Kitabı oku: «Damals bei uns daheim»
Damals bei uns daheim
Hans Fallada
Inhaltsverzeichnis
Damals bei uns daheim
Erlebtes, Erfahrenes und Erfundenes
Liebe Verwandtschaft!
Festessen
Prügel
Penne
Prozesse
Reisevorbereitungen
Familienfahrt
Sommerfrische
Großmutter
Familienbräuche
Mutter
Wandervogel
Onkel und Tanten
Pechvogel
Gärung
Impressum
Damals bei uns daheim
Erlebtes, Erfahrenes und Erfundenes
Liebe Verwandtschaft!
Meinen andern Lesern in der weiten Welt macht es nicht viel aus, ob auf den folgenden Blättern die vollkommene Genauigkeit vom Verfasser gewahrt ist. Ihnen ist Tante Gustchen Hekuba. Wie aber bestehe ich vor dir, sehr liebe Verwandtschaft –?! Wenn du findest, daß ich eine Geschichte von Tante Gustchen der Tante Wieke in die Schuhe geschoben habe – wenn du eine ganz neue Anekdote vom Vater hörst, und sie ist bestimmt erlogen! – und wenn der Schluß meines Berichtes von Großmutter nicht der familienkundigen Wahrheit entspricht – wie werde ich da vor dir bestehen?! Werdet ihr mich nicht einen Erzlügner schelten, einen gewissenlosen Verfälscher heiliger Familienüberlieferung? Werdet ihr mich nicht mehr auf der Straße grüßen, und werden meine Briefe keine Antwort mehr bei euch finden –? Ich denke doch nicht! Denn wenn ich im Kleinen sündigte, so bin ich doch im Großen getreu gewesen. Wenn ich bei den Taten erfand, so habe ich doch den Geist, so gut ich es vermochte, geschildert. Ja, ich glaube sogar, daß meine Freiheiten im Kleinen mir erst die Treue im Großen möglich gemacht haben. So habe ich die Eltern gesehen, so die Geschwister, so die gesamte Verwandt- und Bekanntschaft! Ihr seht sie anders? Geschwind, schreibet euer Buch! Meines bleibt mir darum doch lieb – als ein Gruß an die versunkenen Gärten der Kinderzeit.
Euer getreuer Sohn, Bruder, Neffe, Onkel und Schwager, dermaleinst hoffentlich auch Großvater
H. F.
Festessen
Feierliche Abendessen, zu jenen grauen Vorzeiten um das Jahr 1905 herum »Diners« genannt, waren der Schrecken meiner Eltern, aber die Wonne von uns Kindern. War das Weihnachtsfest vorüber, hatten zu Neujahr Portier, Briefträger, Schornsteinfeger, Waschfrau, der Milch- wie der Bäckerjunge ihren meist sowohl hinten gereimten wie auf buntes Papier gedruckten Neujahrswunsch abgegeben und dafür nach einer geheimnisvollen Preisskala Beträge von zwei bis zu zehn Mark empfangen, so fing meine gute Mutter erst sachte, bald dringlicher an zu mahnen: »Arthur, wir müssen wohl allmählich an unser Diner denken!«
Zuerst sagte mein Vater nur leichthin: »Das hat gottlob noch ein bißchen Zeit!« Später seufzte er, schließlich stimmte er bei: »Dann werden wir also wieder einmal in den sauren Apfel beißen müssen. Aber das sage ich dir, Louise: mehr als fünfundzwanzig Personen laden wir diesmal nicht ein! Das vorige Mal war eine Fülle, daß keiner bei Tisch die Ellbogen bewegen konnte!«
Worauf Mutter ihm zu bedenken gab, daß wir, bloß um uns zu »revanchieren«, mindestens vierzig Personen einladen müßten. »Sonst müssen wir eben zwei Diners geben, und zweimal diesen Aufstand im Hause zu haben, das bringt dich und mich um! Außerdem würden die zum zweiten Diner Eingeladenen alle gekränkt sein, denn ein zweites Diner gilt doch nur als Lumpensammler!«
So glitten die Eltern ganz von selbst in immer häufigere eifrige Debatten über »unser Diner«. Debatten, denen wir Kinder mit größter Anteilnahme lauschten. Noch nicht so wichtig war uns die Frage, wer geladen wurde, wer neben wem sitzen sollte, trotzdem grade diese Frage meinen Eltern besonderes Kopfzerbrechen machte. Denn einesteils waren Rangordnung und Dienstalter (unter Berücksichtigung etwaiger Ordensauszeichnungen) strengstens zu beachten, zum andern mußten auch persönliche Sym- und Antipathien bedacht werden. Und schließlich entstand die schwere Frage: Hatten die so für ein vierstündiges Essen aneinander Gebannten sich auch was zu erzählen? Frau Kammergerichtsrat Zehner schwärmte nur für den Tirpitzschen Flottenverein, und Herrn Kammergerichtsrat Siedeleben interessierten neben seiner Juristerei nur kirchliche Dinge – ein solches Paar würde nie guttun! Und der liebe Kammergerichtsrat Bumm war auf dem linken Ohre taub, wenn er es auch nicht wahr haben wollte: schon fünfmal hatte in diesem Winter bei andern Kammergerichtsdiners Frau Kammergerichtsrat Elbe (Gutsbesitzerstochter vom Lande) neben ihm gesessen. Es machte ihr nichts aus, auch mal ein bißchen zu schreien, aber konnte man es ihr wirklich ein sechstes Mal zumuten –?
Hatten die Eltern aber glücklich das kunstvolle Gebäude einer solchen Tischordnung errichtet und die Einladungen mit der mir sehr imponierenden Formel: U. A. w. g. (Um Antwort wird gebeten) durch Berlin versandt, so wurde unausbleiblich der Bau schon mit den ersten Antworten erschüttert bis in seine Grundfesten: der hatte die Influenza, dem war eben die Mutter gestorben, hier hatten die Kinder Diphtherie ...
»Nein!« seufzte dann mein Vater, der sich immer am wohlsten über seinen Akten fühlte, »diese Abfütterungen sind etwas Schreckliches! Keiner schätzt sie. Warum verabreden wir uns nicht eigentlich alle, mit dem Unsinn Schluß zu machen –?!«
Aber dies war ein rein rhetorischer Ausruf. Mein Vater wußte wohl, solchen Gedanken auch nur zu hegen, grenzte an anarchistischen Umsturz. Alles, was sich in der Juristerei kannte, lud sich alle Winter gegenseitig ein, wie das Offizierskorps sich untereinander einlud, wie die Geistlichkeit zu einem Teller Suppe bat, der auch vier Stunden dauerte – alles schön nach Ämtern und Klassen getrennt, daß nur kein neuer Gedanke in die altgewohnten Kreise kam!
Doch, wie schon gesagt, diese Fragen interessierten uns Kinder nur als die Vorfragen der Hauptfrage: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? (Nämlich die Mama, für den Papa war Gehrock mit weiß pikierter Weste selbstverständlich.) Oh, diese wichtige Frage: Koch oder Köchin? Jeder Koch war nach einem alten Glaubenssatz tüchtiger als jede Köchin, aber er war auch teurer und ließ sich nie etwas sagen. Mit der Köchin ließ sich angenehmer arbeiten, aber das letztemal war das Filet zäh gewesen, und die Eisbombe war ihr zusammengefallen.
Ganz Fortgeschrittene ließen das Essen auch schon aus einer Stadtküche kommen, das dann im Hause nur aufgewärmt wurde. Aber dafür war Mutter gar nicht: »Es ist nicht das richtige, Arthur. Es schmeckt eben doch aufgewärmt!«
In unserm Hause fiel nach langen Erörterungen die Entscheidung unweigerlich für die Köchin, trotz des zähen Filets und der zusammengefallenen Bombe. Dann erschien Frau Pikuweit eines Nachmittags zu einer Vorbesprechung mit Mutter, und wenn ich es irgend so einrichten konnte, schmuggelte ich mich zu dieser Besprechung ein. (Von daher datiere ich meine nie nachlassende Liebe für die guten Speisen dieser Erde.)
Da saß dann also die gute Frau Pikuweit vor meiner Mutter, sie sah in ihrer bürgerlichen Alltagstracht lange nicht so majestätisch aus wie am Tage ihres Wirkens in schneeigem Weiß mit einer immer rutschenden gestärkten Haube auf dem Kopf. Die beiden Frauen verhandelten immer eifriger und schließlich immer verzweifelter über die Gänge – nach einer heiligen Tradition mußten es sieben oder neun sein, ich weiß es so genau nicht mehr. Meine Mutter hatte alle Speisenfolgen – sprich Menüs – dieses Winters, durch die sie sich schon hindurchgegessen hatte, aufbewahrt –: es sollte doch auch etwas Abwechslung sein!
Und nun fielen geheimnisvolle Worte: Haricots verts, Sauce Béarnaise, Sauce Cumberland, Soupe à la Reine, Cremor tartari, Aspik – Worte, die mir märchenhafter vorkamen als jedes Märchen! Schon wenn ich den Ausdruck »Krebsnasen« hörte – man denke Nasen von Krebsen, man aß Nasen! –, wurde mir ganz anders, und ich sah die fette, weißgelbliche Sauce vor mir, mit den kleinen rötlichen Fettkreisen und den schwarzen Knopfaugen und langen roten Fühlern der Krebse ...
Was die Speisenfolge anging, zeigte sich Vater uninteressierter. Er war so unglücklich, gallenleidend zu sein, und aß allwinterlich fünfundzwanzigmal seine vier Stunden ab, indem er nicht mehr als eine Scheibe Fleisch und einen Löffel Prinzeßbohnen aß, wozu er ein Glas Sauerbrunnen trank. Pro forma wurde ihm stets ein Glas Wein gefüllt, das er aber nur bei ganz feierlichen Toasten mit den Lippen berührte. Daß mein lieber Vater die lange Folterqual dieser ihm immer wieder neu servierten Schüsseln mit den verlockendsten Gerichten stets in bester Laune überstand, zeigt sowohl seinen Sinn für das Schickliche wie sein grundgütiges Herz, das gottlob alle Galle nicht hatte verderben können.
Beim Menü ratete und tatete mein Vater also nicht viel mit, außer daß er sich ein Vetorecht wegen zu hoher Kosten vorbehielt. Denn solche Abfütterung kostete immer drei- bis vierhundert Mark, und das spielte in dem Etat eines Kammergerichtsrats, der vier Kinder hochzubringen hatte, eine sehr erhebliche Rolle!
Dafür hatte aber Vater als rein männliches Geschäft den Wein zu besorgen. An sich wäre auch meine Mutter dafür die richtigere gewesen, denn sie trank wenigstens ab und zu ein Glas Wein. Aber die Zeiten waren nun einmal so, daß das Weibliche unter keinen Umständen in männliche Vorrechte eingreifen durfte: Männer tranchierten den Braten, rauchten und kauften den Wein, Frauen waren für Küche, Kinder und Dienstboten zuständig.
Ich fürchte, diese Weinkäufe von Vater sind nicht immer sehr erfolgreich gewesen. Vater, der ein sparsamer Mann war und es auch sein mußte, wählte den Wein mehr nach dem Preise als nach Lagen, und sein Weinhändler beriet ihn, wie es seinem Lager zur Räumung schwer verkäuflicher Reste gut tat. Vielleicht tue ich meinem Vater mit diesem Verdacht unrecht, aber ich erinnere mich, daß ich einmal im Badezimmer die beiden Lohndiener überraschte. In der Wanne des Badezimmers wurde nämlich der Weißwein kalt gestellt. Da standen, als ich aus unaufschiebbaren Gründen eilig hineinplatzte, die beiden Helden, jeder eine Flasche Wein am Munde, die sie bei meinem Erscheinen nicht übermäßig eilig absetzten.
»Sauer, wat?« fragte der eine trübsinnig.
»Sauer?!« gab der andere empört zurück. »Det nennste sauer?! Det is ne janze Essigfabrik in eene Pulle! Det wohn wa lieba de Jäste übalassen! Sauer, heeßt es doch, macht lustig!«
»Aber erst am dritten Tag«, bemerkte der erste düster.
Danach ist es mir rätselhaft, wieso sich die beiden Lohndiener mit einer überraschenden Regelmäßigkeit bei jedem unserer Diners in mehr oder minder schwankende Gestalten verwandelten, die von meiner Mutter, je näher die Mittemachtsstunde rückte, mit empörten, von meinem Vater aber mit halb amüsierten, halb besorgten Blicken gemustert wurden. Alle Jahre wurden die Lohndiener gewechselt, und alle Jahre erlebten meine Eltern mit ihnen das gleiche. Alle schienen sie nach demselben Muster gearbeitet zu sein.
Auch behauptete meine Mutter von ihnen, daß die Taschen ihrer Fracks mit Wachstuch gefüttert seien: ganze Brathähnchen sollten in ihnen spurlos verschwinden und halbe Rinderfilets. Die schöne Sauce wurde gleich nachgegossen, klagte Mutter. Ihr Ziel war bei solchen Klagen, meinen Vater zu einer strengen Aktion gegen diese trunksüchtigen, räuberischen Diener zu veranlassen. Aber mein Vater war ein weiser Mann und sagte nie etwas, weil er gut wußte, er konnte nicht an einem Abend die Schattenseiten eines langen Berufslebens beseitigen oder auch nur mildern.
Wenn also Mutter am Morgen nach einem solchen Festessen darüber klagte, daß von den vielen schönen Resten kaum noch ein Mittagessen für die Familie zusammenzustellen sei, so sagte er nur leise lächelnd: »Laß es gut sein, Louise! Denke einfach, es hätte den Gästen noch besser geschmeckt, und sie hätten mit allem Rest gemacht!«
»Es war aber noch ein ganzes Filet da!« sagte meine Mutter empört.
»Auch ich bedaure sein Verschwinden«, stimmte Vater milde bei. »Weil nämlich von allem Fleisch – nur den Kalbsbraten ausgenommen – mir Filet am besten schmeckt und bekommt. Ich bitte dich, mach uns also zum nächsten Sonntag ein Filet auf deine Art, die mir zehnmal lieber ist als die raffinierten Köchinnenkünste!«
Worauf meine Mutter durch dies wohl angebrachte Lob schon halb besänftigt war.
Im übrigen war das Kammergericht, und wer überhaupt zu jener Zeit solche Festessen gab, in genau der gleichen Lage mit seinen Lohndienern wie die Eltern. Verstohlen, aber darum nicht weniger teilnahmsvoll, beobachtete die ganze Tischrunde das Gehaben der beiden befrackten Gesellen, und manche Hausfrau fragte sich insgeheim: ‹Ob die wohl auch was für uns wären? Ich muß mir doch die Adresse von dem kleinen Dicken geben lassen – er scheint seine Sache zu verstehen.‹
Leider war gerade dieser kleine Dicke ein besonders eklatanter Mißerfolg meiner Eltern: beim Abholen einer Platte aus der Küche fiel er über einen Abfalleimer, landete mit Mund und Nase auf der glühenden Kochplatte und erschreckte die ganze Festgesellschaft durch ein brüllendes Geheul: die olle Dicke (die Köchin Pikuweit) habe ihm den Eimer absichtlich in den Weg gesetzt, weil er ihr zu langsames Anrichten getadelt habe. Er verlange Schadenersatz, Körperverletzung sei das, und was derartige betrunkene Anschuldigungen mehr waren.
Er muß einen schrecklichen Anblick geboten haben. Nicht nur ein paar Zähne hatte er verloren, sondern seine Rotweinnase zierte auch eine ständig anschwellende Brandblase. Zu seinem Unheil aber sah er sich einer geschlossenen Front der gewiegtesten Juristen – sowohl Zivil- wie Strafrecht – gegenüber, und während die Damen ihm mitleidig den Gesichtserker mit geriebenen Kartoffeln kühlten, bewiesen die Herren ihm klipp und klar, daß er nicht nur keine Ansprüche zu stellen habe, sondern daß er froh sein könne, ohne Anzeige davon zu kommen. Denn Trunkenheit durch entwendeten Wein liege zweifelsfrei vor. Zum Schluß saß der Unselige bandagiert wie ein Student, dem auf der Mensur die Nasenspitze abgehauen ist, weinend in der Küche ... Er traute sich in diesem Zustand nicht nach Hause zu seiner Eheliebsten und flehte seine Feindin Pikuweit an, ihm doch ein paar Tage bei sich Quartier zu geben, bis er ein bißchen ausgeheilt sei. Dazwischen trank er zur Tröstung Vaters Wein ...
Dieses Diner war sicher auch für unsere Gäste eines der anregendsten in diesem Winter, nur meine Eltern schämten sich sehr, daß grade ihnen das passiert war. Sie trösteten sich endlich damit, daß auch andern Häusern solche Erlebnisse nicht fremd blieben. Beim Senatspräsidenten Flottwell war doch sogar einmal ein Lohndiener während des Diners spurlos verschwunden und erst morgens um halb vier Uhr gestiefelt und gespornt von der Präsidentin in ihrem eigenen Bett friedlich schlummernd aufgefunden worden!
Von all solchen erregenden Ereignissen blieben wir Kinder natürlich ausgeschlossen. Wir erfuhren sie erst so nach und nach aus den Gesprächen der Eltern oder, waren sie besonders schlimm, auch unter dem Siegel unverbrüchlicher Verschwiegenheit aus der Küche. Aber wir nahmen doch an allem in unsern Kinderzimmern lebhaftesten Anteil. Als ich noch klein war, mußte ich, Diner hin und Festessen her, genau wie sonst um acht Uhr im Bett liegen. Es dauerte dann oft eine lange Weile, bis mich der Schlaf überkam. Von halb neun Uhr ab ging fast ununterbrochen die Türklingel, ich hörte das Gemurmel der ankommenden Gäste. Die Schirme klapperten in den Ständern, Seide rauschte, ab und zu erhob ein Gast seine Stimme lauter, oder ich hörte auch ein fröhliches Begrüßungswort meines Vaters ...
Allmählich glitt ich dann ins Schlafland hinüber, aber bei jedem solchen Diner kam meine Mutter noch einmal zu meinem Bruder und mir ins Zimmer, legte uns von dem Festkonfekt und vor allem von den beliebten Knallbonbons einiges auf den Nachttisch und beugte sich zum Gute-Nacht-Kuß über mich. Dann erschien mir meine liebe Mutter im unsicheren Licht und halben Schlaf völlig verändert. Sonst war sie unermüdlich im großen Haushalt tätig, wir vier Kinder machten unendlich viel Arbeit und Unruhe, dazu brauchte mein zarter, oft kränklicher Vater ständige Pflege und Arbeitsfrieden. Sie kam eigentlich nie zur Ruhe, die Mutter, nur selten schlüpfte sie einmal aus ihrem Arbeitskleid.
Aber an solchen Festabenden trug sie ein tief ausgeschnittenes Seidenkleid, ihre weißen Schultern blinkten wie Schnee daraus. Sie roch so gut nach irgendeinem unbekannten Blumenduft, und ich bewunderte sie aus tiefstem Herzen mit ihrem blitzenden, funkelnden Familienschmuck: der Halskette, der perlenbesetzten Goldbrosche, den leise klingelnden Armreifen! Ach Gott, das arme bißchen Familienschmuck! Es ist dann im Weltkrieg den Weg »Gold gab ich für Eisen« gegangen, seit fünfundzwanzig Jahren habe ich ihn nicht mehr gesehen, und doch könnte ich ihn noch aufzeichnen, Stück für Stück – wenn ich bloß zeichnen könnte! Eigentlich hatte ich viel verloren, als ich nun, größer geworden, mit den älteren Schwestern bis elf Uhr abends zusammensitzen und mich mit Kostproben vom Tisch der Großen füllen durfte. Aber ich wußte noch nicht, was ich verloren hatte: ein Kindheitsparadies, in dem meine Mutter eine richtige Fee war, schöner als alle Feen der Märchenbücher.
Solange man noch wirklich jung ist, denkt man weder an Vergangenheit noch Zukunft, man lebt nur der Stunde, und so fand ich es herrlich, wenn immer wieder die Tür bei uns aufging und ein Lohndiener oder auch die Kochfrau oder besonders unser Faktotum, die alte mürrische Minna, uns Teller hereinreichten, auf denen eilig die verschiedensten Speisen zusammengeworfen waren: Blätterteigpasteten schauten zwischen Stangenspargeln hervor; der Klecks Johannisbeergelee war statt auf die Rehkeule zwischen die Petersilienkartoffeln geraten; und einmal entdeckten wir sogar in einer Omelette soufflé statt der Champignonfüllung einen veritablen Salzstreuer aus Glas – ein Sturmsignal dafür, welch fieberhafte Aufregung in der Küche herrschte!
Das schwere, ungewohnt kräftig gewürzte Essen versetzte uns Kinder bald in eine gehobene Stimmung. Wir lachten und lärmten so sehr, daß manchmal mahnend gegen unsere Tür geklopft werden mußte. Dann war es nicht mehr weit, daß eine Raubexpedition in das Badezimmer erwogen wurde: so viel Essen macht Durst! Zwar war uns Alkohol von den Eltern streng verboten, aber in unserer Feststimmung waren wir geneigt, ein wenig lax über ein solches Veto zu denken. Und schon waren wir auf dem langen Gang, mit Horchposten sowohl gegen das Speisezimmer wie gegen die Küche. Alle Welt war unserm Labetrunk feindlich gesinnt! Wie oft mußten wir uns überstürzt wieder zurückziehen, wenn ein Lohndiener, geschirrbeladen, den endlosen, echt Berliner Gang entlang scheeste, oder wenn grade in der stets offenen Küchentür Minna erschien mit dem Ruf: »Wollt ihr Rabauters woll machen, daß ihr in euer Zimmer kömmt! Gleich gibt es Eis, und wenn ihr nicht artig seid, essen wir es alleine!«
Aber dann das Glück, wenn wir mit einer Flasche Rheinwein oder gar Burgunder wieder in unserm Zimmer anlangten! Große Unterschiede machten wir zwar in den Sorten nicht, Wein war uns Wein, ein Getränk, das einen unbegreiflich lustig und unternehmend machte! Wir tranken ihn in kleinen Schlucken aus den Zahnputzgläsern der Schwestern und fühlten uns wie Seeräuber, die eine feine Prise gemacht haben.
In einer solchen echten Räuberstimmung unternahmen einmal mein Bruder Ede und ich eine kühne Expedition in die Speisekammer, deren Eingang direkt neben der Küchentür lag, so daß wir jeden Augenblick überrascht werden konnten.
Als wir aber erst drin waren, vergaßen wir jede Gefahr: von weißem Zuckerguß glänzend standen vor uns die beiden großen Baumkuchen, die am Vormittag ein Konditorjunge gebracht und die seitdem mein und Edes Herz erregt hatten. Ich kannte als der Ältere sehr wohl meine Pflicht: ich streckte meine Hand aus, brach eine Zacke ab und schon war sie in meinem Munde!
»Mir auch eine Nase! Ich will auch solche Nase!« verlangte Ede, und schon um einen Mitschuldigen zu haben, sagte ich: »Brich dir selber eine ab!«
Aber bald dachten wir nicht mehr an Schuld und Unschuld. Diese Nasen schmeckten zu verführerisch, wir brachen immer mehr ab. Hielten wir uns zuerst an einen Baumkuchen, und zwar an seinen unteren Rand, so trieb uns bald die Lust immer weiter. Damit wir einander nicht ins Gehege kämen, teilten wir die Kuchen unter uns auf: Ede brach links, ich rechts die Nasen. Ein unheilvoller Stern stand in dieser Nacht über meinem Elternhaus: kein Mensch kam in die Speisekammer und störte uns bei unserm frevlen Beginnen.
Wie wir es – nach einem überreichlichen Nachtessen – geschafft haben, ist mir noch heute unerklärlich. Jedenfalls standen in Kürze die beiden Baumkuchen völlig nasenlos vor uns. Jetzt doch ein bißchen bedenklich, schauten wir einander an, selbst wir konnten nicht übersehen, daß dies Prachtgebäck erheblich an Schönheit eingebüßt hatte.
»Ich glaub', wir gehen gleich ins Bett«, meinte ich schließlich.
»Und das Erdbeereis?« gab Ede zu bedenken.
»Wenn sie das sehen«, sagte ich düster, »bekommen wir bestimmt kein Erdbeereis!«
»Vielleicht denken sie, Baumkuchen sind so?« schlug Ede vor.
Ich zuckte nur hoffnungslos die Achseln.
»Oder wir sagen einfach, der Konditorjunge hat's gemacht!«
»Am besten gehen wir ins Bett«, wiederholte ich. »Ich stell mich schlafend.«
»Dann werde ich schnarchen«, entschied Ede. »Du bist der Ältere, zu dir kommen sie überhaupt zuerst.«
Wir lagen noch nicht lange in unseren Betten, als wir eine gesteigerte Unruhe auf dem Gang bemerkten. Dann hörten wir die aufgeregte Stimme meiner Mutter von der Küche her. Wir machten, daß wir unter die Decken krochen. Ede fing sofort an, in der lächerlichsten Weise zu schnarchen. Es war oft, meistens sehr schön, der Ältere von uns beiden Brüdern zu sein, doch hätte ich in dieser Stunde mein Erstgeburtsrecht für noch weniger als ein Linsengericht gerne hergegeben. Später hörte ich sogar Vaters Stimme aus dem Küchenbezirk. Man bedenke, unser Verbrechen war so riesengroß, daß beide Gastgeber von der Tafel weggerufen wurden! Ich konnte mir den Umfang der uns drohenden Strafe nicht einmal ausdenken!
Aber was dann eintrat, war schlimmer als jede Strafe: es trat nämlich gar nichts ein. Ich lag mit immer stärker klopfendem Herzen in meinem Bett und erwartete das Jüngste Gericht. Aber niemand kam. Ich wartete, ich flehte fast um Erlösung: niemand kam. Ede war längst richtig eingeschlafen, und immer noch lag ich wach, schlaflos über tausend Möglichkeiten grübelnd. Ich lag, wie man so sagt, die ganze Nacht wach, schließlich wäre mir die schlimmste Strafe lieber gewesen als dieses Warten. Als ich dann hörte, wie sich Frau Pikuweit von unserer Minna und Charlotte verabschiedete, drehte ich mich mit einem tiefen Seufzer zur Wand. Ich war böse mit meinen Eltern, daß sie das Schwert der Rache so lange über mir schweben ließen.
Und der nächste Morgen kam, die Eltern schliefen noch. Als Frühstück bekamen wir Jungens Baumkuchen, die Schwestern aber Butterbrote. Sie wollten protestieren, Charlotte, übermüdet, sehr unwirsch, sagte nur, der Herr Rat habe es angeordnet. Als wir in der Schule unsere Frühstücksbrote auspackten, fanden wir keine Brote, sondern Baumkuchen. Beim Mittagessen – Vater war auf dem Gericht – blieb Mutter recht kühl zu uns, sagte aber kein Wort von Baumkuchen. Dafür mußten wir ihn essen, nur Baumkuchen, während die andern sich an den herrlichsten Resten delektierten. Sie bekamen auch Eis!
Vesper, Abendessen: unser Speisezettel blieb unverändert Baumkuchen. Der nächste Tag: Baumkuchen! Die andern aßen zu Mittag Brühkartoffeln mit schöner grüner Petersilie und schierem Rindfleisch, wir hatten Baumkuchen! Es wurde uns immer schwerer, unsern Hunger mit Baumkuchen zu stillen. Wir fanden, Baumkuchen war ein überschätztes Gebäck. Bald entdeckten wir, daß wir Baumkuchen haßten! Expeditionen nach Speisekammer und Küche blieben erfolglos: die Speisekammer war verschlossen, und aus der Küche wurden wir prompt verjagt.
Ein dritter Tag zog herauf – Baumkuchen! Wurden diese elenden beiden Baumkuchen denn nie alle? Und immer starrten uns die Bruchstellen, an denen die Nasen gesessen hatten, anklagend an. Wir wagten nicht zu meutern, wir wagten nicht einmal zu bitten ... Mit immer lahmeren Kinnbacken kauten wir an unserm Baumkuchen ...
Und das Allerschlimmste war dabei, daß nie jemand ein Wort über unsere etwas gleichförmige Speisenfolge verlor. Es schien das Selbstverständlichste, daß wir allein mit Baumkuchen ernährt wurden, von Urzeiten her, bis in alle Ewigkeiten! Wagten die Schwestern in ihrer albernen Gänsemanier wirklich einmal, über unsere Leidensmienen zu gniggern, so brachte sie ein strenger Blick meiner Eltern sofort wieder zur Ruhe. Selbst Minna und Charlotte, die sonst immer sofort bereit waren, uns zu bedauern, verloren nicht ein Wort über diese unsere Prüfung. Mein Vater sagte ihnen selten etwas, aber tat er es, so folgten sie ihm blindlings. Sie liebten ihn beide schwärmerisch wegen seiner Güte und Gerechtigkeitsliebe, die alte mürrische Minna ebensosehr wie die junge vergnügte Charlotte.
Ach Gott, was wären Ede und ich glücklich gewesen, wenn wir wie andere Jungens eine kräftige Tracht Prügel gekriegt hätten! Aber mein Vater war weder für Prügel noch für Schelten, alles Gewaltsame und Laute widerstrebte seiner Natur. Er strafte haargenau auf dem Gebiet, auf dem man gesündigt hatte. Die Gier nach Baumkuchen strafte er durch Übersättigung mit Baumkuchen. Auch der Dümmste begriff dies ohne ein Wort ...
Und schließlich war der Baumkuchen dann alle. Den Mittag, ich weiß es noch, gab es westfälische dicke Bohnen, süßsauer, mit Räucherfleisch, ein Essen, dem ich bis dahin immer abgeneigt gewesen war. Ich aß davon wie ein Verhungerter. »Junge, du ißt dich ja wohl zuschanden!« rief meine Mutter, als ich mir den Teller zum drittenmal füllen ließ.
Vater aber sagte nur: »Sieh da! Sieh da!« und lächelte mit all den vielen Fältchen um seine Augenwinkel. –
»Was aber wollte eine solche knabenhafte Leckerhaftigkeit besagen gegen ein geradezu geheimnisvolles Verbrechen, das bei einem Festessen ein oder zwei Jahre später geschah –?! Lange, lange blieb der Täter trotz allen strafrechtlichen Scharfblicks meines Vaters – er war auch ein bekannter und in gewissen Kreisen gefürchteter Untersuchungsrichter gewesen – unentdeckt, bis er sich sechs oder acht Jahre später selbst bekannte – und da lachten sogar meine Eltern mit!
Bei jenem Diner freilich waren sie vollkommen fassungslos und bekümmert, so etwas konnte auch nur in unserm Hause passieren! Mutter war immer besonders stolz auf unsern von einem Tafeldecker gerüsteten Festtisch. Zwar, Gläser und Bestecke mußten wir wie alle andern aus einem Verleihgeschäft entnehmen, das Service aber nicht, denn wir besaßen das weithin in der ganzen Bekanntschaft berühmte Wedgewoodservice für hundert Personen! Es war ein wahrhaft gargantuasisches Geschirr mit Bratenschüsseln, auf die man ganze Kälber legen konnte, mit Saucentöpfen, die zu Suppenschüsseln für mittlere Familien gereicht hätten, und einer verwirrenden Fülle von Tellern und Tassen aller Formate.
Dieses wahrhaft fürstliche Tafelgeschirr war wie vom Himmel gefallen in unserer gar nicht prunkhaften Familie gelandet. Als nämlich vor vielen, vielen Jahren ein Großonkel von mir durch die Stadt Aurich wandelte zu seinen Geschäftsräumen, die er als Justitiarius für das Publikum hielt, bemerkte er vor einer Haustür eine kleine Ansammlung von Menschen. Immer wißbegierig, was in seiner Heimatstadt vorging, trat er näher und erfuhr, daß hier der Nachlaß eines Seekapitäns versteigert wurde. Schon wollte er weitergehen, da trat der ihm wohlbekannte Auktionator Kötz vor die Tür, hielt meinem Onkel einen bläulichen Krug unter die Nase, über dessen Fond griechelnde weiße Gestalten feierlich wandelten, und sprach: »Das wäre was für Sie, Herr Justitiar!«
Mein Onkel sah kurzsichtig auf den Krug, seinem Auge tat das sanfte Blau wohl, er sagte: »Drei Taler, Kötz! Schaffen Sie ihn nur in meine Wohnung!« und ging an seine Dienstgeschäfte.
Wie aber ward ihm, als dem Heimkehrenden mittags sein Weib in einem Zustand völliger Auflösung entgegentrat! Die ganze Wohnung war von dem erstandenen Service überschwemmt. Es gab keine Stelle, wo es nicht sanftblau zuging, wo nicht weiße Gestalten in strengem Faltenwurf wandelten. Mein Onkel hatte gemeint, einen Krug erstanden zu haben, er hatte eine Töpferei gekauft. Eine Ausgabe zieht die andere nach sich: ein ungeheurer Eichenschrank mußte angefertigt werden, um diese Geschirrflut zu bändigen. Bis er fertig war, führten Onkel und Tante nur ein bedrängtes Leben in ihrem Heim.
Nach dem Tode des Onkels kam dieses Geschirr auf dem Wege der Erbschaft in unsere Familie mitsamt dem riesigen Eichenschrank, der nach meines Vaters Ausspruch jeden Gedanken an Umziehen unmöglich machte. Er sei eine weitläufige Burg, kein Schrank. Selbst Berliner Möbelleute seien ihm nicht gewachsen ...
Es war übrigens die einzige Erbschaft, die uns der Onkel in Aurich vermachte, daher führt er bei uns den Beinamen »Der Familientäuscher«! Er, der nämlich Mitte der Dreißiger schon Witwer geworden war, schrieb uns zu jedem Geburtstage, zu jedem Weihnachtsfest: »Was soll ich euch schenken? Ihr erbt ja doch einmal alles!« Nachdem er aber fast vierzig Jahre im Witwerstand verharrt hatte, nahm er mit zweiundsiebzig Jahren ein junges Weib, dem er bald all sein irdisch Hab und Gut hinterließ, dieser Familientäuscher, der!
Aber wenigstens das Geschirr sandte uns die angeheiratete, unbekannte Tante, und dies wahrscheinlich auch nur, weil es ihr in seiner Überfülle lästig war, trotzdem nun schon manches Stück in den Händen der Abwaschenden das Zeitliche gesegnet hatte! Für vierzig Personen reichte es aber noch gut, und es machte sich wahrhaftig prächtig auf der von Gläsern funkelnden, von Neusilber-Leihbestecken blitzenden Tafel. Ihrer Gewohnheit nach warf Mutter noch einen Blick auf den Festtisch, kurz ehe die Gäste kamen. Es war alles in bester Ordnung, und zwar viel schöner als das Porzellanweiß bei den Kollegen. Dann verschwand Mutter nach der Küche hin, um die letzten Anweisungen für die große Saalschlacht zu geben.
Jetzt war der Augenblick für meine Schwester Fiete (von Frieda) gekommen. Ein Kompottschüsselchen Blaubeeren in der Hand, schlich sie in den Speisesaal, an die Tafel und ...
Ja, was tat sie nun eigentlich? Wie gesagt, sie hat es erst Jahre später gestanden, und hat uns auch erklärt, warum sie es tat. Aber damals erschien alles ganz rätselhaft und beinahe verbrecherisch ...
Meine Schwester Fiete war ein seltsames Kind. Meistens still und fast pomadig, war sie doch der lebhaftesten Zornesausbrüche fähig, besonders wenn man an »ihre Sachen« ging. Geschwister haben leicht eine etwas kommunistische Art, mit den Sachen ihrer Brüder und Schwestern umzugehen, bei Fiete war so etwas nicht empfehlenswert. Sie konnte dann in den unsinnigsten Zorn geraten. Ich erinnere mich noch sehr wohl, wie Fiete lauthals weinend ihre eigene Lieblingspuppe zertrampelte, bloß weil unsere älteste Schwester Itzenplitz – von Elisabeth – ihr einen Kuß gegeben hatte!
Wie mußte es also ein so veranlagtes Kind beunruhigen, daß meine Mutter, neben der sie bei Tisch saß, ständig »ihren« Löffel zum Kosten benutzte! Fiete war nämlich ausgesprochen kiesätig beim Essen. Immer hatte sie etwas auszusetzen, mal war ihr etwas zu salzig, mal zu süß, mal zu sauer, mal zu heiß, mal zu kalt, mal schmeckte es nach gar nichts. Es gab kein Essen, an dem Fiete nicht etwas auszusetzen gehabt hätte. Ich höre noch ihre hohe, gleichmäßig nörgelnde Stimme im Ohr, da ich dies schreibe, sie fing sofort damit an, sobald sie nur den ersten Löffelvoll im Munde hatte.
Dann nahm ihr Mutter einfach den Löffel aus der Hand, kostete von ihrem Teller und sagte gleichgültig: »Es ist alles in schönster Ordnung, Fiete. Du bist nur mal wieder kaufaul!«
Hundertmal hatte Fiete darauf die Mutter gebeten, doch den eigenen Löffel zum Kosten zu benutzen. Es half nichts, so hartnäckig wie Fiete meckerte, so hartnäckig nahm Mutter ihren Löffel, nicht als Strafe, aus reiner Gewohnheit, weil sie auch schon längst nicht mehr auf das hörte, was Fiete vorbrachte.
Aber nun war Fiete zu einem großen Rachewerk entschlossen ...
Eilig huscht sie um den Tisch. Bei jedem Gedeck bleibt sie stehen, nimmt Löffel für Löffel und zieht ihn sorgsam durch den Mund. Damit aber nicht nur in ihr das Gefühl, sich gerächt zu haben, lebe, nimmt sie ab und zu einen Mundvoll Blaubeerenkompott – die Großen sollen schon sehen, wie das ist, wenn man die Sachen der Kinder mißachtet!
Fiete hat ihr Werk vollendet. Sie steht noch einen Augenblick da und mustert es. Der Tisch sieht für ein prüfendes Auge nicht mehr ganz so schön aus wie vordem, alle Löffel tragen bläuliche und schwärzliche Spuren. Fiete hat das Gefühl, sie müsse noch ein Übriges tun: sie bückt sich und schneuzt die Nase in einer Ecke des Tischtuchs. Dasselbe wiederholt sie an den andern drei Ecken. Dann verschwindet sie lautlos ...
Natürlich konnte auch der taktvollste Gast dies nicht übersehen. Wohl erhoben sie die Hände zum lecker bereiteten Mahle, und mit den Händen die Löffel, aber sie ließen sie wieder sinken, Staunen im Blick. Meine Mutter erglomm wie die Abendröte, mein Vater warf ihr einen beinahe strengen Blick zu.
»Ich verstehe es nicht«, stammelte meine unselige Mutter. »Ich habe den Tisch eben noch nachgesehen. Wer mir diesen Tort angetan hat ...«
Mutter war nahe am Weinen. Wären nur Freunde dagewesen, sie hätte geweint. Aber es war manch eine unter den weiblichen Gästen, der sie den Gefallen nicht tun wollte, sie weinen zu sehen.
»Schnell!« sagte mein Vater zu den Lohndienern. »Die Bestecke einsammeln und abwaschen lassen! Nein, alles, auch die Messer und Gabeln ... man weiß ja nicht ...«
Und mit einem Lächeln zu allen Gästen: »Kinder ... Kinder ... Sie wissen es ja alle, wie es ist, wo Kinder sind. Irgendein unbegreiflicher Kinderstreich!« Energischer: »Den ich aber bald begreifen werde!«
Aber nun erhob sich Widerspruch. Die meisten waren für einen Racheakt. Diese Dienstboten ... ein uferloses Thema. Diese Lohndiener – ein ebenso uferloses Thema. Die Wartezeit, bis die Bestecke abgewaschen waren, verstrich auf das angenehmste, bis der Ruf »Attention, les servants!« erscholl.
Nur meine Mutter war ins Herz getroffen – wer konnte ihr dies nur angetan haben, wer nur –?! Auf Fiete riet sie nicht, auf Fiete riet keiner. Ihr Meckern über das Essen, ihre Klagen über die Löffelbenutzung waren so gewohnheitsmäßig, daß schon seit langem niemand sie mehr beachtete. Das Ereignis verlor sich allmählich im Strudel der Zeit, in dem alle Ereignisse, die einen schnell, die andern langsamer, untertauchen ...
Freilich mußte an diesem Abend meine Mutter doch noch weinen. Die Kollegenfrau Siedeleben, die meiner Mutter wegen ihres patronisierenden Wesens besonders unangenehm war, sagte beim Abschied huldvoll: »Es war wirklich ganz reizend! Und immer passiert etwas Interessantes bei Ihnen, so etwas ganz außer dem Rahmen dessen, was wir hier in der Großstadt gewöhnt sind.« (Sie vergaß nie, meine Mutter daran zu erinnern, daß sie aus einer hannoverschen Kleinstadt stammte.) »Wirklich so anregend!«
Da weinte meine Mutter, Gott sei Dank erst, als alle gegangen waren, an Vaters Brust
»Es passiert immer wieder etwas Neues, Louise!« sagte mein Vater tröstend. »Paß auf, in vier Wochen wird von etwas ganz anderem geredet! Warte, übernächsten Donnerstag ist Diner bei Siedelebens, vielleicht passiert bei denen auch mal was!«
»Bei denen nie!« rief meine Mutter weinend. »Diese kalte Person! Die ist nichts wie ein Anstandsbuch!«
»Wir wollen es ja nicht wünschen«, meinte mein Vater. »Aber wer weiß, wer weiß ...«
Doch ging das Siedelebensche Diner ohne jeden Zwischenfall vorüber. Alles lief wie am Schnürchen, es gab weder abgeleckte Löffel, noch fehlten Baumkuchennasen, auch war kein Lohndiener betrunken. Genau wie ein Uhrwerk rollte das Festessen ab. Die Weine waren vorzüglich, das Dessert bezaubernd, die Zigarren über jede Kritik erhaben. Meiner Mutter unausstehlich in ihrer Unfehlbarkeitspose, präsidierte Frau Kammergerichtsrätin Siedeleben, und streifte ihr Blick meine Mutter, so las diese in ihm: So müssen wirkliche Diners aufgezogen werden, meine kleine Landpomeranze!
Solche Makellosigkeit war wirklich kaum zu ertragen!
Bis sich am nächsten Tage die Kunde verbreitete ... Zuerst schien sie völlig unglaubhaft, nahm dann festere Gestalt an, gewisse Tatsachen wurden als unumstößlich festgestellt ... So viel war gewiß: mitten im Monat saß Frau Kammergerichtsrat Siedeleben ohne alle Dienstboten da, vor einem ungeheuren Aufwasch, in einer nahezu verwüsteten Wohnung!
Und der Grund –?! Aber, meine Liebe, der Grund –?!! Seit wann laufen Dienstboten noch in der Nacht hinter einem Diner fort –?! In solcher Nacht will doch jedes ein bißchen schlafen!
Es hatte eine Schlägerei gegeben, eine veritable Schlägerei zwischen den Lohndienern und den Dienstboten des Siedelebenschen Hauses!
Aber warum?! Sagen Sie doch bloß warum?!! Man schlägt sich doch nicht, todmüde nach einem Diner!
Mit geheimnisvoller, düsterer Stimme: Die Trinkgelder sollen ja verschwunden sein!
Und mit einem tiefen Aufatmen: Ach dann! Das erklärt freilich vieles!
Nicht ganz umsonst aßen Kammergerichtsräte festlich an der Tafel ihrer Kollegen. Mußten sich die Gastgeber Kosten machen, gingen auch die Gäste nicht frei aus. Schon während des Diners ruhte das Auge manchen Ehepaars nachdenklich auf den servierenden Gestalten, und beim Kaffee tauschten dann Mann und Frau geheimnisvolle Flüsterworte.
»Sieben!« sagte Vater.
»Fünf ist völlig genug«, meinte meine Mutter. »Man soll die Leute auch nicht verwöhnen.«
»Aber es sind zwei Lohndiener, und drei sind in der Küche«, wandte Vater ein. »Es müßten eigentlich sieben fünfzig sein.«
»Fünf sind genug«, beharrte Mutter. »Du gibst immer zu viel, Arthur.«
»Nun«, sagte mein Vater, »ich will sehen, was Präsident Cornils gibt. Schließlich sollen die Leute auch eine kleine Freude haben. Ihre Füße müssen nach all der Lauferei schrecklich weh tun.«
»Meine Füße tun auch oft weh«, sagte Mutter kurz. »Nicht mehr als fünf, Arthur!«
Fuhren die Gäste dann in ihre Kleider, so stand auf dem Flur, diskret abseits auf einem Tischchen, ein Teller oder besser noch, weil unauffälliger, ein zinnernes Schüsselchen. Und während die Frauen vor dem Spiegel ihre Spitzentücher über der lockengebrannten Frisur zurechtlegten, traten die Herren sachte vor diese Opferschale und ließen so leise wie möglich ihren Beitrag hineingleiten. Dabei lag über dem Ganzen ein Anschein von etwas nahezu Verbotenem: das Geld durfte nicht klappern, der Herr tat so, als sei er mit seinen Handschuhen oder mit einem Bilde an der Wand über der Opferschale beschäftigt. Denn Trinkgelder, noch dazu im Hause eines Kollegen, zu geben, war nicht recht fein, wie auch Geldbesitzen zwar wünschenswert, aber davon zu reden als »shocking« galt.
Trotz all dieser Vorsicht war der Trinkgeldgeber sich völlig darüber klar, daß sein Tun diskret, aber genau beobachtet wurde, einmal von Kollegen, die sich über die Höhe ihres Beitrags nicht klar waren, zum andern aber von den in die Mäntel helfenden Lohndienern und den Dienstmädchen, die den Damen bei ihrer Toilette beistanden. Denn deren Ernte war es, die sich dort sammelte ...
War aber der letzte Gast gegangen, fielen alle Bande frommer Scheu. Schamlos offen wurde von den Lohndienern unter dem achtsamen Geleit der Mädchen der Teller in die Küche getragen und unter oft recht heftigen Wechselreden zur Teilung geschritten. Schon bei der Prozession wurden manchmal recht abfällige Reden laut, die »Popligkeit« und »Gnietschigkeit« mancher Gäste wurde heftig angeprangert: die Herrschaft tat gut, solchem zuchtlosen Treiben fern zu bleiben.
Freilich gab es bestimmte Hausfrauen, unter ihnen die Rätin Siedeleben, die es grade für ihre Pflicht erachteten, bei diesen Teilungen anwesend zu sein, damit es gerecht zugehe. (Und damit sie für ihre Freundinnen wertvolles Material sammelte. Y hatte nur zwei Mark hingelegt, aber nach Aussage des Lohndieners hatte er sich doch wahrhaftig die eigene Tasche mit der schönen Havanna des Hausherrn gefüllt. »Nicht, daß ich es behauptete, Liebe, denn ich habe es nicht gesehen. Aber der Lohndiener sagt es, und er hat es gesehen! – Und was meinen Sie dazu, Liebe, der Schulte hat zehn Mark auf den Teller gelegt, mehr als Präsident Cornils – und wie unterernährt sehen die Kinder von Schultes aus! Sie sagt immer, sie müssen sparen. Aber wenn sie sowas Sparen nennen, ich nenne es Protz!«)
Aber in dieser schrecklichen Nacht hatte Frau Kammergerichtsrat Siedeleben keine Gelegenheit, die Teilung zu überwachen: sofort nach dem Fortgang des letzten Gastes, des Kammergerichtsrates Elbe mit Frau, wurde entdeckt, daß der Teller mit den Trinkgeldern seines Inhalts beraubt worden war. Ratzekahl stand er da im diskreten Winkel, nicht eine jämmerliche Mark lag noch auf ihm!
Und ehe Frau Siedeleben noch ein Wort zu dieser Katastrophe hatte äußern können, war der wildeste Streit im Gange: die Mädchen beschuldigten die Lohndiener. Die Lohndiener aber waren gesonnen, gegen die Mädchen handgreiflich zu werden, um ihnen den vermeintlichen Raub abzujagen. Jede Partei kämpfte mit der äußersten Erbitterung, ging es doch um einen Gesamtbetrag von über hundert Mark, und das war damals noch sehr viel mehr Geld als heute. Die Mädchen bekamen Zuzug aus der Küche durch Köchin und Abwaschfrau, wild tobte der Kampf.
Aus der ehelichen Schlafstube fuhr ungnädig der Kammergerichtsrat, schon in Hosenträgern und Schlappen – er war aber nur ein Männchen. Ungehört verhallte das gefürchtete Befehlsorgan der Siedeleben; aus der Wohnung unten und aus der Wohnung oben wurde geschickt, daß dieser ruhestörende Lärm nachts um halb drei unbedingt abgestellt werden müsse ... aber der Kampf tobte weiter.
Schließlich suchten sie einander die Kleider ab: ergebnislos. Dann kam die Wohnung daran, die bei dieser Gelegenheit in eine Wüste verwandelt wurde – ohne Resultat. In der Küche erneute sich, es war mittlerweile vier Uhr morgens geworden – der Streit.
Unterdes war der erschöpfte Herr Siedeleben dafür, den Leuten einen vernünftigen Abstand zu zahlen, das Geld werde sich schon wieder anfinden.
Frau Siedeleben sagte ganz unkammergerichtlich: »Quatsch! Sie sollen mir was zahlen für den Zustand, in den sie meine Wohnung versetzt haben! Und überhaupt gehe ich gleich mit allen Sechsen zur Polizei!«
Energischer verbat sich Herr Siedeleben, der wie die meisten erfahrenen Juristen Prozesse in eigener Sache nicht liebte, jede Einmischung der Polizei. »Tu was du willst, Friederike, aber du sollst den Abstand für die Leute ja nicht aus deiner Haushaltskasse bezahlen müssen, ich trage den Schaden. Ich will jetzt endlich ins Bett gehen können und meine Ruhe haben.«
»Und ich gehe doch zur Polizei! Einer von den Sechsen muß ja der Dieb sein!«
Zu dem Streit unter den Diensten kam der Streit unter den Eheleuten, der aber bald endete. Die Sechse klopften an die Tür, traten recht trotzig ein und teilten mit, daß sie jetzt der Ansicht seien, einer von den letzten Gästen müsse das Geld eingesteckt haben. Sie hätten alles bedacht, in den letzten fünf Minuten sei keiner von ihnen dem Teller auch nur nahe gekommen, sie verlangten Namen und Adresse der letzten Gäste.
Du lieber Himmel – wie flammte da das Ehepaar Siedeleben einträchtiglich auf! Die Ehre des Kammergerichts war beschmutzt, die Achtung vor den Freunden des Hauses verletzt – und von wem? Von wem –?! Oh, es wurde nicht an Worten und Beschimpfungen gespart, alte Geschichten wurden ausgegraben, Haß entlud sich, heimliche Naschereien wurden zu Kriminalverbrechen – wer schließlich wen hinauswarf, wird ewig ungeklärt bleiben; ob die Dienstboten sich selbst entließen oder entlassen wurden, darüber gibt es zwei nicht zu vereinigende Lesarten.
Um sechs Uhr morgens saß Kammergerichtsrat Siedeleben völlig erledigt an seinem Schreibtisch, machte Gesindebücher fertig, zahlte Löhne aus (und eine Entschädigung für entgangenes Trinkgeld, von der seine Frau nichts wissen durfte), während seine Frau unterdes das Packen der Mädchensachen mit argwöhnischem Auge beaufsichtigte. Gegen sieben Uhr lag das Ehepaar endlich im Bett. Leider schlaflos – wo war das Geld? Wie bekam man die Wohnung wieder in Ordnung? Woher kriegte man mitten im Monat schnell Ersatz? Wie hielt man diesen Zwischenfall vor den Kollegen geheim? Würden die Mädchen und die Lohndiener denn den Mund halten?!
Besonders die Rätin Siedeleben hatte das Gefühl einer schweren Niederlage: diese jungen Gänschen im Senat würden es an Respekt fehlen lassen, wenn erst bekannt wurde, daß bei ihr so etwas geschehen konnte.
»Wann wirst du endlich Senatspräsident, Heinrich?« fragte sie.
Er fuhr aus seinen Gedanken auf. »Ich?« fragte er. »Ich Senatspräsident? Nie!! Und wenn ich ernannt werden sollte, würde ich es ablehnen! Ich bin völlig zufrieden mit dem, was ich erreicht habe!«
»Aber ich nicht! Du mußt einfach Senatspräsident werden ... Nach dem heutigen Vorfall ist es noch zehnmal nötiger ...«
So redete sie wenigstens noch ihren Gatten in Schlaf, sie selbst freilich blieb schlaflos. –
Manchmal, aber nicht sehr häufig, besuchten mein Bruder Ede und ich die Söhne vom Kollegen, des Vaters, Kammergerichtsrat Elbe. Obwohl Elbes in der Luitpoldstraße nur wenig Häuser von uns wohnten und obwohl die Jungens fast gleichaltrig mit uns waren, verband uns keine natürliche Freundschaft, es war nur ein von den Eltern gestifteter Bund. Sie gingen auf eine Oberrealschule, während wir ein humanistisches Gymnasium besuchten – das war schon ein Abstand wie zwischen einem Kammergerichtsrat und einem Justizsekretär. Außerdem litt der ältere, Hellmuth, an Asthma und lag oft schnaufend und übellaunisch im Bett, wenn wir kamen. Wir waren Bücherratzen, sie Bastler, so trennte uns eine ganze Welt ...
Entschlossen wir uns aber doch wieder einmal zu einem Besuch, so fanden wir ihn immer hochinteressant, nicht der Jungen, sondern des ganzen Hauses wegen. Hier betraten wir eine andere Welt ... Bei uns zu Haus ging alles mit der größten Ordnung und Pünktlichkeit zu: Auf die Minute genau wurde gegessen, vor dem Essen hatten wir regelmäßig unsere Hände vorzuzeigen, in den Stunden, zu denen Vater arbeitete, hatte die größte Ruhe zu herrschen. Kurz, es gab bei uns nichts, bis zur Ordnung in Schränken und Fächern, was nicht vorausgesehen und bestimmt war.
Bei Elbes war alles ganz anders. Hatten die Jungen Hunger, so brachen sie in Küche und Speisekammer ein und aßen, was und wann es ihnen gefiel. Sie sangen, lachten, jagten, hämmerten zu jeder Stunde. Sollte der Eßtisch gedeckt werden, erwies er sich mit Soldaten vollgestellt. Eine Schlacht war im Gange, die unmöglich wegen einer so albernen Sache wie Mittagessen unterbrochen werden konnte – kurz, die Jungen taten, was sie wollten.
Aber alle taten in diesem Haushalt, was sie wollten: Köchin, Mädchen, auch Herr und Frau Elbe. Ganz unbekümmert und stets heiterster Laune schritt Frau Elbe, erstaunlich jung und hübsch anzusehen, durch alle Unordnung und Trubel, meistens eine Zigarette im Mund, was damals noch für ganz unfein galt. Irgendeine erkenntliche Beschäftigung hatte sie nie. Meist trug sie irgend etwas in der Hand: eine Männerhose, einen Suppenlöffel, eine Vase. Aber sie schien diese Dinge abzulegen, wie es grade kam, sobald sie lästig wurden. Meist gab es dann eine Suche, während der die Suppe kalt wurde, bis der Suppenlöffel gefunden war. Übrigens machte das weder ihr noch sonst einem in diesem Hause etwas aus.
Sie war als Tochter eines Gutsbesitzers auf dem Lande aufgewachsen, und am liebsten sprach sie auch jetzt noch vom Landleben. Mit Verachtung nur erwähnte sie die dunkle Enge ihrer Stadtwohnung, den Mangel an Platz, die Unmöglichkeit, sich ordentlich zu bewegen, sich auszuarbeiten. In der Stadt gab es überhaupt keine Arbeit, die wert war, angefaßt zu werden. Während meine Mutter ängstlich bemüht war, alles Kleinstädtische abzustreifen und völlig eine Berlinerin zu werden (obwohl auch sie Berlin nicht liebte), verleugnete Frau Elbe nie ihre ländliche Herkunft. Sie hatte es fertiggebracht, als bei einem besonders feierlichen Diner alle Gäste den ersten Gang erwartend fast stumm um den Tisch saßen, mit lauter, vergnügter Stimme zu sagen: »Genau wie in meines Vaters Kuhstall, ehe das Futter kommt!« – ein Ausspruch, der natürlich auch in duldsamen Gemütern einen kalten Schauder hervorgerufen hatte! Denn wie konnte man angesichts eines Kammergerichtsrats, eines Senatspräsidenten an einen Kuhstall denken?!
Sie war einfach das Enfant terrible des Kammergerichts. Es gab unendliche Geschichten über ihre Verstöße gegen Takt und gute Lebensart. Bei dem feierlichen Antrittsbesuch eines neuernannten Kammergerichtsrat hatte im »Salon« bei Elbes frei und unverhüllt und schamlos ein ominöses Gefäß gestanden – bei diesem Bericht erinnerten sich die ältesten Damen ihres Schulfranzösisch, um Unsagbares doch zu sagen: »Wirklich und wahrhaftig un pot de chambre! Und sie nahm nicht einmal Anstoß! Sie hat ihn lachend hinausgetragen!«
Einmal war sie mit dem Senatskollegen Becker in Streit geraten, ob Fliegenpilze wirklich »so« giftig seien oder nicht. Sie verfocht nämlich die Ansicht, man könne alles essen, was da wachse, in Feld und Wald sei alles gut. Und sie verschwor sich heilig, ihrer Familie zum Beweise dessen ein Gericht Fliegenpilze vorzusetzen.
Umsonst flehte sie der immer ängstlicher werdende Kammergerichtsrat Becker an, von diesem mörderischen Beginnen abzustehen. Sie verschleppte an einem Sonntag ihre ganze Familie in den Grunewald, Fliegenpilze wurden gesammelt, und am Abend gab es bei Elbes Fliegenpilze mit Rührei und Bratkartoffeln! Freilich hatte sie die Vorsicht gebraucht, die Pilze mehrere Male abzukochen und das Kochwasser wegzugießen, so ging es denn mit gelinden Leibschmerzen ab.
»Und das nennen Sie Gift –?! Gift nenne ich, was einen wie ein Blitz zu Boden schlägt! Danen ist Rizinus auch Gift! Von Rizinus kriege ich genau solche Bauchschmerzen!«
(Daß sie es – zu allem andern – nun auch fertigbrachte, von Bauch und von Rizinus in Verbindung mit ihrem Bauch zu reden – shocking! Shocking!! Shocking!!!)
Was aber sagte Herr Kammergerichtsrat Elbe zu dieser Frau, zu dieser Unordnung, zu solcher Vermessenheit? Er sagte gar nichts dazu! Ich glaube, er merkte dies alles gar nicht. Er hatte nicht einmal eine Ahnung davon, daß eine Frau anders sein, ein Haushalt anders geführt werden, Kinder anders erzogen werden könnten. An Zerstreutheit und Weltfremdheit übertraf er jeden Professor aus den »Fliegenden« mühelos. Natürlich war er Zivilrechtler, immer über knifflichen Fragen brütend – für einen Strafrechtler lebte er zu wenig auf dieser Welt. Juristerei war ihm etwas Ähnliches wie Geometrie: rechte Winkel, zu konstruierende Dreiecke, das Berechnen von etwas Unbekanntem aus etwas Gegebenem (den Paragraphen).
Oft wenn wir Jungens ein wildes Spiel vorhatten, tat sich die Tür auf, und Herr Kammergerichtsrat Elbe trat ein. Er war ein kleiner, quittengelber, faltiger Mann mit einem kahlen Schädel, auch bartlos in jener Zeit der ungeheuren Vollbärte. Immer trug er zu Haus einen violetten, recht schäbigen Schlafrock, der ihm mit hundert Falten um die dürren Glieder hing. Meist hatte er Pantoffeln an, oft hatte er sie aber auch vergessen und ging achtlos barfuß.
Die Tür ließ er hinter sich offen und ging, ohne überhaupt zu bemerken, daß außer seinen Jungens auch noch andere anwesend waren, ans Fenster, gegen dessen Scheibe er zu trommeln anfing. Dabei sah er auf ein Blatt Papier, das er in der Hand hielt.
Oder er setzte sich ins Sofa und fing an zu lesen. Wir konnten schreien, johlen, über seine Beine fallen, nichts störte ihn. Im Gegenteil: ich glaube, er suchte grade bei seinen Grübeleien die menschliche Nähe, ohne jedoch von ihr irgendeinen sichtbaren Gebrauch zu machen. Zuerst war er uns Jungens unheimlich, später gewöhnten wir uns an ihn und beachteten ihn nicht mehr als einen Stuhl. Nie sprach er mit uns, ich bin überzeugt, nach drei Jahren wußte er immer noch nicht, wer wir waren. Wie dieser Mann dazu gekommen ist, zu heiraten und Kinder zu zeugen, kann ich mir auch in meinen wildesten Phantasien nicht vorstellen.
Ich las damals grade viel im E. T. A. Hoffmann, und all die durch seine Geschichten wimmelnden skurrilen Figuren nahmen für mich Gestalt und Wesen von Kammergerichtsrat Elbe an. Dabei soll er ein vorzüglicher Jurist gewesen sein, von einer unerschöpflichen Belesenheit – freilich ganz von der alten Observanz, für die Recht nichts Lebendiges, sondern eine Art Gedankenakrobatik bedeutete.
Ich erinnere mich besonders eines Osterfestes, bei dem seine Söhne sich den Scherz erlaubt hatten, dem Vater statt seines wegen des kahlen Schädels stets im Hause getragenen Käppis ein mit grüner Holzwolle gefülltes Ostereinest auf den Kopf zu stülpen. Ich sehe ihn da noch stehen, etwas verwirrt, aber milde verwirrt, in der einen Hand sein gewohntes Käppchen, auf dem sein erstaunter Blick ruht, mit der andern immer wieder vorsichtig das Geflecht auf seinem Kopf betastend, im Zweifel darüber, wieso er jetzt plötzlich zwei Käppchen besaß, und wieso das andere sich so ungewohnt anfaßte.
Und dieser selbe Mann war es gewesen, der bei Kammergerichtsrat Siedeleben den Trinkgeldteller entleert hatte – nicht aus schnöder Gewinnsucht natürlich, sondern aus reiner Zerstreutheit. Wie nicht anders zu erwarten, war dieser Mann in allem, was Geld anging, ein Kind. Er wußte es weder zu bewahren noch auszugeben, er konnte mit Geld überhaupt nichts anfangen. Jedesmal, wenn er auf das Kammergericht ging, legte ihm seine Frau das Fahrgeld auf die Spiegelkonsole des Flurs. Er war das so gewöhnt, daß er es, ganz ohne darüber nachzudenken, einsteckte.
Dann marschierte er zur Haltestelle der 51. Auf der 51 kannten ihn alle Schaffner und betreuten ihn mit jener gutmütig überlegenen Sorgfalt, die der Berliner für alle hat, denen er sich gewachsen fühlt. Sie nahmen ihm das Fahrgeld aus der Tasche und steckten ihm den Fahrschein dafür hinein. Dann setzten sie ihn an der Ecke der Voßstraße aus dem Wagen, wobei sie darauf achteten, daß er weder Schirm, noch Hut, noch Klemmer, noch Aktentasche vergaß, und noch im Wegfahren schauten sie ihm väterlich besorgt nach, ob er nun auch wirklich keine Dummheiten machte, sondern artig in die Voßstraße einbog.
In jener Nacht des Streits und Unheils nun hatte seine Frau ihm fünf Mark in die Hand gedrückt und ihm zugeflüstert, das Geld auf den Trinkgeldteller zu legen. Da Herr Kammergerichtsrat Elbe bereits viele Male einen solchen Auftrag fehlerlos erledigt hatte, sah sie ihm nicht nach, wie es die menschenkundigen Schaffner auf der Elektrischen taten, sondern ließ sich, auf das Freiwerden eines Spiegels wartend, in ein Gespräch ein.
Kammergerichtsrat Elbe seinerseits fand sich, ehe er zwei Schritte getan hatte, seinem Präsidenten gegenüber, der ihn ernst ermahnte, nach einem Aktenfaszikel, der unzweifelhaft in seinem Besitz sich befinden mußte, genaue Ausschau zu halten. Wieder frei geworden, fand er sich auf dem Flur, einem Teller gegenüber, der mit Silber gefüllt war. Während seine Gedanken bei dem vermißten Akt weilten, den gelesen zu haben er sich wohl erinnerte, gelang ihm, was keinem noch so geschickten Dieb unter so vielen Augen gelungen wäre: er entleerte den Teller in seine Tasche, rasch und lautlos wie ein Traumwandler. Es war eine rein mechanische Handlung, ohne wesentlichen Anteil des Hirns – dieses Geld auf dem Flur hatte ihn dämmerhaft an anderes Geld auf einem andern Flur erinnert, das er in seine Tasche zu tun hatte. So tat er's.
Es war am Tage nach jenem Diner, daß Kammergerichtsrat Elbe verloren zu seiner Frau sagte: »Ich weiß nicht, meine Hosen sind so schwer ...«
»Schwer?« fragte sie. »Wie können sie schwer sein? Was wirst du wieder hineingesteckt haben? Neulich hattest du im Mantel deinen Briefbeschwerer!«
»Den Briefbeschwerer –? Nein, der ist es nicht«, sagte er und steckte die Hand in die Tasche. Er brachte sie mit Münzen gefüllt hervor. »Es scheint Geld zu sein«, sagte er.
»Geld? Wie kommst du zu Geld?! Bist du bei meinem Geld gewesen?«
»Soviel ich weiß, nein. Das heißt, genau gesagt, ich erinnere mich dessen nicht, falls ich es gewesen sein sollte. Immerhin könnte es möglich sein ...«
»Laß einmal sehen!« Sie entleerte seine Taschen. »Es sind über hundert Mark. Nein, das kann nicht Geld von mir sein. Wie kommst du zu dem Geld, Franz, denke bitte nach.«
Er rieb sich verlegen mit zwei Fingern das Kinn.
»Ich fürchte, auch ein intensives Nachdenken von mir führt nicht zum Ziel. Im Gegenteil glaube ich mich zu entsinnen, schon seit einem längeren Zeitraum nicht mit Geld in Berührung gekommen zu sein.« Er setzte nach einigem Nachdenken hinzu: »Um genau zu sein: außer mit meinem Fahrgeld.«
»Mit welchem Fahrgeld?«
»Mit dem Fahrgeld zum Gericht.«
» Das Fahrgeld sind zwanzig Pfennig, und dies sind über hundert Mark. Das ist ein ungeheurer Unterschied!«
»Ich sehe es ein, Liebe«, sagte er kummervoll. »Es war mir ja selbst aufgefallen, wie schwer meine Taschen waren. Beim Fahrgeld habe ich so etwas noch nie beobachtet.«
»Hast du auf dem Gericht etwas ausbezahlt bekommen? Hast du der Juristischen Wochenschrift vielleicht einen Artikel geliefert? Bist du auf der Treppe dem Geldbriefträger begegnet? Hast du von einem Kollegen Geld bekommen?«
Alle diese Fragen glaubte Herr Kammergerichtsrat Elbe, mit gewissen Einschränkungen, die sein juristisches Gewissen bedingte, verneinen zu können.
»Nun, dann weiß ich auch nicht, woher das Geld kommt«, schloß Frau Elbe die Vernehmung. »Ich werde es vorläufig in Verwahrung nehmen. Gehört es jemandem anders, wird er sich ja melden.«
Da aber Frau Elbe wenig Umgang mit Kollegenfrauen hatte, so erfuhr sie erst im Senatstee der nächsten Woche, was bei Siedelebens geschehen war. Sie wurde blaß und rot bei dem Bericht, denn schon nach den ersten zwanzig Worten war ihr klar geworden, wer der Täter war, und sie begriff, daß die glücklicherweise nicht anwesende Frau Siedeleben gesonnen sein würde, ihrem Manne ernstliche Schwierigkeiten zu machen. Zuerst war sie entschlossen, niemandem, nicht einmal dem eigenen Manne etwas von der schlimmen Sache zu sagen, sondern das Geld unter einem fingierten Absender an Frau Siedeleben zu senden.
Doch sah sie bald ein, daß dies unmöglich war. Einmal widerstrebte es ihrem freimütigen Wesen, zum andern würde es das Gerede um das Zehnfache verstärken. Wenn dann auf ihren Mann geraten wurde, war er wirklich verloren.
In dieser Bedrängnis wandte sich Frau Elbe an meine Mutter, die ihr wegen ihres sanften Wesens lieb war, obwohl die Zivilrechtlerin nicht eigentlich zum Verkehrskreis der Strafrechtlerin gehörte. Meine Mutter aber mochte in einer so wichtigen Sache nichts ohne den Rat meines Vaters sagen oder tun. Mein Vater hörte den Bericht ernst an. Ihm war die Ehre des Richterstandes eine wahre Herzenssache: ohne diese Ehre hätte er weder richten noch leben mögen. Kein Geschwätz durfte auch nur den Saum der Robe des Richters beschmutzen. Er konnte in einer solchen Sache nicht nach eigenem Gutdünken handeln, er setzte sich also mit seinem Senatspräsidenten in Verbindung. Dieser war der Ansicht, daß unbedingt der Vorsitzende des Elbeschen Zivilsenates gehört werden müsse. Der Vorsitzende des Zivilsenates setzte sich mit Herrn Kammergerichtsrat Siedeleben in Verbindung, der verblüfft sagte: »So hängt das zusammen! Daran hat natürlich kein Mensch gedacht! Ich bin froh, daß es sich so aufklärt, meine Frau freilich ...«
Er versank in Nachdenken. Die Herren, zwischen ihnen die Rätin Elbe, betrachteten ihn mit Wohlwollen.
»Schließlich«, sagte er, »habe ich den Betroffenen den Schaden aus meiner Privatkasse ersetzt, nicht völlig im Einverständnis mit meiner Frau. Sie sind in alle Winde zerstoben, die Mädchen haben andere Stellungen angenommen – am besten ist es vielleicht, wir lassen die Sache auf sich beruhen. Kollege Elbe ist ein verdienstvoller Mann ...«
»Sie meinen ...«
»Wenn ich Sie recht verstehe, Kollege Siedeleben ...«
»Sie denken, auch Ihre Frau ...«
»Richtig. Ich denke, auch meine Frau braucht nichts von der Aufklärung dieses Falles zu erfahren. Es könnte zu – Unfreundlichkeiten unter Kollegen führen. Außerdem behauptet sie, der erzwungene Dienstbotenwechsel sei ein Glückstreffer ersten Ranges gewesen. Sie hat da irgendeine Perle aus Ostpreußen gefunden ...«
Alle lächelten, denn es war bekannt, daß die Siedelebenschen Perlen nur in den ersten Tagen glänzten, dann aber rasch ihren Schimmer verloren.
»Also die Sache bleibt unter uns ...«
»Und Kollege Elbe –?«
»Was hat es für einen Zweck, ihm etwas zu sagen«, sagte Frau Elbe. »Er grämt sich nur darüber, und über dem Grämen gibt es neue Konfusion.«
So geschah es, daß die Sache verschwiegen blieb, das heißt, soweit sie bei so viel Mitwissern verschwiegen bleiben konnte. Zwei aber erfuhren bestimmt nie etwas von ihr: Frau Kammergerichtsrat Siedeleben und Herr Kammergerichtsrat Elbe.
Wenn aber meine Mutter in der folgenden Zeit wieder einmal recht von oben herab durch die Kollegenfrau Siedeleben behandelt wurde, so dachte sie: ›Wenn du wüßtest, was ich weiß – du würdest nicht so reden! Aber du weißt nichts, nichts, nichts!‹
Prügel
Ich habe schon erzählt, daß mein Vater gar nicht dafür war, seine Kinder zu schlagen. In diesem Punkt hielt er es mit den Homöopathen, kurierte Gleiches mit Gleichem, similia similibus, und konnte im ganzen recht zufrieden mit den Ergebnissen seiner Erziehungsmethode sein, lag es nun an der Methode oder an den Kindern. Aber einmal habe ich doch herzhafte Prügel von meinem alten Herrn bezogen, und dieses einmalige Erlebnis hat einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht, daß ich mich seiner in allen Einzelheiten heute noch erinnere.
Ich werde damals zehn oder elf Jahre alt gewesen sein, und mein Busenfreund war zu der Zeit Hans Fötsch, der Sohn unseres Hausarztes. Wir beiden Hansen steckten, obwohl wir nicht die gleiche Schule besuchten, den ganzen Nachmittag zusammen, sehr zum Schaden unserer Schularbeiten, klebten aus Pappe und Buntpapier die schönsten Ritterrüstungen, fertigten auf Anregung des streng verbotenen Karl May den Kriegsschmuck von Indianerhäuptlingen an und halfen uns mit den noch verboteneren Kolportageheften aus: Sitting Bull oder Nick Carter. Die Serien waren endlos: hundert, zweihundert, dreihundert Hefte, all unser Taschengeld ging dafür drauf.
Übrigens muß ich damals ein ungewöhnlich sittsamer Knabe gewesen sein. Ich weiß noch, daß ich mich, zum größten Ärger von Hans Fötsch, standhaft weigerte, ihm ein Fortsetzungsheft dieser Schmöker zu leihen, und zwar nur aus dem heimlichen, nie eingestandenen Grunde, weil dem Helden in einem Augenblick höchsten Zornes das Wort »Besch.....« entfahren war. Ich schämte mich für meinen Helden, schämte mich für ihn vor Hans Fötsch.
Der Autor hatte zwar versucht, dem Schaden dadurch wieder gut zu machen, daß er eilig versicherte, dem Helden sei dies Wort nur in unsinniger Empörung über die Schurkischkeit seines Gegners entfahren, aber meine verletzte Sittsamkeit nahm doch Anstoß. Wenn solche Ausdrücke von Schurken gebraucht wurden, mochte es allenfalls hingehen – aber von einem Helden!
Im allgemeinen aber kamen Hans Fötsch und ich ausgezeichnet miteinander aus. Er war ein eher stiller Junge, mit einem trockenen, wortkargen Witz, der immer geneigt war, meinem aufgeregten, phantastischen Geschwätz zu lauschen und jede neue Idee, die in meinem wirbligen Schädel auftauchte, in die Tat umzusetzen. Beide Elternpaare sahen unsern Umgang auch recht gerne. Mein Vater versprach sich wohl eine Dämpfung meines sprunghaften Wesen davon, Doktor Fötsch aber eine Aufmunterung seines stillen Jungen. Wir hatten es auch recht bequem, Fötschens wohnten wie wir in der Luitpoldstraße, sie auf der südlichen, damals noch nicht voll bebauten Seite.
Waren also auch die Vorbedingungen zu einem glücklichen Freundschaftsbund gegeben, so habe ich doch kein rechtes Glück mit Hans Fötsch gehabt. Ich verdanke ihm drei entscheidende Niederlagen meines Lebens, Prügel und eine recht arge Blamage, die noch jahrelang in unserer Familie nachspukte.
Bei der ersten Niederlage ging es noch einigermaßen gelinde ab, trotzdem sie schon beschämend genug war. Mein guter Vater, der, soweit es seine karge Zeit erlaubte, einem sanften Sammeltrieb huldigte, hatte im Laufe seines Lebens eine recht artige Briefmarkensammlung zusammengebracht. Ihren Grundstock bildete eine wirklich wertvolle Reihe alter deutscher Marken, die er einst auf dem Boden des Pflegevaters meiner Mutter beim Umherstöbern gefunden hatte. Denn dieser Pflegevater, ein uralter Notar, hatte auf dem Boden seines Hauses Akten über Akten seiner Vorgänger gestapelt, und in diesen Akten lagen Briefe, alte Briefe, mit Thurn-und-Taxis-Marken, mit dem mecklenburgischen Ochsenkopf, mit den roten Hamburger Türmen, wirklich kostbare Stücke.
Was später noch dazu gekommen war, konnte sich an Rang nicht mit diesen ersten Funden messen. Immerhin hatte mein Vater als Amtsrichter auf kleinen hannoverschen Gerichten immer wieder Gelegenheit, das eine oder andere schöne Stück aus halb vermoderten, von Mäusen angefressenen Akten dazuzutun. Da er nun ein von Natur sparsamer Mann war, auch dies Sammeln nie bei ihm zur wahren Leidenschaft wurde, hatte er stets die Anschaffung eines Briefmarkenalbums verschmäht. Auf einzelnen Blättern eines zart gelblichen Quartpapieres waren die Marken mit der saubersten Akkuratesse aufgeklebt, und mit seiner zierlichen Hand waren die Blätter beschriftet worden.
Schon einmal hatte mein Vater bei dieser Sammlung einen herben Verlust erlitten. Ein ihm leider beruflich vorgesetzter echter Sammler von der schamlosen Sorte hatte sich die Sammlung seines Untergebenen »zwecks Vergleichung« erbeten. Nie hatte mein Vater sie wieder vollständig zurückbekommen, viele der wertvollsten Stücke blieben fehlend, trotz allen Drängens – und zu sehr mochte mein Vater nicht drängen, im Interesse seines Vorwärtskommens. Auch in der angeblich guten alten Zeit konnte ein böswilliger Vorgesetzter einem jungen Landrichter manches nicht wieder gutzumachende Böse antun!
Aber das war nun schon seit vielen Jahren vergeben und vergessen. Über die häßlichen Lücken hatten sich andere, wenn auch nicht gleich wertvolle Marken hingezogen, zu kahl gewordene Blätter hatte Vater umgeklebt. Und nun war da ich, ein hoffnungsvoll heranwachsender Knabe, aber mit einer nicht zu übersehenden Neigung zur Unordnung und Grundsatzlosigkeit. Nie konnte ich genaue Angaben darüber machen, wo eigentlich mein horrendes Taschengeld von fünfzig Pfennigen in der Woche blieb, nie hatte ich Geld, stets verlangte ich Vorschüsse.
Mein Vater glaubte fest daran, daß jedem Menschen ein Spartrieb angeboren sei. Jeder wollte doch vorwärtskommen im Leben, und jeder sah gerne, wenn seine Kinder mehr wurden als er. Wie sollte da ich, sein und seiner ebenso sparsamen Frau Sohn, dieses urmenschlichen Triebes ganz entblößt sein –?! Er war da, er mußte da sein, meines Vaters Aufgabe war es, ihn zu entwickeln! Da dies mit Geld nicht gelang, trotzdem mir mein Vater ein Kontobüchlein geschenkt hatte, in das ich Einnahmen und Ausgaben eintragen sollte – ich benutzte das Heft alsbald als Bücherverzeichnis –, so gedachte Vater über den Sammeltrieb den Spartrieb zu entwickeln.
Wenn ich nun mit einer guten Zensur nach Hause kam, wenn ich beim Zahnarzt mutig gewesen war, wenn ich eine Woche lang meinen Lebertran ohne erhebliche Revolte genommen hatte, bei all solchen lobenswerten Anlässen überreichte mir mein Vater ein volleres oder leereres Blatt seiner Briefmarkensammlung. Erlaubte es ihm seine Zeit, erzählte er mir auch einiges, wie und wo er einzelne Marken »ergattert« hatte (es war sein Stolz, daß er nie einen Pfennig dafür ausgegeben hatte). Oder er berichtete mir auch von den Ländern, aus denen sie kamen, nahm Reisebeschreibungen aus seiner Bücherei und suchte so ein Band zwischen mir und den Marken zu knüpfen.
Zu Anfang schien ihm dies auch zu gelingen. Da er aus Vorsicht mit den weniger wertvollen Marken, späteren Erwerbungen durch Tausch, anfing, so sah ich mit Vergnügen die bunt bebilderten Marken Südamerikas an: mit Vögeln, Landkarten, Palmen, Affen, Städteansichten. Ab und zu wagte ich sogar ein oder zwei Groschen meines Taschengeldes daran und ergänzte einen »Satz«. Dann lobte Vater mich.
Aber je höher wir mit der Zeit im Werte kamen, um so mehr langweilten mich die gezähnten und ungezähnten Papierstückchen. Zahlen, immer nur Zahlen standen darauf, und die leuchtenden Farben wurden immer stumpfer, gingen immer mehr ins Gräuliche und Bräunliche über. Sie langweilten mich, ich fand es je länger je mehr höchst betrübend, daß ich statt eines Talers für eine gute Zensur immer nur diese langweiligen Blättchen erhielt. Ich sah sie kaum noch an. Wenn ich mein artiges Danke schön, in dem doch schon Enttäuschung mitschwang, gesagt hatte, stopfte ich das Blatt achtlos zu den andern in eine Kommodenschieblade.
Ganz entgangen ist meinem Vater dieser Stimmungsumschwung wohl nicht. Eindringlicher als sonst suchte er mir begreiflich zu machen, wie kunstvoll diese kleinen Blättchen ausgeführt waren, wie sauber in Zeichnung und Stich. Und als dies nicht verfangen wollte, wies er auch – wenn schon widerstrebend, denn so etwas lag ihm gar nicht – auf den hohen Wert mancher Stücke hin, um meine Besitzerfreude anzustacheln.
Aber es half alles nichts. Heimlich grollte ich weiter mit Vater. Wie viele Wünsche hätte ich mir mit einem Taler erfüllen können! Ich törichter Tropf kam gar nicht auf den Gedanken, daß ich mir durch den Verkauf einer einzigen Marke die Wünsche eines Viertel-, eines halben Jahres hätte erfüllen können. Ich machte meine Dummheiten, wie auch später im Leben, unbegreiflich gründlich.
Da war nun mein Freund Hans Fötsch, und Fötsch war ein echter Sammler. Er sammelte sowohl Brief- wie Siegelmarken, wie Stollwerck-, wie Liebigbilder. Von diesem allen schienen mir die Liebigbilder am begehrenswertesten. Einmal waren sie selten, denn jedem so lange reichenden Fleischextrakttöpfchen lag nur ein Bild bei. Zum andern zeigten sie Szenen aus den Pampas, mit Toros, Haziendas, Gauchos, Lassos, Indios – alles Dinge, die meine Phantasie entzündeten. Viele hundert dieser Bilder hatte Hans Fötsch zusammengebracht, manche waren noch frisch wie aus der Presse, andere trugen die lebhaftesten Spuren von vielen schmierigen Jungenshänden, durch die sie gegangen waren, und dies schien sie mir noch begehrenswerter zu machen. Ich weiß nicht mehr, wer von uns beiden der Versucher war, aber eines Tages war das Geschäft gemacht: ich war der Besitzer eines dicken Stapels von Liebigbildern, meine Briefmarken aber waren sämtlich zu Hans Fötsch hinübergewechselt. Ganz wohl ist uns beiden bei diesem Tausch nicht gewesen. Wir schwuren uns strengste Geheimhaltung, und in der ersten Zeit verbarg ich auch meinen Bilderschatz ängstlich vor den Augen von Geschwistern und Eltern.
Aber ein Kind vergißt rasch, und so war der Tag nicht fern, da mich meine Mutter über meinen Bildern antraf.
»Wo hast du denn die alle her, Junge?« fragte sie, erst noch harmlos erstaunt.
»Och –!« sagte ich. »Sind sie nicht großartig? Kuck mal, Mutter, das ist 'ne Kaffeeplantage! Hast du gewußt, daß der Kaffee auf so kleinen Bäumen wächst?«
Aber meine Mutter kannte ihre Pappenheimer. Grade daß ich so harmlos tat, machte mich ihr verdächtig.
»Hübsch!« sagte sie. »Und von wem hast du all die Bilder? Es müssen doch ein paar hundert sein.«
»Fünfhundertdreißig!« sagte ich stolz.
»Und wer hat sie dir gegeben?«
»Och –!« sagte ich wieder. »So Jungens ...«
»Was für Jungens?« fragte sie erbarmungslos weiter. »Wie heißen sie?«
Wieder nur: »Och!« Und schließlich: »So Schuljungens ...«
Jetzt war meine Mutter fest davon überzeugt, daß etwas Verbotenes hinter der Sache steckte.
»Hans!« sagte sie fast aufgeregt, »da stimmt was nicht. Ich will die Namen von den Jungens wissen!« Und als ich noch immer zögerte: »Wenn du sie mir nicht sagst, gehen wir zusammen zu Vater! Vater wirst du sie schon sagen!«
Diese Drohung erschreckte mich sehr, denn ich gedachte der fehlenden Briefmarken. Ich bequemte mich also zu dem Geständnis, daß Hans Fötsch der Geber gewesen sei.
Meine Mutter atmete ein wenig auf. »Gottlob, der Hans Fötsch!« sagte sie. Dann nachdenklich: »Und was hast du Hans Fötsch dafür gegeben? Hans ist ein guter Junge, aber er schenkt nicht gerne was weg.«
»Er hat sie mir doch so gegeben, Mutter!«
»Du schwindelst, Hans, ich sehe es dir ja an!«
»Wirklich und wahrhaftig, Mutter!« versicherte ich und versuchte, nach dem Spiegel zu schielen, ob ich tatsächlich rot geworden war.
»Nein, du lügst, Hans«, sagte meine Mutter, ihrer Sache jetzt ganz sicher. »Und wenn da mir die Wahrheit nicht sagen willst, müssen wir doch zu Vater gehen.«
Nun versuchte ich, mich aufs Bitten zu legen. Ich wollte Mutter alles sagen, nur sollte sie mir versprechen, Vater nichts davon zu erzählen.
Aber Mutter ließ sich auf nichts ein. »Du weißt, ich habe nie Heimlichkeiten vor Vater. Und wenn es etwas Verbotenes ist, muß Vater es erst recht erfahren. Komm, Junge, wir gehen gleich zu Vater. Du weißt, Vater ist nie schlimm, wenn ihr offen und ehrlich gesteht, was ihr falsch gemacht habt. Nur Lügen haßt er ...«
Aber ich zog es vor, erst einmal Mutter meine Schandtat zu gestehen. Ich wollte sehen, wie sie auf sie wirkte. Mutter war so erschrocken, daß sie sich glatt hinsetzte.
»Junge, Junge!« rief sie ganz ängstlich. »Wie konntest du das nur tun! Papas schöne, kostbare Briefmarkensammlung, auf die er so stolz ist! Für die dummen schmutzigen Bilder weggegeben! Ich weiß gar nicht, wie ich das Vater erzählen soll – er wird sehr traurig werden, Hans! Achtest du denn gar nicht, was Vater dir geschenkt hat –?!«
Ich bemühte mich, Tränen in den Augen, Mutter zu versichern, daß ich Vaters Geschenke sehr wohl schätze, daß ich aber Liebigbilder hübscher fände ...
»Ach, Hans, wie dumm du bist!« rief Mutter. »Für ein Zehntel der Briefmarken hättest du dir Tausende und Tausende von solchen Bildern kaufen können! Dein Freund hat dich bei dem Tausch richtig reingelegt, ich finde das aber gar nicht hübsch von Hans Fötsch!«
Mutter dachte nach. Ich wartete angstvoll darauf, daß sie mit dem theoretischen Teil, nämlich mit den Vorwürfen, fertig sei und zu dem praktischen übergehen würde, nämlich ob sie es Vater sagen würde oder nicht. Aber Mutter fand eine andere, noch schlimmere Lösung. »Weißt du was, Junge«, sagte sie ganz eifrig. »Nimm die Bilder und lauf gleich zu Hans Fötsch hinüber. Du kannst ihm ja meinetwegen sagen, deine Mutter erlaubt den Tausch nicht.«
»Aber Mutter!« rief ich erschrocken. »Das kann ich doch nicht! Ich hab ihm doch mein großes Ehrenwort gegeben, euch nichts davon zu erzählen. Wie stände ich denn da vor ihm –?!!«
Doch hielt meine Mutter von großen Ehrenwörtern nicht viel. »Ach, Unsinn, ihr mit euern Ehrenwörtern!« rief sie ärgerlich. »Ihr seid doch bloß Jungens, und du bist ein Junge, der tüchtig reingelegt worden ist! Gib deinem Herzen einen Stoß, Hans, und laufe zu Fötsch hinüber!«
»Er gibt mir die Marken bestimmt nicht wieder, Mutter.«
»Er muß es ja tun. Er wird ganz genau wissen, daß er dich reingelegt hat. Er hat auch Angst, daß seine Eltern was erfahren, verlaß dich drauf!«
Aber ich widerstand meiner Mutter hartnäckig. Ich wollte mich nicht vor dem Freund blamieren. Ich wollte nicht ›ehrlos‹ vor ihm werden. Und außerdem, was ich Mutter aber nicht zu sagen wagte, hatte Vater mir die Marken doch richtig geschenkt, als Lohn für mancherlei vorzügliche Leistungen, und mit seinem Eigentum kann jeder machen, was er will. Fand Vater die Marken so kostbar, hätte er sie mir nicht schenken dürfen. Ich hatte ihn nicht darum gebeten! Ich fand die Bilder nun einmal noch immer schöner ...
So argumentierte ich und widerstand der Mutter. Traurig ging sie von mir fort, unverrichteter Sache. Und traurig verlief auch das Abendessen. Vater, der sicher schon alles wußte, war sehr still, sah mich nur manchmal prüfend an. Aber nach seiner Art enthielt er sich jeder Einmischung, die Sache war in Mutters Händen, er wartete still ab ... Nie erlaubten sich die Eltern Übergriffe eines in die Sphäre des andern. Sie halfen einander nur, wenn die Hilfe gewünscht wurde.
Schlimm war die Nacht. Manchmal fand auch ich, ich hätte diesen Tausch nicht ohne Vater zu befragen machen dürfen, und noch öfter entdeckte ich einen gewissen Zorn in meinem Herzen, daß Hans Fötsch mich so hereingelegt hatte. Dann hörte ich Vater singen, wie er es manchmal in seinem milden Spott tat: ›Ja, ich bin klug und weise, und mich betrügt man nicht!‹ Ich kam mir wirklich nicht sehr klug vor.
Aber dann dachte ich wieder an die geliebten Liebigbilder. Ich machte mir klar, daß ich sie richtig würde weggeben müssen, für immer, und ich fand sie doch so schön! Nein, ich konnte es nicht! Ich brachte es nicht übers Herz! Es war ungerecht von Mutter, so etwas von mir zu verlangen. Nie würde ich mich von diesen Bildern trennen.
Am Nachmittag des nächsten Tages saß ich wieder über ihnen. Doppelt wert waren sie mir jetzt geworden! Ich ordnete sie nach einem ganz neuen Gesichtspunkt: Indios zu Indios, Toros zu Toros, Haziendas zu Haziendas. Da kam jemand ins Zimmer, sah über meine Schulter auf die Bilder, meiner Mutter Stimme sprach: »Junge, tu uns doch die Liebe! Überwinde dich dies eine Mal!«
Dabei hatte die Mutter die Hand sachte auf mein Haar gelegt.
Ich aber schwieg, und Mutter ging still, ohne ein weiteres Wort, aus der Stube.
Nun wollte ich die Bilder weiter ordnen, aber es gelang mir nicht. Ich machte einzelne Stöße aus ihnen, legte Gummibänder darum, sah sie eine Weile schweigend an. Dann stand ich auf, steckte, so viel hineingingen, in die Taschen, nahm die andern in meine Hände und machte mich auf den Weg zu Hans Fötsch.
Ach, mein Herz war gar nicht leicht, nicht im geringsten hatte ich das Gefühl, etwas Verdienstvolles zu tun. Aber da war eine Stimme in mir, die sagte, ich müsse es tun, auch wenn es schwer sei, ich dürfe die Eltern nicht so enttäuschen ... Ich könnte es nicht einmal, mein Herz sei nicht geschaffen dafür ... So ging ich, wider Willen ...
Ich kann nicht behaupten, daß Hans Fötsch mich mit meinem Anliegen freundlich aufnahm. Als geborener Optimist hatte ich mir eingebildet, er wenigstens werde mir jetzt keine Schwierigkeiten machen. Aber er versteifte sich auf den Satz »Geschäft ist Geschäft« und schlug mich mit meinen eigenen Argumenten, ich habe ihm mein Wort gegeben und ich habe stets behauptet, die Marken gehörten mir. Ins Eigentum aber habe selbst mein Vater mir nichts hineinzureden.
So mußte ich mit schwererem Geschütz auffahren: mit dem gegenwärtigen Zorn meines Vaters und dem zu erwartenden des seinen. Ich befand mich in einer recht zerrissenen Lage: wohl entfachte Fötschens Widerspruch meinen Eifer, ihn doch zu zwingen, aber im Innersten wünschte ich dabei, er möge sich nicht zwingen lassen, und ich könne dies meinen Eltern – immer noch Besitzer der Bilder – melden.
Aber er ließ sich leider zwingen. Er machte ein paar mürrische Redensarten, mit mir werde er auch nie wieder ein Geschäft machen, und er wisse jetzt, was von meinem großen Ehrenwort zu halten sei, aber er nahm doch die Liebigbilder in Empfang. Meine Marken freilich könne er mir nicht sofort zurückgeben, er habe sie in sein Album geklebt, da und dort, an vielen Stellen. Er müsse sie erst, wenn er Zeit habe, wieder ablösen. Einige Dubletten habe er auch getauscht, auf die könne ich keinesfalls rechnen.
Ziemlich kühl trennten wir uns. Zu Haus freilich wurde ich von der Mutter recht freundlich empfangen. Sie belobte mich, daß ich mein Herz überwunden habe, und auch der Vater schaute mich wieder gut wie sonst an. Beide Eltern waren immer bereit, den guten Willen für die Tat zu nehmen.
In der Folge aber ist es mir ergangen wie meinem Vater mit seinem Vorgesetzten: manchen Mahn- und Bittgang habe ich zu Hans Fötsch machen müssen, ehe er mir ein Häuflein Briefmarken aushändigte: »So, das ist alles! Mehr habe ich nicht von dir!«
Selbst mein unsammlerischer Sinn erkannte, daß nur die wenigsten Stücke in diesem Schurr-Murr aus Vaters Sammlung stammten. Aber ich war der ganzen Sache müde, ich mochte nicht weiter in Hans Fötsch dringen. Trübe sah auch Vater auf das Häuflein.
»Ja, Hans, meine schöne Sammlung ist nun endgültig dahin, und du wirst es mir in Zukunft nicht übel nehmen können, wenn ich es mir sehr überlege, ehe ich dir wieder etwas Gutes schenke. – Ich glaube, das beste ist, du gibst diese Marken deiner Schwester Itzenplitz. Sie hat schon eine ganz hübsche Sammlung und wird diese Reste besser verwenden können als du.«
So tat ich, und hatte nun weder Marken noch Bilder. Manchmal aber grübelte ich darüber nach, was nun eigentlich als Lohn meiner Selbstüberwindung herausgekommen war: Vater war doch ohne Sammlung, ich ohne Bilder, und der Freund war gekränkt. Es schien kein überzeugendes Resultat zu sein.
Hiernach waren meine Beziehungen zu Hans Fötsch eine Zeitlang recht kühl. Wir erwählten uns andere Busenfreunde und sprachen nur das Nötigste auf der Straße, trafen wir uns einmal. Aber in der Jugend vergißt man schnell, besonders ich habe schon früh die Neigung gehabt, alle unangenehmen, besonders aber die mich beschämenden Erlebnisse so schnell wie möglich zu vergessen. Und Hans Fötsch, der Gewinner bei diesem Zwischenfall, hatte ja kaum Ursache, länger mit mir böse zu sein.
So sind wir beide eines Tages wieder im besten Einvernehmen. Damals sprach ganz Berlin von dem Warenhausneubau, der am Leipziger Platz und in der Leipziger Straße entstanden war, rühmte den Bärenbrunnen und den Wintergarten, den ungeheuerlichen Luxus des Lichthofes und pilgerte, sooft es irgend ging, dorthin, ob nun ein Einkauf nötig war oder nicht.
Und wir Jungen machten es nicht anders. Zwar hatten die Portiers Anweisung, allein kommende Kinder nicht in den Bau zu lassen, aber wir wußten uns schon zu helfen. Rasch wählten wir in der Vorhalle eine dickliche, nicht gar zu energisch aussehende Madam und gingen nun sittsam rechts und links von ihr durch die verbotene Pforte, wobei wir uns, an ihr vorbei, eifrig unterhielten.
Waren wir dann erst im Bau, so streiften wir ihn von oben bis unten ab. Lange schien es, als kämen wir nie mit ihm zu Ende. Immer wieder entdeckten wir neue Abteilungen, drangen in völlig Unbekanntes ein. Wir müssen dabei Ähnliches empfunden haben wie Livingstone oder Stanley, als sie in den Schwarzen Erdteil vorstießen. Und alles war mit den wunderbarsten Schätzen gefüllt. Wir träumten davon. Wir unterlagen derselben Verblendung wie ganz Berlin, das sich in jener Zeit, da solcher Prunk noch neu war, in den Gängen und vor den Tischen drängte: eine fieberische Besitzgier, eine wahre Kaufwut hatte alle erfaßt. Hier sah auch der Ärmste die Reichtümer der Welt vor sich ausgebreitet, nicht in Läden verstreut, die zu betreten er nie gewagt hätte, sondern gewissermaßen grade für ihn zurechtgelegt ...
Noch als wir das ganze Warenhaus besser kannten als die dritte Konjugation mit monere, blieb es doch weiter das einzige Ziel unserer Spaziergänge. Es war ja ein ziemlich weiter Weg von der Luitpoldstraße bis zum Leipziger Platz, aber auch dieser Weg war nicht allen Zaubers bar. Wir liefen entweder durch die Martin-Luther-Straße über den Lützowplatz am Landwehrkanal entlang, den ich schon als Junge ganz besonders geliebt habe, oder wir gingen durch die Kleist- und Bülowstraße, wo die Riesenbuddeleien und Rammereien für den Bau der Hoch- und Untergrundbahn nicht enden zu wollen schienen. Dann bogen wir in die Potsdamer Straße ein, die mit ihren vielen Schaufenstern auch zum Verweilen lockte.
Im Warenhaus hatten wir unsere Lieblingslager, vor allem das Bücherlager selbstverständlich und die Spielwarenabteilung. Aber ich speziell bevorzugte besonders die vergleichsweise leere Bettenabteilung. Da ging ich gerne auf und ab. Ich liebte das Ansehen und den Geruch der steifen roten, blauen und gestreiften Inlettstoffe, ich liebte die großen Kästen, mit einer Glasscheibe an ihrer Vorderseite, in denen so leicht und duftig die Bettfedern lagen, von der feinsten Eiderdaune bis zur grob gesplissenen Hühnerfeder. War aber gar erst die große Maschine zum Reinigen der Bettfedern in Gang, und ich konnte hineinsehen in den tanzenden, sich drehenden Wirbel aus Federn und Staub, so kannte mein Entzücken keine Grenzen!
Hans Fötsch wieder bevorzugte die Lebensmittelabteilung. Da ging er mit seiner sommers wie winters sprossigen Nase genußsüchtig witternd auf und ab, sah andächtig zu, wie herkulische Fleischer mit Rindervierteln und Schweinehälften jonglierten, wie starke Hirsche ausgeworfen wurden, und stand zum Schluß am längsten vor den Glasbassins mit den lebenden Flußfischen. Blau- und gelbschuppige Karpfen bewegten sich dort, träge die Flossen rührend, während ihre Erbfeinde, die Hechte, jetzt ohne alle Angriffsabsicht still und reglos über dem Grunde standen, auf dem sich Aale verknäult hatten.
Zum Schluß gingen wir meist noch in die Uhrenabteilung, die leider nur klein war. Wir lauschten andächtig dem Ticken vieler, vieler Uhren. Es schien hier gewissermaßen eine Werkstatt der Zeit zu sein, dieses unbegreifbaren Dinges Zeit, das wir nie verstehen konnten, das uns jeden Tag unfaßlich verwandelte, uns uns selber immer fremder machte. Dieser unheimlichen Zeit schienen wir hier näher gekommen beim Kuckucksruf der Schwarzwälder Uhr, beim Gongschlag der Standuhren und Regulatoren, und vor allem bei jenen Uhren, die wir »Schleifuhren« getauft hatten. Sie saßen unter einem Glassturz, und das blanke, messingpolierte Werk bewegte sich offen vor unsern Augen, vorwärts, rückwärts, immer eine halbe Drehung, völlig lautlos, aber eben sichtbar. So stellte ich mir »Zeit« vor: rückwärts, vorwärts, vor allem aber lautlos.
Sahen wir dann wirklich einmal auf das Zifferblatt dieser Uhren, so entdeckten wir oft, daß es zum Heimlaufen schon viel zu spät war. Willig opferten wir den letzten Groschen unseres Taschengeldes und fuhren mit der Elektrischen. Glücklich und strahlend kamen wir daheim an, verrieten aber, um einem etwaigen Verbot vorzubeugen, den Eltern nie das Ziel unserer Exkursionen. Wir waren ganz einfach spazieren gegangen. Wohin? Och ...
Dann kam ein Tag unter den Tagen, da der Zauber des Warenhauses für uns verblaßt war. Wir gingen ratlos darin umher und begriffen weder, warum wir dies einmal hinreißend schön gefunden hatten, noch warum es jetzt plötzlich nicht mehr schön sein sollte. Wir suchten unsere besten Attraktionen auf: sie blieben ohne alle Wirkung auf uns. Wir fanden alles einfach langweilig. Die Zauberbetten hatten jetzt die überzeugendste Ähnlichkeit mit unsern Betten zu Haus, in denen wir jede Nacht ohne Aufhebens schliefen. Der Käse stank, und die Karpfen riefen die Erinnerung an »Karpfen polnisch« wach, den es zu Silvester gab und der uns nicht grade besonders schmeckte.
War diese Entdeckung schon schlimm genug, so war die Lösung der Frage: Was fangen wir mit unserm langen freien Nachmittag an? noch viel heikler. Wir waren das Herumstromern so gewöhnt, daß uns bei dem Gedanken, daheim in unsern Buden über Büchern zu sitzen, entsetzte. Unser Sitzfleisch juckte uns.
Schließlich machte Hans Fötsch einen Vorschlag, der mir einleuchtete: »Wir gehen einfach durch die Linden zum Schloß, da bin ich lange nicht gewesen. Wollen doch mal sehen, ob SM zu Hause ist.«
Wir verließen also das Warenhaus durch den Ausgang nach der Voßstraße und gingen am düsteren Justizministerium vorbei durch die Wilhelmstraße zu den Linden. Es war ein trüber, aber trockener Nachmittag im November. Auf dem Mittelweg unter den mächtigen Linden klebte das feuchte, tote Laub sich an unsern Schuhen fest. Die prunkvollen Läden anzusehen, verschmähten wir, wir waren von Prunk gesättigt.
Als wir aber in die Nähe der Passage kamen, meinte Hans Fötsch, wir könnten uns wenigstens den Eingang von Kastans Panoptikum ansehen. Diese Wachsfigurenschau genoß damals bei den Berlinern großes Ansehen. Fötsch war schon ein paarmal darin gewesen, mich hatten noch immer Geldmangel und ein strenges Verbot vom Vater ferngehalten. Der dicke, goldbetreßte Portier imponierte mir schon sehr, als ich mich dann aber durch die Neugierigen vor dem Schaufenster gedrängt hatte, kannte mein Entzücken keine Grenzen.
Vor einem panoramaartig gemalten Hintergrund, der eine märkische Kiefernlandschaft zeigte, sogar mit einem azurblauen Seezipfel, stand ein schlanker Herr in schwarzem Gehrock mit grau gestreiften Hosen, auf dem Haupte einen Zylinderhut. Das etwas blasierte Gesicht hatte hübsche rote Bäckchen, im Auge trug der Herr ein blitzendes Monokel, und sein schöner brauner Vollbart lag so untadelig in Locken, als habe ihn eben erst der Hoffriseur des Kaisers, Herr Haby, gekräuselt.
In der Hand hielt dieser Herr einen Revolver, gesenkt zur Erde, und der Blick seiner etwas blöden Puppenaugen war auf einen ihm zu Füßen liegenden, ähnlich gekleideten Herrn gerichtet, auf dessen weißer Hemdenbrust ein bräunlich-roter Fleck sichtbar war. Dieser Erschossene, mit grauenhaft naturgetreu brechendem Blick, vertrat aber den schwarzen, bleichen Typus. Ein Kind sah sofort, daß dies der Schurke, der Blonde aber der Held war, der dem Schuft die verdiente Strafe erteilt hatte. Unter dem Ganzen stand »Der Rächer seiner Ehre«, und die Szene war sicher eine Darstellung der damals recht häufigen Duelle, in denen der betrogene Gatte nicht so sehr die eigene Ehre wie die seiner Frau zu rächen meinte.
Wie gesagt, diese Gruppe machte in ihrer maskenhaften Starrheit und dabei doch mich völlig überzeugenden Lebendigkeit den tiefsten Eindruck auf meine Phantasie. Das Groteske in der Darstellung, vor allem, daß der Erschossene mit seinen Füßen gegen die Schuhe des Gegners stieß (was durch die Enge des Schaufensters bedingt war), störte mich gar nicht. Ich stand sehr lange vor der Gruppe, beobachtete jedes Detail: die am Boden liegende Pistole des Erschossenen, ein Bündel verstaubtes Heidekraut, das direkt neben der bleichen Wange der Leiche lag, die gelbliche Wachshand mit den langen bläulichen Wachsnägeln.
Dann begann meine Phantasie zu arbeiten, und ich stellte mir vor, was das überlebende Puppengesicht nun wohl tun würde. Die Frage, was er mit seiner Pistole tun sollte, beschäftigte mich sehr. Würde er sie zu der andern legen oder sie offen in der Hand nach Hause tragen? Wie kam er überhaupt nach Haus? Selbst wenn dies der Grunewald war, also nächste Nähe Berlins, schien mir seine Kleidung für einen Spaziergänger doch zu auffallend, auch wenn es ihm gelingen sollte, die Pistole in den Schößen seines Rockes zu verbergen.
Ich prüfte jede Einzelheit des Panoramas, es fand sich aber nicht die geringste Andeutung auf Sekundanten, einen wartenden Wagen. Aber – würde er überhaupt fliehen wollen? Oder würde er sich stellen? Ich wußte vom Vater, daß diese Art der Tötung beinahe erlaubt war. Es gab »bloß« Festung dafür, und Festung war nichts Ehrenrühriges. Ich überlegte mir, was ich in der Lage des Lockenbartes tun würde, aber ich wußte es auch nicht ... Am besten fuhr man wohl rasch nach Hamburg und wurde Schiffsjunge, aber wenn man ein Monokel trug und einen Vollbart hatte, konnte man wohl kaum Schiffsjunge werden ...
Ich hätte wohl noch lange vor der Wachsfigurengruppe gestanden. Aber Hans Fötsch stieß mich an, und wir gingen weiter, auf das Schloß zu. Währenddessen erzählte mir mein Freund mancherlei aus dem Panoptikum. Es gab »saublöde« Sachen darin wie Schneewittchen mit den sieben Zwergen, so richtiger Weiberkram im offenem Haar und rosa Schleifen am Kleid, aber es gab auch eine Schreckenskammer zu sehen (für einen Groschen extra) und ein anatomisches Museum (zwei und einen halben Groschen extra), in dem man ganz genau sehen konnte, wie verschieden Männer und Frauen gebaut waren. Bei diesem Umstand verharrte Hans Fötsch mit einer gewissen Hartnäckigkeit, fand aber bei mir wenig Aufmerksamkeit. Dieses interessierte mich (noch) nicht. Immerhin faßte ich den Entschluß zu äußerster Sparsamkeit in den nächsten Wochen, um eines Tages viel an Kastans Panoptikum verschwenden zu können.
Das Schloß lag grau und düster unter dem grauen und düsteren Novemberhimmel. Unser Kaiser, den wir nach Berliner Gewohnheit nur SM – Abkürzung für Seine Majestät – nannten, war mal wieder unterwegs, keine Kaiserstandarte wehte auf dem Flaggenmast. Nun, es war kein Wunder. Nicht umsonst hieß er der Reisekaiser, er hielt es nirgendwo lange aus. Die Fanfare seines Autos Tatü! Tata! klang all seinen Untertanen mit »Bald hier, bald da!« in den Ohren.
Nach einem kurzen Zögern entschlossen wir uns, in ganz unbekannte Gegenden vorzustoßen, der Turm des Rathauses der Stadt Berlin, des Roten Schlosses, winkte uns. Wir folgten diesem Wink und pilgerten weiter bis zum Alexanderplatz, von wo uns der Zufall in das Scheunenviertel trieb.
Diese Unterwelt, die wir hier betraten, erregte unser lebhaftes Staunen, von diesem Berlin hatten wir noch nichts gesehen. Das ganze Leben seiner Bewohner schien sich auf der Straße abzuspielen, alles stand dort herum, in den unglaublichsten Aufzügen, schnatterte, stritt miteinander ... Jüdische Händler im Kaftan mit langen, schmierigen, gedrehten Löckchen, Kleider über dem Arm, strichen durch die Menge und flüsterten bald hier, bald dort Anpreisungen. Vor einem Kellereingang saß ein dickes, schmieriges Weib, hatte den Kopf eines jaulenden Pudels zwischen die Beine geklemmt und schor ihm mit einer Art Rasenschere den Hinterteil.
Und überall gab es Händler. Händler mit heißen Würstchen, mit »Boletten« aus prima kernfettem Roßfleisch, das Stück 'nen Sechser, mit Schlipsen (der janze Adel trägt meine Binder!), mit Seife und Parfüms. An einer Ecke prügelten sich ein paar Kerle, umringt von einem Kreis von Zuschauern, die, trotzdem schon Blut floß, weiter höchst amüsiert blieben. Mir, dem Juristensohn, fiel zuerst das völlige Fehlen von »Blauen« auf, von Schutzleuten also.
In diesen engen Gassen schien ein aller Ordnung und Gesetzmäßigkeit entzogenes Leben zu herrschen. Bisher hatte ich fest daran geglaubt, daß, was in der Luitpoldstraße galt, mit geringen, durch die Stufen reich und arm bedingten Abweichungen überall galt. Hier sah ich nun, wie der eine Kerl sich über den zu Boden gestürzten Gegner warf, der kaum noch bei Besinnung war, und ihm unter dem johlenden Beifallsgeschrei der Zuschauer immer wieder den blutigen Kopf gegen das Pflaster schlug.
Es wurde uns unheimlich, wir machten, daß wir davonkamen. Aber an der nächsten Straßenecke hielt uns ein Kaftanjude an, flüsternd, in einem kaum verständlichen Deutsch schlug er uns vor, ihm unsere Wintermäntel zu verkaufen. »Zwei Mork das Stück! Und eurer Momme seggt ihr, ihr hebbt se verloren ...«
Dabei fing er schon an, mir meinen Mantel aufzuknöpfen.
Mit Mühe riß ich mich los, Fötsch und ich fingen an zu laufen. Aber das war nicht richtig. Denn nun fing die Jugend an, auf uns aufmerksam zu werden. Ein großer Junge, den ich angerannt hatte, rief: »Du bist wohl von jestern übrig jeblieben –?!« und gab damit das Signal zu einer Jagd auf uns.
Wir rannten, was wir konnten, durch ein Gewirr von Gassen und Sträßchen, ratlos, wann und wo dies einmal ein Ende nehmen würde. Eine ganze Horde stürzte schreiend, lachend, hetzend hinter uns her. Ein großer Kerl, durch den Lärm aufmerksam geworden, schlug nach Hans Fötsch. Aber der lief weiter, nur seine Mütze fiel verloren auf das Pflaster. Bei meinem Annähern zog eine Frau, die vor ihrer Tür an einem Strumpf strickte, sachte die Nadel aus der Strickerei und stach damit nach mir, mit der gleichgültigsten Miene von der Welt. Nur ein Sprung rettete mich ...
Ich lief, was ich laufen konnte, wie ich noch nie gelaufen war. Ich wußte, hier galten weder Beruf noch Ansehen meines Vaters etwas, das doch in der Luitpoldstraße alle respektierten, hier galt es auch nichts, daß ich ein Gymnasiast war ... Hier galten jetzt nur meine Beine. Ich! Ich selbst!
Und ich ließ die Beine laufen, immer einen halben Schritt hinter Hans Fötsch lief ich, mit keuchender Brust, mit Stichen in Herz und Brust, rannte immer weiter ... Und so wirklich auch die Schmerzen waren, so wirklich die Verfolger uns auch immer näher rückten, so unwirklich kam mir doch alles vor. Es war wie ein Schreckenstraum, es war doch unmöglich, daß ich, der Sohn eines Kammergerichtsrates, hier in der Kaiserstadt Berlin um meine heilen Glieder, meine Kleider lief. Ich brauchte nur anzuhalten, die Verfolger heranzulassen, und alles würde sich mit einem Lächeln aufklären. Gefahr gab es nur in den Büchern, bei Karl May, Cooper und Marryat, nicht hier in Berlin, nicht für uns ...
Gottlob lief ich trotz all dieser Unwirklichkeitsgefühle ganz wirklich weiter, und schließlich fand denn auch Hans Fötsch durch Zufall einen Ausgang aus dem Gewirre des Scheunenviertels. Aufatmend hielten wir auf einer breiten Straße an, in der jetzt schon die Gaslaternen brannten.
Wir lehnten uns in einen Hauseingang und spürten mit Zufriedenheit das langsamere Schlagen des Herzens, das ruhigere Atmen der Brust. Nach einer langen Zeit sagte schließlich Hans Fötsch mit einem tiefen Seufzer: »Na, weißt du –!«
Ich stimmte ihm bei. »Ich hätte nie gedacht, daß es so etwas geben könnte! Und noch dazu in Berlin!«
»Das war das Scheunenviertel«, erklärte Fötsch. »Vater hat mir davon erzählt. Da trauen sich Große nicht mal bei Tage rein. Dadrin leben bloß Verbrecher.«
Dies mußte ich als Juristensohn besser wissen als der Arztsprößling.
»Das ist ausgeschlossen, Fötsch!« sagte ich. »Alle Verbrecher kommen immer gleich ins Gefängnis oder Zuchthaus. Ich will meinen Vater mal fragen, ob es so etwas überhaupt geben darf.«
»Deinem Vater sag lieber nichts, daß wir da drin gewesen sind. Sonst macht er Klamauk, und mit unserm Spazierengehen ist es alle!«
»Ich werd' so tun, als hätt' ich davon nur gehört.«
»Laß das lieber bleiben!« warnte mich Fötsch. »Du verquatschst dich bei sowas immer. – Und überhaupt ist es jetzt höchste Eisenbahn, daß wir nach Hause kommen. Was ist die Uhr? Halb sieben! Und ich sollte um sechs zu Haus sein!«
»Ich auch! Komm, laß uns laufen, Fötsch!«
»Laufen?« fragte er. »Was denkst du denn, wie lange wir laufen müssen, von hier bis nach Haus? Doch mindestens zwei Stunden! Und ich weiß den Weg auch gar nicht. Nein, wir fahren mit der Elektrischen, wir werden umsteigen müssen. Hast du noch Fahrgeld?«
»Ja, hab' ich noch.«
»Ich auch. Na, dann wollen wir mal sehen. Da vorne an der Ecke scheint eine vorbeizukommen. Mensch, heute abend hagelt es aber bei uns. Vor acht sind wir nicht zu Haus!«
»Ich sag einfach, ich bin bei euch gewesen, und eure Uhr hat gestanden.«
»Und ich sag's so von euch, daß du Bescheid weißt. – Na, was kommt denn da für eine Elektrische? Mensch, Hans, mit der können wir bis Potsdamer Platz fahren! Los, rein!«
Aber ich stieg nicht ein.
»Warte einen Augenblick«, sagte ich fürchterlich aufgeregt zu Fötsch. »Steig nicht ein! Bitte, nicht! Wir nehmen die nächste! Bitte diese nicht!«
Denn mit mir war etwas ganz Seltsames geschehen. Als ich diese Elektrische näherkommen gesehen hatte, die nicht so aussah wie »unsere« Elektrischen im Westen, mit einem tief herabgezogenen Führerstand, der vorne ein Gitter hatte zum Auffangen Unvorsichtiger, die dem Wagen vor die Räder kamen – da war mir im selben Augenblick eine Notiz in der Zeitung eingefallen, die ich vor ein oder zwei Tagen gelesen hatte. Irgendwo in Berlins Osten oder Norden war eine Elektrische in Brand geraten, es hatte einen Toten und mehrere Schwerverletzte gegeben. Und nun plötzlich, beim Heranfahren dieses Wagens, war ich blitzartig von der Erkenntnis durchdrungen, daß es solch ein Wagen gewesen war, der gebrannt hatte, daß alle Wagen dieses Typs in Brand geraten würden, und daß wir keinesfalls mit einem derartigen Wagen fahren dürften ...
Weiß es der Himmel, was da plötzlich in meinem Kopf vorgegangen war! Bis dahin war ich ein wohl schwächliches, oft krankes Kind gewesen, aber von einer solchen Zwangsidee hatte noch nie jemand etwas bei mir bemerkt. Ich wußte natürlich auch jetzt nichts davon. Ich war fest überzeugt, daß ich recht hatte, daß ein Wagen dieser Bauart verbrannt war, daß alle Wagen dieser Bauart verbrennen würden, daß es mir verboten war, in ihm zu fahren ...
Und mit der eindringlichsten Beredsamkeit setzte ich dies alles Hans Fötsch auseinander. Schon beim Reden übertrieb ich. Ich behauptete, eine genaue Beschreibung des verunglückten Wagens in der Zeitung gelesen zu haben, ich wies auf die Merkmale hin: den herabgezogenen Führerstand, das Auffanggitter. Ich behauptete weiter, eine Warnung vor Wagen dieses Typs gelesen zu haben. Ich behauptete, der Wagen eben sei fast leer gewesen. Und in dem Augenblick, da ich diese Behauptungen aufstellte, glaubte ich auch schon an sie. Ich glaubte fest daran, dies gelesen, dies gesehen zu haben. Kein Mensch hätte mich noch in diesem Glauben erschüttern können.
Und so eindringlich war dieser Glaube, daß ich Hans Fötsch fast überzeugte. Er willigte ein, noch eine Elektrische abzuwarten, vielleicht würde die andere Formen zeigen. Aber auch sie kam mit einem Schutzgitter und herabgezogenen Führerstand. Wir ließen sie vorbei. Aber Hans Fötsch lag schon in einem schweren Kampf, was besser sei: noch später zu kommen oder die Fahrt zu wagen. Als auch die nächste Elektrische die gleiche Bauart wie ihre Vorgängerin aufwies, riß er sich von mir los und sprang auf.
»Hier fahren keine andern Wagen!« rief er mir von oben zu. »Ich muß nach Haus! Lauf hinterher, sonst stehst du um Mitternacht noch hier!«
Frierend, hungrig wartete ich noch zwei, drei Wagen ab: sie hatten alle das gleiche Aussehen. Dann entschloß ich mich, dem Rate Fötschens zu folgen und hinter dem Wagen her zu laufen, so lange ich ihn sehen konnte. Dann blieb ich stehen und wartete auf den nächsten. Es war eine anstrengende und zeitraubende Art, den Weg in den Westen zurückzulegen. Aber nicht einen Augenblick kam mir der Gedanke, mein unsinniges Tun aufzugeben. Ich hatte es doch recht sichtbar vor Augen, daß diese Wagen ohne alle Unglücksfälle regelmäßig verkehrten, aber daran dachte ich gar nicht. Ich war ganz im Banne meiner fixen Idee. Ja, als ich in bekanntere Gefilde kam, als Bahnen vertrauter Bauart fuhren, ich stieg nicht ein. Ich durfte nicht fahren, es war verboten. Ich lief weiter ...
Unterdes waren meine Eltern in immer größere Angst und Aufregung geraten. Als es halb sieben und sieben wurde, hatte meine Mutter noch ihre Sorge um mich für sich allein getragen. Später dann, als mit halb acht die Abendessensstunde heranrückte, hatte sie auch Vater benachrichtigen müssen. Vater hatte sofort die Schwere des Falles begriffen. In seinem überaus geordneten Haushalt, in dem schon eine Verspätung von zwei Minuten als Übertretung, von zehn Minuten als Vergehen und von einer Viertelstunde als Verbrechen angesehen wurde, hatte es eine Verspätung von anderthalb Stunden überhaupt noch nicht gegeben! Das konnte nur ein Unglück bedeuten ...
Sofort wurden Boten an all die Stellen ausgesandt, wo ich vielleicht zu finden sein konnte, zu Elbes, Fötschens, Harringhausens, Dethleffsens ... (Es gab wohl schon längst Telefon, aber nicht bei uns, überhaupt bei niemandem, den wir kannten, den Arzt Fötsch ausgenommen.) Mein Vater stieg die Treppe hinunter, sprach sorgenvoll mit dem Portier und veranlaßte ihn, das Haus heute auch noch nach acht Uhr aufzuhalten. Dann ging Vater wartend in der Luitpoldstraße auf und ab, immer das Stück zwischen Martin-Luther- und Eisenacher Straße.
Aber dann trieb ihn seine Ungeduld wieder nach oben. Er fand die ganze Familie verstört, niemand hatte zu Abend gegessen. Mutter war den Tränen nahe. Sie sah mich unter dem Omnibus (Pferdeomnibus bitte!), der Elektrischen, auf der Unfallwache ... Vater redete ihr tröstend zu, aber ohne rechte Überzeugung.
Dann kamen die Boten zurück, ohne Nachricht! Nur das Mädchen, das bei Fötschens gewesen war, berichtete, daß Hans Fötsch auch fehle. (Da der Haushalt Fötsch – wie es bei einem Arzthaushalt ja auch nicht anders sein kann – kein sehr pünktlicher Haushalt war, wurde dies Ausbleiben dort nicht so tragisch genommen.)
In gewisser Weise beruhigte diese Nachricht meine Eltern etwas. Es war viel schwieriger, sich zwei auf einmal verunglückte Jungens vorzustellen als einen. Nachdem aber wieder eine halbe Stunde Wartens ergebnislos verstrichen war, als die Uhr schon fast neun zeigte, entschloß Vater sich, zu Fötschens hinüberzugehen. Dort war indes auch die Sorge eingekehrt. Die beiden Herren berieten sich untereinander und gingen dann, ohne Frau Fötsch etwas davon zu sagen, auf das nächste Polizeirevier.
Aber dort hatte man wenig Trost für sie. Jungens gingen nicht so leicht verloren, meinte der Wachthabende. Nein, irgendeine Meldung von verunglückten Kindern liege nicht vor. Die Herren sollten nur ruhig ins Bett gehen, meist erledigten sich solche Vermißtenmeldungen am nächsten Morgen von selbst ...
Mein Vater war empört. Er glaubte unbedingt an den fürsorgenden Vater Staat (von dem er in seinem kleinen Bezirk wirklich das gütigste und hilfsbereiteste Muster war), und es tat ihm immer in der Seele weh, wenn er im rauhen Leben sah, daß dieser Vater manchmal gar nicht sehr fürsorglich, sondern oft gleichgültig, oft ungerecht, oft grob war.
Aber das alles war sofort vergessen, als sie wieder in Fötschens Wohnung kamen. Hans Fötsch war eingetroffen! Mein Vater erwartete, nun auch den eigenen Sohn daheim vorzufinden. Aber schon die ersten Worte des Jungen zerstörten diese Illusion. Zwar versuchte Hans Fötsch zu schwindeln, Ausflüchte zu machen, zu vertuschen, aber sein Vater war nicht gegen Prügel. Es regnete nur so Ohrfeigen, und schließlich erfuhren die Herren zwar etwas wirr, daß Fötsch mich irgendwo im Norden Berlins verlassen hatte, dicht beim Scheunenviertel, mich unbegreiflich weigernd, mit der Elektrischen zu fahren ...
»Komm, Hans, mein Rabe!« sagte Doktor Fötsch bedeutungsvoll, und bei dem nun folgenden Strafgericht war mein Vater überflüssig.
Er mußte heim zur Mutter gehen, er mußte ihr die schlimme Botschaft bringen, daß ich im verrufensten Quartier Berlins zurückgeblieben sei, er mußte ihr sagen, daß sie nichts tun könnten, nur warten ...
Und so warteten die beiden. Vergessen lagen die Akten, die Flickwäsche. Meine Geschwister waren ins Bett gesteckt worden, schliefen darum aber noch nicht. Sie fanden es angenehm erregend, einen verlorenen Bruder zu haben. Alle fünf Minuten erschien die alte Minna, in ihre Schürze schnüffelnd, und erkundigte sich nach Neuigkeiten.
Gegen zehn Uhr endlich klingelte es, meine Eltern stürzten auf den Flur – es war aber nur der Portier, der fragte, ob er das Haus noch länger offen halten solle. Er wäre gerne ins Bett gegangen. Mit einem silbernen Handschlag wurde ihm der Schlaf verscheucht.
Endlich, um halb elf, klingelte es wieder. Vater sagte mutlos: »Es wird noch mal der Portier sein. Gib ihm zwei Mark, Louise ...«
Da hörten sie meine Stimme auf dem Flur ...
Beide Eltern stürzten heraus, sie packten mich, zerrten mich in die Stube, ans Licht.
»Junge, wo kommst du her? – Wo bist du gewesen?! – Weißt du vielleicht, wie spät es ist –?!!«
Diese Fragen stürzten auf mich ein, ich sah wohl die Spuren der Angst in den Gesichtern der Eltern – und ich übergroßer Schafskopf sagte mit gespielter Gleichgültigkeit: »Ich war bei Hans Fötsch – und deren Uhr ist stehengeblieben!«
Batsch! – hatte ich eine Backpfeife links weg. Batsch! folgte ihr eine rechts.
»Warte, ich will dich lügen lehren, du infamer Bengel du!« rief mein Vater und machte mit diesem Ausruf all seiner Sorge, Angst und Kummer Luft. Er sah sich suchend um im Zimmer. Ach, mein armer guter Vater war nicht wie Doktor Fötsch für solche Strafgerichte eingerichtet, er fand weiter nichts als das schöne Weichselrohr seiner geliebten langen Pfeife. Aber mit diesem Rohr verwalkte er mich gründlich, zum ersten- und hoffentlich auch letztenmal in meinem Leben wurde ich über das Knie gelegt und nach Noten verdroschen. Es war eine überaus eindrückliche Belehrung, die ich nie vergessen habe. Und geschadet hat sie mir bestimmt nicht ...
Und doch wäre vieles in meinem Leben vielleicht anders gekommen, wenn mein langmütiger Vater nicht gerade an diesem Abend die Geduld verloren hätte. Vielleicht hätte ich, nicht so summarisch abgestraft, den Mut gefunden, ihm von meinen Ideen über Elektrische mit Schutzgittern etwas zu erzählen, und vielleicht hätte er dabei doch – obwohl so etwas damals leicht als kindische Albernheit abgetan wurde – aufgehorcht und sich gesagt: »Dahinter steckt etwas anderes, und zwar leider noch etwas Schlimmeres als Unpünktlichkeit und Schwindeln.«
So habe ich meine ganze Jugend hindurch – und noch manches Jahr danach – an diesen immer wiederkehrenden fixen Ideen gelitten, und habe doch damals nie mit einem Menschen darüber sprechen können. Die Gelegenheit war mit jenem Prügelabend endgültig verpaßt.
Manchmal waren diese Ideen vergleichsweise harmlos. So wenn ich stundenlang im Bett wach lag und darüber grübelte: hast du auch einen Punkt hinter dem letzten Satz deines Exerzitiums gemacht? Schließlich mußte ich dann doch aufstehen und nachsehen, und natürlich war der Punkt immer gemacht.
Manchmal betrafen diese Ideen freilich auch Schlimmeres ...
Über die dritte schwere Niederlage aber, die ich durch meine Freundschaft mit Hans Fötsch erfuhr, werde ich im nächsten Abschnitt berichten.
Penne
In der Schule, oder, wie wir sie nur nannten, in der Penne spielte ich zu jener Zeit eine höchst unselige Rolle. Ich ging auf das Prinz-Heinrich-Gymnasium in der Grunewaldstraße, und das war damals ein sehr feines Gymnasium, womit gesagt werden soll, daß dort in der Hauptsache die Söhne vom Offiziers- und Beamtenadel, auch von reichen Leuten die Schulbank drückten. Meine Eltern aber waren für äußerste Sparsamkeit, so kam es, daß ich, war eine Hose durchgerutscht, keine neue bekam, sondern daß meine Mutter ein paar handfeste Flicken in die arg verwundete setzte. Da sie nun aber oft keinen genau passenden Stoff hatte, so wurden ohne erhebliche Hemmung auch andere Stoffe dafür gewählt. Das ist nun gut fünfunddreißig Jahre her, und doch sehe ich diese Hose des Unheils noch genau vor mir: es war eine dunkelblaue Bleyle-Hose, und mit grauen Flicken wurde sie geziert.
Ach, über den Hohn und das Gespött, die mir diese Hose eingetragen hat! Es waren natürlich nicht die wirklich »Feinen« in der Klasse, die mich damit aufzogen. Die übersahen den Defekt vornehm, freilich war ich auch für jeden Umgang mit ihnen erledigt. Fragte ich sie etwas, so antworteten sie mir nur kurz mit geringschätziger Herablassung, was mich tief schmerzte und auch empörte. Aber die andern, die Coyoten der Wölfe gewissermaßen, wie offen und schamlos verhöhnten sie mich! Da war einer, ein langer Laban, über einen Kopf war er größer als ich, Friedemann hieß die Canaille, im Unterricht durch äußerste Unwissenheit ausgezeichnet, schon dreimal bei der Versetzung »kleben« geblieben – aber etwas verstand dieser Bursche ausgezeichnet: mich zu zwiebeln!
Wenn die große Pause gekommen war, die wir alle auf dem Schulhof verbringen mußten, machte er sich an mich heran, bugsierte mich viel Schwächeren in eine Ecke des Hofes, wo wir vor den Augen des aufsichtsführenden Lehrers einigermaßen sicher waren, und begann ein Gespräch mit mir, über Näh- und Flickarbeit etwa. Bald hatte sich ein ganzer Kreis von Zuhörern um uns gesammelt die »Feinen« natürlich nur an seiner äußersten Peripherie. Bei besonders trefflichen Witzen wurde tobend gelacht und applaudiert, Friedemann auch zu noch besseren Leistungen angefeuert.
Ich sehe mich da noch stehen, blaß, kränklich, verzweifelt in meinem Mauerwinkel. Die ganze Penne freute sich ihrer Freiviertelstunde, mir war sie eine Qual. Immer atmete ich auf, wenn es wieder zum Unterricht läutete. Listig versuchte ich, meinen Peinigern zu entgehen. Ach, ich war nicht so überaus listig! Versteckte ich mich beim Beginn der großen Pause im Klassenzimmer, so stöberte mich sicher in den ersten drei Minuten ein Lehrer auf und schickte mich mit einem strengen Verweis auf den Hof, denn wir sollten nun einmal in der großen Pause frische Luft schnappen. Riegelte ich mich aber auf der Toilette ein, so hatte mein Quälgeist das bald heraus. Er trommelte so lange gegen die Tür, bis ich klein beigeben und mich ihm stellen mußte.
Oh, wie ich ihn gehaßt habe, diesen langen Friedemann mit seinem weißen, pickligen Gesicht, mit den frechen blassen Augen hinter einer Nickelbrille! Wenn er da mit seiner näselnden, überlegenen Stimme anfing, mich nach meiner Ansicht über Flickschneiderei zu befragen, über die Farbwahl bei Flicken, ob ich Rot nicht für eine wunderschöne Farbe hielte, nein, nicht? Aber vielleicht Grün mit Rot, rechts Rot, links Grün, und ein gelber Flicken vorne –? (Beifallsgejohle der andern.) Mein Vater flickte ja wohl auch meine Schuhe, der Rüster an meinem rechten Schuh sehe ihm ganz danach aus! Da könne man eben nichts machen, es gebe heile Familien und es gebe geflickte Familien. Es sei nur gut, daß ein Exemplar der Flickfamilien auf diesem Gymnasium vertreten sei, als Anschauungsmaterial.
Auf all diese öden und bösen Scherze antwortete ich meinem Quälgeist nie mit einem Wort. Ich starrte ihn nur an, ich starrte den Kreis der Zuhörer an, Verzweiflung im Herzen und doch immer in der Hoffnung, mir werde ein Retter erstehen. Aber nie sprach auch nur einer von den Jungen für mich. Mit all der Grausamkeit der Jugend duldeten sie dieses endlose Verspotten, ermunterten es durch Zuhören, wurden seiner nie müde.
Man hatte damals eben sehr ausgesprochene Ansichten über das, was schicklich war. Und am Prinz-Heinrich-Gymnasium waren geflickte Hosen eben unschicklich, es war nur richtig, wenn mir das begreiflich gemacht wurde! Und meine gute Mutter war ohne alles Verständnis für meine Klagen.
»Sag nur deinen Jungens«, meinte sie, »daß du drei Geschwister hast und daß wir sehr sparen müssen. Berlin ist schrecklich teuer, und Vater geht nicht davon ab, alle Jahre zehn Prozent seines Einkommens zurückzulegen, für Notzeiten. Das kommt euch Kindern allen doch einmal zugute. Nein, dein Anzug ist heil und sauber, wo kämen wir da hin, wenn ich für jede durchgerutschte Hose eine neue kaufen sollte –?!«
Ich sah das ein, und ich sah es doch wieder nicht ein. Ich fand, meine Eltern sollten mich lieber nicht auf eine so feine Schule schicken, wenn sie nicht in der Lage waren, mich wie die andern Jungens zu halten. Ich versuchte auch, meiner Mutter wenigstens anzudeuten, wie sehr ich gequält wurde. Aber das nahm sie nur leicht, das verstand sie gar nicht.
»Das sind so Jungenswitze«, meinte sie. »In einer Woche haben sie es über, dann kommt wieder etwas Neues. Und du bist auch viel zu empfindlich, Junge, du verstehst wirklich schlecht Spaß. Es ist ganz gut, wenn du dich mal an so etwas gewöhnst.«
Aber weder gewöhnte ich mich daran, noch kam etwas Neues, an dem Friedemann seinen Geist hätte laben können. Unerbittlich blieb ich das Ziel seines Spottes. Immer neue Versionen fand er, darin war sein Kopf recht anschlägig, Bis mich in irgendeiner Pause meine Verzweiflung zu einem Angriff auf den viel Stärkeren trieb, ich sprang an ihm hoch, warf ihm die Brille von der Nase und zerkratzte ihm das Gesicht. Er fiel hin, so überraschend war ihm mein Angriff gekommen. Ich lag auf ihm, mit einem Gefühl überwältigender Genugtuung verprügelte ich ihn, und er wagte nicht einen Schlag gegen mich, er, der große starke Kerl gegen mich Schwächling!
Ja, bei dieser Gelegenheit stellte es sich heraus, daß der Verhöhner Friedemann ein ausgemachter Feigling war. Die ganze Klasse sah es, und von diesem Moment an waren er und sein Spott für alle erledigt, das muß ich zugestehen. Er machte Tage später, als er sich von meinem Angriff erholt hatte, noch einen einzigen Versuch, wieder von meinen Flicken anzufangen, aber sofort verwies es ihm einer: »Du hältst die Klappe, Friedemann! Damit ist ein für allemal Schluß!«
Ich hatte mir Duldung meiner Flicken erkloppt, aber damit war noch nicht viel gewonnen. Ich blieb der Außenseiter. In den Pausen wollte keiner mit mir gehen, niemand mochte mein Freund sein. So geriet ich allmählich immer mehr in einen Zustand tiefster Niedergeschlagenheit, der meinen Leistungen im Unterricht nicht förderlich sein konnte. Und ich muß sagen, wir hatten, um das noch zu verschlimmern, damals einige Lehrer, die alles andere, nur keine Pädagogen waren. Jedem durchschnittlichen Beobachter hätte schließlich mein verschüchterter, elender Zustand auffallen müssen, doch nicht diesen Erziehern der Jugend.
Da war unser Deutschlehrer, ein noch jüngerer, mit sehr viel Schmissen gezierter Herr, der eine gewisse Vorliebe für mich hatte. Freilich äußerte er diese auf eine mir sehr peinliche Weise. Da ich zu den schlechtesten Schülern der Klasse gehörte, saß ich in der vordersten Bankreihe, direkt unter dem Lehrerpult. Herr Gräber, so hieß dieser Lehrer, verachtete es, oben auf dem Pult wie ein Gott über seinen Schülern zu thronen. Er begab sich mitten unter sie, wandelte die Gänge zwischen den Pulten auf und ab, stand aber am liebsten vor meinem Platz. Und während er nun von hier seine Knaben lebhaft und mit schallender Stimme unterrichtete, beschäftigten sich seine Hände pausenlos mit meiner Frisur ...
Trotzdem ich damals schon elf oder zwölf Jahre alt war, trug ich noch immer mein Haar lang. Meine Mutter hatte sich trotz all meiner Bitten nicht entschließen können, mein fast weißes Blondhaar der Schere eines Friseurs auszuliefern. So fielen mir lange blonde Locken fast bis auf die Schultern, und in der Stirn hatte ich etwas, das offiziell »Ponnies« hieß, das meine böswilligen Mitschüler aber »Simpelfransen« nannten. Diese Ponnies oder Simpelfransen übten eine geheimnisvolle Anziehungskraft auf die Finger von Herrn Gräber aus. Die ganze Unterrichtsstunde hindurch waren seine Finger nur damit beschäftigt, aus den Fransen Zöpfchen zu drehen, kleine, sehr feste, steif von der Stirn abstehende Zöpfchen. Das hatte wohl den nicht zu unterschätzenden Vorteil, daß Herr Gräber mich nie nach etwas fragte. Für die Deutschstunde war ich stets aufgabenfrei und bekam doch eine gute Zensur. Aber wenn Herr Gräber mich dann beim Schluß der Unterrichtsstunde aufforderte, mich zu erheben, und meinen Anblick der Klasse darbot, wenn dann die unausbleibliche Lachsalve losbrach, so hätte ich lieber eine Fünf statt dieser Heiterkeit hingenommen.
Selbst in meinem damaligen Zustande tiefster Niedergeschlagenheit war ich mir klar darüber, daß dies alles von Seiten Herrn Gräbers ohne den geringsten bösen Willen geschah. Es war reine Spielerei von ihm, in die wohl auch ein Gutteil Nervosität gemengt war. Ihm bedeutete es nur Spaß, und er wäre sicher sehr erstaunt gewesen zu hören, daß ich diesen Spaß gar nicht sehr spaßhaft fand.
Wesentlich böser dachte ich über Professor Olearius, unsern Klassenlehrer, der uns in die Geheimnisse der lateinischen Sprache einführte. Das war ein langer, knochiger Mann, schwarzbärtig, mit einem hageren Gesicht und glühenden schwarzen Augen. Er war ein Altphilologe von reinstem Wasser. Für ihn hatte auf der Welt nur das Lateinische und Altgriechische Bedeutung, und den Schüler, der sich in diesen Sprachen untüchtig erwies, haßte er mit einem ausgesprochen persönlichen Haß, als habe der Schüler dem Lehrer eine schwere Beleidigung zugefügt. Er hatte eine verdammt höhnische Art, die schwächeren von uns aufzurufen und zu zwiebeln, die heute hoffentlich ausgestorben ist.
Da hieß es etwa: »Jetzt wollen wir mal unser Schwachköpfchen aufrufen. Zwar weiß es nichts und wird auch diesmal nichts wissen, aber er diene uns allen zum abschreckenden Beispiel.« Oder: »Der Fallada, der Fallada ist bloß zum Sitzenbleiben da!« Oder: »O Fallada, der du hangest! Wenn das dein Vater wüßte, das Schulgeld würde ihn reuen!«
Bei solchen ermunternden Aufrufen verflüchtete sich natürlich auch der letzte Rest meines Wissens, und ich stand wirklich da wie ein rechter Schwachkopf! Je mehr er auf diese höhnische Art fragte, um so tiefer versank ich im unergründlichen Sumpfe des Quatsches und muß ein wirklich klägliches Bild geboten haben. So konnte Professor Olearius mit einigem Recht sagen: »Seht ihn euch an! Was er hier eigentlich auf dem Gymnasium will, wird mir ewig rätselhaft bleiben!« Und mit allem dummstolzen Akademikerdünkel: »Die Pantinenschule wäre gerade das Rechte für ihn!«
Worauf ich prompt in Tränen ausbrach!
Überhaupt gewöhnte ich mir das Heulen bei Professor Olearius an. Es war das einzige Mittel, das ich entdeckte, seiner Anmaßung zu entgehen. Sobald er mich nur aufrief, fing ich an zu heulen. Ich machte überhaupt nicht mehr den Versuch, eine seiner Fragen zu beantworten. Er würde mich doch über kurz oder lang zum Heulen bringen, also heulte ich lieber gleich los. Dies kam so weit, daß die Klasse vor der Lateinstunde Wetten abschloß, ob ich heulen würde oder nicht. Ich wurde ermuntert, scharf gemacht: »Tu uns den einzigen Gefallen und heul heute einmal nicht! Mensch, nimm dich doch einmal zusammen!«
Aber ich konnte mir noch so viel Mühe geben, ich heulte doch. Als Steigerung meiner Qualen hatte sich Professor Olearius ausgedacht, mich aufs Lehrerpult an die schwarze Wandtafel zu rufen. Da ich vor Heulen nicht sprechen konnte, sollte ich meine Antworten auf die Tafel schreiben. Wenn dann dort, statt amavissem, amatus essem stand, klopfte er mit seinem harten Knöchel kräftig gegen meinen Schädel, wobei er den Spruch zitierte: »Denn wer da anklopfet, dem wird aufgetan!«
Dieses Klopfen, das er so lange wiederholte, bis die richtige Antwort an der Tafel stand, tat ausgesprochen weh. An diesem feinen Gymnasium war alles Schlagen der Schüler dem Lehrer aufs strengste verboten – es ging das Gerücht von einem Professor, der einem Schüler eine Ohrfeige gehauen und ihm dabei mit dem Siegelring eine leichte Schramme versetzt hatte, dieser Lehrer sei sofort aus dem Schuldienst entlassen worden. Aber dieses neckische Klopfen von Professor Olearius konnte keinesfalls als körperliche Züchtigung gelten, obwohl es zweifelsohne eine war.
Einige Jahre später hat es der Zufall gefügt, daß ich mit Professor Olearius auf der Hinterplattform eines Straßenbahnwagens zusammentraf. Er erkannte mich sofort wieder, wie ich ihn sofort erkannte und sofort wieder den alten Haß gegen ihn im Herzen spürte. Damals ging ich längst auf ein anderes Gymnasium und war löblicher Obertertianer ...
Mit der alten dünkelhaften Überlegenheit wandte sich Professor Olearius, ohne die geringste Rücksicht auf die andern Fahrgäste, an mich und sprach: »Nun, du beklagenswerter Fallada? – An welcher Erziehungsanstalt bringst du jetzt unselige Lehrer ihrem Grabe näher?«
Aber ich war nicht mehr der verschüchterte Junge aus der Quinta oder Quarta. Ich hatte mittlerweile die Erfahrung gemacht, daß ich nicht dümmer war als andere und bestimmt klüger als dieser alte Pauker, für den die Welt aus lateinischen und griechischen Verben bestand. So antwortete ich ganz laut: »Ich kenne Sie nicht, und wenn ich Sie kennen würde, würde ich einen Menschen wie Sie niemals grüßen!«
Sprach's, sah ihn bleich werden bei dieser öffentlichen Kränkung und sprang ab von der Elektrischen, Jubel über meine doch recht schülerhafte Rache im Herzen.
Aber damals war an Rache noch nicht zu denken. Jeden Morgen beim Aufwachen lag die ganze Penne mit Kameraden, Lehrern, Schularbeiten wie ein Alpdruck vor mir. Wenn ich mich irgend von ihr drücken konnte, tat ich es. Da ich sehr kränklich war und meine Eltern in steter Angst um meine Gesundheit lebten, war es nicht sehr schwer für mich, oft zu Haus bleiben zu dürfen. Sah ich gar zu wohl aus, und schien der Tag mir ganz unüberwindlich, so schlich ich mich heimlich in die Speisekammer und nahm ein paar kräftige Schlucke aus der Essigflasche. Dann wurde ich so geisterbleich, daß meine Mutter mich ganz von selbst ins Bett schickte.
Da lag ich dann Stunden und Tage und las und las. Ich wurde es nicht müde, meinen Marryat und meinen Gerstäcker und den heimlich geliehenen Karl May zu lesen. Je untragbarer mir mein Alltagsleben erschien, um so dringlicher suchte ich Zuflucht bei den Helden meiner Abenteuerbücher. Mit ihnen fuhr ich zur See, bestand die schwersten Stürme, auf einer Rahe beim Segelreffen schaukelnd (ich wäre beim leisesten Windstoß hinuntergeflogen!), schwamm zu einer wüsten Insel (ich konnte nicht schwimmen) und führte dort ein Robinsondasein, ferne allen geflickten Hosen, gedrehten Zöpfchen und Heulerchen im Latein.
Von diesen Träumen war es nur ein Schritt bis zu dem erst spielerischen Gedanken, all diesem Elend hier zu entfliehen, wirklich ein Schiffsjunge zu werden und wirklich Schiffbruch und Landung auf einer Insel zu erleben. Je öfter ich daran dachte, um so leichter erschien mir die Ausführung.
Erst nur andeutungsweise, dann schon ernster sprach ich mit Hans Fötsch darüber und fand zu meiner Überraschung bei ihm ein offenes Ohr. Auch Hans Fötsch war es müde, länger dieses ungerechte Dasein zu ertragen. Zwar in der Schule hatte er, wie er mir erzählte, keine Schwierigkeiten. Dafür aber war er »Schuß« mit seinem Vater, der den Sohn, mehr als dieser für angemessen hielt, mit Backpfeifen und Prügeln traktierte und überhaupt ein höchst ungerechter, tollwütiger Berserker war.
Allmählich nahmen unsere Pläne immer festere Gestalt an. Wir beschlossen, nach Hamburg zu fahren und uns dort als Schiffsjungen auf einer Bark oder Brigg anheuern zu lassen. Am schwierigsten schien es, nach Hamburg zu kommen. Waren wir erst einmal dort, würde alles schon glatt gehen. Nach dem, was wir gelesen hatten, war man in allen Häfen ganz wild nach Schiffsjungen aus den besseren Ständen. Wir erkundeten, daß ein Zug nach Hamburg um die Stunde ging, zu der wir uns morgens in der Schule einzufinden hatten, das war also in Ordnung. Auch die Beschaffung von Reiseproviant konnte im Hinblick auf die elterlichen Speisekammern nicht schwierig sein. Vorsorglich fingen wir schon an, Konserven aller Art zu klauen, und trugen dadurch lebhafte Unruhe und schwarze Verdächte in den Schoß unserer Familien ...
Am schwierigsten erschien die Beschaffung des Reisegeldes. Wir setzten den Mindestbetrag, den wir brauchen würden, auf zwanzig Mark fest – aber zwanzig Mark waren eine ungeheure Summe, ferne allen Schülermöglichkeiten. Hans Fötsch verlegte sich darauf, die Taschen des väterlichen Mantels zu revidieren. Ich hielt fleißig Ausschau nach dem Portemonnaie meiner Mutter. Aber was wir erbeuteten, waren nur Groschen – nach drei Wochen kleiner Mausereien hatten wir noch keine zwei Mark zusammen.
Da entschloß ich mich zu einem großen Wagnis. Ich wußte, daß Vater das während des Monats benötigte Geld im Mittelfach seines Schreibtisches aufbewahrte: Silber und kleines Geld in einer offenen Drahtkassette, die Goldfüchse aber in zwei netten kleinen weißen Beutelchen, auf die Fiete im Kreuzstich »zehn Mark« und »zwanzig Mark« gestickt hatte. Diese Schublade war zwar immer verschlossen, aber es gab soviel Schränke und Kommoden in unserm Haus, in denen Schlüssel steckten, daß ich überzeugt war, einer davon werde schon passen.
Morgens stand ich nun als allererster auf und schlich, während alles noch schlief, auf Socken durch die Wohnung, Schlüssel probierend. Schließlich paßte zu meinem Unheil wirklich einer. Die Geldschublade lag offen vor mir, und in den beiden kleinen Geldsäckchen klingelte es angenehm. Nach langem Überlegen entschloß ich mich, ein Zehn- und ein Zwanzig-Mark-Stück zu nehmen. Ich glaubte, mein Vater werde den Verlust weniger leicht merken, wenn in jedem Beutel nur ein, als wenn in einem Beutel zwei Goldstücke fehlten. Trotzdem Hans Fötsch und ich fest ausgemacht hatten, noch aus Hamburg von der Anzahlung auf unsere Heuer Vater das Geld zurückzusenden, klopfte bei dieser Zwangsanleihe mein Herz doch sehr. Wohl war mir dabei nicht zumute, und stumm saß ich, mit gesenkten Augen, beim Kaffeetisch.
Noch auf meinem Schulweg gelang es mir, Hans Fötsch abzufangen und ihm zu sagen, daß mein Vorhaben gelungen sei. Da uns beiden noch längeres Verweilen unter so drückenden Umständen unmöglich schien, wurde die Flucht schon auf den nächsten Morgen festgesetzt.
An diesem Nachmittag hatten wir unendlich viel zu tun. Mit einer wahren Wonne warfen wir die Bücher aus unserer Schultasche und füllten sie mit Konserven und sehr wenig Wäsche. Schularbeiten wurden natürlich nicht mehr gemacht, wir hatten unsere Schiffe hinter uns verbrannt. Vom Bäcker holten wir Schrippen und vom Fleischer Leberwurst, dies schien uns der richtige Reiseproviant. Das Geld wurde zwischen uns so geteilt, daß Hans Fötsch das Zehn-Mark-Stück, ich aber den Zwanzigmärker bekam. Am späten Abend erst trennten wir uns, beide sehr erregt. Als Zeit unseres Treffens am nächsten Morgen war halb acht Uhr festgesetzt.
Ob ich in dieser Nacht viel geschlafen habe, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls werden durch meine Träume Briggs, die mit geblähten weißen Segeln vorm Winde dahinflogen, gespukt haben.
An der Frühstückstafel am nächsten Morgen nahm ganz ungewohnt mein Vater teil, der sonst immer erst um zehn, halb elf Uhr frühstückte, da er, der größeren Ruhe wegen, meistens nachts bis gegen zwei, drei Uhr morgens arbeitete. Aber ich achtete nicht auf diese befremdliche Änderung seiner Gewohnheiten, wie ich nicht auf seine Blicke achtete. Ich war viel zu sehr mit meinen Plänen und Hoffnungen beschäftigt. Endlich war es so weit!
Kurz vor halb acht Uhr schnappte ich meine ungewohnt schwere Tasche und rannte auf die Straße vor Fötschens Haus. Ich mußte fünf, ich mußte zehn Minuten warten – meine Aufregung wurde immer fieberhafter. War etwas dazwischen gekommen oder war es nur die gewöhnliche Bummelei von Hans Fötsch –?
Dann kam er – aber wie ward mir, als ich ihn an der Hand seiner Mutter daherwandeln sah –?! Zur Salzsäule erstarrt blickte ich auf meinen blassen, verheulten Freund und das strenge Gesicht seiner Mutter, die ihn eher als Gefangenen mit sich schleppte, denn wie eine Mutter ihren Sohn führte! Nahe, ganz nahe gingen die beiden an mir vorüber. Hans wagte mich nicht anzusehen, seine Mutter aber bedachte mich mit einem vor Empörung sprühenden Blick und zischte: »Du Bube du!«
Dann waren sie an mir vorüber, sie schritten die Luitpoldstraße hinab und verschwanden um die Ecke meinen Blicken. Ich war völlig zerschmettert. Also war unser Vorhaben doch verraten, und ich war dazu verurteilt, weiter die verhaßte Schulbank zu drücken, Spott und Kränkungen zu ertragen! Ade du freies Schiffsjungendasein! Ade fröhliche Fahrten vor dem Wind, während die Delphine um unser Schiff spielen! Ade ihr sonnigen Palmeninseln der Südsee!
Aber was sollte ich jetzt tun –? Was in aller Welt sollte ich jetzt tun –?! Ich konnte doch nicht wieder hinauf zu uns, den Inhalt meiner Schultasche wechseln und einfach in die Penne gehen? Ich hatte ja nicht einmal Schularbeiten gemacht!
Ich stand noch völlig unentschlossen, keines rechten Gedankens fähig, als mein Vater, der mich so lange hinter einer Litfaßsäule hervor beobachtet hatte, mich an der Schulter faßte. »Also ist es wirklich wahr«, sagte er tieftraurig, »was mir Frau Fötsch erzählt hat, daß ihr ausreißen wolltet? Und mit gestohlenem Gelde –! Komm, Hans, du mußt jetzt deiner Mutter und mir erzählen, wie unser Junge zu etwas Derartigem kommen konnte. Du hast ja einen Diebstahl begangen, einen schweren Diebstahl sogar, du kennst doch die Unterscheidungen! Und Hans Fötsch hast du auch verführt!«
Wir waren oben. Mit angstvollem Gesicht hatte meine Mutter mich erwartet. Jetzt ging sie uns voran in meines Vaters Arbeitszimmer, die Tür schloß sich hinter uns, und ich stand als Angeklagter vor meinen Eltern. Jetzt half kein Lügen und Leugnen mehr, es gab zu viel Beweismittel gegen mich, denn Hans Fötsch hatte alles gestanden!
Am Abend zuvor war seiner Mutter zufällig die Schultasche in die Hand geraten, grade weil sie Hans an einem ungewohnten Platz aufbewahrt hatte, ihre Schwere hatte sie stutzig gemacht, und von da bis zu einem Geständnis war nur ein kurzer Schritt gewesen. Leider aber hatte sich Hans nicht als getreuer Freund erwiesen, sondern hatte sich völlig als den Verführten hingestellt, auch meinen Diebstahl gebührend angeprangert, während er seine eigenen kleinen Mausereien mit Stillschweigen übergangen hatte. Noch in der Nacht waren Fötschens zu meinen Eltern geeilt und hatten lebhafte Klage über mich geführt. Ihrem Sohn war jedenfalls aller weitere Verkehr mit mir untersagt worden.
All dies hatte meine Eltern natürlich sehr schwer gekränkt. Meinen Vater betrübte am meisten der Diebstahl, den er grade als Richter schwerer nahm als jeder unjuristische Vater. Mutter verstand nicht, daß mir bei all ihrer liebevollen Fürsorge die Verhältnisse im Elternhaus so unerträglich erschienen waren. Besonders mein Mangel an Vertrauen hatte sie tief verletzt.
Leider habe ich von Kind auf nie die Gabe besessen, mich aussprechen zu können. Wie ich keinem, nicht einmal dem Freunde Hans Fötsch, etwas Näheres über meine Schulmiseren hatte erzählen können, so war es mir auch in dieser Stunde notwendiger Geständnisse nicht gegeben, meinen Eltern mehr als ein paar kümmerliche Fetzen von meinen Drangsalen zu berichten. Was sie da hörten, schien ihnen ganz unbefriedigend, keinesfalls ausreichend zur Begründung eines so wahnsinnigen Schrittes.
Immerhin hielt es mein Vater, der wohl wußte, daß ein Untersuchungsrichter Material nicht nur gegen, sondern auch für den Beschuldigten zusammenzutragen hat, es für seine Pflicht, sich erst einmal in der Schule zu erkundigen, was eigentlich mit mir los sei. Bis dahin wurde ich in meinem Zimmer bei hinreichend Schularbeiten eingeschlossen.
Mit inniger Befriedigung muß Professor Olearius den betrübten Bericht meines Vaters angehört haben. Dahin kamen also die Burschen, die sich weigerten, lateinische Verben zu lernen! Schiffsjunge – wahrhaftig! Und er gab meinem armen Vater die schwärzeste Schilderung von meinen Neigungen, Charakter, Fähigkeiten.
»Ich muß Ihnen empfehlen, mein sehr verehrter Herr Kammergerichtsrat«, schloß Professor Olearius triumphierend, »Ihren Sohn sofort vom Gymnasium abzumelden. Schon damit er einem consilium abeundi entgeht, denn ich fühle mich verpflichtet, das mir von Ihnen Mitgeteilte dem Lehrerkollegium zu unterbreiten. Für die weitere Bildung Ihres Sohnes halte ich nun freilich eine Volksschule für das höchst Erreichbare, vielleicht wäre noch richtiger eine Anstalt für geistig zurückgebliebene Kinder. Dieses ewige Heulen, diese Unfähigkeit, auch die einfachsten lateinischen Formen zu erlernen, scheinen mir auf einen leichten Schwachsinn zu deuten.«
Mein Vater war geneigt gewesen, schwarz, sehr schwarz von meinen Vergehen zu denken. Aber diesen böswilligen Übertreibungen gegenüber empörte sich sein Vaterherz. Er meinte seinen Sohn anders und besser zu kennen. Und wenn dieser Lehrer seinen Sohn so beurteilte, sprach das nicht gegen den Sohn, sondern gegen den Lehrer!
Recht erregt antwortete er, daß er seinen Sohn allerdings mit sofortiger Wirkung vom Gymnasium abmelde, aber nur, um ihn sofort auf einem andern Gymnasium anzumelden. Er hoffe dort auf einsichtigere Pädagogen.
Mit unerschütterlicher Überlegenheit behauptete Professor Olearius, auch dort werde ich völlig versagen, ich sei nun einmal unheilbar schwach begabt ...
Die Herren trennten sich in einiger Erregung, nicht sehr Gutes von einander denkend. Professor Olearius beklagte die Affenliebe mancher Väter, mein Vater die Einsichtslosigkeit des Schulmonarchen. Immerhin habe ich es aber nur den bösen Auskünften von Professor Olearius zu danken, daß mein Vater in wesentlich milderer Stimmung nach Haus kam. Der Diebstahl blieb wohl immer noch ein sehr dunkler Fleck, aber die Verzweiflung, in der ich mich bei einem so verständnislosen Lehrer befunden haben mußte, entschuldigte vieles.
Noch am gleichen Tage wurde ich beim Bismarck-Gymnasium in Berlin-Wilmersdorf angemeldet. Vorsichtig ließ mein Vater ein paar Worte über meine Verschüchterung und Mutlosigkeit fallen. Und sie fielen bei meinen neuen Lehrern auf guten Grund. In der ersten Zeit ließen sie mich ganz zufrieden, und als sie mich dann langsam in das Wechselspiel von Frage und Antwort einbezogen, geschah dies mit solcher Vorsicht und Güte, daß ich nie mehr verschüchtert war, sondern sagen konnte, was ich wußte.
Da nun auch meine Klassenkameraden nicht ahnten, daß ich einmal der armselige Prügelesel einer Klasse gewesen war, und da am Bismarck-Gymnasium keinerlei Vorurteil gegen geflickte Hosen bestand, habe ich armer, schwachsinniger Knabe mir bald einen guten Platz erobert und war schon bei der nächsten Versetzung der Sechste unter Zweiunddreißig.
Mein lieber Vater aber, dessen Herz sonst nie etwas von Rache wußte, ließ eine beglaubigte Abschrift dieses Zeugnisses anfertigen und sandte sie an Professor Olearius mit einem kleinen Begleitschreiben, wie der Herr Professor jetzt über meine Fähigkeiten denke? Ob er nicht doch vielleicht einräume, sich mit seiner Beurteilung geirrt zu haben?
Natürlich ist nie eine Antwort gekommen.
Manchmal sahen Hans Fötsch und ich uns noch auf der Luitpoldstraße. Aber wir sprachen nie wieder ein Wort miteinander, wir wagten nicht einmal, einander ins Auge zu sehen ...
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