Kitabı oku: «Wir hatten mal ein Kind»

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Erster Abschnitt

Die Urgeschichte des Helden

Johannes Gäntschow wurde am zwölften März 1893 als Sohn einfacher Bauersleute auf der Insel Rügen, und zwar auf deren Halbinsel Fiddichow, geboren. Der Hof Warder, auf dem diese Geburt stattfand, liegt etwa fünfzehnhundert Meter von Kirchdorf entfernt, allein unter uralten Linden und Pappeln. Auch von der Landstraße zum Suhler Hafen hält er sich eine Schlagbreite ab. Dort, wo der Fahrweg zum Hof von dieser Straße abzweigt, hatte schon Malte Gäntschow, des Johannes Großvater, das Schild auf einen Pfahl gestellt:

Hier wohnt Malte Gäntschow

Kauft nichts – Verkauft nichts

und empfängt auch keine Besuche.

Da er aber den Lesekenntnissen seiner Mitmenschen mißtrauen mochte, da er auch als Bibelkundiger den Spruch kannte ›Verstehest du auch, was du liesest?‹, so wurde weiterhin auf dem Hof stets eine ganze Meute von Hunden gehalten, die jeden leichtsinnig die Tafel Mißachtenden heulend, zähnefletschend, anspringend, kleiderzerreißend empfing.

Diese Hunde, wahre Nachkommen des deutschen Schäferspitzes, in weißen, hell- wie dunkelbraunen, sowie schwarzen Färbungen, mit listig verschlagenen, aber auch mutigen Wolfsköpfen, hatten sich schon unter des Johannes Großvater Malte so vermehrt, daß ihrem Tätigkeitsdrang wie ihrer Freßlust der heimische Ausbauhof zu eng wurde. In Banden zu zwölf und fünfzehn durchstreiften sie die ganze Halbinsel, sie wurden ebenso auf Sagitta gesehen wie in Schranske, sie jagten in Leerhof die geängsteten Schafe um den Tüder, bis sie zusammenbrachen, und veranstalteten auf der Kerbe Treibjagden auf Kaninchen.

Rauh und zottig, mit wild funkelnden Augen, die Narben vieler Schlachten auf dem Leibe, mit zerrissenen Ohren und hinkend von den Schrotschüssen ihrer Feinde, versteckten sie sich abenteuernd längs des Feldwegs in einem Kornfeld. Kam dann ein Bauernmädchen mit seinem Einholkorb von Kirchdorf, so sah es plötzlich einen schmutzigen, demütigen Hund vor sich auf dem Boden kriechen, hilfeflehend zu ihr emporlechzen. Setzte sie den Korb ab, beugte sich mitleidig zu dem Verendenden, so war plötzlich die ganze, gespenstisch von hinten angeschlichene Meute in ihren Röcken, kniff und fetzte, und, während sie aufschreiend sich zu retten suchte, der vermeintlich Sterbende durch ihre Beine kroch und sie zu Fall brachte, rollte der Korb mit den Einkäufen im Gras. Die Hunde entflohen, lautlos wie ein Spuk, das Freßbare mit sich schleppend. Das arme Mädchen aber hatte im Korn die Nacht mit ihrem verhüllenden Dunkel zu erwarten, da es nicht rocklos in Büxen, manchmal auch sommertags ohne Büxen, heim ins Dorf konnte. Aber ging sie auch noch so spät heim, es kam doch immer heraus, und dröhnendes Gelächter und grobe Späße folgten ihr noch lange.

Wasser und Wind, ein unbeständiger, meist grauer Himmel, endloser rauher Winter und spätes Frühjahr, schwieriger Ackerbau, von Schiffbruch bedrohte Seefahrt haben die Bewohner dieser Halbinsel wohl wortkarg und rauh, aber auch derben Späßen und lautem Gelächter geneigt gemacht. Zwar wehrten sie sich mit Steinen, Stöcken und Schießprügeln gegen die Gäntschow'sche Hundepest, erschlugen und vergifteten, so viele sie nur konnten, aber den Gäntschows nahmen sie das nicht weiter übel: wer keinen Sparren im Hirnboden hat, ist kein Fiddichower, doch wer einen derben hat, ist den Fiddichowern grade recht. Es ist eigentlich eine Zufallssache: entweder wird man bei solchem Klima hintersinnig und ein Spökenkieker, oder man läßt ein paar Fliegen burren, sich und der Nachbarschaft zur Freude.

Einmal wurde von einem ahnungslosen Nichteingeborenen der Landjäger, der damals noch Landgendarm hieß, in Sachen Gäntschow'scher Hunde mit einem Einspruch bemüht. Er lauerte den Bauern Malte listig in einem Wasserloch ab, wie sie dort häufig in die Äcker eingesprengt sind, von Weiden und Espen umstanden. Es war ein heißer Sommertag, der Bauer stand nackt im Loch und spülte sich die schwarzzottige Brust. Zwei Hunde lagen rasch atmend im grünen kühlen Gras, der eine schön schwarzbraun wie ein kühner Löwe, der andere sanft weißgelb, als könnte er kein Wässerchen trüben, doch mit listigem Auge. Beide Hunde klopften freudig mit den Schwänzen ins Gras, als sie den Gendarmen sahen. Der aber hätte schwören mögen, daß es eben dieses weißgelbe Katzenauge gewesen war, das vor ein paar Tagen in der Dämmerung eine wütende Attacke auf seine schwarzledernen Gamaschen gemacht hatte.

Was er, der Bauer Gäntschow, sich nun eigentlich denke mit seinen Hunden, Hettitern und Amalekitern, wieder sei eine Stadthose zerrissen und eine städtische Wade zerbissen.

Woran man es denn wohl gesehen habe, daß es seine, die Gäntschow'schen Hunde, gewesen seien, fragte der Bauer dagegen.

Er möge nur fein ruhig sein, seine Hunde seien bekannt auf der ganzen Halbinsel, da brauche es keine Visitenkarte, sagte der Gendarm, aber er setzte sich doch ausruhend ins grüne Gras.

Der Bauer riß eine Handvoll frischen Rohrs aus, knudelte es zusammen und fing an, sich den Rücken zu scheuern. Er müsse sich wundern, meinte er, was man da so leichtsinnig hinrede, er habe nur zwei Hunde, und daß das ganz harmlose Viecher seien, das habe der Gendarm ja eben erst gesehen: selbst bei seinem Anblick hätten sie freudig mit dem Schwänze gewedelt. – Wo doch die Hunde bekannterweise Uniformen gar nicht möchten, setzte er bedachtsam hinzu und verschwand mit dem Kopf unter Wasser.

Der Gendarm mußte seinen Zornesausbruch ob solcher Verlogenheit aufschieben, bis der Bauer wieder aufgetaucht war. Da der Bauer aber einen breiten Brustkasten hatte, dauerte es ziemlich lange. – Nicht nur der Bauer, auch der Zorn war danach etwas wäßrig geworden.

Was man da sagen solle, meinte der Gendarm, wo es doch auf der ganzen Insel bekannt sei, daß der Gäntschow über dreißig Hunde habe.

Er müsse sich immer mehr wundern, sagte der Bauer, seine Kopfhaut reibend, wie auch die Obrigkeit auf solch dummes Geklätsch hören möge. Zwei Hunde habe er, der Gendarm möge nur mit dem Gemeindevorsteher sprechen, zweie habe er auch nur versteuert.

Und damit würde jetzt Schluß sein, versicherte der Gendarm zornrot, er selbst nehme es auf seinen Diensteid, daß er über zwanzig Hunde auf dem Warderhofe habe fressen sehen.

Wohl, wohl, dies sei schon möglich, aber so sei er nun mal, er, der Bauer Gäntschow: bei ihm hätten alle Hunde aus ganz Fiddichow freien Tisch. Die Bauern auf dieser gesegneten Insel gäben ja ihren Hunden nie richtig zu fressen, er erbarme sich der Kreatur und zum Dank schöbe man ihm das ganze Hundepack der Halbinsel in die Schuhe.

Jetzt war der Gendarm sprachlos und der Bauer trat gewaltig aus dem Wasserloch. Die Feuchte rann von seinen Lenden, er lockte den löwenartigen Hund und fragte den Gendarmen, ob er wohl glaube, daß dieser Hund sein eigener Vater, ja, er wolle es frei sagen, sein eigener Großvater sei?

Ihm sei nicht nach Späßen zumute, sagte der Gendarm mürrisch, ob die städtische Hose und die städtische Wade bezahlt würden?

Dieser Pux, sagte der Bauer, hat mit seiner Mutter dort, der blonden Sussi, Kinder gezeugt, die seine Brüder sind, von wegen der Mutter. Da er aber der Vater seiner Geschwister ist, ist er auch sein eigener. Hast du's begriffen?

Er solle nun aufhören damit und antworten, aber der Bauer sprach weiter: Mit einer seiner Töchter hat er wiederum Kinder gezeugt und da er der Vater seiner Frau und der Bruder seiner Enkelkinder ist, zugleich der Gatte seiner Mutter und Großmutter ...

Halt! schrie der Gendarm. Und wo sind die Kinder alle, wenn du nur zwei Hunde hast, Malte?!

Keine habe ich, schrie der Bauer, siehe, ich verstoße auch noch die letzten!

Und er stürmte nackt und wild auf die Hunde los, sie wichen blaffend, nackt raste ihnen der Bauer nach, wüste Steine aufhebend und nach ihnen werfend. Ein haariges bloßes Urwaldtier sah ihn der Gendarm durch die Felder hofwärts entschwinden, wilde Flüche auf die Biester ausstoßend, zu jenem Hofe, den zu betreten eben die verstoßenen Hunde unmöglich machten, selbst für den mutigsten Gendarmen. –

Der Hof lag in dem sonst hier flachen Lande auf einer leichten Anhöhe, nicht höher als etwa ein umgekippter Suppenteller. Aber diese geringe Erhöhung genügte doch, um den Blick auf das Wasser nach fast jeder Himmelsrichtung frei zu machen. Im Westen war der Rieker Bodden, nach Süden der Dreeger, im Osten war oft, nicht immer die Lommer Wiek zu sehen, nach Norden freilich nichts. Denn hier hob sich das Land sachte und kaum merklich zur Steilküste, die das Meer verdeckte. Dafür stand dort der Leuchtturm von Sagitta, der Nacht für Nacht, Sekunde für Sekunde seine schmerzend weißen Lichtschwerter nicht nur über die See, sondern auch in alle Fenster stieß, daß die ganze Stube gespenstisch aufleuchtete, wieder in Schwärze fiel ... aufleuchtete ... Schwärze fiel. Und alle Nebelzeiten erfüllte er mit seinem tiefen, urwelthaft traurigen Gebrüll, kommend, anschwellend, übermächtig, und langsam wieder schwächer werdend.

Ein Bauer, der nur seinen Acker sieht, ein Bauer, der Regen und klaren Himmel nur nach seinen Feldern beurteilt, solch Landbauer wird eng, sorgenvoll, sein Blick haftet stets in der Nähe. Die Gäntschow-Bauern sind immer aufgestanden mit dem Blick auf die See, jeder Oststurm hat die rotschnäblige Lachmöwe, die silberköpfige Heringsmöwe in kreischenden Scharen hinter seinen Pflug in die Furche auf die Engerlingsjagd geweht. Die Kähne der Fischer mit ihren düsterbraunen oder lohfarbenen Segeln haben immer irgendwo am Horizont gestanden – das hat gemacht, daß sie von der eigenen Arbeit aufsehen und in die Weite schauen konnten. Ein Bauer, der seinen eigenen Kahn im Wasser hat und der angeln geht, ein Bauer, der abends im Krug mit den Fischern zusammenkommt und nicht nur von Schweinefüttern und Kartoffeligeln, sondern auch von Dorschfang und Heringswaten reden kann, ein Bauer, der nicht nur Bauerstöchter, sondern auch Fischerstöchter, Kapitänstöchter (auf kleine Fahrt) erheiratet – solch Bauer kann ein Herr werden in seinem eingeborenen Königtum, ein wahrer Großbauer mit einer Meute Hunde – und nimmt sich doch nicht zu wichtig.

Der Hof ist seit vielen hundert Jahren im Besitz der Gäntschows, sie haben hier immer gehaust und gepflügt, auf dem Friedhof in Kirchdorf liegen sie Grab an Grab. In den Flurbüchern heißt es oft Gäntschows Ort, Gäntschows Feld, Zu Gäntschows Bake.

Man erzählt, daß früher, in grauen Zeiten, die Fiddichower alle zur See gefahren und Räuber gewesen sind, auf Sagitta liegen noch die grasigen Wälle ihrer Ringburg, in die sie sich mit Weib, Kind, Rind und Pferd vor dem Drängen ihrer Feinde flüchteten. Zum letzten Male bargen sie sich dort vor den Kriegerscharen des Herzogs Wisso, der ihnen die sanfte Lehre des Christentums brachte. Ausgehungert, ihrer Schiffe beraubt, vom Stahle bedroht, beugten sie sich vor dem Kreuz und nahmen die Lehre an. Doch erzählt die Sage, daß schon am Morgen nach der Tauffeier Herzog Wisso seinen weißen Kriegshengst vermißte. Man fand die Reste des herrlichen Tiers auf einem Opferstein bei einem kleinen Teich, der heute noch der Kehlteich heißt. Die neuen Christen hatten des Herzogs Lieblingstier zu ihres alten Gottes Ehren dahingeschlachtet. Ob sie es nun aus unverständigem Aberglauben getan hatten, um sich vor der Rache ihres alten Gottes zu schützen, oder ob sie dem Herzog Wisso nur einen Streich hatten spielen wollen, gleichviel, ihr vornehmster Mann, Gunnar geheißen, verlor damals auf dem gleichen Opferstein am Kehlteich sein Haupt, diesmal als Sühnopfer für den neuen Gott.

Dies sind alte Geschichten, von denen niemand mehr weiß, ob sie wahr oder erlogen sind, doch werden sie noch immer erzählt, besonders von den Gäntschows, die ihren Ursprung von diesem hingeopferten Gunnar herleiten. Sicher ist aber, daß Superintendent Marder und Kantor Bockmann behaupten, diese Geschichte könne schon wahr sein. Denn die Gäntschows seien noch heute die reinen Heiden, mit Saufen, Strandgutstehlen, Wildern und Huren. Und Malte Gäntschow, der Großvater, hat noch entschuldigend von sich gegrient: Wir sind ja man gestern erst Christen geworden, Herre. Das sitzt noch nicht so, Herre, wie bei Ihnen.

Verbürgter schon, aber auch noch etwas sagenhaft und von Grauen umwittert ist die Geschichte jenes Urahns Gäntschow, der in seine eigene Tochter verliebt gewesen war und der darüber ein schreckliches Ende fand.

Er hatte es nicht gewußt, daß er sie liebte, bis sie ihm gestorben war. Nun aber war sie tot und es schien ihm, als sei er mit ihr gestorben. Nie mehr würde er in dem dämmrigen Zimmer ihre schlanke schmale Gestalt sehen dürfen. Es war umsonst gewesen, von einem frischen Wind, einem raschen Tanz gesunde Rötung ihrer Bleiche zu erhoffen. Sie blieb nun auf ewig bleich, ihre schwarzen Zöpfe waren vergebens so schwarz gewesen, ihre schlanken Finger hatten sich nicht festhalten können auf dieser Erde. Sie war tot, er war tot, gut, das war das Ende.

Nun recht, so sollte es auch das ganze Ende sein! Der Bauer war immer ein finsterer, rauher Mann gewesen, er sagte seiner Frau, daß sie fortzugehen hätte mit dem Jungen zu irgendwelchen Verwandten, daß er das Haus für sich allein brauchte – und nun blieb er allein.

Er blieb allein in dem Haus, von dessen Fenstern er die See sah. Aber er wollte auch die See nicht mehr sehen, er verdunkelte die Fenster, und nun war immer um ihn Hetes liebste Stunde, die Dämmerung, in der alles verschwimmt und nur ganz ferne das Rauschen der See zu hören ist, das immer anzuschwellen scheint und doch nie lauter wird.

In den ersten Tagen ging er unablässig in seinen Zimmern auf und ab und bereitete sein Herz vor. Er mußte stark sein. Seit er begriffen, daß er sie geliebt hatte, seitdem hatte er sich danach gesehnt, in ihre Stube zu kommen. An dem Duft ihrer Kleider wollte er sich erinnern, die Form ihres Körpers wollte er wiederfinden. Er wollte es nicht glauben von sich, er ging auf und ab in der Dämmernis, es war doch so leicht –! Nur auf den Flur brauchte er zu gehen, die Hand auf die Klinke zu legen – und sie war da, sie war wieder da! Er hob den Leuchter zwischen sich und den Spiegel, und dies verwüstete Gesicht mit seinen eisgrauen Zotteln, den geschwollenen Tränensäcken sagte nur: Mir ist angst. Wovor ist mir angst? Mir ist angst!

Und die Stunden dehnten sich. Und die Tage dehnten sich. Und es war ewig Tag. Und es war ewig Nacht. Es gab nichts mehr wie eine Tote in ihrem Sarg, leicht und bleich, und auch sie gab es nicht mehr.

Er saß in seinen einsamen Stuben und sie war wieder klein. Als sie geboren war, hatte sie eine leise Bewegung gemacht: sie hatte den kleinen Finger ihrer Hand gespreizt, da hatte er gewußt, daß sie ein besonderes Kind war. Später einmal war sie auf seinen Schoß gestiegen, sie hatte ihre Stirn an seine gelehnt, und es hatte ihr gefallen, während sie ihn küßte, Worte in seinen Mund hinein zu sprechen, und das hatte seine Nerven seltsam erregt. Aber das Spreizen des Fingers war umsonst gewesen, ihre Sprechküsse waren umsonst gewesen, sie war tot und so hatte sie nie gelebt. Zürnte er etwa auch ihr?

Nun verging wieder Zeit. Er hörte das Rauschen des Windes und das Brausen der See. Regen bestrich naß sein Haus und vor den düstern Fenstern häufte sich der Schnee. Er hatte sie versäumt, er hatte sie unwiderruflich versäumt. Ohnmächtiger Zorn erfüllte sein Herz. Sie war der Knoten gewesen, den nur er hätte lösen können, aber er hatte es vergessen, er hatte nicht einmal an die Lösung gedacht. Von ihrer Reife bis zu ihrem Tode hätte sie ihm drei Kinder gebären können. Und er sah sie vor sich, diese drei Mädchen, mit ihrem schwarzen Haar und ihrer bleichen Haut. Er war ja noch nicht alt. Auch diese drei hätten ihm aufwachsen können, er hätte ihre Reife noch als Mann erlebt. Wieder sah er neue Töchter. Er sah sich reichen durch den Wandel der Zeiten, er wäre unsterblich gewesen. Aber er hatte seine Unsterblichkeit versäumt –!

Da saß er einsam und wüst. Um seinetwillen war sie endgültig tot, nun tötete sie alles Leben um ihn. Hatte die Tote etwa gewußt? Hatte sie ihn etwa verachtet? Er dachte an ihr bleiches Gesicht, ihre schmalen Lippen, die so oft waren wie weiß, ihre dunklen Augen hatten nichts verraten – aber hatte sie ihn nicht doch verachtet?

Zur Gewißheit wurde es ihm, daß sie ihn gehaßt, daß sie ihn verachtet hatte. Da hatte sie weiß, mit einem grünen Kranz, im Sarge gelegen und ihr rabenschwarzes Haar war gut anzusehen gewesen, aber in ihrem Kopf hatte diese Verachtung gesessen. Nun wachte er nachts davon auf, daß er sie gesehen hatte, im Traum, wie sie dalag, weiß und still. Er hatte sich über sie gebeugt, er hatte ihre Lippen noch einmal küssen wollen, aber da hatten diese Lippen sich zurückgezogen von den Zähnen, sie hatte ihre fahlen Zähne mit einem Lächeln entblößt. Der Mund hatte sich ganz geöffnet und ihre Zunge hatte sie herausgestreckt, eine häßliche, geschwollene, blauschwarze Zunge, schrecklich anzusehen.

Davon war er erwacht, und nun grübelte er darüber, wie die Tote zu versöhnen, wie das Versäumte nachzuholen sei. Aber darüber war alles Grübeln vergeblich, nichts war mehr nachzuholen.

Jetzt fürchtete er sich auch vor dem Schlaf, denn es war nicht abzusehen, was von einer Toten zu erwarten war, die ihre Zunge so entblößte. Ihm wurde schwindlig, er klammerte sich daran, daß sie doch seine Tochter sei – und alles verging in einem Nebel. Als er wieder wach war, saß er da und lauschte auf das Huschen und Laufen, oben, auf dem Boden. Ratten, sagte er, Ratten. Sie waren eingedrungen in dies verwahrloste Haus, schon lange hatte er ihre Spuren auf den Getreidehaufen oben gemerkt, es mußten sehr viele sein, Scharen. Sicher war es, daß Hete auch sie geschickt hatte. Nicht nur seine Erinnerungen, das Haus mit allem, was darin war, sollte zerstört werden. Er sollte immer nur an sie denken.

In der nächsten Nacht träumte er wieder von Hete. Sie sah nicht böse aus, aber sie lächelte auch nicht, ihr Gesicht trug einen Ausdruck von zärtlicher Betrübtheit. Plötzlich zog es sich angstvoll zusammen, und da sah er eine große, grauschwarze Ratte, die unter ihrem Kleid verschwand. Er wollte das Tier verscheuchen, er griff schon nach ihrem Kleide, aber dann schauderte er davor zurück. Ihr Gesicht war so kummervoll verzogen, sie mußte Schmerzen haben, er rief mit Angst: Aber, Hete, ich kann dir doch nicht helfen! Hete! Hete! – Sie lag schon wieder still da, schweigend und bleich.

Am nächsten Tag ging er nach Kirchdorf und kaufte Gift gegen die Ratten. Es war sein erster Ausgang nach langer Zeit, fast ein Jahr war vergangen, seit Hete gestorben war, und die Felder grünten, die Bäume blühten wieder. Seine von ewiger Dämmerung blöden Augen schmerzten vom Blühen und Licht, er setzte sich, nachdem seine Besorgung erledigt war, in einen Winkel der Schenke und trank und trank. Aber soviel er auch trank, er wurde nicht betrunken, er begriff: er entging ihr nicht.

Als er in der Morgendämmerung in sein Haus zurückgekehrt war und sich zu kurzem Schlaf hingelegt hatte, erschien sie ihm wieder. Ihr Gesicht war zornig, sie hielt auf ihrer Brust zwei Ratten, die ihre langen gelben Zähne entblößten und ihre nackten Schwänze entzückt bewegten. Da tat er das Gift fort, vergrub es tief in der Erde, und als sie ihm in der nächsten und übernächsten Nacht nicht mehr erschien, begriff er, daß er das Rechte getroffen und ihren Willen erfüllt hatte.

Dann aber erschien sie wieder, in einem ermüdend gleichmäßigen Zuge erschien sie durch alle seine Nächte, im Sarge liegend, unverändert, mit totem, blassem Gesicht. Was wollte sie noch? Sie erschien so gleichmäßig, als wollte sie ihn nur erinnern, daß sie noch da sei, daß er sie nicht vergessen dürfte, die Versäumte.

Er vergaß sie schon nicht, sie war immer da, aber sie hatte sich so seltsam verwandelt, sie war wie eine Erkrankung seines Blutes geworden, wie eine Veränderung seines Hirns. Manchmal wußte er nicht mehr, ob er es war, der da auf und ab ging, oder sie. Ob sein Herz in ihrer Brust den Todesschlaf hielt oder ihres.

Das kam anfangs nur wie Wolken und zog vorbei, aber schließlich wurde es doch so, daß er die Spiegel zerschlug. Er mußte es tun, er durfte nicht die Verwandlung belauschen, die unmerklich. Tag für Tag, mit ihm vorging. Er durfte nicht wissen, wo sie heute von ihm Besitz ergriffen hatte und wo gestern. Manchmal, kamen seine Hände vor seine Augen, heftete er seine wie klein gewordenen Blicke darauf, zitternd vor Angst und Begierde, er könne die verwunschene Veränderung schauen. Aber er lenkte die Augen beschämt fort: wer war er, daß er schon hätte sehen dürfen? Er hatte nur zu warten. Alles geschah durch die Verstorbene. Sie hatte ihn angenommen.

Wie ermüdend, oh! wie quälend, jede Nacht die gleiche im Sarge zu sehen. Geschah denn nichts mit ihr, da doch so unendlich viel mit ihm geschah? Gar nichts? Er sah angstvoll ihr Gesicht, ihre Hände an, die immer unverändert blieben. Bis er eines Nachts durch einen zufälligen Seitenblick zu entdecken glaubte, daß der Saum ihres Rockes sich ein ganz wenig von ihren Schuhen emporgeschoben hatte. Er wartete die nächste Nacht ab. Ja, langsam und allmählich schob sich Nacht für Nacht der Saum ihres Rockes empor. Nun zitterte er nicht mehr vor einer Entblößung: nein, diese Verwandlung geschah geheimnisvoller und in einer andern Welt.

Ihre Füße lagen im Schatten, aber doch meinte der Spähende zu sehen, daß es nicht mehr ihr schmaler Spangenschuh war, der dort lag, sondern sein breiter fester Stiefel. Zuerst zweifelte er noch, aber Nacht für Nacht stieg seine Gewißheit, daß er dort einzog, von wo sie floh. Er bekam den Tod und sie gewann das Leben, so war es nur recht.

Dann war er eines Tages gewiß, daß es nun an der Zeit sei, auch äußerlich die Verwandlung zu bestätigen. Seine Angst war fort, als er die Tür zu ihrem Zimmer öffnete – ging er nicht in ihr Zimmer? Ging sie nicht in ihr Zimmer? Nun war es, als habe er hier immer gewohnt, ohne Zögern öffnete er Schubladen und Schränke, er zog sich zu diesem ersten Tage ein fröhliches Kleid an, er zog ihr ein hochzeitlich weißes Kleid an. Seine Hand zitterte nicht, als er die langen Strümpfe über das Bein streifte, seine Haut war glatt und frisch, seine Wade schwellte sich jung und fest. Als er fertig mit Anziehen war, ging er in das Zimmer ihrer gemeinsamen Träumereien hinüber, er war so froh, er setzte sich hin und sank in einen tiefen Schlaf. Wieder stand er an ihrem Sarg, nun in ihrem Kleid, und die halb schon Verwandelte, nun richtete sie sich zum Sitzen auf, ihre Wangen färbte ein leises glückliches Lebensrot, sie hob ihre Hand und legte sie auf die seine. Sie streichelte die Hand. Ein unnennbares Glück durchrieselte ihn.

Er ist aufgewacht, noch klopft sein Herz eilig und noch streichelt ihn ihre Hand. Ja, auch im Wachen dauert das Streicheln fort, Wonneschauer überströmen ihn, er kann sich nicht halten, in das Dunkel fragt er: Bist du da, Hete?

Die Ratte auf seiner Hand macht einen Satz und läuft fort. Er hört sie durch das Zimmer huschen. Es ist alles so einfach, es geschieht nichts klarer, es ist nur eine Ratte gewesen. Sie haben die Vorräte auf den Böden vertilgt, sie ziehen sich in die Stuben hinab, dorthin, wo er seine Eßvorräte aufbewahrt. Nichts ist verständlicher. Aber ebenso sicher ist, daß diese Ratte ein Bote von ihr war, ihm zur Belohnung gesandt, daß er auf sich genommen zu tun, was er tat. Er hatte sie recht verstanden, als er die Ratten nicht getötet hatte.

Und die Tage vergehen und die Wochen vergehen und die Monate vergehen. Er weiß nicht mehr, was das ist: Zeit. Die Verwandlung ist fortgeschritten, die Verwandlung ist fast vollendet. Er fühlt: unter seinem Bart trägt er schon ihr Gesicht, nur das eine fehlt, daß sein Bart noch von ihm abfällt. Aber sie ist ungeduldig geworden, sie kann es nicht mehr erwarten, daß sie aus diesem Sarge aufstehen darf, in dem sie schon viel zu lange gelegen. Es fehlt doch nur noch ein Kleines, kann er es denn nicht erraten? Da geht er umher, in ihrer Gestalt, in ihren Kleidern, und immer noch trägt er diesen lächerlichen Bart? Will er etwa nicht verstehen? Ja, da muß sie ihm zeigen, was er zu tun hat.

Sie sitzt in ihrem Sarg, auf ihrer Hand hockt eine Ratte und nun beißt die Ratte zu. Sie reißt einen Fetzen Fleisch von ihrem Finger und läuft davon. Hat er nun verstanden?

Ja, er hat verstanden, aber noch einmal bäumt sich seine Seele auf: das ist zu schwer! Wohl hat er sich schon ganz an die Ratten gewöhnt, bei Tag und bei Nacht laufen sie über ihn hin, sie haben keine Scheu mehr vor dem Einsamen, sie streicheln alle seine Glieder. Er weiß ja, es sind ihre Boten, es sind ihre Hände, die ihn streicheln. Aber dies noch! Nein, dies kann er nicht. Er will es nicht!

Aber da kommt sie nicht mehr, sie bleibt einfach fort, sie läßt den schon fast Verwandelten im Stich, ja, ist es nicht so, als ob sie die Verwandlung wieder rückgängig zu machen beginnt?

Er muß sich entschließen und er weiß ja, daß sein Entschluß vom ersten Tage an, da er mit ihr zusammenlebte, gefaßt war. Er vernichtet den Rest der Eßwaren, er legt sich auf sein Lager, er ist bereit, er wartet. Es dauert viele und viele Stunden, ehe die Ratten sich entschließen, ihm näher zu kommen, sich ernsthaft an ihn zu machen. Er hört, wie sie im Haus umherstromen, sie finden wohl noch hie und da ein Stückchen Leder, irgendeinen Abfall. Aber das kann bei so vielen unmöglich lange vorhalten. Dann kommen sie näher und sitzen auf ihm und huschen über ihn. Es ist unendlich schwer, jene Unbeweglichkeit anzunehmen, die sie verführt. Immer wieder verfällt sein Körper in Zittern. Aber schließlich gelingt es.

Und dann brüllt er los, er springt auf, er schlägt um sich: die erste hat ihn gebissen. Ein scharfer Biß, mitleidslos. Er stürzt aus dem Haus, er läuft zum Kirchdorf. Er hält inne, er kehrt um. Der Weiberrock schlug ihm um die Beine, seine tote Tochter erinnerte ihn. Und auf dem Heimweg ist sein Gehirn schon damit beschäftigt, Mittel zu ersinnen, durch die er die Feigheit seines Körpers bändigen kann. Er ersinnt eine Fesselung, die er sich allein anlegen kann, die mit einem Ruck zuzuziehen, aber dann nicht wieder zu öffnen ist.

Es gelingt. Er liegt bewegungslos auf seinem Lager. Er flüstert: Bist du nun gut, Hete?

Aber Hete kommt nicht mehr. Die erste Ratte beißt ihn und er brüllt wieder. Aber diesmal fliehen sie nur für einen Augenblick, sie begreifen rasch die Hilflosigkeit ihres Opfers, in Scharen sitzen sie auf ihm und benagen ihn. Er brüllt. Wie er brüllt! Er tobt gegen seine Fesseln. Er schreit nach den Menschen und Gott: Hilfe! Hilfe!! Aber unablässig nagen die kleinen scharfen Nagezähne an ihm. Sie fressen ihn auf, Stück für Stück.

Und schließlich, irgend einmal, wird er dann ja wohl still.

Das Haus, in dem sich dies zugetragen haben soll, ist ein gewöhnliches Bauernhaus, roter Backsteinbau, zwei Fenster rechts, zwei Fenster links, in der Mitte die grüne Tür, zu der breite Sandsteinstufen emporführen. Die von dem Öffnen der grünen Haustür in Gang gesetzte Klingel bimmelt endlos. Der Flur, in den man tritt, ist fast dunkel, nur durch eine über der Haustür angebrachte Scheibe fällt mageres trübes Licht, so daß man zur Not einen ungeheuren dunklen Schrank erkennen kann.

Gradezu die immer dunkle, verräucherte Küche mit dem Steinherd und offenem ungeheurem Rauchfang, vor dem Fenster feste Eisengitterstäbe, ganz wie in einem Gefängnis. Die gleichen Stäbe sind auch vorm Fenster der Kammer nebenan angebracht, wo Knechte und Mägde essen, und vor der Mägdeschlafstube im Giebel. Die Bauern haben nie so recht ihren Diensten getraut, besser, sie waren unter Verschluß. Wer keinen Boden zu eigen hat, den hält und bindet nichts. Ein Eisengitter hält fester, bindet sicherer als der kleine Katechismus.

Noch drei Stuben unten: ein kleines Schlafzimmer, ein Zimmer, in dem gegessen und gesessen wird, und die gute Stube rechts, mit Gewehrschrank, Schreibtisch und Rehgehörn. Meistens ist sie verschlossen.

Das Dachgeschoß unter dem schwarzen Schieferdach ist nicht ausgebaut, an Regentagen trocknet hier Wäsche, Gerümpel liegt herum und versinkt Jahr für Jahr unter einer tieferen Staubschicht. Es hat freilich auch mal einen Gäntschow gegeben, der nichts verkommen lassen wollte, der ein Geizkragen war, ein seltener Fall unter diesen Inselleuten, die so rasch lernen, daß sich nichts halten läßt. Ob es ein Sohn oder ein Enkel von jenem so grausam durch Ratten aus dem Leben gekommenen Gäntschow war, weiß man nicht mehr – genug, der Korn-Gäntschow, wie er genannt wurde, konnte sich von nichts trennen, vor allem nicht von seinem Getreide.

Nicht allein, daß er nie auch nur einen Zentner verkaufte, er ließ sein eigen Vieh lieber halb verhungern, ehe er ihm genug Futterkorn gönnte. Er neidete sich, seinen Kindern, seiner Frau, seinen Leuten das Mehl zum Brote, denn er hätte ja schon wieder einen Zentner Roggen zur Mühle fahren müssen.

Unterdessen aber häufte sich auf Stall- und Futterböden das Getreide. Auf den Weizen vom vorigen Jahre wurde die neue Ernte geschüttet, die Haufen stiegen bis zum Dachfirst, rannen die Treppe hinunter, füllten Futterkammer und Banse. Unter dem neuen verkam, verdarb, verschimmelte das alte Korn, fing an zu faulen, stank bis hinunter zur Suhler Landstraße. Was er sich eigentlich dachte, wußte niemand, denn er sprach mit niemandem darüber, und wurde er angesprochen darauf, so sagte er wohl, das Frühjahr sei dies Jahr besonders spät, oder: Was is nich Wachs, und Bienenschiet ist Honig.

Als weder in Scheune noch im Stall, in keiner Kammer, auf keinem Boden mehr Platz zu finden war, schüttete er das Korn auf den Hausboden. Und als auch der voll war, ließ er die Fenster zur guten Stube mit Brettern vernageln, durchschlug die Decke und ließ es hinabrinnen ins Zimmer, bis auch das voll war. Dann kam das Eßzimmer daran, dann die Leutestube. Unaufhaltsam drang das Korn vor, es vertrieb die Menschen von Raum und Raum, es verjagte die Leute mit seinem Gestank, mit seinem unübersehbaren Gefolge von Käfern, Ratten und Mäusen.

Als er schließlich starb, hatte er nur noch allein mit seinem Weibe in einer kleinen Geschirrkammer gehaust. Dort war er auf prall gefüllten Weizensäcken gestorben, vielleicht glücklich.

Viele Wochen dauerte es, bis der Sohn die Getreideernte von rund vierzig Jahren auf die Felder als Dünger gefahren hatte, denn zu etwas anderm taugte sie nicht mehr. Man sagt, daß der sogenannte Pastorenacker am Gäntschow'schen Hof darum der beste Acker von ganz Fiddichow sei, weil er die vierzig Jahre Frucht des ganzen Hofes empfangen habe. Aber es muß für den Sohn ein seltsames Geschäft gewesen sein, als aus dem Moder und Schimmel der Äcker, aus dem Schrumpel- und Brandkorn die aus der Kinderzeit nur noch halb erinnerten alten Möbel wieder auftauchten, zugeschüttet gewesen, und nun wieder auftauchten. Ein alter Schrank, in dem noch die Staatskleider der Mutter hingen, oder ein Bett mit all seinen Decken, Kissen und Laken, dessen Schläfer schon unter der kühlen Erde schlief, seit plötzlich aus der angebohrten Decke vom Boden her die Springwoge der gelben, rötlichen und grauen Körner wie eine Flut hinabbrauste.

Wie alt das jetzt stehende Haus ist, weiß niemand, der Hausbrief stammt nach dem Grundbuch vom 30. März 1847. Einmal hat Malte Gäntschow, nicht der Großvater des Johannes, sondern sein Vater, der auch Malte hieß, den Besuch eines hohen Herren von der Landwirtschaftskammer gehabt, der in dasiger Gegend irgendwelche Kunstdüngerversuche anfangen wollte. Und beim Mittagsessen aus gepökelten Schweinsrippchen, gefüllt mit Mandeln, Rosinen und Backpflaumen, recht fett gebraten, einem rechten Bauernessen – der Herr hat mit sehr hohem Zahn daran gekaut –, hat der hohe Beamte denn auch mit dem Bauern Konversation machen wollen. Er hat gefragt, wie alt denn das Haus wohl sei? Vierhundertsiebenundsechzig Jahre hat Gäntschow gesagt, wie aus der Pistole geschossen. Der Landwirtschaftskammerherr hat etwas hilflos ausgesehen und hat gemeint, so alt hätte er das Haus nie taxiert, so alt sähe es noch gar nicht aus.

Der Bauer hat keine Miene verzogen, sondern ernst gesagt, das mache hier das Klima.

Was?! Daß die Häuser neu aussähen?!

Ja, eben das mache das Klima.

Aber –! Es sei doch allgemein bekannt, daß hier auf der Insel das Klima ziemlich rauh sei, mit schrecklichen Stürmen?

Eben! Und die Seeluft mache es auch.

Aber die Seeluft mit ihrem hohen Feuchtigkeitsgehalt sei doch bekannt dafür, daß sie besonders rasch Verwitterungserscheinungen hervorrufe? Der Herr war ganz verzweifelt über so viel Unwissenheit.

Fragte der Bauer dagegen, ob der Herr denn nicht wisse, daß die Seebäder Fabiansruh und Dreege hier auf Fiddichow immer mehr in Aufnahme kämen?

Ja, das wisse er. Aber er verstehe den Zusammenhang nicht –? Und die Städter wüßten doch Bescheid, sagte der Bauer Gäntschow streng. Wenn die gesund und frisch und wieder heil vom Seeklima würden, wie viel mehr da noch die Häuser, die nicht nur sechs Wochen, sondern immer in diesem gesund machenden Seeklima stünden. Nein, vierhundertsiebenundsechzig sei das Alter, und nicht weniger, wenn man es dem Hause auch nicht ansähe.

Der Bauer aß ernst und streng an seinen Schweinerippchen weiter, der Gast aus der Stadt mußte auch weiteressen und sah den Wirt nur manchmal verstohlen, zweifelnd und verzweifelnd von der Seite her an. Hinterher meinte der Herr in der Vorstandsversammlung vom Fiddichower landwirtschaftlichen Verein, der Bauer Gäntschow bleibe doch wohl besser aus dem Dünge-Versuchsring heraus, er habe ein bißchen sehr rückständige Auffassungen, wie, was? Und der Bauer war denn ja auch mit diesem Resultat ganz zufrieden.

Wie alt das Haus nun aber auch sein mag, ob vierhundertsechzig oder ob sechzig Jahre, jedenfalls stammt es noch mit seinen drei Stuben für eine ganze Bauernfamilie aus einer sehr anspruchslosen Zeit, und da die Gäntschows zwar vielerlei Sparren, aber nie den Bausparren gehabt haben, so ist an diesen drei Stuben auch nie etwas geändert worden. Und sie haben eigentlich Lebenszuschnitt und Lebenshaltung der Gäntschows bestimmt, viel stärker als die Zeiten, mochten die auch einmal für den Bauern sehr gut sein.

Nein, das Haus ist kaum je ein Heim, sondern mehr eine Höhle für die Gäntschows gewesen, in die man sich nur bei schlimmstem Wetter verkroch. Es soll zwar ein Gäntschow gewesen sein, der, bei solch schlimmen Wetter an den Ofen gelehnt, mit einem tiefen Aufatmen das Wort gesprochen haben soll: Ist gut, daß die Häuser so hohl sind, daß Menschen drin wohnen können – aber wenn die Häuser nicht so hohl gewesen wären, die Gäntschows hätten sich auch mit der nächsten Erdhöhle oder noch besser mit dem nächsten Krug beholfen. Die Männer heißt das. Was mit den Frauen geworden wäre, bleibt fraglich, aber nie für den Bauern: über ihre Frauen und wie sie im Leben zurecht kamen und was aus ihnen wurde, haben sich die Gäntschows kaum besondere Gedanken gemacht. Sie sind immer ein Männergeschlecht gewesen, für männliche Arbeit, männlichen Streit. Die Frauen führten daneben ein Schattendasein mit Essenkochen, Kinderkriegen, Hühnerbesorgen. Nicht einmal der Kuhstall wurde ihnen hier zugestanden. Kühe waren schon zu kompliziert für solche Wesen.

Als der Großvater Malte Gäntschow längst Witwer und schon in den Siebzigern war, hatte er einmal eine neue Wirtschafterin zu engagieren. Das fünfundzwanzigjährige Mädchen fragte den weißhaarigen Greisen, was es wohl so zu tun hätte auf dem Hof, und er zählte auf: Essenkochen!

Joa, kann ich.

Hühner besorgen.

Joa, Bur, kann ich.

Wäsch' waschen.

Joa, Bur, kann ich auch.

Schwein einschlachten.

Joa, Bur, kann ich.

Schlafen.

Als wie was? Schlafen –?

Dumme Deern, bi mi slopen, versteiht sick!

Joa, wenn't sin möt, Bur ...

Versteiht sick.

Joa, wenn't sin möt, Bur, kann ick.

Nein, keine Probleme, es kam, aber es kam als letztes, hinter den Hühnern und dem Einschlachten.

Dieser alte Malte Gäntschow ist es übrigens auch gewesen, der sich statt einer Kuh eine Frau gekauft hat, und noch dazu auf dem Festlande drüben, woher die Fiddichower sich im allgemeinen nicht ihre Frauen holen. Alle Jahre bis zu ihrem frühen Tode in einem Kindbett hieß die junge Frau statt ihres christlichen Taufnamens Justine die Silberkuh, und das kommt von der Sache mit den Silberkühen, über die die alten Leute der Insel heute noch zu erzählen wissen.

Damals, als der noch ganz junge Malte Gäntschow unverheiratet nach seines Vaters Tode den Hof übernahm, also vor fast hundert Jahren, hatten die Bauern auf Fiddichow noch nicht das schöne schwarzbunte Niederungsvieh mit seinen hohen Milcherträgen wie heute, sondern struppige, rotbraune Kühe, klein wie Ponys. Sie gaben wenig Milch und waren wild und ungebärdig wie die Katzen.

Es verbreitete sich aber über die Halbinsel Fiddichow das Gerücht, daß jetzt drüben auf dem festen Lande eine andere Art Rind aufkäme, schwere, tief gebaute Rinder mit breiter Brust, mit einem Rücken gerade wie ein Eschenstamm, mit kurzen silbrigen Hörnern, gutartig, fromm, hoch in der Milch und mit einer nie vernommenen Sahnenausbeute. Das Gerücht mag mit den Holzfahrern aus den Buchenwäldern Jasmunds über die Kerbe gekommen sein. Oder Fischer, die nach Stralsund mit ihren Böten gefahren waren, mögen es mitgebracht haben. Jedenfalls, keiner, der davon sprach, hatte das Vieh mit eigenen Augen gesehen, konnte sagen, auf welcher Hofstätte, in welchem Dorf es denn nun eigentlich stand.

Aber je weniger Deutliches man wußte, um so mehr wuchsen die Gerüchte, die im Schwange waren, die Bullen wurden zwanzig, ja fünfundzwanzig und dreißig Zentner schwer, wahre Urtiere, die durch die Tür keines Fiddichower Stalls zu bringen gewesen wären. Die Milch der Kühe floß aus einem übergroßen Euter so reichlich, daß man nicht mit einem, nein, mit zwei Melkeimern zu jeder Kuh kommen mußte, und daß ein starkes Mädchen von dem Melken zweier Kühe müde werden sollte. Was aber die Farbe anging, so wurde allmählich aus den Silberhörnern eine ganze Silberhaut. Ohne Flecken, schlohweiß sollten die Tiere sein, mit einem Glanz des Fells, von dem man noch nie vernommen.

Die Bauern saßen in den Schenken und hörten mißtrauisch und grinsend auf dies Gerede, zuerst waren es ja keine Bauern, die davon sprachen, sondern fahrendes Volk: Fuhrleute, Fischer, auch die braunen Zigeuner in ihren grün gestrichenen Wohnwagen. Sie horchten darauf, als erzählte man Erwachsenen Kindermärchen, und sie fragten wohl auch, ob der Erzähler sich nicht verguckt hätte und dem Elefanten aus dem Naturgeschichtsbuch im Traum begegnet wäre. Eine Weile waren die Wörter Elefantenmilch und Elefantenkäse beliebte Wörter für Lügen auf der Insel. Allmählich aber entzündete sich die Phantasie der Leute an diesen Geschichten, es gab in jenen Tagen so viel Neues, das erste Dampfboot hatte fauchend und qualmend im Rieker Hafen gelegen, neuartige Ackergeräte ganz aus Eisen waren aufgetaucht, und man sprach davon, daß die Schafwolle nichts mehr gelte, sondern daß eine andere Wolle, die auf Pflanzen wüchse, alle Schafe ausrotten würde. Die Spötter verstummten allgemach, ein und das andere vorsichtige Wort fiel, man solle doch einmal solch ein Tier mitbringen, über den Preis werde sich schon reden lassen. Oder man solle doch wenigstens genau verkünden, wo solche Tiere zu sehen seien.

Natürlich waren es mehr die jungen Leute, die solche Äußerungen taten, die älteren hüteten sich wohl, ihren langsam erworbenen Ruf der Erfahrung und Weisheit durch irgendein Eingehen auf solches Gerede zu gefährden. Unter den jüngeren war es aber nun am meisten der Malte Gäntschow, der sein Herz an diese Geschichten hing. Er bedrängte alle, die etwas wissen konnten, mit Fragen, was die Silberkühe für Klauen hätten und ob sie wohl auch das stark mit Schilf versetzte Heu der hiesigen Wiesen fressen möchten. Die vagen Auskünfte befriedigten ihn immer weniger, er gab den Fahrenden fleißig Aufträge mit. Aber übers Jahr kamen nicht wieder dieselben Zigeuner, sondern ein anderer Trupp. Die Holzfahrer wollten wohl Botschaft bis Bergen oder gar bis Stralsund gesandt haben, aber es kam nie eine Antwort auf diese Botschaft, sondern nur ein anderes Gerücht. Und was die Fischer anging, so hatten sie mit ihrem Heringsverkauf zu viel zu tun, um auf die Suche nach Silberkühen zu gehen.

Malte Gäntschow war auch darin ein echter Gäntschow, daß er von einem Gedanken, von einem Wunsch, der ihn einmal angefaßt hatte, nicht wieder los konnte: er dachte Tag und Nacht an die Silberkühe. Eines Abends im Frühjahr – es wurden grade die ersten Kartoffeln gesteckt – sagte er im Kirchdorfer Schwedischen Hof: so, nun habe er es satt, nun gehe er selbst auf die Suche nach den Silberkühen. Und er komme nicht eher zurück, er hätte denn eine.

In der Nacht noch weckte er Mutter und Vorknecht, übergab ihnen auf unbestimmte Zeit den Hof und alles, was sein war, und saß morgens um fünf, gut mit Proviant und Geld versehen und mit einer festen Düffeljacke angetan, in seinem Boot und segelte mit dem schwachen Sonnenaufgangs-Wind auf den Rieker Bodden hinaus.

Malte Gäntschow hatte nur ein kleines Schwertboot, aber der Rieker Bodden ist weder sehr breit noch sehr tief. Malte mußte auf engstem Fahrwasser ständig kreuzen, und so dauerte es viele Stunden, bis die Rieker Feldsteinkirche am Horizont versank. Vom Wasser schlug ein kühler Hauch hoch, gegen Mittag frischte der Gegenwind auf, der Rassower Strom, in dem er nun segelte, war noch schmäler.

Immer mehr trieb er zum öden, verlassenen, urwaldhaften Bug hinüber, hinter dem Röhricht standen einsame Fichten – der Bauer war froh, als er in der Dämmerung das Fiddichower Posthaus in Sicht bekam, und er hatte alle Mühe, verklammt wie er war, das Boot ordentlich an Land zu bringen und zu vertäuen. Es knackte und krachte in seinem Rücken, als er sich aufrichtete zum Gehen, und die rechte Hand, die den ganzen Tag die Segelleine nicht hatte loslassen können, war gar nicht wieder grade zu bekommen.

Aber kaum saß er im Posthaus bei den alten Gierkes, die froh waren, in ihrer Einsamkeit endlich einmal einen Menschen zu sehen, so fing er an, sich vorsichtig nach den Silberkühen zu erkundigen. Gradezu mochte er ja nicht sagen, daß er auf solcher Suche war, so berichtete er nur kurz, er fahre auf Stralsund zu einem Vetter, fragte dann nach Neuem und bekam wirklich mancherlei Nachrichten von der Insel Hiddensöe, wo die Winterstürme auf dem flachen Neuendorfer Ende, namentlich auf dem Gellen, schweren Schaden angerichtet hatten, ja, die ganze Insel sollte beinahe in zwei Stücke zerbrochen sein.

Aber nichts von den Silberkühen – und als er nun selbst die Sprache auf das brachte, was man bei ihnen auf Fiddichow erzählte, da nickte die uralte Großmutter auf der Ofenbank und erzählte mit ihrer hellen Altweiberstimme: ja, sie wisse das wohl, sie gedächte dessen. Ihre Urahne schon habe ihr von den schlohweißen Silberkühen erzählt, früh, urfrüh, in ihren kleinsten Kindertagen. Und es seien die heiligen Kühe Friggas, der Gattin Odins, der Göttin der Fruchtbarkeit und des Hausstandes. Kein Mensch dürfe sie besitzen, wer sie aber einmal erschaue, dem gedeihe alles ausnehmend wohl, ihm wie seinen Kindern und Kindeskindern.

Malte Gäntschow ging mit einem schweren Zorn hernieder auf seine Strohschütte, er war einen Tag gesegelt, um Sicheres zu erfahren, und er erfuhr alte Sagen von einem uralten Weib. Das war schlechte Vorbedeutung, und richtig, als er am nächsten Morgen in seinem Boot saß, war der Wind noch widriger als am Tage zuvor. Zudem ist es da eine besonders böse Ecke: ist man am Buger Haken vorbei, so kommt der Wind mit aller Gewalt von der hohen See über die Insel Hiddensöe fort und versucht die Boote nach Fährort zu treiben.

Er mühte sich viele Stunden, zwischen Steinort und Hiddensöer Fährinsel durchzuschlüpfen. Aber es schien ganz umsonst, bis sich schließlich doch gegen Abend der Wind günstiger drehte und ihn durch die Enge in den Schaproder Bodden schoß. Hier, zum Schluß seines zweiten Fahrtages, fuhr er dahin mit Rückenwind, ohne die Segelleine anzurühren. Die Wellen klatschten Kumm! Kumm! an sein Boot, und erst in tiefer, von Sternen kaum durchleuchteter Dunkelheit ließ er sein Fahrzeug auf einem flachen Ufer auflaufen. Er meinte, er sei nun wieder auf der Insel Rügen gelandet, in Wahrheit aber hatte er auf der kleinen Schaproder Oie angelegt, die damals noch nicht mit dem Dorf Schaprode durch eine Brücke verbunden war, sondern ein ausnehmend düsterer, dick mit kurzem Kiefernwald und sparrigem Weidengestrüpp bestandener Erdenfleck war, auf dem zwei seltsame Menschen lebten.

Es waren dies aber zwei alte Fräulein, Elfriede und Frieda Nipperwiese, Töchter eines zugrundegewirtschafteten und am Dauersuff dann verstorbenen Gutsbesitzers von der Halbinsel Mönchsgut. Von all seinem schönen ehemaligen Besitz hatte der Vater den beiden armen Unverheirateten nichts hinterlassen als dieses häßliche unbrauchbare Inselchen, das er einmal beim Trinken oder vielmehr im Betrunkensein einem Schaproder Bauern abgegaunert hatte. Jahre hindurch hatten die beiden alten verängstigten Mädchen den Niedergang der geliebten Heimat erlebt: die zerfetzten Strohdächer, die Wände, aus denen Fach um Fach fiel, die abgehauenen Prachtbäume, verkommende Äcker, schwindendes Vieh, Schandmähren statt Treckpferden, Wagen ohne Räder, leere Speisekammern, außer Betrieb gesetzte Butterfässer.

Statt Freundschaft und Nachbarschaft waren schmutzige Händler mit Schafpelzen ins Haus gekommen, die laut und zornig, Papiere in der Hand, redeten und selten ohne ein Stück ihrer Habe fortgingen. Die Diensten waren in alle Welt gelaufen, da sie sich nicht mehr satt essen konnten, und statt ihrer waren Gerichtsboten mit Amtsmützen aufgetaucht, die ständig Stempelpapiere zur Unterschrift vorlegten und das Hoftor mit Versteigerungsankündigungen vollpflasterten. Was Wunder, daß sich die beiden alten Fräulein, von ihrem immer betrunkenen Vater, an dem sie mit unwandelbarer Liebe hingen, stets belogen, nicht mehr in dieser Welt zurechtfanden, daß sie glaubten, jeder Mensch sei ihr Feind, und daß sie mit einem wahren Aufatmen nach dem Tode ihres Vaters auf die kleine einsame Schaproder Oie flüchteten, auf die nie ein Mensch kam.

Dort stand ein alter Viehstall mit einer Knechtekammer daneben, hier richteten sie sich mit den Resten ihrer Habe, einer halb verhungerten Kuh und ein bißchen Gartengerät ein. Sie brachen inmitten der Kiefernkuscheln ein Stück Roggenacker für sich um, dessen Körner sie in ihrer Kaffeemühle zu einem groben Mehl mahlten, sie führten am Strick die alte Kuh ins schilfige Ufergras, und sie waren in ihrer Einsamkeit so glücklich, wie es Menschen grade nach schweren Stürmen sein können.

Aber es war, als gönne ihnen das Schicksal nicht einmal diese dürftige Einsamkeit. In Stralsund, im Kloster zur heiligen Anna, dem fast ein Viertel der Insel Rügen gehört, besann sich irgendein Schreiberling darauf, daß jenem Schaproder Bauern die Oie gar nicht gehört, sondern daß er nur ein Erbpachtrecht auf sie besessen habe. Da wurde sich hingesetzt, da wurde den beiden alten Damen ein Brief geschrieben, und als auf den Brief keine Antwort kam, verkündete man ihnen den Streit. Post- und Gerichtsboten wurden nun auf die kleine Insel mit ihren Schreiben und Zustellungen gesandt. Die beiden alten Mädchen glaubten indes, der Feindteufel lasse ihnen auch hier in der letzten Dürftigkeit, auf dem wüstesten Land, auf dem noch keiner hatte sitzen mögen, keine Ruhe, und sie gerieten zuerst in eine große Verzweiflung mit endlosen Tränen und viel Schluchzen. Später aber besannen sie sich auf ihren Kaufvertrag, holten ihn aus ihrer Truhe, besahen ihn, prüften ihn, lasen ihn, und kamen zu dem Ergebnis, daß es nur äußerste Bosheit ihrer Widersacher sein könne, ihnen ihr kleines restliches Erbgut nicht zu gönnen.

An diesem Gedanken erstarkte der Mut der Schwachen, mit sich und ihrem Herrgott waren sie einig, und so erinnerten sie sich an einen urweltlichen Schießprügel ihres Vaters, der so verrostet und verkommen war, daß sich kein Käufer dafür hatte finden lassen wollen. Mit dieser verstummten und ungeladen bleibenden Donnerbüchse bewaffneten sie sich abwechselnd und hielten scharfe Wacht hinter den Kiefern auf der Inselseite gegenüber dem Dorf Schaprode.

Der erste, der den kriegerischen Geist der Inselbewohner zu spüren bekam, war ein junger, nicht sehr heller Häuslerbengel aus Schaprode, den der Briefträger, dem längst das Gezeter der Inselbewohnerinnen über geworden war, mit der Besorgung eines Briefes betraut hatte. Kaum war sein Boot im seichten Inselwasser aufgelaufen, so sah er zu seinem Schrecken hinter einem Kiefernbusch ein altes wüstes Weib mit wilden weißen Haarzotteln im spitzen Gesicht hervorstürzen, eine Büchse schwingend und dabei wilde Schreie wie ein Raubvogel ausstoßend. Ehe er sich noch besonnen hatte, fühlte er den Flintenlauf auf der Brust, und eine fast geisterhafte Stimme befahl ihm, sich von hinnen zu machen und nie wieder diesen Strand zu betreten.

Da der Bengel nicht eben zu den Mutigsten gehörte, so stieß er sein Boot mit solcher Gewalt vom Ufer ab, daß er beinahe mit einem einzigen Stoß das bergende heimische Schaproder Ufer erreichte. Um aber seine Niederlage vor einem alten Weibe dem Dorfgespött zu verheimlichen, machte er aus seiner Flucht ohne Gegenwehr einen wilden Kampf, bei dem ihm die Schrote nur so um die Ohren gepfiffen seien.

In Schaprode kam man zu der Ansicht, daß die alten Hühner da drüben vollkommen verdreht geworden seien, und sandte den unbestellbaren Brief mit einem kurzen, aber inhaltvollen Bericht des Gemeindevorstehers an das Kloster zur heiligen Anna in Stralsund zurück.

Aber ehe hierauf noch etwas erfolgte, hatte der Gerichtsbote Eleazar Zörrgiebel eine Zustellung bei den beiden Fräulein Nipperwiese anzubringen. Ganz ungewarnt nahte sich dieser gute, etwas behäbige Mann, mit seinem Boot von Udars kommend, dem Gestade der Oie, wo er auch noch das Unglück hatte, grade zur Ablösung der Wache zurecht zu kommen. Er sah sich also nicht einer, sondern beiden Nipperwiese gegenüber, dazu einem drohenden Schießeisen und einer an einem Strick wild daher stürmenden Kuh. Denn die beiden Mädchen hatten sofort das verhaßte Mützenrot erspäht und waren, ohne alle theoretischen Kenntnisse in der Strategie, zum Überrumpelungsangriff übergegangen.

Ehe der gute Mann noch wußte, was eigentlich los war, hatte er drei oder vier kräftige Steine in Boot, Brust und Weiche, eine wild brüllende Kuh hatte versucht, mit ihren Vorderbeinen zu ihm in den Kahn zu klettern, was einem Schiffbruch mit schmählichem Ersaufen gleich gekommen wäre, und eine nicht weniger wild schreiende zweite Alte hatte ihm den Schießprügel vor den Brustkasten gestoßen, daß er von der Bank auf den Bootsboden sank.

Als er ächzend, an vielen Stellen blutrünstig und blau, wieder zu sich gekommen war, trieb er weit draußen auf dem Schaproder Bodden, und die schreckliche Oie lag nur noch fahl zusammengekrochen wie ein Untier am helleren Horizont.

Dieser Bericht wurde zu Stralsund mündlich erstattet, und mit so viel Zorn und ehrlicher Entrüstung, wie sie ein sonst nicht mehr leicht zu kränkendes Gerichtsbotenherz nur aufzubringen vermag. Die Folge war, daß schon nach einer Woche ein schwerbewaffneter Gendarm, von einem Hund groß wie ein Bullenkalb begleitet, nach der Schaproder Oie abgeordnet wurde.

Dort war die kriegerische Stimmung infolge der gewonnenen Schlachten bis zur Siedehitze gestiegen, und die beiden alten Fräuleins hatten beschlossen, fürder nicht einen Menschen mehr, er möge wollen, was er wolle, den heiligen Strand ihres Eigentums betreten zu lassen. Leider mußte aber trotzdem der Wachtdienst für eine Weile unterbrochen werden, denn Fräulein Elfriede, die beim Abstoßen des feindlichen Bootes unversehens in tiefes Wasser geraten war, wurde von einem besonders schweren und schmerzhaften Anfall ihres Rheumatismus heimgesucht. Einige Linderung gewährten ihr – neben der Freude über den errungenen Sieg – warme Moorschlammwickel, aufgelegt durch ihre Schwester Frieda.

Als der Mißgeschicke bösestes mußte grade in das Auflegen eines solchen heißen Moorwickels der Landgendarm mit seinem Hund hineingeraten. Er war in den Stall eingetreten, ehe sie es sich versahen. Die Kranke stieß einen wilden Schrei aus, halb aus Schmerz, denn sie hatte sich ungeachtet ihres Leidens aus dem Bett auf den Eindringling stürzen wollen, viertel aus Scham, da sie wegen des Wickels entblößt war, viertel aus Kampfeslust. Die andere Schwester war wild auf die Büchse, Kranke und Wickel vergessend, zugeschossen, der Landgendarm sagte höflich guten Tag, der Bullenkalbhund bellte wild die Kuh an, die ihm das Horn zuneigte, der Stall war von einem Wirrwarr von Geräuschen erfüllt. Da hatte schon der Mann das gefährliche Schießgewehr dem schwachen weiblichen Arm entwunden, hatte aber auch auf den ersten Blick gesehen, was von den Fabelmärchen von spritzenden Schroten und knallenden Schüssen zu halten war. Aus dieser Büchse war seit einem Vierteljahrhundert kein Schuß abgegeben worden, und sollte so etwas je versucht werden, würde der Schütze jedenfalls nicht mit dem Leben davonkommen.

Und während der besonnene Mann den Hund zur Ruhe brachte, die Kuh aus dem Hause trieb, dabei sein Gesicht gegen die Nägelangriffe des alten Fräuleins verteidigte, fand er sogar noch die Zeit, eine Art Vernehmung anzustellen, bei der ihm die Größe der Verwirrung, der Armut und des Jammers, die in diesem alten Kuhstall untergekrochen waren, so recht klar wurde.

Der Landgendarm muß nicht nur ein sehr besonnener, sondern auch ein sehr rechtlicher Mann gewesen sein, mit einem Gefühl für die Kreatur, denn auf seine Schilderung hin wurde der unsinnige Prozeß um ein wüstes Stück Land abgebrochen (die verdrehten Olschen werden ja doch bald sterben, und ohne Erben sind sie auch), ja, die Bevölkerung der Umgegend wurde ausdrücklich verwarnt, den Boden der Schaproder Oie zu betreten. Diese weisen Entschließungen hatten nur den einen Fehler: sie wurden den am tiefsten Betroffenen nicht mitgeteilt.

Nach der Gesundung von Elfriede setzten die beiden ihren aufreibenden Wachtdienst fort, wobei sie jetzt statt des konfiszierten Schießgewehrs die viel gefährlichere Mistforke mit sich führten. Und wenn sich auch Jahr für Jahr kein Feind mehr sehen ließ, das durch so viel bittere Erfahrungen entstandene Mißtrauen ließ sich nicht wieder einschläfern. Diese Stille war das Allerverdächtigste und verbarg nur schlimmste Pläne einer feindlichen Welt.

So beschaffen waren nun die Bewohner des Strandes, auf den Malte Gäntschow ahnungslos in sinkender Nacht sein Boot auflaufen ließ. Der junge Bauer tastete sich im Sternenlicht mühsam etwas entlang, von dem seine Füße glaubten, es sei ein Pfad. Die Zweige der niedrigen Kiefern schlugen gegen ihn und wuschen Gesicht und Düffeljacke mit reichlichem Tau. Als er noch auf See in Nähe des Strandes gewesen war, hatte er ein spärliches rotes Licht in der Schwärze zu sehen gemeint. Jetzt aber war es fort, nichts war um ihn als tiefste Nacht. Die Sterne flimmerten, es würde eine kalte Nacht geben, an Draußen-Schlafen war nicht zu denken.

Verbissen drängte er sich durch das widerspenstige Buschholz, er meinte, es sei hier wie auf Fiddichow, wo fast die ganze Küste von einem schmalen Streif Kiefern gesäumt ist, der das Verwehen des Dünensandes auf die Felder hindern soll. Nach einer Weile hatte er aber jeden Pfad und jede Richtung verloren, er stand keuchend da, dann warf er sich wieder mit aller Wucht ins Gehölz. Die dürren Äste brachen krachend ab, um ihn wurden die Waldgeräusche laut: ein auffahrender Vogel, irgendein Huschen am Boden. Als er einen Augenblick still stand, hörte er deutlich das warnende Klopfsignal eines Karnickelrammlers in seinem Bau. Dann meinte er, es vor sich etwas heller werden zu sehen. Mit einem Schwung warf er sich durch die letzten Stangen – und stand wieder an der See, die leise plätschernd auflief.

Er fluchte laut. Dann beschloß er, am Strand entlang bis zu seinem Boot zu gehen, machte drei Schritte und blieb wieder stehen: in welcher Richtung sollte er denn nun eigentlich das Boot suchen? Sein Ortssinn wollte ihm einreden, das Boot müsse in seinem Rücken liegen, aber das war ja unmöglich, konnte vorn und hinten die See sein? Ja, vielleicht, wenn er auf einer schmalen Landzunge war.

Es wurde immer frischer, er schauderte, durchtaut wie er war. Dann ging er einfach in einer Richtung los, jedes Gehen war besser als dies tatenlose Umherstehen. Aber wenn er sich auch auf diesem Wege beschimpfte, das Licht, auf das er von der See hingehalten, nicht besser ausgemacht zu haben, auf den Gedanken, nun etwa die ganze Fahrt nach den magischen Silberkühen zu verfluchen, kam er nicht. Diese Fahrt war gut, wenn auch der Fahrer schlecht war.

Plötzlich fuhr er zusammen. Dort waren Lichter, nicht eins, sondern sieben, acht, neun, ein ganzes Dorf lag dort unter dem hohen Nachthimmel, friedlich geduckt, flimmernd mit Lichtern aus warmen Stuben – aber die See war dazwischen. Nicht viel, kaum mehr als ein breiter Flußarm, im Sommer ohne weiteres zu durchschwimmen. Aber er mußte ja am Rande einer Bucht stehen, ging er in derselben Richtung fort, so kam er um die Bucht herum und in das Dorf.

Wieder ging er los, hundert Schritt weit schien es, als biege die Küste um, näher schimmerten die Lichter, dann kam ein Knick, Gebüsch, Wald schoben sich dazwischen, die Lichter waren fort.

Er kehrte wieder um. Da lag es von neuem, das Dorf mit seinen Lichtern, wütend starrte er hinüber, einen dicken Ast, der ihm die Mütze vom Kopf fegen wollte, riß er ab und schlug damit wild auf die Ufersteine los. Dann pumpte er seinen Brustkasten voll Luft, legte die Hände an den Mund und schrie: Hol über!

Er schrie drei Minuten, er schrie fünf Minuten, er schrie unermüdlich Hol über, die Lichter blinzelten. Dann ging eines am linken Dorfende aus, dann eines in der Mitte. Er stand in atemloser Wut.

Plötzlich war es ihm, als riefe etwas hinter ihm, nicht sehr weit ab: Halloh! Er fuhr herum, lauschte. Es war richtig, eine helle hohe geisterhafte Stimme rief nicht sehr entfernt: Halloh!

Mit einem Ruck warf er sich wieder ins stachlige Geäst, die Stimme rief unermüdlich weiter: Halloh! Halloh! Brechend, tretend, selber rufend, kam er ihr näher, wieder wurde es heller, die Geisterstimme rief noch einmal Halloh! ... er brach durch die letzten Büsche, wieder stand er am Wasser, die Stimme war verstummt. Er rief, er rief, alles blieb stumm. Aber er war doch sicher, der, der eben noch gerufen hatte, mußte ja in seiner allernächsten Nähe sein, er fragte halblaut: Ist hier jemand?

Nichts, nichts. Und plötzlich etwas wie ein leises Rascheln.

Ja?! schrie er schreckhaft.

Ein ruhiger Mann stand da, mit erhobenem Arm. Er ging zögernd auf ihn zu, er fragte: Haben Sie gerufen? Der Mann antwortete nicht, er ging noch einen Schritt, noch einen, fragte: Ja?

Der Mann stand drohend und schweigend da, nun berührte er seinen Rock – nein, es war eine Weide.

In diesem Augenblick fing es wieder an zu rufen, nicht übermäßig entfernt, aber doch immer so weit, daß es unmöglich der Rufer von eben sein konnte. Er stand da, er fühlte ein Schaudern, Kindergeschichten, Spukgeschichten fuhren durch seinen Kopf. Er erinnerte sich an eine Erzählung seines Vaters. Der war durch das Kirchdorf gegangen, die alte Behn hatte mit dem Reiserbesen vor ihrer Katentür gestanden. Plötzlich war sie vor den Augen seines Vaters fort gewesen, und ein Kolkrabe war schwarz und krächzend von der Schwelle hoch geflogen.

Das hatte sein Vater noch mit eigenen Augen gesehen, und seitdem war die alte Behn von ihm zum Besprechen des Viehs in den Stall geholt worden.

Die geisterhafte helle Stimme rief und lockte Halloh! Halloh! Er schüttelte alles von sich ab, rief einmal kurz Halloh und machte sich von neuem auf den Weg durch das Unterholz. Mit dem Wasser hier, nicht nur mit der Stimme, war es komisch, wohin er auch lief, er kam auf den Strand. Ihm dämmerte, daß es wohl ein Inselchen sein könnte, er machte kurz kehrt, befreite sich aus dem Gestrüpp und ging, so leise er nur vermochte, das Ufer entlang.

Erst schien er von der Stimme abzukommen, aber dann klang sie rasch näher und näher. Er schlich immer sachter und langsamer, sie rief, rief jetzt in längeren Abständen ihr Halloh. Er war sehr nah an der Stimme, aber es war auch sehr dunkel, da der Wald beschattend bis dicht an den Strand trat. Er glaubte etwas Weißliches, etwas Graues zu sehen, er stand atemlos. Ja, da hob das Graue etwas wie Arme zum Mund, schrie Halloh – mit einem Sprung wollte er darauf zu. Und fühlte sich von hinten geisterhaft gehalten.

Eine Sekunde erstarrte alles in ihm vor panischer Angst, dann spürte er die Schwäche der klammernden Arme, er riß sich herum und los. Mit einem leisen Aufschrei stürzte sich der Schemen wieder auf ihn zu, er kriegte ihn am Arm zu fassen – ach, ein Weib, nur ein Weib!

Er griff fester. Und ein zweiter Schemen stürzte herbei, streifte ihm die Mütze vom Kopf, riß wild an seinen Haaren, daß er unterdrückt aufschrie ... Dann spürte er einen grimmigen Biß in der Hand, die den ersten Schemen noch hielt ...

Mit einer gewaltigen Anstrengung riß er sich los, schlug blindlings um sich und stürzte in das rettende, bergende Kieferngestrüpp. Der Spuk blieb hinten.

Er preßte sich zwanzig, dreißig Schritte weit durch die Stämmchen durch, stand lauschend. Alles war still, nur ein bißchen Nachtwind in den Zweigen, der Spuk verblasen, zerstoben. Ziellos machte er noch drei, vier Schritte – und da war das Licht vor ihm, das rote spärliche Licht, das er von der See gesehen hatte!

Er stand atemlos vor Überraschung, erlöste Freude wollte aufkommen und zerging wieder, alles verzerrte sich ins Unwirkliche, die hallohenden Hexen, die Hand, die vom Biß schmerzte, der nächtliche Kampf mit dem Kieferngestrüpp – und nun dies einsam glühende Licht in einer kleinen Waldöffnung, auf der es totenstill war.

Trotzdem ging er leise näher, nun unterschied er den rechtwinkligen Umriß einer unverglasten Öffnung, hinter der es heller war von dem Licht. Aber sie saß hoch in einer Wand, an die er stieß. Er tastete sich um die Hütte. An einer Stelle griffen seine Hände gegen buckliges Glas, aber es war dunkel dahinter.

Schließlich kam er an eine Tür. Er rüttelte daran, sie ging auf. Es war eine Art Scheune, Tenne, Stall, von allem etwas, es lag Heu hier und gedörrtes Schilf, es stand aber auch eine Kuh hier, die mit leisem Muhen ihm den Kopf entgegen hob.

Er trat einen Schritt zurück, aber trotzdem das Licht des Kienspans über der Feuerstatt so schlecht war, er hatte es doch gesehen: es war eine Kuh, wie er sie nie geschaut. Keine Silberkuh, wie auch sollte ein Frigga heiliges Tier in dies Hexenhaus kommen?, aber eine ungeheure, knochige, schwarzweiße Kuh, mit einem großen staubigen Kopf und festen kurzen schwarzen Hörnern. Etwas wir Frohlocken erfüllte sein Herz, er war auf dem richtigen Wege, der erste Fund war gemacht.

Er umschritt die Kuh. Sie war nicht ganz so groß, wie er in dem unsicher schwelenden Licht zuerst gedacht, aber sie war viel größer als die Kühe daheim. Er streckte eine vorsichtige Hand aus, berührte erst die Haut mit einem, nun mit allen fünf Fingern. Dann zog er die Haut prüfend von den Rippen, sie widerstand, sie war wie festgewachsen daran, es mußte eine uralte Kuh sein. Plötzlich dachte er an den Blick ihrer Augen, mit dem sie ihn angesehen hatte. Er ging wieder nach vorn. Jawohl, diese Augäpfel waren nicht dunkelsamtig wie bei andern Kühen, sie waren hell weißblau, sie ähnelten den Augenkugeln gekochter Fische. Die Kuh war blind.

Dies erschreckte ihn nicht, es beruhigte ihn. Das Tier war zwar unzweifelhaft von den Hexen betreut, aber allen irdischen Gebrechen unterworfen und nicht verhext. Seine Unternehmungslust kehrte zurück. Er gedachte des großen weißen Euters mit den vier langen, wohlgebildeten Strichen, während doch die Melkerinnen daheim sich mit kurzen, ewig wegrutschenden Zitzen abquälen mußten, er beugte sich prüfend über das Euter ...

Den beiden erschreckten, zerschlagenen Fräulein Nipperwiese an der Tür sank das Herz immer mehr. Eine Weile hatten sie schon glauben wollen, der nächtliche Eindringling auf ihrer Insel sei wirklich nur ein verfahrener Fischer, dem ein tüchtiger Nachtschrecken das Wiederkommen auf immer verleiden würde. Wer aber sich so mit einer Kuh abgab, wer so das Fell von den Rippen riß, um zu sehen, ob auch Fett dazwischen säße, wer so am Euter herumtastete, den kannten sie! Solche hatten sie oft genug, viel zuviel in des seligen Papas Viehstall gesehen. Sie waren zum Äußersten entschlossen, denn die alte Schwarzbunte war ihre rechte Nährmutter und Erhalterin. Nie sollte sie mit irgendeinem Gerichtsboten davongehen! Das sagte Friedas wie Elfriedes Blick.

Während Frieda im Rücken des Mannes zum Kienspan huschte, schlich seitlich Elfriede zu der Mistforke, die drei Schritt weiter an der Wand lehnte.

Plötzlich erlosch das Licht mit einem Funkenregen, als sei es aus dem Ring gestürzt. Der Bauer fuhr auf, horchte in die raschelnde Stille – da traf ihn der Stich der Forke in die Seite.

Er brüllte auf, stürzte auf die hellere Türöffnung zu, rannte etwas, das leise und schmerzvoll aufseufzte, über den Haufen, gewann das Freie. Er taumelte, halb betäubt von Schmerz, erfüllt von wahnsinniger Angst, eine Art Pfad hinab, sich an Bäumen stoßend, sich an Bäumen haltend. Er war am Strand, kein Licht blinkte, aber etwas Schwarzes lag auf dem dunklen Wasser. Er stolperte darauf zu, er fiel hinein, er griff nach der Ruderstange, stieß das Boot ab ... Die Stange entglitt ihm, er wäre ihr beinahe nachgestürzt, aber das Boot trieb schon. Schwer aufseufzend setzte er sich auf den Boden, legte seinen Kopf gegen die Heckkiste, murmelte: Verfluchte Insel! Verhexte Hexen! Und wußte nichts mehr. –

Der Leuchtturm von Barhöft steht toteneinsam auf dem äußersten Punkt einer Halbinsel nördlich von Stralsund. Auf ihn zielt von Norden der Vierendehlstrom, aber, ehe er an die Küste kommt, teilt er sich, und sein einer Ausläufer verliert sich südöstlich im Mühlentief, das an den Flundergrund stößt.

Hier war an einem frühen Sonntagmorgen ein Mädchen allein mit einer sonderbaren Art Boot unterwegs. Es war geradeheraus gesagt nichts anderes wie eine große Waschbutte, und daß es die wirklich war, bewies der Pflock, der das Loch verschloß, aus dem die Weiber das schmutzige Waschwasser fortlaufen lassen. Nur war jetzt der Pflock nicht von unten, sondern von oben in die Butte getrieben, und da saß er nun recht schön zwischen den beiden Knöcheln des Mädchens. Das Mädchen hatte in seiner Butte oder Balje nichts wie ein kleines Plätscherruder, mit dem es vorsichtig zugleich ruderte und steuerte.

Es war noch sehr früh am lieben Sonntagmorgen, kaum fünf, aber die Sonne schien schon lieblich, der Himmel war klar und die See so glatt wie ein sauber aufgelegtes Tischtuch. Das mußte sie aber auch sein und dazu mußte man auch noch so geduldig still sitzen wie dieses Mädchen, ohne auch nur ein einziges Zentimeterchen nach rechts oder links zu rücken, sonst würde die Waschbalje nur ein einziges Mal kippeln, rasch tief aufseufzen und leer sein. Es gehörte schon jahrelange Übung dazu, sich in solchem Ding so weit auf die See hinauszuwagen, und doch hätte es das Mädchen trotz aller jahrelangen Übung nicht getan, wenn es sich nicht endgültig und fürchterlich mit Onkel Walli verzankt hätte.

Onkel Walli nun war der von der verstorbenen Elternschaft eingesetzte Verwalter des Hofes in Solkendorf (unterhalb des Leuchtturms von Barhöft), der Vormundschaft, Ackerbau und Viehzucht verantwortlich auszuüben hatte, bis dermaleinst Justine ihren Justus oder wie er eben heißen würde, heiraten und sich damit aus der einen in die andere Vormundschaft begeben würde.

Nun war Onkel Walli ein Mann aus der Anklamer Gegend, wohl ein herzensguter Mann, aber was soll man von einem Mann aus der Anklamer Gegend erwarten? Er ist und bleibt ein Binnenlandmensch, und das sagt für einen Küstenmenschen, für einen Wassermenschen genug. Die Solkendorfer Kinder wurden gewissermaßen in der See groß, schon, wenn sie erst zwei oder drei Jahre alt waren, fingen sie an, rastlos in die Boote zu klettern, aus den Booten zu fallen und sich mit Rudern, dreimal so lang wie sie selbst, umzubringen. Und sie quälten immer ihre Mütter, ihnen zum Essen selbstgefangene Fische zu braten, von denen der längste so lang war wie ein Mittelfinger, wohlgemerkt wie der Mittelfinger einer Kinderhand.

Justine, Stine hatte von dieser Solkendorfer Tradition keine Ausnahme gemacht, und die Grundlagen zu ihrer heutigen Waschbaljenfahrt hatte sie in einem Alter gelegt, wo man nicht zweiunddreißig, sondern erst zwanzig Zähne im Munde hat. Das ging, wie es ging, solange die Eltern lebten, je mehr Justine sich streckte, um so mehr streckten sich auch die Fische, die sie heimbrachte, sie schienen mit ihr zu wachsen.

Aber Onkel Walli war nicht für Fische. Er hatte den Aberglauben vieler Binnenländer, daß Fische nach Tran riechen und schmecken, und er hatte den Privataberglauben dazu, daß es giftige und ungiftige Fische gäbe, und daß die ungiftigen sehr schwer von den giftigen zu unterscheiden seien, genau wie bei den Pilzen, die er auch nicht aß.

In allen Dingen waren er und sein Mündel besten Einvernehmens, aber in diesem Punkt waren sie so verschiedener Meinung, daß das sonstige gute Einvernehmen darüber in die Brüche zu gehen drohte. Der Krieg wurde von Onkel Wallis Seite unter schamloser Ausnützung der ihm behördlich verliehenen Gewalt geführt: Fischgerät wurde beschlagnahmt und verbrannt, Boote an Ketten gelegt, die Fischer gegen das Mädchen aufgehetzt. Für Justine blieben nichts wie Tränen, Schmollen, Proteste und List.

Am Tage zuvor war es Justine nun gelungen, Onkel Walli während seines Nachmittagschlafes die Schlüssel aus der Tasche zu stehlen. Eilig war sie damit entflohen, denn sie hatte eine Woche nicht auf dem Wasser gelegen, sie hatte ihre Angelschnüre zurechtgemacht, war hinausgerudert und hatte die Schnüre auf dem Flunderngrund ausgelegt.

Als sie hereinkam von der See, hatte Onkel Walli sie schon am Strande erwartet, und der gute alte Mann mit den glupschen Augen, mit dem Walroßschnauzbart und dem Hosenboden faltig wie ein Elefantenhintern war zum ersten Male richtig zornig gewesen. Ja, er schwur ihr zu, er würde sie nun binnen heute und sechs Wochen verheiraten, und finde sich kein anderer in dieser Zeit, dann an seinen Neffen, den Kröpelhinnerk, der einen Buckel hatte und ebensolch ein Landmensch wie sein Onkel war.

Vergebens hatte Stine ihn beschworen, sie doch nur noch ein einziges kleines Mal hinauszulassen, die Angelschnüre hingen doch nun einmal draußen und verkamen, wenn man sie nicht holte. Und sicher hingen Aale daran, und das Pfund grüne Aale brachte auf dem Fischmarkt in Stralsund jetzt einen Drittel Taler!

Vergebens, nicht einmal das Geld zog, sie könne viel mehr Geld verdienen, wenn sie beim Kartoffelstecken hülfe: Wir sind so hintenran damit, und die Leute lachen schon über uns.

Aber dann war sie doch nicht zum Kartoffelstecken gegangen, noch dazu an einem so schönen Sonntag, sondern hatte in ihrer Wut und Verzweiflung die alte Waschbalje den Abhang zur See hinuntergetrudelt, und nun saß sie darin und hielt auf den Flunderngrund zu. Bisher war ja alles gut gegangen, und Justine saß achtsam, mit zusammengekniffenen Lippen, in der Butte. Sie wußte: das Schlimmste stand ihr noch bevor, wenn sie die Aalhaken hereinnahm, die Aale von den Haken löste und in den Sack steckte. Dann mußte sie sich bewegen, und was das Waschfaß zu diesen Bewegungen sagen würde, das wußte sie eigentlich auch.

Nun, aber eine Weile ging doch alles gut. Es war ein schöner Fang, den sie getan hatte, nicht übermäßig groß die Aale, aber gerade so eine schöne Mittelgröße, das Beste fürs Räuchern. Nun aber kam sie an einen Haken, und an diesem Haken saß ja wohl der Ur- und Stammvater aller Aale, ein Biest wie ein Kinderarm und lang wie ein abgebrochener Besenstiel. Paß Achtung, Stine, sagte Stine zu sich und ließ den Aal noch sein Tänzchen im Wasser machen. Dies kann schief gehen. Den Sack hatte sie hübsch zwischen den Beinen zu liegen, es krabbelte und wand sich ja schon einiges darin, und so konnte sie ihn nicht sofort griffbereit legen, aber sie machte ihn doch mit der einen Hand schon so weit auf, daß sie den Aal nur durch die Sackschnauze zu schieben brauchte.

Sie sah sich den Aal im stillen klaren Oberwasser an. Er schlängelte und bäumte sich schrecklich, er kam ihr immer mehr nicht wie ein Aal, sondern wie eine Seeschlange vor, die es auf sie abgesehen hatte.

Ich muß ihn am Haken in die Balje reißen und erst im Sack losmachen, entschloß sie sich. Nun, ich und Justine, wir werden es schon schaffen. Über ihrer Nasenwurzel stand eine scharfe Falte, ihre braunen, ziemlich buschigen Brauen saßen eng beieinander. Unwillkürlich sah sie auf die See hinaus, nicht daß sie etwa nach Hilfe ausgeschaut hätte, den Gefallen tat sie den dummen Bengels nun doch nicht, nur so ...

Aber da war nichts, die Sonne warf eine blendende, silbern glitzernde Bahn über das Wasser bis kurz vor ihre Balje, und in dieser Bahn schien weiterhin etwas Schwarzes zu sein, irgendein Stück Treibholz. Also denn nicht, und nun den Urvater! Sie zog an der Schnur, holte sie ein und der Aal kam halb aus dem Wasser. Was ein Biest, was ein Bengel, was ein Viech, sicher wog er seine neun oder zehn Pfund – beinahe war sie ärgerlich, daß sie ausgerechnet heute bei der Balje solch ein Vieh fangen mußte! Der Aal tanzte unermüdet und tat manchmal einen kräftigen Schlag gegen die Baljenwand. Sie dachte, er müßte eigentlich einmal müde werden, aber es sah nicht so aus.

Also denn! kommandierte sie sich selbst, und mit einem Schwung war der Aal auf ihrem Schoß. Aber da bäumte er sich auch schon auf, über der Baljenwand ahnte er wohl das gute salzige Wasser, Stine zog ihn kräftig zur Sackschnauze, der Aalschwanz tat einen hübschen Schlag in ihr Gesicht, der Aalkopf verschwand schon im Sack – Kippel, Kippel machte die Balje eilig, Uff! seufzte das einströmende Wasser ...

Es war eben doch zu lebhaft geworden, nun saßen sie alle im Wasser. Voran schwamm im Silberstreif die Balje, mit dem Boden nach oben, hinterher paddelte mit einem Arm Justine, in der andern Hand die Aalschnur und an der Schnur saß der Aal. Der Haken jedenfalls hatte festgehalten.

Justine war viel zu sehr Tochter der See, um nicht zu wissen, daß sie unmöglich die zwei Kilometer bis zum Strande schwimmen konnte. Auch die Waschbütte war wohl aufzurichten, aber hineinzukriechen war da nicht, das hieße nur sofort wieder umkippen. Eigentlich war also Justine zum Tode des Ertrinkens verurteilt, und daß das nicht ganz der angenehme Tod (mit Rückerinnerung an das ganze Leben) sei, wie er in manchem Buch so schön beschrieben steht, das wußte sie von dem und jenem Fischer, den man schon besinnungslos aus den Wellen geholt hatte.

Aber an Ertrinken dachte Justine nun freilich nicht. Zuerst dachte sie an ihre Kledagen, und mit ein paar festen Griffen holte sie sich die Röcke von den Beinen. Darüber ging der Urgroßvater flöten. Beest! sagte sie nur. Das Nächste war die friedlich schaukelnde Waschbalje, und mit zehn Schwimmstößen hatte sie die eingeholt. Sie schob sich das Ding, so bequem es eben ging, unter Brust und Bauch. Es trug sehr hübsch, zu schwimmen hatte sie nun nicht mehr, aber das Wasser blieb trotzdem saukalt, ja es wurde immer noch kälter, so schön die Sonne auch darauf glitzerte.

Bei diesem Glitzern der Sonne fiel Justine das Treibholz ein, und da sie jetzt durch die Butte etwas höher über dem Wasser lag, so sah sie, daß es gar kein Treibholz war, kein von der Deckslast irgendeines Schwedenschoners heruntergerissenes Grubenholz, sondern ein Boot, und ein leeres Boot, schien es, dazu.

Nun, hierauf haben wir ja schon einige Zeit gewartet, und jetzt sind wir recht froh, daß Justine ihren leeren Kahn gesichtet hat, und auf ihn zuschwimmt, und hineinsieht, und dort auf dem Boden besinnungslos in Blut, Dreck und Sickerwasser ihren künftigen Gemahl entdeckt. Da haben wir den Salat, dachte sie verdutzt, und Onkel Walli fiel ihr sofort ein, der gleich sagen würde, daß so etwas nur beim Herumstreunen auf dem Wasser vorkommen könne.

Aber nach dieser anfänglichen Betrachtung hatte sie ja erst einmal für die nächsten paar Stunden zu viel zu tun, um sich weiteren beschaulichen Erwägungen hinzugeben. Manchmal ist es selbst vom Kinderstandpunkt aus ganz gut, wenn Eltern, Pastoren und Vormünder überängstlich mit ihren Schäflein sind. Justine wenigstens fand es für diesmal ganz schön, daß der liebe betrübte, zornige, dicke Onkel Walli am Solkendorfer Strand auf und ab lief, ganz wie eine Glucke, der man Enteneier zum Ausbrüten untergeschoben hat und die nun fassungslos ihre eigene Nachzucht abschwimmen sieht. Als die Flotte einfuhr – die Waschbalje natürlich im Kielwasser –, wollte der Vormünder wohl blitzen und donnern und spucken, aber Justine sagte bloß: Kiek eins, Onkel Walli! – Und da dachte Onkel Walli, als er den besinnungslosen, aber ansehnlichen jungen Menschen liegen sah, vielleicht genau wie Justine vor einer Stunde: Da haben wir den Salat!

Aber auch hier war wieder zu Betrachtungen wenig Zeit, und keine zehn Minuten, da zog auf einer improvisierten Bahre der junge Gäntschow in Justines Hof ein. Onkel Walli aber hatte sogar an einen Rock für das junge Mädchen gedacht, sie hätte es ja wohl rein vergessen, in welchem Aufzug oder Auszug sie da einher ging.

Wenn aber nun Onkel Walli geglaubt hatte, er könnte jetzt den so geheimnisvoll Verletzten dem Doktor Benzin und den alten Tanten des Hofs überlassen, so war er wieder einmal falsch davor gewesen: Justines Platz war an diesem Bett. Sie hatte ihn gefunden. Während sie den Kahn mit ihrem kleinen Tröpfelruder heimwärts trieb, hatte sie den ganzen Weg lang einen recht guten Ausblick auf den jungen Mann gehabt. Da hatte er so gelegen, bleich, mit einem fast strengen Gesicht, das dichte dunkle Haar in der Stirn.

Gesprochen hatte er auch, aber es waren fliegende, flüchtige Worte gewesen, nur den Ton von Angst und Ungeduld hatte sie erfaßt. Nein, er war ihr Heimbringsel, und die alten Tanten mochten vor der Krankenstube tun, was sie wollten, in ihr hatte sie das Wort. Und der Kranke. Sie das leise, er das laute.

Je weiter die Nacht vorrückte, um so mehr, um so heftiger sprach er. Er mußte es bei geschlossenen Augen in den Gründen des Fiebers fühlen, daß er nicht mehr in einem von den Wellen gewiegten Kahn saß, sondern in einem Bette lag.

Ja? fragte sie wohl, über ihn geneigt, wenn er gar zu ungeduldig sprach. Wohin willst du?

Nichts, unkenntliche Wortfetzen. Die Hände laufen über die Bettdecke, Justine hat es, erst bei ihrem Vater, dann bei ihrer Mutter gesehen, daß die Hände so unruhig werden, die Sterbenden graben sich ihr Grab, sagt man. Sie nahm die beiden festen, gebräunten, verarbeiteten Hände zwischen die ihren. Erst suchten sie zu entwischen, dann beruhigten sie sich, das wilde Reden wurde seltener, er schlief wohl ein. Auch sie schlief ein.

Sie erwachte von seinem Blick. Er saß halb aufrecht im Bett und starrte sie verwundert an. Seine Stirn war zusammengezogen, als denke er fast schmerzhaft nach.

Bist du wach geworden? fragte sie.

Hast du die Silberkühe? fragte er.

Die Silberkühe?

Ja doch, die Silberkühe, sagte er ungeduldig. Über sein Gesicht ging wieder jener Ausdruck von Qual und Ungeduld, der sie schon im Boot erschreckt hatte.

Lege dich nur hin, sagte sie tröstend. Es kommt alles zurecht.

Er setzte sich mit einem Ruck ganz grade. Wenn auch du nicht die Silberkühe hast, muß ich weiter. Und wie zu sich: Sie sieht aus, als müßte sie sie haben. Aber sie hat sie auch nicht. – Er sah nach der Tür.

Leg dich doch bloß hin, bat sie nochmal. Das muß dir doch weh tun, das Sitzen.

Ja, es tut weh, sagte er. Wieso tut es eigentlich weh?

Jemand hat dich wohl mit einer Forke gestochen? fragte sie.

Mit einer Forke gestochen –? Dann erinnerte er sich. Ja, ich weiß wieder. In der Nacht. Es waren Hexen, sie wollten mich umbringen, weil ich die schwarzweiße Kuh gesehen habe, eine Herenkuh. Aber die silberne hatten sie auch nicht.

Das Mädchen machte einen großen Fehler. Es sagte: Wir haben auch schwarzbunte Kühe.

Schwarzbunte? Herenkühe? So sieht sie nicht aus. Und Silberkühe habt ihr nicht?

Nein, sagte Justine etwas ungeduldig. Und nun leg dich wieder hin, sonst wirst du noch kränker.

Aber statt sich hinzulegen, nahm er die Beine über den Bettrand. Sein Gesicht glühte von Fieber, seine Augen blickten flackrig. Plötzlich begriff sie, daß er weit fort in tiefem Fieber war, daß er kaum noch etwas sah von seiner Umwelt. Angst faßte sie, sie lief zur Tür, sie rief ins Treppenhaus: Onkel Walli! Tante Bertha! Ernstine! Erna!

Niemand rührte sich, es war die tiefste Schlafensstunde, die Uhr ging auf drei.

Als sie sich umwandte, war der Kranke schon auf den Beinen und in den Hosen. Er schien sie nicht zu sehen, er murmelte vor sich hin, aber sie verstand nicht. Sie verstand wohl, in welch schlimmer Lage sie mit ihm war, daß er wirklich fort wollte und daß sie ihn nicht halten konnte. Da verfiel sie in ihrer Besorgnis auf eine List, und sie befragte ihn: Was für Silberkühe sind denn das, zu denen du mußt?

Er drehte ihr langsam den Kopf mit den tiefliegenden, fieberglühenden Augen zu, er hörte auf, sich weiter anzuziehen, er fragte: Ja?

Sie wiederholte ihre Frage.

Friggas Kühe, sagte er. Die heiligen Kühe im Silberhaar, mit dem Silberhuf, mit dem Silberhorn. Er setzte hinzu: Sie geben zwanzig Liter jeden Tag.

Ja, sagte sie. Und wo sollen die sein?

Sein Gesicht bekam einen hilflosen Ausdruck. Ich suche, sagte er dann.

Komm, sagte sie. Leg dich wieder hin. Wenn du erst wieder gesund bist, suchen wir gemeinsam. Und sie legte den Arm um ihn, damit er wieder zum Bett ging.

Er drückte den Arm fort, als sei er ein dünner Zweig. Ich muß suchen, sagte er, und sein Gesicht sah böse aus. Sie redete auf ihn ein, er antwortete gar nicht mehr. Sie fragte noch einmal nach den Silberkühen, er antwortete gar nicht mehr. Noch einmal rief sie ins Treppenhaus: die schliefen.

Sie war so hilflos, sie konnte nichts gegen sein Fortgehen tun, ach, sie mußte ihn sogar noch dabei unterstützen. Als sie sah, wie sich seine fieberischen Hände mit den Hosenträgern abmühten, daß er die warme Strickweste anzuziehen vergaß, da half sie ihm. Und als er oben auf dem dunklen Gang nicht zurechtfand, da half sie ihm wieder mit der Lampe. Und sie half ihm weiter, auf der Treppe, auf dem Hof, an dem bläffenden Tyras vorbei.

Während sie das alles aber tat, dachte sie ununterbrochen darüber nach, wie sie ihm doch helfen könnte. Er hatte vor ihr hilflos wie ein Kind im Boote gelegen und sie hatte ihn an Land gebracht. Sie hatte ihn in Haus und Bett gepackt, er war ihre Sorge, ihre Verantwortung. Schon war sie fest entschlossen, ihn nicht allein gehen zu lassen, so wie sie war, würde sie mit ihm gehen. Irgendwann würde er ja doch umfallen, weit kam er so nicht, und dann würde sie ihn wieder in ein Haus bringen und diesmal würde sie ihn fester halten.

Er ging langsam und taumelnd die Dorfstraße voraus, vor sich hin murmelnd. Ganz von selbst hatte er die Richtung zur See eingeschlagen, als röche er sie. Sie zottelte hinterher.

Plötzlich kam ihr ein Gedanke. Zuerst verwarf sie ihn als ganz unmöglich, aber er kehrte hartnäckig immer wieder. Sie lief hinter dem Kranken her, der Gedanke nistete sich fester ein, schon erschien er ihr nicht mehr so unmöglich. Sie lief vor, berührte seinen Arm und sagte: Du!

Er blieb stehen, trotz des Dunkels konnte sie fühlen, daß er sie gespannt ansah.

Ich will dir die Silberkuh zeigen, sagte sie.

Sie hörte einen Laut von ihm. Sie hatte solchen Laut noch nie im Leben gehört, sie hatte nie gedacht, daß man so großes Glück empfinden und so rein in einem Laut äußern könnte – manchmal jauchzten Kinder ähnlich, aber dies war es denn doch nicht.

Mach rasch, zeig, sagte er atemlos und faßte sie so fest am Arm, daß sie leise aufschrie. Komm doch!

Sie gingen hastig zurück. Nun taumelte er nicht mehr, er ging rasch, mit langen Schritten, wie ein strahlend frischer junger Mann. Er fragte nichts mehr, er sagte nichts mehr, aber sie fühlte, wie er ganz Spannung war.

Doch ihr Herz zitterte und bebte, es wollte, daß sie sagte: Ich habe dich belogen. Und sie ging weiter. Sie hoffte: vielleicht gelingt es. Und sie verzweifelte: das Fieber macht ihn nur hellsichtiger.

Es waren die schlimmsten dreihundert Schritte, die jetzt zum Hof, die die junge Justine je in ihrem Leben gegangen war, und sie wünschte während des ganzen Weges, sie wären ihr erspart geblieben.

Dann kamen sie wieder auf den Hof, der Tyras schlug an und winselte dann zur Begrüßung. Sie hatte die Stallaterne anzuzünden, und das ging nur schwer und langsam mit ihren zitternden Händen. Dann hatten sie in die kleine Box neben dem Pferdestall zu gehen. Er hatte bei alledem ruhig und unendlich geduldig gestanden, aber sie fühlte wohl seine unerträgliche Spannung. Sie hatte keine Furcht davor, daß er sie etwa schlagen würde, wenn er den Betrug entdeckte, aber sie hatte Angst darum, was dann wohl aus ihm werden würde. Denn dann würde er nicht einmal mehr erlauben, daß sie ihm weiter nachging. So stieß sie zitternd die Lattentür zu der Boxe auf, blieb stehen, hielt die Lampe möglichst zurück und sagte: Das ist die Silberkuh.

Er trat rasch in die Boxe.

Mit dem Tier aber, das in dieser Boxe stand, hatte es eine ganz einfache Bewandtnis. Auf dem Hof zog länger schon, als Justine lebte, ein Schimmel, ein großes knochiges Tier, Pflug, Egge und Wagen. Je älter er wurde – und er mußte längst Mitte der zwanziger Jahre sein, was für Arbeitspferde ein Methusalemalter ist –, um so schlohweißer und knochiger wurde er. Er hatte sich immer bemüht, fleißig seine Arbeit zu tun, aber bei der letzten Herbstbestellung konnte er einfach nicht mehr: drei- oder viermal fiel er um vor dem Pflug und kam nur noch mit Mühe heim in den Stall. Da erbettelte es sich Justine von Onkel Walli, daß der alte Schimmel nicht dem Pferdeschlächter oder Schinder anheimfiel, sondern in der dunklen Box hinter dem Pferdestall seinen Gnadenhafer fressen durfte. Auf diesen alten Schimmel war sie nun verfallen, als ihr gar kein anderes Mittel einfiel, den kranken Mann zu halten, und sie hoffte, im Dunkel des nächtlichen Stalls werde ihr die Unterschiebung glücken.

Der Mann stand zuerst bewegungslos in der Stalltür und starrte auf den großen, bleich schimmernden Fleck. Silberweiß, sagte er selig. Er drehte sich zu Justine um und sagte geheimnisvoll freundlich: Es hat alles seine Richtigkeit. Silberweiß ist sie. Sie schämte sich sehr.

Er trat über das Stroh näher, er streckte die Hand aus, ihr Herz erzitterte, er nickte und murmelte. Der Schimmel hatte seinen müde hängenden Kopf gegen das Licht gedreht und sah trübe hinein. Der Mann faßte nach den Ohren des Schimmels, der fühlte es wohl kaum mehr, er war nicht mehr von dieser Welt, er lebte nur noch auf den Fohlenweiden seiner Jugend. Der Mann sagte kopfnickend: Silberhörner, fest und gerade. Wieder richtig.

Er strich über die Brust. Er lobte: Tief gebaut und breit.

Er befühlte den armen durchhängenden, vom Geschirr mit wunden Druckstellen entstellten Rücken. Gerade wie ein Eschenstamm, sagte er.

Einen Augenblick stand er mit hängenden Armen vor dem Tier. Sicher war es seine Silberkuh, das Tier, um das er ausgezogen, nach dem er sich gesehnt, von dem er geträumt hatte. Dann richtete er sich stramm auf. Er sagte strenge zu dem Mädchen: Hol einen Melkschemel und Eimer. Ich will die Silberkuh melken.

Das arme Mädchen erschrak schlimm, dann besann es sich. Silberkuh steht trocken, flüsterte es. Silberkuh bekommt ein Kalb.

Der Mann stand da. Er sah Justine voll an. Und bekomme ich das Kalb von Silberkuh? fragte er.

Wenn du jetzt mitgehst und dich gleich hinlegst, sollst du das Kalb von Silberkuh haben.

Du versprichst es mir, daß du mich gleich weckst, wenn es so weit ist mit dem Kalben? Ich will mein Kalb selber holen, keiner soll es anfassen. – Keiner soll es anfassen! schrie er noch einmal.

Du erschreckst ja Silberkuh, sagte sie. Komm jetzt, sie muß ihre Ruhe haben.

Er kam mit, folgsam wie ein Kind.

An des Schlafenden, Fiebernden Bett saß sie und weinte bitterlich. Es wollte ihr noch nicht eingehen, daß es gut sei, mit solchen Lügen anzufangen.

Aber es brauchte dann ja nicht mit Lügen weiter zu gehen. Es lag keine Notwendigkeit mehr dazu vor, als der junge Bauer nach vielen Tagen wieder erwachte. Warum er auf diese Fahrt gegangen, was ihm auf ihr geschehen, das war vergangen, wie das Fieber vergangen war. Nicht vergangen war die Erinnerung an eine helle mutige Stimme, die bei ihm geblieben war in der Nacht höchster Qual.

Und als sie nachher auf Fiddichow jene gewaltige Hochzeit feierten, bei der keine Kehle auf der ganzen Halbinsel trocken blieb, bei der in allen Straßengräben tags wie nachts heimkehrende Gäste vorübergehendes Quartier nahmen, bei der sie vier Zimmerwände aus dem Haus schlugen, weil kein Raum groß genug war für die Tanzenden – als sie also diese Hochzeit feierten und die Großbauern den jungen Malte ein wenig hecheln wollten und nach seiner Silberkuh fragten, da sagte er lachend und ganz unbeschwert: seine Schwarzbunten seien auch ganz schön und jedenfalls besser als die braunen Ziegen, die er bisher gehabt. Und im übrigen habe er ja seine Silberkuh ...

Da tanzte sie, strahlend und jung, und sie, die Justine, die Silberkuh, ohne Tadel, ohne Fehl vom Scheitel bis zur Sohle, sie war und blieb die einzige, die da wußte, daß ihr Malte manchmal grübelnd saß, was es wohl für eine Bewandtnis damit haben mochte, daß sein Urahn Gunnar durch einen Schimmel ums Leben, er aber ins neue Leben gekommen sei. Nun, darüber konnte man lange grübeln, namentlich wenn man aus einem Nebellande ist, und erst recht, als die Justine im vierten Kindbett aus seinem Leben ging. Man konnte grübeln und grübeln und darüber aus einem jungen unbekümmerten Mann ein tiefsinniger Alter werden, voller Bissigkeit, der im Menschenhaß eine Tafel an der Straße aufstellte und voll Weiberverachtung seiner neuen Wirtschafterin über das gemeinsame Schlafen Bescheid sagte.

Diese Hochzeit aber, diese Ehe bringt uns auf den Stinkteich, ja sie ist die eigentliche Ursache zu seiner späteren Anlage.

Es ist viele Jahre später, als ihn wieder ein Malte Gäntschow anlegt, der Sohn des Hochzeiters von dunnemals, der nun nach dem Tode des Vaters den Hof übernommen hat. Er ist der erste lesende Gäntschow – doch wir müssen beim Anfang des Stinkteichs beginnen.

Da hatten sie nun also in ihrer Festesfreude die Wände aus den Zimmern herausgeschlagen, daß das ganze Haus, von der Küche abgesehen, einen großen Raum bildete. Nun, nach der Feier mußten neue Wände gezogen werden, warme Wände, Lehmklutenwände, zu denen man die Steine aus Lehm und Häcksel backt.

Zwischen Garten und Scheune, dicht am Haus, ist eine schöne Lehmstelle, das weiß der Malte von jedem Regenwetter her. Und daraus nehmen sie dann also auch den Lehm, den sie brauchen. Es entsteht ein Loch, oder richtiger gesagt kein Loch, eine mäßige Senkung, deren tiefster Punkt etwa zwei Meter unter dem übrigen Gelände liegt. Hier läuft das Regenwasser von Stall- und Scheunendach zusammen, hierher fährt der Bauer die Grannen und Spelzen von der gedroschenen Gerste, die man nicht verfüttern kann, hier werden die Fuhren mit Quecken, mit altem Kartoffelkraut entladen.

Das ging jahraus und jahrein, bis die Senkung wieder voll war. Es sackte noch etwas nach, weil all der Pflanzenkram verrottete, aber dabei blieb es dann auch.

Gut, nun kam viele Jahre später der zweite Malte Gäntschow, der junge Besitzer, der auch schon lange nicht mehr jung war. Er hatte die Gewohnheit, mit einem kleinen Stahllöffel, der unten an seinem Handstock befestigt war, überall im Boden zu bohren, ja, er kostete sogar die Erde. An dieser wüsten Stelle nun, die übrigens von Kirschenbäumen und Holunder umstanden war, drang sein Stock tief in den Boden. Die Erde lag locker, er betrachtete sie, er prüfte sie, die schönste Entdeckung war gemacht: eine köstliche Humuserde, vergleichlich der besten Komposterde.

Wagen auf Wagen kam, die Erde wurde fortgefahren, um die Mutterkrume eines sandigen Feldes zu vermehren und zu verbessern, schließlich war die Kuhle wieder da.

Auch dieser Malte wußte etwas mit ihr anzufangen. Schon lange hatte es ihn geärgert, daß das Regenwasser vom Hof, von allen Stall-, Scheunen-, Haus- und Schuppendächern in seine Dunggrube lief. Es wusch den Mist aus, es verwässerte ihn, machte ihn fast wertlos, diese kostbare Gabe. Und er tat, was schon sein Vater getan hatte, aber er tat es gründlich und mit Methode: er leitete mit Gräben und Rohren alles Wasser des Hofes in die Senkung. Ein kleiner Teich entstand, der auch den Sommer überdauerte, eine herrliche Gelegenheit für Enten und Gänse, sich den Staub aus den Federn zu waschen, an heißen Tagen ein kühles Fußbad zu nehmen.

Nun ist der Teich also wieder da, aber noch ist er kein Stinkteich, er ist ein hübscher, von den Bäumen und Büschen kühl gehaltener Regenwasserteich – und nun muß wieder erst etwas anderes erzählt werden.

Dieser Malte Gäntschow war ein stiller Mann, er ging immer allein für sich mit seinem Löffelstock und grübelte, auch las er viel in gedruckten Büchern. Er war nicht schlecht zu seinen Leuten, nein gar nicht, ganz im Gegenteil, aber er sprach nicht gerne mit ihnen, er sprach überhaupt nicht gerne, und vor allen Dingen war es ihm ein Greuel, auf ihre Arbeit aufzupassen, zu treiben, zu schelten. Da er nun zu einer Zeit in den Genuß des Hofes kam, da es den Bauern gut ging, so nahm er sich für diese ihm unangenehmen Dinge einen Wirtschafter, einen gewissen Herrn Strehlin.

Strehlin aß wohl an seines Herrn Tische mit und nicht in der Leutestube, aber er war nun beileibe kein solcher Herr, daß er mit dem Stock über die Felder wandeln und nur der Donner seines Herrn sein durfte, Strehlin hatte feste mit anzupacken, dazu war er das Sprachrohr und der Wille seines Herrn. Er wurde darum auch von Malte Gäntschow mit Sie angeredet, der doch all seine andern Leute nur du nannte.

Strehlin war ein kleiner kompakter Mann, stets schwitzend, stets im Trab, stets heillos beschäftigt. Malte Gäntschow beobachtete ihn scharf aus dem Augenwinkel, er sah dem Hetzer zu.

Es war nun nicht mehr weit von Weihnachten, es lag Schnee, da sagte der Bauer eines Morgens bei der Mehlsuppe zu seinem Wirtschafter: Strehlin, wir bekommen bald Tauwetter. Sehen Sie zu, daß die Abzugsgräben zum Teich offen sind.

Jawohl, Herr Gäntschow, sagte der Wirtschafter und schoß von seiner Mehlsuppe auf den Hof. Der Bauer aber nahm seinen Stock und ging aufs Feld.

Es war am nächsten Abend, da traf der Bauer seinen Wirtschafter auf den Stufen vor dem Haus. Die Abzugsgräben sind nicht offen? fragte er.

Wird morgen früh sofort gemacht, sagte der Wirtschafter und schoß in den Pferdestall.

Es wird tauen, sagte am dritten Tage der Bauer mit Nachdruck, und ein aufmerksames Ohr hätte nicht nur Nachdruck, sondern auch ein aufziehendes Gewitter in diesen paar Worten gespürt.

Jawohl, die Abzugsgräben, bestätigte Strehlin. Sofort! Und er stürzte in die Scheune, aus der der Bauer zwei Minuten darauf das Schnupp-Schnupp der Häcksellade hörte. Der Bauer ging wieder ins Haus, auf den Dächern lag friedlich weißer Schnee, ziemlich dick.

Am nächsten Morgen kurz nach sieben scholl über den Hof ein gewaltiger Schrei. Der Bauer stand auf den Stufen vor seinem Haus, es regnete stark, der ganze Hof war eine gurgelnde, strömende Sintflut.

Strehlin!! hatte der Bauer gebrüllt.

Strehlin kam aus dem Schweinestall geschossen, eine Schaufel in der Hand. Er stand unten an den Stufen, sein Herr oben.

Die Abzugsgräben, jawohl, die Abzugsgräben, Herr Gäntschow, sagte er eilig. Ich habe schon die Schaufel in der Hand, jawohl, sofort!

Es sind fünf Stufen, aber der Bauer war mit einem Schritt unten. Die Gäntschows sind nie Schwächlinge gewesen, und mit einem Griff hob der Bauer den Wirtschafter von der Erde. Er trug ihn durch den Regen über den Hof zur Pumpe. Der geschäftige Strehlin aber war so erschrocken, daß er in den Bauernarmen ruhig wie ein Kind im Arme der Mutter lag.

Gäntschow hielt vor der Pumpe an. Mit einem steifen Arm hielt er den Wirtschafter unter die Pumpe, mit dem andern pumpte er ...

Naß, sagte er nur dazu. Nasses Wasser, sagte er nur.

Das nasse Wasser war eiseskalt. Als der Mann bis auf die Haut naß war, nahm ihn der Bauer wieder auf den Arm. Er war immer noch so erschreckt, daß er kein Tönlein von sich gab. Der Bauer ging mit ihm ins Haus, über die Treppe auf den Boden, in die Kammer des Wirtschafters, er stellte ihn auf die Erde, er sagte bloß: Packen!

Der triefende Strehlin wollte etwas sagen.

Packen! wiederholte der Bauer mit Nachdruck und sah nach dem Fenster, als wollte er sehen, ob die Öffnung groß genug sei, einen dicken Mann hindurchzuschießen.

Der warf seine Sachen, am ganzen Leibe zitternd, kunterbunt in den Korb, der Bauer faßte den einen Henkel, der Wirtschafter den andern. Es ging schweigend die Treppe hinunter, schweigend über den Hof, schweigend den Zufahrtsweg entlang, sie standen auf der Suhler Landstraße, unter dem Schild mit den verbetenen Besuchen.

So! sagte der Bauer, drehte sich um, ging wieder auf den Hof, nahm die Schaufel, die an den Treppenstufen hingefallen war, und machte sich daran, nun selbst die Abzugsgräben zu öffnen.

Es war übrigens der 24. Dezember und übrigens strengte auch der Wirtschafter Strehlin noch eine Klage gegen den Bauern an. Er gewann, und außer Prozeßkosten, nachgezahltem Gehalt, Kostgeld, Arztkosten hatte der Bauer Malte Gäntschow noch drei Tage Haft wegen Ungebühr vor Gericht abzumachen. Weil er auf den Vorschlag des Richters zu schiedlich-friedlicher Einigung erklärt hatte, die einzige schiedlich-friedliche Einigung sei für ihn, dem Kläger Strehlin vor Gericht fünfundzwanzig mit einem nassen Handtuch auf den Hintern zu versetzen. Denn die Dummheit muß bestraft werden!

Das war also der Strehlin und die Abzugsgräben, die von ihm vernachlässigt wurden und nicht in den Stinkteich liefen, der aber damals noch kein Stinkteich war, es aber nun bald werden sollte. Denn dem Gäntschow, der, wie gesagt, gedruckte Bücher las, in denen dies und jenes aufgeschrieben ist, war ein Buch in die Hände gekommen über die Landwirtschaft in Japan.

Dieses Land nun ist dicht bevölkert. Der Boden muß zwei Ernten im Jahre bringen und die Viehhaltung ist gering. Um nun sein Land bei so übermäßiger Ausnützung genügend zu düngen, ist der Japaner gewaltig auf die menschlichen Auswurfstoffe erpicht. Es gibt Sonderschiffe, die die kostbare Ware von der Stadt aufs Land bringen. An der Straße stellt der Bauer Gefäße auf, errichtet kleine Hütten, von Tafeln gekrönt, die den Wanderer ermahnen, die gute Gottesgabe nicht lässig zu verstreuen, sondern dem Acker wiederzugeben, was der Acker spendete. Das so gewonnene Gut verwahrt der Landmann sorgsam dann in gemauerten Gruben. Fleißig gerührt, macht die Masse eine Gärung durch, um schließlich als geruchloser Dungstoff Mutter Erde neue Kraft zu spenden.

Eine verwandte Saite erklingt in Malte Gäntschows Brust. Waren ihm nicht von je die städtischen Entleerungshäuser ein Greuel und ein Unverstand? Dem Boden spenden, was des Bodens ist, da liegt es! Keine langen Quackeleien, keine Umwege! Und doch stehen auch auf seinem Hof – gegen sein Herz! – zwei solcher Tempel. Ihm waren sie von je ein Dorn im Auge, aber die Weiber meinten ja, ohne sie nicht leben zu können.

Da stehen sie, angeklebt an die Scheune, mit der Schmalseite dem Teich benachbart, und wir müssen uns einen Augenblick bei ihnen aufhalten. Recht tempelhaft führen drei breite gemauerte Feldsteinstufen zu ihnen empor, und die Türen sind mit einer scheußlichen braunroten Kalkfarbe getüncht. Das vorspringende Dach ist mit Teerpappe gedeckt.

Ehe wir die Tür öffnen, stellen wir fest, daß sie nicht festgefugt ist. Sie weist zentimeterbreite Spalten auf, aber diese Spalten sind nicht unzweckmäßig, wie wir gleich merken werden.

Wir öffnen die Tür und wir treten ein. Der enge, nicht unbehagliche Raum weist in seiner Ausstattung nichts Ungewöhnliches auf. Leuten mit scharfem Blick und raschem Verstand wird vielleicht die Kette mit dem Porzellangriff auffallen, die rechts vom Sitz niederbaumelt. Wasserspülung in einem Herzhäuschen auf einem Bauernhof? Sie ist eine Reliquie, diese Kette mit Griff, eine Erinnerung an jenen Tag, da der jetzige Bauer Käpten Düllmanns Tochter aus Dreege heiratete. Zu keinem Spülungskasten führte die Kette, nein, eine Platzpatrone war eingeklemmt oben an jenem Tag, und wer selbstvergessen zog, zog ein in alle Hofräume donnerndes Signal, daß die Gesichter gegen die Fensterscheiben fuhren: wer ist nun fertig und wieder reingefallen? Sie fielen alle immer wieder darauf rein, alle Hochzeitsgäste – und die Jungen sorgten ja auch fleißig dafür, daß immer wieder eine neue Patrone oben hineinkam.

Aber, wie schon gesagt, heute hängt die Kette leer, wer daran zieht, hört nur ein leichtes Klicks oben von der Spannfeder. Und es braucht auch keinen Donnernachweis mehr, damit der Bauer weiß, wer diesen verruchten Raum besucht. Der ist gut geweißt, und die unvermeidlichen Kalkspuren an den Kleidern sind wie eine notarielle Beurkundung über den Besuch, die nie dem scharfen Blick des Bauern entgeht.

Der eigentliche Thron mit der ungekünstelt einfachen Öffnung ist wie üblich. Wir möchten die Tür hinter uns schließen, bemerken aber, daß innen keine Befestigungsvorrichtung vorhanden ist. Wir lehnen die Tür an, aber ein Luftzug oder die schief stehenden Angeln öffnen sie wieder. In schon etwas ungeordneter Kleidung treten wir abermals auf die Schwelle, die Tür zu schließen, und stellen fest, daß gradeaus der Pferdeknecht, links die Frau am Fenster uns zusehen.

Wir ziehen die Tür heran. Dabei schwören wir uns zu, sie nicht wieder aus der Hand zu lassen, und wir verstehen nun die Zweckmäßigkeit der Spalten, durch deren eine wir die Fingerspitzen stecken, die wir an der Außenseite der Tür wie ein Verschlußsiegel an- und umlegen. Mit der zweiten, der freigebliebenen Hand nesteln wir an unsern Kleidern. Wir haben Geduld und wir werden das uns gesteckte Ziel schon erreichen.

Mittlerweile durchforschen unsere Augen eifrig durch die Risse den vor uns liegenden Hofraum, um etwaige Usurpatoren auf unsern Thron durch Räuspern, Gebrumm oder ein kurzes Besetzt rechtzeitig zu verjagen. Sind wir aber bei den Hofhunden, der Meute, beliebt, so haben wir noch eine andere Prüfung zu bestehen. Diese beschäftigungslosen Tiere juckt eine unermeßliche Neugierde nach jeder Art unsers Tun und Lassens. Schwänzelnd und freundlich nähern sie sich unserer Behausung und kratzen emsig an der Tür. Rufe wie: Ist schon gut! Geh nur wieder! sind verfehlt, sie nehmen das für eine Aufforderung zum Nähertreten und bohren so lange mit spitzer Schnauze zwischen Tür und Pfosten, bis sie mindestens den Kopf bei dir drin haben. Von außen bietet dieser Anblick viel Erheiterndes, selbst für solche, die binnen jetzt und einer Stunde in der gleichen Lage sein werden.

Mittlerweile sind wir aber nun doch mit unserer Kleidung fertig geworden und lassen uns nieder. Ganz gelingt uns das freilich nicht. Die Verankerung unserer Hand im Türspalt, die Kürze unseres Armes zwingen uns zu einer halb schwebenden Haltung, die sich auf die Dauer in unsern Kniekehlen bemerkbar macht. Zugleich trifft uns ein kühler Luftzug von unten. Eine seltsame Laune – hier an diesem Ort ist schlechterdings an Zufälle nicht zu glauben – läßt die von uns besetzte Öffnung ähnlich wirken wie das Rund eines kräftig ziehenden Fabrikschornsteins. Im Sommer, bei milder Witterung, ist das noch erträglich, ja, vielleicht sogar erfrischend. Wenn aber der Boreas braust, wenn im Winter Schneestürme heulen, dann scheint ein wahrer Eisbärenwind diesen viel zu wenig abgehärteten Körperteil anzufauchen.

Völlig prekär wird aber die Lage erst nach Beendigung der Verrichtung. Der fauchende Luftstrom treibt das Papier, das die Hand versenken möchte, brausend hoch zur Decke des Gemachs. Der Rettung suchende Geist gerät darauf, daß es notwendig wäre, mit der einen Hand das Papier zu versenken, mit der andern durch rasche Deckelauflage den Luftzug zu hemmen. Aber ach! der Unglückliche hat nur zwei Hände, er brauchte deren mindestens vier! Eine für die Tür, eine für die Kleider, eine für den Deckel, eine fürs Papier! Sein gequälter Geist erwägt fieberhaft, welche Position er am ehesten preisgeben kann.

Und so verlassen wir ihn. Viel zu lange haben wir hier schon geweilt, aber jetzt verstehen wir das Kopfschütteln des Besitzers besser, daß trotz all dieser Erschwernisse der Weg über die Feldsteinstufen noch immer dem schönsten Aufenthalt im Korn- oder Kartoffelfeld vorgezogen wird.

Hinter der Scheune liegt der Komposthaufen. Bisher verwandelte sich hier der Inhalt der beiden Häuser in fruchttragende Erde. Nun hat das Buch über Japan eine Änderung herbeigeführt. Allwöchentlich einmal versenkt ein Bursche das Angefallene in den Teich. Nicht genug damit, verendete Schweine, krepierte Hühner, erschlagene Ratten wandern hinein. Der Teich schillert nun in Grün, Braun, Blau, Tiefschwarz. Eigentlich sind die Farben schön, aber wir haben keine Möglichkeit, sie recht zu betrachten, der Gestank des Stinkteichs vertreibt uns, er ist zu infernalisch. Er hüllt die beiden Häuslein ganz ein, ihr Besuch läßt nun endlich (wo es gar nicht mehr so nötig wäre) nach.

Nur der Bauer Gäntschow steht manchmal tiefsinnig am Teichrand. Er findet den Geruch nicht schlecht, aber er findet es nicht richtig, daß es riecht. Nach dem japanischen Buch müßte es längst gären und geruchlos werden. Aber davon sind wir noch weit entfernt. Und der Bauer beschließt, ein Rührwerk in den Stinkteich einzubauen. Mit einem langen Baume werden Burschen auf einer Achse angeordnete Schaufeln umtreiben, die die träge Masse in ständiger Bewegung halten werden. Der Bauer lächelt, da er dies Zukunftsbild sieht. Hilft aber auch das Rührwerk nicht, so wird er den Stinkteich ausmauern, er gibt nicht nach. Schließlich gibt er doch nach, er stirbt nämlich darüber, ehe die Geruchlosigkeit erreicht ist.

Zwischen Stinkteich und Haus liegt der Garten. Er ist das einzige Stück Land auf dem großen Hof, das die Frauen unter ihrem Kommando haben. Der Hof ist hundertachtzig Morgen groß, das sind vierhundertfünfzigtausend Quadratmeter, der Garten ist sechshundert Quadratmeter groß. Diese Zahlen drücken ziemlich richtig die Wichtigkeit vom Bauern und seiner Frau aus.

Die Einteilung des Gartens liegt von alters her fest – wie er aber bestellt wird, das bleibt den einzelnen Frauen überlassen. Zu der Zeit, von der jetzt gesprochen wird, als des Johannes Gäntschow Mutter Bauersfrau auf dem Hofe war, Hedwig Gäntschow, geborene Düllmann, von den Düllmans aus Dreege, da war der Garten, dessen Fläche durch zwei sich kreuzende Mittelwege in vier gleich große Stücke zerlegt war, zu einem Viertel mit Kartoffeln, zum zweiten Viertel mit Pferdebohnen bestellt. Das dritte Viertel ist zwiefach unterteilt, auf seiner einen Hälfte sind Erdbeeren gepflanzt, auf der andern stehen die gelben und roten Ruten der Himbeeren. Für den vierten Teil endlich scheint Arbeitskraft oder Zeit der Frauen nicht gereicht zu haben: er ist Wüste, blätterstilles Geheimnis, der Kern von Eden.

Alle diese vier Teile sind von längst nicht mehr verschnittenem Buchsbaum eingefaßt, dessen buschiges Gestrüpp mit seinen lederartigen, wie gelackten Blättern und seinen zähen Zweigen keinen Schaden leidet, wenn ein Fuß ungeschickt hineintritt oder sich ein Kind zum Spielen auf die Rabatte setzt. Der Buchsbaum steht wieder auf und hält Richtung.

Um den Garten herum aber läuft eine Schwarzdornhecke. Auch sie weiß schon lange nichts mehr von einer Gärtnerschere, sie ist weit über Mannshöhe gewachsen, eine wahre Wand, und ihre Zweige langen tief in den Garten.

In diesem Bauerngarten nun, der nicht mehr als dreißig Meter in der Länge und zwanzig in der Breite mißt, ist auch den Blumen eine Stätte bereitet, ohne damit den Nutzpflanzen ihren Raum zu nehmen. Inmitten des Längswegs liegt kurz vor seinem Ende ein kleines rundes Beet, wieder von Buchs gesäumt. Wie eine Insel liegt es in dem ruhigen Strom des Gartenganges und zwingt ihn, der sich rechts und links an ihm vorüberpreßt, zu solcher Verengerung, daß der Schuh des Vorbeigehenden mit dem Buchs kämpft und mit Tautropfen übersät wird.

Der bäuerliche Garten ist sechshundert Quadratmeter groß, das Blumenbeet darin aber zwei – diese Zahlen drücken ziemlich richtig aus, wieviel Raum für die nutzlos schönen Dinge auf einem Bauernhof übrigbleibt.

Dort aber nun, wo der Weg sein Ende erreicht, ist ein Ruheplatz bereitet mit einer kleinen Laube, die ganz von wildem Wein überzogen ist. Eine Bank aus Latten ist aufgestellt, und wer da sitzt, der hat grade vor sich das kleine Blumenbeet. Es wachsen keine Seltenheiten darauf: in der Mitte eine Rose, ein hartes Gewächs, das es nicht übelnimmt, wenn es nicht rechtzeitig gegen Frost verpackt wird. Und rundum, was eben von irgendwann ausdauerte, denn neu wird nichts gepflanzt: Iris, Brennende Liebe, Vergißmeinnicht und die großäugige Schwester des Gänseblümchens, das Tausendschönchen. Es macht nichts, wenn die Hände der Kinder die Blüten abbrechen, sie kommen im nächsten Jahre wieder.

Übrigens sitzt nie einer auf der Bank, sieht nie einer nach den Blumen, dafür ist nie Zeit.

Aber der Platz in dieser kleinen Laube ist noch viel heimlicher, als ihn Wein allein machen könnte. Nach hinten gegen das Feld zu deckt die Schwarzdornhecke, und rechts und links des heranführenden Wegs wächst hier an seinem Ende eine wahre Buschwildnis: Jasmin, Flieder, Hagebutten, Goldregen, Haseln und Schneebeeren. Sie wachsen auf jenem Beetabschnitt der Wüste, die blätterstilles Geheimnis, Kern von Eden genannt wurde. Sie verwehren jeden Einblick und sie sind im Vormarsch: ein kurzes Endchen begleiten sie schon den Buchsbaum des Erdbeerlandes.

Es ist heimlich hier auf dem Platz, der Seewind mag noch so sehr brausen, seine letzten Ausläufer tauchen unter in den Armen des Gebüschs. Geschmeidig geben die Äste nach und das Auge erfreut sich an dem raschen Wechsel von glänzendem und mattem Grün, je nachdem sich ihm die bewegte Ober- oder Unterseite der Fliederblätter darbietet. Nicht einmal der so nahe Giebel des Wohnhauses wird sichtbar, denn ich habe zu sagen vergessen, daß auch Bäume in diesem Gärtchen wachsen: Apfelbäume und Birnbäume und rechter Hand – du siehst sie von hier nicht – eine ganz frühe Sauerkirsche. Weiter stehen auf beiden Seiten der ewig knarrenden Lattentür zwei Pappeln, geköpfte, gestutzte Pappeln (denn ihre Zweige sind gut zum Anheizen des Backofens), die nachgewachsenen schwachen Zweige stehen in einem lächerlichen Mißverhältnis zu der Dicke der Stämme.

Auf einer von den beiden Pappeln liegt eine hölzerne Egge. Malte Gäntschow hat sie selbst hinaufgeschafft als eine Aufforderung an die Störche, dies als Nistgrund zu betrachten. Aber die Störche sind dieser Aufforderung nicht gefolgt. Dies erfolglose Hinauftragen einer Egge ist aber auch der einzige Eingriff des Bauern in den Garten. Die Kartoffeln, die Erdbeeren, die Pferdebohnen, sie sind ein Unternehmen seiner Frau Hedwig, geborenen Düllmann. Manchmal kam der Geist über die Frau – im Trubel von Haus-, Milch- und Geflügelwirtschaft erinnerte sie sich ihrer Gewächse, sie wollte ihnen einen Sondervorteil zuschanzen, mit dem Kindertöpfchen schoß sie zu den Erdbeeren, sie düngte eine Pflanze. Oder sie hackte und jätete einen Tag lang eifrig mit ihren Mädchen, es gab angebranntes Essen, mageres Essen, unpünktliches Essen. Dann vergaß sie wieder durch viele Wochen den Garten ganz, aus allem wurde so gut wie nichts.

Es war aber auch der reine Unverstand gewesen, unter den Bäumen solche Beete anzulegen, da konnte nie etwas werden. Das kam aber daher, daß die Frau keine richtige Bauerntochter war, wenn sie auch aus Dreege stammte, ihr Vater war ein Kapitän auf kleine Fahrt gewesen.

Nun wollte sie – aus purem Unverstand – mit dem Bauern konkurrieren. Sie hätte Schoten, Stangenbohnen, Schnittlauch, Porree, Kohl bauen sollen, das war ihr Gebiet. Aber nein, der Bauer baute Kartoffeln, so baute sie auch Kartoffeln.

Und ihre Kartoffeln wuchsen und wuchsen, die Blätter der Stauden waren blaugrün, ihre Stengel strotzten vor Saft. Der Sommer verging, der Herbst kam. Die Kartoffeln auf den Feldern waren längst abgewelkt und braun, sie hatten ihren Saft und ihre Kraft in die Knollen geschickt. Die Gartenkartoffeln, die Frauenkartoffeln – ihr Kraut lag triefend vor Nässe, tiefgrün, wie erschlagen auf dem Boden. Und als man sie schließlich aufnahm, was war die Ernte? Kartöffelchen wie Kirschkerne, wie Walnüsse, das war der Ertrag dieser Strotzenden. Sie hatten in ewigem Schatten gestanden, keine Sonne war zu ihnen gedrungen, sie hatten ihre ganze Kraft ans Blattwerk verschwendet, mit dem sie zum Licht hatten vordringen wollen. Es war ihnen nicht gelungen.

Und die Erdbeeren? Ja, auch sie litten unter zu vielem Schatten. Und dann war da diese Hecke, die der Herr nicht mehr beschneiden lassen wollte. Sie wuchs unmäßig wild und hoch, nach allen Seiten, in Himmel und Licht hinein. Aber da man sie so in den Himmel hinein wachsen ließ, hatte sie keine Kraft mehr, unten im Dunkeln, an der Erde Zweige zu treiben, sie wurde über dem Boden dünn und schütter. Und die Enten kamen gewatschelt und wanderten eine nach der andern durch die Heckenlöcher in den Garten. Sie fraßen wohl auch die Schnecken und das Gewürm, aber mit ihren breiten Schwimmfüßen stellten sie sich dabei auf die Erdbeerpflanzen, und da hielten sie glucksend und schwankend ihr Palaver. Manchmal schoß etwas Weibliches aus dem Haus und scheuchte sie, aber sie kamen immer gleich wieder.

Viele Jahre hindurch versuchte es die Frau mit dem Garten immer aufs neue. Aber dann gab sie es auf. Man hat eine glückliche Hand oder man hat keine. Frau Hete hatte keine. Und kein Mensch kümmerte sich nun mehr um diese Wildnis. Grade noch, daß im Herbst abgenommen wurde, was an Birnen und Äpfeln gewachsen war.

Nun wuchs alles, wie es wollte. Die Büsche wurden immer höher und dichter, die Hecke sperrte die Welt von dieser grün triefenden Wildnis ab, und Gras und Moos krochen über den Weg. Die Obstbäume streuten ihren Blütenblätterschnee über die Beete, in denen Vogelmiere, Pede und Nesseln wuchsen, und die Vögel, denen früher die kahle Ordnung des Gartens keinen Schutz gegen umherstreunende Hofkatzen gewährt hatte, kehrten zurück in die wogende Blätterfülle. In der Dornhecke hatten sie ihre Nester und alle Starkästen waren besetzt.

Und die Bienen hatten hier ihr Reich. Sie habe ich bisher vergessen. Ungefähr in der Mitte des Gartens, rechts vom Hauptweg, steht das Bienenhaus, aus Lehmfachwerk erbaut, mit Rohr gedeckt, gut mannshoch. Nach Sonnenaufgang hin ist es offen. Hier stehen in drei Reihen übereinander die gelben, aus gedrehten Strohseilen gefertigten Bienenkörbe. Man sieht sie sonst kaum mehr, sie sind als unwirtschaftlich abgeschafft, denn um die Honigernte zu bekommen, muß man das ganze Volk töten. Doch hier stehen noch die Strohkörbe. Den Gäntschows bedeutet es nichts, daß ihnen die Bienen nichts einbringen. Sie töten kein Volk. Jedem lassen sie über Winter die ganze Honigernte. Und so schwärmen die starken fröhlichen Völker durch den Garten aus und ein, nach den Lindenbäumen, nach den Bohnenfeldern, nach allem, was blüht.

Steht der Sommermittag über dem Garten, scheint das Summen und Brausen anzuschwellen zu einem tönenden Schwingen der Himmelskuppel selbst. Der Wind schmiegt sich ein in die Blätter. All das Grün zittert im Licht. Auf der Erde ist Gold über Gold verschüttet. Die kleinen Vögel schlagen einmal mit den Flügeln und sitzen wieder still. Und der kleine nutzlose Garten schaukelt wie eine goldgrüne Schaukel summend im Lichte. O selig! – Man hat eine glückliche Hand oder man hat keine. Schon Hedwigs Vater, der olle Kaptein Düllmann, hatte keine. Die Leute nannten ihn den alten Mann, der immer ut de Tüt kommt. Jemand, der aus der Tüte kommt, kann nicht wissen, was unterdes außerhalb seiner Tüte geschehen ist. Kapitän Düllmann wußte das auch nie. Jedem kann die Frau früh sterben, manchem Kaptein ist schon ein Dampfer abgesackt, aber bei Kaptein Düllmann wurde das alles erst dadurch recht schlimm, daß er stets aus der Tüte kam, wenn was geschah, ganz fassungslos aus der Tüte kam.

Man erzählte von ihm, daß es damals, als seine Maria Kathrein vor Pillau im dicken Nebel mit einem Schlepper zusammenstieß und sank, daß er damals, als alles Hals über Kopf in die Boote ging, denn die Maria Kathrein sackte in einem gräsigen Tempo weg, daß er also damals in höchster Leibesnot den Schiffsjungen, der grade ins Boot springen wollte, festgehalten und ihm ernst, aber mit Tränen in den Augen, den Auftrag gegeben habe, doch seine lütten leewen Kaktusse noch en beten zu begießen, weil daß sie vorige Woche schon kein Wasser gekriegt hätten.

Sicher ist diese Geschichte – der Schiffsjunge soll dabei auch noch um ein Haar versoffen sein – erstunken und erlogen, denn wäre sie wahr gewesen, so hätte ihm das Seeamt sicher nicht sein Kapitänspatent gelassen. Aber sie paßte wunderschön auf Kapitän Düllmann, wie ein Dutzend Geschichten mehr noch, die von ihm im Schwange waren. Johannes Gäntschow erinnerte sich sein ganzes Leben lang sehr gut an diesen Großvater, der so viel Spannung in die langweiligen täglichen Mahlzeiten brachte. Da saß der dicke blonde Mann mit seinem blaßblonden Schnurrbart, der wie ausgelaugt aussah, mit seinen blaßblauen Augen, die ganz ausdruckslos guckten, und aß fleißig seine Bohnensuppe oder was es eben gab. Aber mitten im Essen – Johannes spannte schon – seufzte er plötzlich aus tiefster Brust kummervoll auf, der Löffel blieb auf halbem Wege zum Munde halten. Bewegungslos saß er da, und nun konnte man ihn ansprechen, so viel man wollte, Grotvadding tat keinen Mucks. Dann, nach einer langen Weile, nach drei Minuten, nach fünf Minuten, nach sieben Minuten, in denen er stocksteif vor sich hin gesehen hatte, seufzte er wieder tief auf, sah um sich wie ein Schläfer, der erwacht, entdeckte den Löffel in seiner Hand. Er seufzte noch einmal und fing wieder mit Essen an. Und immer fand sich einer, trotzdem das eigentlich streng verboten war, der den Kapitän Düllmann fragte: Großvater Hanning, was war denn?

Dann seufzte der alte Mann noch einmal und sagte immer noch ganz benommen: Da is eben eine schwarze Wolke über meine Seele gegangen, mein liebes Kind.

Derart war Kapitän Düllmann und derart wohnte er vier oder fünf Jahre auf dem Gäntschow'schen Hofe. Als nämlich die Maria Kathrein abgesackt war, gab Kapitän Düllmann die Seefahrerei auf. Er besaß ein hübsches kleines Häuschen an der Dampferlände in Dreege – aber warum sollte der alte verwitwete Mann in das leere Häuschen ziehen (das so gut zu vermieten war!), wo er drei verheiratete Töchter hatte!

Großvadding hatte nun die Wahl, und daß er die Wahl hatte zwischen allen dreien, das machte neben dem Häuschen die feste, altersbraune Seemannskiste mit Eisenbändern und einem großmächtigen Schloß, wie es heutzutage gar keins mehr gibt. Über den Inhalt dieser Seemannskiste gingen die tollsten Gerüchte, goldene Münzen in Säcken, Brillanten und Edelgestein in Beutelchen, goldene Ringe und Bänder, ja ganze Barren – das war das mindeste, das von dieser Kiste, die nie einer offen gesehen hatte, gefabelt wurde. Und nicht nur von den Kindern, die dem ollen Kapitän Düllmann nachsagten, er habe Störtebekers alten Schatz gefunden und alle Matrosen nach und nach erschlagen, die ihm beim Ausbuddeln geholfen. (Daher die schwarze Wolke.)

Nun war Malte Gäntschow ein sehr nüchterner Mann, und er glaubte weder an den Klaus Störtebeker, noch an Barren und Edelgestein. Aber er stellte eine kleine Rechnung auf, was sein Schwiegervater wohl in den dreißig Jahren, die er als Steuermann und Kapitän gefahren war, verdient und zurückgelegt haben konnte. Und da Kapitän Düllmann vieles nachzusagen war, aber keine Unmäßigkeit, keine Verschwendungssucht, keine Weibergeschichten – so kam Malte Gäntschow bei dieser Rechnung auf einen hübschen Batzen. Da aber der Schwiegersohn weiter wußte, daß Kapitän Düllmann ein Feind aller neumodischen Einrichtungen war, ob sie nun Sparkassen, Pfandbriefe oder sonstwie hießen, – wo sollte da also das viele schöne Geld sein als in der Kiste?

Und indes die drei Töchter noch eifrig debattierten, welche von ihnen Vadding zu sich nehmen sollte, und die Schwiegersöhne sich im Preise ihrer guten Hauskost und warmen, sonnigen Stuben überboten, spannte Malte Gäntschow einfach seinen Fuchs vor die Kutschkalesche, und als Kapitän Düllmann halbwegs zwischen Dreege und Kirchdorf aus der Tüte kam, da saß er neben seinem Schwiegersohn Gäntschow auf dem Wagenstuhl, die Schienbeine rieben sich an den Eisenbändern der Schiffskiste, und hintenauf waren all die schönen Mettwürste, Buttertöpfe, Schwartenmägen und Rollschinken geladen, die die liebenden Kinder Vadding zum Beweise ihrer guten Kost verehrt hatten.

So war Kapitän Düllmann auf den Gäntschow'schen Hof gekommen, und da er von sich aus so leicht nichts an einem einmal bestehenden Zustande änderte, so blieb er auch erst einmal da.

Es begab sich aber nun im vierten Jahre seines Aufenthaltes auf dem Warderhofe, daß Kapitän Düllmann eine Lungenentzündung bekam. Wo er sie aufgesammelt hatte, der abgehärtete, durchgepustete alte Seebär, das wußte keiner, er auch nicht. Boshafte behaupteten, grade als Düllmann vor einem Gewitterguß ins Haus habe treten wollen, sei eine schwarze Wolke über seine Seele gezogen, und so sei er da stehen geblieben, die Klinke schon in der Hand, im schönsten Pladdern, unter der Traufe des Dachs und unter der Traufe des Gewitters, zehn Minuten, fünfzehn Minuten, zwanzig Minuten, zweiundzwanzig Minuten. Da war die Wolke vorbei, und Kapitän Düllmann drückte auf die Klinke und ging ins Haus, klatschnaß und zitternd vom Kopf bis zu den Zehen.

Natürlich war er auch grade zur ungeschicktesten Zeit krank geworden, zur Zeit, da jede Hand draußen zum Kartoffelstecken gebraucht wird, und da wirklich niemand zur Pflege abkommen konnte, so ließ man aus dem Dorf die alte Brommen holen. Die war zwar von der Gicht so zusammengezogen, daß sie so recht kein Glied mehr rühren konnte, außer der Zunge, die ging noch ganz fleißig. Viel zu tun hatte sie ja aber auch nicht, denn der Kranke lag meistens bewußtlos in hohem Fieber. Es saß eben jemand neben dem Bett, wie es sich schickte.

Gegen Erwarten wurde es mit Großvater Hanning wieder, die Brommen ging ins Dorf zurück, und Kapitän Düllmann saß, noch ein bißchen unsicher mit dem Kopfe wackelnd, auf der Bank vor dem Haus in der schönen Sommersonne. Die schwarzen Wolken aber kamen genau so wie vor der Krankheit, kamen und gingen wieder.

Es dauerte noch eine ganze Weile, bis seine Tochter, die Hedwig, merkte, die Seemannskiste stand nicht mehr in Vaddings Kammer. Da ging nun aber ein Geplärre und Geschrei los, von dem die ganze Halbinsel Fiddichow widerhallte, und Frau Gäntschow saß den lieben langen Tag beim Landgendarmen und verlangte alle Stunde von ihm, er solle ihr den Dieb mit der Kiste herbeischaffen, sonst ...!

In dem ganzen Tumult blieb der einzig Ruhige der Kapitän Düllmann. Als der gehört hatte, seine Kiste sei weg, und begriffen hatte und darüber nachgedacht hatte, da sagte er nur: Die Kiste? Laß sie sausen! Ick heff joa den Slötel! (Schlüssel.)

Und dabei blieb er.

Bei den Gäntschows aber erschien eines Morgens der Gendarm, Fuß langsam vor Fuß setzend, denn die alte Brommen, gichtiger denn je, war in seiner Begleitung, und er eröffnete dem Ehepaar Gäntschow, der Brommen sei ein Gerücht zu Ohren gekommen, die Seemannskiste des Kaptein Düllmann solle gestohlen sein. Es sei aber nicht an dem, sondern die Seemannskiste sei wohl aufgehoben in des Besitzers Händen.

Oh, wie sperrten die beiden Gäntschows Mund, Nase und Ohren auf, es war, als glotzten sie fassungslos aus allen Körperöffnungen.

Ehe sie aber noch vom Beschaulichen zum Handelnden übergingen, tat die Junge der alten Brommen einen Schlag und dann fing sie an zu laufen. Und sie berichtete von dem guten alten Papa und seiner schweren Krankheit und der grausigen Pflege, wo er doch immer gehustet hätte, daß man gemeint hätte, nun fliege ihm die Seele aus dem Leibe, und acht Nächte sei nicht zu schlafen gewesen vor solchem Husten ...

Aber in der neunten Nacht, da hat der liebe alte Kaptein die Augen aufgemacht und hat recht lieblich rot ausgesehen und hat mich gut angeschaut und hat mich freundlich gefragt: Olsch, Brommen, bist du das? Und als ich geantwortet habe: Kaptein, jawohl, an Bord, und die Witfrau vom Maurer Brommen dazu – da hat er gelächelt und hat gesagt: Keiner hat sich meiner erbarmt, aber du hast dich meiner erbarmt, als ich in den Banden des Todes lag, und also will ich mich auch deiner erbarmen. Rück die Kiste her! – Und Gott hat sich meiner erbarmt und hat mir die Kraft verliehen und ich elender Wurm habe die Kiste vor sein Bett gerückt und er hat gesagt: Schließ die Kiste auf, Olsch, Brommen. Und er hat mir den Schlüssel gegeben und ich habe die Kiste aufgeschlossen und er hat mir alles gezeigt, was er von seinen vielen wilden und weiten Meeresfahrten heimgebracht hat, und dann hat er gesagt: Olsch, Brommen, schließ die Kiste wieder zu.

Und ich habe die Kiste wieder zugeschlossen und er hat sich den Schlüssel wiedergeben lassen und hat zu mir gesagt: Olsch, Brommen, der Mensch ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Und du nippelst gerne einen. Darum wenn ich dir jetzt schon alles schenken würde, würdest du vielleicht nachlassen in deiner huldvollen Pflege, doch die Kiste schenke ich dir. Und wenn ich zu Johanni unter den Lindenbäumen bei meines Schwiegersohns Tür sitze, dann sollst du zu mir kommen, und ich will dir auch den Schlüssel zu der Kiste geben.

Und er ist zurückgefallen in seine Kissen und eingeschlafen und kein Fieber mehr, nur ein gesunder Schweiß. Und Gott ist gnädig gewesen und ich habe die Kiste weggeschafft an einen sicheren Ort, und weil gestern Johanni gewesen ist, und ich habe das Gerede im Dorf gehört vom Gestohlenen, aber es ist nicht so, und das nehme ich auf meinen Eid, rechts wie links, da bin ich mit dem Gendarmen her, und ich habe das feste Zuvertrauen, der Kapitän wird sich meiner erbarmen und mir den Schlüssel geben, wie er mir versprochen hat in der neunten Nacht, wo der gelinde Schweiß kam ... War es aber vorher Geplärr und Geschrei gewesen, so ging es nun los mit Drohungen und Gebrüll. Die alte Brommen rabbelte unverzagt immer dagegen an. Gar nichts half es, daß man den olen Kaptein Düllmann dazu holte, der griente nur und sagte wieder seinen Spruch, daß er ja den Schlüssel habe, und wenn ihn der Gendarm auch hart befragte, wie es denn stehe um die Behauptungen der Frau Bromme, ob ja oder nein: er lächelte fernhin und himmelblau – wie ein toter Dorsch, sagte sein Schwiegersohn – und meinte, es werde sich schon alles weisen, alles zu seiner Zeit, den Schlüssel habe er.

Es gingen aber keine zehn Wochen ins Land, da fuhren beide Parteien nach Bergen aufs Amtsgericht, Kapitän Düllmann mit Tochter Hete und Schwiegersohn Gäntschow, ganz allein aber die Brommen, gichtig, krumm und uralt, aber mit ihrer Zunge. Die Kiste indessen, vom Gendarmen bei der Witfrau in einem verlassenen Schweinekoben unter Stroh aufgestöbert und sichergestellt, war bereits an Gerichtsstelle vorausgereist.

Da stand sie nun, schwärzlich und schmuddelig vor ungeheurem Alter und Weltbefahrenheit, aber die gezackten Eisenbänder sahen noch immer sehr solide aus und das Schlüsselloch war groß, tief und geheimnisvoll.

Dritte Sache: Klage des Kapitäns Düllmann, vertreten durch seinen Schwiegersohn, den Bauern Malte Gäntschow, gegen Frau Josefine Ernestine Gesine Bromme zu Kirchdorf auf Fiddichow, vertreten durch nichts, auf Herausgabe einer Seemannskiste.

Oh, wie sie sich vertrat, wie die Zunge die schmerzvollen Fiebernächte des armen Dulders wieder belebte, und die Kiste spukte ... Der Herr Amtsrichter hatte eine goldgeränderte Brille und einen schönen schwarzen Vollbart. Hören Sie mal, sagte er. Was war denn nun eigentlich in der Kiste drin?

Tjä! Herr Gerichtsdirektor, wenn ich es sagen sollte. Es ging aber alles sehr geschwinde, und den armen Kapitän schüttelte so das Fieber.

Na, irgendwas müssen Sie doch gesehen haben?

Jawohl. Jawohl. Es glänzte und es gleißte – und die Augen flossen einem über.

Gold –? Edelsteine?

Gold, Herr Gerichtsdirektor? Edelgestein? Da waren ja wohl, wie es in der Schrift heißt, alle Schätze Salomos darin, daß einem alten Christenmenschen das Weinen ankam, wenn er das sah. Aber ich hab' immer gesagt, wie der alte Kapitän Düllmann ...

Es wird von Goldbarren geredet, lockte der Amtsrichter. Auch von Armbändern ...

Armbänder, Herr Gerichtsdirektor, sagte die Alte verächtlich. Armbänder! Da müssen ja wohl güldene Ringe um den ganzen Leib sein, wie die nackigen Wilden sie tragen. Und Steine so groß wie Hühnereier, wie Gänseeier ... Sie suchte.

Edelsteine? fragte der Richter.

Edele Steine, ja, das gleißte nur so, das flimmerte ...

Das wissen wir nun, sagte der Richter. Ich möchte aber lieber eine exakte Beschreibung haben, gute Frau, was Ihnen der Herr Kapitän in der Kiste gezeigt hat. Also jedenfalls Ringe, große, goldene Ringe ...

Leibringe, sagte Frau Bromme ergänzend.

Schön. Und was noch? Geld zum Beispiel?

Geld? Natürlich ist Geld in der Kiste! sagte die Brommen wieder wegwerfend, entrüstet über so viel Unverstand.

Goldgeld? Silbergeld?

Silbergeld –? So eine Kiste gibt es ja wohl nicht auf der lieben Welt, in die so viel Silbergeld ginge, wie der Kapitän hätte, wenn er was hätte. Alles schieres Gold, Herr Gerichtsdirektor.

So? Schön. War das nun lose oder in Säcken?

In Säcken doch natürlich, daß es nicht einstaubt.

Und waren die Säcke offen oder zugebunden?

Zugebunden doch! Die können doch nicht offen sein.

Und wie haben Sie gesehen, daß in den zugebundenen Säcken Goldgeld war?

Er hat sie doch aufgemacht, Herr Gerichtsdirektor.

Sie haben hier aber ausgesagt, Sie hätten nur einen Moment in die Kiste gesehen.

Aber doch auch in die Säcke, Herr Gerichtsdirektor! Das gibt es wohl nicht, das bringt wohl nicht ein Christenmensch übers Herz, daß er in so eine Kiste schaut und sieht nicht in die Säcke!

Ich will Ihnen sagen, Frau Bromme, Sie phantasieren sich hier was zurecht. Herr Kapitän Düllmann, wollen Sie uns jetzt bitte sagen, was sich in Ihrer Kiste befindet?

Nä, Herr Amtsrichter, sagte Kapitän Düllmann und sah glupsch auf den Richter.

Aber wieso denn nicht? fragte der ganz verblüfft. Das müssen Sie aussagen, wenn Sie Ihre Kiste wiederhaben wollen.

Die will ich gar nicht wiederhaben, Herr Amtsrichter, sagte Kapitän Düllmann ruhevoll. Meine Kinder möchten die jetzt wiederhaben. Aber mir ist das ja nicht so eilig. Und warum nicht? Weil ich den Schlüssel habe. Und nun brauche ich nur zu warten, bis sie stirbt, und dann habe ich eben die Kiste wieder.

Das ist noch gar nicht gesagt, will der Richter eben anfangen.

Aber die Brommen hat die Lage überschaut und rabbelt eilig los: Aber wenn er denkt, ich sterbe vor ihm, dann irrt er sich, Herr Gerichtsdirektor. Und wenn er stirbt, dann erbe ich den Schlüssel. Ich bitte doch ... fängt der Richter wieder an.

Und er hat mir doch seine Schätze gezeigt, sagt die Brommen eilig und nimmt ihren Vorteil wahr. Sie packt alle alten Sagen über die Kiste aus. Und es ist auch ein Zimmetast darin, einen Meter lang ...

Zimmetast?! fragt der Richter.

Ja, Kanehl. Und ein schwarzes Fell von einem ungeborenen Schaf und eine Axt aus Silber und Perlenschnüre und ein Menschenschädel, weswegen der Kapitän manchmal zwanzig Minuten lang düsig ist, weil er den Mann selber erschlagen hat. Und eine ganze Taucherausrüstung, wie er nach dem Gold von Störtebeker getaucht hat, und ein Beutel Erde von Golgatha und zehn Flaschen wirklichen Rum ...

Halt, halt!! schreit der Richter. Sie phantasieren hier ja. Wie soll das alles in die kleine Kiste gehen. Herr Kapitän, schließen Sie jetzt die Kiste auf.

Nä, Herr Amtsrichter, sagt Kapitän Düllmann unerschütterlich und sieht von seinen wütenden Kindern fort.

Aber warum denn nicht? verzweifelt der Richter. Sagen Sie uns wenigstens, stimmt das, oder stimmt das nicht, was die Frau Bromme hier über den Inhalt der Kiste ausgesagt hat?

Das kann stimmen, sagt der Kapitän. Das kann aber auch nicht stimmen. Das wird sich weisen am Tage nach meinem Tode, wenn meine Kinder ihr Erbe antreten.

Herr Gäntschow, bittet der Richter förmlich. Sie haben doch sicher Einfluß auf Ihren Schwiegervater. Reden Sie ihm doch zu. Es liegt ihm doch sicher daran, seine Kiste zurückzubekommen.

Von rechts die Tochter, von links der Schwiegersohn reden auf den alten Mann ein, der Richter wartet geduldig. Aber die alte Brommen hat frische Kraft geschöpft und plärrt: Und eine Krone mit goldenen Zacken ist darin, die soll er bei den Eskimos bekommen haben, und eine Fischblase mit Goldsand ...

Jetzt! sagt Gäntschow.

Und die Hand der Tochter öffnet Vaters Wams schon am Hals und der Schwiegersohn hat's Messer schon bereit – ach, eine schwarze Wolke zieht grade wieder über Opa Hannings Seele. Und sie schneiden ihm den Schlüssel vom Hals, ehe noch der Richter recht verstehen und protestieren kann. Und der Gerichtsdiener nimmt den Schlüssel, und knack knack macht das Schloß einmal und knack knack macht das Schloß zum zweiten Male, und langsam, langsam, der Wichtigkeit der Minute voll bewußt, schlägt der Gerichtsdiener den Deckel zurück.

Alle stehen auf den Zehen, nur über Kapitän Düllmanns Seele schattet eine barmherzige schwarze Wolke ...

Ein Ölanzug, benutzt. Eine Bibel, zerrissen. Ein Frauenrock, neu. Ein Korsett, rosa, benutzt. Ein Kinderkleidchen, unbenutzt.

Leer. Schluß. Ende.

Eine Woche später wohnte Kapitän Düllmann wieder allein in seinem Häuschen an der Dampferlände zu Dreege. Ewig rätselhaft blieb, wo er sein Geld gelassen hatte und noch ließ. Trotzdem der Inhalt der Kiste zu düsteren Vermutungen Anlaß gab.

Aber sicher ist, daß er, zweiundsiebzigjährig, kummervoll und beschattet von einer nahenden schwarzen Wolke, zu seinem Schwiegersohn sagte, als der ihn auf der Landstraße zwischen Dreege und Kirchdorf traf: Nun haben sie mich doch rangekriegt. Nun habe ich doch den Strick um die Hörner.

Er sah scheu um sich, er flüsterte geheimnisvoll: Ich soll se ja verführt hebben!

Mystisch und trauervoll umwittert zog er weiter. Vierzehn Tage darauf heiratete er. Sie war zweiundzwanzig, und die Familie Gäntschow erbte nie nichts.

Außer der Seemannskiste.

Aber das steht auf einem späteren Blatt.

Zweiter Abschnitt

Inhaltsverzeichnis

Die Urgeschichte des Helden

Die Jugendgeschichte des Helden

Wanderjahre des Helden

Liebes- und Ehegeschichte des Helden

Wiedersehen mit einer Freundin

Wir hatten mal ein Kind

Impressum

Wir hatten mal ein Kind

Hans Fallada

Die Jugendgeschichte des Helden

Solcher Art waren die Vorfahren, solcher Art war die Hofstätte des Johannes Gäntschow, der am zwölften März 1893 geboren wurde. Er war eins von vielen Geschwistern, aber, obgleich er den Hof erbte, war er weder der älteste noch der jüngste Sohn, sondern der dritte oder vierte. So genau kann man das gar nicht sagen, denn im ganzen waren es elf Kinder, die aus der Ehe des Malte Gäntschow mit der Hedwig, geborenen Düllmann, entsproßten, und da manche von den Kindern sehr früh starben, wußten, nachdem eine Reihe von Jahren vergangen war, selbst die Eltern nicht mehr so genau, das wievielte Kind ein jedes war. Nur die Schlußsumme blieb haften: elf – und wenn man bedachte, daß nur fünf Kilometer weiter ein Dorf Baumgarten lag, unterhalb des Leuchtturms von Sagitta, in dem die Leute überhaupt nie Kinder kriegten und in dem Hof auf Hof, von Generation zu Generation, ausstarb und immer wieder an entfernte Verwandte fiel, die dann auch wieder ausstarben, so kann man das Ergebnis auf Warder nicht schlecht nennen.

Und doch war es schlecht, denn als Johannes Gäntschow, achtundzwanzig Jahre alt, den Hof nach seines Vaters Tode übernahm, da war kein einziges von seinen zehn Geschwistern mehr da, das ihm den Besitz streitig gemacht hätte. Sie waren jung und älter gestorben, an Krankheiten oder Unglücksfällen, oder sie waren auch einfach abhanden gekommen, wie sein ältester Bruder Alwert – für das ganze Leben abhanden gekommen, und das war vielleicht die schlimmste Art, einem Bruder im Erbe Platz zu machen. Es war ganz, als sei aller Lebenswille der ganzen Nachkommenschaft von der Zerfahrenheit und Ziellosigkeit der geborenen Düllmann angesteckt worden. Da waren sie da, aber sie mußten nicht da sein, sie waren ganz zufällig da, und so gingen sie wieder durch Zufall ab, bei irgendeiner kleinen lächerlichen Krankheit, oder auch in einem Jauchenloch – es kam schon nicht darauf an.

Dieses letzten Falles, des mit dem Jauchenloch, erinnerte sich Johannes Gäntschow durch sein ganzes Leben sehr genau, denn damit war sein schlimmer Streit mit dem Vater verknüpft, der ihn vom Hof und in die Welt hinaustrieb. Das war in einer jener Zeiten gewesen, da sein Vater wieder einmal – zum wievielten Male! – Freundschaft mit allen seinen Nachbarn, mit denen er sich durch Jahre verstritten hatte, schloß und entweder im Kirchdorfkruge oder auf den umliegenden Höfen oder bei sich wochenlang herumtrank. Malte Gäntschow war ja sonst ein sehr pedantischer, verschlossener, wortkarger Mensch, der am liebsten ganz für sich allein lebte. Aber da war diese Frau, die immer wie ein Huhn war, das in der Küche erwischt wird und sinnlos gegen alle Wände, Töpfe, Fenster anflattert, obgleich die Tür weit offensteht. Da waren diese Kinder, die gerade anfingen, einem zu helfen und Freude zu machen, Händchen in Hand mit dem Vater aufs Feld zu laufen, und schon starben sie oder waren weg. Und da war der zweite Malte in der eigenen Brust, der da fand, es sei wirklich Einsamkeit genug auf diesen ewig umstürmten, ewig nebligen Einzelhöfen, in einem kleinen Bauernhaus, in dem es immer angeschmuddelt und unpünktlich zuging, mit verdorbenen Eßvorräten und verdorbenen Dienstmädchen. Und dann brach es aus ihm und er fühlte die Eiseskälte in der Brust, er löste die Zunge, er trank, er saß mit den anderen Bauern, gierig hörte er ihnen zu, er schwelgte mit ihnen. Goldene Welt der Gemeinschaft, aus dem klaren Korn des Schnapsglases. Guter Freund aller guten Freunde, aus dem lockeren, zitternden Schaum der Biergläser.

Dann ging er beschwingt heim, er sang, er pfiff, er wirbelte den Handstock – alles war gut. War es kalt draußen, so lief ihm eines der Kinder entgegen und bugsierte den Vater nach Haus, denn es war vorgekommen, daß Malte Gäntschow sich einfach in einen Graben zum Schlafen gelegt hatte und nach vielen Stunden Suchens halb erfroren gefunden worden war. Die Kinder taten das gerne, denn nie war der Vater zutunlicher und fröhlicher, als wenn er so angedudelt heimmarschierte. Anzumerken war ihm sonst äußerlich kaum etwas, nur eben, daß er viel redete. Er ging bolzengerade, so viel er auch getrunken haben mochte. Er war eben immer ein riesenstarker Mann.

An diesem Abend im ersten Drittel Dezember hatten die Kinder stundenlang beisammengesessen und auf den Vater gewartet. Ein paarmal war die Mutter erschienen und hatte heftig und böse mit ihnen gescholten, als seien sie schuld daran: die Sauftour müsse nun endlich ein Ende nehmen, was sich Vater wohl dächte, keinen Pfennig Geld mehr im Hause, bei jedem Kaufmann im Kirchdorf Schulden, daß man sich nicht ein Pfund Zucker zu kaufen getraue, und es würde ja doch nur wieder Feindschaft aus all diesen betrunkenen Anbiedereien. Dann hörten die Kinder sie seufzend, scheltend und weinend den Säugling im Nebenzimmer besorgen, und dann wurde es ganz still, daß man nur den fürchterlichen Ostwind gegen die Fenster stoßen hörte.

In diesem Jahre war der Frost sehr früh und ganz überraschend gekommen – bei abnehmendem Monde. Jetzt bei vollem Monde war es noch kälter, die Fenster standen bis oben hin voll Eis, und man mußte in Vaters Stube lange gegen die Scheibe hauchen, um auf dem Außenthermometer zu sehen, daß es zwölf Grad Kälte waren. Trotzdem man dreimal aufgelegt hatte, war die Stube nicht warm zu kriegen gewesen. Es zog durch die Tür- und Fensterritzen, und so hatten sich alle Kinder, eins nach dem anderen, in die Betten verkrochen, bis auf Alwert, den Ältesten, die große Schwester Frieda und Johannes.

Johannes fror auch sehr und eigentlich war er müde, aber er war heute daran, dem Vater entgegenzulaufen, und das wollte er sich nicht entgehen lassen. Er war nämlich des Vaters Liebling, und er war vielleicht der einzige, der es dem Vater beibringen konnte, daß weder Kartoffel- noch Rübenmieten ordentlich gegen den starken Frost zugedeckt waren und daß der Kühmann angefangen hatte, heimlich Milch beiseite zu bringen. Davon flüsterte der Neunjährige leise mit Frieda, der Elfjährigen. Sie durften keinesfalls den großen Bruder Alwert stören, der in einem Buche las.

Du mußt eben sehen, wie Vater ist, hatte Frieda gesagt. Redet er viel, so wartest du eben, bis er ein bißchen schläfrig wird. Aber die Hauptsache ist doch, daß du ihn bei diesem Wetter nach Haus kriegst, Hannes.

Ja, ja, sagte Johannes gedankenvoll, und dachte böse an die drei hölzernen Eggen, die angefroren auf dem Felde liegengeblieben waren und die nun verkamen. Er hatte versucht, sie allein in den Schuppen zu schaffen, aber dafür war er noch zu schwach. Der Pferdeknecht hatte ihn spöttisch gefragt, ob er jetzt der Großbauer geworden sei, daß er schon Anordnungen gäbe, und Alwert hatte natürlich wieder mal keine Zeit gehabt.

Johannes saß da mit dem langen, schmalen, mageren Gesicht, über dem Nasensattel selbst jetzt Sommersprossen, mit sehr hellen Augen. Die Zähne hatte er fest aufeinander gebissen, er brummte sein Jaja nur, er mußte immer an alles denken, was jetzt auf dem Hof verkam und gestohlen wurde. Er war sehr böse, auf die Schule, die ihn nicht zur Hofarbeit kommen ließ, auf Alwert, den Gleichgültigen, auf Schwester Frieda, die nicht einsehen wollte, daß Hofarbeit wichtiger war als Hausarbeit, auf die Mutter, die ewig Kinder kriegte und darüber zu nichts kam, nur nicht auf den Vater, der eben so war, wie er war. Daran war nichts zu ändern, wie eben auch an dem Frost draußen nicht. Aber er sprach von alldem nicht. Er biß die Zähne zusammen und dachte darüber nach, wie er es dem Vater beibringen könnte, ohne daß der zornig würde. Als sie nun so alle drei dasaßen, alle drei Kinder derselben Mutter, in derselben Stube und jedes sehr allein für sich, als da der Wind gegen die Scheiben fauchte, die Eisränder immer höher krochen, die Nacht fast von Minute zu Minute mondheller und strahlender wurde, hörten sie heranklingelndes Schlittengeläute, dann das rasende, zornige Gebell der Hundemeute, das Knallen der Fahrpeitsche, Winseln getroffener Hunde und das beruhigende Hoho! des Kutschers zu den Pferden.

Johannes war der erste draußen. Nachbar Schlicht rief ihm zu, daß der Vater nicht habe mitfahren wollen, aber schon kurz vor ihm aufgebrochen sei aus dem Krug. Der Schlitten klingelte wieder los. Hannes schlüpfte in seine kaninchenfellgefütterte Joppe, setzte eine Pelzmütze auf und lief in Holzpantoffeln los, ohne auf das zu achten, was ihm Frieda nachrief. Kaum war er von der Hofstatt, sprang ihn der eisige Ostwind an, daß das Atmen in Nase und Lunge schmerzte. Aber er lief scharf weiter. Auf der Chaussee schlitterte er lange, lange Strecken im Mondlicht auf dem spiegelglatt gefahrenen Schnee. Es war bis auf das Windrauschen und das Brummen der Telegraphendrähte totenstill. Kein menschlicher Laut, kein Hundebellen, alles hatte sich in die Häuser verkrochen.

Der Junge lief immer weiter. Er sah schon in der Ferne über dem flachen Land die weiß beschneiten Dächer des Kirchdorfes, er überlegte, in welchem der Häuser der Vater vielleicht klebengeblieben sein könnte. Dann sah er ihn in der Auffahrt zum Windmühlenhügel sitzen, mit offener Joppe im Winde auf einem Stein. Auf einem andern Stein stand in Reichweite eine Selterbuddel.

Macht kalt, Vater, sagte der Junge und blieb vor dem Alten stehen. Der Alte sagte nichts. Er saß stillschweigend da. Sein Gesicht sah grauweiß aus im Mondlicht, die Augen waren schwarze, grundlose Höhlen, der Mund mit dem Bart ein schwarz hingewischter dicker Strich. Kommst du nicht heim, Vater? fragte der Junge. Ist doch kalt auf dem Stein.

Der Vater machte eine abwehrende Handbewegung. Er murmelte was wie: Laß, hat doch keinen Zweck. Damit faßte er nach der Flasche.

Der junge Johannes begriff, daß Vaters Sauftour wieder einmal am Ende war, daß der Vater aber an diesem Abend so viel getrunken hatte, daß er jetzt ganz verzweifelt war und sich selbst vor ihm, seinem Sohne, schämte. Er begriff, daß es jetzt nicht mehr um schlecht zugedeckte Kartoffelmieten und gestohlene Milch ging, sondern nur darum, den Vater heimzukriegen. Daß der aber gar nicht mehr heim wollte, sondern hier sitzenbleiben, voller Wut auf die Welt und voller Scham über sich selbst, sitzenbleiben, bis er steifgefroren war.

Der Junge begriff das alles in den zwei oder drei Sekunden, die der Vater nach der Schnapsflasche grabbelte, und gerade als der Vater sie an den Mund setzen wollte, sagte er: Mich friert mächtig, Vater, laß mich auch einen trinken.

Der Vater behielt die Flasche weiter an den Lippen, aber er hob das Gesicht etwas gegen den Sohn. Er trank noch nicht, er fragte: Trinkst du jetzt Schnaps, Hannes?

Wenn mich so friert, sagte der Sohn trotzig.

Der Vater hatte die Schnapsflasche halb sinken lassen, der Sohn sah genau an seinem Gesicht, wie er sich mühte, nachzudenken. Er wartete darauf, daß der Vater zornig werden würde, denn dann war alles gut. Darum sagte er noch: Schnaps wärmt schön, Vater. Wieder das bemühte Nachdenken. Der Vater bewegte die Lippen, atemlos wartete der Sohn – da lachte der Vater plötzlich schallend los, hielt dem Jungen die Schnapsflasche hin und sagte: Na, nimm einen, Hannes.

Der erste Versuch war mißglückt. Aber schon hatte Hannes einen zweiten Plan gefaßt: er mußte dem Vater möglichst viel Schnaps wegtrinken. Der Junge wußte vom Geruch, von ein oder zwei Versuchen mit Gläserneigen her, daß Schnaps bitter und scharf, also schlecht schmeckte. Es gab darum nur ein Mittel für ihn, dem Vater möglichst viel wegzutrinken, er mußte den Schnaps, so rasch es ging, in sich hineingießen.

Er legte also den Kopf zurück, setzte den Flaschenhals an die Lippen und goß den Schnaps hinter. Er war nur ein neunjähriger Junge, und es war ein richtiger achtunddreißigprozentiger Kornschnaps. Er brannte im Hals wie Feuer und fraß die Luft weg. Ein oder zweimal verschluckte sich der Junge, Ekel und Übelkeit stiegen in ihm hoch, aber er kämpfte sie nieder, er mußte doch den Vater, auf den er unverwandt während des Trinkens sah, von seinem Stein hochkriegen. Ihm kam es vor, als schluckte er schon stundenlang an diesem widerlichen Gift, ehe der Vater den Kopf hob und mühsam sagte: Laß mir auch was drin, Hannes.

Der Junge setzte die Flasche ab, er wollte sprechen, er wollte sagen – das hatte er sich überlegt –, daß ihn immer noch fröre und daß er darum weitertrinken wollte, aber er brachte nichts heraus wie einen heiser krächzenden Laut, seine Stimmbänder waren gelähmt.

Der Vater sah aufmerksamer hoch, der Sohn machte einen Schritt zurück, er setzte wieder die Flasche an und trank wieder. Nun war sein ganzer Schlund schon eine brennende Spur den Leib herunter. Der Magen war eine dumpfe, aufwärts stoßende Masse, in der ein schmerzhaftes Feuer brannte. Aber er sperrte einfach den Rachen auf und goß weiter Schnaps in sich.

Laß das! sagte der Vater scharf, es war beinahe der alte Stimmklang, wenn er böse war.

Hannes machte nur eine abwehrende Bewegung mit den Händen und trank weiter. Er glaubte, er könne es nicht mehr ertragen. Jetzt wurde sein Kopf schwindlig, er kämpfte mit einer schrecklichen Übelkeit, aber er trank doch.

Gib die Flasche her, rief der Vater böse und griff nach ihr. Hannes machte wieder einen Schritt zurück, um der Hand auszuweichen, der Vater stand auf, da rutschte Hannes aus und fiel, die Flasche loslassend, rücklings hin.

Er lag auf der Erde, er hatte sich weder erschreckt noch wehgetan, aber da lag er und war sehr zufrieden, denn er hörte neben sich im Schnee die Flasche auskluckern.

Plötzlich verdunkelte sich der Himmel über ihm, es war sein Vater, der sich über ihn beugte und drohend fragte: Willst du gar nicht wieder aufstehen?

Doch, sagte er gehorsam und sprang so rasch auf, daß er gleich wieder hinfiel. Dies belustigte ihn so, daß er in ein lautes Lachen ausbrach, und trotz allen Drohens des Vaters wollte sein Lachen nicht enden. Dann wurde ihm wieder übel und sein Kopf drehte wie eine Mühle.

Sein Vater mußte ihn hochgehoben und auf die Füße gestellt, mußte ihn eine Weile geführt haben, denn plötzlich sah er sich und ihn auf der Chaussee nach dem Hof. Er hörte sich laut reden. Er erzählte von allem, was er im letzten Jahre verstanden hatte und was ihm das Herz schwer gemacht hatte: von der verludernden Wirtschaft, der Mutter, die alles falsch machte, dem fremdtuenden Alwert, und wie die dreizehnjährigen Schuljungen mit den Schulmädchen richtig Mann und Frau im Stroh spielten. Zwischendurch hörte er den Vater mit einem Ton fast ingrimmig schreienden Schmerzes rufen: Hör damit auf! Laß das, Hannes, hör auf!

Zugleich merkte ein zweiter, scharfer Beobachter in ihm, daß sie nicht etwa gerade auf der Chaussee gingen, sondern bald auf der rechten, bald auf der linken Seite. Auch, daß sie oft beinahe in die Gräben gerieten, daß sie also genau so torkelten, wie der alte Säufer Timmermann im Kirchdorf, dem die Schuljungen so gern nachäfften. Der Gedanke, daß sein Vater und er wie der olle Timmermann hier auf offener Straße herumtorkelten, belustigte ihn derart, daß er zwischen seinen Schmähreden immer wieder in ein brüllendes Gelächter ausbrach. Er forderte seinen Vater auf, stehen zu bleiben, damit er ihm im Schnee die Torkelspur beweisen könnte.

Dazwischen übertrug die zitternde, schweißnasse Hand seines Vaters ein sehr genaues Gefühl auf ihn von der zornigen Traurigkeit, der tiefen Verzweiflung, die den Mann erfüllten. Er dachte flüchtig daran, daß er mit dem Vater gleich nachher in der Stube richtig ernsthaft würde sprechen müssen und mit ihm ein großes Freundschaftsbündnis schließen zur Rettung des Hofes.

Während all dies – und noch viel mehr – in ihm vorging, waren sie doch schließlich von der Chaussee auf den Weg zum Hof abgebogen und näherten sich nun, immer stöhnend, schwatzend, torkelnd, den beiden gemauerten Torpfeilern, zwischen denen der Weg auf die Hofstätte führte. Im Windschutz eines dieser Pfeiler hatte Schwester Frieda auf die beiden gewartet. Sicher hatte sie schon längst den Lärm gehört, das Torkeln gesehen und trat zornig auf sie zu. Pfui, Vater! Pfui, Hannes!

Dabei zerrte sie an der Hand ihres Bruders, um ihn vom Vater loszureißen. Sie hatte nicht wissen können, welch plötzliche Bewegungen ihr Bruder in seinem jetzigen Zustand machte, auf wie schwachen Beinen er stand. Als sie ihn loshatte, taumelte er mit sechs, acht raschen, torkelnden Schritten gegen die Wegkante nach der Dungstätte hin, Frieda mit sich reißend. Ehe der Vater noch auf sie zukonnte, fielen die beiden, rollten die Böschung vom Wege hinab auf die Dungstätte, einen Dunghaufen hinunter und fielen auf das Eis der tiefen gemauerten Jauchengrube, das unter ihnen zerbrach.

Hannes schrie noch gellend auf, ehe der Dreck ihm den Mund stopfte, Frieda versank lautlos. Der Vater stand ohne Bewegung, starrte in das dunkle Loch und schrie. Und schrie.

Im Hause wurde es hell. Knechte kamen gelaufen, die Mutter weinte aus einem Fenster. Frieda war tot, aber Johannes lebte. Daß er am Leben geblieben und nicht Frieda, quälte viele Jahre noch sein Gewissen, peinigte ihn im Traum, führte ihn immer wieder zurück auf den Windmühlenhügel und stellte ihn von neuem vor den Stein. Daß er den Schnaps getrunken, um den Vater zu retten, das war richtig gewesen, aber warum mußte nun dadurch Frieda sterben?

Das war nicht zu verstehen. Und dann war auch noch die Geschichte mit Alwert, dem hochmütigen, einzelgängerischen Alwert nicht zu verstehen, der etwa zwei Jahre darauf abhanden kam. Das konnte man ja nun einsehen, daß nach diesem Ereignis der Vater den Johannes mied und den Alwert vorzog. Aber warum mußte Alwert wieder durch dieses Vorziehen zugrunde gehen, verschwinden, ausgestrichen werden aus der Liste der lebenden Gäntschow'schen Kinder?

Das war so gekommen (aber zu verstehen, was da geschehen war, war es erst viele Jahre später): Mitten in der Silvesternacht sagte der Vater: Nun komm.

Alwert schlich hinter dem Alten aus dem lärmenden Haus über die Hofstatt zum Kuhstall. Es fror leicht, die Sterne funkelten. Der Vater zog die Tür auf und sie kamen in warmes Dunkel,

Überall knisterte Stroh, eine Kuh käute wieder, Halfterketten rasselten. Die Stallaterne wurde angebrannt, ein Fenster geöffnet. Die kalte Winterluft drang ein, kämpfte mit der Wärme und war plötzlich überall. Der Junge stand im Schatten beim Rübenschneider und schwieg. Da deutete der Vater zum offenen Fenster: die Glocken begannen zu läuten, Silvester vorbei, das neue Jahr hatte begonnen.

Der Vater ging zur ersten Kuh, er sagte kein Wort, aber er verbeugte sich vor ihr und bekreuzte sie dreimal. So tat er bei der nächsten, bei der dritten, bei der vierten. Bei der fünften, der einzigen, die stand, stutzte er einen Augenblick, der Knabe sah es wohl. Aber dann ging Vater weiter, reihauf, reihab. Das Jungvieh beachtete er nicht, auch nicht die Pferde. Er ging wieder ans Fenster und schloß es. So, nun kannst du reden, Alwert, sagte der Vater und nahm den Jungen bei der Hand. Jetzt will ich dir etwas zeigen.

Die beiden kletterten über die Krippen weg, gingen zwischen zwei Kühen durch und zu jener fünften, die gestanden hatte und noch stand. Da sah Alwert freilich sogleich, um was es ging: die Kuh bekam ein Kalb. Die Vorderpfoten und der Kopf schauten schon heraus, der Vater faßte die Pfoten und zog leicht, und nun war es, als schlenkerte er etwas unendlich Langes, Schwarzweißes auf die Erde.

Da lag das Kälbchen auf der Seite, den Kopf von sich gestreckt, und atmete hastig. Lauf und hol Schrot, rief der Vater, und Alwert lief und holte Schrot. Damit wurde das Kalb bestreut und der Kuh zum Ablecken hingelegt. Der Vater sprach: Gerade zur zwölften Stunde in der Silvesternacht hat es das Licht erschaut. Das wird kein gewöhnliches Kalb.

Und nun zeigte er dem Sohn, daß es auch nicht wie die andern einen weißen Fleck, einen Stern auf der Stirn trug, sondern eine Krone. Man konnte ganz leicht erkennen, daß es eine Krone war. Jetzt wurde es noch sicherer, daß dies kein gewöhnliches Kalb war. Es ist ein Kuhkalb, sagte der Vater noch und beide gingen wieder in das Haus hinüber. Das Mädchen wurde in den Stall zum Ausmelken und Tränken geschickt. Sie aber traten in das Wohnzimmer, wo der Besuch war.

Es war dies zu einer Zeit, da der Bauer Gäntschow wieder einmal gut Freund mit allen Nachbarn war, und so saßen viele Leute in der guten Stube und viel Geschrei und Gelächter begrüßten die beiden. Der lange Gemeindevorsteher Wilms rief: Du alter Heide, kannst du gar nicht von deinen Heidentücken lassen?

Es war nun gar nicht so sicher, daß er selbst völlig erhaben über solch Heidentum war. Wer weiß, vielleicht hatten seine Frau oder sein Sohn daheim zur gleichen Stunde das gleiche getrieben, vielleicht hatten sie sich sogar unter eine aufgestellte Egge gesetzt und versucht, in die Zukunft zu schauen. Aber zugegeben durfte so etwas keinesfall werden. Und Alwert war ganz glücklich, als der Vater antwortete: Heidentücken? Was meinst du denn, Adolf? Meine Klio hat eben gekalbt, darum bin ich mit dem Jungen in den Stall gegangen. Sind das Heidentücken?

Welches Geschrei, welcher Unglaube! Sie zogen alle in den Kuhstall, und da sahen sie nun freilich das Kalb und mußten still sein. Sie taxierten es auf achtzig Pfund und fanden, es sei ein strammes Kalb. Das war alles. Alwert verachtete sie tief. Sie hatten die Krone nicht gesehen, das Geheimnis nicht erraten. Das Geheimnis war geheim geblieben, es war nicht verlorengegangen. Alwert brauchte sich nur in den frühen Dämmerstunden, wenn die Kühe satt und still waren, in den Stall zu setzen und sein Kalb anzuschauen. Dann war das Geheimnis wieder da. Das war keine Kunst, dachte Alwert, zu entdecken, daß hinter den Augen einer Kröte eine verzauberte Prinzessin wohnt. Jeder, der diese schönen, traurigen Augen in dem häßlichen Leibe sah, mußte es gleich erraten. Aber die Verzauberung seines Kalbes, das Wunderland, aus dem seine Seele kam, war viel schwerer zu entdecken. Daß sie mit Menschen nichts zu tun hatte, war sicher. Mit menschlichen Wundern hatte sie nichts gemein. Da war nun die Wanderung der Kinder Israel durch das Rote Meer, von der sie solch Geschwätz beim Kantor in der Schule machten. Das war doch nur ein menschliches, ein ausgerechnetes Wunder. Diese Mauern, die das Wasser bildete, und sie gingen trockenen Fußes über den Sand, Gott ja, aber ein Tunnel war ebensolch ein Wunder. Es war alles einfach, ausgerechnet. Es war gar nicht geheimnisvoll und rätselhaft.

Nimm nun einmal ein Kalb, das ist es, was ich ein Wunder nenne! Kann man sich etwa einbilden, es hätte je schon auf einer Graswiese, über die Menschen hingehen können, geweidet? Das war einfach lachhaft! Man nehme die feinste, zarteste Prinzessin, die Krötenprinzessin etwa: schon aus der Art, wie eine Kröte hüpft, sich hinsetzt, das Maul auftut, sieht man, sie weiß auf dieser Erde Bescheid, sie ist immer hier gewesen. Aber sieh nur ein Kalb aufstehen, die ersten Torkelschritte machen, nach einem Euter tasten, und du begreifst sofort, daß es ganz neu auf dieser Erde ist, daß es alles von Anfang an erlernen muß. Es ist eben einfach nicht auszudenken, wie und wo es früher war. Ausrechnen, vorstellen läßt sich da nichts, man muß es träumen.

Selbstverständlich kamen auch sehr schwere Zeiten für Alwert und das Kuhkalb. Es kam die Zeit, wo es nicht mehr saugen durfte, wo es Milch aus dem Eimer zu trinken bekam, und da trieb es natürlich Unfug mit allem, was es von Alwert fassen konnte. Es saugte an Händen, Haaren und dem Rock. Es leckte die Wichse von den Stiefeln ab, von oben bis unten machte es ihn mit seinem Speichel naß. Es wäre ganz zwecklos gewesen, darüber böse zu werden und nach ihm zu schlagen, alles kam daher, daß es noch nie auf dieser Welt gewesen war. Langsam mußte es sich an sie gewöhnen, und vielleicht würde es sich nie ganz an sie gewöhnen können, keine Möglichkeit lag zu solcher Veränderung vor.

Dann kam die Zeit, wo der Vater den Entschluß fassen mußte, ob das Kalb angebunden werden sollte oder ob es der Fleischer bekam. Alwert wurde weiß vor Angst. Aber er verbarg das und wurde dafür belohnt: das Kalb sollte hierbleiben. Die Mutter schalt natürlich darüber, über das viele, unnütze Jungvieh, diese Fresser. Aber der Vater nickte Alwert zu. Nun wurde er glühend rot, er verkroch sich mit dem Kopf unter den Tisch: hatte der Vater etwas von seinen Besuchen im Kuhstall bemerkt? Aber er beruhigte sich wieder. Der Vater sprach davon, daß dies Kalb in der Neujahrsnacht geboren sei, und daß er es deshalb behalten wollte. Nichts wußten Eltern noch Geschwister von seinen heimlichen Besuchen, er konnte sich weiter in den Stall schleichen, zur stillen Stunde, und mit ihm sprechen und bei ihm träumen und mit ihm spielen. Ganz ruhig konnte er den Vater fragen, wie denn dies Kalb heißen sollte, und der Vater war einverstanden, daß es einen Namen bekam, da es doch nun unter den Nachwuchs des Stalles aufgenommen war. Und als Alwert den Namen Blanka vorschlug, war er auch damit einverstanden. Es war ein sehr vornehmer Name für ein Dreimonatskalb, nun mußte es sich zeigen, ob es dieses Namens auch wert sei.

Jetzt vergingen zwei glückliche Jahre für Alwert und Blanka. Alwert wurde vierzehn Jahre alt und konfirmiert, aber das war gar nichts, wenn man bedachte, wie Blanka wuchs und gedieh. Sie wurde eine starke und schöne Färse, eine wahre Pracht. Den ganzen Sommer, so lange sie auf der Weide getüdert wurde, lag er bei ihr mit seinen Büchern, und sie lernten alles sozusagen gemeinsam. Nun höre einmal zu, Blanka, was das nun wieder ist, konnte Alwert sagen, und dann kam ein schrecklicher Name aus dem vaterländischen Geschichtsbuch. Blanka hörte zu. Sie hob den Kopf hoch und sah ihn an. Sie stieß den warmen Laut aus, den sie nur für ihn hatte, sie hörte das Wort an, und auch ihr schien es ganz ungeheuer, was sich diese Menschen da wieder ausgedacht hatten. Dann senkte sie den Kopf und fraß weiter. Blanka mußte alles hören, über den Dreißigjährigen Krieg und Friedrich den Großen, sie erfuhr, was der Kleine und der Große Katechismus war, sie ertrug auch eine Rechnung mit Zinsen. Und das Schönste war, daß dies beider Geheimnis blieb. Kein Mensch ahnte, daß Blanka und Alwert überhaupt etwas miteinander zu tun hatten. Wer weiß, wie der Junge es fertig brachte, wieviel hundert Lügen er ersann, um sein ewiges Fortsein, sein Niezeithaben zu erklären. Er brachte es fertig, und es sollte sich ja dann zeigen, daß er später noch viel Schwereres für Blanka fertig brachte. Aber dies waren doch die glücklichsten Jahre.

Für Bauer Gäntschow waren sie nicht so glücklich. Er hatte zuviel getrunken, zuviel Geld ausgegeben und die Wirtschaft verlottern lassen. Er hatte auch Pech auf den Feldern gehabt, einen zu trockenen Sommer. Dazu war ein Pferd gefallen, das Geld war alle. Eines Tages hieß es beim Mittagessen, daß es nun nichts mehr helfe, morgen käme der Händler, alles Jungvieh, das bloß fresse, solle verkauft werden. Der Junge neigte die Stirn, er verbarg sein Gesicht im Schatten. Blanka fort! Blanka verkauft! Es war unmöglich. Er fühlte, wie stark sein Herz pochte, und auch dieses Pochen sagte ihm, daß es unmöglich sei. Blanka war nicht zu verkaufen. Den ganzen Nachmittag lag er bei ihr und weinte. Da gehst du, Blanka, schluchzte er, und frißt. Du weißt nichts von dieser Welt, dein Herz sehnt sich erst, wenn wir getrennt sind.

Er zerbrach sich den Kopf, hundert Pläne waren da, aber keiner ausführbar. Wie, wenn man zum Vater ginge und alles gestände ... daß er Blanka liebte? Aber der Vater würde ihn nur auslachen. Aber selbst wenn er ihn verstehen würde, da war die Geldnot. Sie war ja nur eine Fresserin, die nichts brachte. Blanka! Blanka! schluchzte er und legte die Arme um ihren Hals.

Und da wußte er es, plötzlich wußte er es. Nun hatte er immer diese Bücher gelesen, den Robinson, den Karl May, den Lederstrumpf. Große Abenteuer geschahen, und er hatte gemeint, daß sie draußen seien, auf den unendlichen Meeren, an fremden Küsten, unter wilden Völkern.

Aber nein, das Abenteuer war hier wie dort. Es war auf jedem Hof und in jedem Wald, am Grugenteich war es und in Vaters Kuhstall. War nicht Abenteuer genug, was ihm schon geschehen? Er liebte eine verzauberte Prinzessin aus fernen Landen, er allein wußte um sie, und sie stand als Kalbe in seines Vaters Stall! Welchem andern Jungen geschah dies? Und darauf kam es nun eben an, sich dieses Abenteuer nicht fortnehmen zu lassen, nicht zu werden wie die andern. Alle Abenteuer kommen zu uns. Robinson hätte auch zu Haus bleiben und Kaufmann werden können. Nichts zwang den Arzt Gulliver, sich immer von neuem einzuschiffen: sie wollten das Abenteuer! Auch er wollte es! Seine Blanka, seine ... auch er wollte es!

Am nächsten Morgen war der Kuhstall erbrochen und Blanka gestohlen. Es war eine Sache, von der die Halbinsel Fiddichow noch nach Monaten redete. Der dicke Landgendarm war nun jeden Tag auf dem Hof und sprach mit dem Vater. Dann betrachteten sie das Vorhängeschloß, das so seltsam zerschlagen war, so unsinnig zerwütet mit einer Axt, und kamen wieder zu dem Schluß: ein Neuling hatte das getan.

Aber diese Kalbe war ja nicht zu verkennen. Sie mußte wieder auftauchen; hatte Alwert den Vater nicht daran erinnert, daß sie eine Krone auf der Stirn trug, eine weiße, etwas verwischt gezeichnete Krone? Nun, an dieser Krone würde man sie wiedererkennen. Und in der Folge machte der Vater manche lange Reise über das Land, wenn ihn das Gerücht von dem Auftauchen seiner Blanka irgendwohin rief.

Unterdes lag der Knabe im Wald, und seine Blanka graste bei ihm. Der Wald war verwachsen und dicht. Hier fand sie keiner. Nur der Großvater hatte gewußt, daß sich durch dieses Tannendickicht ein Wildwechsel schlängelte, der zum Grugenloch führte. Das war ein Teich, ein kleiner Teich, mitten in den Tannen. Hierher war Alwert mit dem Großvater gekommen, und die beiden hatten sich auf den Grugenstuhl gesetzt, eine abgehauene Tanne. Und der Großvater, dieser seltsame Mann mit dem langen, weißen Bart, der nie Hosen trug, sondern die Enden seines unmäßig langen Leibrocks in die Schäfte der Stiefel steckte, der Großvater hatte ihm von den Grugen und Quaken erzählt, kleinen Geistern, die an diesem Teich ihr Wesen trieben.

Nun waren die andern Wunder gekommen. Der Großvater war gestorben und mit ihm waren die ein wenig künstlichen Wunder der Quaken und Grugen vergangen. Nun hatte sich Alwert seine echten Wunder selbst geholt. Da graste Blanka, schon hatte sie sich an das härtere, spärlichere Waldgras gewöhnt. Sie sah prall und voll aus, ihr ging nichts ab, das sah man. Und neben ihr liegend, in der Sonne, unter dem leisen Rauschen der Tannenzweige, durch die raschelnd die Vögel schlüpften, träumte Alwert davon, wie er jahraus, jahrein zu seiner Blanka kommen würde, zu diesem schwarzweißen Geheimnis, an dem niemand teilhatte. Er begriff nicht, daß man anderes lieben könnte als dieses Tier. Das war das Wunder. Menschen lieben? Menschen sind der Alltag, sie sagen etwas, sie tun etwas, und man konnte sie erraten, man konnte hinter sie kommen, und plötzlich schien die Sonne klar durch sie hindurch. Menschen sind nichts.

Wer aber kam hinter Blanka? Da lag sie und käute wieder, aber das war nur ihr Vorwand, den man nicht beachten durfte. Wenn man in ihre Augen sah, begriff man, daß sie dies alles, Bäume, Sonne, Gras, Wasser und Alwert dazu nur obenauf sah. Was aber sah sie tiefer drin, was sah sie wirklich?

Nicht daß alles leicht war. Gewiß, dort war Blanka und hier im Bett lag Alwert. Aber diese Blanka war so unvernünftig, da lag sie nun in der dunklen Nacht allein im Walde, konnte nicht die Sehnsucht sie nach den andern, nach Alwert überkommen? Konnte sie sich nicht losreißen und auf den Hof laufen? Das war es, daß man ihr nicht erzählen konnte, sie würde verkauft. Sie war eben eine Prinzessin, sie begriff nichts von diesem Leben, alles mußte man für sie tun. Und indes der Regen gegen die Fensterscheiben spritzte, sagte er immer wieder zu sich: da liegt sie draußen, die Blanka, und ich hier.

Auch das war ein Rätsel, daß man eines liebte, an es dachte und getrennt war von ihm. Es war so eine dicke, greifbare Sache, die die andern sich ausgedacht hatten. Gewiß, nach den Augen, mit dem Verstande war es so, daß sie dort war und er hier. Aber war es nicht vielleicht doch unwahr? Lag er nicht etwa auch neben ihr in der Mulde, die er für sie gegraben, unter dem Tannendach, das er für sie geflochten? Er war hier und er war dort. Das war die eigentliche Wahrheit. Ebenso wie Blanka hier und in einer andern Welt war. So ging das zu.

Es war ein glücklicher Sommer! Es war ein seliger Sommer. Endlose Träumereien des Knaben auf dem Grugenstuhl, indes oben langsam Wolken dahingingen, sich ballten, zergingen. Dann schien die Sonne. Sie waren wunderbar diese Wolken, aber sein größeres Wunder hatte er sich aus seines Vaters Kuhstall geholt. Er hatte es gezwungen, wahr zu sein, und gegen sie alle hatte er es behauptet. Die kleinen Grashalme um ihn, die Tannenzweige über ihm, das Wasser vor ihm, der Himmel oben, sie bestätigten es. Da graste sie, sie war schwarzweiß, in einer Neujahrsnacht war sie geboren, sie trug eine Krone auf ihrer Stirn. Sie hätte eine Kalbe wie alle Kalben werden können. Er hatte sie vereinzelt. Er hatte ein Schicksal geschaffen, abseits von allen andern.

Da saß er auf seinem Grugenstuhl, mit seinem langen braunen Jungengesicht voller Sommersprossen, ein Bauernjunge wie alle andern, der in die Dorfschule ging und alltags barfuß lief: ein Junge wie keiner. Solch endloser Sommer! Die kleinen Fliegen schwirrten, und die kleinen Mücken sangen: Ji-Ji, und die Zeit rauschte ganz fern. Oh, meine Blanka!

Dann kam der Herbst mit seinen langen, sonnigen Tagen, und das Futter wurde knapp. Er hatte daran gedacht, für den Winter Heu zusammenzutragen, aber das wenige, was er gesammelt hatte, war im Umsehen zu Ende. Was Blanka auch fraß! Und es war natürlich ausgeschlossen, daß man ihr etwas abgehen ließ. Nun mußte man eben jede Nacht mit einer Traglast Heu zu ihr. Dann war er den ganzen Tag müde, er wurde blaß, er wurde mager, er schlief ewig, wenn er zu Haus war.

Und sie paßten so auf nun! Eines Nachts war der Vater im Zimmer der großen Kinder gewesen und hatte sein Bett leer gefunden. Da mußte er nun endlose Lügengeschichten erfinden, um sie und sich zu retten. Nun blieb nichts, als ein paar Nächte zu Haus zu bleiben, aber dann das Muhen, mit dem ihn Blanka empfing! Er zitterte, er kroch zu ihr, er sprach sanft zu ihr. Es quälte ihn namenlos, daß sie leiden mußte um seinetwillen. Wo waren die sorgenlosen Sommertage hin? Und dies war erst der Herbst!

Aber noch gab er den Kampf nicht auf. Noch gab er sich nicht zu, daß er sich zuviel vorgenommen hatte. Dies war zu sehr Teil seines Lebens, als daß er es hätte aufgeben können. Er mußte sich eben wach halten, bis der Vater nachgesehen hatte, und dann gehen. Aber das hieß, die ganze Nacht wachen, überhaupt nicht schlafen. Und doch führte er es durch. Er gewöhnte sich auch daran, er stahl sich aus dem Tag ein paar Schlafstunden, er wurde ein Nachttier. Und alles war belohnt, und alles war gut, wenn er bei Blanka war. Blanka war nicht mehr Blanka, Blanka war der Weg, aber Blanka war auch das Ziel. Blanka war seine Stellung zu den Menschen. Gab er Blanka auf, gab er sich auf.

Dann fiel der erste Schnee. An ihn hatte er nicht gedacht. Nun waren Spuren da. Jeder konnte ihm nachgehen, jeder konnte Blanka finden. Er wurde eiskalt, als er dies dachte. Nun ist das Ende da, sagte er, aber er glaubte es noch nicht. Ich werde etwas finden, beharrte er. Ich werde auch diesmal etwas finden. Auch diesmal wird es mir glücken.

Der einzige Ausweg, auf den er geriet, war der, Blanka vorläufig im hintersten Keller des Hauses zu verstecken. Dorthin kam so leicht niemand. Es war ein schlechter Ausweg, das wußte er, ein besserer würde ihm später einfallen.

In der Nacht nahm er Blanka am Strick, er führte sie auf den Hof, er führte sie die Treppe hinauf ins Haus, die Treppe hinab in den Keller. Auf dieser Treppe glitt Blanka aus und fiel. Es gab einen ungeheuren Lärm. Mit der Lampe stand der Vater da und fragte: Was in aller Welt machst du hier mit der Kuh? Der Junge starrte ihn totenbleich an. Der Schein der Lampe fiel auf Blankas Stirn. Aber das ist ja Blanka! Das ist ja Blanka! rief der Vater.

Es war eine Katastrophe. Es war ein maßloser Skandal. Niemand glaubte dem Jungen, daß er das Tier ›nur so‹ geliebt hatte. Zuerst begriff er nicht, was sie meinten, was sie alle meinten, von der Mutter bis zum Kantor. Aber sie sorgten schon dafür, daß er begriff. Blanka, seine Blanka und er!

Von da an war ihm alles gleich. Er wurde von der Schule gejagt, am liebsten hätte man die Konfirmation rückgängig gemacht. Und dann war natürlich kein Gedanke daran, daß er je den Hof bekam. Ein Mensch, der sich in so jungen Jahren schon so schwer verging! Man gab ihn auf ein Schiff und schickte ihn auf fremde Meere, daß die Schande nur aus den Augen kam.

Oh, meine Blanka!

In den zwei oder drei Wochen, die Alwert nach der Aufdeckung seines Verbrechens noch auf dem Hof war, schlichen natürlich auch seine Geschwister wortlos um ihn herum, als sei er nicht da. Schande bedeutet stets ein von der Mehrheit gefälltes Urteil, und Kinder gehen eigentlich immer mit der Mehrheit. Auch Johannes Gäntschow machte da keine Ausnahme, auch er sprach nie wieder mit dem Bruder. Manchmal, wenn er nach der Schule pfeifend in die Dachstube kam und sah den Bruder still und bewegungslos am Fenster sitzen, mit dem blassen, langen Gesicht, und den Blick ohne Zwinkern auf der grauen Bretterwand der Feldscheune, die, kaum acht Meter entfernt, jede Aussicht versperrte, – manchmal also, wenn er den Bruder so starr sitzen sah, überkam ihn zwar nicht Mitleid, aber etwas wie ein Gefühl von Verbundenheit. Johannes, der kein Träumer war wie sein Bruder, wußte ganz genau, daß die Großen unrecht hatten, von Alwert zu glauben, was sie glaubten. Dafür kannte er den hochmütigen Einzelgänger viel zu gut. Nein, Johannes hatte sich längst aus seinem praktischen Verstand heraus eine sehr andere Theorie über die beiseite gebrachte Blanka gemacht, und für Schande war da kein Raum.

Wenn er darum aber doch nicht mit Alwert sprach, den Boykott mitmachte, so war es einmal deswegen, weil die Kronprinzen immer von ihren Geschwistern gehaßt werden, dann aber, weil er schon damals alle Verwandtschaft, vom Vater abgesehen, nicht ausstehen konnte. Da saßen sie in diesem viel zu vollen Haus, sie überfüllten es mit ihrem Lärm, ihrem Gezänk, sie fuhrwerkten immer in den Sachen und im Leben der andern herum, sie beschwatzten alles, kommandierten, verhöhnten, neckten bis aufs Blut – Verwandtschaft war Vormundschaft, Fessel, Feindschaft.

Nun hatte wohl gerade Alwert all dies nicht besonders deutlich mitgemacht, und ein einsames Tannengeflecht am Grugenteich mit dem Grugenstuhl (Johannes hatte sich das alles angesehen, wie sich die halbe Insel den Schandplatz ansah) –, für all das konnte niemand mehr Verständnis haben als Johannes. Aber kann man denn verzeihen, wenn man, selber voll Haß gegen die andern, vom Bruder in diesen gleichen Haß einbezogen wird? Nein, nein, der hatte immer spöttisch die Augen eingekniffen, wenn Johannes mal den Versuch gemacht hatte, ihm etwas zu erzählen, er hatte eine so infame Manier gehabt zuzuhören und dabei in seine Bücher zu schielen, ›Richtig‹ zu sagen und überhaupt nicht hingehört zu haben, nein – auch Johannes sprach kein Wort mit Alwert, gab ihm auch bei der Abfahrt nicht die Hand. Wie das keiner tat.

Als Alwert aber erst weg war und es sich so machte mit dem Alten, beim Strohhäckseln auf der Tenne, da sagte der elfjährige Hannes dem Vater sehr genau, daß es alles Schiet sei mit Alwert und seiner Blanka, daß sich der Vater mal wieder habe anmeiern lassen, von der lieben Verwandtschaft und der Mutter ... Alwert, der sich dreimal am Tage die Hände wäscht! Was du nur denkst, Vater!!!

Und Hannes grinste verächtlich mit all seinen Sommersprossen, spuckte verächtlich einen Strohhalm aus.

Der Vater ließ das Schwungrad von der Häckselmaschine los, sah seinen Sohn prüfend an und fragte: Und was denkst denn du?

Hat sich 'ne Kuh retten wollen, weil der Hof sein Erbteil ist, sagte Hannes bedeutungsvoll und kniff, ohne es zu wissen, die Augen genau so ein wie sein Bruder.

Retten wollen? fragte der Vater.

Hannes spürte den nahenden Sturm, aber er sagte doch: Es bleibt ja doch nichts, Vater. Es verkommt ja doch alles.

Und darum hat er die Blanka beiseite gebracht? Daß wenigstens was bleibt?

Ja, Vater.

Nein, der Junge hatte keine Angst. Da stand er mit seinem schmalen, verfrorenen Gesicht und den etwas abstehenden, feuerroten Ohren, ein zehnmal geflickter, zusammengestoppelter Anzug, lange, schwarze, rauhwollige Strümpfe, Holzpantoffeln, elf Jahre – aber Angst hatte er nicht.

Der Vater besann sich auch. Dösbartel, sagte er nur, spuckte aus und griff wieder nach dem Schwungrad. Er drehte es gewaltig. Der Junge hatte zu tun, daß er genug Langstroh ranschaffte. Das Häcksel mußte er auch wegkehren. Eine lange Weile war man stille. Nur die Häcksellade machte unermüdlich und scharf: Ssssiete-Ssssiete. Immer der scharfe Schnitt.

Dann mußte der Bauer Atem holen. Er stand da, aber Hannes hatte noch mehr auf dem Herzen. Und was soll denn das, Vater, daß du die Blanka dem Fleischer Frehle für sechzig Mark verkauft hast? Sie ist mindestens das Vierfache wert.

Der Vater sagte ernsthaft: Weil sie keiner haben wollte. Frehle mußte sie extra nach Berlin schicken, da weiß keiner was von ihr.

Und warum haben wir sie nicht behalten? Im Frühjahr hätte sie zum Bullen kommen können.

Weil ... fing der Vater an und brach ab. Nun war sein Gesicht doch sehr rot geworden. Ach, Schiet, sagte er. Bist du hier der Bauer oder ich?

Du, sagte der Junge und kniff wieder spöttisch die Augen ein. Es lag eine ganze Menge in diesem Du, und der Vater verstand das auch sehr gut.

Hitziger sagte er: Was du immer vom Hof dröhnst – vor dir kommt jedenfalls noch der Max.

Bekommt ihn aber auch nicht, sagte Hannes trotzig. Schneide man weiter, Vater.

Stellst du hier an oder ich? schrie der Vater. Ich schneide, wanns mir paßt.

Gerade darum, sagte der Junge, man müßte schneiden, wanns das Vieh braucht.

Der Vater war zornrot bis auf die Glatze hinauf, der Junge sah es. Er erinnerte sich eben gerade an das hundertmal unregelmäßig gefütterte Vieh, besonders aber an eine Kiste mit Nägeln, die er, der Junge, Stück für Stück aus alten Brettern zusammengesucht, und die der Alte in seiner Betrunkenheit hingeworfen hatte. An die ganz besonders.

Es sah aus, als wollte der Vater für diesmal den Jungen prügeln, was er nie tat, er schlug nie ein Kind. Aber er besann sich wieder. Ach was, murrte er, nahm seine Jacke vom Stroh, zog sie an, den Jungen immer finster ansehend, und ging aus der Scheune. Entweder hatte er die Häcksellade ganz vergessen, oder er wollte nun gerade nicht häckseln.

Der Junge sah dem Vater nach. Der Vater ging nicht ins Haus, auch nicht zu den Ställen, auch nicht aufs Feld – er ging den Weg zur Chaussee.

Der Junge brannte lichterloh in seinem Zorn und Kummer, er sah den Bruder Max, er schrie über den Hof: Max, komm längs, Häcksel schneiden! Vater geht in den Krug!

Der Vater machte mit einem Ruck kehrt. Er lief fast auf den Jungen zu, der sich eng gegen den Bansenverschlag drückte. Nun hatte er doch Angst. Der Vater war ganz weiß, er war so aufgeregt, daß er kaum sprechen konnte.

Du, stotterte er, du kriegst den Hohohof doch nie! Der Sohn sah den Vater wortlos an. Der Vater wurde noch zorniger: Ich schwöre hier, wie ich steh', nie sollst du einen Pflug auf diesem Hof anzufassen kriegen. Der Junge sah den Vater an. Nie sollst du säen, nie sollst du ernten, schrie der Vater noch, aber der Hauptzorn war vorbei. Er drehte sich um mit einem Ruck und ging doch ins Dorf.

Dieser Streit zwischen Sohn und Vater, der einzige in vielen Jahren, änderte an dem Verhältnis der beiden äußerlich fast nichts. Hannes war weiter sein Liebling, viel mehr als der kleine, untersetzte, schwerfällige Bruder Max. Der Vater sprach weiter mit Hannes, lachte mit ihm, aber nie wieder nahm ihn der Vater mit aufs Feld hinaus, nie wieder ging er mit ihm in einen Stall. Wenn die eiligste Heuernte war, und alles mußte mit zufassen, Hannes wurde ausgeschlossen. Suchte er sich aber selbst eine Arbeit, so kam sicher irgendein Knecht oder eines von den Geschwistern oder der Vater selbst und nahm sie ihm stillschweigend aus der Hand. Der Junge war und blieb ausgeschlossen von der Arbeit und damit von dem Leben auf dem Hof. Er hätte sich vielleicht stärker dagegen aufgelehnt, immer wieder sein Recht auf Mitarbeit gesucht, wenn der Vater damals, an jenem Streittage, wirklich in den Krug gegangen wäre. Aber dahin war der Vater nicht gegangen. Der Vater hatte einen Schwur getan, und der sollte nicht eben so hingesagt sein, im Zorn, nein, er hatte richtig geschworen. Nein, der Vater war zum alten Superintendenten Marder gegangen und hatte seinen Sohn Johannes für fünf Schulstunden täglich zur Vorbereitung aufs Gymnasium da angemeldet. So, nun wurde der Sohn kein Bauer, aber ein Garnichts sollte er darum doch nicht werden. Er sollte die Wissenschaft lernen. Es war eine teure Sache für den Bauern Gäntschow, denn ›ol Superdent Marder‹ war bekannt dafür, daß er nicht nur redensartlich, sondern wirklich von den Lebenden und Toten zog, aber es mußte gehen.

Und dieser Streit hatte noch eine andere Wirkung: der Vater schwor für viele Jahre das Saufen ab. Da hatte dieser Knirps, dieser Garnichts vor dem Vater gestanden und gesagt, behauptet, angedeutet und behauptet, es würde eines Tages nichts mehr zu erben da sein, der Hof würde verludert werden. Warum hatte der Vater getrunken, dann einmal und zwei Monate später wieder einmal? Weil er allein war, weil sich nichts lohnte, weil die Frau nichts taugte, weil es doch nicht auf ihn ankam. Weil es egal war, wie man seine Felder bestellte, weil wir doch eines Tages alle tot sind und dann all unser Tun zwecklos geworden ist. Nun aber hatte dieser Bengel vor ihm gestanden, ach ja, der Vater hatte ganz gut kapiert, daß es nicht Gehässigkeit und Streitsucht gewesen waren, die dem Sohn die Zunge geführt hatten, sondern heiliger Zorn, Sorge, Erbitterung. Siehe, es kam doch auf ihn an, ein kleines Geschöpf, siebzig Pfund Fleisch und Knochen, nicht der Rede wert Hirn, zürnte mit ihm. Nichts zu erben?

Dir wollen wir's zeigen! Saufen, verludern – was verstehst denn du? Erben, nichts zu erben, jawohl, einen ganzen Bauernhof, hundertachtzig Morgen, alles weizenfähiger Boden, vier Pferde, acht Kühe, Jungvieh, Schweine, voller Beschlag, jawohl, erben! Aber nicht du, du Naseweis! Du sollst sehen! Ein Schreibknecht sollst du werden, ein Federfuchser, wie dein Onkel Gäntschow, dein Vatersbruder, in der steinernen Stadt Berlin, zwischen Mauern und auf einem Büro. Geh du nur zum alten Superintendenten Marder, büffele, lerne, Bücher, Tinte, Staub.

Und Johannes Gäntschow ging zum Superintendenten, jeden Werktag, fünf Jahre lang, fünf Stunden jeden Werktag lang. Es wäre die unerträglichste Geschichte von der Welt für einen an viel Luft, weite Äcker und rauschende See gewöhnten Bauernjungen gewesen, wenn er nicht einen Leidensgefährten gehabt hätte, eine Leidensgefährtin heißt das: die Christiane Freiin von Fidde.

Die Grafen von Fidde saßen ja nun mindestens ebenso lange wie die Gäntschows auf der Halbinsel Fiddichow. Sie leiteten ihren Ursprung von jenem Herzog Wisso her, der in grauen Zeiten einen Heidenmann, Gunnar, am Kehlteich hatte hinrichten lassen, weil ihm sein Lieblingsschimmel geschlachtet worden war. Es wäre übertrieben, wollte man behaupten, die Feindschaft zwischen den Gäntschows und den Grafen Fidde datiere von jenem sagenhaften Doppelopfer her. So weit braucht man nicht zu suchen. Ein Bauer kann nie und niemals Freund eines Grafen über Tausende von Morgen Land sein. Wer selbst hinter seinem Pflug geht, sorgsam Furche um Furche umlegt, muß den verachten, der durch seinen Inspektor zwanzig Pferde- und Ochsengespanne zum Pflügen schickt.

Jedenfalls, hätte Bauer Gäntschow gewußt, daß in Superintendent Marders verräuchertem Amtszimmer sein Sohn der Freiin Fidde gegenüber sitzen würde, er hätte sich den Fall mit der höheren Bildung noch einmal überlegt. So aber sagte Marder nur hastig: Das ist also der Johannes Gäntschow, Christiane, zeig' ihm mal die erste Seite von deiner Syntax. Er weiß noch rein gar nichts. Ich muß mal rasch ...

Und damit fuhr er aus der Stube. Superintendent Marder fuhr immer hastig durch die Weltgeschichte, außer seinen Schülern, einer großen Pfarrei, hatte er auch noch einen Bauernhof zu besorgen, immer war er überall und nirgend.

Der Junge stand unter der Tür und sah nach dem Mädchen auf dem Sofa mit zusammengezogener Stirn hin. Er hatte keine Ahnung, wer sie war. Vielleicht hatte er sie einmal im Kutschwagen vorüberfahren sehen, aber daran dachte er nicht mehr. Das aber sah er jedenfalls, daß sie in ihrem glatten, dunkelblauen Kleid mit dem schweren, dunklen Scheitel und den Schnecken über den Ohren keine Bauerntochter war. Außerdem schien sie ihm, trotzdem sie gleichaltrig mit ihm war, viel älter als er. Und daß sie ihn nun gewissermaßen unterrichten sollte, und daß er rein gar nichts wußte, kränkte ihn sehr.

Du brauchst mir nichts zu zeigen, sagte er brummig von der Tür her. Ich will doch nichts lernen. Ich werde doch Bauer. Und wenn ich nicht Bauer werde, werde ich Schmied.

Christiane hatte zwar keine Mutter, dafür aber einen ältlichen, kränklichen, oft mißgelaunten Vater. Darum war sie der Lage gewachsen und sagte ernsthaft: Ein Schmied ist aber immer schmutzig.

Johannes Gäntschow bedachte es und sagte: Aber er versteht viel von Pferden. Er kann ein Pferd für immer lahm machen, wenn er das Beschlagen nicht ordentlich versteht.

Sie antwortete: Ein Trainer versteht aber noch viel mehr von Pferden, ich würde Trainer werden. Dann brauchst du dich auch nicht schmutzig zu machen.

Was ist ein Trainer? fragte er.

Ach, sagte sie, er sagt, wie die Pferde gefüttert werden sollen, und schimpft immer die Stallburschen, daß sie nicht ordentlich putzen, und er erzählt den Leuten, wie sie reiten müssen. Und reitet immer am schönsten.

Reiten? fragte er. Reitpferde sind Quatsch. Ich brauch' ordentliche Arbeitspferde, die was ziehen können, nicht solche verhungerten Engländer.

Sie sah ihn nachdenklich mit einer kleinen, senkrechten Falte zwischen den Augenbrauen an.

Und vielleicht gehe ich überhaupt zur See wie mein Bruder Alwert, sagte er und brach rotübergossen ab. Sie zogen ihn genug auf mit seinem Bruder Alwert. Was ist eine Syntax? fragte er hastig.

So ein Buch, aus dem man lernt, wie ... begann sie.

Es war ein Wunder. Sie hatte entschieden keine Ahnung, was sein Bruder Alwert getan hatte. Draußen ertönte rasches Räderrollen auf dem Kopfpflaster des kleinen Marktplatzes vor der Superintendantur.

Das sind unsere Pferde, rief sie rasch und lief ans Fenster. Er stellte sich neben sie. Der offene gräfliche Jagdwagen rollte, von zwei Füchsen gezogen, vorüber. Der backenbärtige Kutscher hatte seine kleine Herrin gesehen und grüßte sie ernsthaft, indem er die Peitsche gegen den Zylinder hob.

Er hat mich hergefahren, sagte sie eifrig. Er fährt mich jeden Morgen her, und mittags holt er mich wieder ab. Siehst du den Fuchs mit der Blässe? Sie sollte voriges Frühjahr fohlen, aber der Tierarzt hat alles verkorkst, und das Fohlen ist an der Nabelschnur erstickt. Die Senta wäre beinahe verreckt.

Was habt ihr mit ihr getan? fragte er gespannt.

Papa – sie betonte auf der zweiten Silbe – hat den Tierarzt rausgeworfen und hat ihr einen Liter schwarzen Kaffee mit Kognak gegeben. Sie hatte schon Herzschwäche.

Der Wagen war längst über den Marktplatz fortgerollt, beide aber standen sie noch am Fenster.

Ist das dein Papa? fragte er mit kräftigem Ton auf der ersten Silbe, der auf dem Bock?

Aber nein doch, sagte sie sehr erstaunt, das ist bloß der Kutscher Eli! Und als er noch immer nicht verstand: Ich bin doch die Christiane!

Er hatte keine Ahnung, wer die Christiane war, aber wie sie es sagte, mußte es eine sehr wichtige Person sein, und in ihm dämmerte etwas. Zudem hatte er ihre sehr großen, dunklen Augen ganz dicht vor sich, und er fühlte irgendwas, daß sie nicht nur Christiane hieß, sondern wirklich ›die Christiane‹ war, ganz gleichgültig, was das nun sein mochte.

Dann gehört dir also der Wagen? Und die Pferde? Und der Kutscher?

Nein, meinem Papa.

Und du wohnst auf dem Schloß?

Er hatte das Schloß immer nur wie einen Märchenpalast durch Busch- und Baumlücken aus weiter Ferne gesehen, denn es lag in einem großen, umgitterten Park.

Ja, da wohne ich, sagte sie und fing leise an, über den Bauernjungen zu lächeln.

Da habt ihr wohl so viel Geld, wie ihr wollt? fragte er unerbittlich weiter.

Das kommt auf die Jahreszeit an, sagte sie. Manchmal sehr wenig, gar nichts. Dann schickt der Rentmeister alle mit ihren Rechnungen weg und Papa ist ewig brummig. Aber nach der Raps- und Weizenernte kann ich mir wünschen, was ich mag.

Er war nicht sehr zufrieden über diese Auskunft. Geldmangel auf einem Schloß störte seine Illusionen. Und wie sagst du zu deinem Papa? Redest du ihn Herr Graf an?

O Gott, nein! lachte sie nun hell heraus. Ich sage zu ihm ›Nuschelpeter‹ oder ›Armer Einsamer‹ oder ›Alter Greiser‹. Er hat furchtbar viele Namen. Meistens sage ich aber einfach Pitt.

Johannes Gäntschow wurde immer unzufriedener. Ihn befriedigten ihre Antworten gar nicht. Er kam auf den Verdacht, daß sie vielleicht doch nicht die richtige Tochter sei.

Darfst du denn mit ihm essen? fragte er vorsichtig.

Natürlich, sagte sie, ich und die Miß und die Mademoiselle essen immer mit Papa.

Wer sind denn das?

Das sind meine Erzieherinnen.

Und warum gehst du dann zum alten Marder, wenn du zwei Erzieherinnen hast? Er war jetzt fest davon überzeugt, daß sie ihn anlog.

Weil ich richtig aufs Gymnasium soll. Weil ich Pitts Einzige bin und das Gut erben soll. Und Pitt sagt immer, ich kriege doch nur einen Flachkopf, wir Fiddes haben kein Glück im Heiraten. Und dann muß ich die Wirtschaft allein führen können.

Johannes starrte sie immer fassungsloser an. Sicher war sie eine schreckliche Lügnerin, wenn sie auch mit ihren Augen gar nicht danach aussah. Er bereitete schon wieder eine neue Frage vor, mit der er sie richtig ins Gedränge bringen wollte, als die Tür aufging und Superintendent Marder hereinwutschte. Er rieb sich die kalten, frostroten Hände und sagte eilig: Na, am Fenster? Jetzt ist Schulstunde. Da ist dein Platz, Hannes, los! Bitte, setze dich, Christiane.

Und sofort begriff Johannes, daß sie doch die Wahrheit gesagt hatte, die ganze Wahrheit, begriff es aus dem verschiedenen Ton, mit dem Marder sie und ihn anredete.

Na, wie ist es mit mensa? fragte der eilig. Los, los, Johannes, mensa, mensae ... jede Stunde kostet deinen Vater Geld, denke immer daran, mensae, mensam, aber was ist das mit dir? O mensa! Na, nichts, – Christiane?

Wir haben erst einmal Bekanntschaft geschlossen, Herr Marder.

Schön, schön, aber dieser Junge muß richtig lernen. Er kostet seinen Vater immerzu Geld. Und sein Vater hat nicht viel, Christiane.

Ich muß auch richtig lernen, Herr Marder, sagte Christiane ernsthaft, und ich koste meinen Vater auch jede Stunde Geld. Sieh her, Hannes, hier auf der ersten Seite, das ist eine lateinische Satzlehre, Syntax heißt Satzlehre. Du hast mich vorhin gefragt. Und mensa heißt auf lateinisch der Tisch ...

Na schön, na schön, sagte der Superintendent, macht denn so fort. Ich muß nur mal ... Er rannte hinaus, in die Scheune, wo sie mit dem Flegel Roggen draschen, damit Langstroh zu Ernteseilen da wäre. Es hatte ihm so geklungen, als wenn der Takt stolperte, nicht munter vorwärts ging. So lief er eilig und ärgerlich (er war immer eilig und ärgerlich), er hatte gar keine Zeit mehr dafür, richtig auf den Dreschakt zu achten, sondern er nahm dem nächsten Mann gleich den Flegel weg.

Aber Kinnings, rief er zu den großen Tagelöhnern, zwischen denen er wie eine kleine rötliche Ratte stand, heißt das dreschen? So muß das gehen! Und er schlug los, wobei er den Takt wie eine liturgische Antwort mit einem alten Bauernvers vorsang: Der Walter im Malter, da drischt er das Korn. Ich komm' nicht dahinter, so machst du's von vorn.

Hoppla, Herr Superdent, sagte der alte Behn und traf den Flegel des Geistlichen hart, diesmal haben Sie aber nachgeklappt.

Na also, Kinnings, macht weiter, Schmidt, so muß man dreschen. Ich muß nur mal ...

Und er rannte wieder in das Wohnhaus, denn es war ihm eingefallen, daß er sich ein Brautpaar auf neun Uhr zu einer Pastoralen Vermahnung bestellt hatte, weil die Braut schon zum zweitenmal schwanger ging und die beiden noch nicht die geringsten Anstalten zum Aufgebot gemacht hatten.

Aber er kam zu spät, denn die beiden waren schon in die Studierstube zu seinen Schülern hineingegangen, und als er da an der Tür stehen blieb und auf das eifrige Reden drinnen lauschte, merkte er, daß auch seine Vermahnung schon überflüssig geworden war, denn er hörte den Johannes Gäntschow, diesen elfjährigen Bengel, wütend sagen: Das weiß doch jeder, und das hast du selber im Kruge erzählt, Adi, daß du die Lisbeth nur an der Nase rumführst, und du hast sogar mit Bohrmanns Erwin gewettet, daß du ihr sechs Kinder andrehen willst und sie doch nicht heiratest.

Du, du, machte der Windmüllersohn Adi wütend, du mit deinem Bruder Alwert ...

Tut! Tut! Grade mit meinem Bruder, sagte er wütend, aber was du für Schweinereien machst –!

Geht runter, Kinder, sagte der Superintendent milde. Es ist Frühstückszeit. Ja, jetzt, sofort. Ich bin sehr böse mit dir, Hans Gäntschow. Denkst du gar nicht an die Freiin Christiane? Geht jetzt ...

Vielleicht hatte Christiane den mageren, geflickten Johannes Gäntschow mit seinen viel zu kurzen Ärmeln, recht flüchtig gewaschen und gar nicht gekämmt, bisher für einen rechten dummen Bauerntöffel gehalten. Aber wie sie nun durch den Pfarrgarten gingen und von den wilden Wasservögeln redeten, die man jetzt im Winter vom Meeresufer her im Schloß Tag und Nacht schreien hörte, war ihr Ton ganz anders. Es war ihr nicht recht klar geworden, was für Schlechtigkeiten der dem Müllersohn eigentlich vorwarf, aber der Ton seiner Empörung war so überzeugend gewesen, daß das alles nicht mit irgendwelchem Schimpfen, wie's der Inspektor daheim auf dem Hof machte, oder mit Zänkerei zu verwechseln war. Wie der große, fünfundzwanzigjährige Flaps rot und verlegen stammelnd vor dem Jungen gestanden hatte, das war gut gewesen – ein Blick in eine andere Welt war's gewesen, eine neue Saite war in ihr erklungen. Und sie beschloß, den Vater nicht, wie sie noch vor einer Woche vorgehabt hatte, zu bitten, die nutzlosen Stunden bei dem eilfertigen Marder aufzugeben, sondern erst einmal dazubleiben und sich diesen Jungen, wie sie keinen bisher auf der Welt getroffen, näher anzusehen.

Eigentlich ist er wohl nichts für uns, sagte der Vater nachdenklich auf ihre Erzählung, und ich glaube auch nicht, daß er zu uns kommen wird. Er ist doch der Erbfeind!

Wieso ist er denn der Erbfeind? fragte sie erstaunt. Was ist denn ein Erbfeind? Ich denke, die Franzosen sind das.

Und genau so ist es mit den Fiddes und den Gäntschows. Der Graf überlegte, ob er ihr die alten Geschichten erzählen sollte, und beschloß, es vorläufig lieber zu lassen. Nach einem Vormittag Bekanntschaft schien ihm seine ruhige Christiane schon hinreichend angetan. Nun, du wirst ja hören, was er weiter sagt.

Christiane sah ihn nachdenklich an. Schön, Papa, sagte sie, und jetzt muß ich mich hinsetzen und büffeln.

Büffeln? fragte der Graf erstaunt. Ich dachte, wir wollten schnell noch einmal vor Dunkelwerden zum Wasser sehen, ob ich nicht ein paar Gänse schießen kann.

Heute nicht, entschied sie. Ich muß wirklich jetzt mehr arbeiten, wo ich einen Mitschüler habe.

Sie verschwieg, daß sie nicht so sehr einen Mitschüler, wie einen Schüler bekommen hatte. Denn von Superintendent Marder waren nicht mehr als abschließende, aber eilige Aufklärungen zu erhalten.

Das ist nicht schlecht, dachte der Vater, das jedenfalls ist nicht schlecht, wenn sie durch den Bengel ehrgeizig wird. Nun, man muß abwarten.

Drei oder vier oder fünf Tage schien auch alles gut zu gehen. Johannes sprach nicht mehr von Schmied werden und Bauer, sondern war bereit, sich mit all den neuen Dingen in den Büchern zu beschäftigen. Er hatte einen wirklich seit vielen Generationen ausgeruhten Kopf, und sein Gedächtnis fraß den Lernstoff in sich herein wie eine Dreschmaschine die Roggengarben. Aber dann kam es so, daß Neuschnee fiel, einen ganzen Vormittag lang. Am Morgen war sie noch im Jagdwagen zur Superintendantur gefahren, als sie aber mittags nach Schulschluß vor die Tür traten, fuhr Eli mit dem Schlitten und zwei fröhlich klingelnden, aufgeregt tänzelnden Rappen vor.

Au fein! sagte sie aufgeregt. Ist die Schlittenbahn gut, Eli? Komm, steig schnell ein, Hannes, fahr ein Stück mit!

Und dieser Schlitten, ein großer weißer hölzerner Schwan, zwischen dessen Flügeln sie sitzen durften, auf roten Polsterbänken, den Eli auf einem kleinen, schwebenden Bänkchen hoch hinter und über sich, mit den aufgeregten, dampfschnaubenden Pferden vor sich – dieser Schlitten war ja ein solches Wunder, daß er sich überrumpeln ließ und neben ihr saß, er wußte nicht, wie es gekommen war.

Schon ging es fort. Nichts mehr von klapperndem Kopfsteinpflaster – in einer schönen Kurve, in die sich die Pferdeleiber richtig einschmiegten, ging es über den Marktplatz in die enge Dorfstraße hinein. Still unter ihren Schneebuckeln saßen die Häuser, und die Leute blieben stehen und starrten und grüßten.

Plötzlich wurde Johannes hellwach. Da war eben der Ernst Menz stehengeblieben und hatte den Schlitten gegrüßt. Als er aber neben Christiane den Johannes Gäntschow entdeckt hatte, war sein ganzes Gesicht in ein breites und, wie es schien, höhnisches Grinsen auseinandergelaufen.

Plötzlich empfand er mit einer peinigenden Klarheit den Gegensatz zwischen den reinlich gebürsteten roten Polsterbänken, dem fleckenlos weißen Schwan, dem klingelnden Geschirr mit dem blitzenden Neusilberbeschlag und seinem alten, schmuddligen, geflickten Anzug, den schon Vater und Alwert getragen hatten und der noch dazu häßlich geflickt war. Und als nun auch noch der Müllersohn Adi Dittmann stehen blieb, breit Front machte, die Mütze zog und irgend etwas rief, das im Schellengeklingel unterging, aber sicher etwas Höhnisches gewesen war, als Christiane auch noch sagte: Ist es nicht schön? und ihn strahlend mit ihren dunklen Augen ansah, da schrie er ihr beinah in das erschreckende Gesicht: Anhalten, sofort anhalten!

Im ersten Augenblick begriff sie nichts von seinen Gefühlen. Sie starrte ihn verständnislos an, aber da war er auch schon aufgesprungen, hatte sich umgedreht und den Kutscher mit weißem, zuckendem Gesicht angeschrien: Anhalten sollen Sie, Eli, anhalten, verstehen Sie wohl!

Eli war nun freilich ein viel zu vornehmer Kutscher, um Befehle von so einem Bauernjungen zu hören, Befehle in solchem Ton noch dazu. Und für alle, außer seiner Herrschaft, war und blieb er zudem ›Herr Wacker‹.

Eli gab dem Sattelpferd einen Schmitz mit der Peitsche, ließ sie einen Augenblick auf dem Rücken des Handpferdes tanzen – und in beschleunigtem Tempo fuhren sie nun aus dem Dorfe heraus, die schöne, glatte Landstraße nach Fidde entlang.

Aber dem Jungen waren Eli und Tempo und Christas Fragen ganz egal. Ihm war, als sei er übertölpelt worden, die grinsenden Gesichter, sein Bruder Alwert, ol Gäntschow, de Supkopp – wie ein gefangenes wildes Tier sah er auf die rasch vorübergleitende Chaussee, hörte kein Wort von dem, was Christa sagte, riß sich los von ihr – und warf sich mit aller Gewalt, die Hände voraus, auf die Fahrbahn, die ihm immer glitzernder und weißer entgegenkam. Er landete trotz der vorgestreckten Hände wie eine Padde auf dem Bauch, rollte sich ein paarmal um, schlug mit dem Kopf gegen einen Stein, ein ganzes Feuerwerk von Rot, Gelb und Schwarz ging in seinem Kopfe los. Wie aus weiter Ferne hörte er das beruhigende Hoho! des Kutschers zu den aufgeregt schnaubenden Pferden, die ängstliche, sehr laut rufende Stimme Christas. Nun wird sie wohl auch noch kommen und ihn aufheben und bedauern! Er sprang hoch, sah um sich: sie waren erst drei-, vierhundert Meter aus dem Dorf, er brauchte nur über den Chausseegraben in die Tannenschonung von Rickmers, da fanden sie ihn nie ...

Er warf sich in den Graben, alle Glieder schmerzten, der Kopf brummte und summte, er zog sich an einem Tannenzweig hoch, kroch mühsam durch das enge Gestrüpp. Der Schlitten, der gewendet haben mochte, klingelte wieder näher. Hier kriegen sie mich nie. Und nach all dem Zorn erfüllte ein seltsames Gefühl von Befreiung, ein seliges Unabhängigsein die Brust. Mochten sie doch alle ... mochten sie doch alle ... ach geht ... Ich, Johannes Gäntschow ...

Ein echter Gäntschow, sagte auch der Papa, ganz wie die Gäntschows sind: unbeherrscht, jähzornig, eigensüchtig.

Christiane hatte dem Vater gar nichts sagen wollen, sie hatte sofort nach ihrer Heimkunft den alten Doktor Westfahl, den einzigen Arzt der Halbinsel, angerufen und gehört, daß kein Johannes Gäntschow tot, mit einem Schädel- oder Beinbruch in seine Behandlung gekommen war. Die haben Pferdsknochen, kleine Baroneß!

Aber der untadelige Kutscher Eli hatte dem Grafen Meldung von diesem Zwischenfall gemacht. Eine Giftkröte, wenn ich so sagen darf, Herr Graf, hat mich angeschrieen, Herr Graf schreien nicht so. Ich bin aber schuldlos, wenn ihm was passiert ist ... Mit tiefer Verachtung: Solche Leute sind ja nie in einer Unfallversicherung ...

Ein echter Gäntschow, sagte der Graf zu seiner Tochter. Weißt du, dein Großvater hat mal einen Gäntschow, es muß der Großvater von diesem Jungen gewesen sein, direkt beim Wildern auf unserer Flur getroffen und hat ihn ganz höflich deswegen zur Rede gestellt. Dein Großvater war immer sehr höflich. Und da ist doch dieser Gäntschow, warte einmal, Malte, ja richtig, Malte hieß er, derart wütend geworden, wohl aus Beschämung, daß er dem Großpapa, als sei der der Wilderer, Flinte, Jagdtasche und Patronen beschlagnahmt hat. Der Graf lachte. Papa war ja so ratlos! Was mache ich nur mit dem Menschen? fragte er immer wieder. Wildert und behandelt mich als Wilderer!

Aber ich habe ihn doch nicht beschämt, Papa, sagte Christiane verständnislos.

Nein, du nicht, du sicher nicht, sagte der Papa sanft. Aber da ist noch diese uralte Geschichte vom Kehlteich. Er erzählte sie ihr jetzt doch und schloß: Und wie der Junge da nun in unserem Schlitten gesessen hat und irgendein Bauerntöffel hat ihn sicher angegrinst, da ist ihm wohl erst eingefallen, bei wem er da eigentlich zu Gaste fuhr – nein, die Gäntschows sind unberechenbar, im Grunde sind sie zehnmal stolzer als die Grafen Fidde.

Aber Johannes ist bestimmt nicht so, sagte Christiane. Bitte, Papa, laß noch mal anspannen, und ich fahre zu ihm und erkundige mich.

Ich würde es nicht tun, Christa, sagte der Vater. Christa, ich würde es nicht tun. Gerade nicht bei einem Gäntschow. Erkundigen können wir uns auch ohne das. Ich werde einmal den Doktor Westfahl anrufen ...

Da mußte Christiane denn gestehen, daß sie das schon getan hatte. Graf Fidde sah seine Tochter lange an. Er entdeckte plötzlich ganz neue Seiten an ihr. Ich will und werde dir über deinen Umgang nie Vorschriften machen, Christa, sagte er, aber ich rate zur Vorsicht. Zu äußerster Vorsicht und Zurückhaltung.

In den nächsten Tagen mußte Superintendent Marder leider die Beobachtung machen, daß der so angenehm begonnene Selbstunterricht der beiden Kinder schon wieder zu Ende war. Johannes Gäntschow saß blaß, mit langen, schmalen Lippen, übrigens auch mit einer kräftigen Beule auf der Stirn, an seinem Platz und beschäftigte sich ganz entschieden überhaupt nicht mit seinen Büchern. Christiane aber, auf dem schwarzen Wachstuchsofa, las wohl, schrieb auch was, gab aber womöglich noch verdrehtere Antworten als der Junge. Er hätte sich entschließen müssen, sich stundenlang zu seinen Schülern zu setzen, dazu aber hatte er jetzt am Wochenende, wo die Predigt gemacht werden mußte, gar keine Zeit.

Was habt ihr nur, Kinder, fragte er, habt ihr euch gezankt?

Ich zanke mich nie, Herr Marder, sagte Christiane sehr von oben herab.

Die Kühe haben sicher noch kein Futter, Herr Superdent, sagte Johannes, die brüllen schon mindestens seit 'ner Stunde.

O Gott, ja! Also, Kinder, nicht wahr, ich bitte euch, einen Augenblick, ich muß mal schnell ...

Er huschte hinaus, und die beiden saßen wieder allein. Christiane nahm ihr Buch vor, Johannes sah sie von der Seite an, etwas scheu, und stand dann rasch auf, als er merkte, sie war entschlossen, ihn wieder anzusehen. Er betrachtete ein Bild an der Wand: ›Heimkehr des verlorenen Sohnes‹, die Hände in den Taschen.

Johannes, sagte eine Stimme hinter ihm.

Er bohrte die Hände tiefer ein.

Hannes, klang es dringlicher.

Er zog die Schultern hoch und fing an zu pfeifen.

Hannes!! Das war schon beinahe ein Befehl.

Er drehte sich um, sah sie kühl an und pfiff melodisch weiter (was sehr schwer war). Dann wandte er sich einem zweiten Bild zu: ›Gott gibt Moses die Gesetzestafeln.‹

Du hättest ganz gut in unserm Schlitten mitfahren können.

Keine Antwort.

Warum bist du denn rausgesprungen?

Keine Antwort.

Wegen der alten Geschichte vom Pferdeschlachten? Papa hat mir das erzählt. Ich finde es einfach dumm.

So.

Oder weil mein Großvater deinen Großvater beim Wildern erwischt hat?

Schiet!

Wie?!

Schiet! Dein Großvater hat gewildert!

Mein Großpapa? Sie lachte so überlegen, daß er am Platzen war.

Warum hat er denn sein Gewehr hergegeben, die Bangbüx? Ich hätte mein Gewehr nie hergegeben.

Sie wurde auch etwas rot, aber sie bezwang sich. Das konnte sie, wie gesagt, ihr Papa war sehr oft krank und dann launisch.

Du würdest eben nie wildern gehen, sagte diese Evastochter.

Er sah sie wutfunkelnd an. Natürlich würde ich wildern gehn!! Gerade würde ich das.

Nein, nie würdest du etwas Schlechtes tun, sagte sie.

Immer! Immer gerade das Schlechte, schrie er wütend. Heute nachmittag noch gehe ich bei euch wildern. Und wehe, wenn mir einer von euch in den Weg kommt –!

Er machte eine drohende Gebärde. Er sah lächerlich und schrecklich zugleich aus. Sie sah ihn ein bißchen amüsiert an, wie man ein kleines Tier betrachtet, das sich abstrampelt. Also schön, sagte sie. Ich werde Papa sagen, daß ich dir die Erlaubnis zum Jagen auf unserer Flur gegeben habe – kannst du überhaupt schießen?

Die letzte Frage war rein rhetorisch. Sie setzte sich in ihrer Sofaecke zurecht und nahm endgültig ein Buch vor. Er war so erschlagen, daß er mindestens zwanzig Sekunden nichts sagen oder tun konnte. Er starrte sie nur an. Aber sie sah ihn nicht wieder an. Sie las geruhig, nur ihre Backen waren ein wenig gerötet.

Zum Donnerwetter! schrie er plötzlich und rannte zum Fenster. Gerade kam der Superintendent über den Hof ins Haus. Herr Superdent, schrie er aus dem Fenster, ich mach' Schluß, ich mach' Feierabend, ich geh' nach Haus.

Der alte Marder sah erstaunt zu dem Fenster hinauf und machte eine abwehrende Handbewegung. Dann faßte er sich an die Stirn, als habe er nun alles begriffen, und schoß in das Haus. Der Junge aber, der wußte, er mußte ihm auf der Treppe begegnen, war mit einem Schwung über die Fensterwand und kletterte wie eine Katze am Spalier hinunter. Er sah nicht zu ihr hinauf, die zu ihm herunterrief. Es war seine zweite Flucht vor ihr binnen einer Woche, und er wußte das ganz gut. Er rannte wie ein Amokläufer über den Hof und verschwand durch die kleine Pforte, die zu Kirche und Friedhof führte.

Er hatte dreiundeinhalb Stunden vor sich, bis der Unterricht offiziell zu Ende war, und es war ein bitterkalter Wintertag. Er dachte einen Augenblick nach, rannte dann hinter dem Dorf herum und schlug den Weg nach Dreege ein. Ihm war eingefallen, daß er im Hafen mal nachsehen könnte, ob da ein Dampfer lag. Am Hafen würde sich die Zeit am besten vertreiben lassen, und er blieb warm. Er war sich gar nicht klar darüber, wie die Sache nun weitergehen sollte, er würde mit seinem Vater, mit dem Superintendenten, mit allen Leuten Krach kriegen, er würde wieder auf die Dorfschule müssen, Doofschule hatte er noch gestern zu Nachbar Lindemanns Jürgen gesagt. Aber vorläufig mußten erst einmal diese dreieinhalb Stunden untergebracht werden. Er war sich vollkommen klar darüber, daß er in seiner Wut einen schönen Unsinn gemacht hatte. Weil man den einen Tag aus dem Schlitten gesprungen war, brauchte man nicht den andern Tag aus einem Fenster zu klettern. Weil Windmüllers Adi dämlich gegrinst hatte, brauchte man nicht mit Christiane Streit anzufangen. Aber so war er – und nun mach mal was dabei!

Als er an Müllers Adi gedacht hatte, hatte er unwillkürlich Schnee zu einem Schneeball aufgesammelt. Er knetete ihn voll Wut so lange, bis es ein richtiger Eisball geworden war, und wäre jetzt Adolf Dittmann in Wurfweite gewesen, hätte er eine Beule zu besehen gehabt.

Aber kein Adi Dittmann kam. Dafür aber hörte er hinter sich den Hufschlag eines Pferdes. Erst schielte er argwöhnisch, vielleicht waren ihm ›die Feinde schon auf der Spur‹. Dann aber sah er, daß es ein gewöhnlicher Einspänner war. Als er den Fahrer erkannte, war es der Fleischer Frehle aus Dreege, der vor ein paar Wochen die Blanka bekommen hatte. Der Fleischer war schon halb an dem Jungen vorbei, als er einen Blick zur Seite tat. Er parierte das Pferd. Bist du nicht einer von den Gäntschows Jungen? Willst du nach Dreege? Spring auf. Es ist heute frisch.

Der Junge kletterte auf den Karren.

Da, nimm den Pferde-Woilach um. Es pustet heute tüchtig. Der Bodden ist schon ganz zugefroren.

Liegen Dampfer unten?

Nein, keiner, nur der Blücher.

Der Blücher ist doch auch ein Dampfer, ein Raddampfer sogar, widersprach Johannes.

Der Blücher ist doch kein Dampfer, sagte der Fleischer. Der Blücher ist doch ein Malheur.

Und nun lachten sie beide, denn der Blücher war so alt und betagt, daß er für eine Fahrt nach Stralsund, die ein anderer Dampfer in drei Stunden fuhr, neun brauchte. Wenn er überhaupt hinkam.

Bist du nicht der Gäntschow, der beim alten Marder jetzt Unterricht hat? fragte der Fleischer.

Ja, sagte Hannes unwillig, denn jetzt mußte ja unbedingt die Frage kommen, warum er denn nicht im Unterricht, sondern auf der Landstraße sei.

Vielleicht aber interessierte sich der Fleischer nicht so sehr für die Zeiteinteilung des jungen Gäntschow. Ist das wahr, fragte er, daß du mit der Gräfin zusammen Schule hast?

Das ist doch keine Gräfin, äffte ihm Johannes nach, das ist doch eine Freiin.

Wieso, sagte der Fleischer, aus allen Himmeln gefallen, ließ die Peitsche sinken und starrte den Jungen groß an. Wenn's die Tochter von einem Grafen ist, ist es 'ne Gräfin, und wenn's die Tochter von 'nem Freiherrn ist, ist's 'ne Freiin.

Sie hat mir aber selbst gesagt, daß sie 'ne Freiin ist.

I du Donner, dann ist er vielleicht gar nicht Graf? Dann ist er bloß Freiherr?! Er überlegte. Oder ist Freiherr mehr als Graf?

Viel mehr, sagte Johannes aufs Geratewohl. Manche sagen auch Baronesse zu ihr.

Dann wäre er wieder Baron? Nee, auf den Holzrechnungen steht aber Gräflich Fiddesche Forstverwaltung. Er sah Johannes bekümmert mit seinen kleinen, eiligen Augen über den feisten, blaurot gefrorenen Backen an. Na, du weißt wohl auch noch nicht so damit Bescheid, daß du mir das Zeugs richtig erklären kannst. Wie sagst du denn zu ihr?

Ich sage Christiane.

Christiane? Einfach Christiane? I du Donner! Ja, ich habe es schon gehört, du bist mit ihr im Schlitten gefahren. Die Leute haben was gestaunt.

So, sagte Johannes mürrisch.

Ja, ja, nickte der Fleischer, wo viel Wolle ist, ziehen sich die Motten hin. Paß nur auf, daß du nicht zu hochnäsig wirst.

Was sagen denn die Leute, fragte Johannes nun doch.

Ach, das sind doch alles bloß Neidhammel, sagte der Fleischer verächtlich. Solche Bauern, die nicht von ihrem Mist runterkommen. – Na, wenn du zum Hafen willst, mußt du jetzt absteigen. Ich fahr' hier links.

Schön, sagte Johannes und schlitterte langsam und gedankenvoll zum Hafen hinunter. Der erste Mensch, den er dort traf, war sein Bruder Max. Und der zweite sein Vater. Sie verluden Roggen in einen Kahn.

Was machst du denn hier, Hannes?

Hab' was zu bestellen für Herrn Superdenten, sagte Hannes streng, ging eilig weiter, um das Bollwerk herum, auf den Blücher zu, über die Laufplanke. Ein Maschinist, Putzwolle in der Hand, hielt ihn an.

Junge, wo willst du denn hin?

Wo is'n der Käpten?

Zu Hause.

Wo zu Hause?

Auf'm Lande.

Wo auf'm Lande?

Bei Stralsund.

Wo bei Stralsund?

In Triebkendorf, aber ...

Wie weit is es denn von Stralsund bis Triebkendorf?

Drei Stunden zu laufen, aber ...

Hat denn Triebkendorf auch'n Hafen?

'n Hafen? Wo soll denn da das Wasser für herkommen?

Also kein Hafen?

Nein.

Warum sagen Sie mir das nicht?

Ich hab's doch gesagt!

Na, denn ist's ja gut. Guten Morgen.

Und Johannes ging gravitätisch über die Laufplanke wieder ans Ufer.

Hallo, rief der Maschinist hinter ihm.

Hallo, rief Johannes und drehte sich um.

Was hast' denn eigentlich gewollt?

Das hab' ich dir doch gesagt.

Nee, das hast du mir nicht gesagt.

Na, denn ist's ja gut. Guten Morgen. Und Johannes ging entschlossen weiter.

Hallo, schrie es hinter ihm. Der Maschinist, seinen Wisch schmutzige Putzwolle immer noch in der Hand, war über den Laufsteg an Land gekommen.

Hallo, rief Johannes und blieb in zwölf Schritten Abstand stehen.

Was haste gewollt, sollst du sagen, schrie der Maschinist wütend.

Düsige Schmierjacke, schrie Johannes zurück. Ätsch! und rannte los, daß die Beine flogen.

Eine Stunde später betrat ein sehr fideler, aufgeräumter Johannes die superintendentliche Arbeitsstube, wo der Geistliche noch immer von seiner Schülerin zu erfahren suchte, was eigentlich mit dem Johannes, mit ihr, mit ihnen beiden los sei.

Tag, Herr Superdent. Vater hat gesagt, ich soll doch was lernen. Entschuldigen Sie man. Tag, Tia. Sag mal, wie kommt das, daß dein Vater Graf ist und du bist Freiin? Ist denn dein Vater auch Freiherr?

Johannes, rief der Geistliche, wo kommst du her?

Von Vater.

Johannes! Dein Vater ist heute um halb neun hier vorbei gefahren.

Nach Dreege, Roggen in den Kahn verladen, da war ich auch. Stimmt alles, Herr Superdent.

Der Superintendent seufzte. Also jedenfalls scheinst du dagewesen zu sein. Und warum bist du an meinem Spalier runtergeklettert?

Darf ich das nicht, Herr Superdent? Wir haben zu Haus auch ein Spalier. Da klettern wir immer in die Giebelstube rauf. Vater sagt nichts.

Ich glaube, sagte der Geistliche, du spielst augenblicklich ein bißchen Theater, mein Sohn. Da aber deine Mitschülerin Christiane auch etwas geheimnisvoll ist, will ich euch fünf Minuten einander überlassen und hoffe, daß dann ohne alle Geheimnisse weitergearbeitet wird. Jetzt will ich nur mal schnell ...

Also, wie ist es mit der Freiin? fragte er.

Sie schüttelte den Kopf. Warum bist du denn wiedergekommen?

Ich weiß auch nicht, sagte er plötzlich in ganz anderm Ton. Ich habe erst einen und dann noch einen verklapst, und da war ich so guter Laune, daß ich nicht mehr wütend sein konnte. Außerdem hast du wirklich an nichts Schuld.

Sie schüttelte wieder den Kopf. Das mag ich aber gar nicht. Wenn du immer erst ein paar verklapsen mußt, um zu sehen, daß du unrecht hast. Das will ich nicht.

Ich bin doch nun mal so, und Vater ist auch so, und Großvater war auch so. Alle waren überhaupt so. Da kann man gar nichts machen, Tia.

Da kann man viel bei machen, sagte sie streng.

Bist du schon mal oben auf dem Leuchtturm gewesen? fragte er. Hundertdrei Meter ist der hoch. Ich hab' gehört, man kriegt fünfzig Mark von dem verrückten Maler in Fabiansruh, wenn man den Blitzableiter runterklettert. Fünfzig Mark wären fein.

Das möchtest du wohl tun? Und dir alle Knochen dabei zerbrechen!

Ich brech' mir doch nicht die Knochen. Ich mach' die Augen zu und rutsche einfach runter.

Wegen lumpiger fünfzig Mark?

Fünfzig Mark sind doch nicht lumpig, na weißt du! Fünfzig Mark, sagte er eifrig, weil er einen Gedanken hatte, das ist ein ganzer Morgen Roggen. Denk mal: schälen, eggen, pflügen, wieder eggen, säen, im Frühjahr noch mal eggen, mähen, binden, puppen, dreschen, sacken, auf den Boden bringen, wieder sacken, verladen, alles für fünfzig Mark. Das ist eine Masse Arbeit. Du könntest sie nicht tun – für das lumpige Geld.

Aber für den Roggen ist es gutes Geld, und für den Blitzableiter ist es schlechtes Geld.

Ach nee, sagte er ganz erstaunt. Gibt es gutes Geld und schlechtes Geld?

Jawohl gibt es das, sagte sie sehr böse. Wenn man stiehlt, ist es auch schlechtes Geld.

Aber Blitzableiter und Stehlen ist ein riesiger Unterschied.

Das ist genau so, wie wenn man fröhlich dadurch wird, daß man Leute veräppelt, rief sie und brach in Tränen aus.

So fand sie, wieder ganz ratlos, der Superintendent.

Ja, sie waren beide so verschieden, jedes war ganz anders ausgewachsen wie das andere, in fast nichts waren sie einer Meinung. Er haßte Heulen – und doch waren es diese ihre Tränen, die für lange Zeit alle Spannungen zwischen ihnen lösten. Irgendwie begriff dieser Bengel, dieser ewige Stacheligel, daß er ihr ernstlich weh getan hatte – und warum sollte er das eigentlich? Er hätte kein Tier sinnlos geschlagen – bloß weil sie eine Freiin Fidde war? Aber, wie gleichgültig ihm das war! Was gingen ihn die alten Geschichten an. Außerdem hatte sein Großvater wirklich gewildert. Und doch hatte er dem Grafen Fidde damals die Flinte zurückgeschickt, mit einem Hasen dazu: Schönsten Dank, aber sie tauge nichts, sie schösse zu tief. Nein, keine Ursache, auf die Fiddes böse zu sein.

Sie hatte da ein paar Sachen gesagt, zum Beispiel, daß man anders werden könnte. Er war nicht überzeugt davon, aber vielleicht hatte sie doch recht. Er mußte darüber nachdenken. Es war etwas daran. Auch er sah ja zum Beispiel, daß Vater nicht so war, wie er sein müßte, und vor allem, wie er hätte sein können. Mit sich war er auch nicht ganz zufrieden. Gutes Geld und schlechtes Geld, jawohl, das konnte sie sagen, aber das war nun wieder anders. Daß sie so etwas sagen konnte, das kam daher, weil sie nie wirklich ohne Geld war. Gewiß, man durfte nicht stehlen, man tat es wenigstens nicht, aber einen Viehhändler durfte man reinlegen, einen Blitzableiter durfte man herunterklettern – und: Du, Christa, sagte er eifrig, dann ist es aber auch schlechtes Geld, das der Marder für seinen Unterricht bekommt. Er tut doch fast gar nichts, und mein Vater denkt, er sitzt fünf Stunden bei uns.

Sie machte nicht die geringsten Umschweife. Das ist es auch, gab sie zu.

Und das Geld, das er als Pfarrer bekommt, ist denn das gutes Geld?

Ich weiß nicht, sagte sie zögernd.

Na, du siehst doch, wie er seine Predigten macht. Husch, husch, drei Bücher nachgeschlagen, husch, husch, fertig. Das kann ich auch. Das kann jeder. Und wie er sich um die Leute kümmert!

Ja, er hat viel zu viel vor, gab sie zu. Nun auch noch der Hof.

Nicht wahr, er wird doch als Pfarrer bezahlt, und nun spielt er dazu den Großbauern. Weißt du das mit dem Ziegenbock?

Nein, sie wußte es nicht. Der Superintendent, der Marder, war doch solch mißtrauischer, knifflicher Mensch. Keinem traute er. Keine Arbeit wurde gut genug und schnell genug gemacht, nach allem sah er selbst, und immer wurde zuviel veraast. Da hatte er nun diese vier Pferde im Stall stehen, wie im vorigen Winter, so jetzt im Winter, und sie taten rein gar nichts. Auf den Acker konnte man nicht, zu fahren war nichts mehr, sie standen im Stall, fraßen immer weiter den teuren Hafer, zu acht Mark den Zentner, und schlugen die Stände vor lauter Übermut kaputt.

Der Superintendent war ein moderner Landwirt. Er besaß gedruckte Fütterungstabellen: verdauliches Eiweiß, Kohlehydrate, Stärkewerte. Der Superintendent rechnete und rechnete. Er rechnete für seine Pferde ein ›lebenerhaltendes‹ Futter heraus, ein Minimum an Nährstoffzufuhr, und er dachte dabei nicht daran, welches Futter seinen Pferden nun auch bekömmlich war. Das verdauliche Eiweiß, der Stärkewert, die machten es!

Darüber wurden die alten Schinder immer jämmerlicher und hinfälliger. Die Knechte, die ihre Pferde gern gehabt hatten, sagten den Dienst auf, und es kamen Lumpen an ihrer Statt, denen die Tiere gleichgültig waren. Ja, die den Superintendenten, in ihre Bärte grienend, noch in seiner Sparsamkeit bestärkten. Es war ein Anblick, der einem das Herz im Leibe umdrehen mußte, kam man in den Stall: mit gesenktem Kopf, trüben Augen, lang herunterhängenden, schlaffen Lippen, rauhem, strubbligem Haar standen die Pferde auf zitternden Beinen in den Ständen und wußten nicht mehr, ob sie sich zum Leben oder Sterben entschließen sollten. Sie gewöhnen sich, es ist nur der Übergang, sagte der Superintendent zu Besuchern, die wortlos diesen Jammer betrachteten. Ich habe es genau berechnet. Es ist ein Futter, das das Leben erhält und doch keinen Übermut aufkommen läßt. Und dann, sagte er hoffnungsvoller, habe ich schlechte Knechte gehabt, die immer nur Hafer füttern wollten – mit Hafer können alle füttern! Aber jetzt habe ich tüchtige Leute, die meine Futterprinzipien verstehen.

Der Besucher überlegte trübsinnig, ob man nicht an den spitzen Schulterknochen gut die Mütze aufhängen könnte. Aber der Geistliche fragte eifrig den Knecht: Na, was macht der Schimmel, Ernst?

Oh, er macht sich, Herr Super, sagte der Knecht. Er macht sich. Heute früh hat er einmal tüchtig geschnaubt und mit dem Vorderhuf im Stroh gekratzt.

Sehen Sie, sagte der Superintendent, es ist nur die Umstellung, der Mann sagt auch, er macht sich.

Mittlerweile stellte sich der Schimmel so um, daß er sich hinlegte und krepierte. Aber nicht an Futtermangel, beileibe nicht. Sicher hatten die früheren Knechte ihm aus Rache was eingegeben. Aber schließlich wurde es doch klar, daß auch die andern Pferde zum mindesten ›krank‹ waren, das war nun schlimm. Zum Tierarzt bis nach Sagard zu schicken, war viel zu teuer, außerdem fürchtete der Superintendent vielleicht im geheimen für seine Futtertheorie. Dann gab es noch den Schäfer Hundertmark. Aber ein Schäfer war gar nichts, unwissenschaftlich, bloßer Aberglaube.

In dieser Not fielen dem Geistlichen nun die preußischen Kavalleriepferdeställe ein, in deren jedem traditionsgemäß ein Ziegenbock gehalten wird, der, wie jedermann weiß, keine Krankheit im Stall aufkommen läßt, sondern alles auf sich zieht. Man könnte nun freilich sagen, daß ein Ziegenbock auch Aberglaube ist, aber erstens ist ein Bock in Pferdeställen eine offizielle militärische Einrichtung, zweitens hängt es irgendwie ganz wissenschaftlich mit dem starken Geruch, den Böcke absondern, zusammen, und drittens konnte der Ziegenbock die Ziegen der kleinen Leute in Kirchdorf decken, sparte ihnen den weiten Weg bis Riek, und der Superintendent strich noch Deckgelder ein.

Ein Ziegenbock wurde gekauft. Ein wahrer Patriarch an Körper und Ehrwürdigkeit, mit langem, zottigem Haar, einem herrlichen, weißen Spitzbart, den schamlosesten, frechsten und neugierigsten Augen von der Welt und breiten, weitausladenden, geschwungenen Hörnern.

Alles ging verquer! Dieser Ziegenbock war der Vater der Neugierde, ein Großvater der Frechheit und ein wahrer Satan der bösen Streiche. Im Stall war er ein Fehlschlag, vielleicht war er zu spät gekommen, jedenfalls fiel noch ein Pferd, und der Superintendent kehrte schweigend und grimmig zum Hafer zurück. Aber dieser Bock, von den Pasewalker Offizieren auf den schönen Namen Phryne getauft, verliebte sich in den Geistlichen und folgte ihm auf Schritt und Tritt. Keine Kette half, keine noch so kunstvolle Fesselung, kein Lattenverschlag, plötzlich rannte er laut meckernd im Triumph über den Hof, stieß die Tür zur Superintendantur auf, erkletterte, tripp, trapp, die Treppe, war im Studierzimmer, suchte das Dorf ab und ruhte nicht eher, bis er seinen breitschultrigen Marder gefunden und ihm, zufrieden meckernd, ein paar sanfte, aufmunternde Stöße ins Gesäß versetzt hatte.

Der arme Superintendent. Diese Wochen waren schwere Wochen für ihn! Der Bock war kein billiger Bock gewesen. Bis zur Deckzeit im Frühjahr, da er ein bißchen Geld einbrachte, sollte er mindestens durchgehalten werden. Der Geistliche, schon immer hastig, bekam jetzt etwas Flüchtiges, Scheues, einen beklagenswert angstvollen Blick über die Schulter. Immer floh er vor Phryne, versteckte sich vor ihm, schloß Türen ab, fragte mitten im Gespräch: Hören Sie nichts? Wie?!

Und diese ollen Heimtücker von halben Heiden, diese rechten Insulaner, begriffen so rasch die Lage ihres Seelsorgers, es hatte sich herumgesprochen – Da meckert doch was, Herr Superdent? fragten sie.

Weg war er. Weg von Vermahnungen, Tröstungen, Geschäften!

Aber die Ereignisse dann am sechsten Februar, dem fünften Sonntag nach Epiphanias, gaben dem Bock und seinem Herrn doch den Rest. Herr Superintendent Marder war in der Kirche, und seine Gemeinde, seine Schäflein, mit ihm. Die Gemeinde sang das Lied vor der Predigt. Sechs Strophen. Und der Superintendent ging frierend und wartend in der eiskalten Sakristei auf und ab. Die Hände hatte er ganz in die Ärmel seines Talars gesteckt. Nun waren sie bei der dritten Strophe. Nun fingen sie die vierte an ...

Der Kantor Bockmann hätte bei solcher Kälte das Zwischenspiel auch gern etwas kürzer machen können! Was aber der eigentliche Kirchendiener war, so hieß er Wollenzien, Gabriel Wollenzien. Ein Kirchendiener muß ein geschickter, rascher Mann sein. Gabriel Wollenzien aber war man tüterig. Das war dem Supenintendenten lange klar. Doch das Kirchendieneramt (für fünf Zentner Roggen jährlich und zwei Dutzend Eier zu Ostern) war erblich in der Familie Wollenzien. Nein, sie kamen mit der vierten Strophe nicht klar. Was sie nur hatten? Gottlob hielt die Orgel sie bei der Stange, aber nun tat plötzlich auch die Orgel einen ganz unziemlichen Hüpfer – und stürzte sich wie schuldbewußt in um so lautere Akkorde. Alle Register, alle Register.

Der Superintendent machte die Sakristeitür ein bißchen auf, trotzdem er das eigentlich für ganz unziemlich hielt, denn die Minuten während des Gemeindegesanges hat der Geistliche sich in der Sakristei innerlich auf seine Predigt vorzubereiten. Er sah nur einen spitzen Ausschnitt von drei Bänken, mit den Bauersleuten Lau und Gierke, die sich aber umgedreht hatten ...

Sicher war etwas nicht im Lot. Vielleicht war, wie schon einmal, der Dorfsüffel Timmermann in den Gottesdienst geraten, und Wollenzien war wieder einmal der Lage nicht gewachsen.

Mutig ging die Orgel das Zwischenspiel zur fünften Strophe an, klang, psalmodeite und tat einen tiefen, hinsterbenden Seufzer: keine Luft. Der Bälgetreter auch nicht auf dem Posten. Na warte, Jungchen!

Der Superintendent raffte den Talar und kletterte die Treppe zur Kanzel empor. Na wartet, ich will euch umdrehen lehren!

Er trat hinaus vor seine Gemeinde. Sie sahen nicht hin zu ihm, sie merkten sein Kommen gar nicht einmal. Alle Gesichter waren von der Kanzel fortgewendet, nach dem Kirchenchor zu, und weder Wollenzien noch der Kantor waren zu sehen. Jawohl, der Platz an der Orgel war verlassen, mitten im Vorspiel zur fünften Strophe, da doch sechs gesungen werden sollten!

Friedfertigkeit erfüllte nicht des Superintendenten Herz, da er sich einmal, ein zweites Mal räusperte. Er mußte sich ein drittes Mal räuspern, ehe alle zu ihm hersahen. In allen Gesichtern lag etwas Verhaltenes, sie sahen ihn so erwartungsvoll an, viele waren rot, andere zuckten, Kinne wackelten, Bärte sträubten sich. Der Geistliche spähte. Er sah nichts. Er verlas das Schriftwort, er merkte, sie hörten ihn gar nicht – worauf warteten sie noch?

Er begann seine Predigt. Sie hörten nicht zu, ja viele Gesichter hatten sich wieder von ihm fortgewendet.

Superintendent Marder war sehr böse. Er war so böse, daß er die Predigt unterbrach und energisch mit einem Finger auf die Kanzelbrüstung pochte. Zögernd kamen die Gesichter zurück zu ihm, jetzt schien auf der Orgelempore ein verhaltenes Gerenne, ein leises Gehusche zu sein.

Der Superintendent wollte neu einsetzen. Da klang von der Orgelempore schrill in höchstem Jagdeifer plattdeutsch eine grelle überkippende Jungenstimme: Ick heff em, Herr Kanter. Kamen Se längs! Ick hol dat Undiert nich ...

Und hinter der Orgel hervor jagte polternd die grausige, wilde, verwegene Jagd: Phryne, der weiße Bock, an seinem Stummelschwanz hängend, verzweifelt schreiend, der Junge Bälgetreter. Aus der Chorbank links, wo er sichtlich wie ein Jäger auf Ansitz gesessen hatte, schoß hervor, einen Schirm schwingend, der kleine verwachsene Kantor Bockmann, erregt flüsternd und scheuchend: Wistu!

Und aus der Bank rechts der tüterige Wollenzien: Min leiwe Zickenbuck! Kumm to ol Vadder Wollenzien!

Aber der Bock, über seine Feinde triumphierend, riß sich los, der Junge stürzte, der Kantor floh in Bankdeckung vor den Hörnern, kläglich protestierte Wollenzien: I du Deibelsvieh! Stöten wist du?

Der Bock sprang auf eine Chorbank, auf das breite, geschnitzte Geländer des Chors, hoch thronte er über der Gemeinde, aus der unterdrückte Rufe, Gelächter, Angstkreischen laut wurden. Mit wackelndem Bart, drohenden Hörnern, frechen Augen stand der Bock unerreichbar auf dem Geländer – und sah plötzlich seine Liebe, den Superintendenten, den versteinerten, auf der Kanzel. Phryne schmetterte sein triumphierendes Meck und Mäh, er schien den Zwischenraum zwischen Chor und Kanzel zu messen, näher wollte er seiner Liebe, und der erwachte Superintendent warf mit einem lang nachhallenden Knall die Tür hinter sich zu. Die Kanzel war leer.

Aber ach, diese Wut in der Sakristei, diese hilflose, zitternde Wut! In allen Häusern der Insel, in ihren spätesten Geschlechtern wird man immer noch die Geschichte vom Ziegenbock erzählen, der seinen Superintendenten von der Kanzel vertrieb. Marder hatte eine kräftige, lederhafte Haut. Sie mochten ihn filzig, flusig, sonstwas schelten, aber lächerlich, dies nein. Lächerlich durfte er nicht sein! Er biß die Zähne zusammen, er überwachte selbst den Abtransport des Bockes, er schloß ihn selbst in die Räucherkammer ein, aus der unmöglich zu fliehen war. Er steckte den Schlüssel in die Tasche und begann den Gottesdienst von neuem. Mochte aller Hausfrauen Essen anbrennen, so leicht wollte er es ihnen denn doch nicht machen. Und er betete unerbittlich lange für die bösen Buben, die solche Streiche trieben ...

Aber, wieder zu Hause, schickte er sofort zum Viehhändler Frehle nach Dreege und ließ ihn kommen. Sonst schloß er nie ein Handelsgeschäft am Sonntag ab. Nein, auch dies wurde kein Handel: er verschenkte den kostbaren Bock, unter der Bedingung, daß ihn niemand mehr zu Gesicht bekommen dürfte und daß er gleich am nächsten Tage von der Insel verschwinden müßte. Phryne protestierte aus seiner Räucherkammer gegen diese Abmachungen mit kläglichem Gemecker.

Am nächsten Tag, am Montagmorgen, stand der Superintendent Marder halb versteckt hinter dem Ladeschuppen auf dem Dreeger Kai, sah den Blücher ablegen und ächzend, krächzend, Dampf abblasend, pfeifend die Höhe des Dreeger Boddens gewinnen. Auf dem Verdeck war lange ein weißer Fleck zu erblicken, der entschwindende Phryne. Dann verschwamm der weiße Fleck mit dem Schiff, der Dampfer tutete noch einmal und drehte sich um den Finkenhaken.

Erleichtert aufseufzend, machte sich Herr Marder auf den Rückweg. Das Kapitel Phryne war abgeschlossen, und er würde den Leuten schon die Mäuler stopfen. Und während er die Dreeger Chaussee langsam fürbaß mit seinen breiten Schultern entlang schaukelte, wurde er wieder beinahe ganz fröhlich beim Anblick der mit Wintersaat bestellten Äcker. Trotzdem im Januar eine Reihe von Tagen schweren Kahlfrost gebracht hatten, waren Roggen wie Weizen gut durchgekommen. Schön smaragdgrün lagen die Flächen in der klaren Wintersonne unter dem schon nicht mehr ganz blassen Blauhimmel. Um die Zweige der Kirschbäume an der Chaussee lag schon etwas wie eine Vorahnung des Frühlings. Die Spatzen stritten sich vergnügt und eifrig tschilpend um einen Pferdeapfel. Der Geistliche überlegte, wie er am nächsten Sonntag Septuagesimä diese Vorfrühlingsahnung in seinen Predigttext einflechten könnte.

Dann aber, an diesem selben Montagabend, tat er noch etwas Heroisches: er trotzte allem Gerede der Leute und ging in den ›Schwedischen Hof‹, der der Superintendantur gerade gegenüber auf der andern Seite des Marktplatzes lag. Da waren heute am Montag drei Skattische in Gang, ein Bauern-, ein Kaufleute- und ein Gutsbesitzerskattisch. Da würden sie heute beisammen sitzen, die ihn durchhecheln wollten, und gerade darum ging er hin.

Heroisch an diesem Gang war aber, daß Superintendent Marder, der sonst nie in Gasthäuser ging und sonst nie Alkohol trank, fest entschlossen war, an diesem Abend bis zum letzten Mann sitzen zu bleiben und soviel Alkohol zu trinken, wie zu diesem langen Sitzen gehörte. Alkohol haßte er, Alkohol machte ihm Angst, vor Alkohol schüttelte er sich – aber das war heute alles gleich.

Da ging er, ein kleiner, rötlicher Kerl, mit lächerlich breitem Rücken, aber zum Trommeln gab er sich nicht her, Kalbfell wurde er nicht. Er würde trinken und nicht betrunken werden.

Mit dem Trinken aber war es bei ihm so bestellt, daß sein Großvater schon gerne getrunken hatte und sein Vater sehr gerne. Er war die nächste Generation, er hatte statt einer Neigung eine Abneigung, aber sein strahlender, junger Bruder, fast gleichaltrig, hatte wieder zu gerne getrunken. Und Marder hatte an diesem Bruder, den er so herzlich wie nie einen andern Menschen wieder geliebt hatte, langsam, langsam allen Verfall durch den Trunk erlebt: den Schmutz, das Verkommen, die Verlogenheit, die Gier. Allmählich hatte der Feind – und was war das für ein schrecklicher, erbarmungsloser Feind – die Strahlenzüge des Bruders gestohlen, aufgeschwemmt und verschwommen war alles in diesem Gesicht untergegangen, was auf eine herrliche Zukunft hingedeutet hatte. Dann war der Zusammenbruch gekommen, die Anstalt, das krampfhafte, irre, schreckliche Flehen und Beschwören um einen einzigen Schnaps. Es war gekommen das Geheiltwerden, das Wieder-in-Freiheit-Leben des Bruders, die heimliche Angst um ihn und die schreckliche Gewißheit, daß er von neuem trank.

Es waren schreckliche Auseinandersetzungen gekommen. Schwüre, die in der Stunde schon, da sie gegeben waren, gebrochen wurden, die von vornherein nicht gehalten werden sollten. Und schließlich jene schreckliche Nacht, da die beiden Studenten auf ihrer Bude in Kampf gerieten, da die Seele des andern schon auf der Flucht, schon von ätzendem Alkohol ganz aufgelöst gewesen war. Wie in dem zerrütteten Trinkergehirn Visionen von Verfolgern, huschenden Tieren auftauchten, wie er zu schreien anfing, zu schreien wie selber ein Tier ... Nein ...

Bis er ein paar Tage danach auslöschte und zusammengefallen auf dem Totenbett lag als ein stiller, ernster Bruder jenes einst so herzlich Geliebten.

Ja, wie Superintendent Marder jetzt durch den Pfarrgarten und über den Marktplatz geht, denkt er natürlich an all diese Dinge nicht. Sie sind so lange her, sind wie versunken in ihm, unter der stets neuen Ernte stets neuer Erlebnisse. Aber die Angst sitzt in ihm ...

Natürlich, er könnte Himbeerwasser trinken oder einen Tee und noch einen, aber er weiß doch, wie seine Insulaner sind: wer nicht plattdeutsch spricht und nicht mittrinkt, gehört nicht zu ihnen. Und heute muß er zu ihnen gehören.

Im Flur trifft er gottlob die Wirtin, Frau Reese, und er benutzt die Gelegenheit, ihr möglichst laut und sonor ein paar Worte zu sagen, und sie begrüßt ja auch recht lebhaft den ungewohnten Gast. Richtig, in der Gaststube links wird es plötzlich still. Ganz auffallend still. Und so platzt er wenigstens nicht unangenehm in ein Gespräch über sich hinein, als er eintritt und seinen guten Abend sagt.

Sie sind alle schön vorbereitet, und er muß viele Hände drücken und viele Fragen stellen und beantworten, ehe er sich an einen Tisch beim Ofen setzen kann, auf den Tisch klopfen und rufen darf: Herr Reese, einen Grog!

Es geht wie eine Welle verblüfften Schweigens durch den Raum. Aber das ist nur ein Augenblick, und dann haben sie alle, alle kapiert und reden doppelt laut: Kiekeda, der Herr Superintendent will sich wohl anbiedern. Er denkt, er hat es nötig – und laut reden sie von allen, allen andern Dingen.

Stark oder schwach? fragt der Wirt.

Stark, sagt der Superintendent und langt sich eine Zeitung.

Der Grog riecht gemein nach Fusel. Mit Widerstreben nur tut der Geistliche in den übelriechenden Trank den schönen, klaren, weißen Zucker. Er rührt gedankenvoll, lange, er sieht dabei gedankenvoll durch den Raum. Er sitzt schön in der Mitte. Sie können es weder rechts noch links wagen, über ihn zu sprechen. Natürlich denken die, er wird bald wieder abrücken. Aber da sollen sie sich geirrt haben!

Er nimmt den ersten Schluck. Ein schlimmes Getränk, viel schlimmer noch, als er gedacht. Er schüttelt sich, aber er trinkt mutig einen großen Schluck von dem Gebräu. Dann liest er weiter in der Zeitung.

Bis halb elf geht alles glatt. Bis halb elf kann er sich mit Zeitungen helfen. Er hat bis dahin drei Gläser Grog getrunken, und der Trank widersteht ihm nicht mehr so. Es wärmt schön, solches Gebräu. Übrigens hat es auch eine schöne, bernsteinhafte Farbe. Und das Gehirn wird langsam groß und weich. Als der Superintendent die letzte Zeitung aus der Hand legt und sich im Gastzimmer umsieht, ist er ganz andrer Stimmung. Da sitzen sie, jetzt reden sie nur noch, wenn ein Spiel fertig ist, und dann sprechen sie nur von den Fehlern, die die andern gemacht haben – an ihn denken sie gar nicht mehr. Aber er möchte jetzt, daß sie an ihn denken, eine Anspielung machen. Sein ursprünglicher Plan, ihnen nur das Reden unmöglich zu machen, ist ganz vergessen. Jetzt möchte er ihnen Bescheid sagen, diesen selbstherrlichen Bauern, diesen Sittenrichtern im Glashaus. Da sitzt Bauer Behn mit dem noch immer schwarzen, krausen Haar, siebenundfünfzig ist er, und in den letzten zehn Jahren haben drei Mägde in seinem Haus ein Kind bekommen: Vater unbekannt. Aber Marder kann mit dem Finger auf den Vater zeigen, wenn er mag. Er sieht ihn ja an!

Reese, noch einen Grog und stärker.

Der da so laut krakehlt, ist der Kaufmann Stavenhagen, was schreit der? Weiß der Superintendent etwa nicht, daß der fette, rosige Mann einen heimlichen Schnapsausschank hinter seinem Laden hat? Doch, das weiß er, und er weiß noch mehr. Er weiß, daß jetzt zur Stunde vielleicht die Frau dort mit irgendwelchen Bürschlein Liköre trinkt. Er braucht nicht durch die Fenster zu sehen, er kann durch die Wände schauen! Zuhälter der eigenen Frau, wahrhaftig, aber ihm einen Bock vorwerfen, einen lächerlichen Zufall, seinen Ruf zerreden, zerwalken, daß er schließlich mit dem Konsistorium Schwierigkeiten hat, das können die.

Nicht ein Wort von euch –!

Kein schlechter Trank, nein, gewiß nicht, dies tut gut, es stärkt noch die Stärke, es macht angriffslustig. Der betrübt Aussehende da, der Lange, Bleiche, mit der weißen, höckrigen Schnüffelnase, das ist Finnig aus Fabiansruh, Pensionär nennt er sich – oh, du trauriger Wucherer, du. Umherschnüffeln tust du mit deiner Höckernase, im Winter ausschnüffeln, wo kein Geld ist bei den Bauern, und ihnen Geld anbieten, das Geld direkt ins Haus zwängen und drängen und dafür die ganze Ernte des nächsten Jahres kaufen, für – ach, man mag es nicht sagen, welches Schandgeld! Einen Ziegenbock hört ihr meckern auf der ganzen Insel, aber eure eigene Schande hört ihr nicht schreien zum Himmel! Ein guter Satz für die Predigt am nächsten Sonntag, wahrhaftig – worüber wollte er doch predigen? Er erinnert sich nicht mehr genau, aber er würde gut hineinpassen, das würde er.

Der rasche, wieselige Superintendent ist plötzlich ein breiter, schwerer Mann geworden, ein Kämpfer, er steht langsam auf und geht durch das Lokal. Auf den Flur. Wenn er nur wüßte, wo hier die Toiletten sind. Er weiß bloß, daß sich sonst die Gäste auf den Marktplatz stellen; wenn er beim Mondschein nachts ans Fenster der Superintendantur trat, hatte er oft den ganzen kläglichen Aufmarsch vor Augen. Auch eine Schande, wieder eine Schande ... Er steht zögernd auf dem Gang, er könnte schnell einmal zu sich hinüber, aber man läuft nicht als Geistlicher nachts aus und ein in dem Gasthaus. Zögernd geht er nach hinten, den schlecht beleuchteten Gang hinunter. An seinem Ende, hinter einer Klapptür, ist ein ganzes Durcheinander von verschiedenen Türen. Alle fast dunkel. Eine Treppe führt da auch nach oben ...

Er steht so da. Es ist still im Haus. Nur manchmal hört er den auftrumpfenden Knöchelschlag eines Skatspielers auf dem Holztisch. Er öffnet aufs Geratewohl die nächste Tür und sieht in eine spärlich beleuchtete, düstere, verräucherte Küche. Am Herd sitzt ein junger Mensch mit langen, blonden Haaren. Er hat ein Mädchen auf dem Schoß, dessen Kopf er weit zurückgebogen hat. Er küßt sie, sie küßt ihn. Der Geistliche hört das Geräusch des Küssens. Er will sich lautlos zurückziehen, da hat das Mädchen ihn gesehen, es stößt einen leisen, hellen Schrei aus und fährt hoch. Der Bursche schaut auch nach der Tür, in seinem Gesicht liegt ein Ausdruck aus Wut und Ertapptheit.

Entschuldigen Sie, sagt der Superintendent, wo sind hier die Toiletten?

Über die Treppe, sagt der Hausdiener mürrisch und sieht den Geistlichen böse an.

Der steigt die Treppe hinauf. Plötzlich bleibt er stehen. Plötzlich hört er die Stimmen der Leute in der Gaststube so laut, als säße er zwischen ihnen. Er sucht. Ein matter Lichtschein liegt auf seinem Beinkleid, er bückt sich, da ist eine Lüftungsklappe von der Gaststube nach der Treppe und diese Klappe steht offen. Er hört Stimmengewirr ...

Ziegenbock, sagt einer und ein brüllendes Gelächter platzt los.

Er richtet sich steil auf, nein, er will nicht lauschen, das ist unter seiner Würde, und er steigt rasch die letzten Stufen der Treppe empor.

Oben liegt ein langer Gang vor ihm. Türen, Türen. Zehn oder zwölf. Die Gast- und Privatzimmer des ›Schwedischen Hofs‹. Er geht leise über den grellfarbenen Kokosläufer und blinzelt nach den Türnummern. Hinter einer Tür hört er reden, das ist die Stimme des Wirts, und das ist die weinerliche Stimme der Wirtin. Aber jetzt weint sie wirklich. Reese sagt heftig und böse etwas, und nun ruft die Frau schluchzend: O Gott, ich halte das nicht mehr aus! Was soll denn bloß in aller Welt werden mit mir ...

Der Superintendent geht hastig den Gang zu Ende. Seine Stimmung hat sich in den letzten Minuten wieder ganz verändert, nichts mehr von Kampflust, nur Düsternis, Mißmut, ja etwas wie Verzweiflung.

Keine Tür deutet auf das hin, was er sucht. Wieder geht er den Gang zurück. Er geht an der Tür vorüber, dreht um, als käme er eben erst von unten, und ruft laut: Herr Reese, bitte! Herr Reese!

Der Kopf des Wirtes fährt wild aus der Tür – und sein Gesicht glättet sich sofort, als er den Geistlichen sieht: Bitte, Herr Superintendent?

Wo sind denn hier die Toiletten, Herr Reese?

Auf dem Hof, Herr Superintendent, auf dem Hof!

Der Superintendent steht einen Augenblick schweigend. Er versteht den Hausdiener nicht – ist denn alle Welt heute böse? Dann sagt er: Bitte, zeigen Sie mir den Weg.

Aber gewiß doch, Herr Superintendent, sofort. Hier, bitte, ja. So weit wie in der Superintendantur sind wir noch nicht, einfach auf dem Hof, keine Wasserspülung.

Was macht denn eigentlich Ihre Frau?

Oh, danke der Nachfrage, Herr Superintendent. Alles in Ordnung, alles munter.

Wollte sie sich nicht operieren lassen? Ich habe mal so was gehört.

Ach, die kleine Sache – ja, Herr Superintendent, das ist nun so bei uns: im Winter blüht den Gastwirten ihr Weizen, da kann die Frau nicht fort. Aber vielleicht im Sommer, wenn dann noch Geld da ist. Er lacht herzhaft.

Warten Sie nur nicht zu lange, Herr Reese.

Ach, diese kleine Sache! Doktor Westfahl übertreibt ja immer. Nun, das kann man ihm nicht übelnehmen, Trommeln gehört zum Handwerk. Und der dicke Reese lacht. Aber sein Seelsorger ist hartnäckig: Haben die Leute nicht von Krebs geredet, Reese?

Krebs! Wenn ich das nur höre. Wie die Leute so was verantworten mögen. Eine ganz kleine Geschichte. Frauen stellen sich ja auch immer an. Übrigens ... Er stockt.

Aber, fängt der Superintendent an.

Übrigens, sagt Reese böse, wissen Sie ja selbst, Herr Superintendent, wie es ist, Herr Superintendent, Ihnen ist ja auch die Frau gestorben, und Sie haben immer gesagt, es ist nur ein bißchen Husten.

›Auch‹, denkt der Superintendent und hört die jammervolle Stimme oben wieder. Jetzt gehe ich wieder rein, sagt er.

Ja, es ist noch immer frisch, bestätigt der Gastwirt. Noch einen Grog, Herr Superintendent?

Sie können mir, sagt der Superintendent langsam. Sie können mir erst einen großen Kognak geben, und dann einen Grog.

Schön, Herr Superintendent. Ja, es ist frisch. Der Vollmond bringt uns neue Kälte ...

In der Gaststube ist ein neuer Kunde eingetroffen: der Nachtwächter Marsiske steht da in seinem langen, grauen, dutzendfach geflickten Mantel, das Tutehorn an einem Lederband um, das dicke Gesicht mit der knolligen Nase frostgerötet, an einem geknoteten Bindfaden seinen Schäferspitz mit den hellen, klugen Augen. Er hat aufgeregt etwas erzählt, aber er ist schon gewarnt. Im Augenblick, da die Tür geht, schnappt er ab und sagt dann langsam: Ja, an der Post sind's wieder zwei Grad.

Der Roggen wird noch auswintern.

Vor allem der Weizen.

Guten Abend, Marsiske, sagt der Geistliche, geht langsam durch das Gastzimmer und stellt sich an den Ofen. Nun, was haben Sie eben erzählt, als ich hereinkam?

Der Nachtwächter sieht seinen Seelsorger verlegen an: Ich? Gewiß nichts, Herr Super. Wir haben von der Kälte gesprochen.

Bitte, Ihr Kognak, sagt Reese. Der Grog kommt auch gleich.

Und was haben Sie von der Kälte erzählt? beharrt der Geistliche, nachdem er seinen Kognak mit einem Schluck hintergegossen hat. Aber nichts, sagt Marsiske beteuernd, gar nichts! Wir sind eben erst rein. Nicht wahr, Polli?

Der Spitz sieht hoch mit seinen wachen Augen zu dem Mann und wedelt langsam mit der buschigen Rute.

Einen Augenblick ist Stille. Also du reizt, sagt Kaufmann Lindemann zu Kaufmann Stavenhagen.

Du kannst es ihm ja ruhig sagen, meint der schwarze Behn langsam zum Nachtwächter und deutet mit dem Kopf zum Geistlichen. Das ist nämlich wieder mal so weit, sagt er selber langsam und deutlich, Herr Superintendent, daß es wieder spöken soll auf Ihrem Kirchhof.

Der Superintendent trinkt seinen Grog aus, auch den trinkt er auf einen Zug ganz aus. Er ist böse und erleichtert. Reese, noch einen Kognak, sagt er. Wissen Sie, Marsiske, daß Sie noch immer diese alten Albernheiten aufwärmen mögen, vom Kapitän Schlung, der sich aufgehängt hat und keine Ruhe findet. Und daß Sie so was weitertragen mögen, Herr Behn. Daß hier große, erwachsene Männer sitzen und hören sich so etwas an, nun, ich für meine Person finde so etwas einfach kindisch.

Er trinkt schon wieder und macht eine Kopfbewegung zum Gastwirt, der ihm das Glas neu füllt. Der Nachtwächter sieht ziemlich betreten aus. Aber unerschüttert läßt sich Behn mit seiner langsam knarrenden Stimme vernehmen: Es ist diesmal aber nicht Kapitän Schlung, Herr Superintendent, es ist diesmal ...

Alle Gesichter haben sich dem Superintendenten zugewendet und starren ihn erwartungsvoll und schadenfroh an.

Es ist Ihr Bock, Herr Superintendent. Diesmal hat sich Ihr Bock auf dem Kirchhof gezeigt.

Der Geistliche macht eine wütende Bewegung, will etwas sagen, besinnt sich und trinkt aus. Sein Glas wird sofort wieder gefüllt. Und das kann man ja wohl verstehen, knarrt Behn unerträglich langsam weiter, wo das Untier doch das heilige Gotteshaus geschändet hat. Daß es da keine Ruhe findet und umgeht an der Stätte seines Verbrechens, das kann ja auch ein dummer Bauer verstehen, Herr Superintendent, sagt Behn.

Das ist nun schon die reine Ironie, und es ist eine rechte Qual, diesen Heiden Behn, der sicher seit seiner Trauung nie wieder in der Kirche gewesen ist, vom heiligen Gotteshaus reden zu hören. Marder ist ganz kochende Wut, jetzt wird er es ihnen geben, in ihre schadenfroh grinsenden Gesichter hinein, jetzt aber ...!

Zu seiner Überraschung tut er etwas ganz anderes. Er dreht das Gesicht von all den Leuten weg, er ruft zu Reese: Noch einen und zahlen! Er trinkt hastig, fragt ungeduldig: Wieviel? Was, sechs Mark dreißig?! Na ja, schön, gut. Guten Abend, meine Herren. Für Ihre Albernheiten habe ich wenig Sinn.

Dabei ist er sich klar dessen bewußt, daß er das Gegenteil von dem tut, was er vorhatte. Daß er ganz entgegen seinen Plänen in dem Augenblick fortgeht, wo sie über ihn zu reden anfangen. Aber er geht, geht über den Marktplatz und zuckt nur verächtlich mit der Achsel, als er ein schallendes Gelächter aus der Wirtschaft hört.

Es ist der Alkohol bei mir, sagt er sich, aber ich bin noch ganz klar. Ich kann auch noch sehr gut gehen, trotzdem es wieder übergefroren hat.

Er freut sich, daß er das gemerkt hat, daß es übergefroren hat. Er ist also noch ganz in Ordnung. Jetzt gehe ich noch über den Kirchhof, und dann lege ich mich ins Bett. Lächerliche Geschichten. Erstens ist der Bock noch gar nicht geschlachtet und zweitens habe ich ihn um den Finkenhaken herumfahren sehen.

Er geht auf den Kirchhof. Dort ist es im Mondlicht geisterhaft bleich, wie es ja auch gar nicht anders sein kann. Die schön polierten schwarzen und grünen Grabsteine haben weiße Hauben, und auch in die eingemeißelte Schrift hat sich Schnee gesetzt. Der Superintendent ist wieder einem Gedanken für seine nächste Predigt auf der Spur, der diesem Schnee, der Grabschriften verwischt, gerecht würde. Aber er kommt davon ab, als er entdeckt, daß die schöne Fliederhecke an der Kirchhofsmauer noch immer ihre vertrockneten Blütendolden aus dem vergangenen Frühjahr trägt. Dieser Mensch, dieser Wollenzien, hundertmal hat er es ihm gesagt, und nun ist es doch immer noch nicht geschehen! Aber dann kam der Superintendent auch davon wieder ab, er stolperte nämlich, und als er sich wütend umdrehte und nach dem Gegenstand ausschaute, über den er gestolpert war, wurden seine Beine plötzlich ganz weich. Sie fingen an zu zittern – und Superintendent Marder setzte sich sanft auf den Kirchensteig. Ganz sanft. Nein, er hatte sich nichts getan. Da saß er nun und starrte ärgerlich auf seine Beine, die ihn so schmählich und verräterisch im Stich gelassen hatten. In den ersten Minuten übersah er das neue Erlebnis noch nicht in seiner vollen Tragweite. Er saß nicht schlecht, er wollte sich nur einmal besinnen und dann wollte er schleunigst nach Haus gehen und sich ins Bett legen.

Aber ein wenn auch nur leicht übergefrorener Boden ist zu kühl für längeres Sitzen. Marder wollte hoch. Er sah rasch um sich. Es war alles totenstill und einsam. Kein Mensch beobachtete ihn. Er stützte sich auf beide Hände und wollte hoch, etwa wie eine Kuh, die auch mit dem Hinterteil zuerst aufsteht. Es ging nicht. Die Beine versagten ihm, er setzte sich wieder. Es ging und ging nicht. Zornig starrte er auf seine Beine. Er holte langsam mit der Faust aus und traf zielbewußt erst das eine, dann das andere. Es war, wie er befürchtet hatte: er fühlte nichts! Von oben gerechnet, war bis zum Gesäß Leben in ihm, aber von da an war alles tot, abgestorben, wie einfach nicht da.

Er starrte diese Beine an, da lagen sie im Mondlicht klar und deutlich vor ihm, in den derben Schuhen, den schwarzen, etwas beutligen Hosen. Über den Schuhrand sah ein Wulst der grau gestrickten Wollstrümpfe. Sie waren da, aber sie waren nicht da. Es war wie verhext! Nein, es war gar nicht verhext. Alles war ganz klar, es war der Alkohol. Plötzlich mußte er an seinen so schrecklich gestorbenen Bruder denken. Er merkte, daß der den ganzen Abend in ihm gewesen war und gespenstert hatte. Wahrhaftig, er hätte doch Bescheid wissen sollen, er hätte doch wissen sollen, daß für die Marders wenigstens Alkohol das reine Gift war! Und er ging hin mit seinen siebenundfünfzig Jahren und soff sich wie der dümmste grüne Bengel einen an, bloß um bei den Bauern etwas zu gelten!

Schreckliche Worte gespensterten in ihm: halbseitige Lähmung, ganzseitige Lähmung, motorische Störungen ... Er malte es sich aus, wie er heute nacht oder gar erst morgen früh am hellen lichten Tage hier gefunden werden würde, wie man ihn ins Haus tragen würde, dem ersten besten Säufer gleich, der zuviel gekippt hatte – und er hatte zuviel gekippt! Wie die Leute sich die Mäuler zerreißen würden. Wie das Konsistorium untersuchen würde!

Er schauderte, und dann gab er sich mit aller Willenskraft einen Ruck ... nichts, er fällt zurück, willenlos, wie ein Baby, das noch nicht laufen kann, das kriechen muß.

Das Wort kriechen gab ihm einen neuen Gedanken ein. Es war nicht weit zur Superintendantur, keine hundertzwanzig Schritte, durch die blattlose Fliederhecke konnte er die Hausmauer wie ein schwarzes, drohendes Untier sehen. Kriechen, jawohl, man konnte vielleicht hinkriechen. Aber es ging doch nicht. Das tat er nicht. Dagegen wehrte sich alles in ihm. Kriechen, wegen eines lächerlichen Bockes, er hatte zu Haus eine ganze Bibliothek mit über tausend Bänden, Geist der Besten der Nation, und hier kriechen!? Lieber saß er, bis er erfror. Er spürte schon, wie die Eiseskälte vorrückte, ihn zu schütteln anfing – er entwarf eine Todesanzeige, tief betrauert – von wem eigentlich tief betrauert? – ein Opfer seines Berufs, auf dem Weg zu einem Sterbenden ausgeglitten, erfroren.

Lieber Marder, alles Unsinn, hirnverbrannter, unsinniger Unsinn! Wenn er wenigstens bis zu jenem Kreuz käme. Er war überzeugt, er konnte sich an diesem gußeisernen Kreuz hochziehen, und einmal aufrecht, würde es schon gehen. Er mußte bis dahin kriechen. Kriechen? Nein! Nein! Ach, nur diese fünf Schritt, keiner würde es sehen, er selbst würde eine solche Kleinigkeit in ein paar Tagen vergessen haben ... Man mußte es sich überlegen ... Wenn er wenigstens einen Schnaps hier gehabt hätte, ein Schnaps würde ihn schon auf die Beine bringen ... Da, wieder der Versucher, war er noch immer nicht kuriert? Er schlug wütend auf seine Beine.

Es schmerzte, wirklich, es schmerzte. Und langsam und vorsichtig, sich anhaltend, sich stützend auf dem Boden, richtete er sich Zentimeter um Zentimeter auf. Wirklich – er stand! Er sah langsam mit einem törichten Lächeln um sich. Die Welt sah sehr verschieden aus, wenn man saß und wenn man stand. Er hatte noch nie auf seinem Friedhofe gesessen. Dieses gußeiserne Kreuz da, kaum einen Meter hoch – vor drei Minuten hatte er sich danach gesehnt! Er hätte nie gedacht, was ein Mann in seinem Alter noch für Dinge erleben konnte! Dieses gußeiserne Kreuz von dem alten Voßwinkel, richtig das Kreuz von dem alten Voßwinkel! Es imitierte ein Eisernes Kreuz. Voßwinkel hatte bei Mars-la-Tour mitgekämpft. Er wußte alles. Noch war nichts verloren. Es war eine Warnung gewesen.

Und während er dies alles dachte, war er Schritt für Schritt vorwärts gekommen, hatte die kleine eiserne Friedhofspforte aufgestoßen, rostknirschend war sie hinter ihm zugefallen. Nun ging er schon, immer langsam und behutsam, über den Kies des eigenen Gartens, um das dunkle Haus herum, das eben noch so unerreichbar weit weg gewesen war. Er tastete, sich sorgsam an der Wand haltend, die etwas vereisten Stufen zu seiner Haustür empor. Er drückte die Tür auf, die nur angelehnt gewesen war – gottlob, nun stand er in seinem Haus, seiner Halle. Es war noch einmal gnädig abgegangen. Wenn ihm hier etwas geschah, konnte er seine Haushälterin, Frau Witte, rufen, und die Witte sprach nie ein Wort zuviel. Aber besser immerhin, auch sie erfuhr nichts.

Vorsichtig ging er nun im Dunkeln die wohlbekannte, breite Treppe hinauf, hielt sich immer gut am Geländer fest, kam in den ersten Stock, wo sein Schlafzimmer lag. Er ging sachte über den teppichbelegten Flur, flüchtig mußte er an den schreiend bunten Kokosläufer im ›Schwedischen Hof‹ denken und an die verzweifelte Stimme von Frau Reese: O Gott, und was soll aus mir werden? Er drückte auf die Klinke zu seinem Studierzimmer und blieb, wieder ganz schwach in seinen Knien, stehen. Wie vom Donner gerührt! Ein schwaches Meck tönte ihm entgegen. Eine Sekunde stand er entschlußlos im Dunkeln. Dann riß er sich zusammen, er durfte seinen Ohren nicht trauen, er mußte alle Sinne zu Hilfe nehmen, und er drehte das Licht an. Da – es hatte ihn also doch gefaßt! Er hatte Halluzinationen wie sein verstorbener Bruder! Auf seinem Schreibtisch, zwischen Papieren, Tinte, Kalender, lag der Bock Phryne, den er heute morgen um den Finkenhaken hatte fahren sehen. Lag da, blinzelte ihn mit seinen frechen, hellen Augen an und sagte: Meck.

Und sehr rasch: Meckermeckermeck.

Der Superintendent Marder stand eine lange, lange Weile bewegungslos. Er hätte nie sagen können, was er in diesen Sekunden oder Minuten gedacht hatte. Dann aber ging er mit ganz raschen, leisen und leichten Schritten an den Schreibtisch, direkt in die Nähe dieses verruchten Bockes, griff ohne Zögern nach dem großen Tintenfaß, aus dem er seine Predigten bestritt, und schleuderte das Faß wie sein großer Vorgänger Martinus Luther aus allernächster Nähe gegen den Kopf des Teufels.

Das Faß zersplitterte, eine blauschwarze Welle ergoß sich über den Kopf und färbte ihn, der Bock stieß ein jammerndes Gemecker aus und jagte aus dem Zimmer, den Gang, die Treppe hinunter. Unten klirrte eine Fensterscheibe, das Gemecker wurde ferner und ferner und verlor sich. Aber auf des Geistlichen Gesicht lag ein stolzes Lächeln. Er sagte: So! und ging, ohne die Verwüstung auch nur mit einem Blick zu beachten, schnurstracks ins Bett.

Und was war mit dem Bock? fragte Christiane.

Johannes Gäntschow hat der Christiane Fidde natürlich nicht ganz die eben berichtete Geschichte erzählt. Er hat sie erzählt, wie er sie von seinem Vater gehört hatte, von einem Pferdeknecht, dem Bauern Behn, und dem feigen Nachtwächter Marsiske, der den Superintendenten als Gespenst auf dem Kirchhof gesehen – nach zehn verschiedenen Quellen hatte er sie erzählt. Sicher wurde seine Fassung dem Superintendenten Marder, der sich doch immerhin als ein unbekümmerter und mutiger Mann gezeigt hatte, nicht ganz gerecht. Sonst hätte Christiane am Ende nicht fragen können: Und was war mit dem Bock?

O Gott, der Bock, sagte Johannes Gäntschow verächtlich, der war den Blücher-Leuten natürlich beim Anlegen auf Camminer Fähre ausgerissen und schön sutje nach Hause gezuckelt. Er hat sich noch vier, fünf Wochen, schrecklich anzusehen, auf der Insel herumgetrieben und alle Frauen in Grauen verjagt. Auf die Superintendantur ist er aber nie wieder gekommen. Das Tintenfaß hat ihn zu böse gemacht. Schließlich hat ihn deines Vaters Förster erschossen.

Und so was ist nun Pfarrer, sagte dann Johannes Gäntschow und kam damit auf den Anlaß seiner Erzählung zurück. Und ist und bleibt es sein ganzes Leben. Und bekommt einen Haufen Geld dafür –

Sagst du das, fragte Christiane schnell, wegen des Pfarrers oder wegen des Geldes?

Auch wegen des Geldes, sagte er trotzig, gerade wegen des Geldes.

Ich glaube, du weißt gar nicht, was Geld ist, sagte sie nachdenklich.

Weißt du es denn? fragte er rasch dagegen. Ich glaube, du weißt es gar nicht.

Jawohl, wenn sie sich auch nähergekommen waren durch jene Tränen, nahe waren sie einander nicht. Der Christiane schien es immer, als wehre sich Gäntschow gegen sie, als sei er von einem stummen, zornigen Widerstand besessen, endgültig nachzugeben, Freundschaft zu schließen, Vertrauen zu haben. Vielleicht lag es daran, daß sie in einem Schloß wohnte, reine, neue Kleider trug, weil sie ›reich‹ war und er arm. Aber vielleicht lag es auch an etwas ganz anderm. Daß er nämlich überhaupt nicht vertrauen wollte. Keines Freund sein, für sich allein sein. Der Papa hatte gut reden und über die wilden Urzeittiere, die Gäntschows, spotten. So einfach war es nicht. Und sie versuchte es auf viele Weisen.

Es fiel immer weiter Schnee. Dazwischen fror es stark. Es war die herrlichste Schlittenbahn seit vielen Jahren, man fuhr auf Watte durch schweigendes Land. Willst du nicht wieder mal mit im Schlitten fahren?

Er schüttelte bloß den Kopf, und sein Gesicht bekam jenen verbissenen Ausdruck, der so gut zu den schmalen Lippen, dem starken Kinn und den großen Augen paßte.

Ich laß meinen Einspännerschlitten anspannen, schicke den Eli fort, und wir fahren selbst.

Einen Augenblick leuchteten seine Augen auf, aber das Licht erlosch sofort wieder. Nein, sagte er.

Aber warum denn nicht? Du mußt mir doch wenigstens einen Grund sagen können.

Er überlegte einen Augenblick. Weil ich keinen Schlitten habe, in den ich dich einladen kann, sagte er mürrisch.

Du siehst, Christa, erklärte der Graf, die Welt zugeschnitten nach dem Maße des Gäntschowschen Bauernhofes. Da ist nichts zu machen. Aber bring ihn doch einmal her, deinen Wildfuchs. Oder wo kann man ihn sich beschauen?

Ach, Papa, sagte Christiane nur.

Trotzdem berichtete sie ihm davon. Du kannst mich gerne besuchen. Papa hat es erlaubt. Du wolltest doch immer gern mal unser Haus sehen – sie vermied das Wort Schloß –.

Nein, sagte er.

Und warum nicht?

Weil du mich auch nicht besuchst.

Sie grübelte ziemlich lange über dieser Antwort, und eines Nachmittags, als Miß Price ihre Migräne hatte und Mademoiselle Tubot Briefe schrieb, stiefelte sie los. Mit einem seltsamen Gefühl der Erleichterung hörte sie das eiserne Parktor hinter sich zufallen. Im Grunde hatte sie gar nichts Besonderes vor. Sie ging zu Besuch auf einen jener Bauernhöfe, wie sie zu Dutzenden im Lande verstreut lagen. Die meisten Menschen auf der Insel wohnten in Bauernhöfen. Es konnte also nichts Besonderes sein. Trotzdem ging sie mit einer eifrigen Freude die Chaussee entlang. Sonst ging sie nie außerhalb des Gutes auf die Straße. Sicher, sie sah mit ihrem Vater die Felder an, gewiß, aber dies war etwas anderes, von einem Ort zum andern zu gehen. Von Ort zu Ort fuhr man auf der Insel. Man, also sie, ihr Vater und sie. Gäntschows fuhren sicher nicht.

Und sie fing wieder an zu grübeln, ob das wirklich sein Grund war, oder ob doch der andere galt, daß er einfach niemanden nah an sich heranlassen wollte.

Es war ein Tag zu Ende Februar, mit schönem Sonnenschein und klarem, wolkenlosem Himmel. Die Sonne ging erst gegen halb sechs unter, sie hatte alle Zeit, zu den Gäntschows zu kommen, eine halbe Stunde dort zu bleiben und war noch bei hellem Tage wieder zu Haus. Wenn sie offen war, war sie auch ein bißchen neugierig, auf seine Eltern, seine Geschwister, aber auch auf den Hof, auf das Haus. Sie kannte nur das Schloß und die Leutehäuser von innen, da war der Abstand ungeheuer groß. Sie dachte sich so etwas wie ein Zwischending zwischen diesen beiden Extremen. Aber vielleicht war auch alles ganz anders, wie sie es nie gesehen hatte.

Der Schnee pappte, es ging sich mühsam. Seit gestern hatte sich der Wind zum ersten Male wieder gedreht, er kam nicht mehr aus Osten, er kam nun aus Südwest. Die Luft war frisch und feucht, eine Vorahnung des Frühlings. Als sie durch das Dorf Pattchow kam, merkte sie, daß die Kinder sie groß ansahen. Eine Frau, die ein ausgewaschenes Butterfaß vor die Tür stellen wollte, hielt bei ihrem Anblick wie toderschrocken inne, dann machte sie einen tiefen Knicks. Christiane nickte ihr zu, sie freute sich, dann wurde sie bedenklich.

Bei den Gäntschows war es gekommen, wie es immer gegen Ausgang des Winters kam, wenn die eigentliche Schlachtezeit vorüber war: Frau Gäntschow hatte plötzlich entdeckt, daß sie viel zu wenig Dauerwurst, Pökelfleisch, Speckseiten für die Leutebeköstigung den Sommer über hatte. Der Bauer hatte geschimpft, noch nicht sechs Wochen war es her, daß er seine Frau gefragt und daß sie nein gesagt hatte, da wäre genug. Nun mußten die beiden fetten Sauen daran, die eigentlich für Hypothekenzinsen hatten verkauft werden sollen.

Am Morgen eines solchen Schlachttages geht es noch immer. Da werden die Schweine gestochen, gebrüht, damit hat die Frau nicht viel zu tun. Aber am Mittag, wenn der Fleischbeschauer da gewesen ist, und die Tiere sind ausgekühlt, fängt der Strom von Schweinefleisch an, sich in das Haus zu ergießen. Neun Zentner Schwein überschwemmen die Küche und alle Stuben. Aus der Küche dringt ununterbrochen der Wrasen des Fleischkessels, ununterbrochen ächzt der Wolf, der das Fleisch für die Dauerwurst zerkleinert, überall stehen Wannen und Tröge mit Fleischstücken, kopflos rennen die Mädchen umher, stellen hier etwas ab, was jetzt die andere schon wieder fortträgt.

Unerschüttert im Tumult waltet der Hausschlächter, gibt knappe oder gar keine Antwort, ein Junge wird ins Dorf gehetzt, weil das Salz nicht reicht, ein Mädchen wird ihm nachgeschickt, um noch zweieinhalb Meter Därme zu holen, runde, glatte, trockene.

Wo ist das Wurstband? schreit Frau Gäntschow verzweifelt. Die ergrauenden Haare hängen ihr wild ins Gesicht, sie steht an der Wurststopfmaschine und hält mit der einen Hand eine eben gestopfte Wurst zu, aus der sofort die Masse wieder herauskommen wird, wenn sie sie losläßt. Wo ist das Wurstband? Eben lag es noch hier. O Gott, kann denn keiner auf den kleinen Willi aufpassen, er fällt ja in die Fleischbalje!

Ab und an taucht der Bauer schweigend im Gewühle auf, schweigend überschaut er die Sachlage, schweigend langt er sich eine Handvoll fertiges Mettgehacktes aus der Wanne, rollt es zwischen beiden Handflächen zu einer Kugel und vertilgt es. Oder er geht mit seinem Taschenmesser an den Fleischkessel.

Ist ja noch nicht gar, du weißt, ich will das nicht.

Der Bauer verschwindet schweigend, ein Stück heißes Fleisch von der einen in die andere Hand wechselnd, aus dem Haus.

Und überall sind die Kinder. Dieser Geruch von Fleisch und Blut und Gewürzen, von frisch zerhauenen Knochen regt sie auf. Das Getriebe, das Geschrei, das Hin und Her regen sie auf. Der Dampf in der Küche regt sie auf. Auch sie stehlen sich rohes Wurstfleisch, kosten von allem, das Kleinste wird gefunden mit einem Stück Fleisch im Munde, an dem es fast erstickt. Und überallhin dringt das Fett; Tische, Kleider, Hände, jedes Gerät, jeden Türgriff überzieht es mit seiner trägen Masse. Es hinterläßt seine Spur in den flüchtig aufgeblätterten und rasch wieder zugeschlagenen Schulbüchern der Kinder. Es klebt in Fünffingerspuren an den Fenstern. Es bedeckt die Tischplatte mit einer schmierigen Masse.

Und dann die Hunde. Sie sind wie toll. Trotzdem sie sich am Geschlinge dick und duhn fressen können, dringen sie immer wieder in das Haus ein. Für einen hinausgeworfenen kommen drei neue. Sie stehlen, schnuppern, sind plötzlich bösartig, verrückt vom Blutdunst, mit bösen, funkelnden Augen.

Plötzlich jaulen sie alle auf, fangen an zu blaffen, wütend zu bellen und jagen hinaus auf den Hof, um die Scheune herum und sind weg. Man hört ihr Gebell aus der Ferne, hinter der Scheune. Gott sei Dank, atmen alle auf.

Die Hunde bellen sehr lange, bis ein Knecht ins Haus kommt und dort in die Küche ruft: Hannes, deine Gräfin ist da!

Hannes, der Fleisch in Stücke schnitt, mit einer blauen, fettigen Schürze, sieht hoch. Seine Brauen ziehen sich zusammen. Eine senkrechte Falte steht auf seiner Stirn. Wer? fragt er.

Deine Gräfin, sagt der Knecht. Mach schnell, sonst fressen sie die Hunde auf.

O Gott, fängt die Mutter an zu jammern, und gerade heute am Schlachtfest! Verdammter Bengel, kannst du einem so etwas nicht sagen?! Rieke, Erna, sofort in Herrn Gäntschows Zimmer, sauber machen, der Boden muß geschrubbt werden. Frau Schön, seien Sie so gut, putzen Sie ein bißchen die Fenster. Aber warte, Hannes, dir will ich das besorgen. Mitten im Schlachten!

Laß man, Mutter, sagt Hannes, ich krieg den Schiet schon klar. Und er schiebt sich langsam gegen die Küchentür.

O Gott, nun geht er auch noch mit der blauen Schürze. Lauft ihm doch nach, nehmt ihm wenigstens die Schürze ab, Erna! O Gott, meine Wurst! –

Christiane stand im Winkel hinter der Scheune, im Rücken die Hofmauer, hart bedrängt von der Meute. Aber trotzdem sie keinen Stock in den Händen hatte, wurde sie gut mit dem Gesindel fertig. Besser als jeder Briefträger. Ihre Wangen waren rot, ihre Augen blitzten. Willst du weg da, schrie sie mit ihrer hellen Stimme. Kusch dich!

Sie trat mit dem Absatz nach dem Hund, traf ihn, jaulend verkroch er sich hinter den andern.

Was für Köter, Hannes, sagte sie aufgeregt. Wie die Wölfe! Aber ich werde schon fertig mit ihnen. Willst du fort, du freches Biest. Das glaube ich, schnappen ...

Johannes pfiff gellend, er schrie: Marsch, marsch, weg, wollt ihr! Pux, zurück! Willst du wohl, Sussi!

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