Kitabı oku: «Der liebe Augustin»

Yazı tipi:

Hanns Sassmann
Der liebe Augustin

Roman

Saga

Hanns Saßmann schrieb den Roman „Der liebe Augustin“ nach dem gleichnamigen Wien-Film im Verleih der Terra, den E. W. Emo inszenierte. Saßmann ist auch der Verfasser des Drehbuches für den Film.

Vorwort
Aus „Merians anmüthige Städte Chronik“ Anno 1652

Wien liegt in einer gar lustigen Ebene und auf einem an Getraid, Wein und allerhand Früchten sehr fruchtbarn Boden. Und wird sonderlich viel Wein herum gesammlet und in die Stadt geführet, daher auch das Wort Vienna versetzt und in diese zwei: en Vina verwandelt und Wien zu Wein gemacht wird. Und zwar hat man dessen vonnöten, weil die Stadt gar volkreich und sechs mächtiger Nationen, der Teutschen, Welschen, Hungarn, Böhmen, Polen und Slovacken gemeine Herberg zu seyn scheinet, also dass vor der Belagerung und dem Krieg, den König Matthias Corvinus mit dem Kaiser Friedrich IV. geführt, fünffzigtausend Menschen ohne die Kinder allda seynd gezählet worden, und offt allein an die siebentausend Studenten sich allhie befunden. Und wird derzeit die Anzahl der Seelen auff sechzigtausend geschätzt, wiewol man die Gewissheit dessen nicht eigentlich erfahren und wissen kann, weilen es da grosse und weitschichtige Vorstädte hat, in welchem viel herrlich und schöne Gärten mit ihren Lusthäusern, auch andern Gemachen und Losamenten seyn.

Jenseits der Thonau wohnen, gleichsam in einer Insul, die Juden besonders; in der Stadt aber haben sie zu ihrer Handtierung gewisse Orte, da sie des Tages ihre Waren verkauffen, aber über Nacht in der Stadt nicht bleiben dürffen.

Inwendig ist die Stadt Wien schön erbaut und seynd viel Häuser allda, so vor fürstliche Palläst anzusehen, wiewol sie mehrers zur Pracht als zur Bequemlichkeit und Nutzbarkeit gemeiniglich gebauet. Haben sehr tiefe und ansehnliche Keller, in welchen man Stuben findet, daher gesagt wird, dass zu Wien nicht weniger Gebäude unter als ober der Erden seyen.

Von weltlichen Gebäuden ist insonderheit die Kaiserliche Burg oder Residentz zu sehen, so zwar nicht sonderlich prächtig erbaut und für einen solchen mächtigen Potentaten und eine so grosse Hofhaltung ziemlich eng ist. In der Residentz ist die Guardarobbia und die Galeria mit unterschiedlichen Zimmern, so man den Schatz nennt und in demselben allerhand köstliche Sachen zu sehen. Darunter die Kaiserlich Kron mit dem Scepter und Reichs-Apffel, so auch Gold und köstlichen Diamanten gezieret, die man auf ein Millionen Goldes Werth schätzet, und Kaiser Rudolph II. sich hat machen lassen. Item ein Einhorn, so 12 oder 13 Spannen lang ist, das seinesgleichen in solcher Formschöne und Grösse nicht in der ganzen Welt haben solle.

Von denkwürdigen Sachen, die sich allhie zugetragen, wollen wir der Kürtze halber etliche wenige erzählen. Als der letzte Hertzog von Österreich aus dem Bambergischen Stammen, Friedericus Bellicosus, in des Kaisers Friedrichs II. Ungnade gefallen, so ist er, der Kaiser, Anno 1236 auf Wien kommen, den die Bürger daselbst stattlich empfangen, der auch allda drey Monate verharret ist und Wien zu einer Reichs-Stadt gemacht und ihr das Wappen, so sie noch heutig Tags führet, nämlich einen güldenen und gekrönten Adler in schwartzen Feld, gegeben. Sie ist aber nur vier Jahre eine Reichs-Stadt geblieben, da besagter Hertzog, als der Kaiser anderswo zu tun hatte, sie belagert und also geängstigt, dass sie sich ihm wieder hat ergeben müssen. Anno 1286 belagerte die Stadt Kaiser Rudolph I. Anno 1408 seynd der Bürgermeister Conrad Vorlauff und andere des Raths allhie enthauptet worden, und stunde es damaln gar übel in Wien. Anno 1485 belagerte diese Stadt König Corvinus aus Ungarn und nahm sie ein, und kam solche erst nach seinem Tode wieder an Österreich und unter Kaiser Maximilian I. Anno 1529 kam der türkische Kaiser Soliman selbsten dafür und liess über 25 000 Gezelte aufschlagen, musste jedoch, nachdem er wenigst auf die zwanzigtausend Personen verloren, unverrichteter Sachen wieder abziehen. Anno 1590 erhub sich allhie ein erschröckliches Erdbidem, dass kein Haus so starck gefunden, an welchem von unten hinauf nicht ein Spalt zu sehen gewesen wäre. Anno 1619 hatte Graf Heinrich Matthes von Thurm sein Böhmisch Kriegsvolck vor die Stadt gebracht, hat aber nichts ausrichten können.

Den 2. May dieses Jahres ist in St. Stephans Kirchen der grosse Glockenschwengel ohn einige Bewegung entzwei gebrochen, hat sich der Adler, welcher gantzer 15 Jahr am Kaiserlichen Hof gehalten worden, von seiner Stangen zu Tod gefallen. Den 22. Martii Anno 1642 hat ein ungarisch Weib allhie drey gesunde Kinder zur Welt gebracht.

1

Der Frühlingsmorgen lag trüb und dunstig über Wien. Einem gen Himmel gereckten schwarzen Zeigefinger gleich stach der Turm des Stephansdomes in das Graugewölk. Seit den grossen Überschwemmungen des Herbstes waren die Wasserdämpfe über den Donauniederungen verblieben, und ihr ungesunder Hauch schlich sich immer wieder in die sonst so lichtfrohe, lustige Stadt.

Die hohen Kamine über den spitzen Giebeldächern qualmten gelben Rauch in die üblen Dünste der engen Gassen, von denen eine der Sauwinkel hiess. Über das nebelnasse bucklige Pflaster im Neu-Schottenviertel trabten zwei Männer. Der eine, zaundürr und ganz windschief gewachsen, trug den kleinen Kopf mit dem spitzen Nasenschnabel zur Seite geneigt, als wollte er immerzu einer drohenden Maulschelle ausweichen. An den schmächtigen Gliedern schlotterte eine aschgraue, geflickte Pluderhose, die dürren Beine sahen darunter aus wie die Waden eines aufgeplusterten Welschhahnes. Auf dem etwas krummen Rücken schleppte er eine Harfe. Manchmal blieb er stehen und sah den andern verängstigt an. Der hatte ein rotes, breites Gesicht über den Fettwülsten, die ihm hinten und vorn über den Jackenkragen hingen; unterm Arm trug er eine grosse Geige. Wenn der Dürre neben ihm stehen blieb, puffte ihn der Dicke mit jener Roheit weiter, mit der in aller Welt die Feisten die Dürren traktieren; denn mit Missachtung und Feindschaft sehen die Fetten auf die Mageren herab, seit die Erde den Menschen Nahrung gibt.

So puffte auch der Dicke den Dünnen des Weges dahin, dass dieser fast in den schwarzen Brei flog, der im engen Schlossergassel das Pflaster zollhoch bedeckte. Doch bald konnten sie nicht mehr weiter, denn oben in dem engen Durchgang hielten zwei Sänften. Ihre Träger standen bis zu den Knöcheln im Kot. Zwischen den Vorhängen steckten die Köpfe zweier alter Herren mit mächtigen Perücken, wahren Löwenmähnen.

Einer der zwei Kavaliere hatte den Stock mit dem blitzenden Goldknauf durchs Sänftenfenster gesteckt und rührte damit wie mit einem Rührlöffel in dem Kotbrei, wobei ihm sein Gegenüber in der Sänfte interessiert zusah. Denn schon eine Weile lang greinte Seine Magnifizenz, der Rektor der Wiener Universität, der Alma mater Rudolfina, Herr Paul de Sorbait: „Das ist der wahre Pestzunder, der das Gift der Pestilencia asiatica jahrelang bei uns festhält, denn so lange liegt wohl schon dieser – Eure Exzellenz verstatten mir das üble Wort – so lange liegt wohl schon dieser Dreck hier.“

Seine Exzellenz, der Staatsminister und Obersthofmeister Johann Michael Graf Sinzendorf lächelte mit schmalen Lippen. Dieses Lächeln schien den Rektor zu empören, denn sein Stock rührte noch wütender in der schwarzen zähen Masse.

„Saubere Strassen sind bei der Gefährlichkeit unserer Zeit unerlässlich. Der Saturn steht in Konjunktion zum Mars. Das ist stets ein Vorbote hitziger Krankheiten!“

Auf einen Wink des Grafen bewegten sich die beiden Sänften nebeneinander weiter. Aus dem Fenster gelehnt, hörte Sinzendorf gelassen dem Rektor zu, dessen Löwenhaupt bei jedem Satz aus den Vorhängen seines Tragsessels fuhr: „Marsilius Finicus und Quercestanus haben die Gefährlichkeit dieser Konjunktion vorausgesagt. Und seit dem zehnten August vergangenen Jahres haben die Astronomen sie beobachtet. Die Krankheitsfälle in den Vorstädten mehren sich. Die sanitären Gesetze aus der letzten Pestzeit sind in Vergessenheit geraten. Wir bekommen dieses Jahr einen Seuchensommer, oder es gibt keine Sternenkunde mehr!“

Sinzendorf hatte noch immer sein schmales Lächeln um den Mund; Wien sei ohnehin übervölkert, so meinte er. Unter der Fuchtel des Bettelrichters stünden an die tausend Bettler und Landstörzer. Eine kleine Pestilenz würde es dem Magistrat ersparen, sie in Band und Eisen aus der Stadt zu bringen.

Die beiden Sänften, mit denen die Träger jetzt im Zotteltrab liefen, nahmen die ganze Strassenbreite ein, so dass der dürre Harfenist und der dicke Geiger sich an die Mauer drücken mussten. Der Dürre zog artig das Spitzhütl, der Dicke rührte kaum daran, und als die Sänften vorbei waren, spuckte er ihnen nach. Dann schimpfte er mit breitem Maul: „Vergoldeter Madensack! Du Erdschrollen mit Silbertressen! Zierlicher Höllfrass, du! Leimlümmel und Krätzenfink. Dich seh ich noch geschunden und gehenkt, wenn’s einmal aufgeht in der Wienstadt!“

Martl Bleimschein, der Geiger, sprach diesen Unflat, weil er in der einen Sänfte den Grafen Sinzendorf erkannt hatte, der den Wienern verhasst war als der schamloseste aller Diebe und Tellerlecker, die jemals einen kaiserlich-deutschen Hof ausgeplündert hatten.

Während die beiden Sänften ihre Insassen auf dem kürzesten Weg in die Burg trugen, patschten die beiden Musikanten durch den Schmutz der Löwelkordina zu, um von dort über die Basteimauer in den Burghof zu schleichen. Die Träger der Sänften liefen immer rascher, denn alle Turmuhren der Stadt schlugen die Stunde, in der dort drüben in dem mächtigen grauen Bau ein Halbgott zu erwachen pflegte: der deutsche Kaiser aus dem Habsburger Geschlecht.

Die kaiserliche Hofburg mit ihren dicken Mauern, den dunklen Treppen und dämmerigen Sälen wirkte an diesem Tage noch düsterer. In der zweiten Antikamera drängten sich bereits die Minister und Kavaliere, um dem Kaiser ihre Aufwartung zu machen. Das kaiserliche Lever war für acht Uhr angesagt worden, aber schon zweimal hatte der Oberstkämmerer, der in der ersten Antikamera Dienst tat, in den vorgeschriebenen Abständen an die Tür der kaiserlichen Schlafstube geklopft, es war ihm aber noch kein Zeichen des kaiserlichen Erwachens zuteil geworden. Fröstelnd standen die Mitglieder des kaiserlichen Hofstaates herum im flüsternden Klatsch der Hofgesellschaft.

Der Obersthofmeister Graf Sinzendorf unterhielt die Herren mit den Befürchtungen des Rektors: „Seine Magnifizenz der Herr Rektor meint, dass uns die unheilvolle Stellung des Saturns und des Mars zueinander eine ganze Reihe von hitzigen Fiebern bringen werde!“

Die etwas hohe Stimme des Marquis de Valais riss den Rektor schrill aus seinen schweren Gedanken: „Sie sagen, der Konstellassion von die Gestirn kann bringen Fieber? Sie müssen mir mehr sagen davon.“

Die Grafen Harrach und Lamberg blieben stehen und hörten zu. Graf Lamberg war ein lebenslustiger Kavalier, dem der Spott über die Bemühung des geleckten Parisers, Deutsch zu sprechen, nur so um den Mund zuckte. Er kannte den geheimen Grund dieses Zungenkrampfes.

„Die Gestirne haben zweifellos Einfluss auf die Erdatmosphäre“, gab der Rektor dem Marquis ausweichend zur Antwort, neigte sein Haupt um kaum einen halben Zoll und schritt weiter, den Stock mit ausgestrecktem Arm weit vor sich hinsetzend, wie es die steifen Schösse seines breiten Rockes aus starrem Brokat erforderten.

„Viel Fremdländisches am Wiener Hof“, sagte der Graf Weissenwolf, der gestern aus Villach angekommen war, zum jungen Grafen Lamberg. Er wies dabei auf die zwei Gruppen der Hofmusizi, die mit ihren Instrumenten wartend standen.

„Hie italienisch – hie französisch!“ erklärte Graf Dietrichstein. „Zum Leide unseres lieben Inspectoris musicae kämpfen zwei Musikstile um des Kaisers Genie. Rechts sehen Sie alle, die noch auf Monteverdis Opern schwören, links alle, die den Balletten Lullys verfallen sind, weil sie eine gute Küche schätzen.“

„Gute Küche? Was hat die mit den Tonschöpfungen Lullys zu tun? Die sind zwar eine Mixtur von italienischer Messe und Pariser Tanzwut, aber ...?“ lächelte Graf Lamberg.

„Lully begann als Küchenmeister in Versailles. Man sagt, dass er jedem Kapo eines höfischen Orchesters, der seine Kompositionen fördert, auch seine Kochrezepte von einst dediziert“, spottete Graf Dietrichstein. „Doch im Ernst, Weissenwolf. Ich ertrage Lullys Musik nicht mehr. Sie schmeckt wie eine stark gewürzte Pastete. Pariser Kost. Leider haben wir keine deutsche Musik, und Seine Majestät behauptet sogar, dass wir nie eine haben werden.“

Graf Lamberg meinte daraufhin, dass der Herr Hofprediger erst gestern von einem hamburgischen Musikus namens Schütz gesprochen habe, der eine Oper komponiert habe, es sei schon vierzig Jahre oder noch länger her. Graf Lamberg hatte dies kaum geäussert, da kreischte auch schon der Halskrausentenor des Marquis de Valais in das halblaut geführte Gespräch: „Oh! Sie spreschen von Pater Abraham a Santa Clara? Das sein ein serr wortgewaltige Mann in deutscher Sprasch. Aber er misch immer swingen zu spreschen Deutsch. Er bereiten mir serr grossen Qual damit!“

Im ersten Vorzimmer standen die Kammerherren vom Dienst mit den Kammerdienern, die die Kleider des Kaisers zur Auswahl bereithielten. Der Oberstkämmerer stand mit der Uhr in der Hand an der Tür der kaiserlichen Kammer, neben ihm hielt sich der Inspector musicae, Graf Trautensberg, bereit, ins kaiserliche Schlafgemach zu treten. Er flüsterte dem Oberstkämmerer rasch noch zu: „Werden Sie das musikalische Thema, das ich Ihnen gab, auch unbemerkt auf den Nachtisch Seiner Majestät schmuggeln können, Exzellenz?“

Der Oberstkämmerer hob beschwichtigend die Hand. „Seien Sie ohne Sorge, mon cher! Es ist mir bis heute noch immer gelungen.“

Der Oberstkämmerer klopfte zum dritten Male an diesem Morgen, da ging endlich die Tür auf. Der Oberstkämmerer betrat mit der ersten Reverenz, die ihn in die Knie sinken liess, die Schlafkammer des Kaisers. Die zwei weiteren vorgeschriebenen Reverenzen brachten den Kavalier, der fast am Boden dahinkroch, bis an das Bett seines kaiserlichen Herrn. Im Halbdunkel, das im Raume herrschte, sah der Oberstkämmerer, dass die grossen Augen des Kaisers melancholisch geradeaus blickten, sie sahen irgendwohin ins Nichts. Rasch und unbemerkt legte der Oberstkämmerer das kleine Notenblatt auf den Nachttisch und überreichte Seiner Majestät das neue Hemd, das der Kaiser nach den Vorschriften des spanischen Zeremoniells im Bett anzog. Dann kroch der Hofkavalier wieder mit drei Reverenzen zur Tür zurück, um dem Kaiser Zeit zur Morgenandacht zu lassen, die Seine Majestät an einem in der Kammer stehenden Altar verrichtete.

Die im ersten Vorzimmer Wartenden hatten sich inzwischen zu ihrem Dienst bereitgemacht. Rektor Sorbait war zum kaiserlichen Leibmedikus Nikolaus Wilhelm Beckers von Wallhorn getreten, der ihm mit kühlen Blicken entgegensah.

„Wie ist das allerhöchste Befinden Seiner Kaiserlichen Majestät?“ so fragte der Rektor, unbekümmert um die Eiseskälte des Leibmedikus. Und fügte boshaft hinzu: „Ihre Kaiserliche Hoheit, die Kaiserinmutter Eleonora, bat mich gestern abend, dem heutigen Lever Seiner Majestät beizuwohnen. um den Kaiser unauffällig auf sein Aussehen hin zu observieren.“

Die Gestalt des Leibmedikus reckte sich in einer Art von Starrkrampf, als er erwiderte: „Seine Majestät klagten gestern über eine leichte Ermüdung. Kein Wunder bei der Anwendung von Mixturen, die für den zärteren Leib Seiner Majestät kaum heilsam sein können.“

Jetzt wurde die feiste Hinterseite des Oberstkämmerers, der in tiefer Verneigung rücklings ging, im Rahmen der Kammerrür sichtbar. Er war mit seinen drei Reverenzen wieder in die erste Antikamera zurückgelangt, die Tür wurde hinter ihm wie von Geisterhänden geschlossen. Die draussen Wartenden verharrten in ehrfürchtigem Schweigen. Nach kurzer Zeit ging die Tür der kaiserlichen Schlafkammer wieder auf, alle Anwesenden versanken in die grosse Reverenz. Man sah keine Köpfe und keine Gesichter mehr, sondern nur eine Front von goldbetressten Rückenteilen. Die Kaiserliche Majestät war eingetreten.

Die schmächtige Gestalt des Kaisers umhüllte ein prunkvoller Schlafrock, und die goldbestickte Schlafmütze bedeckte noch das Haupt. Das Kinn trug einen schmächtigen schwarzen Bart, und die starke Unterlippe war nachdenklich vorgewölbt. In der Hand hielt der Kaiser ein Notenblatt und sah darauf. Mit den mechanischen Bewegungen der täglichen Gewohnheit schritt er zu seinem Armsessel und setzte sich.

Der Oberstkämmerer nahm des Kaisers Schlafmütze ab und hängte ihm den Haarmantel zum Barbieren um. Dann kroch er rücklings, den Hintern höher als den Kopf. Mit geschäftiger Devotion begann der Barbier sein Werk, verfolgt von den giftigen Blicken des Hofnarren und des Hofzwergs. Die Missgestalt des goldbordierten Zwerges begann sich in Tanzschritten zu bewegen, eine dünne, krähende Stimme sang ein Lied aus sinnlos zusammengefügten Worten. Der Kaiser winkte ungnädig ab.

Der Kammerdiener legte dem kaiserlichen Herrn die sechs Kleider zur Auswahl vor und zog sich mit den ausgewählten zurück, um sie zum Ankleiden herzurichten. Der Leibarzt näherte sich dem Kaiser, um den allerhöchsten Puls zu fühlen.

Der Kaiser liess die Prozeduren des Barbierens und des Pulsfühlens über sich ergehen und beantwortete die Frage seines Leibmedikus nach dem allerhöchsten Befinden mit einem gebrummten, ganz unverständlichen Satz in schlechtem Französisch. Der Leibarzt sprach Deutsch weiter: „Eure Majestät geruhten gestern über Müdigkeit zu klagen. Hochdero allerhöchste Gesundheit sind mir anvertraut. Wollen Eure Majestät nicht zu medizinieren geruhen?“

Der Kaiser knurrte, durch seine allzu starke Unterlippe am Sprechen etwas behindert: „Taisez vous! Silence! Chut! Pas un mot!“

Der Leibarzt zog sich mit tiefer Verbeugung an die Wand zurück, wo sein Kollege de Sorbait stand und den Kaiser mit aufmerksamen Augen beobachtete. Der Kaiser bemerkte den Rektor und winkte ihn heran. Sorbait beugte das Knie und kam näher. In tiefer Verneigung sprach er auf einen Wink des Kaisers: „Ihre Majestät die Kaiserinmutter hat mich geschickt, nach Euer Majestät Befinden zu sehen. Wolle Gott, dass kein Grund hierfür vorliegt. Haben Majestät wirklich über nichts zu klagen?“

Der Kaiser hob abwehrend die Hand mit dem Notenblatt. „Taisez vous! Silence! Paix! Chut!“

„Majestät sollten dennoch einen Tag medizinieren“, schlug der Rektor trotz des kaiserlichen Schweigegebotes ehrfurchtsvoll vor. „Der Rohitscher Sauerbrunnen ist ein Allheilmittel.“

Der Kaiser winkte ab: „Allez! Allez!“ Dann verschwand der Kopf des Kaisers unter der Allongeperücke, die der Barbier jetzt auf das kaiserliche Haupt stülpte. Und dann begann die Zeremonie des Ankleidens.

Der Kammerdiener reichte auf einem silbernen Tablett dem diensttuenden Kammerherrn die Hose des Kaisers. Sie war schwarz und unter den Knien zu binden. Ohne einen Finger zu rühren, liess sich der Kaiser die Hose überziehen und versank wieder in das Studium des Notenblattes.

„Graf Trautensberg“, brummelte der Kaiser jetzt in deutscher Sprache. Der Inspector musicae stürzte mit drei Kniebeugen vor.

„Sehen Sie sich diese Melodie an.“ Der Kaiser reichte seinem Inspector musicae das Blatt, während ihm die auf einer silbernen Platte gebrachten roten Strümpfe angezogen wurden, denen die roten Schuhe mit den grossen Schnallen folgten, wie es die spanische Mode vorschrieb.

Graf Trautensberg geriet in Verzückung. „Süperb, Majestät“, flüsterte er ergriffen. „Welche Feinheit der Melodieführung! Welch edler Sinn für Harmonie! Majestät haben wieder im Schlafe komponiert wie schon so oft!“

„Das Blatt lag auf meinem Nachttisch“, brummte der Kaiser mit melancholischem Nachsinnen. „Ich habe das Motiv wohl im Traum gehört und es mir im Halbschlaf aufgezeichnet.“

„Welche göttliche Gabe! Melodien zu träumen vermag nur das Genie!“ sprach der Graf.

Der Kaiser winkte dem Hofzwerg. „Spiel die Melodie auf deiner Flöte!“ befahl er. Der Zwerg setzte sich in Positur und blies auf seiner Flöte das Motiv. Sanft erfüllte das kleine Musikstück mit seiner Anmut den Raum. Fröhliche Keckheit und melancholische Grazie paarten sich darin. Erstaunt lauschte der Kaiser, während ihm das Wämschen mit den kurzen Schössen angelegt wurde. Entzückt rief der Inspector musicae aus: „Wie schade, dass Eure Majestät kein Musikus von Beruf geworden sind!“

Er hielt sofort erschrocken inne, aber der Kaiser antwortete gemütlich: „Tut nichts! Hab’ es so besser!“

Die Toilette des Kaisers wurde durch das Goldene Vliess und den schwarzseidenen Mantel vervollständigt und der Hut mit den schwarzen und roten Federn auf sein Haupt gedrückt.

Der Kaiser stand auf und reichte dem Grafen Trautensberg das Notenblatt. „Verwahren Sie’s. Ich werde es durchkomponieren. Mit Fiorituren und Variationen. Es soll zum nächsten Hofkonzerto fertig sein.“

Der Kaiser machte ein paar Schritte vorwärts, die Tür der zweiten Antikamera sprang vor ihm auf, und er konnte über eine Art Teppich von tiefgebeugten Rücken hinwegsehen. Langsam trat der Kaiser hinaus, und der Tag nahm am kaiserlichen Hofe seinen Anfang. Die kleine zarte Gestalt des Kaisers bewegte sich schrittweise weiter, sein Gang war etwas schwankend, denn die Majestät war schwach in den Schenkeln. Der Kopf mit der mächtigen Allongeperücke erschien zu massiv, aber von der Stirn und besonders aus den Augen strahlte ein phantastischer Glaube an die Göttlichkeit seines Kaisertums, das gelbe Antlitz bekam dadurch etwas Unnatürliches, Geistleeres. Ein grelles Missverhältnis zwischen Erscheinung und Würde.

Hinter dem Kaiser schritten die Kammerherren vom Dienst, der Leibarzt und der Rektor de Sorbait.

Der Kaiser sah in der zweiten Antikamera die ersten Kräfte seiner Hofmusizi stehen. Er rief den Grafen Trautensberg heran und befahl: „Lassen Sie die französischen Musizi die kleine Komposition spielen, die Uns heute Nacht eingefallen ist.“

Während der Oberstkämmerer den diensttuenden Kammerherren die nötigen Befehle erteilte, nahm der Kaiser Platz, um die Musizi anzuhören, die sich im Halbkreis aufstellten. Wieder erklang die fröhlich kecke, leicht melancholische Melodie, und wieder sann ihr der Kaiser erstaunt nach. Der Hofstaat äusserte sein Entzücken im gedämpften Gemurmel.

Noch einmal liess der Kaiser das Thema spielen, und wieder legte sich Verzückung über die Hofgesellschaft. Der letzte Ton verklang.

Da! Kam es nicht wie ein Echo vom Hofe zum Saale heraufgezogen? Ganz leise erklang unten im Burghof die gleiche Weise, gespielt von einer Geige und einer Harfe.

Des Kaisers Augen suchten erstaunt den Inspector musicae. Graf Trautensberg war erbleicht.

„Haben kein Echo befohlen“, sagte der Kaiser streng. „Wer spielt hier?“

„Submissest Majestät, ich werde nachsehen“, lispelte der unglückliche Inspector musicae und wandte sich der Türe zu. Der Oberstkämmerer folgte ihm. Die Melodie vom Hofe unten erklang abermals. Jetzt mischten sich auch Gesangsstimmen ein. Ein Bass und ein Fisteltenor.

In der dritten Antikamera standen die Lakeien schon am Fenster und horchten grinsend in den Hof. Der Schritt der beiden Kavaliere verscheuchte sie. Der Oberstkämmerer zog den Inspector musicae an eins der Fenster.

„Da, sehen Sie, zwei Strassenmusizi singen und spielen Ihr famoses Opus“, zischte er dem bestürzten Inspector musicae ins Ohr. „Wo haben Sie diese vertrackte Melodie denn her?“

„Das muss mein Geheimnis bleiben, Erzellenz“, entgegnete der Graf und starrte hinunter. Im Hofe standen zwei verwegene Gestalten, die eine dürr und klein, mit der Harfe vor sich, die zweite feist und frech, die Geige unterm Kinn. Der Oberstkämmerer winkte den Obristen der Leibwache heran. „Lassen Sie die Leute dort unten fortjagen. Und jedem vorher fünfundzwanzig Stockprügel.“

Der Obrist stampfte seine sporenklirrenden Beine rechts und links gegrätscht auseinander und marschierte ab. Der Oberstkämmerer wandte sich wieder dem Inspector musicae zu.

„Sie müssen doch etwas vorsichtiger sein, wenn Sie auf die Suche gehen nach musikalischen Themen für den Kaiser“, sagte er etwas von oben herab zu dem verzweifelten Grafen Trautensberg. „Strassenmusizi spielen das Lied, das der Kaiser heute nacht komponiert hat! Blamabel für Sie, mon cher, sehr blamabel!“

„Mein Gott!“ seufzte der Musikgraf, „was sage ich nur Seiner Majestät?“

Der Oberstkämmerer zuckte unbekümmert die Achseln. „Ziehen Sie sich heraus, wie Sie können. Man sieht, wie frech dieses Volk geworden ist. Aber das kommt davon, dass die Musik am Hofe so geliebt und gepflegt wird. Seit Seine Majestät selbst mit seinen Musizi musiziert und für sie komponiert, hält ihn die ganze Wiener Bänkelsängergilde für einen von ihrer Zunft!“

Der Oberstjägermeister, der nun auch in die dritte Antichambre trat, stellte sich jetzt breitbeinig neben den Inspector musicae ans Fenster. „Überall Musik! Von oben, von unten!“ So schimpfte er: „Anstatt die Zeit mit fröhlichem Weidwerk zu verbringen, wird sie mit diesem welschen Gedudel vertan, das alles verweichlicht. Harfengezirpe und Geigengezupfe! Wir machen zuviel Musik! Das macht alles schlaff und verzärtelt, das ganze Leben hier wird zu einem übersüssen Brei. Wir machen zuviel Musik bei Hof!“

Aus der zweiten Antikamera zirpte jetzt ein Madrigal von Monteverdi. Dort sass der Kaiser mit hängender Unterlippe und lauschte dem Spiel seiner Hofmusizi, die ihn wie Schatten durch den Tag begleiteten. Mit Musik erhob sich Seine Majestät aus dem Schlaf, mit Musik speiste sie, mit Musik ging sie wieder zu Bett.

2

In den gewölbten Hallen der kaiserlichen Hofküche standen auf einem Tisch in einer der tiefen Fensternischen zwei derbe Männerbeine. Sie gehörten dem kaiserlichen Hofkoch Thomas Wolfsgruber, der durch die halbkreisrunden Küchenfenster knapp über den Boden des Burghofs sah. Er hatte mit Vergnügen dem Gesang der beiden Musikanten oben im Burghof gelauscht:

„Wer frisst im Land den Viehstand auf?

Ja, wer? Ja, wer?

Wer sauft den ganzen Keller drauf?

Ja, wer? Ja, wer?“

Es war ein bissiges Spottlied auf die schöne Marquise Hélène de Valais, das die zwei Bänkelsänger vor der Kaiserburg eben beendeten.

Jetzt stieg Thomas Wolfsgruber vom Tisch herab und maulte zu seinem Freunde, dem Tellermeister, dem er gerade die Speisenfolge des Tages diktieren wollte: „Wahr ist’s, die Wiener murren gegen die Verschwendung bei Hofe. Kein Wunder! Sie müssen sich den Ranzen immer enger schnüren, damit er nicht zu laut knurrt, und bei Hofe wird gewüstet!“

Der Tellermeister sah sich etwas ängstlich um, dann nickte er und sagte: „Verwüstet? Verludert wird alles für die futtergierigen Pariser Schmerbäuche. Der eine von den Musikanten war zwar auch wampert genug, aber der zweite war dürr.“

„Natürlich“, räsonierte der Hofkoch, „sie lassen nichts übrig, die französelnden Satansbuben, die alleweil um den Kaiser sind!“

Thomas Wolfsgruber rannte wieder zur Fensternische und bestieg den Tisch, denn im Burghof war jetzt ein Lärmen und Rufen von „Hussa und He“. Eine Rotte kaiserlicher Hatschiere war in den Burghof gestürmt. Der dicke Geiger hatte sie eher erspäht als sein Harfe zupfender Kumpan und nahm Reissaus. Dann hatte auch der Harfenist seine Harfe aufgenommen und war in grossen Sprüngen seinem Gefährten nachgerannt.

„Hoffentlich kommen sie ihnen aus“, sandte der Hofkoch den beiden Flüchtenden seine besten Wünsche nach. Sie erwiesen sich jedoch als vergeblich. Der Harfenist, behindert durch sein Instrument, fiel als erster in die Hände der Verfolger. Aber auch der Geiger wurde gefasst, obgleich er mit erstaunlicher Behendigkeit davongeschnellt war.

„Schade!“ meinte jetzt auch der Tellermeister, als die beiden Musikanten oben vorbeigeschleppt wurden. „Die armen Kerls werden nichts zu lachen haben.“

„Fünfundzwanzig Stockprügel wird jeder schon ausfassen“, meinte Wolfsgruber und wandte sich zur Arbeit des Tages zurück. Bevor er sie jedoch aufnehmen konnte, wurde er abermals unterbrochen. Seine Nichte, Mariandl Wolfsgruber, Kammerzofe der Marquise de Valais, kam die Treppe heruntergelaufen und schrie schon von weitem: „Das Bad für die Madame! Schnell! Schnell!“

Ärgerlich ging ihr Wolfsgruber entgegen. „Nur langsam, Demoiselle! Erst ansagen, in was die Madame heut baden wird!“

„In Bordeauxwein mit Rosenwasser“, erklärte das Mariandl wichtig. Sie übergab dem Oheim die grosse Kristallflasche mit der kostbaren Flüssigkeit. „Die Unze kostet zwei Dukaten.“

„So!“ erwiderte der Oheim trocken und besah die Flasche. „Mindestens fünfzig Unzen, also hundert Dukaten, und der Bordeaux dazu – ein kostspieliges Bad für die Madame.“ Er rief in die dämmrigen Hallen der Küche: „Den Bordeaux für das Bad der Madame!“

Eine Anzahl Küchengehilfen stürzten sich auf einige grosse Kannen, die in einem Winkel der Küche standen. Grinsend schleppten sie Kanne um Kanne zu dem grossen Kessel, um den schon seit geraumer Zeit ein Feuer brannte, und der rote Weinstrom ergoss sich in den Kessel. Die aufspritzenden Tropfen mit der Zunge aufzufangen, war ein beliebtes Spiel der Küchengesellen.

Wolfsgruber wandte sich einer Schar von Hilfsköchen zu, die jetzt die Spiesse herbeischleppten, auf denen die Hühner für den Kaiser staken. Hundert Hühner wurden jeden Tag gebraten, von denen Seine Majestät nur ein halbes ass.

„Knusprig und braun wie eine Haselnuss muss es sein!“ gab der Hofkoch seine Anweisungen. „Vorsichtig drehen!“

Dann begann Meister Wolfsgruber dem Tellermeister die Speisenfolge anzusagen: „Das Huhn für den Kaiser also als erstes! Klingt ganz einfach, wie? Ein Huhn! Sogar nur ein halbes Huhn, denn die Majestät isst nur die Hälfte. Aber was für ein Huhn! Unter den hundert Hühnern, die ich braten lasse, ist oft kein einziges da, das den Anforderungen entspricht. Die Hoftafel: eine Weinsuppe, dann als erster Gang Hecht, ferner Rindfleisch mit Klössen, Ochsenklauen, Sauerbraten; als zweiter Gang Kalbskaldaunen, Hirschbraten, Kalbsbraten; zum Schluss Spritzkuchen.“

Der Tellermeister verzeichnete sorgfältig die Speisenfolge und sah dann seinen Freund wartend an. „Und die Marquise?“ fragte er schliesslich, da der Hofkoch noch immer schwieg.

„Ja, die Marquise“, erwiderte Herr Wolfsgruber grimmig. „Schreib! Zwei Weinsuppen, als erster Gang Karpfen, Krebse, gebratene Vögel und gefüllte Lammbrust. Zweiter Gang: Rehrücken in Rosinensosse, Wildschweinschinken, Welschhuhn, Karauschen, Spanferkel. Zum Schluss Feigenrorte und Spritzkuchen.“

Der Tellermeister notierte eifrig. „Immer diese riesige Aufkocherei“, sagte er kopfschüttelnd. „Das kann sie doch unmöglich alles fressen!“

Der Hofkoch drosch seine Faust auf den Tisch. „Das frisst sie ja auch nicht! Aber gekocht muss es werden!“

3

Das Schlafgemach der Marquise Hélène de Valais war noch dunkel, der fahle Schein des Tages draussen lag auf den schweren Seidenhängen. Hélène de Valais war bereits wach, das schwache Pochen an der Tapetentür, mit dem ihre Kammerzofe Einlass begehrte, schien sie zu ärgern, denn sie überlegte eine kleine Weile, bevor sie ihr gereiztes „Entrez!“ rief. Hélène de Valais war heute nicht gut gelaunt. Es ärgerte sie, als sich die Tür öffnete und in dem helleren Licht, das vom Vorgemach her einfiel, Mariandl Wolfsgruber ihren fröhlichen „Guten Morgen“ knickste.

Träge öffnete die Marquise ihre Augen nun ganz dem Tageslicht. Was sie erblickte, ärgerte sie noch mehr. Die Zimmer, die ihr des Kaisers noch kühle Gnade angewiesen hatte, waren ein schwaches Abbild des Glanzes, den sie am Hofe Ludwigs XIV. verlassen hatte. Die Marquise seufzte leise, als sie die Gobelins betrachtete, hinter denen sie die kahlen Wände wusste; die schweren Moirévorhänge in zart rosa Farbe, die ihr Bett zierten, die Taburetts und Polstersessel, die umherstanden, das waren Geschenke der galanten Kavaliere am Versailler Hofe, Andenken, die ihr geholfen hatten, sich in der frostigen Wiener Hofburg einzuleben.

Das Mariandl brachte die Frühstücksschokolade ans Bett; an der Türe klopfte es zweimal kurz, das Zeichen des Marquis, der seine Gattin jeden Morgen zu besuchen pflegte. Zärtlich neigte er sich über die Hand seiner Gemahlin und erbat sich Verzeihung, dass das Lever des Kaisers ihn zu lange aufgehalten. Die Marquise winkte dem Mariandl. Die Kammerzofe kam heran und nahm das Tablett fort.

„Welche Toilette wünschen Frau Marquise heute?“ fragte sie und blieb stehen.

„Die neue Robe transparente, die Silberbrokat mit die schwarze Spitzen“, erwiderte die Marquise, und das Mariandl verschwand. Der Marquis zog ein Taburett an das Bett seiner Gemahlin und setzte sich. Wie jeden Morgen berichtete er von der Stimmung in den intimsten Gemächern des Kaisers, wer von den Herren des Hofstaats zu ihrer Partei übergegangen oder von dieser abgefallen war, denn das wechselte jeden Tag. Das sei der Grund, warum man nicht ans Ziel käme, meinte die Marquise und warf ihre berühmt schönen Beine über den Rand des breiten Bettes. Seit Monaten kämpfe man darum, am Wiener Hofe die Maitresse en titre zu werden, die Schuhe mit den roten Absätzen tragen zu dürfen. Warum hatte man das gleiche Ziel nicht am Hofe des Sonnenkönigs zu Versailles erreicht? So fragte unvorsichtig Marquis de Valais. Die Marquise fauchte gereizt zurück, sie habe keine Lust gehabt, sich von der Marquise de Montespan täglich am Leben bedroht zu sehen. Der Gemahl meinte, der kleine Versuch der Damen, einander durch Gift zu beseitigen, sei nicht der Rede wert gewesen. Solche Scherze seien allgemein üblich in Paris. Die berühmte Voisin habe dem ganzen Hofstaat von Versailles ihre erlesenen Gifte geliefert; wer den doppelten Preis bezahlte, hätte auch die Gegengifte dazubekommen.

Schaudernd sank die Marquise in ihre Kissen zurück. Sie erinnerte sich an die Nacht ihrer geheimnisvollen Erkrankung im Damenflügel von Versailles und fasste wie Schutz suchend nach der Hand ihres Gemahls. Dieser hatte sich auf den Rand des Bettes niedergelassen; in schöner Eintracht sassen die beiden Gatten beisammen und erwogen wie jeden Morgen ihre Aussichten am Wiener Hofe. Die Marquise war etwas traurig, der Marquis tröstete sie. Hier habe sie mit keiner anerkannten Mätresse, vor allem mit keiner Montespan zu kämpfen, denn der Kaiser sei bisher ein vorbildlicher Gatte gewesen. Aber gerade die fromme Treue des Kaisers, der anscheinend mit jeder Gedankensünde in den Beichtstuhl oder in die Busskammer flüchte, gerade diese Gattentreue sei eine grosse Chance. Aus treuen Ehemännern würden bekanntlich ebenso treue Liebhaber. Und wenn die Marquise es verstünde, den Kaiser immer zu beschäftigen, ihm keine Ruhe zu gönnen, wenn sie nicht aufhöre, ihn mit Wünschen zu verfolgen, dann würde alles gut gehen. Sie müsse darin sehr erfinderisch und kapriziös sein. Nun lachte die Marquise. Sie habe den Kaiser um ein Seidenhemd mit vielen Spitzen aus Mailand gebeten, das müsse mit einem Kurier heute früh gebracht werden. Sie wolle es nach dem Bade anziehen. Der Kurier müsse schon auf dem Wege nach Wien sein. Anerkennend äusserte sich der Marquis, solche Launen seien der sicherste Weg zur Macht über einen Mann.

„Sie sehen, mon cher, ich verstehe es schon, ihn mit den meinen zu beschäftigen“, lächelte die Marquise.

Ein leichtes Pochen an der Tür liess den Marquis aufstehen. Er küsste abermals die Hand seiner Gemahlin, versicherte ihr, dass sie nicht nur ein Engel an Schönheit, sondern auch eine Göttin an Weisheit sei. Dann zog er sich gegen die Tür zurück, durch die jetzt das Mariandl eintrat.

„Das Bad für Madame ist bereit“, meldete Mariandl und knickste vor dem Marquis, der sich höflich gegen sie verbeugte, denn das Mariandl war bildhübsch.

4

In der grossen Hofküche drehten sich die Bratspiesse. An jedem der zwanzig Spiesse steckten fünf schöne gerundete Hühner, die Küchenjungen träufelten immer wieder das abtropfende Fett darüber. Wolfsgruber schritt von Spiess zu Spiess. Hinter ihm ging ein Hilfskoch, der einen Korb trug. Eine Anzahl gebratener Hühner lag bereits darin, sie hatten nicht die Gnade des Herrn Hofkochs gefunden. Jetzt musste das kaiserliche Huhn gewählt werden, es war höchste Zeit. Kritisch besah Wolfsgruber Stück um Stück der in fettem Glanz brutzelnden Hühner.

„Zu blass!“ rief er erbost. „Das da ist wieder nicht saftig genug! Weg damit! Das hier ist zu braun! Das da ist wieder ganz gelb! Nicht so langsam drehen! Mehr Fett aufgiessen! Nie könnt ihr die richtige Farbe herauskriegen!“ schimpfte er dabei. „Und es braucht doch nichts als ein bisserl Aufmerksamkeit und Liebe!“

In der Küche verbreitete sich jetzt grosse Nervosität. Die elfte Stunde, die Zeit des Mittagmahls der Kaiserlichen Majestät, rückte heran. Und noch immer hatte Herr Wolfsgruber nicht das richtige Huhn für den Kaiser gefunden. Er schwitzte Fett wie die Hühner an seinen zwanzig Spiessen.

„Alles nichts wert! Am Rücken muss es braun sein wie eine reife Haselnuss!“ rief er und suchte in seinen Taschen nach der Haselnuss, die er stets bei sich trug. Als er sie nicht gleich fand, rastete er seinen Körper ab und brüllte: „Wo hab’ ich denn diese vertrackte Nuss?“ Dann zog er sie aus der Hosentasche, in der sie sich verkrochen hatte. „Da ist sie ja! Her mit dem nächsten Spiess!“

Mit grosser Aufmerksamkeit verglich nun der Hofkoch seine Haselnuss mit der schönen braunen Färbung der vorgezeigten Hühner. Ein zweites Mal unterzog er die fettglänzenden Vögel einer allergenauesten Prüfung. Dann seufzte er befriedigt auf.

„Endlich! Da hier, das ist endlich, wie es sein soll und sein muss. Schnell herunter vom Spiess! Und gleich für die kaiserliche Tafel anrichten!“

Der Hofkoch wischte sich den Schweiss von der Stirne. Da kam Mariandl die Treppe herab. Wolfsgruber sah seiner Nichte freundlich entgegen.

„Hast leicht schon Feierabend, Mädel? Am hellichten Vormittag?“

„Madame badet!“ lachte das Mariandl. „Das müsst Ihr doch wissen, Herr Oheim!“

„Richtig“, erinnerte sich Herr Wolfsgruber. „Über diesen verfluchten Hühnern habe ich das ganz vergessen.“

„Isst denn der Kaiser sein Huhn jeden Tag?“ wunderte sich Mariandl.

„Weiss ich’s?“ erboste sich Wolfsgruber von neuem. „Auf den Tisch muss es jedenfalls kommen. Aber es ist höchste Zeit, dass es wirklich hinkommt.“ Er erhob sich und ging zum Serviertisch hinüber, auf dem das silberne Tablett mit dem Huhn des Kaisers stand. Das Mariandl folgte ihm.

Ein Küchenjunge, der dem Herrn Hofkoch ein Glas Wein brachte, hielt ihn auf. Es war das übliche Glas Bordeaux, das Herr Wolfsgruber jeden Tag nach der Fertigstellung des kaiserlichen Mahles zu sich zu nehmen pflegte. Es gab ihm einen Teil der verlorenen Lebensgeister wieder.

Während der Oheim sich dem Genuss seines Weins widmete, betrachtete Mariandl das Huhn auf der silbernen Platte. Dann sah sie sich vorsichtig um. Der Oheim trank langsam Schluck um Schluck, denn er war ein grosser Weinkenner, und der kaiserliche Keller barg edle Sorten. Rasch griff das Mariandl unter den Serviertisch und zog ein Körbchen hervor. Blitzschnell verschwand das mit so grosser Mühe ausgesuchte kaiserliche Huhn darin. Aus dem Korbe mit den von der allerhöchsten Tafel verbannten Hühnern griff Mariandl auf gut Glück eins heraus und legte es appetitlich auf der silbernen Platte zurecht. Dann rief sie fröhlich: „Auf Wiedersehen, Oheim!“ und enteilte über die Treppe.

Herr Wolfsgruber trank mit Genuss den letzten Schluck. „Antreten!“ rief er dann mit Donnerstimme durch sein Reich. Sofort sammelten sich alle Köche, Hilfsköche und Küchenjungen vor Wolfsgruber. Sie standen nach dem Grade ihrer Stellung gestaffelt, die Oberköche voran, dann die Unterköche, die Hilfsköche, ganz hinten stiessen sich die Küchenjungen. In vollster Würde sprach der Hofkoch: „Das Huhn für Seine Majestät ist glücklich ausgewählt. Die restlichen neunundneunzig Hühner bekommen heute die Kammerherren als Handsalbe, die Köpf’ und die Ingeweide kriegen die Stallburschen als Trinkgeld“, fuhr Wolfsgruber fort. „Die Haxen und die übrigen Knochen, die von der Hoftafel zurückkommen, kriegt der Weinkeller „Zum süssen Löchl“, die geben immer noch ein sehr feines Hühnersupperl für die armen Leut’. Ist alles klar?“

Alles war klar. Die grosse Arbeit des Tages war getan. Man konnte an den eigenen Magen denken. Herr Wolfsgruber zog sich mit einer zarten Taube in seine Kammer zurück.

5

Das Mariandl lief unterdessen an den Michaelern vorbei, durch die Augustinergasse hinunter, über den Neumarkt in das Krautgassel. Das Mariandl war sehr fröhlich, wusste sie doch für das kaiserliche Huhn einen dankbaren Gast, der es sicher mit besserem Appetit verzehren würde als die Majestät.

Schon an der Ecke des Krautgassels hörte sie Geigenspiel und den Gesang einer angenehmen Männerstimme. Das Mariandl blieb stehen und lauschte. Das Lied, das sie zu den Klängen einer Geige hörte, ergriff sie seltsam tief:

„Zwischen Ungarns heissen Steppen,

An der Donau hellem Strand,

An den wilden Felsentreppen

Im schroffen, rauhen Alpenland

Stehst du, der all mein Herz gehört,

Denn du allein nur bist es wert,

Dass wir in Treu’ dich lieben,

So ist all mein Sehnen geblieben bei dir, bei dir!“

Oben, am Fenster der Dachstube, setzte der Sänger jetzt die Geige ab, nahm den Bogen in die linke Hand und fuhr sich mit der rechten durch das Haar. Die Geste drückte Unzufriedenheit aus, und alsbald erklang denn auch die Melodie von neuem.

„Zwischen Ungarns heissen Steppen,

An der Donau hellem Strand,

An den wilden Felsentreppen ...“

Die alten morschen Treppen knarrten unter jedem Schritt, so leicht Mariandls Füsse sie auch berührten. Oben drang ein Lichtstreif durch den schlechtschliessenden Türspalt, und die Stimme des Sängers erscholl lauter. Das Mariandl öffnete die Tür.

Die kleine Stube war voll Sonne. Der Musikus am Fenster drehte sich nicht um, das leise Quietschen der rostigen Türangeln war ihm entgangen. Das Mariandl trat auf den wackligen Tisch zu, der in der Mitte stand, und stellte ihr Körbchen darauf. Dann stand sie ganz still mit gefalteten Händen und horchte. Immer wieder veränderte der Musikus am Fenster seine Melodie. Endlich schien er zufrieden zu sein. Noch einmal sang er die anmutige Weise und setzte dann mit Schwung den Bogen ab.

„So!“ sagte er befriedigt und wandte sich um. Da sah er das Mariandl stehen.

„Je, das Mariandl! Mein guter Geist!“ begrüsste der Musikus und Bänkelsänger Augustin das Mädchen. „Hab’s gar nicht kommen hören. Ist die Demoiselle schon lang da?“

„Ich hör’ Ihnen schon eine ganze Weile zu, Herr Augustin“, erwiderte Mariandl. „Sie singen so viel schön!“

Der Musikus lächelte freundlich, legte seine Geige aufs Fensterbrett und kam näher.

„Kommt die Jungfer nur zu mir, weil Ihr mein Gesang gefällt?“ fragte er scherzend. „Oder würde Sie auch ohne mein Konzerto kommen?“

Das Mariandl wurde verlegen. „Es muss doch manchmal jemand her, um Ordnung zu machen“, sagte sie hastig. „Es schaut ja bei Ihnen immer aus wie in einer Räuberhöhlen.“

So sah es in der Tat aus. Vom zerwühlten Bett hing die Decke auf den Boden herunter, der Dudelsack lag mitten in den Polstern, der hohe spitze Hut mit der Hahnenfeder am Tisch, und das Wäschespind hatte einen Fuss verloren; es stand windschief und zum Umfallen bereit. Das Mariandl erspähte den abgebrochenen Fuss und schob ihn unter das Spind. Es ging so leicht, dass sie es erstaunt öffnete.

„Wirst nichts drin finden, Mädel“, lachte der Musikus. „Alles, was ich hab’, trag’ ich auf mir.“ Und er wies auf seine abgetragenen Kleider.

„Wo haben’s denn Ihr zweites G’wand?“ entsetzte sich das Mariandl. „Und die bessere Wäsch’?“

„Fort!“ entgegnete Augustin mit grosser Geste. „Hab’s fortgeb’n an einen guten Mann, der mir auch was dafür gegeben hat.“

Das Mariandl sah ihn stumm an. Augustin wich ihrem Blick aus.

„Ich weiss schon“, sagte sie leise. „Es ist dort hinkommen, wo alles bei Ihnen hinkommt.“

„Recht hast, Mädel, versoffen hab’ ich’s.“ Und Augustin lächelte das Mädel fröhlich an.

Aber das Mariandl teilte seine Heiterkeit nicht. Sie senkte betrübt den Kopf, und ihre hilflose Gebärde griff dem Luftikus ans Herz.

„Wast hast mir denn da bracht?“ fragte er schnell und hob den Deckel vom Korb. „Je, ein Bibihenderl! Und so schön braun is braten!“

Das Mariandl zog das Huhn aus dem Körbchen, dazu ein Stück Brot und einen Holzteller. Sie stellte alles auf den Tisch, von dem sie den Hut mit der Hahnenfeder nahm. „Der Kaiser kriegt kein so schönes“, sagte sie und sah sich um, wohin sie den Hut geben könnte.

„Schmeiss ihn auf die Erd’“, riet ihr Augustin und machte sich mit seinem Messer über das Huhn her. „Wo hast’s denn her, das Prachtstückl?“

„Von meiner Tant’ aus Währing“, log das Mariandl und hing den Hut an einen Nagel neben dem Spind. „Was war denn das für ein Lied, das Sie grad g’sungen haben?“

„Ein neues. Für meine Geliebte hab’ ich’s g’macht“, erwiderte der Musikus, mit vollen Backen kauend.

„So?“ sagte das Mariandl, trat ans Bett und faltete die Bettdecke zusammen. „Wer ist denn nachher diese Geliebte, die an den Felsentreppen wohnt?“

„Die Wienerstadt“, entgegnete Augustin und säbelte sich ein saftiges Bruststück herunter. „Was Schöneres und Geliebteres als die Wienerstadt gibt’s für mich nicht mehr auf der Welt.“

Das Mariandl schlug mit ein paar knallenden Schlägen auf die prallen Federkissen des Bettes und legte sie aufs Fensterbrett in die Sonne.

„Pass auf mei’ Geigen auf“, ermahnte sie Augustin. „Wann sie auf das Pflaster unten fallt, tät’s ihr nicht frommen.“

„Dass S’ gar keine Ordnung halten können!“ seufzte das Mariandl und zog das Bettuch ab.

„Müsstest halt öfter herkommen“, lächelte Augustin verschmitzt zu ihr hinüber. „Net nur, wann’st mir was bringst. Mich freut’s schon, wenn ich dich seh, auch ohne Brathendl.“

Das Mariandl rüttelte den Strohsack auf und meinte verlegen: „Ich hab’ leider wenig Zeit.“

Augustin hörte auf zu essen und sah nachdenklich vor sich hin. „Komisch! Du kommst und gehst wieder, und ich weiss nicht, woher du kommst, wer du bist.“

Er schwieg. Seine Augen blickten jetzt scheu an dem Mädchen vorbei. Einen Augenblick herrschte Stille im Zimmer, nur eine Fliege summte leise. Augustin stand auf und ging zu Mariandl hin. „Solltest mir doch endlich deinen Namen und deine Herkunft sagen!“

Mit einem Lächeln glättete das Mädchen das Bettuch über dem Strohsack. „Es ist doch so viel schöner“, sagte sie leise. „Lassen wir’s dabei, dass ich Ihr guter Geist bin.“

Augustin wandte sich ab und ging wieder zum Tisch. „Na schön, werd’ ich halt nimmer fragen“, antwortete er verstimmt.

Das Mariandl sah ihm nach. Sie gab dem Bettuch noch einen letzten glättenden Strich und trat dann zu Augustin an den Tisch. „Nicht wieder bös sein! Ich komm’ zu Ihnen, weil ich Ihre Musik so gern hör’.“

Aber Augustin schien durch diese Worte noch mehr enttäuscht zu sein. „Also nur wegen meiner Musik kommst?“ fragte er und drehte dem Huhn einen Haxen aus. Die Augen des Mädchens sahen ihn bittend an. Eine grosse Zärtlichkeit lag in dem Blick, den der Mann warm auf sich ruhen fühlte.

„Ja!“ sagte das Mariandl leise. „Ich tu Ihnen so viel gern zuhören! Wo spiel’n S’ denn am Abend immer?“

Augustin legte die Hühnerhaxen wieder zurück. Das Essen freute ihn anscheinend nicht mehr so recht. Er wich dem Blick des Mädchens aus und sagte endlich zögernd: „Noch immer im Weinkeller „Zum süssen Löchl“!“

Die augensichtliche Verlegenheit Augustins amüsierte das Mariandl. „Ich käm’ so gern einmal hin!“ meinte sie lächelnd und wusste seine Antwort im voraus.

„Nein! Das möcht’ ich nicht, dass du dorthin kommst! Die Liedln, die ich dort aufspiel’, sind nicht das Beste, das ich kann. Sie sind ordinär.“

Das Mariandl drehte sich hastig um. „Das kann ich net glauben!“ meinte sie bestimmt. „Sie singen nichts Ordinäres!“

Augustin lachte. Sein Lachen war so froh und melancholisch zugleich wie das Lied, das er soeben gesungen hatte.

„Sind gar höllische G’sangeln, die die Demoiselle erschrecken täten“, sagte er mit leichter Bitterkeit. „Aber ich muss sie singen, solang ich noch einen Ton in der Brust hab’.“

Das Mariandl erschrak, denn in Augustins Augen flammte ein Feuer, das sie bisher nie darin gesehen. Das beunruhigte sie.

„Jetzt muss ich wieder gehen. Aber vergessen Sie nicht wieder auf den Schmaus!“ Sie wies auf das Huhn, das noch zur Hälfte unverspeist war.

Augustin nahm ihre Hand. „Bestimmt nicht!“ sagte er und verbarg seine Zärtlichkeit hinter Scherz. „Ich werde an die Demoiselle denken und das Henderl wird nur so ’runterrutschen.“

Jetzt lachte auch das Mariandl. Sie sahen einander lachend an. Dann lief das Mariandl einfach weg so wie jedesmal.

Augustin sah dem Mädchem vom Fenster aus nach, bis es um die Ecke zum Neumarkt verschwunden war. Dann verengten sich seine Augen. Er sah unten einen Mann kommen, dessen Besuch er hasste; nur der brennendste Hunger hatte ihn diesen Mann bisher ertragen lassen.

Bald darauf stand in der Stubentür Graf Trautensberg, der Inspector musicae des Kaisers. Er hob drohend seinen Stock, als er zu Augustin trat. „Wie kannst du dich erfrechen, mir eine Melodie zu verkaufen ...“

Der Bänkelsänger ging gelassen auf den wütenden Grafen zu und nahm ihm mit sanftem Griff den Stock aus der Hand.

„Den Stock legen wir weg“, sagte er dabei zu dem verblüfften Kavalier und fuhr ruhig fort: „Also, was wünscht der Herr von mir?“

Graf Trautensberg sagte etwas sanfter: „Du hast mir vor einigen Tagen eine Melodie verkauft, und die gleiche Melodie ist heute morgen im Hofe der Burg von zwei Bänkelsängern gesungen worden als infames Spottlied auf eine Dame des Hofes!“

„So!“ erwiderte Augustin seelenruhig. „Als Spottlied? Es war ja auch ein Spottpreis, den S’ mir zahlt’ haben. Zwanzig Kreuzer! Aber woher wissen S’ denn, dass das Lied heute morgen in der Burg g’sungen worden ist? San S’ vielleicht einer aus der Hofburg?“ Augustin fixierte den eleganten Herrn, dem es unter dem festen Blick des Musikus ungemütlich wurde.

„Nein!“ erwiderte Graf Trautensberg verlegen. „Aber es spricht ja bereits die ganze Stadt davon.“

„Ich hab’ zwar noch nichts gehört“, meinte Augustin zweifelnd. „Aber es tät’ mich freuen, wenn die Wiener endlich wach würden.“

Den Grafen packte von neuem die Wut. „Ich rate dir, Augustin, such dir ein anderes Publikum für deine Musik als die Hofburg! Sonst kann es leicht sein, dass du ...“

Der Graf vollendete den Satz nicht, sondern machte als Abschluss die Geste des Halsabschneidens.

„Oho!“ rief nun Augustin empört. „Oho, Sie Herr ...“ Mit blitzenden Augen trat er auf den Kavalier zu, der an die Wand zurückwich. Aber Augustin blieb am Tisch stehen, nahm ein Notenblatt in die Hand und sagte nun wieder ganz gemütlich: „Damit S’ kein’ Schaden haben wegen der Melodie, geb’ ich Ihnen eine neue!“

Der Musikgraf sah Augustin misstrauisch an. Aber nichts im Gesicht des Musikers verriet eine Tücke; freundlich stand er am Tisch, das Notenblatt in der ausgestreckten Hand.

Da griff Trautensberg begierig nach dem dargebotenen Musikstück. Er las es schweigend, begann dann die Melodie zu summen und den Takt zu schlagen.

„Douce et melodieuse“, sagte er entzückt. „Ja, die nehm’ ich gern zum Ersatz. Aber singt sie nicht auch schon der Pöbel auf den Strassen?“

„Dieses Lied ist mir heute erst eingefallen!“ erwiderte Augustin. „Übrigens spielen nur ich und meine Kameraden meine Lieder, ein Harfenist und ein Geiger.“

„Eben die waren es; ein dürrer Harfenist und ein dicker Geiger“, entgegnete der Graf. „Sie werden ihre Stockprügel schon besehen haben.“

„So!“ sagte der Musikus abermals, und ein gefährliches Funkeln kam in seine Augen. „Für gute Wiener Musik Stockprügel? Und fürs Pariser Gedudel – Dukaten?“

„Willst du deine kleinen Lieder den Kompositionen eines Lully gleichstellen?“ fragte der Graf spöttisch. „Den süssen Balletten des göttlichen Lully?“

„Die kenn’ ich nicht!“ sagte der Bänkelsänger stolz. „Aber dass meine Musika so gut ist wie jede andere in Wien, das weiss der Herr ja am besten selber. Sonst wären Sie ja nicht bei mir.“

Der Graf lachte laut auf. „Mit den nötigen Verzierungen und artigen Variationen können deine Liedchen ganz zierliche Musikstücke werden.“ Er betrachtete noch einmal das Notenblatt in seiner Hand und summte ein paar Takte. „Ganz scharmant, wirklich ganz scharmant in der Erfindung!“

„Sind wir also quitt?“ fragte der Augustin mit steinernem Gesicht. Dann ging er zur Tür und öffnete sie.

„Bitte schön!“ sagte er höflich, aber so bestimmt, dass der Graf der unmissverständlichen Aufforderung eiligst Folge leistete.

Augustin schloss die Tür mit einem lauten Bums und ging in das Stübchen zurück. Er war sehr nachdenklich geworden. Hatten der Martl und der Wastl es wirklich gewagt, ohne sein Wissen und ohne seine Einwilligung in der Hofburg zu singen?

Auf der Treppe wurden jetzt Schritte laut. Sie klangen etwas mühsam, jede Stufe knarrte besonders laut, weil die Füsse so lange darauf verweilten. Augustin machte sich bereit, Martl und Wastl zu empfangen.

Das rote Gesicht des Martl war noch röter als sonst; er hatte die Hand an die linke Hinterbacke gepresst, die rechte umklammerte die Geige mit den zerrissenen Saiten. Der Wastl bot ein vollständiges Bild des Jammers. Seine blauen Augen standen voll Wasser, und aus der Kehle rang sich dann und wann ein schluchzender Seufzer.

„Was ist denn? Was habt’s denn? Von wo kommt’s denn her?“ Aus Augustins Frage klang eine leichte Drohung.

„Aufspielt hab’n wir in der Hofburg!“ erwiderte der Wastl.

„Na, da müsst ihr jo nobel zahlt worden sein?“ höhnte Augustin „Heraus mit der Einnahm’. Ein Drittel gehört ja mir als Kapo?“

„Tät’ dir’s gern auszahln!“ knurrte Martl, „aber wünsch dir das nicht!“

Augustin lachte: „Ach so? Hieb’ habt’s kriegt für eure Musika? Recht g’schieht euch!“ Augustin betrachtete ungerührt seine unglücklichen Gefährten. „Das ist die Straf’ fürs eigenmächtige Aufspielen mit meine Liedln!“

„Ich wollt’ ja nicht“, stammelte der Wastl. „Den ganzen Weg über hab’ ich mich gewehrt. Aber der Martl ist so gewaltsam.“

Augustin wandte sich jetzt an den Martl, der noch immer ingrimmig seine Hinterbacke rieb.

„Du bist in der letzten Zeit immer so meuterisch. Gib acht, dass ich dich nicht einmal hinausschmeiss’ aus unserm Gespiel!“

„Wo singen wir heut?“ fragte der Wastl schnell, um Martl die Antwort abzuschneiden, denn er liebte den Frieden.

„Im „süssen Löchl“ natürlich wie jeden Abend“, erwiderte Augustin kurz. „Macht’s euch fertig und nehmt alle eure Kurasch mit. Ich glaub’, es liegt was in der Luft.“

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