Kitabı oku: «In den Tiefen des magischen Reiches»

Yazı tipi:

Hannelore Nissen

In den Tiefen des magischen Reiches

Ein poetisches Märchen

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2015

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Umschlag: Die Autorin

mit ihren beiden Enkelsöhnen

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Für meine Kinder

und für diejenigen, die sich wie Kinder

von einer Geschichte verzaubern lassen;

für dich, Anita,

und Gerard, der zu unserem besten Freund wurde.

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

DIE VORGESCHICHTE

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

Zur Autorin

DIE VORGESCHICHTE

Das Telefon neben mir klingelt. Als ich mich melde, sind nur aufgeregte Atemgeräusche zu höre. Sonst nichts. Wer ist denn das?, grüble ich.

„Omama, bist du’s?“

Ach … unverkennbar, es ist die Stimme meines Enkelsohns. Mika schreit immer, wenn er mit mir telefoniert. Wahrscheinlich denkt er, er müsste so die 200 Kilometer Entfernung zwischen uns überbrücken.

Sein älterer Bruder Philipp telefoniert nicht so gern. Dafür jedoch der kleinste der Brüder, Jona. Ich verstehe ihn allerdings nicht immer, weil der kleine Kerl noch nicht richtig sprechen kann. Macht nichts! Trotzdem haben wir uns viel zu erzählen und zu lachen, wann immer wir miteinander telefonieren.

Heute kommt Mika gleich zur Sache: „Omama, schreibst du uns wieder ein neues Märchen?“ Philipp höre ich im Hintergrund flüstern. Die beiden haben offensichtlich den Lautsprecher angestellt. Auf diese Weise kann auch der andere sofort hören, was ich dazu sage.

„Was für eine Art Märchen soll’s denn sein, meine Kleinen? Wieder ein Abenteuer … oder eins über Ritter?“

Ratlose Stille.

Ich bekomme zunächst keine Antwort und schlage vor: „Sollen vielleicht Piraten darin vorkommen?“

Am anderen Ende der Leitung wird gewispert. Na, das wird ein längeres Gespräch! Ich setze mich jetzt gemütlich in einen Korbsessel, der auf unserer Terrasse steht, und lege dabei meine Beine auf die breite Armlehne des Stuhls, der mir gegenübersteht.

Die beiden zögern noch immer. Dann aber höre ich eine aufgeregte Diskussion, doch sie können sich offensichtlich nicht einigen.

Da habe ich eine Idee: „Sprecht erst einmal in Ruhe miteinander. Ihr denkt euch einfach Personen aus, die in meiner Geschichte vorkommen sollen. Die nennt ihr mir dann. Wollen wir das so machen?“

„Ich weiß es ja schon!“, schreit Mika temperamentvoll. „Ein Prinz … eine böse Königin … und eine Schlange!“ Wichtig betont er jedes Wort.

Ich muss grinsen.

„Ein Weiser, da muss noch ein Weiser vorkommen“, zischelt Philipp leise von hinten dazwischen.

Das gibt’s doch nicht, denke ich, diese Kerle machen sich noch nicht einmal die Mühe, nachzudenken. Ich weiß genau, dass die beiden mit ihren sechs und sieben Jahren momentan täglich Ausschnitte aus der Oper „Die Zauberflöte“ von Mozart zu hören wünschen. Den ganzen Tag sind sie nicht so brav wie am Abend vor dem Schlafengehen. Dann bedrängen sie nämlich ihren Vater, ihnen Videos von einzelnen Szenen dieser Märchenoper vorzuspielen. Genau daher kennen sie den Prinzen und die machtgierige Königin der Nacht, natürlich auch die Schlange. Nur Papageno fehlt noch, der lustige Vogelfänger mit seinem Zauberglockenspiel. Im Moment sind sie es, die meine Enkel begeistern.

Ich musste den beiden Opernfans schon Kostüme nähen. Philipp bekam einen schwarzen Umhang mit silbernen Sternen. Am meisten gefiel ihm der zarte, glitzernde Schleier. Den steckte ich in seinen blonden Haaren fest. So schwebte er mit träumerischen Augen als Königin der Nacht durch die Wohnung, während Mika natürlich der waghalsige Prinz sein wollte, mit allem Drum und Dran.

In dieser Geschichte kommt später noch ein Weiser vor. Und genau den wünschen sich jetzt die beiden in meinem neuen Märchen. Also … alles schon da gewesen!

Ihr macht’s euch leicht, geht es mir durch den Kopf … Und nun soll ich aus dieser starken, fantasievollen Geschichte, die jedermann kennt, eine ganz andere kreieren? Wie soll ich denn das hinkriegen?

‚Aber wenn sie sich doch darüber freuen‘, meldet sich eine Stimme in mir. Oh, ich kenne sie! Und schon gebe ich nach – wenn auch zum Schein widerwillig. Na ja, man kann es ja mal versuchen …

Es ist wie immer, meine Enkel haben gewonnen!

Beim nächsten Besuch übergebe ich ihnen bereits das erste Kapitel. „Hier, lest!“, sage ich zu ihnen. „Und denkt dabei an mich, wenn ich wieder weit weg bin!“

Zögernd nimmt Philipp das Manuskript.

Da fasst Mika meine Hand und zieht mich in Richtung seines Zimmers. „Omama, wir machen’s uns gemütlich!“ Dann lächelt er mich an. „Bitte … vorlesen!“

Gemütlich, das gefällt mir! Ich folge ihm sofort. Wir kuscheln uns unter das Hochbett, wo viele bunte Kissen liegen und auch der Lümmelsack.

„Also …“, beginne ich.

1. Kapitel

Auf der unendlich weiten Wiese wurde es bereits dunkel. Trostlos und öde ragten hier und da abgestorbene Zweige aus gelbem, fauligem Gras. Hier blühten keine Blumen und hier sang auch kein Vogel. Bedrückend war die Stille, die noch nicht einmal vom heiseren Schrei irgendeiner dort lebenden Krähe durchbrochen wurde.

Aus dem fernen Wald flog gerade ein Schwarm Glühwürmchen herbei. Sie hatten es sich zur Aufgabe gemacht, mit ihren Laternen verirrte Wanderer zu warnen. Viel Unglück war hier schon geschehen. Und wieder erblickten sie einen jungen Mann, der durch die unheimliche Wiese stapfte. Mit jedem seiner Schritte sank er tiefer in den nassen, morastigen Boden. Hoch schwang er beide Arme, um überhaupt vorwärtszukommen, doch es war und blieb mühsam. Seine Kraft erlahmte mehr und mehr.

Das sahen die Glühwürmchen. Diesmal aber schien einiges anders zu sein. Dank ihrer sensiblen Gaben spürten sie sofort: In den Gesichtszügen dieses jungen Mannes zeigte sich nicht der Ausdruck von Habgier, den sie bei vielen anderen Abenteurern gesehen hatten. Er schien kein gewöhnlicher Mensch zu sein. Hoffnung erwachte in den Glühwürmchen: War er der Auserwählte, auf den sie so lange schon gewartet hatten?

„Junger Mann“, rief die älteste der kleinen Lichtgestalten, „kehre um … Sollen wir dir leuchten?“

Ein anderes Glühwürmchen warnte: „Du gehst hier einen sehr gefährlichen Weg, denn hier beginnt das dunkle Moor.“

Die piepsende Stimme des jüngsten schrie in großer Aufregung: „Es ist das unermesslich große Reich der undurchschaubaren Düsteren Königin.“

Und dann riefen alle durcheinander: „Dort droht dir Gefahr … Hör auf uns, Jüngling … Bleib sofort stehen … Kehr um!“

Da blieb der Junge stehen und sah sich verwundert um, woher wohl die zarten Stimmen kamen. Aber alles, was er in der beginnenden Finsternis noch erkennen konnte, war ödes Land. Kein blühender Strauch, kein grüner Baum. Auch der Himmel war in seiner Weite fahl und wie Asche so grau.

‚Wer war das?‘, wunderte er sich und wollte mühsam das vordere Bein zurückziehen, um etwas auszuruhen und sich umzusehen. Aber sogleich umfloss das Moor schmatzend und mit zähem Schleim den Stiefel, um den Jungen festzuhalten.

Wie konnte er denn wissen, dass ein Zauberspruch der wabernden, blubbernden Masse befohlen hatte, jeden Fremden einzuschließen. Niemand sollte das dunkle Reich betreten, ohne je wieder hinauszukönnen! Unbarmherzig hüllte ihn dann das Moor mit seinem Nebel ein, der den Eindringling trunken machte und ihn so verwirrte, dass er den Weg zurück nicht mehr finden konnte. Später zog die dunkle, zähe Masse an seinen Beinen. Sie blubberte Stolpersteine vor seine Füße, sodass der Wanderer stürzen musste und elend im Moor versank. Dann war er für immer gefangen.

„Wer ruft? Sind hier Menschen? Meldet euch! Ich habe mich verirrt, aber in der Ferne sehe ich Lichter – das sind bestimmt Häuser … Kommt ihr von dort?“ Die Stimme des jungen Mannes wurde immer lauter und zum Schluss schrie er die letzten Worte in seiner Not und Angst in das Dunkel.

Im Nu flogen die Glühwürmchen zu dem Jungen: „Nicht! Geh nicht weiter! Das sind Irrlichter, unsere armen Brüder. Sie werden im Moor gefangen gehalten“, wisperte der ganze Schwarm aufgeregt und beschwörend durcheinander. Dann bildeten sie mit ihren leuchtenden Körpern einen Kreis um ein Etwas, das der Jüngling noch nicht genau erkennen konnte.

Die kleinen Lichtgestalten begannen auf einen schon halb verwitterten, großen Ast hinzudeuten. Man konnte sich jetzt noch vorstellen, dass er vor vielen hundert Jahren mit seinen grünen Blättern einst einen stolzen Baum geschmückt hatte. Lange war dieser Riese schon gefallen und von der schwarzen Masse des Moores geschluckt worden. Nur dieser kahle Ast ragte noch bizarr, aber stark und eigensinnig in die Höhe.

Aufgeregt hielt der ganze Schwarm in seinem unruhigen Flug inne und wartete. Wenn dieser junge Mann der Auserwählte sein sollte, so musste jetzt etwas geschehen.

Tatsächlich! In dem Augenblick, als der Jüngling im Lichte der Glühwürmchen den rettenden Ast erblickte und schnell ergriff, erwachte auf geheimnisvolle, wundersame Weise das tote Holz plötzlich zu neuem Leben. Der junge Fremde fühlte in seiner Hand das Erstarken des modrig-schwammig gewordenen Holzes. Es formte sich zu schlanker Höhe und zusehends glättete sich auch seine Außenhaut. Sie begann im matten Abendlicht silbern zu strahlen. Zum Erstaunen aller bildete sich am oberen Ende des Stabes langsam eine gläserne Kugel. Alle schauten fasziniert zu, wie sie plötzlich in wechselnden Farben zu leuchten anfing.

In diesem Moment schrien die Glühwürmchen auf. Dann hörte man wieder die aufgeregte Stimme des kleinsten: „Sieh doch, Omi, er hat den toten Ast zum Leben erweckt!“

Seine Großmutter flog, wie immer, dicht neben ihm. Jetzt nickte sie ihm zu und rief glücklich: „Endlich! Er ist gekommen … Ja, er muss es sein!“ Sie wandte sich auch an die anderen: „Wir haben so lange gewartet … Jetzt ist er da – der Retter der Märchenwelt!“

Daraufhin schrien und lachten sie alle durcheinander. Das war ein Sirren von vielen zarten Stimmchen.

Indessen klammerte sich der Jüngling an seinen festen Halt und ließ nicht nach, ihn zu umschlingen. Zu groß war seine Angst, vom Moor verschluckt zu werden.

Plötzlich begann sich der Stock zu erheben und schließlich zu schweben. Und so zog die Kraft dieses mächtigen Stabes den jungen Mann aus dem gefährlich glucksenden Moor heraus.

Spätestens jetzt musste jeder Beobachter begriffen haben, dass dieser scheinbar tote Ast Zauberkraft besaß. Nun konnte sie endlich zu wirken beginnen, denn ein Auserwählter hatte ihn mit seinen Händen berührt.

Ein besonders großes Glühwürmchen kreiste um den Jungen. „Was führt dich hier an diesen gefährlichen Ort?“, fragte es, offensichtlich noch ganz überrascht von dem Geschehenen, und bremste kurz vor ihm seinen Flug.

Ein anderes rief: „Wer bist du?“

Ohne eine Antwort abzuwarten, wollte ein weiteres wissen: „Wie kommst du hierher?“

Danach riefen alle Glühwürmchen ihre Fragen und Vermutungen durcheinander. Sie hatten schon manchen Fremden tollkühn das nasse Gras, das spärlich am Rande des Moores wuchs, durchschreiten sehen. Sie alle hatten den sagenhaften Schatz der Düsteren Königin erobern wollen, von dem man sich erzählte. Aus Habgier hatten sie die undurchschaubaren Gefahren im Reiche der Königin herausgefordert und waren nie wieder in ihre Heimat zurückgekehrt.

Der Junge fiel erschöpft auf das Gras nieder. Behutsam bettete er den Stab neben sich. „Ich bin Tahomo, der Prinz von Tandonay, und suche nach Salmidon, dem Weisen. Wahrscheinlich bin ich vom Weg abgekommen“, erklärte der Jüngling den Glühwürmchen. „Ich danke euch! Ohne eure Hilfe wäre ich wohl verloren!“ Und dann erzählte er ihnen voller Vertrauen seine traurige Geschichte.

Inzwischen war es vollends dunkel geworden. Über dem schaurigen Moor schwebte ein schillernd flackerndes Licht. Es war einem Wetterleuchten ähnlich. Leise Stimmen flüsterten hier und dort und verstummten wieder – auch hörte man vereinzelt sehnsuchtsvolle Klagelaute. Dann herrschte wieder bleierne Stille. Nur, wer genau hinhörte, nahm jetzt ein leises Singen wahr.

Das zuckende Wetterleuchten und der Gesang wurden stärker. Die Klänge schwollen an. Sie waren von magischer Anziehungskraft. Tahomo schaute sich suchend um. Eine starke Sehnsucht überfiel ihn und begann alle Sinne des jungen Prinzen zu verwirren. Als ob er die Warnung seiner neuen Freunde nicht gehört hätte, erhob er sich plötzlich wie im Wahn. Schwankend schritt er wieder auf das gefährliche schwarze Moor zu; er konnte nicht anders, so sehr lockte ihn der betörende Klang dieser Stimmen. Die Glühwürmchen jammerten und warnten eindringlich, doch der Junge hörte sie nicht.

Da flammte das Licht über dem Moor wie ein Strahlenkranz auf. Schemenhaft formte sich aus ihm die unheimliche Gestalt der undurchschaubaren Düsteren Königin. Tahomo blieb stehen. Er war von der Anziehungskraft dieser schwebenden, zarten und elfengleich anmutenden Frauengestalt fasziniert. Ein dunkelblaues Schleierkleid umfloss ihren Körper. Der Saum wehte in Fetzen über das unruhige Moor. Wassertröpfchen funkelten wie Sterne auf dem tanzenden Gewand, und wenn sie herunterfielen, so stürzten sie mit einem silbernen Klang, „ping“, wie Sternschnuppen so hell in das schwarze Moor und verschwanden auf immer. Auf dem Haupt der Düsteren Königin strahlte ein Diadem in kalten Regenbogenfarben. Die langen Haare ringelten sich wie schwarze Schlangen in lebendigem Auf und Ab um ihr bleiches Gesicht.

Nun begannen sich ihre Arme in einem weiten Halbkreis zu bewegen, so als winkte sie den Jungen zu sich. Plötzlich wand sich auch ihr Körper in schlängelnden Bewegungen. Ihr ganzer Leib nahm mehr und mehr die Gestalt einer riesigen Schlange an.

Tahomo sah nur den eigentümlich schmerzlichen Ausdruck ihres lieblichen Gesichts. Ihm schien, als kenne er es. Wo hatte er diese Augen schon einmal gesehen? Sie waren ihm so vertraut. Mit lockendem Gesang kam sie näher, immer näher. Gerade wollte sie den gebannten Jüngling umschlingen; doch in seinem Inneren spürte Tahomo plötzlich glühend die Gefahr: Ich muss wach werden, jagten die Gedanken durch seinen Kopf. Hastig atmete er tief ein, als ob er sich von Fesseln befreien wollte. Da löste sich ein lauter Schrei aus seiner Kehle: „Salmidooooon!“

Dann geschah etwas Unglaubliches: Der geheimnisvolle Zauberast erhob sich langsam aus dem Gras. Sirrend rotierte er um sich selbst und flog dem Prinzen hinterher. Sein schnelles Kreiseln nahm zu. Bald konnte man keine klaren Umrisse mehr erkennen. Er wuchs, wurde größer und größer. Dann zerfloss er breit und verwandelte sich zu einem leuchtenden Schiffskörper.

Der völlig verwirrte Prinz stand wie gelähmt. Er sah staunend, wie der vordere Teil des Schiffes in die Höhe schwebte, sodass er in das Innere schauen konnte. Dort stand reglos eine hohe Gestalt. Sie schien aus mehr oder minder dichten, dunkelgrauen Rauchschwaden zu bestehen und war nur schemenhaft zu erkennen. Mit heiserem Flüstern lockte sie: „Komm zu miiir!“ Die durchsichtige Gestalt öffnete weit ihre Arme und wie durch einen starken Sog zog es den Jungen in das große, strahlende Boot hinein. Danach zerfloss dieses Wesen und löste sich langsam in Luft auf. Hinter Tahomo schloss sich der Bug.

Das Schiff hob ab und flog mit dem Prinzen himmelwärts, weit weg von dem blubbernden und wuchernden Schleim des Moores, auf dem sich jetzt eine große, schillernde Schlange wand. Da bäumte sie sich nochmals auf, setzte zu einem Sprung an, um das strahlende Luftschiff vielleicht noch zu erhaschen. Doch schwebte dies bereits weit über den lichten Wolken der wärmenden Sonne entgegen. Die silberne Schlange aber stieß einen verwunderlich klagenden Seufzer aus und sank in sich zusammen.

„Er sucht Salmidon, den Herrscher des Magischen Reiches“, riefen einige Glühwürmchen dem Gefährt nach.

Andere schrien: „Hilf ihm und behüte seinen Weg.“

Damit entschwand Tahomo den Blicken seiner kleinen Freunde.

„Mehr wird heute und hier nicht verraten“, ende ich mein erstes Kapitel.

Im Kinderzimmer liegen meine Enkelsöhne auf dem Lümmelsack in meinen Armen, als ich die Geschichte vorlese. Sie haben sich angekuschelt und sind ganz still. Nur manchmal wackelt mein Manuskript, wenn ein Beinchen sich strecken muss.

„Mehr von den Abenteuern Prinz Tahomos erfahrt ihr das nächste Mal, wenn ich wieder zu euch komme!“, schließe ich die Geschichte ab.

„Noch mal lesen, Omama!“ Mika schaut lächelnd in meine Augen. Beide sind sich einig und ich bin sehr zufrieden. Offensichtlich hat ihnen mein Märchen bis jetzt gefallen.

2. Kapitel

Warum kann ich nicht einschlafen? Ich muss unbedingt schlafen … Morgen will ich sehr früh zu meinen Enkeln fahren, und das ist ein weiter Weg …

Es knackt und ich vernehme ein fremdes, schleifendes Geräusch, was ich mir nicht erklären kann. Ist Gerard aufgestanden? Nein, er schläft ganz tief neben mir … Was ist da … Ein Einbrecher? Was bedeutet das alles? Was geht hier vor? Und dort … Das sind doch funkelnde Augen … Sie starren mich aus der Dunkelheit an. Da ist doch etwas! Mein Herz pocht schneller. Ich sehe, wie sich auch etwas bewegt … Genau kann ich es nicht erkennen … Ist das nicht wie ein Tanzen von Schlangen um ein Gesicht?

Ein Verdacht schießt mir wie ein Blitz durch den Kopf. Schwarze Schlangen, die ein Gesicht umtanzen, stammen doch aus meiner Geschichte für meine Enkelsöhne! Nein … Nein, das kann nicht wahr sein! Es kann einfach nicht sein! Die Düstere Königin habe ich mir doch nur ausgedacht …

Wilde Angst flammt in mir auf. Leise, ganz leise, zugleich aber immer widerhallend, höre ich eine Stimme. Sie kommt genau aus der Richtung, aus der mich die blinkenden Augen ansehen: „Ich brauche deine Hilfe!“ Ein Raunen folgt einem Echo gleich. „Nur du und deine Enkelsöhne …söhne … wurden bestimmt, mich zu erlösen …lösen! Helft mir, helft mir doch bitte … Nur du und deine Enkelsöhne …söhne … Helft mir doch … helft mir … bitte!“

Gerard berührt mich am Arm. „Warum bist du so unruhig? Ich bin davon aufgewacht.“

Leise frage ich ihn: „Hast du das auch gehört?“, und suche die funkelnden Augen, doch sie sind nicht mehr da.

„Da ist nichts“, sagt Gerard. „Was soll denn da gewesen sein? Soll ich das Licht einschalten?“

„Nein!“

Dieses Etwas, wenn es noch hier sein sollte … Ich will es nicht verjagen. Diese Stimme, ihre große Trauer berührt mich. Oder war es ein Traum und ich bilde mir alles nur ein? Nein, das kann eigentlich nicht sein, ich habe ja noch nicht geschlafen. Komisch … Ich drehe mich auf meine gewohnte Einschlafseite. Oder sollte ich doch geträumt haben? Schnell einschlafen!

Am nächsten Tag erwarten mich meine Enkelsöhne bereits an ihrer Wohnungstür. Sie ziehen mich sofort in ihr Zimmer und wollen wissen, wie meine Geschichte weitergeht. Da beginne ich zu erzählen, weiß allerdings auch noch nicht genau, was weiter geschieht.

3. Kapitel

Ein bunt bemaltes, leuchtendes Schiff flog in strahlender Sonne und großer Höhe. Es hatte stolze Segel, die den Wind liebten und sich von ihm aufblasen ließen, sodass das Luftschiff rasend schnell über einem weiten Meer dahinschwebte.

Es erreichte schließlich das Ufer eines fremden Landes. Von der Küste aus stieg das Gelände stark an. Ein junger Mann stand aufrecht darin und versuchte, durch Wolkenlücken das bizarre Gebirge unter sich wahrzunehmen. Einsam und schroff ragten Felsen in eisige Höhe und doch waren sie von beeindruckender, erhabener Schönheit. Hier und da erkannte Tahomo Gämsen. Sie sprangen über Steine und Geröll. Wie sie das nur schafften? Sonst lebte hier scheinbar niemand.

Aber halt! Er beugte sich tief über den Rand des leuchtenden Bootes, um die Landschaft unter ihm genauer erkennen zu können. Dort stand eine kleine Hütte. Sie war offensichtlich aus zufällig gefundenen und aufgelesenen Planken mithilfe junger, biegsamer Wurzeln zusammengefügt worden. Schief und wacklig sah diese armselige Behausung aus. Der junge Mann dachte: Sie ist sicherlich längst verlassen. Wer dort wohl gewohnt haben mag? Na, wenn der nächste Sturm kommt …, mutmaßte er.

Aber nein, nahe der Hütte sah er den Besitzer kommen. Ein uraltes Männlein war es mit einem auffällig breiten Buckel. Seine krummen Beine steckten in roten Strümpfen, die man deutlich erkannte, weil es eine weite, aber viel zu kurze Hose trug. Seine Füße steckten in verschiedenen Schuhen. Es schleppte ein Bündel Holz auf seiner Schulter. Trotz dieser Last aber trug dieses Männlein vor seiner Brust noch eine winzige Tasche. Die schien es mit den Händen fest zu umklammern. Als das kleine Wesen das Luftschiff mit dem dahinfliegenden Prinzen erblickte, warf es das Bündel ab und verbeugte sich tief.

Tahomo dachte: Wie kann er mich kennen? Doch dann versperrte ihm eine Wolke die Sicht.

Weiter und immer weiter flog das stolze Gefährt mit dem Prinzen. Als er wieder hinuntersehen konnte, war er bereits fern von jenem Ort, an dem das kleine Lebewesen hauste. Jetzt wurde das Hochgebirge immer schroffer. Tahomo sah nur noch die von Schnee bedeckten Gipfel oder Felsen mit messerscharfen Graten. Zwischen ihnen stürzten von Zeit zu Zeit gefährliche Geröll-Muren donnernd in die Tiefe. Er wusste, dass das Geröll dann alles mit sich riss, was in seiner Nähe war, und ein banges Gefühl beschlich den jungen Prinzen.

„Wohin trägst du mich, mein leuchtendes Boot?“ Der junge Mann schrie seine Worte in den Wind. Da er hier allein war, rechnete er jedoch mit keiner Antwort.

Aber was für eine Überraschung: Am Bug des bunt bemalten Schiffskörpers erstrahlte plötzlich eine goldene Gestalt mit wunderlichem, eher männlichem Kopf. In dem Augenblick, als Tahomo seine Frage in den Wind schrie, erwachte diese Gestalt zum Leben. Aus seinen Lippen sprudelte ein schmales, weißes Band mit singender Schrift, welche im Fahrtwind heftig zitternd und wirbelnd flatterte. In tönenden Worten wurde dem Prinzen mitgeteilt, dass das Boot die Aufgabe habe, ihn, den Auserwählten, zu Salmidon, dem Herrscher des Magischen Reiches, zu bringen.

„Genau dorthin wollte ich, denn ich muss den Auftrag meines Vaters erfüllen!“, rief der Prinz erregt.

„Danke nicht mir, Tahomo“, erklang das singende Band, „danke dem Gebot eines höheren Wesens. Es hat mir befohlen, dich auf deinem Weg zu beschützen!“

„Wie komme ich zu Salmidon? Verrate es mir!“

„Die Zeit ist noch nicht reif, Tahomo, noch muss dies für dich ein Geheimnis bleiben.“

„Auch für euch, meine Kleinen, muss noch ein Geheimnis bleiben, wie die Geschichte weitergeht. Einen Teil davon erfahrt ihr im nächsten Kapitel, aber das muss ich erst schreiben!“

„Weißt du schon, was passiert?“, drängeln meine Enkelsöhne.

„Nein, das weiß ich vorher nie …“

Dann herrscht eine Weile Stille zwischen uns.

„Omama, Mika und ich haben bald Ferien. Können wir zu euch kommen? Dann hast du bestimmt das neue Kapitel fertig!“

4. Kapitel

Der Flug im leuchtenden Schiff unter der wärmenden Sonne hatte den Prinzen seine schweren Sorgen fast vergessen lassen. Nun aber legte er sich still auf den Boden des fliegenden Gefährts und schloss seine Augen. In der Erinnerung über das, was zu Hause geschehen war, kamen ihm Tränen.

Was aber hatte sein Leben so völlig verändert?

Ehe sein Vater, der Herrscher von Tandonay in die Krankheit tiefer Traurigkeit gefallen war, nicht mehr sprach, kaum aß und regungslos mit trüben Augen vor sich hin starrte, hatte er seinen Sohn Tahomo zu sich kommen lassen.

„Mein geliebter Sohn“, hatte er mühsam und leise gesprochen. „Ich habe es nie verstanden und ahne auch heute nicht, warum deine Mutter plötzlich nicht mehr bei uns war. Ist ihr ein Unglück zugestoßen? Oder geschah hier ein Verbrechen? Ich bin inzwischen zu alt und zu schwach, um weiter in die Welt zu gehen und die Ursache zu suchen. Ich bin nicht mehr in der Lage, für das, was an meinem Hofe geschehen ist, eine Erklärung zu finden oder gar ein böses Vergehen rächen zu können!“ Langsam hatte sich der alte König zum Sohn gebeugt und ihn lange umarmt. „All die Jahre habe ich dich mit viel Wissen ausgestattet und zu aufrechtem Denken erzogen. Mein Vertrauen zu dir ist unendlich groß, also auch meine Überzeugung, dass du diese schwere Aufgabe für mich lösen kannst! Geh in die Fremde und such nach Salmidon, dem Weisen im Magischen Reich. Er wird dir Rat geben!“

Der Sohn spürte die innige Umarmung seines Vaters noch immer. Von nun an war der König von Tandonay völlig apathisch und kraftlos geworden. Später verfiel er der Krankheit der tiefen Traurigkeit.

Was war denn nur damals mit der Königin geschehen? Tahomo überließ sich ganz den leisen Bewegungen seines Luftschiffs und dachte nochmals über das rätselhafte Verschwinden seiner Mutter nach.

Tandonay war ein liebliches Land inmitten des Märchenreichs. Sein Herrscher lebte mit dem Prinzen und seiner Frau Naomi in Frieden und Fröhlichkeit. Er liebte die Königin und seinen Sohn Tahomo von ganzem Herzen. Sie waren, neben dem Glück seines Volkes, das Wichtigste in seinem Leben. Und so blühte Tandonay, umschlossen von schützenden Bergen, in Frieden und Geborgenheit.

Eines Tages jedoch, als Tahomo noch ein Knabe war, geschah etwas Schreckliches: Bei der festlich gedeckten Abendtafel wartete man länger als gewöhnlich auf Königin Naomi. Plötzlich flog die Tür zum Saal auf. Herein sprudelten Hofdamen in weiten, bunten Kleidern. In ihrer Aufregung sahen sie aus wie liebliche Blüten, die der Wind über eine Wiese bläst. Der König musste oft über die ausgelassenen und stets fröhlichen jungen Frauen lachen, doch heute lachte er nicht. Sein Herz spürte Gefahr und er richtete seine Augen ernst und prüfend auf die Hofdamen.

„Wir können die Königin nicht finden!“, rief die erste der Damen. Eigentlich war sie für ihre stete Zurückhaltung bekannt, doch jetzt schien sie außer sich zu sein. „Vor einer Stunde bereits haben wir sie gesucht. Wir haben gerufen, doch keine Antwort kam – sie blieb verschwunden! Bis jetzt haben wir gesucht.“

„Wer sollte heute ihre Gefährtin sein?“ Der König erhob sich bedrohlich.

„Ich!“ Die jüngste der Damen schritt unsicher auf ihn zu. Dann begann sie leise zu erzählen: „Wir spazierten im Park …“

„Sprich lauter, erzähle uns alle Einzelheiten!“, befahl ihr Gebieter erregt.

„… da sahen wir, dass ein wunderschöner, aber ungewöhnlich großer Vogel über uns langsam in weiten Kreisen flog. Sein Gefieder schimmerte in allen Blautönen. Er hatte an den Spitzen seiner gewaltigen Flügel einen kleinen Saum silberner Federn. Der Schweif aber – mein König, stellt Euch zarteste, tanzende und noch dazu vielfarbige Schleier vor, die von ihm durch die Luft gezogen wurden!“

Der König winkte ungeduldig mit seiner Hand, dass sie rascher erzählen solle. Aber die Hofdame war nicht zu unterbrechen, so aufgeregt war sie.

„Hin und wieder ließ der Vogel über der Königin eine silberne Feder fallen und dann war es, als ob wir leises, metallenes Klingen hörten. Es tönte wie ein Glockenspiel. Königin Naomi haschte nach den klingenden Silberfedern und lachte. Sie lief immer weiter und wollte den großen Vogel näher beobachten. Wir haben ihn hier noch nie gesehen!“ Und weiter schwärmte die Hofdame: „Der Schwung seiner Flügel war so … Wie soll ich Euch erklären, mein König, was jetzt geschah? Die ganze Erscheinung war so harmonisch … auch so majestätisch … Ich erinnere mich nur noch daran, dass wir beide, die Königin und ich, ihm zuschauten und uns dann eine große Müdigkeit überfiel.“ Hier unterbrach die junge Frau, wurde für einen Moment still und senkte ihren Kopf. „Als ich aufwachte, war Königin Naomi verschwunden. Ich habe gesucht, glaubt mir … Dann habe ich gedacht, sie sei allein zum Schloss zurückgegangen, doch dort war sie nicht angekommen!“

Die Gesichtszüge des Herrschers von Tandonay verfinsterten sich. „Schickt meine Späher sofort in alle Himmelsrichtungen aus!“, befahl er daraufhin donnernd. Er selbst sattelte seinen Schimmel, um die geliebte Frau zu suchen. Alle, der gesamte Hofstaat, das ganze Volk von Tandonay, suchten. Vergebens!

Königin Naomi war nie wieder zurückgekehrt. Nie wieder hatte Tahomo die sanft streichelnde Hand der Mutter auf seiner Haut gespürt. Diese Erinnerungen taten weh.

Ganz in Gedanken versunken lag Tahomo noch immer reglos auf dem Boden des Luftschiffes. Jetzt wischte er mit seinem Handrücken die Tränen ab und verharrte noch eine kurze Weile in diesen Bildern. Dann erhob er sich, denn eine innere Unruhe trieb ihn. Der junge Prinz nahm sich vor, die Suche nach der Mutter niemals, niemals aufzugeben.

Das leuchtende Schiff war indessen über das Meer weiter und immer weiter geflogen. Als Tahomo diesmal über die Reling schaute, erblickte er in der Ferne einen schmalen Uferstreifen. Langsam senkte sich das Boot und setzte zur Landung an. Doch woher kam dieses gewaltige Donnern? Der Prinz schaute sich um und erschrak zutiefst. Eine haushohe Welle rollte brodelnd vom Meer aus auf ihn zu. Gleich würde sie das gesamte Schiff mit seiner ungeheuren Kraft umherwirbeln und verschlingen.

„Nun ist auch dieses Kapitel zu Ende, meine Kleinen!“

„Oooooch!“, maulen beide.

„Nächstes Mal, wenn ich zu euch komme, ist ganz sicher das nächste Kapitel fertig!“ Meine Hände streicheln das blonde und das braune Haar der Enkelsöhne. „Nichts wird verraten … Geheimnis!“, foppe ich und wir lachen.

Eine lustige Woche lang waren die beiden bei ihrem Gerard-Opi und mir zu Besuch. Morgen fahren sie wieder nach Hause.

„Kommt ihr uns dann bald besuchen, Omama?“

„Logo und klaro, mein Philipp!“

Da ist er zufrieden.

5. Kapitel

Heute sind unsere Enkelkinder wieder zu ihren Eltern gefahren. Mit Gerard liege ich auf einer Sommerwiese. Es ist warm. Wir hatten Lust auf Picknick und sind einfach losgefahren. Jetzt sind wir müde. Es schnarcht ganz leise neben mir.

Plötzlich spüre ich, dass mein Arm berührt wird, ganz zart, es kitzelt! Wahrscheinlich ein Insekt. Schnell verjagen, ich habe Angst vor Stichen. Aber … das ist kein Insekt. Ich stoße mit meiner Hand an etwas Festes, etwas Größeres. Vor Schreck ziehe ich sie schnell zurück und öffne meine Augen. Ganz nah neben mir kniet eine unbekannte Frau und sieht mich an. Ihr Gesichtsausdruck ist traurig. Lange schwarze Haare fallen von ihren Schultern herab auf meinen Arm. Sie trägt ein Kleid, das ich hier noch niemals sah. Es ist ein wunderschönes Gewand aus blauen Schleiern – ganz sicher ist sie nicht von hier!

Da spricht sie mich an: „Hab keine Angst … Vor mir brauchst du niemals Angst zu haben … niemals Angst zu haben … Angst!“

Oh, diese leise, etwas hallende Stimme mit dem Echo … Ich kenne sie doch.

Sanft legt die Unbekannte ihre Hand auf meine Schulter. „Ich bitte dich um deine Hilfe … deine Hilfe … bitte!“

Genauso hat das Wesen mit den glühenden Augen zu mir gesprochen. Neulich ist es nachts bei mir erschienen und hat mich mit dieser sanften Stimme gerufen. Das war also doch kein Traum … Vollkommen verwirrt schaue ich sie an und da fällt mir auf, dass sich ihre Augen mit Tränen füllen. „Wer bist du?“, flüstere ich, um Gerard nicht zu wecken.

„Ich bin Naomi. Einst war ich die Königin von Tandonay … Tandonay.“

„Tandonay?“, wiederhole ich und bin erstaunt. Das Land Tandonay habe doch ich erfunden, in meiner Geschichte für Philipp und Mika. Wie kann das sein? Gibt es das wirklich? Und ich frage Naomi: „Wo liegt es, ich habe nie davon gehört.“

„Tandonay ist ein friedliches Land … Land in der großen Welt der Märchen … Märchen. Zedon, ein Zauberer, entführte mich von dort … von dort … Er hält mich gefangen … Ich finde nicht mehr zurück und brauche Hilfe … brauche Hilfe!“ Sie spricht immer aufgeregter und dann höre ich verzweifeltes Schluchzen.

„Wie kann ich dir denn helfen, Naomi? Sag es mir.“

„Um das alles zu verstehen, muss ich dich einweihen … einweihen! Du musst wissen: Zedon, der Zauberer, hat vor langer, langer Zeit bei meinem Vater um meine Hand angehalten … angehalten. Er bot mir Schätze an, wenn ich ihn heiraten würde. Doch Zedons Charakter war so düster … so düster. Man fror in seiner Nähe, selbst wenn er lachte und freundlich tat … freundlich tat. Ich wollte um keinen Preis seine Frau werden … um keinen Preis …“ Dann wird Naomis Stimme leiser und weicher. „Ich liebte bereits den jungen Herrscher von Tandonay, wir hatten einander versprochen … einander versprochen … für immer zusammenzugehören. Dieser Mann hatte ein gutes Herz und hohen Verstand. Wie oft habe ich erlebt, dass er sich wie ein Vater für sein Volk verantwortlich fühlte … verantwortlich fühlte. Er war ein Mensch mit edlen Idealen. Strahlend ist sein Bild, wenn ich an ihn denke. Ich wurde seine Frau … seine Frau.“ Naomi senkt ihren Kopf und spricht zunächst nicht weiter. Ihre Hoffnungslosigkeit ist deutlich zu spüren. Schließlich flüstert sie: „Nach einem Jahr bekamen wir einen Sohn … einen Sohn.“ Naomi schluchzt laut auf und klagt: „Nie … niemals waren wir glücklicher!“

Da nehme ich die verzweifelte Königin in meine Arme, doch mir fehlen Worte, mit denen ich trösten kann. Ich weiß zu wenig, um helfen zu können. Eine Weile bleibt es still zwischen uns.

Als sich Naomi ein wenig beruhigt hat, erzählt sie weiter: „Zedon hat meine Abweisung nie akzeptiert … nie akzeptiert. Warum habe ich nicht daran gedacht, dass er vielleicht Rache nehmen könnte … Rache. Lange geschah nichts und ich vergaß den Zauberer … vergaß. Doch eines Tages war die Zeit für ihn reif. Er … er hat nicht vergessen, sein abgewiesenes Werben um mich nie verwunden … nie verwunden. Und dann kam der Tag, an dem Zedon mich aus Tandonay raubte … aus Tandonay raubte! Er bediente sich einer List und verschleppte mich in sein düsteres Reich … verschleppte mich!“

„Erzähl mir genau, Naomi, wie konnte das geschehen? Wo brachte er dich hin?“

„Oh, er kannte mich gut … er kannte mich! Als Kind hatte mir mein Vater einst einen weißen Pfau geschenkt … weißen Pfau. Wie sehr hatte ich den geliebt. Viele Jahre war er mein Spielgefährte gewesen … mein Spielgefährte. Das wusste Zedon und jetzt sandte er mir einen ähnlichen, einen großen, eleganten Vogel, der mich sofort faszinierte und lockte … lockte. Ja, ich war unvorsichtig und lief ihm hinterher. Ich ahnte ja nicht, dass ich entführt werden sollte … ahnte ja nicht …

„Wann hast du denn gemerkt, dass du entführt worden bist?“

„Um dir das zu beantworten, muss ich dich in eine andere Wirklichkeit führen … andere Wirklichkeit!“ Naomi streicht mit einer Hand ganz leicht über mein Gesicht und spricht dabei: „Sieh, wohin er mich gebracht hat … wohin!“

Als sich die Hand Naomis von meinen Augen löst, sehe ich die Königin als Gefangene tief unten in einer Schlucht zwischen kalten Felsen umherirren. Sie ist nicht allein hier. Über ihr wächst aus dem Stein ein halbes Wesen mit mächtigem Oberkörper. Die muskulösen Arme stapeln Felsbrocken um sich herum. Der Kopf dieser gewalttätigen Kreatur trägt auf jeder Seite ein anderes Gesicht. Ständig kontrolliert er jede Himmelsrichtung und mir wird klar: Falls sich je ein Geschöpf hierher verirren sollte, um Naomi zu helfen, so würde dieses Ungeheuer mit seinen kräftigen Armen große Steinbrocken nach ihm schleudern. An ihm kommt niemand vorbei.

Als ich wieder zu der Unglücklichen in die tiefe Schlucht schaue, entdecke ich, wie ein äußerst hässliches Wesen auf sie zuschleicht. Es scheint halb Mensch, halb Tier zu sein. Glatzköpfig, mit langer Hundeschnauze, scheußlich abstehenden, fleischigen Ohren und dickem Bauch tappt dieser sonderbare Kerl vorsichtig auf dünnen Beinen der Gefangenen entgegen. Aus irgendeinem Grund hält er die Augen geschlossen, doch seine dicken Krallenfüße finden den Weg sicher. Ständig bleibt er stehen und richtet seine großen Ohren auf, um sie nach dem kleinsten Geräusch zu drehen. Auch die Flügel seiner knubbligen Nase bewegen sich und ich kann hören, wie er die Luft um sich tief einsaugt. Sollte ein Retter Naomi hier zu Hilfe kommen wollen, so würde er ihn schon von Weitem wittern.

Noch ist die Königin abgelenkt. Noch hat sie ihn nicht erblickt. Ganz offensichtlich prüft sie Felsspalten, um irgendwo einen Weg zur Flucht zu finden.

Auch wenn die Augen der hässlichen Kreatur noch immer geschlossen sind, bleibt ihr anscheinend nichts verborgen. Auf irgendeine Weise nimmt sie alles, aber auch alles wahr, denn da höre ich schon ihre rostig krähende Stimme kreischen: „Halt! Nicht weiter, bleib ßtehen, mein ßätzzchen, ßonßt wird eß dir schlecht ergehen und daß wollen wir doch nich!“ Und während es spricht, blickt dieses Ungeheuer scheinbar völlig teilnahmslos in eine andere Richtung. Gegen diesen Bewacher hat man keine Chance. Er ist unberechenbar, aber auch gefährlich und launisch!

Obwohl ich die Königin als Gefangene in dieser tiefen Schlucht sehe, kauert Naomi zugleich immer noch neben mir, hoch oben, am Rande der abfallenden Felsen, und ich frage leise: „Ist dein Bewacher ein Untertan von Zedon?“ Wenn ich ihr helfen soll, so muss ich alles, was hier geschieht, verstehen.

Naomi nickt.

So ein komisches Wesen habe ich noch nie gesehen: Über seinem dicken Leib trägt es einen Rock, der bei jedem Schritt hin und her schwingt. Mit den fetten, fleischigen Pranken streicht es ständig die Falten glatt. Ja, dieses eigenartige Geschöpf ist zweifellos eitel! Langsam tappt es an Naomi vorbei, ohne sie anzusprechen.

Was tut es denn jetzt? Fasziniert schaue ich weiter in den Abgrund. Dieser Hässling hebt plötzlich seine abscheulich dicken Füße. In eigenartigem Takt patschen die Krallen auf den Felsenboden … vor … und zurück, dann sich heftig drehend wie ein Kreisel! Aus seinem Maul höre ich krächzenden Gesang: „Ich bin ßo ßöhöön“, grunzt der Hässling völlig selbstvergessen. „Ich bin eine Elfe, eine Eeelfeee!“ Dabei schwingen seine Hüften … rechts, links, rechts, dass sein Faltenröckchen nur so wippt. Offensichtlich hat er einen wilden Gefallen daran.

Aus Nischen und Pfützen der Schlucht eilen ihm kleine Zauberwesen mit Mäuse- oder Drachenkopf entgegen. Die tragen ebenfalls Röcke. Eines mit Ziegenkopf hält sogar einen Sonnenschirm in seiner dürren Kralle. Auch die beginnen ganz grässlich zu kreischen: „Du, unser Anführer, bist sooo schön, wir sind auch so schööhön, wir alle sind Eeelfeeen so zahart, so liiiieblich …“

Da werde ich von einer Bewegung der gefangenen Königin abgelenkt. Was tut sie da? Sie schleicht ganz vorsichtig zu einer schmalen Felsspalte. Wahrscheinlich glaubt sie, die Kreaturen seien in ihrem Tanz unaufmerksam.

Doch welch ein schlimmer Irrtum! Ihr tanzender Bewacher erstarrt schlagartig. Er holt tief Luft, bläst seinen dicken Bauch auf und dann hört man einen alles durchdringenden, furchtbaren Schrei. Der will und will nicht enden; er gellt wie ein Alarm aus vielen Sirenen. Sofort rennen die kleinen Ungeheuer zu der Königin, die noch immer eine Felsspalte sucht. Ich erlebe von meinem Platz aus, wie die Kreaturen vor Hohn laut lachen, wie sie wild um sie herumtanzen. Naomi schreit auf, doch noch lauter kreischen ihre Peiniger: „Sie will fliiiieheen, aaaach, sie will fliiiehen!“ Sie kneifen und stoßen sie und jetzt ziehen sie die wehrlose Königin mit sich …

Da schwindet dieses furchtbare Bild vor mir und es erscheint ein anderes. Der Hässling stößt die Königin vor sich her in einen Schlosshof hinein. Die anderen Kreaturen tanzen dort bereits um eine schwarz gekleidete, hohe Gestalt herum und schreien: „Fliehen wollte sie, großer Zedon … Wir haben es verhindert!“

Zedon? Das also ist der große Zauberer? Zum ersten Mal sehe ich ihn. Wie eine Statue steht er bewegungslos und mächtig vor seinem Schloss. Sein dunkler Mantel verhüllt den Körper, die Kapuze ist tief ins Gesicht gezogen. Aus der Bewegungslosigkeit heraus beginnt er jäh zu schreien: „Die Zeit der Schonung ist für dich vorbei! Ich verlange, dass du mir ab sofort als meine Frau angehörst! Ab sofort!“ Er beendet seinen Befehl mit den knappen Worten: „Du hast keine Wahl!“

Ratlos sehe ich zu Königin Naomi. Sie steht aufrecht in diesem Schlosshof und spricht ganz leise: „Ich verweigere deinen Befehl, Zedon, auch wenn das meinen Tod bedeuten sollte. Niemals werde ich meinem Mann, dem König von Tandonay, untreu. Ich gehöre zu meiner Familie!“

Ruckartig schnellt ein Arm aus Zedons dunklem Umhang. Seine Faust richtet sich gegen die Gefangene. Kalt und erbarmungslos fallen jetzt seine Worte wie die Schläge eines Hammers auf Naomi nieder: „Der König von Tandonay ist tot! Dein Sohn ist für immer verschwunden!“

Die Königin zuckt kurz zusammen. Dann steht sie wieder, still und unbewegt, wie gelähmt. Woher nur nimmt sie die Kraft für ihren Stolz?

Ich spüre ein leichtes Streichen über meine Augen. Es ist Naomis Hand. Sie sitzt wieder neben mir auf der Sommerwiese, hebt den Zeigefinger an ihre Lippen und deutet zu Gerard. Er schläft noch immer. Dann flüstert sie mir zu: „Das war der Moment, als Zedon furchtbare Rache beschloss … Rache beschloss. Wenn er mich nicht haben konnte, so sollte ich Tandonay niemals wiedersehen … niemals wiedersehen. Ich erinnere mich nicht, wie es geschah, doch als ich wieder klarer denken konnte, war ich in eine dunkle Gestalt verwandelt … verwandelt und Zedon verbannte mich … verbannte mich in das schwarze Moor. So laut ich auch rufen würde, keiner könnte mir helfen … keiner mir helfen. Schlimmer noch, ich wäre für alle Zeit zur Einsamkeit verdammt … verdammt, denn ich würde das Moor niemals lebend verlassen können!“

„Du bist die …“ Jetzt begreife ich, wage es aber nicht auszusprechen.

„Ja, ich bin die undurchschaubare Düstere Königin des Moores … Königin des Moores!“

„Naomi, ich verstehe nicht, das Märchen der Düsteren Königin habe ich vor Kurzem meinen Enkelsöhnen erzählt und nun kommst du zu mir als … oder träume ich wieder?“

„Du träumst nicht! Deine Fantasie hat eine Brücke von euch Menschen auf dem Blauen Planeten zu uns in die Märchenwelt geschlagen … Brücke in die Märchenwelt. Als mir Zedon entgegenschrie, mein Mann, der König von Tandonay, sei tot und mein Kind verschwunden … verschwunden, als ich nicht wusste, ob jemand meinem Sohn in seiner Einsamkeit beistehen würde … Einsamkeit … war meine Qual am allergrößten … meine Qual … Da habe ich dich gehört, da habe ich dich gespürt. Versteh, du hast deinen Enkelsöhnen die Geschichte von meinem Sohn erzählt … von meinem Sohn … Nur deshalb ist es mir möglich, mit dir Verbindung aufzunehmen … nur deshalb. In deinem Märchen hast du ihm ein leuchtendes Schiff gegeben, mit dem er fliehen konnte … in deinem Märchen. Nun bin ich hier, um dich zu fragen: Hast du den Mut, uns zu helfen … den Mut … zu helfen?“

Ich überlege nicht einen Moment: „Ja, Naomi, ich werde alles tun, was mir möglich ist!“

Da fühle ich ihre Hand an meinem Arm. „Hier, nimm das … nimm das!“, spricht sie hastig. Sie will mir etwas geben, doch urplötzlich ist diese Berührung vorbei.

„Warum antwortest du mir denn nicht?“ Gerards Stimme klingt ungeduldig, ja scheint bereits etwas beleidigt.

„Ich habe dich nicht gehört, was hast du gefragt?“

Ich setze mich auf. Das Wesen neben mir ist verschwunden. Langsam streicht meine Hand über die Stelle meiner Decke, an der ich eben noch das weinende Geschöpf gespürt habe. Fantasiere ich jetzt oder … Das Gras ist nass! Das müssen die Tränen der Düsteren Königin sein …

„Ich habe dich gefragt, wann wir wieder zu Mika, Philipp und Jona fahren.“ „Du hast wohl schon wieder Lust auf deine wilden Enkelsöhne?“, lache ich.

Nun ist Gerard, den die Kleinen Gerard-Opi nennen, wieder einig mit mir. Er erhebt sich und legt die Decke zusammen, auf der wir gelegen haben. „Hier liegt eine Kette im Gras, ist das deine?“, fragt er mich. Dann geht er zum Auto.

Tatsächlich, dort liegt eine Kette! Sie sieht kostbar aus! Das kann doch kein Zufall sein … Naomi wollte mir etwas reichen, ehe sie verschwand. War es dieser Schmuck? Ich suche mit den Augen die Sommerwiese ab. Wo ist Naomi? Ich muss sie finden … Ich muss ihr helfen. Doch da ist keine Spur von ihr. Gerard ruft und so lege ich diese Kette schnell um meinen Hals und verschließe sie ganz fest.

Ob ich dieses seltsame Erlebnis meinen Enkelsöhnen erzählen soll? Werden sie sich nicht fürchten vor der Andeutung Naomis, dass ich mit unserer Geschichte ein Band zu ihr in die Märchenwelt geschlungen habe?

„Nein … Was habe ich nur für Gedanken!“ Ich bin mir jetzt sicher, dass ich – wie Gerard – eingeschlafen bin. Geträumt! Ja, kann nur so sein. Ich habe von meiner eigenen Geschichte geträumt.

Und die Kette, die im Gras lag?

Die hat jemand verloren, ich werde sie im Fundbüro abgeben. Das alles hat einen ganz normalen Hintergrund … Ach, ich habe einfach zu viel Fantasie! Nächste Woche bin ich wieder bei meinen Kleinen. Da kann ich meinen Traum ja gut als neustes Kapitel erzählen!

Hmm! Der Traum … Er geht mir nicht aus dem Kopf … Eine Kette im Gras?!

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22 aralık 2023
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9783957447081
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