Kitabı oku: «Kaufhausgeflüster und andere Geschichten»
Hannelore Crostewitz
KAUFHAUSGEFLÜSTER UND ANDERE GESCHICHTEN
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2015
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Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Titelfoto © Maksim Šmeljov - Fotolia
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
ISBN 9783957446640
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Kaufhaus-Geschichten
Der Konsulent – ein Mann der Zukunft
Das Lachen
Gut verpackt
Kaufhausgeflüster
Das Los
Vor der Buchhandlung
Darüber-hinaus-Geschichten
Tangenten
Der Auftrag
Die leichte Bruhns
Die Schutzbefohlene
Affenliebe
Sina
Schluss-aus-Geschichten
Die Fügung
Türkis
Hört mal, wer da spricht …
Zutage getreten
Marathon
Außer-Haus-Geschichten
Lebenskreuzungen
Eine mysteriöse Nacht
Gewusst wie
Beinahe verpasst
Vorwort
Wie kleine Türen öffnen diese Geschichten Räume mit längst vergessenen, doch tief in die Seele eingebrannten Ereignissen. Sie bringen Farbe in verblasste Erinnerungen, zeichnen Konturen schärfer, formen neue Bilder. Facettenreich loten sie zwischenmenschliche Beziehungen aus, halten uns einen Spiegel vor und lassen uns über uns selbst schmunzeln oder nachdenklich werden.
Hier erwacht das Gefühl daran, wie frisch gebackene Bundesbürger von den weltgewandten und selbstbewusst auftretenden »Wessis« übers Ohr gehauen wurden und als naive »Ossis« auch darauf hereinfielen. Die Autorin lüftet den Vorhang und lässt hinter die Kulissen der Werbebranche blicken. Mit welchen einfachen und einfallsreichen Tricks man doch die Menschen zum Warenkauf zu animieren versteht.
Hinter einer anderen Tür steht der Riese namens Kapitalismus. Er zeigt, dass die Jüngeren und Stärkeren meist die Gewinner sind und die Älteren und Schwächeren das Stigma der Verlierer tragen müssen.
Nebenan lassen sich Menschen bis zur Erschöpfung ausnutzen. Die junge, hübsche und lebenslustige Frau mit dem bezaubernden Lächeln verschleißt sich nicht nur als Mädchen für alles in einer Privatpension, sondern auch in ihrer Partnerschaft. Indes wehrt sich die Außendienstlerin mit der türkisfarbenen Bluse erfolgreich gegen die mysteriöse Endlosarbeit bei Opa.
Gegenüber heiratet ein junges Paar unter seltsamen Umständen, dort kommunizieren merkwürdige Lebenspartner mit und über Plüschtieraffen. Und hier breitet eine Seniorenbetreuerin ihre Arme über die hochbetagte Schutzbefohlene aus, die unter der angeblichen Liebenswürdigkeit durch ihre Familie regelrecht erdrückt wird.
Es ist die Einladung der Autorin Hannelore Crostewitz, die Türen des Lebens zu öffnen, Verborgenes zu entdecken und das große Spektrum der Emotionen ihrer Texte auf uns wirken zu lassen.
Sandra Kersten
Kaufhaus-Geschichten
Der Konsulent – ein Mann der Zukunft
Taufrisch prickelten sie noch, all die Neuheiten in den Köpfen der zwei Verkäuferinnen. Soeben hatten sie ihre Dienstreise beendet. Enthusiastisch und weitergebildet gaben sie sich nur der einen drängenden Absicht hin: Dem neuen Wissen rasch ihre eigenen Taten folgen zu lassen! Damit steuerten sie schnellen Schrittes auf ihren Arbeitsplatz zu, der im Warenhaus dringend nach ihnen verlangte.
Wie bemühte sich hier seit längerem bereits ein kaufinteressiertes Ehepaar! Zuerst sah es so aus, als hätte der Kauf für das Paar sehr hoffnungsvoll begonnen. Aber nach mehrmaligem Probieren wurde es von einer sehr ernüchternden Wirklichkeit eingeholt, so dass es schließlich über kurz oder lang fast dem Verzweifeln nahe war! Dabei suchte es doch nur nach der für beide Partner richtigen Entscheidung. Zunehmend orientierungslos geworden, durchforstete es weiter kreuz und quer das Sortiment der Herrenschuhe! Aber es wollte ihnen nicht gelingen, die rechte Wahl zu treffen. Diese jedoch war für sie zwingend.
Jetzt, so schien es, würde sie wohl zwischen einem eleganten braunen und einem sportlichen schwarzen Paar liegen. Weil sie sich inzwischen so unsicher geworden waren, blickten sie sich hilfesuchend nach einem Verkäufer um. Weit und breit aber konnten sie keinen erspähen! Schließlich sahen sie sich veranlasst, ja praktisch gezwungen, selbst nach einer Beratung suchen zu gehen. Dafür drehten sie sich abrupt um; und so gelang es ihnen nicht mehr, die eine jener zwei Verkäuferinnen zu bemerken, die gerade in diesem Moment ihre Abteilung betrat. Nein, ihre Blicke fingen nur den jungen, in elegantem Anzug und passgerechtem Krawattendessin wie zufällig daherkommenden Abteilungsleiter ein. Und schnurstracks setzten sie sich dorthin in Bewegung. Wie zu erwarten war, nahm er sich ihrer an. Offen und sofort bereit, begann er nun über die Vorteile beider Schuhmodelle aufzuklären. Das Ehepaar war erleichtert. Er wirkte auf beide kompetent, angenehm und locker. Für Sekunden kam es den Eheleuten sogar so vor, als wäre er seltsam von einem Geheimnis umwoben.
Die Verkäuferin war inzwischen vor Ort angelangt, widmete sich einem leeren Regal und begann, es aus daneben stehenden Kartons neu zu bestücken. Schon kurz darauf aber wurde sie hellhörig und beschloss, regelrecht neugierig geworden, das nun folgende Gespräch zu belauschen. Zwar war sie sich bewusst, dass sich solches Verhalten eigentlich nicht gehört, gleichzeitig aber ermutigte sie sich selbst damit, dass ihre Neugier keine banale sei, sondern eher eine überaus dringend notwendige, der Weiterbildung dienende.
»Wissen Sie überhaupt«, begann gerade der Abteilungsleiter, »wie erstaunlich ich es finde, dass Sie gleich als erstes unsere diesjährigen Messeneuheiten entdeckt haben! Die Schuhe, die Sie hier aufstöberten, sind nämlich heute Morgen erst eingetroffen. Es scheint, Ihre Vorauswahl birgt geradezu ein fachmännisches Können.« Und dabei huschte ein solch charmantes Lächeln über sein Gesicht, das sofort jeden Zweifel an der Aufrichtigkeit seiner Feststellung überwand. »Mit Vergnügen kann ich Ihnen diese Schuhe offerieren! Und ehrlich gesagt …«, fügte er fast flüsternd hinzu, »… bin ich sogar stolz darauf! Sie aber werden es in der Praxis dann noch erleben: Nicht umsonst entscheidet man sich für ansprechende Schuhe, wenngleich sie auch etwas preisintensiver sind. Aber die Sache verwandelt sich allemal aufs Neue in Annehmlichkeit für Sie, nämlich in bequeme, lang zu tragende und gleichzeitig eben topmodische Schuhe.« Das unterstrich er liebevoll mit einer Geste, wobei er die Innenflächen seiner Hände sanft und langsam über das Leder hinweggleiten ließ. Dann, tief Luft holend, verkündete er weiter: »Wussten Sie eigentlich, dass unser Unternehmen schon immer als eines der ersten mit Besonderheiten handelt? Darin sind wir hier führend! Und das Leder Ihrer Schuhe darf sich zu Recht damit rühmen, kein gewöhnliches zu sein! Nach einem ganz speziellen technischen Verfahren wurde es hergestellt, dazu doppelt gespalten und demzufolge ist es anschmiegsamer und atmungsaktiver als andere. Diese neuartige Veredelung wird jetzt auf dem Markt unter der Bezeichnung ›biologisch gegerbtes Leder‹ geführt. Und ›biologisch‹ deshalb, weil es einzig nur mit natürlichen Stoffen aufbereitet und eingefärbt ist.«
Er schaute seinen Kunden erwartungsvoll ins Gesicht.
Anfangs verfolgte die Verkäuferin die Situation nur leicht berauscht, je mehr sie aber das Anspannen ihrer Muskeln spürte, desto mehr erregte sie sich. Unwillkürlich tastete sie sich Stück für Stück näher an ihren Leiter heran, der inzwischen anschaulich demonstrierte, was er bis eben nur in Worte gefasst hatte: Behände zog er den teuren Schuh des anschmiegsamen biologischen Leders erst kräftig in der Mitte; dann, als wollte er ihn wringen, an Hacke und Spitze und zum Schluss schnipste er den Schuh in alle erdenklichen Richtungen, als wäre dieses Kunststück das leichteste, was zu machen wäre. Und siehe: Das Wunder an Flexibilität war deutlich zu erkennen! So deutlich, dass es der Verkäuferin fast den Atem nahm! Aber das war noch nicht der Höhepunkt seiner Empfehlung. Der Abteilungsleiter jedenfalls blühte in solchen Gesprächen völlig auf, er schien gerade erst in seinem Element angekommen zu sein und verkündete frisch und fröhlich: »Ungewöhnlich ist ebenso, dass das Leder völlig wasserundurchlässig ist.« Diese Aussage schwungvoll bekräftigend, ließ er plötzlich und gekonnt in hohem Bogen Wasser aus einer Flasche rieseln – woher kam sie, war er ein Magier? – und völlig nass trieften sodann die Schuhe. Ein Wunder! Sie waren bis zum Bersten gefüllt! Erstaunlich aber war, dass sie vollkommen unverändert wirkten. Das wiederum sprengte jegliches Vorstellungsvermögen der frisch qualifizierten Verkäuferin! Und gerade noch gelang es ihr, die Schuhe, die in ihren Händen zu vibrieren begannen, ins Regal abzustellen. Für ein paar Sekunden herrschte rundum Stille! Weiter werdenden Auges stand alles gemeinsam die Zeremonie durch!
Staunend und dankbar für solche bildliche Aufklärung, bedurfte es für das Kundenpaar nun nicht mehr viel. In Begleitung des freundlichen Konsulenten, der so sichtbar um ihr Wohl bemüht war, wählte es schließlich noch einmal und diesmal ganz bewusst neue und trockene Schuhe aus. Mit zwei Paaren, einem braunen und einem schwarzen, verließ es nach dem Bezahlen und dem im Innersten sich anbahnenden Gefühl, fast beschenkt worden zu sein, kurz darauf das Warenhaus. All dies war schnell, zielsicher und überzeugt geschehen. Zum Glück. Denn es wäre für die Verkäuferin keine Minute länger auszuhalten gewesen.
»Herr Tiefenbach«, platzte es aus ihrem verdutzten Gesicht heraus. »Ich wusste überhaupt nicht, dass wir biologisch gegerbtes Leder führen!«
»Dem war bis eben auch nicht so«, verkündete dieser verschmitzt, sich in Gedanken neuen Aufgaben widmend, stolz gelassen weitergehend, aber nach wenigen Schritten zusteuernd auf eine elegante Dame, die zwar noch in einiger Entfernung, doch schon erkennbar unschlüssig vor einem Spiegel hin und her probierte.
Das Lachen
Unverwechselbar und eindringlich, so, wie die Blüten ihr volles Aroma entfalten und sich danach noch lange aus der Erinnerung zurückholen lassen, so lebte Jasmin ihren Namen. Ihr natürliches, beinahe allzu leichtes Auftreten konnte jeden bedachten Blick in einen Genuss verwandeln. Nahezu einem Bild glich die junge Frau! Anmutig, schlank und hoch gewachsen kam sie daher, federnd fast, begann bald hier, bald da das Leben zu streifen. Klare blaue Augen, die im Wechselspiel mit langen dunklen Haaren kokettierten, sprühten voll jugendlicher Lebenslust. Oder glänzten sie gar vor Erwartung? Ungewöhnlich füllig frisiert war sie, es schien, als wollte sie ihr Gesicht in den passenden Rahmen setzen. Außerdem fand ihre Wesensart überall schnell Gefallen. Leichter als vielen anderen Bewerbern war es ihr schließlich auch gelungen, in der Werbung eine Anstellung zu finden.
Zu voreilig? Nein. Weil sich bald herausstellte, dass sie auch für kreatives Gestalten wie geschaffen war und nicht nur über ein gutes Gespür verfügte, sondern ihr auf Anhieb auch passende Ideen in den Sinn kamen. Da Probleme ihr kaum etwas anhaben konnten und es auch an Einfällen nicht mangelte, gelang ihr meist, was sie sich vornahm und man konnte sagen: Sie ersann, begann und gewann.
»Ist wohl an der richtigen Stelle angelangt«, stellte Cordula fest. Zwei Wochen lang hatte sie Jasmin beständig beobachtet. Weil sie selbst unter weit schwierigeren Voraussetzungen eingestellt worden und von gleichem Alter war, konnte sie es schon darum nicht unterlassen, die Kollegin neugierig zu ergründen.
Jasmin verschenkte noch eine weitere Besonderheit: Die Aufgeschlossene war mit einem so breiten und lauten Lachen bedacht worden, dass es niemand einzudämmen vermochte. Wenn es sie überkam, durchdrang es weithin alle Räume, hallte, dass es eine Freude war, und steckte unwillkürlich jeden an! Es war fast ein Unding, solch ausgelassener Fröhlichkeit zu entkommen!
Nur in die jetzige neue Zeit schien es manchmal nicht recht zu passen. Da versuchte gerade der alte Sozialismus in die neue Marktwirtschaft zu gleiten, was vorher kaum denkbar war, und Arbeit zu finden glich beinahe einem Glücksspiel. Schlag auf Schlag schlossen immer mehr Läden, Betriebe und Institutionen. Ersatzweise schossen Westberater – pilzsporenähnlich – aus dem Boden; so auch in der Werbeabteilung dieses Kaufhauses. Hier arbeitete nicht nur ein Abteilungsleiter – wie üblich und ausreichend –, sondern gleich drei: nämlich der frühere aus dem Osten und zwei neue aus dem Westen. Einem dieser Neubesetzungen namens Peter war es äußerst wichtig, nie sein Gesicht zu verlieren. Deshalb trug er es mit Make up geschützt, stolz und erhaben überall hin. Sein Haar war exakt drapiert und das, obwohl es ohnehin schon markant schwarz gefärbt war. Solch ein Tiefschwarz hatte es im Osten wirklich nicht gegeben, kein Blick ging an dieser auffallenden Farbe vorbei. Nicht nur das wirkte dominant, er gab sich auch dünkelhaft. Manchmal hatten Cordula und Jasmin das Gefühl, eher der Kosmetikindustrie als den Fähigkeiten ihres Vorgesetzten Respekt zollen zu können. Unter sich, stießen sie sich drucksend an und gaben ihm schließlich den heimlichen Spitznamen »der schwarze Peter«. Und das war weiß Gott treffend. War der Mann einmal von sich als Sieger überzeugt, bestimmte er alles weitere und benahm sich dabei oft daneben.
Aus purem Vergnügen schüchterte er die hier Arbeitenden ein, bevorzugte gerade jene, die mitten im Lernstadium schüchtern auftraten. Eine zugezogene finstere Miene und ein präzise geschnittener Bart um den Mund machten ihn noch unwirklicher. Viele empfanden ihn darum unerträglich, zumal es auch nichts zu geben schien, was diesen Mann hätte erweichen können. War er nur ausgezogen, um den »Ossis« das Fürchten zu lehren? Aber selbst wenn das stimmte, hatte er eines gewiss nicht bedacht: dass es hier noch quicklebendige, spontane Menschen gab. Und immer, wenn Peter auf der obersten Treppe aller Belehrungen angekommen war, die Stimme sich mit heftigen Anordnungen überschlug und seine Spießigkeit restlos auf die Spitze trieb, war es soweit: Kein leises Kichern, nein, eine losprustende Jasmin gesellte sich dazu! So prompt verströmte sie völlig unbefangen ihr herzliches, laut schallendes Lachen! Tief aus dem Bauch aufsteigend kam es heraus und genauso schleuderte sie es ihm ins Gesicht: hemmungslos, schlagartig und unaufhaltsam!
Da war er entwaffnet!
Es machte ihn fix und fertig. Er verkrampfte, versuchte noch jammervoll, irgendetwas Undefinierbares durch die Zähne zu pressen, das sich gegen das Lachen wehren könnte – aber unmöglich. Dann kniff er seine Augen zu und seine Lippen verbissen sich nach innen. Auf dem Absatz folgte eine Kehre und eine laut zuschlagende Bürotür – seine letzte Rettung.
Jasmin – ihm über? Keiner wagte die unausgesprochene Frage wirklich zu stellen, aber immerhin war es so: Hatte sie mal ihren freien Tag, war es nur halb so erfrischend. Und, wer hätte das gedacht, sogar »der schwarze Peter« muffelte noch mürrischer vor sich her, als das gemeinhin bei ihm üblich war.
Kein Wunder also: Alle mochten Jasmin. Jetzt, um dieses amüsanten Machtspiels bereichert, schlossen Cordula und die anderen heimlich schon Wetten ab, wie lange es wohl diesmal dauern würde, bis Jasmin den Chef wieder verlachte. Einerseits verwirrte es »den schwarzen Peter«, andererseits bekam gerade sie von ihm die persönlichsten Aufträge. Und trotz dieses Widerspruchs wiederholte sich das Szenario Tag für Tag.
Bis zu jenem Donnerstag.
Damals platzte unverhofft ein Neuer herein, räusperte sich, riss alle Türen auf und stampfte mit festen Schritten quer durch die Abteilung. Er war ein großer, gewichtiger Kerl. Zwar verhüllte der lange edle Wollmantel manches in schmeichelhafter Tücke, aber dass seine Hände in den Taschen derart fest gestrafft waren, das war Cordula schon bedenklich vorgekommen. Ob der »den schwarzen Peter« suchte? Mehrmals maß er die Räume im Tempo übergroßer Schritte aus. Vor – zurück, vor – zurück! Unverhohlen dreist grinsend, laut und ohne jede Grußformel.
Nachdem er so fast zehn Minuten lang sämtliche Ecken in Augenschein genommen hatte, doch seine Kür nicht die erwartete Beachtung fand, legte sich die inzwischen sichtbar gewordene rechte Hand schwer betont auf seine Brust und es war, als öffnete sie ihm damit auch den Mund.
»Mein Name ist Giesbert, und ich bin ein guter Freund vom Peter.«
Keiner, der das noch bezweifelt hätte.
»Wieder so’n Schönling, diesmal in Ostausgabe.« Cordula mochte ihn nicht, stellte sich gerade beide Pinkel nebeneinander vor und leise, zu den anderen bedauerte sie: »Find ich doch zu schade, dass Jasmin diesen tollen Auftritt hier verpasst hat«.
Diese war mit Peter in einer Besprechung. Also erfuhr Cordula von Giesbert bald das Wesentlichste, nämlich, dass er ein heimattreuer Besitzer jener Pension sei, deren Dienste auch »der schwarze Peter« schon mehrfach in Anspruch genommen hatte. Herumgezeigte Fotos ließen dort eine kleine, fast puppenstubenhafte Einrichtung erkennen. Dies alles wäre in der nächsten Stadt. Als sein ersehnter Peter dann endlich kam, lebte Giesbert freudig auf, wirkte geradezu entfesselt.
Nachdem sich die beiden Freunde dann unter vier Augen abgesprochen hatten, wurde – wer auch sonst? – Jasmin hereingerufen. Sie sollte eine Modenschau moderieren! Das hatte der clevere junge Mann für seine Pension schon seit Jahren vorgehabt und die geschichtsträchtige Wende käme ihm jetzt wie gerufen. Dazu sollte Jasmin die entsprechenden Kleidungsstücke eigenständig heraussuchen, alles dann vor Ort arrangieren, die Waren entsprechend kommentieren und sie im Zuge der Moderation seinen Gästen geschickt anbieten. »Der schwarze Peter«, so sehr er Jasmin mochte, hatte inzwischen doch erkannt, dass sich für sie damit auch eine Möglichkeit bot, über sich selbst hinauszuwachsen. Zu allererst war beiden Männern Erfolg und materielles Denken eigen und darum versprachen sie sich von dieser Geschäftsidee einen ordentlichen Gewinn.
***
Für Jasmin war der Auftrag eine willkommene Abwechslung im bisherigen Aufgabenbereich, sie übernahm ihn – wie jede neue Sache – leicht und voller Überschwang. Doch sollte es nicht bei dieser einmaligen Aktion bleiben, Herr Giesbert hatte auf einmal alle nasenlang irgendetwas anderes im Sinn. So kam es, dass Jasmin immer häufiger in der Pension weilte und er wiederum regelmäßig in der Werbeabteilung war. Das tat er bald mit einer Selbstverständlichkeit, dass man meinte, er gehöre bereits hierher.
Jasmin aber schien hin und wieder bedrückt, bewegte sich anders und irgendwie seltsam verändert. Einmal ertappte die Freundin sie verstört, ein anderes Mal vollkommen ernst oder, was sie nie von ihr kannte, in Gedanken versunken vor sich hinstierend. Keinem erzählte sie etwas, Fragen wehrte sie ab und selbst Cordula, die einzige beste Freundin, erfuhr erst nach langem Drängen, was denn geschehen war.
»Wisst ihr«, erklärte Jasmin rätselhaft langsam, alle standen um sie herum und hörten aufmerksam zu: »Viele Wochen hab ich mit mir gerungen, alles Mögliche erwogen und bin eigentlich immer noch hin und her gerissen. Glaubt mir, es tut mir wirklich leid für euch, aber ich muss das jetzt einfach tun. Ich komme nicht los von ihm, meine Gedanken sind nur dort. Und stellt euch vor, ihm geht es genauso. Er wünscht nichts mehr und nichts inniger, als dass ich immer bei ihm in der Pension bin. Dort könnte ich mitarbeiten, bekäme so die Chance, selbstständig zu werden, die ich mir nicht entgehen lassen will. Dazu kann er noch so richtig charmant sein, dass ich ihm, wenn er mich so ansieht, sowieso kaum was ausschlagen kann. Eigentlich«, wurde sie nun merklich leiser, »haben wir alles schon abgesprochen. Hier bei euch – so ohne ihn – halte ich es kaum mehr aus.«
Ob mehr verblüfft oder mehr ergriffen, der ganze Kreis staunte. Ein Raunen ging umher. Hatten sie etwas verpasst? Cordula, die im Laufe der Offenbarung zur Säule erstarrt war, fand jedoch als erste zu ganzen Sätzen zurück. »Wie konntest du bloß so eine Neuigkeit derart lange mit dir herumtragen?« Sie drückte die Freundin zwar kopfschüttelnd, aber fester als sonst an sich und barg den verrückten Wuschelkopf in ihren Armen. Lachenden wie tränenden Auges ermutigten nun alle Jasmin zu diesem Schritt. Was sonst? Denn obwohl die Neuigkeit auf Cordulas Seele lastete, spürte sie innerlich doch, dass sie die lieb gewordene Freundin ziehen lassen muss. Man tröstete sich, hatte unmittelbar erlebt, was Jasmin durchlitt und letztlich wollten alle auch nur, dass es ihr gut ging.
Bald darauf kündigte die junge Frau, Wehmut mit hoffnungsvoller Erwartung bekämpft.
***
Von Jasmin hörten sie nichts mehr, obwohl es Cordula anfangs oft noch so vorkam, als ob sich ihr Lachen nur tief in den Wänden versteckt hielt oder sonst irgendwie vergraben wäre. Es gelang ihr nur schwer, diese Trennung zu verarbeiten. Aber die Jahre bahnten sich ihren Weg durch den Trott der Gewohnheit und irgendwann hielt es Cordula für angebracht, ein Treffen ehemaliger Kollegen zu organisieren, vor allem mit dem Hintergrund, Jasmin wiederzusehen. Unbedingt! Denn jedes Mal, wenn Cordula jemanden laut lachen hörte, musste sie noch immer an Jasmin denken. Den anderen ging es ähnlich. Niemand war so stark im Gedächtnis haften geblieben wie sie mit ihrem ansteckenden Lachen. Und sogar »der schwarze Peter« vermisste sie, hatte sich erst gestern, wenn auch hinter vorgehaltener Hand, immer noch interessiert nach ihr erkundigt. Was zum Teufel war nur los mit ihm, wenn sogar er das zugab?
Endlich, sechs Wochen nach Cordulas Beschluss, fand das Treffen statt.
***
Aber welche Wesensfremde saß ihr da gegenüber!
Und es war beileibe nicht nur der Ecktisch, der sie trennte. Es konnte nicht stimmen – das sollte Jasmin sein? Mit der sie intensiv Arbeits- und Freizeitleben geteilt hatte? Die immer lachte? Wo waren die alte Ausgelassenheit und die herrlich herzhafte Freude geblieben? Passte das überhaupt noch in dieses veränderte Gesicht? Und verflixt, warum sagte sie nichts, war sie stumm geworden? Es dauerte. Es dauerte Cordula alles viel zu lange, diese angespannte Stille, die sich durch das Abendessen zog, und selbst danach brauchte es viel Zeit, ehe Jasmin der eigenen Stimme wieder Zutrauen schenkte. Und es vergingen einige gespannte Minuten, ehe alles aus Jasmin herausbrach.
»Ich freue mich riesig, hier bei euch zu sein.« Jetzt erst blickte sie jeden an.
»Wisst ihr, vor ein paar Jahren gelang mir zunächst alles. Es war genauso, wie ich es mir ausgemalt hatte. Die Pension lief gut und mit dem tollen Beruf war’s mir eher Herausforderung als wirkliche Arbeit. Ich hatte enormen Spaß dabei, alles auszuschmücken und hab die Pension richtig auf Vordermann gebracht. Erinnert ihr euch noch an die alten Fotos? Jetzt müsstet ihr das mal sehen! Von der eingestaubten Eigenbrötelei ist nichts mehr übrig. Mit Glas, selbst gemischten Farben und neuen Bildern hab ich alles neu in Szene gesetzt. Und jeder, der das Haus von früher her kennt, hat es bewundert. Auch Giesbert. Das war die erste Zeit – und meine beste. Alles schien in Ordnung. Aber irgendwann«, wurde sie leiser, »hatte sich das geändert.«
Die Pause, in der sie den Rauch ihrer Zigarette wegblies, so, als könnte sie dadurch auch altes Geschehen in Luft auflösen, war spannungsgeladen. Cordula merkte, dass Jasmin fror. Sie hatten schlechte Plätze erwischt, saßen ungünstig im Luftzug. Ich werde, nahm sie sich vor, nachher gleich den Kellner fragen, ob’s nicht möglich ist, einen anderen Tisch zu bekommen.
»Ich weiß nicht mehr genau, wie und wann das alles passiert ist. Giesbert hat genossen, was ich so kreierte, und gemerkt, dass mir alles recht gut von der Hand ging. Da hat er zunächst die Putzfrau und später auch noch die Küchenkraft entlassen, weil die ihm zu langsam waren. Waren sie ja wirklich«, bestätigte die Veränderte so heftig nickend, als säße Giesbert direkt neben ihr.
»Dadurch hat er enorm Geld gespart. Nach und nach habe ich die anfallenden Arbeiten alle noch mit erledigt. Freilich hatte ich dadurch entschieden weniger Zeit für die Gäste, die ich ja eigentlich betreuen soll. Und das wollte ich viel lieber tun! Könnt ihr euch vorstellen, wie das schlaucht, wenn man von früh bis spät total ausgelastet ist? Da kommt’s schon vor, dass man abends nicht mehr topp aussieht, stattdessen abgespannt und müde ist. Das aber konnte Giesbert überhaupt nicht haben. Charmant war er zuletzt nur noch zu allen anderen. Und so gab’s nach und nach immer öfter Streit. Irgendwann verstanden wir uns überhaupt nicht mehr.«
»Und deine Eltern?« Bewegt von diesem Geständnis wollte es Cordula jetzt genauer wissen. »Du hast doch ein prima Verhältnis zu deinem Vater. Warum gehst du nicht einfach weg von Giesbert?« Jasmin seufzte tief. »Geht nicht. Ich kann doch die Pension nicht einfach im Stich lassen! Ich glaube, Giesbert würde mich umbringen. Er ist so jähzornig, wisst ihr. Und vollkommen unberechenbar, wenn er wütend ist! Und mit meinen Eltern hat er gar nichts am Hut. Auf meinen ausdrücklichen Wunsch hin und um weitere Differenzen zu vermeiden, sind meine Eltern schon Ewigkeiten nicht mehr bei uns gewesen. Umgekehrt aber komme ich nicht zu ihnen, weil mir keine Zeit dafür bleibt, ich hab keine zwei Stunden übrig, um hinzufahren. Und Giesbert würde das auch kaum dulden. Was denkt ihr, was ich hinter mir habe, weil ich heute zu euch wollte? Nie kann er mich entbehren, sagt er, und so bin ich ständig unter Druck, weiß schon nicht mehr, was richtig ist. Manchmal denke ich, er hat ja Recht: Die Pension kostet alle Zeit, da geht es von Montag früh bis Sonntag spät durch. Für mich bleibt da einfach nichts. Auch andere Freundinnen haben sich inzwischen zurückgezogen. Ich kann ja nie mitgehen, gelle?«
Verdammt, jetzt fand es Cordula höchste Zeit, die Toilette aufzusuchen. Fühlbar schon rannen ihr die ersten Tränen übers Gesicht. Ihre Wut hatte sich dermaßen angestaut, dass sie nicht länger stillsitzen mochte. Wie gebrochen ihre Freundin war! Aber endlich, dachte Cordula, endlich hat sie wenigstens wieder »gelle« gesagt und damit das einzige Wörtchen, was auf ihren Ursprung deutete. Aber für alles andere hatte sie nur ein Kopfschütteln. Der Kerl sollte ihr mal über den Weg laufen! Warum nur kam Jasmin nicht von ihm los? Hier und jetzt war sie als Freundin gefragt, fand sie. Sie musste Jasmin helfen.
Als der Kellner kam, änderte Cordula die äußeren Bedingungen, sie nahmen einen anderen Tisch. Doch was nützte es, Jasmin ihre Hilfe anzubieten – sie tat das so behutsam wie möglich –, wenn die Angesprochene schon gleich zu Anfang resignierend den Kopf schüttelte. Ihr fehlte jede Kraft, eigene Wünsche durchzusetzen. »Ich werde bei ihm bleiben«, waren für Cordula die unglaublichsten Worte des Abends.
***
Nach zwei weiteren Jahren hatte Cordulas Arbeitsbereich beständig zugenommen. Sie war nun leitende Mitarbeiterin, was sie in ihren kühnsten Träumen nicht erwartet hätte. Sie war stark eingespannt und es kam vor, dass sie Werbemittel im Außendienst besorgen musste. Da war sie dann viel unterwegs. So auch an diesem Tag. Jetzt, nachdem alles Notwendige erledigt, es inzwischen Nachmittag und damit Zeit für einen Imbiss war, steuerte sie die erstbeste Pommesbude an. Sie wunderte sich noch, es hatte an der Stelle nie eine gestanden, die musste neu sein. Cordula wählte rasch. Da blickte sie beim Entgegennehmen ihrer Pommes in ein Augenpaar, das sie zusammenfahren ließ. Fast wären ihr doch die Fritten aus dem Pappdeckel geglitten! Aber – es hatte ihr die Sprache verschlagen. Die Übergabe, die dort stattfand, hätte stummer nicht sein können. Die Frau, deren Haare von einer weißen Haube gebändigt wurden, deren Kittel die Schwangerschaft nicht mehr kaschieren konnte und die ihr jetzt tief bückend die Ketchupflasche reichte – war Jasmin.
Die Fritten schmeckten. Doch Cordulas Gedanken schweiften ab. Für einen Augenblick erwog sie noch, sich umzudrehen und zu Jasmin zurückzugehen. Wären ein paar passende Worte nicht angebracht gewesen? Aber sie sah an sich herunter, in diesem eleganten Kostüm war es ihr nicht möglich, Anteilnahme zu zeigen. Außerdem, so rechtfertigte sie sich selbst, hätte Jasmin ebenfalls mit ihr reden können. Aber die sagte auch nichts. Aus Scham? Und im Gehen verfluchte Cordula wieder diesen Giesbert, der ihre Freundin so würdelos abgeschoben hatte. Niemals, so schwor sich Cordula hier und jetzt, würde sie im Leben nur bloßes Werkzeug ihres Mannes sein wollen! Selbst dann nicht, wenn sie deswegen allein bleiben müsste.
***
Cordula glaubte fast, Jasmin aus ihren Gedanken verdrängt zu haben, da meldete sich diese telefonisch. »Sag’, ist es möglich, dass wir uns treffen?« Und ob. Schneller hatte Cordula selten einen Termin freigeschaufelt. Umso enttäuschter war sie danach. Endgültig, so musste sie bilanzierend feststellen, ist diese Freundschaft als erledigt abzutun. Ihr Körper bebte geradezu, weil er über soviel Unverfrorenheit nicht fertig werden konnte. Sie atmete tief und ließ alles noch einmal an ihr vorbeiziehen …
Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie nicht mehr dazu gekommen war, zu fragen, ob es ein Junge oder ein Mädchen sei. So entsetzt, so erbost war sie darüber, dass der beiläufig mitgebrachte Vertreter, der sicher Jasmins neuer Arbeitgeber ist, ihr ohne Skrupel einen Versicherungsvertrag aufschwatzen wollte. »Pfui, Teufel«, schimpfte sie laut vor sich hin und in die Trauer über die verlorene Freundschaft mischte sich eine gehörige Portion Zorn.
Jahre später, in denen sich für Cordula neue und beständigere Freundschaften gebildet hatten, war sie noch immer auf derselben Arbeitsstelle geblieben. Heute erlebte sie beim Dekorieren ihrer Figuren etwas Eigenartiges. Es geschah auf einem Podest im Innenraum des Warenhauses, unmittelbar an der Rolltreppe. Da beobachtete sie einen kleinen Jungen, der ihr viel Spaß bereitete. Neugierig schaute er ihr zu und stellte schon bald viele Fragen, die alle mit »Warum?« anfingen, so dass auch sie sich nach einer Weile herausgefordert sah, ihn zu necken. Erst nur ein wenig, dann etwas heftiger. Aber wie verschlug es ihr die Sprache, als der Kleine ihr herzhaft ins Gesicht lachte. So ausdauernd, so kraftvoll, dass sie eine Gänsehaut bekam. Das gab es doch gar nicht! Der Kleine konnte nicht aufhören! Und sie stand da, gelähmt, unfähig, etwas zu sagen oder zu tun.
Sich aufrichtend ließ sie den Blick über die gesamte Etage schweifen und erblickte weiter hinten die große, nun frauliche Gestalt mit dem noch immer fülligen schwarzen Haar. Mit einem leichten Stups schickte sie den lachenden Jungen zu seiner Mutter.
Gut verpackt
Äußerliche Auffälligkeiten? Diese gab es an ihm kaum und das fand er ärgerlich. Nein, er fand es deprimierend, der etwas klein geratene, beinahe schmächtige Mann. Ungezählt viele hoffnungslose Tage hatte er, die ihn nicht recht in Gang kommen ließen. Es war aber, als wollte seine Stimme den Mangel an figürlicher Größe ausmerzen und dazu hatte sie eine spektakuläre Höhe erklommen. Diese sonderbare Kombination – zu kleiner Mann mit zu hoher Stimme – geriet innerhalb des Kollegenkreises wiederholt ins belächelte Abseits. Nur zu gern hätte seine Stimme all das verhindert, doch wusste sie nicht wie. So rannte sie, als renne sie vor sich selbst davon, verhaspelte sich dabei und endete regelmäßig in rasanten Überschlägen.
Da der Veränderung dieses Umstandes einfach nicht beizukommen war, gab sich der unscheinbare Mann in all seinem Tun außerordentlich viel Mühe. Seinem Wunsch, dies über nobel konservative Kleidung zu erreichen, stellte er immerfort einen zu großen Rahmen zur Verfügung, sowohl in zeitlicher Ausdauer, als auch im finanziellen Vermögen. Und wirklich: Diese Mühen machten ihn durchaus tageslichttauglich. Noch niemals, auch nicht bei seinem Eintritt in die Firma, in das große Städtische Kaufhaus, war ihm das wichtiger gewesen als heute. Hatte er sich doch nun ein Mädchen auserwählt, eines, das ihn schon seit Monaten beflügelte und ihm unaufhörlich seine Gedanken durcheinanderwirbelte, nur – jene holde Weiblichkeit nahm keinerlei Notiz von ihm. Das brachte ihn fast um! Unermesslich war das Ausmaß seiner Sehnsuchtsträume und mehr und mehr wuchs mit ihr eine Vorstellungskraft, die ihn gerade nachts heimsuchte. Seit neuestem sah er sich im Traum sogar schon als Model! Von allen, selbst weniger gut Gesonnenen bewundert! Er trug die brandneuesten Kollektionen im Schlafe, schon bevor sie erschienen. Hatte sich längst vor aller Augen auf dem Laufsteg hin und her wandeln sehen, Jacken öffnend, sich umdrehend und manchmal auch mit jenem, seinem erträumten Mädchen am Arm. Immer wieder aber wachte er ernüchtert und mit heißbegehrendem Wunsch auf, ergebnislos. Stattdessen verbrauchte er, stets schweißgebadet, ein reichhaltiges Sortiment Nachtwäsche. Völlig gestresst stieg der Träumer jeden Morgen in den guten Anzug, ging gewohnheitsgemäß auf Arbeit, sah die Ersehnte erneut und hätte sie am liebsten angefleht, konnte aber seine Stimme meist im letzten Moment noch maßregeln.
Doch gab er nicht auf. Wollte er sie für sich gewinnen, musste er etwas finden, womit sie zu beeindrucken wäre. Die vorläufigen, eher belanglosen Wortwechsel, die sie immer wieder miteinander führten, genügten ihm natürlich nicht. Sie peinigten ihn. Dann, nachts, fragte es in ihm: Soll das alles gewesen sein? Und das Gefühl, ihr nicht groß, nicht wert genug zu sein, kroch schmerzlich an ihm hoch. Woran auch sollte sie in ihm den unübersehbaren Aufsteiger erkennen? Und jeder neue Arbeitstag, an dem er sie in seiner Nähe wusste, machte ihn konfus. Verzweifelt sann er darüber nach, was zu tun sei, um ihr ein nachhaltiges, entscheidendes Erlebnis zu bieten. Eines Tages und ohne dass ihm der Zeitpunkt bewusst war, entschloss er sich, alles auf eine Karte zu setzen.
Die feenhaft langhaarige Blonde stand, wie ein Bild, angelehnt an einer Säule zwischen den Verkaufsständen und schaute zu ihm herüber. Ja, er täuschte sich nicht, sie schaute zu ihm herüber. Jetzt oder nie, spornte er sich an. Denn es war Aktionstag. Aktionstag aller Hartschalenkoffer seiner geliebten Markenfirma. Das musste den Kunden beigebracht werden, es sollte einschlagen, sie überzeugen, sie mussten weggehen wie warme Semmeln, die Koffer. Wegen ihr. Er wagte einen zweiten Blick in jene Richtung, ja, er konnte sich ihrer Anwesenheit immer noch gewiss sein. Sie stand an der Säule. Da griff er zum Mikrofon: »Meine Damen und Herren, haben Sie heute schon mal vor Ihre Türe geschaut? Nein? Noch nicht? Da steht er nämlich. Wer? Ihr lang ersehnter Urlaub, den Sie sich so verdient haben. Ich weiß zwar nicht, wohin Sie fahren werden, aber eines ist sicher: Sie brauchen dazu einen Koffer. Nicht den, den Sie zu Hause verstaubt irgendwo in einer Ecke finden, nein, Sie brauchen einen optischmodischen Koffer, einen, der Akzente setzt und der Ihrem Urlaub gewachsen ist. Einen, auf den Sie sich unbedingt verlassen können, einen, der nur zu Ihnen passt. Sie verstehen nicht, was ich meine? Ich werde es Ihnen zeigen!«
Rasch trug er mehrere Koffer sichtbar guter Qualität zusammen. Er wählte gezielt verschiedene Farben, dass es ihm selbst so vorkam, als strahle ihn der Stapel an. Alles schichtete er gekonnt übereinander, denn es galt mit seinem selbst erdachten Härtetest zu beweisen, dass alle diese Koffer in punkto Haltbarkeit unübertroffen wären. Dafür musste er, um nötige Höhe zu gewinnen, sich die Kundentreppe zu Nutze machen. Aufgeregt, aber mit ganzem körperlichen Einsatz und dem Mikrophon noch in der Hand, vollführte er von dort aus, von den mittleren Stufen, einen ersten schwungvollen Sprung und landete – er hielt die Luft an – genau inmitten aller ihn erwartenden Koffer. Sie waren ihm gefällig, es gelang. Die Koffer blieben heil. Die Kunden blieben stehen.
Beim zweiten Mal war sich der kleine Mann gewiss, auch das Vertrauen des himmlischen Herrn erworben zu haben, und setzte daher seine Aktion verstärkt fort. Er stieg noch eine Stufe höher. »Hätten Sie das für möglich gehalten? Mit diesen Koffern kann Ihnen keiner was, ich garantiere Ihnen, die halten lebenslang, schauen Sie, die überleben Sie sogar!«. Mit diesem Satz stand er, einem Steh-auf-Männchen gleich, schon wieder fest mit beiden Beinen neben den Koffern. Sich offenbar einem Ritual bewusst, drehte er sich um, lief schleunigst um die heruntergefallenen Koffer herum, die einen großen Kreis hatten entstehen lassen und stapelte sie erneut auf. Er wagte nach dem zweiten sofort den dritten Versuch. Und diesmal krachte es donnergleich. Das Mikro, das er fest umklammerte, verbreitete das Krachen verstärkt. Was für ein aufsteigendes Geräusch in sämtliche Etagen hinauf! Wieder war das Ergebnis höchst beeindruckend: Die Koffer waren willig, spielten mit, blieben heil. Die Kunden standen still.
Inzwischen hatte sich eine beachtliche Traube gebildet. Es geriet etwas in Bewegung am Kofferstand, einige Kunden kauften schon, andere drängten dahin. Der Erfolg? Beachtlich. War bisher mit Koffern je in diesem Hause solcher Umsatz gemacht worden? Und weil das lautstarke Bravourstück auch an der Geschäftsführung nicht vorbeiging, erfuhr der kleine Mann seine Beförderung. Blitzartig hatte es sich bis in die letzte Lagerhalle verbreitet, wer, was für ein Kerl er war und wenn irgendwelche Sonderaktionen irgendwie eines außergewöhnlichen Anspruchs bedurften, zog man ihn heran, natürlich. So etwas geschah häufiger, als es ursprünglich anzunehmen gewesen wäre und seit neuestem hat er auch eine feenhafte, langhaarige blonde Assistentin an seiner Seite.
Und eigenartig – nun hat er auch eine entspannte Stimme, die er irgendwann etwas tiefer wiederfand, als er selbst erwartet hätte. Und sie vermittelte jenen entbehrten Hauch von Männlichkeit …
Kaufhausgeflüster
Gewohnte gegenwärtige Dinge, die sich dem Alltag fügen, erscheinen einem unbewusst so selbstverständlich, dass sie keiner mehr wahrnimmt. Schlagartig hatte Elke das gedacht, als sie die Veränderung festgestellte. Nicht im Traum wäre ihr eingefallen, dass das Ganze plötzlich diesen Wirbel auslösen würde! Na ja, es war freilich ohne erkennbaren Grund und ohne jegliche Erklärung geschehen …
»Was ist denn hier los?« Mit diesen Worten begann es und Elke sah sich im ganzen Raum um. Geschockt. Sie stand ganz allein in der eigens für Angestellte ausgewiesenen Damentoilette. Hier, im großzügig gehaltenen, immer gesäuberten Vorraum der diskreten Örtchen, wähnte sich schon seit Jahr und Tag Spiegel für Spiegel jeweils einem Waschbecken zugehörig. Ihre Flächen waren poliert, glänzten und leuchteten, dass es eine Freude war! Vermutlich erschien das sogar der Deckenbeleuchtung passabel, denn auch die strahlte ihre Spiegel luxuriös an. All das war ein unbeachteter Normalzustand gewesen. Niemand hätte dem je Bedeutung beigemessen, denn keiner hatte tatsächlich registriert, wie viele Spiegel das waren – bis zu jenem Vormittag.
Die Örtchen waren zwar immer noch wie üblich nutzbar. Auch dem anschließenden Prozess des Händewaschens konnte man sich weiter ungezwungen hingeben. Jedoch dem gewohnten, längst in Auge und Netzhaut übergegangenen Blick in den Spiegel – ihm war der Garaus gemacht worden! Er war nicht mehr möglich. Die Spiegel waren weg. Wer hatte sich bloß daran vergriffen? Dass die Ränder der ehemals weißen Raufasertapete es regelrecht von der Wand herunterschrien: Hier hingen sie einst ordentlich in einer Reihe! Spiegel an Spiegel! Oh hätte man die Faszination doch besser gewürdigt! Jetzt nämlich strotzten nur derbe schwarze, fest eingedübelte Haken trotzig, ja ordinär heraus und zeugten deutlich von den nicht mehr spiegelnden Tatsachen.
Allerlei Gerüchte machten die Runde. Wer wohl hatte in heutiger Zeit – die alles im Überfluss bietet und manchmal gar verschwendet – solche Spiegel nötig? Oder war dies wieder einer neuen Sparmaßnahme geschuldet, die es nun durchzustehen galt?
Wie dem auch war, man munkelte allernasenlang über das »Für« und »Wider«, über die absolute oder relative Notwendigkeit des In-den-Spiegel-Schauens. Eine Kollegin meinte, sie könne den jetzigen Umstand mit ihrem Arbeitsleben kaum noch vereinbaren, da ihr Chef, der ihr einst vertraulich angedeutet hatte, sie müsse zu den Paradiesvögeln des Unternehmens gehören, einen sehr hohen Stellenwert auf das konstant gepflegte Aussehen lege. Was ihr so nicht mehr möglich war.
Elke, die der Kollegin gern geholfen hätte, begab sich schnurstracks auf die andere, die Kundentoilette, um zu erfahren, ob auch dort gespart worden war. Einige Gemüter konnte sie anschließend besänftigen: Hier zeigte man sich großzügiger: Die Kunden durften sich noch spiegeln. Und doch, vermutete Elke, könnte es sich um eine neu eingefädelte Kürzung handeln. Jedenfalls war ihr keine bessere Erklärung eingefallen. Wie oft hatte man von Ereignissen erfahren, die beim Sparen nicht immer alle Personen in gleichem Maße einbezogen. Zudem sind die Kunden sowieso das allerkostbarste Gut.
Noch einen weiteren Umstand gab es, mit dem sich die Frauen gegenseitig trösteten: Auf der Personaltoilette der Herren nämlich, soviel ließ der verschmitzte Koch beim Mittagessen zufällig durchsickern, waren auch keine Spiegel mehr. Damit wurde die Empörung der betroffenen Damenwelt gedämpft, geschlechterspezifische Vorurteile hatten also keine Oberhand gewinnen können. Es amüsierten sich Männlein wie Weiblein gleichermaßen weiter über den fragwürdigen Zustand. Trotzdem waren und blieben die ins Gerede geratenen Spiegel einfach verschwunden. Eine Woche, eine zweite, eine dritte …
Anderen Dingen gebührte nun die Zuwendung. Im Warenhaus rückte, wie schon lange angekündigt, ein Kongress heran, der sich mit der maximalen Auslastung von Arbeitsmitteln und -methoden beschäftigen sollte. Weswegen sämtliche Ecken geräumt, geputzt und gewienert wurden. Alle überboten sich dabei in ihrer Emsigkeit, auch Elke und ihre Kolleginnen; ganz besonders aber die Sekretärin. Sogar die Handwerker und selbst der Koch schien plötzlich dem Putzen erlegen zu sein. Dass der magische Tag schon bald heranrückte, spürte man sowohl an all der Eile hier und dort, als auch an der Geschäftigkeit. Woher kam nur dieser Eifer? Alles rotierte. In der Tat geschah das auch ganz oben, wo bisher die Verwaltung immer sehr geziemend waltete, dort schien man gar noch eine Spur breiter zu laufen. Was sich in der Realität als schwierig erwies, zumal der lange Gang, der sämtliche Türen zeigte, hinter denen die hohen Damen und Herren hin und wieder sichtbar wurden, in diesem Teil des Warenhauses äußerst schmal war. Eigentlich immer schon. Jeder wusste das. Nun aber, wo es alle besonders eilig hatten, spürte man, dass Enge und Eile schlecht miteinander vereinbar sind. Jetzt jedenfalls war der Flur stets mit allerlei quirligen Menschen gefüllt, diese lange schmale Flucht, die überdies am Tagungszimmer endete. Unentwegt wanderte gerade der Hausverantwortliche hin und her, um für die entsprechende Beleuchtung zu sorgen, ihm folgte Elke, die für die Blumen zuständig war, und hinter ihr ging die Sekretärin, die in letzter Minute noch versuchte, den gefährlich hohen Aktenstapel, der angefordert worden war, von einem Zimmer zum anderen zu bugsieren. Der Stapel versperrte ihr dabei fast gänzlich die Sicht. Nichtsdestotrotz konnte sie aber auf ihre alte Gewohnheit setzen, diesen Gang zu kennen, ihn schon unzählige Male gegangen zu sein, und andere haben ja auch Augen im Kopf …
Doch das Unvermeidliche geschah. Gerade bis zur vorletzten Tür war die Sekretärin gekommen, als sie plötzlich jemand anstieß und sie dabei derart rempelte, dass sie den Stapel reflexartig an die Wand drückte. Die Brust tat ihr dabei weh. Doch das war ihre einzige Chance, alles zu retten! Noch war ihr das Geschehen gar nicht begreiflich, da erblickte sie den Koch.
»Du liebe Güte, das hätte ja mit uns eine mächtige Karambolage werden können!« Sie atmete erleichtert aus: Glück gehabt!
Der Koch nicht.
Der war sprachlos, konnte das Ganze immer noch nicht fassen und lief gerade Gefahr, die Kontrolle über sich zu verlieren. Weinte. Dicke Tropfen, so rund, dass sie den kleinen Käsebällchen ähnelten, sie landeten auf seinem, jetzt schräg gehaltenen Tablett. Fielen aber nach und nach auch noch auf den Boden, wohin das andere Tablett geflogen war. Elke und die Sekretärin wollten den Koch beruhigen. Aber es war, als setzte dessen Verstand aus. Er hatte doch alles auf Erfolg gesetzt. Tagelang entworfen! Und nunmehr waren daraus seine kleinsten Wunder der Welt entstanden – verlockende, unwiderstehliche Kanapees, ein Werk höchster kreativer Künste. Und dieses, sein Werk – ach, da lag es ihm jetzt zu Füßen! Eine Herausforderung, die ihn zehn Jahre jünger gemacht, die ihn derart belebt hatte, dass er seit Tagen genau auf diesen Augenblick brannte, wie es ihn gejuckt hatte, all dies auch eigenhändig zu servieren. Wie gewandt, wie prächtig hatte er beide Tabletts in Kopfhöhe rechts und links neben sich geführt! Beinahe hatte er die Flurbreite damit ausgefüllt, machte aber nichts. Er war ja gerufen worden. Natürlich wusste er, dass er jetzt gewandt und schnell sein musste. Hatte über seine Findigkeit noch leicht gelächelt und gleich die erprobte Haltung angenommen, die er bisweilen vorsorglich trainiert hatte, und die ihn nun zwar erst in den Konferenzraum, später aber zum erhofften höheren Gehalt hätte führen sollen: Betont aufrecht gehend, den Blick hin und her wendend, aber nur das Kunstwerk hypnotisch fixierend! Galant passierte er so die Länge des Ganges, aber gerade, als seine Füße sich nahe der Konferenztür glaubten, war er in diesen Sauseschritt geraten und ausgerechnet da war es schon zu spät!
Schicksalhaft waren sie beide, Sekretärin und Koch, zusammengeprallt.
Elke, die mit den Blumenbuketts beschäftigt war, konnte sehr genau wahrnehmen, wie er direkt vor der Konferenztür auf die Knie gefallen war, wie er schlotterte, wie sein ganzer Körper angsterfüllt zu zittern begann. Langsam immer farbloser werdend, stierte der Koch noch immer beide Tabletts an, die im Zeitlupentempo eine riskante Schräglage erreicht hatten, die die Küchenkünste einfach herab- und zusammenrutschen ließen.
Unaufhaltsam ging endgültig alles vorüber, ging alles verloren! War erst das eine Tablett schmetternd auf den Boden geklatscht, rutschte ihm das zweite auch noch aus der Hand.
»Tsching«.
Da aber war es, als wäre der Koch mit diesem klirrenden Geräusch wachgeworden. Er fackelte nicht lange, wischte sich mit dem Ärmel der weißen Kochjacke über das leichenblasse und feuchte Gesicht, fing sich, rappelte sich beherzt hoch und machte sich auf und davon. Zurück in die Küche! Jetzt musste schnellstens was Neues entstehen – und er hatte auch schon eine Idee.
Elke, die Sekretärin und alle, die durch den Aufprall hellhörig geworden und herausgekommen waren, betrachteten das Unheil auf dem Boden jetzt genauer. Nanu, was waren das denn für Splitter? Verbarg sich hinter dem Verschmierten nicht ein Glanz? Leise überkam ihnen eine Ahnung. Und zum Vorschein kam, wovon die schmackhaften Happen heruntergeglitten waren: Von ein- und denselben Spiegeln, die seit Wochen jeder suchte!
Eine halbe Stunde später – er hatte allen Küchenkräften inzwischen fast Unmögliches abverlangt – konnte man den Koch abermals mit belegtem silberfarbenem Tablett in Richtung Konferenztür laufen sehen. Diesmal aber hatte er nur ein Tablett dabei und nahm zudem den Gang viel ruhiger, schließlich war die Tagung bereits in vollem Gange. Er war also seiner Pflicht der Verköstigung etwas verspätet doch noch nachgekommen. Nur, ob ihm daraus eine Gehaltserhöhung erwachsen war, ist nicht belegt, womöglich auch zu bezweifeln. Dass der Koch der Belegschaft damit jedoch lange Stoff zum Spötteln geben wird, war so glasklar, wie die Spiegel, die als Silbertabletts Verwendung fanden. Ein wenig beneidete der Koch diese Spiegel schon. Weil die sich ihrer hohen Berufung nicht einmal bewusst waren.
Das Los
Wenigstens ist die Tuschelei zu Ende. Kurz und knapp, ehe die austauschbaren Gesichter der Anzugsherren verschwanden, war es erklärt worden: Aus und vorbei! Alle bisherigen Überlegungen und Anstrengungen schienen umsonst gewesen. Selbst das letzte Mittel, das des Gesundschrumpfens, hatte sich nicht mehr bewährt. Nicht, dass das Unternehmen selbst pleite wäre, nein – nur gerade dieser Zulieferbetrieb wird abgestoßen, es gibt neue, bessere, an anderen, besseren Standorten. Plötzlich schwebt über jeden Angestellten sein Los. Das muss er ziehen, ob er nun ein Spieler ist oder nicht. Als ginge sie nie zu Ende, so klingt in allen die letzte Rede nach, dem Riss einer Langspielplatte vergleichbar, blieb nur das noch unmissverständlich im Ohr: »Bewerben Sie sich, warten Sie nicht zu!« Was für ein komischer Ausdruck in den alten Bundesländern manchmal benutzt wird, fanden sie. Nein, sie warten nicht zu. Sie, die Menschen der ersten Kategorie nehmen ihr Schicksal mit Elan in die Hand, manchem genügen drei Tage, um die seit vielen Jahren ausgeübte Tätigkeit hinter sich zu lassen, um mit Sack und Pack in andere Bundesländer zu ziehen. Für immer, natürlich.
Bestärkt in unternehmerischer Denkart und nominiert mit den bestmöglichen Referenzen können sie sich, die Spieler der ersten Kategorie, damit zu Gewinnern zählen.
Andere aber, auch junge Leute, beschleicht Verunsicherung. Gerade erst auf Ausbildung gesetzt, wollten sie ihren Standpunkt nun festigen und müssen schon erfahren, dass erfolgreiche Probezeit Versprechen nicht einlöst, kein Garant für Arbeit ist. So gehören die Auszubildenden eher zur zweiten Kategorie, es trifft sie empfindlicher und härter, das Los – manche zum ersten, andere gar zum wiederholten Male. Die lassen dann wütende Worte ab, »Strick nehmen« ist deutlich herauszuhören. Da hakt der Betriebsrat ein, versucht, noch ungelenk in diesen Dingen, sein Möglichstes, geht ans Äußerste. Tatsächlich weist er Erfolge auf: Die Ausbildung derer, die »unsere Zukunft« sind, kann in ferneren Städten garantiert werden. Freilich müssen sie dazu mobil sein, doch wenn sie mit Neugier ausgestattet sind, dann haben auch sie ein Los gezogen, auf das sie setzen können.
Und die Übriggebliebenen?
Die dritte Kategorie, die schlagartig unbrauchbar gewordene, stellt die zahlenmäßig größte Gruppe – und wird zwangsabgewickelt. Verhaftet geblieben sind die Menschen, die nicht locker genug mit der neuen Situation umgehen können, weil ihre besondere familiäre Situation Mobilität nicht zulässt. Schwerbeschädigte etwa, Lebensgefährten kranker Partner, Mütter kleiner Kinder. Für sie gibt es die finanzielle Abfindung, eine kurze Überbrückung scheint abgesichert, der Sozialstaat macht‘s möglich. Und dann? Es heißt, es läge in ihrem eigenen Ermessen, ob und wie sie woanders neu einsteigen.
Gut gelingt es denjenigen, die schon geübt im Umgang mit heiklen Situationen sind. Mancher kann geschickt in seinem Los ein Freilos finden und mit geübter Hand ein zweites Mal ziehen. So treten aus der dritten Kategorie auch jene hervor, die plötzlich kühn selbständig werden und schlummernde Ideen wachrütteln. Ihr Treibstoff heißt Hoffnung, weil viele Lose auch Gewinner hervorbringen …
Aber die, die dann noch übrig bleiben, die Nieten?
Über die spricht keiner mehr.
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