkennen, die sie bei Anders schon so sehr liebte.
Der Hund Boss, ein Golden Retriever, der völlig außer sich vor Freude war, dass Anders zu Hause war, wuselte bellend um ihre Beine herum, während sie einen Hügel hinaufgingen.
»Jetzt zeig ich dir die schönste Aussicht auf der Welt«, sagte Anders und zerrte Louise die letzten Meter zum Gipfel des Hügels hinauf.
Atemlos ließ sie sich auf eine kleine Bank fallen, die unter einem Baum stand, und betrachtete die flache Landschaft mit den grünen, braunen und gelben Feldern. Von hier aus konnte man Höfe, Windmühlen und windschiefe Bäume zählen. Weit in der Ferne lag das Meer wie ein tiefblauer Streifen zwischen Himmel und Erde.
»Hierher gehe ich, wenn ich nachdenken will. Oder träumen«, sagte Anders und setzte sich neben sie.
»Träumst du viel?«, fragte Louise vorsichtig, um ihn nicht zu stören und zum Verstummen zu bringen.
»Das tun wohl alle«, antwortete er ausweichend. »Aber wenn man jung ist, träumt man wohl am meisten. Wir haben ja ein ganzes Leben, von dem wir träumen können.«
»Eine ganze Zukunft?« Louises Hand stahl sich in seine. Er sah sie nicht an, sondern zupfte nachdenklich an einem Grashalm.
»Ja. Ich hab bloß die Zukunft so satt. Die ganze Zeit wird uns eingebläut, dass wir vernünftig sein und an die Zukunft denken sollen. Alle wollen uns erzählen, wie wir zu einer Ausbildung kommen, mit der wir später etwas ›anfangen‹ können. Aber niemand erzählt uns, dass wir im Himalaja klettern sollen, weil das spannend ist, oder dass wir Maultrommelspielen lernen sollen, weil das Spaß macht. Entschuldigung, ich fasele hier so rum. Aber das kommt davon, dass ich immer mit mir oder mit Boss über so was rede, wenn ich hier oben sitze.« Verlegen versetzte Anders ein paar Kieselsteinen einen Tritt.
»Macht doch nichts«, antwortete Louise. »Und du faselst überhaupt nicht.«
Sie hätte nie gedacht, dass er so viel reden würde, und sie fühlte sich unglaublich geschmeichelt von seiner Vertraulichkeit.
»Was ist mit dem Hof? Willst du den übernehmen?«, fragte sie.
»Frag meinen Vater. Wir reden nicht mehr darüber«, antwortete Anders trocken. »Wir haben uns deshalb so oft gefetzt, dass es keinen Sinn mehr hat. Weder meine Schwester noch mein Bruder wollen Bauern sein und da bleibe nur noch ich, um den Erbhof weiterzuführen. Und er kann nicht verstehen, dass ich das nicht will.«
»Ich dachte, du wärst gern Bauer?«
»Bin ich auch. Aber es gibt doch noch andere Beschäftigungsmöglichkeiten, außer dass man immer weiter in derselben Pflugfurche herumlatscht. Ich möchte gern reisen und etwas erleben, Bücher lesen und klüger werden. Die Welt wird einfach so klein, wenn man meint, der Horizont läge draußen am Markstein.«
Louise sah ihn hingerissen an. Er war klug. Neben ihm kam sie sich vor wie eine Idiotin. Er hatte viel mehr nachgedacht als sie selber. Auch wenn sie für den Schülerrat haufenweise Resolutionen verfasst hatte.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.