Kitabı oku: «Freche Fee und lustiger böser König. Märchen»

Yazı tipi:

Wenn du Mut hast, können wir solche Abenteuer, wie sie die Großmutter erzählt, selbst erleben, ich wüßte auch wo.

Hanns Heinz Ewers

Märchen

Freche Fee und

lustiger böser König

Illustrationen von Elena Zjazeva

Herausgegeben von Sven Brömsel


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie, detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne vorherige Zustimmung des Verlages unzulässig. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung sowie die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen jeder Art.

1. Auflage eBook

© Ripperger & Kremers Verlag, Berlin 2014

Informationen über Bücher aus dem Verlag unter www.ripperger-kremers.de

Alle Rechte vorbehalten

Illustrationen: Elena Zjazeva

Einbandgestaltung: Vera Eizenhöfer

eBook-Epub

ISBN: 978-3-943999-18-1

Wie Otto Bender sich eine neue Großmutter kaufte

Als Otto schon ein halbes Jahr auf der Schule war, geschah plötzlich etwas, das ihm eine ganz neue Welt eröffnete. Bis dahin war er sehr brav gewesen und immer der Erste in der Klasse. Schon ehe er zur Schule kam, hatte er zu Hause etwas Schreiben, Lesen und Rechnen gelernt, und da sein reicher Vater ihm auch jetzt noch einen Hauslehrer hielt, der alle Schularbeiten sorgsam mit ihm durchnahm, so war es kein Wunder, daß er seine Aufgaben immer am Schnürchen konnte. – Gern ging er gerade nicht in die Schule; die anderen Jungen mochte er nicht, da sie ihm zu schmutzig waren, und sie mochten ihn nicht, obwohl sie sehr zu ihm aufsahen, weil er so sehr vornehm war und weil er ihnen von dem Lehrer immer als »Muster« vorgestellt wurde.

Aber zum Herbste kam ein neuer Junge in die Schule, der Joseph Quetschbüdel hieß; genannt wurde er immer »Jupp«. Jupp war noch viel schmutziger als alle anderen Jungen zusammen, er war so schmutzig, daß der kleine feine Otto sich die Nase zuhielt, wenn er ihn sah. Niemand mochte ihn zuerst leiden; aber Jupp verstand es, sich eine gewisse Achtung zu verschaffen, indem er gleich am ersten Tage drei Jungen durchprügelte. Am zweiten Tage stahl er Ottos schönes Schinkenbrot und aß es trotz des Widerspruchs des rechtmäßigen Besitzers ruhig auf. Und als er gar am dritten Tage zwei Stunden schwänzte, da war sein Ansehen in der Klasse völlig befestigt. Er erhielt dafür zwar von dem Lehrer eine tüchtige Tracht mit dem Rohrstocke, aber er heulte gar nicht dabei und erklärte nachher seinen Mitschülern, daß ihm das ganz gleichgültig sei, das fühle er doch nicht! Prügel erhielt er überhaupt fast jeden Tag, da er fast nichts lernte und nicht zu bewegen war, auch nur ein einziges Mal seine Schularbeiten zu machen.

Mit diesem Jupp nun schloß Otto Freundschaft, und das kam so.

Je höher Jupps Ansehen in der Klasse stieg, um so tiefer sank das von Otto – die Jungen nannten ihn den »feinen Otto« und neckten und schubsten ihn, wo sie nur konnten. Er fühlte, daß er etwas tun müsse, um seine Stellung wieder zu gewinnen und beschloß daher, mit Jupp anzubandeln. Otto war trotz seiner Bravheit gar nicht bange, so wenig vor Jupp wie vor einem anderen. Er wartete also nur eine Gelegenheit ab, und als Jupp ihm in der Pause wieder einmal sein Butterbrot weggenommen hatte, ging er auf ihn zu und erklärte ihm, daß er ihn durchhauen wolle, wenn er es ihm nicht sofort zurückgebe.

»Seht doch mal den ›feinen Otto‹!« rief Jupp und lachte so laut, daß die ganze Klasse sich um die beiden versammelte.

Otto sagte kein Wort mehr, er ballte seine kleine Hand und schlug seinen Gegner auf den Kopf. Der war aber auch nicht faul, er griff fest zu, und bald wälzten sich die Jungen in einem Knäuel am Boden herum. Nach einer Weile waren sie alle beide so erschöpft, daß sie einander losließen, keiner hatte den anderen untergekriegt. Sie standen wieder auf, um ein wenig zu verschnaufen; Jupp, der sich seinen Ellenbogen rieb, auf den er besonders hart gefallen war, bemerkte in Ottos Augen zwei dicke Tränen.

»Er heult!« rief er triumphierend.

»Dummer Betteljunge!« schrie Otto.

»Was hast du denn besser wie ich?«

»Nicht mal ein Butterbrot hat er!« höhnte Otto.

»Wenn ich keins habe, nehme ich deins.«

»Ein Betteljunge bist du, weiter nichts! Hast du vielleicht ein Pony, oder einen großen Hund oder einen Springbrunnen vor dem Hause?«

»Das ist alles gar nichts!« erklärte Jupp ruhig, »aber hast du vielleicht eine Großmutter?«

»Natürlich habe ich eine,« erwiderte Otto, »sie wohnt in Hamburg und war erst Pfingsten zu Besuch bei uns!«

»Was?« höhnte Jupp und steckte die Hände in die Hosentaschen, »das soll eine richtige Großmutter sein? Richtige Großmütter wohnen nie in Hamburg! Sie sind immer zu Hause, sitzen im Lehnstuhl hinter dem Ofen und haben ganz krumme Finger! – Ich habe eine richtige!«

Otto wurde stutzig, seine Großmutter saß allerdings nie im Lehnstuhle hinter dem Ofen, auch hatte sie keine krummen Finger. Ob sie wirklich gar keine richtige Großmutter war? – Inzwischen waren die anderen Jungen weggegangen, da trat Jupp ganz leise zu Otto heran und sagte ihm ins Ohr:

»Wenn du mir zehn von deinen schönen Glasknickern gibst, kannst du meine Großmutter mithaben!«

Otto drehte sich um:

»Ich will deine Großmutter nicht.«

»Du bist dumm!« antwortete Jupp. »So billig bekommst du nie wieder eine richtige Großmutter!«

Dann kam der Lehrer herein, und die Lesestunde fing an.

Jupps Großmutter kam Otto nicht aus dem Kopfe. – Er dachte den ganzen Tag an sie und in der Nacht träumte er davon. Und ehe er am anderen Morgen zur Schule ging, überlegte er sich, daß er ja über dreißig Glaskugeln habe, und daß er sicher noch mehr bekommen könne, wenn er seine Mutter darum bitten würde. Er steckte die Taschen voll und ging zur Schule.

Als er Jupp sah, rief er ihn heran.


»Hier sind zehn Knicker. Ich will deine Großmutter mithaben.«

Jupp besah sich schweigend die Kugeln, eine nach der anderen, und steckte sie langsam in seine Tasche.

»Diese da hat einen Sprung, dafür muß ich eine andere haben!«

Otto gab noch eine andere, und Jupp steckte beide in die Tasche.

»Wenn die Schule aus ist, kannst du mitkommen,« sagte er, »ich will dir die Großmutter zeigen.«

Als es zwölf Uhr schlug, zogen die beiden Jungen aus der Schule. Jupp führte seinen neuen Freund durch alle möglichen engen Gassen, die dieser bis dahin noch nie gesehen hatte. Endlich kamen sie an ein großes, verfallenes altes Haus. Hinten im Hofe standen ein paar niedrige schmutzige Gebäude; in eins derselben ging Jupp hinein. Otto folgte ihm. Vom Gange aus öffnete Jupp ganz leise die kleine Türe eines Zimmers und ließ seinen Freund durch die Ritze sehen.

Erst konnte Otto gar nichts erkennen, so dunkel war es in dem Raume. Allmählich unterschied er einen wurmstichigen alten Tisch, ein paar Stühle mit zerbrochenen Lehnen und einen wackeligen schwarzen Ofen, in dem ein qualmiges Kohlenfeuer rauchte. Hinter dem Ofen saß eine furchtbar häßliche alte Frau auf einem Lehnstuhle. Sie trug einen grauen geflickten Mantel, ihr Gesicht war gelb und grau und ganz mit Runzeln bedeckt. Die Nase hing fast über den Mund, und zwischen den Lippen lugte ein langer Zahn heraus. Die Hände hatte sie auf einen großen Krückstock gestützt und wirklich! die Finger waren ganz krumm und die Nägel sahen wie Krallen aus.

»Hast du sie gesehen?« frug Jupp leise.

»Ja,« flüsterte Otto atemlos, »sie ist sehr häßlich!«

»Natürlich ist sie sehr häßlich,« erklärte Jupp stolz, »sie ist überhaupt die häßlichste, die es gibt! – Sie ist eben eine ganz richtige Großmutter.«

Dann schloß er vorsichtig die Türe und brachte seinen Freund, der froh war, daß er wieder weg konnte, noch ein paar Straßen zurück.

»Die Großmutter kann alle Geschichten erzählen, die es auf der ganzen Welt gibt und wenigstens noch hundert mehr,« erklärte er.

Für ein paar Tage hatte Otto genug von Jupps Großmutter; als dieser ihm aber immer wieder sagte, welch herrliche Geschichten die Großmutter wisse, da bekam er doch Lust, auch einmal eine zu hören.

»Du könntest mich einmal mitnehmen, wenn sie eine erzählt!« meinte er.

Worauf Jupp ihm erklärte, das ginge nicht.

»Warum denn nicht?«

»Du kannst doch nicht verlangen, daß du für zehn Glaskugeln die Großmutter ganz mitbekommst! Nur zum Sehen! – Wenn du sie ganz mithaben willst, mußt du noch mehr geben, ich will dir nachher sagen, was.«

Nach der Schule warteten die beiden Jungen, bis alle anderen Schüler fort waren. – Dann sagte Jupp zu Otto:

»Hast du zwei Schiefertafeln?«

»Sogar drei; zwei habe ich zu Hause.«

»Gut, dann können wir diese hier zum Kontrakt benutzen!«

»Wozu?«

»Zum Kontrakt! Wenn man was Wichtiges abmacht, muß man es immer schriftlich machen, sagt mein Vater, sonst gilt es nicht! Und das nennt man dann Kontrakt. – Nun schreibe, was ich dir sage!«

Otto schrieb alles auf die Schiefertafel. Als er fertig war, setzten beide ihre Namen darunter; Otto schrieb »Otto Bender«, und Jupp kritzelte etwas, das »Jupp« heißen sollte. Dann fiel Jupp ein, daß Otto vielleicht später noch etwas bekommen könne, das er auch gern haben möchte, aber er wußte nicht, wie er das in den Kontrakt bringen sollte. Er besann sich ein wenig, dann sagte er zu Otto:

»Schreib’ noch darunter: Und noch was anderes.«

Der Kontrakt sah so aus:*


Jupp nahm die Tafel und gab Otto die Hand.

»So,« sagte er, »jetzt hast du die Großmutter ganz mit.«

* Kohntrakt vohn Otto Bender und Jup

Quetschbüdel. Jup kriecht noch 20 Glaskugeln und jeden

Tag 1 Buterbrod mit Schinken bies er tot ist und

Otto Bender darf die Grosmutter mit haben

und Jup kriecht alle Schularbeiten gemacht

vohn Otto und immer fohrgesagt und kriecht

daß Feifchen vohn Otto und kriecht das Phonie

auch mit zum drauf reitten und Otto

kriecht die Grosmutter vohn Jup mit

Otto Bender, Jupp

und noch was anderes.

Lise auf der Milchstraße

Ein paar Tage darauf erzählte die Großmutter den beiden Jungen eine Geschichte:

Die kleine Lise war von ihrer Mutter mit hinausgenommen worden auf die große Wiese, wo das Feuerwerk stattfand; aber da das Feuerwerk erst zu einer Zeit anfing, zu der Lise für gewöhnlich schon längst im Bette lag, und da sie an diesem Sonntagnachmittag noch besonders eifrig mit anderen kleinen Mädchen herumgetollt hatte, so war sie todmüde, daß sie gleich die Äuglein zumachte, als die Mutter sie auf den Arm nahm.

Das Feuerwerk war sehr schön; Raketen blitzten eine nach der anderen auf und schossen himmelhoch in die Luft; prächtige Feuergarben prasselten dann aus der Höhe herab und große Flammenräder drehten sich im Kreise. Am schönsten aber waren die roten, blauen und gelben Kugeln, die hoch hinaufflogen, oben stehenzubleiben schienen und einen prächtigen Regenbogenstreifen zur Erde warfen, bis sie endlich mit einem Knalle zerplatzten.

»So sieh doch zu, dummes Ding!« sagte die Mutter zu Lise und stieß sie an.

Gerade flog eine schöne blaue Kugel in die Luft hinauf, als Lise die Augen aufmachte. Sie sah den bunten Streifen, der dicht vor ihr zur Erde niederging. Schlaftrunken griff sie mit beiden Händen danach, und ehe die Mutter sich dessen versah, war das kleine flinke Ding daran in die Höhe geklettert.

»Ich komme gleich wieder,« rief sie ihrer entsetzten Mutter zu, »ich will nur die schöne Kugel da herunterholen!«

Aber als sie schon so hoch war, daß sie glaubte, die Kugel mit den Händen greifen zu können, zerplatzte ihr diese vor der Nase.

Sicher wäre Lise nun heruntergefallen, wenn sie nicht eine lange weiße Schnur gesehen hätte, die in der Luft baumelte. Schnell griff sie danach und hielt sich tapfer daran fest. Sie fühlte, wie sie langsam immer höher hinaufgezogen wurde; bald konnte sie gar nichts mehr da unten auf der Erde erkennen. Ihr wurde ganz schwindlig; sie schloß beide Augen und hielt sich nun so fest wie möglich an der Schnur. – Das ging so eine gute Weile; endlich fühlte sie, wie sie auf festen Boden heraufgezogen wurde.

Jetzt erst schlug sie die Augen auf; da sah sie am Rande zwei Engelein sitzen, die mit den Beinen baumelten. Hinter ihnen standen noch drei andere Engelchen, die noch die weiße Schnur in der Hand hatten, an der sie Lise heraufgezogen hatten.

»Was für einen komischen Vogel wir da gefangen haben!« sagte der eine der Engel, ein kleiner pausbackiger Kerl.

Die Lise machte einen Knix und wollte ihnen die Hand geben; da bemerkte sie, daß ihre beiden Hände an die Schnur angeklebt waren; auch ihr Kleidchen klebte fest daran.

Sie wollte sich losreißen, aber es ging nicht, worüber die kleinen Engel sehr zu lachen anfingen. Endlich hatten die beiden, die vorne mit den Beinen gebaumelt hatten, Mitleid mit ihr; sie standen auf, spuckten in die Hände und lösten vorsichtig die Schnur von der Lise ab.

»Mir gehört der Vogel,« sagte der pausbäckige Engel, »ich habe ihn gefangen.«

»Ich bin gar kein Vogel!« sagte die Lise. Dann entdeckte sie, daß ihr ganzes Kleid gelb war von dem Leime der Schnur; sie rief entrüstet: »So! Und mein neues Sonntagskleid habt ihr auch schmutzig gemacht; das werde ich meiner Mutter sagen; ihr seid sehr unartig!«

Da fingen die kleinen Engel erst recht zu lachen an.

»Hört doch einmal den dummen Vogel an! Er will noch schelten!« rief einer.

»Ich werde ihn gleich in einen großen Käfig sperren!« sagte der Pausback.

»Wir wollen ihm die Flügel stutzen, damit er nicht fortfliegen kann,« rief ein dritter, nahm eine große Schere und lief hinter ihren Rücken.

Dann machte er ein sehr dummes Gesicht und sah die anderen groß an.

»Es ist wirklich kein Vogel,« sagte er, »es hat keine Flügel.«

Die anderen umringten nun auch die Lise, suchten nach Flügeln, konnten aber natürlich keine finden.

»Was bist du?« frugen sie.

»Ich bin ein kleines Mädchen und heiße Lise,« antwortete sie.

Das wollten aber die Engel nicht glauben.

»Kleine Mädchen laufen auf der Erde herum,« sagte der Pausback. »Wie kommt es denn, daß wir dich aus der Luft gefischt haben?«

Da erzählte Lise, wie sie an dem bunten Streifen der Feuerkugel heraufgeklettert sei. Die Engel stellten sich dicht um sie herum und hörten aufmerksam zu.

»Willst du bei uns bleiben?« fragten sie dann.

»Recht gern,« sagte die Lise, die jetzt schon mehr Mut bekommen hatte. »Wie heißt ihr denn?«

»Ich heiße Litti!« sagte der erste Engel.

»Ich heiße Titti!« sagte der zweite.

»Ich heiße Kitti!« sagte der dritte.

»Ich heiße Pitti!« sagte der vierte.

»Und ich heiße Plums, aber sie nennen mich immer den Pausback,« sagte der fünfte.

»Ich finde, daß ihr recht dumme Namen habt, aber da könnt ihr wohl nichts für! – Was sollen wir spielen?«

»Sollen wir Vögel fischen?« fragte Litti.

»Nein,« sagte die Lise, »das ist zu langweilig.«

»Sollen wir mit den Beinen baumeln?« fragte Titti.

»Nein,« sagte die Lise, »da werde ich schwindlig.«

»Sollen wir Ringelreihen tanzen?« fragte Kitti.

»Nein,« sagte die Lise, »das tun die da unten auch.«

»Sollen wir Fliegen und Haschen spielen?« frug Pitti.

»Nein,« sagte die Lise, »ich habe ja keine Flügel!«

»Dann wollen wir mit den Schäfchen spielen!« sagte der Pausback.

Damit war Lise einverstanden. So gingen sie also durch das weiße Land, die Lise mit dem Pausback voran, der ihr am besten gefiel.

»Wo sind wir denn eigentlich?« frug sie.

»Auf der Milchstraße,« antwortete der Pausback. »Wußtest du das nicht?«

Sie kamen zu einer weiten weißen Wiese, die dicht voller Gänseblümchen stand. Darauf weideten viele tausend weiße Schäfchen, die kleine Glocken am Halse trugen. Pausback setzte sich auf eins; die anderen Engel und die Lise taten dasselbe; dann ritten sie eine Weile herum. Als sie genug geritten waren, stiegen sie wieder ab, und Titti sagte, daß es nun Zeit zum Melken wäre. Die fünf setzten sich hin, und Lise zu ihnen, und alle fingen an zu melken, ein Schäfchen nach dem anderen. Dabei tranken sie so viel Milch als sie mochten; es blieben aber noch viele Eimer voll stehen.

»Was macht ihr denn mit der anderen Milch?« fragte die Lise.

»Damit wird die Milchstraße frisch angestrichen,« sagten die Engel, und alle nahmen große, mächtige Pinsel und begannen den Boden zu tünchen.

»Seht einmal da!« rief Lise plötzlich, »was kommt da an?«

Durch die Luft kam ein seltsames kleines Männchen anspaziert. Es hatte einen kugelrunden roten Kopf und eine Brille auf der Nase. In der einen Hand trug es einen Regenschirm, in der anderen ein paar Bücher. Das komischste an ihm aber war sein langer roter Schwanz, der aus den Rockschößen heraushing und viel größer war als das Männchen selbst.


Die Engel sahen auf:

»Das ist ja der Komet,« rief Litti. »Guten Tag, Herr Komet!«

Dabei machte Litti einen schönen Knix, und die anderen Engelchen machten auch Knixe.

»Guten Tag, Engelchen.« sagte der Komet, »habt ihr auch brav gelernt? – Wieviel ist dreimal drei?«

»Neun,« sagte Titti.

Die Engelchen setzten sich nebeneinander hin, und der Komet fing an, ihnen Rechenstunde zu geben. Das war nun der Lise sehr langweilig; sie meinte, am Sonntage brauche man keine Rechenstunde. Sie stand auf und schlich sich leise hinter den Herrn Komet; dann nahm sie seinen langen roten Schwanz und machte einen großen, dicken Knoten hinein. Endlich nahm sie einem der Schäfchen die Glocke ab und band sie am Ende des Schwanzes fest. Alles das hatte sie so leise gemacht, daß der Komet gar nichts merkte. Die Engelchen hatten es wohl gesehen; aber sie bissen sich in die Lippen, um nicht aufzulachen.

Als nun die Rechenstunde vorüber war, klappte der Komet seine Bücher zu; er gab den Engelchen die Hand und wollte weggehen; da fing die Glocke an seinem Schwanze zu läuten an. Er sah hinter sich und bemerkte nun auch den großen Knoten. Er wollte ihn wieder herausmachen; aber da er sehr steif war und sein Schwanz noch viel steifer, so konnte er mit der Hand gar nicht hinlangen. Nun bemerkte er die Lise, die ihm den Streich gespielt hatte; er wurde sehr zornig, schimpfte und schrie, nahm seinen alten Regenschirm und wollte sie damit durchprügeln. Der Pausback nahm die Lise bei der Hand; sie liefen weg, so rasch sie nur konnten, und Litti und Titti und Kitti und Pitti mit ihnen. Der alte Komet stolperte hinterdrein; aber da er längst nicht so flinke Beine hatte wie die Engelchen und das kleine Mädchen, so blieb er immer weiter zurück, bis er sie gar nicht mehr sehen konnte.

Als sie weit genug gelaufen waren, sagten die Engelchen, daß es nun an der Zeit sei, schlafen zu gehen. Sie riefen die Schäfchen, und dann streckten sie sich alle der Länge nach aus, und jedes legte sich mit dem Kopfe auf ein weißes Schäfchen wie auf ein Kopfkissen.

Am anderen Morgen ritten sie wieder auf ihren Schäfchen, als mit einem Male ein tüchtiger Wind sie von den Tieren herunterblies, daß sie alle ins Gras purzelten. Sie sahen auf und bemerkten in einiger Entfernung einen großen, bärtigen Mann, der mit Fellen bekleidet war und einen Sack über dem Rücken trug.

»Das ist Boreas, der Nordwind,« rief der Pausback.

»Der hat noch viel dickere Backen als du!« lachte die Lise.

Aber als sie sah, daß die Engelchen fortliefen, lief sie auch mit fort.

Der Riese ließ sie eine Zeit lang laufen, dann zog er die Luft ein, und im Nu wurden die armen Engelchen und das kleine Mädchen zurückgezogen, ob sie sich auch noch so sehr dagegen wehrten.

»Der Mondmann schickt mich her,« sagte der Nordwind, »ich soll euch alle einstecken und mitbringen. Der Komet war bei ihm und hat sich über eure Streiche beklagt!«

Damit nahm er die ganze Gesellschaft vom Boden auf und steckte eins nach dem anderen in seinen großen Sack.

Darin war es nun sehr dunkel und unbehaglich, und wenn die Lise nicht ab und zu die Engelchen an den Haaren gezogen hätte, so hätte sie es vor Langeweile schon gar nicht mehr ausgehalten. Endlich entdeckte der Pausback ein kleines Loch im Sacke und ließ auch Lise heraussehen. Da bemerkten sie dann, daß der schlimme Nordwind wieder über festen Boden ging; er schien einen Berg hinaufzusteigen.

»Wir sind sicher schon auf dem Monde; gleich kommen wir zum Mondmanne!« sagte Titti und fing zu weinen an.

Gleich darauf blieb der Nordwind stehen, und die im Sacke eingesperrte Gesellschaft konnte ihn sprechen hören.

»So, Herr Mondmann,« sagte er, »hier bringe ich Ihnen die kleinen Störenfriede.«

Damit öffnete er den Sack und schüttete ihn aus, so daß sie alle auf den Boden purzelten. Sie waren oben auf einem hohen silbernen Berge, auf dessen Spitze ein silberner Thron stand. Darauf saß ein alter Mann mit einem spitzen weißen Barte, dessen Gesicht wie eine Sichel aussah. Er trug einen langen silbernen Mantel, der weit über den Thron hinabhing.

»Nun?« fuhr er die kleine Gesellschaft an, »was habt ihr mit dem armen Kometen angestellt? Er kam weinend her und klagte mir sein Leid, und meine Mondfeen mußten ihm einen großen Knoten aus dem Schwanz lösen! Ist das der Dank dafür, daß er euch so schöne Rechenstunden gibt?«

Die kleinen Engelchen standen zitternd da; aber keines sagte ein Wort, da sie die Lise nicht verklatschen wollten.

»Na, wirds bald?« rief der Mondmann. »Wer ists gewesen von euch? Wenn ihrs nicht gleich sagt, lasse ich euch alle wieder in den Sack sperren und hundert Jahre auf dem höchsten Mondberge aufhängen.«

Da trat die Lise vor, denn sie wollte nicht, daß die kleinen Engelchen ungerecht bestraft wurden.

»Ich bins gewesen, Herr Mondmann!« sagte sie keck.

»Es ist gut, daß du es wenigstens selbst sagst!« meinte der Mondmann. »Aber wer bist du denn eigentlich?« fuhr er fort, als er sah, daß sie gar keine Flügel hatte.

»Ich bin ein kleines Mädchen und heiße Lise,« antwortete sie, »und es geschah dem Herrn Kometen ganz recht; am Sonntage braucht er keine Rechenstunden zu geben.«

»So?« sagte der Mondmann. »Was du nicht sagst! – Zur Strafe dafür, daß du den guten Kometen so geärgert hast, sollst du bei mir auf dem Monde jetzt zehn Jahre lang die Mondkälber hüten; da wirst du dich schon bessern. Ich kann dich sehr gut dazu gebrauchen, da du keine Flügel hast und mir nicht wegfliegen kannst.«

Dann befahl er dem Nordwinde, die fünf Engelchen wieder in den Sack zu tun und auf die Milchstraße zurückzutragen, die Lise aber solle er erst auf die Bergwiese zu den Mondkälbern herausbringen.

Der Nordwind tat, wie ihm geheißen, steckte die Englein in den Sack und setzte die Lise auf seine Schultern. Dann ging er den Berg hinunter und wieder einen anderen Berg hinauf. Oben angekommen, setzte er die Lise behutsam auf seine flache Hand, streckte den Arm aus, blies die Backen auf und pustete. Lise schrie auf; sie glaubte, sie würde herunterfallen; aber der Wind trug sie ganz gemächlich daher und setzte sie endlich sanft auf einer Wiese ab.

Sie hatte sich kaum von ihrem Schrecken erholt und war schon aufgestanden, als sie ein rauhes Blöken dicht neben sich hörte. Wahrhaftig, da standen etwa zwanzig scheußliche Geschöpfe um sie herum; das waren die Mondkälber. Sie hatten sehr lange, hohe Beine und einen Leib wie ein großes Kalb, dabei aber Schwänze wie Korkenzieher und kugelrunde Vollmondgesichter mit großen Mäulern, in denen alle Zähne kunterbunt durcheinanderstanden. Zudem sahen sie ganz unglaublich dumm aus.

Diese gräßliche Herde mußte sie hüten. Sie hatte schreckliche Mühe damit, denn immer war eins fortgelaufen, und sie mußte es wieder suchen, oder ein anderes hatte sich am Beine weh getan und blökte so entsetzlich, daß man meinte, es wäre am Sterben. Dabei waren die Geschöpfe sehr undankbar; sie traten die arme Lise, wo sie konnten, und schnappten nach ihr mit den häßlichen Mäulern.

Lise fühlte sich sehr unglücklich, und wie gerne wäre sie fortgelaufen, wenn sie nur gewußt hätte wie und wohin? Aber sie hatte ja leider keine Flügel und konnte nicht weg von dem runden Monde. – Da sah sie einmal, wie eine große Wolke sich auf dem Berge niederließ, auf dem sie ihre Mondkälber hütete. Sie kletterte rasch den Berg hinauf und sprang auf die Wolke. Die Wolke trug sie; sie lag so weich darauf wie auf Mutters Bett. Bald fühlte sie einen leisen Luftzug; die Wolke hob sich und segelte mit ihr davon. Sie hüllte sich ganz dicht hinein, damit der böse Mondmann sie nicht sehen könne.

So war sie schon eine tüchtige Strecke mit der Wolke durch die Luft gefahren, so weit weg, daß sie den Mond nicht mehr sehen konnte. Da merkte sie plötzlich, daß an ihrer Wolke gezogen wurde, erst an der einen, nun an der anderen Seite.

Dann hörte sie eine rauhe, brummige Stimme:

»Mir gehört die Wolke, weil ich sie zuerst angefaßt habe.«

Lise schaute hin und sah einen weißen Bären, der aus Leibeskräften an ihrer Wolke zerrte.

»Nein, mir gehört die Wolke, weil ich stärker bin als du!« brummte da von der anderen Seite eine noch viel rauhere Stimme.

Lise sah dorthin und bemerkte einen noch viel größeren und grimmigeren weißen Bären, der an der anderen Seite an der Wolke zerrte.

»Da liegt etwas auf der Wolke,« rief der große Bär, »wir wollen es in die Höhe schnellen!«

Der kleine Bär und der große Bär rissen beide zu gleicher Zeit an der Wolke, und Lise flog hoch in die Luft, um dann wieder auf die Wolke niederzufallen. Dies Spiel schien den beiden Bären zu gefallen; sie lachten und brummten und zogen immer wieder an der Wolke. Lise flog wie ein Ball in die Luft hinauf und fiel wieder hinunter.

Zuletzt aber rissen die Bären so stark an der Wolke, daß diese durchbarst und die Lise, die gerade wieder in die Luft geworfen war, mitten hindurch fiel. Dicker Regen fiel aus der Wolke hinab, und die Lise wurde patschnaß und fiel – und fiel – und fiel – immer tiefer und tiefer.

Endlich kam sie unten an; sie schlug die Augen auf und lag in den Armen ihrer Mutter.

»Brr!« sagte die Mutter und machte ihren Schirm auf, »es fängt tüchtig an zu regnen, wir müssen machen, daß wir nach Hause kommen.«

Die Gingsterhexe oder »Wie der Fasching entstand«

Sieben Quellen sprangen den Wald hinab, erzählte die Großmutter.

Die Prinzessin Fanfrilla lag in den gelben Büschen, zwischen der dritten und vierten Quelle. Sie stickte an einem Filetschürzchen, das wollte sie der alten Ginsterhexe schenken, die ihre richtige Urgroßtante war. Denn die Schwester ihrer Urgroßmutter, die Prinzessin Johanna Nepomucena Hubertina hatte damals, als sie noch ein junges Mädchen war, durchaus keinen Prinzen heiraten wollen, und auch keinen Grafen und keinen Fürsten oder Herzog. Die seien ihr alle viel zu dumm, hatte sie gesagt und dann hatte sie den krummbeinigen Zauberer Kakerlak geheiratet. Das hatte natürlich einen großen Skandal im ganzen Lande gegeben, aber darum hatte sich die Prinzessin gar nicht bekümmert. Sie war einfach mit Kakerlaken durchgegangen, war mit ihm durch die ganze Welt gereist und hatte überall herumgezaubert. Der alte Zauberer, der gar nicht mehr erwartet hatte, daß ihn auf seine alten Tage noch ein so hübsches, junges Prinzeßchen heiraten würde, gewann sie sehr lieb und lehrte sie zum Dank alle Zauberkunststücke und Hexengeheimnisse, die es auf der ganzen weiten Welt gab. Für die Prinzessin Johanna Nepomucena Hubertina gab es da so vieles und so schweres zu lernen und zu studieren, daß sie gar nicht einmal merkte, wie die Jahre vergingen, und sich sehr wunderte, als sie auf einmal hundert Jahre alt war.

Da bekam der gute Zauberer eines schönen Tages den Ziegenpeter, eine ganz dumme Krankheit, die man auch Mumps nennt. Erst meinte er, es wäre nichts, aber er wurde immer kränker und kränker. Nun war der alte Kakerlak schon an und für sich recht dick und häßlich, jetzt aber schwollen sein Hals und sein Kopf und seine Backen so sehr an, daß er genau so aussah wie ein Dudelsack. Er hätte sich ja gewiß sehr leicht heilen können, da er für alle Krankheiten, die es gab, die allerbesten Rezepte hatte, aber leider waren alle Rezepte nur lateinisch geschrieben, und der arme Kakerlak hatte gerade das lateinische Wort für Ziegenpeter vergessen und konnte sich durchaus nicht darauf besinnen.

Die Prinzessin, die auf der Mädchenschule kein Latein gelernt hatte, konnte ihm auch nicht helfen und so nutzte den beiden auf einmal alle Hexerei nichts. Als der Zauberer fühlte, daß sein letztes Stündlein herannahte, rief er aus:

»O Hohn der Weltgeschichte! Das Kapitol wurde durch Gänse gerettet, und Kakerlak, der berühmte Kakerlak, stirbt am Ziegenpeter!«

Dann sagte er noch einmal: »Morior«, was auf deutsch »Ich sterbe« heißt, um zu zeigen, daß er doch nicht all sein Latein vergessen hatte; drehte sich herum und war mausetot.

Seine Frau, die Prinzessin Johanna Nepomucena Hubertina, weinte sehr, wie es sich in einem solchen Falle gehört. Als der alte Zauberer begraben war, beschloß sie, in ihr Heimatland zurückzukehren und die nächsten siebzehn Jahre lang ordentlich Latein zu lernen, damit es ihr nicht auch so ergehe, wie dem seligen Kakerlak.

Krökel dem Ersten, dem Vater der Prinzessin Fanfrilla, der zu der Zeit König war, war das zwar anfangs gar nicht angenehm, aber einmal mußte er doch auf die alten Familienbeziehungen Rücksicht nehmen und dann – wenn er es auch nicht sagte – fürchtete er sich doch ein wenig vor der Zauberkunst der Alten. So erließ er denn ein großes Dekretum, daß an allen Anschlagsäulen im ganzen Königreiche aufgeklebt wurde. Jung und alt stand rund herum und las mit weit aufgesperrten Augen:

»W i r, K r ö k e l I.,

K ö n i g v o n u n d ü b e r U l a l u m e,

bestimmen und verordnen hiermit,

daß

die Frau Kakerlak, Witwe des Zauberers Kakerlak

selig, geborene Prinzessin Johanna Nepomucena

Hubertina von Ulalume

frei und ungestört in dem Uns gehörigen Walde von Surresum sich als Hexe niederlassen und soviel zaubern und hexen und Latein lernen darf, als sie Lust hat. Auch soll sie deshalb weder verbrannt noch aufgehängt werden, und jedermann soll sie in Ruhe lassen. – Nur soll sie natürlich nichts unrechtes tun und alle unsere Untertanen auch hübsch in Ruhe lassen.«

Darunter stand an der linken Seite die Unterschrift des Kanzlers:

»von Sanftmut.«

und an der rechten Seite ein großer Schnörkel, der Krökel I. bedeutete:


Die geborene Prinzessin und verwitwete Kakerlak zog also in den Wald und bewohnte eine alte, verfallene Hütte, die in der Nähe der sieben Quellen lag. Jahrein, jahraus studierte sie Latein und nur zwischendurch hexte sie ein bißchen, um nicht ganz aus der Übung zu kommen. Da aber im Sommer rings um ihre Hütte und zwischen den sieben Quellen viele hundert große Büsche gelben Ginsters blühten und da die alte Hexe stets ein gelbes Kleid trug und immer einen blühenden Ginsterzweig in der Hand hatte, so wurde sie von allen nur die Ginsterhexe genannt.

Der König Krökel der Erste dachte bei sich: »Wenn man nun schon einmal eine richtige Hexe im Lande wohnen haben muß, ohne sie verbrennen zu können, weil sie doch eigentlich zur Familie gehört, so will man doch auch was davon haben!«

Und deshalb gab er sein einziges elfjähriges Töchterlein zu der alten Kakerlaken in Pension; denn er meinte, es könne einem jungen Mädchen nie etwas schaden, wenn es ein bißchen hexen lernte.

So kam es also, daß die Prinzessin Fanfrilla in den Ginsterbüschen lag, zwischen der dritten und vierten Quelle, und an einem Filetschürzchen stickte, das sie der alten Ginsterhexe schenken wollte, die ihre richtige Urgroßtante war.

Die Prinzessin Fanfrilla stickte sehr ungern, und nun gar Filetschürzchen – die konnte sie auf den Tod nicht ausstehen! Aber gerade deshalb, meinte sie, müßte ein Filetschürzchen ein ausgezeichnetes Geburtstagsgeschenk für die Tante Hexe sein, denn die feierte im nächsten Winter ihren fünfundzwanzigsten Geburtstag. Sie war nämlich gerade in einem Schaltjahr am neunundzwanzigsten Februar geboren und deshalb hatte sie nur alle vier Jahre Geburtstag. Das fand die Prinzessin Fanfrilla nun sehr traurig für die arme Urgroßtante, denn einen Geburtstag hielt sie für eine ausgezeichnete Einrichtung wegen des Kuchens und all der schönen Sachen, die man dann kriegte. Geradezu empörend aber fand sie es, daß der Schalttag nun aber noch besonders bei jedem vollen Jahrhundert wieder ausfiel, so daß die arme Urgroßtante dadurch nun schon zwei Geburtstage verloren hatte und also jetzt erst vierundzwanzigmal Geburtstagskuchen bekommen hatte, obwohl sie schon hundertundsieben Jahre alt war. – Diese Sache mit dem Kalender und seinen dummen Schalttagen ist sehr schwer zu begreifen; die meisten Leute wissen es überhaupt nicht und die Prinzessin Fanfrilla hätte es auch ganz gewiß nicht gewußt, wenn sie eben nicht selbst solch einen traurigen Fall in ihrer Familie gehabt hätte, nämlich ihre richtige Urgroßtante, die Witwe Kakerlak, die Ginsterhexe. Ihr Vater, König Krökel I., hatte es bis heute noch nicht begriffen, er meinte, das sei bloß so ein dummer Eigensinn von dem Monat Februar, daß er manchmal achtundzwanzig und manchmal neunundzwanzig Tage habe. Er erklärte, wenn sich das nicht bald ändere, dann werde er eines Tages überhaupt den Kalender abschaffen lassen. Aber die Prinzessin Fanfrilla hatte sich von der Tante Hexe die Geschichte sehr lange erklären lassen und hatte es schließlich verstanden. Das heißt, manchmal vergaß sie es auch wieder und dann mußte sie sehr lange grübeln, bis sie sich an das alles wieder erinnerte. Das Grübeln besorgte sie immer, wenn sie zwischen den Quellen saß und an dem Filetschürzchen häkelte.

Plötzlich kriegte die kleine Prinzessin den Kribbel in die Finger.

»Ach!« schrie sie auf, »es ist doch gut, daß die Tante Hexe so selten Geburtstag hat! Sonst müßte ich ja jedes Jahr so ein Filetschürzchen häkeln.«

Sie seufzte dreimal ganz laut, dann nahm sie ihre Arbeit wieder auf. Da merkte sie, daß sie sich verzählt hatte und eine ganze Menge Maschen wieder aufmachen mußte. Das ist immer recht unangenehm; wenn man obendrein aber noch den Kribbel in den Fingern hat, so ist es sehr schlimm. Die Prinzessin Fanfrilla preßte vor Ärger ihre kleinen Fäustchen fest zusammen, da gab es einen Krach und die gute Holznadel zerbrach in zwei Stücke!

»O jeh,« rief sie. »Die dumme Nadel!«

Sie wollte erst weinen, aber sie besann sich. Sie legte die Arbeit zusammen und stand auf.

»Ich will meinem Papa einen Brief schreiben,« sagte sie. »Er soll den dummen Kerl aufhängen lassen, der die Filetschürzchen erfunden hat.«

Sie stand auf und schüttelte ihr loses schwarzes Haar.

»Nein!« fuhr sie nachdenklich fort. »Der Papa soll lieber den Kerl aufhängen lassen, der den Kalender erfunden hat und den greulichen Monat Februar; der hat doch an allem Schuld!«

Sie lief rasch durch die Ginsterbüsche zu der kleinen Hütte hin und riß die Türe auf. Die alte Hexe saß hinten an einem kleinen Fenster und studierte Latein. Um sie herum lagen dreihundertundsiebenundzwanzig ganz dicke Bücher.

Die kleine Prinzessin schlich sich leise herein, um die Tante nicht zu stören. Sie nahm ein Stück Papier und schrieb darauf:

»Lieber Papa König!

Bitte laß doch den Kalendermann aufhängen, weil er mich beim Filetschürzchenhäkeln immer ärgert und weil er den Februar erfunden hat, der nie richtig geht! Du kannst ihm auch noch extra den Kopf abschlagen lassen.

Mit kindlicher Liebe

Deine Prinzessin Fanfrilla.«

»Tante Hexe!« rief sie, »Ich habe einen Brief an den Papa geschrieben, willst du ihn bitte wegschicken!«

»Mensa, der Tisch, Mensae, Mensae, Mensam,« murmelte die Witwe Kakerlak. – »Was willst du? Einen Brief absenden? – Gib mal her!«

Fanfrilla reichte ihr den Brief und die gelbe Hexe nahm den Ginsterzweig, den sie als Zauberstab benutzte, und sang:

»Kleines Brieflein aus Papier

Fliege wie ein Fliegetier!

Flieg zum König hin geschwind

Grüße ihn von seinem Kind!«

Dabei schwang sie den Ginsterstab ein paarmal über den Brief. Da schrumpfte der Brief zusammen, flatterte ein wenig hin und her und flog endlich als eine große weiße Motte aus dem Fenster hinaus.

»Danke sehr, Tante Kakerlak!« sagte die Prinzessin Fanfrilla.

Aber die Ginsterhexe studierte schon wieder in ihren gelehrten Büchern.

»Alauda, die Lerche, Alaudae, der Lerche,« murmelte sie.

Der dicke König Krökel lag in seinem Bett und las vor dem Einschlafen noch die Speisekarte, die der Hofkoch für den nächsten Tag entworfen hatte.

Da huschte eine dicke Motte heran und setzte sich gerade auf seine Nase. Er jagte sie mit der Hand fort und rief:

»Stör mich doch nicht, dumme Motte, siehst du denn nicht, daß ich noch tief in der Nacht Staatsgeschäfte erledigen muß?«

Aber die Motte flog wieder heran und kitzelte ihn mit ihren Beinen vorne am linken Nasenloch. Krökel mußte schrecklich niesen und pustete gerade auf die Motte. Wie sie aber von der königlichen Nase angeblasen wurde, verwandelte sie sich wieder und König Krökel sah zu seinem Erstaunen einen zierlichen kleinen Brief vor sich liegen.

»Aha!« dachte er, »das war wieder so ein schlechter Witz von der Tante Hexe. – Was gibts denn eigentlich?«

Er nahm den Brief und las ihn. Dann ergriff er die große Klingel und klingelte. Sogleich kamen alle sieben Minister herein.

»Der Kalendermann hat meine Nachtruhe gestört,« rief der gekränkte König, »und außerdem mit seinem dummen Februar, den kein Mensch leiden kann, meine geliebte Tochter geärgert! Schickt sofort zum Henker hin, er soll dem Kalendermann erst den Kopf abschlagen und ihn dann aufhängen!«

Die sieben Minister machten jeder sieben tiefe Verbeugungen und gingen hinaus. Krökel gähnte und nahm wieder die Speisekarte in die Hand. Er war aber noch nicht beim Dessert angelangt, als es leise an die Türe klopfte.

»Donnerwetter!« schrie König Krökel. »Was gibts denn nun schon wieder? Herein!«

Die sieben Minister kamen einer nach dem andern ins Zimmer herein und der Kanzler von Sanftmut trat ein wenig vor.

»Verzeihen der Herr König,« sagte er, »aber es geht nicht!«

»Was geht nicht?« fragte der König.

»Der Herr Hofoberhenker hat erklärt, daß es nicht geht,« fuhr der Minister mit trauriger Miene fort.

König Krökel wurde ungeduldig.

»Was nicht geht, will ich wissen!« rief er.

»Mit Eurer königlichen Erlaubnis,« antwortete der Kanzler, »der Herr Oberhofhenker hat erklärt, daß es nicht geht, daß er dem Kalendermann zuerst den Kopf abschlage und ihn dann aufhänge.«

»So?« rief König Krökel entrüstet. »Das geht nicht! Warum geht es denn nicht? Ich habe es doch befohlen?«

»Verzeihen der Herr König,« erwiderte Herr von Sanftmut, »der Oberhofhenker hat gesagt, es ginge nicht, weil dann, wenn er dem Kalendermann erst den Kopf abgeschlagen habe, nachher nichts mehr da sei, um ihn dran aufzuhängen. Darum also ginge es nicht!«

»So!« sagte der König langsam. »Darum also geht es nicht? – – Ja!« fuhr er fort und juckte sich hinter dem Ohr, »wenn es eben durchaus nicht geht, dann geht es nicht! – Aber was melden wir denn da der kleinen Prinzessin Fanfrilla, die sich beim Filetschürzchenhäkeln so sehr über den Kalendermann und seinen dummen Februar geärgert hat?«

»Wenn ich mir erlauben dürfte,« sagte der Kanzler mit einer tiefen Verbeugung, »dem Herrn König einen Rat zu geben, so würde ich vorschlagen, den Kalendermann morgen in den Wald Surresum zu schicken, um die Prinzessin um Verzeihung zu bitten!«

»Sehr gut, lieber Sanftmut!« nickte der König. »Sehr gut! Aber sagen Sie ihm, er soll seinen Sonntagsrock anziehen. – Und nun laßt mich jetzt endlich in Ruhe, ich bin fürchterlich müde.«

Die sieben Minister machten wieder jeder sieben Verbeugungen und gingen ganz leise aus dem Schlafzimmer, da der König Krökel schon so laut und feierlich schnarchte, wie nur ein echter König schnarchen kann.

Am anderen Morgen hatte die kleine Prinzessin schon ganz früh Hexstunde. Die hatte sie sehr gern, weil sie dabei ihr gelbseidenes Hängekleidchen anziehen und Ginster in die Locken stecken und einen großen Ginsterzweig in die Hand nehmen mußte. Sie stand an der zweiten Quelle, spiegelte sich und zupfte noch ein paar Blüten im Haar zurecht.

»Ich bin wirklich eine ganz hübsche kleine Hexe!« lachte sie; und das war sie auch.

Dann machte sie rasch wieder ein sehr ernstes Gesicht, denn die Urgroßtante kam schon am Stock aus der Hütte herausgewackelt, ein paar dicke Bücher unter dem Arm. Die Ginsterhexe setzte sich hin und die Prinzessin Fanfrilla kauerte sich zu ihren Füßen.

»So,« sagte die Alte, »nun sag mal zuerst die Zaubersprüche, die ich dich neulich gelehrt habe.« Die Prinzessin fing an:

»Hokus! Pokus! Holderbusch!

Surre! Surre! Husche! Husch!

Stein zu Stein und Bein zu Bein!

Springe über Stock und Stein!«

»Wozu ist das gut?« fragte die Tante Hexe.

»Wenn einer sein Bein gebrochen hat,« antwortete die Prinzessin.

»Ja,« sagte die Alte. »auch wenn einer den Arm oder sonst was gebrochen hat. – Ein anderes Sprüchlein!«

Das kleine Mädchen sang schnell:

»Bluttröpflein rinnt – Kätzelein spinnt,

Bienelein surrt, Käterlein schnurrt,

Täubelein lacht auf dem Dache und gurrt –

Gu – rrh – rrh – rrh –

– Still soll das Käterlein hocken

Bluttröpflein stehn und stocken!

Uh – uh – uh – –

Das muss man sagen, wenn sich einer in den Finger geschnitten hat!« fügte sie hinzu.

»Ja und überhaupt bei jeder Wunde,« sagte die Alte, »damit sie sich gleich schließt und heilt. Und nun wollen wir zu etwas anderm übergehen!«

Sie rief eine große grüne Eidechse heran, die auf einem glatten Steine in der Sonne lag. Die Eidechse huschte behend daher und ließ sich ruhig von der Alten auf die Hand nehmen. Die Ginsterhexe zeigte der kleinen Prinzessin all die vielen seltsamen Zeichen, die das Tierchen auf dem Rücken trug. Das waren alles merkwürdige Beschwörungsworte, die die Eidechsen von dem alten Zauberkönig Salomon gelernt hatten, dessen Gespielen sie einst waren. Dann zeigte die Tante Hexe der kleinen Prinzessin Fanfrilla einen dicken, gelbroten Salamander, der in einem kleinen Tümpel neben der Quelle wohnte.

»Der Salamander,« sagte sie, »ist noch ein alter Freund meines seligen Mannes, des Zauberers Kakerlak, er ist überall hin mit uns durch die Welt gezogen. Der Salamander kann jedes Feuer löschen, wenn es noch so heiß ist!«

Dann erklärte sie der Kleinen, wie man es anstellen muß, um in den Sommernächten die Elfen zu beschleichen, wie man die berühmte Huzzelpuzzelsuppe kocht, die die Wurzelmännchen so gerne essen, wie man den Besen bindet, den die Hexen zum Reiten benutzen, und dergleichen nützliche Dinge mehr. Die kleine Prinzessin Fanfrilla hörte sehr aufmerksam zu und die alte Hexe war also recht zufrieden mit ihr. Daher nahm sie auch, als der Unterricht zu Ende war, zur Belohnung den großen Hexenbonbon aus der Tasche und gab ihn ihr.

So ein Hexenbonbon ist der allerbeste Bonbon, den es gibt. Er wird aus Schlangeneiern, Tausendfußbeinen und etwas schmutzigem Harz zubereitet, aber er schmeckt gerade so wie Marzipan mit Schokolade. Das schönste aber an so einem Hexenbonbon ist, daß man daran immer lutschen und suckeln kann, ohne daß er kleiner wird. Die kleine Prinzessin bekam den Hexenbonbon immer, wenn sie sehr brav gewesen war, auf eine Stunde zum Lutschen, dann mußte sie ihn der Tante Hexe wieder abliefern.

Die Ginsterhexe watschelte wieder in ihre Hütte zurück, um Latein zu lernen, während sich Prinzeß Fanfrilla zwischen die gelben Büsche setzte.

»Hm! – Nam! Nam!« sagte sie und steckte den großen Hexenbonbon in den Mund. Sie war aber noch gar nicht in den rechten Lutschgenuß gekommen, als sie plötzlich ein klägliches Räuspern vor sich hörte. Sie blickte auf und sah einen seltsam aufgeputzten Mann in einem alten Frack, der überall mit Flicken besetzt war. Er hatte ein richtiges Leichenbittergesicht und schien eine schreckliche Angst zu haben.

»Brr!« sagte die Prinzessin Fanfrilla, »was bist du für ein komischer Kauz! Ich rate dir, mach ein lustiges Gesicht, denn die Tante Hexe kann durchaus keine griesgrämigen Gesichter leiden! Wenn sie dich sieht, hackt sie ein Mus von dir, um ihre Fledermäuse zu füttern!«

Der närrische Mann zitterte von oben bis unten.

»Na, komm mal her,« sagte die Prinzessin, »sie sieht dich ja nicht! – Warum hast du denn so einen alten geflickten Rock an?«

»Das ist doch mein Sonntagsrock!« erwiderte der Mann. »Den Flicken da an der Schulter habe ich von dem berühmten Cäsar geschenkt bekommen und den da am Knie vom Papst Gregor und den da – «

Die Prinzessin dachte, der arme Kerl wäre verrückt geworden.

»So?« sagte sie, »das ist aber mal komisch, Päpste und Kaiser schenken einem doch keine Flicken!«

»Ich habe sie ganz wirklich und wahrhaftig von ihnen geschenkt bekommen,« jammerte das Männchen, »und es steht auch in vielen Büchern drin, daß es so ist!«

»Laß nur gut sein,« antwortete die Prinzessin Fanfrilla, »mir ists ganz egal, von wem du die alten Flicken her hast. Aber sag mal, wer bist du denn eigentlich?«

Das kleine Männchen schlotterte mit den Knien, daß es beinahe hinfiel.

»Ich bin der Kalendermann,« weinte es.

Da fuhr die Prinzessin auf:

»Der Kalendermann? – Der mich mit seinem dummen Kalender und besonders mit dem Februar immer so geärgert hat, wenn ich das Filetschürzchen häkelte? – Warum hat man dir denn nicht den Kopf abgeschlagen und dich dann aufgehängt? – Nun? – Ach, mein Vater hat mich nicht mehr lieb!«

»Es ging nicht!« sagte der Kalendermann zitternd. »Es ging wirklich nicht. Der Henker hat erklärt, wenn er mir den Kopf abschlüge, wäre nichts mehr da zum dran aufhängen! – Deshalb hat mich der König in den Wald geschickt, ich solle dich um Verzeihung bitten. Ich habe alle meine Kinder mitgebracht, die sollen dich auch um Verzeihung bitten.«

»Wo sind denn deine Kinder?« fragte die kleine Prinzessin.

Der Kalendermann zog einen großen Hausschlüssel aus der Rocktasche und begann zu pfeifen. Es kam aber nur ein kläglicher, leise quietschender Ton hervor.

»Gib mal her!« sagte Fanfrilla, »ich kann besser pfeifen wie du!«

Sie nahm den Hausschlüssel und pfiff so laut, daß es durch den ganzen Wald schallte.

Da kamen durch die Ginsterbüsche eine Schar putziger Geschöpfe dahergesprungen, die dem Kalendermann eben bis an die Knie reichten. Kaum wurden sie der Prinzessin ansichtig, so fielen sie zugleich mit dem Kalendermann allesamt auf die Knie nieder und schrien aus Leibeskräften:

»Verzeihung! Verzeihung! Verzeihung!«

»Ist schon gut!« lachte Fanfrilla, der die Kleinen sehr gut gefallen. »Steht nur wieder auf! Wie heißt ihr denn?«

Der Kalendermann zeigte auf den größten der Schar. »Das ist mein einziger Sohn,« sagte er stolz. »Jahr heißt er. Und die hinter ihm sind seine Kinder. Der lustige da mit den blonden Locken, das ist der Mai, und der braune in der Badehose der Juli, der mit dem Pelzmützchen heißt Januar und der mit dem Schnupfen, der immer sein Taschentuch in der Hand hält, November – – «

»Sag mal!« unterbrach ihn die Prinzessin. »Wer ist denn der ganz kleine Magere dahinten, der mit dem Stupsnäschen?«

»Ach Gott!« antwortete der Kalendermann, »Das ist ja das Schmerzenskind, der Februar.«

»Komm mal her, Kleiner,« sagte Fanfrilla.

Der Kleine trippelte heran.

»Er hinkt ja!« rief die Prinzessin und nahm ihn auf den Arm.

»Ja,« sagte der Kalendermann, »sein linkes Bein ist nicht in Ordnung. Bald ist es länger, bald kürzer, es ist ein Jammer mit ihm.«

Die Prinzessin streichelte den Kleinen und sagte:

»Also du bist der Februar, wegen dem ich die ganze Häkelei von vorne wieder anfangen muß!«

»Ich kann nix dafür!« brüllte der Kleine. »Ich kann nix dafür! – Ich bin eine Mißgeburt! Böh! Böh! – – Böh!«

Die Prinzessin setzte den kleinen Schreihals vorsichtig neben sich ins Gras und steckte ihm zur Beruhigung den Hexenbonbon in den Mund. Da fing er natürlich gleich an zu suckeln und hörte auf zu schreien.

»Nun, und die anderen da?« fragte Fanfrilla den Kalendermann. »Wer sind die andern?«

»Die vorne ist die Frau Woche, und hinter ihr stehen ihre sieben Jungens. Der mit dem sichelförmigen Hut ist der Montag und der, der sich die Sonne auf den Bauch gemalt hat, ist der Sonntag. Der Mittwoch ist der mit dem Flügelhütchen und der Dienstag da trägt ein kleines Holzschwert in der Hand, das ihm sein Pate, der alte Kriegsgott Tiu geschenkt hat.«

»Ich hab auch was von meinem Paten geschenkt bekommen!« rief der kleine Donnerstag und zeigte der Prinzessin einen Hammer mit einem ganz kurzen Stiel.

»Wer war denn dein Pate?« fragte ihn die Prinzessin Fanfrilla.

»Donar hieß er,« rief der Kleine, »und war auch ein Gott und noch viel größer und stärker als dem Dienstag sein Pate.«

Da wurde aber der Dienstag fuchtig.

»Nein, mein Pate war stärker,« schrie er, »und mein Schwert ist mir auch viel lieber als dein Hammer!«

Es fehlt nicht viel, dann hätten sich die beiden gerauft.

»Na, zankt euch nur nicht!« rief die Prinzessin. »Kommt alle her, einer nach dem andern darf jetzt ein bißchen an dem großen Hexenbonbon lutschen.«

Die ganze Gesellschaft kam heran und stellte sich um die Prinzessin auf. Die nahm den Hexenbonbon dem kleinen Februar aus dem Mund, der zuerst wieder ein ganz üriges Gesicht machte, dann aber sich doch beruhigte, da ihm Fanfrilla versprach, daß er bald wieder an die Reihe kommen würde.

Und nun machte der Hexenbonbon die Runde. Jeder suckelte, so stark er konnte, aber der gute Bonbon blieb stets so groß wie er vorher war. Der Kalendermann mußte zählen und jeder durfte so lange lutschen, bis er auf fünfzig gekommen war, dann mußte er den Bonbon weitergeben. Das machte nun allen großen Spaß, bloß dem kleinen Februar dauerte es viel zu lange, bis er wieder dran kommen sollte. Er dachte, es sei wohl das beste, wenn er wieder anfinge zu schreien, und begann auch sofort loszubrüllen.

»Böh!« schrie er. »Böh! Ich will den Bonbon haben! Böh! Böh!«

»Da sehen Sie, Prinzessin,« sagte der Kalendermann, »es ist schrecklich mit dem Jungen! Da kann man erziehen, soviel man will, er bessert sich nicht und er bessert sich nicht! Ach, was soll das noch werden!«

Fanfrilla nahm den kleinen Störenfried wieder auf den Schoß, streichelte ihm die struppigen Locken, putzte das Stupsnäschen und wischte ihm die Tränen aus den Augen. Aber es nutzte alles nichts, der kleine Februar schrie und brüllte immer ärger:

»Ich will den Bonbon haben! Böh! Ich will den Bonbon haben! Böh!«

»Du unartiger Junge,« sagte die Prinzessin, »da hast du deinen Willen!«

Sie nahm dem Freitag, der gerade dran war, den Bonbon weg und steckte ihn dem kleinen Februar in den Mund. Sofort war er ganz still, setzte sich bequem zurecht und sog aus Leibeskräften an seinem Bonbon.

»Na, schmeckts?« fragte die Prinzessin.

Der kleine Mann gab aber gar keine Antwort, er lutschte ruhig weiter.

Da plötzlich fühlte die Prinzessin Fanfrilla, wie sie ganz naß wurde. Sie sprang mit einem Ruck auf, setzte den Kleinen ins Gras und rief:

»Pfui! Pfui! – Der häßliche kleine Kerl ist ja nicht einmal stubenrein!«

Alle liefen herbei, um die Prinzessin abzuputzen, die ganz trostlos an ihrem gelben, seidenen Kleidchen heruntersah.

»Ach,« jammerte sie, »mein schönes Kleidchen ist ganz verdorben!«

Der Kalendermann fing an zu klagen:

»Oh, Prinzessin! – Das Elend! – Wenn Sie wüßten, was für Mühe ich mir mit dem Racker gegeben habe! Nur Untugenden, hat er, nur Untugenden!«

»Sei still, dummer Kalendermann!« rief Fanfrilla wütend. »Du bist an allem schuld, du allein! Ich werde es meinem Papa sagen!«

»Ach Gott! Ach Gott!« heulte der Kalendermann. »Die Prinzessin verzeiht mir nicht; sie will es ihrem Papa sagen!! Ach Gott! Dann ist es um uns alle geschehen, wir werden abgeschafft!«

Nun brach die ganze Gesellschaft los.

»Die Prinzessin verzeiht uns nicht!« heulten die Monate.

»Sie will es ihrem Papa sagen!« weinte die Woche.

»Ach Gott! Ach Gott!« schrie der Kalendermann.

»Wir werden abgeschafft!« brüllten die Tage.

»Ach, mein Kleidchen! Mein schönes Kleidchen!« jammerte die Prinzessin.

Nur der kleine Februar saß ganz vergnügt im Gras und lutschte an dem großen Hexenbonbon, was er nur konnte.

Den Lärm aber hatte endlich die alte Ginsterhexe gehört, sie nahm den Stock und humpelte aus ihrer Hütte heraus.

»Wer wagt es, mich beim Lateinlernen zu stören?« rief sie. »Was gibt es denn?«

Alle waren im Augenblick ruhig. Die Prinzessin Fanfrilla trocknete sich die Tränchen und sagte:

»Ach, liebe Tante Hexe, der Kalendermann hat mich immer schon so geärgert und jetzt ist er mit dem kleinen Kerl da, dem Februar, angekommen, der mich ganz naß gemacht hat!«

»Oh, liebe Frau Hexe!« rief der Kalendermann, »glauben Sie mir, ich bin nicht schuld daran! Nur allein der nichtsnutzige Bengel, der Februar!«

Die andern schrien alle durcheinander.

»Der Februar ist schuld daran! Der dumme Februar! Der häßliche Februar!«

Die Ginsterhexe stieß mit dem Stock den kleinen Mann und fragte:

»Kleiner, was hast du denn zu sagen?«

Da guckte der Junge sie mit großen Augen an.

»Ich kann nix dafür!« sagte er. »Ich kann nix dafür, ich bin eine Mißgeburt!«

Und er lutschte ruhig an seinem Bonbon weiter.

»Du mußt abgeschafft werden!« riefen die andern Monate.

»Ja, liebe Frau Hexe,« sagte der Kalendermann, »ich glaube es wäre das allerrichtigste. Es ist doch besser, daß man den kleinen Taugenichts abschafft, als daß uns der König alle zusammen abschafft!«

»Sei still!« fuhr ihn die Ginsterhexe an. Dann wandte sie sich wieder an den Februar.

»Kleiner,« sagte sie, »komm mal mit mir in die Hütte hinein. Ich will dir was schenken!«

»Schenk mir den Bonbon!« sagte der Februar.

»Den sollst du auch haben!« antwortete die Hexe. »Komm nur mit!«

Da sprang der Kleine auf, steckte sich seinen Bonbon noch tiefer in den Mund, ergriff die Hand der Alten und lief neben ihr her, so schnell ihn seine kleinen Füßchen tragen wollten.

Die Ginsterhexe öffnete einen großen Schrank und nahm ein buntes Mützchen heraus mit vielen goldenen Schellchen. Dann nahm sie noch eine kleine hölzerne Pritsche, tat beides zusammen in eine Schachtel und gab sie dem kleinen Februar.

»So, mein Junge!« sagte sie und strich ihm mit dem zauberkräftigen Ginsterzweig leise über die Locken und das Gesicht. »Nun merke wohl auf, was ich dir sage. Jetzt geh schön mit dem Kalendermann nach Hause und warte ruhig deine Zeit ab, bis du wieder ins Land ziehen darfst. Setz dich derweilen in ein Eckchen, sprich kein Wort und suckle nur fleißig an deinem Bonbon!«

»Das will ich gern tun!« sagte der Kleine.

»Dann aber, wenn der Kalendermann dich ruft, dann setz das Mützchen auf, nimm die Pritsche in die Hand und tolle lustig hinaus in die Welt! – Hörst du?«

»Ja, liebe Tante Hexe!« sagte der Februar.

Da nahm die alte Ginsterhexe ihn auf den Arm und trug ihn hinaus.

»So,« sagte sie zu dem Kalendermann und setzte den Kleinen zur Erde nieder, »hier hast du dein Sorgenkind wieder. Hoffentlich wird er dir noch einmal recht viele Freude machen! Laß ihn mir aber ja fein in Ruhe! – Und sage dem König, daß die Prinzessin dir Verzeihung gewährt!«

»Aber mein schönes gelbes Kleidchen ist doch verdorben!« unterbrach sie die Prinzessin.

»Du bekommst ein neues,« sagte die Ginsterhexe.

»Und den guten Hexenbonbon nimmt der Kleine auch mit!« brummte Fanfrilla.

»Du bekommst einen andern,« sagte die Tante Hexe.

»So?« rief die kleine Prinzessin. »Nun, Kalendermann, dann will ich euch meinetwegen allen miteinander verzeihen.«

»Die Prinzessin verzeiht uns!« jubelte der Kalendermann. »Kinder, laßt die Prinzessin hochleben!«

Da riefen alle die Kleinen, so laut sie konnten:

»Lang lebe die gute Prinzessin Fanfrilla!«

Nur der kleine Februar nahm mit der Patschhand den großen Bonbon aus dem Mund und rief mit seinem hellen Stimmchen:

»Es lebe die gute Tante Hexe!«

Dann schob er rasch seinen Bonbon wieder zwischen die Zähne.

Der Kalendermann zog tief seinen Hut vor der alten Ginsterhexe und der jungen Prinzessin und rief seine Schar zusammen.

»Nun schnell nach Hause mit euch, lose Gesellschaft,« sagte er, »daß nur ja niemand merkt, daß ihr heute alle zusammen in der Welt herumlauft!«

Der Herr Jahr holte seine Jungen zusammen und die Frau Woche die ihren.

Nur der Dienstag mit seinem Holzschwert und der Juni mit den Mohnblumen im Haar brauchten nicht mit nach Hause zu gehen, weil die beiden gerade Dienst hatten. Sie faßten sich unter den Arm und sprangen munter in den Wald hinein.

»Daß du mir ja pünktlich um zwölf Uhr zu Hause bist!« rief der Kalendermann dem Dienstag nach.

Die Prinzessin Fanfrilla aber stand zwischen den Ginsterbüschen und warf dem kleinen Volk viele gelbe Blüten nach.

Im Winter, als alle sieben Quellen vereist waren und die Ginsterbüsche schwer unter dem blanken Schnee sich beugten, saß die Prinzessin Fanfrilla eines Abends am Kamin und packte das Filetschürzchen, das gerade fertig geworden war, in schönes rosa Seidenpapier ein.

Da hörte sie, wie die Tante Hexe ihre dicken Bücher zuklappte und aufstand. Sie hatte kaum Zeit, das Filetschürzchen in ein Pappkästchen zu stecken, weil es doch eine Geburtstagsüberraschung sein sollte, als auch die Alte schon auf sie zukam.

»Zieh dich an, Fanfrilla!« rief die Tante Hexe. »Du sollst in die Stadt fahren, den Papa besuchen!«

»Was?« rief die Prinzessin und sperrte Mund und Augen weit auf. – »Wir haben ja keinen Schlitten und keine Pferde! – Wie soll ich denn fahren?«

»Das wirst du schon sehn,« antwortete die Ginsterhexe. »Zieh dich an! Zieh dich an!«

»Was soll ich denn anziehen?« fragte Fanfrilla. »Das rosa Hängerchen oder das grüne Kleidchen mit den Schleifen oder das – – «

»Gar keins von denen!« unterbrach sie die Alte. »Du sollst ein ganz neues Kleidchen anziehen.«

Sie klatschte dreimal in die Hände, da flog die Türe auf und eine große Eule flatterte ins Zimmer. Sie trug im Schnabel eine Schachtel, die legte sie vor die Prinzessin auf den Boden.

Fanfrilla machte schnell die Schachtel auf und fand ein wunderschönes weißseidenes Kleidchen mit kurzen Ärmeln und mit großen weißen Pompons besetzt. Dabei lag eine hohe spitze Mütze und entzückende weiße Seidenschühchen und Strümpfchen.

»Ach, liebste Tante Hexe!« jubelte die Prinzessin. »Ist das für mich?«

»Gewiß! Gewiß!« sagte die Ginsterhexe. »Nun zieh dich nur schnell an!«

Fanfrilla zog sich an, so rasch sie nur konnte. Kaum war sie fertig, als die Alte wieder dreimal in die Hände klatschte. Da erklang draußen ein lustig Schellengeläute. Die Alte warf der kleinen Prinzeß einen dicken Pelzmantel über, dann gingen sie hinaus. Vor der Türe stand ein wunderhübscher Schlitten, der mit zwölf starken Füchsen bespannt war. Auf dem Bock saß ein kleiner Kerl, der die Zügel hielt, man konnte aber gar nichts von ihm erkennen, da er ganz in einen dicken Otterpelz eingemummt war. Die Ginsterhexe hob die Prinzessin Fanfrilla in den Schlitten und deckte sie mit einer großen Decke warm zu.

»Fahr zu!« rief sie dem kleinen Kutscher zu, dann trat sie rasch wieder in ihr Haus zurück.

Der kleine Kutscher ließ die Peitsche lustig knallen und wie der Wind ging es durch die helle Mondnacht. Die silbernen Schlittenschellen läuteten durch den Wald, daß überall die Hirsche und Rehe und Hasen herbeiliefen und neugierig dem fröhlichen Gefährt nachschauten.

»Kling – Kling – Kling – – «

An dem Abende aber saß der dicke König Krökel I. in dem größten Saale seines Schlosses. Er gab ein Fest und hatte viele Leute eingeladen, aber er langweilte sich furchtbar. Und alle andern, die um die große Tafel herumsaßen, langweilten sich ebenso sehr.

Der König Krökel gähnte. Und der Kanzler von Sanftmut gähnte. Und die Minister gähnten und alle Leute, die am Tische saßen, und sie langweilten sich so sehr, daß dem einen ein Hühnerbein und dem andern ein Stück Brot und dem dritten ein Teltower Rübchen im Halse stecken blieb.

Da schallte von draußen ein lustiges Schellengeläute und ein helles Peitschengeknalle in den Saal hinein.

»Sehen Sie doch mal, was da los ist, lieber Sanftmut!« sagte der König zu seinem Kanzler.

Der Kanzler sprang rasch auf und lief ans Fenster.

»Da draußen vor dem Schloßtore steht ein merkwürdiges Gespann!« rief er. »Ein silberner Schlitten mit zwölf Füchsen bespannt. Mit richtigen Füchsen, denken Sie mal, Herr König!«

»Wer sitzt denn in dem Schlitten?« fragte König Krökel.

»Es sitzt etwas drin,« antwortete der Kanzler, »aber das ist so vermummt, daß man gar nicht erkennen kann, was es ist. – Der Kutscher ist ein ganz kleiner Bursch in dickem Pelzmantel, er ist gerade abgesprungen und befestigt kleine silberne Räder unter dem Schlitten.«


»Warum denn?« fragte der König Krökel.

»Das weiß ich nicht,« antwortete der Kanzler von Sanftmut. »Jetzt steigt er wieder auf den Bock und fährt vor das Schloßtor. – Nein, so was! Er schlägt mit der Peitsche dagegen und die beiden Flügel springen auf! Nun fährt er hinein!«

Man hörte jetzt das Schellengeläute auf der Treppe und gleich darauf einen lustigen Peitschenschlag gegen die Tür des Saales, die weit aufsprang.

In dem Augenblick, als das Gefährt in den Saal rollte, warf der kleine Kutscher seinen Pelzmantel ab und die Prinzessin Fanfrilla folgte seinen Beispiel. Die zwölf roten Füchse hoben die Ruten hoch und jagten was sie konnten in den Saal hinein. Sie liefen rund um die große Tafel herum und alle die silbernen Schellchen klingelten, daß es eine Lust war. Der kleine Kutscher auf dem Bock trug ein gelb-weiß-grün-rotes Mützchen, dessen goldene Schellen mit denen am Schlitten um die Wette läuteten. – Vor dem König Krökel zog er die Zügel fest an, sofort blieben die zwölf Füchslein stehen. Die Prinzessin Fanfrilla sprang aus dem Wagen heraus, lief auf den König zu, umarmte ihn und küßte ihn mitten auf die Nase. Dabei rief sie:

»Papa König! Wie gehts?«

König Krökel war ganz überrascht über den plötzlichen Besuch seiner Tochter.

»Ich weiß gar nicht,« wandte er sich an seinen Kanzler, »ob sich das eigentlich schickt.«

Da stieg der kleine Kutscher auch aus dem Wagen, lief schnell hinter den König, faßte seinen Zopf und kletterte flugs daran in die Höhe. Dann sprang er über seinen Kopf weg und stellte sich mitten auf den Tisch vor ihm auf.

»Helau!« rief er. »Helau!«

Der König und seine Minister machten sehr dumme Gesichter und die Prinzessin Fanfrilla guckte den Kleinen erstaunt an.

»Kennst du mich denn nicht mehr, Prinzessin?« rief der Kleine. »Ich bin ja der Februar! Und das hier,« fuhr er fort, indem er seine Mütze in der Luft schwenkte und mit der Pritsche klapperte, »das ist das Geschenk von der lieben Tante Hexe! Damit mache ich alle Welt heute lustig und vergnügt!«

Er sprang auf den König Krökel zu und schlug ihm mit der Pritsche mitten vor den Bauch. Da fing der fürchterlich zu lachen an. Der kleine Februar lief aber über den ganzen Tisch herum und schlug die Gäste mit der Pritsche oder klingelte ihnen mit seiner Schellenmütze in die Ohren. Die schönen Damen und die edlen Herren, die sich vordem noch so gelangweilt hatten, wußten gar nicht, wie ihnen geschah, sie wurden plötzlich so fidel und so guter Dinge, daß sie am liebsten die ganze Welt abgeküßt hätten.

»Sieh mal, was unten im Schlitten liegt!« rief der kleine Februar der Prinzessin Fanfrilla zu.

Die ging hin und fand auf dem Boden des Schlittens eine große Menge von bunten Holzpritschen und seidenen gelb-grün-weiß-roten Mützchen. Sie hob ihr Röckchen hoch, nahm alles hinein und brachte es dem kleinen Februar hin.

Der schlug mit seiner Pritsche an eine große Weinflasche und rief:

»Helau! Seid mal still, ich will eine Rede reden! – Ich bin der Februar, auch der Prinz Fasching genannt. Ich bin gekommen, Euch von all Euren Sorgen und Grillen und allem dummen Griesgram zu befreien! Da! Setzt Euch die Mützen auf und klappert mit den Pritschen und seid vergnügt und lacht und schreit alle zusammen: – Helau!«

Damit warf er die Mützen und Pritschen den Festgästen zu. Die Prinzessin Fanfrilla nahm die allergrößte Mütze und stülpte sie dem Papa König auf den Kopf, dann gab sie ihm die Pritsche in die Hand, die am meisten klapperte.

König Krökel sprang auf und schrie so laut er konnte:

»Helau!«

Und alle andern sprangen auch auf und schrien und jubelten:

»Helau! Helau! Helau!«

Dann machten sie einen großen Rundzug durch den Saal. Zuerst kam König Krökel, der trug den kleinen Februar huckepack. Ihm folgte die Prinzeß Fanfrilla, die sich wieder in den hübschen Rollschlitten gesetzt hatte und nun selbst die Füchse kutschierte. Hinter ihr ging stolz der Kalendermann in seinem Sonntagsrock und dann kamen alle die andern. König Krökel schritt auf seinen Thron zu und setze sich, der kleine Prinz Fasching aber kletterte oben auf die Lehne.

»Kalendermann!« rief der König. »Komm einmal her!«

Der Kalendermann nahte sich und machte eine tiefe Verbeugung.

»Kalendermann!« sagte König Krökel. »Eigentlich sollte ich dich erst aufhängen und dir dann den Kopf abschlagen lassen, weil du mir nie etwas von den ausgezeichneten Talenten des kleinen Februars gesagt hast. – Aber weil ich ein gnädiger König bin und weil der Kleine ein gutes Wort für dich eingelegt hat, so will ich dir statt dessen den großen Stern des närrischen Mondkalbordens erster Klasse mit Eichenlaub und Schwertern verleihen.«

Der König winkte; der Kanzler trat vor und heftete dem überglücklichen Kalendermann den großen Orden an die Brust.

»Ich aber,« fuhr der König fort, »König Krökel der Erste von Ulalume bestimme hiermit und verordne, daß von nun an jedes Jahr auf drei Tage der kleine Februar, unter dem Namen Prinz Fasching, mein Reichsverweser sein soll, und schalten und walten darf, wie er will!«

Da zog der Kleine den dicken König wieder am Zopf und sagte ihm ins Ohr:

»Reich mir doch die Prinzessin Fanfrilla herauf, Onkel König!«

König Krökel beugte sich herab und hob das Prinzeßchen, das zu seinen Füßen saß, hoch auf den Arm. Der Kleine aber faßte sie in die schwarzen Locken und küßte sie mitten auf den roten Mund.

Dann rief er laut in den weiten Saal hinein:

»Helau! Ich bin der Prinz Fasching, und das ist meine schöne Prinzessin!«

Da rief die ganze Versammlung:

»Es lebe der Prinz Fasching und seine schöne Prinzessin! Helau! Helau! Helau!«

Und alle lachten und jauchzten und jubelten, daß es eine Lust war.

So kam es, daß der arme kleine Februar zu hohen Ehren kam, und noch heute der schönste Monat ist im ganzen Jahr!

Aber nur in Ulalume, in Torelore und Thule und in ein paar andern Landen am Rhein und an der Isar.

Die alte Postkutsche

Eines Tages sagte Jupp zu Otto:

»Wenn du Mut hast, können wir solche Abenteuer, wie sie die Großmutter erzählt, selbst erleben, ich wüßte auch, wo! Draußen auf dem Felde liegt eine alte Postkutsche, da müssen wir hineinkriechen. – Ich war schon ein paarmal dort!«

Am nächsten Samstage zogen die beiden Jungen aufs Feld hinaus. Sie hatten auf Jupps Rat alles mitgenommen, was nötig war, um Abenteuer zu erleben; erstens Schinkenbrote (die hielt Jupp bei allen Gelegenheiten für sehr notwendig), dann ein großes Stück Schnur, ein Taschenmesser, ein kleines Fernrohr, das Otto von seinem Hauslehrer bekommen hatte, und endlich ein Pistölchen, das Jupp von einem anderen Jungen gegen drei Glaskugeln eingetauscht hatte.

In der Nähe des Waldes lag auf dem Felde eine alte gelb angestrichene Postkutsche. Sie hatte nur noch zwei Räder, und kein Mensch wußte, wie sie dahingekommen war. Dort hinein krochen die beiden Jungen und streckten sich auf dem Heu aus, das Jupp schon bei früheren Gelegenheiten in großer Menge hereingeschleppt hatte.

Dann begannen sie ihre Butterbrote aufzuessen. Das sei immer die erste Vorbereitung zu allen Zauberabenteuern, meinte Jupp, – hinterher müsse man sich dann der Länge lang ausstrecken und sich ein wenig ausruhen.

Das taten sie, und bald schliefen beide ein.

Nach einer Weile war es Otto, als ob Jupp ihn anstoße; er hatte das Fernrohr in der Hand und hielt es ihm hin.

»Hier!« sagte er. »Damit wollen wir uns ganz klein machen, damit wir durch die Löcher hinein können, die in das Wunderland führen.«

Otto nahm das Fernrohr und betrachtete es von allen Seiten, dann sagte er:

»Aber wie kann man sich damit klein machen?«

»Sehr einfach! So wie es die beiden Prinzen machten, von denen unsere Großmutter erzählt! Ach, die Geschichte kennst du noch nicht? – Paß auf, ich will dirs zeigen! – Guck mal aus dem Wagenfenster! Was siehst du dort?«

»Vorne die Landstraße mit den Bäumen.«

»Nun nimm das Fernrohr; was siehst du nun?«

»Ganz dasselbe, aber alles viel größer!«

»Nun dreh das Fernrohr um.«

»Jetzt sehe ich alles ganz klein und winzig.«

»Also,« fuhr Jupp fort, »das ist der ganze Witz! Du drehst das Fernrohr um und siehst mich an, dann bin ich ganz klein.«

Otto blickte durch das Fernrohr auf Jupp – und wirklich, der war plötzlich nicht größer wie ein Daumen! Er erschrak sehr und ließ entsetzt das Fernrohr fallen; da sah er, wie Jupp, so rasch er konnte, durch das Heu zu dem Fernrohre hinkletterte. Aufheben konnte er es nicht mehr, dazu war er viel zu klein, aber er schob es so zurecht, daß er durch dasselbe auf Otto sehen konnte. – Und siehe da! Im selben Augenblicke schrumpfte auch Otto zusammen.

Otto war ganz entsetzt; er frug seinen Freund, wie man nun wieder groß werden könnte?

»Sehr einfach,« sagte Jupp. »Dann brauchen wir nur wieder von der richtigen Seite durchs Fernrohr zu sehen!«

Otto wollte das gleich probieren; aber Jupp lachte und erklärte, es fiele ihm gar nicht ein, jetzt hindurchzusehen, sie wollten erst Abenteuer erleben, und da Otto allein sich ja nicht größer machen konnte, so mußte er sich wohl oder übel in sein Schicksal fügen.

Die beiden Jungen betrachteten sich. Ihre Sachen waren mit ihnen kleiner geworden, ihre Kleider, Taschenmesser, Glaskugeln, alles, was sie bei sich trugen.

»Es ist gut, daß wir die Butterbrote vorher aufgegessen haben, sonst wären sie auch so klein geworden,« sagte Jupp. »So, nun wollen wir nachsehen, ob hier irgendwo ein Loch ist.«

»Warte, Jupp!« rief Otto, »ich muß mir nur eben noch die Nase putzen!«

»Fatzke!« murmelte Jupp.

Otto suchte in allen Taschen, doch sein Taschentuch war nicht da. Plötzlich sah er es nicht weit von ihnen auf der Erde liegen; aber es schien so groß wie ein Bettuch! – Er hatte es aus der Tasche fallen lassen, ehe sie durch das Fernrohr gesehen hatten, und da war es natürlich nicht mit klein geworden.

»Wir nehmen es nachher mit, wenn wir wieder groß sind,« erklärte Jupp; denn es war jetzt so groß, daß sie es kaum vom Boden wegziehen konnten. – Sie knieten sich beide hin und schnaubten sich noch einmal die Nase, dann kletterten sie durch das Heu.

Sie mochten so gut eine Weile in die Höhe geklettert sein, als sich der Heuberg senkte; vor ihnen war ein tiefes, ziemlich steil abfallendes Loch, so tief, daß sie kaum auf den Grund blicken konnten.

Vorsichtig stiegen sie hinab, wobei sie sich an den einzelnen Halmen festhielten. Aber merkwürdig! je tiefer sie kamen, um so unergründlicher schien der Heuschacht; auch wurde er immer steiler. Es war fast unmöglich, tiefer hinabzudringen; so setzen sie sich so gut es ging, nieder, um zu überlegen, was nun zu tun sei. – Plötzlich fühlten sie, wie das Heu, auf dem sie saßen, zu rutschen anfing, erst langsam, dann immer schneller, zuletzt ging es mit solcher Schnelligkeit hinunter, daß ihnen Hören und Sehen verging. Die beiden Jungen schrien so laut sie konnten; aber das nutzte ihnen natürlich nichts. Sie hatten die Augen geschlossen und sich an den Händen gefaßt – wupp! saßen sie unten!


Trotzdem sie noch immer auf ihrem Heu saßen, waren sie doch ziemlich hart angekommen. Sie befühlten sich gegenseitig Glied für Glied, ob nichts zerbrochen sei; aber es war noch alles, Gott sei Dank, heil und ganz. – Dann erst sahen sie sich um, wo sie eigentlich wären.

Sie befanden sich in einem großen Garten. Vielleicht war es auch nur ein kleiner Garten und erschien ihnen nur so groß, weil sie ja selbst so winzig klein waren. Was sie erst für große Bäume angesehen, erkannten sie bald als Blumen und Kräuter, die freilich viel, viel größer waren, als sie selbst. Sie gingen ein Stück den Weg entlang; da trafen sie auf dem breiten Blatte eines Wegerich einen großen Ohrwurm, der gemütlich dasaß und eine Zigarre rauchte.

Als er die beiden Jungen sah, rief er ihnen zu:

»Gebt mir ein Streichholz!«

Die beiden hatten kein Streichholz, und Otto entschuldigte sich deshalb bescheiden. Jupp, der etwas kecker war, frug:

»Wozu brauchen Sie denn ein Streichholz, Herr Ohrwurm? Ihre Zigarre brennt doch?«

»Dummer Junge!« sagte der Ohrwurm, »man braucht immer ein Streichholz, ich sammle welche! Ich habe schon fünf Billionen sechshundertdreiunddreißig Streichhölzer.«

»Wo haben Sie denn alle die Streichhölzer?« frug Otto.

»Dummer Junge,« sagte der Ohrwurm, »in der Tasche natürlich!«

Und damit zog er ein Streichholz nach dem anderen aus der Tasche und warf sie auf den Boden. Der ganze Boden lag schon voll von Streichhölzern, und Jupp rief:

»Es ist genug, Herr Ohrwurm, wir glauben es ja, daß Sie so viel Streichhölzer haben.«

»Dummer Junge,« sagte der Ohrwurm, »ich habe noch viel mehr.« Und wieder warf er ein Streichholz nach dem anderen auf den Boden.

Plötzlich standen die Streichhölzer auf und fingen an zu tanzen. Sie faßten die beiden Jungen an den Händen und sprangen mit ihnen zusammen um den Ohrwurm herum.

Das ging so eine Weile, bis dem Ohrwurm seine Zigarre ausging. Da bückte er sich und ergriff eins der Streichhölzer, dem alles Weinen, Schreien und Zappeln nichts nutzte. Er strich das arme Streichhölzchen mit dem Kopfe an der Schachtel; aber da es so schrecklich weinte, so war es ganz naß von Tränen und fing daher kein Feuer.

Der Ohrwurm warf es fort und rief: »Kommt einmal her, Jungen, ich will euch anstreichen.«

Die beiden hatten aber keine Lust, dem Ohrwurm als Streichhölzer zu dienen, sie liefen Hals über Kopf weg, so schnell sie nur konnten.

Sie blieben nicht eher stehen, als bis sie gar nicht mehr voran konnten und ganz außer Atem waren.

Da hörten sie ein ganz kleines, feines Stimmchen sagen:

»Helft mir doch ein bißchen!«

Sie sahen vor sich auf dem Boden eine kleine Ameise, die an einem Stückchen Holz schleppte, das sie kaum weiterbringen konnte.

»Was willst du denn damit?« frug Otto.

»Ich will es zum Bau tragen,« sagte die Ameise. »Wir bauen einen neuen Palast für die Königin.«

Sie sprach so leise, daß die beiden Jungen sich knien mußten, um sie überhaupt zu verstehen.

»Sprich doch ein wenig lauter, kleine Ameise,« sagte Otto.

»Aber ich strenge mich ja gerade so sehr an!« wisperte die Ameise. »Noch lauter kann ich nicht schreien.«

Otto nahm das Stückchen Holz auf und trug es zu dem Bau, während die Ameise neben ihnen herlief.

»Kannst du uns nicht den Palast und die Königin zeigen?« frug er.

»Ihr seid ja so schrecklich groß, daß ihr gar nicht durch die Wege im Bau gehen könnt,« sagte die Ameise.

»Das nennst du groß, dumme Ameise?« lachte Jupp. »Da solltest du uns einmal sehen, wie wir gewöhnlich sind; da sind wir sicher noch tausendmal größer als jetzt.«

Da bekam die Ameise Angst und lief so schnell wie möglich in ihren Bau herein.

Jupp rief, sie solle wieder herauskommen; aber die Ameise kam nicht. Da nahm er einen kleinen Zweig, der auf dem Wege lag, und stocherte damit in dem Ameisenhaufen herum.

»Wir wollen sie schon heraustreiben,« rief er.

Die Ameise kam auch, aber nicht allein. Mit ihr kamen viele hundert andere Ameisen, und jede trug einen feinen spitzen Degen. Die erste stach Jupp ins Bein, der vor Schrecken laut aufschrie und seinen Stock fallen ließ. Die beiden Jungen flohen schleunigst und kletterten auf einen großen Sauerampfer hinauf. Oben setzten sie sich auf ein Blatt, brachen kleine Zweige ab und hielten sich damit die Ameisen, die immer nur zu wenigen den Stamm heraufklettern konnten, vom Leibe. – Als die Ameisen sahen, daß sie auf diese Weise nichts erreichen konnten, führten sie einen anderen Plan aus. Sie wühlten und gruben in der Erde, um den Sauerampfer auszugraben. Die kleinen Jungen sahen es und erschraken sehr. Wenn sie es auch leicht mit ein paar Dutzend Ameisen aufgenommen hätten, so waren doch so viele Hundert der sichere Tod für sie.

»Was wollen wir tun?« frug Otto.

»Wir wollen versuchen, auf den Wegerich zu kommen, der neben unserem Sauerampfer steht; ein Zweig hängt gerade hinüber. Vielleicht merken es die Ameisen nicht.«

Sie kletterten vorsichtig auf den Zweig, der sich auf den Wegerich hinüberbog. Schon waren sie auf dem letzten Blatte angekommen, als Otto entsetzt hinunterwies. Jupp blickte hinab: da saß ein großer, mächtiger Frosch, der sein breites Maul weit aufriß, als ob er sie beide verschlingen wollte.

»Vorsichtig!« rief Jupp, »daß wir nicht hineinfallen.« Aber es war zu spät! Die Ameisen hatten die Wurzel gelockert, der Sauerampfer schwankte und plumps! fielen sie hinunter, gerade dem Frosch ins offene Maul.

Der machte einen einzigen Schlucker, da saßen sie alle zwei in seinem Bauche.

»Das ist ein guter Fraß,« sagte der Frosch, »wirklich ein guter; jetzt will ich zum Nachtische noch eine Fliege fangen!«

Die beiden Jungen saßen eng zusammengepreßt in dem Froschbauche und wußten nicht, was sie tun sollten; sie fingen bitterlich zu weinen an und heulten, so laut sie konnten.

»Seid doch ruhig,« sagte der Frosch, »damit ich euch besser verdauen kann.« Dann machte er wieder schwapp! und tat einen Schlucker; da kam eine Fliege hinunterspaziert.

»So, nun habe ich genug für heute abend,« fuhr der Frosch fort, »nun will ich ein Liedchen singen.« Und er sang so laut er konnte; Quak, quak, quak, quak, daß der ganze Bauch ordentlich dröhnte und die Jungen sich die Ohren zuhalten mußten.

Es war ganz dunkel in dem Froschbauche; nur wenn der Frosch das Maul aufriß, kam von oben etwas Licht herein. Als die Fliege ihre Leidensgefährten sah, setzte sie sich still dicht neben Jupp und fing auch zu weinen an.

»Nicht drängeln!« sagte Jupp, »es ist sowieso schon eng genug hier! Wahrhaftig, ich habe noch nie in meinem Leben einen so engen Froschbauch gesehen!«

Ihm war das Weinen schon langweilig geworden, und er sann nach, wie sie wohl wieder herauskommen könnten.

»Was machen wir nun?« frug er die Fliege.

Die Fliege wischte sich mit ihrem Taschentuche die Tränen vom Auge und sprach:

»Wir werden verdaut!«

»Ist das angenehm?« frug Otto.

»Ich weiß es nicht, ich bin noch nie verdaut worden,« sagte die Fliege, »aber ich glaube, es ist sehr schlimm.«

»Ihr seid beide bange!« erklärte Jupp. »Wir müssen versuchen, hier herauszukommen. Wir wollen ihn mal kitzeln, vielleicht niest uns der Frosch aus.«

Alle drei fingen nun an, den Frosch zu kitzeln; aber der quakte ruhig sein Liedchen weiter. Dann fingen sie an, herumzutrampeln; da schrie der Frosch:

»Seid doch ruhig da drinnen, ihr stört ja meinen Gesang!«

Endlich nahm Jupp seine Knallpistole heraus und schoß sie ab. Es gab einen tüchtigen Knall, und der Frosch bekam eine Beule in seinen Bauch. Das war ihm denn doch zu stark.

»Warte, ich werde euch helfen!« rief er und spie alle drei aus.

Als sie vor ihm auf dem Grase lagen, sah sie der große Frosch böse an und begann schrecklich zu schimpfen.

»Ihr wollt ein ordentliches Abendessen sein und benehmt euch so? Schämen sollt ihr euch! Ein ganz ungebildetes Pack seid ihr, das nicht einmal weiß, wie man sich anständig verdauen läßt! Marsch, weg mit euch! Zur Strafe werdet ihr jetzt gar nicht gegessen!«

Die drei ließen sich das nicht zweimal sagen, sie machten, daß sie aus dem Staube kamen.

»Puh, sind wir schmutzig,« sagte Otto. »Es war sehr unangenehm in dem Froschbauche!«

»Ich weiß, wo wir uns waschen können,« rief die Fliege vergnügt und führte sie einen kleinen Hügel hinauf, wo eine Menge gelber Butterblumen standen. In jeder der Blumen war ein großer Tautropfen, so daß sie gerade wie Waschschüsseln aussahen. Otto und die Fliege fingen sogleich an, sich ordentlich abzuwaschen. Jupp wollte zwar erst nicht mittun, wusch sich aber schließlich doch, weil er sich vor der Fliege genierte, die sehr reinlich war.

Mittlerweile war es Abend geworden; die Sonne sank immer tiefer hinab. – Als die Jungen das merkten, wünschten sie sehr, nach Hause zu kommen – Otto, weil er fürchtete, Schelte zu bekommen, und Jupp, weil er Hunger hatte. Sie schauten ringsum aus, wo wohl die Postkutsche wäre; sie konnten aber wegen des dichten Grases gar nichts sehen.

»Weißt du nicht, wo die Postkutsche ist?« frugen sie die Fliege.

»O ja! die ist aber weit von hier! Da ihr nicht fliegen könnt, will ich euch mein Pferdchen rufen, dann könnt ihr hinreiten!«

Sie brummte dreimal laut; da kam ein großes grünes Heupferd in langen Sätzen dahergesprungen. Im Maule hatte es einen Zügel und zwei Sättel auf dem Rücken.

Die beiden Jungen stiegen auf und bedankten sich sehr bei der guten Fliege. Die wollte gar nichts davon wissen, im Gegenteil, sie müsse sich bedanken, die Jungen hätten ihr Leben gerettet, wenn sie nicht gewesen wären, so säße sie immer noch in dem häßlichen Froschbauche und würde verdaut. Dann lud sie die Jungen ein, das nächste Mal mit zu ihrem Vater zu kommen, der König im Fliegenreiche sei und sich sehr freuen würde, die Retter seiner einzigen Tochter kennen zu lernen.

Man verabredete sich für nächsten Samstag; dann ritten sie davon. Das Heupferd setzte über hohe Kräuter und Gräser und jagte in mächtigen Sprüngen dahin. Bald sahen sie schon von weitem die gelbe Postkutsche, und nach einer kleinen Weile sprang das treue Heupferd mit den beiden Jungen den Heuschacht hinauf. Oben angekommen, blieb es nach einem letzten Satze plötzlich stehen, so daß Jupp und Otto kopfüber herunterpurzelten und gerade vor ihrem Fernrohre ankamen. Sie sahen rasch hindurch, der Otto auf den Jupp und dann der Jupp auf den Otto; dann aber waren sie so müde von allen Abenteuern, daß sie gar nicht erst aufstanden, sondern gleich, wie sie dalagen, einschliefen.

Lange hatten sie nicht geschlafen, als sie beide wach wurden und sich erstaunt anschauten. Sie hatten aber keine Zeit, über ihre Erlebnisse zu sprechen; die Sonne ging schon unter, und sie mußten laufen, daß sie nach Hause kamen.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
23 aralık 2023
Hacim:
220 s. 17 illüstrasyon
ISBN:
9783943999181
Editör:
Telif hakkı:
Автор
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar