Kitabı oku: «Jeder stirbt für sich allein»

Yazı tipi:
Hans Fallada
Jeder stirbt für sich allein
Saga

Jeder stirbt für sich allein

Coverbild/Illustration: Shutterstock

Copyright © 1947, 2020 Hans Fallada und SAGA Egmont

All rights reserved

ISBN: 9788726614756

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

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– a part of Egmont www.egmont.com

Vorwort

Die Geschehnisse dieses Buches folgen in großen Zügen Akten der Gestapo über die illegale Tätigkeit eines Berliner Arbeiterehepaares während der Jahre 1940 bis 1942. Nur in großen Zügen – ein Roman hat eigene Gesetze und kann nicht in allem der Wirklichkeit folgen. Darum hat es der Verfasser auch vermieden, Authentisches über das Privatleben dieser beiden Menschen zu erfahren: er mußte sie so schildern, wie sie ihm vor Augen standen. Sie sind also zwei Gestalten der Phantasie, wie auch alle anderen Figuren dieses Romans frei erfunden sind. Trotzdem glaubt der Verfasser an die innere Wahrheit des Erzählten, wenn auch manche Einzelheit den tatsächlichen Verhältnissen nicht ganz entspricht.

Mancher Leser wird finden, daß in diesem Buche reichlich viel gequält und gestorben wird. Der Verfasser gestattet sich, darauf aufmerksam zu machen, daß in diesem Buche fast ausschließlich von Menschen die Rede ist, die gegen das Hitlerregime ankämpften, von ihnen und ihren Verfolgern. In diesen Kreisen wurde in den Jahren 1940 bis 1942 und vorher und nachher ziemlich viel gestorben. Etwa ein gutes Drittel dieses Buches spielt in Gefängnissen und Irrenhäusern, und auch in ihnen war das Sterben sehr im Schwange. Es hat dem Verfasser oft nicht gefallen, ein so düsteres Gemälde zu entwerfen, aber mehr Helligkeit hätte Lüge bedeutet.

Berlin, im Oktober 1946

H. F.

Erster Teil
Die Quangels

I
Die Post bringt eine schlimme Nachricht

Die Briefträgerin Eva Kluge steigt langsam die Stufen im Treppenhaus Jablonskistraße 55 hoch. Sie ist nicht nur deshalb so langsam, weil ihr Bestellgang sie ermüdet hat, auch weil einer jener Briefe in ihrer Tasche steckt, die abzugeben sie haßt, und jetzt gleich, zwei Treppen höher, muß sie ihn bei Quangels abgeben.

Vorher hat sie den Persickes in der Etage darunter den Schulungsbrief auszuhändigen. Persicke ist Amtswalter oder Politischer Leiter oder sonst was in der Partei – Eva Kluge bringt alle diese Ämter noch immer durcheinander. Jedenfalls muß man bei Persickes «Heil Hitler!» grüßen und sich gut vorsehen mit dem, was man sagt. Das muß man freilich überall, selten mal ein Mensch, dem Eva Kluge sagen kann, was sie wirklich denkt. Sie ist politisch gar nicht interessiert, sie ist einfach eine Frau, und als Frau findet sie, daß man Kinder nicht darum in die Welt gesetzt hat, daß sie totgeschossen werden. Auch ein Haushalt ohne Mann ist nichts wert, vorläufig hat sie gar nichts mehr, weder die beiden Jungen noch den Mann, noch den Haushalt. Statt dessen hat sie den Mund zu halten, sehr vorsichtig zu sein und ekelhafte Feldpostbriefe auszutragen, die nicht mit der Hand, sondern mit der Maschine geschrieben sind und als Absender den Regimentsadjutanten nennen.

Sie klingelt bei Persickes, sagt «Heil Hitler!» und gibt dem alten Saufkopp seinen Schulungsbrief. Er hat auf dem Rockaufschlag das Partei- und das Hoheitszeichen sitzen und fragt: «Wat jibt’s denn Neues?»

Sie antwortet: «Haben Sie denn die Sondermeldung nicht gehört? Frankreich hat kapituliert.»

Persicke ist durchaus nicht mit ihr zufrieden. «Mensch, Frollein, det weeß ick natürlich; aber Se saren det so, als ob Sie Schrippen vakoofen täten! Det müssen Se zackig rausbringen! Det müssen Se jedem saren, der keenen Radio hat, det überzeugt noch die letzten Meckerköppe! Der zweite Blitzkrieg, hätten wa ooch geschafft, und nu ab Trumeau nach England! In ’nem Vierteljahr sind die Tommys erledigt, und denn sollste mal sehen, wie unser Führer uns leben läßt! Denn können die andern bluten, und wir sind die Herren der Welt! Komm rin, Mächen, trink ’nen Schnaps mit! Amalie, Erna, August, Adolf, Baldur – alle ran! Heute wird blaujemacht, heute wird keene Arbeet anjefaßt! Heute begießen wir uns mal die Neese, und am Nachmittag gehen wa bei de olle Jüdische in de. vierte Etage, und det Aas muß uns Kaffee und Kuchen jeben! Ick sare euch, die Olle muß, jetzt kenne ick keen Abarmen mehr!»

Während Herr Persicke, von seiner Familie umstanden, sich in immer aufgeregteren Ausführungen ergeht und die ersten Schnäpse schon hinter die Binde zu gießen beginnt, ist die Briefträgerin in die Etage darüber hinaufgestiegen und hat bei den Quangels geklingelt. Sie hält den Brief schon in der Hand, ist bereit, sofort weiterzulaufen. Aber sie hat Glück, nicht die Frau, die meist ein paar freundliche Worte mit ihr wechselt, sondern der Mann mit dem scharfen, vogelähnlichen Gesicht, dem dünnlippigen Mund und den kalten Augen öffnet ihr. Er nimmt wortlos den Brief aus ihrer Hand und zieht ihr die Tür vor der Nase zu, als sei sie eine Diebin, vor der man sich vorzusehen hat.

Eva Kluge zuckt nur die Achseln und geht wieder die Treppen hinunter. Manche Menschen sind eben so; solange sie die Post in der Jablonskistraße austrägt, hat der Mann noch nie ein einziges Wort zu ihr gesagt. Nun, laß ihn, sie kann ihn nicht ändern, hat sie doch nicht einmal den eigenen Mann ändern können, der mit Kneipensitzen und mit Rennwetten sein Geld vertut, und der zu Haus nur dann auftaucht, wenn er ganz abgebrannt ist.

Bei den Persickes haben sie die Flurtür offengelassen, aus der Wohnung klingt Gläsergeklirr und das Lärmen der Siegesfeier. Die Briefträgerin zieht die Flurtür sachte ins Schloß und steigt weiter hinab. Dabei denkt sie, daß dies eigentlich eine gute Nachricht ist, denn durch den raschen Sieg über Frankreich wird der Friede nähergerückt. Dann kommen die beiden Jungen wieder.

Bei diesen Hoffnungen aber stört sie das ungemütliche Gefühl, daß dann solche Leute wie die Persickes ganz obenauf sein werden. Solche zu Herren haben und immer den Mund halten müssen und nie sagen dürfen, wie einem ums Herz ist, das scheint ihr auch nicht das Richtige.

Flüchtig denkt sie auch an den Mann mit dem Vogelgesicht, dem sie eben den Feldpostbrief ausgehändigt hat, und sie denkt an die alte Jüdin Rosenthal, oben im vierten Stock, der die von der Gestapo vor zwei Wochen den Mann weggeholt haben. Die kann einem leid tun, die Frau. Rosenthals haben früher ein Wäschegeschäft an der Prenzlauer Allee gehabt. Das ist dann arisiert worden, und nun ist der Mann weg, der nicht weit von Siebzig ab sein kann. Was Böses getan haben die beiden alten Leute sicher nie jemandem, immer angeschrieben, auch für die Eva Kluge, wenn mal kein Geld für Kinderwäsche da war, und schlechter oder teurer als in andern Geschäften war die Ware bei Rosenthals auch nicht. Nein, es will nicht in den Kopf von Frau Eva Kluge, daß so ein Mann wie der Rosenthal schlechter sein soll als die Persickes, bloß weil er ein Jude ist. Und nun sitzt die alte Frau da oben in der Wohnung mutterseelenallein und traut sich nicht mehr auf die Straße. Erst wenn es dunkel geworden ist, macht sie mit dem Judenstern ihre Einkäufe, wahrscheinlich hungert sie. Nein, denkt Eva Kluge, und wenn wir zehnmal über Frankreich gesiegt haben, gerecht geht es nicht bei uns zu …

Damit ist sie in das nächste Haus gekommen und setzt dort ihren Bestellgang fort.

Der Werkmeister Otto Quangel ist unterdes mit dem Feldpostbrief in die Stube gekommen und hat ihn auf die Nähmaschine gelegt; «Da!» sagt er hur. Er läßt seiner Frau stets das Vorrecht, diese Briefe zu öffnen, weiß er doch, wie sehr sie an ihrem einzigen Sohne Otto hängt. Nun steht er ihr gegenüber; er hat die dünne Unterlippe zwischen die Zähne gezogen und wartet auf das freudige Erglänzen ihres Gesichtes. Er liebt in seiner wortkargen, stillen, ganz unzärtlichen Art diese Frau sehr.

Sie hat den Brief aufgerissen, einen Augenblick leuchtete ihr Gesicht wirklich; dann erlosch das, als sie die Schreibmaschinenschrift sah. Ihre Miene wurde ängstlich, sie las langsamer und langsamer, als scheute sie sich vor jedem kommenden Wort. Der Mann hat sich vorgebeugt und die Hände aus den Taschen genommen. Die Zähne sitzen jetzt fest auf der Unterlippe, er ahnt Unheil. Es ist ganz still in der Stube. Nun fängt der Atem der Frau an, keuchend zu werden.

Plötzlich stößt sie einen leisen Schrei aus, einen Laut, wie ihn ihr Mann noch nie gehört hat. Ihr Kopf fällt vornüber, schlägt erst gegen die Garnrollen auf der Maschine und sinkt zwischen die Falten der Näharbeit, den verhängnisvollen Brief verdeckend.

Quangel ist mit zwei Schritten hinter ihr. Mit einer bei ihm ganz ungewohnten Hast legt er seine große, verarbeitete Hand auf ihren Rücken. Er fühlt, daß seine Frau am ganzen Leibe zittert. «Anna!» sagt er. «Anna, bitte!» Er wartet einen Augenblick, dann wagt er es: «Ist was mit Otto? Verwundet, wie? Schwer?»

Das Zittern geht fort durch den Leib der Frau, aber kein Laut kommt von ihren Lippen. Sie macht keine Anstalten, den Kopf zu heben und ihn anzusehen.

Er blickt auf ihren Scheitel hinunter, er ist so dünn geworden in den Jahren, seit sie verheiratet sind. Nun sind sie alte Leute; wenn Otto wirklich was zugestoßen ist, wird sie niemanden haben und bekommen, den sie liebhaben kann, nur ihn, und er fühlt immer, an ihm ist nicht viel zum Liebhaben. Er kann ihr nie und mit keinem Wort sagen, wie sehr er an ihr hängt. Selbst jetzt kann er sie nicht streicheln, ein bißchen zärtlich zu ihr sein, sie trösten. Er legt nur seine schwere Hand auf ihren dünnen Scheitel, er zwingt sanft ihren Kopf hoch, seinem Gesicht entgegen, er sagt halblaut: «Was die uns schreiben, wirst du mir doch sagen, Anna?»

Aber obwohl jetzt ihre Augen ganz nahe den seinen sind, sieht sie ihn nicht an, sondern hält sie fest geschlossen. Ihr Gesicht ist gelblichblaß, ihre sonst frischen Farben sind geschwunden. Auch das Fleisch über den Knochen scheint fast aufgezehrt, es ist, als sähe er einen Totenkopf an. Nur die Wangen und der Mund zittern, wie der ganze Körper zittert, von einem geheimnisvollen inneren Beben erfaßt.

Wie Ouangel in dies vertraute, jetzt so fremde Gesicht schaut, Wie er sein Herz stark und stärker schlagen fühlt, wie er seine völlige Unfähigkeit spürt, ihr ein bißchen Trost zu spenden, packt ihn eine tiefe Angst. Eigentlich eine lächerliche Angst diesem tiefen Schmerz seiner Frau gegenüber, nämlich die Angst, sie könne zu schreien anfangen, noch viel lauter und wilder, als sie eben schrie. Er ist immer für Stille gewesen, niemand sollte etwas von Quangels im Haus merken. Und gär Gefühle laut werden lassen: nein! Aber auch in dieser Angst kann der Mann nicht mehr sagen, als er vorhin schon gesagt hat: «Was haben sie denn geschrieben? Sag doch, Anna!»

Wohl liegt der Brief jetzt offen da, aber er wagt nicht, nach ihm zu fassen. Er müßte dabei den Kopf der Frau loslassen, und er weiß, dieser Kopf, dessen Stirne schon jetzt zwei blutige Flecke aufweist, fiele dann wieder gegen die Maschine.

Er überwindet sich, noch einmal fragt er: «Was ist denn mit Ottochen?»

Es ist, als habe dieser vom Manne fast nie benutzte Kosename die Frau aus der Welt ihres Schmerzes in dieses Leben zurückgerufen. Sie schluckt ein paarmal, sie öffnet sogar die Augen, die sonst sehr blau sind und jetzt wie ausgeblaßt aussehen. «Mit Ottochen?» flüstert sie fast. «Was soll denn mit ihm sein? Nichts ist mit ihm, es gibt kein Ottochen mehr, das ist es!»

Der Mann sagt nur ein «Oh!», ein tiefes «Oh!» aus dem Innersten seines Herzens heraus. Ohne es zu wissen, hat er den Kopf seiner Frau losgelassen und greift nach dem Brief. Seine Augen starren auf die Zeilen, ohne sie noch lesen zu können.

Da reißt ihm die Frau den Brief aus der Hand. Ihre Stimmung ist umgeschlagen, zornig reißt sie das Briefblatt in Fetzen, in Fetzchen, in Schnitzelchen, und dabei spricht sie ihm überstürzt ins Gesicht: «Was willst du den Dreck auch noch lesen, diese gemeinen Lügen, die sie allen schreiben? Daß er den Heldentod gestorben ist für seinen Führer und für sein Volk? Daß er ein Muster von ’nem Soldaten und Kameraden abgab? Das willst du dir von denen erzählen lassen, wo wir doch beide wissen, daß Ottochen am liebsten an seinen Radios rumgebastelt hat, und weinen tat er, als er zu den Soldaten mußte! Wie oft hat er mir in seiner Rekrutenzeit gesagt, daß er lieber seine ganze rechte Hand hergäbe, bloß um von denen loszukommen! Und jetzt ein Muster von Soldat und Heldentod! Lügen, alles Lügen! Aber das habt ihr angerichtet mit eurem elenden Krieg, du und dein Führer!»

Jetzt steht sie vor ihm, die Frau, kleiner als er, aber ihre Augen sprühen Blitze vor Zorn.

«Ich und mein Führer?» murmelt er, ganz überwältigt von diesem Angriff.«Wieso ist er denn plötzlich mein Führer? Ich bin doch gar nicht in der Partei, bloß in der Arbeitsfront, und da müssen alle rein. Und gewählt haben wir ihn ein einziges Mal, alle beide.»

Er sagt das in seiner umständlichen, langsamen Art, nicht so sehr, um sich zu verteidigen, als um die Tatsachen klarzustellen. Er versteht noch nicht, wie die Frau plötzlich zu diesem Angriff gegen ihn kommt. Sie waren doch immer eines Sinnes gewesen …

Aber sie sagt hitzig: «Wozu bist du denn der Mann im Haus und bestimmst alles, und alles muß nach deinem Kopf gehen, und wenn ich nur einen Verschlag für die Winterkartoffeln im Keller haben will: er muß sein, wie du willst, nicht wie ich will. Und in einer so wichtigen Sache hast du falsch bestimmt! Aber du bist ein Leisetreter, nur deine Ruhe willst du haben und bloß nicht auffallen. Du hast getan, was sie alle taten, und wenn sie geschrien haben: <Führer befiel, wir folgen!>, so bist du wie ein Hammel hinterhergerannt. Und wir haben wieder hinter dir Verlaufen müssen! Aber nun ist mein Ottochen tot, und kein Führer der Welt und auch du nicht bringen ihn mir wieder!»

Er hörte sich das alles ohne ein Widerwort an. Er war nie der Mann gewesen, sich zu streiten, und er fühlte es zucken, daß nur der Schmerz aus ihr sprach. Er war beinahe froh darüber, daß sie ihm zürnte, daß sie ihrer Trauer noch keinen freien Lauf ließ. Er sagte nur zur Antwort auf diese Anklagen: «Einer wird’s der Trudel sagen müssen.»

Die Trudel war Ottochens Mädchen gewesen, fast schon seine Verlobte; zu seinen Eltern hatte die Trudel Muttchen und Vater gesagt. Sie kam abends oft zu ihnen, auch jetzt, da Ottochen fort war, und schwatzte mit ihnen. Am Tage arbeitete sie in einer Uniformfabrik.

Die Erwähnung der Trudel brachte Anna Quangel sofort auf andere Gedanken. Sie warf einen Blick auf den blitzenden Regulator an der Wand und fragte: «Wirst du’s noch bis zu deiner Schicht schaffen?»

«Ich habe heute die Schicht von eins bis elf», antwortete er. «Ich werd’s schaffen.»

«Gut», sagte sie. «Dann geh, aber bestell sie nur hierher und sag ihr noch nichts von Ottochen. Ich will’s ihr selber sagen. Dein Essen ist um zwölfe fertig.»

«Dann geh ich und sag ihr, sie soll heute abend vorbeikommen», sagte er, ging aber noch nicht, sondern sah ihr ins gelblichweiße, kranke Gesicht. Sie sah ihn wieder an, und eine Weile betrachteten sie sich so schweigend, die beiden Menschen, die an die dreißig Jahre miteinander verbracht hatten, immer einträchtig, er schweigsam und still, sie ein bißchen Leben in die Wohnung bringend.

Aber so sehr sie sich jetzt auch anschauten, sie hatten einander kein Wort zu sagen. So nickte er und ging.

Sie hörte die Flurtür klappen. Und kaum wußte sie ihn wirklich fort, drehte sie sich wieder nach der Nähmaschine und strich die Schnitzelchen des verhängnisvollen Feldpostbriefes zusammen. Sie versuchte, sie aneinanderzupassen, aber sie sah schnell, daß das jetzt zu lange dauern würde, sie mußte vor allen Dingen sein Essen fertigmachen. So tat sie denn das Zerrissene sorgfältig in den Briefumschlag, den sie in ihr Gesangbuch legte. Am Nachmittag, wenn Otto wirklich fort war, würde sie die Zeit haben, die Schnitzel zu ordnen und aufzukleben. Wenn es auch alles dumme Lügen, gemeine Lügen waren, es war doch das Letzte von Ottochen! Sie würde es trotzdem aufbewahren und der Trudel zeigen. Vielleicht würde sie dann weinen können, jetzt stand es noch wie Flammen in ihrem Herzen. Es würde gut sein, weinen zu können!

Sie schüttelte zornig den Kopf und ging an die Kochmaschine.

2
Was Baldur Persicke zu sagen hatte

Als Otto Quangel an Persickes Wohnung vorüberging, scholl grade beifälliges Geheul daraus, untermischt mit «Siegheil»-Geschrei. Eiliger ging Quangel weiter, bloß um keinen von der Gesellschaft treffen zu müssen. Sie wohnten schon zehn Jahre im gleichen Haus, aber Quangel hatte von jeher alles Zusammentreffen mit den Persickes zu vermeiden gesucht, schon damals, als der noch ein kleiner, ziemlich verkrachter Budiker gewesen war. Jetzt waren die Persickes große Leute geworden, der Alte hatte alle möglichen Ämter bei der Partei, und die beiden ältesten Söhne waren bei der SS; Geld schien bei denen keine Rolle zu spielen.

Um so mehr Grund, sich bei ihnen vorzusehen, denn alle, die so standen, mußten sich bei der Partei in Beliebtheit halten, und das konnten sie nur, wenn sie etwas für die Partei taten. Etwas tun, das hieß aber, andere angeben zum Beispiel melden: Der und der hat einen ausländischen Sender abgehört. Quangel hätte darum am liebsten schon lange die Radios aus Ottos Kammer verpackt in, den Keller gestellt. Man konnte nicht vorsichtig genug sein in diesen Zeiten, wo jeder der Spion des andern war, die Gestapo ihre Hand über alle hielt, das KZ in Sachsenhausen immer größer wurde. Er, Quangel, brauchte kein Radio, aber Anna war gegen das Fortschaffen gewesen. Sie meinte, das alte Sprichwort gelte noch: Ein reines Gewissen ist ein gutes Ruhekissen. Wo so was alles doch schon längst nicht galt, wenn es je gestimmt hatte.

Mit solchen Gedanken ging also Quangel eiliger die Treppen hinab und über den Hof auf die Straße.

Bei den Persickes aber haben sie darum so geschrien, weil das Licht der Familie, der Bruno, der jetzt Schirachs wegen Baldur heißt und, wenn’s Vater mit seinen Beziehungen schafft, sogar auf eine Napola soll – weil also der Baldur im «Völkischen Beobachter» ein Bild gefunden hat. Auf dem Bild sind der Führer und der Reichsmarschall Göring zu sehen, und unter dem Bilde steht: «Beim Empfang der Nachricht von der Kapitulation Frankreichs». So sehen die beiden auf dem Bilde auch aus: der Göring lacht über sein ganzes feistes Gesicht, und der Führer klatscht sich auf die Schenkel vor Vergnügen.

Die Persickes haben sich auch wie die auf dem Bilde gefreut und gelacht, der Baldur aber hat gefragt: «Na, seht ihr denn nichts Besonderes auf dem Bilde?»

Sie starren ihn abwartend an, so völlig sind sie von der geistigen Überlegenheit dieses Sechzehnjährigen überzeugt, daß keiner auch nur eine Vermutung laut werden läßt.

«Na!» sagt der Baldur. «Überlegt doch mal! Das Bild ist doch von ʼnem Pressefotografen gemacht worden. Hat der wohl dabeigestanden, wie die Nachricht von der Kapitulation gekommen ist? Sie muß doch auch durchs Telefon oder durch ʼnen Kurier oder vielleicht gar durch einen französischen General gekommen sein, und von alledem sieht man auf dem Bilde gär nichts. Die beiden stehen hier ganz allein im Garten und freuen sich … »

Baldurs Eltern und Geschwister sitzen noch immer stumm da und starren ihn an. Ihre Gesichter sind vom gespannten Aufmerken fast dumm. Der alte Persicke würde sich am liebsten schon wieder einen neuen Schnaps genehmigen, aber das wagt er nicht, solange der Baldur spricht. Er weiß aus Erfahrung, der Baldur kann sehr unangenehm werden, wenn man seinen politischen Vorträgen nicht genügend Aufmerksamkeit schenkt.

Der Sohn fährt unterdes fort: «Also, das Bild ist gestellt, es ist gar nicht beim Eintreffen der Nachricht von der Kapitulation gemacht worden, sondern vorher. Und nun seht auch an, wie sich der Führer freut! Der denkt jetzt schon längst an England, und wie wir die Tommys drankriegen. Nee, das ganze Bild ist eine Schauspielerei, von der Aufnahme angefangen bis zum Händeklatschen. Das heißt, den Dummen Sand in die Augen gestreut!»

Jetzt starren den Baldur die Seinen so an, als seien sie die Dummen, denen Sand in die Augen gestreut wird. Wenn’s nicht der Baldur gewesen wäre, jeden Fremden hätten sie für so ’ne Bemerkung bei der Gestapo angezeigt.

Der Baldur aber fährt fort: «Seht ihr, und das ist das Große an unserem Führer: er läßt keinen in seine Pläne reingucken. Die denken jetzt alle, er freut sich über seinen Sieg in Frankreich, und dabei sammelt er vielleicht schon die Schiffe für eine Invasion auf der Insel. Seht ihr, das müssen wir von unserm Führer lernen: wir sollen nicht jedem auf die Semmel schmieren, wer wir sind und was wir vorhaben!» Die andern nicken eifrig; endlich glauben sie erfaßt zu haben, worauf der Baldur hinauswill. «Ja, ihr nickt», sagt der Baldur ärgerlich, «aber ihr macht’s ganz anders! Keine halbe Stunde ist es her, da habe ich Vatern vor der Briefträgerin sagen hören, die olle Rosenthal oben soll uns Kaffee und Kuchen spendieren … »

«Och, die olle Judensau!» sagt Vater Persicke, aber doch mit einem entschuldigenden Ton in der Stimme.

«Na ja», gibt der Sohn zu, «viel Aufhebens wird von der nicht gemacht, wenn ihr mal was passiert. Aber wozu den Leuten so was erst erzählen? Sicher ist sicher. Guck dir mal ’nen Menschen an wie den über uns, den Quangel. Kein Wort kriegst du aus dem Manne heraus, und doch bin ich ganz sicher, der sieht und hört alles und wird auch seine Stelle haben, wo er’s hinmeldet. Wenn der mal meldet, die Persickes können die Schnauze nicht halten, die sind nicht zuverlässig, denen kann man nichts anvertrauen, dann sind wir geliefert. Du wenigstens bestimmt, Vater, und ich werde keinen Finger rühren, um dich wieder rauszuholen, aus dem KZ oder aus Moabit oder aus der Plötze, oder wo du grade sitzt.»

Alle schweigen, und selbst ein so eingebildeter Mensch wie der Baldur spürt, daß dieses Schweigen nicht bei allen Zustimmung bedeutet. So sagt er noch rasch, um wenigstens die Geschwister auf seine Seite zu bringen: «Wir wollen alle ein bißchen mehr werden als Vater, und wodurch kommen wir zu was? Doch nur durch die Partei! Und darum müssen wir’s so machen wie der Führer: den Leuten Sand in die Augen streuen, so tun, als wären wir freundlich, und dann hintenrum, wenn keiner was ahnt: erledigt und weg. Es soll auf der Partei heißen: Mit den Persickes kann man alles machen, einfach alles!»

Noch einmal sieht er das Bild mit den lachenden Hitler und Göring an, nickt kurz und gießt dann Schnaps ein, zum Zeichen, daß sein politischer Vortrag beendet ist. Er sagt: «Zieh bloß keinen Flunsch, Vater, weil ich dir mal die Meinung gegeigt habe!»

«Du bist erst sechzehn und mein Sohn», fängt der Alte, noch immer gekränkt, an.

«Un du bist mein Oller, den ich zu ville besoffen gesehen habe, als daß du mir noch groß imponierst», sagt Baldur Persicke rasch und bringt damit die Lacher, sogar die ständig verängstigte Mutter, auf seine Seite. «Nee, laß man, Vater, eines Tages werden wir noch im eigenen Auto fahren, und du sollst alle Tage Sekt zu saufen kriegen, bis du voll bist!»

Der Vater will wieder etwas sagen, aber dieses Mal nur gegen den Sekt, den er nicht so schätzt wie seinen Kornschnaps. Aber Baldur fährt rasch und leiser fort: «Ideen hast du gar nicht so schlechte, Vater, bloß, du solltest mit keinem darüber reden als mit uns. Mit der Rosenthal ist vielleicht wirklich was zu machen und mehr als Kaffee und Kuchen. Laßt mich nur darüber nachdenken, das muß vorsichtig angefaßt werden. Vielleicht riechen andere den Braten auch, und vielleicht sind andere besser angeschrieben als wir!»

Seine Stimme hat sich gesenkt und ist gegen den Schluß hin fast unhörbar geworden. Baldur Persicke hat es wieder fertiggebracht, er hat alle auf seine Seite gezogen, selbst den Vater, der erst eingeschnappt war. So sagt er denn: «Prost auf die Kapitulation von Frankreich!», und weil er sich dabei lachend auf die Schenkel klatscht, merken sie, daß er damit etwas ganz anderes meint, nämlich die alte Rosenthal.

Sie lärmen durcheinander und stoßen an und trinken so manchen Schnaps, immer einen hinter dem andern. Aber sie vertragen auch was, dieser ehemalige Gastwirt und seine Kinder.

3
Ein Mann namens Borkhausen

Der Werkmeister Quangel ist auf die Jablonskistraße hinausgetreten und hat vor der Haustür herumstehend den Emil Borkhausen getroffen. Es schien der einzige Beruf Emil Borkhausens zu sein, immer irgendwo rumzustehen, wo es was zu gaffen oder zu hören gab. Daran hatte auch der Krieg nichts geändert, der doch überall mit Dienstverpflichtungen und Arbeitszwang vorgegangen war: Emil Borkhausen stand weiter rum.

Er stand da, eine lange, dürre Gestalt in einem abgetragenen Anzug, und sah verdrossen mit seinem farblosen Gesicht in die um diese Stunde fast menschenleere Jablonskistraße. Als er Quangels ansichtig wurde, kam Bewegung in ihn, er trat auf ihn zu und bot ihm die Hand. «Wo gehen Sie denn jetzt hin, Quangel?» fragte er. «Das ist doch noch nicht Ihre Zeit für die Fabrik?»

Quangel übersah die Hand des andern und murmelte fast unverständlich: «Eiliger Weg!»

Dabei ging er schon weiter, nach der Prenzlauer Allee zu. Dieser lästige Schwätzer hatte ihm gerade noch gefehlt!

So leicht ließ sich der aber nicht abschütteln. Er lachte meckernd und rief: «Da haben wir ja denselben Weg, Quangel!» Und als der andere, stur geradeaus starrend, weiterschritt, setzte er hinzu: «Der Doktor hat mir nämlich gegen meine Hartleibigkeit viel Bewegung verordnet, und allein rumlaufen, das langweilt mich!»

Er fing nun an, genau zu schildern, was er alles schon gegen seine Hartleibigkeit getan hatte. Quangel hörte gar nicht hin. Ihn beschäftigten zwei Gedanken, und der eine Verdrängte immer wieder den andern: daß er keinen Sohn mehr hatte und daß Anna gesagt hatte: Du und dein Führer. Quangel gab es sich zu: er hatte den Jungen nie geliebt, wie ein Vater seinen Sohn zu lieben hat. Von der Geburt an hatte er das Kind nur als Störer seiner Ruhe und seiner Beziehungen zu Anna empfunden. Wenn er jetzt doch Schmerz fühlte, so darum, weil er mit Unruhe an Anna dachte, wie sie diesen Tod aufnehmen, was dadurch alles geändert werden würde. Hatte doch. Anna schon zu ihm gesagt: Du und dein Führer!

Es stimmte nicht. Hitler war nicht sein Führer, oder doch nicht mehr sein Führer, als er Annas Führer war. Sie, waren sich immer einig gewesen, als er mit seiner kleinen Tischlerwerkstatt verkracht war, daß der Führer den Karrenaus dem Dreck gerissen hatte. Nach vier Jahren Arbeitslosigkeit war er 1934 Werkmeister in der großen Möbelfabrik geworden und brachte jetzt alle Wochen seine vierzig Mark nach Hause. Damit kamen sie gut aus.

Aber in die Partei waren sie darum doch nicht getreten. Einmal reute sie der Parteibeitrag, man mußte schon so an allen Ecken und Enden bluten, für das WHW, für alle möglichen Sammlungen, für die Arbeitsfront. Ja, in der Arbeitsfront hatten sie ihm in der Fabrik auch ein Ämtchen aufgehuckt, und gerade das war der andere Grund, warum sie beide nicht in die Partei eingetreten waren. Denn er sah es bei jeder Gelegenheit, wie sie ständig einen Unterschied zwischen Volksgenossen und Parteigenossen machten. Auch der schlechteste Parteigenosse war denen noch mehr wert als der beste Volksgenosse. War man einmal in der Partei, so konnte man sich alles erlauben: so leicht passierte einem nichts. Das nannten sie Treue um Treue.

Er aber, der Werkmeister Otto Quangel, war für Gerechtigkeit. Jeder Mensch war ihm ein Mensch, und ob er in der Partei drin war, das hatte damit gar nichts zu tun. Wenn er in der Werkstatt immer wieder erleben mußte, daß dem einen ein kleiner Fehler am Werkstück schwer angekreidet wurde und daß der andere Pfusch über Pfusch abliefern durfte, so empörte ihn das stets von neuem. Er setzte die Zähne auf die Unterlippe und nagte wütend an ihr – wenn er’s gekonnt hätte, er wäre auch diese Pöstchen in der DAF längst los gewesen!

Die Anna wußte das gut, darum hätte sie das nie sagen dürfen, dies Wort: Du und dein Führer! Die Anna hatte nicht gemußt wie er. Gott ja, er verstand ihre Einfachheit, ihre Demut und wie sie nun so plötzlich anders geworden war. Zeit ihres Lebens war sie Dienstmädchen gewesen, erst auf dem Lande, dann hier in der Stadt, zeit ihres Lebens hatte sie Trab laufen müssen und war kommandiert worden. In ihrer Ehe hatte sie auch nicht viel zu sagen gehabt, nicht etwa, weil er sie viel kommandiert hätte, sondern weil sich um ihn, den Geldverdiener, nun einmal alles drehen mußte.

Aber nun ist der Tod von Ottochen gekommen, und mit Beunruhigung spürt Otto Quangel, wie tief sie davon aufgewühlt ist.

Er sieht ihr krankes, gelblichweißes Gesicht vor sich, wieder hört er ihre Anklage, er ist jetzt zu einer ganz ungewohnten Stunde unterwegs, diesen Borkhausen an der Seite, heute abend ist die Trudel bei ihnen, es wird Tränen geben, endloses Gerede – und er, Otto Quangel, liebt doch so sehr das Gleichmaß des Lebens, den immer gleichen Arbeitstag, der möglichst gar kein besonderes Ereignis bringt. Schon der Sonntag ist ihm fast eine Störung. Undnun soll alles eine Weile durcheinandergehen, und wahrscheinlich wird die Anna nie wieder die, die sie einst war.

Er muß sich das alles noch einmal ganz genau überlegen, nur der Borkhausen hindert ihn daran. Jetzt sagt dieser Mann doch: «Sie sollen ja auch einen Feldpostbrief bekommen haben, und er soll nicht von Ihrem Otto geschrieben sein?»

Quangel richtet den Blick seiner scharfen, dunklen Augen auf den andern und murmelt: «Schwätzer!» Weil er aber mit niemandem Streit bekommen will, selbst nicht mit solch einem Garnichts wie dem Rumsteher Borkhausen, setzt er halb widerwillig hinzu: «Die Leute schwatzen alle viel zuviel!»

Der Emil Borkhausen ist nicht beleidigt, den Borkhausen kann man so leicht nicht beleidigen, er stimmt eifrig zu: «Sie sagen’s, wie’s ist, Quangel! Warum kann die Kluge, die Briefschleiche, nicht das Maulwerk halten? Aber nein, gleich muß sie allen erzählen: Die Quangels haben einen Brief aus dem Felde mit Schreibmaschinenschrift bekommen!» Er macht eine kleine Pause, und dann fragt er mit einer ganz ungewohnten, halblauten, teilnehmenden Stimme: «Verwundet oder vermißt oder …?»

Er schweigt. Quangel aber – nach einer längeren Pause – antwortet nur indirekt: «Also Frankreich hat kapituliert? Na; das hätten die gut auch einen Tag früher machen können, dann lebte mein Otto noch … »

Borkhausen erwidert auffallend lebhaft: «Aber weil soundsoviel Tausende den Heldentod gestorben sind, darum hat Frankreich sich doch so rasch ergeben. Darum bleiben so viele Millionen nun am Leben. Auf so ’n Opfer muß man stolz sein als Vater!»

Quangel fragt: «Ihre sind alle noch zu klein, um ins Feld zu gehen, Nachbar?»

Fast gekränkt meint Borkhausen: «Das wissen Sie doch, Quangel! Aber wenn sie alle auf einmal stürben, durch ʼne Bombe oder so was, da wäre ich nur stolz drauf. Glauben Sie mir das nicht, Quangel?»

Aber der Werkmeister beantwortet diese Frage nicht, sondern denkt: Wenn ich schon kein rechter Vater bin und den Otto nicht so liebgehabt habe, wie ich mußte – dir sind deine Gören einfach eine Last. Das glaube ich, daß du froh wärst, die durch eine Bombe alle auf einmal loszuwerden, unbesehen glaube ich dir das!

Aber er spricht nichts derart, und der Borkhausen, der schon des Wartens auf eine Antwort überdrüssig geworden ist, sagt: «Denken Sie doch mal nach. Quangel, erst das Sudetenland und die Tschechoslowakei und Österreich und nu Polen und Frankreich – wir werden doch das reichste Volk von der Welt! Was zählen da ein paar hunderttausend Tote? Reich werden wir alle!»

Ungewohnt rasch entgegnet Quangel: «Und was werden wir mit dem Reichtum anfangen? Kann ich ihn essen? Schlaf ich besser, wenn ich reich bin? Werd ich als reicher Mann nicht mehr in die Fabrik gehen, und was tu ich dann den ganzen Tag? Nee, Borkhausen, ich will nie reich werden und so schon bestimmt nicht. So ein Reichtum ist nicht einen Toten wert!»

Da packt ihn Borkhausen am Arm, seine Augen flackern, er schüttelt den Quangel, während er eilig flüstert: «Wie kannst du so reden, Quangel? Du weißt doch, daß ich dich für so ʼne Meckerei ins KZ bringen kann? Du hast ja unserm Führer direkt gegen’s Gesicht gesprochen! Wenn ich nun so einer wäre und meldete das …?»

Quangel ist erschrocken über seine eigenen Worte. Diese Sache mit Otto und Anna muß ihn viel mehr aus dem Gleis geworfen haben, als er bisher gedacht hat, sonst hätte ihn seine angeborene, stets wachsame Vorsicht nicht so verlassen. Aber der andere bekommt von seinem Erschrecken nichts zu merken. Quangel befreit seinen Arm mit den starken Arbeitshänden von dem laschen Griff des andern und sagt dabei langsam und gleichgültig: «Was regen Sie sich denn so auf, Borkhausen? Was habe ich denn gesagt, das Sie melden können? Ich bin traurig, weil mein Sohn Otto gefallen ist und weil meine Frau nun vielen Kummer hat. Das können Sie melden, wenn Sie wollen, und wenn Sie wollen, dann tun Sie’s! Ich geh gleich mit und unterschreibe, daß ich das gesagt hab!»

Während Quangel aber so ungewohnt wortreich daherredet, denkt er innerlich: Ich will ʼnen Besen fressen, wenn dieser Borkhausen nicht ein Spitzel ist! Wieder einer, vor dem man sich in acht nehmen muß! Vor wem muß man sich nicht in acht nehmen? Wie’s mit der Anna werden wird, weiß ich auch nicht …

Unterdes sind sie am Fabriktor angekommen. Wieder streckt Quangel dem Borkhausen nicht die Hand hin. Er sagt: «Na denn!» und will hineingehen.

Aber Borkhausen hält ihn an der Joppe fest und flüstert: «Nachbar, was gewesen ist, darüber wollen wir nicht mehr sprechen. Ich bin kein Spitzel und will keinen ins Unglück bringen. Aber nun tu mir auch einen Gefallen: ich muß meiner Frau ein bißchen Geld für Lebensmittel geben und habe keinen Pfennig in der Tasche. Die Kinder haben heut noch nischt gegessen. Leih mir zehn Mark – am nächsten Freitag bekommst du sie bestimmt wieder – heilig wahr!»

Der Quangel macht sich wieder wie vorhin von dem Griff des andern frei. Er denkt: Also so einer bist du, so verdienst du dein Geld! Und: Ich werde ihm nicht eine Mark geben, sonst denkt er, ich habe Angst vor ihm, und läßt mich nie wieder aus der Zange. Laut sagt er: «Ich bringe nur dreißig Mark die Woche nach Haus und brauche jede Mark davon alleine. Ich kann dir kein Geld geben.»

Damit geht er ohne ein weiteres Wort oder einen Blick in den Torhof der Fabrik hinein. Der Pförtner dort kennt ihn und läßt ihn ohne weitere Fragen durch.

Der Borkhausen aber steht auf der Straße, starrt ihm nach und überlegt, was er nun tun soll. Am liebsten ginge er zur Gestapo und machte Meldung gegen den Quangel, ein paar Zigaretten fielen dabei schon ab. Aber besser, er tut’s nicht. Er ist heute früh zu vorschnell gewesen, er hätte den Quangel sich frei ausquatschen lassen sollen; nach dem Tode des Sohnes war der Mann in der Verfassung dazu.

Aber er hat den Quangel falsch eingeschätzt, der läßt sich nicht bluffen. Die meisten Menschen haben heute Angst, eigentlich alle, weil sie alle irgendwo irgendwas Verbotenes tun und immer fürchten, jemand weiß davon. Man muß sie nur im richtigen Augenblick überrumpeln, dann hat man sie, und sie zahlen. Aber der Quangel ist nicht so, ein Mann mit so ʼnem scharfen Raubvogelgesicht. Der hat wahrscheinlich vor nichts Angst, und überrumpeln läßt der sich schon gar nicht. Nein, er wird den Mann aufgeben, vielleicht läßt sich in den nächsten Tagen mit der Frau was machen, ʼne Frau schmeißt der Tod vom einzigen Jungen noch ganz anders um! Dann fangen so ʼne Weiber an zu plappern.

Also die Frau in den nächsten Tagen, und was macht er jetzt? Er muß wirklich der Otti Geld gebender hat heute früh heimlich das letzte Brot aus dem Küchenspind weggegessen. Aber er hat kein Geld, und woher kriegt er auf die schnelle was? Seine Frau ist ʼne Xanthippe und imstande, ihm das Leben zur Hölle zu machen. Früher strichte sie auf der Schönhauser Allee und konnte manchmal richtig nett und lieb sein. Jetzt hat er fünf Blagen von ihr, das heißt, die meisten sind wohl kaum von ihm, und sie kann schimpfen wie ʼn Fischweib in der Markthalle. Schlagen tut das Aas auch, zwischen die Kinder, und wenn’s ihn trifft; so gibt es eben ʼne kleine Klopperei, bei der sie immer das meiste bezieht, aber das macht sie nicht klug.

Nein, er kann nicht ohne Geld zur Otti kommen. Plötzlich fällt ihm die alte Rosenthal ein, die da jetzt ganz allein, ohne allen Schutz im vierten Stock Jablonskistraße 55 wohnt. Daß ihm die olle Jüdin nicht eher eingefallen ist, die ist doch ein lohnenderes Geschäft als der alte Geier, der Quangel! Sie ist ʼne gutmütige Frau, er weiß es noch von früher, als sie noch ihr Wäschegeschäft hatten, und zuerst wird er es auch auf die sanfte Tour versuchen. Will sie aber nicht, so gibt er ihr einfach einen vor den Deez! Irgendwas wird er schon finden, ein Schmuckstück oder Geld oder was zu essen, irgendeine Sache, durch die Otti besänftigt wird.

Während Borkhausen so überlegt und sich immer wieder ausmalt, was er wohl finden wird – denn die Juden haben noch alles, sie verstecken’s bloß vor den Deutschen, denen sie’s gestohlen haben –, während solcher Gedanken geht Borkhausen immer schneller in die Jablonskistraße zurück. Als er unten im Treppenhaus angekommen ist, lauscht er lange hinauf. Er möchte doch nicht gerne, daß ihn jemand hier im Vorderhaus sähe, er selbst wohnt im Hinterhaus, was sich Gartenhaus schimpft, im Souterrain, hat also zu gut Deutsch eine Kellerwohnung. Ihn stört das nicht, nur wegen der Leute ist es ihm manchmal peinlich.

Es rührt sich nichts im Treppenhaus, und Borkhausen fängt an, eilig, aber leise die Stufen hochzusteigen. Aus der Wohung der Persickes schallt wüster Lärm, Gejohle und Gelächter, die feiern schon mal wieder. An so ʼne wie die Persickes müßte er mal Anschluß bekommen, die haben die richtigen Verbindungen, dann ginge es auch mit ihm voran. Aber solche sehen einen Gelegenheitsspitzel, wie er ist, natürlich gar nicht an; besonders die Jungen in der SS und der Baldur sind unglaublich hochnäsig. Der Alte ist schon besser, schenkt ihm manchmal fünf Mark, wenn er angesoffen ist …

In der Wohnung der Quangel ist alles still, und, eine Treppe höher, bei der Rosenthal hört er auch keinen Laut, so lange er auch das Ohr gegen die Tür legt. So klingelt er rasch und geschäftsmäßig, wie es etwa der Briefbote täte, der es eilig hat, weiterzukommen.

Aber nichts rührt sich, und nach ein, zwei Minuten Warten entschließt sich Borkhausen zu einem zweiten und später zu einem dritten Klingeln. Dazwischen lauscht er, hört nichts, flüstert aber doch durch das Schlüsselloch: «Frau Rosenthal, machen Sie doch auf! Ich bring Ihnen Nachricht von Ihrem Mann! Schnell, ehe mich einer sieht! Frau Rosenthal, ich hör Sie doch, machen Sie schon auf!»

Dazwischen klingelt er immer wieder, aber alles ganz erfolglos. Schließlich packt ihn die Wut. Er kann doch nicht auch hier wieder ganz erfolglos abziehen, mit der Otti gibt es einen Heidenstunk. Die olle Jüdsche soll rausgeben, was sie ihm gestohlen hat! Er klingelt rasend, und dazwischen schreit er am Schlüsselloch: «Mach uff, du olle Judensau, oder ick lackier dir die Fresse, daß du nich mehr aus den Augen kieken kannst! Ich bringe dich heute noch ins KZ, wenn du nicht aufmachst, verdammte Jüdsche!»

Wenn er jetzt bloß Benzin bei sich hätte, er steckte dem Aas auf die Stelle die Tür an!

Aber plötzlich wird Borkhausen ganz still. Er hat tiefer unten eine Wohnungstür gehen gehört, er drückt sich eng an die Wand. Keiner darf ihn hier sehen. Natürlich wollen die auf die Straße, er muß jetzt bloß stille sein.

Doch der Schritt geht treppauf, unaufhaltsam, wenn auch langsam und stolpernd. Es ist einer von den Persickes, und ein besoffener Persicke, das ist grade, was dem Borkhausen jetzt gefehlt hat. Natürlich will der auf den Boden, aber der Boden ist durch eine verschlossene Eisentür gesichert, da gibt’s kein Versteck. Nun ist nur noch die einzige Hoffnung, daß der Betrunkene, ohne ihn zu merken, an ihm vorübergeht; wenn’s der alte Persicke ist, kann’s passieren.

Aber es ist nicht der alte Persicke, es ist der ekelhafte Bengel, der Bruno oder Baldur, der schlimmste von der ganzen Bande! Ewig läuft er in seiner HJ-Führer-Uniform herum und erwartet, daß man ihn zuerst grüßt, obwohl er doch ein reiner Garnichts ist. Langsam kommt der Baldur die letzten Treppenstufen hoch, er hält sich am Treppengeländer fest, so angetrunken wie er ist. Er hat trotz seiner glasigen Augen den Borkhausen da an der Wand längst gesehen, er spricht ihn aber erst an, als er direkt vor ihm steht: «Was schnüffelst du denn hier vorne im Hause herum? Ich will das nicht haben, mach, daß du in den Keller zu deiner Nutte kommst! Marsch, hau ab!»

Und er hebt den Fuß mit dem genagelten Schuh, setzt ihn aber gleich wieder hin: zum Fußtrittgeben steht er zu wacklig auf den Füßen.

Einem Ton wie dem eben ist der Borkhausen einfach nicht gewachsen. Wenn er so angeschnauzt wird, kriecht er ganz in sich zusammen, hat bloß Angst. Er flüstert demütig: «Entschuldigen Sie bloß, Herr Persicke! Wollte mir nur mal ʼnen kleinen Spaß mit der ollen Jüdschen machen!»

Der Baldur legt vor angestrengtem Nachdenken die Stirn in Falten. Nach einer Weile sagt er: «Klauen wollt’ste, du Aas, das ist dein Spaß mit der ollen Jüdschen. Na, geh voran!»

So grob die Worte auch waren, so klangen sie doch zweifelsfrei wohlwollender; für so was hatte Borkhausen ein feines Ohr. So sagt er denn mit einem für den Witz um Entschuldigung bittenden Lächeln: «Ich klau doch nicht, Herr Persicke, ick organisier bloß manchmal ein bißchen!»

Baldur Persicke erwidert das Lächeln nicht. Mit solchen Leuten macht er sich nicht gemein, wenn sie auch manchmal nützlich sein können. Er klettert vorsichtig hinter Borkhausen die Treppe hinunter.

Beide Männer sind so mit ihren Gedanken beschäftigt, daß sie darauf nicht achthaben, daß die Flurtür bei den Quangels jetzt nur angelehnt ist. Und sie wird sofort wieder geöffnet, als die beiden Männer vorüber sind. Anna Quangel huscht ans Treppengeländer und lauscht hinunter.

Vor der Flurtür der Persickes hebt Borkhausen stramm die Hand zum Deutschen Gruß: «Heil Hitler, Herr Persicke! Und ich danke Ihnen auch schön!»

Wofür er dankt, weiß er selbst nicht so genau. Vielleicht, weil der HJ-Führer ihn nicht mit dem Fuß in den Hintern getreten und die Treppe hinuntergeworfen hat. Er hätte sich das ja auch gefallen lassen müssen, solch ein kleiner Pinscher wie er ist.

Baldur Persicke erwidert den Gruß nicht. Er starrt den andern mit seinen glasigen Augen an und erreicht, daß er nach kurzem zu blinzeln anfängt und den Blick zur Erde senkt. Baldur fragt: «Du wolltest dir also einen Spaß mit der alten Rosenthal machen?»

«Ja», antwortet Borkhausen leise mit gesenktem Blick.

«Was denn für ʼnen Spaß?» wird er weiter gefragt. «Bloß so Firma Klau und Lange?»

Borkhausen riskiert einen raschen Blick in das Gesicht seines Gegenübers. «Och!» sagt er. «Ich hätte ihr auch schon die Fresse lackiert!»

«So!» antwortet der Baldur nur. «So!»

Eine Weile stehen sie schweigend. Der Borkhausen überlegt, ob er jetzt gehen darf, aber er hat noch nicht den Befehl zum Abtreten bekommen. So wartet er stumm, mit wieder gesenktem Blick, weiter.

«Geh da mal rein!» sagt Persicke plötzlich mit sehr mühsamer Zunge. Er zeigt mit ausgestrecktem Finger auf die offene Flurtür der Persickes. «Vielleicht habe ich dir noch was zu sagen. Mal sehen!»

Borkhausen marschiert, wie vom weisenden Zeigefinger befohlen, schweigend in die Wohnung der Persickes. Baldur Persicke folgt, ein wenig schwankend, aber in soldatischer Haltung. Die Tür schlägt hinter beiden zu.

Oben löst sich Frau Anna Quangel vom Treppengeländer und schleicht in die eigene Wohnung zurück, deren Tür sie sachte ins Schloß gleiten läßt. Warum sie die beiden bei ihrem Gespräch, erst oben vor der Wohnung der Frau Rosenthal, dann unten vor Persickes Tür, belauscht hat, sie weiß es nicht. Sie folgt sonst ganz der Gewohnheit ihres Mannes: die Mitbewohner können tun und lassen, was sie wollen. Frau Annas Gesicht ist noch immer krankhaft weiß, und in ihren Augenlidern ist ein irritiertes Zucken. Ein paarmal schon hätte sie sich gerne hingesetzt und geweint, aber sie kann es nicht. Ihr gehen Redensarten durch den Kopf wie: «Es drückt mir das Herz ab», oder: «Es hat mich vor den Kopf geschlagen», oder: «Es steht mir vor dem Magen». Von all dem empfindet sie etwas, aber auch noch dies: «Die sollen mir nicht ungestraft meinen Jungen umgebracht haben. Ich kann auch anders sein … »

Wieder weiß sie nicht, was sie mit dem Anderssein meint, aber dies Lauschen eben war vielleicht schon ein Anfang davon. Otto wird nicht mehr alles allein bestimmen können, denkt sie auch noch. Ich will auch mal tun können, was ich will, auch wenn es ihm nicht paßt.

Sie macht sich eifrig an die Fertigstellung des Essens. Die meisten Lebensrnittel, die sie beide auf Karten zugeteilt erhalten, bekommt er. Er ist nicht mehr jung und muß ständig über seine Kraft arbeiten; sie kann viel sitzen und Näharbeit tun, also versteht sich solche Teilung von selbst.

Während sie noch mit ihren Kochtöpfen hantiert, verläßt Borkhausen wieder die Wohnung der Persickes. Sobald er die Treppe hinuntersteigt, verliert seine Haltung das Kriecherische, das sie vor denen hatte. Er geht aufrecht über den Hof, sein Magen ist angenehm von zwei Schnäpsen erwärmt, und in der Tasche hat er zwei Zehnmarkscheine, einer von ihnen wird Ottis üble Laune besänftigen.

Aber als er die Stube im Souterrain betritt, ist Otti keiner üblen Laune. Auf dem Tisch liegt eine weiße Decke, und Otti sitzt mit einem Borkhausen nicht bekannten Manne auf dem Sofa. Der Fremde, der gar nicht schlecht angezogen ist, zieht hastig seinen Arm, der um Ottis Schulter lag, zurück. Aber das hätte er gar nicht zu tun brauchen, in so was war Borkhausen nie heikel.

Er denkt: Kiek mal, das alte Aas, solche fängt sie sich auch ein! Der ist mindestens Bankangestellter oder Lehrer …

In der Küche heulen und jaulen die Kinder. Borkhausen bringt jedem eine dicke Scheibe von dem Brot, das auf dem Tisch steht. Dann fängt er selber zu frühstücken an, es ist sowohl Brot wie Wurst, wie Schnaps da. Er streift den Mann auf dem Sofa mit einem zufriedenen Blick. Der Mann scheint sich nicht so wohl wie Borkhausen zu fühlen.

Darum geht Borkhausen auch schnell, sobald er ein bißchen gegessen hat. Er will den Freier um Gottes willen nicht vergraulen! Das Gute ist, daß er nun die ganzen zwanzig Mark für sich behalten kann. Borkhausen richtet seine Schritte nach der Rollerstraße; er hat von einer Kneipe dort gehört, wo die Leute besonders leichtsinnig reden sollen. Vielleicht läßt sich da was machen. Man kann jetzt in Berlin überall Fische fangen. Und wenn nicht bei Tage, dann bei Nacht.

Wenn Borkhausen an die Nacht denkt, zuckt es immer wie Lachen hinter seinem lose herabhängenden Schnurrbart. Dieser Baldur Persicke, alle diese Persickes, was für ʼne Bande! Aber ihn sollen sie nicht für dumm verkaufen, ihn nicht! Sie sollen bloß nicht glauben, bei ihm ist es mit zwanzig Mark und zwei Schnäpsen getan. Vielleicht kommt noch mal die Zeit, wo er alle diese Persickes in die Tasche steckt. Er muß jetzt nur schlau sein.

Dabei fällt Borkhausen ein, daß er noch vor der Nacht einen gewissen Enno finden muß. Enno ist vielleicht der richtige Mann für so was. Aber keine Angst, den Enno findet er schon. Der macht täglich seine Runde durch nur drei oder vier Lokale, wo die kleinen Rennwetter verkehren. Wie dieser Enno wirklich heißt, das weiß Borkhausen nicht. Er kennt ihn nur aus den paar Lokalen, wo ihn alle Enno rufen. Er wird ihn schon finden, und er wird vielleicht sogar der richtige Mann sein.

4
Trudel Baumann verrät ein Geheimnis

So leicht Otto Quangel auch in die Fabrik gekommen war, so schwer war es zu erreichen, daß die Trudel Baumann zu ihm herausgerufen wurde. Sie arbeiteten hier nämlich – übrigens genau wie in Quangels Fabrik – nicht nur im Akkord, sondern jede Arbeitsstube mußte auch ein bestimmtes Pensum schaffen, da kam es oft auf jede Minute an.

Aber schließlich kommt Quangel doch zum Ziel, schließlich ist der andere genauso ein Werkmeister wie er selbst. Man kann einem Kollegen so was schlecht abschlagen, besonders wenn grade der Sohn gefallen ist. Das hat Quangel nun doch sagen müssen, bloß um die Trudel zu sehen zu kriegen. Daraus folgt, daß er’s ihr auch selber sagen muß, gegen die Bitte der Frau, sonst würde es ihr der Werkmeister erzählen. Hoffentlich gibt’s kein Geschrei und vor allem keine Umfallerei. Eigentlich ein Wunder, wie die Anna sich gehalten hat – nun, die Trudel steht auch auf festen Beinen.

Da kommt sie endlich, und Quangel, der nie ein anderes verhältnis als das zu seiner Frau gehabt hat, muß sich gestehen, daß sie reizend aussieht mit ihrem Wuschelkopf dunkler, plustriger Haare, dem runden Gesicht, dem keine Fabrikarbeit die frischen Farben hat nehmen können, mit den lachenden Augen und der hohen Brust. Selbst jetzt, wo sie wegen der Arbeit lange blaue Hosen trägt und einen alten, vielfach gestopften Jumper, der voll von Garnresten hängt, selbst jetzt sieht sie reizend aus. Das Schönste an ihr ist aber vielleicht ihre Art, sich zu bewegen, alles sprüht von Leben, jeden Schritt scheint sie gerne zu tun: sie quillt über vor Lebensfreude.

Ein Wunder eigentlich, denkt Otto Quangel flüchtig, daß solch eine Trantute wie der Otto, so ein von der Mutter verpimpeltes Söhnchen, sich solch ein Prachtmädel einhandeln konnte. Aber, verbessert er sich gleich, was weiß ich denn vom Otto? Ich habe ihn ja nie richtig gesehen. Er muß ganz anders gewesen sein, wie ich gedacht habe. Und mit den Radios hat er wirklich was losgehabt, die Meister haben sich doch alle um ihn gerissen.

«Tag, Trudel», sagt er und gibt ihr seine Hand, in die rasch und kräftig ihre warme, mollige schlüpft.

«Tag, Vater», antwortet sie. «Nun, was ist los bei euch zu Haus? Hat Muttchen mal wieder Sehnsucht nach mir, oder hat Otto geschrieben? Ich will sehen, daß ich möglichst bald mal bei euch reinschaue.»

«Es muß schon heute abend sein, Trudel», sagt Otto Quangel. «Die Sache ist nämlich die … »

Aber er spricht seinen Satz nicht zu Ende. Trudel ist in ihrer raschen Art schon in die Tasche der blauen Hose gefahren und hat einen Taschenkalender hervorgeholt, in dem sie jetzt blättert. Sie hört nur mit halbem Ohr zu, nicht der richtige Augenblick, um ihr so was zu sagen. So wartet denn Quangel geduldig, bis sie gefunden hat, was sie sucht.

Diese Zusammenkunft der beiden findet in einem langen, zugigen Gange statt, dessen getünchte Wände ganz vollgepflastert mit Plakaten sind. Unwillkürlich fällt Quangels Blick auf ein Plakat, das schräg hinter Trudel hängt. Er liest ein paar Worte, die fettgedruckte Überschrift: «Im Namen des deutschen Volkes», dann drei Namen und: «wurden wegen Landes- und Hochverrates zum Tode durch den Strang verurteilt. Die Hinrichtung wurde heute morgen in der Strafanstalt Plötzensee vollzogen.»

Ganz unwillkürlich hat er mit beiden Händen die Trudel gefaßt und sie so weit zur Seite geführt, daß sie nicht mehr vor dem Plakat steht. «Wieso?» hat sie erst überrascht gefragt, dann sind ihre Augen dem Blick der seinen gefolgt, und sie liest auch das Plakat. Sie, gibt einen Laut von sich, der alles bedeuten kann: Protest gegen das Gelesene, Ablehnung von Quangels Tun, Gleichgültigkeit, aber jedenfalls kehrt sie nicht an den alten Platz zurück. Sie sagt und steckt den Kalender wieder in die Tasche: «Heute abend geht’s unmöglich, Vater, aber morgen werde ich gegen acht bei euch sein.»

«Es muß aber heute abend gehen, Trudel!» widerspricht Otto Quangel. «Es ist Nachricht gekommen über Otto.» Sein Blick ist noch schärfer geworden, er sieht, wie das Lachen aus ihrem Blick schwindet. «Der Otto ist nämlich gefallen, Trudel!»

Es ist seltsam, derselbe Laut, den Otto Quangel bei dieser Nachricht von sich gegeben hat, kommt jetzt aus Trudels Brust, ein tiefes «Oh …!» Einen Augenblick sieht sie den Mann mit schwimmenden Augen an, ihre Lippen zittern; dann wendet sie das Gesicht zur Wand, sie lehnt ihre Stirn gegen sie. Sie weint, aber sie weint lautlos. Quangel sieht wohl ihre Schultern beben, aber er hört keinen Laut.

Tapferes Mädel! denkt er. Wie sie doch am Otto gehangen hat! In seiner Art ist er auch tapfer gewesen, hat nie mit diesen Scheißkerlen mitgemacht, hat sich nicht von der HJ gegen seine Eltern aufhetzen lassen, war immer gegen das Soldatenspielen und gegen den Krieg. Dieser verdammte Krieg!

Er hält inne, erschrocken über das, was er da eben gedacht hat. Verändert er sich nun auch schon? Das war ja eben beinahe so etwas wie Annas «Du und dein Hitler!»

Dann sieht er, daß Trudel mit der Stirn nun grade gegen jenes Plakat lehnt, von dem er sie eben erst fortgezogen hat. Über ihrem Kopf steht in Fettschrift zu lesen: «Im Namen des deutschen Volkes», ihre Stirn verdeckt die Namen der drei Gehängten …

Und wie eine Vision steigt es vor ihm auf, daß eines Tages solch ein Plakat mit den Namen von ihm und Anna und Trudel an den Wänden kleben könnte. Er schüttelt unmutig den Kopf. Er ist ein einfacher Handarbeiter, der nur seine Ruhe haben und nichts von Politik wissen will, Anna kümmert sich nur um ihren Haushalt, und solch ein bildhübsches Mädel wie die Trudel dort wird bald einen neuen Freund gefunden haben …

Aber die Vision ist hartnäckig, sie bleibt. Unsere Namen an der Wand, denkt er, nun völlig verwirrt. Und warum nicht? Am Galgen hängen ist auch nicht schlimmer, als von einer Granate zerrissen zu werden oder am Bauchschuß krepieren! Das alles ist nicht wichtig. Was allein wichtig ist, das ist das: Ich muß rauskriegen, was das mit dem Hitler ist. Plötzlich sehe ich nur Unterdrückung und Haß und Zwang und Leid, so viel Leid … Ein paar Tausend, hat dieser feige Spitzel, der Borkhausen, gesagt. Als wenn es auf die Zahl ankäme! Wenn nur ein einziger Mensch ungerecht leidet, und ich kann es ändern, und ich tue es nicht, bloß weil ich feige bin und meine Ruhe zu sehr liebe, dann …

Hier wagt er nicht, weiterzudenken. Er hat Angst, richtig Angst davor, wohin ihn ein solcher zu Ende gedachter Gedanke führen kann. Sein Leben müßte er dann ändern!

Statt dessen starrt er wieder auf das Mädchen, über dessen Kopf «Im Namen des deutschen Volkes» zu lesen ist. Nicht grade gegen dieses Plakat gelehnt sollte sie weinen. Er kann der Versuchung nicht widerstehen, er dreht ihre Schultern von der Wand fort und sagt, so sanft er kann: «Komm, Trudel, nicht gegen dieses Plakat … »

Einen Augenblick starrt sie die gedruckten Worte verständnislos an. Ihr Auge ist schön wieder trocken, ihre Schultern beben nicht mehr. Dann kommt Leben in ihren Blick, nicht das alte, frohe Leuchten, mit dem sie diesen Gang betreten, sondern etwas dunkel Glühendes. Sie legt ihre Hand fest und doch zärtlich an die Stelle, wo das Wort «gehängt»; steht. «Ich werd nie vergessen, Vater», sagt sie, «daß ich grade vor so einem Plakat wegen Otto geheult habe. Vielleicht – ich möcht’s nicht –, aber vielleicht wird auch mal mein Name auf so einem Wisch stehen.»

Sie starrt ihn an. Er hat das Gefühl, sie weiß nicht genau, was sie spricht. «Mädel», ruft er. «Besinn dich! Wie sollst du und solch ein Plakat … Du bist jung, das ganze Leben liegt vor dir. Du wirst wieder lachen, du wirst Kinder haben … »

Sie schüttelt trotzig den Kopf. «Ich krieg keine Kinder, solange ich nicht bestimmt weiß, sie werden mir nicht totgeschossen. Solange irgend so ein General sagen kann: Marschier und krepier. Vater», fährt sie fort und faßt jetzt seine Hand fest in die ihre, «Vater, kannst du denn wirklich wie bisher weiterleben, jetzt, wo sie dir deinen Otto totgeschossen haben?»

Sie sieht ihn eindringlich an, und wieder wehrt er sich gegen das Fremde, das in ihn eindringt. «Die Franzosen», murmelt er.

«Die Franzosen!» ruft sie empört. «Redest du dich auf so was raus? Wer hat denn die Franzosen überfallen? Na, wer, Vater? Sag doch!»

«Aber was können wir denn tun?» wehrt sich Otto Quangel verzweifelt gegen dieses Drängen. «Wir sind nur ein paar, und all die Millionen sind für ihn, und jetzt nach diesem Siege gegen Frankreich erst recht. Gar nichts können wir tun!»

«Viel können wir tun!» flüstert sie. «Wir können die Maschinen in Unordnung bringen, wir können schlecht und langsam arbeiten, wir können deren Plakate abreißen und andere ankleben, in denen wir den Leuten sagen, wie sie belogen und betrogen werden.» Sie flüstert noch leiser: «Aber die Hauptsache ist, daß wir anders sind als die, daß wir uns nie dazu kriegen lassen, so zu sein, so zu denken wie die. Wir werden eben keine Nazis, und wenn die die ganze Welt besiegen!»

«Und was erreichen wir damit, Trudel?» fragt Otto Quangel leise. «Ich sehe nicht, was wir damit erreichen.»

«Vater», antwortet sie. «Ich hab’s im Anfang auch nicht verstanden, und ganz richtig versteh ich’s noch immer nicht. Aber, weißt du, wir haben hier so im geheimen eine Widerstandszelle im Betrieb gebildet, ganz klein erst, drei Männer und ich. Da ist einer bei uns, der hat’s mir zu erklären versucht. Wir sind, hat er gesagt, wie der gute Same in einem Acker voll Unkraut. Wenn der gute Same nicht wäre, stünde der ganze Acker voller Unkraut. Und der gute Same kann sich ausbreiten … »

Sie hält inne, als sei sie über etwas zutiefst erschrocken.

«Was ist, Trudel?» fragt er sie. «Das mit dem guten Samen, das ist kein schlechter Gedanke. Ich werde darüber nachdenken, ich habe so viel nachzudenken in nächster Zeit.»

Aber sie sagt voll Scham und Reue: «Nun habe ich das mit der Zelle doch ausgeplappert, und ich habe heilig geschworen, es keinem einzigen Menschen zu verraten!»

«Darüber mach dir keine Gedanken, Trudel», sagt Otto Quangel, und seine Ruhe überträgt sich unwillkürlich auf das gequälte Ding. «Bei dem Otto Quangel geht so was zum einem Ohr rein und zum andern raus. Ich weiß von nichts mehr.» Mit einer grimmigen Entschlossenheit starrt er jetzt auf das Plakat. «Da könnte die ganze Gestapo kommen, ich weiß eben von nichts mehr. Und», setzt er hinzu, «und wenn du willst, und es macht dich ruhiger, so kennst du uns eben von dieser Stunde an nicht mehr. Du brauchst auch heute abend nicht mehr zu Anna zu kommen, ich mach’s ihr schon irgendwie mundgerecht, ohne ihr etwas zu sagen.»

«Nein», antwortet sie darauf, sicher geworden. «Nein, zur Mutter gehe ich heute abend noch. Aber ich werde es den andern sagen müssen, daß ich mich verplappert habe, und vielleicht wird dich einer vornehmen, um zu sehen, ob du auch zuverlässig bist.»

«Die sollen mir nur kommen!» sagt Otto Quangel drohend. «Ich weiß von nichts. Auf Wiedersehen, Trudel. Ich werde dich wohl heute nicht mehr sehen, vor zwölf komme ich fast nie von der Arbeit zurück.-»

Sie gibt ihm die Hand und geht dann den Gang zurück, in das Innere der Fabrik hinein. Sie steckt nicht mehr so voll von sprühendem Leben, aber sie ist immer noch voller Kraft. Gutes Mädel! denkt Quangel. Tapferer Kerl!

Dann steht Quangel allein auf dem Gang mit seinen Plakaten, die in demewigen Zug leise rascheln. Er schickt sich an zu gehen. Aber vorher tut er noch etwas, das ihn selbst überrascht: Er nickt dem Plakat, an dem Trudel weinte, zu – mit einer grimmigen Entschlossenheit.

Im nächsten Augenblick schämt er sich seines Tuns, Das ist ja blöde Fatzkerei! Dann macht er, daß er nach Hause kommt. Es ist die allerhöchste Zeit, er muß sogar eine Elektrische nehmen, was seinem Sparsinn, der manchmal fast an Geiz grenzt, verhaßt ist.

5
Enno Kluges Heimkehr

Um zwei Uhr nachmittags war die Briefträgerin Eva Kluge mit ihrem Bestellgang fertig geworden. Bis gegen vier Uhr hatte sie noch mit der Abrechnung von Zeitungsgeldern und Strafporti zu tun gehabt: War sie sehr müde, verwirrten sich ihr die Zahlen, und sie verrechnete sich immer wieder. Mit brennenden Füßen und einer schmerzenden Öde im Kopf machte sie sich auf den Heimweg; sie mochte gar nicht daran denken, was sie noch alles zu tun hatte, bis sie endlich ins Bett gehen konnte. Auf dem Heimweg erledigte sie noch ihre Besorgungen auf Karten; beim Fleischer mußte sie ziemlich lange anstehen, und so war es fast sechs Uhr geworden, als sie langsam die Stufen ihrer Wohnung am Friedrichshain emporstieg.

Auf der Treppenstufe vor ihrer Tür stand ein kleiner Mann in hellem Mantel und mit Sportmütze. Er hatte ein farbloses Gesicht ohne allen Ausdruck, die Lider waren ein wenig entzündet, die Augen blaß, solch ein Gesicht, das man sofort wieder vergißt.

«Du, Enno?» rief sie und nahm die Wohnungsschlüssel unwillkürlich fester in die Hand. «Was willst du denn bei mir? Ich habe kein Geld und auch kein Essen, und in die Wohnung lasse ich dich auch nicht!»

Der kleine Mann machte eine beruhigende Bewegung. «Warum denn gleich so aufgeregt, Eva? Wieso denn gleich so bösartig? Ich will dir doch bloß mal guten Tag sagen, Eva. Guten Tag, Eva!»

«Guten Tag, Enno!» sagte sie, aber nur widerwillig, denn sie kannte ihren Mann seit vielen Jahren. Sie wartete eine Weile, dann lachte sie kurz und böse auf. «Jetzt haben wir uns guten Tag gesagt, wie du wolltest, Enno, und du kannst gehen. Aber wie ich seh, gehst du nicht, was willst du also wirklich?»

«Siehste, Evchen», sagte er. «Du bist ʼne vernünftige Frau; und mit dir kann man ʼn Wort reden … » Er fing an, ihr umständlich auseinanderzusetzen, daß die Krankenkasse nicht länger zahlte, weil er seine sechsundzwanzig Wochen Kranksein rum hatte. Er mußte wieder arbeiten gehen, sonst schickten sie ihn zurück zur Wehrmacht, die ihn seiner Fabrik zur Verfügung gestellt hatte, weil er Feinmechaniker war, und die waren knapp. «Die Sache ist nun die und der Umstand der», schloß er seine Erklärungen, «daß ich die nächsten Tage einen festen Wohnsitz haben muß. Und da habe ich gedacht … »

Sie schüttelte energisch den Kopf. Sie war zum Umsinken müde und sehnte sich danach, in die Wohnung zu kommen, wo so viel Arbeit auf sie wartete. Aber sie ließ ihn nicht ein, ihn nicht, und wenn sie die halbe Nacht stehen mußte.

Er sagte eilig, aber es klang immer gleich farblos: «Sag noch nicht nein, Evchien, ich bin noch nicht zu Ende mit meinen Worten. Ich schwöre dir, ich will gar nichts von dir, kein Geld, kein Essen. Laß mich bloß auf dem Kanapee schlafen. Ich brauch auch keine Bettwäsche. Du sollst nicht Arbeit von mir haben.»

Wieder schüttelte sie den Kopf. Wenn er bloß aufhören wollte mit Reden, er sollte doch wissen, daß sie ihm nicht ein Wort glaubte. Er hatte noch nie gehalten, was er versprochen hatte.

Sie fragte: «Warum machst du das nicht bei einer von deinen Freundinnen ab? Die sind dir doch sonst gut genug für so was!»

Er schüttelte den Kopf: «Mit den Weibern bin ich durch, Evchen, mit denen befaß ich mich nicht mehr, mit denen hat’s mir gereicht. Wenn ich alles bedenke, du warst doch immer die Beste von allen, Evchen. Gute Jahre haben wir gehabt, damals, als die Jungen noch klein waren.»

Unwillkürlich hatte sich ihr Gesicht bei der Erinnerung an ihre ersten Ehejahre aufgehellt. Die waren wirklich gut gewesen, damals, als er noch als Feinmechaniker arbeitete und jede Woche seine sechzig Mark nach Haus brachte und von Arbeitsscheu nichts wußte.

Enno Kluge sah sofort seinen Vorteil. «Siehste, Evchen, ein bißchen hast du mich doch noch gerne, und darum läßt du mich auch auf dem Kanapee schlafen. Ich versprech dir, ich mach’s ganz schnell ab mit dem Arbeiten, mir liegt doch auch nichts an dem Kohl. Bloß so lange, daß ich wieder Krankengeld kriege und nicht zu den Preußen muß. In zehn Tagen schaff ich’s, daß sie mich wieder krank schreiben!»

Er machte eine Pause und sah sie abwartend an. Jetzt schüttelte sie nicht den Kopf, aber ihr Gesicht sah undurchdringlich aus. So fuhr er fort: «Ich will’s diesmal nicht mit Magenblutungen machen, da geben sie einem nichts zu fressen in den Krankenhäusern. Ich reise diesmal auf Gallenkoliken. Da können sie einem auch nichts nachweisen, bloß mal röntgen, und man muß keine Steine haben für die Koliken. Man kann bloß. Ich habe mir alles genau erklären lassen. Das klappt schon. Bloß daß ich erst diese zehn Tage arbeiten muß.»

Sie antwortete wieder mit keinem Wort, und er fuhr fort, denn er glaubte daran, daß man den Leuten ein Loch in den Bauch reden kann, daß sie schließlich doch nachgeben, wenn man nur beharrlich genug ist. «Ich habe auch die Adresse von ʼnem Arzt in der Frankfurter Allee, der schreibt jeden krank, wenn man will, bloß daß er keine Schwierigkeiten hat mit den Leuten. Mit dem schaff ich’s: in zehn Tagen bin ich wieder im Krankenhaus, und du bist mich los, Evchen!»

Sie sagte, müde all dieses Geschwätzes: «Und wenn du bis Mitternacht hier stehst und redest, ich nehm dich doch nicht wieder auf, Enno. Ich tu’s nie wieder, du kannst sagen, was du willst, und du kannst tun, was du Willst. Ich laß mir nicht wieder alles kaputtmachen von dir und deiner Arbeitsscheu und deiner Rennwetterei und deinen gemeinen Weibern. Ich hab’s dreimal erlebt und das vierte Mal und noch mal und noch mal, und nun hat’s geschnappt bei mir, nun ist es alle! Ich setze mich hier auf die Treppe, ich bin nämlich müde, seit sechs bin ich auf den Beinen. Wenn du willst, setz dich dazu. Wenn du magst, rede, wenn du nicht magst, halt den Mund, mir ist alles egal. Aber in die Wohnung kommst du mir nicht!»

Sie hätte sich wirklich auf die Treppenstufe gesetzt, auf die gleiche Stufe, die vorher sein Warteplatz gewesen war. Und ihre Worte hatten so entschlossen geklungen, daß er fühlte, diesmal half auch alles Reden nichts. So rückte er denn seine Jockeimütze ein wenig schief und sagte: «Na denn, Evchen, wenn du durchaus nicht willst, wenn du mir nicht mal so ʼnen kleinen Gefallen tun willst, wo du weißt, dein Mann ist in Not, mit dem du fünf Kinder gehabt hast, und drei liegen auf dem Kirchhof, und zwei Jungen kämpfen für Führer und Volk … » Er brach ab, er hatte ganz maschinenmäßig so vor sich hin geredet, weil er das Immerweiterreden aus den Kneipen gewohnt war, obwohl er doch begriffen hatte, hier war jedes Reden zwecklos. «Also, ich geh denn jetzt, Evchen. Und daß du’s weißt, ich nehm dir nichts übel, das weißt du, ich mag sein, wie ich will, übelnehmen tu ich nichts.»

«Weil dir alles gleichgültig ist bis auf deine Rennwetterei», antwortete sie nun doch. «Weil dich sonst nichts auf der Welt interessiert, weil du nichts und keinen gern haben kannst, nicht einmal dich selbst, Enno.» Aber sie brach sofort wieder ab, es war so nutzlos, mit diesem Mann zu sprechen. Sie wartete eine Weile, dann sagte sie: «Aber ich denke, du wolltest gehen, Enno?»

«Jetzt geh ich, Evchen», sagte er ganz überraschend. «Mach’s gut. Ich nehm dir nichts übel. Heil Hitler, Evchen!»

Sie war immer noch fest davon überzeugt, daß dieses Abschiednehmen nur eine Finte von ihm war, bloß die Einleitung zu neuem, endlosem Gerede. Aber zu ihrer grenzenlosen Überraschung sagte er wirklich nichts mehr, sondern fing an, die Treppe hinabzusteigen.

Eine, zwei Minuten saß sie noch wie betäubt auf der Stufe, sie konnte hoch nicht an ihren Sieg glauben. Dann sprang sie auf und lauschte ins Treppenhaus. Sie hörte deutlich seinen Schritt auf der untersten Treppe, er hatte sich nicht versteckt, er ging wirklich! Nun klappte die Haustür. Mit zitternder Hand schloß sie die Tür auf; sie war so erregt, daß sie zuerst das Schlüsselloch nicht finden konnte. Als sie drinnen war, legte sie die Kette vor und sank auf einen Küchenstuhl. Die Glieder hingen ihr runter, dieser Kampf eben hatte die letzte Kraft aus ihr gepumpt. Sie hatte keinen Mumm mehr in den Knochen, jetzt hätte sie einer nur mit einem Finger anstoßen müssen, sie wäre glatt vom Küchenstuhl gerutscht.

Aber allmählich, wie sie dort hockte, kehrten Kraft und Leben in sie zurück. So hatte sie es denn auch einmal geschafft, ihr Wille hatte seine sture Hartnäckigkeit bezwungen. Sie hatte ihr Heim für sich behalten, für sich ganz allein. Er würde da nicht wieder rumsitzen, endlos von seinen Pferden reden und ihr jede Mark und jeden Kanten Brot stehlen, den er nur erwischen konnte.

Sie sprang auf, von neuem Lebensmut erfüllt. Dieses Stückchen Leben war ihr verblieben. Nach dem endlosen Dienst auf der Post brauchte sie diese paar Stunden hier für sich allein. Der Bestellgang fiel ihr schwer, sehr schwer, immer schwerer. Sie hatte schon früher mit dem Unterleib zu tun gehabt, nicht umsonst lagen die drei Jüngsten auf dem Friedhof: alles Frühgeburten. Die Beine wollten auch nicht mehr so. Sie war eben keine Frau für das Erwerbsleben, sie war eine richtige Hausfrau. Aber sie hatte verdienen müssen, als der Mann plötzlich aufgehört hatte zu arbeiten. Damals waren die beiden Jungen noch klein gewesen. Sie hatte sie hochgebracht, sie hatte sich dieses Heim geschaffen: Wohnküche und Kammer. Und dabei hatte sie noch den Mann mit durchgeschleppt, wenn er nicht gerade bei einer seiner Geliebten untergekrochen war.

Selbstverständlich hätte sie sich längst von ihm scheiden lassen können, er machte ja gar kein Hehl aus seinen Ehebrüchen. Aber eine Scheidung hätte nichts geändert, ob geschieden oder nicht, Enno hätte sich weiter an sie geklammert. Dem war alles egal, der hatte keinen Funken Ehre im Leibe.

Daß sie ihn ganz aus der Wohnung gesetzt hatte, das war erst geschehen, als die beiden Jungen in den Krieg gezogen waren. Bis dahin hatte sie immer noch geglaubt, wenigstens den Schein eines Familienlebens aufrechterhalten zu müssen, trotzdem die großen Bengels genau Bescheid wußten. Sie hatte überhaupt eine Scheu, von diesem Zerwürfnis andere etwas merken zu lassen. Wurde sie nach ihrem Manne gefragt, so antwortete sie immer, er sei auf Montage. Sie ging sogar jetzt noch manchmal zu Ennos Eltern, brachte ihnen was zu essen oder ein paar Mark, gewissermaßen als Entschädigung für das Geld, das der Sohn sich dann und wann von der kümmerlichen Rente der Eltern erschlich.

Aber innerlich war sie ganz fertig mit dem Mann. Er hätte sich sogar ändern und wieder arbeiten und sein können wie in den ersten Jahren ihrer Ehe, sie hätte ihn nicht wieder aufgenommen. Sie haßte ihn nicht etwa, er war so ein reiner Garnichts, daß man nicht einmal Haß gegen ihn aufbringen konnte, er war ihr einfach widerlich, wie ihr Spinnen und Schlangen widerlich waren. Er sollte sie bloß in Ruhe lassen, nur nicht sehen wollte sie ihn, dann war sie schon zufrieden!

Während Eva Kluge so vor sich hin dachte, hatte sie ihr Essen auf die Gasflamme gesetzt und die Wohnküche aufgeräumt – die Kammer mit ihrem Bett machte sie schon immer am frühen Morgen zurecht. Während sie nun die Brühe schön brodeln hörte und ihr Duft sich durch die ganze Küche zu verbreiten anfing, machte sie sich an den Stopfkorb – mit den Strümpfen war es ein ewiges Elend, sie zerriß am Tage oft mehr, als sie stopfen konnte. Aber sie war der Arbeit darum nicht böse, sie liebte diese stille halbe Stünde vor dem Essen, wenn sie behaglich in weichen Filzschuhen auf dem Korbstuhl sitzen konnte, die schmerzenden Füße weit von sich gestreckt und ein wenig einwärts gedreht – so ruhten sie am besten aus.

Nach dem Essen wollte sie an ihren Liebling, den Ältesten, an Karlemann wollte sie schreiben, der in Polen war. Sie war ganz und gar nicht mit ihm einverstanden, besonders nicht, seit er in die SS eingetreten war. Man hörte in der letzten Zeit sehr viel Schlechtes von der SS, besonders gegen die Juden sollte sie so gemein sein. Aber das traute sie ihm doch nicht zu, daß ihr Junge, den sie einmal unter dem Herzen getragen hatte, Judenmädchen erst schändete und dann gleich hinterher erschoß. So was tat Karlemann nicht! Woher sollte er es auch haben? Sie hatte nie hart oder gar roh sein können, und der Vater war einfach ein Waschlappen. Aber sie würde doch versuchen, im Brief eine Andeutung zu machen, daß er anständig bleiben müsse. Natürlich mußte diese Andeutung ganz vorsichtig gemacht werden, daß nur Karlemann sie verstand. Sonst bekam er Schwierigkeiten, wenn der Brief dem Zensor in die Finger geriet. Nun, sie würde schon auf irgendwas kommen, vielleicht würde sie ihn an ein Kindheitserlebnis erinnern, wie er ihr damals zwei Mark gestohlen und Bonbons dafür gekauft hatte oder, besser noch, als er sich schon mit dreizehn an die Walli rangemacht hatte, die nichts war wie eine gemeine Nutte. Was das damals für Schwierigkeiten gemacht hatte, ihn von dem Weibe wieder loszukriegen – er war solch ein Wutkopf manchmal, der Karlemann!

Aber sie lächelt, als sie an diese Schwierigkeiten denkt. Alles kommt ihr heute schön vor, was mit der Kindheit der Jungens zusammenhängt. Damals hatte sie noch Kraft in sich, sie hätte ihre Bengels gegen die ganze Welt verteidigt und gearbeitet bei Tag und gearbeitet bei Nacht, bloß um ihnen nichts abgehen zu lassen, was andere Kinder mit einem anständigen Vater bekamen. Aber in den letzten Jahren ist sie immer kraftloser geworden, ganz besonders, seit die beiden in den Krieg ziehen mußten.

Nein, dieser Krieg hätte nicht kommen dürfen; war der Führer wirklich ein so großer Mann, hätte er ihn vermeiden müssen. Das bißchen Danzig und der schmale Korridor – und darum Millionen Menschen in tägliche Lebensgefahr gebracht – so was tat kein wirklich großer Mann!

Aber freilich, die Leute erzählten ja, daß er so was wie unehelich sei. Da hatte er wohl nie eine Mutter gehabt, die sich richtig um ihn kümmerte. Und so wußte er auch nichts davon, wie Müttern zumute sein kann in dieser ewigen, nie abreißenden Angst. Nach einem Feldpostbrief war es ein, zwei Tage besser, dann rechnete man, wie lange es her war, seit er abgeschickt worden war, und die Angst begann von neuem.

Sie hatte längst den Stopfstrumpf sinken lassen und nur so vor sich hin geträumt. Nun steht sie ganz mechanisch auf, rückt die Brühe von der besser brennenden Flamme auf die schwächere und setzt den Kartoffeltopf auf die bessere auf. Sie ist noch dabei, als bei ihr die Klingel geht. Sofort steht sie wie erstarrt. Enno! denkt es in ihr, Enno!

Sie setzt den Topf leise hin und schleicht auf ihren Filzsohlen lautlos zur Tür. Ihr Herz geht wieder leichter: vor der Tür, ein bißchen ab, so daß sie gut gesehen werden kann, steht ihre Nachbarin, Frau Gesch. Sicher will sie wieder was borgen, Mehl oder ein bißchen Fett, das sie stets wiederzubringen vergißt. Aber Eva Kluge bleibt trotzdem mißtrauisch. Sie sucht, soweit es das Guckloch in der Tür erlaubt, den ganzen Treppenflur ab und lauscht auf jedes Geräusch. Aber alles ist in Ordnung, nur die Gesch scharrt manchmal ungeduldig mit den Füßen oder sieht nach dem Guckloch hin.

Eva Kluge entschließt sich. Sie macht die Tür auf, aber nur so weit es die Kette zuläßt, und fragt: «Na, was soll’s denn sein, Frau Gesch?»

Sofort überstürzt Frau Gesch, eine abgemergelte, halb zu Tode gearbeitete Frau, deren Töchter auf Kosten der Mutter einen guten Tag leben, sie mit einer Flut von Klagen über die endlose Wascherei, immer anderer Leute dreckige Wäsche waschen und nie satt zu essen, und die Emmi und die Lilli tun rein gar nichts. Nach dem Abendessen gehen sie einfach weg und lassen der Mutter den ganzen Abwasch. «Ja, und Frau Kluge, was ich Sie bitten wollte, ich habe da im Rücken was, ich glaube, ʼnen Furunkel. Wir haben bloß einen Spiegel, und meine Augen sind so schlecht. Wenn Sie sich das mal ansehen wollten – ich kann doch wegen so was nicht zum Doktor, wann habe ich denn Zeit für ʼnen Doktor? Aber vielleicht können Sie es sogar ausdrücken, wenn’s Ihnen nicht eklig ist, manche sind in so was eklig … »

Während Frau Gesch klagend immer so weiterredet, hat Eva Kluge ganz mechanisch die Kette losgemacht, und die Frau ist in die Wohnküche hineingekommen. Eva Kluge hat die Tür wieder zuziehen wollen, da hat sich ein Fuß dazwischengedrängt, und schon ist auch Enno Kluge in ihrer Wohnung. Sein Gesicht ist ausdruckslos wie immer; daß er doch etwas erregt ist, merkt sie nur daran, daß seine fast haarlosen Lider stark zittern.

Eva Kluge steht mit hängenden Armen da, ihre Knie beben so sehr, daß sie sich am liebsten zu Boden sinken ließe. Der Redestrom von Frau Gesch ist ganz plötzlich versiegt, schweigend sieht sie in die beiden Gesichter. Es ist ganz still in der Küche, nur der Brühtopf brodelt leise.

Schließlich sagt Frau Gesch: «Na, nun habe ich Ihnen den Gefallen getan, Herr Kluge. Aber ich sage Ihnen: Einmal und nicht wieder. Und wenn Sie Ihr Versprechen nicht halten und fangen das wieder an mit der Nichtstuerei und dem Kneipenlaufen und dem Pferdewetten … » Sie unterbricht sich, sie hat in das Gesicht von Frau Kluge gesehen, sie sagt: «Und wenn ich Mist gemacht habe, ich helfe Ihnen auf der Stelle, das Männeken rauszuschmeißen, Frau Kluge. Wir beide schaffen das doch wie nischt!»

Eva Kluge macht eine abwehrende Bewegung. «Ach, lassen Sie schon, Frau Gesch, es ist ja doch alles egal!»

Sie geht langsam und vorsichtig zum Korbstuhl und läßt sich in ihn sinken. Sie nimmt auch wieder den Stopfstrumpf zur Hand, aber sie starrt ihn an, als wüßte sie nicht, was das ist.

Frau Gesch sagt ein wenig gekränkt: «Na, denn guten Abend oder Heil Hitler – ganz wie den Herrschaften das lieber ist!»

Hastig sagt Enno Kluge: «Heil Hitler!»

Und langsam, als erwache sie aus einem Schlaf, antwortet Eva Kluge: «Gute Nacht, Frau Gesch.» Sie besinnt sich. «Und wenn wirklich was mit Ihrem Rücken ist», setzt sie hinzu.

«Nee, nee», antwortet Frau Gesch, schon vor der Tür, hastig. «Mit dem Rücken ist nichts, das habe ich nur so gesagt. Aber ich misch mich gewiß nicht wieder in die Sachen von andern Leuten. Ich seh’s ja doch: ich habe davon nie Dank.»

Damit hat sie sich aus der Tür geredet; sie ist froh, von diesen beiden schweigenden Gestalten fortzukommen, ihr Gewissen zwickt sie ein wenig.

Kaum ist die Tür hinter ihr zu, kommt Bewegung in den kleinen Mann. Ganz selbstverständlich öffnet er den Schrank, macht dadurch einen Bügel frei, daß er zwei Kleider seiner Frau übereinanderhängt, und hängt dafür seinen Mantel auf den Bügel. Die Sportmütze legt er oben auf den Schrank. Er geht stets sehr sorgfältig mit seinen Sachen um, er haßt es, schlecht gekleidet zu sein, und er weiß, er kann sich nichts Neues kaufen.

Nun reibt er die Hände mit einem behaglichen «Soso!» aneinander, geht zum Gasherd und schnuppert in den Töpfen. «Fein!» sagt er. «Brühkartoffeln mit Rindfleisch – feinfein!»

Er macht eine Pause, die Frau sitzt bewegungslos, dreht ihm den Rücken. Er legt wieder leise den Deckel auf den Topf, stellt sich neben sie, so daß er auf sie hinunter redet: «Nun sitz bloß nicht so da, Eva, als wenn du so ʼne Marmorfigur wärst! Was ist denn schon los? Du hast für ein paar Tage wieder ʼnen Mann in der Wohnung, ich werd dir schon keine Scherereien machen. Und was ich dir Versprochen habe, das halte ich. Ich will auch nichts von den Brühkartoffeln – höchstens, wenn ein kleiner Rest bleibt. Und auch den nur, wenn du ihn mir freiwillig gibst – ich bitte dich nicht darum.»

Die Frau antwortet ihm mit keinem Wort. Sie stellt den Stopfkorb in den Schrank zurück, setzt sich einen tiefen Teller auf den Tisch, füllt sich aus den Töpfen auf und fängt langsam zu essen an. Der Mann hat sich an das andere Ende des Tisches gesetzt, ein paar Sportzeitungen aus der Tasche gezogen und macht sich Notizen in ein dickes, schmieriges Notizbuch. Dabei wirft er von Zeit zu. Zeit einen raschen Blick auf die essende Frau. Sie ißt sehr langsam, aber sie hat sich schon zweimal nachgefüllt, viel wird bestimmt nicht überbleiben für ihn, und er hat Hunger wie ein Wolf. Den ganzen Tag, nein, seit dem Abend vorher hat er nichts gegessen. Der Mann von der Lotte, der auf Urlaub aus dem Felde kam, hat ihn ohne jede Rücksicht auf sein Frühstück mit Schlägen aus dem Bett gejagt.

Aber er wagt es nicht, Eva von seinem Hunger zu sprechen, er hat Angst vor der schweigenden Frau. Ehe er sich hier erst richtig wieder zu Hause fühlen kann, muß noch allerlei geschehen. Daß dieser Moment kommen wird, daran zweifelt er nicht einen Augenblick: man kriegt jede Frau rum, nur beharrlich muß man sein und sich viel gefallen lassen. Schließlich, ganz plötzlich meist, geben sie nach, einfach weil ihnen das Wehren über ist.

Eva Kluge kratzt die Reste aus den Töpfen. Sie hat es geschafft, sie hat das Essen für zwei Tage an einem Abend geschafft, aber nun kann er sie doch nicht um die Reste anbetteln! Dann erledigt sie rasch das bißchen Abwasch und fängt eine große Umräumerei an. Direkt vor seinen Augen bringt sie alles, was ihr ein bißchen wert ist, in die Kammer. Die Kammer hat ein festes Schloß, in die Kammer ist er noch nie reingekommen. Sie schleppt die Eßvorräte, ihre guten Kleider und Mäntel, das Schuhwerk, die Kissen vom Kanapee, ja sogar das Bild mit den beiden Jungen in die Kammer – alles vor seinen Augen. Es ist ihr ganz egal, was er denkt oder sagt. In die Wohnung ist er mit List gekommen, aber viel soll er davon nicht haben.

Dann schließt sie die Kammertür ab und holt sich das Schreibzeug an den Tisch. Sie ist todmüde, sie läge am liebsten im Bett, aber sie hat sich nun einmal vorgenommen, heute abend an den Karlemann zu schreiben, so tut sie’s. Sie kann nicht nur hart gegen ihren Mann, sie kann auch hart gegen sich sein.

Sie hat erst ein paar Sätze geschrieben, da beugt sich der Mann über den Tisch und fragt: «An wen schreibste denn, Evchen?»

Unwillkürlich antwortet sie ihm, trotzdem sie sich fest vorgenommen hat, nicht mehr mit ihm zu sprechen. «An Karlemann … »

«So», sagt er und legt die Zeitungen aus der Hand. «So, also an den schreibste und schickst ihm womöglich auch noch Päckchen, aber für seinen Vater haste nicht mal ʼne Kartoffel und ʼn Happen Fleisch übrig, hungrig wie der ist!»

Seine Stimme hat etwas von ihrem gleichgültigen Klang verloren, sie klingt, als sei der Mann jetzt ernstlich beleidigt und in seinem Recht gekränkt, weil sie dem Sohne etwas gibt, das sie dem Vater vorenthält.

«Laß man, Enno», sagt sie ruhig. «Das ist meine Sache, der Karlemann ist ein ganz guter Junge … »

«So!» sagt er. «So! Und das hast du natürlich ganz vergessen, wie er zu seinen Eltern war, als sie ihn erst zum Scharführer gemacht hatten? Wie du ihm nichts mehr recht machen konntest und er uns als alte, dumme Bürger ausgelacht hat – alles vergessen, was, Evchen? Ein guter Junge, wahrhaftig, der Karlemann!»

«Mich hat er nie ausgelacht!» verteidigt sie ihn mit schwacher Stimme.

«Nee, natürlich nicht!» spottet er. «Und das hast du natürlich auch vergessen, daß er seine eigene Mutter nicht gekannt hat, wenn sie mit der schweren Posttasche die Prenzlauer Allee lang kam? Wie er da mit seinem Mädchen weggeguckt hat, der feine Knochen, der!»

«So was kann man ʼnem jungen Menschen nicht übelnehmen», sagt sie. «Die wollen alle möglichst fein vor ihren Damen dastehen, so sind sie alle. Das gibt sich später wieder, der kommt zurück zu seiner Mutter, die ihn an der Brust gehabt hat.»

Einen Augenblick sieht er sie zögernd an, ob er auch das noch sagen soll. Er ist sonst wirklich nicht nachtragend, aber diesmal hat sie ihn zu sehr gekränkt, erst, weil sie ihm kein Essen gab, dann, als sie vor seinen Augen offensichtlich alle guten Sachen in die Kammer trug. So sagt er denn: «Ich, wenn ich ʼne Mutter wäre, ich möchte so ʼnen Sohn nie wieder in meine Arme nehmen, solch Schwein, wie der geworden ist!» Er sieht in ihre von der Angst vergrößerten Augen, er sagt es ihr erbarmungslos in das wächserne Gesicht hinein. «Auf dem letzten Urlaub, da hat er mir ein Foto von sich gezeigt, das hat ein Kamerad von ihm aufgenommen. Noch geprahlt hat er mit dem Bild. Da ist dein Karlemann drauf zu sehen, wie er so ʼn Judenkind von vielleicht drei Jahren beim Bein hält, und mit dem Kopf haut er’s gegen die Stoßstange vom Auto … »

«Nein! Nein!» schreit sie. «Das hast du gelogen! Das hast du dir aus Rache ausgedacht, weil ich dir kein Essen gegeben habe! So was tut Karlemann nicht!»

«Wie kann ich mir das denn ausgedacht haben?» fragt der, schon wieder ruhiger, nachdem er ihr diesen Stoß versetzt hat. «Mir so was auszudenken, habe ich gar nicht den Kopf! Und übrigens, wenn du mir nicht glaubst, dann kannst du ja in die Destille von Senftenberg gehen, da hat er das Foto allen gezeigt. Der dicke Senftenberg und dem seine Olle, die haben es auch gesehen … »

Er hört auf zu reden. Es ist sinnlos, jetzt mit dieser Frau weiterzureden. Sie sitzt da, den Kopf auf dem Tisch, und heult. Das hat sie davon, und übrigens ist sie als Postangestellte doch auch in der Partei und hat einmal auf den Führer und alles, was er tat, geschworen. Da kann sie sich doch nicht wundern, daß der Karlemann so geworden ist.

Einen Augenblick steht Enno Kluge und sieht zweifelnd nach dem Kanapee hinüber – keine Decke und keine Kissen! Das kann ʼne schöne Nacht werden! Aber vielleicht ist das grade jetzt der richtige Augenblick, was zu riskieren? Er steht zweifelnd, sieht nach der verschlossenen Kammertür hin, dann entschließt er sich. Er greift einfach in die Schürzentasche der hemmungslos weinenden Frau und holt den Schlüssel raus. Er schließt die Tür auf und fängt an, in der Kammer rumzusuchen, und das nicht einmal leise …

Eva Kluge, die abgehetzte, übermüdete Briefbestellerin, hört das alles auch; sie weiß, daß er sie jetzt bestiehlt, aber es ist ihr gleich. Ihre Welt ist doch kaputt, ihre Welt kann nie wieder heil werden. Wozu hat man denn gelebt auf dieser Welt, wozu hat man Kindern das Leben geschenkt, sich an ihrem Lächeln, ihren Spielen erfreut, wenn dann Tiere aus ihnen werden? Ach, der Karlemann – er war solch ein süßer, blonder Junge! Wie sie damals mit ihm im Zirkus Busch war, und die Pferde mußten sich der Länge nach hinlegen im Sand, wie er da Mitleid mit den armen Hottos hatte – ob sie krank seien? Sie mußte ihn beruhigen, die Hottos schliefen nur.

Und nun ging er hin und tat den Kindern anderer Mütter dies an! Nicht einen Augenblick zweifelte Frau Eva Kluge daran, daß, das mit dem Bild stimmte, Enno war wirklich nicht fähig; sich so was auszudenken. Nein, sie hatte nun auch den Sohn verloren. Es war viel schlimmer, als wenn er gestorben wäre, dann hätte sie wenigstens über ihn trauern können. Jetzt konnte sie ihn nie mehr in die Arme nehmen, auch vor ihm mußte sie ihr Heim verschlossen halten.

Der suchende Mann in der Kammer hat unterdes das gefunden, was er längst im Besitz seiner Frau vermutete: ein Postsparkassenbuch. 632 Mark drauf, ʼne tüchtige Frau, aber wozu so tüchtig? Sie kriegt doch mal eines Tages ihre Rente, und was sie sonst gespart hat … Er wird morgen erst mal jedenfalls 20 Mark auf Adebar setzen und vielleicht 10 auf Hamilkar … Er blättert weiter in dem Buch: nicht nur ʼne tüchtige Frau, auch ʼne ordentliche. Alles liegt beisammen: hinten im Buch ist die Kontrollmarke, und die Auszahlungszettel fehlen auch nicht …

Er will das Buch gerade in die Tasche stecken, da ist die Frau bei ihm. Sie nimmt ihm das Buch einfach aus der Hand und legt es aufs Bett. «Raus!» sagt sie nur. «Raus!»

Und er, der eben noch den Sieg fest in seinen Händen glaubte, geht vor ihren bösen Augen aus der Kammer. Mit zitternden Händen, ohne auch nur ein Wort zu wagen, holte er Mantel und Mütze aus dem Schrank, ohne ein Wort ging er durch die geöffnete Tür an ihr vorbei ins dunkle Treppenhaus. Die Tür wurde ins Schloß gezogen, er knipste die Treppenbeleuchtung an und stieg die Stufen hinab. Gottlob hatte jemand die Haustür offengelassen. Er wird in seine Stammkneipe gehen; zur Not, wenn er niemanden findet, läßt ihn der Budiker auf dem Sofa dort schlafen. Er marschiert los, in sein Schicksal ergeben, gewohnt, Schläge einzustecken. Die Frau oben hat er schon wieder halb vergessen.

Sie aber steht am Fenster und starrt in das abendliche Dunkel hinaus. Schön. Schlimm. Auch Karlemann ist verloren. Sie wird es noch mit Max versuchen, dem jüngeren Sohn. Max war immer farbloser, mehr der Vater als sein glänzender Bruder. Vielleicht kann sie sich in Max einen Sohn gewinnen. Und wenn nicht, nun gut, dann wird sie für sich allein leben. Aber sie wird anständig bleiben. Dann hat sie eben das im Leben erreicht, daß sie anständig geblieben ist. Gleich morgen wird sie horchen, wie man es anfängt, aus der Partei herauszukommen, ohne daß die sie ins KZ stecken. Es wird schwerhalten, aber vielleicht schafft sie es. Und wenn es eben gar nicht anders sein kann, geht sie ins KZ. Das ist dann gewissermaßen ein klein bißchen Sühne für das, was Karlemann getan hat.

Sie zerknüllt den angefangenen, verweinten Brief an den Älteren. Sie legt ein neues Briefblatt hin und beginnt zu schreiben:

Lieber Sohn Max! Ich will Dir mal wieder ein Brieflein schreiben. Mir geht es noch gut, was ich auch von Dir hoffe. Vater war eben hier, aber ich habe ihm die Tür gewiesen, er wollte doch nur von mir ziehen. Auch von Deinem Bruder Karl habe ich mich losgesagt, wegen der Scheußlichkeiten, die er begangen hat. Jetzt bist Du mein einziger Sohn. Ich bitte Dich, bleibe immer anständig. Ich will auch alles tun, was ich für Dich kann. Schreibe mir bald auch einmal ein Brieflein. Es grüßt und küßt Dich

Deine Mutter.

6
Otto Quangel gibt sein Amt auf

Die mit etwa achtzig Arbeitern und Arbeiterinnen besetzte Werkstatt der Möbelfabrik, der Otto Quangel als Werkmeister vorstand, hätte bis zum Kriegsausbruch nur Einzelmöbel nach Zeichnungen hergestellt, während die Fabrik sonst in allen ihren andern Abteilungen nur Mâssenmöbel anfertigte. Mit dem Kriegsbeginn war der ganze Betrieb auf die Herstellung von Heeresgut umgestellt Wörden, und der Quangelschen Werkstatt war dabei die Aufgabe zugefallen, gewisse, sehr schwere und große Kisten herzustellen, von denen behauptet wurde, sie dienten zum Transport schwerer Bomben.

Was Otto Quangel anging, so war es ihm ganz egal, wozu die Kisten dienten; er fand diese neue, geistlose Arbeit seiner unwürdig und verächtlich. Er war ein richtiger Kunsttischler gewesen, den die Maserung eines Holzes, die Anfertigung eines schön geschnitzten Schrankes mit einem Gefühl tiefer Befriedigung erfüllen konnte. Er hatte bei solcher Arbeit soviel Glück empfunden, wie ein Mensch seiner kühlen Veranlagung nur empfinden kann. Jetzt war er zu einem bloßen Antreiber und Aufpasser hinabgesunken, der nur darauf zu achten hatte, daß seine Werkstatt ihr Soll und möglichst mehr als dieses Soll erfüllte. Seiner Art nach hatte er aber nie ein Wort über diese Gefühle verloren, und sein scharfes, vogelhaftes Gesicht hatte nie etwas von der Verachtung, die er für diese erbärmliche Fichtenholzarbeit empfand, verraten. Hätte ihn jemand genauer beobachtet, so hätte er bemerkt, daß der wenig redende Quangel nun überhaupt nichts mehr sprach und daß er unter diesem Zutreibersystem eher geneigt war, die Sieben grade sein zu lassen.

Aber wer sollte auf einen so trockenen, unausgiebigen Mann wie Otto Quangel groß achten? Er schien zeit seines Lebens nur ein Arbeitstier gewesen zu sein, ohne irgendein anderes Interesse als das für die Arbeit, die er zu verrichten hatte. Er hatte nie einen Freund hier besessen, nie zu jemandem ein freundliches Wort gesprochen. Arbeit, nur Arbeit, ganz gleich, ob Menschen oder Maschinen, wenn sie nur ihre Arbeit taten!

Dabei war er nicht einmal unbeliebt, trotzdem er die Aufsicht über die Werkstatt hatte und zur Arbeit antreiben mußte. Aber er schimpfte nie, und er schwärzte nie jemanden bei den Herren vorne an. Schien ihm irgendwo die Arbeit nicht richtig voranzugehen, so ging er dorthin und beseitigte wortlos mit seinen geschickten Händen das Arbeitshindernis. Oder er stellte sich zu ein paar Schwätzern und blieb, die dunklen Augen fast blicklos auf die Sprechenden geheftet, so lange bei ihnen stehen, bis ihnen die Lust zum Weiterreden vergangen war. Ständig verbreitete er ein Gefühl von Kühle um sich. In den kurzen Ruhepausen suchten die Arbeiter möglichst entfernt von ihm zu sitzen, und so genoß er eine ihm ganz selbstverständlich gezollte Achtung, die ein ariderer mit noch so viel Reden und Anfeuern sich nicht verschafft hätte.

Auf der Fabrikleitung wußten sie auch wohl, was sie an Otto Quangel hatten. Seine Werkstatt erzielte stets die höchsten Leistungen, es gab nie Schwierigkeiten mit den Leuten, und Quangel war willig. Er wäre längst aufgerückt, wenn er sich hätte entschließen können, in die Partei einzutreten. Aber das lehnte er stets ab. «Für so was habe ich kein Geld übrig», sagte er dann wohl. «Ich brauch jede Mark. Ich muß ʼne Familie ernähren.»

Man grinste im geheimen über das, was man seinen schmutzigen Geiz nannte. Dieser Quangel schien ja innerlich über jeden Groschen, den er zu einer Sammlung spenden mußte, vor Leid zu vergehen. Er bedachte gar nicht, daß er durch den Eintritt in die Partei viel mehr an Gehaltszulage gewann, als er durch den Parteibeitrag verlor. Aber dieser tüchtige Werkmeister war eben politisch hoffnungslos, und so hatte man denn auch keine Bedenken, ihn in dieser kleinen leitenden Stellung zu belassen, obwohl er kein Parteimitglied war.

In Wahrheit war es nicht der Geiz Otto Quangels, der ihn von einem Eintritt in die Partei abhielt. Gewiß, er war in Gelddingen sehr genau und konnte sich über einen unüberlegt ausgegebenen Groschen noch wochenlang hinterher ärgern. Aber eben, weil er bei sich genau war, war er es auch bei andern, und diese Partei schien alles andere als genau bei der Durchführung ihrer Grundsätze zu sein. Was er bei der Erziehung seines Sohnes durch Schule und Hitlerjugend erlebt, was er von Anna gehört hatte, wie er selbst erlebt hatte, daß alle gutbezahlten Posten in der Fabrik mit Parteigenossen besetzt wurden, denen die tüchtigsten Nichtparteigenossen stets zu weichen hatten – das alles bestärkte ihn in seiner Überzeugung, daß die Partei nicht genau, das heißt nicht gerecht war, und mit einer solchen Sache wollte er nichts zu tun haben.

Darum hatte ihn ja auch Annas Ruf «Du und dein Führer» am Morgen so sehr gekränkt. Gewiß, er hatte bisher an den ehrlichen Willen des Führers geglaubt. Man brauchte nur alle diese Schmeißfliegen und Speckjäger, denen es nur um Geldscheffeln und Lebeschön ging, aus seiner Umgebung zu entfernen, und alles wurde besser. Aber bis es soweit war, machte er nicht mit, er nicht, und das wußte Anna, die einzige, mit der er wirklich sprach, auch ganz gut. Nun schön, sie hatte es in ihrer ersten Aufregung gesagt, er würde es mit der Zeit schon vergessen, er konnte ihr nie was nachtragen.

Wie er da so mitten im Sausen und Kreischen seiner Werkstatt steht, den Kopf etwas erhöben und den Blick langsam von der Dicktenhobelmaschine zu der Bandsäge, zu den Naglern, Bohrern, Bretterträgern wandern läßt, merkt er, wie diese Nachricht von Ottos Tod und ganz besonders Annas und Trudels Verhalten immer weiter in ihm wirken. Er denkt nicht eigentlich darüber nach, er weiß vielmehr genau, daß dieser Liederlich, dieser Tischler Dollfuß, schon vor sieben Minuten die Werkstatt verlassen hat und daß die Arbeit in seiner Reihe darum stockt, weil er auf dem Abtritt wieder mal eine Zigarette rauchen muß, oder weil er dort Reden schwingt. Er gibt ihm noch drei Minuten, dann holt er ihn rein, er selber!

Und während sein Auge zu dem Zeiger der Wanduhr gleitet und feststellt, daß Dollfuß tatsächlich in drei Minuten zehn Minuten geschwänzt haben wird, fällt ihm nicht nur dieses hassenswerte Plakat über Trudels Kopf ein, denkt er nicht nur darüber nach, was das ist: Landes- und Hochverrat, und wo man so was wohl erfährt, sondern er denkt auch daran, daß er einen vom Pförtner ihm übergebenen Brief in der Jackentasche trägt, durch den der Werkmeister Quangel kurz und knapp aufgefordert wird, pünktlich um fünf Uhr in der Beamtenkantine zu erscheinen.

Nicht, daß dieser Brief ihn irgendwie aufregt oder stört. Er hat früher, als die Möbelherstellung noch im Gange war, oft auf die Fabrikleitung gemußt, um die Herstellung eines Möbelstückes zu besprechen. Beamtenkantine ist etwas Neues, aber das ist ihm gleich, bis fünf Uhr sind es aber nur noch sechs Minuten, und bis dahin möchte er den Tischler Dollfuß gerne an seiner Säge haben. So geht er eine Minute früher, als er beabsichtigt hat, los, um den Dollfuß zu suchen.

Aber er findet ihn weder auf den Abtritten noch auf den Gängen, noch in den anliegenden Werkstätten, und als er in die eigene Werkstatt zurückkehrt, zeigt die Uhr eine Minute vor fünf Uhr, und es wird höchste Zeit für ihn, wenn er nicht unpünktlich sein will. Er klopft sich schnell den gröbsten Sägestaub von der Jacke und geht dann eilig hinüber in das Verwaltungsgebäude, in dessen Erdgeschoß sich die Beamtenkantine befindet.

Sie ist ersichtlich für einen Vortrag vorbereitet, eine Rednertribüne ist errichtet, ein langer Tisch für die Vorsitzenden, und der ganze Saal ist mit Stuhlreihen angefüllt. Er kennt das alles von den Versammlungen der Arbeitsfront, an denen er oft hat teilnehmen müssen, nur daß diese Versammlungen stets drüben in der Werkkantine stattfanden. Der einzige Unterschied ist der, daß dort rohe Holzbänke standen statt der Rohrstühle hier, und dann saßen die meisten dort wie er in Arbeitskluft, während es hier mehr braune und auch graue Uniformen gibt, die Beamten in Zivil verschwinden dazwischen.

Quangel hat sich auf einen Stuhl, ganz nahe an der Tür gesetzt, um beim Schluß der Rede möglichst rasch wieder in seine Werkstatt zu kommen. Der Saal ist schon ziemlich gefüllt, als Quangel gekommen ist, zum Teil sitzen die Herren schon auf den Stühlen, ein anderer Teil steht noch auf den Gängen und an der Wand in Grüppchen, sie reden miteinander.

Sie alle aber, die hier versammelt sind, tragen das Hakenkreuz. Quangel scheint der einzige ohne das Parteiabzeichen zu sein (von den Wehrmachtsuniformen natürlich abgesehen, aber die tragen dafür das Hoheitszeichen). Es ist wohl ein Irrtum, daß sie ihn hierher eingeladen haben. Quangel wendet den Kopf aufmerksam hin und her. Ein paar Gesichter kennt er. Der dicke Bleiche dort, der schon am Vorstandstisch sitzt, das ist der Herr Generaldirektor Schröder, den kennt er vom Sehen. Und der kleine Spitznasige mit dem Klemmer, das ist der Herr Kassierer, von dem er jeden Sonnabend seine Lohntüte in Empfang nimmt und mit dem er sich schon ein paarmal wegen der hohen Abzüge kräftig gestritten hat. Komisch, wenn der an seiner Kasse steht, hat er nie das Parteiabzeichen getragen! denkt Quangel flüchtig.

Aber die meisten Gesichter, die er sieht, sind ihm völlig unbekannt, es sind wohl fast nur Herren aus den Büros, die hier sitzen. Plötzlich wird Quangels Blick scharf und stechend, in einer Gruppe hat er den Mann entdeckt, den er vorhin vergeblich auf dem Abtritt gesucht hat, den Tischler Dollfuß. Aber der Tischler Dollfuß trägt jetzt keine Arbeitskluft, er trägt einen feinen Sonntagsanzug und redet mit den zwei Herren in Parteiuniform ganz so, als seien sie seinesgleichen. Und jetzt trägt auch der Tischler Dollfuß ein Hakenkreuz, dieser Mann, der ihm schon ein paarmal in der Werkstatt durch sein Gerede aufgefallen ist! So ist das also! denkt Quangel. Das ist also ein Spitzel. Womöglich ist der Mann gar kein richtiger Tischler und heißt auch nicht Dollfuß. War Dollfuß nicht Kanzler in Österreich, den sie ermordet haben? Alles Schiebung – und ich habe nie was gemerkt!

Und er fängt an, darüber nachzugrübeln, ob der Dollfuß schon in seiner Werkstatt war, als der Ladendorf und der Tritsch abgelöst wurden und alle munkelten, sie seien ins KZ gewandert.

Quangels Haltung hat sich gestrafft. Achtung! hat es. in ihm gesagt. Und: Hier sitz ich ja wie unter Mördern! Später denkt er: Ich werde mich auch von diesen Brüdern nicht kriegen lassen. Ich bin eben nur ein oller dußliger Werkmeister, ich versteh von nischt was. Aber mitmachen, nee, das tu ich nicht. Ich hab’s heute früh gesehen, wie es die Anna gepackt hat und danach die Trudel; ich mach bei so was nicht mit. Ich will nicht, daß eine Mutter oder Braut durch mich so hingerichtet wird. Die sollen mich rauslassen aus ihren Sachen …

So denkt er. Unterdes hat sich der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Vorstandstisch ist eng von braunen Uniformen und schwarzen Röcken besetzt, und auf dem Rednerpult steht jetzt ein Major oder Oberst (Quangel hat es nie gelernt, Uniformen und Rangabzeichen auseinanderzuhalten) und spricht von der Kriegslage.

Natürlich ist die großartig, der Sieg über Frankreich wird gebührend gefeiert, und es kann nur eine Frage von wenigen Wochen sein, daß auch England am Boden liegt. Dann kommt der Redner allmählich dem Punkte näher, der ihm wichtig ist: wenn nämlich die Front so große Erfolge erzielt, so wird erwartet, daß auch die Heimat ihre Pflicht tut. Was nun folgt, das klingt beinahe so, als komme der Herr Major (oder Oberst oder Hauptmann) direkt aus dem Hauptquartier, um der Belegschaft der Möbelfabrik Krause & Co. vom Führer zu sagen, daß sie unbedingt ihre Leistungen steigern müsse. Der Führer erwartet, daß die Fabrik in drei Monaten ihre Leistung um 50 Prozent, in einem halben Jahr aber aufs Doppelte gesteigert hat. Vorschläge, um dieses Ziel zu erreichen, werden aus der Versammlung gerne entgegengenommen. Wer aber nicht mitmacht, ist als Saboteur zu betrachten und entsprechend zu behandeln.

Während der Redner noch ein «Siegheil» auf den Führer ausbringt, denkt Otto Quangel: England liegt in ein paar Wochen am Boden, der Krieg ist alle, und wir steigern in einem halben Jahre unsere Kriegsproduktion um 100 Prozent! Wer denen bloß so was abnimmt?

Aber er setzt sich wieder und blickt dann auf den nächsten Redner, der in brauner Uniform das Pult betritt, die Brust dick mit Medaillen, Orden und Abzeichen geschmückt. Dieser Parteiredner ist eine ganz andere Sorte Mann als sein militärischer Vorredner. Von allem Anfang an spricht er scharf und zackig, von dem Ungeist, der immer noch in den Betrieben umgeht, trotz der herrlichen Erfolge des Führers und der Wehrmacht. Er redet so scharf und zackig, daß er nur brüllt, und er nimmt kein Blatt vor den Mund, als er von den Miesmachern und Meckerern spricht. Jetzt soll und wird der letzte Rest von ihnen ausgetilgt werden, Schlitten wird man mit ihnen fahren, man wird ihnen was über die Schnauze geben, daß sie nie wieder die Zähne auseinanderkriegen! Suum cuique, das hat auf den Koppelschlössern gestanden im Ersten Weltkrieg, und Jedem das Seine, das steht jetzt über den Toren der Konzertlager! Da wird denen was beigebracht, und wer dafür sorgt, daß so ʼn Kerl oder so ʼn Weib reinkommt, der hat was geleistet für das deutsche Volk, und der ist ein Mann des Führers.

«Euch aber alle hier, die ihr hier sitzt», brüllt der Redner zum Schluß, «ihr Werkstättenleiter, Abteilungsvorsteher, Direktoren – euch mache ich persönlich dafür haftbar, daß euer Betrieb sauber ist! Und Sauberkeit, das ist nationalsozialistisches Denken! Nur das! Wer da schlappschwänzig ist und weichmäulig, und wer nicht alles anzeigt, auch die geringste Kleinigkeit, der fliegt selber ins KZ. Dafür stehe ich euch persönlich, ob ihr nun Direktor seid oder Werkmeister, ich bring euch zurecht, und wenn ich euch die Schlappheit mit den Stiebeln aus dem Leibe treten soll!»

Der Redner steht noch einen Augenblick da, er hat seine Hände wutverkrampft erhoben, er ist blaurot im Gesicht. In der Versammlung ist es nach diesem Ausbruch totenstill geworden, sie machen alle ziemlich bekniffene Gesichter, sie, die so plötzlich und unverhüllt zu Spitzeln ihrer Kameraden gemacht wurden. Dann stampft der Redner mit schweren Schritten von seinem Pult hinunter, wobei die Abzeichen auf seiner Brust leise klingeln, und nun erhebt sich der blasse Generaldirektor Schröder und fragt mit sanfter, leiser Stimme, ob etwa Wortmeldungen vorlägen.

Ein Aufatmen geht durch die Versammlung, ein Zurechtrücken – als wäre ein böser Traum ausgeträumt, und der Tag komme wieder zu seinem Recht. Es scheint niemand zu sein, der jetzt noch sprechen will, alle haben sie wohl den Wunsch, möglichst bald diesen Saal zu verlassen, und der Generaldirektor will eben die Versammlung mit einem «Heil Hitler» schließen, da steht plötzlich im Hintergrund ein Mann in blauer Arbeitsbluse auf und sagt, was die Leistungssteigerung in seiner Werkstatt angehe, so sei das ganz einfach. Man müsse nur noch die und die Maschinen aufstellen, er zählt sie auf und erklärt, wie sie aufgestellt werden müssen. Ja, und dann müsse man noch sechs oder acht Leute aus seiner Werkstatt raussetzen, Bummelanten und Nichtskönner. Dann schaffe er das mit den 100 Prozent schon in einem Vierteljahr.

Quangel steht kühl und gelassen da, er hat den Kampf aufgenommen. Er fühlt, wie sie ihn alle anstarren, diesen einfachen Arbeiter, der so gar nicht zwischen diese feinen Herren gehört. Aber er hat sich nie was aus den Menschen gemacht, ihm ist es egal, ob sie ihn anstarren. Jetzt, wo er ausgeredet hat, stekken sie am Vorstandstisch die Köpfe über ihn zusammen. Die Redner erkundigen sich, wer das wohl ist, dieser Mann in der blauen Bluse. Dann steht der Major oder Oberst auf und sagt Quangel, die technische Leitung, werde sich mit ihm wegen der Maschinen besprechen, aber wie er das meine mit den sechs oder acht Leuten, die aus seiner Werkstatt raus sollten?

Langsam und hartnäckig antwortet Quangel: «Ja, manche können eben nicht so arbeiten, und manche wollen es nicht. Da sitzt gleich einer von denen!» Und er zeigt mit dem großen, starren Zeigefinger ganz unverhohlen auf den Tischter Dollfuß, der einige Reihen vor ihm sitzt.

Jetzt platzen einige mit Lachen heraus, und zu den Lachern gehört auch der Tischler Dollfuß, der den Kopf nach ihm umgedreht hat und ihn anlacht.

Aber Quangel sagt, ohne eine Miene zu verziehen: «Ja, reden, Zigaretten auf dem Abtritt rauchen und die Arbeit versäumen, das kannst du, Dollfuß!»

Am Vofstandstisch haben sie wieder die Köpfe über diesen verdrehten Kauz zusammengesteckt. Aber jetzt hält nichts mehr den braunen Redner, er springt auf und schreit: «Du bist nicht in der Partei – warum bist du nicht in der Partei?»

Und Quangel antwortet, was er immer auf diese Frage geantwortet hat: «Weil ich jeden Groschen brauche, weil ich Familie habe, darum kann ich mir das nicht leisten!»

Der Braune brüllt: «Weil du ein geiziger Hund bist! Weil du nichts über hast für deinen Führer und dein Volk! Wie groß ist denn deine Familie?»

Und kalt antwortet ihm Quangel ins Gesicht hinein: «Von meiner Familie reden Sie mir heut nicht, lieber Mann! Ich habe gerade heute die Nachricht bekommen, daß mir mein Sohn gefallen ist!»

Einen Augenblick ist es totenstill im Saal, über die Stuhlreihen weg starren sich der bräune Bonze und der alte Werkmeister an. Dann setzt sich Otto Quangel plötzlich, als sei nun alles erledigt, und ein wenig später setzt sich auch der Braune. Wieder erhebt sich der Generaldirektor Schröder und bringt nun das «Siegheil!» auf den Führer aus: es klingt etwas dünn. Dann ist die Versammlung geschlossen.

Fünf Minuten später steht Quangel wieder in seiner Werkstatt; mit etwas erhobenem Kopf läßt er langsam den Blick von der Dicktenhobelmaschine zu der Bandsäge wandern, von da weiter zu den Naglern, den Bohrern, den Bretterträgern … Aber es ist der alte Quangel nicht mehr, der dort steht. Er fühlt es, er weiß es, er hat sie alle überlistet. Vielleicht auf eine häßliche Weise überlistet, indem er aus dem Tode seines Sohnes Kapital schlug, aber soll man zu solchen Biestern anständig sein? Nee! sagt er fast laut zu sich. Nee, Quangel, der Alte wirst du nie wieder. Ich bin doch mal neugierig, was Anna zu dem allem sagt. Ob der Dollfuß gar nicht wieder auf seinen Arbeitsplatz kommt? Dann muß ich heute noch einen andern anfordern. Wir sind im Rückstand …

Aber keine Bange, der Dollfuß kommt. Er kommt sogar in der Begleitung eines Abteilungsleiters, und dem Werkmeister Otto Quangel wird eröffnet, daß er zwar die technische Leitung dieser Werkstatt behalte, daß er aber sein Amt in der DAF hier an den Herrn Dollfuß abzugeben habe. «Verstanden?»

«Und ob ich das verstanden habe! Ich bin froh, daß du mir den Posten abnimmst, Dollfuß! Mein Gehör wird immer schlechter, und hinhorchen, wie der Herr sich das vorhin vorgestellt hat, das kann ich hier in dem Lärm überhaupt nicht.»

Dollfuß nickt kurz, er sagt rasch: «Und was Sie da vorhin gesehen und gehört haben, darüber zu keinem Menschen ein Wort, sonst … »

Fast gekränkt antwortet Quangel: «Zu wem soll ich denn reden, Dollfuß? Hast du mich schon mal mit einem Menschen reden hören? Das interessiert mich nicht, mich interessiert bloß meine Arbeit, und da weiß ich, daß wir heute feste im Rückstand sind. Es wird Zeit, daß du wieder an deiner Maschine stehst!» Und mit einem Blick auf die Uhr: «Eine Stunde und siebenunddreißig Minuten hast du jetzt versäumt!»

Einen Augenblick später steht der Tischler Dollfuß wirklich an seiner Säge, und mit Windeseile, keiner weiß woher, verbreitet sich in der Werkstatt das Gerücht, der Dollfuß habe wegen seiner ewigen Raucherei und Schwätzerei einen reingewürgt gekriegt.

Der Werkmeister Otto Quangel geht aber aufmerksam von Maschine zu Maschine, greift zu, starrt mal einen Schwätzer an und denkt dabei: Die bin ich los – für immer und ewig! Und sie haben keinen Verdacht, ich bin bloß ein alter Trottel für die! Daß ich den Braunen mit «Lieber Mann» angeredet habe, das hat denen den Rest gegeben! Nun bin ich bloß neugierig, was ich jetzt anfange. Denn irgendwas fange ich an, das weiß ich. Ich weiß bloß noch nicht, was …

7
Nächtlicher Einbruch

Am späten Abend, eigentlich ist es schon Nacht, eigentlich ist es schon viel zu spät für das Verabredete, hat der Herr Emil Borkhausen seinen Enno doch noch getroffen, im Restaurant «Ferner liefen». Das hat die Briefträgerin Eva Kluge mit ihrem heiligen Zorn doch noch zuwege gebracht. Die Herren haben sich bei einem Glas Bier an einem Ecktisch zusammengesetzt, und dort haben sie geflüstert, sie haben so lange geflüstert – bei einem Glas Bier –, bis der Wirt sie darauf aufmerksam gemacht hat, daß er schon dreimal Polizeistunde geboten hat, und sie möchten doch sehen, daß sie endlich bei ihre Weiber kämen.

Auf der Straße haben die beiden ihre Unterhaltung fortgesetzt, sie sind erst ein Stück nach der Prenzlauer Allee zu gegangen, und dann hat der Enno wieder zurückverlangt, weil es ihm eingefallen ist, es wäre vielleicht doch besser, es bei einer zu versuchen, die er einmal gehabt hat und die Tutti genannt wird. Tutti, der Pavian. Besser als solche faulen Geschichten …

Der Emil Borkhausen ist fast aus der Haut geplatzt vor so viel Unverstand. Er hat dem Enno zum zehnten, er hat ihm zum hundertsten Male versichert, daß hier von faulen Geschichten nicht die Rede sein könne. Es handele sich vielmehr um eine – beinahe gesetzmäßige – Beschlagnahme, die unter dem Schutze der SS erfolge, und außerdem sei’s doch bloß eine olle Jüdsche, nach der kein Hahn kräht. Sie würden sich beide für eine Zeitlang gesund machen, und die Polizei und das Gericht hätten damit nichts zu tun.

Worauf der Enno wieder gesagt hat: Nein, nein, in solchen Sachen habe er noch nie seine Finger gehabt, er verstünde gar nichts davon. Weiber ja und Rennwetten dreimal ja, aber mit faulen Fischen habe er noch nicht gehandelt. Die Tutti sei immer ganz gutmütig gewesen, obwohl sie «der Pavian» genannt werde, die denke sicher nicht mehr daran, daß sie ihm damals mit ein bißchen Geld und Lebensmittelkarten ausgeholfen habe, ohne es zu wissen.

Dabei sind sie schon in der Prenzlauer Allee gewesen.

Der Borkhausen, dieser immer zwischen Kriecherei und Drohen hin und her pendelnde Mann, hat ärgerlich gesagt, wobei er an seinem lockeren fliegenden Schnurrbart riß: «Wer zum Kuckuck hat denn von dir verlangt, daß du was von der Sache verstehst? Ich werde das Kind schon alleine schaukeln, von meinswegen kannste mit den Händen in der Tasche dabeistehen. Ich pack dir sogar noch deine Koffer, wenn du das auch noch verlangst! Versteh doch endlich, daß ich dich nur darum mitnehme, Enno, um mich vor einem Streich von der SS zu schützen, als Zeuge gewissermaßen, daß es bei der Teilung auch richtig zugeht. Denk doch bloß mal daran, was alles bei einer so reichen jüdischen Geschäftsfrau zu holen ist, selbst wenn die Gestapo damals, als sie den Mann holte, schon einiges hat mitgehen lassen!»

Plötzlich hat der Enno Kluge ja gesagt, ohne weiteres Wehren und Bedenklichkeit, ohne Übergang. Nun hat er gar nicht schnell genug in die Jablonskistraße kommen können. Was ihn aber zu der Überwindung seiner Angst und zu einem so rückhaltlosen Ja bestimmt hat, das ist weder das Gerede von dem Borkhausen gewesen noch die Aussicht auf eine reiche Beute, sondern schlichtweg sein Hunger. Plötzlich hat er an die Speisekammer der Rosenthal denken müssen, und daß die Juden immer gerne gut gegessen haben, und daß ihm eigentlich nichts im Leben so schön geschmeckt hat wie gefüllter Gänsehals, zu dem er ein einziges Mal von einem Kleiderjuden eingeladen worden ist.

Plötzlich hat er sich in seinen Hungerphantasien fest eingebildet, er finde solchen gefüllten Gänsehals in der Rosenthalschen Speisekammer. Er hat die Porzellanschüssel, in der er liegt, ganz deutlich vor sich gesehen, und den Hals, wie er in der zu Fett erstarrten Soße liegt, ganz dick gestopft und an beiden Enden mit einem Faden zugebunden. Er wird die Schüssel nehmen und sich das Ganze auf der Gasflamme warm machen, und alles andere ist ihm egal. Der Borkhausen kann tun, was er will, das ist ohne Interesse für ihn. Er wird Brot in die warme, fettige, stark gewürzte Soße tunken, und den Gänsehals wird er aus der Hand essen, daß die Fettigkeit nach allen Seiten rausquatscht.

«Leg noch ʼnen Zahn zu, Emil, ich hab das eilig!»

«Warum so plötzlich?» hat Borkhausen gefragt, aber eigentlich ist es ihm recht gewesen, und er hat willig noch einen Zahn zugelegt. Auch er würde froh sein, wenn die Sache erst abgemacht war, auch in seine Branche schlug sie nicht. Er hat nicht etwa wegen der Polizei oder wegen der ollen Jüdin Angst – was könnte ihm groß passieren, wenn er deren Besitz arisierte? –, sondern wegen der Persickes. Das ist so eine verfluchte verräterische Aasbande, denen ist sogar die Gemeinheit zuzutrauen, daß sie auch einem Kumpel einen Streich spielen. Nur wegen der Persickes hat er diesen blöden Hannes, den Enno, mitgenommen, das ist ein Zeuge, den sie nicht kennen, der wird sie schon bremsen.

In der Jablonskistraße ist dann alles schön glatt gegangen. Es wird ungefähr halb elf gewesen sein, als sie die Haustür aufgeschlossen haben, mit einem richtigen, legalen Hausschlüssel. Dann haben sie ins Treppenhaus gelauscht, und als sich dort nichts rührte das Treppenlicht angeknipst und sich bei seinem Schein die Schuhe ausgezogen, denn: «Wir müssen doch auf die Nachtruhe der Mieter Rücksicht nehmen», hat Borkhausen gegrinst.

Als das Licht wieder aus war, sind sie leise und rasch die Treppe hochgepinschert, und es ist alles glatt und ruhig gegangen. Sie haben keinen von den Anfängerfehlern gemacht, daß sie mit Krach gegen was angerannt sind oder daß ihnen ein Schuh hingepoltert ist, nein, in aller Stille sind sie die vier Stockwerke hochgepinschert. Also, sie haben ein feines Stück Treppenarbeit geleistet, obwohl sie doch beide keine richtigen Ganoven sind und obwohl sie sich beide in ziemlicher Aufregung befinden, der eine besonders wegen des gefüllten Gänsehalses, der andere wegen der Beute und der Persickes.

Das mit der Tür von der Rosenthal hat sich der Borkhausen hundertmal schwieriger vorgestellt, nur ins Schloß gezogen ist sie, ganz einfach aufzumachen, nicht mal abgeschlossen. Was das für ʼne leichtsinnige Frau ist, wo sie doch als Jüdin besonders vorsichtig sein müßte! So sind die beiden in die Wohnung gekommen, sie wissen nicht mal wie, so schnell ging das.

Dann hat der Borkhausen ganz ungeniert auf dem Flur Licht gemacht; er ist jetzt ganz ungeniert gewesen, und: «Wenn die olle Judensau quiekt, hau ich ihr einfach eines vor den Deez!» hat er verkündet, genau wie er’s am Vormittag dem Baldur Persicke angekündigt hat. Sie hat aber nicht gequiekt. So haben sie sich zuerst mal in aller Ruhe auf dem kleinen Flur umgesehen, der ziemlich vollgestanden hat mit Möbeln und Koffern und Kisten. Nun ja, die Rosenthals haben ja eine große Wohnung bei ihrem Laden gehabt, und wenn man da so plötzlich raus muß und kriegt nur zwei Stuben mit Kammer und Küche, so quillt das ziemlich über, nicht wahr? Das muß man verstehen.

Es hat ihnen in den Fingern gezuckt, schon jetzt mit Stöbern und Nachsuchen und Packen anzufangen, aber der Borkhausen fand es dann doch richtiger, sich erst einmal nach der Rosenthal umzusehen und der ein Tuch vor den Mund zu binden, damit es keine Schwierigkeiten gibt. In der Stube hat’s so vollgestanden, daß man sich kaum hat rühren können, und sie haben schon begriffen, was hier steht, schaffen sie beide auch in zehn Nächten nicht weg, sie können sich nur das Beste aussuchen. In der andern Stube hat’s nicht anders ausgesehen und in der Kammer auch so. Nur keine Rosenthal haben sie gefunden, das Bett ist unberührt gewesen. Der Ordnung halber hat der Borkhausen noch in der Küche und in der Toilette nachgesehen, aber die Frau ist nicht dagewesen, und das ist das, was man Massel nennt, denn es spart Scherereien und erleichtert die Arbeit gewaltig.

Der Borkhausen ist in die erste Stube zurückgegangen und hat mit Kramen angefangen. Er hat gar nicht gemerkt, daß ihm sein Kumpel, der Enno, verlorengegangen ist. Der hat in der Speisekammer gestanden und ist bitterlich enttäuscht gewesen, daß es da keinen gefüllten Gänsehals gegeben hat, sondern nur ein paar Bollen und ein halbes Brot. Aber er hat doch mit Essen angefangen, hat sich die Bollen in Scheiben geschnitten und hat sie aufs Brot gepackt, und auch das hat ihm nach seiner Hungerei gut geschmeckt.

Wie Enno Kluge da aber so rumgekaut hat, ist sein Blick aufs untere Abteil des Regals gefallen, und er hat plötzlich gesehen, die Rosenthals, wenn sie auch nichts mehr zu beißen haben, zu trinken haben sie doch noch. Denn da unten im Regal haben Flaschen über Flaschen gestanden, Wein und auch Schnaps. Der Enno, der in allem immer ein mäßiger Mensch war, wenn’s nicht grade um Pferdewetten ging, hat sich eine Flasche Süßwein geschnappt und zuerst dann und wann seine Zwiebelstullen mit Süßwein angefeuchtet. Aber weiß der Himmel, wie das gekommen ist, plötzlich ist ihm das labbrige Gesöff zuwider gewesen, ihm, dem Enno, der sonst drei Stunden hinter demselben Glas Bier hocken konnte. Jetzt hat er sich eine Flasche Kognak aufgemacht und rasch hintereinander ein paar Schlucke genommen, die halbe Flasche hat er in fünf Minuten leer gemacht. Vielleicht ist’s der Hunger gewesen oder die Aufregung, was ihn so verändert hat. Das Essen hat er ganz aufgegeben.

Dann hat ihn auch der Schnaps nicht mehr interessiert, und er ist den Borkhausen suchen gegangen. Der hat noch immer in der großen Stube gestöbert, hat die Schränke und die Koffer aufgemacht, und was drin verpackt war, auf die Erde geschmissen, immer auf der Suche nach etwas Besserem.

«Junge, Junge, die haben wohl ihren ganzen Wäscheladen mitgenommen!» hat Enno ganz überwältigt gesagt.

«Red nicht, hilf lieber!» ist des Borkhausens Antwort gewesen. «Bestimmt ist hier noch Schmuck versteckt und Geld – das waren doch früher reiche Leute, die Rosenthals, Millionäre – und du hast von faulen Fischen geredet, Ochse, der du bist!»

Eine Weile haben die beiden schweigend gearbeitet, das heißt, sie haben immer mehr auf die Erde gerissen, und die hat mit Kleidern und Wäsche und Gerät schon so voll gelegen, daß sie mit ihren Schuhen drauf rumgetreten sind. Dann hat Enno, der vom Schnaps ganz benommen war, gesagt: «Ich seh nichts mehr. Ich muß mir erst ʼnen klaren Kopf trinken. Hol mal ein bißchen Kognak aus der Speisekammer, Emil!»

Der Borkhausen ist ohne Widerrede gegangen und mit zwei Flaschen Schnaps zurückgekommen, und da haben sie sich denn einträchtig zusammen auf die Wäsche gesetzt, haben einen Schluck um den andern getrunken und den Fall ernsthaft und gründlich diskutiert.

«Das ist klar, Borkhausen, den ganzen Kram kriegen wir so schnell nicht weg, und zu lange wollen wir hier auch nicht sitzen. Ich denke, jeder von uns nimmt sich zwei Koffer, und damit hauen wir erst mal ab. Ich denke, morgen abend kommt wieder’ne andere Nacht!»

«Recht haste, Enno, zu lange will ich hier nicht sitzen, schon wegen der Persickes.»

«Wer ist denn das?»

«Ach, so Leute … Aber wenn ich denke, ich haue mit zwei Koffern voll Wäsche, ab und lasse hier einen Koffer mit Geld und Schmück stehen, dann möchte ich mir selbst den Kopf abbeißen. Ein bißchen mußte mich noch suchen lassen. Prost, Enno!»

«Prost, Emil! Warum sollste nich hoch ein bißchen suchen? Die Nacht ist lang, und wir bezahlen die Lichtrechnung doch nicht. Aber was ich dich fragen wollte: Wo willst du denn mit deinen Koffern hin?»

«Wieso? Was meinste denn damit, Enno?»

«Na, wo du die hinbringen willst? Wohl in deine Wohnung?»

«Na, denkste, ich schaff sie aufs Fundamt? Klar schaff ich die in meine Wohnung, bei meine Otti. Und morgen früh nischt wie ab damit in die Münzstraße und die ganze Sore verscheuert, damit der Vogel wieder zwitschert!»

Enno rieb den Korken am Flschenhals. «Hör mal lieber, wie der Vogel zwitschert! Prost, Emil! Ich, wenn ich du wäre, ich machte das nicht wie du, in die Wohnung und überhaupt bei die Frau – was braucht die Frau von deinen Nebeneinnahmen zu wissen? Nein, ich, wenn ich du wäre, ich machte es wie ich, nämlich, ich gäbe die Koffer auf dem Stettiner in die Gepäckaufbewahrung, und den Hinterlegungsschein, den schichte ich mir selbst, aber postlagernd. Dann könnte nie was bei mir gefunden werden, und keiner könnte mir was beweisen.»

«Das hast du dir nicht unflott ausgedacht, Enno», sagte Borkhausen beifällig. «Und wann holste dir den Kram wieder?»

«Na, wenn die Luft rein ist, Emil, denn doch!»

«Und wovon lebste solange?»

«Na, ich hab dir doch gesagt, ich gehe bei die Tutti. Wenn ich der erzähle, was ich für ʼn Ding gedreht habe, nimmt sie mich liebend mit beiden Backen auf!»

«Gut, sehr gut!» stimmte Borkhausen zu. «Und wenn du auf den Stettiner gehst, mach ich auf den Anhalter. Weißte, das fällt weniger auf!»

«Auch nicht schlecht ausgedacht, Emil, hast auch ein helles Köpfchen!»

«Man kommt unter Leute», sagte Borkhausen bescheiden. «Man hört dies und das. Der Mensch ist wie ʼne Kuh, er lernt immer noch zu.»

«Recht haste! Na, dann prost, Emil!»

«Prost, Enno!»

Eine Weile lang betrachteten sie sich schweigend, mit wohlgefälligem Auge, und nahmen ab und zu einen. Dann sagte Borkhausen: «Wenn du dich umdrehst, Enno, es braucht aber nicht gleich zu sein, hinter dir steht ein Radio, der hat mindestens seine zehn Röhren. Den möchte ich mir gerne einpacken.»

«Das mach, das tu, Emil! Radio ist immer gut, zum Behalten und zum Verkaufen! Immer ist Radio gut!»

«Na, denn wollen wir mal sehen, ob wir das Ding in einen Koffer verstauen können, und dann stopfen wir Wäsche rundherum.»

«Soll das gleich sein, oder trinken wir noch einen vorher?»

«Einen können wir vorher noch genehmigen, Enno. Aber nur einen!»

Also genehmigten sie einen und einen zweiten und einen dritten, und dann kamen sie langsam auf die Beine und mühten sich damit ab, einen großen Zehn-Röhren-Radioapparat in einen Handkoffer zu packen, der einen Volksempfänger gefaßt hätte. Nach einer Weile angestrengten Arbeitens sagte Enno: «Es geht nich und es geht nich! Laß den ollen Scheißradio doch seih, Emil, nimm lieber ʼnen Koffer mit Anzügen!»

«Meine Otti hört aber gerne Radio!»

«Ich denke, du willst deiner Ollen von dem ganzen Geschäft nichts erzählen? Du bist ja blau, Emil!»

«Und du und deine Tütti? Ihr seid ja alle beide blau! Wo haste denn deine Tutti?»

«Die zwitschert! Ich sage dir, und wie die zwitschert!» Und er reibt wieder den feuchten Korken am Flaschenhals. «Nehmen wir noch einen!»

«Prost, Enno!»

Sie trinken, und Borkhausen fahrt dann fort: «Aber den Radio, den möchte ich doch mitnehmen. Wenn das olle Dings durchaus nicht in den Koffer rein Will, häng ich mir den Kasten mit einem Strick vor die Brust. Dann habe ich die Hände immer noch frei.»

«Das mach, Mensch. Na, denn wollen wir mal zusammenpacken!»

«Ja, das wollen wir. Wird Zeit!»

Aber sie bleiben beide stehen und starren einander blöde grinsend an.

«Wenn man denkt», fängt Borkhausen dann wieder an, «es ist doch ein schönes Leben. All diese guten Sachen hier», er nickt, «und wir können uns nehmen, was wir wollen, und tun noch direkt ein gutes Werk, wenn wir’s so ʼner Jüdschen fortnehmen, die doch alles gestohlen hat … »

«Da haste recht, Emil – ein gutes Werk tun wir, am deutschen Volk und unserm Führer. Das sind die guten Zeiten, wo er uns versprochen hat.»

«Und unser Führer hält Wort, der hält Wort, Enno!»

Sie betrachten sich gerührt, Tränen in den Augen.

«Was macht ihr denn hier, ihr beide?» klingt eine scharfe Stimme von der Tür her.

Sie fahren zusammen und erblicken einen kleinen Burschen in brauner Uniform.

Dann nickt Borkhausen dem Enno langsam und traurig zu: «Das ist der Herr Baldur Persicke, von dem ich dir gesagt habe, Enno! Jetzt kommen die Schwierigkeiten!»

8
Kleine Überraschungen

Während die beiden Betrunkenen so miteinander sprechen, hat sich der ganze männliche Teil der Familie Persicke in der Stube versammelt. Zunächst dem Enno und Emil steht der kleine, drahtige Baldur, die Augen funkelnd hinter der scharf geschliffenen Brille, kurz hinter ihm die beiden Brüder in ihren schwarzen SS-Uniformen, aber ohne Mützen, und nahe der Tür, als traue er dem Frieden nicht ganz, der alte Exkneipier Persicke. Auch die Familie Persicke ist alkoholisiert, aber bei ihr hat der Schnaps eine wesentlich andere Wirkung gehabt als bei den beiden Einbrechern. Sie sind nicht so rührselig, dumm und vergeßlich geworden, sondern die Persickes sind noch schärfer, noch gieriger, noch brutaler als in ihrem Normalzustand.

Baldur Persicke fragt scharf:

«Nun, wird’s bald? Was macht ihr beide hier? Oder ist das etwa eure Wohnung?»

«Aber Herr Persicke!» sagt Borkhausen mit klagender Stimme.

Baldur tut, als erkenne er den Mann erst jetzt. «Aber das ist ja der Borkhausen aus der Kellerwohnung im Hinterhaus!» ruft er ganz erstaunt seinen Brüdern zu. «Aber Herr Borkhausen, was machen Sie denn hier?» Sein Erstaunen wandelt sich in Spott. «Wär’s nicht besser, Sie kümmerten sich – zumal mitten in der Nacht – ein bißchen um Ihre Frau, das gute Ottichen? Ich habe so was gehört, es werden da Feste mit besseren Herren gefeiert, und Ihre Kinder sollen noch am späten Abend betrunken auf dem Hof herumgetorkelt sein. Bringen Sie die Kinder zu Bett, Herr Borkhausen!»

«Schwierigkeiten!» murmelt der. «Ich hab’s gleich gewußt, wie ich die Brillenschlange sah: Schwierigkeiten.» Er nickt Enno noch einmal traurig zu.

Enno Kluge steht ganz blöde da. Er schwankt leise auf seinen Füßen hin und her, hält die Kognakbuddel in der schlaff niederhängenden Hand und versteht kein Wort von dem, was gesprochen wird.

Borkhausen wendet sich wieder an Baldur Persicke. Sein Ton ist nicht mehr so klagend wie anklagend, er ist plötzlich tief gekränkt. «Wenn meine Frau was tut, was nicht recht ist», sagt er, «so verantworte ich das, Herr Persicke. Ich bin der Gatte und Vater – nach dem Gesetz. Und wenn meine Kinder besoffen sind, Sie sind auch besoffen, und Sie sind auch noch ein Kind, jawohl, das sind Sie, Mensch!»

Er sieht Baldur zornig an, und Baldur starrt funkelnd zurück. Dann macht er seinen Brüdern ein unmerkliches Zeichen, sich bereitzuhalten.

«Und was machen Sie hier in der Wohnung von der Rosenthal?» fragt der jüngste Persicke dann scharf.

«Aber ganz nach Verabredung!» versichert Borkhausen jetzt eifrig. «Alles wie verabredet. Ich und mein Freund, wir gehen jetzt gleich. Wir wollten eigentlich schon gehen. Er auf den Stettiner; ich auf den Anhalter. Jeder zwei Koffer, für Sie bleibt genug.»

Er murmelt die letzten Worte nur, er ist halb im Eindösen.

Baldur betrachtet ihn aufmerksam. Es geht vielleicht ohne alle Gewalttätigkeit, die beiden Kerls sind ja so blöde besoffen. Aber seine Vorsicht warnt ihn. Er faßt den Borkhausen bei der Schulter und fragt scharf: «Und was ist das für ein Mann? Wie heißt der?»

«Enno!» antwortet Borkhausen mit schwerer Zunge. «Mein Freund Enno … »

«Und wo wohnt dein Freund Enno?»

«Weiß nicht, Herr Persicke. Nur aus der Kneipe. Stehbierfreund. Lokal: Ferner liefen … »

Baldur hat sich entschieden. Er stößt plötzlich dem Borkhausen die Faust gegen die Brust, daß der mit einem leisen Schrei hinterrücks auf die Möbel und die Wäsche fällt. «Schwein, verfluchtes!» brüllt er. «Wie kannst du zu mir Brillenschlange sagen? Ich werde dir zeigen, was ich für ein Kind bin!»

Aber sein Schimpfen ist schon nutzlos geworden, die beiden hören ihn nicht mehr. Die beiden SS-Brüder sind schon zugesprungen und haben jeden mit einem brutal geführten Schlag erledigt.

«So!» sagt Baldur befriedigt. «In einer kleinen Stunde liefern wir die beiden als ertappte Einbrecher bei der Polizei ab. Unterdes räumen wir runter, was wir gebrauchen können. Aber leise auf den Treppen! Ich habe gelauscht, aber ich habe nicht gehört, daß der alte Quangel von seiner Spätschicht nach Haus gekommen ist.»

Die beiden Bruder nicken. Baldur sieht erst auf die betäubten, blutigen Opfer, dann auf alle die Koffer, die Wäsche, den Radioapparat. Plötzlich lächelt er. Er wendet sich zum Vater: «Na, Vater, wie habe ich das Ding gedreht? Du mit deiner ewigen Angst! Siehst du … »

Aber er spricht nicht weiter. In der Tür steht nicht, wie erwartet, der Vater, sondern der Vater ist verschwunden, spurlos weg. Statt seiner steht dort der Werkmeister Quangel, dieser Mann mit dem scharfen, kalten Vogelgesicht, und sieht ihn mit seinen dunklen Augen schweigend an.

Als Otto Quangel von seiner Spätschicht nach Haus ging – er hatte, obwohl es wegen des Rückstandes sehr spät geworden war, keine Elektrische genommen, den Groschen konnte er sparen –, da hatte er, vor dem Hause angekommen, gesehen, daß trotz des Verdunklungsbefehls in der Wohnung der Frau Rosenthal Licht brannte. Und bei näherem Zusehen hatte er festgestellt, daß auch bei den Persickes und darunter bei Fromm Licht war, es schimmerte an den Rändern der Rouleaus. Beim Kammergerichtsrat Fromm, von dem man nicht genau wußte, ob er 33 seines Alters oder der Nazis wegen in Pension gegangen war, brannte stets die halbe Nacht Licht, bei dem war es nicht verwunderlich. Und Persickes feierten wohl noch immer den Sieg über Frankreich. Aber daß die alte Rosenthal Licht brannte, und das offen in allen Fenstern, da stimmte etwas nicht. Die alte Frau war so ängstlich und verschüchtert, die würde nie ihre Wohnung so illuminieren.

Da stimmt was nicht! dachte Otto Quangel, während er die Haustür aufschloß und langsam anfing, die Treppen hinaufzusteigen. Er hatte es wie immer unterlassen, das Licht einzuschalten, er war nicht nur für sich sparsam, das heißt genau Er war es für alle, auch für den Hauswirt. Da stimmt was nicht! Aber was geht es mich an? Die Leute gehen mich gar nichts an! Ich lebe für mich allein. Mit der Anna. Nur wir beide. Außerdem macht vielleicht die Gestapo da oben gerade Haussuchung. Hübsch, wenn ich da reinplatze! Nein, ich gehe schlafen …

Aber der durch den Vorwurf «Du und dein Hitler» so verstärkte Sinn für Genauigkeit, den man fast schon Gerechtigkeitssinn nennen konnte, fand dies Ergebnis seiner Überlegungen doch recht dürftig. Er stand jetzt wartend, die Schlüssel in der Hand, vor seiner Wohnungstür, den Kopf nach oben gedreht. Die Tür mußte dort offenstehen, es war eine dämmrige Helle da oben, auch hörte er eine scharfe Stimme sprechen. Eine alte Frau ganz für sich allein, dachte er plötzlich zu seiner eigenen Überraschung. Ohne jeden Schutz. Ohne Gnade …

In diesem Augenblick war es, daß eine kleine, doch kräftige Männerhand ihn aus dem Dunkel heraus an der Brust faßte und gegen die Treppe hin drehte. Eine sehr höfliche, gepflegte Stimme sagte dazu: «Gehen Sie bitte voraus, Herr Quangel. Ich folge und tauche im passenden Augenblick auf.»

Ohne zu zögern, ging Quangel nun die Treppe hinauf, eine solche überredende Gewalt hatte in dieser Hand und in dieser Stimme gelegen. Das kann nur der alte Rat Fromm gewesen sein, dachte er. So ein Heimlicher. Ich glaube, ich habe ihn in all den Jahren, die ich hier wohne, keine zwanzigmal bei Tage gesehen, und nun kriecht er hier zur Nachtzeit auf den Treppen herum!

Während er so dachte, war er, ohne zu zögern, die Treppe hinaufgestiegen und in der Rosenthalschen Wohnung angelangt. Er hatte noch gesehen, wie sich bei seinem Erscheinen eine dickliche Gestalt – wohl der alte Persicke – überstürzt in die Küche zurückzog, er hatte auch noch die letzten Worte Baldurs gehört von dem Ding, das gedreht worden war, und daß man nicht ewig Angst haben sollte … Nun standen sich die beiden, Quangel und Baldur, schweigend Auge in Auge gegenüber.

Einen Augenblick glaubte selbst Baldur Persicke alles verloren. Aber dann besann er sich auf einen seiner Lebensgrundsätze: Frechheit siegt, und sagte etwas herausfordernd: «Ja, da staunen Sie! Aber Sie sind ein bißchen zu spät gekommen, Herr Quangel, wir haben die Einbrecher erwischt und unschädlich gemacht.» Er machte eine Pause, aber Quangel schwieg. Etwas matter setzte Baldur hinzu: «Einer von den beiden Raben scheint übrigens der Borkhausen zu sein, der hier bei uns auf dem Hofe eine Nuttenwirtschaft duldet.»

Quangels Blick folgte Baldurs weisendem Finger. «Ja», sagte er trocken, «einer von den Raben ist der Borkhausen.»

«Und überhaupt», ließ sich plötzlich ganz unerwartet der SS-Bruder Adolf Persicke vernehmen, «was stehen Sie hier und starren bloß? Sie könnten ganz ruhig auf das Revier gehen, Quangel, und den Einbruch melden, damit die hier die Brüder abholen! Wir passen unterdes auf!»

«Stille biste, Adolf!» zischte Baldur ärgerlich. «Du hast dem Herrn Quangel gar keine Befehle zu geben! Herr Quangel weiß schon, was er zu tun hat.» Aber gerade das wußte Quangel in diesem Augenblick nicht. Wäre er für sich allein gewesen, er hätte sofort einen Entschluß gefaßt. Aber da war diese Hand an seiner Brust, diese höfliche Männerstimme gewesen; er ahnte nicht, was der alte Kämmergerichtsrat vorhatte, was er von ihm erwartete. Er wollte ihm sein Spiel nicht verderben. Wenn er nur wüßte …

Aber gerade in diesem Augenblick tauchte der alte Herr auf der Bildfläche auf, nicht, wie Quangel erwartet hatte, neben ihm, sondern aus dem Innern der Wohnung kommend. Plötzlich stand er wie eine Geistererscheinung zwischen ihnen und jagte den Persickes einen neuen, noch größeren Schrecken ein.

Er sah übrigens höchst seltsam aus, der alte Herr. Die zierliche, kaum mittelgroße Gestalt war ganz in einen seidenen, schwarzblauen Schlafrock gehüllt, dessen Kanten mit roter Seide eingefaßt waren und der mit großen roten Holzknöpfen geschlossen war. Der alte Herr trug einen eisgrauen Kinnbart und einen stark gestutzten Bart auf der Oberlippe. Das sehr dünne, noch bräunliche Kopfhaar war sorgfältig über den bleichen Schädel frisiert, konnte aber die Blöße nicht ganz verdecken. Hinter der schmalen, goldgefaßten Brille funkelten vergnügte, spöttische Augen zwischen tausend Fältchen.

«Nein, meine Herren», sagte er zwanglos und schien dadurch eine längst begonnene und alle höchst befriedigende Unterhaltung fortzusetzen. «Nein, meine Herren, Frau Rosenthal ist nicht in der Wohnung. Aber vielleicht bemüht sich einer der jungen Herren Persicke einmal auf die Toilette. Ihr Herr Vater scheint nicht ganz wohl zu sein. Jedenfalls versucht er ständig, sich mit einem Handtuch dort aufzuhängen. Ich konnte ihn nicht davon abbringen … »

Der Kammergerichtsrat lächelt, aber die beiden älteren Persickes verlassen so überstürzt das Zimmer, daß es schon fast komisch anmutet. Der junge Persicke ist jetzt sehr blaß und ganz nüchtern geworden. Der alte Herr, der da eben das Zimmer betreten hat und der mit solcher Ironie spricht, das ist ein Mann, dessen Überlegenheit sogar Baldur ohne weiteres anerkennt. Der tut nicht nur überlegen, der ist es wirklich. Baldur Persicke sagt fast bittend: «Verstehen Sie, Herr Kammergerichtsrat, Vater ist, gradeheraus gesagt, völlig besoffen. Die Kapitulation von Frankreich … »

«Ich verstehe, ich verstehe vollkommen», sägt der alte Rat und macht eine beschwichtigende Handbewegung. «Wir sind alle Menschen, nur, daß wir uns nicht gleich alle aufhängen, wenn wir betrunken sind.» Er schweigt einen Augenblick und lächelt. Er sagt: «Er hat natürlich auch alles mögliche geredet, aber wer achtet schon auf das Geschwätz eines Betrunkenen?» Wieder lächelt er.

«Herr Kammergerichtsrat!» sagt Baldur Persicke flehend. «Ich bitte Sie, nehmen Sie diese Sache in die Hand! Sie sind Richter gewesen, Sie wissen, was zu geschehen hat … »

«Nein, nein», sagt der Rat entschieden ablehnend. «Ich bin alt und krank.» Er sieht aber gar nicht so aus. Im Gegenteil: blühend sieht er aus. «Und dann lebe ich ganz zurückgezogen, ich habe kaum noch Verbindung mit der Welt. Aber Sie, Herr Persicke, Sie und Ihre Familie, Sie sind es doch, die die beiden Einbrecher überrascht haben. Sie übergeben sie der Polizei, Sie stellen das Gut hier in der Wohnung sicher. Ich habe mir bei meinem raschen Rundgang eben einen kleinen Überblick verschafft. Ich habe zum Beispiel siebzehn Koffer und einundzwanzig Kisten gezählt. Und anderes mehr. Und anderes mehr … »

Er hat immer langsamer geredet. Immer langsamer. Nun sagt er leicht: «Ich könnte mir denken, daß die Ergreifung der beiden Einbrecher Ihnen und Ihrer Familie noch Ruhm und Ehre eintragen wird.»

Der Kammergerichtsrat schweigt. Baldur steht sehr nachdenklich da. So kann man es auch machen – was für ein alter Fuchs der Fromm da ist! Er durchschaut bestimmt alles, sicher hat der Vater gequatscht, aber er will seine Ruhe haben, er will nichts von dieser Sache wissen. Von ihm droht keine Gefahr. Und Quangel, der alte Werkmeister? Der hat sich nie um jemanden im Haus gekümmert, der hat nie jemanden gegrüßt, nie mit einem ein Wort gesprochen. Der Quangel ist so ein richtiger alter Arbeiter, ausgemergelt, ausgepumpt, der hat keinen eigenen Gedanken mehr im Kopf. Der macht sich bestimmt nicht unnötig Scherereien. Der ist erst recht gefahrlos.

Bleiben die beiden blöden Besoffenen, die da liegen. Natürlich kann man sie der Polizei übergeben und alles ableugnen, was der Borkhausen etwa über Anstiftung erzählt. Dem werden sie bestimmt keinen Glauben schenken, wenn er gegen Angehörige der Partei, der SS und der HJ aussagt. Und dann den Fall der Gestapo melden. Da bekommt man vielleicht ganz legal einen Teil dieser Sachen, die man sonst nur unter Gefahr an sich bringen könnte. Und hätte außerdem Anerkennung dazu.

Ein verlockender Weg. Aber vielleicht ist der andere doch noch besser, erst einmal alles auf sich beruhen zu lassen. Den Borkhausen und diesen Enno verpflastern und mit ein paar Mark losschicken. Die reden bestimmt nicht. Die Wohnung abschließen, wie sie ist, ob die Rosenthal nun zurückkommt oder nicht. Vielleicht ist später was zu machen – er hat das ziemlich sichere Gefühl, der Kurs gegen die Juden wird noch schärfer. Abwarten und Tee trinken. In einem halben Jahr kann man vielleicht schon Sachen machen, die heute noch nicht gehen. Jetzt haben sie, die Persickes, sich ein bißchen viel Blößen gegeben. Man wird nicht grade gegen sie vorgehen, aber man wird in der Partei über sie klatschen. Sie werden nicht mehr als ganz zuverlässig gelten.

Baldur Persicke sagt: «Ich möchte beinahe die beiden Kerle laufenlassen.

Sie tun mir leid, Herr Kammergerichtsrat, es sind doch bloß kleine Kläffer.»

Er sieht sich um, er ist allein. Sowohl der Kammergerichtsrat wie der Werkmeister sind gegangen. Wie er es sich gedacht hat: sie wollen nichts mit der Sache zu tun haben. Das Schlaueste, was man tun kann. Er, Baldur, wird es nicht anders machen, und wenn die Brüder noch so sehr schimpfen.

Mit einem tiefen Seufzer, der all den schönen Sachen gilt, die er aufgeben muß, schickt sich Baldur an, in die Küche zu gehen, den Vater zur Besinnung und die Brüder zum Verzicht auf schon Erreichtes zu bringen.

Auf der Treppe sagt unterdes der Kammergerichtsrat zu dem Werkmeister Quangel, der ihm wortlos aus der Stube gefolgt ist: «Und wenn Sie Schwierigkeiten wegen der Rosenthal bekommen, Herr Quangel, wenden Sie sich an mich. Gute Nacht.»

«Was geht mich die Rosenthal an? Ich kenn sie gar nicht!» protestiert Quangel.

«Also gute Nacht, Herr Quangel!» und der Kammergerichtsrat Fromm verschwindet schon treppabwärts.

Otto Quangel schließt die Tür zu seiner dunklen Wohnung auf.

9
Nachtgespräch bei Quangels

Quangel hat kaum die Tür zum Schlafgemach aufgemacht, da ruft seine Frau Anna erschrocken: «Mach kein Licht, Vater! Die Trudel schläft hier in deinem Bett. Ich habe dir dein Bett auf dem Sofa in der Stube zurechtgemacht.»

«Ist gut, Anna», antwortet Quangel und wundert sich über diese Neuerung, daß die Trudel durchaus in seinem Bett schlafen muß. Sonst hat sie auf dem Sofa gelegen.

Aber er sagt erst wieder was, als er sich ausgezogen hat und unter der Decke auf dem Sofa liegt. Er fragt: «Willst du schon schlafen, Anna, oder magst du noch ein Wort reden?»

Sie zögert einen Augenblick, dann antwortet sie durch die offene Tür von der Schlafstube her. «Ich bin so müde und kaputt, Otto!»

Also sie ist noch böse mit mir – warum? denkt Otto Quangel, sagt aber unverändert: «Also dann schlaf, Anna. Gute Nacht!»

Und von ihrem Bett hallt es zurück: «Gute Nacht, Otto!» Und auch die Trudel flüstert leise: «Gute Nacht, Vater!»

«Gute Nacht, Trudel!» antwortet er und legt sich auf die Seite, nur von dem Wunsche erfüllt, möglichst bald einzuschlafen, denn er ist sehr müde.. Aber er ist wohl übermüdet, wie man auch überhungert sein kann. Der Schlaf will nicht zu ihm kommen. Ein langer Tag mit endlos viel Ereignissen, ein Tag, wie es ihn eigentlich noch nie in Ottos Leben gegeben hat, liegt hinter ihm.

Aber kein Tag, wie er ihn sich wünscht. Ganz abgesehen davon, daß alle Geschehnisse unangenehm waren, bis auf die Ablösung von seinem Posten in der Arbeitsfront, er haßt diese Unruhe, dieses Redenmüssen mit allen möglichen Menschen, die er insgesamt nicht ausstehen kann. Und er denkt an den Feldpostbrief mit der Nachricht vom Tode Ottochens, den ihm die Frau Kluge gegeben, er denkt an den Spitzel Borkhausen, der ihn so täppisch hat reinlegen wollen, an den Gang in der Uniformfabrik mit den im Zuge flatternden Plakaten, gegen die Trudel ihren Kopf lehnte. Er denkt an den verkappten Tischler Dollfuß, diesen ewigen Zigarettenraucher, die Medaillen und Orden klingeln wieder auf Brust des braunen Redners, nun faßt ihn aus dem Dunkel die feste, kleine Hand des Kammergerichtsrats a. D. Fromm an und schiebt ihn der Treppe zu. Da steht der junge Persicke mit seinen spiegelnden Stiefeln auf der Wäsche Und wird immer käsiger, und in der Ecke röcheln und stöhnen die beiden blutigen Besoffenen.

Er fährt wieder hoch, beinahe wäre er eben wirklich eingeschlafen. Aber da ist noch etwas, das ihn an diesem Tage stört, etwas, das er genau gehört und wieder vergessen hat. Er setzt sich auf seinem Sofa hoch und lauscht lange und sorgfältig. Es ist richtig, er hat sich nicht verhört. Befehlend ruft er: «Anna!»

Sie antwortet klagend, wie es gar nicht ihre Art ist: «Was störst du mich schon wieder, Otto? Soll ich denn gar nicht zur Ruhe kommen? Ich habe dir doch gesagt, ich will nicht mehr reden!»

Er fährt fort: «Warum soll ich denn auf dem Sofa schlafen, wenn die Trudel bei dir im Bette legt? Dann ist mein Bett doch frei?»

Einen Augenblick herrscht drüben tiefe Stille, dann sagt die Frau fast flehend: «Aber Vater, die Trudel schläft wirklich in deinem Bett! Ich liege allein, ich habe auch solche Gliederschmerzen … »

Er unterbricht sie: «Du sollst mich nicht belügen, Anna. Drüben bei euch atmen drei, ich hab’s gut gehört. Wer schläft in meinem Bett?»

Stille, lange Stille. Dann sagt die Frau fest: «Frag nicht so viel. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Schweig lieber stille, Otto!»

Und er unbeugsam: «In dieser Wohnung bin ich der Herr. In dieser Wohnung gibt’s keine Geheimnisse vor mir. Weil ich alles zu verantworten habe, darum. Wer schläft in meinem Bett?»

Lange Stille, lange. Dann sagt eine alte, tiefe Frauenstimme: «Ich, Herr Quangel, Frau Rosenthal. Und Ihre Frau und Sie sollen keine Schwierigkeiten durch mich haben, ich ziehe mich an. Gleich gehe ich wieder rauf!»

«Sie können jetzt nicht in Ihre Wohnung, Frau Rosenthal. Die Persickes sind oben und noch ein paar Kerls. Bleiben Sie jetzt liegen in meinem Bett. Und morgen früh, ganz zeitig, um sechs oder sieben, gehen Sie runter zum alten Rat Fromm und klingeln an seiner Tür im Hochparterre. Der wird Ihnen helfen, er hat’s mir gesagt.»

«Ich danke Ihnen auch schön, Herr Quangel.»

«Sie können dem Rat danken, mir nicht. Ich setz Sie bloß aus meiner Wohnung. So, und nun kommst du dran, Trudel … »

«Ich soll wohl auch raus, Vater?»

«Ja, du mußt. Das war dein letzter Besuch bei uns, und du weißt auch, warum. Vielleicht, daß Anna dich manchmal besucht, aber ich glaub’s nicht. Wenn sie erst zur Vernunft gekommen ist und ich richtig mit ihr geredet habe … »

Fast schreiend sagt die Frau: «Das laß ich mir nicht gefallen, dann geh ich auch. Dann kannst du allein bleiben in deiner Wohnung! Du denkst nur an deine Ruhe … »

«Richtig!» unterbricht er sie scharf. «Ich will nichts Unsicheres haben, und vor allem will ich nicht in die unsicheren Geschichten von andern reingezogen werden. Wenn ich den Kopf hinhalten muß, will ich ihn nicht wegen irgendwelchen Dusseleien von andern hinhalten, sondern weil ich was getan habe, was ich tun wollte. Ich sage nicht, daß ich was tu. Aber wenn ich was tu, so tu ich’s nur mit dir allein, mit keinem andern Menschen noch, und wenn es ein noch so nettes Mädel wie die Trudel ist öder ʼne alte, schutzlose Frau wie Sie, Frau Rosenthal. Ich sag nicht, es ist richtig, wie ich’s mache. Aber anders kann ich’s nicht machen. So bin ich, und ich will auch gar nicht anders sein. So, und jetzt will ich schlafen!»

Damit legte sich Otto Quangel wieder hin. Drüben tuscheln sie noch leise, aber das stört ihn nicht. Er weiß: sein Wille geschieht doch. Morgen früh ist seine Wohnung wieder sauber, und die Anna wird sich auch fügen. Keine wilden Geschichten mehr. Und er allein. Er allein. Nur er!

Er schläft ein, und wer ihn jetzt schlafen sehen könnte, der würde ihn lächeln sehen, ein grimmiges Lächeln auf diesem harten, trockenen Vogelgesicht, ein grimmiges, kämpferisches Lächeln, doch kein böses.

10
Was am Mittwochmorgen geschah

All die zuvor berichteten Ereignisse hatten sich an einem Dienstag zugetragen. Am Morgen des folgenden Mittwochs, sehr früh, zwischen fünf und sechs Uhr, verließ Frau Rosenthal, von der Trudel Baumann begleitet, die Quangelsche Wohnung. Otto Quangel schlief noch fest. Die Trudel hatte die unbehilfliche, völlig verängstigte Frau Rosenthal mit dem gelben Stern auf der Brust bis fast an die Frommsche Wohnungstür gebracht. Dann zog sie sich eine halbe Treppe höher zurück, fest entschlossen, die Frau, und sei es mit dem eigenen Leben und der eigenen Ehre, gegen einen etwa herabkommenden Persicke zu verteidigen.

Trudel beobachtete, wie Frau Rosenthal auf den Klingelknopf drückte. Fast sofort wurde, die Tür geöffnet, als habe jemand schon wartend dahinter gestanden. Einige Worte wurden leise gewechselt, dann trat Frau Rosenthal ein, die Tür schloß sich, und Trudel Baumann ging an ihr vorbei auf die Straße. Das Haus war schon offen.

Die beiden Frauen hatten Glück gehabt. So früh es auch war und so sehr Frühaufstehen auch den Gewohnheiten der Persickes widersprach, so hatten doch die beiden SS-Männer keine fünf Minuten früher das Treppenhaus passiert. Um fünf Minuten war eine Begegnung vermieden, die bei der sturen Dummheit und der Brutalität der beiden Burschen nicht anders als verhängnisvoll, zum mindesten für Frau Rosenthal, ausgefallen wäre.

Auch die beiden SS-Männer waren nicht allein gegangen. Sie hatten von ihrem Bruder Baldur den Befehl erhalten, den Borkhausen und den Enno Kluge (Baldur hatte unterdes seine Papiere durchgesehen) aus dem Hause und zu ihren Frauen zu schaffen. die beiden Amateureinbrecher waren immer noch fast völlig benebelt von dem Übermaß genossenen Alkohols und von dem Schlag, den sie abbekommen hatten. Doch war es Baldur Persicke gelungen, ihnen begreiflich zu machen, daß sie sich wie die Schweine benommen hätten, daß es nur der großen Menschenliebe der Persickes zu verdanken sei, wenn sie nicht sofort der Polizei übergeben wurden, daß aber jedes Gequatsche sie unweigerlich dorthin bringen würde. Außerdem hatten sie sich nie wieder bei Persickes sehen zu lassen und keinen Persicke je zu kennen. Wenn sie sich aber erfrechen würden, je wieder in die Rosenthalsche Wohnung zu kommen, würden sie unweigerlich der Gestapo übergeben.

All dies hatte ihnen Baldur so oft und mit so vielen Drohungen und Beschimpfungen wiederholt, bis es in ihren verblödeten Hirnen völlig festzusitzen schien. Sie hatten sich da am Tisch der Persickeschen Wohnung gegenübergesessen, in einem halben Zwielicht, zwischen sich den unaufhörlich schwatzenden, drohenden, blitzenden Baldur. Auf dem Sofa hatten sich die beiden SS-Männer herumgelümmelt, drohende, finstere Gestalten, trotz ihres ewigen Zigarettenrauchens. Sie hatten das unsichere Gefühl, als ständen sie vor einem Gerichtshof zur Aburteilung, der Tod schien ihnen zu drohen. Sie schwankten auf ihren Stühlen hin und her und versuchten zu verstehen, was sie verstehen sollten. Dazwischen dösten sie ein und wurden sofort wieder durch einen schmerzhaften Faustschlag Baldurs geweckt. Alles, was sie geplant, getan, erlitten hatten, schien ihnen wie ein unwirklicher Traum, sie sehnten sich nur nach Schlaf und Vergessen.

Schließlich schickte sie Baldur mit seinen Brüdern fort. In den Taschen trugen Borkhausen wie Kluge, ohne es zu wissen, etwa fünfzig Mark in kleinen Scheinen. Baldur hatte sich zu diesem neuen, schmerzlichen Opfer entschlossen, durch das die Unternehmung Rosenthal für die Persickes vorläufig zu einem reinen Verlustgeschäft wurde. Aber er sagte sich, wenn die Männer ohne alles Geld, zerschlagen und arbeitsunfähig, zu ihren Frauen zurückkehrten, würde es bei den Weibern viel mehr Geschrei und Nachfrage geben, als wenn ihnen die betrunkenen Kerle einiges Geld zutrugen. Und er rechnete damit, daß bei dem Zustand der Männer die Frauen das Geld finden würden.

Der ältere Persicke, der Borkhausen nach Haus zu bringen hatte, war mit seiner Aufgabe in zehn Minuten fertig, in jenen zehn Minuten, in. denen Frau Rosenthal die Frommsche Wohnung erreicht hatte und Trudel Baumann auf die Straße getreten war. Er hatte den fast gehunfähigen Borkhausen einfach beim Kragen gepackt, über den Hof geschleppt, vor der Borkhausenschen Wohnung auf die Erde gesetzt und die Frau mit festen Faustschlägen gegen die Tür geweckt. Als sie erschrocken vor der finster drohenden Gestalt zurückgewichen war, hatte er sie angeschrien: «Da bring ich dir deinen Kerl! Pack ihn ins Bett rein! Hier bei uns im Treppenhaus besoffen rumliegen und alles vollkotzen …!»

Damit ging er und überließ das andere Otti. Sie hatte noch ihre Mühe gehabt, den Emil aus den Kleidern und ins Bett zu bringen, dabei hatte der ältere bessere Herr, der noch bei ihr zu Gaste war, helfen müssen. Dann war er fortgeschickt worden – trotz der frühen Stunde. Auch jedes Wiederkommen war ihm verboten, vielleicht konnte man sich mal in einem Café treffen, aber hier, nein, nie wieder.

Denn Ottichen war von einer panischen Angst ergriffen, seit sie den SS-Mann Persicke an ihrer Tür erblickt hatte. Sie wußte von mancher Kollegin, die von diesen schwarzen Herren statt einer Bezahlung als asozial und arbeitsscheu in ein KZ geschafft worden war. Sie hatte geglaubt, in ihrer düsteren Kellerwohnung ein völlig unbeobachtetes Dasein zu fristen, nun hatte sie erfahren, daß sie – wie alles zu dieser Zeit – ständig bespitzelt wurde. Zum hundertstenmal in ihrem Leben gelobte sie sich Besserung. Dieser Entschluß wurde ihr erleichtert, als sie achtundvierzig Mark in Emils Tasche fand. Sie steckte das Geld in ihren Strumpf und entschloß sich abzuwarten, was Emil von seinen Erlebnissen berichten würde, sie jedenfalls würde von dem Gelde nichts wissen.

Die Aufgabe des zweiten Persicke war wesentlich schwieriger, vor allem dadurch, daß der zurückzulegende Weg sehr viel weiter war, denn Kluges wohnten jenseits des Friedrichshains. Enno konnte ebensowenig gehen wie Borkhausen, aber Persicke konnte ihn nicht auf der Straße am Kragen oder am Arm neben sich her schleifen. Es war ihm überhaupt peinlich, in der Gesellschaft dieses zerschlagenen, betrunkenen Mannes gesehen zu werden, denn je geringer er von seiner eigenen und seiner Mitmenschen Ehre dachte, um so höher stellte er die Ehre seiner Uniform.

Es war ebenso vergeblich, dem Kluge zu befehlen, kurz vor ihm, wie einen Schritt hinter ihm zu gehen, immer hatte er die gleiche Neigung, sich auf die Erde zu setzen, zu stolpern, sich an Bäumen und Wänden festzuhalten oder gegen Passanten zu streifen. Umsonst war da jeder Faustschlag, jedes noch so scharfe Kommando, der Körper tat einfach nicht mit, und ihm die scharfe Abreibung zu erteilen, die ihn vielleicht doch nüchtern gemacht hätte, dafür waren die Straßen schon zu belebt. Persicke stand der Schweiß auf der Stirn, seine Kinnbackenmuskeln bewegten sich krampfhaft vor Wut, und er schwor es sich zu, dieser kleinen Giftkröte von Baldur einmal gründlich zu sagen, was er von solchen Aufträgen hielt.

Er mußte die Hauptstraßen meiden, Umwege durch stillere Nebenstraßen machen. Dann packte er den Kluge unter dem Arm und trug ihn oft zwei, drei Straßenecken weit, bis er nicht mehr konnte. Viel Beschwer machte ihm auch eine Zeitlang ein Schupo, dem dieser etwas gewaltsame Frühtransport wohl aufgefallen war und der ihm durch seinen ganzen Bezirk folgte, den Persicke dadurch zu einem sanften und besorgten Benehmen zwingend.

Aber er nahm, als sie endlich im Friedrichshain angekommen waren, seine Rache dafür. Er setzte den Kluge hinter einem Gebüsch auf die Bank und bearbeitete ihn dann so, daß der Mann zehn Minuten lang völlig ohnmächtig dalag. Dieser kleine Rennwetter, dem alles auf der Welt außer Interesse war, ausgenommen die Rennpferde, die er freilich zeit seines Lebens nur in den Zeitungen zu Gesicht bekommen hatte, dieses Geschöpf, das weder Liebe noch Haß empfinden konnte, dieser Arbeitsscheue, der alle Windungen seines kümmerlichen Hirns damit beschäftigt hatte, wie wirklicher Anstrengung zu entgehen war, dieser Mann Enno Kluge, blaß, genügsam, farblos, er behielt von diesem Zusammentreffen mit den Persickes vor jeder Parteiuniform eine Angst, die ihn fortan in Seele und Geist lähmen sollte, wenn er mit solchen Parteileuten in Berührung kam.

Ein paar Tritte in die Rippen weckten ihn aus seiner Ohnmacht, ein paar Schläge auf seinen Rücken setzten ihn in Gang, und so trabte er denn, feige wie ein verprügelter Hund, vor seinem Peiniger her, bis die Wohnung der Frau erreicht war. Aber die Tür war verschlossen: die Briefträgerin Eva Kluge, die in der Nacht noch an ihrem Sohn und damit an ihrem Leben verzweifelt war, hatte sich wieder auf ihren gewohnten Trott gemacht, den Brief an ihren Sohn Max in der Tasche, aber mit sehr wenig Hoffnung und Glauben im Herzen. Sie bestellte Post, wie sie es seit Jahren getan hatte, es war immer noch besser, als tatenlos und von trüben Gedanken gequält zu Hause zu sitzen.

Persicke, nachdem er sich überzeugt hatte, die Frau war wirklich nicht zu Haus, klingelte an der Nachbartür, zufällig an der Tür jener Frau Gesch, die dem Enno am Abend zuvor mit einer Lüge in die Wohnung seiner Frau geholfen hatte. Persicke schob der Öffnenden das Jammergestell einfach in die Arme, sagte: «Da! Kümmern Sie sich um den Kerl, er gehört ja wohl hierher!» Und ging.

Frau Gesch war fest entschlossen gewesen, sich nie wieder in die Angelegenheiten der Kluges zu mischen. Aber so groß war die Gewalt eines SS-Mannes und die Angst jedes Volksgenossen vor ihm, daß sie den Kluge widerspruchslos in ihre Wohnung aufnahm, an den Küchentisch setzte und Kaffee und Brot vor ihn hinstellte. Ihr Mann war schon zur Arbeit gegangen. Frau Gesch sah wohl, wie erschöpft der kleine Kluge war, sie sah auch in seinem Gesicht, an dem zerrissenen Hemd, dem Schmutzfleck am Mantel die Spuren einer dauernden Mißhandlung. Da ihr der Kluge aber von einem SS-Mann übergeben war, so hütete sie sich, eine einzige Frage zu stellen. Ja, sie hätte ihn eher vor ihre Wohnungstür gesetzt als eine Schilderung des ihm Widerfahrenen angehört. Sie wollte nichts wissen. Wenn sie nichts wußte, konnte sie auch nichts aussagen, nicht sich verplappern, nicht schwatzen, konnte sie sich also auch nicht in Gefahr bringen.

Der Kluge aß langsam kauend das Brot, trank den Kaffee. Dabei rannen dicke Tränen des Schmerzes und der Erschöpfung über sein Gesicht. Die Gesch warf schweigend von der Seite dann und wann einen beobachtenden Blick auf ihn. Dann, als er endlich fertig geworden war, fragte sie: «Und wo wollen Sie nu hin? Ihre Frau nimmt Sie nicht wieder auf, das wissen Se doch!»

Er antwortete nicht, er starrte nur vor sich hin.

«Und bei mir können Se auch nicht bleiben. Erstens mal erlaubt’s der Justav nich, und denn mag ich ooch nich allens vor Ihnen abschließen. Wo wollen Se also hin?»

Er antwortete wieder nicht.

Die Gesch sagte hitzig: «Denn setz ich Sie vor die Tür auf die Treppe! Gleich auf der Stelle tu ich das! Oder?»

Er sagte mühsam: «Tutti – alte Freundin … » Und weinte schon wieder.

«Jottedoch, so ʼn Schmachtlappen!», sagte die Gesch verächtlich. «Wenn ich immer gleich schlappmachen wollte, wenn mir mal was schiefgeht! Also Tutti – wie heißt sie denn richtig und wo wohnt sie?»

Nach längerem Fragen und Drohen erfuhr sie, daß Enno Kluge Tuttis eigentlichen Namen nicht wußte, sich aber zutraute, ihre Wohnung zu finden.

«Na also!» sagte die Gesch. «Aber allein können Se so nicht gehen, jeder Schupo nimmt Sie fest. Ich bring Sie. Aber wenn die Wohnung nicht stimmt, laß ich Sie auf der Straße stehen. Ich hab keine Zeit für langes Rumsuchen, ich muß arbeiten!»

Er bettelte: «Erst‘nen Augenblick schlafen!»

Sie entschied nach kurzem Zögern: «Aber nich länger als ʼne Stunde! In einer Stunde nischt wie ab die Post! Da, legen Se sich aufs Kanapee, ich deck Sie zu!»

Sie war noch nicht mit der Decke bei ihm, da war er schon fest eingeschlafen. –

Der alte Kammergerichtsrat Fromm hatte Frau Rosenthal selbst geöffnet. Er hatte sie in sein Arbeitszimmer geführt, dessen Wände völlig mit Büchern bedeckt waren, und sie dort in einem Sessel Platz nehmen lassen. Eine Leselampe brannte, ein Buch lag aufgeschlagen auf dem Tisch. Der alte Herr trug jetzt selbst ein Tablett mit einem Teekännchen und einer Tasse, mit Zucker und zwei dünnen Scheiben Brot herzu und sagte zu der Verängstigten: «Erst frühstücken Sie bitte, Frau Rosenthal, dann reden wir!» Und als sie ihm wenigstens ein Wort des Dankes sagen wollte, meinte er freundlich: «Nein, bitte, wirklich erst frühstücken. Tun Sie ganz so, als seien Sie hier zu Hause, ich tue es ja auch!»

Damit nahm er das Buch unter der Leselampe wieder auf und begann in ihm zu lesen, wobei seine freie linke Hand ganz mechanisch immer wieder von oben nach unten den eisgrauen Kinnbart strich. Er schien seine Besucherin vollkommen vergessen zu haben.

Allmählich kam wieder ein bißchen Zuversicht in die verängstigte alte Jüdin. Seit Monaten hatte sie in Furcht und Unordnung gelebt, zwischen gepackten Sachen, stets gewärtig des brutalsten Überfalls. Seit Monaten kannte sie weder Heim noch Ruhe, noch Frieden, noch Behagen. Und nun saß sie hier bei dem alten Herrn, den sie kaum je zuvor auf der Treppe gesehen; von den Wänden sahen die hell- und dunkelbraunen Lederbände vieler Bücher, ein großer Mahagonischreibtisch am Fenster, Möbel, wie sie sie selbst in der ersten Zeit ihrer Ehe besessen, ein etwas vertretener Zwickauer Teppich auf dem Fußboden. Und dazu dieser lesende alte Herr, der ununterbrochen sein Zikkenbärtlein streichelte, genauso ein Bärtlein, wie es auch viele Juden gerne trugen, und dazu kam noch dieser lange Schlafrock, der ein wenig an den Kaftan ihres Vaters erinnerte.

Es war, als sei wie nach einem Zauberspruch die ganze Welt aus Schmutz, Blut und Tränen versunken, und sie lebe wieder in der Zeit, da sie noch angesehene, geachtete Menschen waren, nicht gehetztes Ungeziefer, das zu vertilgen Pflicht ist.

Unwillkürlich strich sie sich übers Haar, ganz von selbst nahm ihr Gesicht einen andern Ausdruck an. Es gab also doch noch Frieden auf der Welt, sogar hier in Berlin.

«Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Kammergerichtsrat», sagte sie. Selbst ihre Stimme klang anders, fester.

Er sah rasch hoch von seinem Buch. «Trinken Sie bitte Ihren Tee, solange er noch heiß ist, und essen Sie Ihr Brot. Wir haben viel Zeit, wir versäumen nichts.»

Und er las schon wieder. Gehorsam trank sie jetzt den Tee und aß auch das Brot, trotzdem sie viel lieber mit dem alten Herrn gesprochen hätte. Aber sie wollte ihm in allem gehorsam sein, sie wollte den Frieden seiner Wohnung nicht stören. Sie sah sich wieder um. Nein, all dies mußte so bleiben, wie es jetzt war. Sie brachte es nicht in Gefahr. (Drei Jahre später sollte eine Sprengmine dieses Heim in Atome zerreißen, und der gepflegte alte Herr sollte im Keller sterben, langsam und qualvoll … )

Sie sagte, indem sie die leere Tasse auf das Tablett zurückstellte: «Sie sind sehr gütig zu mir, Herr Kammergerichtsrat, und sehr mutig. Aber ich will Sie und Ihr Heim nicht nutzlos in Gefahr bringen. Es hilft doch alles nichts. Ich gehe in meine Wohnung »zurück.»

Der alte Herr hatte sie aufmerksam angesehen, während sie sprach, nun führte er die schon Aufgestandene in ihren Sessel zurück. «Bitte, setzen Sie sich noch einen Augenblick, Frau Rosenthal!»

Sie tat es widerstrebend. «Wirklich, Herr Kammergerichtsrat, es ist mir Ernst mit dem, was ich sage.»

«Hören Sie mich bitte erst an. Auch mir ist es Ernst mit dem, was ich Ihnen sagen werde. Was zuerst die Gefahr anlangt, in die Sie mich bringen, so habe ich mein Lebtag, seit ich im Beruf stehe, in Gefahr geschwebt. Ich habe eine Herrin, der ich zu gehorchen habe, sie regiert mich, Sie, die Welt, selbst die Welt jetzt draußen, und diese Herrin ist die Gerechtigkeit. An sie habe ich immer geglaubt, glaube ich heute noch, die Gerechtigkeit habe ich allein zur Richtschnur meines Handelns gemacht … »

Während er so sprach, ging er leise auf und ab im Zimmer, die Hände auf dem Rücken, stets in Frau Rosenthals Gesichtsfeld bleibend. Die Worte kamen ruhig und leidenschaftslos von seinen Lippen, er sprach von sich wie von einem vergangenen, eigentlich nicht mehr existierenden Mann. Frau Rosenthal folgte gespannt jedem seiner Worte.

«Doch», fuhr der Kammergerichtsrat fort, «ich spreche von mir, statt von Ihnen zu sprechen, eine üble Angewohnheit aller, die sehr einsam leben. Verzeihen Sie, sprechen wir noch ein Wort von der Gefahr. Ich bekam Drohbriefe, zehn Jahre, zwanzig Jahre, dreißig Jahre … Nun, Frau Rosenthal, hier sitze ich, ein alt gewordener Mann, und lese meinen Plutarch. Gefahr bedeutet nichts für mich, sie ängstigt mich nicht, sie beschäftigt nie mein Hirn oder Herz. Reden Sie nicht von Gefahren, Frau Rosenthal … »

«Doch das sind andere Menschen heute», widersprach Frau Rosenthal.

«Wenn ich Ihnen sage, daß diese Drohungen von Verbrechern und ihren Komplicen ausgingen? Nun also!» Er lächelte leicht. «Es sind keine anderen Menschen. Es sind ein bißchen mehr geworden, und die anderen sind ein bißchen feiger geworden, aber die Gerechtigkeit ist dieselbe geblieben, und ich hoffe, wir beide erleben noch ihren Sieg.» Einen Augenblick stand er da, grade aufgerichtet. Dann nahm er seine Wanderung wieder auf. Er sagte leise: «Und der Sieg der Gerechtigkeit wird nicht der Sieg dieses deutschen Volkes sein!»

Er schwieg einen Augenblick, dann begann er wieder leichteren Tons: «Nein, Sie können nicht in Ihre Wohnung zurück. Die Persickes sind heute nacht dort gewesen, diese Parteileute über mir, wissen Sie. Die Wohnungsschlüssel sind in ihrem Besitz, sie werden Ihr Heim jetzt unter ständiger Beobachtung halten. Dort wären Sie wirklich völlig nutzlos in Gefahr.»

«Aber ich muß dort sein, wenn mein Mann zurückkommt!» bat Frau Rosenthal flehend.

«Ihr Mann», sagte der Kammergerichtsrat Fromm freundlich beruhigend, «Ihr Mann kann Sie vorläufig nicht besuchen. Er befindet sich zur Zeit im Untersuchungsgefängnis Moabit unter der Beschuldigung, mehrere Auslandsguthaben verheimlicht zu haben. Er ist also in Sicherheit, solange es gelingt, das Interesse der Staatsanwaltschaft und der Steuerbehörde an diesem Verfahren wachzuhalten.»

Der alte Rat lächelte weise, er sah Frau Rosenthal ermutigend an und nahm dann seine Wanderung wieder auf.

«Aber woher können Sie wissen?» rief Frau Rosenthal aus.

Er machte eine beschwichtigende Handbewegung. Er sagte: «Ein alter Richter hört immer dies und das, auch wenn er nicht mehr im Amte ist. Es wird Sie auch interessieren, daß Ihr Mann einen tüchtigen Anwalt hat und verhältnismäßig anständig versorgt wird. Den Namen und die Adresse des Anwalts sage ich Ihnen nicht, er wünscht keine Besuche in dieser Sache … »

«Aber vielleicht kann ich meinen Mann in Moabit besuchen!» rief Frau Rosenthal aufgeregt aus. «Ich könnte ihm frische Wäsche bringen – wer sorgt denn dort für seine Wäsche? Und Toilettensachen und vielleicht etwas zu essen … »

«Liebe Frau Rosenthal», sagte der Kammergerichtsrat a. D. und legte seine altersfleckige Hand mit den hohen blauen Adern fest auf ihre Schultern. «Sie können Ihren Marin ebensowenig besuchen, wie er Sie besuchen kann. Ein solcher Besuch nützt ihm nichts, denn Sie kommen nicht bis zu ihm, und er schadet nur Ihnen.»

Er sah sie an.

Plötzlich lächelten seine Augen nicht mehr, auch seine Stimme klang streng. Sie begriff, daß dieser kleine, sanfte gütige Mann einem unerbittlichen Gesetz in sich folgte, wohl dieser Gerechtigkeit, von der er gesprochen hatte.

«Frau Rosenthal», sagte er leise, «Sie sind mein Gast – solange Sie die Gesetze der Gastfreundschaft befolgen, von denen ich Ihnen gleich ein paar Worte sagen werde. Dieses ist das erste Gebot der Gastfreundschaft: Sobald Sie eigenmächtig handeln, sobald einmal, ein einziges Mal nur, die Tür dieser Wohnung hinter Ihnen zugeschlagen ist, öffnet sich diese Tür Ihnen nie wieder, ist Ihr und Ihres Mannes Name für immer ausgelöscht hinter dieser Stirn. Sie haben mich verstanden?»

Er berührte leicht seine Stirn, er sah sie durchdringend an.

Sie flüsterte leise ein «Ja».

Erst jetzt nahm er die Hand wieder von ihrer Schulter. Seine vor Ernst dunkel gewordenen Augen würden wieder heller, langsam nahm er seine Wanderung von neuem auf. «Ich bitte Sie», fuhr er leichter fort, «das Zimmer, das ich Ihnen gleich zeigen werde, bei Tage nicht zu verlassen, auch sich dort nicht am Fenster aufzuhalten, Meine Bedienerin ist zwar zuverlässig, aber … » Er brach unmutig ab, er sah jetzt nach dem Buch unter der Leselampe hinüber. Er fuhr fort: «Versuchen Sie es wie ich, die Nacht zum Tage zu machen. Ein Schlafmittel werde ich Ihnen täglich hineinschicken. Mit Essen versorge ich Sie des Nachts. Wenn Sie mir jetzt folgen wollen?»

Sie folgte ihm auf den Korridor hinaus. Sie war jetzt wieder etwas verwirrt und verängstigt, ihr Gastgeber war so völlig verändert. Aber sie sagte sich ganz richtig, daß der alte Herr seine Stille über alles liebte und kaum noch den Umgang mit Menschen gewohnt war. Er war jetzt ihrer müde, er sehnte sich nach seinem Plutarch zurück, wer das immer auch sein mochte.

Der Rat öffnete eine Tür vor ihr, schaltete das Licht ein. «Die Jalousien sind geschlossen», sagte er. «Es ist hier auch verdunkelt, lassen Sie das bitte so, es könnte Sie sonst einer aus dem Hinterhaus sehen. Ich denke, Sie werden hier alles finden, was Sie brauchen.»

Er ließ sie einen Augenblick dies helle, fröhliche Zimmer betrachten mit seinen Birkenholzmöbeln, einem vollbesetzten, hochbeinigen Toilettetischchen und einem Bett, das noch einen «Himmel» aus geblümtem Chintz besaß. Er sah das Zimmer an wie etwas, das er lange nicht gesehen und nun wiedererkannte. Dann sagte er mit tiefem Ernst: «Es ist das Zimmer meiner Tochter. Sie starb im Jahre 1933 – nicht hier, nein, nicht hier. Ängstigen Sie sich nicht!»

Er gab ihr rasch die Hand. «Ich schließe das Zimmer nicht ab, Frau Rosenthal», sagte er, «aber ich bitte Sie, sich jetzt sofort einzuriegeln. Sie haben eine Uhr bei sich? Gut! Um zehn Uhr abends werde ich bei Ihnen klopfen. Gute Nacht!»

Er ging. In der Tür wandte er sich noch einmal um. «Sie werden in den nächsten Tagen sehr allein sein mit sich, Frau Rosenthal. Versuchen Sie, sich daran zu gewöhnen. Alleinsein kann etwas sehr Gutes bedeuten. Und vergessen Sie nicht: Es kommt auf jeden Überlebenden an, auch auf Sie, grade auf Sie! Denken Sie an das Abriegeln!»

Er war so leise gegangen, so leise hatte er die Tür geschlossen, daß sie erst zu spät merkte, sie hatte ihm weder gute Nacht gesagt noch gedankt. Sie ging rasch zur Tür, aber schon während des Gehens besann sie sich. Sie drehte nur den Riegel zu, dann ließ sie sich auf den nächsten Stuhl nieder, ihre Beine zitterten. Aus dem Spiegel des Toilettetischchens schaute sie ein bleiches, von Tränen und Wachen gedunsenes Gesicht an. Sie nickte langsam, trübe diesem Gesicht zu.

Das bist du, Sara, sagte es in ihr. Lore, die jetzt Sara genannt wird. Du bist eine tüchtige Geschäftsfrau gewesen, immer tätig. Du hast fünf Kinder gehabt, eines lebt nun in Dänemark, eines in England, zwei in den USA, und eines liegt hier auf dem jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee. Ich bin nicht böse, wenn sie dich Sara nennen. Aus der Lore ist immer mehr eine Sara geworden; ohne daß sie es wollten, haben sie mich zu einer Tochter meines Volkes gemacht, nur zu seiner Tochter. Er ist ein guter, feiner, alter Herr, aber so fremd, so fremd … Ich könnte nie richtig mit ihm reden, wie ich mit Siegfried gesprochen habe. Ich glaube, er ist kalt. Trotzdem er gütig ist, ist er kalt. Selbst seine Güte ist kalt. Das macht das Gesetz, dem er untertan ist, diese Gerechtigkeit. Ich bin immer nur einem Gesetz untertan gewesen: die Kinder und den Mann liebzuhaben und ihnen vorwärtszuhelfen im Leben. Und nun sitze ich hier bei diesem alten Mann, und alles, was ich bin, ist von mir abgefallen. Das ist das Alleinsein, von dem er sprach. Es ist jetzt noch nicht halb sieben Uhr morgens, und vor zehn Uhr abends werde ich ihn nicht wiedersehen. Fünfzehn und eine halbe Stunde allein mit mir – was werde ich alles erfahren über mich, das ich noch nicht wußte? Mir ist angst, mir ist so sehr angst! Ich glaube, ich werde schreien, noch im Schlafe werde ich schreien vor Angst! Fünfzehn und eine halbe Stunde! Die halbe Stunde hätte er noch bei mir sitzen können. Aber er wollte durchaus in seinem alten Buch lesen. Menschen bedeuten ihm trotz all seiner Güte nichts, ihm bedeutet nur seine Gerechtigkeit etwas. Er tut es, weil sie es von ihm verlangt, nicht um meinetwillen. Es hätte erst Wert für mich, wenn er’s um meinetwillen täte!

Sie nickt diesem gramentstellten Gesicht Saras im Spiegel langsam zu. Sie sieht sich nach dem Bett um. Das Zimmer meiner Tochter. Sie starb 1933. Nicht hier! Nicht hier! schießt es ihr durch den Kopf. Sie schaudert. Wie er es sagte. Sicher ist die Tochter auch durch – die gestorben, aber er wird nie darüber sprechen, und ich werde ihn auch nie zu fragen wagen. Nein, ich kann nicht in diesem Zimmer schlafen, es ist grauenvoll, unmenschlich. Er soll mir die Kammer seiner Bedienerin geben, ein Bett noch warm vom Leib eines wirklichen Menschen, der darin schlief. Ich kann hier nie schlafen. Ich kann hier nur schreien …

Sie tippt die Döschen und die Schächtelchen auf dem Toilettetisch an. Vertrocknete Cremes, krümeliger Puder, grünbelaufene Lippenstifte – und sie ist seit 1933 tot. Sieben Jahre. Ich muß etwas tun. Wie es jagt in mir – das ist die Angst. Jetzt, da ich auf dieser Insel des Friedens angelangt bin, kommt meine Angst hervor. Ich muß, etwas tun. Ich darf nicht so allein sein mit mir.

Sie kramte in ihrer Tasche. Sie fand Papier und Bleistift. Ich werde den Kindern schreiben, Gerda in Kopenhagen, Eva in Ilford, dem Bernhard und dem Stefan in Brooklyn. Aber es hat keinen Sinn, die Post geht nicht mehr, es ist Krieg. Ich werde an Siegfried schreiben, irgendwie schmuggle ich den Brief schon durch nach Moabit. Wenn diese alte Bedienerin wirklich zuverlässig ist. Der Rat braucht nichts zu merken, und ich kann ihr Geld oder Schmuck geben. Ich habe noch genug …

Sie holte auch das aus der Handtasche, sie legte es vor sich hin, das in Pakete gepackte Geld, den Schmuck. Sie nahm ein Armband in die Hand, Das hat mir Siegfried geschenkt, als ich die Eva bekam, Es war meine erste Geburt, ich habe viel aushalten müssen. Wie er gelacht hat, als er das Kind sah! Der Bauch hat ihm gewackelt vor Lachen. Alle mußten lachen, wenn sie das Kind sahen mit seinen schwarzen Ringellöckchen über den ganzen Schädel und seinen Wulstlippen. Ein weißes Negerbaby, sagten sie. Ich fand Eva schön. Damals schenkte er mir das Armband. Es hat sehr viel gekostet; alles Geld, das er in einer Weißen Woche verdient hatte, gab er dafür. Ich war sehr stolz, eine Mutter zu sein. Das Armband bedeutete mir nichts. Jetzt hat Eva schon drei Mädels, und ihre Harriet ist neun. Wie oft sie an mich denken mag, da drüben in Ilford. Aber was sie auch denken mag, sie wird sich nie vorstellen, wie ihre Mutter hier sitzt, in einem Totenzimmer beim Richter Fromm, der nur der Gerechtigkeit gehorcht. Ganz allein mit sich …

Sie legte das Armband hin, sie nahm einen Ring. Sie saß den ganzen Tag vor ihren Sachen, sie murmelte mit sich, sie klammerte sich an ihre Vergangenheit, sie wollte nicht daran denken, wer sie heute war.

Dazwischen kamen Ausbrüche wilder Angst. Einmal war sie schon an der Tür, sie sagte zu sich: Wenn ich nur wüßte, sie quälen einen nicht lange, sie machten es schnell und schmerzlos, ich ginge zu ihnen. Ich ertrage dieses Warten nicht mehr, und wahrscheinlich ist es ganz zwecklos. Eines Tages kriegen sie mich doch. Wieso kommt es auf jeden Überlebenden an, wieso grade auf mich? Die Kinder werden seltener an mich denken, die Enkel gar nicht, Siegfried dort in Moabit wird auch bald sterben. Ich verstehe nicht, was der Kammergerichtsrat damit gemeint hat, ich muß ihn heute abend danach fragen. Aber wahrscheinlich wird er nur lächeln und irgend etwas sagen, mit dem ich gar nichts anfangen kann, weil ich ein richtiger Mensch bin, heute noch, aus Fleisch und Blut, eine alt gewordene Sara.

Sie stützte sich mit der Hand auf den Toilettetisch, sie betrachtete düster ihr Gesicht, das von einem Netz von Fältchen überzogen war. Fältchen, die Sorge, Angst, Haß und Liebe gezogen hatten. Dann kehrte sie zu ihrem Tisch zurück, zu ihren Schmucksachen. Sie zählte, nur um die Zeit hinzubringen, die Scheine immer wieder durch; später versuchte sie, alle Scheine nach Serien und Nummern zu ordnen. Dann und wann schrieb sie auch einen Satz in dem Brief an ihren Mann. Aber es wurde kein Brief, nur ein paar Fragen: Wie er denn untergebracht sei, was er zu essen bekomme, ob sie nicht für seine Wäsche sorgen könne? Kleine, belanglose Fragen. Und: Ihr ging es gut. Sie war in Sicherheit.

Nein, kein Brief, ein sinnloses, unnötiges Geschwätz, dazu auch unwahr. Sie war nicht in Sicherheit. Noch nie hatte sie sich in den letzten grauenvollen Monaten so in Gefahr gefühlt wie in diesem stillen Zimmer. Sie wußte, sie mußte sich hier verändern, sie würde sich nicht entwischen können. Und sie hatte Angst vor dem, was aus ihr werden konnte. Vielleicht mußte sie dann noch Schrecklicheres erleiden und ertragen, sie, die schon ohne ihren Willen aus einer Lore zu einer Sara geworden war.

Später legte sie sich doch auf das Bett, und als ihr Gastgeber um zehn Uhr gegen ihre Tür klopfte, schlief sie so fest, daß sie ihn nicht hörte. Er öffnete die Tür vorsichtig mit einem Schlüssel, der den Riegel zurückschob, und als er die Schlafende sah, nickte er und lächelte. Er holte ein Tablett mit Essen, setzte es auf den Tisch, und als er dabei die Schmucksachen und das Geld beiseite schob, nickte und lächelte er wieder. Leise ging er aus dem Zimmer, drückte den Riegel wieder herum, ließ sie schlafen …

So kam es, daß Frau Rosenthal in den ersten drei Tagen ihrer «Schutzhaft» keinen einzigen Menschen zu sehen bekam. Sie verschlief stets die Nacht, um zu einem schrecklichen, angstgequälten Tag zu erwachen. Am vierten Tage, halb von Sinnen, tat sie dann etwas …

II
Es ist immer noch Mittwoch

Die Gesch hatte es doch nicht über sich gebracht, den kleinen Mann auf ihrem Sofa nach einer Stunde zu wecken. Er sah so bemitleidenswert aus, wie er dalag in seinem Erschöpfungsschlaf, die Flecke auf seinem Gesicht fingen jetzt an, rotblau anzulaufen.

Er hatte die Unterlippe vorgeschoben wie ein trauriges Kind, und manchmal zitterten seine Lider, und seine Brust hob sich in einem schweren Seufzer, als wolle er gleich jetzt in seinem Schlaf losweinen.

Als sie ihr Mittagessen fertig hatte, weckte sie ihn und gab ihm zu essen. Er murmelte etwas wie einen Dank. Er aß wie ein Wolf und warf dabei Blicke auf sie, aber er sprach mit keinem Wort von dem, was geschehen war.

Schließlich sagte sie: «So, mehr kann ich Ihnen nicht geben, sonst bleibt für Gustav nicht genug. Legen Sie sich nur auf das Sofa und schlafen Sie noch ein bißchen. Ich werde dann selbst mit Ihrer Frau … »

Er murmelte wieder etwas, unkenntlich, ob Zustimmung oder Ablehnung. Aber er ging willig zum Sofa, und eine Minute später war er wieder fest eingeschlafen.

Als am späten Nachmittag Frau Gesch die Flurtür der Nachbarin gehen hörte, schlich sie leise hinüber und klopfte. Eva Kluge öffnete sofort, aber sie stellte sich so in die Tür, daß sie den Eintritt verwehrte. «Nun?» fragte sie feindlich.

«Entschuldigen Sie, Frau Kluge», fing die Gesch an, «wenn ich Sie noch mal störe. Aber Ihr Mann liegt drüben bei mir. So ʼn Bulle von der SS hat ihn heute früh angeschleppt, Sie können kaum weg gewesen sein.»

Eva Kluge verharrte in ihrem feindlichen Schweigen, und die Gesch fuhr fort: «Sie haben ihn ganz schön zugerichtet, da ist kein Fleck an ihm, der nich was abgekriegt hat. Ihr Mann mag sein, wie er will, aber so können Sie ihn nicht vor die Tür setzen. Sehen Sie ihn sich bloß mal an, Frau Kluge!»

Sie sagte unbeugsam: «Ich habe keinen Mann mehr, Frau Gesch. Ich hab’s Ihnen gesagt, ich will nichts mehr davon hören.»

Und sie wollte in ihre Wohnung zurück. Die Gesch sagte eifrig: «Seien Sie nicht so eilig, Frau Kluge. Schließlich ist es Ihr Mann. Sie haben Kinder mit ihm gehabt … »

«Darauf bin ich besonders stolz, Frau Gesch, darauf besonders!»

«Man kann auch-unmenschlich sein, Frau Kluge, und was Sie tun wollen, das ist unmenschlich. So kann der Mann nicht auf die Straße.»

«Und war das, was er mit mir all die Jahre getan hat, etwa menschlich? Er hat mich gequält, er hat mir mein ganzes Leben kaputtgemacht, schließlich hat er mir noch meinen Lieblingsjungen weggenommen – und zu so einem soll ich menschlich sein, bloß weil er Dresche von der SS bekommen hat? Ich denke gar nicht daran! Den ändern auch noch so viele Schläge nicht!»

Nach diesen heftig und böse ausgestoßenen Worten zog Frau Kluge der Gesch einfach die Tür vor der Nase zu und schnitt ihr so jedes weitere Wort ab. Sie war einfach nicht fähig, noch weiteres Gerede auszuhalten. Bloß um allem Gerede zu entgehen, hätte sie den Mann womöglich doch noch wieder in die Wohnung aufgenommen und es immer und ewig bereut!

Sie setzte sich auf einen Küchenstuhl, starrte in die bläuliche Gasflamme und dachte an diesen Tag zurück. Seit sie dem Vorsteher des Amtes eröffnet hatte, sie wolle aus der Partei austreten und das sofort, hatte es viel Gerede gegeben. Er hatte sie zunächst von ihrem Bestellgang befreit. Aber heute war sie vernommen worden. Gegen Mittag waren zwei Zivilisten mit Aktentaschen aufgetaucht und hatten sie befragt. Ihr ganzes Leben sollte sie erzählen, von den Eltern, den Geschwistern, ihrer Ehe …

Erst war sie ganz bereitwillig gewesen, froh, dem endlosen Gefrage über die Gründe ihres Austritts zu entgehen. Aber dann, schon als sie von ihrer Ehe berichten sollte, war sie wieder bockbeinig geworden. Nach der Ehe würden die Kinder drankommen und sie würde nicht von Karlemann erzählen können, ohne daß diese gewitzten Füchse merkten, daß da etwas nicht stimmte.

Nein, auch darüber sagte sie nichts aus. Ihre Ehe und ihre Kinder gingen niemanden etwas an.

Aber diese Leute waren zähe. Sie wußten viele Wege. Der eine griff in seine Aktentasche und fing an, in einem Aktenstück zu lesen. Sie hätte gerne gewußt, was er da las: Es konnte doch über sie nicht solch ein Aktenstück bei der Kriminalpolizei geben, denn daß diese Zivilisten irgendwas Polizeiliches waren, das hatte sie unterdes doch gemerkt.

Dann fingen sie wieder an zu fragen, und nun erwies es sich, daß in dem Aktenstück etwas über Enno stehen mußte. Denn nun wurde sie über seine Krankheiten, seine Arbeitsscheu, seine Wettleidenschaft und über seine Weiber ausgefragt. Es fing wieder ganz harmlos an, dann plötzlich sah sie die Gefahr, schloß fest den Mund und sagte nichts mehr. Nein, auch das war privat. Es ging keinen was an. Was sie mit ihrem Mann hatte, das war ihre Sache allein. Übrigens lebte sie getrennt von dem Manne.

Da war sie wieder erwischt. Seit wann sie getrennt von ihm lebe? Wann hatte sie ihn zum letzten Male gesehen? Hing ihr Wunsch nach Austritt aus der Partei etwa mit dem Manne zusammen?

Sie schüttelte nur den Kopf. Aber sie dachte mit Schaudern daran, daß sie sich wahrscheinlich nun den Enno vornehmen würden, und aus dem schlappen Kerl würden sie in einer halben Stunde alles ausgequetscht haben! Dann stand sie mit ihrer Schande, von der bisher sie allein wußte, vor allen nackt und bloß da.

«Privat! Rein privat!»

Die Briefträgerin, die in Gedanken verloren das Zittern und Beben des blauen Gasflämmchens beobachtet hat, fährt zusammen. Sie hat vorhin einen schweren Fehler begangen, sie brauchte dem Enno nur für ein paar Wochen Geld zu geben und die Weisung, sich bei einer seiner Freundinnen zu verstecken.

Sie klingelt bei der Gesch. «Hören Sie, Frau Gesch, ich habe es mir noch mal überlegt, ich möchte wenigstens ein paar Worte mit meinem Manne sprechen!»

Jetzt, wo die andere ihr den Willen tut, wird die Gesch böse. «Das hätten Sie sich eher überlegen müssen. Jetzt ist Ihr Mann fort, schon gute zwanzig Minuten. Nun kommen Sie zu spät!»

«Wo ist er denn hin, Frau Gesch?»

«Wie soll ich das denn wissen? Wo Sie ihn rausgeschmissen haben! Bei eine von seinen Weibern wohl!»

«Wissen Sie nicht, zu welcher? Bitte, sagen Sie es doch, Frau Gesch! Es ist wirklich sehr wichtig.

«Auf einmal!» Und widerwillig setzt die Gesch hinzu: «Er hat was von ʼner Tutti gesagt … »

«Tutti?» fragt sie. «Das soll doch Trude, Gertrud bedeuten … Wissen Sie den andern Namen nicht. Frau Gesch?»

«Er hat ihn ja selber nicht gewußt! Er hat nicht mal genau gewußt, wo sie wohnt, er hat bloß gedacht, er find’t sie. Aber bei dem Zustand, in dem der Mann ist … »

«Vielleicht kommt er noch mal wieder», sagt Frau Kluge nachdenklich. «Dann schicken Sie ihn zu mir. Jedenfalls danke ich Ihnen schön, Frau Gesch. Guten Abend!»

Aber die Gesch grüßt nicht zurück, sie knallt bei sich die Tür zu. Sie hat noch nicht vergessen, wie die andere ihr vorhin die Tür vor der Nase zugemacht hat. Das ist noch lange nicht raus, daß sie den Mann schickt, wenn er wirklich noch mal hier auftaucht. So ʼne Frau soll sich zur rechten Zeit besinnen, nachher ist es manchmal zu spät.

Frau Kluge ist in ihre Küche zurückgekehrt. Es ist seltsam: Obwohl doch das Gespräch eben mit der Gesch ohne Ergebnis geblieben ist, hat es sie erleichtert. Die Dinge müssen eben ihren Lauf nehmen. Sie hat getan, was sie tun konnte, sich sauberzuhalten. Sie hat sich vom Vater wie vom Sohne losgesagt, sie wird sie austilgen aus ihrem Herzen. Sie hat ihren Austritt aus der Partei erklärt. Nun geschieht, was geschehen muß. Sie kann das nicht ändern, auch das Schlimmste kann sie nicht mehr sehr schrecken nach dem, was sie durchgemacht hat.

Es hat sie auch nicht sehr erschrecken können, als die beiden vernehmenden Zivilisten vom nutzlosen Fragen zum Drohen übergegangen sind. Sie wisse doch wohl, daß solch ein Austritt aus der Partei sie ihre Stellung bei der Post kosten könne? Und noch viel mehr: Wenn sie jetzt, unter Verweigerung von Gründen, aus der Partei austreten wolle, so sei sie politisch unzuverlässig, und für solche gebe es so etwas wie ein KZ! Sie habe doch wohl schon davon gehört? Da könne man politisch Unzuverlässige sehr rasch zuverlässig machen, fürs ganze Leben seien die zuverlässig. Sie verstehe doch!

Frau Kluge hatte keine Angst bekommen. Sie ist dabei geblieben, daß privat privat bleibt, und über Privates redet sie nicht. Schließlich hat man sie gehen lassen. Nein, ihr Austritt aus der Partei ist vorläufig nicht angenommen, sie wird noch darüber hören. Aber vom Postdienst ist sie suspendiert. Sie hat sich aber in ihrer Wohnung zur Verfügung zu halten …

Während Eva Kluge den solange vergessenen Suppentopf endlich auf die Gasflamme rückt, beschließt sie plötzlich, auch in diesem Punkte nicht zu gehorchen. Sie wird nicht ewig tatenlos in der Wohnung sitzen und auf die Quälereien der Herren warten. Nein, sie wird morgen früh mit dem Sechs-Uhr-Zug zu ihrer Schwester bei Ruppin fahren. Da kann sie zwei, drei Wochen unangemeldet leben, die füttern sie schon so durch. Die haben da Kuh und Schweine und Kartoffelland. Sie wird arbeiten, im Stall und auf dem Felde arbeiten. Das wird ihr guttun, besser als diese Briefträgerei für ewig: trabtrab!

Ihre Bewegungen sind, seit dem Beschluß, aufs Land zu gehen, frischer geworden. Sie holt einen Handkoffer hervor und fängt an zu packen. Einen Augenblick überlegt sie, ob sie Frau Gesch wenigstens sagen soll, daß sie verreist ist, das Wohin braucht sie ihr ja nicht zu sagen. Aber sie beschließt: nein, sie will lieber nichts sagen. Alles, was sie nun tut, tut sie ganz für sich allein. Sie will keinen Menschen dareinziehen. Sie wird auch der Schwester und dem Schwager nichts sagen. Sie wird jetzt so allein leben wie noch nie. Immer war bisher jemand da, für den sie zu sorgen hatte: die Eltern, der Mann, die Kinder. Nun ist sie allein. Es scheint ihr im Augenblick sehr möglich, daß ihr dieses Alleinsein gut gefallen wird. Vielleicht wird, wenn sie ganz allein mit sich ist, noch etwas aus ihr, jetzt, wo sie endlich Zeit für sich selber hat, das eigene Ich nicht immer über all dem andern vergessen muß.

In dieser Nacht, die Frau Rosenthal mit ihrer Einsamkeit so ängstet, lächelt die Briefträgerin Kluge zum erstenmal wieder im Schlaf. Träumend sieht sie sich auf einem riesigen Kartoffelacker stehen, die Hacke in den Händen. So weit sie sieht, nur Kartoffelland, und sie dazwischen allein: Sie muß das Kartoffelland sauberhacken. Sie lächelt, sie hebt die Hacke, hell klingt ein getroffener Stein, ein Meldenstengel sinkt um, sie hackt weiter und weiter.

12
Enno und Emil nach dem Schock

Der kleine Enno Kluge hat es viel schlechter getroffen als sein «Kumpel» Emil Borkhausen, den nach den Erlebnissen dieser Nacht eine Frau, sie mochte sein, wie sie wollte, doch immerhin in ein Bett gepackt hatte, wenn sie ihn auch sofort danach bestahl. Der schwächliche Rennwetter hat auch viel mehr Schläge bekommen als der lange, knochige Gelegenheitsspitzel. Nein, dem Enno ist besonders übel mitgespielt worden.

Und während er durch die Straßen läuft und angstvoll nach seiner Tutti sucht, ist der Borkhausen aus seinem Bett aufgestanden, hat sich in der Küche was zu essen gesucht und ißt sich finster und nachdenklich satt. Dann findet Borkhausen im Kleiderspind eine Schachtel Zigaretten, er brennt sich eine an, steckt die Schachtel in seine Tasche und sitzt wieder finster grübelnd am Tisch, den Kopf in der Hand.

So findet ihn seine Otti, als sie von ihren Besorgungen zurückkommt. Natürlich sieht sie gleich, daß er sich Essen genommen hat, sie weiß auch, er hat nichts zu rauchen in der Tasche gehabt, als sie ging, und sie entdeckt sofort den Diebstahl aus ihrem Kleiderspind. Sofort bricht sie einen Streit vom Zaun, so verängstigt sie auch ist. «Jawohl, so was liebe ich, einen Kerl, der mir mein Essen frißt und mir meine Zigaretten klaut! Gleich gibst du mir sie wieder, auf der Stelle gibst du mir sie wieder! Oder du bezahlst sie mir! Gib Geld her, Emil!»

Sie wartet gespannt, was er sagen wird, aber sie ist ihrer Sache ziemlich sicher. Die achtundvierzig Mark hat sie schon fast ganz ausgegeben, da kann er wirklich nicht mehr viel machen.

Und sie sieht aus seiner Antwort, so böse sie auch klingt, daß er von dem Gelde wirklich nichts weiß. Sie fühlt sich diesem doofen Kerl von einem Manne weit überlegen, sie hat ihn ausgenommen, und der Affe merkt es nicht mal!

«Halt die Schnauze!» grunzt Borkhausen nur, ohne den Kopf zu erheben. «Und mach, daß du aus der Stube kommst, oder ich schlage dir alle Knochen im Leibe entzwei!»

Sie ruft von der Küchentür her, einfach, weil sie immer das letzte Wort haben muß und weil sie sich ihm so überlegen fühlt (obwohl sie jetzt Angst vor ihm hat): «Sieh du lieber selbst, daß dir die SS deine Knochen nicht ganz zerschlägt! Weit biste nicht mehr davon ab!»

Damit geht sie in die Küche und läßt ihren Ärger über diese Verbannung an den Gören aus.

Der Mann aber sitzt in der Stube und grübelt. Er weiß nur wenig von dem, was in der Nacht geschah, aber das wenige, das er weiß, das reicht ihm. Und er denkt daran, daß da oben die Wohnung der Rosenthal liegt, die jetzt wohl von den Persickes ausgeräumt ist, und er hätte sich nehmen können, noch und noch! Durch seine eigene Dußligkeit hat er das verbockt!

Nein, der Enno ist daran schuld gewesen, der Enno hat mit dem Schnaps angefangen, der Enno ist von allem Anfang an besoffen gewesen. Ohne den Enno hätte er jetzt einen Haufen Zeugs, Wäsche und Kleider; dunkel erinnert er sich auch an einen Radioapparat. Wenn er den Enno jetzt hier hätte, würde er ihm alle Knochen im Leibe zerschlagen, diesem feigen Schwächling, der ihm die ganze Sache vermasselt hat!

Aber einen Augenblick später zuckt Borkhausen schön wieder die Achseln. Wer ist denn schließlich dieser Enno? ʼne feige Wanze, die davon lebt, daß sie den Weibern Blut abzapft! Nein, wer richtig schuld ist, das ist dieser Baldur Persicke! Dieser Bengel, dieser Schuljunge von einem HJ-Führer hat von Anfang an vorgehabt, ihn reinzulegen! Das war alles vorbereitet, um einen Schuldigen zu haben und sich selbst die Beute ungestraft aneignen zu können! Das hat sich diese Giftschlange mit den funkelnden Brillengläsern fein ausgedacht! Ihn so reinzulegen, dieser verdammte Rotzjunge!

Borkhausen versteht es nicht so ganz, warum er nun eigentlich doch nicht in einer Zelle auf dem Alex, sondern in seiner Stube sitzt. Da muß denen was dazwischengekommen sein. Ganz dunkel erinnert er sich an zwei Gestalten, aber wer das war und wieso, das hat er damals schon in seiner halben Betäubung nicht erfaßt, und jetzt weiß er es erst recht nicht.

Aber das eine weiß er: dies verzeiht er dem Baldur Persicke nie. Der mag noch so sehr hochkriechen auf der Leiter der Parteigunst, der Borkhausen paßt auf. Der Borkhausen kann warten. Der Borkhausen vergißt nichts. So ʼn Bengel – eines Tages wird er ihn doch rankriegen, und dann liegt der im Dreck! Aber er soll schlimmer drinliegen als der Borkhausen, und er soll nie wieder daraus aufstehen. Einen Kumpel verraten? Nein, das wird nie verziehen und vergessen! Die schönen Sachen in der Rosenthalschen Wohnung, Koffer und Kisten und Radio, das hätte er alles haben können!

Und weiter grübelt Borkhausen, immer dasselbe, und dazwischen holt er sich heimlich den silbernen Handspiegel der Otti, letzte Erinnerung an einen großzügigen Freier, und betrachtet und befühlt sein Gesicht.

Auch der kleine Enno Kluge hat unterdes in dem Spiegel eines Modewarengeschäftes entdeckt, wie sein Gesicht aussieht. Das hat ihn nur noch mehr verängstigt und ganz kopflos gemacht. Er wagt keinen Menschen anzusehen, aber er hat das Gefühl, alle sehen ihn an. Er drückt sich in den Nebenstraßen herum, seine Suche nach Tutti wird immer hirnverbrannter, er weiß nicht mehr, wo sie etwa gewohnt hat, er weiß aber auch nicht mehr, wo er jetzt grade ist. Aber er geht in jeden dunklen Torgang und sieht in den Hinterhöfen an den Fenstern hoch. Tutti … Tutti …

Es wird jetzt rasch immer dunkler, vor der Nacht muß er noch Quartier gefunden haben, sonst nimmt ihn die Polizei fest, und wenn die sehen, in welchem Zustand er ist, dann machen sie Hackfleisch aus ihm, bis er alles eingestanden hat. Und wenn er das von den Persickes gesteht, und er quatscht es ja doch aus in seiner Angst, dann schlagen ihn die Persickes tot.

Er läuft ziellos immer weiter, immer weiter …

Schließlich kann er nicht mehr. Er setzt sich auf eine Bank und hockt da nun, einfach nicht imstande, weiterzugehen und sich etwas auszudenken. Schließlich fängt er ganz mechanisch an, seine Taschen nach etwas Rauchbarem abzusuchen – eine Zigarette würde ihn wieder ein bißchen in Gang bringen.

Er findet in seinen Taschen keine Zigarette, aber er findet etwas, das er bestimmt nicht erwartet hat, nämlich Geld. Sechsundvierzig Mark findet er. Die Frau Gesch hätte es ihm schon vor Stunden sagen können, daß er Geld in der Tasche hat, sie hätte den kleinen, verängstigten Mann auf seiner Suche nach einer Bleibe ein wenig sicherer gemacht. Aber die Gesch hat natürlich nicht verraten wollen, daß sie seine Taschen, während er schlief, durchsucht hat. Die Gesch ist eine anständige Frau, sie hat das Geld – wenn auch erst nach kurzem Kampf – zurückgesteckt. Hätte sie es bei ihrem Gustav gefunden – sie hätte es ohne weiteres an sich genommen, aber bei einem fremden Mann, nein, so eine war sie nun doch nicht! Natürlich hat sich die Gesch von den neunundvierzig Mark, die sie gefunden hat, drei Mark abgenommen. Aber das war nicht geklaut, das war ihr gutes Recht für das Essen, das sie dem Kluge gegeben hat. Sie hätte ihm das Essen auch ohne Geld gegeben, aber wie kommt sie dazu, einem fremden Mann, der Geld hat, umsonst Essen zu geben? So ist sie nun auch wieder nicht.

Jedenfalls stärken die sechsundvierzig Mark den verschüchterten Enno Kluge ungemein, er weiß doch nun, er kann sich immer ein Logis für die Nacht nehmen. Auch sein Gedächtnis fängt wieder an zu funktionieren. Zwar an die Wohnung der Tutti erinnert er sich noch immer nicht, aber ihm ist plötzlich eingefallen, daß er sie in einem kleinen Café kennengelernt hat, wo sie oft verkehrt. Vielleicht wissen die dort ihre Wohnung.

Er steht auf, er läuft wieder los. Er orientiert sich, wo er eigentlich ist, und als er eine Elektrische sieht, die ihn nahe an sein Ziel bringen kann, wagt er sich sogar auf die dunkle Vorderplattform des ersten Wagens. Dort ist es so dunkel und voll, daß keiner groß auf sein Gesicht achten wird. Dann geht er in das Café. Nein, er will nichts verzehren, er geht sofort an das Büfett und fragt das Fräulein dort, ob sie wohl weiß, wo die Tutti ist, ob die Tutti hier wohl noch verkehrt?

Das Fräulein fragt mit scharfer, schriller Stimme, die im ganzen Lokal zu hören ist, welche Tutti er wohl meint? Es gäb ʼne Menge Tuttis in Berlin!

Der schüchterne kleine Mann antwortet verlegen: «Ach, nur die Tutti, die hier immer verkehrt hat! So eine dunkelhaarige, ein bißchen dick … »

Ach, die Tutti meine er! Nee, von der Tutti wollten sie hier nichts mehr wissen! Die sollte nicht wagen und sich hier noch mal sehen lassen! Von der wollten sie kein Wort mehr hören!

Und damit wendet sich das Fräulein empört von Enno ab. Kluge murmelt ein paar Worte der Entschuldigung und macht, daß er wieder aus dem Café herauskommt. Er steht noch ratlos, was er nun tun soll, auf der nächtlichen Straße, als ein anderer Herr aus dem Café kommt, ein älterer Mann, ziemlich abgerissen, kommt es Enno vor. Dieser Mann geht zögernd auf Enno zu, dann gibt er sich einen Ruck, zieht den Hut und fragt, ob er nicht der Herr sei, der eben im Café nach einer gewissen Tutti gefragt hat?

«Vielleicht», antwortet Enno Kluge vorsichtig. Warum er denn frage?

«Ach, nur so. Ich kann Ihnen eventuell sagen, wo sie wohnt. Ich kann Sie auch bis an ihre Wohnung bringen, nur müßten Sie mir auch einen Gefallen tun!»

«Was denn für einen Gefallen?» fragt Enno noch vorsichtiger. «Ich weiß nicht, was für einen Gefallen ich Ihnen tun kann. Ich kenn Sie gar nicht.»

«Ach, gehen wir doch schon ein Ende!» ruft der ältliche Herr. «Nein, es ist kein Umweg, wenn wir hier langgehen. Die Sache ist nämlich die und der Umstand der, daß die Tutti noch einen Koffer mit Sachen von mir hat. Vielleicht können Sie mir den Koffer morgen früh schnell mal rausreichen, wenn die Tutti schläft oder auf Besorgungen aus ist?»

Der ältliche Mann scheint für sicher anzunehmen, daß Enno bei der Tutti über Nacht bleiben wird.

«Nein», sagt Enno. «Das tu ich nicht. Auf solche Sachen lasse ich mich nicht ein. Tut mir leid.»

«Aber ich kann Ihnen genau sagen, was in dem Koffer ist. Es ist wirklich mein Koffer!»

«Warum fragen Sie dann die Tutti nicht selbst darum?»

«Na, wenn Sie so reden», sagt der ältliche Herr gekränkt, «dann kennen Sie die Tutti nicht. Das ist doch ein Weib, das müßten Sie doch wissen! Die hat Haare auf den Zähnen, i wo, keine Haare, Igelborsten hat sie drauf! Die beißt und spuckt wie ein Pavian – und darum wird sie ja auch so genannt!»

Und während der ältliche Herr diese liebenswürdige Schilderung von der Tutti entwirft, fällt dem Enno Kluge mit Schrecken ein, daß die Tutti wirklich so ist und daß er das letzte Mal mit ihrem Portemonnaie und mit ihren Lebensmittelkarten verschwunden ist. Die beißt und spuckt wirklich wie ein Pavian, wenn sie in Wut ist, und wahrscheinlich wird sie diese Wut sofort an Enno auslassen, wenn er jetzt ankommt. Alles, was er sich von einem Nachtquartier bei ihr eingebildet hat, ist eben nur Einbildung …

Und plötzlich beschließt Enno Kluge ganz aus dem Handgelenk heraus, von dieser Minute an anders zu leben, keine Weibergeschichten mehr, keine kleinen Stibitzereien mehr, auch keine Rennwetten mehr. Er hat sechsundvierzig Mark in der Tasche, davon kann er bis zum nächsten Lohntag leben. Morgen gönnt er sich noch einen Schontag, so zerschlagen wie er ist, und übermorgen fängt er richtig wieder mit der Arbeit an. Die werden schon merken, was sie an ihm haben, die werden ihn nicht wieder an die Front schicken. Er kann wirklich nicht nach alledem, was er in den letzten vierundzwanzig Stunden erlebt hat, solch einen Paviansempfang bei der Tutti riskieren.

«Ja», sagt Enno Kluge nachdenklich zu dem ältlichen Herrn. «Das stimmt: so ist die Tutti. Und weil sie so ist, habe ich mich eben entschlossen, nicht zu der Tutti zu gehen. Ich werde drüben in dem kleinen Hotel da übernachten. Gute Nacht, Herr … Tut mir leid, aber … »

Und damit geht er vorsichtig mit seinen zerschundenen Knochen und erbettelt sich doch wirklich trotz seines zerschundenen Aussehens und seines völligen Mangels an Gepäck von dem abgerissenen Hausdiener ein Bett zu drei Mark. Er kriecht in dem engen, übelriechenden Loch in das Bett, dessen Wäsche schon vielen vor ihm gedient hat; er streckt sich aus, er sagt zu sich: Von jetzt an will ich ganz anders leben. Ich bin ein gemeines Aas gewesen, besonders zu Eva, aber von dieser Minute an werde ich anders. Ich habe die Dresche zu Recht bezogen, aber von nun an will ich auch anders sein …

Er liegt ganz still in dem schmalen Bett, die Hände gewissermaßen an der Hosennaht, und starrt gegen die Decke. Er zittert vor Kälte, vor Erschöpfung, vor Schmerzen. Aber er spürt das gar nicht. Er denkt daran, was für ein geachteter und beliebter Arbeiter er früher mal war, und jetzt ist er nur ein schäbiger kleiner Kerl, vor dem alle ausspucken. Nein, bei ihm haben die Schläge geholfen, nun wird alles anders. Und während er sich dieses Anderssein ausn alt, schläft er ein.

Um diese Zeit schlafen auch alle Persickes, es schlafen Frau Gesch und Frau Kluge, es schläft das Ehepaar Borkhausen – er hat der Otti wortlos erlaubt, zu ihm ins Bett zu kriechen.

Es schläft geängstigt, schwer atmend, Frau Rosenthal. Auch die kleine Trudel Baumann schläft. Sie hat am Nachmittag einem ihrer Verschworenen zuflüstern können, daß sie unbedingt etwas mitteilen müsse und daß sie sich alle am nächsten Abend im Elysium treffen müssen, möglichst unauffällig. Sie hat ein wenig Angst, weil sie nun ihre Schwatzhaftigkeit gestehen muß, aber jetzt ist sie doch eingeschlafen.

Frau Anna Quangel liegt im Dunkeln im Bett, während ihr Mann wie immer um diese Nachtzeit in seiner Werkstatt steht und aufmerksam jeden Arbeitsgang verfolgt. Sie haben ihn nicht zur technischen Leitung wegen Verbesserung der Fabrikation gerufen. Um so besser!

Anna Quangel, die im Bett liegt, aber noch nicht schlafen kann, hält noch immer ihren Mann für völlig kalt und herzlos. Wie er die Nachricht von Ottochens Tode aufnahm, wie er die arme Trudel und die Frau Rosenthal aus der Wohnung gesetzt hat: kalt, herzlos, immer nur an sich denkend. Sie wird ihm nie wieder so gut sein können wie früher, als sie dachte, er hätte wenigstens für sie was über. Das hat sie nun gesehen. Nur beleidigt über das vorschnell herausgefahrene Wort «Du und dein Führer», nur gekränkt. Nun wird sie ihn nicht so leicht noch einmal kränken, nicht so leicht wird sie wieder mit ihm zu reden anfangen. Heute haben sie nicht ein Wort miteinander gewechselt, nicht einmal guten Tag haben sie sich gesagt.

Der Kammergerichtsrat a. D. Fromm wacht noch, wie immer ist er in der Nacht wach. Er schreibt mit seiner kleinen gestochenen Schrift einen Brief, in dem die Anrede lautet: «Hochverehrter Herr Reichsanwalt … »

Unter der Leselampe erwartet ihn aufgeschlagen sein Plutarch.

13
Siegestanz im Elysium

Der Saal im Elysium, dem großen Tanzlokal im Norden Berlins, bot an diesem Freitagabend ein Bild, das die Augen jedes Normaldeutschen erfreuen mußte: Uniformen über Uniformen. Es war nicht so sehr die Wehrmacht, deren Grau oder Grün den kräftigen Untergrund zu diesem farbenfrohen Bilde abgab, es waren in viel stärkerem Maße die Uniformen der Partei und ihrer Gliederungen, die mit Braun, Hellbraun, Goldbraun, Dunkelbraun und mit Schwarz das Bild so bunt machten. Da sah man neben den Braunhemden der SA die viel helleren Hemden der HJ, die Organisation Todt war ebenso vertreten wie der Reichsarbeitsdienst, man sah die mehr gelben Uniformen der Sonderführer, die Goldfasanen genannt wurden, man sah Politische Leiter neben Luftschutzwarten. Und nicht etwa nur die Männer waren so herzerfreuend kostümiert, auch viele junge Mädchen trugen Uniform, der BDM, der Arbeitsdienst, die Organisation Todt, sie alle schienen ihre Führerinnen, Unterführerinnen und Geführten hierhergesandt zu haben.

Die wenigen Zivilisten verloren sich vollständig in diesem Gewimmel, sie waren bedeutungslos, langweilig unter diesen Uniformen, wie ja auch das zivile Volk draußen auf den Straßen und in den Fabriken nie eine Bedeutung der Partei gegenüber erlangt hatte. Die Partei war alles und das Volk nichts.

So wurde auch ein Tisch am Rande des Saales fast gar nicht beachtet, an dem ein Mädchen und drei junge Männer saßen. Keine von den vier Personen trug eine Uniform, nicht einmal ein Parteiabzeichen war zu sehen.

Ein Paar, das junge Mädchen und ein junger Mann, war zuerst gekommen; später hatte ein anderer junger Mann um die Erlaubnis gebeten, sich heransetzen zu dürfen, und schließlich hatte noch ein vierter Zivilist um die gleiche Erlaubnis nachgesucht. Das junge Paar hatte auch einmal den Versuch gemacht, in dem Gewühl zu tanzen. In dieser Zeit waren die beiden andern Männer in ein Gespräch miteinander gekommen, in ein Gespräch, an dem sich das zerdrückt und erhitzt zurückkommende Paar auch gelegentlich beteiligte.

Einer der Männer, anfangs der Dreißiger, mit hoher Stirn und schon spärlichem Haarwuchs, hatte sich weit mit seinem Stuhl zurückgelehnt und eine Weile schweigend das Gewühl auf der Tanzfläche und die Nebentische gemustert. Nun sagte er, wobei er die andern kaum ansah: «Ein schlecht gewählter Versammlungsort. Wir sind fast der einzige nur mit Zivil besetzte Tisch hier im Saal. Wir fallen auf.»

Der Kavalier des jungen Mädchens sagte lächelnd zu diesem, seine Worte waren aber für den Mann mit der hohen Stirn bestimmt: «Im Gegenteil, Grigoleit, wir werden überhaupt nicht beachtet, höchstens verachtet. Die Herrschaften denken nur daran, daß ihnen dieser sogenannte Sieg über Frankreich für ein paar Wochen Tanzerlaubnis gebracht hat.»

«Keine Namen! Unter keinen Umständen!» sagte der Mann mit der hohen Stirn scharf.

Einen Augenblick schwiegen alle. Das Mädchen malte mit dem Zeigefinger etwas auf den Tisch, es sah nicht auf, obwohl es fühlte, daß alle es ansahen.

«Jedenfalls, Trudel», sagte der dritte Mann mit dem Unschuldsgesicht eines großgewordenen Säuglings, «ist jetzt der richtige Augenblick für deine Mitteilung. Was gibt’s? Die Nebentische sind fast unbesetzt, alles tanzt. Los!»

Das Schweigen der beiden anderen Männer konnte nur Zustimmung bedeuten. Trudel Baumann sagte stockend, ohne hochzusehen: «Ich habe, glaube ich, einen Fehler begangen. Jedenfalls habe ich mein Wort nicht gehalten. In meinen Augen ist es freilich kein Fehler … »

«Oh, hör auf!» rief der Mann mit der hohen Stirn verächtlich. «Willst du jetzt auch in die Gewohnheiten der Gänse verfallen? Schnattere nicht, sage geradeheraus, was ist!»

Das Mädchen sah hoch. Es sah langsam einen nach dem andern die drei Männer an, die sie, wie es ihr schien, mit grausamer Kälte anblickten. In ihren Augen standen zwei Tränen, Sie wollte sprechen, sie konnte es nicht. Sie suchte nach ihrem Taschentuch …

Der mit der hohen Stirn lehnte sich zurück. Er ließ einen leisen, gedehnten Pfiff ertönen. «Sie soll nicht schnattern? Sie hat ja schon geschnattert! Seht sie bloß an!»

Der Kavalier an Trudels Seite widersprach rasch: «Unmöglich! Die Trudel ist goldecht. Sage ihnen, daß du nicht geschwatzt hast, Trudel!» Und er drückte ihr aufmunternd die Hand.

Der Säugling richtete seine runden, sehr blauen Augen abwartend, fast ausdruckslos auf das Mädchen. Der Lange mit der hohen Stirn lächelte verächtlich. Er drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus und sagte höhnisch: «Nun, mein Fräulein?»

Trudel hatte sich gefaßt, sie flüsterte mutig: «Doch, er hat recht. Ich habe geschwatzt. Mein Schwiegervater brachte mir die Nachricht vom Tode meines Otto. Das hat mich irgendwie umgeworfen. Ich habe ihm gesagt, daß ich in einer Zelle arbeite.»

«Namen genannt?» Niemand hätte geahnt, daß der harmlose Säugling so scharf fragen könnte.

«Natürlich nicht. Ich habe überhaupt nichts weiter gesagt. Und mein Schwiegervater ist ein alter Arbeiter, der wird nie ein Wort sagen.»

«Dein Schwiegervater ist ein anderes Kapitel, du bist das erste! Du sagst, du hast keine Namen genannt … »

«Und du wirst mir das glauben, Grigoleit! Ich lüge nicht. Ich habe freiwillig gestanden.»

«Sie haben eben schon wieder einen Namen genannt, Fräulein Baumann!»

Der Säugling sagte: «Aber seht ihr denn nicht ein, daß es ganz egal ist, ob sie jetzt Namen genannt hat oder nicht? Sie hat gesagt, daß sie in einer Zelle arbeitet, sie hat einmal geschnattert, sie wird wieder schnattern. Legen die bewußten Herren ihre Hand auf sie, quälen sie sie ein bißchen, so wird sie reden, gleichgültig, wieviel sie bisher verraten hat.»

«Ich werde nie zu denen reden, und wenn ich sterben müßte!» rief Trudel mit flammenden Wangen.

«Oh!» sagte der Hochstirnige. «Sterben ist sehr einfach, Fräulein Baumann, aber manchmal kommen vor dem Sterben noch recht unangenehme Dinge!»

«Ihr seid unbarmherzig», sagte das junge Mädchen. «Ich habe einen Fehler begangen, aber … »

«Ich finde auch», ließ sich der auf dem Sofa neben ihr vernehmen. «Wir werden uns Ihren Schwiegervater ansehen, und wenn er verläßlich ist … »

«Unter den Händen von denen gibt’s keine Verläßlichkeit», sagte Grigoleit.

«Trudel», sagte der Säugling sanft lächelnd, «Trudel, du sagtest eben, du hättest noch keine Namen genannt?»

«Ich habe es auch nicht getan!»

«Und du hast behauptet, du wärest zum Sterben bereit, ehe du so was tätest?»

«Ja! Ja! Ja!» rief sie leidenschaftlich.

«Nun», sagte der Säugling und lächelte gewinnend, «nun, Trudel, wie wäre es, wenn du heute abend noch stürbest, ehe du weitergeplappert hast? Das würde uns eine gewisse Sicherheit geben und eine Masse Arbeit ersparen … »

Eine Totenstille entstand zwischen den vieren. Das Gesicht des Mädchens war kalkig weiß. Ihr Kavalier sagte einmal «Nein» und legte seine Hand leicht auf die ihre. Aber er nahm sie gleich wieder fort.

Dann kamen die Tanzenden zurück an ihre Tische und machten für den Augenblick eine Fortsetzung dieser Unterhaltung unmöglich.

Der mit der hohen Stirn brannte sich wieder eine Zigarette an, der Säugling lächelte unmerklich, als er sah, wie dem andern die Hand zitterte. Dann sagte er zu dem Dunklen neben dem schweigenden, bleichen Mädchen: «Sie sagen nein. Aber warum eigentlich? Es ist eine fast befriedigende Lösung der Aufgabe und eine Lösung, die, soviel ich verstanden habe, von Ihrer Nachbarin selbst vorgeschlagen wurde.»

«Die Lösung ist unbefriedigend», sagte der Dunkle langsam. «Es wird schon zuviel gestorben. Wir sind nicht dafür da, daß die Zahl der Toten sich erhöht.»

«Ich hoffe», sagte der Hochstirnige, «Sie denken an diesen Satz, wenn der Volksgerichtshof Sie und mich und diese da … »

«Still!» sagte der Säugling. «Gehen Sie doch einen Augenblick tanzen. Das scheint ein sehr netter Tanz. Sie können sich unterdes besprechen, und wir beide besprechen uns hier … »

Widerstrebend war der junge Dunkle aufgestanden und hatte seiner Dame eine leichte Verbeugung gemacht. Widerstrebend hatte sie die Hand auf seinen Arm gelegt, bleich gingen sie beide im Strom der andern zur Tanzfläche. Sie tanzten ernst, schweigend, ihm war es, als tanze er mit einer Toten. Ihn schauderte es. Die Uniformen um ihn, die Hakenkreuzbinden, die blutroten Fahnen an den Wänden mit dem verhaßten Zeichen, das mit Grün geschmückte Führerbild, die rhythmischen Geräusche des Swings: «Du wirst es nicht tun, Trudel», sagte er. «Er ist wahnsinnig, so etwas zu verlangen. Versprich mir … »

Sie bewegten sich fast auf der Stelle in dem immer dichter werdenden Gewühl. Vielleicht weil sie in ständiger Berührung mit anderen Paaren waren, vielleicht sprach sie darum nicht.

«Trudel!» bat er noch einmal. «Versprich es mir! Du kannst ja in einen andern Betrieb gehen, dort arbeiten, damit du denen aus den Augen bist. Versprich mir … »

Er versuchte sie dazu zu bringen, daß sie ihn ansah, aber ihre Augen sahen hartnäckig über seine Schulter fort.

«Du bist die Beste von uns», sagte er plötzlich. «Du bist die Menschlichkeit, er ist bloß das Dogma. Du mußt weiterleben, gib ihm nicht nach!»

Sie schüttelte den Kopf, mochte es nun ein Ja oder ein Nein bedeuten. «Ich möchte zurück», sagte sie. «Ich mag nicht mehr tanzen.»

«Trudel», sagte Karl Hergesell hastig, als sie sich aus den Tanzenden gelöst hatten, «dein Otto ist erst gestern gestorben, erst gestern hast du die Nachricht bekommen. Es ist zu früh. Aber du weißt es ja auch so, ich habe dich immer geliebt. Ich habe nie etwas von dir erwartet, aber nun erwarte ich, daß du wenigstens lebst. Nicht für mich, nein, daß du lebst!»

Aber wieder bewegte sie nur den Kopf, wieder blieb es ungewiß, was sie zu seiner Liebe, was sie zu seinem Wunsche, sie am Leben zu sehen, meinte. Sie waren am Tisch der andern angelangt. «Nun?» fragte Grigoleit_mit der hohen Stirn. «Wie tanzt es sich? Ein bißchen voll, wie?»

Das Mädchen hatte sich nicht wieder gesetzt. Es sagte: «Ich gehe dann jetzt. Macht’s gut. Ich hätte gerne mit euch gearbeitet … »

Sie wandte sich zum Gehen.

Jetzt aber war dieser dicke, harmlose Säugling der erste hinter ihr, er faßte sie am Handgelenk, er sagte: «Einen Augenblick noch, bitte!» Er sagte es vollkommen höflich, aber sein Blick drohte.

Sie kehrten an den Tisch zurück. Sie setzten sich wieder. Der Säugling fragte: «Ich verstehe doch recht, Trudel, was dein Abschied eben bedeutete?»

«Du hast vollkommen recht verständen», sagte das Mädchen und sah ihn mit harten Augen an.

«So bitte ich dich, daß du mir erlaubst, dich für den Rest des Abends zu begleiten.»

Sie machte eine Bewegung entsetzter Abwehr.

Er sagte sehr höflich: «Ich will mich nicht aufdrängen, aber ich gebe zu bedenken, daß bei der Ausführung eines solchen Vorhabens wiederum Fehler begangen werden können.» Er flüsterte drohend: «Es liegt mir nichts daran, daß irgendein Idiot dich aus dem Wasser fischt oder daß du morgen als gerettete Giftselbstmörderin in einem Krankenhaus liegst. Ich will dabeisein!»

«Richtig!» sagte der Hochstirnige. «Ich stimme zu. Das gibt die einzige Gewähr … »

«Ich werde», sagte nachdrücklich der Dunkle, «heute und morgen und jeden folgenden Tag an ihrer Seite sein. Ich werde alles tun, um die Ausführung dieses Vorhabens zu vereiteln. Ich werde Hilfe herbeiholen, wenn ihr mich zwingt, selbst von der Polizei!»

Der Hochstirnige pfiff wieder, lang, gedehnt, leise und böse.

Der Säugling sagte: «Aha, jetzt haben wir schon den zweiten Plapperer am Tisch. Verliebt, was? Ich dachte mir so was schon immer. Kommen Sie, Grigoleit, die Zelle ist aufgelöst. Es gibt keine Zelle mehr. Und das nennt ihr Disziplin, ihr Weiberherzen!»

«Nein, nein!» rief das Mädchen. «Hören Sie nicht auf ihn! Es ist wahr, er liebt mich. Aber ich liebe ihn nicht. Ich will heute abend mit euch gehen … »

«Nichts!» sagte der Säugling jetzt wirklich zornig. «Seht ihr denn nicht, daß ihr gar nichts mehr tun könnt, da er … » Er machte eine Kopfbewegung zu dem Dunklen hin. «Ach was!» sagte er dann kurz. «Es ist ausgespielt! Komm, Grigoleit!»

Der Hochstirnige stand schon. Gemeinsam wandten sie sich dem Ausgang zu. Plötzlich aber lag eine Hand auf dem Arm des Säuglings. Er sah in das glatte, ein wenig gedunsene Gesicht eines braun Uniformierten.

«Einen Augenblick, bitte! Was haben Sie da eben gesagt von der Auflösung der Zelle? Es würde mich doch sehr interessieren … »

Der Säugling riß brutal seinen Arm frei. «Lassen Sie mich zufrieden!» sagte er sehr laut. «Wenn Sie wissen wollen, was wir geredet haben, fragen Sie die junge Dame dort! Gestern ist ihr Verlobter erst gefallen, heute hat sie schon wieder einen andern auf dem Korn! Verdammter Weiberkram!»

Er hatte immer mehr dem Ausgang zugedrängt, den Grigoleit schon erreicht hatte. Jetzt ging auch er hinaus. Der Fette sah ihm einen Augenblick nach. Dann wandte er sich dem Tisch zu, an dem das Mädchen und der Dunkle noch immer mit blassen Gesichtern saßen. Das beruhigte ihn. Vielleicht habe ich doch keinen Fehler begangen, als ich ihn laufenließ. Er hat mich überrumpelt. Aber …

Er sagte höflich: «Gestatten Sie, daß ich mich einen Augenblick zu Ihnen setze und ein paar Fragen stelle?»

Trudel Baumann antwortete: «Ich kann Ihnen nichts anderes sagen, als was der Herr eben erzählt hat. Ich habe gestern die Nachricht vom Tode meines Verlobten bekommen, und heute möchte dieser Herr sich mit mir verloben.»

Ihre Stimme klang fest und sicher. Jetzt, wo die Gefahr an ihrem Tisch saß, waren Angst und Unruhe verflogen.

«Würden Sie etwas dagegen haben, den Namen Ihres gefallenen Verlobten zu nennen? Und seine Formation?» Sie tat es. «Und nun Ihr Name? Ihre Adresse? Ihre Arbeitsstelle? Haben Sie vielleicht irgendeinen Ausweis bei sich? Ich danke! Und nun Sie, mein Herr.»

«Ich arbeite in demselben Betrieb. Ich heiße Karl Hergesell. Hier mein Arbeitsbuch.»

«Und die beiden anderen Herren?»

«Wir kennen sie gar nicht. Sie haben sich an unsern Tisch gesetzt und plötzlich in unsern Streit gemischt.»

«Und warum stritten Sie?»

«Ich will ihn nicht.»

«Warum war dann dieser Herr so empört über Sie, wenn Sie ihn nicht wollen?»

«Was weiß ich? Vielleicht glaubte er meinen Worten nicht. Es ärgerte ihn auch, daß ich mit ihm tanzte.»

«Na schön!» sagte der Gedunsene, klappte das Notizbuch zu und sah dabei von einem zum andern. Sie sahen wirklich eher verstrittenen Liebenden als ertappten Verbrechern ähnlich. Schon die Art, wie sie ängstlich vermieden, einander anzusehen … Und dabei lagen ihre Hände fast berührungsnah auf der Tischplatte. «Na schön. Ihre Angaben werden natürlich nachgeprüft werden, aber ich denke doch … Jedenfalls noch eine bessere Fortsetzung dieses Abends … »

«Nicht ich!» sagte das junge Mädchen. «Nicht ich!» Sie stand gleichzeitig mit dem andern auf. «Ich gehe nach Haus.»

«Ich bringe dich.»

«Nein, danke, ich gehe lieber allein.»

«Trudel!» bat er. «Laß mich doch noch zwei Worte mit dir reden!»

Die Uniform sah lächelnd von einem zum andern. Sie waren wirklich Verliebte. Eine flüchtige Nachprüfung der Angaben würde genügen.

Plötzlich hatte sie sich entschlossen: «Nun gut, aber nur zwei Minuten!»

Sie gingen. Endlich waren sie aus diesem entsetzlichen Saal, aus dieser Atmosphäre von Gegensätzlichkeit und Haß heraus. Sie sahen sich um.

«Sie sind fort.»

«Wir werden sie nicht wiedersehen.»

«Und du kannst leben. Nein, jetzt mußt du leben, Trudel! Ein unüberlegter Schritt von dir würde die andern in Gefahr bringen, viele andere – denke immer daran, Trudel!»

«Ja», sagte sie, «jetzt muß ich leben.» Und mit einem raschen Entschluß: «Lebe wohl, Karl!»

Einen Augenblick lehnte sie an seiner Brust, ihr Mund streifte den seinen. Ehe er sich noch entschlossen hatte, lief sie schräg über die Fahrbahn auf eine haltende Elektrische zu. Der Wagen fuhr an.

Er machte eine Bewegung, als wollte er ihr nachlaufen. Aber er besann sich.

Ich werde sie dann und wann im Betrieb sehen, dachte er. Ein ganzes Leben liegt vor uns. Ich habe Zeit. Jetzt weiß ich doch, daß sie mich liebt.

14
Sonnabend: Unruhe bei Quangels

Auch den ganzen Freitag hatten die Eheleute Quangel kein Wort miteinander gesprochen – drei Tage Schweigen unter ihnen, nicht einmal Bieten der Tageszeiten, das war in ihrer ganzen Ehe noch nicht vorgekommen. So wortkarg Quangel auch gewesen war, er hatte doch hin und wieder einen Satz gesprochen, etwas über einen Arbeiter in der Werkstatt oder wenigstens über das Wetter, oder daß ihm heute das Essen besonders gut geschmeckt habe. Und nun nichts!

Anna Quangel spürte es je länger je stärker, daß die tiefe Trauer, die sie um den verlorenen Sohn empfand, sich zu zerstreuen anfing vor der Unruhe über den so veränderten Mann. Sie wollte nur an den Jungen denken; aber sie konnte es nicht mehr, wenn sie diesen Mann beobachtete, ihren langjährigen Ehemann Otto Quangel, immerhin den Mann, dem sie die meisten und besten Jahre ihres Lebens gewidmet hatte. Was war in diesen Mann gefahren? Was war los mit ihm? Was hatte ihn so verändert?

Am Freitag um die Mittagszeit war bei Anna Quangel aller Zorn und aller Vorwurf gegen Otto vergangen. Hätte sie sich den geringsten Erfolg davon versprochen, so hätte sie ihn wegen ihres vorschnellen Wortes «Du und dein Führer» um Verzeihung gebeten. Aber es war klar zu sehen, daß Quangel nicht mehr an diesen Vorwurf dachte, ja, anscheinend dachte er auch nicht mehr an sie. Er sah an ihr vorbei, er sah durch sie hindurch, er stand am Fenster, die Hände in den Taschen seines Arbeitsrocks und pfiff langsam, nachdenklich, mit großen Pausen dazwischen, vor sich hin, was er sonst nie getan hatte.

An was dachte der Mann? Was machte ihn innerlich so erregt? Sie setzte ihm das. Essen auf den Tisch, er fing an zu löffeln. Einen Augenblick beobachtete sie ihn so von der Küche aus. Sein scharfes Gesicht war über den Teller geneigt, aber den Löffel führte er ganz mechanisch zum Munde, seine dunklen Augen blickten auf etwas, das nicht da war.

Sie wandte sich in die Küche zurück, einen Rest Kohl zu wärmen. Gewärmten Kohl aß er gerne. Sie war nun fest entschlossen, ihn gleich jetzt ânzusprechen, wenn sie mit dem Kohl hereinkam. Er mochte ihr noch so scharf antworten, sie mußte dieses unheilvolle Schweigen brechen.

Aber als sie mit dem gewärmten Kohl wieder in die Stube kam, war Otto gegangen, der Teller stand halb leer gegessen auf dem Tisch. Entweder hatte Quangel ihre Absicht gemerkt und sich fottgeschlichen wie ein Kind, das weiter trotzen will, oder er hatte über dem, das ihn innerlich so unruhig machte, das Weiteressen einfach vergessen. Jedenfalls war er fort, und sie müßte bis in die Nacht auf ihn warten.

Aber in der Nacht vom Freitag zum Sonnabend kam Otto so spät von der Arbeit, daß sie trotz all ihrer guten Vorsätze schon eingeschlafen wär, als er sich ins Bett legte. Sie wachte erst später auf von seinem Husten; sie fragte behutsam: «Otto, schläfst du schon?»

Der Husten hörte auf, er lag ganz still. Noch einmal fragte sie: «Otto, schläfst du schon?»

Und nichts, keine Antwort. So lagen sie beide sehr lange still. Jeder wußte von dem andern, er schlief noch nicht. Sie wagten nicht, ihre Stellung zu ändern, um sich nicht zu verraten. Endlich schliefen sie beide ein.

Der Sonnabend ließ sich noch schlimmer an. Otto Quangel war ungewohnt früh aufgestanden. Ehe sie ihm noch seinen Muckefuck auf den Tisch setzen konnte, war er schon wieder fortgelaufen zu einem jener hastigen, unbegreiflichen Gänge, die er früher nie unternommen hatte. Er kam zurück, von der Küche her hörte sie ihn in der Stube auf und ab gehen. Als sie mit dem Kaffee hereinkam, faltete er sorgfältig ein großes weißes Blatt, in dem er am Fenster gelesen, zusammen und steckte es ein.

Anna war sicher, daß es keine Zeitung gewesen war. Es war zuviel Weiß auf dem Blatt, und die Schrift war größer als in einer Zeitung gewesen. Was konnte der Mann gelesen haben?

Sie ärgerte sich wieder über ihn, seine Heimlichtuerei, all dies Verändertsein, das so viel Unruhe und neue Sorgen brachte, zu all den alten hinzu, die doch schon gereicht hatten. Trotzdem sagte sie: «Kaffee, Otto!»

Bei dem Klang ihrer Stimme wendete er sein Gesicht und sah sie an, ganz als sei er verwundert, daß er nicht allein sei in dieser Wohnung, verwundert, wer da mit ihm sprach. Er sah sie an, und er sah sie doch wieder nicht an. Es war nicht seine Ehegefährtin Anna Quangel, die er so ansah, sondern jemand, den er einmal gekannt hatte und dessen er sich mühsam erinnern mußte. Ein Lächeln lag auf seinem Gesicht, in den Augen; über die ganze Fläche des Gesichts war dieses Lächeln ausgebreitet, wie sie es noch nie bei ihm gesehen hatte. Sie war im Begriff zu rufen: Otto, ach Otto, geh doch nun nicht auch du von mir!

Aber ehe sie sich noch recht entschlossen hatte, war er an ihr vorübergegangen und aus der Wohnung fort. Wiederum ohne Kaffee, wieder mußte sie ihn zum Wärmen in die Küche tragen. Sie schluchzte leise dabei: Was für ein Mann! Sollte ihr denn gar nichts bleiben? Nach dem Sohne auch der Vater verloren?

Quangel ging unterdes eilig auf die Prenzlauer Allee zu. Ihm war eingefallen, daß er sich besser vorher solch ein Haus einmal ansah, ob seine Idee von einem solchen Hause auch richtig war? Sonst mußte er sich was anderes ausdenken.

In der Prenzlauer Allee ging er langsamer, sein Auge streifte die Schilder an den Haustüren, als suchten sie etwas Bestimmtes. An einem Eckhaus sah er die Schilder von zwei Rechtsanwälten und einem Arzt neben vielen Geschäftsschildern.

Er drückte gegen die Haustür. Sie öffnete sich sofort. Richtig: kein Portier in solch einem viel begangenen Hause. Er stieg langsam, die Hand auf dem Geländer, die Stufen der Treppe empor, eine ehemals «hochherrschaftliche» Treppe mit Eichenparkett, von der aber viel Benutzung und Krieg jede Spur des Hochherrschaftlichen genommen hatten. Jetzt sah sie nur schmierig und abgetreten aus, die Läufer waren schon längst verschwunden, wahrscheinlich bei Kriegsausbruch eingezogen.

Otto Quangel passierte ein Anwaltsschild im Hochparterre, er nickte, langsam stieg er weiter. Es war nicht so, daß er etwa allein dies Treppenhaus benutzt hätte, nein, immerzu eilten Leute an ihm vorüber, ihm entgegenkommend oder ihn überholend. Immer hörte er Klingeln gehen, Türen schlagen, Telefone läuten, Schreibmaschinen klappern, Stimmen sprechen.

Aber dazwischen kam immer wieder ein Augenblick, da Otto Quangel das Treppenhaus ganz für sich allein hatte, oder doch seinen Treppenabschnitt für sich allein, wo alles Leben sich in die Büroräume zurückgezogen zu haben schien. Das wäre dann der richtige Augenblick gewesen, es zu tun. Es war überhaupt alles richtig, genau wie er es sich gedacht hatte. Eilige Menschen, die einander nicht ins Gesicht sahen, schmutzige Fensterscheiben, durch die nur ein graues Tageslicht sickerte, kein Portier, überhaupt niemand, der an dem andern Interesse nahm.

Als Otto Quangel im ersten Stockwerk das Schild des zweiten Anwalts gelesen hatte und durch eine deutende Hand dahin belehrt worden war, der Arzt wohne noch eine Treppe höher, nickte er zustimmend. Er machte kehrt, er kam eben gerade vom Anwalt, er ging aus dem Haus. Unnötig, sich dort weiter umzusehen, genau das Haus, wie er es brauchte, und von solchen Häusern gab es Tausende in Berlin.

Der Werkmeister Otto Quangel steht wieder auf der Straße. Ein dunkler junger Mann mit sehr weißer Gesichtshaut tritt auf ihn zu.

«Herr Quangel, nicht wahr?» fragt er. «Herr Otto Quangel aus der Jablonskistraße, nicht wahr?»

Quangel knurrt ein abwartendes «Nu?», ein Laut, der beides, Zustimmung wie Ablehnung, bedeuten kann.

Der junge Mann nimmt ihn für Zustimmung. «Ich soll Sie von der Trudel Baumann bitten», sagt er, «daß Sie sie ganz vergessen. Ihre Frau möchte die Trudel auch nicht mehr besuchen. Es ist nicht nötig, Herr Quangel, daß … »

«Bestellen Sie», sagt Otto Quangel, «daß ich keine Trudel Baumann kenne und nicht angequatscht zu werden wünsche … »

Seine Faust trifft den jungen Mann direkt an der Kinnspitze, der sackt zusammen wie ein nasser Lappen. Quangel geht achtlos durch die Leute, die zusammenzulaufen beginnen, hindurch, direkt an einem Schupo vorbei, auf die Haltestelle der Elektrischen zu. Die Bahn kommt, er steigt ein, fährt zwei Haltestellen weit. Dann fährt er in der Gegenrichtung zurück, diesmal auf der Vorderplattform des Anhängers. Es ist, wie er gedacht: der größte Teil der Menschen hat sich in der Zwischenzeit verlaufen, zehn, zwölf Neugierige stehen noch vor einem Café, in das man den Angeschlagenen wohl geschafft hat.

Er ist schon wieder bei Besinnung. Zum zweitenmal innerhalb zweier Stunden hat Karl Hergesell sich einer amtlichen Person gegenüber auszuweisen.

«Es war wirklich nichts, Herr Wachtmeister», versicherte er. «Ich habe ihn wohl unachtsam auf den Fuß getreten, und er schlug gleich zu. Keine Ahnung, wer das war, ich hatte meine Entschuldigung noch nicht raus, da schlug er schon zu.»

Wieder darf Karl Hergesell unangefochten gehen, kein Verdacht besteht gegen ihn. Aber er ist sich klar darüber, daß er sein Glück so nicht weiter auf die Probe stellen darf. Er ist zu diesem Ex-Schwiegervater Otto Quangel auch nur deswegen gegangen, um wegen Trudels Sicherheit klarzusehen. Nun, was diesen Otto Quangel angeht, so darf er wohl unbesorgt sein. Ein harter Vogel das, und ein böser dazu. Und gewiß kein geschwätziger, trotz seines großen Schnabelhakens. Diese Art, wie er rasch und böse zuschlug!

Und weil ein solcher Mensch vielleicht plappern konnte, war die Trudel beinahe in den Tod gehetzt worden. Der plapperte nie – auch vor denen nicht! Und um Trudel würde er sich auch kaum kümmern, er schien von der Trudel nicht mehr viel wissen zu wollen. Was solch ein rascher Kinnhaken einem doch manchmal für Aufklärung bringen kann!

Karl Hergesell geht nun völlig unbesorgt in die Fabrik, und als er dort durch vorsichtige Umfrage erfährt, daß Grigoleit und der Säugling in den Sack gehauen haben, atmet er auf. Nun ist alles sicher. Es gibt keine Zelle mehr, aber er bedauert das nicht einmal sehr. Dafür wird Trudel leben!

Im Grunde hat er sich nie so sehr für die politische Arbeit interessiert, dafür um so mehr für die Trudel!

Quangel fährt auf der Elektrischen wieder seiner Wohnung zu, aber als er aussteigen müßte, fährt er an der Jablonskistraße vorüber. Sicher ist sicher, falls wirklich noch ein Verfolger an seinen Hacken hängt, will er sich mit ihm allein auseinandersetzen, ihn nicht in die Wohnung ziehen. Anna ist jetzt nicht in der richtigen Verfassung, mit einer unangenehmen Überraschung fertig zu werden. Er muß erst mit ihr reden. Gewiß, er wird das tun, Anna spielt eine große Rolle bei dem, was er vorhat. Aber erst muß er anderes erledigen.

Quangel, hat sich entschlossen, heute vor der Arbeit überhaupt nicht mehr nach Haus zu kommen. Er wird eben auf Kaffee und Mittagessen verzichten Anna wird ein bißchen unruhig sein, aber sie wird schon warten und nichts Voreiliges tun. Er muß heute was erledigen. Morgen ist Sonntag, da muß alles da sein.

Er steigt wieder um und fährt in die Stadt hinein. Nein, wegen dieses jungen Menschen eben, dem er so rasch mit einem Faustschlag den Mund gestopft hat, macht sich Quangel keine großen Sorgen. Er glaubt auch nicht so recht an weitere Verfolger, er glaubt vielmehr daran, daß dieser Mann wirklich von der Trudel kam. Sie hat ja schon so was angedeutet, sie müsse gestehen, daß sie ihren Schwur gebrochen habe. Daraufhin haben die ihr natürlich allen Umgang mit ihm verboten, und sie hat diesen jungen Burschen als Boten abgesandt. All das ganz ungefährlich. Die reine Kinderei das, wirklich Kinder, die sich in ein Spiel eingelassen haben, von dem sie nicht das geringste verstehen. Er, Otto Quangel, versteht ein wenig mehr davon. Er weiß, in was er sich da einlassen wird. Aber er wird dieses Spiel nicht wie ein Kind spielen, er wird sich jede Karte überlegen.

Er sieht die Trudel wieder vor sich, wie sie da in diesem zugigen Gang gegen das Plakat des Volksgerichtshofes lehnte – ahnungslos. Er empfindet wieder dieses unruhige Gefühl, als der Kopf des Mädchens von der Überschrift «Im Namen des deutschen Volkes» gekrönt war, er liest wieder statt der fremden die eigenen Namen – nein, nein, dies ist eine Sache für ihn allein. Und für Anna, für die Anna natürlich auch. Er wird ihr schon zeigen, wer «sein» Führer ist!

In der Innenstadt angekommen, erledigt Quangel erst einige Einkäufe. Er kauft nur für Pfennigbeträge, ein paar Postkarten, einen Federhalter, ein paar Stahlfedern, ein Fläschchen Tinte. Und auch diese Einkäufe verteilt er noch auf ein Warenhaus, eine Woolworth-Niederlage und auf ein Schreibwarengeschäft. Schließlich, nach langem Überlegen, ersteht er noch ein Paar ganz einfache, dünne Stoffhandschuhe, die er ohne Bezugschein bekommt.

Dann sitzt er in einem dieser großen Bierrestaurants am Alexanderplatz, er trinkt ein Glas Bier, er bekommt auch noch markenfrei zu essen. Wir schreiben 1940, die Ausplünderung der überfallenen Völker hat begonnen, das deutsche Volk hat keine großen Entbehrungen zu tragen. Eigentlich ist noch fast alles zu haben, und noch nicht einmal übermäßig teuer.

Und was den Krieg selbst angeht, so wird er in fremden Ländern fern von Berlin ausgetragen. Ja, es erscheinen schon dann und wann englische Flugzeuge über der Stadt. Dann fallen ein paar Bomben, und die Bevölkerung macht am nächsten Tage lange Wanderungen, um die Zerstörungen zu besichtigen. Die meisten lachen dann und sagen: «Wenn die uns so erledigen wollen, brauchen sie hundert Jahre dazu, und dann ist noch immer nicht viel davon zu merken. Unterdes radieren wir ihre Städte vom Erdboden weg!»

So reden die Leute, und seit jetzt Frankreich um Waffenstillstand bat, hat sich die Zahl derer, die so reden, stark vergrößert. Die meisten Menschen laufen dem Erfolg nach. Ein Mann wie Otto Quangel, der mitten im Erfolg aus der Reihe tritt, ist eine Ausnahme.

Er sitzt da. Er hat noch Zeit, noch muß er nicht in die Fabrik. Aber jetzt ist die Unruhe der letzten Tage von ihm gefallen. Seit er dieses Haus besichtigt, seit er diese paar kleinen Einkäufe erledigt hat, ist alles entschieden. Er braucht nicht einmal mehr groß nachzudenken über das, was er noch zu tun hat. Das tut sich jetzt von allein, der Weg liegt klar vor ihm. Er braucht ihn nur weiterzugehen, die ersten entscheidenden Schritte in ihn hinein sind schon getan.

Dann, als seine Zeit gekommen ist, zahlt er und macht sich auf den Weg in die Fabrik. Obwohl es ein weiter Weg ist vom Alexanderplatz aus, geht er ihn zu Fuß. Er hat heute schon genug Geld ausgegeben, für Fahrerei, für die Einkäufe, das Essen. Genug? Viel zuviel! Trotzdem Quangel sich jetzt für ein ganz anderes Leben entschlossen hat, wird er an den bisherigen Gewohnheiten nichts ändern. Er wird weiter sparsam bleiben und sich die Menschen vom Leibe halten.

Schließlich steht er wieder in seiner Werkstatt, aufmerksam und wach, wortlos und abweisend, ganz wie immer. Ihm ist nichts anzusehen von dem, was in ihm vorgegangen ist.

15
Enno Kluge arbeitet wieder

Als Otto Quangel seine Arbeit in der Tischlerwerkstatt begann, stand Enno Kluge schon seit sechs Stunden an einer Drehbank. Ja, es hat den kleinen Mann nicht mehr in seinem Bett gelitten, trotz seiner Schwäche und seiner Schmerzen ist er in die Fabrik gefahren. Der Empfang dort war freilich nicht sehr freundlich, aber das war kaum anders zu erwarten.

«Na, bist du auch mal wieder bei uns zu Besuch, Enno?» hatte ihn der Meister gefragt. «Wie lange willste denn diesmal wieder mitmachen, eine oder zwei Wochen?»

«Ich bin jetzt wieder ganz gesund, Meister», versicherte Enno Kluge eifrig. «Ich kann wieder arbeiten, und ich werd auch arbeiten, das sollst du schon sehen!»

«Na, na!» meinte der Meister ziemlich ungläubig und wollte wieder gehen. Aber er blieb noch einmal stehen, betrachtete nachdenklich Ennos Gesicht und fragte: «Und was haste denn mit deiner Visage gemacht, Enno? Ein bißchen in die Heißmangel gekommen, was?»

Enno hat den Kopf auf sein Werkstück gesenkt, er sieht den Meister auch nicht an, als er schließlich antwortet: «Jawohl, Meister, durch die Mangel gedreht … »

Der Meister bleibt nachdenklich vor ihm stehen und betrachtet ihn immer weiter. Schließlich glaubt er sich einen Vers auf die Sache machen zu können und sagt: «Na, vielleicht hat’s wirklich geholfen, vielleicht hast du nun wirklich Trieb zur Arbeit, Enno!»

Damit ging der Meister, und Enno Kluge war froh, daß die Schläge so verstanden worden waren. Sollte der nur ruhig denken, er war wegen seiner Arbeitsscheu so abgerollt worden, um so besser! Darüber wollte er mit keinem reden. Und wenn sie hier so dachten, würden sie ihn mit allen Fragen verschonen. Sie würden höchstens hinter seinem Rücken über ihn lachen, und das sollten sie ruhig, das war ihm egal. Er wollte jetzt arbeiten, wundern sollten sich die über ihn!

Bescheiden lächelnd und doch nicht ohne Stolz ließ sich Enno Kluge für die freiwillige Sonntagsschicht aufschreiben. Ein paar ältere Arbeitskollegen, die ihn noch von früher her kannten, machten spöttische Bemerkungen. Er lachte einfach mit und sah es gerne, daß auch der Meister grinste.

Übrigens hatte ihm die irrtümliche Annahme des Meisters, er habe die Schläge wegen seiner Arbeitsscheu bezogen, sicher auch bei der Direktion genützt. Dorthin war er gleich nach der Mittagspause gerufen worden. Wie ein Angeklagter stand er dort, und daß von seinen Richtern einer in Wehrmachtsuniform, einer in SA-Uniform steckte, während nur einer Zivil trug, freilich auch mit dem Hoheitszeichen geschmückt, das erhöhte noch seine Angst.

Der Wehrmachtsoffizier blätterte in einem Aktenstück und hielt Enno Kluge mit einer ebenso gleichgültigen wie angeekelten Stimme seine Sünden vor. Den und den Tag von der Wehrmacht zur Rüstungsindustrie entlassen, dann und dann erst Meldung in dem zugewiesenen Betrieb, elf Tage gearbeitet, krank geschrieben wegen Magenblutungen, drei Ärzte, zwei Krankenhäuser in Anspruch genommen. Dann und dann arbeitsfähig gesund geschrieben, fünf Tage gearbeitet, drei Tage blau gemacht, einen Tag gearbeitet, wieder Magenblutungen usw.

Der Wehrmachtsoffizier legte das Aktenstück weg, er sah angeekelt den Kluge an, das heißt, er richtete seinen Blick etwa auf den obersten Knopf von Ennos Jackett und sagte mit erhobener Stimme: «Was denkst du dir eigentlich, du Schwein?» Plötzlich schrie er, aber man sah es ihm an, daß er ganz gewohnheitsmäßig schrie, ohne jede innere Erregung. «Denkst du, du kannst hier einen einzigen mit deinen dußligen Magenblutungen an der Nase rumführen? Ich werde dich zu einer Strafkompanie schicken, da werden sie dir deine stinkenden Gedärme aus dem Leibe reißen, da sollst du lernen, was Magenblutungen sind!»

So schrie der Offizier noch eine ganze Weile. Enno war das vom Militär her gewohnt, es konnte ihn nicht besonders schrecken. Er hörte sich diese Strafpredigt an, die Hände vorschriftsmäßig an die Naht seiner Zivilhose gelegt, das Auge aufmerksam auf den Scheltenden geheftet. Mußte der Offizier einmal Luft holen, so sagte Enno im vorgeschriebenen Ton, klar und deutlich, aber weder demütig noch frech, sondern sachlich: «Jawohl, Herr Oberleutnant! Zu Befehl, Herr Oberleutnant!» An einer Stelle gelang es ihm sogar, freilich ohne jede sichtbare Wirkung, den Satz einzuschieben: «Melde mich gehorsamst gesund, Herr Oberleutnant! Melde gehorsamst, werde arbeiten!»

Ebenso plötzlich, wie er mit dem Schreien begonnen hatte, hörte der Offizier wieder damit auf. Er machte den Mund zu, nahm den Blick von dem obersten Rockknopf Kluges und richtete ihn auf seinen Nachbar in Braun. «Sonst noch was?» fragte er angeekelt.

Jawohl, auch dieser Herr hätte noch etwas zu sagen oder vielmehr zu schreien – alle diese Herren Vorgesetzten schienen ja nur mit ihren Leuten schreien zu können. Dieser schrie von Volksverrat und Arbeitssabotage, vom Führer, der keine Verräter in den eigenen Reihen duldete, und von den KZs, wo ihm schon sein Recht werden solle.

«Und wie kommst du zu uns?» schrie der Braune plötzlich. «Wie haste dich zugerichtet, du Schwein, du? Mit solcher Fresse kommst du zur Arbeit? Bei den Weibern haste rumgehurt, du Hurenbock! Da läßte deine Kraft, und wir dürfen dich hier bezahlen! Wo biste gewesen, wo haste dich so zugerichtet, du elender Zuhälter, du?»

«Mich haben sie durch die Rolle gedreht», sagte Enno, verschüchtert unter dem Blick des andern.

«Wer, wer hat dich so zugerichtet, ich will’s wissen!» schrie das Braunhemd. Und er fuchtelte mit der Faust unter der Nase des andern und stampfte mit dem Fuß auf.

Hier war der Augenblick gekommen, wo jeder eigene Gedanke den Schädel Enno Kluges verließ. Unter der Bedrohung mit neuen Schlägen entliefen ihm Vorsatz wie Vorsicht, er flüsterte angstvoll: «Melde gehorsamst, die SS hat mich so zugerichtet.»

In der sinnlosen Angst dieses Mannes lag etwas so Überzeugendes, daß die drei Männer am Tisch ihm sofort Glauben schenkten. Ein verständnisvolles, billigendes Lächeln trat auf ihre Gesichter. Der Braune schrie hoch: «Zugerichtet nennst du das? Gezüchtigt heißt das, zu Recht bestraft! Wie heißt das?»

«Melde gehorsamst, es heißt: zu Recht bestraft!»

«Na, ich hoffe, du wirst es dir merken, Das nächste Mal kommst du nicht so billig weg! Abtreten!»

Noch eine halbe Stunde danach zitterte Enno Kluge so stark, daß er seine Arbeit an der Drehbank nicht verrichten konnte. Er drückte sich auf dem Abtritt herum, wo ihn der Meister schließlich aufstöberte und scheltend an die Arbeit jagte. Der Meister stellte sich dann daneben und sah schimpfend zu, wie Enno Kluge ein Werkstück nach dem andern verdarb. In dem Kopf des kleinen Kerls drehte sich noch alles: vom Meister beschimpft, von den Arbeitskollegen verspottet, von Konzentrationslager und Strafkompanie bedroht, vermochte er nichts mehr klar zu sehen. Die sonst so geschickten Hände verweigerten ihm den Dienst. Er konnte nicht, und doch mußte er, sonst war er ganz verloren.

Schließlich sah es selbst der Meister ein, daß hier nicht übler Wille und Arbeitsscheu vorlagen. «Wenn du nicht gerade krank gewesen wärst, würde ich sagen, leg dich erst ein paar Tage ins Bett und kurier dich gesund.» Mit diesen Worten verließ ihn der Meister. Und er setzte hinzu: «Aber du weißt ja wohl, was dir dann passiert!»

Ja, er wußte es. Er machte immer weiter, versuchte, nicht an die Schmerzen, an den unerträglichen Druck in seinem Kopf zu denken. Eine Weile zog ihn das sich schimmernd drehende Eisen magisch an. Er brauchte nur den Finger dazwischen zu halten, und er hatte Rühe, kam in ein Bett, konnte liegen, ausruhen, schlafen, vergessen! Aber gleich dachte er wieder daran, daß mit dem Tode bestraft wird, wer sich mutwillig selbst verstümmelt, und die Hand zuckte zurück …

Und so war es: Tod in der Strafkompanie, Tod in einem KZ, Tod auf einem Gefängnishof, das waren die Dinge, die ihn täglich bedrohten, die er von sich abwenden mußte. Und er hatte so wenig Kraft …

Irgendwie ging dieser Nachmittag hin, irgendwie war er kurz nach fünf auch im Strome der Heimkehrenden. Er hatte sich so nach Ruhe und Schlaf gesehnt; als er dann aber in seinem engen Hotelzimmerchen stand, brachte er es nicht über sich, ins Bett zu gehen. Er lief wieder los, er kaufte sich ein wenig Essen ein.

Und wieder im Zimmer, die Eßwaren auf dem Tisch vor sich, das Bett neben sich – aber er konnte hier einfach nicht bleiben. Er war wie gehetzt, es litt ihn nicht in diesem Zimmer. Er mußte sich noch ein bißchen Waschzeug kaufen, auch sehen, daß er bei einem Trödler eine blaue Bluse kaufen konnte.

Lief wieder los, und als er in einer Drogerie stand, fiel ihm ein, daß er noch einen ganz schweren Handkoffer mit all seinen Besitztümern bei der Lotte zu stehen hatte, deren auf Urlaub kommender Mann ihn so roh hinausgeworfen hatte. Er rannte aus der Drogerie, er stieg auf eine Elektrische; er riskierte es: er fuhr einfach zu ihr. Er konnte doch nicht alle seine Sachen preisgeben! Vor einer Wucht Prügel graute es ihn, aber es trieb ihn, er mußte zur Lotte.

Und er hatte Glück, er fand die Lotte zu Haus, der Mann war nicht da. «Deine Sachen, Enno?» fragte sie. «Ich habe sie gleich in den Keller gesetzt, damit er sie nicht findet. Warte, ich hole den Schlüssel!»

Aber er hielt sie umfaßt, er lehnte den Kopf gegen ihre starke Brust. Die Anstrengungen der letzten Wochen waren zuviel für ihn gewesen, er weinte einfach los.

«Ach, Lotte, Lotte, ich halt es ohne dich nicht aus! Ich hab solche Sehnsucht nach dir!»

Sein ganzer Körper bebte vor Schluchzen. Sie war ordentlich erschrocken. Sie war den Umgang mit Männern gewohnt, auch den mit flennenden, aber dann waren sie betrunken, und dieser hier war nüchtern … Und dann dieses Gerede von Sehnsucht nach ihr und nicht ohne sie auskommen, das war Ewigkeiten her, daß jemand so was zu ihr gesagt hatte! Wenn es überhaupt je jemand zu ihr gesagt hatte!

Sie beruhigte ihn, so gut sie konnte. «Er bleibt ja nur drei Wochen auf Urlaub, dann kannste wieder bei mir, Enno! Nimm dich jetzt zusammen, hol deine Sachen, eh er kommt. Du weißt doch!»

Oh, wie er wußte, wie genau er wußte, was alles ihn bedrohte!

Sie setzte ihn noch in seine Elektrische; half ihm mit dem Handkoffer.

Enno Kluge fuhr in sein Hotel, doch ein wenig erleichtert. Nur noch drei Wochen, von denen vier Tage schon rum waren. Dann ging der wieder an die Front, und er konnte sich in sein Bett legen! Enno hatte gedacht, er hielte es ganz ohne Weiber aus, aber das ging nicht, er konnte es einfach nicht. Er würde bis dahin auch noch einmal nach der Tutti sehen; er sah doch jetzt, wenn man ihnen nur was vorweinte, dann waren sie gar nicht so schlimm. Dann halfen sie einem gleich!Er konnte vielleicht die drei Wochen bei der Tutti bleiben, das einsame Hotelzimmer war zu schlimm.

Aber trotz der Weiber würde er arbeiten, arbeiten, arbeiten! Er würde keine Zicken machen, er nicht, nie wieder! Er war geheilt!

16
Das Ende der Frau Rosenthal

Am Sonntagmorgen wachte Frau Rosenthal mit einem Schreckensschrei aus tiefem Schlaf auf. Sie hatte wieder etwas Grausiges von dem geträumt, was sie jetzt fast in jeder Nacht heimsuchte: sie war mit Siegfried auf der Flucht. Sie versteckten sich, die Verfolger gingen an ihnen vorüber, wobei sie die so schlecht Versteckten aus den Augenwinkeln zu verhöhnen schienen.

Plötzlich fing Siegfried an zu laufen, sie hinter ihm drein. Sie könnte nicht so schnell laufen wie er. Sie rief: «Nicht so schnell, Siegfried! Ich komme nicht mit! Laß mich nicht allein!»

Er hob sich von der Erde, er flog. Flog erst ein wenig über dem Pflaster, dann hob er sich immer höher, nun entschwand er über den Dächern, Sie stand allein auf der Greifswalder Straße. Ihre Tränen liefen. Eine große, riechende Hand legte sich erdrückend vor ihr Gesicht, eine Stimme flüsterte an ihrem Ohr: «Olle Judensau, hab ich dich endlich?»

Sie starrte nach der Verdunkelung vor den Fenstern, an den Spalten sickerte Tageslicht hinein, Die Schrecken der Nacht entwichen vor denen des Tages, der ihr bevorstand. Es war schön wieder Tag! Wieder hatte sie den Kammergerichtsrat verschlafen, den einzigen Menschen, mit dem sie sprechen konnte! Sie hatte sich fest vorgenommen, wach zu bleiben, und nun war sie doch wieder eingeschlafen! Wieder einen Tag allein, zwölf Stunden, fünfzehn Stunden! Oh, sie hielt das nicht mehr aus! Die Wände dieses Zimmers stürzten über ihr zusammen, immer das gleiche bleiche Gesicht im Spiegel, stets wieder dasselbe Geld zählen – nein, so ging es nicht weiter. Das Schlimmste war nicht so schlimm wie dieses tatenlose Eingesperrtsein.

Hastig kleidet sich Frau Rosenthal an. Dann geht sie an die Tür, sie dreht den Riegel, öffnet leise und späht auf den Flur hinaus. Alles ist still in der Wohnung, auch im Hause ist noch alles still. Die Kinder lärmen noch nicht auf der Straße – es muß noch sehr früh sein. Vielleicht ist der Rat noch in seinem Bücherzimmer? Vielleicht kann sie ihm noch guten Morgen sagen, zwei, drei Sätze mit ihm wechseln, die ihr Mut machen werden, einen endlosen Tag zu ertragen?

Sie wagt es, gegen sein Verbot wagt sie es. Sie geht rasch über den Flur und tritt in sein Zimmer ein. Sie schreckt etwas vor der Helle zurück, die durch die geöffneten Fenster hereinströmt, vor der Straße, der Öffentlichkeit, die mit dieser Luft zusammen hier jetzt herrschen. Aber noch mehr erschrickt sie vor einer Frau, die mit einem Teppichroller den Zwickauer Teppich reinigt. Sie ist eine dürre, ältere Frau; das Tuch um den Kopf, der Teppichroller bestätigen, daß sie hier die Reinemachefrau ist.

Beim Eintritt von Frau Rosenthal hat diese Frau die Arbeit unterbrochen. Sie starrt erst einen Augenblick die unerwartete Besucherin an, wobei sie die Augenlider rasch hintereinander ein paarmal zukneift, als könne sie den Anblick da nicht für ganz wirklich nehmen. Dann lehnt sie den Teppichroller gegen den Tisch und fängt an, mit Händen und Armen abwehrende Bewegungen zu machen, wobei sie von Zeit zu Zeit ein scharfes «Sch! Sch!» ausstößt, als scheuchte sie Hühner.

Frau Rosenthal, schon im Rückzug, sagt flehend:

«Wo ist der Kammergerichtsrat? Ich muß ihn einen Augenblick sprechen!»

Die Frau kneift die Lippen eng zusammen und schüttelt heftig den Kopf. Dann beginnt sie wieder mit ihren Scheuchbewegungen und dem «Sch! Sch!», bis Frau Rosenthal ganz in ihr Zimmer zurückgewichen ist. Dort sinkt sie, während die Reinemachefrau leise die Tür schließt, an ihrem Tisch in den Sessel und bricht fassungslos in Tränen aus. Alles umsonst! Wieder ein Tag, der sie nur zum einsamen, sinnlosen Warten verurteilt! Viel geschieht in der Welt, vielleicht stirbt jetzt gerade Siegfried oder eine deutsche Fliegerbombe tötet ihr die Eva – sie aber muß hier immer weiter im Dunkeln sitzen und nichts tun.

Sie schüttelt unwillig den Kopf: Sie macht dies einfach nicht mehr mit. Sie macht es nicht! Wenn sie unglücklich sein soll, wenn sie denn ewig gehetzt und in Angst leben soll, so will sie dies auf ihre Art tun. Möge sich denn diese Tür für immer hinter ihr schließen, sie kann es nicht hindern. Sie war gut gemeint, diese Gastfreundschaft, aber sie tut ihr nicht gut.

Als sie wieder an der Tür. steht, besinnt sie sich. Sie geht wieder an den Tisch zurück und nimmt das dicke, goldene Armband mit den Saphiren. Vielleicht so …

Doch in dem Arbeitszimmer ist die Frau nicht mehr, die Fenster sind schon wieder geschlossen. Frau Rosenthal steht abwartend auf dem Flur, nahe der Ausgangstür. Dann hört sie Tellergeklapper, und sie folgt diesem Geräusch, bi sie die Frau in der Küche beim Abwaschen findet.

Sie hält r flehend das Armband hin und sagt stockend: «Ich muß den Kamm rg chtsrat wirklich sprechen. Bitte, bitte doch!»

Die Bedienerin hat bei der neuerlichen Störung die Stirn gerunzelt. Nur einen flüchtigen Blick wirft sie auf das hingehaltene Armband. Dann beginnt sie wieder zu scheuchen, mit rudernden Armbewegungen und «Sch! Sch!», und vor diesem Scheuchen flieht Frau Rosenthal in ihr Zimmer. Sie stürzt geradezu auf ihren Nachttisch zu, sie nimmt aus der Lade das ihr vom Kammergerichtsrat verordnete Schlafmittel.

Sie hat bisher diese Schlafmittel nie gebraucht. Nun schüttet sie alle, zwölf oder vierzehn an der Zahl, in ihre hohle Hand, geht zum Waschtisch und spült sie mit einem Glas Wasser hinunter. Sie muß heute schlafen, sie will heute den Tag verschlafen … Dann wird sie abends den Kammergerichtsrat sprechen und hören, was zu tun ist. Sie legt sich angekleidet auf das Bett, zieht die Decke nur leicht über sich. Still auf dem Rücken liegend, die Augen zur Decke gerichtet, wartet sie auf den Schlaf.

Und er scheint wirklich zu kommen. Die quälenden Gedanken, die immer gleichen Schreckbilder, die von der Angst in ihrem Hirn geboren werden, sie verschwimmen. Sie schließt die Augen, ihre Glieder entspannen sich, werden schlaff, sie hat sich schon fast hinübergerettet in ihren Schlaf …

Da ist es, als hätte sie auf der Schwelle zu diesem Schlaf eine Hand zurückgestoßen ins Wachen. Sie ist förmlich zusammengeschreckt, solch einen Ruck hat es ihr gegeben. Ihr Körper ist zusammengezuckt wie in einem plötzlichen Krampf …

Und wieder liegt sie, die Decke anstarrend, auf dem Rücken, die ewig gleiche Mühle dreht die ewig gleichen Qualgedanken und Angstbilder in ihr. Dann – allmählich – wird das schwächer, die Augen schließen sich, der Schlaf ist nahe. Und wieder auf seiner Schwelle der Stoß, der Ruck, der Krampf, der ihren ganzen Körper zusammenzieht. Wieder ist sie vertrieben aus der Ruhe, dem Frieden, dem Vergessen …

Als sich das drei- oder viermal wiederholt hat, gibt sie es auf, den Schlaf zu erwarten. Sie steht auf, geht langsam, ein wenig taumelig, mit hängenden Gliedern an den Tisch und setzt sich. Sie starrt vor sich hin. Sie erkennt in dem Weißen, das vor ihr liegt, den Brief an Siegfried, den sie vor drei Tagen begann, der nicht über die ersten Zeilen hinauskam. Sie sieht weiter: sie erkennt die Scheine, die Schmucksachen. Dort hinten steht auch das Tablett mit dem ihr bestimmten Essen. Sonst hat sie sich morgens völlig ausgehungert darübergestürzt, jetzt mustert sie es mit gleichgültigem Blick. Sie mag nicht essen …

Während sie dort so sitzt, ist ihr dunkel bewußt, daß die Schlafmittel doch eine Veränderung in ihr hervorgerufen haben: wenn sie ihr auch keinen Schlummer schenken konnten, so haben sie ihr doch die jagende Unruhe des Morgens genommen. Sie sitzt nur so da, manchmal ist sie auch im Sessel beinahe eingenickt, dann fährt sie wieder hoch. Einige Zeit ist vergangen, ob viel oder wenig, das weiß sie nicht, aber einige Zeit von diesem Schreckenstag ist doch wohl fort …

Dann, später, hört sie einen Schritt auf der Treppe. Sie fährt zusammen – in einem Augenblick der Selbstbeobachtung sucht sie sich darüber klarzuwerden, ob sie von diesem Zimmer aus überhaupt hören kann, wenn jemand auf der Treppe geht. Aber diese kritische Minute ist schon wieder vorbei, und sie lauscht nur angespannt auf den Schritt im Treppenhaus, den Schritt eines Menschen, der sich mühsam treppauf schleppt, immer wieder innehaltend, dann, nach einem Hüsteln, sich wieder am Treppengeländer hochziehend.

Jetzt hört sie nicht nur, jetzt sieht sie auch. Sie sieht Siegfried ganz deutlich, wie er sich da durch das noch stille Treppenhaus in ihre Wohnung hinaufschleicht. Sie haben ihn natürlich wieder mißhandelt, um seinen Kopf liegen ein paar hastig geschlungene Binden, die schon wieder durchblutet sind, und sein Gesicht ist wund und fleckig von ihren Faustschlägen. So schleppt sich Siegfried mühselig die Treppen hinauf. In seiner Brust krächzt und orgelt es, in dieser Brust, die von ihren Fußtritten verletzt ist. Sie sieht Siegfried um den Treppenabsatz herum entschwinden …

Eine Weile sitzt sie noch so da. Bestimmt denkt sie an gar nichts, auch nicht an den Kammergerichtsrat und das mit ihm Vereinbarte. Sondern sie muß da oben in die Wohnung – was soll Siegfried denken, wenn er sie leer findet? – Aber sie ist so schrecklich müde, und es ist fast unmöglich, aus dem Sessel hochzukommen!

Dann steht sie doch wieder da. Sie nimmt das Schlüsselbund aus der Handtasche, greift nach dem Saphirarmband, als sei es ein Talisman, der sie beschützen kann – und langsam und taumelig geht sie aus der Wohnung. Die Tür fällt hinter ihr zu.

Der nach langem Bedenken von seiner Bedienerin doch endlich geweckte Kammergerichtsrat kommt zu spät, um seinen Gast von diesem Ausflug in eine zu gefährliche Welt abzuhalten.

Der Rat steht einen Augenblick in der leise wieder geöffneten Tür, er lauscht nach oben, er lauscht nach unten. Er hört nichts. Dann, als er doch etwas hört, nämlich den raschen, energischen Schritt von Stiefeln, zieht er sich wieder in seine Wohnung zurück. Aber er verläßt den Ausguck an der Tür nicht. Sollte es doch noch eine Möglichkeit geben, diese Unselige zu retten, er wird ihr doch noch einmal trotz aller Gefahr seine Tür öffnen.

Frau Rosenthal hat es gar nicht gemerkt, daß sie auf der Treppe an jemand vorüberging. Sie hat nur den einen Gedanken, möglichst rasch die Wohnung mit Siegfried zu erreichen. Aber der HJ-Führer Baldur Persicke, der eben zu einem Morgenappell will, bleibt völlig verblüfft, mit offenem Munde auf der Treppe stehen, als diese Frau, ihn fast anstoßend, an ihm vorüberging. Die Rosenthal, die tagelang verschwundene Rosenthal an diesem Sonntagmorgen unterwegs, in einer dunklen gestickten Bluse ohne Judenstern, ein Schlüsselbund und ein Armband in der einen Hand, mit der andern sich mühsam am Treppengeländer hochziehend – so besoffen ist die Frau! Am frühen Sonntagmorgen schon so besoffen!

Einen Augenblick steht Baldur noch so da, in völliger Verblüffung. Aber als Frau Rosenthal um die Treppenkehre herum verschwunden ist, finden seine Gedanken sich zurück, und sein Mund schließt sich. Er hat das Gefühl, jetzt ist der richtige Augenblick gekommen, jetzt darf er nur nichts falsch machen! Nein, diesmal wird er die Sache allein erledigen, weder die Brüder noch der Vater noch ein Borkhausen sollen sie ihm versauen.

Baldur wartet noch, bis er sicher ist, daß Frau Rosenthal jetzt schon die Quangelsche Wohnung erreicht hat, dann geht er leise in die elterliche Wohnung. Dort schläft noch alles, und das Telefon hängt auf dem Flur. Er hebt ab und dreht die Scheibe, dann verlangt er einen bestimmten Apparat. Er hat Glück: trotz des Sonntags bekommt er die Verbindung und auch den richtigen Mann. Er sagt kurz, was zu sagen ist; dann rückt er sich einen Stuhl an die Tür, öffnet sie einen Spalt und macht sich geduldig darauf gefaßt, eine halbe oder auch eine Stunde Wache halten zu müssen, damit der Vogel nicht wieder entwischt …

Bei Quangels ist nur erst Anna wach, leise wirtschaftet sie in der Wohnung. Zwischendurch sieht sie nach Otto, er schläft noch immer ganz fest. Er sieht müde und gequält aus, selbst jetzt im Schlaf. Als ließe ihm irgend etwas keine Ruhe. Sie steht da und sieht nachdenklich in das Gesicht des Mannes, mit dem sie fast drei Jahrzehnte Tag für Tag zusammen gelebt hat. Sie hat sich längst an dieses Gesicht gewöhnt, das vogelscharfe Profil, der dünne, fast stets geschlossene Mund – das erschreckt sie nicht mehr. So sieht eben der Mann aus, dem sie ihr ganzes Leben geweiht hat. Es kommt nicht auf das Aussehen an …

Aber an diesem Morgen scheint ihr doch, als sei das Gesicht noch schärfer geworden, der Mund noch schmaler, als hätten sich die Falten von der Nase her noch mehr vertieft. Er hat Sorgen, schwere Sorgen, und sie hat es versäumt, rechtzeitig mit ihm darüber zu sprechen, ihm die Last tragen zu helfen. An diesem Sonntagmorgen, vier Tage, nachdem sie die Nachricht vom Tode des Sohnes bekommen hat, ist Anna Quangel wieder fest davon überzeugt, nicht nur, daß sie bei diesem Manne wie bisher auszuhalten hat, sondern daß sie auch im Unrecht war, überhaupt erst mit dieser Trotzerei anzufangen. Sie hätte ihn besser kennen müssen: er schwieg lieber, als daß er sprach. Sie mußte ihn stets ermuntern, ihm die Zunge lösen – von selbst sprach dieser Mann nie.

Nun, heute wird er sprechen. Er hatte es ihr zugesagt, heute in der Nacht, als er von der Arbeit heimgekommen war. Anna hatte da einen schlimmen Tag hinter sich gebracht. Als er ganz ohne Frühstück losgelaufen war, als sie Stunden vergeblich auf ihn gewartet hatte, als er auch nicht zum Mittagessen erschienen war, als ihr klarwurde, jetzt hatte seine Arbeit schon begonnen, jetzt würde er bestimmt nicht mehr kommen – da war sie völlig verzweifelt gewesen.

Was war in diesen Mann gefahren, seit sie jenes vorschnelle, unbedachte Wort gesagt hatte? Was trieb ihn so ruhelos um? Sie kannte ihn doch: Seitdem sie das gesagt hatte, sann er nur darauf, ihr zu zeigen, daß der nicht «sein» Führer war. Als wenn sie es je ernstlich so gemeint hätte! Sie hätte es ihm sagen müssen, daß sie das Wort nur im ersten trauernden Zorn gesagt hatte. Sie hätte auch ganz andere Dinge sagen können gegen diese Verbrecher, die sie so sinnlos des Sohnes beraubt hatten – grade dieses Wort mußte ihr herausfahren!

Aber nun hatte sie eben grade dies gesagt, und nun lief er in der Welt umher und begab sich in alle möglichen Gefahren, um recht zu behalten, um ihr das Unrecht, das sie ihm angetan, noch ganz handgreiflich zu beweisen! Womöglich kam er gar nicht wieder. Hatte etwas gesagt oder getan, was die Werkleitung oder die Gestapo auf ihn hetzte – womöglich saß er schon im Loch! So unruhig, wie dieser ruhige Mann schon am frühen Morgen gewesen war!

Anna Quangel hält es nicht aus, so tatenlos kann sie nicht mehr auf ihn warten. Sie macht ein paar Stullen zurecht und tritt den Weg zu seiner Fabrik an. Auch darin ist sie ganz sein getreues Eheweib, daß sie selbst jetzt, wo es ihr auf jede Minute, die sie früher Gewißheit hat, ankommt, nicht die Bahn benutzt. Nein, sie geht zu Fuß – sie spart den Groschen wie er.

Vom Pförtner der Möbelfabrik erfährt sie dann, daß der Werkmeister Quangel pünktlich wie immer auf seine Arbeitsstelle gekommen ist. Sie läßt ihm durch einen Boten die «vergessenen» Stullen hineinschicken und wartet auch noch die Rückkehr des Boten ab.

«Nun, was hat er gesagt?»

«Was soll er denn gesagt haben …? Der sagt doch nie was!»

Jetzt kann sie beruhigter nach Haus gehen. Es ist noch nichts geschehen trotz all seiner Unruhe am Morgen. Und heute abend wird sie mit ihm sprechen …

Er kommt in der Nacht. Sie sieht seinem Gesicht an, wie müde er ist.

«Otto», sagt sie bittend, «ich habe es doch nicht so gemeint. Nur im ersten Erschrecken ist es mir so rausgefahren. Sei nicht mehr böse!»

«Ich – böse – dir? Wegen so was? Nie!»

«Aber du willst was tun, ich spüre es! Otto, tu’s nicht, stürze dich wegen so was nicht ins Unglück! Ich könnte es mir nie verzeihen.»

Er sieht sie einen Augenblick an, fast lächelnd. Dann legt er beide Hände rasch auf ihre Schultern. Schon zieht er sie wieder fort, als schäme er sich dieser raschen Zärtlichkeit.

«Was ich tun werde? Schlafen werde ich! Und morgen sage ich dir, was wir tun werden!»

Nun ist der Morgen gekommen, und Quangel schläft noch. Aber jetzt kommt es auf eine halbe Stunde mehr oder weniger nicht an. Er ist bei ihr, er kann nichts Gefährliches tun, er schläft.

Sie wendet sich ab von seinem Bett, sie macht sich wieder an ihre kleinen Hausarbeiten.

Unterdes ist Frau Rosenthal längst bei ihrer Wohnungstür angekommen, so langsam sie auch treppauf ging. Sie ist nicht überrascht, die Tür verschlossen zu finden – sie schließt sie auf. Und auch in der Wohnung drinnen sucht sie nicht erst lange nach Siegfried oder ruft nach ihm. Auch das wüste Durcheinander beachtet sie nicht, wie sie auch schon wieder vergessen hat, daß sie ja eigentlich dem Schritt ihres Mannes folgend die Wohnung betreten hat.

Ihre Benommenheit ist in einem langsamen, unaufhaltsamen Wachsen. Man kann nicht sagen, daß sie schläft, aber sie ist auch nicht wach. Wie sie die schwer gewordenen Glieder nur langsam und unbeholfen bewegen kann, weil sie wie taub sind, so ist auch ihr Gehirn wie taub. Es kommen Bilder wie Flocken und zerrinnen auch schon wieder, ehe sie noch recht deutlich sehen konnte. Sie sitzt in der Sofaecke, die Füße auf der verschmutzten Wäsche, sie sieht sich langsam und träge um. In der Hand hält sie noch immer die Schlüssel und das Saphirarmband, das ihr Siegfried zu Evas Geburt schenkte. Der Gewinn einer ganzen Weißen Woche … Sie lächelt ein bißchen.

Dann hört sie, wie die Flurtür vorsichtig geöffnet wird, und sie weiß: Das ist Siegfried. Jetzt kommt er. Deswegen bin ich doch hier raufgegangen. Ich will ihm entgegengehen.

Aber sie bleibt sitzen, ein Lächeln ausgebreitet auf dem ganzen grauen Gesicht. Sie wird ihn hier so sitzend empfangen, als sei sie nie fort gewesen, habe immer hier, zu seinem Empfang, gesessen.

Dann geht endlich die Tür, und statt des erwarteten Siegfried stehen drei Männer in der Tür. Schon als sie unter den dreien eine verhaßte braune Uniform sieht, weiß sie: Das ist nicht Siegfried, Siegfried ist nicht dabei. Ein bißchen Angst will sich in ihr rühren, aber wirklich nur ein ganz klein bißchen. Nun ist es endlich soweit.

Langsam schwindet das Lächeln von ihrem Gesicht, das vom Grauen ins Gelblichgrüne hinüberwechselt.

Die drei stehen jetzt direkt vor ihr. Sie hört, wie ein großer schwerer Mann in schwarzem Paletot sagt: «Nicht besoffen, mein Junge. Wahrscheinlich schlafmittelvergiftet. Wir wollen schnell mal sehen, daß wir aus ihr rausquetschen, was zu holen ist. Hören Sie mal, Sie sind Frau Rosenthal?»

Sie nickt. «Jawohl, meine Herren, Lore oder richtiger Sara Rosenthal. Mein Mann sitzt in Moabit, zwei Söhne in den USA, eine Tochter in Dänemark, eine in England verheiratet … »

«Und wieviel Geld haben Sie denen geschickt?» fragte der Kriminalkommissar Rusch schnell.

«Geld? Zu was denn Geld? Die haben doch alle Geld genug! Zu was soll ich denen noch Geld schicken?»

Sie nickt ernst. Ihre Kinder leben alle in guten Verhältnissen. Die könnten noch ohne Mühe die Eltern ernähren. Plötzlich fällt ihr etwas ein, was sie unbedingt diesen Herren noch sagen muß. «Es ist meine Schuld», sagt sie unbeholfen mit schwerer Zunge, die immer schwerer zu sprechen, zu lallen anfängt, «es ist allein meine Schuld. Siegfried wollte längst aus Deutschland fort. Aber ich sagte ihm: <Warum all die schönen Sachen, das gute Geschäft hierlassen, für einen Dreck verkaufen? Wir haben nie niemandem etwas getan, uns werden sie nichts tun.> Ich habe ihn überredet, sonst wären wir längst weg!»

«Und wo haben Sie Ihr Geld gelassen?» fragt der Kommissar, ein wenig ungeduldiger.

«Das Geld?» Sie versucht, sich zu besinnen. Es war ja wirklich noch etwas dagewesen. Wo war es nur hingekommen? Aber das scharfe Nachdenken macht ihr Mühe, dafür fällt ihr etwas anderes ein. Sie hält das Saphirarmband dem Kommissar hin. «Da!» sagt sie einfach. «Da!»

Der Kommissar Rusch wirft einen raschen Blick darauf, dann sieht er sich nach seinen beiden Begleitern um, diesem zackigen HJ-Führer, und nach seinem ständigen Gefolgsmann, dem Friedrich, einem dicken Klotz, anzusehen wie ein Scharfrichtergehilfe. Er sieht, daß die beiden ihn gespannt beobachten. So stößt er die Hand mit dem Armband ungeduldig beiseite, er packt die schwere Frau bei den Schultern und beutelt sie ordentlich durch. «Wachen Sie jetzt endlich auf, Frau Rosenthal!» schreit er. «Ich befehle es Ihnen! Sie sollen aufwachen!»

Dann läßt er sie los: Ihr Kopf fällt hinten gegen die Sofalehne, der Körper sackt in sich zusammen – ihre Zunge lallt etwas Unverständliches. Dieses Mittel, sie wach zu machen, scheint nicht ganz richtig gewesen zu sein. Eine Weile betrachten die drei schweigend die alte Frau, wie sie da zusammengesunken hockt, das Bewußtsein scheint nicht in sie zurückzukehren.

Der Kommissar flüstert plötzlich ganz leise: «Nimm sie dir mal mit, da hinten in die Küche, und sieh, daß du sie wach kriegst!»

Der Henkersknecht Friedrich nickt nur. Er nimmt die schwere Frau wie ein Kind auf den Arm und steigt vorsichtig mit ihr über die am Boden liegenden Hindernisse fort.

Als er an der Tür ist, ruft der Kommissar noch: «Sieh, daß sie ruhig bleibt! Ich will keinen Krach haben am Sonntagmorgen in einem Mietshause! Sonst machen wir es in der Prinz-Albrecht-Straße. Ich nehme sie sowieso dahin mit.»

Die Tür klappt hinter den beiden, der Kommissar und der HJ-Führer sind allein.

Kommissar Rusch steht am Fenster und sieht auf die Straße. «Ruhige Straße das», sagt er. «Richtiger Kinderspielplatz, wie?»

Baldur Persicke bestätigt, daß die Jablonskistraße eine ruhige Straße ist.

Der Kommissar ist ein bißchen nervös, nicht etwa wegen der Sache, die der Friedrich da mit der alten Jüdin in der Küche anstellt. I wo, solche Sachen und tollere noch entsprechen seinem Wesen. Rusch ist ein verkrachter Jurist, der den Weg zur Kriminalpolizei fand. Die gab ihn später an die Gestapo ab. Er tut gerne seinen Dienst. Er würde jeder Regierung gerne jeden Dienst getan haben, aber die zackigen Methoden dieser Regierung gefallen ihm besonders. «Bloß keine Gefühlsduselei», sagt er manchmal zu einem Neuling. «Wir erfüllen unsere Pflicht nur dann, wenn wir unser Ziel erreichen. Der Weg dahin ist ganz egal.»

Nein, wegen der ollen Jüdin macht sich der Kommissar nicht die geringsten Gedanken, er ist wirklich frei von jeder Gefühlsduselei.

Aber dieser Junge, der HJ-Führer Persicke, paßt ihm nicht recht in den Kram. Er hat Außenseiter nicht gerne bei so was, man weiß nie genau, wie sie’s aufnehmen. Freilich, dieser scheint die richtige Sorte, aber genau weiß man es immer erst nachher.

«Haben Sie gesehen, Herr Kommissar», fragt Baldur Persicke eifrig – er will jetzt einfach nicht mehr nach der Küche hinhorchen, das ist deren Sache! «Haben Sie gesehen, sie trug keinen Judenstern?»

«Ich habe noch mehr gesehen», sagt der Kommissar nachdenklich, «ich habe zum Beispiel gesehen, daß die Frau saubere Schuhe anhatte, und draußen ist Dreckwetter.»

«Ja», bestätigt Baldur Persicke, noch verständnislos.

«Also muß sie einer hier im Hause versteckt gehalten haben, seit Mittwoch, wenn sie wirklich so lange nicht in der Wohnung war, wie Sie sagen.»

«Ich bin fast sicher», fängt Baldur Persicke an, etwas beirrt durch diesen nachdenklichen, nicht von ihm ablassenden Blick.

«Fast sicher ist gar nichts, mein Junge», sagt der Kommissar verächtlich. «Fast sicher gibt es nicht!»

«Ich bin ganz sicher!» sagt Baldur schnell. «Ich kann jederzeit beeiden, daß Frau Rosenthal seit Mittwoch nicht in ihrer Wohnung war!»

«Schön, schön», sagt der Kommissar leichthin. «Sie wissen natürlich, daß Sie seit Mittwoch die Wohnung unmöglich allein unter Beobachtung gehalten haben können. So was nimmt Ihnen kein Richter ab.»

«Ich habe zwei Brüder in der SS», sagt Baldur Persicke eifrig.

«Na schön», gibt sich Kommissar Rusch zufrieden. «Es wird alles schon schiefgehen. Übrigens, was ich Ihnen noch sagen wollte, ich werde erst gegen Abend dazu kommen, hier Haussuchung zu halten. Vielleicht observieren Sie die Wohnung solange weiter? Schlüssel haben Sie ja wohl?»

Baldur Persicke versichert zufrieden, daß er das gerne tun würde. Seinen Augen war tiefe Freude anzusehen. Na also – so ging es auch, er wußte es ja, und ganz legal!

«Es wäre ja ganz gut», sagt der Kommissar gelangweilt und sieht wieder aus dem Fenster, «wenn dann alles etwa so rumläge wie jetzt. Natürlich, für das, was in den Schränken und Koffern ist, können Sie nicht stehen, aber sonst … »

Ehe Baldur noch antworten kann, ertönt aus dem Innern der Wohnung ein schriller, hoher Angstschrei.

«Verdammt!» sagt der Kommissar, tut aber keinen Schritt.

Bleich, mit spitzer Nase starrt ihn Baldur an, seine Knie sind weich geworden.

Der Angstschrei ist sofort erstickt, man hört nur den Friedrich fluchen.

«Was ich sagen wollte … » fängt der Kommissar langsam wieder an.

Er spricht aber, immerfort lauschend, nicht weiter. Plötzlich sehr lautes Schimpfen in der Küche, Getrappel, Hin- und Herstampfen. Nun brüllt Friedrich sehr laut: «Willste gleich! Wülste woll!»

Dann ein lauter Schrei. Noch wüsteres Fluchen. Nun wird eine Tür aufgerissen, Gestampf über den Flur, und ins Zimmer hinein brüllt Friedrich: «Was sagen Sie nun, Herr Kommissar? Grade hatte ich sie so weit, daß sie vernünftig reden konnte, springt das Aas mir doch aus dem Fenster!»

Der Kommissar schlägt ihm wütend ins Gesicht: «Gottverdammter Trottel, ich reiß dir die Kaldaunen aus dem Leibe! Los, schnell!»

Und er stürzt aus dem Zimmer, läuft die Treppen hinunter …

«Auf den Hof doch!» ruft Friedrich flehend, während er hinterdrein läuft. «Sie ist bloß auf den Hof gefallen, nicht auf die Straße! Es wird gar kein Aufsehen geben, Herr Kommissar!»

Er bekommt keine Antwort. Alle drei laufen sie die Treppen hinunter, wobei sie sich bemühen, möglichst wenig Lärm in dem sonntagsstillen Haus zu machen. Als letzter läuft, mit einer halben Treppe Abstand, Baldur Persicke. Er hat nicht vergessen, die Wohnungstür der Rosenthals gut ins Schloß zu ziehen. Wenn ihm auch noch der Schreck in den Gliedern sitzt, weiß er doch, daß er jetzt die Verantwortung für alle die schönen Sachen dort hat. Da darf nichts fortkommen!

Die drei laufen an der Wohnung der Quangels vorbei, an der von den Persickes, an der vom Kammergerichtsrat a. D. Fromm. Nur noch zwei halbe Treppen, und sie sind auf dem Hof.

Otto Quangel war unterdes aufgestanden, hatte sich gewaschen und sah seiner Frau in der Küche zu, wie sie das Frühstück fertigmachte. Nach dem Frühstück würden sie miteinander sprechen, vorläufig hatten sie nur einen Guten-Morgen-Gruß gewechselt, aber einen freundlichen.

Plötzlich schrecken sie beide zusammen. In der Küche über ihnen ist Geschrei, sie lauschen, eines das andere gespannt und besorgt ansehend. Dann wird für Sekundenschnelle das Küchenfenster verdunkelt, etwas Schweres scheint vorbeizustürzen – und nun hören sie es schwer aufschlagen auf dem Hof. Unten schreit jemand auf – ein Mann. Und Totenstille.

Otto Quangel reißt das Küchenfenster auf, fährt aber zurück, als er Gepolter auf der Treppe hört.

«Steck du mal schnell den Kopf raus, Anna!» sagt er. «Sieh, ob du was sehen kannst. Eine Frau fällt bei so was weniger auf.» Er faßt sie bei der Schulter und drückt sie sehr stark. «Schrei nicht!» sagt er befehlend. «Du sollst nicht schreien! So, mach das Fenster wieder zu!»

«Gott, Otto!» ächzt Frau Quangel und starrt ihren Mann mit weißem Gesicht an. «Die Rosenthal ist aus dem Fenster gestürzt. Sie liegt unten auf dem Hof. Der Borkhausen steht bei ihr und … »

«Still!» sagt er. «Jetzt still! Wir wissen von nichts. Wir haben nichts gesehen und nichts gehört. Bring den Kaffee in die Stube!»

Und drinnen noch einmal, mit Nachdruck: «Wir wissen nichts, Anna. Haben die Rosenthal fast nie gesehen. Und nun iß! Iß, sage ich dir. Und trink Kaffee! Wenn einer kommt, er darf uns nichts anmerken!»

Der Kammergerichtsrat Fromm hatte noch immer auf seinem Beobachtungsposten gestanden. Er hatte zwei Zivilisten die Treppe hinaufgehen sehen, und nun stürmten drei Mann – und der Persicke-Junge dabei – die Treppe hinunter. Es hatte also etwas gegeben, und schon brachte ihm seine Bedienerin aus der Küche die Nachricht, daß eben Frau Rosenthal von oben auf den Hof gestürzt sei. Er starrte sie erschrocken an …

Einen Augenblick stand er ganz still. Dann nickte er langsam ein paarmal.

«Ja, Liese», sagte er. «Das ist nicht anders. Man muß nicht nur retten wollen. Der andere muß auch mit der Rettung richtig einverstanden sein.» Und dann rasch: «Ist das Küchenfenster wieder zu?» Liese nickte. «Schnell, Liese, bring das Zimmer vom gnädigen Fräulein wieder in Ordnung; niemand darf sehen, daß es benutzt war. Geschirr weg! Wäsche weg!»

Wieder nickte Liese.

Dann fragte sie: «Und das Geld und der Schmuck auf dem Tisch, Herr Rat?»

Einen Augenblick stand er beinahe hilflos da, kläglich sah er aus mit dem ratlosen Lächeln auf dem Gesicht. «Ja, Liese», sagte er dann. «Damit wird’s schwer werden. Erben werden sich wohl keine melden. Und für uns ist’s nur eine Last … »

«Ich tu’s in den Mülleimer», schlug Liese vor.

Er schüttelte den Kopf. «Für Mülleimer sind die zu schlau, Liese», sagte er dann. «Das können die ja gerade, im Müll rumwühlen! Na, ich werde schon sehen, wo ich damit erst einmal bleibe. Mach bloß schnell schnell mit dem Zimmer! Die können jede Minute kommen!»

Vorläufig standen sie noch auf dem Hof, der Borkhausen bei ihnen.

Der Borkhausen hatte den Schreck zuerst abgekriegt, und am stärksten. Er war da seit dem frühen Morgen auf dem Hof herumgestrichen, gequält von seinem Haß auf die Persickes und seiner Gier nach den entschwundenen Sachen. Er wollte doch wenigstens wissen – und so beobachtete er ständig das Treppenhaus, die Fenster vorne …

Plötzlich war da etwas ganz dicht bei ihm niedergestürzt, so nah und aus großer Höhe, es hatte ihn gestreift. Der Schrecken war ihm derart in die Glieder gefahren, daß er sich gegen die Hofwand lehnte, und gleich darauf mußte er sich auf die Erde setzen, es wurde ihm schwarz vor den Augen.

Dann war er wieder hochgefahren, denn plötzlich hatte er gemerkt, daß er neben Frau Rosenthal auf dem Hofe saß. Gott, da hatte sich also die alte Frau aus dem Fenster gestürzt, und wer daran schuld war, das wußte er auch.

Borkhausen sah gleich, daß die Frau tot war. Ein bißchen Blut war aus ihrem Mund gelaufen, aber das verunstaltete sie kaum. Auf dem Gesicht lag ein solcher Ausdruck von tiefem Frieden, daß der erbärmliche kleine Spitzel wegsehen mußte. Dabei fiel sein Blick auf ihre Hände, und er sah, daß sie in der einen Hand etwas hielt, ein Schmuckstück, dessen Steine leuchteten.

Borkhausen warf einen argwöhnischen Blick um sich. Wenn er etwas tun wollte, mußte es schnell geschehen. Er bückte sich, von der Toten abgewandt, so daß er ihr nicht ins Gesicht sehen mußte, zog er ihr das Saphirarmband aus der Hand und ließ es in seiner Hosentasche verschwinden. Wieder sah er argwöhnisch um sich. Ihm war, als würde bei den Quangels das Küchenfenster vorsichtig geschlossen.

Und da kamen sie schon über den Hof gelaufen, drei Mann, und wer die zwei anderen waren, das sah er auch gleich. Nun kam es darauf an, daß er sich von Anfang an richtig benahm.

«Da hat sich eben die Frau Rosenthal aus dem Fenster gestürzt, Herr Kommissar», sagte er, als melde er ein ganz alltägliches Ereignis. «Beinahe wäre mir die Frau auf den Kopf gefallen.»

«Woher kennen Sie mich denn?» fragte der Kommissar beiläufig, während er sich mit dem Friedrich über die Tote beugte.

«Ich kenn Sie nicht, Herr Kommissar», sagte Borkhausen. «Ich hab’s mir bloß gedacht. Weil ich nämlich manchmal was für den Herrn Kommissar Escherich arbeiten darf.»

«So!» sagte der Kommissar nur. «So. Dann bleiben Sie hier noch mal ein bißchen stehen. Sie, junger Mann», wandte er sich zu Persicke, «passen Sie mal ein bißchen auf, daß uns dieser Junge nicht verlorengeht. Friedrich, sorg dafür, daß keine Leute auf den Hof kommen. Sag dem Fahrer Bescheid, er soll in der Torfahrt aufpassen. Ich geh nur mal rasch in Ihre Wohnung telefonieren!»

Als der Herr Kommissar Rusch vom Telefonieren auf den Hof zurückkam, hatte sich die Lage dort ein wenig geändert. In den Fenstern des Hinterhauses lagen überall Gesichter, es standen auch ein paar Leute auf dem Hof – aber ferne. Die Leiche war jetzt mit einem Laken zugedeckt, das etwas zu kurz war, die Beine der Frau Rosenthal sahen bis zu den Knien darunter hervor.

Der Herr Borkhausen aber sah etwas gelb im Gesicht aus und trug jetzt Handkettlein. Von der Hofseite her beobachteten ihn schweigend seine Frau und die fünf Kinder.

«Herr Kommissar, ich protestiere dagegen!» rief Borkhausen jetzt jämmerlich. «Ich habe das Armband bestimmt nicht in die Kellerluke geworfen. Der junge Herr Persicke hat einen Haß auf mich … »

Es stellte sich heraus, daß Friedrich, von der Erledigung seiner Aufträge zurückgekehrt, sofort begönnen hatte, nach dem Armband zu suchen. Frau Rosenthal hatte es in der Küche doch noch in der Hand gehabt – grade um dieses Armbandes willen, das sie durchaus nicht loslassen wollte, war ja ein gewisser Ärger bei Friedrich entstanden. Und in diesem Ärger hatte er nicht wie sonst aufgepaßt, und die Frau hatte ihm den Streich mit dem Fenster spielen können. Das Armband mußte also hier irgendwo auf dem Hof liegen.

Als der Friedrich so herumzusuchen anfing, hatte Borkhausen an der Hauswand gestanden. Plötzlich hatte Baldur Persicke etwas blitzen gesehen, und darauf hatte es in der Kellerluke geraschelt. Er hatte gleich nachgesehen, und – siehe! – da lag das Armband in der Luke!

«Ich hab’s bestimmt nicht reingeworfen, Herr Kommissar!» beteuerte Borkhausen angstvoll. «Es muß von der Frau Rosenthal fortgefallen sein in das Kellerloch!»

«So!» sagte der Kommissar Rusch. «So ein Vogel bist du also! So ein Vogel arbeitet also für meinen Kollegen Escherich! Das wird meinen Kollegen Escherich mächtig freuen, so was zu hören!»

Aber während der Kommissar so ganz friedlich vor sich hin schwätzte, ging sein Blick zwischen dem Borkhausen und Baldur Persicke hin und her, hin und her. Darin fuhr Rusch fort: «Na, ich denke, du wirst nichts dagegen haben, uns auf einem kleinen Spaziergang zu begleiten? Oder?»

«Aber nein!» versicherte Borkhausen, zitterte dabei, und sein Gesicht wurde noch fahler. «Aber gerne komme ich mit! Mir liegt ja am meisten daran, daß alles richtig aufgeklärt wird, Herr Kommissar!»

«Na, dann ist’s ja schön!» sagte der Kommissar trocken. Und nach einem raschen Blick auf Persicke: «Friedrich, nimm dem Mann die Handfessel ab. Der kommt auch so mit. Oder?»

«Gewiß komme ich mit! Gewiß doch, gerne!» versicherte Borkhausen eifrig. «Ich lauf nicht weg. Und wenn auch – Sie würden mich ja doch überall einfangen, Herr Kommissar!»

«Richtig!» sagte der wieder trocken. «So ʼn Vogel wie dich fangen wir überall!» Er unterbrach sich. «Da ist ja auch schon der Unfallwagen. Und die Polizei. Da wollen wir mal sehen, daß wir den Kram schnell hinter uns bringen. Ich habe heute früh noch mehr zu tun.»

Später, als sie dann «den Kram schnell hinter sich gebracht» hatten, stiegen der Kommissar Rusch und der junge Persicke noch einmal die Treppen zur Rosenthalschen Wohnung hinauf. «Bloß, um das Küchenfenster zuzumachen!» hatte der Kommissär gesagt.

Auf der Treppe blieb der junge Persicke plötzlich stehen. «Ist Ihnen nicht was aufgefallen, Herr Kommissar?» fragte er flüsternd.

«Mir ist verschiedenes aufgefallen», erwiderte Kommissar Rusch. «Aber was ist denn dir zum Bleistift aufgefallen, mein Junge?»

«Fällt Ihnen nicht auf, wie still das Vorderhaus ist? Haben Sie nicht darauf geachtet, daß im Vorderhaus kein Kopf zum Fenster hinausgesehen hat, und im Hinterhaus haben sie doch überall geguckt! Das ist doch verdächtig. Die müssen doch was gemerkt haben, die hier im Vorderhaus. Die wollen nur nichts gemerkt haben. Sie müßten jetzt eigentlich gleich Haussuchungen bei denen machen, Herr Kommissar!»

«Und bei den Persickes würde ich damit anfangen», antwortete der Kommissar und stieg ruhig weiter treppauf. «Bei denen hat nämlich auch keiner aus dem Fenster gesehen.»

Baldur lachte verlegen auf. «Meine Brüder von der SS», erklärte er dann, «die haben sich beide gestern abend so bildschön besoffen … »

«Mein lieber Sohn», fuhr der Kommissar fort, als hätte er nichts gehört.«Was ich tu, das ist meine Sache, und was du tust, das ist deine Sache. Ratschläge von dir sind unerwünscht. Dafür bist du mir noch zu grün.» Er sah, im stillen belustigt, über die Schulter in das bekniffene Gesicht des Jungen. «Junge», sagte er dann, «wenn ich hier keine Haussuchungen mehr mache, so nur darum, weil die viel zuviel Zeit gehabt haben, alles Belastende wegzuschaffen. Und wozu so viel Aufstand um ʼne tote Judenfrau? Ich habe mit den Lebendigen genug zu tun.»

Sie waren unterdes vor der Wohnung der Rosenthals angelangt. Baldur schloß auf. In der Küche wurde das Fenster geschlossen und ein Stuhl wieder aufgestellt, der umgefallen war.

«So!» sagte der Kommissar Rusch und sah sich um. «Alles in bester Butter!»

Er ging voran in die Stube und setzte sich in das Sofa, auf genau die Stelle, wo er eine Stunde zuvor die alte Frau Rosenthal in eine völlige Ohnmacht hineingebeutelt hatte. Er streckte sich behaglich und sagte: «So, mein Sohn, und nun hole uns einmal eine Flasche Kognak und zwei Gläser!»

Baldur ging, kam dann zurück, schenkte ein. Sie prosteten einander zu.

«Schön, mein Sohn», sagte der Kommissar behaglich und brannte sich eine Zigarette an, «und nun erzähl mir mal, was du und der Borkhausen hier schon in der Wohnung vorgehabt habt!»

Er sagte schneller, als er die empörte Bewegung des jungen Baldur Persicke sah: «Überleg dir’s gut, mein Sohn. Eventuell nehme ich sogar einen HJ-Führer mit in die Prinz-Albrecht-Straße, wenn er mich nämlich gar zu unverschämt ansohlt. Überleg dir’s, ob du nicht die Wahrheit vorziehst. Vielleicht bleibt die Wahrheit ganz unter uns, wollen mal sehen, was du zu erzählen hast.» Und da er Baldur schwanken sah: «Ich hab nämlich auch ein paar Beobachtungen gemacht, Observationen nennen wir so was. Zum Bleistift habe ich deine Stiebelsohlen da hinten auf der Bettwäsche gesehen. In die Ecke biste heute noch gar nicht gekommen. Und woher haste eigentlich so schnell gewußt, daß hier Kognak ist und wo er steht? Und was denkst du, was mir der Borkhausen alles in seiner Angst erzählt? Nee, habe ich das nötig, hier zu sitzen und mich von dir anlügen zu lassen? Dafür biste mir noch zu grün!»

Das sah der Baldur auch ein, und er packte aus.

«So!» sagte der Kommissar schließlich. «So. Na ja, jeder tut, was er kann. Die Dummen Dummes und die Klugen oft noch was viel Dümmeres. Na, mein Sohn, zum Schluß biste ja denn doch noch schlau geworden und hast den Vater Rusch nicht angelogen. So was soll nicht unbelohnt bleiben. Was möchste hier denn gerne haben?»

Baldurs Augen leuchteten auf. Eben noch war er völlig entmutigt gewesen, aber nun sah er wieder Licht.

«Den Radioapparat mit dem Plattenspieler und den Platten, Herr Kommissar!» flüsterte er gierig.

«Na schön!» sagte der Kommissar gnädig. «Ich habe dir ja gesagt, vor sechse komme ich nicht wieder hierher. Sonst noch was?»

«Vielleicht ein oder zwei Handkoffer mit Wäsche!» bat Baldur. «Meine Mutter ist mächtig knapp mit Wäsche!»

«Gott, wie rührend!» spottete der Kommissar. «Was für ʼn rührender Sohn! So ʼn richtiges ergreifendes Muttersöhnchen! Na, meinethalben. Damit ist dann aber auch Schluß! Für alles andere bist du mir verantwortlich! Und ich habe ein verdammt gutes Gedächtnis dafür, wie was steht und liegt, mich legst du so leicht nicht rein! Und wie schon bemerkt, in jedem Zweifelsfall Haussuchung bei den Persickes. In jedem Fall gefunden: ein Radioapparat mit Plattenspieler, zwei Handkoffer mit Wäsche. Aber keine Angst, Sohn, solange du reell bist, bin ich’s auch.»

Er ging zur Tür. Er sagte noch, über die Schulter weg: «Übrigens, wenn dieser Borkhausen hier wieder auftauchen sollte, es gibt keine Stänkereien mit ihm. Ich mag so was nicht, verstanden?»

«Jawohl, Herr Kommissar», antwortete Baldur Persicke gehorsam, und damit trennten sich die beiden Herren – nach einem so erfolgreich verbrachten Morgen.

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Litres'teki yayın tarihi:
08 ağustos 2021
Hacim:
720 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788726614756
Yayıncı:
Telif hakkı:
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