Kitabı oku: «Al Qanater»

Hannes Führinger: Al Qanater – Fünf Jahre im Gefängnis von Kairo
Alle Rechte vorbehalten
© edition a, Wien
www.edition-a.at
Cover: Jaehee Lee
Gestaltung: Ka & Jott (www.ka-und-jott.de)
Gedruckt in Europa
Print-ISBN 978-3-99001-201-7
eBook-ISBN 978-3-99001-203-1
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
Dieses Buch schildert wahre Begebenheiten. Aus Gründen der Privatsphäre handelnder Personen sowie aus dramaturgischen Überlegungen wurden Namen und zeitliche Abläufe teilweise geändert.

Für meinen Großvater und meinen Vater,
die mir Kraft gegeben haben,
und für Melissa und Leonie,
die mir Lebensfreude schenken.
Es gibt Geschichten, die erzählen sich von selbst, in dem Moment, in dem sie vorbei sind.
Lisa
Ich hatte das Gefühl, dass ihm diesmal etwas zustoßen könnte. Auch seine Mutter, die Hannes sonst alles zutraute, fand, dass er besser hier bliebe. »Diesen einen Auftrag noch«, sagte er.
Ich brachte ihn mit meinem Ford Ka zum Wiener Flughafen. Das kleine Auto war ziemlich voll mit dem groß gewachsenen Mann, seinen Waffen und seinem übrigen Gepäck.
Nach fünf Kilometern fiel mir ein, dass ich seinen Reisepass am Küchentisch gesehen hatte. Hannes hatte die Reise bis ins letzte Detail vorbereitet, akribisch, wie er war. Irgendwie hätte es dazu gepasst, wenn er am Ende wegen eines vergessenen Reisepasses nicht fliegen hätte können.
Ich drosselte das Tempo. Ein Gedanke ging mir durch den Kopf. Wie wäre es, wenn ich einfach nichts sagen würde? Dann würden wir weiter zum Flughafen fahren. Dort würde er einen Kollegen treffen, der mit ihm nach Kairo fliegen sollte. Beim Einchecken würde er feststellen, dass sein Pass fehlte. Sein Kollege würde allein fliegen. Alles würde gut sein.
»Warum fährst du so langsam?«, fragte er.
»Hast du deinen Reisepass?«, fragte ich.
1
Lisa fand, dass meine Reise nicht zu unserer Lebensplanung passte. Wir wollten es ruhiger angehen und an unserem halbfertigen Haus weiterbauen. Für mich bedeutete das, sesshafter zu werden. Büroarbeit statt Auslandseinsätze. »Du bist doch erst vergangene Woche aus Saudi-Arabien zurückgekommen«, sagte sie.
Es war früh am Morgen. Wir lagen noch im Bett und ich rieb mir die Augen. »Oman«, sagte ich.
»Wie bitte?«
»Ich war im Oman, nicht in Saudi-Arabien.«
Sie verschränkte die Arme. »Spielt das eine Rolle?«
»Tut es nicht.« Ich bemühte mich, zu lächeln. »Ich bin übermorgen wieder da und dann mache ich die Isolierung fertig. Okay?«
Ich verstand Lisa. Ich hatte es ihr versprochen. Ich würde die Einsatzteams nicht mehr begleiten, sondern nur noch koordinieren. Von daheim aus. Die Organisation machen. Den Bürokram erledigen. Den Überblick über alles bewahren. Sobald wir das Haus meiner Großeltern im Burgenland fertig umgebaut hatten, würden wir aus unserer Wohnung in Wiener Neustadt dorthin ziehen. Ins Grüne. Das war in Ordnung für mich. Es würde ein besseres Leben sein. Ich freute mich darauf, auch wenn Lisa mir das manchmal nicht glaubte.
Wirtschaftlich würde sich das alles ausgehen. Meine Firma war inzwischen den meisten großen Reedereien ein Begriff und lief dementsprechend gut. Die Idee dafür hatte ihren Ursprung auf einer siebzig Quadratkilometer großen Insel im Persischen Golf, im Emirat Abu Dhabi. Im Auftrag des dortigen Königshauses hatte ich Polizei- und Militäreinheiten ausgebildet. Mein Stil, den ich von meiner früheren Tätigkeit beim österreichischen Bundesheer mitgebracht hatte, fiel einem meiner Kollegen auf, einem Briten. Als ich wieder zurück in Österreich war, rief er mich an. Eine Reederei hatte ihn angeheuert, um einen Lastkahn vor Piraten zu schützen. »Ich brauche einen Profi«, sagte er. »Die Bezahlung ist gut.«
Ich wusste damals nicht genau, was ich beruflich als nächstes machen wollte. Nun lag dieser Vorschlag auf dem Tisch. Piraten. Die Sache hörte sich immerhin spannend an. Ich überlegte nicht mehr lange. »Ich bin dabei«, sagte ich.
Das knapp 180 Meter lange Schiff mit 33.000 Tonnen Tragfähigkeit legte im Hafen von Maskat mit dem Ziel Aden im Jemen ab. Die Fracht war nicht gerade wertvoll. Stahlrollen. »Warum braucht dieses Schiff Schutz?«, fragte ich Edward, meinen neuen Partner.
»Es geht selten um die Fracht, sondern meist um die Crew«, sagte er. Er nickte dem Kapitän des Schiffs zu. »Als Geiseln sind die ein paar Millionen Dollar wert.«
Der Kapitän lächelte unsicher.
Wir waren vier Sicherheitsleute auf dem Schiff. Edward, ich und noch zwei andere, Marko und Ethan, die in ihren Kabinen schliefen, während wir uns auf der Brücke unterhielten. Edward und ich hatten die erste Schicht übernommen. Als ich dort oben an der Reling lehnte und den Hafen immer kleiner werden sah, wurde mir klar, dass ich mich an den Job gewöhnen könnte.
Etwa 180 nautische Meilen südöstlich des Jemen griff Edward nach seinem Funkgerät. »Marko, Ethan, bereitmachen. Wir erreichen die rote Zone.«
Diese Gegend war auf den Karten als gefährlich markiert. Hier häuften sich Piratenangriffe.
Wenige Minuten später standen unsere Kollegen in ihren kugelsicheren Westen neben uns. Wir suchten mit unseren Ferngläsern das Meer ab, jeder den ihm zugeteilten Bereich. Keiner von uns hatte viel Erfahrung mit maritimer Security. Keiner hatte je einen Piratenangriff erlebt. Es herrschte angespannte Stille.
Wir befanden uns noch keine halbe Stunde in der roten Zone, als auf dem Radar kleine Signale auftauchten. »Vier Kilometer Entfernung«, sagte Edward. »Haltet die Augen offen.«
Marko lächelte nervös. »Vielleicht sind es nur Wellenbrecher. Oder Fischer.«
Niemand antwortete.
Die Signale hielten ihre Position. Einige Minuten vergingen. Ich konnte noch nichts am Horizont erkennen. Ich wollte Marko schon zustimmen, als sich alle Punkte gleichzeitig in Bewegung setzten. Sie hielten direkt auf uns zu.
»Keine Wellenbrecher«, sagte Edward und stellte sein Fernglas ab. »Keine Fischer.«
Wir gaben dem Kapitän ein Zeichen. Er drückte auf den Alarmknopf. Sirenen heulten am ganzen Schiff.
Wir folgten dem Plan, den wir uns für diesen Fall zurechtgelegt hatten. Marko brachte alle Mitglieder der Crew, die wir nicht für die Steuerung des Schiffes benötigten, in einen Schutzraum. Dort würden sie selbst dann einigermaßen sicher sein, wenn die Piraten das Schiff kapern würden. Beim Betreten des Raumes mussten sie auf einer Anwesenheitsliste neben ihren Namen unterschreiben.
Die Punkte auf dem Radar wurden schneller. Edward wies den Kapitän an, ebenfalls die Geschwindigkeit zu erhöhen.
»Okay, alle drin«, sagte Marko über Funk.
»Maximum Speed«, sagte Edward.
Der Kapitän schob den Geschwindigkeitsregler bis zum Anschlag nach oben.
Ethan hatte inzwischen unsere Ausrüstung aus einem abgesperrten Lagerraum geholt und vor uns ausgebreitet. Er setzte einen Funkspruch ab, um alle militärischen Schiffe in unserer Nähe zu informieren.
Ich war in unserem Team der Waffenoffizier, also bat ich den Kapitän um Erlaubnis, die Waffenkoffer zu entsperren. Er sah mich irritiert an. »Do what you are here to do«, sagte er.
Die Piratenabwehr war international genau geregelt. Deshalb hielt ich mich ans Protokoll. Der Kapitän und ich schlossen die Waffenkoffer auf und vermerkten die Öffnung schriftlich mit Uhrzeit und Begründung. Danach händigte ich Edward, Marko und Ethan gegen Unterschrift je ein Gewehr samt Munition aus. »Hat jeder seine Weste gesichert und überprüft?«, fragte ich, während ich mir selbst ein Gewehr nahm. Ich sah in die Runde. Alle nickten stumm. »Okay, dann los.«
Marko und ich nahmen links und rechts von der Brücke unsere Abwehrpositionen ein, während Edward auf der Brücke blieb und Ethan im Heck des Schiffs Stellung bezog. Ich kauerte mich hinter die Reling, die mit Stahlplatten verstärkt war.
So warteten wir. Niemand sagte ein Wort. Die Funkgeräte blieben still. Wir wussten nicht, ob sich die Piraten eine Taktik überlegt hatten, oder ob sie einfach auf uns zustürmen würden. Unser Schiff, die nach der Reederei benannte Warnow Star, war einigermaßen gut ausgerüstet. Wir hatten Wasserwerfer an Bord und Leuchtkugeln, die wir ebenfalls zur Piratenabwehr einsetzen konnten.
Ich überprüfte noch einmal, ob meine Waffe richtig geladen war. Ich hatte uns mit großkalibrigen Gewehren ausgerüstet, um die kleinen, wendigen Schnellboote der Piraten rasch außer Gefecht setzen zu können. Mit so einer Waffe reichte dafür ein einziger Treffer in den Motor.
Bald tauchten sie am Horizont auf. Ich zurrte meine kugelsichere Weste enger, während ihre Silhouetten größer wurden. Ich konnte schon das Brummen der Motoren hören.
Ich hatte die erlaubte Vorgehensweise im Abwehrfall, die sogenannten Rules of Engagement, im Kopf. Jeder Verstoß dagegen war strafbar. Zu dieser Vorgehensweise gehörte es, dass wir nicht als erste das Feuer eröffnen durften. Wenn die Angreifer bewaffnet waren und selbst schossen, durften wir Warnschüsse abgeben, um zu zeigen, dass wir zurückschießen konnten. Wenn sie weiterschossen, durften wir auf die Boote zielen, nicht auf die Piraten selbst. Erst wenn wir alle nicht tödlichen Abwehrmaßnahmen ausgeschöpft hatten und die Piraten weiterschossen, durften wir das Feuer auf sie selbst eröffnen.
Ein Surren übertönte das Brummen der Motoren. Ich hob den Kopf lang genug, um die Raketen auf unser Schiff zukommen zu sehen. »Deckung!«, schrie ich in mein Funkgerät.
Treffer.
Der Aufprall der Rakete riss mich von den Beinen. Meine Kollegen gaben Warnschüsse ab. Ich sah zur Brücke. Sie war unversehrt. Die Rakete war in einen Kran-Ausleger eingeschlagen und hatte dort wenig Schaden angerichtet. Ich stand wieder auf, gab ebenfalls einen Warnschuss ab und lud durch.
Unter lautem Geschrei eröffneten die Piraten das Feuer. Das Rattern ihrer Schnellfeuergewehre zerfetzte die Luft, gefolgt vom metallischen Trommeln der Einschläge auf unserer Bordwand. Ich hörte Edwards Stimme aus dem Funkgerät. »Backbord! Zurückfeuern! Los!«
Er sprintete heran und warf sich neben mich. Auch Marko und Ethan kamen zu uns an die Backbordseite und gingen hinter der verstärkten Reling in Deckung. Edward nickte uns zu. »Jetzt!«
Wir standen auf und feuerten.
Die Durchschlagskraft unserer Gewehre überraschte die Piraten offenbar. Unsere Kugeln rissen Löcher in die Wände ihrer Boote. Ich hörte sie durcheinander schreien. Neben mir dröhnte Edwards Stimme.
»Laden, Feuer!«
Die nächste Salve unserer Gewehre prasselte auf die Schnellboote nieder.
Die Maschinengewehre der Piraten verstummten. Die Motoren ihrer Schnellboote brüllten auf.
Nach wenigen Minuten, in denen wir alle verschwitzt und verstaubt hinter der Reling gekauert waren, klopfte mir Edward auf die Schulter und grinste. »Gut gemacht, Leute. Gut gemacht.«
Der Kapitän streckte zaghaft den Kopf aus der Tür zur Brücke. »Are they gone?«
Edward nickte. »Yes, they are gone.«
In Aden hörten wir, dass die gleichen Piraten drei Stunden später ein anderes Schiff gekapert hatten.
Während ich jetzt die letzten Vorkehrungen für meine bevorstehende Reise nach Suez traf, dachte ich daran, wie ich damals aus Aden kommend am Flughafen in Wien gelandet war. Lisa hatte auf mich gewartet, mit Leonie, ihrer Tochter aus einer früheren Beziehung, die ich liebte wie mein eigenes Kind. Ich hatte auch eine eigene kleine Tochter, Melissa, doch sie lebte in Tirol. Ihre Mutter und ich hatten uns nicht gerade im Guten getrennt, weshalb ich Melissa selten sah. »Geht es dir gut?«, hatte Lisa bei meiner Heimkehr gefragt. »Bist du verletzt?«
Ich war glücklich gewesen, wieder bei meiner kleinen Familie zu sein. Sie war das Wichtigste für mich und ich wollte uns allen ein schönes, unbeschwertes Leben ermöglichen.
2
Als mir Edward kurz nach unserem Abenteuer im indischen Ozean vorschlug, gemeinsam eine Firma zu gründen, nahm ich deshalb an. Ich war groß, gesund, 31 Jahre alt, gut ausgebildet und nun auch kampferfahren. Das passte offenbar in Edwards Konzept. Ich absolvierte einige ergänzende Ausbildungen in Kampftaktiken am Schiff. Gleichzeitig nutzte ich meine Kontakte aus meiner Zeit beim Militär, um Einsatzteams für die junge Firma aufzubauen.
Der Schaden, der den Reedereien durch Piratenangriffe erwuchs, war beträchtlich. Sie mussten die Schiffe oft monatelang reparieren und in manchen Fällen die Crew komplett ersetzen. Denn wer einmal in der Geiselhaft von Piraten gewesen war, hatte wenig Lust, weiter zur See zu fahren. Dazu kam, dass sich Piratenüberfalle damals häuften, weshalb die Versicherer der Reeder auf bewaffneten Schutz bestanden. Die Reedereien zahlten dementsprechend gut für professionelle maritime Security.
Meine Firma war die erste dieses Metiers im deutschsprachigen Raum, weshalb wir uns erst einen Namen machen mussten. Deshalb strengte ich mich an. Ich bereitete jeden Einsatz bis ins kleinste Detail vor. Reiseplanung. Bewilligungen für den Waffentransport. Ausrüstung. Die Qualität der Ausrüstung war mir besonders wichtig. Manchmal ließ ich Teile davon von meinen ehemaligen Militär-Kollegen testen.
Ich fand heraus, dass in der privaten Sicherheitsbranche kaum Konkurrenzdenken herrscht. Sicherheitsfirmen waren in dem Punkt ziemlich entspannt. Sie unterstützten einander sogar. Sie tauschten ihr Wissen aus und veranstalteten gemeinsam Schulungen. Mir hatte dieses amikale Klima schon beim Militär gefallen.
Bereits kurz nach der Gründung unserer Firma wussten Edward und ich nicht mehr, wo wir das Personal hernehmen sollten. Die Aufträge flogen uns zu. Die Ausrüstungen kauften wir jeweils von den Anzahlungen, die wir von den Reedereien erhielten.
Mein Plan bestand nun darin, meine engsten Mitarbeiter so weit auszubilden, dass sie Einsätze leiten konnten. Doch bis es so weit war, musste ich noch als Koordinator mitkommen. Ich hätte es mir nie verziehen, wenn in meiner Abwesenheit etwas schiefgegangen wäre.
»Nur ein Wort von dir und wir fahren wieder heim«, sagte Lisa, als sie mich dieses Mal zum Flughafen brachte. Sie hatte den Wagen eben geparkt und wir saßen schon eine Weile schweigend da. Obwohl wir wegen meines Reisepasses noch einmal umkehren mussten, hatte ich noch genug Zeit.
Ich starrte aus dem Fenster zum Terminal und beobachtete das geschäftige Treiben und die Reflektion der Sonne auf den Glaswänden. Es fiel mir schwer, Lisa zurückzulassen. »Es ist das letzte Mal«, sagte ich, als sie meine Hand nahm. »Ehrenwort. Das ist der letzte Auftrag, bei dem ich selbst mitfliege.«
Sie zog ihre Hand zurück. »Das hast du bei den letzten beiden Malen auch gesagt.«
Sie hatte recht. Ich wusste nicht, was ich antworten sollte, also schwieg ich. Doch diesmal stimmte es. Dieser Auftrag würde mein letzter sein. In wenigen Tagen würde ich zurück sein, und dann würde alles noch besser werden.
3
Der Auftrag, der mich jetzt zum Port Suez führte, hatte eine Vorgeschichte. Im Oktober 2011 hatte mich eine italienische Reederei kontaktiert. Ihre Betreiber waren verzweifelt gewesen. Piraten hatten eines ihrer Schiffe, die MV Montecristo, gekapert und entführt. Die MV Montecristo war ein Kombitanker, der normalerweise Öl und Gas transportierte. Zum Zeitpunkt der Entführung hatte das Schiff Alteisen geladen. Doch auch in diesem Fall ging es den Piraten nicht um die Fracht, sondern um das Lösegeld. Sie verlangten zehn Millionen Dollar.
Wegen des auf Schiffen geltenden Hoheitsrechtes des Landes, unter dessen Flagge sie unterwegs sind, sowie aus versicherungstechnischen Gründen ist ein Einsatz militärischer Schiffe in solchen Fällen problematisch. Deshalb beauftragte die Reederei uns mit der Befreiung der MV Montecristo.
Edward und ich lasen die Baupläne und alle verfügbaren Informationen über die Crew, die Ladung und den Kurs. Der Massengutfrachter war größer als zum Beispiel die Warnow Star. Er maß fast 290 Meter und konnte 180.000 Tonnen laden.
Als wir unser Team beisammen hatten, legten wir ein Datum für den Einsatz fest. Doch wenige Tage vor unserer Abreise konnte die Crew die Steuerung der MV Montecristo deaktivieren. Der Tanker lief geradewegs einem NATO-Schiff in die Quere. Da Italien NATO-Mitglied ist, bekam das Schiff grünes Licht für den Einsatz und befreite den Frachter. In den Zeitungen war dann von einer Anti Piracy Operation der NATO die Rede.
Unsere Befreiungsaktion war damit hinfällig, doch die Italiener mochten die Art, wie wir an die Sache herangegangen waren. Sie wollten uns für weitere Aufträge buchen. Der erste Einsatz stand nun an.
Das Schiff hieß Four Smile. Die noch traumatisierte Crew der MV Montecristo sollte die Four Smile von Port Suez in Ägypten nach Sri Lanka bringen. Für zusätzlichen Schutz und zur besseren Überwindung der Sprachbarriere sollten auf Wunsch der Reederei auch italienische Sicherheitsleute an Bord sein. Der Einsatz musste professionell und reibungslos verlaufen, schon damit sich die Crew sicher fühlte.
Meine Aufgabe bestand darin, der Crew unser Sicherheitskonzept möglichst überzeugend darzulegen. Ich sollte ihr Vertrauen gewinnen. Das war der Hauptgrund, warum ich nach Ägypten mitflog. Bei der Gelegenheit konnte ich gleich einen neuen Teamleader einschulen. Er hieß Karl und hatte sich über eines der Netzwerke privater Sicherheitsfirmen bei uns gemeldet. Seine Erfahrungen im maritimen Bereich kamen uns gelegen. Als ich am Flughafen Wien Schwechat ein letztes Mal an Lisas Haaren gerochen hatte, machte ich mich auf die Suche nach ihm.
Wir hatten 11 Uhr vereinbart, doch es war erst 10.50 Uhr. Ich ließ mich auf eine Bank sinken. Ich hatte in den vergangenen drei Tagen kaum geschlafen. Drei unserer Teams waren gerade auf hoher See und brauchten Betreuung. Ein Team war angegriffen worden und benötigte Munition, ein anderes durchquerte gerade den indischen Ozean, der im gesamten Bereich zwischen Indien und Afrika als rote Zone markiert ist. Ich musste dabei ständig mit der indischen Botschaft in Wien Kontakt halten. Denn bis zwölf Meilen vor der Küste reicht das Hoheitsgebiet des jeweiligen Landes, und wenn dort Privatpersonen mit Waffen unterwegs sind, kann es immer zu Komplikationen kommen. Außerdem musste ich die nötigen Papiere für Karl besorgen. Er würde bei dem Einsatz auf der Four Smile der Waffenoffizier sein.
Im Kopf ging ich noch einmal alles durch. Wir waren gut vorbereitet. Als Bewaffnung für das Team hatte ich wie meist in solchen Fällen vier Mosin-Nagant-Gewehre aus russischer Produktion gewählt. Die Waffen waren Baujahr 1938 und hatten ein Magazin mit fünf Schuss.
Bei Auftraggebern und auch bei den Teams selbst stieß meine Waffenwahl regelmäßig auf Verwunderung. Dabei hatte sie pragmatische Gründe. Wir brauchten schweres Kaliber, um die Motorblöcke der Piratenboote zerstören zu können. Da auf hoher See meist Wind wehte, war auch die Treffsicherheit mit schweren Geschossen höher. Zudem mussten die Waffen leicht zu warten sein. Ersatzteile, die wir eventuell benötigten, mussten wir auf einem Schiff selbst herstellen können. Während moderne Gewehre bei jedem Defekt nutzlos werden, kann für die Ersatzteile der alten Mosin-Nagant-Gewehre jeder Schlosser oder Schiffsmechaniker sorgen.
Diese alten russischen Gewehre hatten noch einen anderen Vorteil. Sie waren Repetiergewehre. Wer sie benutzte, musste nach jedem Schuss eine neue Patrone aus dem Magazin laden. Das zwang meine Teams dazu, im Ernstfall eine gewisse Feuerdisziplin einzuhalten. Repetieren, anlegen, zielen, schießen. Diese Vorgehensweise reduzierte den Munitionsverschleiß. Was insofern von Bedeutung war, als Fluglinien die Mitnahme von höchstens fünf Kilo Munition genehmigten.
Unsere Mosin-Nagant-Gewehre waren nicht mehr im Originalzustand. Ich hatte jedes davon modifiziert. Ich hatte die Läufe gekürzt und gekront, das heißt, ich hatte einen neuen Laufabschluss angebracht, damit der Umbau die Ballistik nicht beeinträchtigte. Außerdem hatte ich eine Schiene für ein Zielfernrohr montiert und eine Spiegelreflex-Optik aufgesetzt. So hatte ich aus ein paar alten russischen Karabinern leicht zu handhabende, effiziente und robuste Jagdgewehre gemacht.
In den Koffern, die ich mit nach Ägypten nahm, befanden sich außerdem je eine kugelsichere Weste für jedes Team-Mitglied, Nachtsichtgeräte, GPS-Ortungsgeräte und eine Kommunikationsausrüstung mit Satellitentelefonen. Wie immer hatte ich die ägyptische Botschaft in Wien über unsere Reise nach Kairo informiert. Waffentransporte sind immer heikel und ich wollte Missverständnissen vorbeugen.
Die Kommunikation mit der Botschaft hatte sich als kompliziert genug erwiesen. Zuerst war meine zuständige Kontaktperson nicht da gewesen, dann hatte ein anderer Mitarbeiter den notwendigen Bescheid für den Waffentransport unterschrieben. Ich hatte, wie es üblich war, der Waffen wegen um einen Transport vom Flughafen Kairo zum Port Suez gebeten, doch bis zuletzt keine Antwort erhalten. Ich war gezwungen gewesen, Lisas Ex-Freund Ralf um Hilfe zu bitten. Ralf, ein Salzburger, hatte aufgrund von Import- und Export-Geschäften gute Kontakte in Kairo. Er hatte sich bereit erklärt, beim ägyptischen Innenministerium zu intervenieren.
Nun sollte alles in Ordnung sein. Doch als ich auf der Bank am Flughafen saß und die Organisation des Einsatzes Revue passieren ließ, bekam ich ein mulmiges Gefühl. Ich hatte auf Ralfs Vermittlung via Skype mit einem ägyptischen Polizisten gesprochen, der mir gegen eine Gebühr von 2.500 Euro den sicheren Transport von uns und unseren Waffen zum Port Suez zugesagt hatte. Er trug eine weiße Uniform mit drei goldenen Sternen, also eine Offiziersuniform, und stellte sich als Mohamed Diab vor. Eine Gebühr in dieser Höhe war durchaus üblich und deshalb Teil meiner Kalkulation. Ich hatte bei anderen Einsätzen ähnliche Summen für den Transit bezahlt. Allerdings war die politische Lage in Ägypten instabil.
Das ägyptische Militär hatte seit dem Rücktritt des langjährigen Staatspräsidenten Husni Mubarak elf Monate zuvor die Macht im Land übernommen. Der regierende sogenannte oberste Rat der ägyptischen Streitkräfte bestand aus 18 hochrangigen Offizieren, die sich als politische Machthaber über den Ministern konstituiert hatten. Sie hatten erklärt, Mubarak nur vorübergehend ersetzen zu wollen und demokratische Wahlen angekündigt. Doch von geordneten Verhältnissen in Ägypten konnte noch keine Rede sein. Die Medien berichteten jeden Tag über die Turbulenzen und Konflikte im Land. Ralf hatte mir versichert, dass die Staatsgeschäfte trotzdem normal liefen und dass ich den Behörden trauen könne. Doch ich war mir da nicht so sicher.
Ehe ich mir richtige Sorgen machen konnte, blieb ein untersetzter, etwas korpulenter Mann vor mir stehen. Ich sah auf. Er musste etwa vierzig Jahre alt sein und hatte hellbraune, kurz geschorene Haare. »Hannes Führinger?«, sagte er.
»Ich bin Hannes«, sagte ich. »Du musst Karl sein.«
Wir gaben uns die Hand. Dann deutete ich auf die Waffenkoffer, die sich neben mir auf einem Gepäckwagen stapelten. »Dein Werkzeug«, sagte ich. »Alles stoßfest und aufbruchsicher verpackt.
Karl lachte. »Dann kann ja nichts mehr schief gehen.«
Ich stand auf. Ich war gut und gern einen Kopf größer als er. »Komm, wir melden uns an«, sagte ich.
Ich wusste nach vielen Einsätzen, wo ich den Sonderschalter für Waffentransporte fand. Während der Polizist am Schalter meine Papiere prüfte, musterte ich Karl von der Seite. Er wirkte gelassen. Zumindest hatte ich schon nervösere Neulinge erlebt. »Bitte folgen Sie mir«, sagte der Polizist und öffnete eine Tür hinter dem Schalter.
Wir traten in einen engen Raum. Der Polizist schob unsere Waffen hinein. Er öffnete die Koffer, prüfte die Seriennummer der Waffen, ließ sie durch ein Röntgengerät laufen, kontrollierte, ob sie als Kriegswaffen im Register standen oder als gestohlen gemeldet waren, versperrte und plombierte hinterher die Koffer und brachte auf jedem einen großen Aufkleber an. »Weapons« stand in roter Warnschrift darauf. Jetzt waren die Waffen bereit für den Flug.
»Das funktioniert ja alles wunderbar«, sagte Karl, als wir vom Sonderschalter zum Check-in gingen.
»Ich habe das inzwischen oft genug gemacht«, sagte ich.
»Bei unserer Ankunft in Ägypten läuft das genauso reibungslos?«, fragte er.
Ich nickte. »Der Ablauf ist fast immer und in allen Ländern gleich. Am Rollfeld empfängt uns unsere Kontaktperson von der Polizei und begleitet uns bis zu unserem Zielort am Hafen, natürlich gegen Entgelt. Dort bekommen wir die Waffen.«
Ich versuchte bei unseren Aufträgen, Reisen mit so wenigen Zwischenstopps wie möglich zu planen. Dennoch mussten wir dieses Mal über München nach Kairo fliegen. Kairo war gerade eine nicht eben beliebte Reisedestination, weshalb es kaum Flüge gab.
Obwohl meine Lider immer schwerer wurden, erklärte ich Karl in der Maschine von Wien nach München noch einmal genau seine Aufgaben als Waffenoffizier. »Unsere Teams bestehen immer aus vier Personen«, sagte ich. »Es gibt einen Teamleader, einen Waffenoffizier, einen Sanitäter und einen Allrounder, der auch für die Kommunikation zuständig ist. Wir nehmen bauliche Veränderungen am Schiff vor, wenn es uns notwendig erscheint. Wir richten Schutzräume ein, errichten Abwehranlagen und überarbeiten die Navigation. Es ist zu jeder Zeit einer von euch auf der Brücke, das ist wichtig. Ihr überwacht tagsüber das Radar und sucht zusätzlich den Horizont mit dem Fernglas ab. In der Nacht verwendet ihr die Nachtsicht- und Wärmebildgeräte. Außerdem führt ihr Übungen mit der Crew durch. Dabei geht ihr das Verhalten im Brandfall und bei Schiffbruch durch. Deine spezielle Aufgabe ist die Verwaltung der Waffen. Das Öffnen der Waffenkoffer im Ernstfall erfordert zwei Personen, den Kapitän und dich. Die Koffer haben zwei Schlösser. Den einen Schlüssel verwahrt der Kapitän, den anderen du. Du bist dafür verantwortlich, jedem Teammitglied Waffe und Munition auszuhändigen.«
Karl nickte.
»Denk immer daran, den ganzen schriftlichen Kram zu erledigen, egal wie stressig die Situation gerade scheinen mag«, sagte ich. »In der Regel hast du genug Zeit dafür.«
In München nahmen uns wie geplant am Rollfeld Polizisten in Empfang. Als unsere Ausrüstung kam, brachten sie uns direkt zum Gate unseres Anschlussfluges. Als wir in der Maschine nach Kairo Platz genommen hatten wandte ich mich noch einmal an Karl. »Alles klar soweit?«
»Ich kenne mich aus«, sagte er.
Ich rief Ralf an. Das Klima zwischen ihm und mir war nie richtig entspannt gewesen. Es lag wohl an unseren unterschiedlichen Rollen in Lisas Leben. Als sich Lisa von ihm getrennt hatte, hatten Lisa und ich uns schon gekannt. »Ich wollte nur ein letztes Mal fragen, ob alles in Ordnung ist«, sagte ich.
Ralf räusperte sich. »Es gibt eine kleine Änderung«, sagte er. »Euer Kontaktmann nimmt euch nicht gleich am Rollfeld in Empfang, sondern erst im Ausgangsbereich.«
Das hörte sich für mich nicht gut an, doch ich versuchte, vor Karl meine Verwunderung zu verbergen. »Das ist unüblich«, sagte ich. »Kannst du das bitte noch klären?«
Er seufzte. »Geht in Ordnung.«
Ich war beunruhigt, aber die Müdigkeit übermannte mich, noch bevor das Flugzeug startete.
4
Die unsanfte Landung der Maschine weckte mich aus meinem tiefen Schlaf. »Morgen«, sagte Karl. Er lächelte, doch jetzt wirkte er doch etwas angespannt. Ich nickte ihm zu und gähnte. Wir waren in Kairo.
Die Umstände, unter denen ich den Transport unserer Ausrüstung organisieren musste, waren mir im Grunde von Anfang an suspekt gewesen. Doch mir war nichts anderes übrig geblieben. Meine Firma lief gut, sehr gut sogar. Von einer etwas instabilen Lage in einem Land wie Ägypten wollte ich mich da nicht aufhalten lassen.
Wäre ich alleine unterwegs gewesen, hätte ich mir kaum Sorgen gemacht. Ich konnte gut auf mich aufpassen. Das hatte ich mir in meinem Leben oft genug bewiesen. Bei Einsätzen mit dem Bundesheer in Problemregionen wie dem Kosovo zum Beispiel. Ich war dort einer von 466 Soldaten des österreichischen Bundesheeres gewesen, die zur Aufrechterhaltung der Sicherheit auf Basis der UN-Resolution 1244 aus dem Jahr 1999 unter anderem Überwachungs- und Sicherungsaufgaben übernommen hatte. Ich konnte auch die Risiken von maritimen Einsätzen inzwischen gut einschätzen. Doch für Karl war es der erste Einsatz dieser Art und ich war verantwortlich für ihn. Deshalb übertrug sich seine jetzt spürbare Unruhe auf mich.
»Es ist alles organisiert und abgesprochen«, sagte ich. »Wir haben alle notwendigen Papiere, unsere Ausrüstung ist ordnungsgemäß verstaut und gesichert und wir haben uns angekündigt. Ich bin in diesen Dingen genau. Deswegen hatte ich noch nie Probleme beim Transit, und glaub mir, ich bin schon durch gefährlichere Länder als Ägypten gereist.«
Das schien Karl zumindest ein wenig zu beruhigen.
Das Flugzeug kam zum Stillstand. Wir hatten unsere Parkposition erreicht. Ich sah auf die Uhr. Wir waren im Plan. Es war gegen 16 Uhr und wir hatten genug Zeit für den Transit.
Wir verließen das Flugzeug als letzte. Ralf war es offenbar nicht gelungen, unsere Abholung noch wie üblich für das Rollfeld zu organisieren. Weder Polizeioffizier Mohamed Diab noch seine Leute waren da. Damit hatte ich auch nicht mehr gerechnet. Also fuhren wir mit den wenigen anderen Passagieren im Bus zum Flughafengebäude.
Die internationale Ankunftszone war wie ausgestorben. Im gesamten Ankunftsbereich befanden sich höchstens dreißig Menschen. »Ägyptenurlaub ist wohl derzeit kein Kassenschlager«, sagte Karl.
Ich deutete zur Verkaufsstelle für Visa. Der Mann hinter dem Schalter sah müde aus. Alle in der Ankunftshalle wirkten müde, als hätte ganz Ägypten es aufgegeben, für ankommende Reisende eine schöne Fassade zu schaffen. Wir kauften unsere Visa, ohne dass der Mann ein einziges Wort verlor. Hinterher lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und beobachtete uns.
Wir sahen uns um. Weit und breit keine Spur von unserer Kontaktperson. »Warten wir. Wir haben Zeit«, sagte ich zu Karl. Ich hoffte, dass gleich eine Nebentür der Halle aufgehen würde und wir weiter konnten.
Wir gingen in der internationalen Zone auf und ab, doch niemand kam auf uns zu. Ich rief Ralf an, kam aber nicht durch. Seine Nummer war ständig besetzt. Ein einzelner Beamter lehnte mit verschränkten Armen an einer Säule und starrte in die Luft. Er trug eine vergilbte weiße Uniform. Vermutlich war er von der Flughafenpolizei. Auch er beobachtete uns nur gelangweilt.
Fünfzig Minuten vergingen. Obwohl ich unsere Reise mit diversen Puffern geplant hatte, hatten wir nicht den ganzen Tag Zeit. Unser Kunde am Port Suez sollte schließlich nicht auf uns warten müssen. Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit waren ein wesentlicher Teil von Edwards und meiner Geschäftsphilosophie.
Karl wollte Wasser kaufen, doch ich hielt ihn zurück. »Wir fragen den Mann da«, sagte ich. »Er macht zwar nicht den Eindruck, aber vielleicht kennt er sich aus.« Ich deutete auf den Uniformierten, der noch immer an seiner Säule lehnte.
»Excuse me, we are waiting for someone from the police, can you help me?«, sagte ich.
Er sah mich verwirrt an. »No english.« Er schüttelte den Kopf.
Mit Händen und Füßen machte ich ihm klar, dass wir auf einen Polizisten warteten, um unseren Transit abzuschließen. Als er verstand, wich endlich die Langeweile aus seinem Gesicht. Er riss die Augen auf. Aufgeregt redete er in arabischer Sprache auf uns ein und deutete uns, ihm zu folgen. Ich war erleichtert. Endlich kam Bewegung in die Sache.
»Also war er doch der Typ«, sagte Karl.
»Mal sehen.«
Wir folgten dem Beamten zu einer unscheinbaren Tür. Er sperrte auf und bat uns hinein. Der Anblick, der sich uns darin bot, vertrieb meine neugewonnene Zuversicht augenblicklich. Das Büro war klein. Es maß wohl nicht mehr als zehn Quadratmeter. Darin waren fünf Männer, alle in zivil gekleidet. Sie hantierten mit allerlei Gerätschaften herum. Mit unseren Gerätschaften.
In der Mitte des Raumes stand ein wackeliger Tisch. Darauf ausgebreitet lag unser gesamtes Gepäck. Unsere Taschen waren zerfetzt und meine Wäsche war im Raum verstreut. Die Waffentransportkoffer lagen aufgebrochen in einer Ecke. Die Gewehre waren zum Glück noch darin. Die Ägypter bestaunten indessen unsere GPS-Geräte und Ferngläser. Sie fotografierten mit einer kleinen Digitalkamera jedes Kleidungs- und Ausrüstungsstück aus jeder Perspektive. Dabei sagte niemand ein Wort.
Karl und ich sahen uns ratlos an. Ich hatte mit vielem gerechnet, aber nicht damit. »Excuse me«, sagte ich. »What are you doing? What the fuck are you doing with my stuff?«
Niemand beachtete mich. Ich konnte schlecht eine Prügelei mit sechs ägyptischen Flughafenpolizisten anfangen. Also nahm ich mein Mobiltelefon. Ich hatte für alle Fälle die Notrufnummer der österreichischen Botschaft eingespeichert. Jetzt wählte ich sie. Eine Frau meldete sich. »Notrufnummer der österreichischen Botschaft, was kann ich für Sie tun?«
»Ich sitze am Flughafen fest«, sagte ich, nachdem ich meinen Namen und den Sinn meiner Reise genannt hatte. »Ich bin am Transit nach Suez. Die zerstören alles.«
Die ägyptischen Beamten nahmen weiter die Sicherheitsausrüstung, die für mein Personal gedacht war, auseinander.
»Wie viel hat Ihr Flugticket gekostet?«, fragte die Frau am anderen Ende der Leitung.
Die Frage brachte mich aus dem Konzept. Ich nahm das Handy vom Ohr und sah auf die Nummer. Doch, das war die Notfallnummer der Österreichischen Botschaft in Kairo. Ich nahm das Handy wieder ans Ohr. »Wie bitte?«, fragte ich.
Die Frau wiederholte seelenruhig ihre Frage. »Wie viel hat Ihr Flugticket gekostet?«
»Das ist doch jetzt völlig egal«, sagte ich. »Ich bin hier am Flughafen und brauche dringend Ihre Hilfe.«
»Sind Sie österreichischer Staatsbürger? Wo sind Sie geboren und wo ist Ihr aktueller Wohnort?«
Während dem Telefonat trafen mich Karls fassungslose Blicke. Ich zwang mich zur Ruhe und beantwortete die Fragen der Frau. »Ja, ich bin österreichischer Staatsbürger, geboren in Österreich. Ich wohne in Wiener Neustadt.«
Die Beamten trugen inzwischen nach und nach unsere Sachen aus dem Zimmer. Als ich mich einem in den Weg stellen wollte, hielt mich der Mann in der vergilbten Uniform zurück und schüttelte den Kopf. Besser nicht, sollte das wohl heißen.
»Wie viel hat Ihr Flugticket gekostet?«, fragte die Frau am Telefon.
»Um Himmels Willen«, sagte ich. »Bitte schicken Sie endlich jemanden vorbei. Die stehlen hier mein ganzes Hab und Gut.«
»Ich werde sehen, was ich tun kann«, sagte die Frau und legte auf.
Inzwischen strömten immer mehr Menschen in das kleine Büro. »Was zum Teufel tun die da?«, fragte Karl.
»Ich habe nicht die geringste Ahnung«, sagte ich. »Aber wenn das so weitergeht, können wir den Auftrag vergessen.«
Fast unsere gesamte Ausrüstung war inzwischen verschwunden. Ein Ägypter probierte gerade die letzte kugelsichere Weste an und verließ damit das Büro.
Nach 15 Minuten wählte ich noch einmal die Nummer der Botschaft. Ich hörte die gleiche Stimme wie bei meinem ersten Anruf. »Notrufnummer der österreichischen …«
»Wo bleiben Sie? Meine gesamte Ausrüstung ist weg. Wissen Sie wie viele tausend Euro Schaden das bedeutet?«
Noch bevor ich eine Antwort bekam, deutete einer der Ägypter auf mich und schrie dabei herum. Anscheinend war bisher niemandem aufgefallen, dass ich telefonierte. Der Uniformierte riss mir das Handy aus der Hand und gab es einem anderen, der es einsteckte und den Raum verließ. Ich protestierte auf Englisch, aber niemand schenkte mir auch nur die geringste Beachtung.
Nach und nach verließen alle den Raum, bis nur noch der Uniformierte und zwei zivil gekleidete Beamte da waren. Niemand außer Karl und ich schien die Geschehnisse seltsam zu finden. Auf den Gesichtern der Ägypter zeigte sich wieder dieser gelangweilte Ausdruck.
Der Uniformierte deutete uns, auf den aufgebrochenen, inzwischen leeren Waffenkisten Platz zu nehmen. Er selbst setzte sich auf den einzigen Stuhl im Raum, der hinter dem Tisch in der Mitte des Raumes stand. Die beiden anderen Ägypter lehnten sich links und rechts neben der Tür an die Wand und unterhielten sich. Es klang, als würden sie über ihren letzten Urlaub reden.
Ich wollte mich wieder mit Händen, Füßen und englischen Wortbrocken verständigen, doch der Uniformierte reagierte nur mit einer abwiegelnden Geste. »Schhhh«, machte er und schnalzte mit der Zunge. Dann zündete er sich eine Zigarette an und starrte in die Luft.
Karl und ich saßen da und schwiegen. Wir hatten beide seit Längerem nichts getrunken und waren müde. Doch an Einnicken war nicht zu denken. Es mussten jeden Moment Mitarbeiter der österreichischen Botschaft kommen und dieses Missverständnis ausräumen.
Ich bemerkte, wie Karl seinen Kopf in die Hände legte. »Das ist alles ein Irrtum«, sagte ich. »Im schlimmsten Fall müssen wir den Auftrag eben auslassen.«
»Schhhh«, kam es von hinter dem Tisch.
Ich saß da, mit den Armen auf den Knien, auf den Überresten meiner Ausrüstung. Selten hatte ich mich so hilflos gefühlt wie in diesem verdreckten Hinterzimmer am Maţār al-Qāhira ad-duwalī, dem internationalen Flughafen von Kairo.
Nach einer gefühlten Ewigkeit verließ der Uniformierte das Zimmer. Es dauerte, bis er zurückkam. Offenbar hatte er jetzt einen Plan. Er bedeutete uns, aufzustehen. »Go, go«, sagte er.
Er führte uns durch den internationalen Bereich der Ankunftshalle zu einer fünfzig Meter entfernten anderen Tür. Zu dritt betraten wir den Raum. Der sah schon eher wie ein Büro aus. Er war aufgeräumter. An einer Wand hingen Notizen und eine Tafel. In zwei Ecken standen Schreibtische voller Dokumente. Hinter einem Schreibtisch saßen zwei Männer. »Airport police«, sagte einer von ihnen.
Beide Männer trugen schmuddelige Zivilkleidung und machten auch sonst keinen staatstragenden Eindruck. Als ich ihren überheblichen Gesichtsausdruck sah, wurde ich allmählich richtig wütend. Was zum Teufel glaubten diese Verbrecher?
Hinter uns ging die Tür auf und ein älterer Mann trat ein. Eine schmale Krawatte hing lose um seinen fleckigen Hemdkragen. Die wenigen Haare, die er noch am Kopf hatte, glänzten fettig. »Ich bin Ihr Anwalt«, sagte er in gebrochenem Deutsch. Er gab Karl und mir flüchtig die Hand.
»Wunderbar«, sagte ich. »Könnten Sie …«
Er unterbrach mich. »500 Euro«, sagte er. »Im Voraus bitte.«
Ich verkniff mir einen Wutanfall. In dieser Situation konnte ich mir keinen Fehler leisten. Widerwillig nahm ich fünf Hunderter aus meiner Brieftasche und reichte sie ihm.
»Sehr gut«, sagte er. »Ich treibe jetzt die Papiere für Ihre Weiterreise auf.«
»Was ist mit unserer Ausrüstung?«, fragte ich. »Wissen Sie, wie diese Polizisten uns behandelt haben? Das ist eine Frechheit.«
Er zögerte kurz, dann übersetzte er meine Beschwerde ins Arabische. Die drei Beamten zeigten keine Regung. Einer rümpfte nur die Nase. Er sagte etwas zu unserem angeblichen Anwalt. Der übersetzte es. »Sie brauchen für die Abwicklung der Weiterreise 5.000 Euro«, sagte er.
Meine Geduld neigte sich dem Ende zu. Andererseits war das vielleicht unsere letzte Chance, aus dem Schlamassel einigermaßen glimpflich herauszukommen. Im Oman hatte mich ein Transit samt Eskorte zum Hafen auch schon einmal 3.000 Euro gekostet. 5.000 Euro waren also gerade noch vertretbar.
Ich wollte schon zu meiner Brieftasche greifen, als sich zwischen den beiden angeblichen Flughafenpolizisten hinter dem Tisch eine angeregte Diskussion entspann. »Was besprechen sie?«, fragte ich den Anwalt.
Er zuckte nur mit den Achseln.
Die Diskussion zwischen den Polizisten wurde heftiger.
»Hören Sie«, sagte ich etwas lauter zu dem Anwalt. »Ich habe Sie etwas gefragt.«
»Nun«, sagte er betreten. »Es geht um den Teilungsschlüssel. Einer will 4.000 Euro behalten und dem anderen nur 1.000 Euro geben. Damit ist aber der andere nicht einverstanden. Sie verstehen?« Er zwinkerte mir zu.
»Ich gebe diesen Männern das Geld nicht einfach so«, sagte ich. »Ich brauche eine Zahlungsbestätigung.«
Der Anwalt übersetzte.
Die beiden unterbrachen ihren Streit, um herzlich zu lachen.
»Scheiße«, sagte Karl.
Es ist zwecklos, dachte ich. Wir waren tatsächlich ausgeliefert. Sie würden uns bis auf den letzten Cent ausrauben. Ich wusste, wie korrupt Ägypten war. Eine seriöse Transaktion konnte ich vergessen. Wie konnte ich uns aus dieser Zwangslage befreien? Wir brauchten unbedingt Hilfe.
Ich konnte mich nicht richtig konzentrieren, weil ich dringend aufs Klo musste. Ich bat Karl um eines seiner beiden Telefone und steckte es ein. Einer der Polizisten führte mich in eine Kammer neben dem Büro. Sie war leer bis auf einen Eimer in der Mitte. Er quoll von Kot und Urin über. Der ganze Raum stank furchtbar. Als ich die Tür hinter mir geschlossen hatte, rief ich wieder die Botschaft an. Diesmal ließ ich die Frau nicht zu Wort kommen. »Wo zur Hölle bleiben Sie so lange?«
Sie erkannte offenbar meine Stimmte. »Beruhigen Sie sich bitte«, sagte sie. »Es kann Ihnen nichts passieren. Wir sind unterwegs.«
Das konnte nicht wahr sein. Ich legte frustriert auf und erleichterte mich über dem stinkenden Eimer, wobei ich darauf achtete, nichts zu berühren. Der Polizist führte mich ins Büro zurück.
Karl saß mittlerweile am Boden. Ich setzte mich neben ihn und lehnte mich wie er an die Wand. »Wo ist der Anwalt?«, fragte ich ihn.
»Abgehauen«, sagte Karl.
Der Anwalt hatte wenigstens Deutsch gesprochen. Nun waren Karl und ich wieder in einem Raum, den wir nicht verlassen durften, mit Menschen, die kein Wort von dem verstanden, was wir sagten. Ich rieb mir die Schläfen. Die Sache fühlte sich allmählich wie ein böser Traum an.
Die Müdigkeit machte mir wieder zu schaffen. Der Flug von München nach Kairo hatte mir nicht gereicht, um nach 72 Stunden fast durchgehender Arbeit wieder fit zu werden. Mein Zeitgefühl ließ mich allmählich im Stich. Irgendwann erhob sich einer der Polizisten ohne ersichtlichen Grund und winkte uns zu sich. »Let’s go«, sagte er.
Karl und ich folgten ihm. Er führte uns aus dem internationalen Bereich in die Zollzone. Wir gingen ohne Kontrolle durch die Sicherheitsschleuse und durchquerten die Empfangshalle. Schließlich blieb der Mann vor einem Western-Union-Stand stehen. Er zeigte mit dem Finger auf das Logo. »Money, money«, sagte er.
Abgesehen davon, dass ich diesem Betrüger keinen Cent geben wollte, hatte er offenbar etwas missverstanden. Wir standen vor einer Wechselstube, nicht vor einer Bank. Ich schüttelte den Kopf. »No money«, sagte ich.
Der Polizist wurde ungehalten. Er schimpfte auf Arabisch und gestikulierte. Karl und ich blieben stumm stehen. Nach einigen Minuten gab er auf und winkte uns weiter. Die Menschen um uns schienen sich nicht dafür zu interessieren, was mit uns passierte. Weder dem Flughafenpersonal noch den wenigen Reisenden schien aufzufallen, dass hier etwas falsch lief.
Wir folgten dem Polizisten hinaus aus der Halle ins Freie. Vor der Tür stand ein Pickup Truck, der einmal blau gewesen sein musste. Das Auto musste mindestens zwanzig Jahre alt sein. Der Polizist führte uns zur offenen Ladefläche und bedeutete uns, aufzusteigen.
Oben saß ein weiterer Mann, der zu meiner Überraschung wenigstens Englisch sprach. »Hallo, Airport Police«, sagte er. Er gab mir die Hand. »I bring you to Port Suez. Your Equipment will follow.«
Ich konnte es kaum fassen. Karl atmete hörbar auf. Wir fuhren los.
Bei einem Checkpoint der Polizei hielt der Truck. Der Fahrer stieg aus und lief hinein. Der Checkpoint sah aus wie eine Ruine. Ein verfallenes Haus. Nach einer halben Stunde kam der Fahrer zurück und wir fuhren weiter.
Der Polizist, der mit uns auf der Ladefläche saß, trug eine verspiegelte Sonnenbrille und kaute Kaugummi. Er saß entspannt da und genoss offenbar die Sonne. Jeden meiner Versuche, mehr zu erfahren, blockte er ab. »I don’t know«, sagte er. Das wiederholte er jedes Mal. »I don’t know.«
Immerhin hatte er uns mitgeteilt, dass ab jetzt alles planmäßig verlaufen würde. Also stellte ich meine Versuche ein und schwieg. Wir fuhren von Checkpoint zu Checkpoint, ohne dass jemand mit uns redete. Nach dem dritten Checkpoint fiel mir auf, dass wir die ganze Zeit in der näheren Umgebung des Flughafens blieben und dass keiner der ägyptischen Beamten bewaffnet war. Die Situation war absurd.
Während wir herumfuhren, fing es zu dämmern an. Wir waren inzwischen auch längere Strecken kreuz und quer gefahren, befanden uns aber noch immer in unmittelbarer Nähe des Flughafens. Nun erreichten wir eine Polizeistation, die größer war als die Checkpoints. Das Haus hatte vier oder fünf Stockwerke. Es war heruntergekommen und teilweise sogar ausgebrannt, aber im Gegensatz zu den anderen eindeutig als Polizeistation zu erkennen. »Come«, sagte unser Aufpasser und sprang von der Ladefläche.
Wir gelangten in ein Büro. Überall lagen Zettel und Mist am Boden, die Regale hingegen waren fast leer. Einige Polizisten lungerten herum. Keiner von ihnen schien etwas zu tun zu haben. Keiner von ihnen sprach mit uns. Dafür griff einer von hinten nach meinen Handgelenken. Er wollte mich offenbar fesseln. Ich riss meine Hände weg. Das war mir nun wirklich zu viel. Ich schrie ihn an. »Are you fucking crazy?«
Der Mann sah mich erschrocken an und verließ kommentarlos das Büro.
»Wo sind wir hier?«, fragte Karl. »Ist das ein auch nur im Ansatz funktionierender Staat?«
Ich benützte noch einmal eines seiner Telefone. »Die haben uns die ganze Zeit im Kreis herumgefahren, nachdem sie uns gesagt haben, dass jetzt alles in Ordnung ist«, erklärte ich der Frau in der österreichischen Botschaft.
»Das tut mir leid«, sagte sie. »Wir waren am Flughafen. Sie waren nicht da.«
Ich bekam Lust, das Handy an die Wand zu schleudern. »Wissen Sie, warum wir nicht da waren? Weil die uns eben den ganzen Tag im Kreis herumgefahren haben«, sagte ich.
Ich versuchte, mich zu beruhigen. »Hören Sie, wir sind jetzt in einer Polizeistation, die keine 300 Meter vom Flughafen entfernt ist«, sagte ich. »Das Gebäude ist halb ausgebrannt und vier bis fünf Stockwerke hoch. Ich kann den Flughafen vom Fenster aus sehen. Helfen Sie uns endlich, verdammt.«
»Okay«, sagte sie. »Wir sind gleich da.« Sie legte auf.
Ich wollte Karl das Handy zurückgeben, als mir Ralf einfiel. Ich wählte seine Nummer. Diesmal kam ich durch. »Hannes hier. Was zum Teufel ist hier los? Meine ganze Ausrüstung ist gestohlen, ich werde festgehalten und betrogen.«
Ralf lachte ins Telefon. »Weißt du Hannes, es ist schon alles so, wie es gehört«, sagte er.
»Was …?«
Er legte auf.
Hatte er mich absichtlich auflaufen lassen? Als kleine Rache, wofür auch immer? Was für ein Mistkerl. Ich konnte nichts dafür, dass Lisa mit ihm nicht mehr glücklich gewesen war.
Die Polizisten, die mit uns im Raum waren, hatten mein Gespräch mit völliger Gleichgültigkeit beobachtet. Ich hatte den Eindruck, Karl und ich hätten einfach hinausspazieren können, und niemand hätte uns aufgehalten. Da schwang die Tür auf. Ein groß gewachsener Mann betrat den Raum und bellte auf Arabisch Befehle.
Daraufhin drängten die Polizisten Karl und mich durch eine Tür an der Rückseite des Büros in eine Kammer. Sie stießen uns hinein und sperrten hinter uns ab. Hier stank es genauso wie in der »Toilette« im Flughafengebäude. Der Boden war mit Fäkalien verschmiert. Die stickige Kammer war vollkommen leer. Es war acht Uhr abends.
Ich wollte etwas Aufmunterndes zu Karl sagen, aber mir fiel nichts ein. Wir harrten still aus. Ich musste mich beherrschen, um nicht mit der Faust auf die Tür einzuschlagen. »Sie kommen bestimmt«, sagte ich erschöpft.
»Wer?«
»Die von der Botschaft.«
Karl murmelte etwas Unverständliches.
Ich glaubte selbst nicht mehr daran.
Irgendwann, als es draußen schon wieder hell geworden war, öffnete sich die Tür. Der groß gewachsene Mann trat ein. »There has been a delay«, sagte er. »We bring you to Port Suez now.«
Er führte uns aus dem Gebäude und wieder zu einem Auto. Ich hatte nicht mehr genug Energie, um auf Details zu achten. Alles, was ich wollte, war heim. Der Auftrag war gelaufen, die Ausrüstung mit Sicherheit verloren.
Nach zwei Stunden Fahrt erreichten wir ein unscheinbares Gebäude. Der groß gewachsene Polizist meinte, hier wäre ein Staatsanwalt, der unsere Papiere ausstellen würde.
Der Staatsanwalt hieß Ahmed El Mouhandes und schien uns nicht viel mehr Bedeutung beizumessen als den Fliegen im Zimmer.
»Wo sind unsere Papiere?«, sagte ich.
Er antwortete halb englisch, halb deutsch. So lange die österreichische Botschaft nicht da sei, könne er nichts machen, sagte er.
Also rief ich neuerlich bei der Botschaft an. »Wir sind mittlerweile bei einem Staatsanwalt, der angeblich Papiere für unsere Weiterreise ausstellen wird«, sagte ich. »Wo sind Sie?«
Ein junger Mann war jetzt am Notfalltelefon. »Hannes Führinger?«
»Genau. Wir waren die ganze Nacht in einer Zelle voller Scheiße. Wie lange muss ich noch auf Sie warten?«
Er räusperte sich. »Herr Führinger, es ist so, wir hatten leider kein Auto zur Verfügung. Wir beeilen uns.«
Ich wollte etwas sagen, ihn beschimpfen, ihm drohen. Stattdessen beschrieb ich ihm so detailliert wie möglich unseren aktuellen Aufenthaltsort und legte dann einfach auf. »Bitte ruf die deutsche Botschaft an«, sagte ich zu Karl. »Vielleicht tun die etwas.«
Ich gab ihm das Telefon. Karl telefonierte einige Minuten und berichtete mir hinterher. Die Diplomaten in der deutschen Botschaft hatten sich schockiert gezeigt. Lisa hatte sich dort bereits am Vorabend gemeldet, nachdem sie nichts mehr von mir gehört hatte. Die Deutschen hatten daraufhin mit den Österreichern Kontakt aufgenommen. Die Österreicher hatten ihnen zugesichert, sich um alles zu kümmern.
»Scheiße«, sagte ich zu Karl. »Die Österreicher sind völlig unfähig.«
Der Staatsanwalt sah uns misstrauisch an. Wir warteten und warteten. Es wurde immer später. Niemand kam. Gegen 19 Uhr redete der Staatsanwalt wieder mit uns. »Wir können nicht mehr davon ausgehen, dass Sie die Unterstützung der österreichischen Botschaft haben«, sagte er in gebrochenem Deutsch.
Karl und ich sahen ihn an. Er redete weiter. Er sagte noch einen kurzen Satz. »You are under arrest.«
»Was redet der da?«, fragte Karl.
Der Staatsanwalt holte Luft. »Sie verhaftet«, sagte er.
Lisa
Obwohl wir wegen seines Reisepasses noch einmal umkehren mussten, waren wir zu früh am Flughafen. Ich verabschiedete mich unter Tränen von ihm.
»Auch wenn du mir nicht glaubst«, sagte er. »Diesmal ist es wirklich das letzte Mal.«
Doch darum ging es nicht. Ich hatte Angst.
Um mich abzulenken, rief ich auf der Rückfahrt einige Freundinnen an. Wir vereinbarten einen Frauenabend. Meine Tochter Leonie sollte auch mitkommen.
Als ich zu dem Treffen aufbrach, schrieb ich Hannes, er solle mir Bescheid geben, sobald er angekommen war. Wenig später bekam ich eine SMS von ihm. »Wir sind in Kairo gelandet«, schrieb er.»Alles in Ordnung.«
Das beruhigte mich nicht. Es war klar, dass bis zur Landung in Kairo alles glatt gehen würde. Die Schwierigkeiten begannen erst jetzt. Mit Waffen in einem Land zu reisen, das sich in einem derartigen Chaos wie Ägypten befand, konnte keine gute Idee sein. Doch ich verstand nicht viel von internationaler Politik und Staatsbürokratie. Ich schrieb ihm zurück. »Melde dich bitte noch einmal, wenn du durch den Zoll bist.«
Die Stunden vergingen ohne weitere Nachricht von Hannes. Ich konnte ihn auch nicht erreichen. Ich rief ein Mitglied des Einsatzteams an. Die Männer warteten am Hafen von Suez auf ihn und meinten, dass sie ihn ebenfalls nicht erreichen könnten. Sie hatten ein paar dringende organisatorische Fragen, die ich nicht beantworten konnte. Ich hatte von diesen Dingen keine Ahnung.
Ich schrieb Ralf, meinem Ex-Freund, eine SMS. Ich könne Hannes nicht erreichen. Da stimme etwas nicht. Er solle sich bitte darum kümmern. Keine Antwort. Ich rief einen Anwalt an, den ich kannte. »Was soll ich tun?«, fragte ich ihn.
»Ich an deiner Stelle würde die österreichische Botschaft in Kairo anrufen«, sagte er. »Wenn etwas passiert ist, müssen die sich einschalten. Die haben am ehesten die Möglichkeiten dazu. Du kannst auch die deutsche Botschaft in Kairo anrufen. Wenn er mit einem Deutschen unterwegs ist, sind die ebenfalls zuständig.«
Die Reaktion der österreichischen Botschaft war nicht gerade beruhigend. »Wenn Ihr Mann durch ein Land, das so instabil ist wie derzeit Ägypten, Waffen transportiert, darf er sich nicht wundern, wenn etwas schiefgeht.«
Da hatte die Frau am Telefon bestimmt recht. Bloß half mir das jetzt nicht. Wo war er?
5
Eine seltsame Willenlosigkeit ergriff Besitz von Karl und mir. Sie nährte sich aus der Einsicht, dass gegen diese, von jeglichen rechtsstaatlichen Normen offenbar freie Ägypter nichts auszurichten war, aus dem Gefühl, dass wir in einer Falle saßen, in die uns jede Bewegung nur noch tiefer hinein führte und aus der dumpfen Hoffnung, dass die österreichische Botschaft doch noch auftauchen und dem Zauber ein Ende bereiten würde. Als wir in Polizeibegleitung aus dem Gebäude traten und einen Pickup Truck vor der Tür stehen sahen, stiegen wir einfach auf, ohne dass uns jemand dazu aufgefordert hatte. Dabei dämmerte mir allmählich, dass es dauern könnte, bis wir wieder nach Hause fliegen würden.
Ich bat Karl abermals um sein Telefon. Der Polizist, der uns begleitete, warf mir misstrauische Blicke zu, als ich eine Nummer eingab. Während die dreckigen Straßen Kairos mit ihren Sandsteinbauten und den Luxushotels neben den Bruchbuden an uns vorüberzogen, lauschte ich dem Freizeichen. Ich freute mich darauf, Lisas Stimme zu hören, doch es war auch schwer. Ich hatte keine guten Nachrichten für sie. Ich hätte auf sie hören sollen, dachte ich. Sie war so vehement gegen diese Reise gewesen. Als hätte sie gewusst, dass so etwas passieren könnte.
»Hallo?«
Ihre Stimme klang erschöpft. Was sollte ich ihr sagen? Wie sollte ich es ihr sagen?
»Wer ist da?«
Ich versuchte, das Handy mit der Hand vom Straßenlärm abzuschirmen. »Ich bin es«, sagte ich.
Jetzt klang auch die Wut der Verzweiflung in ihrer Stimme mit. »Du wolltest dich doch melden, sobald du kannst«, sagte sie.
Ich hatte ein Gefühl, als würde mein Herz einen Moment lang stillstehen. Doch dann gewann mein Überlebensinstinkt wieder die Oberhand. »Hör jetzt bitte gut zu, denn ich habe nicht viel Zeit«, sagte ich. »Die ägyptische Polizei hat uns aufgehalten und ausgeraubt. Unsere gesamte Ausrüstung ist weg. Bitte ruf im Außenministerium an. Sag denen, dass wir einen Anwalt brauchen, und zwar schnell.«
Der Polizist sah aus, als würde er gleich etwas unternehmen. Am Handy hörte ich Lisa weinen. »Ich habe keine Ahnung, was diese Leute mit uns vorhaben«, sagte ich. »Bitte beeil dich mit dem Anwalt. Er soll sich bei der österreichischen Botschaft in Kairo melden. Ich werde versuchen, die Botschaft laufend zu informieren. Ich rufe dich so bald wie möglich wieder an.«
Ich steckte das Handy rasch ein. Der Polizist bedeutete mir, es ihm auszuhändigen. Ich schüttelte den Kopf. Er schien zu überlegen, dann lehnte er sich wieder zurück.
Wir fuhren etwa eine Stunde lang durch Kairo, bis wir vor einem wuchtigen Tor in einer meterhohen Mauer mit Stacheldraht oben drauf hielten. Davor standen zwei Panzer zwischen einigen Leitschienen aus Beton.
»Stecken die uns wirklich ins Gefängnis?«, fragte Karl.
Ich antwortete nicht, doch ich ahnte, wo wir uns befanden. Das musste die Pforte zum Tora-Gefängnis sein, einer Art Gefängnisstadt innerhalb Kairos mit mehreren Gefängnissen für unterschiedliche Kategorien von Häftlingen.
Das Tor öffnete sich und wir fuhren in den weitläufigen Hof des Komplexes. Dort mussten wir von der Ladefläche steigen. Ich ging automatisch auf die erste Tür zu, doch der Polizist packte mich am Arm. Er zeigte auf einen gepanzerten Mannschaftstransporter auf der anderen Seite des Hofs. Wir waren offenbar noch nicht am Ziel.
Wortlos ging ich zu dem Wagen und stieg ein. Karl folgte mir. Der Polizist schloss von außen die Ladetüren und blieb zurück, als der Wagen losfuhr. Durch ein kleines vergittertes Fenster konnten wir hinaussehen. Wir passierten ein zweites Tor an der Rückseite des Innenhofes. Felder zogen an uns vorbei. Dazwischen lag Einöde, bestehend aus trockenem Gras, harter Erde, windschiefen Schuppen und Müll. Die Bilder verschwammen vor meinen Augen. Ich bemerkte, wie durstig ich war. Mein Mund war so trocken wie das Gras da draußen.
Nach längerer Fahrt hielt der Transporter. Jemand riss die Ladetür auf. Die Sonne blendete mich, als wir aus dem Fahrzeug stiegen. Als sich meine Augen wieder an die Helligkeit gewöhnt hatten, sah ich mich um. Wir befanden uns in einem kleinen verfliesten Innenhof zwischen fensterlosen Steinhäuschen, in denen Beamte ein und aus gingen.
Der Fahrer des Transporters war inzwischen ebenfalls ausgestiegen. Er musterte mich von Kopf bis Fuß. Dann klopfte er mir auf die Schulter und deutete auf das größte der Steinhäuser. »Ambra Azsah«, sagte er wie ein Busfahrer, der den Fahrgästen den Namen der Station nennt. Er ging zurück zum Auto und lehnte sich an die Tür. Ambra Azsah, so hieß offenbar dieser Teil des Tora-Gefängnisses.
Wenig später standen wir in einem Büro, in dem ein Beamter einen zweiten Mann, offenbar einen Häftling, am Arm festhielt. »Hello, I speak english«, sagte der Häftling. »I am here to translate.«
Ich sah den Mann genauer an. Er hatte tiefe Ringe unter den Augen. Grob zusammengenähte Lumpen verhüllten kaum seinen dürren Körper und er war im ganzen Raum zu riechen. Ich sah zu Karl. Wir konnten hier auf keinen Fall bleiben.
Der Beamte gab dem abgemagerten Häftling einen Stoß, worauf der weiterredete, wie ein Automat mit einem Wackelkontakt. »You are not going to stay here long«, sagte er. »You have to go to the attorney.«
Wir sollten zum Staatsanwalt? Wir kamen doch eben vom Staatsanwalt. Er hatte uns hierher geschickt. Ich kannte mich allerdings mit dem ägyptischen Justizapparat nicht genau genug aus, um zu wissen, welche Funktionen es vorsah. »Attorney« war auch ein dehnbarer Begriff, zumal, wenn ihn ein Mann verwendete, der Englisch nur radebrechte.
Bevor ich eine Frage stellen konnte, schickte der Beamte den Häftling aus dem Büro und führte uns zurück zu dem Transporter, mit dem wir gekommen waren. Widerstandslos kletterten wir durch die Ladeklappe wieder hinein.
Lisa
Drei Tage vergingen, nachdem mich Hannes vom Flughafen aus angerufen hatte. Zwei Mal insgesamt. Jetzt hörte ich wieder nichts von ihm und er war nicht erreichbar. Die Mitarbeiter der Botschaft in Kairo waren freundlich, aber sie wussten auch nichts über seinen Verbleib.
Sie versuchten, mich zu beruhigen. Doch mir gingen ständig diese quälenden Fragen durch den Kopf. Was machten sie mit ihm? Wo hielten sie ihn fest? Folterten sie ihn womöglich?
Ich hatte inzwischen einen Anwalt gefunden. Das war nicht einfach gewesen, denn die Botschaft hatte abgewunken, als ich nach einer Empfehlung gefragt hatte. Sie wolle keine Werbung machen, hieß es. Sie stellte mir bloß ein Register mit den Namen von Anwälten zusammen, mit der sie schon einmal Kontakt hatte. Ob die kompetent oder nicht und billig oder teuer waren, sagte mir niemand. Ich konnte nur hoffen, eine gute Wahl zu treffen.
Ich wollte noch mehr tun, aber ich wusste nicht, was. Es überforderte mich, einfach nur warten zu können. Wenn Hannes sich bis zum Abend nicht meldet, fliege ich hin, dachte ich.
Gleichzeitig gelang es mir immer schwerer, eine Einsicht zu verdrängen. Eine, die sich mir genauso aufdrängte wie mein Gefühl am Anfang, dass er diesen Auftrag besser ausließ. Doch irgendwann ergab ich mich ihr. Ich wusste, dass Hannes eine lange Zeit nicht zurückkommen würde. Eine sehr lange Zeit.
6
Dieses Herumfahren hatte etwas Sinnloses. Es schien weniger um das Erreichen von Zielen zu gehen, als um das Herumfahren selbst. Diesmal fuhren wir etwa eine Stunde lang. Alles verschwamm vor meinen Augen zu einem Nebel. Die endlosen Fahrten, die ausdruckslosen Gesichter immer neuer ägyptischer Beamter, dazwischen nichts als Einöde. Ich war erschöpft und durstig. Schließlich fanden wir uns in einem Gang im 5. Stock eines großen Gebäudes wieder.
Es sah anders aus als die, die Karl und ich bisher kennengelernt hatten. Der Gang war mit Marmor ausgekleidet. Prächtige Gemälde hingen an den Wänden und Luster von den Decken. Wieder mussten wir warten. Ich sah, dass Karl langsam die Hoffnung verlor. »Karl«, sagte ich, »ich …«
Er winkte ab. Er hatte offenbar an meinem Tonfall erkannt, was ich sagen wollte. Doch wie absurd unsere Odyssee auch war, dies war nicht der richtige Zeitpunkt für die Klärung der Frage, wer sie verschuldet hatte. Wir brauchten unsere Energie, um durchzuhalten.
Ich lehnte mich an die Marmorwand des Ganges. Die Müdigkeit machte mir immer schwerer zu schaffen. Ich konnte mich kaum noch konzentrieren. Ich war es gewöhnt, längere Zeit ohne Schlaf auszukommen, doch jetzt kamen der Durst dazu und die Hoffnungslosigkeit dieser kafkaesken Situation.
Eine Tür ging auf. Ein Mann, etwa Mitte dreißig, trat zu uns heraus. Er war Europäer. Sportlich. Gepflegt. Gut ausgeschlafen. Darum beneidete ich ihn am meisten. Er kam direkt auf Karl und mich zu. Streckte mir die Hand entgegen. »Hannes Führinger?«
Er hieß Peter Schönburg, und obwohl er auf den ersten Blick als Diplomat der österreichischen Botschaft zu erkennen war, hatte ich nicht das Gefühl, dass jetzt alles besser werden würde. Warum eigentlich nicht? Ich wusste es nicht.
Während ich ihm die Hand gab, sah ich hinter ihm zwei ägyptische Beamte auf den Gang treten. »Sie müssen uns helfen«, sagte ich rasch. »Was die hier mit uns abziehen, spottet jeder Beschreibung.«
Die beiden ägyptischen Beamten stellten sich zwischen uns und redeten auf Arabisch auf Schönburg ein. Er diskutierte mit ihnen, dann sah er mich bedauernd an. »Ich darf nicht mit Ihnen sprechen«, sagte er. Er drehte sich um und verschwand wieder in dem Büro, aus dem er gekommen war.
Karl und ich blieben zurück. Was wir erlebten, hatte sich bisher wie ein düsterer Traum angefühlt. Jetzt war es, als würden wir daraus erwachen, in eine Wirklichkeit, die noch düsterer war. Was geschah hier? Wir hatten uns nichts zuschulden kommen lassen. Wir wollten bloß ordnungsgemäß angemeldete, kontrollierte, verpackte und versiegelte Waffen vom Flughafen zum Schiff bringen, im Rahmen des dafür von Amts wegen vorgesehenen Prozederes. Warum behandelten die uns wie Verbrecher? Weil ein eifersüchtiger Exfreund Lisas sie gegen uns aufgehetzt hatte? Das konnte nicht alles sein. Ralf wollte uns vielleicht einen Streich spielen, aber damit konnte er nicht gerechnet haben. Die Sache schien eine verhängnisvolle Eigendynamik entwickelt zu haben.
Die Beamten winkten uns zu einer doppelflügigen Tür am Ende des Ganges. Sie war aus schwerem Holz und mit goldenen Ornamenten verziert. Der Raum dahinter, in den uns die Beamten schoben, sah aus, wie ich mir ein englisches Botschaftsbüro aus der Kolonialzeit vorstellte. Ein wuchtiger Schreibtisch mit einem Globus und einem Füllfederhalter. Ein langer Besprechungstisch. Alle Möbel aus dunklem Holz. Hohe Fenster mit Vorhängen aus Damast. Auszeichnungen und auch hier Gemälde an den Wänden. Der Raum war sauber und aufgeräumt.
Sieben Männer befanden sich darin. Drei von ihnen waren offenbar höhere Beamte. Gut gekleidete, gepflegte Ägypter. Hinter jedem von ihnen stand ein Sekretär. Der siebente Mann war ein Dolmetscher.
Einer der drei Beamten trat an uns heran. Das musste der »Attorney« sein, von dem im Gefängnis die Rede gewesen war. Er war ein hagerer Mann Mitte dreißig, der seine mit Öl geglättete Frisur wahrscheinlich für chic hielt. Zumindest ließ sein grauer, glänzender Anzug vermuten, dass er Wert auf Äußerlichkeit legte, und da es ihm offenbar an Geschmack fehlte, sah er aus wie ein Schnösel.
Der Staatsanwalt bildete einen skurrilen Kontrast zu dem Dolmetscher, der mit ihm vortrat, ein klein gewachsener, dicker, etwa siebzig Jahre alter Mann. Der Anzug des Dolmetschers bestand aus einem abgewetzten Sakko und einer durchgesessenen Hose. Schon als er sich vorstellte, vermutete ich, dass er nicht viel besser Deutsch konnte als ich Arabisch. Was für ein Dreamteam, dachte ich.
»Excuse me«, sagte ich zu dem Staatsanwalt. »I …«
Er unterbrach mich mit einer abfälligen Geste, worauf der Dolmetscher sich zu Wort meldete. »Nicht sprechen«, sagte er.
Der Staatsanwalt drehte sich zu den anderen Beamten um und redete mit ihnen auf Arabisch. Ich sah den Dolmetscher fragend an, doch der zeigte keine Reaktion.
Während die Beamten redeten, betrat ein weiterer Mann den Raum. Er war groß, schlank und gepflegt. »Das ist Ihr Anwalt«, sagte der Dolmetscher.
Lisa hatte es offenbar geschafft. Das war immerhin ein Hoffnungsschimmer. Unser Anwalt hieß Ahmed Abouelkassem.
»Sagen Sie ihm, dass wir ohne Grund festgehalten werden«, sagte ich zu dem Dolmetscher. »Er soll herausfinden, was die uns vorwerfen. Ich will wissen, was hier los ist, verdammt noch mal.«
Durch meinen Ton wurden die Beamten wieder auf uns aufmerksam. Der Staatsanwalt schritt langsam zu uns herüber. Der Dolmetscher und der Anwalt erstarrten. Sie schienen regelrecht zu schrumpfen. Der Staatsanwalt sagte zwei Sätze, ganz ruhig und bedacht. Ich verstand sie nicht, aber seine Stimme klang drohend.
Der Anwalt drehte sich daraufhin wortlos um und setzte sich auf einen Stuhl in einer Ecke des Raumes. Dann wandte sich der Staatsanwalt an uns. Der Dolmetscher übersetzte. »Wer sind Sie und was machen Sie hier?«, fragte er.
Ich erklärte ihm so ruhig wie möglich, dass wir mit dem Auftrag, ein Schiff namens Four Smile vor Piraten zu schützen, auf der Durchreise seien, im Hafen von Suez an Bord gehen würden, und dass wir für uns und unsere Waffen alle nötigen Papiere hätten.
Der Staatsanwalt nickte und beriet weiter mit seinen Kollegen. Ich versuchte, Blickkontakt mit Abouelkassem, unserem Anwalt aufzubauen, doch der saß eingesunken und weiterhin stumm in seiner Ecke und ignorierte uns. Schließlich wies uns der Staatsanwalt mit Gesten an, den Raum zu verlassen.
Einer der Sekretäre führte uns zu einer Bank am Gang, wo wir Platz nehmen sollten. Ich bemerkte, dass die Tür, durch die Schönburg verschwunden war, offen stand. »Karl, die haben gerade unserem Anwalt gesagt, er soll still sein und sich in die Ecke setzen«, sagte ich. Ich sagte es so laut ich konnte, ohne zu viel Aufmerksamkeit zu erregen.
Karl verstand. »Stimmt«, sagte er ebenso laut. »Außerdem haben sie ewig lange über uns beraten, während der Dolmetscher kein Wort für uns übersetzt hat.«
Ich konnte nur hoffen, dass uns Schönburg oder jemand anderer von der Botschaft hörte. So wie die österreichischen Diplomaten sich bisher benommen hatten, konnte ich nicht davon ausgehen, dass sie achtsam und schlau genug waren, unsere Nachrichten wahrzunehmen und angemessen darauf zu reagieren. Doch den Versuch war es wert.
Als nächstes mussten wir einzeln in das Büro des Staatsanwaltes zurück. Zuerst war ich an der Reihe. Der Staatsanwalt saß jetzt hinter dem wuchtigen Schreibtisch. Die anderen Beamten und die Sekretäre hatten an dem langen Tisch Platz genommen. Ich sagte, auf seine neuerliche Frage, wer ich sei und was ich in Ägypten wolle, etwas ausgeschmückt das gleiche noch einmal wie gerade eben. Der Staatsanwalt wirkte abwechselnd belustigt und wütend.
Piraten gäbe es nicht, übersetzte der Dolmetscher für mich. Das seien Märchen. Es stellte sich heraus, dass der Staatsanwalt uns für Australier hielt. Das Wort »Austria« hatte er noch nie gehört. Er kannte das Land nicht. Schnösel, zumal ungebildete, in hohen Positionen sind gefährlich, dachte ich. Wenn die es auf einen abgesehen hatten, war mit allem zu rechnen.
Nachdem Karl unsere Geschichte ebenfalls erzählt hatte, brachten uns zwei Polizisten wieder zum Transporter. Ehe wir einsteigen konnten, hielten sie mir zwei Wasserflaschen hin. Als ich mit überschwänglichem Dank danach griff, zogen sie die Flaschen zurück. »Fourty dollar«, sagten sie.
Ich leckte mir über die Lippen, zog meine Brieftasche und gab ihnen das Geld. Ich musste dieses Wasser haben. Eine Flasche reichte ich Karl. Wir tranken beide gierig.
Der Gefängnisdirektor empfing uns diesmal im Innenhof. Wir mussten unsere Kleidung und alle unsere Sachen inklusive meiner 3.600 Euro und 800 Dollar abgeben. Ich hielt mich mit Protesten zurück. Sie würden in dieser Situation keinen Sinn ergeben. Der ägyptische Justizapparat, ob er diesen Namen nun verdiente oder nicht, hatte uns vereinnahmt.
Nicht nur der Zustand des Häftlings, der für uns übersetzen sollte, hatte mich gewarnt. Anlässlich der Inhaftierung Husni Mubaraks im Tora-Gefängnis hatte ich Berichte über die Zustände dort gelesen. Demnach war dort ein Menschenleben wenig wert und niemand fragte nach den Toten.
Wir bekamen weiße Hosen und Hemden. Sowohl das Wort »weiß« als auch die Worte »Hosen« und »Hemden« waren eigentlich unpassend. Es handelte sich um verdreckte Sachen, die aus ehemals weißen Lumpen zusammengeflickt waren. Als ich das »Hemd« überzog, fiel der rechte Ärmel ab.
Ein Wärter führte uns zu unserer Zelle. Durch kleine vergitterte Fenster in zwei Metern Höhe fiel dämmriges Licht in den etwa zwanzig Meter langen und fünf Meter breiten Raum. Der Boden bestand aus gestampfter Erde und Dreck. In die rohen Wände waren Betonbänke eingelassen, jeweils eine in Bodennähe und eine anderthalb Meter darüber. Diese Bänke dienten den Insassen offenbar als Schlafplätze.
Dabei gab es eindeutig mehr Insassen als Schlafplätze. Die Augen von ungefähr achtzig Männern richteten sich auf uns, als wir die Zelle betraten. In ihren Gesichtern standen Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Sie wirkten ausgezehrt und krank. Sie alle trugen weiße Lumpen.
Ehe ich mich weiter orientieren konnte, betrat ein Beamter die Zelle. Mehrere Wärter begleiteten ihn. In der Mitte baute er sich auf. Als er zu reden anfing, verstand ich das Wort Chief of Investigation, mit dem er sich offenbar vorstellte. Der Rest war Arabisch und offenbar nicht für uns, sondern für unsere Mithäftlinge bestimmt. Während der Chief of Investigation redete, streifte er uns mit keinem einzigen Blick. Unsere Mithäftlinge hingegen starrten uns unverwandt an, während sie ihm aufmerksam zuhörten.
Als der Chief of Investigation zusammen mit seiner Entourage wieder verschwunden war, sah ich mich noch einmal um. Hier sind wir also gelandet, dachte ich. In einer überfüllten, unerträglich verdreckten Gefängniszelle am Arsch der Welt, zusammen mit achtzig Männern, von denen wir keine Ahnung hatten, was sie verbrochen hatten. Vielleicht waren sie Diebe und Betrüger, vielleicht aber auch Mörder und andere Schwerverbrecher.
Wenn ich aus dieser Lage wieder heil herauskommen will, muss ich mich auf das Wesentliche konzentrieren, dachte ich. Vor allem musste ich herausfinden, was uns dieser Staatsanwalt vorwarf. Schließlich war unsere wahre Geschichte auch für jemanden, der nicht an Piraten glaubte und noch nie von Österreich gehört hatte, einfach zu verstehen, in allen Punkten belegt und durch und durch transparent. Meine Vorbereitung der Reise war so akribisch gewesen, dass uns die Ägypter nicht einmal die kleinste Verwaltungsübertretung vorwerfen konnten.
Als wir uns nach einem Platz umsahen, an dem wir uns niederlassen konnten, fiel uns auf, dass uns die anderen Gefangenen mieden. Erst nach einiger Zeit hörte ich einen von ihnen Englisch sprechen. »Hey, you two«, sagte er. »Come over here.«
Ein drahtiger Ägypter winkte uns zu seiner Betonbank. Wir setzten uns zu ihm. Er reichte uns Kekse, die wir sofort verschlangen. Zum ersten Mal seit langem bekamen wir etwas zu essen. Er gab uns auch Tee. Das stärkte unseren Überlebenswillen. »What did the Chief of Investigation say?«, fragte ich ihn.
Der Ägypter machte ein ernstes Gesicht. Er habe allen Häftlingen verboten, mit uns zu sprechen, sagte er. »He said you are terrorists from Israel.«
Ich schloss die Augen und rieb mir die Schläfen. Großartig, dachte ich. Wir steckten noch viel tiefer in der Scheiße, als ich gedacht hatte.
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