Kitabı oku: «Warum es so schwierig ist, in die Hölle zu kommen»

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HANS CONRAD ZANDER

Warum es so schwierig ist,
in die Hölle zu kommen

Himmlische Komödien

aus der Geschichte der Religion


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eISBN 978-3-89710-958-2

© 2021 by Bonifatius GmbH Druck · Buch · Verlag Paderborn

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Notiz des Herausgebers

Nicht wenige Bücher von Hans Conrad Zander habe ich begleitet. Doch keines scheint mir so dringend nötig wie dieses. Denn es gibt auch in der Religion so etwas wie Stimmung. Die katholische Stimmung aber ist derzeit so schlecht wie nie zuvor. Hans Conrad Zander hält dem ein katholisches Selbstverständnis entgegen, das nach dem Vorbild Dantes die Religion als Divina Commedia versteht, als ein Schauspiel von hinreißendem, ja göttlichem Unterhaltungswert. Um einem Irrtum vorzubeugen: Zanders gute Laune entspringt nicht etwa der vielstrapazierten „Fröhlichkeit im Herrn“, sondern im Gegenteil einer „selbstironischen Katholizität“, die sich die jüdische Selbstironie zum Vorbild nimmt. Von den dreißig Geschichten zur Geschichte der Religion, die dieses Buch vorstellt, sind fünfzehn dem vergriffenen Band „Warum waren die Mönche so dick?“ entnommen und sorgfältig überarbeitet. Zu diesen klassischen Geschichten hinzugefügt sind fünfzehn neue, bisher ungedruckte Texte aus der WDR-Serie „Zeitzeichen“.

Thomas Schmitz

Inhalt

I. Statt eines Vorworts ein Wort vor dem Tor zur Hölle

Worin uns Dante die böse Überraschung beschert, dass es unendlich schwierig ist, in die Hölle zu kommen.

II. Himmlische Momente der katholischen Antike

Wie die heilige Paula den Zölibat erfand

Worin wir den heiligen Hieronymus näher kennen lernen.

Die Versuchungen des heiligen Antonius

Worin wir lernen, wovor ein echter Mann die Flucht ergreifen soll.

Kassian in der Wüste

Worin wir eine dynamische Methode der Keuschheit kennen lernen.

Wie das kleine Zirkusmädchen Theodora eine mächtige Heilige wurde

Worin Frauen lernen, wie frau den Papst absetzen kann.

„Adieu in alle Ewigkeit, mi Cicero!“

Worin wir von Petrarca lernen, wie man alte weiße Männer kulturell cancelt.

Gregor der Große und die ewige katholische Krise

Worin wir erfahren, wie die schlimmste aller katholischen Krisen in himmlischer Schönheit endete.

III. Himmlische Momente des katholischen Mittelalters

Bruder Franz und Schwester Armut

Worin wir lernen, unsere Vorurteile gegen die Heilige Inquisition zu überwinden.

Johannes Calvin und Schwester Reichtum

Worin wir lernen, unsere Vorurteile gegen die Schweiz abzubauen.

Rechnen konnte Luther nicht

Worin wir lernen, wie der Bettelmönch Martin zum reichsten Mann von Wittenberg wurde.

Der Computer des heiligen Dominikus

Worin wir lernen, digital zu beten.

Wie der kleine Knabe Heinrich Seuse ein großer Mystiker wurde.

Worin wir den himmlischen Patron der LGBTX-Christ*innen lieben lernen.

Katharina von Siena und drei Päpste auf einmal

Worin wir der Versuchung widerstehen, uns über empörte Jungfrauen zu empören.

Die Unfälle der heiligen Franziska von Rom

Worin Frauen Autofahren lernen.

Vom grässlichen Chaos des heiligen Gallus zur schöpferischen Ordnung des heiligen Otmar

Worin es uns gelingt, das Gesetz der katholischen Dekadenz zu widerlegen.

IV. Himmlische Momente der katholischen Neuzeit, sinnvoll ergänzt durch nicht weniger himmlische evangelische Momente

Francis Drake hinter einem Kaktus in Panama

Worin wir den ökumenischen Dialog wärmstens empfehlen.

Der heilige Ignatius von Loyola auf dem Örtchen

Worin wir lernen, dem absoluten Chef aufs Wörtchen zu gehorchen.

Franz Xaver auf den Molukken

Worin wir lernen, Heiden gar nicht erst zu missionieren.

Wie der katholische Terrorist Guy Fawkes den König von England in die Luft sprengen wollte

Worin wir lernen, die Friedfertigen selig zu preisen.

Kaiser Karl V in tiefer Einsamkeit

Worin wir lernen, dass ein kleiner Finger wichtiger ist als ein Weltreich.

Papst Pius V und die Schokolade

Worin wir fasten lernen.

Wie Robinson Crusoe sich nach dem Zölibat sehnte.

Worin wir die unendliche Einsamkeit der protestantischen Seele kennen und verstehen lernen.

Pastor Hans Egedes norwegische Irrfahrt nach Grönland

Worin wir erfahren, dass die alten Wikinger stockkatholisch waren.

Die Nerven der heiligen Theresia

Worin wir lernen, ohne Psychotherapie selig zu werden.

Ninon de Lenclos und das Evangelium nach Lukas

Worin wir uns für die Lebensbeichte der verführerischsten Frau von Paris interessieren.

Madame de Maintenon mit Ludwig XIV auf dem Betschemel

Worin wir Zeugen werden, wie ein Bettlermädchen den Sonnenkönig um den frommen Finger wickelte.

„Ich bin weder Jüdin noch Christin. Ich bin römisch-katholisch.“

Worin wir hautnah erleben, wie die Ermordung des Erzbischofs von Paris in Sarah Bernhardt den Sinn fürs Tragische weckte.

David Hume in allen Bars von Edinburgh

Worin uns klar wird, wie ein Atheist zum Heiligen werden konnte.

Wie Dominique Pire zum Nobelpreis kam

Worin wir am Stelldichein zwischen einem parfümierten Mönch und einer linksradikalen Königinmutter verständnisvoll teilnehmen.

V. Statt eines Nachworts

Noch reitet der heilige Bernhard

Worin wir die Komik der Religion lieben lernen.

I. Statt eines Vorworts ein Wort vor dem Tor zur Hölle
Worin uns Dante die böse Überraschung beschert, dass es unendlich schwierig ist, in die Hölle zu kommen.

Kommt einer heute zu dir und behauptet, er habe Dante gelesen, die „Göttliche Komödie“, Hölle, Fegfeuer, Himmel, alle drei Bände gelesen, dann glaub´s ihm besser nicht. Nicht einmal mir brauchst du das zu glauben. Dabei steht die „Göttliche Komödie“ seit mehr als fünfzig Jahren unmittelbar neben meinem Schreibtisch. Und wie viel habe ich schon geschrieben über dieses größte Meisterwerk der italienischen Literatur. Greife ich aber heute zu allen drei Bänden, so fällt mir etwas Bestürzendes auf. Hier zuerst Band I, das Inferno, der Umschlag längst zerrissen, der Schnitt abgegriffen und grau verschmutzt, auf allen Seiten Fingerspuren, das ganze Buch zerlesen. Jetzt aber Band III, das Paradiso, der Himmel: der Schnitt noch immer blütenweiß, Lesespuren kaum zu finden. Jeder Antiquar würde mein Exemplar von Dantes Himmel anbieten als „wie neu“.

So geht es nicht nur mir, sondern fast allen. Selbst theologische Kommentare besprechen Dantes Himmel nur lustlos kurz. Das Inferno dagegen hat sie alle fasziniert.

„Am Rande erst des schmerzenvollen Tales, das widerhallt von Klagen ohne Ende“, fallen wir schon mit Dante vor Schreck in Ohnmacht, „den Geist von Schweiß gebadet“. Wieder zu Sinnen kommen wir im zweiten Höllenschlund. Mit schrillen Schreien „Gottes Macht verfluchend“ büßt hier in ewiger Qual die ruchloseste aller Frauen: die lüsterne Kleopatra (hundert Männer in einer Nacht). Ein rasender Orkan wirbelt sie herum, uns wirbelt er hinab in den dritten Höllenkreis, wo sich die schlimmen Schlemmer schlammbedeckt in einem ewigen Eisregen stöhnend wälzen.

Unerträgliches Gedränge aber herrscht im vierten Schmerzensschlund, wo jene büßen, die auf Erden dem Prinzip „Geiz ist geil“ gehuldigt haben. Päpste, Kardinäle, Bischöfe, Mönche müssen wir hier in großer Zahl treffen.

Im fünften Höllenkreis büßen die Zornigen, in alle Ewigkeit „sich Stück um Stück zerfleischend mit den Zähnen“.

Alles nur Vorspiel. Über das „Wasser des Grauens“, den Höllenstrom Styx, fahren wir zum Tor der Inneren Hölle. Rot vom ewigen Feuer, das drinnen glüht, leuchten ihre gewaltigen Mauern. Tausend Teufel wachen auf ihren Zinnen. Und wer dort bewacht das Tor zur inneren Hölle? O Gott, es ist die Furie Medusa:

„Den blutgefärbten Leib umgürteten

Grasgrüne Wasserschlangen und ihr Haar

War gift´ge Natternbrut.“

Medusas Blick allein genügt, um einen Mann zu Stein erstarren zu lassen. Ein Engel Gottes muss uns vor ihr schützen. Und weiter geht es abwärts in den finsteren Trichter des sechsten Höllenschlundes, wo in Flammengräbern, lodernd ewiglich, die Ketzer brennen.

Und jetzt, noch schauriger, der siebte Höllenkreis. Da brodelt die „riviera del sangue“:

„Ein Strom von Blut, in dem gesotten werden,

Die mit Gewalt an andern sich vergangen.“

Dann beginnt selbst Dante zu stöhnen:

„Di nuova pena mi convien far versi.

Von neuen Qualen muss ich dichten.“

Von den skandalösen Päpsten muss er dichten, die im achten Höllenkreis tief in Flammenlöchern stecken.

Rasch eilen wir vorbei an all den Betrügern, Schwindlern, Fälschern, die Oberteufel Malatesta, einen nach dem andern, in siedendes Pech taucht, und dann an riesigen Spießen brät.

Ganz anders ergeht es im neunten Höllenkreis jenen italienischen Politikern, die Dante aus Florenz verjagt und zum heimatlos umherirrenden Flüchtling gemacht haben. In einem Eismeer sind sie bis zum Schädel eingefroren.

Und immer kälter wird es, je weiter wir abwärts steigen, bis in den alleruntersten, den zehnten Höllenschlund. Da hockt im ewigen Eis, als tiefgefrorener Moloch, der Satan selbst. Aus dem Eis ragen nur seine drei Mäuler. Mit blutgemischtem Geifer zermalmen sie die drei schlimmsten Verräter der Menschheit: Brutus, Cassius und Judas.

Wie kommen wir hier jemals wieder raus? Raus aus der innersten Hölle? Dante hat die Erde keineswegs für eine Scheibe gehalten, sondern für eine Kugel. Durch einen Spalt, der von der Satanshölle hinaufführt zur südlichen, damals noch unerforschten Hälfte des Globus, steigt Dante, geführt von dem antiken Dichter Vergil, empor.

„Dann traten wir hinaus und sahn die Sterne.

E quindi uscimmo a riveder le stelle.“

Dies ist, ganz leise, sotto voce, gesprochen, der schönste Vers der Göttlichen Komödie. Und es ist ihr wahrer Schluss. Zu Ende ist das höllische Abenteuer. Was kann jetzt noch kommen?

Es kommt Band II, das Purgatorio, der Berg der Läuterung für jene, die noch ein Weilchen büßen müssen, bevor sie aufsteigen dürfen in den Himmel. Kein deutsches „Fegefeuer“ ist das. In sanften Pastellfarben malt Dante das Purgatorio, so langweilig wie die Empfangshalle eines amerikanischen First-Class-Hotels.

Und erst Band III: der Himmel! Da wird nur noch gesungen. Lauter Chöre reiner Jungfrauen singen himmlische Choräle. Singen ist gewiss schön. Aber immerdar nur singen, das ist so tödlich langweilig, dass es selbst Dantes Führerin im Himmel, die edle Beatrice, auf die Dauer nicht aushält. Wenn sie aber mit Singen innehält, dann fängt sie leider an zu predigen. Vor ihrem schmachtenden Bewunderer Dante hält sie unverständliche Predigten, mal über das Wesen des himmlischen Lichts, mal über die Natur der Engel. Welcher Leser sehnt sich da nicht in die Hölle, zu Kleopatra, zurück?

Es gilt jetzt, einen Verdacht auszuräumen. Dante Alighieri ist im Jahr 1265 geboren. Wenn dieser Italiener des 13. Jahrhunderts die Hölle so viel packender inszeniert als den Himmel, tut er dies etwa, um seine Zeitgenossen mit Höllenängsten der katholischen Kirche gefügig zu machen?

Diese Vermutung ist politisch korrekt, aber sachlich falsch. Wie so viele Katholiken damals und heute war Dante zwar katholisch, aber antiklerikal. In seiner Hölle winden sich Päpste, Bischöfe, Mönche ohne Zahl. Im ganzen Paradiso dagegen stoßen wir lediglich auf vier Päpste. Es sind die ersten Päpste nach Petrus, die noch als Märtyrer gestorben sind. Mit schlimmen Vorwürfen überschütten sie ihre späteren Nachfolger auf dem Stuhl Petri. Schlimmer noch wird es, wenn Dante einen Blick hinabwirft in das irdische Rom seiner Tage. Da erscheint ihm die katholische Kirche als nackte babylonische Hure. Poetische Propaganda für den machtlüsternen Klerus ist das nicht.

Drei Jahrhunderte nach Dante hat der größte protestantische Dichter gelebt: John Milton, der blinde englische Homer. „Paradise lost“, „das verlorene Paradies“, heißt sein grandioses Epos, das zumindest an Dramatik Dante übertrifft. Warum? Weil Milton dem Teufel nicht erst am Ende eines langen Abstiegs in die Hölle begegnet. Bei ihm fängt die Handlung zuallerunterst in der Hölle an. Und viel eindrucksvoller, viel achtenswerter als bei Dante ist in Miltons calvinistischem Gesang der Teufel. Ein kosmischer Revolutionär ist das, der furchtlos immer wieder aufsteht gegen „die Tyrannei des Himmels“. Auf seinen schwarzen Schwingen trägt uns Miltons Satan durch ein chaotisch finsteres Universum von Abenteuer zu Abenteuer.

Doch dann kommt der Augenblick, in dem der Teufel die Regie über Miltons Geschichte verliert. Die Menschheit wird erlöst, und sofort sinkt das Epos ab in die Langeweile einer protestantischen Bibelstunde.

Noch mehr klassische Langeweile gefällig? Verglichen mit dem Satan bei Dante und bei Milton ist Goethes Mephisto eine fast harmlose Spielfigur. Und doch können wir es schon im „Prolog im Himmel“ kaum erwarten, dass endlich Mephisto auftritt und in den Tiefsinn teuflische Action bringt. Selbst in der zunehmenden Langeweile von Faust II sorgt er immer noch für Spannung. Etwa wenn er den vertrockneten Gelehrten Faust verkuppelt mit der ruchlos schönen Helena. Bis dann Faust, statt mit Mephisto vertragsgemäß zur Hölle zu fahren, an Gretchens frommen Rockschößen entschwebt in die ewige Langeweile des „Ewig-Weiblichen“.

Keiner hat in unseren Tagen so leidenschaftlich gegen die Hölle gekämpft wie der katholische Theologe Herbert Vorgrimler aus Münster. Um dem gläubigen Volk den Teufelsglauben vollends auszutreiben, hat er ein Buch von fast fünfhundert Seiten geschrieben. Doch der dicke theologische Wälzer ist so spannend zu lesen wie ein Kriminalroman. Dann freilich, wohl aus Gründen der Symmetrie, hat Vorgrimler noch ein ähnlich dickes Buch über den Himmel geschrieben. Es ist ihm arg misslungen. Aus jeder Zeile spricht die Unlust, mit welcher selbst ein Theologe sich beim Gedanken an den Himmel quält. Woran das liegen mag?

Hat vielleicht Immanuel Kant recht mit seiner Vermutung, dass jeder Mensch, auf dem Grund seiner Seele, ein „radical Böses“ in sich trägt? Hat der Apostel Paulus recht, wenn er im 2. Brief an die Thessalonicher die Macht des Bösen in uns beklagt? Eine wirkliche Erklärung findet der Apostel allerdings nicht. Sein verworrener Gedankengang erschöpft sich in der Rede vom „mysterium iniquitatis“, vom „Geheimnis des Bösen“. Gar viele Geheimnisse hat die Religion. Doch keines zieht offenbar so viele so geheimnisvoll an wie das „Geheimnis des Bösen“.

Es ist jetzt Zeit für eine Warnung. So mancher hat ja schon geprahlt, er habe vor der Hölle keine Angst, wenn er denn müsse, wolle er da gern hinein. Da seien schließlich alle interessanten Leute. So ein Aufschneider beweist nur eines: dass er nicht einmal den Anfang von Dantes Inferno gelesen hat. Dort, noch vor dem Abstieg zu den Verdammten, hat Dante etwas erlebt, was an Beklemmung die Hölle übertrifft.

„In sternenloser Finsternis“, unmittelbar vor dem Höllentor, treiben Menschen ohne Zahl jammervoll im Kreise, „wie Sand gejagt in einem Wirbelsturme“. Das sind, schreibt Dante, „die lauen Seelen“. Menschen, die sich im Leben nie für etwas eingesetzt haben, weder für das Gute, noch für das Böse. Immerzu waren sie nur darauf bedacht, sich zum eigenen Vorteil aus allem Streit der Welt schlau herauszuhalten. Jetzt, im Jenseits, irren die „lauen Seelen“ ewig heimatlos herum. „Der Himmel“, sagt Dante wörtlich, „will sich nicht mit ihnen schänden.“ Doch auch den Teufel ekelt´s vor solchen Menschen so, dass er vor ihnen das Höllentor zuschlägt. Mit wilden Schmerzenslauten, bald gellend, bald heiser, betteln sie verzweifelt, vergeblich um Einlass.

Dies ist die Gefahr, die allzu viele Menschen verkennen: nicht, dass sie in die Hölle müssen, sondern, im Gegenteil, dass sie niemals hineindürfen in die Hölle.

Mein Rat an alle, die keine Chance haben, selber in die Hölle zu kommen: Lest Dante. Lest die „Göttliche Komödie“. Aber nur den ersten Band. Nur das Inferno. Dreiunddreißig Gesänge voll höllischer Phantasie, jedoch gefasst in so himmlisch schöne Verse, wie sie kein anderer jemals schrieb:

„Lasciate ogni speranza – Trittst du hier ein, lass alle Hoffnung fahren!“

II. Himmlische Momente der katholischen Antike
Wie die heilige Paula den Zölibat erfand
Worin wir den heiligen Hieronymus näher kennen lernen.

Ungeheuer war, anno 385, die Aufregung in Rom. Auf den Straßen tobten die Heiden, in den Kirchen tobten die Christen. Ganz Rom schien zu toben gegen einen einzigen Mann. Ich spreche seinen Namen mit Ehrfurcht aus: Eusebius Sophronius Hieronymus.

Der heilige Hieronymus gilt heute als der größte Gelehrte der späten Antike. Als „Kirchenvater“ und als „Kirchenlehrer“ verehren wir ihn. Als einer der größten Heiligen des Altertums wird er auf allen Altären der katholischen Welt gefeiert. Warum dann trat im August 385 eigens ein römisches Konzil zusammen, um einen so großen Heiligen mit Schimpf und Schande aus der Heiligen Stadt zu verbannen?

Das liegt daran, dass der heilige Hieronymus, mitten in Rom, eine Sache vertreten hat, die wenig Freunde kennt. Wenig Freunde unter den Heiden, wenig Freunde, ach, auch unter den Christen. Der heilige Hieronymus war ein leidenschaftlicher Prediger der Keuschheit. In die Kirchengeschichte ist er eingegangen als Apostel des Zölibats.

Freilich wissen wir aus der feministischen Theologie, dass überall dort, wo ein Mann als Heiliger verehrt wird, das wirkliche Verdienst einer heiligen Frau zukommt, die zu Unrecht in seinem Schatten stand. Betrachten wir die römischen Kampfjahre des heiligen Hieronymus unter diesem feministischen Gesichtspunkt, so fällt etwas Verblüffendes auf: Im Schatten dieses großen Zölibatsapostels hat nicht etwa nur eine Frau gestanden, sondern eine ganze Frauenbewegung.

Die heilige Marcella und die heilige Lea, die heilige Albina und die heilige Principia, die heilige Blaesilla und die heilige Asella, die heilige Praetextata und die heilige Fabiola, die heilige Titiana und die heilige Furia – nicht irgendwelche Betschwestern waren das um den heiligen Hieronymus, sondern die reichsten, die mächtigsten, die gebildetsten Frauen von Rom. Doch keine war so reich, so mächtig, so gebildet wie die Frau, die im gemeinsamen Kampf für den Zölibat zu seiner Lebensgefährtin werden sollte. Das ist die heilige Paula.

Aus dem Geschlecht der Scipionen und der Gracchen stammte Paula. In dieser unerhört tapferen und intelligenten Frau, so urteilt Montalembert, hat sich der Geist der römischen Republik ein letztes Mal verkörpert. Was konnte eine Frau von solchem Format, von solchem Reichtum bewegen, einen Keuschheitsprediger zu betreuen, einen Zölibatsapostel zu finanzieren?

Wer eine Antwort auf diese Frage sucht, der fahre nach Pompeji und schaue sich dort mit eigenen Augen in der späten Antike um. Sex von oben, Sex von unten, Sex von vorne, Sex von hinten, an allen Wänden nichts als Sex. Kitschiger Sex, ordinärer Sex – was auffällt, ist der schlechte Geschmack, die billige Aufdringlichkeit all dieser Fresken und Graffiti. Der berühmte „Phallus auf der Waage“ zum Beispiel ist bestenfalls eine Illustration zur These des Erasmus von Rotterdam, dass der Penis das „dümmste aller Glieder“ des Menschen sei.

Nicht an den Orgien eines Nero, nicht an den Ausschweifungen eines Caligula ist Rom zugrunde gegangen. Viel unerträglicher war jener banale sexuelle Alltag der späten Antike, wie er in Pompeji anschaulich erhalten ist: dieser geistlose Konformismus allgemeiner Sexgläubigkeit, diese grinsende Allgegenwart des Ordinären, diese spießige Normalität des Obszönen, für die britische Historiker den Begriff „lascivious rectitude“ geprägt haben. Das heißt auf Deutsch „Geilheits-Konformismus“.

Die meisten Frauen mussten sich das gefallen lassen. Aber nicht alle. Nicht die Frauen, die finanziell unabhängig waren. Das waren die unverheirateten Frauen mit Geld, vor allem die steinreichen Witwen aus dem römischen Patriziat. Wie zum Beispiel Marcella und Paula.

Maßlos war die Erbitterung dieser Frauen aus den großen alten republikanischen Familien. Der Niedergang Roms in der politischen Diktatur und im Konformismus der Sexgläubigkeit, in ihren Augen war es ein und dasselbe. Rom war verkommen zur „cloaca maxima“. Und es gab keine Rückkehr zur alten römischen Familienordnung. Es gab nur den großen Sprung nach vorn. Ins Christentum. In die Keuschheit.

Simone de Beauvoir hat einmal gesagt, für die moderne Frauenbewegung gebe es in der Vergangenheit kein anderes Vorbild als die reichen Frauen. Nur reiche Frauen nämlich konnten sich, früher schon, die Selbstbestimmung leisten. Im Palast der heiligen Marcella auf dem Aventin, im römischen Stadt-Salon der heiligen Paula beginnt die Emanzipationsbewegung des 4. Jahrhunderts, die Frauenbewegung für Keuschheit und Zölibat.

Was die reichen Witwen vormachten, das machten bald die reichen Töchter nach. Bei den Christen waren sie, wenn sie das Gelübde der Jungfräulichkeit ablegten, hochgeachtet. Gleichzeitig behielten sie, weil keinem Manne untertan, die Verfügung über ihr Geld.

Die kleine Schar der Männer, die mit diesen Frauen gemeinsame Sache machten, war von anderem Schlag. In heutige Begriffe übertragen war der heilige Hieronymus der führende Kopf unter den römischen Linksintellektuellen.

Was ist ein Linksintellektueller? Das ist ein Mann, der mit allen andern Streit hat, weil er gegen das Böse kämpft, an dem die andern schuld sind. Bös ist zum Beispiel die Umweltverschmutzung. Im 4. Jahrhundert gab es leider noch keine Umweltverschmutzung. Was ein rechter Linksintellektueller war, der kämpfte, ersatzweise, gegen die moralische Umweltverschmutzung und machte, wie der heilige Hieronymus, als Keuschheitsapostel intellektuelle Karriere.

Es war ein kleiner Unterschied zwischen der heiligen Paula und dem heiligen Hieronymus, wenn sie ihn in ihrem eleganten römischen Salon empfing: Sie, die hochgebildete, reiche Erbin Scipios, er, der intellektuelle Emporkömmling aus der dalmatinischen Provinz, von so obskurer Herkunft, dass die Angaben über seine Geburt um fünfzehn Jahre auseinanderklaffen. Sie war die römische domina, die hohe Lady, die ihm ihr Ohr gnädig neigte, die ihn förderte, ihn zum großen Keuschheitsapostel aufbaute. Und der es doch im Jahr 385 nicht gelang, ihn vor den empörten Machos zu schützen und seine Abschiebung aus Rom zu verhindern.

Was jetzt beginnt, ist eines der klassischen Motive der abendländischen Malerei: Hieronymus ganz allein im Exil zu Bethlehem. Hieronymus der Einsiedler, versunken ins Studium und ins Gebet. „Hieronymus im Gehäuse“, so haben sich das die Maler später vorgestellt. So hatte sich das wohl auch der heilige Hieronymus selber vorgestellt, als er aus Rom nach Bethlehem floh. Doch er hatte, nicht ganz zufällig, seine zölibatäre Rechnung ohne die Frauen gemacht.

Während sich nämlich der heilige Hieronymus in seinem Gehäuse in Bethlehem gemütlich einrichtete, froh, den ganzen Tag Zeit und Ruhe zu haben fürs Schreiben, herrschte daheim in Rom, im Salon der heiligen Paula, die größte Unruhe: War es nicht verantwortungslos gewesen, den heiligen Hieronymus allein abreisen zu lassen? Würde er zurechtkommen, ein hilfloser Intellektueller wie er, einsam im Exil?

Alsbald stach ein Schiff in See. An Bord Hunderte von Jungfrauen und Witwen aus den vornehmsten Kreisen. Die gesamte römische Frauenbewegung war aufgebrochen. Auf der Kommandobrücke, samt ihren Töchtern Eustochia und Blaesilla, die heilige Paula. Auf zum heiligen Hieronymus!

Hieronymus hatte sich in Bethlehem niedergelassen, um die gesamte Heilige Schrift aus dem Hebräischen und dem Griechischen ins Latein zu übersetzen. Diese Übersetzung, die „Vulgata“, hat er auch vollendet. Moderne Exegeten freilich lassen an der Bibel des heiligen Hieronymus kein gutes Haar. Die Übersetzung sei voll von Schludrigkeiten, von Auslassungen, von krassen Fehlern.

Wen wundert das? Während Hieronymus die Bibel übersetzte, herrschte, rings um sein Gehäuse, nicht himmlische Ruhe, sondern höllischer Baulärm. Nach kurzem Augenschein in Bethlehem war die heilige Paula nämlich zu dem Schluss gekommen, dass der große Zölibatsapostel zu unselbständig sei, um allein im Exil zu leben. Dass er der Betreuung bedurfte. Und sie begann zu bauen.

Nach ihrem Prinzip „Geld spielt keine Rolle“ stampfte die heilige Paula drei große Frauenklöster aus dem Sand, die das winzige Gehäuse des heiligen Hieronymus von allen Seiten machtvoll umwallten. Sogar so etwas wie ein antikes Telefon, oder besser: eine antike Faxverbindung, installierte die heilige Paula, nämlich einen stündlichen Kurierdienst zwischen ihrer eigenen Zelle und dem Gehäuse des heiligen Hieronymus. Stündlich von der heiligen Paula inspiriert, stündlich von ihr gemanagt, schrieb der heilige Hieronymus fortan einen Traktat „De Virginitate“ („Über die Keuschheit“) nach dem andern. Finanziert von der heiligen Paula überfluteten seine Streitschriften für den Zölibat aus Bethlehem das Römische Reich.

Es ist jetzt wichtig zu wissen, dass es im Altertum einen blühenden Bildungstourismus gab. Zur Bildung eines jungen Römers gehörte eine Reise nach Ägypten. Vor allem für höhere Töchter aus gutem Hause war Ägypten ein kulturelles Muss.

Plötzlich war eine Bildungsreise nach Ägypten nicht mehr denkbar ohne einen frommen Abstecher nach Bethlehem. Hieronymus selber beschreibt das ungeheure Gewimmel suchender junger Menschen, die bald danach aus dem ganzen Imperium in Bethlehem zusammenströmten. Als wäre es das Taizé der Antike.

Genau wie heute in Taizé um Frère Alois, genauso andächtig saßen die jungen Christinnen und Christen in Bethlehem dem heiligen Hieronymus zu Füßen. Und wenn abends die Lagerfeuer aufloderten, stiegen aus unzähligen Kehlen die Lieder der neuen Jugendbewegung zum Himmel. Es müssen, nach italienischen Forschungen, mehrere tausend gewesen sein, die wie Schlager ums Mittelmeer gingen, begeistert von Mund zu Mund: Lieder vom Zölibat und von der Jungfräulichkeit – Lieder von Jesus, dem ersten keuschen Mann: „Jesu, corona virginum …“.

Ob solchen Klängen verging den spätantiken Machos, daheim in Rom, Hören und Sehen. Mit ein paar linken Intellektuellen waren sie leicht fertiggeworden, mit einer Frauenbewegung zur Not auch. Mit einer Jugendbewegung aus Bethlehem aber hatte keiner gerechnet. Eine Jugendbewegung für Keuschheit und Zölibat, das war zu viel. Zuerst kippte die öffentliche Meinung in Alexandrien. Dann kippte sie in Rom selbst. Am 30. September 419, als der heilige Hieronymus in seinem Gehäuse zu Bethlehem steinalt starb, hatte die cloaca maxima am Tiber sich geläutert zum Jungbrunnen des Zölibats.

Der Triumph des heiligen Hieronymus, der Triumph der christlichen Keuschheit gilt als eine der erstaunlichsten Umwälzungen der europäischen Kulturgeschichte. Und doch könne man sich in diesem Falle alle komplizierten Erklärungen sparen, meint Havelock Ellis, der große englische Sexualforscher.

Der heilige Hieronymus hat gesiegt, weil er die stärkere Sache vertrat. So geistlos, meint Ellis, sei die Sexgläubigkeit der späten Antike gewesen, so abgestanden der ordinäre Konformismus der Schamlosigkeit, dass das Keuschheits-Experiment der heiligen Paula und des heiligen Hieronymus die Jugend anziehen musste mit dem unerhörten Reiz des Revolutionären. Nur deshalb, schreibt Ellis wörtlich, hat die Keuschheit aus Bethlehem Europa erobern können, weil ihr der Zauber eines neuen Erlebnisses eignete, einer herrlichen Freiheit und eines ungeahnten Abenteuers:

“If, indeed, it had not possessed the charm of a new sensation, of a delicious freedom, of an unknown adventure, it would never have conquered the European world.”

Die Versuchungen des heiligen Antonius
Worin wir lernen, wovor ein echter Mann die Flucht ergreifen soll.

Warum ist eigentlich der heilige Antonius in die Wüste geflohen? Kaum eine Frage scheint so müßig wie diese. Weiß doch jeder gebildete Christ: Der heilige Antonius ist in die Wüste geflohen, weil er Angst hatte vor den Frauen.

Wer das zu bezweifeln wagt, bekommt prompt den Vorwurf zu hören, er sei wohl noch nie in einem Museum gewesen. Haben doch Hunderte von Malern den heiligen Antonius alle gleich gemalt: wie er als Einsiedler, weit draußen in der Wüste Ägyptens, vergeblich Ruhe vor den Frauen sucht. Gerade dort, wohin kein Weib aus Fleisch und Blut sich je verirren würde, in jener äußersten Einsamkeit, plagen den heiligen Antonius, Tag und Nacht, betörende Trugbilder weiblicher Reize. Ihn plagt die eigene lüsterne Phantasie. O die „Versuchungen des heiligen Antonius”! Von Hieronymus Bosch bis zu Mathias Grünewald, von Salvador Dalí bis zu Max Ernst, sind sie eines der großen, klassischen Themen der europäischen Malerei.

Und doch beschleicht gerade den erfahrenen Freund der Schönen Künste angesichts so vieler so schön gemalter „Versuchungen des heiligen Antonius” ein leiser historischer Zweifel. Schließlich war Antonius der Einsiedler ein Ägypter des 3. Jahrhunderts; die unzähligen Maler, die uns seine erotischen Phantasien vorgemalt haben, sind alle mindestens tausend Jahre später in Europa zur Welt gekommen. Die Gnade der späten Geburt ist aber selten verbunden mit dem Sinn für die historische Wirklichkeit. Überdies leiden Maler vor der Staffelei oft an Langerweile. Dass sie dann selber heimgesucht werden von tausend lüsternen Phantasien, ist nicht weiter schlimm. Dass daraus dann doch schöne Heiligenbilder werden, ist sogar erfreulich. Aber sagt es auch nur irgendetwas aus über die historische Wirklichkeit?

Für das, was wirklich los war in der Einsiedelei des heiligen Antonius, gibt es einen einzigen zuverlässigen Augenzeugen. Das ist Athanasius von Alexandrien. Dieser hochgebildete Kirchenlehrer war mit dem berühmten Einsiedler persönlich befreundet. „Πολλακις”, schreibt er, „oftmals” habe er Antonius in seiner Eremitage zwischen Nil und Rotem Meer besucht. Und jedesmal sei er aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen.

Einen Einsiedler stellt man sich nämlich einsam vor. Der heilige Antonius aber war in seiner Einsiedelei alles andere als einsam. In Höhlen, Felsspalten, Erdlöchern und Hütten hausten, rings um Antonius, mehrere tausend Jünger. Ausdrücklich gebraucht Athanasius von Alexandrien in seiner Ortsbeschreibung das Wort „πολις”: eine regelrechte „Stadt von Jüngern” sei entstanden rund um den heiligen Antonius mitten in der Wüste.

Und dann die zweite Überraschung: Einen Jünger stellt man sich jung vor. Die Jünger des heiligen Antonius aber waren, in der großen Mehrheit, gestandene Männer. Auch bedeutende Männer. Was hatte sie hinausgetrieben in eine Landschaft, die im Alten Ägypten als tödlich galt?

Noch größer war die dritte Überraschung: Diese Männer, die in äußerster Entsagung draußen in der Wüste lebten, hatte sich Athanasius von Alexandrien genau so vorgestellt, wie wir sie uns vorstellen: abgezehrt und tieftraurig. Abgezehrt sahen sie wohl aus, doch zu gleicher Zeit waren sie göttlich guter Laune – „denn”, fährt Athanasius wörtlich fort, „denn da wurde keiner vom Steuereintreiber geplagt”.

„Denn da wurde keiner vom Steuereintreiber geplagt”: Das ist die historische Wirklichkeit. Nicht aus Angst vor Kleopatras ägyptischen Töchtern sind Antonius und seine Jünger in die Wüste geflohen, sondern aus Angst vor der römischen Steuerfahndung.

Im Jahr 284 war in Rom Diokletian Kaiser geworden. Diokletian war nicht nur ein böser Christenverfolger, sondern hatte, schlimmer noch, eine fatale Ähnlichkeit mit einem besonders berühmten deutschen Finanzminister. Das Wichtigste im Staat, dachte sich Diokletian, sei ein korrektes Steuerwesen. Tatsächlich gelang es ihm, den römischen Fiskus so effizient zu reorganisieren, dass von Britannien bis nach Ägypten kein einziges Steuerschlupfloch mehr blieb, keine einzige Steueroase.

Es war die totale Besteuerung und es war der wirtschaftliche Ruin des Römischen Reiches. In Gallien zuerst brach ein blutiger Aufstand verzweifelter Steuerzahler los, der die gesamte Provinz verwüstete. Das war der „Bagaudenkrieg”. Gleich danach griffen in der Provinz Afrika, das heißt im heutigen Algerien und Tunesien, die bankrotten Bürger zu den Waffen. Das war die „Revolte der Circumcellionen”.

Am schlimmsten war es in Ägypten. Dort trieben die römischen Steuerbeamten die Abgaben nicht selber ein, sondern machten in jedem Dorf die drei oder vier reichsten Bürger mit ihrem Privatvermögen haftbar für die gesamte Steuerschuld ihrer Gemeinde. Nicht etwa die armen Schlucker, vielmehr die reichen Großgrundbesitzer flohen jetzt vor dem drohenden Steuerbankrott zu Tausenden, hinaus in die Wüste. Ein solcher reicher Großbauer, berichtet Athanasius von Alexandrien, sei auch der heilige Antonius gewesen. „Dreihundert Aruren Land, fruchtbar und schön anzusehen”, habe Antonius besessen (umgerechnet etwa 80 Hektar), bevor er dem Fiskus in die Wüste entrann.

Unzählige folgten ihm nach und so gilt der heilige Antonius nicht nur als „Patriarch der Eremiten”, sondern auch, zu Recht, als „Vater des westlichen Mönchtums”. Aus seiner Eremitenstadt in der Wüste Ägyptens ist ja das ganze Klosterwesen der katholischen Kirche hervorgegangen. Und eine Ahnung steigt in uns auf: Ist vielleicht das ganze christliche Mönchtum, ja ist vielleicht, historisch-kritisch betrachtet, der ganze katholische Klerus gar nicht aus Angst vor der Frau entstanden, sondern aus Angst vor dem Finanzamt? Werfen wir, vor jedem überstürzten Urteil, einen klärenden Blick nach Rom.

Während Antonius noch immer in der Wüste saß, hatte Konstantin der Große der Christenverfolgung ein Ende gesetzt. Historisch bedeutsam war dabei gar nicht das so genannte Mailänder Edikt von 313, sondern eine Serie von Folge-Erlassen, in denen Konstantin in wahrhaft majestätischer Großzügigkeit den Priestern der Katholischen Kirche etwas gewährte, wovon alle Bürger Roms genauso träumten wie der Ägypter Antonius: völlige Steuerfreiheit.

Plötzlich herrschten mitten in Rom Zustände wie in der Wüste Ägyptens: Die gesamte christliche Elite, dort die Mönche, hier die Priester, alle waren sie auf wunderbare Weise steuerfrei geworden.

Alsbald begann in Rom ein wahrer Oklahoma-Run reicher Familienväter auf die katholische Priesterweihe. Noch gab es ja keine Zölibatspflicht. Nach jüdischem Vorbild vererbten vielmehr die meisten christlichen Priester ihrem Sohn ihr Amt. Gelang es einer reichen römischen familia, ihren pater familias – auf Deutsch gesagt ihren Papi – zum Priester weihen zu lassen, so war die ganze Familienbande hinfort steuerfrei.

Das Priestertum Jesu Christi als Steuersparmodell für reiche Papis? Einer solchen fatalen Entwicklung Einhalt geboten zu haben, ist das Verdienst der heiligen Paula. Diese unerhört mutige Frau aus dem Geschlecht der Scipionen hatte auf einer Bildungsreise nach Ägypten auch die dortigen Einsiedlerkolonien in der Wüste besucht. Dort war ihr etwas aufgefallen. Bei aller guten Laune herrschte unter den Söhnen des heiligen Antonius doch so etwas wie christlicher Ernst und echte Askese. Die klimatischen Bedingungen in der Wüste waren nämlich so streng, dass es undenkbar war, einen Haushalt mitzunehmen. Frauen, Bräute, Töchter, Söhne dieser ägyptischen Steuerflüchtlinge hatten zurückbleiben müssen in den Dörfern am Nil. Naturnotwendig lebten Antonius und seine Jünger im Zölibat. Sie waren „μοναχοι”. Daraus ist unser Wort „Mönch” geworden. Eigentlich aber heißt das griechische Wort „μοναχος” ganz einfach „Single”.

Und jetzt die geniale Idee der heiligen Paula: Warum nicht eben jene Lebensweise, die in der Wüste Ägyptens naturnotwendig war, in Rom einführen als asketisches Gesetz? Das Single-Dasein als moralisches Korrektiv gegen Übermut im neuen klerikalen Steuerparadies? Nach ägyptischem Vorbild, gegen den erbitterten Widerstand der reichen römischen Papis, setzte die heilige Paula, diese wunderbare, tapfere Frau, in Rom den Zölibat durch.

Manche halten den katholischen Klerus für eine mittelalterliche Institution. Das ist historischer Unsinn. Die mittelalterliche Klerusgeschichte ist nichts als ein mühseliger Versuch von Epigonen, das doppelte Erbe der Antike zu bewahren: einerseits Steuerfreiheit für den Klerus, anderseits, als asketisches Korrektiv dazu, den Zölibat. Der einzige originelle Kopf unter all den mittelalterlichen Bewahrern antiker Kirchenordnung ist Papst Bonifatius VIII. Am 25. Februar 1296, mit der Bulle „Clericis laicos”, verbietet er nicht nur Kaisern und Königen bei Strafe der Exkommunikation, von Priestern oder Mönchen Steuern einzutreiben. Nein, als wahrer Jünger des heiligen Antonius tut dieser großartige Papst den allerletzten Schritt: „Anathema sit” – zu ewiger Höllenstrafe verdammt sei jeder Priester oder Mönch, der sich überhaupt dazu zwingen lässt, dem Staat Steuern zu bezahlen.

Papst Bonifatius VIII war der letzte, der den historischen Durchblick besaß. Nach ihm kamen, wie gesagt, die Maler. Die mit der Gnade der späten Geburt, mit dem geringen Wissen und der blühenden erotischen Phantasie. Ganz zum Schluss kam Karlheinz Deschner. In seinem Buch „Das Kreuz mit der Kirche” schreibt Deschner wörtlich, der heilige Antonius habe in der Wüste ständig „ganze Legionen nackter Frauen” um sich gesehen. Ja ist denn Karlheinz Deschner nicht selber Manns genug, um zu wissen, dass ein einziger Beamter der Steuerfahndung ungleich gefährlicher ist als ganze Legionen nackter Frauen?

Lasset uns beten!

Heiliger Antonius von Ägypten, Patriarch der Eremiten, Mönchsvater des Westens und Schutzpatron der christlichen Steuerflüchtlinge! Aus deinem himmlischen Steuerparadies blick gnädig herab auf uns geplagte Steuerzahler des 21. Jahrhunderts. Schütze du die letzten Steueroasen der Christenheit. Schütze Luxemburg und Liechtenstein. Protect Jersey and Guernsey. Segne die Schweiz! Schenke uns, wir bitten dich, schenke nicht nur Priestern und Mönchen, sondern all den verzweifelten christlichen Steuerzahlern einen Papst, der dem Fiskus aufs Neue so furchtlos entgegentritt wie Bonifatius VIII mit seiner großartigen Bulle „Clericis laicos”. Auf dass wir alle dereinst, von irdischer Steuertyrannei erlöst, eingehen zu dir, Antonius, ins himmlische Steuerparadies.

Amen.

Kassian in der Wüste
Worin wir eine dynamische Methode der Keuschheit kennen lernen.

Die Gerüchte kamen aus Ägypten und sie klangen so unglaublich, dass sie das Rom des späten 4. Jahrhunderts in maßlose Aufregung versetzten. In Ägypten, hieß es, seien abertausend Männer aus den Städten und Dörfern am Nil aufgebrochen in die Wüste. Um dort ein Leben in vollkommener Keuschheit zu führen. Im radikalen Zölibat.

Die „Wüstenväter”! Wer verstehen will, warum solche Gerüchte, obwohl sie vom äußersten Rand der damaligen Welt kamen, gerade in Rom, in der antiken Metropole, als Sensation empfunden wurden, der muss sich einen Augenblick vor Augen halten, was die Sexualität dem antiken Menschen bedeutet hat. Sex galt damals, ähnlich wie im 21. Jahrhundert wieder, als etwas „Natürliches”, als etwas „Gesundes”. Die Götter im antiken Himmel, Zeus selber, hatten nichts im Kopf als Sex. Das Christentum hatte eine andere Lehre nach Rom gebracht, aber kaum eine andere Praxis. Für die Römerinnen und Römer des 4. Jahrhunderts war Sex noch immer das, was jeder, ob Gott ob Mensch, „einfach braucht”.

Natürlich hatte auch die Antike ihre Außenseiter: Ärzte wie Hippokrates, der spottete, nach seiner medizinischen Erfahrung mache nichts so krank wie Sex; oder Philosophen wie Epiktet, der behauptete, Sex erschöpfe sich darin, Dummheiten zu machen. Aber das waren, wie gesagt, Außenseiter. Um zu erfahren, was die antike Allgemeinheit im Kopf hatte, genügt noch heute ein Spaziergang durch die Ruinen von Pompeji. An allen Wänden nichts als erotische Graffiti, nichts als Porno-Zeichnungen – genau wie heute nichts als Sex.

Und jetzt das. Keuschheit in der Wüste! Viele Wüstenväter, hieß es, hätten sich bei Theben in alten Felsengräbern aus pharaonischer Zeit bei lebendigem Leib begraben. In der Nitrischen Wüste, westlich von Alexandrien, lebten andere wie Hyänen in selbstgegrabenen Erdhöhlen. Und drüben, in den Wüsten östlich von Alexandrien, würden manche dieser neuen Asketen „Säulenheilige” genannt, weil sie von hohen selbstgemauerten Säulen verächtlich herabblickten auf die Gelüste der Welt. Aber ob sie nun in Gräbern hausten, in Erdhöhlen oder auf Säulen, eines, so lauteten die Berichte aus Ägypten, hätten die Wüstenväter alle gemein: den radikalen Zölibat.

Besonders groß war die Aufregung über diese ägyptische Sensation bei den Intellektuellen in Rom. Intellektuelle sind nun mal von Natur aus so eine Art geistige Wüstenväter. Insbesondere die christlichen Intellektuellen spielten im spätantiken Rom eine ähnliche Rolle wie heute bei uns die Linksintellektuellen. Und wie denn eine Weile, in den siebziger und achtziger Jahren, die deutschen Linksintellektuellen alle von den Hopi-Indianern in der Wüste Arizonas schwärmten, so begannen jetzt, in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts, die christlichen Intellektuellen Roms alle von den Wüstenvätern in Ägypten zu schwärmen. Von den Wüstenvätern sozusagen als den Hopi-Indianern einer christlichen Keuschheit, von der in Rom selber nichts zu spüren war. Im Salon der heiligen Paula, einer steinreichen Römerin, die die meisten christlichen Intellektuellen finanziell aushielt, entstanden jetzt unzählige Hymnen auf die Keuschheit in Ägypten.

Während so in den christlichen Salons die neue Poesie der Keuschheit blühte, erging sich das gemeine römische Volk in wilden Spekulationen: Wie geht das eigentlich ganz konkret und im Detail zu, wenn viele tausend Männer weit draußen in der Wüste, einsam unter Palmen, der Keuschheit frönen? Gerade weil niemand etwas Genaues wusste, überstürzten sich in Rom, bei den Friseuren und in den Badehäusern, die Gerüchte.

Diese Gerüchte braucht sich niemand im Kopf vorzustellen. Sie sind noch heute zu besichtigen. Im Bilde. So sehr nämlich haben sie die abendländische Phantasie beherrscht, dass sie zu einem der großen, klassischen Themen der Malerei wurden. Es handelt sich um die „Versuchungen des heiligen Antonius”.

Nochmals gesagt: Abertausende von ägyptischen Christen waren, um Frau Welt zu entfliehen, hinausgezogen in die Wüste, unter ihnen einige so bedeutende Persönlichkeiten wie Makarios der Alte oder Pachomios der Mönchsvater. In der römischen Gerüchteküche aber, wie das nun mal mit Gerüchten ist, verdichteten sich alle die phantastischen Berichte über die unzähligen Versuchungen vieler Asketen auf das unglückliche Haupt eines einzigen Heiligen. Das war Antonius von Ägypten, genannt „der Stern der Wüste”. Wer den neuesten Stand der Gerüchte über sein Keuschheitsexperiment heute erfahren will, der schlage nach bei Karlheinz Deschner. Unter seiner ägyptischen Palme sitzend, sah der heilige Antonius, das weiß Karlheinz Deschner einfach, im Geiste vor sich „ganze Legionen nackter Frauen”, und zwar, so präzisiert Deschner, „Frauen in jeder Stellung”.

Das ist, wie so oft bei Karlheinz Deschner, nur die halbe Wahrheit, sozusagen nur die Gerüchteklasse I. Geht man den frühesten Berichten aus Ägypten etwas weiter nach, wie das etwa der Historiker Karl Heusi getan hat, so stößt man schnell auf einen zweiten Typ von Nachrichten, sozusagen auf die Gerüchteklasse II.

Da ist zum Beispiel die Rede von Wüstenvätern, die rudelweise in die Städte zurückkehrten, dort über die Badehäuser herfielen und sich, unbekümmert um die Trennung in Abteilungen für Männer und Frauen, einfach ins Becken für Frauen setzten. Als ob sie demonstrieren wollten, wie völlig gleichgültig es sei, welchem Geschlecht der Körper eines Menschen angehöre.

Von anderen Wüstenvätern hieß es, dass sie, in den Dörfern am Rande der Wüste, nackt zur Kirche gingen, nackt auch zur heiligen Kommunion. Ja, es war sogar die Rede von Asketen, die nach ein paar Jahren in der Wüste in die Städte zurückkamen und ganz bewusst mitten in Bordellen meditierten - als Ausdruck souveräner Verachtung für den herrschenden Sexbetrieb. Was gar den heiligen Antonius persönlich betrifft, so heißt es von ihm in der berühmten „Vita Antonii”, er habe den Teufel, als ihm dieser in Gestalt eines lüsternen nackten Weibes erschien, schallend ausgelacht.

Also nochmals: Laut Gerüchten I waren die Wüstenväter der sexuellen Begierde in aberwitzigen Halluzinationen verfallen, laut Gerüchten II waren sie dagegen über jeglichen Sex souverän erhaben. Diese beiden Sorten Gerüchte liefen in der römischen Gerüchteküche jahrelang durcheinander - so wild und widersprüchlich, dass schließlich allenthalben, in den gemeinen Friseurstuben des Volkes ebenso wie in den vornehmen christlichen Salons, der Ruf nach so etwas wie einer seriösen Reportage aus der ägyptischen Keuschheitsszene laut und dringend erscholl.

So viele unseriöse Reportagen über die Wüstenväter gab es nämlich schon im Jahr 385, dass der heiligen Paula der Geduldsfaden riss. Laut verkündete sie in ihrem römischen Salon, sie werde jetzt eine Expedition ausrüsten, um höchstselbst in Ägypten nachzusehen, was da los sei in der neuen Keuschheitsszene.

Wie immer, wenn die heilige Paula etwas unternahm, galt das Prinzip „Geld spielt keine Rolle”, und so zog denn alsbald ein wahrer Heerwurm von Kamelen durch die Nitrische Wüste. Dass die Expedition trotz diesem enormen Aufwand scheiterte, lag daran, dass die heilige Paula im Gepäck ihren Seelenfreund mitnahm, den heiligen Hieronymus. Das war zweifellos der größte Intellektuelle des Jahrhunderts. Wie alle sensiblen Intellektuellen neigte der heilige Hieronymus aber in unerträglichem Maße zur Selbstdarstellung. Wörtlich schreibt er: „Wie oft hatte ich mitten in der Wüste plötzlich das Gefühl, ich sei mitten in Rom mit all seinen Vergnügungen. Ganze Banden von Mädchen umstellten mich in meiner Phantasie. Mein Gesicht war blass vom Fasten, doch innen brannte ich vor Begierde; und aus meinem Leib, der doch schon abgestorben schien, loderten hell die Flammen der Lust.”

Mit anderen Worten: Aus dem Bericht des heiligen Hieronymus erfahren wir viel Aufschlussreiches über den heiligen Hieronymus, aber über die Wüstenväter selber so gut wie nichts.

Schon hatten die Römerinnen und die Römer jede Hoffnung aufgegeben, über das Keuschheitsexperiment in Ägypten jemals etwas anderes zu hören als Märchen und Gerüchte, da ging mit einem Mal die Sensation von Mund zu Mund, Kassian sei abgesegelt nach Ägypten. Johannes Cassianus, einer der seriösesten christlichen Schriftsteller der späten Antike. Gewiss kein Genie der intellektuellen Sensibilität wie Hieronymus, aber dafür ein seriöser Arbeiter. Ein Rechercheur. In unerhörter Spannung wartete Rom auf Kassians Bericht.

Und dann die furchtbare Enttäuschung: Kassian, hieß es, sei vom Zölibat so begeistert, dass er nicht mehr davon loskomme. Er habe beschlossen, selber Wüstenvater zu werden und in Ägypten zu bleiben.

Über zehn Jahre ist Johannes Cassianus in Ägypten geblieben, zuerst in der Sketischen, dann in der Nitrischen Wüste. Als er schließlich doch zurückkam, war er ein anderer geworden. Etwas Unnahbares war jetzt um Kassian. Im Zölibat, sagte er, habe er selber Dinge erlebt, die man einem gewöhnlichen Sterblichen eigentlich gar nicht schildern könne. Als die Römerinnen und Römer ihn alle bedrängten, doch wenigstens ein bisschen etwas zu erzählen, wehrte Kassian ab. Man möge warten. Warten auf sein Buch.

Viele Jahre haben die Römerinnen und Römer warten müssen. Bis endlich, anno 428, das Jahrhundertwerk vollendet war. Es umfasst 28 Bände und trägt den verheißungsvollen Titel „Collationes Patrum”. Das heißt in heutiger Sprache: „Interviews mit den Wüstenvätern”. Rom stürzte sich auf den christlichen Bestseller.

Und siehe, das Warten hatte sich gelohnt. In 28 Bänden klärt Kassian sämtliche Widersprüche in den bisherigen Gerüchten aus Ägypten. Die Gerüchte I, also jene Gerüchte, wonach die Wüstenväter unter den Begierden des Fleisches wahnwitzig gelitten hätten, stimmten nämlich, schreibt Kassian; aber genauso stimmten auch die Gerüchte II, wonach sie von allen Begierden des Fleisches souverän frei gewesen seien.

Wie passt das zusammen? Ganz einfach. Der Zölibat ist, wie alles Lebendige, nichts Statisches, sondern etwas Dynamisches. Das heißt: Die Keuschheit ist etwas, was sich entwickelt, und zwar, wie Kassian in Ägypten buchstäblich am eigenen Leibe erfahren hat, in sieben Stufen. In seinem zwölften Interview mit dem Wüstenvater Cheremon fasst er die ersten sechs Stufen wörtlich so zusammen:

„Auf der ersten Stufe beginnt die Keuschheit damit, dass der Asket tagsüber den Regungen des Fleisches nicht erliegt. Auf der zweiten Stufe verweilt er nicht einmal im Geiste bei solchen Unanständigkeiten. Auf der dritten Stufe macht es ihm nicht mehr den geringsten Eindruck, wenn er eine Frau sieht. Auf der vierten Stufe hören bei ihm, tagsüber, die Regungen des Fleisches überhaupt auf. Auf der fünften Stufe ist er in der Lage, über sexuelle Dinge zu reden wie über irgendwelche banalen und belanglosen Dinge. Auf der sechsten Stufe ist er auch des Nachts gänzlich frei von jenen Wunschträumen und Phantasien, vor denen uns Gott bewahren möge.”

An dieser Stelle wird Kassians Text merkwürdig konfus. In geheimnisvollen Andeutungen gibt er zu verstehen, dass es, darüber hinaus, noch eine letzte, höchste Stufe der Keuschheit gebe, die er selber in Ägypten erreicht habe, über die zu schreiben aber unmöglich sei. Was los sei auf dieser siebten Stufe der Keuschheit, verstünden nämlich nur jene wenigen Auserwählten, die sie, wie zum Beispiel er selbst, erreicht hätten.

Verehrte Leserinnen und Leser: Wir alle haben diese siebte Stufe der Keuschheit noch nicht erreicht. Worin sie besteht, darüber können wir nur ehrfürchtig spekulieren. Doch sei nicht verschwiegen, dass die Spekulationen, seit Kassians Buch erschienen ist, seit sechzehn Jahrhunderten also, in theologisch gebildeten Kreisen alle in die gleiche Richtung gehen: „Qui spiritu Dei repleti sunt, nudi incedunt.” Das heißt auf Deutsch: „Wer von Gottes Geist erfüllt ist, der kann auch nackt herumlaufen.”

Ist also auf der siebten Stufe des Zölibats alles wieder erlaubt? Das ist eine offene Frage. Historisch fest steht dies: Kassians „Collationes Patrum” sind einer der großen Wendepunkte der europäischen Geistesgeschichte. Durch so viele Jahrhunderte war Rom die Metropole aller Laster gewesen. Jetzt wird Rom zur cathedra der Keuschheit. Latein wird die Sprache des Zölibats.

Wie das kleine Zirkusmädchen Theodora eine mächtige Heilige wurde
Worin Frauen lernen, wie frau den Papst absetzen kann.

Wann sie geboren ist, Theodora, die große Kaiserin von Byzanz, das weiß keiner genau. Nur in gehobenen Kreisen war es damals üblich, das Geburtsdatum von Kindern festzuhalten. Theodora aber stammte aus dem allerniedrigsten, auch verrufensten Milieu. Im großen Zirkus von Konstantinopel ist sie als Kind eines Bärenwärters geboren. Zwischen all den Käfigen, in denen Löwen und Bären darauf warteten, vor dem ergötzten Publikum zu Tode gehetzt zu werden, hat sie ihre Kindheit verbracht.

Wo Gewalt ist, da ist auch Porno. Schon als kleines Mädchen tanzte Theodora mit in einer Gruppe von Schauspielerinnen, die unter dem Vorwand, die Liebesabenteuer des Zeus darzustellen, sich vor dem Zirkuspublikum entblätterten, etwa in der Art moderner Striptease-Künstlerinnen. Nach der Vorstellung empfingen die erwachsenen Tänzerinnen in den dunklen Kulissen des Zirkus spendable Verehrer aus dem Publikum. Aber auch die kleinsten Mädchen hatten schon ihre Freier. In unübersetzbar drastischen Worten schildert der byzantinische Historiker Prokop den pädophilen Missbrauch, dem das kleine Zirkus-Mädchen Theodora ausgesetzt war:

η δε τοις κακοδαιμονουσιν ανδρειαν τινα μισητιαν ανεμισγετο

(Προκοπιου Ανεκδοτα IX 10)

Theodora wächst heran. Im Zirkus von Konstantinopel wird sie eine sehr erfolgreiche, sehr begehrte Schauspielerin. Trotzdem versucht sie, aus dem Zirkus-Milieu auszubrechen. Von ihren vielen Liebhabern wählt sie einen aus, einen hohen Beamten namens Hekebolos. Er wird zum neuen Gouverneur von Libyen ernannt. Nicht als Ehefrau, wohl aber als seine Konkubine segelt Theodora mit nach Afrika. Kaum dort angekommen, bekommen die beiden Streit. Aus dem Gouverneurspalast fliegt Theodora hinaus auf die Straße.

Allein in Libyen!

Allein in einem Land, in dem damals schon Zustände herrschten wie heute wieder. Der nordafrikanischen Küste entlang schlägt Theodora sich durch bis in die ägyptische Hafenstadt Alexandrien. Wahrscheinlich hat sie auch dort im Zirkus getanzt. Weiter geht es quer durch die Levante. Der nächste feste Ort, wo wir sie sicher treffen, ist der Zirkus von Antiochien. Das ist heute ein türkisches Provinznest namens Antakia. Damals war es die Hauptstadt der Provinz Syrien und galt als die lebenslustigste Stadt der Welt.

Im Zirkus von Antiochien trifft Theodora eine Freundin namens Makedonia, die inzwischen ungewöhnliche Beziehungen hat. Für keinen Geringeren als Justinian, den Thronfolger in Konstantinopel, leitet sie ein Netz von syrischen Geheimagenten.

Und jetzt ein Gerücht in Konstantinopel: Justinian, der mächtige Neffe des Kaisers und designierte Thronanwärter, will heiraten. Das ist an sich keine Sensation, im Gegenteil, das erwartet alle Welt von ihm. Zum Skandal steigert sich das Gerücht, als bekannt wird, wen Justinian heiraten will. Was, die? Die stadtbekannte Zirkushure?

All die edlen, reichen Familien von Konstantinopel haben ihm ihre gerade heiratsfähigen, ihre 16-jährigen Töchter angetragen, jede nicht nur unschuldig, sondern auch ausgestattet mit einer märchenhaften Mitgift. Er verschmäht sie alle. Diese will er haben, die Zirkushure, diese allein.

Was ist los mit Justinian?

Das Einfachste von der Welt: die Liebe. Die große, starke Liebe. Dass ein Mann und eine Frau einander leidenschaftlich lieben, ist etwas, was wir uns heute, im 21. Jahrhundert, kaum noch vorstellen können. Die Menschen der byzantinischen Zeit waren anders. Vom Bosporus bis nach Ägypten waren sie ungleich sinnlicher als wir.

Unmöglich war dagegen die Ehe, doppelt unmöglich. Schauspieler, Tänzerinnen, Prostituierte waren nach byzantinischem Recht „ehrlos“. Wohl durften sie unter sich heiraten, doch keineswegs hinauf in ehrbare Familien. Und in ganz Konstantinopel gab es keinen ehrbareren Heiratskandidaten als Justinian.

Strenger noch als das Gesetz war die Sitte. Die Sitte verkörperte sich in Konstantinopel in Kaiserin Euphemia. Dass so eine ihr nachfolge auf den glänzendsten aller Throne, dies will Kaiserin Euphemia unbedingt verhindern.

Doch die göttliche Vorsehung hält es mit den Liebenden. Kaiserin Euphemia stirbt unerwartet. Jetzt lässt sich der hochbetagte Kaiser von seinem Neffen ein neues Gesetz aufschwatzen, eine Lex Theodora. Wenn sie sich reuig zeigen und Buße tun, dürfen gefallene Mädchen künftig ehrbare Männer heiraten.

Es ist das Jahr des Heils 525. Die Hagia Sophia strahlt im Licht von tausend Kerzen, tausend Lampen, als Patriarch Epiphanios die beiden zusammengibt zum heiligen Ehebund: Justinian und Theodora, Theodora und Justinian.

Zwei Jahre später stirbt auch der Kaiser. Justinian folgt ihm nach auf den Thron. Sofort erhebt er Theodora zur Augusta, zur Kaiserin an seiner Seite. Städte und Provinzen benennt er nach ihrem Namen. Er überhäuft sie mit Edelsteinen, mit Palästen, mit Landgütern, mit jedem nur denkbaren Luxus. Ist diese Frau vielleicht nicht mehr als seine Luxuskreation?

13. Januar 532. In Konstantinopel bricht die Revolution aus. Die „große Zirkus-Revolution“. Was ist passiert? Kaiser Justinian hat gesiegt. Er hat zuviel gesiegt. Den ganzen verlorenen Westen des alten Römischen Reiches hat er zurückerobert. Maßlos teuer waren all diese Siege. So ist dem byzantinischen Staat das Geld ausgegangen. Im Zirkus von Konstantinopel begehrt das empörte Volk nicht mehr nur nach Spielen, sondern nach Brot.

Aus der Arena wälzt sich die entfesselte Menge zur Hagia Sophia. Die größte, die schönste Kirche der Christenheit geht auf in hellen Flammen. Die wunderbaren Paläste, die Kirchen von Konstantinopel, sie brennen alle, eine nach der andern. Jetzt will Kaiser Justinian die Aufständischen besänftigen. Mit einer ungewöhnlichen Geste. Mit christlicher Demut. In der Kaiserloge des Zirkus tritt er vor sein empörtes Volk. Das heilige Evangelienbuch in Händen bekennt er seine Sünden, ruft zur Ordnung auf und verspricht den Aufständischen eine vollständige Amnestie. Von allen Seiten schallt ihm nur, immer lauter, der Ruf entgegen: „Justinianos onos! Du Esel von Kaiser, Justinian.“

Schon werden die Tore seines Palastes eingeschlagen, schon steht die Vorhalle in Flammen, da ruft der Kaiser den engsten und höchsten Rat des Reiches zusammen. „Silentium“ wurde diese Beratung genannt, weil nur der Kaiser reden durfte und alle andern schweigend zuzuhören hatten. Alles sei verloren, sagt Justinian, es gebe nur noch die Flucht.

In diesem Augenblick geschieht das Unerhörte. Eine Stimme durchbricht das Silentium. Es ist die Stimme einer Frau. In ihrem Purpurmantel ist Kaiserin Theodora aufgestanden, um ihrem Gatten, dem Kaiser, zu widersprechen. Wenn er fliehen wolle, so solle er fliehen. „Das Schiff“, sagt sie, „steht bereit und Geld ist vorhanden.“ Sie aber werde nicht fliehen. „Ich ziehe den Tod im Purpurmantel dem schmachvollen Leben auf der Flucht vor.“

Im Zirkus von Konstantinopel ist sie aufgewachsen. Zwischen allen Käfigen von Löwen und Bären, die auf den sicheren Tod warteten. Theodora weiß, dass dies eine Arena ist, in der mit christlicher Demut nichts auszurichten ist. Als jetzt die Revolutionäre sich wieder im Zirkus versammeln und einen Gegenkaiser ausrufen, gibt Theodora den letzten noch loyalen Truppen den Befehl, das eine Zirkustor abzusperren und die Arena vom andern Tor her zu stürmen. Sämtliche Revolutionäre, etwa 30.000 insgesamt, werden niedergemetzelt. Die große Zirkusrevolution von Konstantinopel ist beendet. In den rauchenden Ruinen der Stadt aber greifen die byzantinischen Hymnendichter tief in die Leier:

„Alles, was lebt, besingt dich, o Herrscherin. Machtvoll hast du die Menge der Feinde vernichtet.“

Justinian und Theodora: Er hat sie auf den Thron gehoben, jetzt gibt sie ihm seinen – den schon verlorenen – Thron zurück. Zusammen bauen die beiden das zerstörte Konstantinopel wieder auf, auch die Hagia Sophia, größer und schöner als jemals zuvor. Auch als ihm die Ärzte berichten, Theodora werde ihm, der vielen Abtreibungen in Zirkustagen wegen, keinen Sohn mehr gebären können, verstößt er sie nicht. Ihn selbst geben die Ärzte auf, als ihn die große Pest von Konstantinopel niederwirft. Es ist Theodora, die ihn, rücksichtslos gegen sich selbst, gesundpflegt.

Justinian und Theodora, Theodora und Justinian: Was kann diese beiden noch entzweien? Nur eines. Ihr ahnt es schon: die Religion.

In reiferen Jahren interessiert sich Kaiserin Theodora zunehmend für die Feinheiten der dogmatischen Theologie. Das wichtigste christliche Dogma hatte das Konzil von Chalzedon festgelegt: „Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch.“ Eine Person mit zwei Naturen, einer göttlichen und einer menschlichen. Kaiserin Theodora versteht das anders. Wie so viele ihrer Untertanen in Syrien und Ägypten, ist sie Monophysitin: Jesus Christus hat nur eine, die göttliche Natur. Das Menschliche an ihm war zeitweilige irdische Erscheinung.

Justinian tut jetzt, was wohl jeder Ehemann tut, wenn seine Frau dogmatische Ambitionen entwickelt: Der Kaiser hüllt sich in byzantinisches Schweigen. Nicht so der Papst in Rom. Traditionell sind ja beide, Kaiser und Papst, Hüter des Dogmas von Chalzedon. Feierlich verurteilt Papst Silverius Theodoras dogmatische Erleuchtung als Ketzerei.

Die Kaiserin nimmt ihm das so übel, als wär´s eine zweite Zirkus-Revolution, diesmal in Rom. Auf ihren Befehl wird Papst Silverius entführt, abgesetzt, geschoren, in eine schwarze Büßerkutte gesteckt und als Einsiedler – darf ich es so sagen, wie es ist? – nach Anatolien entsorgt. Nach ihrem dogmatischen Gusto wird ein neuer Papst, Vigilius, ernannt. Der wird aber leider rückfällig und bekräftigt erneut, der Kaiserin zum Trotz, das Dogma von Chalzedon: „Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch.“

Am 28. Juni 548 ist Kaiserin Theodora gestorben. In den Kirchen des Ostens, bei den Kopten vor allem, wird sie bis heute als ganz große Heilige verehrt. Am 14. November ist ihr Festtag. Nur der Vatikan weigert sich immer noch, die Frau, die stark genug war, den Papst zu stürzen, zur Ehre der katholischen Altäre zu erheben.

Schon aber hat die Unesco in Paris den ersten Schritt getan. Das grandiose byzantinische Mosaik in der Kirche San Vitale von Ravenna, der einstigen oströmischen Kapitale für Italien, hat sie zum Weltkulturerbe erklärt. Es zeigt Kaiserin Thedora mit Perlen behangen, mit Edelsteinen gekrönt in überirdischer Verklärung. Bildungstouristen ohne Zahl ziehen andächtig vor diesem gewaltigen byzantinischen Mosaik vorbei. Wann wird Papst Franziskus den Mut finden, selber nach Ravenna zu pilgern, um, stellvertretend für uns alle, vor Theodoras überweltlichem Bildnis das Knie zu beugen?

Heilige Theodora von Byzanz, bitt für uns Sünderinnen und Sünder!

„Adieu in alle Ewigkeit, mi Cicero!“
Worin wir von Petrarca lernen, wie man alte weiße Männer kulturell cancelt.

Nicht erst mit sechzig oder siebzig, nein schon mit vierzig Jahren galt ein Mann im Alten Rom als „senex“, als Greis. Einundsechzig Jahre alt war Marcus Tullius Cicero, als er sich im Jahr 45 vor Christus entschloss, ein Buch über das Greisenalter und über den näherkommenden Tod zu schreiben: „de senectute“. Das heißt, mit dem Altwerden und mit der Erwartung des Todes hatte Cicero zu dieser Zeit schon viel eigene Erfahrung. Mehr noch hatte er sich die Meinungen anderer anhören müssen: vor allem die bitteren Klagen der Alten selber.

Dieser würdelosen Jammerei vieler senes, vieler Greise, wollte Cicero jene gelassene Selbstsicherheit entgegensetzen, mit der, lange vor ihm schon, die großen Philosophen Griechenlands dem hohen Alter und dem Tod entgegengesehen hatten, Plato etwa und Sokrates im „Phaidon“. Dabei stand Cicero aber vor einer Schwierigkeit: Er selber galt vielen in Rom als „graeculus“, als „Griechelein“, als „Salongrieche“. Wichtig war ihm deshalb, urgriechische Gedanken über Alter und Tod als etwas Eigenes, etwas Urrömisches darzustellen.

Wie macht man das? Mit einem literarischen Kunstgriff. Cicero schreibt sein Buch de senectute als einen fiktiven Dialog, in dem der berühmteste, der römischste, der männlichste aller Greise Roms, der Alte Cato, zwei jungen Römern über seine Erfahrungen im letzten Lebensalter Rede steht – mit 84, ein Jahr vor seinem Tod und ein Jahrhundert vor Ciceros Geburt.

Nun zuerst zum greisen Gejammer über das Greisenalter. Da sei etwas dran. Ist doch das Alter mit vielerlei Beschwerden verbunden. Doch lohnt es, sich bei jenen, die im Alter so laut jammern, ihre frühen Jahre näher anzuschauen. In aller Regel sind das Leute, die schon in der Jugend laut und gern gejammert haben. Da ist dann das Jammern über das Altern nichts als der jammervolle Schlusspunkt lebenslanger Jammerei. Nicht Alterssache, lehrt der Alte Cato seine jungen Zuhörer, sei das Jammern, sondern Charaktersache, Charakterschwäche von früher Jugend auf.

Natürlich stimme es, dass im Alter die körperlichen Kräfte schwinden. Aber braucht denn der Alte große körperliche Kraft? Wie ist es auf Schiffen? Muss da der Kapitän die nötige Behendigkeit besitzen, um jederzeit selber in alle Masten hochzuklettern? Nein, das überlässt er am besten dem Schiffsjungen. Der wahre Kapitän sitzt unbewegt, gelassen vor seinem Steuer. Wird nicht auch der römische Staat in höchster Instanz vom Senat gesteuert? „Senat“ kommt von „senex“. Er ist der Rat der Greise.

Dass der Körper im Alter nachlässt, hat auch sein Gutes: Der Geist hat jetzt mehr Ruhe. Mehr als in der Jugend ist der Mensch im Alter „secum“, „bei sich“. Zum Beweis lässt Cicero vor dem Alten Cato eine lange Galerie von altrömischen Zeitgenossen auftreten: Richter, Schriftsteller, Priester, Redner, Senatoren aus seiner eigenen Zeit, lange vor Cicero. Ohne Altersgrenze haben sie bis in die spätesten Jahre Großes geleistet, Größeres oft als in der Jugend.

Überdies gebe es körperliche Arbeiten, die zum Alter nicht weniger passen als zur Jugend. Gerade deshalb, weil er als Bauernsohn aufgewachsen war, galt der Alte Cato noch zu Ciceros Zeit als Verkörperung römischer Männlichkeit. Als Soldat, als Feldherr, als Staatsmann war er zu Ruhm gekommen. Jetzt mit 84, berichtet er seinen beiden jungen Zuhörern, bereite es ihm die größte Lust, zur Arbeit seiner Jugend zurückzukehren, durch seine Gärten zu gehen, nicht anders gekleidet als seine Arbeiter, und selber Hand anzulegen.

Aber kommen wir zur eigentlichen Sache. Hängt nicht das nahe Verhängnis des Todes wie eine düsterschwarze Wolke über den letzten Lebensjahren jedes Menschen? Wörtlich antwortet der Alte Cato mit einem Vergleich aus seinem Bauerngarten: „Wie das Obst, wenn es unreif ist, sich kaum vom Baum reißen lässt, jedoch, wenn es gereift ist, sich von selber löst, so nimmt dem jungen Menschen die Gewalt das Leben, dem alten aber die Reife.“

Der intelligente Alte weiß, dass sein Tod nicht, wie beim jungen Menschen, eine Tragödie ist, sondern Erfüllung eines Naturgesetzes. Der Natur so gehorsam zu folgen „wie einem Gott“ aber ist höchste Weisheit des Alters, sagt Cicero durch Catos Mund. Und er schreibt den schönsten Satz, der je über das philosophische Alter und den Tod geschrieben worden ist:

„So geht das Leben unmerklich über ins höchste Alter, und nicht plötzlich bricht es ab, sondern die Länge der Zeit löscht es aus – diurnitate exstinguitur.“

Nach seinen großen Reden zur Verteidigung der res publica – manche würden heute sagen: der Demokratie – haben die Römer Cicero den Titel „pater patriae“ verliehen: „Vater des Vaterlands“. Die christliche Antike wird ihn doppelt verehren: als sprachliches Vorbild der latinitas und als Verkünder edelmütiger humanitas.

Das Mittelalter ließ ihm seinen Ruhm, versagte ihm aber die Nachfolge. Es sprach ja ein ganz anderes, nicht ciceronianisches, sondern modern strukturiertes Latein, die „lingua Parisiensis“. So ereilte Cicero jenes Schicksal, das, wie Voltaire klagen wird, jedem noch so großen Autor bestimmt ist: hochgepriesen, aber ungelesen zu vermodern im Staub der Bibliotheken.

Bibliotheken sind stille Orte. Dass große Dramen sich in Bibliotheken abspielen, dürfte eher selten sein. Solches aber geschah anno 1345 in der Bibliothek der Kathedrale von Verona. Dort saß Francesco Petrarca. Mit Dante und Boccaccio ist er einer der drei Giganten der italienischen Literatur. Für die Italiener ist er auch der eigentliche Begründer des rinascimento, der Wiederentdeckung der Antike in der Renaissance. Längst kannte Petrarca Ciceros große staatspolitischen Reden, auch seine tiefgründigen Dialoge über das Alter und den Tod. Jetzt aber gingen ihm die Augen über. Was er unerwartet entdeckt hatte, war nichts anderes als, in vielen hundert Exemplaren, Ciceros private Korrespondenz. Von einem aufmerksamen Sekretär einst kopiert und gebündelt, hatten diese ganz persönlichen Briefe die Jahrtausende überstanden.

Außer sich vor Begeisterung stürzte sich Petrarca in die Lektüre von Ciceros Briefen. Doch je länger er las, desto mehr wandelte sich die Begeisterung in Beklemmung. Die Beklemmung wandelte sich in Bestürzung.

In heller Empörung schrieb jetzt Petrarca, durch die Jahrhunderte zurück, einen Wutbrief an Cicero persönlich. In perfekt ciceronianischem Latein. „Amantissime“, in leidenschaftlicher Liebe habe er seit früher Jugend Cicero verehrt und nachgeahmt. Jetzt aber sei für ihn Ciceros antike Maske gefallen. „Was für ein Lehrmeister du den andern warst, habe ich längst gewusst; jetzt habe ich erkannt, was für einer du für dich selber warst.“ Derselbe alte Cicero, der öffentlich unentwegt den heldenhaften Verteidiger der Republik spielte, war ganz privat damit beschäftigt, sich bei den aufstrebenden Jung-Diktatoren, etwa bei Cäsar, einzuschleimen. Und er rechtfertigte das vor seinem entgeisterten Freund Atticus mit so verräterischen Sätzen wie: „Ich werde doch auch einmal an mich selber (…) denken dürfen.“ Voll von Gejammer und von Wankelmut, wirft ihm Petrarca vor, seien Ciceros private Briefe. Vom großen Lehrmeister würdigen Alterns bleibe als realer Cicero nichts als ein „inquietus semper atque anxiosus, praeceps et calamitosus senex“, ein „allzeit ruheloser und verängstigter, ein kopfloser und elender Greis“.

In solche Wut steigert sich Petrarca, dass er sogar Ciceros Ermordung nicht den Mördern, sondern Cicero selbst zum Vorwurf macht. Statt sich in jener würdevollen Zurückhaltung zu üben, die er doch selber allen alten Männern der Welt empfohlen hatte, habe sich Cicero, von Ruhmsucht geblendet, noch als Greis „adolescentium bellis“, in die Kriege halbreifer Jünglinge gestürzt: Pompejus, Cäsar, Antonius, Oktavian. Bis es schließlich den Triumvirn zuviel wurde. Und es setzten die drei Diktatoren Ciceros Namen zuoberst auf die Liste derer, die sie umbringen wollten.

In welche Panik geriet da Cicero! Von einem seiner vielen Landhäuser floh er quer durch Italien ins andere, wollte bei Brutus in Kleinasien Zuflucht suchen, bis ihn die Häscher in seiner Villa bei Formiae aufspürten. Noch versuchte er, ihnen zu entkommen, hinab zur Küste, ans rettende Meer. Doch unterwegs, auf einem düsteren Waldweg, ereilte ihn am 7. Dezember 43 vor Christus sein unwürdiges Schicksal. Den Kopf, der so viel gedacht, die Hand, die so viel geschrieben hatte, beides schlugen ihm die Schergen ab. Und Petrarca verspürt kein Mitleid mehr: „Adieu in alle Ewigkeit, mein Cicero – vale in aeternum, mi Cicero!“

Über die Jahrhunderte wird Petrarcas Wutbrief das gebildete Abendland im Urteil über Cicero verwirren und spalten. Leidenschaftlich wird Erasmus Petrarca widersprechen: „Ich kann Ciceros Schrift über das Alter (…) nicht lesen, ohne das Buch von Zeit zu Zeit zu küssen und mich zu verneigen vor Ciceros heiligem, ganz von göttlichem Odem erfülltem Herzen.“

Noch in Kaiser Wilhelms humanistischem Gymnasium wird es für deutsche Knaben zwar nicht höchste Lust, wohl aber höchste Ehre sein, Ciceros „Gespräche in Tusculum“ zu übersetzen, Ciceros Brandreden im Senat zu deklamieren:

„Quousque tandem, Catilina, abutere patientia nostra!“

Zu gleicher Zeit allerdings fällt der Historiker Theodor Mommsen über Cicero ein Urteil, das noch viel vernichtender ausfällt als Petrarcas Kritik. „Als Staatsmann ohne Einsicht, Ansicht und Absicht“ stehe Cicero auch „als Schriftsteller … ebenso tief wie als Staatsmann.“ Als Redner habe der Römer Cicero nie den Griechen Demosthenes erreicht, als Philosoph nie den Griechen Plato. „Durchaus Pfuscher“ sei Cicero gewesen, schließt Mommsen gnadenlos.

Mommsens Tage sind vorbei und auch das humanistische Gymnasium gibt´s nicht mehr. Geblieben sind wir, die letzten greisen Epigonen der klassischen Bildung. Wir und unser Cicero. Mir persönlich ist er jetzt lieber als jemals zuvor. Wohl wahr, dass in seiner privaten Korrespondenz eine Unentschlossenheit, Ängstlichkeit, ja Feigheit zutage tritt, die im Gegensatz steht zu jener altrömischen Charakterstärke, jener philosophischen Würde, die er öffentlich vertrat. Aber ist solche Schwäche, solche Widersprüchlichkeit im Alter verwerflich?

So sind wir senes heute noch alle: Vor den Jungen geben wir uns wichtiger, tüchtiger, würdiger, als wir vor uns selber sind. Auch wir tun ja so, als wären wir jeder ein Alter Cato – und sind doch höchstens kleine Cicerones. Nicht grundlos werden wir heute, in den Blogs des 21. Jahrhunderts, als „old white men“ so wütend demaskiert, wie einstmals Petrarca Cicero bloßgestellt hat.

Mi Cicero! In deiner Widersprüchlichkeit warst du der erste von uns. Vor mehr als zwei Jahrtausenden warst du, Alter Römer, der erste „alte weiße Mann“.

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