Kitabı oku: «Fast am Ziel»

Yazı tipi:

1


2


Ich selbst fand mich nie sehr quer und sehr queer. Ich fuhr immer auf der richtigen Seite. Die anderen fuhren falsch.


Rafał ist mein Koch, Chauffeur, Garderobier, Masseur, Apotheker, Aufmunterer, Begleiter – tagsüber.


Silke ist immer auffallend, nie ausfallend. Wir kennen uns bereits seit 1971, als wir beide international für die ‚Deutsche Grammophon‘ arbeiteten. Später hat Silke Pop gemacht und dabei die Welt gesehen, geheiratet und sogar Holländisch gelernt, bis sie nach Hamburg zu-rückkehrte. Jetzt organisiert sie mich und mein Leben.


3



Roland und ich haben seit 1976 fünfzehn Jahre lang zusammengelebt. Dann starb er. Die Beziehung war oft schwierig, immer wichtig und der Mittelpunkt meiner Welt.


Pali war meine erste große Liebe, die als Freundschaft bis zu seinem Tod erhalten blieb.


Harald war mein Freund seit der Schulzeit. Wir waren immer sehr philosophisch und sehr albern miteinander. In meinem späteren Freundeskreis wurde seine Heterosexualität bestaunt und bezweifelt.

4Mein Vater war ehrgeizig und charmant. In dieser Kombination erreichte er seine Ziele und konnte auf ein gelungenes Leben zurückblicken. „Aber nochmal würde ich das nicht wollen!“, sagte er. Der Weg war nicht das Ziel gewesen, sondern steinig.


Meine Mutter hatte At-titüde. „Wenn sie den Raum betritt, passiert etwas“, sagte Pali. Meinen Eltern verdanke ich mein Bewusstsein und mein Auftreten. Das machte mich ungeeignet für die Revolution.


Guntrams zweitjüngster Bruder nahm das Leben leicht. Das wurde im Alter immer schwieriger.


Der Zweitälteste nahm das Leben schwer. Deshalb schaffte er es nicht bis ins Alter.

5Maria Rinke, geborene Elshorst, war Tochter eines Brauereibesitzers und eine gute Partie, zunächst. Nach Krieg und Inflation war die Party vorbei. Da hatte sie einen pensionierten Offizier und ihre vier Söhne von ihm durchzubringen. Ein zermürbendes Schicksal.


Reinhold Rinke konnte Militär und sonst gar nichts. Nach dem Ersten Weltkrieg war die Mitgift aufgebraucht und er sollte seine Familie selbst ernähren. Eine Zumutung!


6

Achim, der älteste Bru-der meines Vaters wäre der einzige Sohn, den sein Vater geliebt hätte, sagte mein Vater.

7

PROLOG

Es gibt einen Intelligenztest: Futter liegt hinter einer kurzen Glaswand. Die meisten Tiere stoßen mit der Schnauze immer wieder gegen die Wand, statt um sie herum zu laufen. Nur wenige Arten erkennen, dass sie einen Umweg machen müssen, um ihr Ziel zu erreichen. Einsichtiges Verhalten setzt die Fähigkeit voraus, in ungewohnten Situationen durch Umwege zum Erfolg zu kommen.

Wer die kerzengerade Strecke sucht, wer in Gedanken und Gefühlen Abschweifungen sieht, wer Erinnerungen als Ballast empfindet, der sollte einen anderen Reiseführer wählen. Hier läuft das so: Der Weg ist die Richtung. Der Umweg ist das Ziel.

8

Originale Bilder: ©skydie/shutterstock.com, ©guentermanaus/shutterstock.com, Montage: ALEKS & SHANTU

9

UNWEG STATT UMWEG
UMWEG #1
MONTAG, 23. MAI 2016

In Hamburg im Winter kann man sich am Bildschirm wunderbar Versprechungen zusammenschustern, deren Einlösung durch die Wirklichkeit noch keine handfeste Bedrohung darzustellen scheint. Und so wurde an einem nebligen Februar-Sonntag – sonntags bin ich immer allein – aus dem angedachten Ausflug nach Kroatien gegen Mittag ein etwas längerer Ausflug und schließlich gegen Abend das Gebilde, das meiner ausufernden Fantasie angemessen ist.

10Am Montag, dem 23. Mai musste das Vorhaben mit derselben tapferen Ängstlichkeit angegangen werden wie ein Sonntagsbraten, den man, schon leicht beduselt, aus dem Rohr zieht, ohne sicher zu sein, ob er noch roh ist oder schon vertrocknet. Die erste Abweichung von meinem Plan, von Triest aus ein bisschen den Balkan zu erkunden, hatte schon recht viel weiter nördlich eingesetzt: Ich wollte über Berlin fahren. Die Entwicklung meiner Geburtsstadt liegt mir sehr am Herzen. Wenn ich merke, dass ich sehen möchte, wie es dort weitergeht, rechne ich mir das immer als eine Art von Interesse an. Das macht mich stolz. Interesse hält vom Selbstmord ab. Allerdings führt es leicht dazu, nicht sterben zu wollen, was einen bei Durchfall sofort an Darmkrebs denken lässt – bei Verstopfung natürlich auch. So ein Sonntagnachmittag ist lang, und da hatte ich gedacht: Die Autobahnstrecke nach Berlin ist langweilig. Was liegt denn da wohl am Wegesrand? Wenn ich mit meinen Eltern in den Fünfziger-, Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts durch die gruselige DDR nach Berlin gefahren war, kamen wir immer am abgewrackten Schloss in Ludwigslust vorbei. Anhalten durfte man nicht. Meine verstohlene Neugier, das Gemäuer betreffend, befriedigte ich bald nach dem Fall der Mauer und ließ auch meine Eltern an der Möglichkeit teilhaben, auf der Chaussee anzuhalten, um die Stallungen zu betrachten. Früher hätte ich das Zuchthaus in Bautzen riskiert, glaubte ich. Sogar meinen Reisebegleitern Silke und Rafał war die Anlage geläufig, weil wir sie, meinem Wunsch entsprechend, auf einer Rückreise von Berlin im vorigen Frühjahr angesteuert hatten. Der Ausflug ist allerdings in unserer Erinnerung etwas umwölkt, weil kurz hinter Ludwigslust das Auto zu stottern anfing und Rafał in der Fernfahrerkneipe, in der wir auf den Abschleppwagen warteten, leicht hibbelig sein Erfrischungsgetränk über Silkes Lederrock kippte. Da musste ich mir dieses Mal schon etwas anderes einfallen lassen und tat das auch: Mecklenburg und Mercedes hatten versagt. Mit dem neuen Daimler würden wir gleich weiterfahren nach Preußen, Friedrichs Preußen.

Ein glücklicher Mensch, na ja, wer war das schon? Der ‚Alte Fritz‘ jedenfalls war es bestimmt nicht: in seiner Jugend vom Vater niedergemacht, im Alter von seinem Freund Voltaire verspottet. Hätte er nur Flötenkonzerte geschrieben und keine Schlesischen Kriege geführt, dann wäre ihm die kurze Unsterblichkeit versagt geblieben. Was weiß ein U-Bahn-Fahrer zwischen Potsdamer und Alexanderplatz über ihn? Was geht er die türkischen oder friesischen 11Deutschen heute an? Wie viel wurde seit viertausend Jahren für ‚Ruhm‘ getan, und wie wenig blieb von ihm übrig? Frühere Wichtigtuer konnten in der offenbar tröstlichen Hoffnung auf Ruhm ins Mausoleum oder ins Flussbett fallen. Heute hat niemand große Chancen, der sein Quäntchen Prominenz nicht auskostet, solange er noch Schlagzeilen macht. Friedrich, so schätze ich ihn ein, wollte nicht berühmt werden, sondern das Richtige tun. Und weil er nicht religiös war, ist seine Hingabe, wenn nicht bewundernswerter, dann doch zumindest erstaunlicher. Ob sein Charakter heute in den Berliner Schwulenclubs verlottert wäre? Unmöglichkeiten sind gute Vorsichtsmaßnahmen. Wer kein T-Shirt hat, kann es nicht einsauen. Den Genius Loci des leichtlebigen Prinzen wollte ich sehen, das Sanssouci des verbitterten Alten kenne ich ja.

Schloss Rheinsberg liegt für jemanden, der seine Reisegefährten im vergangenen Jahr von Prag nach Wien über Karlsbad geführt hat (250 km Umweg, vier Stunden) eigentlich fast direkt an der Strecke Hamburg – Berlin. Wenn man die langweilige Autobahn bei ‚Herzsprung‘ (netter Name, nicht?) verlässt, fährt man beschauliche Landstraßen entlang; die hohen Chausseebäume lassen an Kutschfahrten denken. Nach einer Weile sind sich Navidame und Straßenschild einig, dass es nach Rheinsberg links lang geht. Allerdings ist das Wort ‚Rheinsberg‘ durchgestrichen, und die Linie darunter auch. Wir zögern ein wenig. Eine Umleitung ist nicht angezeigt. Also fahren wir weiter durch den warmen Frühlingstag. Der Himmel ist blau, der Raps gerade noch gelb, und von Zeit zu Zeit macht uns ein Schild darauf aufmerksam, dass es hier nach durchgestrichen Rheinsberg geht. Kleine, verwaiste Orte weisen weniger auf das Schloss als auf das Durchgestrichen hin, und es fallen einem ja auch gleich diese B-Movies ein, in denen ein gestrandeter Hauptdarsteller in eine Gegend mit menschenlosen Plätzen kommt. Als Zuschauer kann man nur geduldig abwarten, ob ein Atomversuch schiefgegangen ist oder zehn Meter dicke Spinnen aus einem Versuchslabor entkommen sind. Für uns Beteiligte war an der Stelle Schluss, an der die Straße aufhörte. Der Verlauf des Sandes ließ ahnen, dass sie vielleicht irgendwann dort mal wieder weitergehen würde. Einen Hinweis darauf oder gar einen Arbeiter gab es nicht. Dafür erschien dann aber doch eine Person mit Fahrrad. Dabei erkundigte ich mich bei ihr, wie man denn wohl nach Rheinsberg käme.

Das war gar nicht so schwer. Man musste ein Stück Gehweg nehmen, dann rechts 12abbiegen, dann links durch den Wald, dann wieder rechts und so lange weiterfahren, bis man wieder auf der Straße war, auf der Rheinsberg-Seite. Es war allerdings Sperrgebiet und strikt verboten. Der hilfreiche Brandenburger, dem altersmäßig noch die DDR geläufig war, gab uns den Rat: „Sie dürfen sich aber nicht erwischen lassen!“ Ich hasse es, wenn jemand mich verabschiedet mit den Worten: „Pass auf dich auf!“ Ich weiß dann nie so recht, wie ich mich verhalten soll. Betrifft das meine Brieftasche oder meine Unschuld? Und nun? Sich mit einem voll beladenen Großwagen nicht erwischen zu lassen, ist etwas weniger einfach als unter einem Maschendraht durchzuschlüpfen. Rafał tat das einzig Richtige: Er fuhr los. Dass wir hier nicht die Ersten waren, merkten wir daran, dass am Waldrand überall Schilder mahnten: Das Betreten war nicht bloß verboten – es herrsche Lebensgefahr, stand da. Die konnte unmöglich von ein paar versprengten Sowjet- oder DDR-Soldaten ausgehen. Es waren diese Zehnmeterspinnen aus dem B-Movie. Ich war wirklich dankbar, dass ich ausnahmsweise nicht aufs Klo musste, und eine unendliche Viertelstunde später waren wir auf der Landstraße. Rheinsberg war auch nicht mehr weit. Verblüffend war nur, wie viele donnernde Lastwagen den verschwiegenen Ort gefunden hatten.


Hanno und Birgit (1967 im Partykeller)


Roland und Hanno (1976 in Berlin)

13Ich wurde vor dem Schloss ausgesetzt, Silke und Rafał sahen sich nach einem Parkplatz um, den sie am anderen Ende der Grünanlage fanden, so nahe, dass selbst ich die Strecke nachher bewältigte. Erstmal aber wurde das Bauwerk besichtigt, von außen zumindest. Es war Montag, also geschlossen. War mir recht. So konnte ich mir ausmalen, wie der winzige, mädchenhafte König da entlangflaniert ist; es gab recht wenige Besucher; das Wasser war spiegelglatt, und die Schwäne machten lange Hälse.

Silke hatte schon vor Wochen meine lange Hotel- und Restaurantliste abgearbeitet, und so wurden wir im ‚Ratskeller‘ bereits erwartet, natürlich als Einzige, die reserviert hatten. Das war auch gut so, denn sonst hätten wir keinen Tisch im Schatten bekommen. Gäbe es Google nicht, hätte ich den ‚Ratskeller‘ für eine dunkle Höhle gehalten; so aber wusste ich, dass die weiträumige Terrasse, nur durch ein bisschen bebaumtes Grün vom Schloss getrennt, vor dem historischen Gasthaus mit einer ansehnlichen Speisekarte aufwartet. Sehr freundliche Bedienung, sehr schöner Blick, na ja, und sehr viele LKW. Es erhob sich die Frage, ob Schloss Rheinsberg unmittelbar an der Tanklasterstrecke Berlin – Rostock – Stockholm liegt, sie blieb aber unbeantwortet. Wir dagegen wurden von unserer Navifrau sehr merkwürdig und unter strikter Autobahn-Vermeidung geleitet. Ein märkischer Flecken nach dem anderen zeigte uns leicht angeberisch seinen Dorfplatz und seinen Friedhof. Dann kamen wir nach Oranienburg, wo ich meine Mitreisenden auf das KZ Sachsenhausen aufmerksam machte. Schon im vorigen Jahr hatten sie Theresienstadt ausgelassen und so fuhren wir weiter nach Berlin zu unserem Hotel ‚Dude‘. Das ‚Dude‘ liegt so gerade eben noch in Mitte, fast schon Kreuzberg, am letzten Zipfel der Köpenicker Straße, die dann südöstlich verläuft und sehr lärmig wird. Man wird im ‚Dude‘ nett behandelt und kann dort schlafen, wenn man Zimmer zur Straße hat. Auf der Hofseite entsteht ein Komplex, groß wie der Hauptbahnhof, und die Bauarbeiten beginnen zu einer Zeit, zu der ich mir ein Aufwachen selbst im Traum nicht vorstellen kann.

Zum Abendessen waren wir mit Birgit verabredet. Mit ihr war ich 1966 bis 1971 befreundet; dann verließen wir beide Hamburg in unterschiedlicher Richtung. Seit ein paar Jahren treffen wir uns wieder in Berlin. Auf dem Kopf und im Herzen ist sie ganz rot, mit der Zunge sehr schnell und mit dem Vater ihrer zwei Söhne auseinander. Birgit kam pünktlich und schlug gleich vor, mit 14ihrem Auto zu fahren, was es Rafał, der ja heute schon einiges an Strecke hinter sich gebracht hatte, gestattete, aus dem Seitenfenster zu sehen und sich auf hinreichend Weißwein zu freuen.

‚Die weiße Villa‘ war auch mit Navi nicht leicht zu finden und etwas verkramter, als ich sie mir vom Bildschirm her vorgestellt hatte. Der – konnte man den Empfangschef nennen? – schien mir halbwegs routiniert zu überspielen, dass ihm Silkes Reservierung nicht sehr bekannt vorkam. Aber er führte uns auf die Terrasse, zwei Tische wurden zusammengerückt; es war heiß, und der Müggelsee lag völlig entspannt zu unseren Füßen. Das Verhältnis von lebhaften Gästen zu angestrengtem Personal war nicht besonders arbeitnehmerfreundlich, was aber nach meinen Erfahrungen schon zu DDR-Zeiten so gewesen war; bloß, dass sich die Kellner inzwischen nicht mehr trauen, unangenehm zu sein: eine wesentliche Errungenschaft des Kapitalismus.

Bei ‚TripAdvisor‘ las ich erst am nächsten Tag: „Es ist eine Katastrophe! Habe am 05.05. von 14:15 Uhr bis 15:20 Uhr mit Familie auf das Essen gewartet. Das Essen meiner Ehefrau war völlig ungewürzt. Keiner der Kellner kam auf die Idee, uns neue Getränke zu bringen. Schlechter geht es nicht!!“ So schlimm fand ich es nicht, obwohl wir ab 20:15 Uhr etwas länger als 65 Minuten warten mussten, aber ich liebe es ja, nicht zu essen. Mich hätte das Urteil, wenn ich es eher gekannt hätte, wohl sowieso nicht abgeschreckt, wenngleich ich auf Fades allergisch reagiere. Wichtig war mir für uns, möglichst hübsch am Müggelsee zu sitzen, und das taten wir.

Mit Roland war ich 1977 am Müggelsee gewesen. Rolands Großvater wohnte dort. Wir lebten seit einem Jahr und vier Monaten zusammen. Ich hatte Aufnahmen in der Philharmonie; im Mai ist Berlin, Duisburg aber auch, schöner, als es im November gewesen war, als wir uns gleich neben dem Ku’damm kennengelernt hatten; und wir nutzten den freien Sonntag, um vom ‚Kempinski‘ im Westen zu Rolands Verwandtschaft ‚drüben‘ zu fahren. Ostzone und Gespensterbahn, das waren neben Walt Disneys Schnewittchen-Hexe die Sensationen meiner Kindheit gewesen. Auf zwei und drei verzichtete ich 1977 bereits, aber der Müggelsee – viel weniger rausgeputzt als der Wannsee im Westen und irgendwie rührend. Ich habe bei meinen jährlichen Besuchen in Büros, Privathaushalten, Clubs und Lokalen der DDR nicht ein einziges Mal eine Kulisse erlebt, die nicht spießig war.

15Neununddreißig Jahre später, jetzt im März, fuhr ich mit Silke und Rafał wieder an den Müggelsee, als wir wegen einer Veranstaltung in Berlin übernachteten. Es war kalt und das dunkle Wasser etwas unwirsch. Ein womöglich ungerechter Eindruck, der jetzt ausgeglichen werden sollte. Birgit redete engagiert wie immer, und unsere Meinungen wichen nicht störend voneinander ab, während der Wein dank Kühler nicht warm wurde. Das Wetter gab sich da interessanter, und viele Gäste drängten zum Aufbruch, was das Eintreffen unserer Speisen, nachdem die Bezahlvorgänge im Griff waren, deutlich beschleunigte. Blitze über einem See sind ein gern gesehenes Schauspiel. Wenn das Schlafzimmer um die Ecke ist, macht es noch mehr Spaß. Aber wir erreichten auch so trockenen Fußes Birgits Auto, nicht allerdings unsere Hoteltür. Über Hochhäusern, von denen ich immer vermute, dass sie ‚Hellersdorf‘ heißen, konnten die Wolken das Wasser nicht mehr halten. Beide Scheibenwischer erlebten eine gewaltige Herausforderung. Birgit blieb vor dem ‚Dude‘ im Wagen sitzen; wir konnten das nicht.

16

Originale Bilder: ©UbjsP/shutterstock.com, ©akepong srichaichana/shutterstock.com, Montage: ALEKS & SHANTU

17

INS WASSER GEFALLEN
UMWEG #2
DIENSTAG, 24. MAI 2016

Am nächsten Vormittag waren wir im Wedding. Bei Aleks & Shantu in der Müllerstraße. Dort lernte ich Tobi kennen, der seither meine Homepage betreut und sich ausdenken muss, wie das hier ins Netz gelangt.

18Bei der Bebilderung versuche ich zu helfen, soweit mein Archiv und Rafałs Smartphone-Bilder das zulassen. Dann ging es weiter westwärts, zu meinen ehemaligen Wirkungsstätten. Am Ku’damm wird zurzeit nicht ganz so viel Staub aufgewirbelt wie im Osten, aber das Westberlin meiner Kindheit ist kaum noch zu sehen, zumal es überwiegend aus Ruinen bestand. Ich hatte das ‚New York‘ am Olivaer Platz ausgesucht, das nun dort firmierte, wo es früher mexikanisch zugegangen war. Es war neu und chic und cool und kühl, und wenn es nicht geregnet hätte, hätte man draußen auf Leute und Platanen gucken können.

Am Nachmittag wohnte ich mein Hotelzimmer ab und las ‚Spiegel‘, damit ich eine Ausrede hatte, um nicht schreiben zu müssen. Die Ausrede hat gut gehalten. Bis auf ein paar Notizen habe ich erst gestern angefangen, den Reisebericht anzugehen: sieben Wochen! Die Nervenstärke hat nicht jeder. Silke und Rafał nutzten derweil die Fuhrunternehmen von Berlin, um shoppen zu gehen. Dabei braucht man, glaube ich, nicht mal etwas zu kaufen. Früher hieß das ‚Schaufensterbummel‘; aber das sagt man wohl nicht mehr.

Meine Idee, am frühen Abend auf dem Leipziger Platz zu sitzen und zu erleben, was sechzehn Jahre nach Abriss der Mauer aus dem geschichtsträchtigen Platz geworden ist, fiel ins Wasser. Also gingen wir gleich nach nebenan zu ‚Peppone‘, nicht vor dem Restaurant auf der Piazza Lipsia, wie es mir vorgeschwebt hatte, sondern drinnen, hinten. Nikolaus war pünktlich wie immer. Er ist – man sagt, glaube ich, ‚Art Director‘ – jedenfalls ist er Grafiker, und er gestaltet Hüllen von CDs und Logos von Filmen für meine Veröffentlichungslosigkeiten.

Die Lage des Lokals und die ‚TripAdvisor‘-Kommentare hatten mich beflügelt: „OK, aber kleine Portionen – hohe Preise …“ „Unbedingt eine Vorspeise bestellen, denn nur eine Hauptspeise reicht nicht. Die schwarzen Gnocchis mit Scampis sind wirklich empfehlenswert, nur es hätten einige mehr sein können.“ „WLAN funktioniert nicht, weil es angeblich vor einigen Tagen Probleme gegeben hat. Hochpreisig, dafür kleine Speisekarte und nur eine Sorte Fassbier. Ziel ist anscheinend, dass man sich auf die Weinkarte konzentriert.“ Es war auch wirklich alles sehr gut, nur leider viel zu viel für mich.

19

TOTE OMA MIT SCHLOSSBLICK
UMWEG #3
MITTWOCH, 25. MAI 2016

Am Mittwoch war das Wetter auch nicht besser, aber wir wollten sowieso abreisen: nach Halle! Also nicht wirklich, aber es mal kurz ansehen, das wollte ich. Die beiden ältlichen Kommissare des Hallenser ‚Polizeiruf 110‘ (die ehemalige DDR-Antwort auf den ARD-‚Tatort‘) ziehe ich mir auch in den Wiederholungen masochistisch gern rein und rede mir ein: Das ist jetzt meine Altersklasse und mein Niveau, und dabei komme ich mir vor wie ein schwanzschlaffer Rentner, der sich nur noch zu gebisslosen Nutten traut.

Trotz der inzwischen als nicht mehr lauftüchtig pensionierten Kommissare gab sich Halle extrem behindertenphob. Ans Zentrum war einfach nicht ranzukommen. Erst nachdem Rafał, der Gott sei Dank eine Zuneigung zu Verbotenem hat, längere Zeit kerzengerade durch gesperrte Straßen gefahren war, erreichten wir eine unüberwindbare Sperre, vor der er anhielt. Meinen Behindertenausweis, der mich berechtigt, verbilligt mit der Hamburger Hochbahn zu fahren, legte er vor die Windschutzscheibe – ich fand, sie sah gleich aus wie die Schaufensterauslage für gehobenen Krüppelbedarf – dann liefen wir los: direkt auf den Marktplatz. Da war alles beieinander: die Kirchtürme, die Gemüsestände, das Händel-Denkmal und das ‚Rossini‘. Die vielen Reihen mit Caféhaus-Stühlen sahen sehr einladend aus, und wenn es nicht so kalt und regnerisch gewesen wäre, hätten wir bestimmt keinen Platz mehr bekommen. So aber saßen nur ein paar abgehärtete Damen mit Eisbechern beisammen und sahen genauso aus, wie ich mir das für die Provinz vorstelle. Dem Kellner blieb gar nichts anderes übrig, als uns zu bedienen. Rafał begleitete mich in den ersten Stock. An solchen Orten müssen Toiletten im Lokal immer gut versteckt sein, sonst geht da jeder hin. Der Blick von oben auf den Platz war noch viel imposanter als von unten, was nicht als Kritik an der regenabwehrenden Markise gemeint ist. Ober kredenzten, und ich wollte Silke mal beurteilen lassen, ob wir da nicht eindrucksvoller speisen würden als dort, wo ich es vorgesehen hatte.

20Silke kam zurück und sagte: „Nein“. Ich hätte es schon ahnen müssen, als ich oben die Papierservietten bemerkt hatte. Noch viel dankbarer war ich ihrem untrüglichen Urteil, nachdem ich dann bei ‚TripAdvisor‘ gelesen hatte: „Es gibt sich – laut maßlos aufgeblähter Karte – durchgehend italienisch, ohne mit der italienischen Küche Vertiefteres gemein zu haben. Mitteldeutscher geht es gar nicht. Selbst einfache Gerichte sind so unzulänglich zubereitet, dass man am liebsten davonliefe. Wenn man es nicht tut, dann wegen der – spätabendlich – fehlenden Konkurrenz oder aus nacktem Hunger. Selbst das Bier ist zu warm, der Wein wässrig und das Brot abgestanden.“ „Das alles geschieht im Rücken der Statue des größten Sohns der Stadt, des Komponisten Georg Friedrich Händel. Er kann so wenig dafür wie sein Kollege Rossini, der sich, jeder Zoll ein Gourmet, im Grabe umdrehen mag für den Missbrauch seines Namens.“ „Ich wohne seit Jahren in Deutschland, aber die Pizza bei Rossini war bei Weitem die schlimmste, die ich mal gegessen habe. Das Gleiche meinten auch alle meine Freunde.“

Rafał erkundigte sich bei einem Einheimischen, wie er wohl mit unserem Auto wieder wegkäme. Wenden und Rückwärtsfahren ging nicht. Der Hallenser wusste Rat: Die Barriere ließ sich vom Pfosten heben, man fährt auf den Marktplatz und in der nächsten Straße wieder raus. Silke half sogar jemand dabei, den Pfosten wieder zu befestigen. Erwischen lassen durfte man sich natürlich genauso wenig wie im Kriegerforst vor Rheinsberg. Gut, dass die ‚Polizeiruf‘-Kommissare in Rente sind.

Also machten wir uns doch auf den Weg zum vorbestellten ‚MoritzKunstCafé‘, das auf irgendeine Weise Teil der Moritzburg sein sollte. Es war nicht leicht, aber wir fanden die Burg aus dem 15. Jahrhundert, und weil das Wetter so schlecht war, sogar einen Parkplatz. Den Weg in den Innenhof schaffte ich zu Fuß. An Draußensitzen war nicht zu denken. Meine Träume von ‚Toter Oma‘ (einer anhaltinischen Spezialität) mit Schlossblick begrub ich schweren Herzens, und wir betraten etwas Mensaartiges, in dem noch zwei andere Personen saßen. Etwa zwanzig leere Resopaltische waren zu überblicken. Auf einem von ihnen stand ein ‚Reserviert‘-Schild: Das war wohl unserer.

In der Aufregung hatte ich meine weiße Mappe mit den Erläuterungen vergessen, die ich mir, bei Wikipedia ersammelt, für jeden Tag zurechtgelegt hatte. „Aber vielleicht geht es ja noch authentischer“, dachte ich, und fragte 21die Frau, die hinter der Vitrine mit aller- lei Essbarem hervorgekommen war, offenbar, um uns zu bedienen: „Wie ist die Moritzburg zu ihrem Namen gekommen?“ „Was?“ „Wer hat hier früher gelebt?“ „Also … früher war hier die FDJ drin, hab’ ich mal gehört.“ Nennt man das ‚bildungsfern‘? Rafał rannte zum Auto zurück und holte meine weiße Mappe. Nachdem wir alles Notwendige über Halle am eigenen Leibe erfahren zu haben meinten, verließen wir Anhalt und fuhren nach Sachsen. Leipzig erwartete nicht nur uns, sondern Unmengen von Katholiken in der Diaspora. Einen Katholikentag finde ich nicht viel schlimmer als ein Freundschaftsspiel im Weserstadion oder einen Urlaub im Zeltlager – Hauptsache, ich muss nicht dabei sein. In Leipzig waren alle Quartiere belegt, doch im ‚Fürstenhof‘ waren noch herrschaftliche Zimmer für uns zu haben gewesen, weil nicht alle Gläubigen so reich sind wie der Vatikan und mehr Rucksacktouristen als Kardinäle angereist waren.

Da ich mich selbst, unter ziemlichen Gewissensqualen, mit dreiundzwanzig vom Katholizismus getrennt habe, halte ich jeden, der schon vierundzwanzig ist und immer noch katholisch, für schwachsinnig. In der Mädler-Passage saßen wir vor der ‚Mephisto-Bar‘, also durchaus richtig; denn selbst Goethe hat dem Teufel viel süffigere Texte geschrieben als dem doofen Faust, der eigentlich wissen möchte, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, sich dann aber doch mit einer Minderjährigen zufriedengibt.

Als wir da so selbstzufrieden unsere Drinks zwischen Tischchen und Lippen balancierten, erklangen Stimmen. Einzelne Stimmen, die miteinander anschwollen, Menschen, die diese Töne erzeugten, eine Gruppe, die dicht neben uns Halt machte, und dann wurde aus den hochhimmlischen Sphärenklängen ein irdischer, wenn auch natürlich tiefreligiöser Gesang. Passanten blieben stehen und uns nichts anderes übrig, als zu lauschen. Solch Eifer ist nun mal ergreifend: Mitten in einer dem Konsum geweihten Passage dieses Manifest von Gläubigkeit. Dieses Vertrauen, diese Zuversicht! Gerührt stiegen wir hinab in ‚Auerbachs Keller‘. Wie gläubig haben auch die Hitlerjugend und die FDJ gesungen! Da lasse ich mich doch lieber von Mephisto führen.

Wir sonderten uns wie üblich ab und gingen nicht in den ‚Großen Keller‘, in dem ja schon Faust leicht angewidert war, und in dem der Teufel die dümmlichen Trinker verwirrte, sondern hatten im vornehmen kleinen ‚Goethe-Keller‘ reserviert, in dem das Essen 22teuer ist und die Kellnerin nicht nur Schüsseln tragen, sondern auch alles das über ihre Örtlichkeit berichten kann, was die Hallenser Bedienstete nicht über die Moritzburg weiß. Ich akzeptiere ja, dass es Menschen gibt, die sich nicht für ihre Umgebung und ihre Entstehungsgeschichte interessieren, aber wieso dürfen die dann wählen? Andererseits haben hochgebildete Professoren die Nazis unterstützt. Wissen macht nicht immer klug.

Wir hatten schöne Plätze, was kein Wunder war, denn die Preise sorgten für eine Auslese, die dem Lokal nur eine begrenzte Anzahl an Gästen bescherte. Neckisch wirbt der feudale Keller mit seinem Namenspatron: „Es wird wohl ein ewiges Geheimnis bleiben, welcher sein Stammplatz war. Somit darf sich heute jeder Gast an diesem sitzend wähnen.“ Ich verzichtete auf getrüffelten Sellerieschaum und rosa gebratenen Hirschrücken und aß ein Leipziger Allerlei, für das ein gut bestückter Marktstand leer gekauft sein musste. Jedes Gemüse einzeln al dente gekocht und veganerfreundlich ohne Mehlschwitze. Was war hier wohl in DDR-Zeiten auf die Teller gekommen? Zur Toilette musste man am ‚Großen Keller‘ vorbei, in dem die Frommen in Heerscharen mit gesegneten Appetit einfache Speisen zu sich nahmen. Ich musste mich der sechsten Todsünde erwehren: des Neides.

Eine Taxe kam so dicht wie möglich an Auerbach heran. Ich quälte mich durch die inzwischen schon recht ausge-lassenen Gottesanbeter zum Ende der Fußgängerzone: Behindertengerecht geht anders! Vor meinem Schlaganfall hätte ich das Fahrverbot noch viel weiter getrieben, weil Autos das Stadtbild noch viel hässlicher machen als schlecht angezogene Menschen.

Silke und ich gingen in unsere schönen Zimmer, Rafał dorthin, wo ihm sein Smartphone anzeigte, dass er das finden würde, was er sich erträumte. Mein Neid war inzwischen wieder beherrschbar.

Wissen macht nicht immer klug.23

24

Originale Bilder: ©Claudio Divizia/shutterstock.com, ©Gunraya Ums/shutterstock.com, Montage: ALEKS & SHANTU

25

MIT DEM TICK RAFFINESSE
UMWEG #4
DONNERSTAG, 26. MAI 2016

Am frühen Morgen ging Silke in ihr Bad. Als sie es wieder verlassen wollte, bedachte sie nicht die drei Stufen, die den sanitären vom Schlafbereich trennten und stürzte abwärts. Ihr rechter Fuß war schlimm verstaucht und machte ihr zunehmend zu schaffen. Eine Stadtbesichtigung aus dem Autofenster war nicht nur durch den beruhigten Verkehr erschwert, sondern wegen der aufgebrachten Katholiken nahezu unmöglich.

26Immerhin sahen wir jenseits der gläubigen Menge den Neubau der Paulinerkirche, der dem Original glaubwürdig nachempfunden ist. Die Kirche geht auf das 13. Jahrhundert zurück, wurde 1521 in ihrer Renaissance-Variante eingeweiht und am 30. Mai 1968 von der SED gesprengt, um einem Plattenbauklotz zu weichen. Wer Kulturbarbarei erleben will, braucht nicht zu den Taliban oder den IS-Terroristen zu reisen. Ideologie hat in Leipzig erreicht, was der Krieg nicht geschafft hatte: ein Manifest des Glaubens in Trümmern.

Ich wollte gern die ausgedehnten Parkanlagen an der Pleiße sehen. Ein Stück des nach Entwürfen von Lenné angelegten Landschaftsgartens heißt nun wieder Johanna-Park. Zu DDR-Zeiten war das der ‚Zentrale Kulturpark Clara Zetkin‘. Es war auch hier nicht einfach, die Gegend im Wagen zu erkunden. Erst kam man nicht hin, dann nicht wieder weg, aber Rafał, der auch in dieser Beziehung nicht zimperlich ist, fuhr an einer eisernen Absperrung vorbei, haarscharf zwischen zwei Bäumen auf dem Gehweg hindurch und unbekümmert weiter durch Thüringen bis nach Franken. Die Polizei hat nichts gemerkt: Sie musste wohl Christen schützen.

Nicht zum ersten Mal stiegen wir in Alexander Herrmanns ‚Posthotel‘ in Wirsberg ab. Der Gasthof des Sternekochs ist besonders zur Festspielzeit gut besucht, weil auf jede Götterdämme- rung ja ein Nachtgericht folgen muss, und schon Wagner zog die Crème ba- varoise der Götterspeise vor. Wir saßen auf der Terrasse und sahen abwechselnd auf den idyllischen Marktplatz und auf Silkes anschwellenden Knöchel. Der angedachte Ausflug nach Bayreuth unterblieb, was zumindest mein träges rechtes Bein freute. Silke und ich ruhten lesend und sinnend, Rafał erkundete wie immer die Gegend, und ob er dabei auf Waldwege, Barockkirchen oder Männer trifft, ist nicht besonders wichtig: Er ist allem gegenüber aufgeschlossen.

Silke war einverstanden, das Abendessen nicht im gepriesenen Sterne-Restaurant einzunehmen, sondern sich mit dem ‚kleinen Bruder‘ zufriedenzugeben. Doch selbst da erwarteten Silke und ihre beiden Begleiter laut Eigenaussage: „Moderne Bistroküche mit AH-Effekt … Wer Alexander Herrmann abseits der Sternegastronomie erleben möchte, ist in ‚AH – Das Bistro‘ richtig. ‚As seen on TV‘ heißt das Motto. Hier erleben Sie die Seite von Alexander Herrmann, die man aus dem Fernsehen kennt. Unkomplizierte, nachvollziehbare Gerichte, immer mit dem Tick Raffinesse … Im ‚Fränkischen Tapas-Menü‘ kommt seine regionale 27Verwurzelung zum Vorschein – mit einer puristisch-modernen Version seiner Heimatküche in überraschender Form, à la Tapas … Saisonale Specials mit heimischen Produkten“, und ewig so weiter. Eine ‚Walhall-Lounge‘ gibt es auch für Wagner-Liebhaber, aber die sind wir ja nicht.

KRÖTE, GAUL UND SUSHI
UMWEG #5
FREITAG, 27. MAI 2016

Am nächsten Morgen war das Wetter nicht mehr ganz so gut, und während Rafał unser Gepäck aus den Zimmern holte – im Unterschied zu Grandhotels gibt es in ‚Romantik Hotels‘ stimmungsvollerweise keine Gepäckträger –, beschwerten sich zwei Autofahrer, dass sie nicht an unserem vor der Eingangstür wartenden Mercedes vorbeikämen. Rafał wurde zum ersten Mal ungehalten und wies die zeternden Franken darauf hin, dass er vor dem Hoteleingang richtig stand, verkehrt stand das Auto daneben, am Dorfbrunnen. Wohl wahr, vorbei kam trotzdem niemand.


Hanno (1957 am Tegernsee)

Der Regen hörte zwei Stunden später auf, allerdings nur, weil wir aufhörten, in Franken zu sein. In der ‚Tagesschau‘ 28wurde noch tagelang von Überschwemmungen berichtet. Weil aber das Wetter in Oberbayern so schön war, drängte es mich, an München nicht einfach vorbeizufahren. Bei gleißendem Sonnenlicht den Englischen Garten zu sehen, die Maximilianstraße, die Isar – aus dem Autofenster, meine Welt, meine untergegangene Welt, die Achtzigerjahre. So wie sie heute abfällig geschildert werden, habe ich sie nie erlebt. Ich nahm mit Bernstein in München Mozart-Messen auf, schlief im ‚Vier Jahreszeiten‘ oder bei Kneipen-Bekanntschaften und hatte nicht eine Sekunde lang Angst vor Atomkriegen oder -kraftwerken. Im Gegenteil: Ich verachtete diese ganzen demonstrierenden Weltverschlechterer und bin noch heute davon überzeugt, dass die Berliner Mauer nicht fiel, weil beherzte Leipziger auf die Straße gingen (Panzer wären stärker als Menschen gewesen), sondern weil Reagan die Sowjetunion totgerüstet hat.


Hanno und Roland (1979)

Goethe lässt Mephisto realistischer sein, als ich die Friedensbewegung einschätzte, wenn er ihm in den Mund legt, er sei „ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“. War es nun anrührend, bitter oder belanglos, an diesen Schauplätzen meiner Glanzzeit vorbeizurauschen? Ich wusste es nicht. Um halb zwei, genau 29nach Plan, waren wir bei ‚Bachmair an der Weissach‘. Das erste Mal war ich dort 1956 gewesen, in den Sommerferien mit meiner Mutter am Tegernsee. Im April war ich aufs Gymnasium gekommen: reine Jungenklasse, Pauker mit Vorkriegsgesinnung. Aus mir war plötzlich ein schlechter Schüler geworden. Ich war sicher, ich würde sitzen bleiben und schämte mich schon im Voraus. Die Nordsee in den Jahren zuvor hatte ich nicht gemocht, aber der wolkenverhangene See mit den flachen Bergen machte mich auch nicht glücklich. Um die Langeweile zu unterbrechen, ging meine Mutter an einem Nachmittag mit mir in einen Zeichentrickfilm. Da sang eine der Figuren: „Humdadi, humdada, Hunger ist der beste Koch.“ Es ist doch wohl bezeichnend, dass ich diese Zeile nie vergessen habe. Wie oft habe ich seither vor erlesenen Köstlichkeiten gesessen und mich nach dem Koch ‚Hunger‘ gesehnt. Die grantige Wirtin unserer Pension behandelte uns schlecht, was meiner Mutter mehr als mir auffiel. Als dann aber mein Vater mit Chauffeur eintraf, war sie wie verwandelt, was meiner Mutter erst recht auffiel. Mein Vater blieb zwei Tage, an einem davon entflohen wir der ‚Kröte‘, wie meine Mutter sie nannte, und aßen bei ‚Bachmair an der Weissach‘.

1962 und 1963 waren meine Mutter und ich wieder am Tegernsee. Dieses Mal sollte ich auf dem Margaretenhof Reiten lernen. So richtig klappte das nicht, und was ich besonders demütigend fand, war, dass mir ‚Alpensohn‘, der lahmste Gaul im Stall, als ich ihn satteln wollte, gegen die Kniescheibe trat. Daraufhin konnte ich tagelang nicht nur nicht reiten, sondern auch nicht laufen. Als mein Vater mit neuem Chauffeur kam, um uns abzuholen, schaffte ich aber die Strecke vom Parkplatz bis zur Wirtshaustür von ‚Bachmair an der Weissach‘ problemlos.

1979 auf dem Weg von Othmarschen zum Peloponnes war am ersten Tag ein Mittagessen an der Weissach selbstverständlich. Dafür hatten Roland und ich schon um halb fünf unser Bett verlassen, und Harald stieg als Dritter im Bunde um fünf Uhr dazu und bei ‚Bachmair‘ als Erster wieder aus. (Er hatte am Steuer gesessen.) Danach waren meine Eltern und ich bis in die späten Neunzigerjahre immer wieder in dem Lokal, meistens auf dem Rückweg aus Meran. Wir aßen Schweinsbraten in der Bierkruste und hinterher Salzburger Nockerln. Dann war die Welt irgendwie in Ordnung, selbst, wenn sie es nicht war. Mein Hang zur Tradition hat dazu geführt, dass wir inzwischen wieder bei ‚Bachmair 30an der Weissach‘ einen Zwischenstopp einlegen. Silke ist die Gaststube längst vertraut, und selbst Rafał kennt sie schon. Aus unserem Landgasthof von 1956 ist allerdings inzwischen ‚Kulinarik vom Feinsten‘ geworden, und mein Vater hätte sich über seiner Bierkruste bestimmt gewundert, was einige Jahre später nebenan los sein würde: „Die Vielfalt moderner japanischer Küche wird live im neuen Show-Cooking-Bereich der MIZU Sushi-Bar präsentiert.“

Wir blieben beim Bayerischen und fuhren über Kreuth an den Achensee. Die Navifrau führte uns recht seltsam, irgendwann erreichten wir eine kostenpflichtige Straße, die in ein hochalpines Naturschutzgebiet führte und sonst nirgendwohin. Wir schalteten die Lügnerin ab und kamen ohne sie problemlos auf den Brenner. In Südtirol gaben wir ihr noch eine Chance, die sie nicht nutzte. Sie log, es seien noch 430 km bis Meran und würde sechs Stunden dauern. Wir stopften ihr das freche Maul und erreichten unser zweites Zuhause problemlos in einer Stunde.

Dann also wochenlang wieder das angenehme Haus, wir nennen es ‚Villa‘, für Rafał und mich, für Silke die Wohnung im Nebenhaus, die Gärten sind durch ein immer offenes Tor verbunden, wie wir durch unsere Seelen und unsere Telefone. Am meisten bedeutet mir der Blick aus dem Fenster, vor dem ich im ersten Stock an einer roh behauenen Holzplatte schreibe. Da, wo bis zum vorletzten Jahr zwischen Zypressen links und Magnolienbäumen rechts, hinter der Palme in meinem Garten die beiden Pinien standen, erhebt sich nun ein weißes, gar nicht so schlimmes und auch gar nicht so hohes, schlohweißes bauhausartiges Gebäude für zwei Personen, die dermaßen gute Beziehungen haben, dass ihnen das Bauen in dieser geschützten Gegend gestattet wurde. Die beiden herrlichen Pinien sollen sie so lange mit Benzin gedüngt haben, bis sie eingingen und es angeblich niemandem leidtat, sie zu fällen. Ich zumindest hätte mich sehr viel wohler gefühlt, wenn man die Grundstückseigner vorher an die Stämme genagelt und zu Tode gefoltert hätte, bevor man die Bäume fällt. Na, zu spät, jedenfalls fand ich es mit den Pinien hübscher.

31

ZIELE, IDEALE UND WAS DAVON BLEIBT
UMWEG #6
SA., 28. MAI – DI., 31. MAI 2016

Nun beginnt also die erste Ruhephase. Ist das erholsam oder anstrengend? Früher wollte ich an jedem Morgen wissen: Ich bin verantwortlich für etwas, ich muss nach London fliegen, ich muss ein Meeting vorbereiten oder ich muss einen Vortrag halten. Wofür steht man denn sonst überhaupt auf? Heute schlafe ich schon schlecht, wenn ich um elf einen Friseurtermin habe. Aufstehen ist jetzt eine unangenehme Unterbrechung meiner meist unangenehmen Träume, deren Charme ausschließlich in ihrer Konsequenzlosigkeit besteht. Und weil ich bei etwaigen Mittagsschläfen nicht erinnerlich vor mich hin träume, muss ich bis nach dem abendlichen Zähneputzen warten, bis ich diese Welt, in der ich es so gut habe wie nur wenige, verlassen kann – zurück in mein Traumreich.

Warten ist eine ausfüllende Beschäftigung, wenn sie von Sorge unterstützt wird: Hab ich die Prüfung bestanden? Kommt er noch? Ist sie tot? Wenn man aber auf nichts Bestimmtes wartet, muss man Pokémon Go spielen, lesen oder, wie ich, schreiben, was besser klappt, wenn man vorher gedacht hat. Wie in jedem Leben ist auch in meinem vieles so gelaufen, dass man es ‚schief‘ nennen könnte. Dazu gehört mein Mangel an Vorbildern.

EIN KLEINER EXKURS ÜBER: IDEALE UND IDOLE

Da ich ja sowieso keines meiner Ziele mehr erreichen werde, ist das Einzige, was mir noch bleibt, über die Unerreichbarkeit von Zielen zu schreiben. In diesem Thema fühle ich mich zuhause. Sein Ideal zu finden, ist ja selbst dann, wenn die Eltern das entgegengesetzte Ideal haben, nicht so schwer, manchmal sogar leichter. Sein Ideal aufzugeben, ist schon schwieriger, und sich seinem Ideal – bei modifizierter Beibehaltung – schrittweise anzunähern, das ist am schwierigsten. Ich 32habe sie alle eingebüßt, wie der Griff in ein Gebilde aus Rauch – Weihrauch. Ideale sind nur aus der Ferne schön, wie Wolken. Noch schlimmer steht es um die Idole. Ich hatte nie welche. Nicht Albert Schweitzer, nicht Elvis Presley, nicht Uwe Seeler. Und ich weiß nicht, ob das ein Mangel ist oder ein Privileg. Geschwärmt habe ich nur für Tote wie Beethoven oder Watteau, was man, glaube ich, nicht zählen muss. Mein Vater hatte Idole: Sportler, Hitler; meine Mutter fand Rita Hayworth als ‚Gilda‘ bewundernswert, und in dieser Rolle entsprach Rita ‚Heuwurz‘, wie ich sie nannte, zweifellos dem, was meiner Mutter um 1949 vorschwebte.

Meine Mutter war als Irena Wydoff in Zoppot aufgewachsen. Herr Wydoff spielte keine wesentliche Rolle im Leben ihrer Mutter, verstarb oder verschwand praktischerweise auch gleich nach der Trauung, die nur dem Zweck gedient hatte, die jüdische Frucht im Bauch meiner Großmutter legitim und irgendwie arisch zu machen, wobei das Arische erst später interessant wurde. 1920 fühlte sich Maria, verheiratete Wydoff, trotz ihres russischen Gatten als Polin, was damals in Zoppot nichts besonders Schlimmes war. Zoppot war, wie Irena mich lehrte, nach Biarritz das prominenteste Seebad Europas, und ein Vorort von Danzig. Wie Hochgebildete wissen, hatte das Deutsche Reich 1918 den damals einzigen Weltkrieg verloren und dadurch nicht nur ersetzbare Soldaten, sondern auch unersetzliches Land eingebüßt: Westpreußen zum Beispiel. Danzig wurde ‚Freistaat‘, was im Allgemeinen schiefgeht, so auch hier, aber Irena konnte sich bis 1939 in einer Art Ostsee-Monaco vorkommen, Kleider auf Anzahlung kaufen und zum Tanztee ins Casino schlendern. Diese schöne Welt ging zwar unter, aber wenn Rita Hayworth ‚Amado Mio‘ sang, lebte der Glamour im ‚Astor‘ am Ku’damm 1949 leinwandbreit wieder auf. Weil die Original-Aufnahme damals in Berlin nicht aufzutreiben war, musste sich Irena mit der deutschen Version begnügen, und so bin ich mit ‚In deinen Armen‘ statt mit ‚Amado Mio‘ auf Schellack aufgewachsen. Rita Hayworth sang zwar nicht mal im Original selber, aber das störte nicht weiter, zumal ja ihre Stimme für den deutschen Markt sowieso synchronisiert worden war. Entscheidender: Sie war elegant, undurchsichtig und traurig, also genau so, wie mein Vater meine Mutter im Mai 1943 im Zug von Posen nach Berlin kennengelernt hatte.

Als Idol hatte Rita Hayworth Mitte der Sechzigerjahre, als auch ich ‚Gilda‘ sehen durfte, ausgedient. Es hieß, die alte Diva liefe besoffen durch 33Hollywood. Erst später stellte sich heraus, dass ihr seltsames Verhalten nicht vom Alkohol kam: Sie hatte Alzheimer, eine damals weitgehend unbekannte Krankheit. Irene (ihr ‚A‘ war einem deutschen ‚E‘ gewichen) sah ihren Star rehabilitiert. Ahnungen sind nur nützlich, wenn man etwas ändern kann, wie etwa Irenas beherzte Flucht aus Danzig am ersten Kriegstag 1939. Das Kassandra-Schicksal, die Zukunft zu kennen, ohne sie ändern zu können, ist nicht wünschenswert. Und so war es auch gut, nicht zu wissen, dass Irene im neuen Jahrtausend ein ähnliches Schicksal von Kontrollverlust wie Rita Hayworth bevorstand.

Zu den Idolen meines Vaters fällt mir weniger ein. Meine Mutter korrigierte ihn immer leicht gereizt, wenn Guntram von ‚der Adolf‘ sprach. „Schatz, du kanntest ihn doch gar nicht!“, sagte sie. Die Sportler seines Lebens waren für mich alle Vergangenheit, aber bei Fußballspielen nahm mein Vater seit den Neunzigerjahren die Fernsehübertragungen auf VHS-Kassette auf. Wenn das Spiel gelaufen war, konnte er sich mit dem Ergebnis abfinden. Sähe er es live, fürchtete er, einen Herzschlag zu bekommen.


Irena (1939)


Irene (1955)

Jeder Mensch ist ja irgendwie irgendwann mal einsam, besonders beim 34Wegsterben. Deshalb war auch ‚Jeder stirbt für sich allein‘ ein so guter Roman-Titel. Sportereignisse sind das, was mich einsam macht – weil sie mir völlig egal sind. Wer wie schnell läuft, den Matchball übers Netz fegt oder ein Eigentor schießt, ist mir ausnahmslos schnuppe. Meine diesbezüglichen Selbstzweifel sind von Verwünschungen der übrigen Menschheit durchsetzt, ganz schlimm bei Fußball-Meisterschaften: „Wissen nicht, wer Kant war, können keine Guacamole hinkriegen, sind trotzdem wahlberechtigt und schreien schrill bemalt beim Public Viewing, als ob es um etwas Bedeutendes ginge.“ Natürlich habe ich das Problem des Geisterfahrers: Wenn alle Wagen mir auf der Autobahn entgegenkommen, fahre vielleicht doch ich verkehrt. Meine Wut über meine Begeisterungslosigkeit schlägt um ins Grundsätzliche: Wenn die Religionen nichts taugen und nicht mal die Ideologien, dann bleibt ja bloß noch der Humanismus. Der ans Kreuz genagelte Jesus und die ihre Kinder ins Licht geleitenden faschistischen oder sozialistischen Werktätigen sind mir alle genauso fremd wie Leute, die anderen Leuten beim Stabhochsprung oder Formel-1- Rasen zugucken. Ich finde das indiskret. Dass jemand hoch springen kann, ist toll. War vor 20 000 Jahren 35sicher hilfreich zum Überleben, geht mich aber heute eigentlich nichts an. Die Luftverschmutzung durch Rennfahrer und die Champagner-Verschwendung nach dem Sieg überstrapazieren meinen Sinn für Ausgelassenheit erheblich. Rechts-konservativ komme ich mir nicht vor, links-zukunftsgläubig auch nicht. Ohne Idole, ohne Ideale und doch mit Ressentiments gegenüber denen, die ihre Tage durchleben, ohne nach dem Woher und Wohin zu fragen, so bin ich. Vermutlich haben sich schon um 300 vor Christus mehr Menschen für Olympia interessiert als für Platon. Und dabei ist es geblieben. Weil mich das zwackt, bin ich selbst den optimistischen Bildungsidealen des Humanismus gegenüber skeptisch. Dass Gott die Welt in seinen sechs Tagen nicht so ideal erschaffen hat, wie es seinem Ruf entspräche, wird einem schon vom Mückenstich bis zum Krebstod klar. Die blöde Behauptung, alles Miese läge nur daran, dass Gott den Menschen den freien Willen gelassen habe, den sie sträflich missbrauchen, diese Behauptung ist ja genauso plausibel wie die, Katastrophen seien dazu da, die Menschen im Glauben zu festigen bzw. Sünder zu bestrafen. Ich weiß schon, so banal darf man Mysterien nicht aufdröseln. Warum eigentlich nicht? Weil sie sich sonst als Scharlatanerie erwiesen?


Guntram (1937)


Guntram (2. v. l.) und Freunde

Schiebt man die Religionen als Volksverdummung weg, was bleibt dann noch? Ich mag mich wirklich nicht als ,Nihilisten‘ bezeichnen, das Wort mag ich einfach nicht. Aber ,Atheist‘ nenne ich mich auch nicht gern, obwohl ich nicht an einen lenkenden Gott glaube (die unüberwindlichen Barrieren meiner Kindheit). So habe ich es gelernt: Man trägt keine braunen Schuhe zum dunkelblauen Anzug; man schneidet Kartoffeln nicht mit dem Messer; man ist nicht Kommunist, homosexuell oder gottlos. Seit meine Mutter tot ist, brauche ich ihre Gebote nicht mehr zu befolgen, aber diese Gebote zu übertreten, löst immer noch wohlige Schauer oder Betretenheit in mir aus.

36

Originale Bilder: ©Peter Probst/shutterstock.com, ©Nemo1963/shutterstock.com, Montage: ALEKS & SHANTU

37

AUFGABEN AUFGEBEN
UMWEG #7
MI., 1. JUNI – SA., 11. JUNI 2016

So, nun also die ersehnte Zeit der Aufgabenlosigkeit. Die macht ja fast jeden verrückt. Rafał war davon am wenigsten betroffen, weil er den Haushalt führen und kochen musste. Ich, der ich immer schon sehr liederlich, aber recht rezeptfreudig war, redete ihm kaum in die Kochwäsche rein, machte aber allmorgendlich für das Mittagessen Vorschläge, die zu meiner Freude als Weisungen ausgelegt wurden.

38Außerdem musste Rafał den Wagen in Meran zu Mercedes bringen, weil unterwegs an der hinteren Stoßstange ein Stöpsel für einen nie geplanten Anhänger in irgendeiner Garage ab- handengekommen sein soll. Diebstahl mit Fahrerflucht? Jedenfalls stellte sich bei dieser Gelegenheit heraus, dass das Navi auf ‚Fahrten ohne Tunnel‘ programmiert war. So musste ich der Frau im Cockpit Abbitte dafür leisten, dass sie uns über Ungarn statt über den Brenner hatte schicken wollen.

Silke konnte sich von der Aufgabenlosigkeit fast genauso gut befreien wie Rafał, weil sie Mails beantworten, braun werden und schlank bleiben musste. Aber ich! Außer mein Selbstmitleid zu pflegen, gab es, wie die Dinge nun mal liegen, wenig zu tun, zumal ich alle hier in Meran sonst üblichen Therapien wegen meiner seelischen Unausgewogenheit auf unbestimmte Zeit verschoben hatte. Zunächst mal las ich tagelang: über die Phönizier, die Pompadour, die USA. Ich stellte mir die Welt mit Trump, Putin, Marine Le Pen und Beatrix von Storch vor und freute mich schon aufs Totsein.

Doch dann begannen auch meine Pflichten. Als ich noch arbeitete, kannte ich etwa fünfhundert Leute: teils beruflich, teils sexuell. Heute kenne ich immer noch fünfzig Menschen, Tote nicht mitgerechnet, und ein paar von ihnen wollten mich zu meinem Geburtstag besuchen. Das war schmeichelhaft, aber vor allem eine Aufgabe; denn wenn ich etwas besonders schlecht kann, dann ist es, Dinge einfach auf mich zukommen zu lassen. Diese (Un-)Fähigkeit begründete meine Paranoia wie meine Erfolge: Ich sehe die Welle, bevor der Ozean von ihr weiß, und ich habe mich bereits entschieden, ob ich ihr trotzen oder ihr entrinnen will, bevor das Wasser überhaupt darüber nachdenkt, ob es sich kräuseln soll. Natürlich waren die meisten Vorbereitungen schon von Hamburg aus angekräuselt worden, aber damit es nachher auch wirklich ganz spontan wirkt, muss man bis zum letzten Augenblick an jeder Einzelheit feilen. Da mich alle Gäste gut kennen, glaubt mir sowieso keiner, dass nicht jede Sekunde durchgeplant ist, aber alle geben sich erwartungsfroh in ihr Schicksal, also meine Hände.

39

ENDE DER EINSAMKEIT
UMWEG #8
SO., 12. JUNI – MI., 15. JUNI 2016

Als Erste kam Susi. Am Sonntag. Sechzehn Tage nach uns. Susi fügt sich gut ein, und wenn sie das nicht kann oder will, bleibt sie für sich. Wir kennen uns seit 1969, haben also schon viele Tote gemeinsam. Aus Solidarität oder Ehrgeiz schloss sich Susi meiner bereits seit einer Woche durchgehaltenen Abstinenz an, machte allerdings meine Quarkdiät nicht mit. Susi will nach ihrer durch Kieferoperationen bedingten Nahrungseinschränkung zunehmen, um etwas gesünder auszusehen, ich möchte meine Hosen wieder schließen können, ohne Erstickungsanfälle zu riskieren: Das sind schon Unterschiede. Vielleicht bin ich heute gebildeter als vor vierzig Jahren, aber das entschädigt mich ja nicht dafür, dass meine durch nichts zu ruinierende Schlankheit von damals einem zweifelsfrei dem Alkohol anzulastenden Blähbauch gewichen ist. Da ich die Brautschau auch als One-Night-Stand längst aufgegeben habe, ist es eigentlich egal, aber aus Geiz scheue ich mich davor, meine überwiegend dreißig Jahre alten Kleidungsstücke auszutauschen, erst recht gegen 40Billigware. Rafał sorgt dafür, dass ich täglich etwas Frisches anziehe, und weil ich Unmengen an Garderobe habe und nie etwas wegschmeiße, finde ich, dass das meiste noch recht anständig aussieht. ‚Klamotten‘ gibt es bei mir nicht.


Susi (1975)


Susi (1970)

Mein sechzigster Geburtstag vor zehn Jahren war auch in Meran begangen worden, während in Deutschland das durch Bestechung erkaufte ‚Sommermärchen‘ der Fußballweltmeisterschaft für Begeisterung sorgte. An meinem in Hamburg groß gefeierten 66. Geburtstag 2012 fand das Spiel der Europameisterschaft an einem Ort statt, den ich in meiner Rede erwähnen wollte und den ich mir deshalb aufschreiben musste: Донецьк. Inzwischen ist Donezk ständig in den Nachrichten, traurige Berühmtheit. Zu meinem Siebzigsten jetzt ereilte mich die nächste Europameisterschaft, gewürzt durch Spekulationen über weitere Anschläge in Frankreich und knüppelige Auseinandersetzungen zwischen jungen Männern, die unterschiedlicher Meinung darüber waren, ob sie lieber auf die englische oder auf die russische Mannschaft stolz sein wollten. Gerechterweise gingen beide unter. Dass Italien, wo ich war, gegen Deutschland, wo ich nicht war, verlor, fand ich traurig, auch wenn es meine Gäste freute, weil ihnen so ein Schlaf störendes Hupkonzert erspart blieb. Dass man auf seinen Pass, seinen Postboten oder überhaupt auf etwas stolz sein kann, was man nicht selbst geleistet hat, habe ich nie verstanden und werde es nie verstehen. Auf mein Geld bin ich auch erst stolz, seit ich das Kapital nicht nur ausgebe, sondern auch vermehrt habe. Dass ich darauf viel weniger Steuern zahle als früher auf meine Gehaltsgelder, die ich mir mühselig erschuftet hatte, ist Glück. Und Glück kann man einfach genießen, ohne darauf auch noch stolz sein zu müssen. Sollte die Vermögenssteuer, über die sich mein Vater als ‚Besteuerung von Versteuertem‘ immer aufregte, diese nicht fiskalisch, sondern bloß optisch wirksame ‚Gerechtigskeits-Neid-Steuer‘ nach der nächsten Bundestagswahl wieder eingeführt werden, dann kann ich stolz sagen: „Ich habe im Sommer 2016 ordentlich viel ausgegeben, um das zu versteuernde Einkommen zu mindern“, und „ich habe, seit ich geerbt habe, jährlich so viel in die von mir gegründete Stiftung investiert, dass ich keine Lust habe, mich moralisch abtatschen zu lassen von Leuten, die noch nie unter Beweis gestellt haben, dass sie mit Geld pfleglich umgehen können.“

DONNERSTAG, 16. JUNI 2016

Am Donnerstag kam der zweite Schwall angereist: Rafałs Ehemann Carsten aus 41Kassel, mit Beagle Sally; Rüdiger aus Freiburg, mit Auto; Bo aus Stockholm mit seiner Frau Ingrid und aus dem Veneto Giuseppe, den ich 1981 in Venedig kennengelernt hatte, der also der Einzige der Anwesenden war, dessen Bekanntschaft ich nicht meinem Beruf, sondern meinem Charme verdankte, abgesehen von Rafał, den ich seinem Beruf und Charme verdanke, inklusive Mann und Hund.

Das Abendessen war zur Einstimmung der Neuankömmlinge bei ‚Sigmund‘ arrangiert: Man sitzt oberhalb der autofreien Hauptstraße und lässt von der Terrasse herab den Blick auf die Passanten, die Passer und die Berge schweifen, während der Himmel purpurn zu leuchten beginnt und man spürt: Nun bin ich angekommen. Dieses Schauspiel unterblieb. Es schüttete derart heftig, dass Rafał das Auto in gewohnter Skrupellosigkeit über die verbotene Brücke fuhr. So konnten Ingrid, die ebenfalls nicht gut zu Fuß ist, und ich direkt vor dem Wirtshauseingang aussteigen. Das hätte Rafał sich bei Sonne nicht getraut, schon wegen der Polizisten, die unter den stattdessen waltenden Umständen auch nicht im Regen stehen wollten, und das wiederum musste mich über den vermasselten Einstieg in die Feierlichkeiten hinwegtrösten. Eine dennoch etwas heikle Situation, denn wenn meine Pläne sich nicht haargenau umsetzen lassen, neige ich zum Durchdrehen. Aber sei’s drum: Drinnen im ersten Stock war es auch hübsch. Rüdiger hatte nach den beschwerlichen Reisen allgemeine Magenleere vorausgesetzt und schon mal ein paar Aufschnittplatten für den quälendsten Hunger bestellt, als Ingrid und ich die Treppe erklommen und Rafał noch nach einer Möglichkeit suchte, den Wagen so abzustellen, dass es niemand merkte.

42

EIN ABGESCHAFFTER FEIERTAG
UMWEG #9
FREITAG, 17. JUNI 2016

Die längste Zeit meines Lebens war das ein Feiertag gewesen: der Tag der deutschen Einheit, an die niemand mehr glaubte. Als sie dann doch kam, wurde er abgeschafft. Seither liegt mein Geburtstag etwas ungeschützt irgendwo in der Woche, was aber nicht so schlimm ist, weil ich gleichzeitig aufhörte, ins Büro zu gehen. Als am 17. Juni 1953 in Ostberlin der Aufstand ausbrach, war ich zehn Wochen zuvor in die zweite Klasse gekommen, und meine Eltern waren weg. Im Gegensatz zu Ulbricht fürchtete ich mich aber nicht vor den Konterrevolutionären, denn ich fürchte mich nun mal grundsätzlich nie vor Politischem, sondern bloß vor Privatem. Trotz meines nahenden Wiegenfestes schien es meinen Eltern interessanter, mit Freunden am Mittelmeer zu urlauben, als mich am Wannsee zu betreuen, was ich aus heutiger Sicht nachvollziehen kann und damals wie alle Zumutungen des Lebens hinzunehmen hatte.

Aus Westberliner Sicht ging ja alles letzten Endes noch recht glimpflich ab, aus Ulbrichts Sicht auch. Welche Vorwürfe hätte sich meine Mutter, rivieragebräunt, gemacht, wenn sie eine Woche darauf an der versperrten Grenze hätte mit ansehen müssen, wie ich ungeachtet ihres Händeringens in einem sowjetischen Panzer nach Sibirien verschleppt worden wäre und statt Schildkrötensuppe jahrelang Soljanka hätte essen sollen.

Nun gibt es also seit 26 Jahren keinen politischen Puffer mehr vor meinem Geburtstag, und dass er, eine von sieben Möglichkeiten, in diesem Jahr auf einen Sonntag fiel, konnte ich als Geschenk der Astronomie betrachten und bei Bedarf stolz sein darauf.

Um halb zwölf traf Anette in Bozen ein. Natürlich war ich mit Rafał mitgefahren, um sie abzuholen, natürlich war sie nicht da, natürlich hätte ich mich daraufhin noch dringender als sonst untenrum erleichtern müssen, und wenn ich nicht weiß, sondern bloß hoffe, dass es vorne ist, ist es natürlich hinten; seit meine Prostata geschält ist, bekommt mein 43Hirn nicht mehr ganz so wie früher mit, was sich da zwischen den Öffnungen alles abspielt, aber während ich noch überlegte, was die Ankömmlinge und Abholer wohl von einem alten Mann mit Krückstock denken mochten, der sich hinter dem Behinderten-Parkplatz neben eine Linde hockt, erschien Rafał im zweiten Anlauf doch noch mit Anette, die offenbar nicht den Zug verpasst hatte, sondern nur meinen Helfer. So kam Anette ins komfortable Hotelzimmer und ich – tapfer wie jahrelang antrainiert – aufs eigene Klo. Auch Anette wollte nach der langen Bahnfahrt aus Osnabrück das tun, was viele Menschen als ‚Sichfrischmachen‘ bezeichnen und das von meinem Freund Harald und mir immer als ‚Sich-den-Schritt-Auswringen‘ gedeutet wurde.


Guntram und Irene (1953)


Guntram und Irene mit Werner Russ (1953 an der Côte d’Azur)

Um halb zwei saßen wir im ‚Relax‘, das zwar wie ein Friedrichshainer Strandclub heißt, aber zwischen Sisipark und der Straße nach Dorf Tirol liegt. Dort gibt es gut zu essen, Pizza nur abends, und es überfordert mein Gehvermögen nicht, den Weg von unserem Privatweg bis hin zu der geschützten Ecke seitlich des Eingangs zu meistern. Als zufällig Bo und Ingrid zu uns stießen – zwischen Hotel und Welt weniger verblüffend als an einem Sonntag Geburtstag zu haben – waren wir fast komplett. Am Abend wurden noch Thomas und Loïc 44erwartet. Sie waren bis Verona geflogen und wollten von dort einen Mietwagen nehmen. Das fand Anette so umständlich, dass sie dann doch lieber im ‚Damenabteil‘ mit dem Zug gekommen war. Was einem im Damenabteil entgeht oder erspart bleibt, beschäftigte mich vorhersehbarerweise die halbe vorangegangene Nacht lang, aber seit ich nicht nur die gut gekleideten Freundinnen meiner Mutter, sondern auch die Übertragungen vom ‚Kugelstoßen der Damen‘ auf dem Bildschirm verwundert erlebt hatte, gab ich mich da keinen übertriebenen Hoffnungen auf nächtliche Eleganz mehr hin.

Für 18:00 Uhr war ein Zusammentreffen in meinem Haus geplant. ‚Empfang in der Villa‘ stand auf dem Blatt Papier, das jeder in seinem Zimmer vorfand und das auch Auskunft darüber gab, wer wann in welchem Auto zu sitzen habe. Damit nicht alles nach dem Körperpflege-Ausflug einer Besserungsanstalt klang, war es so formuliert, dass man es auch ironisch lesen konnte, freilich, ohne sich über Zeit und Ort hinwegsetzen zu dürfen: Vierzehn unpünktliche Personen mit zu vielen oder gar keinen Ideen – das hätten meine Nerven nicht durchgehalten. Also kamen auch alle erschreckend rechtzeitig, besonders der Regen. Aber die ziemlich neue Markise hält ja ziemlich viel aus. Unsere Nachbarn Hiltrud und Albert hatten den kürzesten Weg. Aber selbst Loïc und Thomas hatten es von Verona nordwärts derart uhrgenau hinbekommen, dass meine Sitzordnung im Schloss Rametz keinen Schaden litt. Die Örtlichkeit war mit Bedacht so gewählt, dass sie sowohl vom Hotel ‚Mignon‘ wie von der ‚Villa‘ in vier Wagen rasch zu erreichen war. Außerdem ist das Essen gut und der Geschäftsführer nicht herzlich, sondern ehrerbietig, was für den ersten Abend eines Festivals durchaus passend ist. (Gestern zählte noch nicht.)

Das erste Mal habe ich 1981 meinen Geburtstag in Meran gefeiert. Meine Eltern hatten vier Jahre zuvor eine Wohnung am Ortsrand gekauft. Sie liebten Südtirol und wussten, dass ich es auch liebte. Unsere gegenseitige Zuneigung hat uns nahezu gänzlich um den damals in anderen Familien besonders ausgeprägten Generationenkonflikt gebracht. Kompromissfähigkeit habe ich mit der Vatermilch eingesogen, und sie hat in meinem Privat- und meinem Berufsleben zu solchen Erfolgen geführt, dass ich wohl auch in der Politik etwas hätte werden können. Aber vielleicht hätte mir meine Ideologielosigkeit im Wege gestanden: Sie macht Durchsetzung ein bisschen langweilig.

1981 war Silke wie so oft mit ‚Künstler‘ genannten Pop-Interpreten auf 45Tourneen, aber ihre Schwester Esther war da, mit Walter, den sie schon dringend wollte, obwohl er damals noch anderweitig verheiratet war. Meine Eltern hatten die beiden im ‚Mignon‘ untergebracht, das zu jener fernen Zeit noch keine fünf Sterne hatte und zur Wohnung meiner Eltern das Nächstliegende war, wenn auch nicht so nahe wie jetzt zu unseren heutigen Anwesen. Pali und Arthur im Doppelzimmer und Susi im ‚Einzel‘ schliefen ebenfalls dort, Harald in der nicht weit entfernten Wohnung von Hasso, dem ewig klammen Bruder meines Vaters, der sich die Anschaffung in Meran von seiner dritten Frau Karen hatte bezahlen lassen und das Zubrot für Haralds Unterbringung gern einstrich. Roland und ich hatten ein ordentliches Zimmer in dem Haus, in dem meine Eltern gedacht hatten, Teile ihres Lebensabends zu verbringen: eine Vierzimmerwohnung im obersten Stockwerk mit Blick auf nichts als Apfelplantagen. „Unverbaubar“, hatte der Eigentümer gelogen. 1981 wurden zu beiden Seiten Häuser errichtet. In den glaslosen Fenstern knallten die Plastikabdeckungen im Sturm, und Pali sagte: „In Hamburg wohnt ihr hübscher.“ Irene ging in die Küche, um ihrem Wutanfall freieren Lauf zu lassen. Sie rammte die Schere, mit der sie eigentlich Schnittlauch hatte schneiden wollen, 46in den Küchenboden, dessen PVC-Belag Kacheln vortäuschte. „Das muss ich mir in meinem Haus nicht sagen lassen“, zischte sie. Guntram sagte begütigend: „Püppchen!“, was sie nun wirklich nicht war, und ich dachte: „In wessen Haus denn sonst?“


Harald, Esther, Hanno, Walter


Hanno, Irene, Guntram


Geburtstagsgesellschaft (alle 19. Juni 1979)

Aber dann saßen wir doch alle ganz friedlich in dieser Wohnküche und spielten das Wahrheitsspiel, das Roland und ich so liebten: Nacheinander darf sich jeder eine Frage ausdenken, und alle am Tisch müssen sie beantworten. So wie die Gruppe zusammengesetzt war, brauchte man nicht zu befürchten, dass die Fragen harmlos blieben, oder gar die Antworten. Irene zeigte sich am nachhaltigsten von Susis Antwort zu ihrem Traumberuf beeindruckt: „Zuhälter“.

Susi kam, nun wieder 2016, vom anderen Tischende her in meinen Nachtisch und sagte, der für den nächsten Vormittag geplante Aufstieg zum Wasserfall würde den meisten zu viel. Es konnte sich bei diesen ‚meisten‘ nur um die vier Personen handeln, die in Susis engerem Umfeld saßen, und Susi steht in dem Ruf, einen besonders guten Draht zu mir zu haben. Da mir die ganzen Tage über nicht klar gewesen war, ob ich erleichtert oder enttäuscht hätte sein wollen, wenn mein Geburtstag ausgefallen wäre (Einmarsch der Russen in Italien, nordkoreanische Bomben auf Europa, der nächste Schlaganfall, das Jüngste Gericht oder Ähnliches) nahm ich Susis Mitteilung gelassen.

Der Wasserfall von Partschins gilt als Touristenattraktion, er ergießt sich aus schwindelnder Höhe hinab ins Vinschgau. Obwohl ich seit Mitte der Sechzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts dauernd in Südtirol war, hatte ich keine Ahnung von ihm, bis Rafał uns im vorigen Jahr dorthin schleppte. Es war, als hätte mich nach 63 Jahren in Othmarschen jemand darauf hingewiesen, dass dort die Elbe entlangfließt. Als wir Susi, die ein paar Wochen später eintraf, das Schauspiel zeigen wollten, war das Ausflugslokal unterhalb des steilen Pfades geschlossen, was ich für einen Samstag ungewöhnlich fand. Würde ein Skiliftbetreiber im Februar Urlaub machen? Obwohl ich im Allgemeinen kaum etwas die Kehle runterkriege, finde ich eine Erkundungstour ohne Lokaltermin unangemessen. Das Essen kann ich wegen Blockade oft nicht beurteilen, aber Sprachstil der Speisekarten und Zustand der Waschräume sagen oft ähnlich viel über die Örtlichkeit aus wie über die Aromen der Gerichte.

In der Nähe des prächtigen Wasserfalls fand ich ‚Onkel Taa‘, bei Google natürlich. Zunächst wollte ich es nicht in die engere 47Wahl nehmen, weil ich nicht recht einsah, warum ich im Vinschgau thailändisch essen sollte. Aber der knorrige Wirt erklärte mir später, dass er den Spitznamen von seinen kleinen Neffen bekommen und beibehalten habe. Das Lokal gibt es seit 1430. Damals herrschte in Thailand สมเด็จพระบรมราชาธิราชที่ 2, also Borommaracha II., und der Staat hieß noch 509 Jahre lang Siam.

Auf den mühsamen Anstieg zum Wasserfall konnte ich schmerzlos verzichten, und wenn die anderen keine Natur wollten – ich würde nicht schulmeisterlich auf Bundhosen bestehen. „Dann fahren wir eben erst um zwölf los und gleich zu Onkel Taa“, sagte ich und rührte den Löffel im Topfenmousse. Bei der Süßspeise bin ich immer schon so erleichtert, dass ich sie häufig aufesse.

LEBENDE UND UNSTERBLICHE
UMWEG #10
SAMSTAG, 18. JUNI 2016

Alle saßen pünktlich in den Autos, für die sie eingeteilt waren. Rafał fuhr mit Bo, Ingrid und mir vorneweg und verzichtete wegen seiner guten Ortskenntnisse auf die Navigatorin, was uns und die anderen drei Autos hinter unseren Rücken mehrfach durch Algund führte. An der ewig selben ewig roten Ampel machten wir uns Mut, die Nachzügler würden das bestimmt für eine Ortsbesichtigung halten, dann kamen wir doch nach Töll, wobei Rafał unentwegt den Rückspiegel anschrie, warum Giuseppe so langsam führe. In Töll mussten wir die vernünftige Landstraße auf den Reschenpass verlassen, über die Etsch-Brücke setzen, am Endzeit-Stimmung verbreitenden Bahnhof vorbeigleiten, und wenn man dann nach einer Weile auf dem ganz ehrlich als ‚Sackgasse‘ ausgeschilderten Weg denkt: „So, nun ist alles aus!“, dann kommt ‚Onkel Taa‘. Bei gutem Wetter kann man draußen sitzen. Wir saßen drinnen. Der Regen verhinderte, dass irgendwer den Wasserfall vermisste. 48Unser Tisch war festlich gedeckt, und es dauerte eine Weile, bis alle an ihm saßen, weil es viel zu begucken und zu bestaunen gibt. Wir tauchten ein in die österreichische K.-u.-k-Welt: Plüsch und Spitze und Sisis Badewanne im Hof vor steilem Felsen.


Hanno mit 16 Jahren (1962)


Hanno mit 19 Jahren (1965)


Hanno mit 22 Jahren (1968)

Was als Imbiss gedacht war, wurde ein reichhaltiges Menü. Ich aß, wie andere Nostalgiker auch, Schnecken. Das war in den Siebzigerjahren Mode gewesen. Silke schenkte mir damals zum Geburtstag Pfännchen aus feuerfestem Glas und chirurgisch anmutende Bestecke dazu. Die Schnecken lagen zu dieser Zeit in ziemlich einfallslosem Sud; man kaufte sie bei besseren Feinkost-Geschäften in der Dose, füllte die ausgewaschenen oder neu erworbenen, dekorativen Häuschen mit den glibberigen Dingern, bestrich die Öffnung mit sehr viel Knoblauch-Petersilien-Butter, und dann ab in den Ofen. Das war wesentlich umstandsloser, als es die durchtriebenen Alten Römer trieben: Sie sollen die nichts ahnenden Schnecken mit Milch gefüttert haben, damit sie anschließend schöner schmeckten. Aber auch heute noch freut sich Tierversteher und Bestseller-Autor Wohlleben kauend, wenn es das Huhn in seinem Mund vorher gut gehabt hat. Artgerecht gehalten, artgerecht gegessen. Wahrscheinlich ist es auch artgerecht, 49Menschen in Religionen gefangen zu halten. Evolution bevorzugt das Schneckentempo. Während wir vor vierzig Jahren die gesottenen Weichtiere mit den chirurgischen Zangen aus dem Gehäuse lösten und dann auf die Gabel piekten, um sie gekonnt an die Lippen zu führen, kamen wir uns sehr weltläufig vor: Vietnam ging uns nichts an, aber Manieren hatten wir. Unsere Eltern hatten nach dem Krieg noch Blumenkohl in Mehlschwitze gegessen, wenn überhaupt. Bei uns gab es allenfalls Broccoli mit gerösteten Mandeln. Pali merkte zurecht an, dass Schnecken wie ausgespuckter Kaugummi schmecken und nur dank ihrer forsch gewürzten Knoblauch-Verpackung genießbar werden. Veganer nehmen heute natürlich Distelöl mit enzymatischer Veresterung statt Butter.

Anschließend an die ausgedehnte, ausgelassene Mahlzeit musste noch das Sisi-Museum über den Seiteneingang des Restaurants besucht werden: Da ist alles an Puppenstuben, Küchen-Utensilien und Zierrat angesammelt, was es im späten 19. Jahrhundert gegeben haben mag.

Die vorgesehene lange Ausruh-Pause schrumpfte auf eine halbe Stunde. Der Raum, in dem ich auch jetzt sitze, in dem links vor dem langen Balkon mein Schreibtisch steht und vorn der Flachbildschirm, groß genug, um die Welt wohldosiert in unsere Abgeschiedenheit zu integrieren, dieser Raum war mit Gartenmöbeln und gepolsterten Auflagen so hergerichtet, dass er tatsächlich vierzehn Personen fassen konnte. Die Berge waren nicht zu sehen, aber die Gäste sollten ja auch mich angucken, denn nun hielt ich meine Rede. Für alle, die nicht dabei waren oder sie vergessen haben, ist sie hier nochmal. Scheinbar weit ausholend begann ich:

Liebe Seelen-Verwandte!

Mein erster runder Geburtstag, als ich zehn Jahre alt wurde, …

… an den erinnere ich mich nicht mehr. Zwei Monate vorher war ich aufs Gymnasium gekommen: der Wechsel von gemischter Klasse mit netter Lehrerin zu reiner Jungens- klasse, von Alt-Nazis unterrichtet – das war ein Kulturschock, von dem ich mich bis zur Oberstufe nicht erholte.

Dabei ist Jugend nicht zwangsläufig ein Nachteil, obwohl man das mit 14 damals oft so empfand. Zu meiner Kinderzeit sah man in Erwachsenen ja noch Vorbilder und nicht digital rückständige Bevormunder. 50Die Älteren zu verachten, das ging eigentlich erst ’68 so richtig los.

Ich war immer der Jüngste und der Ungeschickteste in der Klasse und dazu noch katholisch. Noch schlimmer hätte es in der Diaspora Hamburg um 1960 nur kommen können, wenn ich gesagt hätte: „Ich glaube nicht nur an den Papst, ich glaube außerdem, ich bin schwul.“ Meine Waffen wuchsen mir erst so richtig, als die Waffen mancher Draufgänger bereits stumpf zu werden begannen.


Roland und Hanno


Guntram, Irene, Pali, Harald, Roland, Hanno und Susi bei ‚Mary‘ (beide 1979 in Meran)

Ziemlich ungern verbrachte ich Zeit in unserem Schullandheim auf Föhr, weil es mir damals recht schlecht gefiel, mit anderen Jungen in einem Zimmer zu schlafen, und auch später lag mir immer sehr daran, mir auszusuchen, neben wem ich morgens aufwachte. Tagsüber gab es Unterricht. Abends saßen wir bei ‚Zumpe‘, was ich damals schon lautmalerisch fand. Drei der älteren Sitzenbleiber sahen in mir dünnem Ding eine fette Beute und forderten mich zum Skat auf. Wenn abwechselnd immer einer aussetzt, kann man das ja auch zu viert spielen. Da ich nie einen Ball ins Tor schoss, war es für die Sportskanonen überraschend, dass ich überhaupt bereit war, mich auf 51irgendetwas einzulassen, was nicht zum Unterricht gehörte, und weil um Geld gespielt wurde, schien ich das perfekte Opfer.

Mir die Skatregeln zu erklären, war freundlich von ihnen, aber überflüssig: Wenn meine Eltern verreist waren und meine Großeltern mich betreuten, dann hatten wir vorm Zubettgehen allabendlich Skat gespielt. Fernsehen gab es bei uns noch nicht, und meine Eltern waren oft verreist … – Ich nahm die drei Profis aus bis auf den letzten Pfennig.

Danach hatte ich weniger Probleme mit der Überlegenheit der Älteren. Vermutlich war ich eine Nerd-Vorform, und weil es Heim-computer noch nicht gab, wurde ich Partituren-Freak.

Jungsein ist, wie gesagt, nicht immer ein Nachteil; als Tarnung ist es, wie in diesem Fall, sogar ganz hilfreich. An der Kinokasse musste ich allerdings noch mit achtzehn meinen Ausweis zeigen für Filme, die jetzt sonntagnachmittags im Fernsehen laufen.

Dann wurde ich volljährig, damals mit 21; aber ich blieb albern, und inzwischen habe ich die Hoffnung aufgegeben, das zu werden, was viele unter ‚Erwachsensein‘ verstehen. Bei meinem 40. Geburtstag in Venedig war noch Roland dabei. Meinen 50. Geburtstag, auch in Venedig, begleitete noch mein Vater; meinen 60. hier in Meran meine Mutter.

Inzwischen bin ich Vollwaise.

Unter anderen Umständen, bei anderer Lebensführung hätte ich jetzt keinen Schlaganfall, sondern Kinder. Sogar Enkel. Schicksal! Mit Familie ist es wohl vorbei für mich, aber: Ich habe Freunde. Und so bin ich Euch aufrichtig dankbar, dass Ihr mich durch diese eigentümlichen Tage begleitet.

Ganz besonders danken möchte ich Silke und Rafał. Silke und Rafał sorgen jeden Tag für mich, und sie setzen meine Ideen um in Taten. Ich sage bloß ‚Fragsburg‘, aber Silke organisiert das. Ich sage bloß ‚Ossobuco‘, aber Rafał schmort es. So gut habe ich es.

Die Anreise hierher ist ein bisschen beschwerlich, bis ‚Lana International‘ endlich eröffnet wird, kurz vor Berlin-Schönefeld. Wie schön, dass Ihr trotzdem alle hier seid. Auf Euch! Auf mich! Auf uns!

52Danach zeigte ich einen Film. „Besser bei Regenwetter als bei 38 Grad im Schatten“, stachelte ich mich an, um die Darbietung zu genießen. Manchmal reicht es ja, sich auszumalen, wie viel schlimmer alles hätte kommen können, um mit dem Ist-Zustand seinen Frieden zu machen. Für Euphorie langen solche Überlegungen allerdings selten aus.

Der Film, den ich kurz vor der Abreise von Hamburg aus Bestehendem zusammengeschnitten hatte, zeigte den Schmiedlhof, oberhalb von Lana. Dort war ich ab Mitte der Sechzigerjahre mit Harald, später auch mit Roland, alljährlich für ein, zwei Wochen gewesen. Anfangs war das unserem studentischen Budget angemessen, später Weltflucht ins Ländliche. Die Wirtin Maria Malayer, hatte ich zu ‚Mary, der Herrscherin von Grissian‘ hochstilisiert und aus der braven Wirtin eine gemeingefährliche Terroristin gemacht. Selbst die grün schillernden Schmeißfliegen gehorchten ihrem Kommando. Ohne solche Uminterpretationen der Wirklichkeit bin ich schon seit frühester Kindheit nicht ausgekommen. Marys Sohn hatte eine verhärmte Frau geheiratet, die in ihrem Lady-Macbeth-haften Ehrgeiz darauf bestanden hatte, oberhalb des urigen Schmiedlhofs ein modernes Hotel zu errichten. Jedenfalls trauten wir ihr diesen Frevel eher zu als Marys phlegmatischem Nachwuchs.

Nachdem der Film also zur Einstimmung verdaut war, zerquetschte Aufständischen-Leiber und unter Schmeißfliegen begrabene Gesichter inklusive, machten wir uns auf den zugeregneten Weg in die Höhe. Gerade, als wir nach dreiviertelstündiger Fahrt vor dem Schmiedlhof parkten, durchbrach die Sonne die Wolkendecke: Wir stiegen aus unseren Archen und dankten Gott für den neuen Bund. Draußen an den langen, wettergegerbten Holztischen mit Blick auf Meran links und Bozen rechts zu sitzen, war unmöglich, aber auch an die heimelige Gaststube hatte ich lebhafte Erinnerungen: Bei meinen Wutanfällen über ein schlechtes Blatt hatte ich dort abends so manche liebe Skatkarte zerfetzt.

Es gab ‚Speck am Brettl‘, und Albert als Ortsansässiger verstand ihn so meisterhaft dünn zu schneiden, wie ich das nicht mal mit der Maschine hinbekäme.

Mary ist ja seit zwölf Jahren tot. Sie soll erhebliche Mengen an ‚Williams Birne‘ nicht bloß an die Gäste ausgeschenkt haben. Als ich sie zuletzt gesehen hatte, war aus einer fetten Matrone eine dürre 53Alte geworden. Im fünfhundert Jahre alten Flur plauderte ich mit Marys gutherzigem Enkel über Sommer, die weit vor seiner Zeit lagen. Er griff in die mir vertraute Kühltruhe und trank mit mir einen tiefen Schluck auf die Oma. Und all die vielen Toten, mit denen ich hier dereinst gestanden hatte, sahen zu und rührten sich nicht.

Unsolidarischerweise gingen oder fuhren wir dann die fünfzig Meter aufwärts zu seinem Onkel im ‚Grissianer Hof‘. Der Ort Grissian besteht aus diesen beiden Häusern und einer Feuerwehr-Station. Wenn es brennt, ist der Schlauch nicht weit.

Wir hatten wieder eine schöne, lange Tafel. Die Sitzordnungen für die einzelnen Veranstaltungen drückt mir Silke immer rechtzeitig in die Hand, damit nicht plötzlich zweimal dieselben Leute nebeneinander sitzen: Das wäre ein gastgeberischer Fauxpas. Wichtig auch, dass jede Dame einmal mich zum Tischherrn hat. So etwas ist genauso wichtig wie die Speisefolge, aber ich habe genügend internationale Meetings ausgerichtet, um an solchen Aufgaben nicht zu verzweifeln. Mary, die in ihrer rußgeschwärzten Küche zwischen Schnitzel und Schweinsbraten hin und her gewechselt war, hätte sich womöglich darüber gewundert, dass sich ihr Sohn, agenturberaten, schon im Internet anpreist: „Wir möchten unseren Gäste vor allem mit regionalen Produkten ein ganz besonderes Geschmackserlebnis bieten.“ Das Geschmackserlebnis hielt den Anforderungen stand; wir hatten ja auch schon einiges im Magen. Sehr froh war ich, dass später unten im Ort niemand den Vorschlag machte, aufzubleiben, bis mein neues Lebensjahr begann. Carsten, Rafał und Giuseppe traue ich zu, um Mitternacht zwischen all den jungen Männern im ‚Rossini‘ einen Schluck auch auf mein Wohl getrunken zu haben, falls sie dort nicht gerade anderweitig beschäftigt waren.

54

FÜNF STERNE UNTER GRAUEM HIMMEL
UMWEG #11
SONNTAG, 19. JUNI 2016

Siebzig zu werden ist kein Ruhmesblatt, seit es Antibiotika gibt. Bedeutende Menschen haben dieses Alter zuvor nicht erreicht, längst Vergessene haben es seither weit übertroffen. Ich liege wie üblich im Mittelfeld dazwischen, habe also eine noch mindestens so glorreiche Zukunft, wie Honecker sie der DDR zum vierzigsten Jubiläum vorhergesagt hat.

Hatten wir gestern auf dem Weg zu Mary die Hänge westlich der Etsch erobert, so machten wir uns heute auf den Bergweg östlich des Flusstals: zur Fragsburg. Alles aus möglichst vielen unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten, ist in westlichen Köpfen und Medien verankert: Der Kapitalismus muss sich in die Konsumenten hineinversetzen und Gemeinsamkeiten auf- spüren – wie will er sonst der Kund- schaft etwas verkaufen? Dem strammen Sozialisten reicht die edle Idee, der Ungläubige muss sich an der Kasse etwas einwickeln lassen, um Befriedigung zu finden. Die noble Fragsburg liegt in über- schaubarer Höhe. Früher ließen wir dort das Auto stehen, spazierten die Wiesen erst aufwärts, dann wieder abwärts und aßen anschließend an karierter Tischdecke Kaiserschmarrn. Jetzt nicht mehr.

„Eingebettet in die alpin-mediterrane Bergwelt Südtirols thront das Schlosshotel ,Castell Fragsburg‘ als ein Refugium der Ruhe hoch über Meran.“ Und weiter: „Egal, wie oft wir selbst unsere cinematographische Glas-Loggia schon betreten haben und über die Brüstung der Panorama-Terrasse hin-weg die faszinierende Kulisse Merans erblickten, selbst wir sind jedes Mal aufs Neue von der gewaltigen Schön-heit der Natur rund um uns wie verzaubert“, singen alle vom Fünf-Sterne-Generaldirektor aus Wien bis zum Zwiebelzerkleinerer aus dem Senegal unter Tränen im Werbechor der Homepage.

An Draußenessen war nicht zu denken, Panorama hin oder her, aber das 55Getränkebüfett konnten wir doch für den Aperitif in der Veranda ‚plündern‘, dazu gab es schon mal ein paar Häppchen, die im Senegal eine ganze Familie ernährt hätten. Nun packte ich wie vorgesehen meine Geschenke aus und war gerührt über Einfallsreichtum und Einfühlungsvermögen meiner Freunde. Da ich mir den Ruf erworben habe, kaufen zu können, was ich will, besteht die Herausforderung darin, mich mit Dingen zu überraschen, auf die ich selbst nicht gekommen wäre. Inzwischen habe ich die Bücher gelesen, die Kleidungsstücke angetragen und meine Vorfreude auf den Besuch der Elbphilharmonie gesteigert.

Während immer mehr farbiges Papier auf dem Holzboden landete, wurden die Kanapees weniger, die Gläser leerer und die Berge freier. Ich sah mir die feierliche Tafel an: ging gar nicht! Silkes telefonische Anordnung war nicht befolgt worden. Fürs Personal ist es natürlich bequem, wenn oben und unten niemand sitzt und die Bedienenden den Tisch leichtfüßig umrunden können. Mit meiner Sitzordnung war es unvereinbar, denn es hätte bedeutet, dass vier Personen auf je einer Seite keinen Nachbarn hätten, und zwei dieser Unglücklichen wären ausgerechnet Silke und ich gewesen. Wir gehörten ans Kopf- und ans Schwanz-, äh, an die beiden Kopfenden. Es musste eilig umdekoriert werden, dann kamen auch schon die Frohgestimmten leicht fröstelnd von draußen. Nun saßen wir so weit auseinander, dass jede Unterhaltung den Kehlkopf übermäßig strapazierte. Nachdem ein Tisch aus dem Ensemble entfernt worden war und alle gemütlich zusammenrücken konnten, wurde es dann aber ein sehr schönes, langes, stimmungsvolles Geburtstags- essen mit mehr und mehr Sonnenschein jenseits der riesigen, geöffneten Fenster.

Dementsprechend fiel die abendliche Verköstigung weit weniger gehaltvoll aus. Das ‚357‘ liegt gleich bei uns um die Ecke. Sein Name bezieht sich auf die Hausnummer an der ‚Via-Cavour-Straße‘ wie sie in Südtiroler Zweisprachigkeit heißt, und die Zahl wird von Italienern ‚trecinquesette‘ aus- gesprochen. Deutsche sagen: „Drei-hundertsiemunfuffzich“. Es gab Pizza und viel zu erzählen, und ich horchte in mich hinein, ob ich mich so alt fühlte, wie ich jetzt war.

Meine Altersgenossen, die damals alles umkrempeln wollten, waren mindestens so radikal und gläubig, wie ihre Eltern es gewesen waren, nur dass alles, was den Jungen nicht ins Weltbild passte, jetzt ‚faschistisch‘ hieß: ein Begriff, ehemals 56Auszeichnung, jetzt Schimpfwort, so wohlfeil wie inflationär. Ich hatte sie für Idioten gehalten, alle zusammen. Von der Liberalisierung profitierte ich trotzdem, eher lauthals als stillschweigend, aber der nachprüfbare Kontrapunkt interessierte mich immer mehr als der angebliche Konsumterror. Partituren sind realer als Utopien: Sie lassen sich wenigstens umsetzen. An etwas glauben zu können, ist vielleicht Gnade, aber niemals Verdienst. Und an etwas geglaubt zu haben, taugt vielleicht zu wehmütigen Erinnerungen, aber nicht als Entschuldigung – genauso wenig, wie es zur Rechtfertigung dienen kann, an nichts geglaubt zu haben. Im Alter werden die Huren fromm und die Radikalen zahm. Trifft nicht zu auf mich. Sähe ich nicht so abgewrackt aus, ich würde behaupten, ich habe mich nie verändert.

Zum Tagesausklang gab es noch eine besondere Attraktion: Wir versammelten uns auf der Terrasse, Licht gleißte auf, Feuerwerk-Fontänen stoben in die Nachtluft, Shirley Bassey behauptete in der englischen Version ‚Fafafa‘ einer italienischen Canzone aus dem Lautsprecher heraus, was ich seit, oh mein Gott, fünfzig Jahren schon von ihr wusste: ‚We’re only young but once then youth is gone. You can’t go back in time, for time goes on.‘ ‚Live for today, today is all that matters‘, behauptet sie weiter im Text kämpferisch-resignierend, während das italienische Original nur bedauert, dass ‚Il carnevale‘ vorbei sei. Vielleicht stimmt es nicht, dass ich keine Idole hatte, habe ich nicht doch auf inbrünstig-ironische Art für Shirley Bassey geschwärmt, während Gleichaltrige glaubten, ‚Black Sabbath‘ würde ihnen neue Welten erschließen? Dass Shirley Bassey auf dem Festival von San Remo sang und ihre Italien-Liebe so weit trieb, dass sie den Assistenten des Hoteldirektors heiratete, aber nicht irgendeines italienischen Hotels, sondern den vom ,Excelsior‘ auf dem Lido, das passte in Haralds und meine Gewissheit, dass Glamour und Kitsch einander nicht ausschließen, sondern bedingen. Von Silke, unserer Artist-Promotion-Expertin im Pop-Bereich, wusste ich außerdem schon damals, dass Rabauken, die in ihren Songs die Ungerechtigkeit der Welt anprangerten, gern in Nobel-Restaurants feierten, dort immerhin, um unetabliert zu bleiben, mit Gläsern um sich schmissen, oder aber gleich jenseits der Bühne unerkannt im Maßanzug liefen und ihre Kinder auf Privatschulen schickten. Vielleicht war unser Modell, das falsche Pathos der echten Empörung vorzuziehen, zynisch, aber dafür blieb es uns erspart, im späteren Alter Lebenslügen als wahre Werte ausgeben zu müssen. 57Shirley Basseys gespielte Zügellosigkeit ‚Today is all that matters‘ liebte ich vielleicht deshalb inbrünstig, weil sie mir auf immer versagt blieb: Ich konnte den Augenblick monatelang planen, ich konnte ihn hinterher jahrelang beschreiben – genießen konnte ich ihn nie, und so hätte Mephisto als Verführer an mir noch weniger Freude gehabt, als er sie an Faust hatte. Meine Mutter dagegen hat in ihrer Wahl für Rita Hayworth womöglich mehr Klasse bewiesen als ich mit meiner Shirley-Bassey-Schwärmerei: Irene konnte es fast ernst meinen, ich fast nicht. Rafał tanzte in der Mitte des Gartens, schimmernd erleuchtet, mit nacktem Oberkörper, während er zwischen den Fingern einen gefiederten Stab hin und her balancierte. ‚Fireball‘ nannte er die Performance. Es hatte etwas Magisches. Es war Artistik, es war Voodoo, es war eine Zueignung. Die Sterne zwinkerten in der Ferne: Einverständnis. Oder Bluff. ‚Il carnevale – fafafa – finice male – fafafa …‘ Ja, es endet eben alles schlecht, es sei denn, man betrachtet das Ende als Erlösung.

WIE WICHTIG BIN ICH?
UMWEG #12
MONTAG, 20. JUNI 2016

Vor ihrer Abreise durften Thomas und Loïc beim Frühstück auf der Hotelterrasse feststellen, dass es in Meran auch wolkenlosen Himmel geben kann; den hatten sie dann bis zum Abflug in Verona. Anette stieg stattdessen in den Bus und kam ganz ohne Zwischenfälle, also nicht weiter erwähnenswert, nach Südfrankreich in ihren provenzalischen Urlaub ganz ohne WLAN, was einem ja heute vorkommt, wie ohne fließend Wasser. Rüdiger fuhr zurück ins Badische, heute ein Klacks. Die Gedanken waren ja, entsprechend dem Volkslied, schon immer frei, falls man sich traute, sie zuzulassen. Inzwischen sind der physische Transport und die Digitalisierung so weit fortgeschritten, dass ich mir die Linie nicht nur als Verbindung zwischen zwei Punkten, sondern auch in einem höher 58dimensionierten Raum vorstellen kann, was aber nicht davon ablenken soll, dass ich nicht aufhören konnte, mich zu fragen, ob Gott, die Natur oder sonstwer mir etwas damit sagen wollten, dass sie das Wetter wie zum Schabernack gleich einen Tag nach meinem Geburtstag so prachtvoll gestalteten. War ich ihnen wirklich so wichtig, oder hatten sie so wenig zu tun? Egal, es ging um noch Wichtigeres: wohin heute? Montags haben ja die meisten Lokale geschlossen, Schloss Thurnstein nicht. Rafał kennt wie üblich den Besitzer und seine sexuelle Ausrichtung.

Im Innenhof mit Blick ins Tal saßen wir Zurückgebliebenen entspannt in legerer Kleidung und freuten uns, keine Touristen zu sein, was man schon daran merkte, dass wir weder Wanderschuhe von Salomon oder von Jack Wolfskin trugen noch Rahmgulasch mit Krautsalat bestellten.

TIER UND MENSCH
UMWEG #13
DI., 21. JUNI – DO., 14. JULI 2016

Nachdem sich auch Bo und Ingrid wieder auf den Weg nach Stockholm gemacht hatten, war die Party vorbei. Susi blieb etwas länger bei Silke, Giuseppe bei mir. Beide hatten ja Zimmer mit Bad. Wo man nicht teilen muss, stört man auch nicht. Carsten blieb am längsten, im zweiten Stock der ‚Villa‘, Rafałs Reich, und Sally mit beiden.

Ich bin nicht tierlieb, deshalb mögen Tiere mich: Ich lasse sie in Ruhe statt ihnen mit Zärtlichkeiten zuzusetzen. Das gefällt ihnen, und darum kommen sie gern zu mir. Mit Kindern ist es genauso. Sally ist zehn, da Hundejahre siebenfach zählen, also genauso alt wie ich. Hunde sind mir sowieso ähnlich. Wir verteidigen uns mit dem Maul: 59Sie beißen, ich rede. Seit ich mich ausdrücken kann, bin ich nicht mehr so hilflos. Sally hatte beunruhigende Knoten in der Brust. Carsten wollte deshalb eher abreisen, aber ich ergoogelte eine Tierklinik in Bozen, und da wurde Sally operiert. Wie vermutet war der Tumor bösartig. Das Wetter war gut, unsere Stimmung gedrückt. Wann passt schon mal alles zusammen?

Als Carsten abgereist war, zog ich nur noch ausrangierenswerte Kleidung an. Im Rahmen dieser Einschränkung hatte ich bis zum Schluss die freie Wahl unter meinen betagten Textilien, ohne dass ich fürchten musste, ein noch halbwegs ansehnliches Stück befände sich zum Zeitpunkt des Kofferpackens gerade in Rafałs nimmermüder Waschtrommel. Allen meinen Kleidungsstücken gönne ich zwar väterlich, die wilde, weite Welt kennenzulernen, aber manche sind einfach zu abgewetzt. Und dann ging sie los, die große Sommerreise: an nie gesehene und an lang vermisste Orte. Neugier im Kopf und Furcht im Herzen. Oder umgekehrt.

60

Originale Bilder: ©Nuttapong/shutterstock.com, ©Enrique Ramos/shutterstock.com, Montage: ALEKS & SHANTU

61

SCHACHFIGUR
UMWEG #14
FREITAG, 15. JULI 2016

Dass wir am Freitag, dem 15. Juli, gerade in der Mitte des Monats, aufbrachen, war genauso zufällig, wie dass wir auf den Tag genau vier Wochen später zurück sein würden: nämlich kein bisschen.

62Die Ästhetik der Zahlen ist im Alter einer Fahrt ins Blaue vorzuziehen, auch wenn unrealistische Filme und Bücher von ziemlich besten Freunden und mobilen Hundertjährigen mit Honig im Kopf schwärmen, weil diese Figuren den Nerv der Zeit treffen: Alt sitzt man heute nicht mehr hinterm Ofen, sondern auf dem Rücksitz einer Harley Davidson. Im Kino. Ich saß vorn. Privileg meines Schlaganfalls. Schönes Wetter ist immer verdächtig: Es könnte ja schlecht werden. Bei Regen gibt es diese Sorge nicht.

So wie ich jeden Abend beim Lichtausknipsen darüber nachdenke, ob ich mir eher auf der rechten oder auf der linken Seite ein rasches Einschlafen erliegen kann, so wichtig sind die Gedanken darüber, wie man am schnellsten auf die MeBo kommt. Seit ich denken kann, war die unberechenbarste Größe in meinem Kosmos die Zeit, die es dauern würde, durch die beschaulichen Weindörfer von Meran nach Bozen zu gelangen. Da waltete nicht Einstein, sondern das Schicksal. Brach man frühzeitig auf, um jemanden abzuholen, dann stand man eine halbe Stunde lang missmutig am Bahnhof im Halteverbot; fuhr man dagegen etwas später los, zuckelte man bei undurchdringlichem Gegenverkehr vierzig Minuten hinter drei Traktoren her, und die Abholperson saß tränenblind auf ihren Koffern. Aber dann plötzlich, 1999, war die Me(ran)Bo(zen) fertig, ohne dass ich je mitbekommen hätte, dass an ihr gebaut wurde. Seither ist das Leben um eine halbe Stunde reicher, und die will man nicht vergeuden. Zuerst sind wir einfach immer in Merano Sud auf die MeBo gefahren: Wir wussten es nicht besser. Dann entdeckte jemand aus meinem Umfeld den Anschluss ‚Marling‘: An den Außenfassaden der Rennbahn vorbei; und dann fiel mir die Strecke die Passer entlang nach Marling auf. Ich halte sie für die kürzeste Strecke, obwohl Silke sie nicht mag. Sie führt über die Bahngleise, und wenn die Schranke geschlossen ist, triumphiert Silke hinten lautlos. Als Pferdenärrin bevorzugt sie den Weg an der Rennbahn vorbei, obwohl eine ziemlich runtergekommene Anlage, in der niemand reitet, nicht viel anregender ist als ein nuttenloser Puff am Vormittag. Für Rafał ist die Auffahrt Merano Sud am praktischsten, denn da lenkt er nach einem etwas ärgerlichen Dreh um die einbahn- straßige ‚Via-Roma-Straße‘ herum das Steuerrad bloß noch geradeaus.

Wir fuhren meine Lieblingsstrecke, die Schranke war offen, und so konnte ich Giuseppe schon kurz nach elf aus dem Valsugana anrufen und ihm eröffnen, dass wir gegen zwölf in Marostica eintreffen würden. Marostica hat 13989 Einwohner, falls der fleißigen Wikipedia 63nicht inzwischen jemand weggestorben oder zugeboren wurde. Giuseppes Gemeinde Mason Vicentino hat 3503 Einwohner. Einer von dreitausendfünfhundertunddreien zu sein, darauf kann man doch stolzer sein, als sein Dasein in Tokio mit 37,37 Millionen Japanern abzuleben.

Marostica ist für Giuseppe der nächste kleinere Ort, Bassano der nächste größere und Venedig der nächste, von dem auch Menschen in Tokio schon mal gehört haben. Deshalb übernachten in Venedig 10 Millionen Besucher pro Jahr, 14 Millionen ‚Tagesgäste‘, wie die Heerscharen heißen, kommen hinzu, aber wir sind in diesem Jahr nicht dabei, obwohl wir weder bei ‚Cipriani‘ noch bei ‚Quadri‘ unangenehm aufgefallen wären.

An der Piazza von Marostica, die ein großes marmornes Schachbrett darstellt, das alle zwei Jahre mit verkleideten Menschen bespielt wird, habe ich zum ersten Mal 1983 mit Giuseppe gesessen und danach so oft mit so vielen meiner Lieben so viele Negroni getrunken wie andere in ihrer ganzen Erdenzeit nicht. Es wurde so ‚nah wie möglich‘ geparkt, und das blieb die ganze Reise über das, was ich neben der Aufgabe, doch noch ein guter Mensch zu werden, als das Problem meines Lebensrestes durchschaut habe: Aus dem Auto steigen und zu Fuß dort ankommen, wo ich hin will. Wenn man mit zwanzig überhaupt an später denkt, dann behauptet die Vernunft, dass man wohl Abstriche wird machen müssen, nicht nur an den Schleimhäuten, sondern auch an der Lebensführung. Aber wer rechnet damit, dass er nach zehn Schritten nicht mehr gehen möchte, dass er sich fast nicht mehr vorstellen kann, wie leichtfüßig er stunden-, ja, tagelang durch Städte und Wälder gelaufen ist? Früher.

Und dann war es die Piazza nicht mal wert, an ihr anzukommen. Falls sie es überhaupt war. Man sah nur Bretter. Innerhalb der Bretterwand fanden wir eine Lücke; da konnte man hindurchschlüpfen; dann sah man Tribünen und eine Bühne. Es war heiß und grell und grässlich, bis man auf der anderen Seite wieder ins Dämmerlicht trat. Dort konnten wir uns vor unser Stammlokal setzen und statt in Renaissance in Bretter gucken. Der Negroni schmeckte wie immer, Silke schickte Giuseppe eine SMS, und kurz darauf stieß er zu uns. Er hatte etwas schlauer geparkt als wir, aber noch besser hätte ich es gefunden, wenn er mir schon am Telefon gesagt hätte, dass Marostica dieses Mal keine so gute Idee sei, weil sich der Platz nicht nur zum Schachspielen eignet, sondern auch zum Lärmbeschallen, 64wenn Radau-Liebhaber dafür zahlen. „Cosa vuoi?“, fragte Giuseppe im Sinne von ‚Was soll man machen?‘, und die Antwort war, nachdem die Flüssigkeit von den Eisbrocken abgetrunken war, klar: weg hier!

Für das Mittagessen hatten wir im ‚Ca’Sette‘ außerhalb von Bassano gebucht. Als wir auf der Terrasse der Villa aus dem frühen achtzehnten Jahrhundert saßen und in den symmetrisch gestalteten Garten sahen, in der Ferne einen Olivenhain, fühlten wir uns in Italien angekommen; als wir die Speisekarte in Englisch bekamen, erst recht. Wäre in Südtirol nicht passiert. Der Ober war noch reservierter als unser Tisch, und ich fand, an den anderen Tischen wurden die Einheimischen freundlicher bedient, obwohl man ja nicht viel dichter zu diesem Beköstigungstraum als der Venetoese Giuseppe wohnen konnte, aber das wusste der Kellner nicht. Als Gast bin ich sehr empfindlich, lieber esse ich schlecht als schlecht behandelt zu werden. Ich bin nicht in Afrika und flehe um Hirse; ich will den Schweiß des Kochs und die Zugewandtheit des Tellerträgers schmecken. Sonst eben nicht. Ich komme tagelang ohne Nahrung aus, und wenn ich Gutes tun will, spende ich direkt und nicht an ein versnobtes Unternehmen.

Rafał als Fahrer trank kaum Wein, Silke gar keinen, und so hatten Giuseppe und ich die Flasche für uns. Eigentlich habe ich Karaffen lieber, und schlichte Nahrung liegt mir auch mehr als der aufgebrezelte Augenschmaus, den sich ambitionierte Köche ausdenken; bloß, dass in einfachen Lokalen die Teller immer so voll sind – das zwingt mich dann in diese Restaurants, in denen man viel Geld für fast nichts auf den Designer-Platten ausgibt. Ich bin eben von klein auf zur Sparsamkeit erzogen worden: Lasse ich die Hälfte zurückgehen, habe ich ein schlechtes Gewissen. Zahle ich viel dafür, dass ich nichts zu essen brauche, komme ich mir nobel vor.

65

DIE DREI VENEZIEN
UMWEG #15

Bis auf den kurzen Zubringer hatten wir den Rest der Strecke Autobahn. An Venedig vorbei – eigentümlich, dort nicht wie fast jedes Jahr zu verweilen, sondern dort wie noch nie einfach entlangzurauschen – aus dem Veneto über das Friaul nach Venezia Giulia. Wer sich ausschließlich für mich interessiert, muss die nächsten Absätze überspringen, wer auch ein bisschen Geschichte aushält, liest weiter.

Zunächst mal ist ja Gegend als solche bloß hübsch oder hässlich. Doch bereits da klaffen die Geschmäcker weit auseinander. Der eine liebt leere Heideflächen mit einem Wacholder in der Ferne wie im Totengrund, die andere liebt hohe, von Behausungen zugebaute Berge wie im Tibet. Gegend ist aber außerdem Schauplatz von Geschichte, besonders in Italien, und Geschichte bedeutet im Allgemeinen nicht, die Tochter des Herrschers über Tumpeldumpel wird ins Ehebett des Sohnes vom Herrscher über Hampeldampel gezwungen, sondern die Untertanen von Tumpeldumpel fallen über die Bewohner von Hampeldampel her, oder umgekehrt, weil sie selbst oder zumindest ihr Herrscher deren Land wollen, was sie aber so nicht sagen. Sie sagen, dass sie beleidigt wurden, einem Gegenangriff vorbeugen wollten oder die anderen völlig verkehrte Vorstellungen davon hätten, was Gott will. Für die von uns bereiste Gegend bedeutet das einiges Wissenswertes, das ich chronologisch ausbreiten möchte, wofür ich mich natürlich rechtfertigen muss.

‚Der Reihe nach‘ zu erzählen ist ja inzwischen selbst bei Fernsehkrimis verpönt. Wenn ich, gern schon vor den Credits, etwas halbwegs Interessantes (Mord, Explosion, Fahrerflucht) sehe, kann ich darauf warten, dass mich ein Schriftzug darauf aufmerksam machen wird: ‚vier Tage vorher‘, und dann muss ich mir mehr als eine Stunde lang, einschließlich Pinkel- oder Werbepause, die Stelle erarbeiten, an der die Fahrerflucht nach dem Mord während der Explosion stattgefunden hat. Zwischendurch hat der Schnitt eine Zeitlang im- mer hin und her gependelt zwischen dem Messer an der Kehle der Sympathieträgerin und dem Weinglas ihres 66infamen Geliebten in der Wohnung seiner heimlichen Freundin oder Dealerin. Dann holt als Rückblende die Kommissarin ihren Sohn aus der Kita ab, falls der nicht gerade entführt worden ist. Gleichzeitig rauchen Bösewichter in schmucken Häusern immer noch Zigaretten, Verdächtige aus schlimmen Vierteln sind unschuldig, und der prominenteste Schauspieler ist die Täterin, was die Zuschauerin countdownhalber eher erfährt als der tapfere Ermittler, der, ohne wie befohlen auf die Kollegen zu warten, in das Haus der Toten prescht, obwohl ihm gestern die Pistole geklaut wurde. Das Grundstück liegt genau an der Stelle, an der Öl gefunden wurde, eine Hochhaussiedlung gebaut werden soll und die Autobahn von Washington nach Moskau geplant ist. Das kam aber erst ‚vier Tage vorher‘ raus und hatte zu gewissen Erbstreitigkeiten geführt.

Also, so nicht. Ich erzähle der Reihe nach. Die Etrusker, die Völkerwanderung sowie Aufstieg und Fall Venedigs lasse ich hier einfach weg, so lehrreich dieser Abschnitt der Geschichte für diejenigen, die lernen wollen, auch sein mag. Was mich konservativ und alt macht, ist meine Vermutung, dass die meisten Menschen am Wissen nicht sonderlich interessiert sind. Die Strafe dafür kommt nicht immer, aber manchmal durchaus auf der Lohnabrechnung: niedrige Bildung – niedriger Verdienst. In Mitteleuropa ist das Bildungsangebot gegenüber Somalia ziemlich groß, und wer es nicht annimmt, verdient eben all das, was man für wenig Geld bekommt: schlechtes Essen, hässliche Kleidung, steriles Wohnen, billigen Urlaub und jede Menge religiöse Vertröstung auf später.

„Das Elternhaus!“, höre ich die, die in allem das Gute sehen, schon sagen, „das Elternhaus!!“ – Meine Mutter ist als quasi uneheliches Kind bei einer verbitterten, missgünstigen Mutter aufgewachsen und hat sich bis zu meinem Vater durchgeschlagen, nicht durchgeschlafen, was mich auch nicht gestört hätte, aber ich bin prinzipienloser als sie. Wie kommt es, dass sie mir Beethoven und Mozart – auf Schallplatte – vorgespielt hat, dass sie mir Marc Twain und Orwell zu lesen gab, dass sie mit mir, als ich dreizehn war, in die Chagall-Ausstellung gegangen ist? Ihre Gene – meine Gene? Immer hatte ich diese Diskussion mit ihr: „Talent setzt sich durch“, sagte sie und meinte die Pompadour genauso wie Alice Schwarzer, und sie selbst war ja auch kein schlechtes Beispiel dafür, wie man sich mit keinem anderen Talent als dem sich durchzusetzen, durchsetzt. Mein Vater, Schulabbrecher mit geknicktem Selbstbewusstsein, hatte sich auch durchgesetzt. „Ich will nicht, 67wie die anderen, über die Geschäftsführung meckern“, hatte er schnell herausgefunden, „ich will dazugehören.“ Unsere Gene. Kein Mensch hat mir aus den Genen oder dem Milieu prophezeit, dass ich jahrelang Orchesterwerke schreiben würde, und wahrscheinlich wird sie auch kein Mensch je hören. Aber sie sind da, in Noten, auch wenn sie nicht erklingen werden. Was man unbedingt will, das macht man auch, und ist es eine Frage des Elternhauses, ob es sich dabei um einen Bestseller oder einen Bankraub handelt?

„Mag ja sein, dass Talent sich durchsetzt“, antwortete ich damals meiner Mutter, „aber es geht nicht um Genies, die alles erreichen, sondern darum, dass die Mittelmäßigen, die nicht die Gabe haben, in den Olymp aufzusteigen, dass auch die gerecht behandelt werden.“ Meine Mutter sagte: „Ja, aber“ – so fing jeder ihrer Sätze an, und dieser Widerspruch bestimmt mein Leben, die Geschichte natürlich auch: Venedig wurde ein paarmal zwischen Frankreich und Österreich hin- und hergereicht und ging zum Schluss an das Königreich Italien.

Die Gegend machte König Vittorio Emanuele II. aber wenig Freude. Er hatte sowieso Pech: Weil er schrecklich gern jagte, verbrachte er im Dezember 1877 eine Nacht im Unterstand. Die Folge: Lungenentzündung, Tod im Januar. Die Rehe freute es, die Italiener waren traurig.

Sein Sohn Umberto ließ ihn in Rom im Pantheon beisetzen, das war irgendwie noch fescher als das traditionelle Grabgelege des Hauses Savoyen in der Basilika von Superga. Was soll der Quatsch, kann man fragen, aber da die Menschen nach wie vor auf solche Demonstrationen hereinfallen und alles glauben, was man ihnen leicht schluckbar serviert, war die Entscheidung wohl goldrichtig. Das Veneto jedenfalls war damals ziemlich runtergekommen, und wer Mut hatte, wanderte aus. Im Ersten Weltkrieg flog Österreich-Ungarn mehr als vierzig Luftangriffe gegen die Serenissima; zur Strafe existierte es anschließend nicht mehr: 1919 erhielt Italien das Trentino und Südtirol im Norden und im Osten Trient und Istrien zugesprochen. So kamen die drei Venezien zustande.

Mussolini hatte viel vor mit Venedig: Es sollte neben Genua der bedeutendste Hafen in Italien werden. Autobrücke und Bahnhof wurden gebaut. Das Gebiet kam wirtschaftlich auf die Beine, Mussolini nicht. Er war Hitlers Verbündeter im Zweiten Weltkrieg gewesen, wurde von Antifaschisten 68kopfüber an einer Tanksäule aufgehängt und von Menschen, die vermutlich seine Gegner waren, ins tote Gesicht getreten. Das veranlasste Hitler wenige Tage später, sich zu erschießen. Er wolle nicht so enden wie Mussolini, sagte er zu Speer im Führerbunker in Berlin. Italien durfte Südtirol und das Trentino behalten, aber – Strafe musste wieder mal sein – der größte Teil Istriens ging an Jugoslawien, gleich hinter Triest war Schluss. Die Tito-Anhänger warfen die Italiener tiefe Karst-Höhlen (‚Foibe‘) herunter und ließen sie dort verrecken, das ‚Foibe-Massaker‘.

Manchmal wurden auch zwei Menschen mit Stacheldraht aneinander gefesselt. Den einen erschossen die Partisanen, den anderen nicht, dann stießen sie beide in die Tiefe. Jugoslawien und Italien waren keine freundlichen Nachbarn. Inzwischen ist Jugoslawien untergegangen, Italien gibt es noch.

69

GREIF MARIA!
UMWEG #16

Wir befolgten die Anweisungen der Navigatorin und verließen die Autobahn. Von Zeit zu Zeit mache ich Rafał darauf aufmerksam, dass er ihre Stimme durch eine männliche ersetzen will, aber er hat in der Gebrauchsanweisung immer noch nicht den Trick gefunden, wie das geht. Meine wiederholte Nachfrage hat damit zu tun, dass unsere Verwünschungen, wenn wir uns fehlinformiert fühlen, einfach zu frauenfeindlich klingen, und da könnte sich Silke hinten düpiert vorkommen. Ansonsten macht es großen Spaß, die stoische weibliche Stimme anzuschreien, und erleichtern tut es auch. Ein paar Minuten hinter der Abfahrt war es wieder so weit. Wir wurden eine enge, gewundene, abschüssige Gasse hinabgeschickt. Wäre uns ein Auto entgegengekommen, wir hätten nur aus dem Wagen springen und uns an den Felsen klammern können. Noch wussten wir ja nicht, dass uns solche Mutproben ab jetzt täglich bevorstanden. Während Rafał sich auf das Nächstliegende konzentrieren musste, schweiften meine Gedanken ab ins Erwartungsfrohe: Was für ein zauberhaftes Hotel würde das sein, das hier am steilen Hang lag, was für eine Umgebung, was für eine Aussicht!

Ursprünglich hatte ich uns ja im ‚Duca D’Aosta‘ schlafen gesehen. Schon, um Silke eine Freude zu machen. Sie ist nicht nur über Politiker und Sportler, sondern auch über Adlige wesentlich informierter als ich, weshalb ihr die Herzoge von Aosta gewiss geläufiger sind als mir. Für alle weniger Eingeweihte nur so viel:

Am 27. November 1927 heiratete Amadeus d’Aosta seine Cousine Anne Hélène Marie von Orléans. Das erlauchte Paar bekam zwei Töchter, nämlich Margherita Isabella Maria Vittoria Emanuela Elena Gennara, die Robert Karl Ludwig von Österreich (Sohn des letzten österreichischen Kaisers Karl I. und dessen Ehefrau, Kaiserin Zita) ehelichte und Maria Cristina Giusta Elena Giovanna, die Kasimir von Bourbon-Beider-Sizilien, einem Sohn von Gabriel Maria von Bourbon, das Jawort gab. Margheritas ältester Sohn, Lorenz von Österreich-Este, ist verheiratet mit Prinzessin Astrid von Belgien. 70Margheritas Nachkommen gehören also dem belgischen Königshaus an, was sie womöglich sogar in Luxemburg kreditwürdig macht.

Trotz Silkes völliger Vertrautheit mit derartigen Familienverhältnissen mochte ihr das Reservierungspersonal im Grandhotel ‚Duca D’Aosta‘ keine Zimmer gewähren, weil alle Gemächer von Kongressteilnehmern belegt waren, die offenbar über ein großzügigeres Budget verfügten als die Katholiken in Leipzig. So hatte Silke – pikiert, aber nicht entmutigt – das ‚Hotel Greif Maria Theresia‘ ausfindig gemacht, das sehr nach Triests imperial-österreichischer Vergangenheit klang und mit Meerblick-Balkonen prahlte.

Meine Erwartungen wurden zunächst dadurch enttäuscht, dass unsere atemberaubende Gasse unten in eine breite, vierspurige Hauptstraße mündete, die man mit viel gutem Willen ‚Allee‘ nennen konnte. Die Navigateuse hatte uns also nur abkürzungshalber die halsbrecherische Strecke geführt. Rafał und ich fluchten Frauenfeindliches, Silke war still. „Sie haben Ihr Ziel erreicht. Das Ziel liegt auf der linken Seite“, verkündete die Wegweiserin unbeeindruckt. War die erste Enttäuschung verkraftet, dann war gar das Hotel nicht so schlimm. Es lag ein paar Kilometer vor dem Zentrum, und es gab auf dem Grundstück einen Parkplatz, voll besetzt, was ja für die Beliebtheit der Unterkunft sprach. Rafał entdeckte, wie eigentlich immer, doch noch eine (Un-)Möglichkeit, das Auto abzustellen, einen Kofferträger gab es nicht. Wozu braucht man für zwei Übernachtungen in Triest einen Kofferträger? Na, bei acht monströsen Gepäckstücken kann er durchaus hilfreich sein. Wenn man vier Wochen lang unterwegs ist, führt man Computer, Bücher, Utensilien mit. Keiner von uns trägt gern an zwei Tagen hintereinander dasselbe am Leib, außerdem passen die Schuhe, die einen durch den Tag geleiten, so gut wie nie zur Abendgarderobe.

Schließlich war alles verstaut, und ich sah von meinem großzügigen Balkon aus über die sehr belebten Fahrbahnen hinweg in die Ansammlung von allem Möglichen auf der anderen Straßenseite. Dass dahinter das Meer war – man musste es einfach wissen. Vage überschlug ich, wie viel Wein und Grappa wohl nötig wären, um mit ausreichend ‚Ohropax‘ im Gehörgang am Lärm vorbei ein wenig Nachtschlaf zu finden. Das schwarze Tuch würde mich dabei vor überschüssigem Licht schützen. Ich weiß ja, dass ich nicht sensibel bin, aber dass ich empfindlich bin, kann mir keiner absprechen.

71Wir ruhten uns aus, Rafał von Fahrt und Schlepperei, ich von nichts. Wegen des schon während der Planungsphase im Hamburger Februar gewussten opulenten Mittagsmahles hatte ich für den Abend nur eine Kleinigkeit im Hotel vorgesehen. Das Hotel-Restaurant war geschlossen: Umbau, dem auch der Garten zum Opfer gefallen war. Wenn man wohin kommt, wo man noch nie war, muss man mit so etwas rechnen. Wenn man wohin kommt, wo man schon mal war, auch. Wir ließen uns etwas empfehlen, gleich die Straße runter, stiegen ins Auto und fuhren da nicht hin. Stattdessen hatte es uns der höchste Punkt angetan: Hügelaufwärts, ganz oben, lockte ein Obelisk. Zu dem fuhren wir, war gar nicht so schwierig. Gleich dort lag am Hang ein Lokal, das mir sofort gefiel, zurückgesetzt hinter einem überrankten Vorbau. Viele Wagen.

„Samstagabend, sicher kein Platz“, dachte ich. Rafał quetschte sich trotzdem in die letzte Lücke, wir stiegen aus und die Stufen zum Vorgarten nach oben: ,Al Faro‘. Gleich würde die laue Abgeschiedenheit einer lärmigen Abendgesellschaft weichen. Nee. Die Terrasse war fast leer. Ich war verblüfft. „Aha, ganz schlechtes Essen“, dachte ich. War aber nicht so. Das Essen war sehr gut, Triest lag uns unsichtbar zu Füßen, und die Stehklos ohne Sitze wiesen darauf hin, dass sich nun der erste Abend neigte, an dem wir wirklich in Italien waren, selbst wenn auch diese Gegend bis 1919 zur Donau-Monarchie gehört hatte. Und dann waren bei ,Maria Theresia‘ die Fenster auch noch so gut isoliert, dass ich problemlos schlafen konnte. Rafał erkundete währenddessen die Umgebung. Seine Probleme sind andere als meine, in dieser Hinsicht.

72

AUFSCHNEIDER & ABSTECHER
UMWEG #17
SAMSTAG, 16. JULI 2016

Es war mein drittes Mal in Triest. 1991 war ich – auch von Meran aus – dort gewesen, in Vor-MeBo-Zeiten, neun Monate nach Rolands Tod. Mit Bill (tot) und mit Giuseppe (lebt noch). Roland hatte Bill kennengelernt, als ich – wie ständig – auf Geschäftsreise gewesen war; er war Roland zugefallen wie mir Giuseppe. Innigere Beziehungen hat es von unseren nächtlichen Ausflügen ohne einander nie gegeben. Damals lebte Bill in Los Angeles, wo Roland und ich ihn mit Silke besuchten, und später in Houston, wo ich ihn traf, einmal sogar mit Irene. Bills Mutter stammte aus dem Tessin, und bevor Bill Roland und mich in Hamburg besuchen kam, machte er jedes Mal einen Abstecher in die Schweiz, wo er mexikanische Drogengelder wusch. Ich fürchtete immer, er würde deshalb irgendwann seinem eigenen Abstecher ins Messer laufen, aber er starb doch 1999 ganz normal an Aids. Er war eher scheu und sagte zu mir: „Da habe ich ein Mal Sex, und dann noch richtig schlechten, und gleich kriege ich Aids.“ Er wusste, dass das komisch klang, aber wir lachten ja dauernd über Dinge, die wir so unendlich traurig fanden.

Bills berufliche Ambitionen wurden nie zwischen uns thematisiert, nur, dass er mit Mexikanern ‚zusammenarbeitete‘ und in Zürich auf die Bank ging. Er hatte Geld und sah hübsch aus. Selbst eine verkümmertere Fantasie als meine würde da ein Drehbuch wittern.

Bill war so wunderbar negativ, wie ich es nie geschafft habe, zu werden. Mit niemand anderem habe ich so über die Aussichtslosigkeit alles Lebenden herziehen können wie mit ihm. Ich füge hier einen gekürzten Tagebuch-Ausschnitt von 1991 ein, der meine damalige Verfassung wiedergibt. Vor nun also fünfundzwanzig Jahren schrieb ich:

Am Dienstag, 22. Oktober, abends gegen halb sieben setzte ich mich in mein repariertes Auto und fuhr nach Bozen, um dort Bill am Bahnhof abzuholen und mit ihm zu Giuseppe zu fahren. Meine Eltern winkten in die abendliche Dunkelheit, und mir war beklommen zumute. Auch Abschiede auf kurze Zeit können bewegend sein, weil es keine Garantie gibt, dass die 73Zeit der Trennung wirklich kurz sein wird. Allein im Auto auf Reisen zu sein, war ein Zustand, auf den ich mich ein paar Minuten lang einstellen musste, das voll aufgedrehte Radio half dabei, und bald war ich selber aufgedreht. Die Landstraße hat ja für viele, auch für mich, etwas Besonderes, nicht ohne Grund zieht sie sich als Thema durch viele Spielfilme. Immer denkt man: Vor dem nächsten Lastwagen beginnt die große Freiheit, man spürt den Gegenverkehr fast schmerzhaft im linken Auge, in der linken Brusthälfte, und man wägt das Risiko ab, den Lastwagen zu überholen, um die Lust der Grenzenlosigkeit einzuatmen – oder doch besser hinter ihm zu bleiben, um nicht den Rest seiner Strecke querschnittgelähmt im Rollstuhl zu fahren.

Eigentlich weiß man, die grenzenlose Freiheit endet hinter dem nächsten Siebentonner, also vierhundert Meter weiter. Aber den kann man ja ebenfalls überholen. Vielleicht überholt man sich sogar irgend-wann selbst und sieht mitleidig-triumphierend im Rückspiegel auf sich zurück: Alle Skrupel, alle Erinnerungen haben wir – endlich! – hinter uns gelassen, und vor uns liegt diese idiotische Weite, deren Unbehaustheit uns das Gefühl gibt, wir könnten etwas errichten auf ihr, was Spätere dann im Vorbeisausen wahrnehmen werden wie das Hinweisschild auf ein Motel, das mangels Kundschaft schon vor Jahren eingegangen ist.

Die beflügelnde Fahrt meiner Gedanken wurde jäh gestoppt durch die aufleuchtenden Bremslichter meines Vordermannes. Rücklicht reihte sich an Rücklicht, endlose Kette roter Punkte, die sich wie ein schlafender Leuchtwurm durch die langgestreckte Kurve zog. Nachdem ich das Lichtspiel zehn Minuten lang genossen hatte, stieg ich aus und traf zwanzig Meter weiter vorne auf einen wunderhübschen, zierlichen Lastwagenfahrer, der freilich meine Neugier mehr anstachelte als befriedigte, obwohl er mir mitteilen konnte, dass weit, weit vorn zwei ineinander verkeilte Autos auseiander-geschweißt werden müssten.

Ende einer großen Freiheit …? Ich redete noch dies und das mit ihm, um eine Ausrede zu haben, meinen entleerten Blick an ihm aufzutanken. Diesen feingliederigen Menschen konnte ich mir überhaupt nicht hinter dem Steuer dieses 74Ungetüms vorstellen, aus dem er gestiegen war, eher schon mich mit ihm in der Koje hinter dem Fahrersitz.

Verträumt begab ich mich zurück in meinen Wagen: Der Situation, eingekeilt in die endlose Autoschlange, in das Dunkel der Landstraße und in meine aus- sichtslosen Zusammenstöße mit dem drahtigen Lastwagenfahrer, konnte ich etwas abgewinnen, was mich über das einstündige (!) Warten hinwegtröstete. Stau drinnen, Stau draußen. Alles, was ich bin und habe, ist mit Roland gestorben, mir bleibt nur noch, was ich kann – und das ist, aus allem etwas Absurdes zu machen, auch aus dem Absurden: Die Perversion ist das Einzige, was mich noch am Leben hält. Besser als gar nichts, und so versuche ich, mich in ein neues Leben oder einen (verdienten) Tod zu hangeln.

Es blieb, zunächst mal, beim Leben. Bill wartete schon unruhig. Immerhin hatte er noch nicht bei meinen Eltern angerufen und dort Alarmstimmung ausgelöst. Wir rasten durch die Finsternis der Autostrada bis Vicenza Ovest, wo uns Giuseppe an der Ausfahrt erwartete. Es hatte gutgetan, ins Gaspedal zu treten und alles das, was ich schon unzählige Male auf Deutsch gesagt hatte, zu jedem, der Roland kannte, auf Englisch zu wiederholen. Giuseppe führte uns in ein nahes Restaurant, es war nach zehn inzwischen, es war Vollmond, und es war Italien. Von nun an wurde nur noch Italienisch gesprochen, Bill beherrscht es fließend. Erstaunlich, bis zu welchem Grade die Notwendigkeit, sich auf eine andere Sprache konzentrieren zu müssen, doch auch den Gemütszustand verändert.

Giuseppe sauste über die nächt-liche Landstraße zu dem winzigen Ort, in dem sein Haus steht, ich mit Bill hinterher. Was für ein Spielverderber war ich gewesen, an Strick und Schlaftabletten zu denken! Man kann seinen Körper doch viel lustiger zerstören: so nämlich, dass er oder es vorher richtig Spaß macht. ‚Gefährlichleben‘ holt ja noch mal viel mehr raus aus dieser Zeitspanne des Menschseins als gefahrlos zu sterben. Giuseppe überholte; ich überholte, der Wein bestimmte meine Fahrweise, und meine Fahrweise berauschte mich mehr als der Wein. Ich will nie wieder etwas Vernünftiges tun, 75nie wieder etwas, das Sinn macht. Ich will nichts als Wahnsinn. Nie mehr normal. Nachdem mir das Schicksal genommen hat, was mich bändigte und in Zaum hielt, will ich nur noch gegen den Strich leben.

Na ja, na ja. Zunächst mal beschränkte sich meine Raserei darauf, auf einem Ausflug nach Triest Miesmuscheln als Vorspeise zu essen, ohne mich vor Hepatitis zu fürchten, und anschließend die beiden anderen dazu zu überreden, einen Abstecher nach Jugoslawien zu machen. Der gefahrlosen Gefahr habe ich noch nie widerstehen können, und so war ein kleiner Ausflug in das behütete Slowenien gerade das Richtige, um sich vorzumachen, an Krisenherden wie Kroatien und Albanien zu naschen.



Bill (beide 1984)

Wir hatten uns Triest angesehen, eher flüchtig, das Schloss am Meer hatten wir kennerisch begutachtet, wir waren weitergefahren nach Florenz, und ich weiß genau, dass ich immer noch todunglücklich war und wir die ganze Zeit über rumgekichert haben wie vierzehnjährige Mädchen, nicht wie vierzigjährige Männer. Auf der Fahrt von Padua nach Bologna hatten wir über Scamorza gesprochen. Diesen geräucherten Käse 76kann ich nicht leiden und behauptete, den Kühen würde auf der Weide das Euter angezündet, um den Rauchgeschmack der Milch von Anfang an zu gewährleisten.

Von Jesolo aus war ich sechs Jahre später nochmal in Triest gewesen, mit meinen Eltern. Kein Mensch, der Geschmack hat, geht nach Jesolo, sagen Menschen, die finden, dass sie Geschmack hätten. Aber das Hotel in Jesolo hatte einen Garten, dessen Rasen direkt in den feinen Sandstrand überging. Wo hat man das schon? Meist liegt eine Autostraße dazwischen, selbst im Grandhotel in Rimini und im ‚Carlton‘ in Cannes ist das so. Wenn man Glück hat, gibt es eine Unterführung zum Strand, damit man sich nicht in Flipflops zwischen den Straßenkreuzern durchzwängen muss, wenn man großes Glück hat, sind einem die Zimmerpreise dort egal, und wenn man ganz großes Glück hat, ist man zufrieden auf dem Campingplatz und beneidet nicht die, die keine Jacht haben und deshalb im Hotel schlafen müssen.

1997 sahen wir uns Triest als Tagesausflug von Jesolo aus auch nicht gründlicher an, aber wir fuhren zum selben Lokal, in dem mir schon vor sechs Jahren die Miesmuscheln keinen Schaden zugefügt hatten. Dafür, dass ich es wiederfand, bewunderte ich mich sehr, denn es lag ziemlich versteckt an einem kleinen Kanal, war ganz schlicht eingerichtet, und die Terrasse grenzte an die Kaimauer.

Wir waren spät, die letzten Mittagsgäste, doch eine träge Gelassenheit in der Luft oder vom Wasser her verhinderte, dass wir uns gedrängt fühlten. Das Essen war wieder so unkompliziert gut, wie ich es in Erinnerung hatte, und der Blick über die Bucht war für die Augen so anregend wie die ‚pappardelle con salsiccia e funghi‘ für den Gaumen.

Aus der Ferne sehen große Häfen oft eindrucksvoller aus als aus der Nähe: die Schiffe, die Kräne, die Bauten am Meer, dahinter die Häuser, die an den Berghängen emporzuklettern scheinen. Von Nahem wirkt das alles eher verrottet. Beim Filmen habe ich immer auf Großaufnahmen geachtet, was damals wegen der schwierigen Bestimmung der Brennweite leicht zu Ausschuss führte. Aber Weitwinkel kann keine Atmo- sphäre einfangen. Nähe ist schwierig. Manchmal bin ich ihr nicht gewachsen.

Wir fuhren damals auch wieder über die Grenze nach Koper, das schon sehr viel rausgeputzter wirkte als sechs Jahre zuvor, und mit etwas langweiligem Schlangestehen am Übergang durchs 77Inland zurück nach Italien, gleich bis ins Veneto.

Den Namen des Lokals von damals und den des Ortes hatte ich jetzt rausbekommen. Mit genügend Gegoogel geht das schon. Ein Mittagessen dort hätte meiner Erinnerungsseligkeit gutgetan. Ursprünglich hatte ich ja für den Vormittag einen Besuch im Schloss ‚Duino‘ geplant. Dann war mir aber eingefallen, dass wir mit Giuseppe und Bill ziemlich weit weg vom Schloss hatten parken müssen, und diese Strecke zu laufen, traute ich mir nicht mehr zu. Noch mehr hatte mich verunsichert, dass mich Giuseppe im Rahmen meiner Geburtstagsfeierlichkeiten darauf aufmerksam gemacht hatte: War ja gar nicht ‚Duino‘! Das war ‚Miramare‘ gewesen. Also hatte ich gleich in der Nacht in Triest den Ausflug gestrichen – im Bett geht sowas ja leicht – und wollte nun lieber zum Mittag wieder nach Muggia in die Trattoria ‚Risorta‘. Das ging nicht. An der Rezeption fand man heraus, dass sie geschlossen ist, nicht wegen des Sonntages, sondern überhaupt. Derar- tige Schicksalsschläge gilt es zu ertragen und wendig zu bleiben. Also los!

BRUST ODER FLASCHE
UMWEG #18

Zunächst mal musste ich ‚alter Hase‘ den beiden Neulingen ja Triest zeigen. Triest ist das Österreichischste, was Italien außerhalb Südtirols zu bieten hat, so viel wusste ich noch, viel mehr auch nicht. Die Häuser sind überwiegend vierstöckig, Ende neunzehntes Jahrhundert, ein bisschen wie Prag, etwas abgeblätterter, aber im Zentrum ist es schön unübersichtlich, ein wirbeliges Durcheinander von Gassen und Menschen. Das ‚Duca D’Aosta‘ war in dem Gewirr nicht auszumachen. War wohl doch nicht so pompös. Parken wie üblich unmöglich. Aber ich fand, Silke und Rafał mussten sich die Stadt erlaufen, anders kenne ich es nicht.

78An einem kleinen Platz war Markt. Davor ein freier Behinderten-Parkplatz. Rafał breitete die farbig fotokopierte Vergrößerung meines Behindertenausweises vor der Windschutzscheibe aus, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein Polizist in der Venezia Giulia dem Dokument ansah, dass ich damit in Hamburg verbilligt Bus fahren darf. Die Brücke vor dem Markt, also unserem Parkplatz, führte über einen Kanal, der wenig später ins Meer mündete, aber vorher straßauf rechts und straßab links dekorative Häuserzeilen zu bieten hatte. Rechts, direkt am Wasser, lagen einige Cafés, und gleich das erste war das hübscheste. Dahin gingen wir. Silke und Rafał tranken Espresso, ich bat um ein – wenigstens sprudelndes – Mineralwasser, weil ich mich um elf Uhr vor mir selbst nicht traute, schon einen Campari zu bestellen. Dann machten sich Silke und Rafał auf den Weg, ich blieb sitzen. Ein bisschen ärgerte ich mich, dass ich nichts zu lesen dabei hatte. Aber war es nicht sowieso schöner, hier am Samstagvormittag beschaulich zu sitzen und den Menschen bei ihrem Treiben zuzuschauen? Nein. Die Vietnamesin brachte mir ein zweites Mineralwasser, und es störte mich, dass sie Vietnamesin war. Ihr Italienisch war fließender als meins, aber es passte nicht. In Alaska würde ich mir auch keinen Seehundspeck von einer Thüringerin servieren lassen.

Jenseits des Kanals sah ich Silke und Rafał vorbeigehen. Sie sahen nicht in meine Richtung. Wussten sie gar nicht mehr, dass ich hier saß? Es beruhigte mich, dass ich das Auto im Blick hatte. Ohne mich konnten sie nicht abfahren. Vielleicht hatten sie sich verlaufen und fanden nicht mehr zurück. Eine Stunde würden sie mindestens unterwegs sein. Aber nach einer halben Stunde wurde ich unruhig. Verlassen werden. Ich kann diese Angst nicht loswerden. Mir fallen immer zu viele Gründe ein, warum man mich würde verlassen wollen. Als ich ein Jahr alt war und mein Vater im Gefängnis, gab mich Irene, die noch nicht mit Guntram verheiratet war, zu ihrer erhofften Schwiegermutter nach Schmalkalden, wo sie es sich hübscher für mich vorstellte als im ausgehungerten Berlin. Meine Großmutter konnte Kinder zwar nicht leiden, aber der Bahnwärter hatte vier davon, da kam es auf eins mehr wohl auch nicht an.

Die Mutterbrust hatte ich sowieso verweigert, war also einfach über Flasche zu ernähren (bis heute). So ganz klappte das wohl doch nicht, denn aus dem Bahnwärterhäuschen kamen Hilfeschreie, man möge die Pflegeeltern von diesem Schreihals befreien. Meine Mutter reiste an, um mich zu entsorgen, aber dann hieß es, nun sei ich ruhiger 79geworden. Ich gehe davon aus, dass Guntram auch aus der Haft heraus über gewisse Gelder verfügte, die es an der Thüringer Schranke leichter machten, mein Gekreische zu ertragen. Meine Großmutter hielt sich heraus aus den Querelen. Sie hatte einen tauben Mann zu Hause rumzusitzen, den sie nicht liebte, und beschränkte sich auf das Wesentliche: Sie ließ mich taufen. Wäre ich beim Bahnwärter unter die Räder gekommen, dann direkt in den Himmel. Inzwischen ist diese Chance wohl vertan.


Taufe (1947 in Schmalkalden)


Großeltern Reinhold und Maria Rinke (1948 in Schmalkalden)

Im November nutzte alles Geld nichts mehr. Bahnwärters wollten mich los sein. Irene reiste wieder an und nahm mich mit. Die nächsten Wochen in Berlin waren die einzigen, in denen ich zufriedenstellend gegessen habe. Wenn meine Mutter mir den Löffel aus dem Mund nahm, schrie ich. „Die haben dich hungern lassen“, schlussfolgerte sie empört. Aber auch die Nächte schrie ich durch. Mein Vater bekam es zu hören, nachdem er aus der Anstalt entlassen war. Trotzdem heiratete er meine Mutter, nachdem seine erste Frau ihn freigegeben hatte, wobei seine Hinweise an sie, er würde ihre Verstrickungen ins Nazi-Regime aufdecken, ihr die Entscheidung sicher erleichtert hatte. All das erfuhr ich natürlich erst viel später. Weder an die herrlich 80männliche Faust des Bahnwärters in meinem Gesicht noch an das nasskalte Taufwasser an meiner Stirn kann ich mich erinnern, meine Mutter erzählte mir später den Teil der Geschichte, den sie kannte. Das spricht, finde ich, sehr für ihre Aufrichtigkeit. Auch wie sehr sie sich auf mich gefreut habe, obwohl ihr während der ganzen Schwangerschaft unerträglich schlecht war, hörte ich oft. Dass sie mich während meines Aufenthalts in Schmalkalden vermisst habe, hörte ich nie. Schlimme Zeiten waren das. Es ist wohl so, dass mir damals ein Grundvertrauen verloren ging. Angst ist das erste Gefühl, an das ich mich erinnern kann, und kein anderes Gefühl hat mich so treu begleitet wie die Angst.

Das Wichtigste, was ein intelligenter Mensch zu lernen hat, ist es, seine Angst zu ertragen: Das dauert ein ganzes Leben lang, bis hin zum Sterben, wenn man sich unsinnigerweise vor dem Tod mehr fürchtet als vor einer Narkose. Einfältige haben es da leichter, weil sie gar keine oder so dümmliche Ängste haben, dass man aufgeschmissen ist mit seiner Verständnisbereitschaft. Dafür ist ihnen ja das Himmelreich sicher, behauptet Jesus in der Bergpredigt; mehr geht nicht, und wer’s glaubt, wird dann selig.

Zu wenig Angst kann zum Tode führen: Da erliegt man im Krieg einem Feind oder auf der Kreuzung einem Mercedes, wobei das christliche Symbol des Kreuzes ja im Verkehr inzwischen weitgehend abgelöst ist vom Kreis, also der Menge aller Punkte einer Ebene, die einen konstanten Abstand zu einem vorgegebenen Punkt dieser Ebene (dem Mittelpunkt) haben; und dabei herrscht im Verkehr das Prinzip: links vor rechts – wer schon drin ist im Kreis, hat Vorrang vor dem, der noch draußen ist, wie in der Politik. Revolutionen sind dazu da, daran etwas zu ändern, um den Regeln zu beweisen, dass sie nicht so ewig gültig sind, wie sie das von sich behaupten.

Ich sah auf den fließenden Verkehr; der Wagen, der neben unserem geparkt stand, fuhr weg, gleich schob sich ein anderer in die Lücke. Wenn jetzt ein Abschleppwagen käme, wäre ich rechtzeitig am Auto, um ihn aufzuhalten? Die Vietnamesin würde mir hinterherschreien, die Carabinieri wären mitleidlos, Silke und Rafał sind überfahren worden oder über alle Berge …

Manchmal, wenn auch nur selten, erreiche ich einen Zustand von Angstlosigkeit, eigentlich ist es wohl eher Wurschtigkeit: „Is doch egal. Was soll schon sein? Dann sterb’ ich eben.“ Herrlich. Diese Unbekümmertheit habe ich nie durch die Religion erfahren (wie auch?), sondern nur durch angesoffene 81Gleichgültigkeit. Das Erhabene ängstigt nicht weniger als das Niederträchtige – das Unerreichbare und das Abstoßende. Schade, dass Gleichgültigkeit so unwünschbar ist wie ein Leben in Narkose. Zu viel Angst führt zu Stillstand, der diesseits des Todes nicht als Glück definiert ist, sondern wirtschaftlich und kulturell als Vorbote des Untergangs gilt. Also: Angstlos sind bloß fantasielose Tölpel. Der aufgeklärte Demokrat hat Angst zu haben, schon, damit er weiß, ob er gerade gegen Atomkraft, Handelsabkommen oder Überfremdung auf die Straße gehen muss. Zu wenig Angst würde da träge machen. Zu viel Angst ist aber auch nicht gut: Sie verhindert entweder, dass man das Haus verlässt, was die Lebensqualität einschränkt, oder sie führt dazu, dass man Amok läuft und erschossen oder in die Anstalt verbracht wird, was die Lebensqualität ebenfalls einschränkt. Ja, Angst oder nicht Angst, das ist nicht die Frage, sondern die Antwort liegt als Gleichgewichtsproblem zwischen den Polen. Der Schwebezustand, er ist das Maß aller Dinge. Dabei führen eigentlich alle Wege zum Ziel. Man muss nur den Mut haben, sie zu beschreiten. Mit zwanzig an Drogen gestorben, mit neunzig an Ungelebtheit, na ja. Wer die Angst nicht über- windet, erreicht sein Ziel nicht. Gerecht ist: Wer gar keine Angst hat, der hat auch keine lohnenden Ziele. Zweifellose Gläubigkeit ist ein Stumpfsinn, der höchstens Päpsten und anderen Diktatoren gefällt. Mein Ziel ist, keins zu haben. Endlich dieses ständige ‚Hinsteuern auf etwas‘, das mich mein Leben lang verfolgt hat, loszuwerden, wenigstens jetzt.

Teil des Altseins, also meines Altseins, ist es, immer wieder nachzuhaken: Wenn ich im Sommer 1975 gestorben wäre, hätte ich Roland nicht kennengelernt. Wenn ich im Sommer 1989 gestorben wäre, hätte ich den Fall der Mauer nicht mehr erlebt. Meinen Schlaganfall hätte ich nicht bekommen, wenn mich im September 2010 schon ein Panzer überrollt hätte, weil ich, wie das so meine Art ist, wieder mal in einem Krisengebiet nach dem Sinn des Lebens geforscht habe, der in meinem eigenen Garten – viel zu egoistisch und zu botanisch – nicht zu finden wäre. Im Alter wird man, besonders wenn man nicht töricht ist, einsamer; und damit stellt sich die Frage: Will man seine Einsamkeit teilen, mitteilen oder ausleben?

Ich habe nach reiflicher Überlegung meinen Entschluss für mein eigenes Dasein gefasst. Ich mache alles drei: teilen, wenn ich nun den Gefährten meines Alterns vorprogrammierte 82Ortswechsel aufzwinge; mitteilen durch dieses Schreiben; und ausleben nachts, wenn ich nicht darüber hinwegkommen kann, was alles nicht mehr geht. Ja, jetzt weiß ich, wie sich das anfühlt: Altsein.

Als Kind war ich unsterblich und hatte anschließend das ewige Leben in petto, doch nun, wo das so viel dringlicher wäre, ist mir die Ewigkeit abhanden gekommen: Kein individueller Fortbestand meines unsteten Charakters blüht mir, wenn sich mein Leib dereinst zu den Radieschen verabschiedet haben wird. Das ist meine Ansicht, die ich ja schlecht ‚Glaube‘ nennen kann.

Mühsam zwang ich mich, nicht immer wieder auf die Uhr zu starren. Solch eine Situation kommt auf der ganzen Reise nicht mehr vor, beschwichtigte ich mich. Die beiden werden dann unterwegs sein, und ich sitze in aller Ruhe im Hotel. Das wird ganz entspannt. Nur heute, jetzt, hier ist es etwas unbehaglich. Still sitzen. Ein erbärmlicher Zustand. Ach wo! Es ist so wunderschön, wenn es zu spät ist für alles: Ich kann von einem makellosen Körper, dem Oscar und dem Nobelpreis träumen, ohne die geringste Anstrengung machen zu müssen, je etwas davon zu erreichen. Vor 30, 20, 10 Jahren hätten solche Träume mich noch geärgert, weil sie meinen Ehrgeiz angestachelt hätten. Jetzt sind sie wie Schlieren auf der Windschutzscheibe, und es gibt keinen Anlass, die Scheibenwischer zu betätigen. Ich wollte gewandt, durchtrainiert, einfühlsam und bedeutend werden. Und was bin ich geworden? Begütert – materiell zumindest. Das finde ich, wenn die Träume nicht in Erfüllung gehen, einen angemessenen Schadenersatz.

Silke und Rafał kamen zurück. Baudenkmäler hatten sie nicht gefunden, aber dafür umso mehr Boutiquen. Und in denen war sogar das Passende gewesen. Ihre Übereinstimmung freut mich, schon, weil sie mir das Leben erleichtert. So will ich es haben. Ist man glücklich, wenn man sich vormacht, dass man glücklich ist? Vielleicht sollte es wirklich ein Ziel sein, keins zu haben. Aber das muss sehr planmäßig angesteuert werden, sonst verwahrlost man – oder es klappt nicht.

Nachdem Triest von uns erobert worden war, wollten wir es verlassen. Das führte uns, nachdem auch die Zitadelle begutachtet worden war, durch sehr enge Straßen – erst sehr rauf und dann sehr runter in eine sehr lange Unterführung. Wäre es der Navifrau immer noch verboten gewesen, Tunnel zu benutzen, wäre sie unter der Motorhaube schreiend zusammengebrochen.

83So aber kamen wir doch nach Muggia, das uns aber nicht weiter interessierte, weil das ‚Risorta‘ geschlossen hatte. Das war etwas ungerecht von uns, denn ein ganz so erbärmliches Kaff ist Muggia nun auch wieder nicht:

Während der Eroberungskriege Istriens fiel Muggia 181 (aber vor Christus!) an die Römer, die dort ihr Lager Castrum Muglae gründeten. Doch nichts hält ewig: Nach dem Ende des Weströmischen Reichs kam Muggia unter die Herrschaft der Goten, später der Langobarden, der Avaren und der Franken. 931 wurde Muggia von den Königen Italiens dem Patriarchat Aquileia übergeben. 1420 kam die Stadt unter die Herrschaft der Republik Venedig. Nach Napoleons Niederlage ging ja, wie besprochen, alles in der Gegend an Österreich, was gar nicht so schlecht war. In Muggia entwickelte sich eine prosperierende Werftindustrie, die größte Schiffswerft der K.-u.-k.-Monarchie, die bis 1912 als Einzige in der Lage war, die größten Schlachtschiffe zu bauen.

Wie es mit Österreich weiterging, wissen wir ja schon, und Muggia bekam seine Lage unmittelbar am Eisernen Vorhang auch nicht gut. Aber jetzt, wo es wieder so mitten in Europa liegt wie der Leipziger Platz in Berlin – wieso macht da das ‚Risorta‘ zu: ‚dauerhaft‘, wie man mit WLAN-Anschluss hätte erfahren können. Familienstreitigkeiten wahrscheinlich: Die Mutter war am Herd tot zusammengebrochen, den kellnernden Sohn drängte es an die Töpfe, aber sein einkaufender Bruder wollte nicht bedienen, oder so, jedenfalls fuhren wir weiter, die Küste entlang, und wenig später erreichten wir Slowenien: Ein blaues Schild mit zwölf gelben Sternen – das war’s.

All diejenigen, die so jung sind, dass sie die europäischen Grenzkontrollen nicht mehr miterlebt haben, können sich kaum noch vorstellen, wie mühsam es früher war, von einem Land zum anderen zu reisen, und denjenigen, die es erlebt haben und die durch ihr politisches Verhalten diese Errungenschaft aufs Spiel setzen, denen ist es egal: Sie bleiben sowieso da, wo sie hingehören – in ihrem Reihenhäuschen; und wenn sie doch all-inclusive an den bulgarischen Goldstrand fliegen, sind sie Zollkontrollen gewohnt und verstecken den Schnaps in der vollgesudelten Unterwäsche. Sigmar Gabriel nennt sie ‚Pack‘, was nicht besonders sozialdemokratisch klingt. Gern würde ich, der wohl kein Sozialdemokrat ist, glauben, dass die Menschen immer besser werden. Schade bloß, dass gerade dort so viele nachwachsen, wo ich die Moralvorstellungen von der Beschneidung bis zur Steinigung nicht teile.

84

DER ISTRISCHE KOPF
UMWEG #19

Wir waren uns einig, dass es in Slowenien anders aussah als in Italien. Die Berge? Die Häuser? Vielleicht lag es nur an den unleserlichen Schildern. Doch gleich an der Peripherie des ersten Ortes grüßten die vertrauten Supermärkte, riesig, und Unmengen von neuen Autos, zum Verladen bereit. Massenkonsum, Globalisierung, Standortvorteil. Die Welt 2016. ‚Koper‘, Giuseppe hatte es italienisch ‚Capodistria‘ genannt: das Haupt Istriens.

Wir kreisten rund herum um den Kopf, sahen ihn vom Gebirge und von der Uferpromenade aus und spähten hinein in die Altstadt, die ich mit meinen fußrüstigen Eltern noch problemlos hatte durchfahren können. Also, näher als Rafał illegal parkte, nachdem wir mehrere Verbotsschilder missachtet hatten, ging es wirklich nicht. Wir waren fast am Rathaus, gleich bei der Basilika, und ein nahezu mondänes Café oberhalb herrschaftlicher Stufen gab es auch. Ungefähr zwölf Tische, nur drei besetzt. Silke und Rafał tranken mir zur Gesellschaft einen ‚Cappuccino in Capodistria‘ und ließen mich wie zuvor besprochen an meinem Negroni zurück, um den Ort zu erkunden. Wenn alle Invaliden vor jedem Portal aussteigen könnten, wenn alle Obdachlosen jede Grandhotel-Terrasse besuchen dürften – wäre die Welt dann besser?

Der Platz sah sehr venezianisch aus und ziemlich ehrwürdig. Er war so schön geräuscharm. Autolosigkeit bekommt den Orten. Der Himmel hatte dieses makellose Blau und die Gebäude dieses irdene Weiß – es war so friedlich. Ohne die paar wenigen Menschen wäre es zu leer gewesen. Die Glocken im Campanile läuteten vor sich hin, halb eins; dabei wusste sowieso jeder, wie spät es war. Das Smartphone hat die Armbanduhr ersetzt, die Bilder herrschen über die Worte.

85

RÜCKBLENDEN UND LACHNUMMERN
UMWEG #20

Zwischen 1975 und 1990 habe ich meine Jahresfilme gedreht. Ich habe gelebt, um zu filmen und gefilmt, um zu leben. Jetzt, 2016, hält man einfach sein Handy in die Luft. Damals musste man sich jede Einstellung genau überlegen. Filmen war teuer, und die traurige Kapitalisten-Erkenntnis ist: Was nichts kostet, ist nichts wert. Dafür war dann der fertig geschnittene Film eine Kostbarkeit, für mich jedenfalls. Der Film ist besser geeignet, eine Reise zu beschreiben, als ein Text es ist; man kann ihm zusätzlich die passenden Geräusche und die passende Musik unterlegen.

Als ich noch in der Grundschule war, hatte ich den Ruf, lustige Geschichten zu erzählen, und bevor ich vor der Klasse ein Ferienerlebnis zum Besten gab, bekam ich wohltuenden Applaus als Vorschusslorbeeren. Meine Eltern waren gerade aus Meran zurückgekommen und erinnerten sich, wie sich während eines Mittagessens der Himmel verfinsterte und es zu krachen und zu blitzen begann. Mein Vater sprach den Hoteldirektor an, der gemächlich die Reihen der Speisenden durchschritt: „Geht jetzt die Welt unter?“, fragte Guntram fröhlich-ängstlich. Ich verkündete die Antwort vor der Klasse: „Ach, das ist nur ein kleines Gewitterle.“ Keiner lachte. Keiner fand es komisch. Dass ich mich an diese unerhebliche Episode bis heute erinnere, hat etwas damit zu tun, dass ich mir damals vornahm, nie mehr eine Geschichte ohne ‚Pointe‘ zu erzählen, obwohl ich dieses Wort wahrscheinlich noch gar nicht kannte. Ich hasse Geschichten, die in kein schlüssiges Ergebnis münden. Gemeinerweise trifft das auf das meiste zu, was Menschen so von sich geben: Sätze wie Kotze. Wenn man fremden Unterhaltungen zuhört, ist es ganz leicht, an der Menschheit zu verzweifeln. Nichts als akustischer Sperrmüll. Aber bornierte Belehrungen sind auch nicht besser. Lieber will ich kunstreich belogen werden, als mich von Wahrheiten langweilen zu lassen, an denen ich nichts ändern kann.

Als ich noch jung war, Anfang zwanzig, eine Zeit also, in der man die Möglichkeiten der eigenen Einflussnahme zu überschätzen pflegt, hatte ich mich, wie mein Vater ja bereits dreißig 86Jahre vor mir, mehr um mein eigenes Vorwärtskommen geschert als um das der Menschheit, die mir inzwischen weitgehend recht gibt und sich über die sturen Eiferer von damals lustig macht. Ja, immer war ich lieber lustig als eifrig; darin habe ich meinen Vater übertroffen, der viel Sinn für Komik hatte, aber großen Eifer brauchte, um aus dem altmodischen Offiziershaushalt seiner Eltern in seine eigene Familie hineinzuwachsen, mit einer anpassungswilligen Frau und einem schwierigen Sohn. Meinen Mangel an politischem Engagement kann ich also sowohl genetisch wie mit Milieuschädigung begründen. Mehr können Historiker nicht verlangen. Weltverbesserer eigentlich auch nicht. Und um wie die Dubarry unter die Guillotine zu geraten, bin ich mit 70 eigentlich zu alt (sie war 50). Aber wenn doch, dann will ich nicht geköpft werden, sondern allenfalls enthauptet. Etikette sind mehr noch als Geld der Kitt im Mauerwerk der Gebildeten. Man schweigt, man spricht.

Seit ich denken kann, liebe ich Witze. Irene verabscheute Witze, noch mehr Witze-Erzähler. Das verstehe ich: Meistens sind sie humorlos und haben kein bisschen Sinn für Situationskomik. Wenn man sich nicht über ihren Witz, dessen Pointe schon nach dem zweiten Satz klar ist, das Zäpfchen aus dem Gesicht lacht, fragen sie womöglich noch: „Ach, Sie haben wohl keinen Humor?“

Lieber lese ich deshalb Witze und habe ‚Witze‘ sogar als Lesezeichen gespeichert. Da gefallen mir dann die unsympathischsten Sachen, die ich ungern erzählt bekäme wie: „Ich weiß gar nicht, welches Kind meine Frau meint, das ich angeblich unfair behandle? Thomas, Anton oder das fette hässliche?“

Ich war Einzelkind, darum finde ich das vielleicht lustig. Es ist boshaft und betrifft mich nicht. Das meiste, was Menschen so daherreden, kann man als Palaver bezeichnen. Ich will meinen Frieden damit machen und die Gesamtheit all meiner Texte über das Unterwegssein von Mai bis Oktober 2016 einsichtig als ‚Palaver‘ bezeichnen, ein etwas netteres Wort für ‚Geschwätz‘. Das ist nicht kokett gemeint, sondern demütig, und das nicht ironisch, sondern aufrichtig.

Ein Palaver dient dazu, einander kennenzulernen und abzuschätzen, bevor man zur Sache kommt. In einigen Kulturen ist das Palaver als überflüssig verpönt, in anderen unerlässlich, was mir viel mehr einleuchtet. Wie jemand auf die Mitteilung „Gestern Mittag hat es aber ziemlich geregnet“ reagiert, 87ist doch hochinteressant und gibt viel Aufschluss über die Persönlichkeit des Gesprächspartners, also darüber, wie er zu behandeln ist. Sagt er: „Ja, ziemlich“ oder „Ach, das hab ich gar nicht bemerkt, ich hatte blöderweise meine Munition schon verschossen und war so damit beschäftigt, den Kassierer am Bankschalter irgendwie mit den Fäusten totzukriegen, damit er mich später bei einer Gegenüberstellung nicht verpfeifen würde, weil er nun mal mein Gesicht gesehen hatte, nachdem mir die Strumpfhose vom Kopf gerutscht war, dass ich gar nicht auf die Bewölkung geachtet habe.“? Vielleicht sagt er auch: „Solch oberflächlicher Quatsch wie Wetter interessiert mich überhaupt nicht. Gehen wir ficken?“

Man kann das Palaver auch mit sich selbst machen, das führt natürlich zu den allerbesten Bonmots im Dialog, so wie auch Schachspielen gegen sich selbst im Film gern als Stilmittel genutzt wird, um darzustellen, wie gewitzt der Mörder ist, ohne ihm für Zuschauer unverständliche Texte in den Mund legen zu müssen. Im Allgemeinen kommt es ja nicht darauf an, was man erzählt, sondern wie man es erzählt, denn wer wirklich etwas zu sagen hat, wählt ein anderes Medium und ein anderes Forum, das noch weniger unterhaltsam ist.


Hanno (1952)


Hanno (1972)

88Günter Neumann war in den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts ein bekannter Kabarettist. Er schrieb irrsinnig witzige Texte. Mit meinen Eltern hockte ich vor dem Radio und lernte, wie Komik erzeugt wird. Mein Vater konnte das auch sehr gut, und Pali war ein Meister darin. Aber was ist von all dem übrig? Wir haben gelacht. Bis ans Ende meines Lebens werde ich mich an unser Lachen erinnern; die Anlässe habe ich vergessen. Das muss reichen, reicht aber nicht allen. Der unerschütterliche Glaube an posthumen Jubel hilft manchem Kultur-Erzeuger dabei, weiterzumachen. Von Tag zu Tag wird dieser Glaube allerdings unrealistischer, wenn man seine Augen auf die Wirklichkeit, also das Display, richtet: Wer mir heute nicht applaudiert, ist morgen tot. Und wenn nicht, zieht er sich morgen etwas Neues rein. Trotzdem ist immer wieder jeder Film schön, in dem Nachkommen in den Nebenrollen in der letzten Kammer in einer morschen Kiste irgendwas entdecken, und dann tritt als Rückblende erstmals der Hauptdarsteller auf, falls es sich dabei – wie meistens – um Meryl Streep handelt, ist er eine Frau. Nun wird die Vergangenheit aufgerollt und rührt zu Tränen. Vergangenheit ist eben erst zu Ende, wenn niemand mehr von ihr weiß.

89

RÜCKZU
UMWEG #21

Silke und Rafał waren zurück. Sie hatten betrachtet, was von der glorreichen Herrschaft Venedigs übrig geblieben war und was in den Schaufenstern der Gegenwart auslag. Die Turmuhr schlug eins, ihre kürzeste Stundenmitteilung, die Tauben stritten um einen Fetzen Brot, und Silke holte ihr Portemonnaie aus der Handtasche.

Wir fuhren denselben Weg zurück, den wir gekommen waren. Schon bei kurzen Ausflügen mag ich das nicht. Bei langen Reisen wäre es ein dramaturgisch unverzeihlicher Fehler. In meiner Familie hieß das: ‚Auf hinzu‘ sind wir so gegangen, gefahren, geflogen, ‚auf rückzu‘ haben wir es so gemacht. Ein Trost war, dass wir nun schon wussten, welche beiden Restaurants uns am Wegesrand erwarteten.

Ich war sehr für das auf dem Hinweg zweite, also jetzt erste. Irrtümer zugeben, das kann ich. Bei näherer Betrachtung war Totalverzicht noch attraktiver als dieser Schuppen. Dafür machte beim Nichtvorbeifahren, sondern Anhalten das erste Lokal, also jetzt zweite, einen kompetenten Eindruck. Der wurde durch die Anzahl der Gäste bestätigt. Gern hätte ich, nachdem ich die vielen Stufen vom Parkplatz hinauf zur Gaststätte bewältigt hatte, am Rand der Terrasse mit Blick nach unten gesessen, da war aber alles besetzt. Wir gesellten uns also, leicht zögernd, an einen der langen Tische, an dem bereits drei slowenische Schurken saßen, die bei Wein und Langustini den nächsten Einbruch ausheckten. Ich wähnte bereits die Nationalgalerie von Ljubljana (österreichisch ‚Laibach‘) in Gefahr, aber als dann auch wir an sehr wohlschmeckenden Meerestieren knabberten, hatte ich durchschaut, dass es sich bei ihrer Unterhaltung um einen besonders abgefahrenen italienischen Dialekt – also nicht Verbrecher, sondern Touristen – handelte.

Ein stimmungsvolles Essen, das nicht nach Messer und Gabel, sondern nach Fingern in Tomatensud schmeckte. Der Schatten tat gut, das Haus, vor dem wir saßen, gab mit seinem in Säulen gefassten Portal eine gediegene Kulisse ab. Ein weltabgeschiedener Platz, mitten im Leben. Silke griff zur Börse. Wir 90hatten zwar Euros, aber nicht genügend Bildung, um zu wissen, dass der Euro sowieso die Währung in Slowenien ist. Schließlich zahlte ich doch mit Bankkarte, eine der wenigen Verrichtungen, die ich noch schaffe, auch wenn Silke sicherheitshalber immer einen kleinen Zettel dabei hat, auf dem meine Geheimzahlen stehen: Man weiß ja nie, wann und wo der Verstand endgültig aussetzt.

Beschwingt fuhren wir zurück nach Italien. Meine Beschwingtheit war auf den Wein zurückzuführen und musste im Hotelzimmer auskuriert werden. Silkes und Rafałs Beschwingtheit durfte sich beim Shoppen in der Triester Altstadt Bahn brechen.

Eine Weile lang legte ich mich aufs Bett. Wozu? Schlafen konnte ich nicht. Das Zimmer war in Ordnung. Die geschlossenen Gardinen machten ihm nichts aus. Mir schon. Ich öffnete die Flügeltür und setzte mich auf den Balkon. Er hatte wohl Anspruch auf die Bezeichnung ‚Terrasse‘. Die Geräusche von der nahen Fahrbahn waren gar nicht so schlimm. Die Sinne gewöhnen sich schnell, um die ihnen aufgedrängten Zumutungen zu ertragen, doch gleichzeitig fiebern sie nach Neuem. Ich habe mal geschrieben, ich sei der Welt unterdrüssig. So vieles wollte ich noch erleben! Nun sehe ich von meiner Terrasse auf den pulsierenden Verkehr, weder beteiligt noch abseits; andere tun für mich, wozu ich nicht mehr imstande bin. Ich merke: Ich bin scheinselbstständig.

Auf Hilfe angewiesen zu sein, fremde oder auch vertraute, das war einmal eine neue Erfahrung gewesen, inzwischen ist es eher ein gutes Argument, sich umzubringen. Es findet eine Vereinsamung statt, die in Gesellschaft eher zu- als abnimmt. Alles, was mir etwas bedeutet hat, kann ich nicht mehr. Ja, es wäre wohl besser, ich stürbe. Aber selbst das ist wohl zu altmodisch: ‚Ich würde sterben‘, heißt es. Will ich das? Ich möchte mich vor dem Wegsein drücken, vor allem, weil ich weiß, dass anschließend an den belanglosen Tod eines einzelnen Lebewesens für dieses weggelebte Stück Natur nichts mehr kommt – das weiß ich genauso sicher wie jeder Selbstmordattentäter weiß, dass Gott ihn toll findet.

Merkwürdig: Mein Kopf denkt immer noch, er sei jung, aber Schwanz und Arschloch widersprechen heftig und wischen ihm ganz unintellektuell ständig eins aus, so dass er inzwischen das Fürchten gelernt hat. Der Geist, der nie die Realität akzeptiert hat, verheddert sich in der Wirklichkeit. Am allerliebsten wäre ich nie geboren. Am liebsten 91wäre ich tot, glaube ich zu meinen. Am zweitliebsten wäre ich zufrieden mit meinem Schicksal. Ich komme mir so ausgeschlossen vor, so abgekapselt, und dann denke ich: „Diese Weltverlorenheit! Verdient habe ich sie, als Buße.“ Dieser Gedanke ist besonders blöd, weil er einen strafenden Gott voraussetzt, an den ich nicht glaube. Baden in Welt! Nun bin ich also wieder unterwegs. Es ist mein letzter Versuch festzustellen, ob ich es noch will zu wollen.

DUINO
UMWEG #22

Dreimal war ich von meinem weiß lackierten Terrassenstuhl aufgestanden, weil ich ein Klopfen vom Zimmer her gehört zu haben glaubte. Jetzt stand Rafał wirklich im Flur. Er und Silke hatten nicht nur Kaufenswertes entdeckt, sondern sogar den Eingang vom ‚Duca D’Aosta‘. Eher unscheinbar. Kein Monument glorreicher Zeiten. Dann konnten wir ja getrost weitere Ziele abarbeiten. Silke war schon umgezogen, als wir aus der Fahrstuhltür traten. Keine Experimente: Man kann nie wissen, ob das Leben nicht doch plötzlich elegant wird …

Wir fuhren in der Abendsonne, eigentlich fuhren wir in die Abendsonne, was besonders für Rafał am Steuer weniger Marlboro-Romantik als Aufklappen der Sichtblende bedeutete. Zunächst mal steuerten wir, weil wir ja sowieso am Wasser waren, das Schloss ‚Miramare‘ an. Meine Erinnerung hatte mich nicht getrogen: Es lag leicht erhaben am Wasser und ließ Besucher nur bis zu einer Barriere an sich heran, für alles Weitere forderte es die Füße oder den Rollstuhl. Wir blinzelten in das gleißende Rot und das weiße Gebäude davor (wie langes Jenisch Haus plus Turm), das musste reichen. Kehrtwende, nächster Punkt.

Die Navifrau bekam zu tun, sie sollte uns zum Schloss ‚Duino‘ lenken. Das 92war ja nun kein Kinderspiel für sie, aber immerhin wusste sie, dass wir erst mal den Berg rauf mussten und oben an der Steilküste entlang. Auch für Silke und Rafał war der lässige Straßenbummel vorbei: ‚Duino‘, das ist Geschichte, nicht gleich Cäsar, Napoleon und Hitler, aber immerhin: ‚Duino‘ gehört Prince Carlo della Torre e Tasso, (in Deutschland sagt man dazu Thurn und Taxis), Duca di Duino. Wer will, kann, wenn der Duca es erlaubt, den Flügel, auf dem Franz Liszt musiziert hat, zwar nicht bespielen, aber betrachten. Wer war noch da? Kaiserin Sisi und Kaiser Franz Josef I., Erzherzog Maximilian mit Charlotte, Eleonora Duse, Johann Strauss, Gabriele D’Annunzio, Paul Valéry, Mark Twain, Victor Hugo und Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este. ‚Neue Welt‘-Leserinnen wird ganz schwindelig von sowas, doch auch die Navidame wollte uns gerade eben noch die Ortschaft Duino zeigen, aber mehr auch nicht. Ein verschämtes Schild wies uns dann doch den Weg.

Außer uns waren nur ein Mann und eine Frau da. Ein unbefahrbarer Kopfsteinpflasterweg führte zu einem versperrten Tor, hinter dem das alte Gemäuer vor sich hinsiechte. Bis 1399 war die Herrschaft Duino Lehen und die dort an der Küste gelegene gleichnamige Burg Stammsitz der Herren von Duino. Um diesen alten Klotz ging es aber nicht. Das den Füßen und selbst den Blicken nahezu verschlossene Schloss lag eine Ecke weiter, und wenn man zu einer besucherfreundlicheren Zeit dort ankommt, sieht man nicht nur Liszts Klavier, sondern auch die Bucht von Sistiana und den Golf von Triest von oben. Die größte Berühmtheit genießt dieses Schloss innerhalb der riesigen Gemeinde der Lyrik-Freaks aber deshalb, weil Rainer Maria Rilke dort seine ,Duineser Elegien‘ zu schreiben begann. Die zehn Elegien beschreiben wenige glückliche Augenblicke und beklagen die Unvollkommenheit menschlichen Bewusstseins. Irene war von ihnen so beeindruckt, dass dieser Insel-Band das erste Geschenk war, das sie meinem zukünftigen Vater machte.

Rinke war aber wohl nicht so hin und weg von Rilke; jedenfalls erinnerte sich meine Mutter später, als auch ich begonnen hatte, Gedichte zu verfassen und vorzutragen, mehr einsichtig als enttäuscht: „Ihn hat es wohl nicht so beeindruckt.“ Sie hatte ja inzwischen auch dreißig Jahre Zeit gehabt, sich daran zu gewöhnen, dass Rinke mit Rilke nicht so viel anfangen konnte. Pali hingegen hat es meinen Eltern nie verziehen, dass sie mich nicht ‚Hanno Maria‘ genannt haben. Seinen vorübergehenden Katholizismus hatte er längst abgestreift, aber sein Faible für Klangmalerei blieb 93ihm bis zum Tod erhalten. Meine Großmutter Maria, selbstgerecht und gottesfürchtig, hätte diesen Mittelnamen geliebt an mir, ich hätte es schrecklich manieriert gefunden und das ‚Maria‘ in meinen Visitenkarten weggelassen.



Hanno (1966)

Trotzdem. Wer will, kann jetzt den letzten Teil meines Poems über die vier Jahreszeiten von 1965 lesen:

Doch dann der Winter – trockene Askese, glitzernde Eiskristalle schärfer als Verstand; ein Insichdringen, Rückzug in den Geist, der Rechenschaft verlangt. Die eigne Form, die eigne Kraft der Bilder, sie muss sich neu entdecken, meditieren.

Durchsichtig ist der Frost, Schnee hüllt das Fenster. Dahinter ist es still, denn dort entsteht das Neue, das bestehen muss. Die tiefe Einkehr baut sich ihr Gerüst, um das Gedanken und Gefühle ranken werden. Gehalt wird jetzt geprägt, der nüchtern wirkte, 94gäb ihm nicht jeder Monat seine Eigenart; durchwandern muss in wechselnder Beleuchtung der Sinn die ihm gegeb’nen Möglichkeiten, stets neu verhüllt, doch nie verborgen, liegt hier der wahre Schöpfungsakt.

Auch ich bin wie das Jahr, erprobe ständig, durchglüht von aller Zeit und jedem Wissen, das einmal nur sich mir erschlossen hat.

Oft bin ich einsam, häufig in der Menge; ich scheine abgetrieben, doch ich treibe niemals weit – so soll es bleiben, lebenslange Suche, ich bin zufrieden mit der Ungenügsamkeit!

Noch nicht wirklich ich, aber auch nicht mehr ganz Rilke. – Das war nun aber genug Kultur.

KRIEGSFRIEDEN
UMWEG #23

Wir versuchten, was wir konnten, aber diesen Schlossblick von der Bucht in den Sonnenuntergang, den erwischten wir einfach nicht. Wir kamen weder mit den Beinen noch mit den Rädern dicht genug an den Abhang, um runterzugucken. Aufgeben, wenn es um nichts geht, ist mir fremd. Rafał, so gutmütig wie abenteuerlustig, folgte meinem Vorschlag, die Klippe einen schmalen Weg herunterzufahren, der nichts als ‚Beach‘ versprach, was hier üblicherweise bedeutet, dass man dafür zahlen muss, auf Felsen liegen zu dürfen. Ein paar späte Sonnenselige kamen uns in ihren Autos entgegen. Unten war es leer: Diese Leere, die vorher schon im Trubel zu spüren ist, die sich aber erst mit dem Abziehen der letzten ‚Juxer‘ über das Land breitet und die die Wellen einzuebnen scheint. Alles wird flach. Wir stiegen aus. Ein Stück weiter sah ich etwas, das ich mir 95als Lösung unseres Wohin-Problems vor- stellen konnte. Rafał fuhr weiter über Sand und auf den Parkplatz. Von Nahem sah das Gebilde aus Räumen und Terrassen einladend aus, und das Personal so, als sei es anspruchsvolle Kundschaft gewohnt. „Wir wollen nur etwas trinken“, wehrte ich in meinem schnöseligsten Italienisch ab, aber jemand, der mir auch einen Smoking oder seinen Liebhaber verkauft hätte, führte uns verbindlich lächelnd an den Essmöglichkeiten vorbei auf eine Terrasse mit Strandbar ohne Strand und wenigen Gästen mit Gläsern.

Wir setzten uns dicht ans Meer, die Sonne war weg, und ich fand es etwas kühl. Silke trinkt dann meist Mineralwasser ‚con gas‘ und wenn möglich mit einer Scheibe Zitrone, manchmal gibt es sogar Sanbitter, das erinnert von Ferne an Campari ohne Alkohol; Rafał bestellt im Allgemeinen Aperol Spritz, besonders, wenn er wieder ans Steuer muss, und ich bleibe bei Negroni. So wie vorhin an der Badebucht gerade alles vorbei war, so hatte hier noch nichts angefangen. Die schwarzweiß angezogenen jungen Männer und Frauen, die später der Kundschaft gefallen sollten, lehnten noch lässig an der Theke. Schwarz- weiß war auch die ganze Einrichtung mit den tiefen Tischen und hochlehnigen Sesseln. Alles war wunderbar künstlich und gestylt. Nichts erinnerte an irgendetwas Lebendiges, es war die Kulisse für das Manifest von Unvergänglichkeit der Materie: Sterben ist unmöglich, alles wird zu Pulver und aus Pulver neu gemacht. Die Sonne war weg, die Gläser leer, wir gingen.

Form besteht aus Wiederholung, als wörtliches Zitat oder als Abwandlung des Ursprünglichen. Wir wählten den einfachsten Weg und fuhren zum Obelisken. Wer zwei Abende hintereinander ins selbe Lokal geht, der ist doch Stammgast, nicht? Der Wirt fragte: „Avete riservato?“ Da ich sonst ja eigentlich immer reserviere, fühlte ich mich ertappt, als hätte ich die Pasta-Zange in die Tasche gesteckt. „No“, antwortete ich schuldbewusst. Wir bekamen aber trotzdem einen Tisch, in der zweiten Reihe. Es war voller als gestern. Die Gruppe direkt vor uns beherrschte die Szene. Alle waren hübsch angezogen. Eine höchst aufgeräumte junge Frau versuchte, die ganze Gesellschaft zu belustigen, dreizehn, ohne sie. Sie ging herum und hielt dabei Plädoyers wie im Gerichtssaal. Einige lachten an einigen Stellen, andere schienen durchgehend das Einschlafen zu vermeiden. Offenbar sprach sie über jeden von ihnen, nicht unfreundlich, aber auch nicht sehr inspiriert, eher engagiert. Vielleicht war es unterhaltsamer, den Auftritt vom Nebentisch aus zu beobachten als 96dabeizusitzen. Das wäre mir früher nicht passiert: lieber zu beobachten als teilzunehmen. Warten statt machen. Eigentlich stand ich nie auf der Bühne, immer saß ich im Parkett. Ein schaler Gedanke. Der Averna schmecke wie Hustensaft. Ich trinke ihn ohne Eis, nicht, weil es gesünder ist, sondern, weil es intensiver schmeckt, heute nach Hustensaft.

Silke ging nicht nach drinnen wie Rafał und ich. Sie mag Stehklos nicht. Rafał hatte ein Date. Sein Smartphone bietet ihm allabendlich genügend Auswahl, um nicht im Hotelzimmer versauern zu müssen. Ich versüßte mir den Abendrest mit ‚Vienna‘ von Eva Menasse. Ab morgen würden wir auf dem Balkan sein, dem ‚Pulverfass‘, wie er wegen seiner revolutionären Unruhen gegen die österreichische Herrschaft seit dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches genannt wurde. Mir kam mein Gedicht von 1994 in den Sinn, dann schlief ich ein.

Kriegsfrieden Auf einem Stehklo in Sarajewo stand ich beim Hagel der Granaten mit einem bosnischen Soldaten allein zu zweit. Alles war eh so total beschissen, es kam schon gar nicht mehr drauf an. Da hab ich ihn – verrückte Zeit! – mitten im Pissen küssen müssen: schaurig, traurig, von Mann zu Mann.

97

DIE SCHWEINE UND DER ADEL
UMWEG #24
SONNTAG, 17. JULI 2016

Um 10:00 Uhr waren wir schon wieder in Slowenien. Wir hatten es geschafft, uns eine halbe Stunde eher als vom Plan befohlen, auf den Weg zu machen. Rafał hatte meine Habseligkeiten ein- gesammelt und verstaut, während ich in mein ‚Reisekostüm‘ geschlüpft war: taubenblaue Jeans, taubenblaues Polohemd, taubenblauer, serviettendünner Pullover über den Schultern. „Ton in Ton“, machten sich Roland und Pali über mich lustig. An mir prallte das ab: Wenn sich alle Menschen von Kopf bis Fuß in einer einzigen Farbe kleiden würden, egal ob Shocking Pink oder Béchamel-Beige, dann wäre die Touristenwelt keine solche ästhetische Katastrophe, wie sensible Augen sie allsommerlich durchleiden müssen. Während Rafał beim Verfrachten des Gepäcks in ersten Morgenschweiß geraten war, hatte ich meine Kreditkarte aus dem Portemonnaie genestelt und die Rechnung beglichen. Wenn ein Rechtshänder das mit links macht, wirkt es nicht besonders lässig. Silke ist sowieso immer als Erste fertig. Ihre Zeiteinteilung ist perfekt. Sollte sie nicht auf die Sekunde pünktlich sein, weiß man, sie kommt gar nicht mehr.

Dieses Mal fuhren wir nicht an der Küste entlang, sondern abkürzend durch das slowenische Inland. Das Auffälligste hinter der sonst kaum erkennbaren Grenze waren die Schweine. Alle zwei, drei Kilometer konnten wir sie besichtigen, manchmal sogar einander schräg gegenüber zu beiden Seiten der Straße. Ihre Besonderheit bestand darin, dass sie im Ganzen an langen Spießen über Holzkohlefeuern hingen und schon ersten Schmorduft in den morgendlichen Himmel entsandten. Gewiss, wir waren nicht mehr in Italien, aber zum Islam Bosniens war es noch weit.

Um das Land nicht einfach zu achtlos zu durchqueren, hielten wir an einer Tankstelle. Ich gönnte dort nicht nur dem Mercedes seinen Diesel, sondern auch mir eine schön verpackte Flasche Whisky mit zwei Gläsern: Johnnie Walker. Silke machte das dazu passende gouvernantenhafte Gesicht, dann ging es weiter nach Kroatien. Die Grenze 98war offen auf unserer Seite, auf der Gegenfahrbahn herrschte Andrang. Überall denkt man: ‚Flüchtlingsroute‘. Seit vorigem Sommer, als ich ‚Europa im Kopf‘ schrieb, hat sich in allen europä- ischen Köpfen von Istanbul bis Edinburgh alles verändert.

Die Landschaft blieb gleich, eine leicht hügelige Ebene mit Wiesen, Laubbäumen, kurzen Häusern entlang der Straße, die jetzt zur gebührenpflichtigen Autobahn ausgebaut worden war. Da kam man sich doch gleich wieder kosmopolitischer vor als bei den slowenischen Schweinen. Aber nachdem wir die Autobahn verlassen hatten, hörte ‚Südkärnten‘ rasch auf. Die Ebene war gar keine gewesen. Wir erreichten eine Anhöhe, und von der aus sahen wir erst, dann fuhren wir, in Serpentinen steil hinab. Unten lag die Adria, weit und blau, oben wurde es von Kurve zu Kurve mediterraner: Pinien, Oliven, Agaven. Der in den Hang gebaute Ort, das war Opatija. Ich war gespannt. Meine Eltern waren 1960 von einem Golfurlaub in Kärnten dort gewesen und hatten es ‚niederziehend‘ gefunden.

Zwischen 1966 und 1979 war ich fast jedes Jahr in Italien gewesen. 1973 nicht. In Rom war Ingeborg Bachmann gestorben, in Neapel die Cholera ausgebrochen. Beides hatte mich genügend entsetzt, um mich auf andere Gedanken zu bringen. Die Europäer beschäftigte die Ölkrise, die Amerikaner die Watergate- Affäre, Harald und ich sannen nach Jahren des selbstverständlichen Italienurlaubs darüber nach, ob Ferien außerhalb Italiens möglich wären. So kamen wir auf die Balkan-Route, allerdings von Nord nach Süd, und unser erster Aufenthalt war in Opatija gewesen. Wir hatten im ‚Gailtal‘ in Kärnten übernachtet – damals lieferte der Name noch Munition für Zoten – und wir waren schwelgerisch begeistert gewesen von der Landschaft: zeitlos verträumt. Von Opatija waren wir nicht begeistert. Ostblock! Alexanderplatz am Mittelmeer, so schien es uns. Wir blieben keine Stunde.

Opatija, dieser Adria-Dreck, das war früher ‚Abbazia‘ gewesen, das mondänste Seebad der Donau-Monarchie. So viele gekrönte Häupter gaben sich dort die Ehre und die Klinke in die Hand, dass ‚Das goldene Blatt‘ eine Dependance hätte einrichten müssen. Neben dem Wiener und dem Berliner Kaiser nebst Gattinnen war dort aber auch die Familie Rinke anzutreffen. Maria Elshorst, die schöne ‚höhere Tocher‘ aus Essen, wollte so schnell wie möglich weg von ihrer kaltherzigen Mutter, die an ihren Kindern den Groll darüber ausließ, dass sie statt ihres 99ärmeren Favoriten den ungeliebten, reichen Bierbrauer hatte heiraten müssen.

Maria hingegen heiratete den feschen Leutnant Reinhold Rinke, die Anträge von Kommerzienräten und Bankdirektoren hatte sie abgewiesen, weil sie nicht nur katholisch, sondern auch doof – na ja, verblendet – war. ‚Offizier‘, das war Ende des 19. Jahrhunderts absolut angesagt, schmückender als jeder andere Beruf. Reinhold gab vor der Ehe sein Ehrenwort, dass er keine Schulden hätte, hatte aber doch welche, die dann sein Schwiegervater bezahlen musste, und obendrauf noch die Rechnung für ein neues Pferd. Das war ein Offizier sich damals wert, wenn er sich herabließ, eine Bürgerliche zu heiraten. Nach dem Ersten Weltkrieg saß Maria dann da: Ihr untüchtiger Gatte fand nie mehr eine vernünftige Position, ihr Vater verlor sein ganzes Vermögen während der Inflation, und ihre vier Söhne mussten großgezogen werden. Noch in den Sechzigerjahren hat sie auch mir gegenüber ihre Entscheidung bereut. Selber schuld. Gott, zu dem sie jeden Sonntag ging, konnte nichts dafür; allerdings hat er ihr den Schenkelhals gebrochen – eine Woche, nachdem sie die Caritas-Spende eingestellt hatte –, um sie zu strafen, wie sie ahnte.


Irene (1960 am Wörthersee)


Irene mit Verehrer (1960)


Reinhold Rinke (um 1900)

100Im Juli 1914 war die Welt der politisch nicht sehr aufgeweckten Maria Rinke noch in Ordnung. Die Familie machte Urlaub in Abbazia. Alle vier Söhne hatten Keuchhusten gehabt, Guntram, den Jüngsten, hatte es am schlimmsten erwischt. Während sich die älteren drei erholten, sahen sich die Eltern schon mal weiße Särge an, weil sie beschlossen hatten, die Leiche ihres Jüngsten nicht extra überführen zu lassen ins Reich, erzählte Guntram gern feixend. Wäre er damals wie befürchtet gestorben, wäre ich nicht geboren worden, und auch ohne Hitler wäre ich nicht auf die Welt gekommen, weil sich ohne seinen Krieg meine Eltern nicht im Zug begegnet wären. Spermien, Eizellen, Gene. Hätte es jemand in Indien oder Kanada, schwarz, weiß, gelb, rot, irgendwann ins Leben geschafft, der trotzdem ‚ich‘ gewesen wäre? Schwer zu sagen, fest steht, dass am 1. August 1914 der Erste Weltkrieg begann, Reinhold wurde sofort eingezogen, und eine Ära ging zu Ende. Abbazia erholte sich nie davon. Nach dem Ersten Weltkrieg ging es an Italien, das war nicht so schlimm, aber nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu Jugoslawien und verfiel völlig.

Merkwürdig: Mein Kopf denkt immer noch, er sei jung, aber Schwanz und Arschloch widersprechen heftig …101

102

Originale Bilder: ©xbrchx/shutterstock.com, ©Sangaroon/shutterstock.com, Montage: ALEKS & SHANTU

103

WILLKOMMENE ENTTÄUSCHUNG
UMWEG #25

Seit Kroatien selbstständig ist, haben sich alle viel Mühe gegeben. Als wir den Stau zum Zentrum hinter uns hatten, kamen wir auf eine gepflegte Palmenpromenade mit herrschaftlichen Hotels aus K.-u.-k.-Glanzzeiten.

104Weiße Fassaden, hohe Fenster, Stuck. Rechts und links, über Kilometer. Aber so ein Trubel. Menschenmassen in Cafés und Strandbars. Um die Hautevolee handelte es sich dabei offensichtlich nicht. Silke war nicht begeistert, aber ich fand, wir müssen der Umgebung eine Chance einräumen. Mittendrin, vor dem Grandhotel ‚Palace Bellevue‘, fanden wir sogar eine einsame Lücke am zugeparkten Straßenrand, für die sollte man sich in Kuna erkenntlich zeigen. Selbstverständlich hatte Silke bereits in Hamburg Kuna besorgt, aber eher, um Restaurant-Rechnungen zu begleichen, als um Kleingeld in Automaten zu stopfen. Rafał wollte wechseln, die ‚Boutiqueusen‘ wollten nicht. Schon vorher hatte ich eine herbe Enttäuschung zu verkraften gehabt: Die Balustrade zur Terrasse musste zwar über viele Stufen erobert werden, doch von dort bot sich bestimmt ein herrlicher Blick über die Promenade aufs blaue Meer, während man in bequemen Fauteuils versank und anregende Getränke schlürfte. So war es nicht. Das Meer war durchaus blau, die Terrasse nicht bewirtschaftet. Das Hotel wirkte bestreikt. In der Halle musste ich an ‚The Shining‘ denken. ‚Grandhotel Palace Bellevue‘! Warum nicht noch ‚Excelsior Casino Bellagio Mandarin Four Seasons Alcazar‘ dazu? Jemand, der das Hotel später und gründlicher als wir besucht hatte, stellt bei ‚TripAdvisor‘ fest, dass dort der Charme des Kommunismus wieder auflebe. Aber von außen sah es gut aus, fand ich. Silke und ich setzten uns an der Promenade unter die Arkaden eines ansehnlichen Gebäudes und warteten ab, bis Rafał vom Geldwechseln plus -einwerfen zurückkam und die überforderte Kroatin unsere Bestellung aufnahm. Wir sahen den Ausschnitt von Opatija und seinem Strand, den unsere Plätze uns boten, und Silke sagte: „Hier möchte ich nicht Urlaub machen.“

Viertel nach eins stiegen wir wieder in den gut durchgewärmten Mercedes und fuhren entsprechend den Vorstellungen der Navifrau die Promenade weit entlang bergauf bis zu einer schmalen Seitenstraße, die dann wieder runterführte. Als der Weg gerade be- sonders unübersichtlich war, verkündete sie ihr gefürchtetes „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“ Wagen standen dicht an dicht geparkt, hinter uns hupte es, Rafał ließ uns aussteigen und fuhr auf gut Glück weiter. Irgendwo vor Koper musste Istrien doch noch eine Abstellmöglichkeit bieten.

Silke und ich gingen zum ‚Valle Losca‘. Draußen konnte man nicht sitzen, schade. Drinnen auch nicht. Sehr schade. Es war geschlossen. Silke hatte nicht nur geschrieben, sie hatte mit den Leuten 105telefoniert. War trotzdem zu und wir aufgeschmissen. Silke versuchte, Rafał auf dem Handy zu erreichen, klappte nicht. Bei ‚TripAdvisor‘ hatte es geheißen: ‚Super Lokal, lecker Essen, toller Chef und Bedienung, geniales Ambiente, entspannte Atmosphäre …‘ und nur in diesen Tönen. Half ja nichts. Die Luft stand schwül vor der abweisenden Tür. Obwohl ich sowieso nie Hunger habe, kam ich mir ausgesperrt vor. Ich teilte Silkes Mischung aus Empörung und Schuldgefühlen: Als ob man in Badehose am Vatikan abgewiesen wird oder in Burka am Bankschalter. Nur war eben keiner da, bei dem wir uns beschweren konnten, dass wir doch manierlich angezogen seien und Trinkgeld in der Landeswährung bereithielten. Rafał kam, und wir gingen gleich mit ihm zurück durch die fahle Hitze. In dem Einbahnstraßengewirr hätte er uns mit dem Auto nie wieder gefunden. Es war natürlich schmerzlich, die schöne, rare Parklücke so schnell zu verlassen, aber dort zu parken, wo man nicht sein will, nur weil da Platz ist, wirkt irgendwie dickköpfig.

Mit stechendem Blick sah ich nach rechts und wurde bald fündig: Ein Dreieck zwischen unserer und einer einmündenden Straße beherbergte ein Restaurant mit großer Terrasse. Davor fanden wir sogar eine Möglichkeit zu parken, versehen mit einem Schild, dass das verboten sei. Wir dachten, das Lokal sei auch geschlossen, aber eine freundliche Frau kam und sagte, wenn wir ihre Gäste seien, dürften wir da parken, sie kenne die Polizisten. Wir saßen unter Sonnenschirmen von ‚Jana‘, dem kroatischen Mineralwasser, dass Rafał so schlecht leiden konnte, dass er bis zu unserer Abreise aus Kroatien auf alle möglichen Getränke auswich, die seine Leber sicher nicht alle lieber mochte als den salzigen Sprudel. Während derselben Zeit bekam ich keinen Fernet Branca, ein Malheur für meinen Darmtrakt ab Kehle; gut, dass ich wenigstens Whisky hatte.

Die nette Frau erschien mit Fischen, die so behaglich auf Eis gebettet lagen, dass man fast mit ihnen tauschen wollte. Es wurde ein wunderbares, sorgloses Essen. Die Toiletten waren Schmuckstücke, und es kamen sogar noch zwei weitere Gäste. Ich wünschte unserer Gastgeberin für den Abend mehr Publikum, aber wir mussten ja weiter; die Küstenstraße südwestlich, entlang an Villen und Nadelhölzern in etwa hundert Metern Höhe. Es hätte laut Routenplaner 35 Minuten dauern sollen, nach einer Stunde kamen wir ans Ende einer Schlange. Ich vermutete ein Verkehrshindernis. Rafał stieg aus und ging um die Ecke: Bis unten standen Autos, die alle auf die Fähre wollten. Ich 106war wütend. Warum blieben die nicht in Opatija oder in Bad Salzuflen? Wir warteten fast zwei Stunden, bis auf der Straße etwas geschah. Mein Unterleib war wie üblich schneller, musste sich aber vom Hirn disziplinieren lassen. Gleichzeitig sagte ich mir gebetsmühlenartig, wie schön es hier am Straßenrand sei, das gut gekühlte Auto, das Gras, der Sand, die Dornen.

Ich war gerade dabei, mich zu beschimpfen, dass andere jetzt im Schlauchboot auf dem Mittelmeer treiben und die Nacht nicht überleben werden, da ging es weiter, zwar langsam, doch stetig. Wir kamen sogar noch auf die Fähre, ich konnte es kaum fassen, und fast genauso schön, es gab sogar eine Toilette. Kein Vergleich zu der gediegenen Örtlichkeit unseres Mittagessens, aber manchmal hat man keine Wahl und kann, um das Gegenbild zu bemühen, eine schlichte Mahlzeit zur rechten Zeit mehr genießen als ein erlesenes Gericht zur falschen. Die Menschen im Schlauchboot brauchte ich gar nicht, um dankbar zu sein. Menschen, die ihr Glück nicht genießen können, weil das Leid der Welt sie zu sehr stört, sind zu bewundern, wenn sie daraus Konsequenzen ziehen, ansonsten denke ich, die haben einen an der Waffel.

Menschen, die ihr Glück nicht genießen können, weil das Leid der Welt sie zu sehr stört, sind zu bewundern, …107

108

Originale Bilder: ©SeDmi/shutterstock.com, ©Kitch Bain/shutterstock.com, ©Vova Shevchuk/shutterstock.com, Montage: ALEKS & SHANTU

109

AM HANG
UMWEG #26

Die Überfahrt nach Cres dauerte keine Stunde. Rafał flitzte wie immer durch die Gegend. Ich saß mit Silke auf einer Bank.

110Ständig traten Leute an die Reling und versperrten uns den Blick aufs Wasser. Sie hatten alle mein Plädoyer für einfarbige Kleidung nicht gelesen, sondern bevorzugten als Lieblingsfarbe Bunt. Menschenfreundlicher wird man wohl nicht im Alter, das kommt nur in rührenden Kinderbüchern vor. Wenn man viel Geld hat, kann man ausweichen, wenn man keins hat, muss man seine Umwelt ertragen.

Raus aus dem Schiff kommt man immer schneller als rauf auf das Schiff. Das klingt nach Arche Noah und Titanic, ist aber bloß wahr und trifft auch auf Flugzeuge zu. Wir hatten bald Asphalt unter den Rädern und waren in Erobererlaune. Damit wir nicht zu übermütig wurden, mussten wir hinter einer Caravan-Karawane herfahren. Bergauf, bergab. Die Umgebung war ziemlich garstig: karstig, steppig, Gestrüpp. Trotzdem verließ ein Wohnwagen nach dem anderen die Straße, um es sich auf einem der vielen Campingplätze gemütlich zu machen. Hochmütig winkten unsere Blicke ihnen nach: Wir würden es viel, viel schöner haben. Da war ich mir sicher. Silke legt mir unter Briefe, die ich lesen muss, und Vordrucke, die ich unterschreiben muss, immer ein, zwei Magazine, die ich nicht zur Kenntnis zu nehmen brauche. Dazu gehört auch das ,American Express‘-Magazin ‚Departures‘.

Bis ich zwölf war, bekam ich 50 Pfennig Taschengeld in der Woche. Nach zwei Monaten hatte ich die vier Mark für eine Caterina-Valente-Platte zusammen. Dann wurde mein Taschengeld auf zwei Mark im Monat erhöht, aber ich mochte Caterina Valente nicht mehr, konnte also sparen. Erst weitere zwei Jahre später kam Mozart, und Shirley Bassey trat ihren Siegeszug in mein Herz nicht vor 1967 an.

Nach heutigen Begriffen wurde ich knappgehalten, aber weil meine Mutter an den Kassen von ‚C&A‘ und ‚Salamander‘ für meine Kleidung und meine Schuhe zahlte, brauchte ich nicht mehr, fanden meine Eltern. Essen gab es ja für mich umsonst, Süßigkeiten mochte ich sowieso nicht, und zu Weihnachten und zum Geburtstag bekam ich neue Puzzles, die konnte ich dann legen. Mir reichte das, ich fühlte mich nicht unterversorgt. Pali sagte später: „Du wurdest immer zu knappgehalten, darum hast du kein Verhältnis zum Geld bekommen.“ In seinen Augen war ich geizig, er in meinen verschwenderisch.

Nach dem Abitur bekam ich vierzig Mark im Monat, das reichte fürs Kino und einmal Restaurant. Für Garderobe war weiterhin meine Mutter zuständig, die Privatstunden für Komposition bei Professor Klussmann zahlte mein Vater. 111Als ich 1969 Lehrling bei der ,Deutschen Grammophon‘ wurde, musste ich mir ein Konto zulegen, auf das die 270 Mark im Monat überwiesen wurden. Im zweiten Jahr waren es fünfzig Mark mehr. Mein erstes Gehalt als Festangestellter betrug 1200 Mark. Da fing ich an, über eine eigene Wohnung nachzudenken. 1973 bezog ich sie. Da verdiente ich schon 1800 Mark und kam gut damit aus. Inzwischen hatte ich europaweit zu reisen begonnen. Mein Reiseetat überschritt bald mein Gehalt. Damals hatte jedes Land seine eigene Währung, es war praktischer, mit Kreditkarte zu zahlen. ‚Diners Club‘ war die erste am Markt und auch meine erste. Dann wurde es chic, mehrere Kreditkarten zu haben, ich hatte drei. Die ,American Express‘ habe ich behalten, als ich ‚Deutsche Grammophon‘ verließ, und sogar ‚platinum‘ beantragt. Warum, weiß ich gar nicht. Ich habe sie wohl am meisten genutzt und fand sie ‚exklusiver‘ als ,Visa‘ und ,Mastercard‘, dafür ist sie zur Strafe auch weniger einsetzbar.




Roland (1979)

Zwischen Hawaii und Australien habe ich in den Achtzigerjahren große Summen mit dieser Karte bezahlt. Zwischen 1994 und 2014 wurde wenig mehr als eine monatliche Versicherung bei ihr abgebucht. Jetzt freut sie sich wieder. Mein Leben gliedert sich, die 112Seele mal weggelassen, per heute in drei Abschnitte: 23 Jahre Entwicklung, 24 Jahre Berufsleben, 23 Jahre Selbstständigkeit. Wie lange nun die Entwicklung dauern wird, bleibt interessiert abzuwarten, auch von meinem ,kundenorientierten‘ Kreditinstitut. ,American Express‘-Mitglied bin ich seit 1979, da waren die meisten Mitarbeiter des Unternehmens noch gar nicht geboren, und das Magazin gab es auch noch nicht. Gegen meine Gewohnheit blätterte ich die Februar-Ausgabe durch und stieß auf das ‚Boutique Hotel Alhambra‘, genauer gesagt, auf dessen Bilder. Die gefielen mir, und ich dachte, das müsse doch von Meran aus für eine Urlaubswoche zu erreichen sein: nach 28 Jahren endlich wieder etwas Neues. Achtundzwanzig Jahre. Kaum zu glauben! Aber seit Maui hatte ich keine Insel, kein Land mehr besucht, das neu für mich war. Die eine Übernachtung in Oslo 1991 zähle ich nicht.

Nun habe ich aber, die Festplatte macht es möglich, meinen Bericht von damals an Pali nochmal gelesen: Die norwegische Landschaft passt zu dieser hier, 2000 Kilometer weiter südlich, und die Stimmung von damals ist allgegenwärtig, also zähle ich jenen Aufenthalt doch und füge hier meinen gekürzten Text ein:

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺885,53

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
25 mayıs 2021
Hacim:
573 s. 190 illüstrasyon
ISBN:
9783963114236
Telif hakkı:
Автор
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar