Kitabı oku: «Flüchtige Verstrickungen»
Hans Hohlbein
Flüchtige Verstrickungen
Roman
Für Christian
1.Auflage
Taschenbuchausgabe Dezember 2012
Pubslihed by: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de (epubli Verlagsgruppe Holtzbrinck)
Copyright © der Originalausgabe 2012 by Hans Hohlbein, www.gramenzhohlbein@76x.de
Umschlaggestaltung: foto&art Hans Windeck
Umschlagfoto: Matthias Hoffmann, www.mauerfotos.de
Druck und Einband: (epubli GmbH)
Printed in Germany
1
„Chris, ich muss dir etwas Wichtiges anvertrauen!“ Vorsichtig vergewisserte ich mich, dass uns keiner zusah, während sich meine zur Faust geballte Rechte ganz unauffällig meinem Freund Christian näherte. In der fest geschlossenen Hand befanden sich zwei kleine Sicherheitsschlüssel, die ich ihm heimlich, als wären es die Tresorschlüssel für einen Banksafe, hier in unserem Stammcafe übergeben wollte. Seinem fragenden Gesichtsausdruck war anzusehen, dass er nicht ahnen konnte, was jetzt über dem Tisch auf ihn zukam, denn meine im Flüsterton vorgetragene Offenbarung klang weit weniger überzeugend, als der feste Entschluss, mein Leben schon am morgigen Tag entscheidend verändern zu wollen.
Ging mein Plan schief würde es mich Kopf und Kragen kosten. In vielen schlaflosen Nächten hatte ich mit mir gerungen, und das Für und Wider dieser mein ganzes Leben gefährdenden Entscheidung abgewogen:
Mit wem konnte ich über dieses gefährliche Vorhaben reden? Und vor allem, wem konnte ich grenzenlos vertrauen? Lange hatte ich mir den Kopf darüber zerbrochen und erst nach reiflicher Überlegung war die Entscheidung auf meinen Freund Christian gefallen. Hier in der vertrauten Umgebung des Lindencafes wollte ich meinem besten Freund ein Geheimnis anvertrauen, dass unter keinen Umständen jemals die Außenwelt erreichen durfte. Er war der Einzige, der von meinem Wagnis erfahren durfte, denn uns beide verband weitaus mehr als bloße Freundschaft. Unser enges Verhältnis basierte auf Vertrauen und Verlässlichkeit, aus den vielen gemeinsamen Erfahrungen unserer frühen Jahre.
Es war jene wilde Internatszeitzeit im kleinen Havelstädtchen Werder, die wir in all den Höhen und Tiefen jugendlichen Leichtsinns durchlebt hatten. Die Turbulenzen des Rock and Roll Ende der Fünfziger, das Erwachen unserer Sexualität, die Begleiterscheinungen des pubertären Heldentums, die vielen unvermeidlichen Störmanöver unseres Jungseins, all diese tief greifenden Erlebnisse hatten unser freundschaftliches Bündnis für immer besiegelt, uns wie Blutsbrüder für ewig zusammengeschmiedet.
Chris hatte mir in so manch heikler Lebenssituation zur Seite gestanden, allen voran die Auseinandersetzungen mit den lokalen Banden des Städtchens, der jeder von uns durch die ständige Konfrontation mit Werders dominanter Halbstarkenszene ausgesetzt war. Welche Gefahren sich auch immer vor uns auftaten, Chris rettete uns wieder und wieder vor den Attacken gewalttätiger Schläger, indem er ganz einfach die Gitarre nahm und sich schützend vor seine Jungs stellte.
Allein schon die Berührung der Saiten, der erste Anschlag, der Widerhall der Akkorde am alten Gemäuer, seine ganz individuell kraftvolle Interpretation des Rock and Roll, von diesem faszinierendem Spiel ging eine ureigene Magie aus, und im Handumdrehen zähmte Chris jeden der von uns allen gefürchteten Bandenmitglieder.
Damals absolvierten wir beide eine Fotografenlehre, Chris in Treuenbrietzen und ich in Neuruppin, eine verstaubte Zeit im biederen Umfeld der miefigen Fünfziger. Zweimal im Jahr half uns ein vierwöchiges Fachschulstudium diesem Provinzmief für einige Zeit entfliehen zu können. Mit leuchtenden Augen und großen Erwartungen hingen wir aus den Fenstern der alten Dampfbahn, wenn sie schnaufend in den kleinen Bahnhof des verträumten Havelstädtchens einfuhr.
Der Fotografenberuf wie auch die Profession des Medizinisch Technischen Assistenten, in jenen Jahren zählte sie zu den so genannten Splitterberufen, und einzig dieser besondere Status brachte es mit sich, dass diese beiden sehr unterschiedlichen Gruppierungen gemeinsam in einem Haus untergebracht waren.
Die ausnahmslos weiblichen MTA Lehrlinge verteilten sich über beinahe alle Räumlichkeiten des Internates und selbst in unserer Fotoklasse waren die Mädels stets in der Überzahl, so dass das kleine Häufchen angehender Männer mit einem einzigen Zimmer auskommen musste, welches direkt hinter dem Jungenwaschraum gelegen war. Für uns schwachbrüstige Männerbastion bot diese versteckte Quartierslage allerdings eine ideale Vorrausetzung, um Strategien für unsere weiblichen Eroberungsfeldzüge entwerfen zu können. Welch wunderbare Konstellation für pubertierende Helden!
Durch die Höhen und Tiefen vieler gemeinsamer Erlebnisse sind Chris und ich in dieser langen Internatszeit von Jahr zu Jahr enger zusammengerückt, unsere Freundschaft bekam dort ihre entscheidenden Wurzeln. Chris war für mich nicht nur allein ein Freund, musikalisch betrachtet war er sogar Vorbild und Idol zugleich, auch wenn ich letzteres mit vielen Jugendlichen der Havelstadt teilen musste.
Der Rock and Roll war auf dem Vormarsch, eroberte mit Elvis Presley, Peter Kraus und Bill Haley auch einen beachtlich großen Teil des Ostens. Die Gitarre wurde zum dominierenden Musikinstrument, und Chris war auf diesem Instrument ein wahrer König, denn er spielte wie ein junger Gott und wurde damit nicht nur bei unseren Internatsmädchen, sondern allmählich auch bei einem beachtlichen Teil der Jugend in Werder zum Favorit der Herzen. Oft holte man ihn an Wochenenden zu Bühnenauftritten in die Tanzgaststätte Melodie, wo er mit Songs von Peter Kraus und Elvis Presley den Saal regelrecht zum Kochen brachte. Unsere anfänglichen Probleme mit Werders lokaler Halbstarkenszene hat Chris durch schlagende Akkorde mit seiner Nashville nahezu weggefegt. Selbst die härtesten Jungs wurden weich wie Butter, wenn er schluchzend und röhrend den Elvis gab.
In der Anfangszeit hat man unserem Häufchen smarter Fotojungs ständig aufs Neue Prügel angeboten, verständlich, denn schließlich konnten Werders harte Jungs die „Hahn im Korbe“ Situation der Foto Fuzzis aus dem Internat nicht so ohne weiteres kampflos hinnehmen. Aber schon wenig später, als der gewaltige Rockerfolg von Chris mit Nichts mehr aufzuhalten war, kam für uns das große Aufatmen:
Die von uns allen gefürchtete Bande bot uns einen bedingungslosen Waffenstillstand an. Unsere Erleichterung schien auf einmal grenzenlos zu sein. In Röhrenhosen gezwängt und mit zur Ente gekämmtem Haupthaar, mühten wir Jungs uns voller Übermut vor all den Mädchen mit dem gerade in Mode gekommenen Hula Hup ab. Wir schwangen die Reifen um unsere Hüften, die Welt drehte sich, alles um uns schien zu fließen, und wie im Flug vergingen die letzten vier Wochen der Fachschulausbildung.
Der August beendete auch unsere dreijährige Lehrzeit. Internat ade. Nicht enden wollende Abschiedsszenen, heiße Tränen auf brennenden Lippen, Treueschwüre für die Ewigkeit. Unsere Klasse verstreute sich wieder in alle Provinzen der kleinen Republik. Vorbei!
Mit Chris und mir aber sollte es anders weitergehen. Schon bei unserem letzten Aufenthalt in Werder hatte sich uns eine Möglichkeit der beruflichen Veränderung angeboten. Für uns beide die einmalige Gelegenheit, dem Provinzmief für alle Zeit den Rücken zu kehren.
So beschlossen wir im August 1960 unser heimatliches Provinznest gegen die Metropole der ostdeutschen Traumfabrik des Films einzutauschen. Vakant war eine Anstellung bei der DEFA in Babelsberg, der einzigen Filmgesellschaft der DDR. Wir brauchten nicht weiter zu überlegen und stimmten kurz entschlossen dem verlockenden Angebot zu. Endlich schienen sich unsere Träume zu erfüllen und wir packten unsere Koffer für die Abenteuerreise in die Filmstadt.
Für Chris war die Entfernung zum Arbeitsort kurz, er konnte täglich mit dem Zug nach Hause fahren, während ich in Babelsberg saß und für die ersten Nächte erst einmal keine Bleibe hatte. Unter Umgehung einiger Vorschriften fand sich schließlich auch für dieses Problem eine Lösung, die auch wenn sie nicht gerade komfortabel war, auf ungewöhnlichem Wege eine direkte Verbindung zu meinem neuen Arbeitsplatz herstellte:
Es war der letzte Julitag des Jahres 1960 als ich, neugierig auf meine erste unbekannte Unterkunft, weit nach Mitternacht den festlich illuminierten Babelsberger Park verließ. Übervoll mit neuen Eindrücken vom gerade zu Ende gegangenen Sommerfest, schlenderte ich durch den schmiedeeisernen Haupteingang des DEFA Studios, vorbei an den großen Hallen der ostdeutschen Traumfabrik und steuerte, genau wie vom alten Pförtner beschrieben, auf ein kleines Nebengebäude zu, dessen Eingangstür im matten Licht einer alten Laterne vor sich hin dämmerte. Beim näher kommen erkannte ich auf der grau gestrichenen Tür ein rotes Kreuz, welches zweifelsfrei darauf verwies, dass ich im Begriff war, die Krankenstation des Studios aufzusuchen, obwohl ich mich weder über körperliche Gebrechen, noch über Unwohlsein vom Biergenuss im Park beklagen konnte. Zu dieser nächtlichen Stunde hätte ich auch keine ärztliche Hilfe mehr erwarten können, dafür war der neue Tag einfach noch zu jung.
Obwohl der Schlüssel zur Eingangstür zu passen schien, war ich trotzdem ein wenig irritiert, dass mein neues Quartier inmitten dieser medizinischen Einrichtung sein sollte. Ich betrat zögernd den Vorraum, sah mich neugierig um, und blieb auf einmal erstaunt vor einer seltsam anmutenden Tür stehen, die mich noch mehr verunsicherte.
Neben dem Wartezimmer und den ärztlichen Behandlungsräumen konnte die Krankenstation noch einen zusätzlichen Raum vorweisen, auf dessen Tür in schlichten schwarzen Buchstaben Frauenruheraum geschrieben stand. Ich war schon ein wenig verwirrt ob dieser fragwürdigen Konstellation: Sollte hinter dieser Tür wirklich meine neue Herberge auf mich warten?
Vorsichtig schloss ich die Tür auf und erschrak beim Betätigen des Lichtschalters über die grell zuckenden Blitze mehrerer Neonlampen, die den weiß getünchten kleinen Raum mit seiner spartanischen Einrichtung in ein fahles Licht tauchten. Alles was ich in dem Zimmer vorfand, war eine schwarze kunstlederne Liege, ein kleines weißes Metallschränkchen und ein eingestaubter Rohrstuhl, der auch schon einmal bessere Zeiten gesehen hatte.
Solche Ruheräume, die aus einer gewerkschaftlichen Forderung heraus entstanden und ausschließlich den werktätigen Frauen zugedacht waren, räumten gestressten Mitarbeiterinnen im Bedarfsfalle eine kleine Ruhepause ein. Der Begriff „Stress“ war damals allerdings noch ein Unbekannter, und so führten solche Inseln der Ruhe im Allgemeinen auch ein verwaistes Dasein. Und wie ich der Patina auf den Möbeln ablesen konnte, war ich auch der Einzige der dieses Quartier seit längerer Zeit aufsuchte. In dieser totalen Abgeschiedenheit beschlich mich deshalb auch für einen Augenblick das seltsame Gefühl, in einer Klosterzelle gelandet zu sein.
Diesen einengenden Gedanken aber schob ich schnell wieder beiseite, stellte meine Reisetasche auf den leicht eingestaubten Stuhl und begann mit der Vorbereitung meines ungewöhnlichen Nachtlagers. Etwas unbeholfen wuselte ich eine dicke graue Flanelldecke auseinander, entfaltete das ordentlich zusammengelegte weiße Laken, um es auf der Kunstlederfläche der Pritsche ausbreiten zu können. Meiner Reisetasche entnahm ich den von meiner Mutter sorgfältig gebügelten Schlafanzug, und putzte mir anschließend über dem kleinen Waschbecken die Zähne.
Wenig später unternahm ich den mühsamen Versuch auf der knarrenden Liege, unbeholfen mit dem großen Laken kämpfend, in die richtige Schlafstellung zu gelangen. Die schmale Pritsche wollte eine bequeme Seitenlage einfach nicht zulassen, und so gab ich letztlich den sinnlosen Kampf gegen das Betttuch auf, um mich wieder in eine normale Rückenlage fallen zu lassen. Zufrieden war ich auch jetzt noch nicht. So steif auf dem Rücken liegend, die Arme eng an den Körper gelegt, fühlte ich mich eher wie ein auf die OP vorbereiteter Patient, nicht aber wie ein zufriedener Schlafgast in seiner neuen Herberge. Auch wenn es mir äußerst schwer fiel in dieser unbequemen Stellung, und dazu noch in einem Frauenruheraum in den Schlaf zu kommen, war ich gewillt, meiner ersten Nacht optimistisch entgegenzusehen. Irgendwie war es aber trotzdem ein beruhigendes Gefühl festzustellen, wie ganz allmählich ein wohliger Schauer über meinen Körper zog:
Endlich war es soweit, ich hatte es geschafft, befand mich mitten im Herzen der Traumfabrik und sah dem kommenden Morgen meines ersten Arbeitstages schon viel erwartungsvoller entgegen. Nichts konnte mich jetzt mehr davon abbringen, meinen Entschluss rückgängig zu machen, so sicher war ich mir, dem ersehnten Traumziel ein bedeutendes Stück näher gekommen zu sein.
Zufall oder Fügung, das heutige Sommerfest im Park, für mich das erste Erlebnis in meiner neuen Welt, eine Welt die ich fortan erobern wollte, eine unbekannte Welt, eine Welt von der ich überzeugt war, dass sie nach Abenteuer und Freiheit roch. Dieser ungewöhnlich warme Abend, die Luft unter den großen alten Laubbäumen im Babelsberger Park, die sich seidig und frisch zugleich angefühlt hatte, und die mit vielen brennenden Kerzen geschmückte Rasenfläche, auf der sich Jung und Alt vergnügte, all das hatte mich mit Heiterkeit erfüllt.
Hier im Zentrum der großen weiten Welt, weit weg vom heimatlichen Provinzmief, wollte ich mich endlich fallen lassen, konnte eintauchen in diese unbeschwerte, vorwärts strebende Szenerie. Überwältigt von den Impressionen aus Fantasie und Traum, mischte ich mich unter die fröhlichen Leute, ließ mich von ihrer Heiterkeit anstecken, ließ mich einfach treiben, schaukelnd im Strom aus Menschengetümmel, saß zuletzt allein vor mich hinträumend irgendwo am Wegesrand.
Erst weit nach Mitternacht hatte ich das bunte Spiel der Lichter hinter mir gelassen, war zurückgeschlendert, durchschritt das schmiedeeiserne Parktor, steuerte auf das Studio zu und wusste, direkt an diese wundervolle Parkanlage grenzt das riesige Gelände des einzigen Filmbetriebes der DDR, zu dessen Mitarbeiter ich mich ab heute zählen durfte.
Diesen wundervollen ersten Abend im Babelsberger Park hatte ich unendlich ausgedehnt, hatte lange Zeit zwischen all den flackernden Kerzen auf einem Baumstumpf gesessen, und das muntere Treiben der Menschen, eine für mich völlig neue Lebenserfahrung, wie ein Süchtiger in mich aufgesaugt. Später, im Frauenruheraum, beim Einschlafen auf der harten Pritsche, dachte ich noch ein letztes Mal zurück an die Zeit vordem, an die Zeit zwischen Kindheit und Lehre, und erinnerte mich, dass meinem Drang, um jeden Preis in die Traumwelt des Filme Machens eintauchen zu wollen, ein nachhaltiges Schlüsselerlebnis voraus ging:
Zu Beginn meiner Lehrzeit musste ich einmal wöchentlich zur Berufsschule nach Rheinsberg fahren, früh hin und abends zurück. In den fünfziger Jahren eine kleine Weltreise. Ähnlich wie ein Wandersmann stieg ich mit gepacktem Schulranzen und ein wenig Proviant ausgerüstet in die schnaufende Bimmelbahn nach Rheinsberg, um dort für quälende Stunden die Schulbank zu drücken. Nach der Schule, die gewöhnlich gegen vierzehn Uhr beendet war, verblieb mir allerdings noch ein wenig Freizeit, die ich mit Vorliebe im Rheinsberger Schlosspark verbrachte. Unter den alten schattigen Bäumen schmeckte nicht nur das mitgebrachte Pausenbrot besser, auch manch geheimnisvolle Lektüre wurde in dieser lauschigen Umgebung gierig von mir verschlungen.
An einem schönen Tag im Sommer aber, sollte alles ganz anders kommen. Die romantische Stille des Schlossparks wurde plötzlich auf höchst ungewöhnliche Weise von einem Drehstab der DEFA unterbrochen.
Am Ufer des Rheinsberger Sees, in unmittelbarer Nähe des Schlosses, wurden in jenem Sommer Teile des Filmes Mazurka der Liebe unter der Regie von Hans Müller realisiert und als stiller Zaungast konnte ich beobachten, wie es die Filmleute fertig brachten, die Natur belassene Schönheit des Parks für ihre Zwecke künstlich zu verändern. Für diesen Operettenfilm probte man gerade eine im Duett gesungene, längere Liebesarie. Die Szenerie spielte sich in einem Ruderkahn ab, der sanft in der nachmittäglichen Sonne durch das Schilf wogte. Besonders aufmerksam wurde ich allerdings auf die ungewöhnliche Einflussnahme, die das Szenenbild während dieser Proben am vorhandenen Landschaftsbild vornahm:
Um die späte warme Sonnenstimmung in der Szene optisch besonders herauszuarbeiten, hatte der Regisseur angeordnet, das gesamte Schilf im Umkreis von etwa zehn Metern mit Goldbronze einsprühen zulassen.
Von der Umsetzung dieser Idee war ich damals total fasziniert, sah von meinem Beobachterposten aus noch sehr lange dem Verlauf der Dreharbeiten zu, und hatte Mühe den Zug nach Hause nicht zu verpassen, so sehr hatte mich diese ungewöhnliche Art des Filme Machens in seinen Bann gezogen.
Erst am späten Nachmittag trat ich innerlich total aufgewühlt und völlig durcheinander die Heimreise an. Alles in meinem Körper schien zu brennen und verlangte in dem überhitzten Zugabteil nach einer Abkühlung. Ich hielt meinen Kopf aus dem offen Fenster, um ihn ein wenig abzukühlen, vor Allem aber, um wieder klare Gedanken fassen zu können. Mit zusammengekniffenen Augen verfolgte ich, wie sich die träge voranschnaufende Eisenbahn, wie ein Wurm vorwärts windend, durch eine lang gestreckte Kurve quälte. Dabei spuckte die alte Dampflok lange Bänder dünner Rauchfähnchen aus, die im Zugwind flatternd in kurzen Stößen zu mir herübergeschickt wurden. Kräuselnd stauten sie sich für Sekunden vor dem offenen Fenster des Abteils, um sich in winzig grauen Fetzen Einlass in das Wageninnere zu verschaffen. Der Rauch begann auf meinen Augen zu brennen, so dass ich mich ganz schnell wieder vom Fenster zurückzog und in die hölzerne Sitzbank des Abteils fallen ließ.
Trotz des beißenden Qualms war mein Kopf jetzt ein wenig klarer geworden. Zufrieden mit mir selbst streckte ich die Beine weit von mir, lehnte mich ganz entspannt in die sanfte Ausbuchtung der Holzbank und ließ die aufregenden Erlebnisse des Tages noch einmal auf mich einwirken.
Im schläfrigen Fokus meiner müden Augen nichts als das fliehende Band der gemächlich an mir vorbeiziehenden Versatzstücke des abendlichen Waldes. Über seinen Wipfeln die tief stehende Abendsonne, wie ein kleiner rötlich leuchtender Ball von Ast zu Ast hüpfend. In ihren Augenwinkeln glaubte ich ein freundliches Zwinkern wahrzunehmen, als wolle sie mir sagen; „Gehe deinen Weg, und gehe ihn unbeirrt!“ Von diesem Moment an war ich fest entschlossen, alles für einen Einstieg in die phantastische Welt des Films zu tun, koste es was es wolle.
Dass ich es nun, knapp drei Jahre später, gemeinsam mit meinem Freund Chris wirklich geschafft hatte beim Film zu landen, erfüllte mich mit einem Gefühl von Stolz und Zufriedenheit, machte mich einfach nur glücklich. Vor uns beiden tat sich jetzt eine fantastische neue Welt auf. Eine Welt voller Abenteuer und Träume, Abenteuer die geradezu darauf warteten, von uns erobert zu werden. Die Atmosphäre eines Filmstudios, das Flair des Filme Machens, für uns hatte es etwas ungeheuer Kribbelndes, mehr noch, jetzt umwehte uns der Hauch der großen weiten Welt. Und atemlos tauchten wir ein, voller Leidenschaft, nahmen gerne diese Herausforderung an, genossen mit allen Sinnen dieses für uns ungeheuer neue, einmalige Lebensgefühl.
Erfolge kamen, wechselten mit Niederlagen. Als endlich die Erfolge die Niederlagen überholten, lag bereits die erste Etappe unserer gemeinsamen Karriere hinter uns. Mit neuem Arbeitsvertrag und fünfzig Mark mehr Gehalt in der Tasche waren wir unserem Ziel schon ein beachtliches Stück näher gekommen, auch wenn dieser erste Karriereabschnitt über ein gutes Jahr gedauert hatte.
Wieder war es Sommer. Unser gemeinsamer Erfolg sollte nun auch in einem gemeinsamen Urlaub seine Erfüllung finden. Und so beschlossen wir an die Ostsee zu fahren, um in neue Abenteuer zwischen Sonne, Strand und Meer einzutauchen. Wir waren uns sicher, hatten nicht die geringsten Zweifel:
Alle Mädchen würden uns zu Füßen liegen! Zwei junge erfolgreiche Männer, das musste man uns einfach ansehen! Und in dieser Überzeugung packten wir eilig unsere Reisetaschen. Im Schnellzug nach Stralsund schwebten wir hoffnungsvoll dem unbekannten Abenteuer mit neuem Glücksgefühl entgegen. Unsere Träume eilten uns voraus, zu braunen Körpern im weißen Ostseesand.
Mit der Kleinbahn bummelten wir weiter, dampften gemächlich über die Insel Usedom bis in das kleine Fischerdörfchen Ückeritz und fanden auch sofort eine Unterkunft, die sich in einer kleinen Schilf gedeckten Kate befand. Das kleine Häuschen, im Inneren eines großen Hofes gelegen, war eher ein Nebengelass, und nicht zuletzt auch das einzige Quartier was zu dieser Zeit noch zu haben war.
Im Haupthaus, einem lang gestreckten Bau mit Innenhof, befanden sich die eigentlichen Urlauberzimmer. Ungewöhnlich die riesige Toreinfahrt, sie musste früher einmal einem großen Bauernhof gedient haben, in dem mir das kleine Reet gedeckte Fachwerkhäuschen im hinteren Teil des Hofes etwas verloren vorkam. Anders als das große Haus, erinnerte die kleine Hütte noch an den Ursprung des Ortes, der einmal ausschließlich von Fischern besiedelt war. Da aber alle Gästezimmer im Haupthaus belegt waren, schickte uns die Vermieterin in das kleine Fischerhäuschen, dessen Eingangstür weit offen stand, und die uns ohne Vorraum direkt in die Küche führte.
Im Inneren der Kate, vor dem gusseisernen Wandherd, stand die Oma der Familie, eine sehr alte Dame, die gerade mit einem großen Holzscheit das Feuer ihres Ofens fütterte. Bekleidet mit dem typisch schwarzen Kopftuch und einer blassblauen, klein karierten Schürze, dirigierte sie emsig mit einem Feuerhaken die Kochringe über der offen lodernden Herdflamme, als hätte sie in ihrem ganzen Leben nie etwas anderes getan. Durch den Schatten in der Tür aufgeschreckt drehte sie sich zu uns ein, wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab und begrüßte uns ausgesprochen freundlich auf Plattdeutsch. Wenn sie zu reden begann, gravierte das schräg einfallende Sonnenlicht tiefe Furchen in ihr Lächeln, Spuren eines Lebens, indem Urlaub wohl nie vorgekommen ist.
Unser Zimmer musste vermutlich der kleine schmale Raum sein, der direkt links am Kochherd vorbei von der Küche abging. Die Tür, die an der rechten Herdseite gelegen war, führte anscheinend zum Wohnzimmer der alten Dame. Doch bevor sie uns in unsere Behausung entließ, deutete sie an, unbedingt einen Blick in ihr Wohn und Schlafgemach zu werfen. Dabei strichen ihre vom Alter gezeichneten, sonnengebräunten Hände mehrmals flüchtig über den Schürzenrand, als wolle sie sich für ihre Küchenarbeit bei uns entschuldigen. Ein liebenswürdiges Lächeln legte sich über die Runzeln ihres Gesichtes, als sie jetzt emsig vom Herd weg auf die leicht vergilbte Tür zuschlurfte, die alte Messingklinke ganz bedächtig herunterdrückte, um uns nicht ohne Stolz einen kurzen Einblick in ihr kleines Reich zu gewähren.
Auf die sorgfältig polierten Gründerzeitmöbel, die aus einem dunkelroten Plüschsofa, einem ovalen Tisch mit Spitzendeckchen und einer wunderschönen Glasvitrine bestanden, flimmerte gedämpftes Sonnenlicht durch die kleinen Katenfenster. Von diesem Anblick waren wir beide so gebannt, dass wir auf der Stelle erst einmal wie angewurzelt stehen blieben. In dieser konservierten Stille wagten wir kaum den alten Webteppich zu betreten, betrachteten mit großen Kinderaugen ein gold gerahmtes Bild mit Elfenreigen und fühlten uns beinahe in jene Zeit zurückversetzt, in der das Ticken der Wanduhr das einzige Geräusch im Hause gewesen war. Staunend, mit offenen Mündern, wie ehrfurchtsvolle Christen vor einem barocken Altar, standen wir reglos vor dem Allerheiligsten der alten Dame. Und erst nach einer geraumen Weile zogen wir uns, andächtig wie Gläubige, die am Ende einer Messe die Kirche wieder verlassen wollen, mit bewundernden Worten aus dem kleinen, museal anmutenden Raum zurück.
Vorsichtig zog die alte Dame die Tür ins Schloss und blieb noch kurz in der Küche am Herd stehen, um den Wasserkessel wieder auf die Ringe über der Feuerung zu setzen. Erst nachdem sie dieses Ritual sorgfältig zu Ende gebracht hatte, nahm sie ein Schlüsselbund von der Hakenleiste ihrer Kochstelle, schlurfte auf die kleine Tür neben dem Herd zu, öffnete sie und bat uns einzutreten. Dabei vergaß sie nicht zu erzählen, dass dieser Raum früher einmal das Kinderzimmer gewesen war und ging, ihre Erzählung fortsetzend, noch einmal in die Küche zurück, um für uns das notwendige Frühstücksgeschirr zu holen. Behutsam stellte sie das voll beladene Tablett auf das kleine runde Tischchen unter dem winzigen Katenfenster ab und zog sich mit einem freundlichen Nicken aus der schmalen Behausung zurück.
Wenig später hörten wir sie wieder geräuschvoll mit den Ringen des Herdes hantieren, während wir erhebliche Mühe hatten in der Enge des Zimmers unsere Sachen unterzubringen. Die beiden Liegen mussten früher zwei Kinderbetten gewesen sein, ein Nachtschränkchen, ein kleiner Tisch und zwei schmale Stühle, das alles war mit viel Geschick in das kleine Zimmer gestopft worden. Chris der sehr groß war, hatte erhebliche Probleme mit der kleinen Schlafgelegenheit klar zu kommen, doch unser beider Toleranz war letztlich größer als die kurzen Betten und der winzige Raum, zumal wir uns hier ausnahmslos in der Nacht aufhalten wollten, oder das, was letztlich von ihr übrig blieb.
Wohnkomfort interessierte uns damals überhaupt nicht, uns drängte es geradezu ans Meer, hin zu den unendlichen Weiten, dorthin wo die Freiheit grenzenlos ist, und wo das Abenteuer mit Sicherheit schon auf uns wartete.
Für uns begann der Tag gewöhnlich am späten Vormittag, wenn wir an der etwas schwerhörigen Oma vorbei schlichen, um an den weit weg gelegenen Strand zu wandern. Auf dem Herd summte zu jeder Tageszeit der Wasserkessel, und sein monoton pfeifendes Klagelied schwebte zeitlos über der dahindämmernden Küche. Jedes mal wenn uns die alte Dame wahrnahm, drehte sie sich freundlich zu uns ein, und es hatte den Anschein, als würden sich die Runzeln ihres Lächelns oberhalb der Stirn mit den Falten ihres Kopftuches vereinen. Unseren Morgengruß erwiderte sie stets mit dem gleichen Satz: „ Ja, ja, nu jeht et wieder an jrünen Strand der Spree.“ Dabei streifte sie, wie ich es von ihr bereits schon kannte, verlegen ihre Hände an der Schürze ab, eine Geste die einfach dazu gehörte, um sich dann gleich wieder ihrem Kochherd zuzuwenden, während wir dem Meer und unseren Eroberungen entgegeneilten.
Bei unseren Strandspaziergängen stellte sich auch bald Erfolg ein, denn Chris lernte eine Schwedin und ich eine Berlinerin kennen. Zwischen Dünen und Meeresrauschen verbrachten wir eine traumhafte Zeit. Im kleinen Glück des verliebt seins versinkend, verloren wir uns in der Weite zwischen Himmel und Meer, ein Schwebezustand der weder Raum noch Zeit kannte. Die scheinbar endlosen Tage, sie vergingen wie im Rausch.
Irgendwann erwachten wir aus dem Taumel der Gefühle, die Wirklichkeit hatte uns wieder eingeholt. Zwei Urlaubswochen, sie waren wie im Flug vergangen, und nach einer letzten Nacht inniger Berührungen hieß es Abschied nehmen. Wieder gab es Versprechungen, Schwüre, und Adressen austauschen. Ich schreibe dir bestimmt und ähnliche Floskeln, so wie einst in Werder, wiederkehrende Worte gedankenlosen Verliebt seins, welche die Zeit irgendwann unter sich begräbt.
Der Augenblick des Abschiednehmens war gekommen. Noch den süßen Geschmack der letzten Nacht auf den Lippen, standen wir auf dem kleinen Bahnhof, um von unseren Liebsten Abschied zunehmen. Der Urlaub der beiden Mädels war früher zu Ende, während Chris und ich noch zwei Tage länger bleiben konnten.
Letzte innige Küsse auf dem Bahnsteig. Hände die nicht loslassen wollten, bis sich die kleine Dampflok schnaufend in Bewegung setzte. Weiße Wölkchen im Blau zurücklassend, dampfte die alte Schmalspurbahn mit unseren Eroberungen davon, bis der Horizont sie in die Unendlichkeit aufnahm.
Zwei Tage später standen Chris und ich auf dem gleichen Bahnsteig. Hinter uns lag ein zauberhafter Ostseeurlaub und der Sommer neigte sich seinem Ende zu.
2
Ein Jahr als DEFA Mitarbeiter lag jetzt hinter mir. Der August hatte seine sommerlichen Tage an den September weitergegeben und Fortuna war wieder einmal an meiner Seite. Dort wo einst die Stars der UFA residierten, in der lauschigen Umgebung des Griebnitzsees, bekam ich in einer schönen alten Villa eine kleine Wohnung. Auch wenn die Großen aus der Blütezeit des deutschen Films hier nicht mehr wohnten, ihr Geist hatte sich noch nicht ganz aus den Häusern verflüchtigt. Von Marlene Dietrich bis Hans Albers, alle hatten hier ihre Zeit, haben das Bild dieser Gegend atmosphärisch mitgeprägt und ihre ganz individuellen Spuren hinterlassen.
Die Teilung Deutschlands in der Nachkriegszeit hatte zur Folge, dass der Grenzverlauf in diesem Areal mitten durch den Griebnitzsee gezogen wurde, so dass sich die am östlichen Ufer gelegenen Villen dieses Sees seither in staatlicher Verwaltung befanden, und das ebnete der Deutschen Film AG (DEFA) den Weg, einen großen Teil ihrer künstlerischen Mitarbeiter hier anzusiedeln. Autoren, Dramaturgen, Regisseure, Kameraleute, selbst Schauspieler und ein griechischer Schlagersänger, alle hatten hier eine Heimat gefunden. Mein neues zu Hause befand sich unweit vom S- Bahnhof Griebnitzsee, mitten im Grünen und paradiesisch gelegen, auch wenn ein paar hundert Meter weiter die damals noch offene Grenze zu Westberlin verlief.
Mein Zimmer hatte ich spartanisch eingerichtet. Ein alter Kleiderschrank, eine einfache Couch, ein runder Korbtisch mit dazu gehörigem Sessel, alles überflüssiges Mobiliar aus meinem Elternhaus. Mit Hilfe der Dekoabteilung des DEFA Studios gelang es mir ein Drittel des Zimmers durch eine Wand aus grauem Dekostoff, so genanntem Rupfen, abzutrennen und den so entstandenen Miniraum einfach zu meiner Küche zu kreieren. Außer einem Zweiloch Kocher befand sich hinter diesem Verschlag auch ein kleines Waschbecken, welches gleichermaßen als Geschirrspüle, als auch für die morgendliche Katzenwäsche herhalten musste. Das alles war meine kleine Welt, hier fühlte ich mich frei, von hier aus wollte ich fortan die große Welt erobern.
Mein neunzehnter Geburtstag. Wenn ich heute über diesen Tag nachdenke, genauer gesagt über die dazugehörige Nacht, und die Erinnerung die ich daran bewahre, war dies das aufregendste Erlebnis meiner jungen Jahre:
Ein schöner Spätherbsttag war gerade im Begriff sich zu verabschieden. Für die abendliche Geburtstagsfete hatte ich tagsüber alle Mühe aufgewendet, um aus Rotwein, Käse, Weißbrot und Schmalzstullen ein Minibuffet zu kreieren, von dem ich überzeugt war, dass es in seiner Grundausstattung den kulinarischen Erwartungen meiner illustren Gästerunde entsprechen würde. Mein damaliger Freundeskreis war riesig, enthielt alle Schattierungen einer Boheme, oder das was man dafür hielt. Und so kamen sie alle:
Angehende Schauspieler, Tänzer, Halbintellektuelle, Komparsen, noch nicht ganz fertige Kameraleute, als auch flüchtige weibliche Bekannte, mit denen ich die Höhen und Tiefen der Horizontalen noch nicht erfahren hatte. Wie sich schon wenig später herausstellen sollte, ist meiner jungfräulichen Naivität dabei wohl Einiges entgangen.
Kurzum, Septemberabende beginnen bekanntlich früher, können aber unendlich lang sein. Die Mücken versammelten sich bereits säulenförmig unter meinem Fenster, während die letzten Sonnenstrahlen vergebliche Anstrengungen unternahmen, um sich an den Bäumen des Griebnitzsees festzuhalten, bis erste dünne Nebelschwaden sie durchtrennten, um sie sanft mit ihrem Schleier zuzudecken.
Der frühe Abend schob die Dämmerung lautlos vor sich her, als mir klar wurde, dass meine kleine Wohnung bereits restlos überfüllt war, was aber nicht bedeutete, dass der Gästezuwachs nun aufhörte, keineswegs. Wer jetzt noch kam, ließ sich nach kurzer Begrüßung einfach im Treppenhaus nieder, denn die breiten Stufen der zweistöckigen Villa boten dafür eine gute Voraussetzung.
Meine Nachbarn auf der gleichen Etage, ein Dramaturg mit seiner Familie, tolerierten problemlos meine Raum einnehmende Geburtstagsfeier und zogen sich bereitwillig in ihre Wohnung zurück. Damit stand uns fast das ganze Haus zur freien Verfügung, welch wunderbare Voraussetzung für eine Fete, die jeder nach seinen Bedürfnissen ausleben konnte.
Der Treppenabsatz vor meiner Wohnungstür glich schon nach kurzer Zeit einem Versammlungsraum der achtundsechziger Kommunarden. Alle hockten eng nebeneinander, redeten, gestikulierten, rauchten, und schütteten beachtliche Mengen Rotwein in sich rein. Auf den Stufen treppabwärts saßen sich Männlein und Weiblein dicht gedrängt gegenüber, im verbalen Wettstreit bemüht, ihre Anmache durch geistreiche Gespräche spielerisch auf den Weg zu bringen.
Unten im Parterre befand sich eine Besenkammer, die wir Hausbewohner als Abstellraum für alle möglichen Gerätschaften nutzten. In der Ecke dieses Verschlages lehnte schon seit längerer Zeit ein zusammengerollter Teppich, wer ihn dahin gestellt hatte, war nicht mehr auszumachen. Da aber die Kammertür nicht verschlossen war, verwandelte sich der kleine verschwiegene Raum im Handumdrehen für das eine oder andere Pärchen zum Kurzzeitseparée. Obwohl sich keiner der Gäste über seinen erquickenden Aufenthalt in diesem Örtchen direkt geäußert hatte, arbeitete sich die Verschwiegenheit des kleinen Abstellraumes wie ein Lauffeuer treppaufwärts. Und während in meinem Wohnzimmer lautstark die Hauptfete lief, fand in der winzigen Besenkammer der eine oder andere männliche Gast die vermeintlich aufregendste Stelle seiner Partnerin. Hatte sich die Spannung des in der Kammer mit sich beschäftigten Pärchens geräuschvoll gelöst, öffnete sich auch bald die kleine Tür, und wie der Wechsel in einem Taubenschlag, verschwanden die nächsten Turteltäubchen im Dunkel des Verschlages.
Zeitgleich zu den unten in der Besenkammer zahlreich stattfindenden Vermehrungsversuchen, konnte der aufmerksame Beobachter oben in meinem Zimmer eine völlig andere Art sexuellen Begehrens ausmachen. Auch hier verflüchtigte sich bisweilen ein Pärchen, allerdings nicht hinter einer Tür, die es ja nicht gab, sondern gleich hinter die Rupfenwand in meine Miniküche. Glücklicherweise hatte das durch diesen Raumteiler abgetrennte Zimmerdrittel keine eigene Beleuchtung, ausgenommen die schwache Glühbirne über dem Waschbecken und die hatte gerade mal die Leuchtkraft einer Öllampe. Im matten Schimmer dieser Funzel bot sich willigen Pärchen deshalb eine eben so gute Gelegenheit, ungestört ihre mehr oder weniger intimen Erfahrungen auszutauschen.
Unter den weiblichen Gästen meiner illustren Runde konnte man schon eine vielfältige Mischung von Berufen ausmachen. Im Durcheinander meines Zimmers vereinten sich Tänzerin und Regieassistentin mit Näherin und Kellnerin, also ein durchaus breit gefächertes Spektrum, aus dem ich einige der Mädchen zwar flüchtig von Tanzabenden im Babelsberger Ratskeller kannte, aber andere hingegen waren mir völlig fremd.
Unter den flüchtigen Bekanntschaften fiel mir allerdings ein Mädchen sofort ins Auge. Bemerkenswert die wohlgeformten Proportionen ihres Körpers, ihre kurz geschnittenen Haare, die das ebenmäßige, rundliche Gesicht wundervoll einrahmten und ihrem Antlitz zu einer harmonischen Symmetrie verhalfen. Sinnigerweise nannte man sie „Spatz“ aber das war auch schon alles, was ich von ihr wusste. Auffällig an ihr aber war etwas, das ich bis heute nicht vergessen habe: Eine geheimnisvolle Aura umflorte sie, sie roch verführerisch nach einem betörenden französischen Parfüm.
Als ich wieder einmal nach einer Treppenhausvisite nach oben in mein Zimmer drängte, hatte ich sofort diesen alles durchdringenden Geruch in der Nase, und das bei dem durchdringenden Gestank nach Suff und Zigarettenrauch, doch ich wusste auch gleich, wem dieser erotisierende Duft zuzuordnen war.
Meine Zimmertür stand halb offen, verdeckte genau den Einblick in meine abgetrennte Miniküche, in der ich die Quelle dieses Duftes auch sofort vermutete. Als ich die Tür weiter öffnen wollte wurde mir allerdings klar, dass ich damit dem hinter meiner spanischen Wand mit sich beschäftigten Pärchen keinen Gefallen tun würde. So ließ ich einfach die Tür wie sie war, zog mich wieder dezent zurück und mischte mich ganz unauffällig unter den lautstarken Teil der prall gefüllten Zimmerrunde.
Mit Rotweinglas in der Hand ruderte ich durch das Gemenge der Tanzenden und klemmte mich auf eine der übrig gebliebenen Kanten meines dicht belagerten Sofas. Gelangweilt musterte ich zunächst die gegenüberliegende graue Rupfenwand und verglich die Aktfotos der aufgeklebten Filmposter mit meinem schlichten, selbst gemalten weiblichen Akt, den ich jetzt aus der Distanz heraus besonders kritisch in Augenschein nehmen konnte.
Hatte ich Halluzinationen, oder begann die Wand plötzlich ein Eigenleben zu entwickeln? Aus meiner tiefsinnigen Betrachtung gerissen, suchte ich plötzlich nach einer Erklärung für die seltsame Verformung des Stoffes und wurde zunehmend unsicher. In kurzen regelmäßigen Abständen begann sich der Dekostoff meiner künstlichen Wand genau in Höhe meines Kunstwerkes beängstigend auszubeulen. Neugierig geworden sprang ich auf und schlängelte mich durch die Tanzenden hindurch auf die atmende Wand zu, um einen vorsichtigen Blick dahinter zu wagen.
Was ich jetzt sah, überraschte mich schon ein wenig, denn man unternahm hier gerade permanent den Versuch, meinem stillen Akt neues Leben einzuhauchen. Trotz der innigen Körperverknüpfung konnte ich zweifelsfrei ermitteln, wer hier in unzweideutiger Weise miteinander beschäftigt war. Mit dem Rücken an mein Waschbecken gelehnt, den Kopf verzückt in den Nacken geworfen, stand, mit heruntergelassenen Hosen und in einer Haltung, die demonstrativ schon eine künftige Größe erahnen ließ, der Schauspielstudent Wolf Lauchstedt.
Dicht vor ihm, in einer durchaus demütigen Haltung, kniete Spatz, und das Rot ihrer Lippen mühte sich gerade um das Beste, was Wolf ihr zu bieten hatte. Dabei ging ihr kurz geschnittener Bubikopf von rhythmischer Wollust diktiert auf und ab, als befände sie sich vor einer buddhistischen Gebetsmühle. Akustisch untermalten Wolfs Schlachtrufe, zwar leicht unterdrückt aber anfeuernd, diese obskure Szenerie: „Ja, ja weiter, ja genau, ja!“ Von Spatz war hingegen nur ein unterdrücktes Schmatzen zu vernehmen, und so zog ich mich vorsichtshalber wieder zurück, um mich wieder lautlos unter meine Gäste zu mischen.
Auf der anderen Seite meines Zimmers angelangt war ich mir jetzt ganz sicher, dass es zweifelsfrei der Hinterkopf der Knienden gewesen war, der ständig in gleichmäßigem Rhythmus meine Rupfenwand verformt hatte. Dass dadurch mein Kunstwerk genau an einer bestimmten Stelle nachgegeben hatte, kurioserweise da, wo sich der Hintern meines weiblichen Aktes dem Betrachter entgegenstreckte, blieb für mich einfach ein erheiternder Nebeneffekt. Spätestens jetzt wurde mir klar, dass es in meinem Haus zwei Separées gab, in denen jeder nach seinen individuellen Bedürfnissen der schönsten Sache der Welt nachgehen konnte.
Zufrieden und beruhigt ruderte ich wieder, mein Rotweinglas durch das Knäuel der Tanzenden balancierend, auf meine Sofaecke zu, und war voller Überzeugung, ein guter Gastgeber zu sein. Auf neue Abenteuer hoffend ließ ich mich wieder völlig entspannt zwischen all den Diskutierenden auf mein Sofa fallen, nippte an meinem Glas herum und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Angespannt lauschend versuchte ich vorbeiflüchtende Musikfetzen aufzufangen, wollte mich voller Hingabe auf das durchdringende Röhren des Souls einlassen, der trotz seiner Intensität große Mühe hatte, durch das akustische Stimmengewirr des Raumes hindurch bis zu mir vorzudringen.
Als ich nach einer ganzen Weile vergeblichen Lauschens wieder aufsah, konnte ich unter den Rauchschwaden meiner Hängeleuchte auf einmal seltsame Bewegungen ausmachen und mein Blick heftete sich wie gebannt auf den glockenförmigen Dunstschleier in der Mitte meines Zimmers.
Im Zentrum dieses Lichtkegels erkannte ich Gitti, eine Tänzerin aus dem DEFA Ballett, und sah voller Bewunderung, wie sie genau unter dem nebligen Dunst der Lampe ihre aufregend erotischen Bewegungen nach der nicht weniger aufregenden Musik von Janis Joplin zelebrierte. Kurz vor meiner Fete hatte ich von einem Freund ganze achtzehn verbotene Titel dieser einzigartigen Sängerin auf Band überspielt und sie in meinen Musik Mix eingebaut. Röhrend beendete J.J. gerade den Titel May baby, und nahtlos folgte der sechseinhalb Minuten lange, einschmeichelnde Song Work me, Lord.
Alles um mich wurde zur Nebensache, verschwand geradezu im Nichts. Plötzlich war ich wie von Sinnen, fand es durchaus erregend nur der Musik zu lauschen und gleichzeitig wie hypnotisiert den Bewegungen dieser magischen Tänzerin zuzusehen. In ihrem eng anliegenden schwarzen Trikot glichen Gittis Bewegungen beinahe einer Cobra. Ihr schlanker Körper bog sich, machte schlängelnde Bewegungen, als wolle sie sich um einen Baum winden, zog sich wieder zusammen, um sich aber im selben Moment wieder blitzartig aufzurichten.
Fasziniert konnte ich beobachten, mit welcher Hingabe sie jede ihrer anmutigen Bewegungen ausführte, wie perfekt sie ihren Körper beherrschte. Ich war mehr als beeindruckt von der Anziehungskraft dieser Gestik, die ihresgleichen suchte, und nahm mir fest vor, sie nach dieser überaus sinnlichen Darbietung unbedingt in irgendein Gespräch zu verwickeln. Die Gelegenheit dazu ergab sich unerwartet schnell, wenn auch anders als ich es vorhatte:
Der nachfolgende Jazztitel löste unter der Besatzung meines Sofas eine kribbelige Unruhe aus. Wer nicht gerade knutschend an seiner Partnerin hing sprang auf, weil er sich von dieser Musik zwingend zum Tanzen animiert fühlte. Mir ging es nicht viel anders, und besonders als sich der Titel Take Five, gespielt von Dave Brubeck zu mir durchswingte, konnte mich keiner mehr davon abhalten, meinem Sofa augenblicklich den Rücken zu kehren. Es war und blieb einer meiner Lieblingstitel. Diesem Rhythmus wollte ich mich hingeben, wollte um alles in der Welt mit dieser einzigartigen Tänzerin und dieser Musik eins sein, sinnlich mit ihr verschmelzen.
All meinen Mut zusammennehmend ging ich mit schlotternden Knien, halb in Trance, wie von Geisterhand geführt auf Gitti zu und bat sie, ohne dass auch nur ein Wort fiel, um diesen Tanz. Ihr Lächeln mit dem sie mich jetzt anstrahlte, dass ich nicht einmal im Traum erwartet hätte, war einfach bezaubernd, und für mich die personifizierte Einladung. Zum Greifen nahe stand jetzt ein Wunschtraum dicht vor mir, strich die langen schwarzen Haare schwungvoll nach hinten, kam mit großen leuchtenden Augen einen winzigen Schritt auf mich zu, um ganz behutsam ihre Arme um meinen Hals zu legen. Keinerlei Widerspruch duldend, drängte mich Gitti sehr bestimmend hinein in die swingende Tanzrunde. All meine anfänglichen Zweifel waren auf einmal wie weggefegt, hatten jegliche Blockade und sogar mein ängstliches Zögern von mir genommen. Mutiger geworden schlang ich meine Arme um ihren schlanken Körper, verschränkte sie nach unten gleitend um ihre zierliche Taille und hakelte meine Hände zu einem festen Verschluss zusammen. So ineinander verknotet, wollte ich das eingeschlossene Glück um nichts in der Welt mehr hergeben.
Fest umschlungen, wie Liebende die nicht mehr voneinander lassen können, wiegten wir uns trunken zu den Takten des typischen Zwischenparts, der in dieser einmaligen Musik wiederkehrend ist. Obwohl bei diesem Titel das rhythmisch Swingende dominiert, lässt er, als sei es so gewollt, durchaus intime Nähe zwischen einem Tanzpaar zu. Trotz der lauten Musik und dem atmosphärischen Stimmengewirr ermöglichte mir die so entstandene Körpernähe fortan auch einen weitaus intimeren Gesprächsaustausch. Wir fühlten uns beide losgelöst von der Masse der Tanzenden und konnten uns all jene Gedanken ins Ohr flüstern, die unsere Gefühle gerade bewegten.
Dass sie der DEFA Ballettgruppe angehörte, war mir ja bekannt, weniger aber, dass sie seit geraumer Zeit mit dem Schauspieler Gero Ziesche verheiratet war, der gerade das letzte Studienjahr in der Schauspielklasse der Babelsberger Filmhochschule absolvierte. Sehr viel später, in den achtziger Jahren, habe ich ihn näher kennen gelernt, als Schauspieler in der Krimiserie Polizeiruf 110, habe aber nie mit ihm über mein Erlebnis mit Gitti gesprochen.
Sieht man einmal vom gesellschaftlichen Hintergrund meiner illustren Gästerunde ab, der man wohl alles andere als einen vom Kapital dominierten Hintergrund zurechnen konnte, so wehte über diesem Abend auch ohne die Macht des Geldes ein zarter Hauch von dolce Vita. Es war ganz einfach eine Nacht voller Ausgelassenheit, voller Lebensfreude und grenzenloser sexueller Freiheit, was zu dieser Zeit in der kleinen Republik keinesfalls symptomatisch und schon gar nicht selbstverständlich war.
Gittis animalische Nähe nahm mir an diesem Abend all die tief eingegrabenen Ängste, die Hemmungen und Verklemmungen, und mit jedem ihrer Blicke wurde sie mir vertrauter. Je enger sie sich an mich schmiegte, und je mehr ich die Wärme ihres Körpers spürte, umso mehr spürte ich ihre Energie, von der allmählich auch mein Körper vereinnahmt wurde. In meinem tiefen Inneren rumorte zwar noch ein winziges Zittern, die noch vorhandenen Rudimente meiner chronischen Ehrfurcht vor dem weiblichen Körper, vielleicht aber auch der aus dem Elternhaus stammende religiös geprägte, genetische Defekt, der mitunter in Restbeständen durch mein Unterbewusstsein geisterte. Irgendwann aber konnte ich mein Verlangen sie zu küssen, nicht mehr länger unterdrücken.
Gitti musste meine Verklemmungen gespürt haben, denn ihre mandelförmigen Augen vollzogen plötzlich einen Wandel, sahen mich geradezu herausfordernd an. Tief in ihnen konnte ich für einen Moment ein schwaches Licht ausmachen, wie eine winzige Kerzenflamme, die in einem dunklen, engen Raum flackerte. Ängstlich versuchte ich anfangs noch Gittis verlangendem Blick standzuhalten bis ich merkte, dass mich die um meinen Hals verschränkten Arme mit spürbarer Hingabe enger an ihren warmen Körper zogen, einfach keinen Widerstand mehr duldeten. Gleichermaßen spürte ich, wie sich ihr heißer Atem meinem Mund näherte, und als gäbe es Nichts um uns herum, wiegten wir uns, als wären wir ganz allein auf der Welt unter dem schwachen Schimmer meiner Deckenlampe im Rhythmus der Musik. Als Gittis Lippen mich jetzt zärtlich berührten, waren all meine Hemmungen wie ein Windhauch verflogen, ich fühlte mich dazu bereit, wollte mich ihr allein hingeben, von nun an ihre Zärtlichkeiten zulassen.
Ganz vorsichtig schob sie ihre Zunge in meinen halbgeöffneten Mund und mir war, als fechte sie in mir ein Duell, und als die Verschlingungen zunehmend heftiger wurden, ergab ich mich einfach dem Sog des Verlangens. Vielleicht waren es auch nur wenige Sekunden, sie erschienen mir in diesem Augenblick wie eine Ewigkeit. Bei dieser intensiven oralen Vereinigung spürte ich irgendwo tief in mir einen unsagbar süßen Schmerz. Während all dies mit mir geschah, flammte in mir brennendes Begehren auf, ein Gefühl wie ich es bisher so nicht gekannt hatte. Dabei drehten wir uns weiter im Kreis, wiegten uns harmonisch im Takt dieser überaus sinnlichen Musik, ließen unsere Körper geradezu miteinander verschmelzen, jeden Tropfen Körperflüssigkeit aus uns heraussaugend, so als wären wir am Ertrinken, bis die Kraft des Zungenschlags allmählich erlahmte, ihre Lippen sich langsam von meinem Mund lösten, und sanft über mein Ohr gleitend zu flüstern begannen.
Obwohl ihr heftiges Atmen etwas abgeklungen war, schien ihre Erregung wieder anzusteigen, als sie begann leise von Gero zu erzählen. In ihrem Flüstern schwang sogar ein wenig Traurigkeit mit, als sie mir anvertraute, wie ihre Beziehung schon nach dieser kurzen Zeit des Zusammenlebens wieder unmerklich zu zerbröckeln begann, wie sich anfängliches Begehren in schlichte Alltagsgewohnheit verwandelt hatte. Ich erfuhr, dass er total unsensibel im Umgang mit Gefühlen geworden sei, dass sie sich oft über Kleinigkeiten stritten, dass bei jeder Gelegenheit der typisch mecklenburgische Sturkopf in ihm durchkam, an dem sich ihre fein gegliederte Sensibilität stets aufs Neue aufrieb. Der winzig verbliebene Rest von Zuneigung drohte an seiner nüchternen, geradezu unterkühlten Auffassung von Partnerschaft beinahe zu zerschellen. Knisternde Erotik, wie ich sie gerade erleben durfte, hatte es zwischen ihnen eigentlich nie gegeben. Sex war etwas Beiläufiges, Notwendiges, gehörte eben einfach zu einer normalen Beziehung, und war ohnehin, so Geros Auffassung, Bestandteil der ehelichen Pflichten.
Während sie mir all diese Offenbahrungen ins Ohr flüsterte, spürte ich, wie ein Schauern meinen Körper durchlief, denn im Gegensatz zu Gittis Mann empfand ich ein Knistern, wie es erotischer nicht sein konnte. Mein ganzer Körper vibrierte geradezu. Von diesem Moment an hatte ich keinerlei Zweifel mehr an Gittis Zuneigung, war sogar der festen Überzeugung, dass die in mir aufgekommene Hochspannung zeitgleich auch mein Gegenüber erreicht haben musste und gerade im Begriff war, wie ein Stromstoß tief in sie einzudringen. Das Zuraunen all dieser Vertrautheiten verdrängte in mir auch den kleinsten Hauch von Zweifel, deutlich konnte ich jetzt spüren, wie Gittis Schlangenkörper mich umzingelt hielt und sich ganz eng an mich schmiegte.
Wie vom Blitz getroffen verlor ich aus heiterem Himmel auf einmal die Kontrolle über mich und meinen Körper, war wie benommen, wollte erst dagegen ankämpfen, mich aufbäumend dagegen wehren, musste jedoch erkennen, dass alle Anstrengung, meine aufkommende sexuelle Erregung zu unterdrücken, vergeblich war. Mein ohnmächtiger Versuch, schnell noch die Notbremse zu ziehen, im allerletzten Moment wenigstens eine winzige Distanz zwischen unseren Hüften herzustellen, weil ich eine solch auffällige Begehrlichkeit von mir überhaupt nicht kannte, sogar als zutiefst unangenehm empfand, scheiterte schlicht an der realen Existenz meines plötzlich erwachten Sexualorgans.
Gitti hatte diese begehrliche Veränderung an meinen Unterkörper sofort bemerkt, löste ihren rechten Arm von meinem Hals, ließ ihn über meinen Hintern gleiten und drückte mich kraftvoll mit beiden Händen ganz fest an ihren Körper:
„Lass nur, ich mag es, wenn du mich begehrst!“ Diese sehr bestimmend in mein Ohr geflüsterten Worte wirkten auf mich geradezu ermunternd, zumal mich ihre zarten Hände dabei mit ganzer Kraft eng an ihren warmen Schoss gedrückt hielten. Taumelnd registrierte ich irgendwann das Schwinden meiner Sinne, merkte gerade noch, wie sich alles in mir aufzulösen schien.
In einem letzten wachen Moment dachte ich kurz daran, mit ihr hinter meine künstliche Wand zu verschwinden, so wie Spatz und Wolf es getan hatten, irgendetwas aber hielt mich letztlich davon ab. War es wieder einmal dieser respektvolle Umgang mit der tiefen Zuneigung, mit der allzu großen Achtung vor dem Phänomen Frau, vor dem weiblichen Körper, oder war es eher das Festhalten dieses wunderbaren Augenblicks? In diesem Moment wusste ich einfach gar nichts mehr. Alles rationale Denken hatte aufgehört, wurde jetzt ungebremst und ausschließlich von Emotionen gesteuert. Ich verlor mich, Körper an Körper mit Gitti vereint, ließ mich fallen, hinein in einen Sinnesrausch, benommen, trunken, einfach nur süchtig nach Liebe.
Gittis Lippen glitten über mein glühendes Gesicht, hauchten in mein Ohr, saugten sich förmlich an ihm fest. Ihre Zunge bohrte sich tiefer und tiefer in meine Höhlung, heftiger werdend ihr Atem. Gleichzeitig aber spürte ich ihre rechte Hand, die sich ganz vorsichtig zwischen unsere aufgeheizten Körper schob, mein Spannung geladenes Körperteil erreichte, und merkte ganz deutlich, wie ihre Finger mit sanftem Druck über meine sensibelste Stelle hinweg glitten. In der Bewegung ihrer Hand lag jetzt etwas Geheimnisvolles, so als gingen von ihren Fingerspitzen unsichtbare Fäden aus, die in mir einen völlig neuen Zeitbegriff webten. Zärtlich wiederholte sie ihre Streicheleinheiten bis ich, erst zögerlich dann aber mit Nachdruck begann, meine rechte Hand gefühlvoll zwischen ihren Venushügel zu schieben. Zentimeter für Zentimeter näherten sich meine zitternden Finger ihrer aufgeheizten Vulva, der vorsichtigen Versuchung erlegen, durch langsam auf und abgleitendes Streicheln in ihre tiefsten Geheimnissen vorzudringen.
Durch die dünnen Nylons hindurch erfühlte meine zittrige Hand, wie die feuchte Wärme ihres Schosses nach und nach auch meinen ganzen Körper durchströmte, sich mit meiner aufgestauten Hitze zu vereinen drohte. Im gleichen Moment aber musste ich erkennen, dass alle Bemühungen meine Beherrschung rational steuern zu wollen, mit einem Schlag außer Kraft gesetzt wurden. Gleich einem Vulkan schoss ein heißer Strom durch mich hindurch, der den ganzen Hitzestau implodierend in sich zusammenfallen und meinen ganzen Körper erzittern ließ. Gleich einem Lavastrom, suchte er sich den nicht mehr zu unterbindenden Weg nach außen.
Es war der unvermeidbare Samenerguss, der mich jäh aus dem Trancezustand herausriss und mit einem Schlag wieder in die Wirklichkeit zurückkatapultierte. Im selben Augenblick wünschte ich in den Boden zu versinken, so peinlich war mir in diesem Moment das unbeherrschte Reagieren meines Körpers. Gitti hielt mich noch immer fest umschlungen, unternahm alles Erdenkliche um mich wieder zu beruhigen, flüsterte mir lauter Zärtlichkeiten ins Ohr und bat mich ganz leise, das Streicheln ihrer erogenen Zone doch in jedem Fall fortzusetzen. Zuerst zögerte ich, schaute etwas unsicher in die Runde. Da aber keiner von den Tanzenden um mich herum auch nur das Geringste mitbekommen hatte, unternahm ich jetzt den zaghaften Versuch, bemüht bei meinem Vorgehen ganz behutsam zu sein, durch zärtlich streichelnde Bewegungen, Gittis begehrlicher Aufforderung so gut es ging nachzukommen. Fortan wiegten wir uns eng umschlungen wie ein unzertrennliches Liebespaar, sorgfältig bemüht im Takt der Musik zu bleiben, bis ich schon nach kurzer Zeit auch bei ihr ein Gefühl von Erlösung erspüren konnte.
Take Five ging zu Ende, nicht aber unsere verschmelzende Umklammerung. Bevor jedoch der nächste Musiktitel begann, versuchten wir schnell eine Nische in der Ecke vor dem Sofa zu erhaschen, was zwischen den dicht gedrängt sitzenden Gästen gar nicht so einfach war. Schließlich gelang es uns unter dem Fenster vor dem Heizkörper eine winzige Ecke auszumachen, in die wir uns eng aneinander geschmiegt fallen lassen konnten.
Irgendwie fühlte ich mich ermattet und innerlich sogar ein wenig ausgebrannt, und überlegte jetzt krampfhaft, wie es mir aus dieser benachteiligten Sitzposition heraus gelingen könnte, ein erlösendes Getränk für uns beide aufzutreiben. Durch auffällige Gesten versuchte ich meinem Umfeld verständlich zu machen, was uns zur Vervollständigung unseres Glückszustandes einfach noch fehlte, und erst nach mehrmaligem Anlauf wurde endlich mein flehentliches Bitten erhört. Man reichte uns durch die vielen kleinen Sitzgruppen hindurch zwei Senfgläser mit Rotwein, die über Köpfe hinweg balanciert, endlich über Umwege ihr Ziel erreichten.
Die Trinkbecher mit beiden Händen fest umschlossen, so als würde man uns dieses kostbare Gut gleich wieder wegnehmen wollen, berührten sich lautlos unsere Gläser, hinterließen dabei kaum einen Klang, weil sich unsere Finger verhakelt hatten, jeden störenden Laut unterdrückten, einfach nicht mehr voneinander lassen wollten.
Unendlich lange sahen wir uns tief in die Augen, küssten uns innig, zärtlich liebkosend, taten alles um diesen wundervollen Augenblick festzuhalten und ließen, unsere Körper fest in der Umklammerung, den ersten Schluck des Weines ganz langsam auf uns einwirken. Unsere Oberschenkel ineinander geschoben, die Gläser auf den Knien ruhend, saßen wir uns schweigend eine geraume Zeit gegenüber. Nur aus weiter Ferne nahm ich die Gespräche der Anderen wahr, wie nebulöse Wortfetzen an meinen Ohren vorbeischwirrend, im absorbierenden Dunst des Raumes verendend. In diesem Zustand war ich für jeden klaren Gedanken unfähig, weil innerlich viel zu aufgewühlt.
Gitti hatte ihre Augen halb geschlossen, ihr Kopf nur scheinbar schlafend, ruhte dicht angeschmiegt auf meinen Schultern. Diese neuen starken Gefühle beschäftigten mich jetzt ungeheuerlich, rasten durch meinen Kopf, fuhren geradezu Achterbahn. Langsam versuchte ich sie wieder für mich zu sortieren, sie auszuloten, in geordnete Bahnen zu lenken. Trotzdem war ich ein wenig verunsichert, fragte mich, welchen Platz würde Gitti wohl zukünftig einnehmen, schließlich war sie ja noch an Gero gebunden.
Das Sortieren meiner Gefühle, das lethargische Schweigen, aus heiterem Himmel unterbrach Gitti plötzlich meine geistige Abwesenheit, indem sie mir ganz spontanen einen Kuss aufdrückte und mich, keinen Widerspruch duldend, erneut zum Tanzen drängte. Erfrischt als wäre sie einem Bad entsprungen, zog sie mich durch das dichte Knäuel der Tanzenden bis in die Zimmermitte direkt unter den Dunstschleier der Lampe, verschränkte ihre Arme um meinen Hals und dirigierte mich, wie ein Wildpferd am Lasso hängend, mitten hinein in das kleine Zentrum der Lebenslust.
Wir plauderten aufgekratzt über alles was uns gerade in den Kopf kam, tanzten schwerelos, losgelöst von allem Irdischen, ich schwebte wie eine leichte Wolke über meiner kleinen großen Welt. Als könnten wir nie wieder voneinander lassen, glitten wir von einem Tanz zum anderen hinein das Glück des Vergessens, bis wir total ermattet, uns gegenseitig stützend, wieder zurück auf unsere Sofaecke rutschten. Beide waren wir ausgebrannt, mussten erst einmal verschnaufen, griffen nach den Gläsern, tranken mit gekreuzten Armen, so als hätten wir uns eben erst kennen gelernt, erzählten uns alberne Geschichten, lachten wie kleine Kinder, ausgelassen, befreiend, voll der Überzeugung, in diesem einzigartigen Moment wird die Kraft der Liebe die Zeit für uns anhalten.
Auch bei einem Teil meiner Gäste hatte ich den Eindruck, dass sie diese Nacht für endlos erklärt haben mussten, denn keiner machte Anstalten sich dem Sog seines Partners zu entziehen, oder gar meine Fete verlassen zu wollen. Ob im Dunstschleier meines Zimmers oder auf dem Treppenabsatz, ein Abklingen des Geräuschpegels konnte ich nirgendwo ausmachen, obwohl es mittlerweile bereits auf drei Uhr zuging. Erst als die Nacht sich anschickte dem neuen Tag ganz sanft das Feld zu räumen, wurde es allmählich stiller in meinem Haus zwischen den Welten.
Ob in seliger Zweisamkeit vereint, oder dem ausgiebigen Alkoholgenuss erlegen, nach und nach ergab sich jeder dem natürlichen Bestreben, gemeinsam mit seiner Eroberung in eine horizontale Lage zu kommen. Ähnlich wie im Dornröschenmärchen, in dem der Hofstaat in eine plötzliche Starre verfällt, lagen irgendwann all meine Gäste voll narkotisiert und durcheinander gewürfelt, dicht an irgendeinen Partner gekauert, und schliefen einen kollektiven Schlaf.
Gitti ging es genau wie mir, die aufregende Spannung des verliebt seins hatte uns bisher vom Einschlafen abgehalten. Vermutlich waren wir auch die Letzten, die noch gegen die Müdigkeit ankämpften, weil wir uns einfach nicht ergeben wollten. Durch die dicht beschlagenen Fensterscheiben dämmerte schon der Morgen, als wir beide eng ineinander gerollt schließlich den vergeblichen Kampf gegen das Wachbleiben aufgaben. Beim Hinüberdämmern in das andere Ufer der Nacht hatte ich noch den köstlichen Geschmack erfüllten Begehrens auf der Zunge und ließ mich fallen, hinein in einen glückseligen Traum.
Irgendwann unterbrach ein penetrant wiederkehrendes lautes Klopfen meinen wundervollen Traum, und zwar genau an der Stelle, wo meine Lippen dabei waren Gittis kleine Brüste zärtlich zu umschmeicheln. Ich war völlig benommen und gar nicht in der Lage irgendetwas zu realisieren, als diese dumpfen Schläge, die wie das Schlagen einer Trommel unaufhörlich mein Gehör malträtierten, wie wild auf mich einhämmerten. Als hätte mich ein Blitz getroffen, katapultierte ich mich aus meinem träumenden Glückstaumel, schnellte jäh hoch und glaubte meinen Augen nicht zu trauen, denn in der weit geöffneten Wohnungstür stand, meinen Namen laut in den Raum schreiend, meine Nachbarin:
„Stehen sie auf, schnell, es brennt, stehen sie auf!“ Sie war total aufgeregt, fuchtelte wild mit ihren Händen herum und drängte mich, umgehend mit ihr nach unten zu kommen. Ihre Verbalattacke zeigte so schnell bei mir erst einmal keine Wirkung, denn ich war krampfhaft bemüht überhaupt aufzustehen, und unternahm alle Anstrengungen um in die Senkrechte zu kommen, rieb mir verzweifelt die Augen, weil ich nach wie vor überzeugt war, dass ich mich noch im Traumland befände.
Aus weiter Ferne, von draußen kommend, registrierte ich in meinem vermeintlichen Wachkoma letzte akustische Warnsignale einer Feuerwehr, die gerade dabei waren wieder abzuebben, bis sie, wie auf ein Kommando hin, plötzlich schlagartig verstummten. Alle Kraft zusammen nehmend rappelte ich mich mühsam auf, und stand zunächst zur Säule erstarrt zwischen den am Boden liegenden, ineinander verflochtenen Leibern. Meine Nachbarin geriet fast außer sich und drängte mich, doch nun endlich zu kommen. Als ich auf sie zuwankte, wollte ich einfach nicht wahrhaben, was ich da vor mir sah:
Aus dem Treppenhaus kommend arbeiteten sich dicke Schwaden schwarzer Rauchwolken langsam bis in mein Zimmer vor, rollten wie eine dunkle Regenwolke auf mich zu und nahmen mir fast den Atem. Spätestens jetzt war ich hell wach und wieder Herr meiner Sinne. Mir selbst einen Stoß versetzend, hüpfte ich torkelnd über das am Boden liegende Menschenknäuel, rüttelte Gitti und danach alle anderen wach und rannte wenig später, nur mit der Unterhose bekleidet, als hätte man mich beim verbotenen Liebesakt ertappt, hinter meiner Nachbarin her die Treppe hinunter.
Schon auf dem ersten Treppenabsatz konnte ich erkennen, dass die dicken Rauchschwaden, aus der Besenkammer kommend, im Begriff waren sich in rasender Geschwindigkeit weiter nach oben zu arbeiten, um mittlerweile das gesamte Treppenhaus einzunebeln. Durch die dichte schwarze Wand hindurch sah ich hin und wieder, wenn auch nur schemenhaft, die silbernen Blitze blanker Feuerwehrhelme huschen. Zwischen dem undurchsichtigen Nebel erblickte ich einige emsig durcheinander wirbelnde Männer, die mit angelegter Gasmaske damit beschäftigt waren, mittels einer langen Eisenstange ein großes, stark qualmendes Monster aus der Besenkammer herauszuziehen.
Endlich auf dem unteren Treppenabsatz angekommen, stand ich mit zitternden Knien wie ein Häufchen Elend hinter meiner mit zusammengekniffenen Augen dastehenden Nachbarin. Vor lauter Angst schlotternd sah ich auf die total verschlafenen, durchnächtigten Gestalten, die sich mittlerweile treppauf hinter mir wie zu einem Gruppenfoto drapiert hatten. Wie angewurzelt standen sie alle auf den Stufen der Treppe, jeglicher Lebensäußerung unfähig. Ich blickte durchweg in blasse, erschrockene Gesichter, die sich Taschentücher oder Kleidungsstücke vor den Mund gehalten hatten. Sah wie meine Freunde mit geröteten Augen und kreidebleichen Gesichtern wortlos die Rettungsaktion der Feuerwehrmänner verfolgten.
Immer noch völlig benommen hatte ich das Gefühl, wie ein Außenstehender an dieser bizarren Szenerie teilzunehmen. Meine verschlafenen Augen beobachteten, wie die Männer in ihren schwarzen Uniformen mit vereinten Kräften, bewaffnet mit Schaufeln, Stangen und einem roten Schaumlöscher, den schwelenden, bereits nach draußen beförderten Brandherd mit dickem weißem Schaum besprühten, der sich wie eine frische Schneedecke wellenförmig über das qualmende Monster legte.
Schon nach dieser kurzen Löschaktion wurde mir langsam klar, der vermeintliche Übeltäter war der zusammengerollte alte Teppich gewesen. Diese nachlässig in die Kammer abgestellte Rolle hatte vermutlich dem letzten Pärchen als Ruheplatz nach dem Schlüpfersturm gedient und beim Einschlafen musste einer der Liebenden seine Zigarette nicht richtig entsorgt, oder sie in taumelnder Erregung im Teppich ausgedrückt haben.
Die Brandursache war damit für mich zweifelsfrei geklärt. Nicht so klar waren mir allerdings in diesem Moment die Folgen, die dieser abenteuerliche Abschluss meiner illustren Geburtstagsfete für mich noch haben konnte. Und obwohl mich meine Nachbarin vor Ort verbal erst einmal zur Schnecke gemacht hatte, half sie mir zu meinem großen Erstaunen im Nachhinein bei der Protokollaufnahme, zu der ich allein wohl gar nicht fähig gewesen wäre. Unaufhörlich hatte sie beschwichtigend auf den Feuerwehrhauptmann eingeredet, der sich offensichtlich wohl auch durch ihren Redeschwall wieder hatte beruhigen lassen. Wie ich später feststellen konnte, mussten ihre mit viel Geschick vorgetragenen Argumente diesen Mann letztlich sogar überzeugt haben:
Dies sei ausnahmslos mein jugendlicher Leichtsinn gewesen, gepaart mit der hinlänglich bekannten Unachtsamkeit junger Leute, all diese leichtsinnigen Verhaltensweisen hätten letztlich zu diesem kleinen Vorkommnis geführt. Erstaunlicherweise musste das für den Hauptmann irgendwie einleuchtend geklungen haben, denn er schien es sogar zu glauben, hatte dem absolut nichts mehr entgegenzuhalten, machte kehrt und befahl seinen Leuten den Rückzug. Als die alarmierte Feuerwehr nach einer knappen halben Stunde, und dass ohne die Androhung irgendeiner Strafe wieder abzog, war ich mehr als beruhigt und konnte endlich wieder tief durchatmen, ein großer Stein fiel lautlos von meinem Herzen.
Trotzdem war ich zutiefst hilflos, stand wortlos fröstelnd, nur mit einer dünnen Unterhose bekleidet, inmitten meiner ebenso spärlich bekleideten Gäste, und starrte hilflos auf die große, noch leicht vor sich hin schwelende Teppichrolle.
Ein wenig ratlos waren wir alle, standen barfuss auf dem feuchtkalten Rasen und mussten erkennen, wie schnell sich der Hauch von dolce Vita, der eine ganze Nacht lang über uns geschwebt hatte, ganz schnell wieder im Nichts auflösen konnte.
Durch den aufsteigenden Nebel mühten sich bereits die ersten Sonnenstrahlen. Für mich und meine Freunde endete, wenn auch mit einem kleinen Schrecken, ein aufregender Geburtstag und ein neuer Septembermorgen nahm seinen Anfang.
3
Ausgerechnet am Morgen nach meinem Geburtstag musste ich recht früh in das DEFA Studio fahren. Meine letzten Gäste hatten sich gegen sieben Uhr verabschiedet, und ich musste mich sputen um die auffälligsten Hinterlassenschaften meiner Fete einigermaßen aus dem Weg zu räumen, hüpfte eilig ins Bad, um unter der Dusche meinem Normalzustand wieder ein wenig auf die Sprünge zu helfen. Als ich wenig später ungefrühstückt aus dem Haus stürzte, fühlte ich mich doch etwas wacklig auf den Beinen und verlangsamte meinen Gang um mir zur Stärkung eine Zigarette anzuzünden.
Schon mit den ersten Rauchwölkchen schickte ich alle störenden Gedanken erleichtert in den Morgenhimmel, denn das wunderbare Erlebnis mit Gitti hatte sich ganz tief in mir eingekrallt. Meine Gedanken balancierten zwischen Traum und Wirklichkeit. Dieses Fallenlassen hatte ich bisher in keiner Beziehung, und schon gar nicht in dieser Intensität gefühlt, mehr noch, unsere Schwingungen waren absolut auf gleicher Ebene verlaufen. Ob geistig oder sexuell, unsere Empfindungen hatten sich auf wundersame Weise ergänzt, sich im Miteinander ausgetauscht, waren letztlich sogar ein wenig in einander verschmolzen. Für mein Zeitempfinden hatte das intensive Zusammensein mit Gitti eine gefühlte Ewigkeit gedauert und trotzdem befürchtete ich, dass all dies vermutlich wohl ein schöner Traum bleiben würde. Gitti hatte schließlich einen Partner an den sie durch ihre Ehe mehr oder weniger gebunden war, ich hingegen war ledig und frei.
Wenn ich jetzt versuchte nüchtern darüber nachzudenken, begann meine anfängliche Euphorie, die auch an diesem Morgen überhaupt nicht nachlassen wollte, ganz allmählich wieder zu zerbröseln, und letztlich ergab sie sich dem Zwang der nüchternen Realität. Genau diese Wirklichkeit aber wollte ich auf keinen Fall annehmen, wollte sie einfach beiseite wischen, wollte weiter träumen, musste aber erkennen, dass sich erste trübe Schleier über den gerade gelebten Traum legten. Die eben noch vorhandenen imaginären Glücksmomente wurden im Handumdrehen wieder weggewischt, aufgesaugt vom nebligen Dunst des Alltäglichen.
An ihrer Stelle tauchten scharf konturierte Bilder wie aus dem Nichts vor mir auf, stellten sich mir in den Weg, überlebensgroß, blieben unverrückbar und in jedem dieser Bilder sah ich plötzlich ein Hindernis, stand vor einer Barriere, vor Problemen die aus verschiedenen Gründen vorerst nicht zu lösen waren. Zwiespältige Gefühle schlichen sich in mein Unterbewusstsein, nagten an meiner Hochstimmung, stellten mir die unbequeme Frage nach einer klaren Entscheidung. Aber wollte ich überhaupt Fragen zulassen, Konflikte an mich heranlassen, oder wollte ich mich wieder einmal dem Augenblick des kleinen Glücks hingeben? War der Zustand in den ich über Nacht gefallen war nur eine Momentaufnahme, oder konnte ich auf ein gemeinsames Morgen hoffen? Fragen, die mich total verunsicherten, die ich einfach nicht beantworten konnte, vielleicht aber auch gar nicht wollte.
Im Widerstreit der Gefühle kamen Zweifel auf, darunter mischten sich Gedanken an meine frühere Freundin Marion, schließlich war sie in Babelsberg meine erste große Liebe gewesen. War diese Nacht mit Gitti vielleicht der Beginn einer neuen Liebe, und war es die uneingeschränkte wirklich große Liebe, die ich damals in jener Babelsberger Sommernacht auch schon bei Marion glaubte gefunden zu haben, oder war es vielmehr jene Blindheit, die man grundsätzlich einer totalen Verliebtheit zuschreibt?
Wenn ich jetzt die beiden Beziehung miteinander verglich, Gitti aus meiner Betrachtung herausließ, traten Marions Konturen schon etwas deutlicher in den Vordergrund und das alles verklärende Rosarot, in dem ich sie einst gesehen hatte, wich dem nüchternen, analytischen Blick auf das Wesentliche unserer damaligen Beziehung:
Marion hatte ich bei einem Tanzabend im Ratskeller kennen gelernt. Sympathie und ein kleiner Anflug von Verliebt sein war von uns beiden ausgegangen, genau wie das natürliche Verlangen nach Körperlichkeit, nach dem Ausloten unserer sexuellen Intimität. Nach diesem ersten Kennen lernen war nicht einmal eine Woche verstrichen, und es gab wieder einen heißen Tanzabend in den Clubräumen des Ratskellers. Am Ende des Abends hatte auch Marion das Bedürfnis mit zu mir zu kommen, weil wir beide überzeugt waren, jetzt müsse es einfach sein.
Es war eine Nacht, die sich noch lange in meinem Gedächtnis aufgehalten hat, einzig vom Überschwang der Gefühle diktiert, wie es so oft bei der ersten großen Begegnung zweier Liebenden empfunden wird. Im Taumel zwischen heftigen Umarmungen und zärtlichen Küssen dauerte es quälende Stunden bis ich glaubte, dass sich unsere Schwingungen nach unendlich zähem Ringen endlich auf gleicher Wellenlänge getroffen hätten. Bei mir hatte sich dieses Gefühl von Harmonie zwar erst ganz allmählich hergestellt, und deshalb wollte ich unbedingt herausfinden, ob auch unsere Körper in der Lage waren, sexuell einen harmonischen Gleichklang zu entwickeln. Aber schon wenig später schlich sich bei mir so etwas wie Enttäuschung ein. Zu meinem Bedauern musste ich erkennen, dass wir im erotischen Umgang miteinander grundsätzlich sehr unterschiedliche Vorstellungen und Empfindungen hatten. Im Nachhinein erinnere ich mich noch sehr genau an den Verlauf jenes Abends, diktiert von der Suche nach der großen Liebe, an meine unendliche Sehnsucht nach Erfüllung, und an die einzelnen Vorgänge, wie sie auf meinem Sofa abgelaufen sind, sich nachhaltig in mein Gedächtnis eingegraben haben:
Ungewöhnlich lange war ich damit beschäftigt Marion auszuziehen, um sie nach Überwindung meiner Scheu endlich meiner Begehrlichkeit zuführen zu können, sie einfach zu nehmen, um so meinem zögerlichen Verhalten ein für allemal ein Ende zu setzen, so mein Vorsatz. Dieses ständige Hinauszögern von entschlossenem Handeln, besonders wenn es darum ging, eine Frau richtig zu erobern, hatte primär etwas mit meiner damaligen Einstellung des Herangehens an den weiblichen Körper, mit meiner Auffassung von Sexualität, zum Teil aber auch mit meinen total verklemmten Ansichten im Umgang mit dem weiblichen Wesen zutun, Relikte aus der religiös geprägten Erziehung meiner Eltern. Was auch immer es gewesen sein mag, in meinem Unterbewusstsein hatte sich schon in frühen Kindheitstagen diese ängstliche Ehrfurcht vor der Sexualität des weiblichen Körpers eingenistet. Falsch sortierte Befindlichkeiten, die auch noch später jedes vordergründige sexuelle Begehren unterdrückten, mich permanent daran hinderten, pure Sexualität genussvoll ausleben zu können.
Den Akt der körperlichen Vereinigung betrachtete ich vielmehr als die absolute Krönung, hielt ihn für den Tabernakel der Liebe, sah in ihm das allerhöchste Glücksgefühl. Sich mit seinem ganzen Körper, mit allen Sinnen uneingeschränkt dem Partner hinzugeben, für mich der Beweis für die wahre, für die große Liebe. Dieses Denken steuerte in jenen Tagen einzig und allein mein gesamtes Handeln. Reines animalisches Verlangen hatte ich weit hinter die Größe einer wahren Beziehung gestellt, und ausnahmslos der ethischen Begrifflichkeit von Liebe untergeordnet.
Die Nachhaltigkeit solcher Augenblicke, Momente in denen ich ganz andere Erfahrungen machen musste, hat noch lange in mir gelebt. Auch heute erinnere ich mich noch genau an einzelne Sequenzen jener Nacht mit Marion, an meine überaus schüchterne, zärtliche Vorgehensweise, an das Zittern meiner Finger, die zaghaft versuchten Marions Körper zu berühren, wie sie unendlich zögerten, sich sogar sträubten, ja beinahe verkrampften, sich umständlich mühten, um bis zu ihren kleinen runden Hügeln vorzudringen. Kein anderes Begehren im Sinn, als ihre zarten Brüste sanft streicheln zu können.
Ohne es zu wollen, hatten zwei Gefühlswelten in mir rumort, waren einen ungleichen Kampf gegeneinander angetreten, lösten ein Beben in mir aus, von dem ich befürchten musste, dass es mich augenblicklich zerreißen könnte. Mein rationales Denken war in diesem Moment wie ausgelöscht, ich wusste überhaupt nicht mehr, war es genau diese immerwährende verdammte Ehrfurcht, oder war es schlicht die ungeheure Aufregung in mir, die mit einem Schlag meinen ganzen Körper erschütterte, ihn nahezu handlungsunfähig machte. Alle Voraussetzungen für eine körperliche Vereinigung, für das genussvolle Ausleben von Sexualität, waren damit schon im Vorfeld wieder ausgeschaltet worden, hatten das gemeinschaftliche Erlebnis einer gegenseitigen Befriedigung einfach blockiert. Wie nicht anders zu erwarten, kam es bei mir zur vorzeitigen Ejakulation.
Viele Monate brauchte es bis ich begriffen hatte, dass Marions Vorstellungen von einem erfüllten Liebesleben auf einer ganz anderen Ebene gelegen hatten. Dieses zögerliche Handeln, meine übertriebene Sensibilität und meine Zaghaftigkeit, all diese Verkrampfungen hatten bei ihr wohl eher einen Pennäler haften Eindruck hinterlassen und ich war mir im Nachhinein völlig sicher, dass sie von mir ganz einfach nur erwartet hatte, genommen zu werden.
Obwohl wir fast gleichaltrig waren, kam ich mir damals sehr viel jünger, insbesondere aber sehr viel unreifer vor. Wenn ich dieses Phänomen heute aus der Distanz betrachte, scheint sich dieser geschlechtertypische Unterschied bei gleichaltrigen Jugendlichen, setzt man ein von gegenseitiger Achtung geprägtes Frauenbild voraus, bis heute nicht wesentlich verändert zu haben. Mag sein, dass die Erfahrung unterlegen zu sein, damals für mich eine große Enttäuschung auf der Suche nach Erfüllung, aber auch eine wichtige Erkenntnis in einem lang andauernden Reifeprozess war.
Seit jener Nacht hatte sich unsere Beziehung mehr und mehr abgekühlt, nichts war geblieben vom leidenschaftlichen Begehren, von Schwingungen auf gleicher Wellenlänge, vom Gleichklang der Empfindungen. Mein unerfüllter Wunsch nach wirklicher Liebe, mein Streben nach Harmonie, all meine schwärmerischen Sehnsüchte, sie verloren sich in Belanglosigkeit.
Zuweilen geschah es, dass sich unsere Wege wieder kreuzten, ob auf Tanzabenden im Ratskeller, oder auch im Lindencafe. Zu verbindlichen Verabredungen ist es seit dem ersten Abend unserer Begegnung aber nie wieder gekommen, nicht einmal auf ein Glas Rotwein im Cafe. Manchmal endet eine große Liebe eben auch genau so schnell wie sie begonnen hat.
Wenn ich in diesem Zusammenhang jetzt wieder über das Erlebnis der letzten Nacht nachdachte, sie den enttäuschenden Erfahrungen mit Marion gegenüberstellte, empfand ich unser zufälliges Aufeinandertreffen völlig anders gelagert. Wenngleich ein leidenschaftliches Ausleben dieser erfüllten Zweisamkeit schon beim nächsten Treffen Probleme bereiten konnte, hatte sich das Erlebnis Gitti fest in meinem Körper eingebrannt, jagte durch meine Adern wie ein heißer Lavastrom, überschüttete mich mit lauter Glückshormonen, und hinterließ das einmalige Gefühl des völligen erfüllt Seins.
Obwohl ich mich jetzt auf dem Weg zur Arbeit befand, spürte ich wieder einmal in mir diese ungeahnte Leichtigkeit, schwebte geradezu meinem Ziel entgegen, wollte in meiner anhaltenden Hochstimmung diesen sonnigen Septembertag mit allen Sinnen genießen. Für einen kurzen Moment verlangsamte ich meinen Schritt und blieb kurz stehen, um mir eine weitere Zigarette anzuzünden. Gegen die Sonne blinzelnd sog ich den ersten Zug tief in mich hinein, stieß den bläulichen Rauch verspielt in den wolkenlosen Morgenhimmel, ließ alle schwermütigen Gedanken mit den kleinen Wölkchen ziehen, und alle fröhlichen Gedanken wieder an mich heran. So eben hatte ich mein Gleichgewicht wieder gefunden und schlenderte beschwingt vor mich hindösend der Bushaltestelle entgegen.
In diesem Schwebezustand, in dieser sorglosen Zwiesprache mit dem Morgen, hätte ich beinahe übersehen, dass nur wenige Schritte vor mir ein junges Mädchen leichtfüßig auf die Bushaltestelle zusteuerte. Um nicht den Eindruck zu erwecken, ihr hinterher zu rennen, verlangsamte ich neugierig geworden meinen Gang und betrachtete aus der Distanz noch etwas verträumt ihr langes schwarzes Haar, dass nur wenige Meter vor mir auf wunderbare Weise in der Sonne flimmerte. Gerade geschnitten berührte es bei jedem ihrer Schritte sanft abrollend ihre Hüften, wie eine stetig wiederkehrende Meereswoge, die im feinen Sand kräuselnd versickert. Das schulterlange Haar, beinahe deckungsgleich am Saum ihres roten Pullovers endend, fächelte bei jeder wallenden Bewegung bläulich schwarze Reflexe auf das kräftige Rot ihres Pullis.
An der Haltestelle angekommen blieb sie plötzlich stehen und drehte sich unverhofft zu mir ein. Es waren nur wenige Meter die uns jetzt noch voneinander trennten, so dass ich augenblicklich wie angewurzelt stehen blieb, um aus lauter Verlegenheit nach einer neuen Zigarette zu fingern, peinlich darauf bedacht, die vorhandene Distanz zwischen uns beizubehalten.
Wie es aussah waren wir an diesem Morgen auch die einzigen Fahrgäste, die auf den Bus wartend an der etwas verwaisten Haltestelle standen. Weit und breit konnte ich keine Menschenseele entdecken, ein Gefühl von Unsicherheit beschlich mich: Wie sollte ich mich jetzt verhalten, wie konnte ich mich dem fremden Mädchen nähern, wie trat ich ihr freundlich gegenüber, ohne sie plump anzumachen?
Viel Zeit zum Überlegen blieb mir aber nicht und so fasste ich allen Mut zusammen, überwand meine Hemmungen und deutete durch ein verhaltenes Nicken meiner gegenüberstehenden Schönen den Morgengruß an. Zuerst sah sie mich etwas verwundert an, aber schon wenig später schienen sich ihre Mundwinkel zu einem zaghaften Lächeln entschlossen zu haben, mehr noch, ihr kirschroter Mund hauchte mir sogar ein freundliches „Guten Morgen“ entgegen. Diese unerwartete Freundlichkeit machte mich allerdings wieder ein wenig nervös, sodass ich die Augen zusammenkniff und unsicher gegen die Sonne blinzelte, um das hübsche Mädchen besser in Augenschein nehmen zu können.
Das frühe Gegenlicht zeichnete ein weiches Profil ihres Körpers in den Morgen, so dass mich die Anmut ihrer Erscheinung unmittelbar gefangen nahm. Vages Hoffen schoss durch meine verschlafenen Gedanken, unterdrückte Strategieüberlegungen zuckten plötzlich wie Blitze durch mein Hirn. Mutiger geworden rückte ich schon einen Schritt näher an ihre Seite und überlegte, wie ich jetzt aus heiterem Himmel ein Gespräch beginnen könne, brachte aber kein einziges Wort hervor.
Mein seltsames Verhalten musste sie aber bemerkt haben, denn ihre großen dunklen Augen musterten mich jetzt nicht ohne Neugier. Ihr ebenmäßiges Gesicht mit den lang herunterfallenden schwarzen Haaren hatte sich dabei so zu mir eingedreht, dass das schön geformte Antlitz unwillkürlich Kindheitserinnerungen in mir weckte. Für einen Moment hatte ich die Königstochter aus dem Märchen vor Augen, dachte an die blasse Schönheit von Schneewittchen, und an das auffallend leuchtende Rot des Mundes in ihrem blassen Antlitz. Und genau dieses märchenhafte Bildnis war es, welches jetzt auf wundervolle Weise den traumhaft strahlenden Herbstmorgen ergänzte, ihn mit gleißendem Sonnenlicht durchflutete. Mein anfänglicher Mut, meine Hoffnung, bis zum Eintreffen des Busses wenigsten kurz mit ihr sprechen zu können, zerrann auf einmal wieder genauso schnell wie er aufgekommen war. Die Anhäufung der vielen positiven Einflüsse um mich herum, das Erlebnis der vergangenen Nacht, das alles war zu viel, ließ mich taumeln, und meine Fähigkeit zu sprechen erlahmen. Mein hoffnungsvoller Blick verschleierte sich, versank schlicht im grauen Dunst der Wirklichkeit, indem sich auch diese wunderbare Vorstellung genau so schnell wieder auflöste, und Schneewittchen lautlos in den Märchentraum zurückschickte.
Schon wenige Minuten später hüpfte ich, im Kopf zwar noch ein wenig benommen, körperlich aber wesentlich gestärkter, mit der Leichtigkeit einer Gazelle in den vorgefahrenen Linienbus. Ich setzte mich ohne Scheu direkt hinter meine Märchenprinzessin, ließ meine Träumereien ganz langsam ausklingen und mich gemächlich zum Rathaus Babelsberg schaukeln. Als der Bus anhielt, ließ ich auch das Schwärmen aus meinen Kindheitstagen allein im Bus zurück, und schubste Geist und Körper aus dem Traum in die Wirklichkeit. Die beiden Stufen des Ausgangs nahm ich mit einem schwungvollen Satz und mir war, als wäre ich gerade als Prinz dem Märchen entsprungen.
Leichtfüßig, und ohne mich noch einmal nach Schneewittchen umzusehen, begab ich mich gut gelaunt auf den restlichen Weg ins Studio. Ein kurzer Blick auf die große Standuhr an der Haltestelle verriet mir, dass ich einen Schritt zulegen musste, denn ein wichtiger Termin wartete schon auf mich.
Ab und zu, bei meinen morgendlichen Gängen zur Bushaltestelle, tauchte das hübsche schwarzhaarige Mädchen wieder auf, trotzdem brachte ich aber nie den Mut auf sie anzusprechen. Eine Restzeit Gitti musste sich wohl nach wie vor noch in mir eingenistet haben, und ließ sich auch nicht so einfach wieder wegwischen. Dieses tief greifende Erlebnis schränkte meine Unternehmungslust jedes Mal erheblich ein, und bremste meinen Drang nach neuen Eroberungen für lange Zeit gewaltig ab. Der kleine Funke Hoffnung, ja allein der Gedanke sie noch einmal wieder zusehen, sie endlich wieder in meine Arme nehmen zu können, blockierte geradezu meine innere Bereitschaft, mich für neue Beziehungen öffnen zu können.
Erst einige Monate später habe ich Schneewittchen im Lindencafe näher kennen gelernt, erfuhr ihren richtigen Namen und darüber hinaus, dass sie eine Schneiderlehre absolvierte. Aber erst Jahre später hat uns der Zufall auf einer ganz anderen Ebene wieder zusammengeführt.
4
Für mich ungewöhnlich früh saß ich an diesem Freitag in der Straßenbahn nach Potsdam, um in der dortigen Milchbar die Leichtigkeit des Spätsommertages in mich aufzusaugen, denn dieser strahlende Vormittag in der ersten Augusthälfte des Jahres 1961 versprach recht heiß zu werden.
Gerade mal vier Tage war ich aus München zurück, wo ich beim Besuch meiner Spielfreundin aus Kindheitstagen einen aufregenden Urlaub verbracht hatte. Ihre Eltern hatten mir ein Flugticket spendiert, um mir eine Ausreise ohne Grenzkontrolle aus der damals noch offenen Grenze zu Westdeutschland zu ermöglichen. Von Babelsberg mit der S-Bahn nach Westberlin zu fahren war problemlos, und mit einem Flieger der PanAm von Tempelhof nach München zu kommen ein kurzes Vergnügen, denn ich betrat schon nach einer knappen Flugstunde freiheitlichen Boden.
In den zurückliegenden vierzehn Tagen hatte ich viel Neues gesehen, lernte von der Stadt München mit seinem Hofbräuhaus über den Ammersee bis nach Garmisch-Patenkirchen, dem Kreuzeck und der Zugspitze all das kennen, was Bayern so liebenswert macht. Die Eltern meiner Spielgefährtin hatten die DDR bereits in den fünfziger Jahren verlassen und sich im Westen ihre neue Existenz aufgebaut, was es mir letztlich auch ermöglichte, diesen erlebnisreichen Urlaub im Westen zu verbringen. Mal war ich mit meiner Freundin, die schon auf liebliche achtzehn Jahre zurückblicken konnte allein unterwegs, mal mit ihrem Vater, mit dem ich allerdings mehr die bayrische Kneipenlandschaft kennen lernte, die im Hofbräuhaus ihren Anfang nahm und in der Nacht in irgendeinem Münchner Biersaal endete.
Wenn ich tagsüber mit meiner Jugendfreundin durch die Innenstadt und über den Stachus promenierte, fielen mir neben den vielen bunten Geschäftsauslagen besonders die überladenen Zeitungskioske ins Auge. Fast alle Tageszeitungen verkündeten in auffällig großen Lettern Ulbricht plant Mauerbau! Richtig begriffen hatte ich nicht, was damit gemeint war, denn der Begriff „Mauer“ überforderte mein damaliges Vorstellungsvermögen, er war für mich nicht real fassbar. Vielleicht war es Ignoranz mangels besseren Wissens oder es war meine jugendliche Unbekümmertheit, die mich einfach daran hinderte, die Dinge tiefer zu hinterfragen. Teilweise wird es auch das leichte Herzbubbern gewesen sein, das sich durch meine reizende Stadtführerin einstellte und dadurch jeden Gedanken an die große Weltpolitik einfach in den Hintergrund schob. Verdrängen kann so einfach sein, insbesondere dann, wenn das Herz den Verstand regiert. Unter dem Einfluss all dieser aufregenden Erlebnisse und Gefühlsbewegungen genoss ich die unbeschwerten Tage in der bayrischen Metropole, tauchte ein in eine neue, fremde Welt, von der ich mich später nur schweren Herzens trennen wollte.
Als ich nach zwei Wochen wehmütig von meinen Gastgebern Abschied nahm, hatte ich ein seltsames Gefühl in der Magengegend, das ich mir aber nicht so recht erklären konnte. Alle Bedenken beiseite schiebend, dachte ich nicht einmal mehr an die warnenden Schlagzeilen in den Tageszeitungen und bestieg gut gelaunt den Flieger, der mich zurück in die aufregende, damals noch viergeteilte Metropole Berlin brachte.
An diesem spätsommerlichen Vormittag betrat ich voller Tatendrang die noch wenig besuchte Milchbar, schaute verloren in die Runde und entschied mich, einfach direkt am Tresen neben einem jungen Mann Platz zu nehmen. Er war bekleidet mit einem grau grün schillernden Anzug, einem weißen Oberhemd mit schmaler, grüner Wildlederkrawatte und auffällig glänzenden schwarzen Halbschuhen. Vor sich hatte er ein halbvolles Cocktailglas stehen, und die darin schwimmende Kirsche ließ auf Gin Fizz schließen, den er offensichtlich genussvoll in kleinen Schlucken nippend geraume Zeit auf der Zunge verweilen ließ, bevor das wacholderhaltige Getränk durch die Kehle den Weg in seinen Magen fand.
Mit einem freundlichen Nicken setzte ich mich zu ihm, bestellte bei der reizenden Bardame einen Manhattan und während ich ihr beim Schütteln des Mixgetränkes zusah, holte ich aus meiner Jackentasche eine gelbe Zigarettenschachtel hervor, klappte sie auf und entnahm ihr eine ovale Orient, meine Lieblingszigarette. Mit einem viel sagenden Lächeln stellte die hübsche Bardame den Cocktail vor mir auf den Tresen ab, steckte einen Strohhalm in das Glas, schob es ganz nah an mich heran und ihr „Wohl bekomms“ ließ in mir die Hoffnung aufkommen, dass es nicht nur eine Floskel war. In ihren Augen hatte ich ein leichtes Flackern bemerkt, glaubte in meiner Euphorie sogar Anzeichen von Zuneigung erkannt zu haben und kramte sichtlich nervös nach meinem Feuerzeug.
Mein Barnachbar schien mein vergebliches Suchen zu bemerken, legte seine Zigarette auf den vor ihm stehenden Aschenbecher und griff in seine Jackettasche. Zum Vorschein kam ein silbrig glänzendes, mit einer Gravur versehenes Feuerzeug, welches blitzschnell, wie das Ziehen einer Pistole, mit einer schwungvollen Geste unter meiner Zigarette landete. Schweigend entnahm er dem Aschenbecher wieder den vor sich hin qualmenden Glimmstängel, sah mich kurz an und fast gleichzeitig, als hätten wir uns abgesprochen, zogen wir unseren Rauch in tiefen Zügen ein.
Interessiert vor uns hin schweigend beobachteten wir beide die Bardame, die mit der Zubereitung eines anderen Cocktails beschäftigt war, dafür dünne Scheiben von einer Zitrone schnitt, sie einritzte und auf den mit einem Zuckerkranz versehenen Rand des Cocktailglases stülpte. Danach verschwand sie an einen der runden Tische im Raum, um das mit Zuckerkristallen dekorierte Glas einem jungen Mann zu servieren.
Mein Nachbar drehte sich zu mir ein und unterbrach sein Schweigen mit der Feststellung: „Dich habe ich hier aber noch nicht gesehen, bist du das erste Mal hier?“
Seine Frage bejahend nutzte ich diese Gesprächseröffnung und begann, nicht ganz frei von innerlicher Spannung, von meiner Münchenreise zu erzählen, die mich nachhaltig beschäftigte. Ihn schien das sehr zu interessieren, denn er fragte mich nicht nur über die Sehenswürdigkeiten aus, sondern fragte auch sehr besorgt, ob ich denn dort etwas über einen angeblichen „Mauerbau“ gehört hätte. Ich erwähnte ihm gegenüber zwar, dass die Tageszeitungen mit solchen Schlagzeilen getitelt hätten, dass ich dies alles aber nicht so ernst genommen hätte, dass ich es vielmehr für Propaganda hielt.
Unser Gespräch wurde von nun an lebhafter, geradezu vertraut und dabei erfuhr ich von ihm, dass er Kurt hieß und in der Gaststätte „Haus des Handwerks“ als Schlagzeuger der dortigen Cafehausband tingelte. Neugieriger geworden fragte ich, ob er denn die Bardame näher kenne, ohne dabei zu verschweigen, dass ich sie recht sympathisch fand. Kurt gab mir bereitwillig Auskunft, verriet in seiner lockeren, geschwätzigen Art, dass sie verheiratet, ein feiner Kumpel und für vieles offen sei, was zu den schönen Seiten des Lebens zählte, ohne dabei leichtfertig zu erscheinen und sie höre auf den schönen Namen Elvira.
Kurts ergiebige Auskünfte sorgten dafür, dass meine Blicke fortan einzig und allein auf Elvira gerichtet waren. Sie hatte glatt nach hinten gekämmte, zu einem Pferdeschwanz gebundene braune Haare und einen ausgesprochen schön geformten kleinen Schmollmund, der nur ein schwaches Rot auf ihren Lippen zuließ. Irgendwie konnte ich nicht aufhören, sie länger bei ihren anmutigen Bewegungen zu beobachten, und je näher sie mir dabei kam, umso aufgeregter wurde ich. Sie schien dies zu bemerken, gab sich aber völlig locker, machte ganz unauffällig zwei Schritte zur Seite und stand mir plötzlich genau gegenüber.
Mit dem unschuldigsten Lächeln der Welt sah sie mich mit ihren frechen blauen Augen an, und fragte uns beiden zugewandt:
„Na, darf ich euch noch etwas Gutes tun?“
Ihrem Blick standhaltend stotterte ich leicht verwirrt:
„Ja, äh...,“ schaute kurz zu Kurt und wieder zurück, um etwas entschlossener wirkend nach einer Antwort zu suchen:
„Ja Elvira, du kannst uns noch etwas Gutes tun, wenn du uns einfach noch zwei Gin Fizz machst und was kann ich dir anbieten?“
„Oh danke, ich trinke einen Milch Shake, eure beiden Gin Fizz sind schon in Arbeit“, damit verschwand sie wieder in die andere Ecke des Tresens und begann mit der Vorbereitung der Cocktailgläser, in die sie zuerst zerkleinerte Eisstücke tat, um sie danach mit Gin aufzufüllen. Auch das Eis zwischen uns schien gebrochen und während ich weiter mit Kurt über München plauderte, dachte ich bereits über eine Möglichkeit nach, wie ich Elvira vielleicht wieder sehen könnte.
Als sie mit unseren Cocktails und ihrem Milch Shake zurückkehrte, war ich mir sicher, dass ich in ihren Augen ein wenig Zuneigung erkennen konnte, dass ein kleiner Funke übergesprungen war, der eine winzige Hoffnung zuließ. Wie lange ich ihrem Blick standhielt, weiß ich nicht mehr, wohl aber, dass ich für meinem Gin Fizz genauso lange brauchte, wie Elvira für ihren Milchshake, und erst als der Strohhalm auf dem Boden des Glases ein geräuschvolles Brodeln verursachte, schreckten wir wieder aus unserem innigen Blickkontakt auf.
Mittlerweile waren neue Gäste erschienen, um die sich Elvira jetzt bemühen musste. Sie nahm ihr leeres Glas, lächelte mich noch einmal an und mit ein wenig Traurigkeit in der Stimme sagte sie beiläufig:
„Entschuldige, ich glaube, ich muss jetzt wieder arbeiten“ und halb zu Kurt gewandt fügte sie hinzu:
„Möchtet ihr noch etwas trinken?“ Kurt verneinte mit dem Zusatz, dass er bald arbeiten müsse, und deshalb bezahlen möchte. Ich sah etwas erschrocken auf meine Uhr und stellte fest, dass ich mich ebenfalls beeilen musste, denn man wartete im Studio noch auf mich, um Details für eine Dienstreise zu besprechen.
Beim Bezahlen wollte ich von Elvira allerdings noch wissen, ob sie das Lindencafe kenne und ob wir uns dort eventuell mal wieder sehen könnten.
„Natürlich kenne ich das Lindencafe und wenn du möchtest, ich habe immer montags frei, dann könnten wir uns dort sehen, so ab achtzehn Uhr, warte dort einfach auf mich.“ Überglücklich betonte ich, dass dort sowieso mein zu Hause wäre und ich gerne auf sie warten würde. Damit endete unsere erste viel versprechende Begegnung, ich verabschiedete mich von Kurt mit dem Hinweis, dass ich mich bestimmt bald mal im „Haus des Handwerks“ von seinen Drummerkünsten überzeugen würde, und eilte aus der Milchbar zur Straßenbahn.
Im Studio angekommen wartete mein Freund Chris schon ungeduldig auf mich, um mir mitzuteilen, dass ich am Sonntag bereits in Mühlhausen zu erscheinen hätte, um dort einen Kollegen von seiner Arbeit abzulösen. Diese Nachricht hatte mich zunächst etwas überfordert, schließlich war es Freitagnachmittag und ich wusste nicht so recht, wie ich die für mich überraschende Dienstreise realisieren sollte. Mit der Bemerkung:
„Nun guck nicht so hilflos, ich werde es dir erklären, komm wir gehen in die Linde“ drückte er mir einen Dienstreiseauftrag in die Hand, verschloss seinen Schrank und drängte zum Gehen. Etwas unschlüssig hielt ich das Papier in der Hand und las flüchtig die wichtigsten Daten. Aus diesen ging hervor, dass ich am Sonnabend ganz spät einen Zug nach Mühlhausen nehmen sollte, damit ich am Sonntagmittag am Drehort vor der Marienkirche sei und für eine Woche in der Thomas Münzer Stadt bleiben müsse. Chris zog mich förmlich nach draußen, hängte sich seine College Mappe um und forderte mich auf, doch etwas schneller zu gehen, im Lindencafe würde Dieter Montag auf uns warten, der wisse etwas mehr über den Anlass meiner Reise zu berichten.
Tatsächlich saß Dieter bereits in unserer Stammecke, als wir beide das Cafe betraten, und bat uns mit der ihm eigenen galanten Handbewegung an seinen Tisch. Da das Lindencafe noch wenig frequentiert war, stand Lilo im Handumdrehen zwischen Chris und mir am Tisch, begrüßte uns freundlich und fragte nur:
„Na Schorschi, wie immer?“
Ich blickte nur kurz zu ihr hoch:
„Ja Lilo, mein Schatz, erst mal Kaffee, wie immer,“ und sah zu Dieter der gerade genüsslich an seiner Zigarette zog.
Den Rauch nach oben in kleinen Wölkchen ausstoßend setzte er auch gleich an:
„Ja mein Freund, Jürgen hat erst mich gefragt, ob ich Mühlhausen übernehmen kann. Der Kameramann hat seinen ersten Assistenten rausgeschmissen, und da ich aber nicht kann, habe ich dich vorgeschlagen!“
Damit war die Entscheidung schnell gefallen und ich hatte keine Wahl mehr. Ganz wohl war mir allerdings nicht dabei. Ich wusste um die cholerischen Anfälle des Kameramannes, die meistenteils mit einem Rausschmiss endeten, und sah mich schon als neues Opfer seiner Ausfälle. Dieter ahnte meine Bedenken und versuchte mich mit lobenden Worten zu beruhigen:
„Du schaffst das schon, du hast doch bei Rudi völlig selbständig Licht gemacht und so was braucht der Gundermann. Dann hast du gleich gewonnen, denn der Günther hatte mit Licht machen nichts am Hut und das war sein Verhängnis.“
Ein wenig ließ das mulmige Gefühl in meiner Magengegend nach als Lilo mit den beiden Kaffees zurückkam, sie vor uns abstellte und fast lautlos wieder hinter ihren Tresen huschte.
Dieser Freitagabend wurde länger als beabsichtigt, denn Dieter und Chris hatten es für notwendig befunden, mich mit ausreichend Rotwein auf die anstrengende Drehwoche vorzubereiten. Widerspruch hätten sie sowieso nicht zugelassen und so ergab ich mich dieser Notwendigkeit.
Am nächsten Tag hatte ich wieder ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, wenn auch aus anderen Gründen. Beinahe hätte ich vergessen meine alte Tante Tine aus dem Wedding zu besuchen. Schon vor einer Woche hatte sie mich gebeten, für sie notwendige Einkäufe zu machen, was ich am morgigen Sonnabend endlich erledigen wollte. Für solche Einkäufe musste ich von der Ackerstraße im Westsektor bis in die im Ostteil gelegene Ackerhalle laufen, quasi ein grenzüberschreitender Einkauf. Der Grund für diese regelmäßig wiederkehrenden Besorgungen war die sprichwörtliche Sparsamkeit meiner Tante, die mit ihrer kleinen Rente einfach haushalten musste. Der günstige Wechselkurs der Westmark zur Ostmark lag in der Regel bei einem Verhältnis von 1:4 und ermöglichte es meiner Tante zwei bis drei Stück Butter für eine DM zu kaufen, damit kam sie im Normalfall über den ganzen Monat. Was ich glücklicherweise nicht aus der Ackerhalle in den Westen schleusen musste, waren Eier, für dieses Grundnahrungsmittel sorgte „Amalie,“ ihre weiße Legehenne.
Die kleine Altbauwohnung meiner Tante im Berliner Arbeiterbezirk Wedding bestand gerade mal aus einem Zimmer, einem Klo und einer Küche, die sie vorzugsweise für die praktischen Dinge des Lebens eingerichtet hatte. Ich besuchte sie mindestens zweimal im Monat, wobei ich versuchte das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden und ging häufig ins Kino. Bei der Vielzahl der vorhandenen Grenzkinos, in denen ich mir schon für eine Ostmark die neuesten Filme aus Hollywood einziehen konnte, nutzte ich jede Gelegenheit, um mir mehrere Filme hintereinander anzusehen.
Wenn ich am späten Abend bei meiner Tante Tine auftauchte, durfte ich in der Küche auf einem schmalen Sofa die Nacht verbringen. Dass am nächsten Morgen mein Frühstücksei gesichert war, dafür sorgte ausschließlich Amalie, das Einzelkind meiner Tante. Wenn ich früh die Augen aufschlug, hantierte Tante Tine schon in der Küche herum um Kaffee zu kochen. Das Huhn hatte brav sein Ei in die neben mir stehende Holzkiste gelegt, stand aufgeregt gackernd in ihrem Nest aus Stroh und kündigte das vollbrachte Werk durch heftigen Flügelschlag an. Der Sparsamkeit meiner Tante war es zu verdanken, dass sie stets einige Eier in Reserve hatte, somit war sie nicht zwingend auf das Legeergebnis des Tages angewiesen. Gut gefrühstückt verließ ich häufig erst gegen Mittag mein Weddinger Nachtquartier, um mir die heiß begehrten Westfilme anzusehen und ließ Tante Tine allein mit Amalie in der Küche zurück.
Am heutigen Tag konnte ich sie nur kurz besuchen, ohne die üblichen Besorgungen machen zu können, denn ich war in Eile, wollte schnellstens weiter zum Bahnhof Zoologischer Garten fahren.
Es war bereits später Nachmittag als ich im Bahnhof Zoo aus der S-Bahn sprang. Gegen Mitternacht sollte mein Zug vom Bahnhof Friedrichstraße nach Mühlhausen gehen und dafür benötigte ich vor allen Dingen einen Vorrat an Zigaretten, denn soweit entfernt von Westberlin würde ich keine einzige Westzigarette bekommen, und genau diese gehörten zu meinen bevorzugten Rauchgewohnheiten. Mit mehreren vierundzwanziger Packungen Peter Stuyvesant in meiner Reisetasche fuhr ich vom Bahnhof Zoo weiter zum Bahnhof Friedrichstraße. Dort wollte ich in das DEFA Zeitkino gehen, um mir einige Kurzfilme anzusehen.
Die informativen Filme des DEFA Augenzeugen und die satirische Kurzfilmreihe „Die Stacheltiere,“ ließen mich für einige Zeit mein Reisevorhaben vergessen, denn das Besondere beim Besuch des Zeitkinos bestand darin, dass das Filmangebot als Schleife lief. Kam man beispielsweise kurz vor dem Ende eines Filmes, blieb man so lange, bis sich die Szene wiederholte, für Durchreisende eine ideale Gelegenheit für einen kurzen Kinobesuch. Da ich selten Zugreisender war, wollte ich mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen, auch wenn es nur Kurzfilme waren, denn wollte ich Spielfilme sehen, gab es damals ganz andere Möglichkeiten des Kinobesuchs, die so genannten Grenzkinos. In diesen Kinos standen mir internationale Filme, insbesondere aus Hollywood in großer Auswahl zur Verfügung. Begünstigt wurden solche Kinobesuche für Ostler besonders dadurch, dass die Kinokarten zum idealen Wechselkurs von 1:1 verkauft wurden, und das lockte viele Ostberliner in die Kinos. Kurz vor meiner Münchenreise hatte ich gerade im Zoopalast für eine Ostmark die Stärke meiner nervlichen Belastung mit Alfred Hitchcocks Thriller „Psycho“ getestet und allein die Erinnerung an diesen Klassiker des Fürchtens ließ mich für einen Moment erschauern.
Durch den Zeitkinobesuch hatte ich inzwischen Hunger bekommen und eigens dafür bot der Bahnhof Friedrichstraße den Reisenden eine hervorragende Einrichtung, die MITROPA- Speisegaststätte, in der man recht gut essen konnte. Gemütlich schlenderte ich vom Kino rüber zur MITROPA und suchte mir in der gut gefüllten Gaststätte einen Platz, um in Ruhe speisen zu können. Der Zeiger der großen Uhr an der Wand über dem Tresen rückte bereits auf einundzwanzig Uhr vor, als ich mich an einem freien Vierpersonentisch niederließ, und mich sofort in die Speisekarte vertiefte. Am Nachbartisch hatte ich noch mitbekommen, wie der Kellner zwei Teller mit Beef Tatar brachte, welches so appetitlich mit Sardellenringen, einem Gelbei und saurer Gurke angerichtet war, dass ich nicht widerstehen konnte, mir das auch zu bestellen. Direkt vom Nebentisch kommend steuerte der Ober im schwarzen Anzug und schwarzer Fliege auf mich zu, um nach meinen Wünschen zu fragen. Innerlich bereits voll darauf eingestellt orderte ich umgehend dieses wunderbare Tatar nebst einem halben Liter Bier.
Zehn Minuten nach Mitternacht sollte der D-Zug nach Gotha über Mühlhausen gehen und etwa gegen sieben Uhr früh dort sein, damit hatte ich genug Zeit, um in Ruhe zu dinieren, was ich ausgedehnt und mit großem Genuss tat. Gegen dreiundzwanzig Uhr bezahlte ich, um noch ein wenig vor dem Bahnhof die angenehm kühle Luft und die nächtliche Friedrichstraße auf mich wirken zu lassen.
Draußen war es ziemlich ruhig, kaum Verkehr auf der sparsam beleuchteten Prachtstraße, was mir allerdings etwas seltsam vorkam. Bei meinem Bummel um das Bahnhofsgebäude herum bemerkte ich eine ungewöhnliche Ruhe, die ich mir nicht so recht erklären konnte. Erst als ich mich wieder in das Innere des Bahnhofsgebäudes begeben wollte, registrierte ich fast am Rande einige grüne Planwagen der Polizei, die auf der Friedrichstraße in Richtung Bahnhof fuhren. Ein wenig stutzte ich zwar, weil mehrere LKWs kurz hintereinander fuhren, beruhigte mich aber damit, dass es sicherlich einen Polizeieinsatz wegen irgendwelcher Randale gab, schenkte dem Polizeiaufgebot keine weitere Beachtung und ging ganz entspannt durch die Bahnhofshalle zum Fernbahnsteig.
Wenig später saß ich im Zug nach Gotha, und richtete mich in der Ecke meines Abteils für die Nacht ein. Neben mir saß ein älterer Herr, der bereits schlief und mir gegenüber zwei junge Männer und eine ältere Frau, die ebenfalls dabei waren, sich ein den Umständen entsprechendes Nachtlager zu bereiten. Obwohl ich durch das gleichmäßig monotone Rattern der Schienenstöße schnell eingeschlafen war, erwachte ich bereits gegen vier Uhr und konnte trotz mehrfacher Versuche auch nicht wieder einschlafen.
Wie auf allen meinen Reisen üblich hatte ich mein kleines „Sternchen“ Kofferradio mit, welches mit einem Ohrstecker ausgerüstet war, sodass man ohne seine Nachbarn zu belästigen, ungestört Musik hören konnte. Den Stöpsel im Ohr schaltete ich das Radio ein, kuschelte mich wieder in meine aufgehängte Jacke und hoffte, mithilfe der Musik vielleicht wieder einschlafen zu können.
Musik hörte ich erst einmal nicht, aber die letzten Wortfetzen der Vieruhrnachrichten des Senders RIAS Berlin.
Bruchstücke von: „Nacht...“ und „Grenze zu Westberlin abgeriegelt...,“ konnte ich gerade noch halb im Einschlafen wahrnehmen. Im selben Moment war ich hell wach und drehte nervös am Rädchen der Senderwahl meines Empfängers, um irgendwelche Nachrichten aufzustöbern. Vergeblich, denn üblich war, nur zur vollen Stunde Nachrichten auf fast allen Sendern zu hören. So richtig konnte ich die Musik, die mir von den verschiedenen Sendern entgegendröhnte nicht wahrnehmen, so gespannt war ich auf die nächsten Informationen, die überraschenderweise schon nach wenigen Minuten kamen.
Aufgeregt und voll konzentriert hörte ich auf jedes Wort der nächsten Verlautbarung: Einheiten der Volkspolizei, vereint mit den Betriebskampfgruppen der DDR, sollten die Grenze zu Westberlin abgeriegelt haben.
Allmählich erinnerte ich mich an die seltsame Atmosphäre am Abend vor dem Bahnhof Friedrichstraße, konnte allerdings keine logischen Zusammenhänge der Geschehnisse erkennen. In Abständen wiederholte sich auf allen Sendern diese Schreckensmeldung mit der ich allerdings nicht viel anfangen konnte. Ich realisierte einfach nicht die praktische Umsetzung dieser Meldungen, hielt sie mehr für ein Abschreckungsmanöver und ging davon aus, dass es für Berlin und für das Umland, also auch für Potsdam, gar nicht möglich war, alle Verbindungen zu kappen. Fest davon überzeugt bei meiner Rückreise aus Mühlhausen den einen oder anderen Weg nach Westberlin vorzufinden, zog ich mich wieder leise Musik hörend unter meine Jacke zurück.
Die vier Mitreisenden in meinem Abteil schliefen hörbar fest, denn keiner von ihnen war im Besitz eines Radios. Weder Musik noch Nachrichten störten ihren Schlaf bei der Fahrt in den Morgen des 13. August 1961.
5
An diesem spätherbstlichen Oktobertag war das Lindencafe noch wie ausgestorben, die leeren Cafehaustische dämmerten in den Nachmittag hinein, die verwaisten Stühle lauerten auf ihre Stammgäste. Sehnsüchtig auf Gitti wartend, hockte ich neben meinem Freund Chris in der Stammnische des Cafes und döste gelangweilt vor mich hin. Von außen betrachtet mussten wir beide den Vorbeieilenden wie lässig dekorierte Schaufensterpuppen eines Warenhauses vorgekommen sein, die man in die gähnende Leere des Raumes hinein drapiert hatte.
Ich hatte mich so gesetzt, dass ich durch die großen Schaufensterscheiben genau registrieren konnte, wer draußen vorbei ging. Chris hingegen hielt seine langen Beine weit von sich gestreckt, war intensiv mit seinem Notizkalender beschäftigt, und krakelte unentwegt irgendwelche Worte in das zierliche, etwas abgegriffene Büchlein. Aus den Augenwinkeln heraus konnte ich dabei genau beobachten, wie sich seine nicht minder langen Finger zusammenzogen, nach vorn streckten, sich wieder auftürmten, wie die Fangarme einer Spinne auseinanderspreizten, um sich danach sehr entschlossen zur Faust zusammenzuballen.
Obwohl ich das Spiel seiner Hände zuerst nicht bewusst sondern eher beiläufig wahrnahm, wurde ich durch den überlangen Fingernagel seines rechten Daumens nicht nur von meinen nach innen gerichteten Betrachtungen etwas abgelenkt, sondern verlor auch nach und nach das Interesse, das Geschehen vor dem Cafe bewusst wahrzunehmen, so sehr nahm mich sein agierender Daumen gefangen. Dieses eckig gefeilte Horngebilde war schließlich zu allen Zeiten sein wichtigstes Werkzeug beim Gitarre spielen, und für ihn unverzichtbar gewesen. Jedes mal wenn ich mich aus meiner etwas schläfrigen Beobachterposition zu ihm eindrehte, blieb mein Blick fasziniert auf seinem Fingernagel hängen, und meine Gedanken entflohen zurück in die Stadt Werder, hin zu den gemeinsam durchlebten Internatstagen.
Das kleine Havelstädtchen war noch vor wenigen Jahren unser gemeinsames Tor zur Freiheit gewesen, deshalb blieben unsere Erlebnisse unvergessen und die Auftritte meines Freundes legendär. Weit über die Pforten unseres Internates hinaus galt Chris seinerzeit als der ungekrönte König des Rock`n Roll. Wenn er den Elvis oder den Peter Kraus gab, war das stets aufs Neue eine grandiose Show, die mit Nichts und Niemanden zu überbieten war. Bei seinen Soloauftritten lag ihm nicht nur der große Schwarm der überzähligen weiblichen Heimbewohner zu Füßen, auch alle Jungs und Mädchen aus der weitläufigen Umgebung strömten in Scharen auf das Internat zu. Dicht gedrängt versammelten sie sich unter dem Fenster unseres Wohnheims, um ihr Recht auf populäre Musik von ihm einzufordern. Wenn er auf der Fensterbank des oberen Stockwerkes saß, die Gitarre lässig auf den linken Oberschenkel gestützt, war seine Elvis Interpretation einfach beispiellos. Das Röhren und Schluchzen meines Freundes, besonders bei dem Elvistitel Thats Allright Mama, drang bis in den letzten Winkel der verträumten Gässchen des alten Obststädtchens. Abend für Abend, und mit jedem seiner beispiellosen Gitarrensolos, wurde seine Fangemeinde größer, die vorwiegend aus Teenagern und Halbstarken der damaligen Jugendszene Werders bestand. Auf dem alten Kopfsteinpflaster vor dem Internatsgebäude konnte man bisweilen ganze Cliquen ausmachen, die alles dafür gaben, um den Klängen des oben im Fenster sitzenden Rocktroubadours zuhören zu können.
Wenn ich jetzt hier träge vor mich hinträumend im Cafe saß, und mit starrem Blick die eleganten Bewegungen der Hand meines Freundes verfolgte, seinen überlangen Daumen bewunderte, erinnerte ich mich auf einmal an eine ganz bestimmte Halbstarkengruppe, die häufig unter unserem Internatsfenster anzutreffen war. Unvergesslich ist für mich auch ein besonders hervorstechendes Gesicht aus dieser Gruppe geblieben, das sich bis heute in meinem Gedächtnis fest eingeprägt hat, obwohl es keins der hysterisch kreischenden Mädchengesichter, sondern das Gesicht eines halbstarken Jungen war. Für jeden unübersehbar gab er in vorderster Reihe äußerst dominant das Alpha Männchen.
Auf seiner gedrungenen Gestalt präsentierte sich dem Betrachter ein kurzer breiter Nacken, dem sich ein voluminöser quadratischer Schädel anschloss. Das nicht gerade symphatische Gesicht dieses Jungen fand in den aufgeworfenen Lippen und in dem leicht schielenden Blick seine misslungene Vollendung. Das Bemerkenswerte an ihm aber war, über diese hervorstechenden Merkmale hinaus, bildete seine aufgetürmte Schmalzlocke und das zur Ente gekämmte Nackenhaar durchaus ein zeitgemäßes Kontrastprogramm. Trotzdem war sein gesamter Habitus für uns alle einfach zum Fürchten. Besonders unsere Handvoll männlicher Fotografen hatte erhebliche Angst vor ihm, war er doch im kleinen Havelstädtchen einer der Größten unter den von uns allen gefürchteten Schlägern, der uns schwachbrüstigen Internatsjungen bei jeder Gelegenheit Prügel angedroht hatte.
Die Ursache für diese Bedrohung war ausnahmslos in der Überzahl der weiblichen Heimbewohner zu suchen, über die, so sahen es jedenfalls unsere Rivalen, unsere unterentwickelte männliche Zehnergruppe die alleinige Vormachtstellung einzunehmen schien. Auch wenn dies nur den Schein erweckte, befanden wir uns ob dieser Unterstellung ständig vor dieser Clique und ihrem Silberrückenmännchen in Gefahr.
Einzig und allein Chris war es zu verdanken, diesen Teufelskreis durch seine wachsende Fangemeinde peu a peu langsam zu durchbrechen. Seinen einschmeichelnden und betörenden Gesängen konnten selbst die hart gesottenen Rocker nicht mehr länger widerstehen, und so zerbröselte auch letztlich jeglicher Groll und Neid bei der von uns gefürchteten Schlägerbande.
Eines Tages, für uns alle völlig verblüffend, bot uns das Alphatier nicht nur den Waffenstillstand, sondern sogar seine starke beschützende Hand an. Von nun an stand unser kleines Häufchen angehender Männer fest unter dem Schutz des Silberrückens und keine der konkurrierenden Banden des Städtchens konnte uns mehr etwas anhaben.
Allabendlich, wenn sich die Nacht leise über das kleine Havelstädtchen senkte, hockte unser Provinztroubadour im Fenster des ersten Stockwerkes und spielte sich laut röhrend in alle Herzen. Selbst die Härtesten unter den halbwüchsigen männlichen Rockern wurden weich wie Butter und ließen sich von seinem Schmalz einwickeln, ja sogar besänftigen.
Schon damals ersetzte der auf Länge präparierte Daumennagel grandios das zum Schlagen der Saiten erforderliche Hornblättchen. Mit diesem ungewöhnlichen Daumen hatte er jeden Akkord fest im Griff, schlug und liebkoste die Seiten gleichermaßen, wie immer es der Sound gerade erforderte. Wie die Beine eines Tänzers glitten seine langen Finger über den Steg seiner Gitarre, vollzogen dabei wahre Kunststücke. Und ausnahmslos der verlängerte Nagel war es, der seinem Instrument diesen ganz individuellen rhythmischen Klang entlockte.
Selbst nach dieser langen Zeit übte der Fingernagel von Chris hier im Cafe noch die gleiche Faszination wie damals auf mich aus. Die Haltung seiner grazilen Hand, und besonders die eigenwillige Art wie sie über das Notizbuch glitt, konnte einfach von Niemand kopiert werden. Wie hypnotisiert starrte ich jetzt auf die langen Finger, die den Kugelschreiber geradezu spielerisch umschlossen hielten, indes sich sein langer Daumennagel, ähnlich dem Beine überschlagen, ganz leger über den Zeigefinger gelegt hatte. Ich konnte meinen Blick einfach nicht abwenden und musste unwillkürlich über dieses seltsam geformte Gebilde schmunzeln.
So versonnen auf die Hand von Chris schauend hatte ich erst gar nicht bemerkt, dass inzwischen ein weibliches Wesen zur Tür hereingeschneit war, welches zielgerichtet auf unseren Tisch zusteuerte. Aufgeschreckt vom zügigen Heranrauschen, löste ich mich ganz schnell von meiner innigen Daumennagelbetrachtung, und als ich aufsah, stand vor mir putzmunter nicht Gitti, auf die ich ja die ganze Zeit schon gewartet hatte, sondern Elvira und strahlte über das ganze Gesicht.
Meine dösende Spätherbststimmung war auf einmal wie weggeblasen. Voller Freude sprang ich vom Stuhl auf, umarmte sie innig und küsste sie zärtlich auf die Stirn, die in sanfter Wölbung am streng nach hinten gekämmten Haaransatz auslief. Elviras Begrüßung war geradezu leidenschaftlich, sie klammerte sich förmlich an mich und erinnerte mich mit einem lang anhaltenden Kuss daran, dass es sie noch gab, dass sie wohl ein wichtiges Puzzleteil in meinem ganzen bisherigen Leben war. Es dauerte auch eine geraume Zeit bis sie ihren Liebesbeweis ausladend und mit großem Nachdruck zelebriert hatte, und ich ließ sie gewähren. Erst als sie sich sicher war, dass auch mein Freund von der Nachhaltigkeit unserer Liebe überzeugt schien, ließ sie wieder von mir ab und kreiste hibbelig um unseren Tisch herum, hüpfte genau zwischen uns und klemmte sich mit einer Pobacke auf meine Stuhlecke. Während sie meinem Freund einen flüchtigen Kuss auf die Wange drückte, begann sie schon ohne Unterlass munter auf mich loszuplappern.
So war sie, alles an ihr war mir plötzlich wieder vertraut, ihr Habitus entsprach auch heute in allen Details voll ihrem Naturell. Sie nahm mich einfach gefangen, war ganz einfach ein süßer lebhafter Fratz, übersprudelnd vor Temperament, und was ich besonders schätzte: Mit ihr war es einfach nie langweilig.
Kennen gelernt hatte ich Elvira ja bereits vor gut einem Jahr, zwei Tage vor dem Mauerbau, konnte sie als quirlige Bardame in der Potsdamer Milchbar bewundern, und hatte mich schon damals sofort in sie verknallt. In der Folgezeit gab es sporadisch hin und wieder ein Treffen im Cafe, aber in der letzten Zeit hatte ich sie durch die Turbulenzen der zurückliegenden Ereignisse wieder etwas aus den Augen verloren. Trotzdem war stets etwas Verbindendes zwischen uns geblieben, wir hatten einfach zueinander gefunden und aus der anfänglichen Freundschaft war ganz allmählich eine tiefe Zuneigung entstanden. Bis vor kurzem war sie noch verheiratet, lebte jetzt in Scheidung, war Mutter und hatte einen dreijährigen Sohn, mit dem sie sich eine kleine Zweizimmerwohnung teilte.
Auch heute war unser Zusammentreffen hier im Cafe nicht geplant, fand eher zufällig statt, obwohl der Zufall meist Montag hieß. Der Job in der Milchbar, ihre Mutterpflichten, hier und da auch der Ärger mit ihrem Exmann, all das schränkte ihren Freiraum erheblich ein. Manchmal begleitete ich sie nach einem langen Lindencafeabend in ihre Wohnung, suchte für den Rest der Nacht in ihren Armen das Gefühl von Wärme und Geborgenheit, und erspürte durch ihre Nähe den liebenden Menschen. Meine Wohnung im Grenzgebiet hat sie nie kennen gelernt. Elviras zu Hause war für mich die einzige Möglichkeit mit ihr ganz allein in Amors Reich zu entfliehen, die wenigen Momente des kleinen Glücks wahrzunehmen, sich vom bedrückenden Alltag für Sekunden lösen zu können.
Im ersten Jahr nach dem Mauerbau war es für mich nahezu unmöglich fremde Personen ohne Passierschein in mein vergittertes Liebesnest zu entführen. Erst viel später, als mir einige Wachposten vertrauter wurden, gelang es mir, die eine oder andere weibliche Besucherin, oder manchmal auch Freunde, in meine verlorene Grenzvilla einzuschleusen.
Umso mehr ich mich freute, dass Elvira jetzt aus heiterem Himmel hereingeschneit war, umso weniger konnte ich meine angespannte innere Nervosität unterdrücken, denn eigentlich war ich ja heute mit Gitti verabredet. Schon allein der Gedanke, was machst du, wie verhältst du dich, wenn sie jetzt wie verabredet zur Tür hereinkommt, beunruhigte mich zutiefst und würde meine freudige Euphorie schlagartig wieder in ängstliche Schuldgefühle umwandeln.
Mein 19. Geburtstag lag über ein Jahr zurück und mein Verhältnis zu Gitti hatte sich über diesen langen Zeitraum hinweg mehr als intensiviert, wir waren einfach vertrauter geworden, mehr noch, wir glaubten uns wirklich zu lieben, taten alles, um uns so oft wie möglich zu sehen. Wenn ihre Freizeit, und manchmal auch die Durchlässigkeit der Grenze es zuließen, besuchte sie mich am Ort unserer ersten Berührung. Für uns beide war es eine Zeit im Schwebezustand, losgelöst von allen Fesseln und Hindernissen, die Gittis junges Leben damals erheblich eingeengt haben. Für sie war unser heimliches Zusammentreffen eine Nische, ein Zufluchtsort in dem sie ihre bedrückenden Eheprobleme einfach fallen lassen konnte.
Auch aus meiner Sicht war es nicht allein die neue Eroberung, das neue verliebt sein oder gar eine neue erotische Erfahrung, sondern vielmehr das Einlassen auf eine Beziehung, in der Nehmen und Geben ganz selbstverständlich waren.
Seit dem Mauerbau vor gut einem Jahr, mussten wir uns ausnahmslos im Lindencafe treffen, und es ist mir auch nur sehr selten gelungen, sie heimlich als so genannte unbefugte Person in mein stilles Reich einzuschleusen.
Heute war wieder einmal so ein Tag, an dem wir uns unbedingt hatten sehen wollen, an dem ich mit Gitti aus dem Cafe in mein kleines bewachtes Reich fliehen wollte. Aber sie kam nicht, dafür war Elvira gekommen, und es sollte auch den ganzen Abend über so bleiben. Offensichtlich gab es in Gittis Umfeld größere Probleme, die sie massiv am Kommen hinderten, ob es mit ihrem Mann zusammenhing, ob es andere Gründe waren, ich wusste es einfach nicht. Obwohl sich der Abend unendlich dehnte, sogar bis in die tiefe Nacht hineinzog, Gitti tauchte nicht mehr auf, es kam auch keine erklärende Nachricht, keine freudige Botschaft, auch kein anders geartetes Lebenszeichen.
Mit der voranschreitenden Zeit legte sich nach und nach auch meine ängstliche Nervosität. Die vorsorgliche Entschuldigung, die ich mir Elvira gegenüber zurechtgelegt hatte, brauchte ich fortan nicht mehr.
Seit jenem Abend haben sich Gittis Spuren im Nichts verloren. Es gab keinen schmerzlichen Abschied, keinerlei Erklärungen, auch keine Briefe. Ich habe sie seitdem nie wieder gesehen.
Elviras Liebe ist mir geblieben.
6
Während die ersten nasskalten Novembertage unmissverständlich den bevorstehenden Winter ankündigten, rekelte ich mich wohlig warm in meiner Kaffeehausnische. Auf Achim wartend, genussvoll einen heißen Kaffee schlürfend, beobachtete ich die hinter dem Tresen gelangweilt Gläser polierende Lilo. Das Lindencafe gähnte vor Leere. Draußen zog die Dämmerung bereits ihren grauen Schleier durch die Straßen, obwohl es gerade mal sechzehn Uhr war. In einer guten Stunde würde Achim hier sein, falls er keine Überstunden machen musste, denn für einen Entwicklungsingenieur im Karl-Marx Werk Babelsberg konnte schon mal die eine oder andere Sonderschicht anfallen.
An seinem Reißbrett war Achim Mitgestalter am seinerzeit größten Diesellok Projekt, welches die kleine DDR jemals gebaut hat. Deshalb betonte er auch bei jeder Gelegenheit, maßgeblich an der Konstruktion der legendären V 180 beteiligt zu sein und berichtete nicht ohne Stolz allen Freunden von seinem kreativen Schaffensprozess an diesem einmaligen Prestigeobjekt. Mit sichtbar geschwellter Brust und weit ausladender Gestik machte er allen Freunden unmissverständlich klar, wie groß doch sein persönlicher Anteil am Gelingen dieses Vorhabens sei. Die gesamte Lindencafebesatzung hatte keinerlei Zweifel mehr, war der festen Überzeugung, ohne Achim wäre die Lok nie gebaut worden.
Es war an einem der vorangegangenen dämmrigen Novemberabende gewesen, wo ich ihn das erste Mal hier im Cafe gesehen, und seinen mit sehr viel Enthusiasmus vorgetragenen Schilderungen interessiert zugehört hatte. An diesem Abend war ich von seiner Erzählweise ungeheuer beeindruckt, seine Rhetorik war zwanghaft einnehmend und geradezu von einem intelligenten Wortschatz durchdrungen. Obwohl er nicht gerade von großer Gestalt, sondern eher untersetzt war, konnte er eine kräftige Figur und breite Schultern vorweisen. Auf seinem kantigen Gesicht vereinigte sich der schwarze Vollbart mit dem lockigen schwarzen Haupthaar zu einem wahrhaft gelungenen Ensemble.
Geradezu auffällig war darüber hinaus sein Bemühen, stets korrekt gekleidet zu sein, er hatte eine große Vorliebe für Anzüge. Für die damalige Zeit und besonders im Umfeld des Lindencafes war dies nicht gerade selbstverständlich. Aber irgendwie passte das gesamte Outfit zur dieser ganz individuellen Persönlichkeit, es machte ihn schlicht sympathisch, zumal er auch über eine sehr eigenwillige, schöngeistige Intelligenz verfügte. Selbst die kaum lösbaren, komplizierten Situationen schlichtete er in seiner moderaten Art mit der ihm eigenen Leichtigkeit. Er war einfach ausgesprochen anpassungsfähig und überzeugte im Freundeskreis in jeder kniffligen Situation durch sein ausgleichendes Wesen. In der versammelten Cafehausrunde empfand ich seine Gegenwart als besonders angenehm, weil ich mit ihm bei so einigen heftigen Diskursen stets eine niveauvolle Streitkultur pflegen konnte. In vielen endlosen Nächten entdeckten wir eine Menge Gemeinsamkeiten, irgendwie hatte ich einen Freund dazu gewonnen.
Als Achim an diesem Abend endlich mit einiger Verspätung das Cafe betrat, waren die meisten Stammgäste schon zum Rotwein übergegangen, und wie an jedem ganz gewöhnlichen Abend waren sie gerade dabei, in lautstarken Diskussionen die Welt verändern zu wollen. Aus der Nische meiner Stammecke heraus konnte ich mit zusammengekniffenen Augen sehr genau den fulminanten Auftritt meines Freundes verfolgen, der auch für jeden anderen Beobachter schon etwas Aristokratisches hatte.
Der Jahreszeit angepasst trug er einen anthrazitfarbenen, kurzen Flanellmantel und schritt, betont lässig eine Hand in der Seitentasche seines Zweireihers, von Tisch zu Tisch, um alle Freunde gebührend begrüßen zu können. Erst als er dieses ausgiebige Zeremoniell hinter sich gebracht hatte, tauchte er plötzlich, wie ein Asthmatiker nach Luft ringend, vor meinem Tisch auf. Ich erschrak dermaßen, glaubte ihm sei etwas Schlimmes passiert, denn einen solchen Auftritt hatte ich von ihm noch nie erlebt. Selbst der schwarze Rauschebart konnte sein hochrotes Gesicht nicht verbergen, die Zornesader über den Schläfen war angeschwollen, und sein Schnauben brachte sogar die gekräuselten Barthaare über dem atemlosen Mund in eine bedrohliche Steillage. Geradezu hektisch zog er seinen maßgeschneiderten Mantel aus, versuchte ihn mit zittriger Hand sorgfältig über die Stuhlkante zu legen, vergaß sogar mir die Hand zu geben und sackte nach Worte ringend, völlig erschöpft mir gegenüber auf den Stuhl.
„Du glaubst gar nicht, was ich gerade erfahren habe,“ prustete es aus seinem Vollbart. „Morgen Vormittag findet im Kulturhaus der Eisenbahner ein Volksgerichtsprozess statt,“ fügte er erneut nach Luft schnappend hinzu.
„Schorschi, da müssen wir unbedingt hin, es soll irgendwie um Westfernsehen gehen,“ schob er hastig hinterher und wusste sogar, dass man den Prozessverlauf über Lautsprecher für die draußen versammelte Bevölkerung übertragen wollte. Sollte mich dieses Spektakel genauso interessieren und ich sei bereit mitzukommen, würde er sich extra dafür frei nehmen und wir könnten gemeinsam mit unseren Freunden lautstark unseren Protest bekunden.
Ohne lange zu überlegen stimmte ich diesem Vorhaben sofort zu, und wie bei einem Geheimabkommen verabredeten wir uns für den morgigen Tag um zehn Uhr gleich hier vor dem Cafe. Die Unruhe meines Freundes war inzwischen auch auf mich übergesprungen. Wie von einer Wespe gestochen sprang ich von meinem Stuhl auf und zottelte Achim wie einen Spielball vor mich her schubsend von Tisch zu Tisch, um die gesamte Cafehausbesatzung über das morgen anstehende Großereignis zu informieren. Die langen Gesichter meiner Freunde werde ich nicht vergessen, die Schockwirkung war ihnen anzusehen, trotzdem erklärten alle einstimmig ihre Bereitschaft mitzukommen, schon allein deshalb, um den dort versammelten Menschen eine moralische Stütze zu sein.
Ein eklig grauer und feuchtkalter Morgen stimmte mich am darauf folgenden Tag auf den bevorstehenden Volksprozess ein. Als ich kurz nach zehn Uhr mit Achim auf dem Platz vor dem Kulturhaus der Eisenbahner auftauchte, staunten wir nicht schlecht: Außer unseren Freunden war eine beachtliche Menschenmenge vor dem aus den fünfziger Jahren stammenden Kulturpalast versammelt. Unterdrücktes Murmeln brodelte über dem Platz, aus dem die leichten Nebelschwaden wie aus einem Dampfkessel gerade nach oben steigend in den grauen Morgenhimmel entwichen. Aufgeregt und dicht gedrängt wartete das hier versammelte Volk auf den Beginn dieses absurden Prozesses. Aus dem gedämpften Stimmengewirr heraus konnte man unüberhörbar die Aufregung spüren. Vereinzelt durchstachen wild gestikulierende Arme das ineinander verflochtene Menschenknäuel, verwandelten es in eine wabernde Masse.
Meine klaustrophobische Veranlagung ließ bei diesem Anblick all meinen kämpferischen Mut auf ein Minimum zusammenschrumpfen. Ich sah Achim an und hatte den Eindruck, dass ihn ähnliche Gefühle plagen mussten, dass er befürchtete, sein oppositioneller Kampfgeist könne von einer Welle des proletarischen Volkszorns überrollt werden. Achim, der sonst so großmäulige kämpferische Haudegen signalisierte mir jetzt unmissverständlich, in die Defensive gehen zu wollen. Das kampflustige Funkeln in seinen braunen Hundeaugen war auf einmal schlagartig verschwunden, hatte sich ängstlich in die dunklen Augenhöhlen meines Freundes zurückgezogen. Uns beiden saß die Angst jetzt uneingeschränkt im Nacken, der Grund weshalb wir mit gebührendem Abstand in der hintersten Reihe Posten bezogen und so Aufstellung nahmen, dass wir im Ernstfall, sollte es richtig gefährlich werden, schnell das Weite suchen konnten.
In das Volksgemurmel hinein mischte sich plötzlich ein geräuschvolles Knacken, das aus den beiden vor dem vor dem Palast aufgestellten Lautsprechern kam. Die abgehackten Geräusche ließen erahnen, dass sich drin anscheinend etwas bewegen musste, dass es jetzt bestimmt bald losgehen würde. Mit dieser Vermutung schienen wir auch richtig zu liegen, denn eine schroffe Stimme verkündete sehr resolut den Prozeßbeginn und bat energisch um Ruhe.
Die andere Stimme, die schon nach kurzer Pause folgte, und bissig durch den blechern klingenden Lautsprecher tönte, übertraf den Vorgänger um ein Vielfaches an Sarkasmus. Das vorgetragene Plädoyer, das jetzt in schneidender Tonlage auf meine Ohren herunterprasselte, wirkte auf mich wie eine schlechte Kopie aus den Prozessen des Volksgerichtshofes der Nazis aus den dreißiger Jahren. Fast glaubte ich eine Bandaufnahme aus dieser dunklen Zeit zu hören, sosehr glich die knarrende, deutlich an Freisler erinnernde Stimme ihrem Original. Den Wortlaut den diese anklagende Stimme in der Folge dem hohen Gericht des Volkes und damit auch den draußen versammelten Werktätigen vortrug, ließ Achim und mir fast das Blut in den Adern stocken:
Die Beschuldigten hätten sich durch unerlaubtes Westfernsehen, und darüber hinaus durch dessen Verbreitung der Volksverhetzung schuldig gemacht. Eindeutiges Beweismittel – die Positionierung der Antennenanlage auf den Dächern ihrer Wohnhäuser.
Ich war wie gelähmt, eine solche Anschuldigung wollte einfach nicht in meinen Kopf gehen. Viele Menschen im Berliner Raum hatten ihre Antennen so ausgerichtet, dass sie außer dem DDR Fernsehen auch ARD und ZDF empfangen konnten, eigentlich für die Leute im Berliner Umfeld eine Selbstverständlichkeit, auch wenn die Staatsmacht damit ein Problem zu haben schien und das reine Konsumieren eines Westsenders plötzlich zur Volksverhetzung deklarierte. Im Zelebrieren dieser Scheinanklage, die vor der breiten Öffentlichkeit von einem staatlichen Justizorgan durchgeführt wurde, kriminalisierte man harmlose Bürger die nichts weiter getan hatten, als von ihrem elementaren Informationsrecht Gebrauch zu machen.
Lange habe ich Achim nicht mehr mit einem solchen Gesichtsausdruck gesehen. Enttäuschung, Erschütterung und aufkommende Wut brodelten an diesem Morgen unter seinem dunklen Vollbart, der aber gleichsam verhinderte, dass seine Emotionen so einfach von anderen erkannt werden konnten. Beide waren wir gleichermaßen von dieser Lautsprecherstimme angewidert, bemühten uns aber ängstlich, unsere aufkommende Wut mit allen Mitteln zu unterdrücken, sie auf keinen Fall nach außen zu tragen, aus Angst wir könnten damit ganz schnell in das Visier der Stasi gelangen. Die bedrohliche Lage aber war nicht alles, was wie ein eisiger Windhauch über meinen Rücken fröstelte, es sollte noch schlimmer kommen, denn bislang hatte sich die Lautsprecherstimme ausschließlich mit dem Vortrag der Anklage beschäftigt.
Nach einer längeren Pause tönte erneut die knarrende Stimme über den Platz und verkündete die Urteile:
Mehrere Monate Gefängnis für alle Angeklagten!
Das alles war wie ein Schlag ins Gesicht. Entsetzen und Empörung kroch brodelnd in mir auf, kochte beinahe über, vermischte sich aber sofort wieder mit der großen Angst, dass uns alle auch ganz schnell ein solcher Vorwurf treffen könne. Wenn ich gründlicher darüber nachdachte, wurde mir unmissverständlich klar, dass in diesem Schauprozess mit allen Mitteln ein Exempel konstatiert werden sollte, um künftig möglichst viele Menschen davon abzuhalten, so genannte Feindsender zu rezipieren. Und schon allein der Gedanke, solcher Taten überführt zu werden, ließ auf der Stelle alles Blut in meinen Adern gefrieren. Dieser unheimlich anmutende Kälteschock drang tief bis ins Mark vor, wurde noch unterstützt vom nasskalten Wetter, das jetzt spürbar heftiger durch meine Glieder fuhr.
Angewidert stieß ich Achim in die Seite und bat ihn durch stummes Kopfnicken, mir auf der Stelle zu folgen. Weiter zuhören mochte ich nicht mehr, es hätte mich total überfordert, ich hätte meine innere Wut und den Druck mich verbal äußern zu müssen, nicht mehr weiter zurückhalten können. Achim zögerte zwar erst, war aber auch der Meinung, dass man dieses grausame Schauspiel nicht länger ertragen könne, ohne auf irgendeine Weise protestieren zu müssen, oder sich mit dem Zorn der versammelten Werktätigen zu solidarisieren. Aber für beide Entscheidungen kannten wir die Konsequenzen, wussten wie schnell das auch für uns das totale Aus bedeuten würde, und so fügte sich letztlich auch Achim meinem drängenden Rückzugsbegehren.
Unseren Freunden, die fröstelnd im grauen Nebel standen, versuchten wir durch Gesten anzudeuten, dass wir kapitulierend das Feld räumen würden. In ihren Gesichtern konnte ich lesen, dass sie zwar unsere Signale, nicht aber den Grund unseres Abzugs verstanden hatten. Voller Unbehagen verkrochen wir uns ganz tief in unsere Mäntel und ließen, nicht ganz frei von Schuldgefühlen, das protestierende Volk allein auf dem Platz zurück. Mit jedem Meter den wir hinter uns ließen, wurde die Intensität der schneidenden Stimme aus der Lautsprecheranlage dünner, meine Angst vor den Auswüchsen der Staatsmacht ist damit größer geworden.
Das Gefühl vor einer Solidaritätsbekundung mit Gleichgesinnten geflohen zu sein, lastete drückend auf unseren hochgezogenen Schultern, als wir beide, wie Diebe die ertappt werden könnten, schweigend durch das neblig graue Babelsberg schlichen. Die Köpfe tief im Mantelkragen versenkt, hatten wir nur einen Gedanken, ganz schnell zurück, „nach Hause“ in unser Cafe.
Zwei ältere Damen und Eberhard, der Zeitung lesend an seinem Fensterplatz in der Ecke saß, waren die einzigen Cafehausgäste an diesem trüben Vormittag. Eher beiläufig sah Eberhard von seiner Zeitung auf und begrüßte uns breit grinsend:
„Wo kommt ihr denn jetzt schon her?“
Er staunte nicht schlecht, als wir uns unaufgefordert einfach an seinem Tisch niederließen, statt in unsere an gestammte Ecke zu verschwinden. Sein Grinsen verformte sich zusehends zu einem Fragezeichen, denn irgendetwas musste aus dem Lot sein. Um die Irritationen ganz schnell wieder aus Eberhards Gesicht zu nehmen, sprudelte das gerade Erlebte nur so aus uns beiden heraus, als hätten wir die Sätze abgesprochen. Die Zeitung hatte Eberhard sogar bis unter sein Kinn sinken lassen während er uns ungläubig musterte. Seinem Ausdruck war zu entnehmen, dass er unseren Rapport wohl eher für einen unglaubhaften Politthriller hielt, denn er blickte über die Zeitung hinweg, als kämen wir aus einer anderen Welt:
„Ihr wollt mich doch wohl verscheißern, oder?“
Demonstrativ schob er die Zeitung gleich wieder vor sein Gesicht und gab damit unmissverständlich zu verstehen, dass er jetzt ungestört weiter lesen wolle.
„Mensch Eberhard, das ist die reine Wahrheit, wir kommen direkt vom Klubhaus, die anderen Freunde sind alle noch da, Achim und ich haben es vorgezogen, das Weite zu suchen, du kannst dich ja persönlich überzeugen, der Prozess läuft noch!“
Eberhard ließ die Zeitung wieder nach unten sinken, betrachtete uns aber weiter zweifelnd mit zusammengekniffenen Augen, überlegte noch eine Weile, faltete nach längerem Zögern seine Lektüre gewissenhaft zusammen und blickte uns jetzt schon etwas entschlossener an:
„Gut, ich werd mir das mal ansehen!“
Die Zeitung ließ er zusammengerollt in seine Jackentasche verschwinden, legte abgezähltes Kleingeld für den Kaffee auf den Tisch, verabschiedete sich kurz angebunden mit einem mürrischen Gesichtsausdruck von uns und rannte ohne sich noch einmal umzusehen eilig nach draußen, wo der Nebel ihn mit kaltem Atem in Empfang nahm.
Übrig geblieben waren nur die beiden alten Damen, die munter plaudernd ihr Kaffee Kränzchen zelebrierten und gerade im Begriff waren sich über ein Stück Sachertorte herzumachen. Lilo, die von den Damen kommend wieder zum Tresen zurück wollte, blieb plötzlich stehen, weil sie uns entdeckt hatte, schaute sichtlich erstaunt zu uns herüber und fragte in den Raum hinein:
„Was ist los? Ihr seid so aufgeregt! Warum hat es denn Eberhard so eilig? Soll ich euch irgendwas bringen?“
Achim nickte bejahend und winkte Lilo zu, doch umgehend an unseren Tisch zu kommen. Sie schien zu ahnen, dass irgendetwas nicht stimmte, fächelte sich mit dem kleinen silbernen Tablett Luft zu und steuerte wie eine Diva auf hohen Hacken staksend unseren Tisch an. An meine Seite angelangt stützte sie sich mit der Hand lässig auf meiner Stuhllehne ab und sah mit hoch gezogenen Augenbrauen erwartungsvoll auf uns beide herab:
„Ich höre!“
Damit wollte sie nicht allein unsere durstigen Wünsche, sondern mit Sicherheit auch den Grund für unser aufgeregtes Gehabe erfahren.
Jetzt war Achim nicht mehr aufzuhalten, indes ich weiter teilnahmslos auf meinem Stuhl hing, sprudelte es förmlich aus ihm heraus. Dabei erweckte er den Eindruck eines Sportreporters, der sich beeilte die Dramatik des Spiels angemessen und zügig rüber zu bringen. Ohne auch nur die geringste Pause zwischen zwei Worten einzulegen, informierte er Lilo in kurzen abgehackten Sätzen bis ins kleinste Detail über das eben erlebte Geschehen vor dem Kulturhaus. Trotz der Schnelligkeit in seiner Berichterstattung bemerkte ich unterschwellig das leichte Zittern, die Brüchigkeit in seiner Stimme, die ich so von ihm überhaupt nicht kannte, und lastete es dem Schock an, den die einschneidende Lautsprecherstimme nachhaltig bei meinem Freund hinterlassen hatte.
Als mein Blick wieder einmal Lilo streifte, konnte ich deutlich beobachten wie sich ihre Augenbrauen allmählich zu einer düsteren Falte zusammengezogen hatten, indes sich das zarte Rot ihrer Wangen, wie die aufgeschlagene Meereswoge am Strand, kräuselnd in sich zurückzog. Auch Lilos anfängliche Ahnungslosigkeit realisierte jetzt unmissverständlich, dass solche Ereignisse in Zukunft auch für uns unabsehbare Folgen haben könnten. Es war auffallend, wie die Empörung sich in Lilos Gesicht widerspiegelte, denn sie sah hilflos aus, lehnte in verkrampfter Haltung an meinem Stuhl, und war einfach unfähig etwas zu entgegnen. Angesichts ihrer Ratlosigkeit fühlte ich mich irgendwie verpflichtet, sie zu beruhigen, sie mit irgendetwas abzulenken, ihre ängstliche Starre aufzulösen, und bestellte einfach bei ihr zwei Kaffee und drei Cognac. Den dritten Schnaps hatte ich vorsorglich Lilo zugedacht, sie würde ihn jetzt genau so nötig haben wie wir beide. Ihr Gesicht war jetzt auffällig blass geworden, ihre Nasenspitze fast weiß, als sie mit verstörtem Kopfnicken meine Bestellung realisierte und eilig wieder hinter dem Tresen verschwand. In Windeseile war sie mit den Getränken an unserem Tisch zurück, bereit mit ihren Freunden jeden erdenklichen Geheimbund zu besiegeln.
Das Damenkränzchen in der Ecke des Cafes sah jetzt häufiger zu uns herüber, tuschelnd fragten sie sich vermutlich, warum die Kellnerin bereits kurz vor Mittag mit ihren Gästen Alkohol trank. Das raunende Geflüster der alten Damen war uns aber irgendwie egal, wir nahmen es gar nicht weiter zur Kenntnis, ignorierten letztlich alles um uns herum, das gesamte Umfeld des Cafes lag im völligen Abseits unserer Wahrnehmung. Als hätten wir es miteinander abgesprochen, kippten wir alle drei zeitgleich in einem Hieb den Cognac in uns hinein und stellten demonstrativ mit laut ausgestoßenem „Aahh “ die leeren Gläser auf das Tablett zurück. Für Lilo der Startschuss zum Rückzug. Wie auf Kommando stellte sie sich in eine aufrechte Position, machte eine Drehung um 180 Grad, erschien zwar noch verstörter als zuvor, huschte aber trotzdem ganz schnell wieder hinter ihren Tresen.
Nach Lilos stürmischem Abgang kam mir Achims Verhalten auf einmal etwas merkwürdig vor. Er rutschte nervös auf seinem Stuhl hin und her, hüstelte gekünstelt vor sich hin und gab vor, er müsse sich heute Nachmittag unbedingt noch einmal an sein Reißbrett begeben. Hastig schlürfte er seinen Kaffee aus, meinte, dass ich diesen erst einmal bezahlen solle, eine mir sehr vertraute Geste, und verabschiedete sich ungewöhnlich schnell von mir.
Mit Lilo und den Cafehausdamen alleingelassen, saß ich jetzt in meiner Nische und horchte eine ganze Weile in mich hinein, dachte noch einmal über das gerade Erlebte nach, ließ die unwirklichen Bilder des kalten Novembertages noch einmal Revue passieren.
Irgendetwas musste ich jetzt tun! Dieses absurde, und für mich völlig unerklärliche Geschehen ließ sich auch nicht so einfach wieder aus meinem Gedächtnis streichen, und schon gar nicht verdrängen. Außer meinen engsten Freunden, von denen ja die Meisten dabei gewesen waren, konnte ich Niemand von diesem Ereignis wahrheitsgemäß berichten. Lange überlegte ich, was ich tun könnte, es gab nur eine Möglichkeit, es aufzuschreiben. Nach einigem Zögern kramte ich aus der Jackentasche mein kleines Notizbuch hervor und begann stichpunktartig einfach das zu dokumentieren, was ich gerade erlebt hatte. Über jeden Satz musste ich ein Weilchen nachdenken, und Vieles hinterfragen:
Warum konnten Menschen die in einem sozialistischen Staat Verantwortung trugen, so unmenschlich handeln, und vor allen Dingen, was motivierte sie so etwas zu tun? War es ihre bloße Überzeugung oder nur reine Verblendung durch eine doktrinäre Ideologie? Gab es ein solches Verhalten in der deutschen Geschichte nicht schon einmal, oder gibt es in allen Gesellschaftsformationen diese Kategorie von Überzeugungstätern?
Meine Vorstellung von einem sozialistischen Staat, bei dem der Mensch eigentlich im Mittelpunkt stehen sollte, hatte bereits beim Bau der Mauer seine ersten Risse bekommen. Die hoch gepriesene Vorstellung vom sozialistischen Menschenbild hingegen, verlor mit dem heutigen Tag endgültig für mich seine Glaubwürdigkeit. Je länger ich an diesem trüben Novembertag über meinen Notizen saß, umso überzeugter war ich, dass dies alles nicht in Vergessenheit geraten durfte, der Nachwelt zu gegebener Zeit wieder in Erinnerung gebracht werden musste. Wenn es denn irgendeine andere Zeit danach geben sollte, würde man solche Geschichten wohl erst einmal für erfunden halten, und deshalb musste ich die unglaublichen Vorgänge glaubhaft zu Papier bringen.
Meine Notizen sollten noch lange Zeit in Anspruch nehmen, radierten mein Zeitgefühl nahezu aus. Ich hatte nicht einmal bemerkt, wie sich das Cafe langsam wieder füllte und der Nachmittag sich unmerklich davon gestohlen hatte. An einigen Nachbartischen konnte ich nach und nach schon wieder vertraute Gesichter sehen, die den Raum in anheimelndes Gemurmel tauchten, ihm wärmende Geborgenheit gaben. Die alten Damen waren, ohne dass ich es auch nur bemerkt hätte, im bereits vor sich hin dämmernden Novembernebel entschwunden und Lilo wurde wieder in gewohnter Weise von ihren Stammgästen vereinnahmt.
Allein an meinem Tisch sitzend überflog ich noch einmal die voll gekritzelten Seiten meines kleinen Büchleins und war mehr oder weniger mit meinen Aufzeichnungen zufrieden. Als ich mein Buch und die erdrückende Erinnerung an den bedeutungsvollen Tag beiseite legte, verschwand auch der beklemmende Druck der sich mittlerweile in meinem Kopf angestaut hatte. Ich fühlte mich sogar ein wenig erleichtert, war mit mir und der Welt im Reinen, und konnte deshalb das Schreiben für heute einstellen.
Jetzt wollte ich einfach loslassen, meine Gedanken im Kreis von Freunden etwas zerstreuen und flüchtete von meinem Ecktisch zu einem der großen Tische auf der anderen Seite, denn dort hatte ich im diffusen Schimmer der Kaffeehausbeleuchtung Erika entdeckt. Sie hockte mit Spatz und Kurt, dem Drummer aus dem Haus des Handwerks, unter der schummrigen Wandleuchte und schien sich sehr angeregt mit den beiden zu unterhalten. Zudem hatten mir die beiden Mädels wiederholt eindeutige Gesten gemacht, doch unbedingt zu ihnen rüber zu kommen und im Handumdrehen war ich jetzt bei ihnen. Meine Stimmung wechselte schlagartig, irgendwie genoss ich sogar die mehr als innige Begrüßung meiner Freunde und ließ mich schon etwas heiterer gestimmt gegenüber von Spatz und Erika neben Kurt auf einen Stuhl fallen.
Den Platz neben Kurt hatte ich allerdings nicht ganz uneigennützig gewählt, denn von hier aus hatte ich die beiden sehr unterschiedlichen Mädels einfach besser im Blickfeld, und diese reizende Aussicht würde mich mit Sicherheit viel schneller auf andere Gedanken bringen. Obwohl die Ausmaße des Tisches eine beachtliche Distanz zu den Damen herstellte, streifte ein nahezu betäubender Duft, von einem französischen Parfüm ausgehend, in winzigen, leicht narkotisierenden Schüben meine Nase. Für mein Empfinden allerdings ein wenig zu aufdringlich. Ich musste auch nicht lange überlegen und erinnerte mich ziemlich genau, dass dieser Duft zweifelsfrei nur einer Frau zuzuordnen war, nämlich Spatz, genauso wie in der lang zurückliegenden Geburtstagsnacht.
Für einen kurzen Moment lang schloss ich meine Augen, schnupperte und erwischte einen winzigen Hauch des Raum einnehmenden Duftes. Vor mir tauchte die Rupfenwand in meinem Zimmer auf, erinnerte mich an die komische Situation des atmenden Aktes. Ich konnte mir ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen. Spatz schien mein merkwürdiges Lächeln zwar registriert zu haben, ging aber gar nicht weiter darauf ein, weil sie pausenlos mit Kurts Anbaggerungsversuchen beschäftigt war.
Ganz im Gegensatz zu den überwiegend leger gekleideten Cafehausbesuchern, trug Kurt einen grau grünlich schimmernden Präsent 20 Anzug, darunter ein weißes Hemd mit einem sehr schmalen, grünen Velours Leder Schlips. Auch diesen kannte ich bereits von unserem ersten Treff in der Potsdamer Milchbar. Diese ungewöhnlich anmutende Kombination konnte man durchaus als seine Arbeitskleidung betrachten, denn mehrmals wöchentlich spielte Kurt im Haus des Handwerks in der Kaffeehausband, für ihn auch der Grund, sich nur in Ausnahmefällen von diesem gewohnten Outfit zu trennen. Wiederholt hatte ich ihn als Schlagzeuger bei den sehr beliebten Tanzveranstaltungen erlebt und erst viel später hier im Cafe näher kennen gelernt.
Da er irgendwo in Potsdam wohnte, Lindencafenächte aber bekanntlich sehr lang waren, ließ ich ihn einige male, insbesondere wenn die Nacht dem Morgen bedrohlich nahe kam, bei mir im Sperrgebiet übernachten, vorausgesetzt ich kannte die Grenzer der Nachtschicht. Im Gegenzug brachte mir dieser gefällige Freundschaftsdienst so manche Reservierung zu den äußerst begehrten, meist aber ausverkauften Tanztees ein. Am Ende einer solchen Veranstaltung, wenn sich auch die letzten Musiker verzogen hatten, schlug dann meine Stunde, denn ich durfte unter seiner Anleitung die in mir schlummernden Drummertalente auf seinem Schlagzeug lautstark unter Beweis stellen.
Falls Kurt heute nicht mit Spatz übereinkam, würde ich ihm wohl ersatzweise wieder meine bewachte Wohnung als Nachtquartier anbieten müssen, wusste aber vorerst noch nicht so richtig, wie sich der Abend für mich weiter gestalten würde. Erst als ich irgendwann bemerkte, dass sich der Dialog zwischen Kurt und Spatz, wie nicht anders zu erwarten, in eine vorwiegend auf Sex ausgerichtete Zielrichtung hin bewegte, überließ ich den beiden gern das Feld der Lüste. Was mich anbetraf, so hatte ich entschieden, mich einfach etwas mehr mit meinem reizenden Gegenüber zu beschäftigen, meine Gedanken in andere Bahnen zulenken, sie vielleicht sogar auf ein ungewisses Abenteuer vorzubereiten.
War es das Turteln der beiden, oder war es nur das Parfüm von Spatz, irgendwie fühlte ich mich sogar animiert Schneewittchen jetzt unbedingt etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken, denn offensichtlich schien sie sich schon die ganze Zeit zu langweilen, obwohl ich ihrem zurückgenommenen Lächeln eher eine gewisse Nervosität entnahm. Auffällig war, dass ihre großen dunklen Augen in regelmäßigen Abständen zur Eingangstür wanderten. Trotzdem landete ihr Blick, was ich überhaupt nicht erwartet hatte, schon ab und zu mal für einen kurzen Augenaufschlag in meine Richtung. Die Feststellung, ich könne vielleicht auch nur ansatzweise ein bisschen ihr Interesse geweckt haben, ließ in mir auch sofort den Vorsatz reifen, jetzt ungehindert zur Attacke übergehen zu können, um sie ganz einfach anzubaggern. Ich brachte sogar den Mut auf, Schneewittchens Blick für einen Augenblick standzuhalten, verfolgte mit zunehmendem Interesse sogar die kleinste Veränderung ihrer Körperhaltung, auch jede Regung in ihrem Gesicht, weil ich einfach von ihrem gesamten Erscheinungsbild total fasziniert war.
Ihr sehr heller Teint unter den langen schwarzen Haaren bekam durch das schwache Rot ihrer schön geformten Lippen eine nahezu farbliche Vollendung. Das schwarzhaarige Mädchen, dessen Anblick so manches Mal meine morgendliche Busfahrt vergoldet hatte, saß mir jetzt direkt gegenüber, schien mich sogar ein wenig wahrzunehmen und musterte mich mit einem schüchternen Lächeln. Trotz aller Euphorie war ich auf einmal wieder total verunsichert, denn alles an ihr blieb weiterhin rätselhaft. Ich war einfach auch nicht fähig ihren Blick richtig zu deuten. War er verheißungsvoll, züngelte in der unergründlichen Tiefe dieser dunklen Augen vielleicht schon eine kleine Flamme, und loderte in ihr etwa die Aufforderung, mich ihr nähern zu dürfen?
Auf einmal wurde ich noch unsicherer, geriet ins Wanken, hatte erhebliche Zweifel die Lage richtig einschätzen zu können, und es kostete mir schon ein wenig Überwindung in diesem Moment den richtigen Ansatz für ein Gespräch zu finden. Bei meiner verzweifelten Suche nach passenden Worten nahm ich aber irgendwann all meinen Mut zusammen und eröffnete meine begehrliche Neugier mit der simplen Frage:
„Und was machst du überhaupt so beruflich, wir haben uns ja schon öfters auf dem Weg zur Arbeit gesehen?“
„Ja ich weiß, mit diesem Bus bin ich morgens immer nach Potsdam in die Näherei Gerlach gefahren, hab dort als Schneiderin gearbeitet und gerade mein letztes Lehrjahr beendet... und denk nur nicht, dass ich dich nicht bemerkt habe, du kamst mir aber ein bisschen schüchtern vor, so in dich gekehrt, hast verschämt den Rauch deiner Zigarette in den Morgenhimmel geblasen, ich dachte eher, du hättest mich gar nicht so richtig wahrgenommen“.
Allein der letzte Satz war für mich mehr als ermutigend, klang sogar ein bisschen einladend, deshalb nahm ich sichtlich erleichtert den Faden sofort wieder auf und wollte wissen, warum ich sie schon mehrmals hier im Cafe zwar gesehen, aber stets das Gefühl hatte, von ihr gar nicht wahrgenommen zu werden, oder hatte ich das vielleicht falsch gesehen?
Bei der direkten Art meiner Frage konnte ich zusehen, wie plötzlich ein zartes Rot die Blässe ihrer Wangen vereinnahmte, sie langsam aufzutauen begann und mir sogar verriet, dass sie vor wenigen Tagen hier im Cafe die Bekanntschaft mit einem Schauspielstudenten gemacht habe, und um sich mit ihm zu treffen, sei sie eigentlich heute hier hergekommen.
Der kleine Funken Hoffnung, der eben noch freudig in mir aufgekommen war, erstickte genau so schnell wie er sich entzündet hatte. Unmissverständlich wurde mir klar, dass ich nun nicht die geringste Anstrengung mehr aufbringen musste, mein Anbaggern weiter auf einen erfolgreichen Weg zu bringen. Welche Chance hatte ich schon gegen einen gut aussehenden Schauspielstudenten, der nicht nur häufig zur abendlichen Runde der Filmhochschüler, sondern auch zu meinem großen Freundeskreis gehörte. Damit waren vermutlich auch für die Zukunft ein für allemal die Fronten geklärt, ich konnte mich geschlagen geben und zog es vor, von nun an in die Defensive zu gehen, auch wenn es mir an diesem schicksalhaften Novemberabend etwas schwer fiel.
Hier im Cafe kannte schließlich Jeder Jeden, mitten im Drehkreuz des gesellschaftlichen Lebens, im Zentrum der unaufhaltsamen Welverbesserer, trafen sich all die Individualisten und Außenseiter, bestehend aus DEFA Mitarbeitern, Filmhochschülern und dem Rest der Boheme. Vereint unter dem Dach dieser Szenekneipe waren wir eine eingeschworene Gemeinschaft, die zwar in der Regel jede Form konstruktiver Streitgespräche, aber keine aggressive Auseinandersetzung zuließ. Alle bemühten sich, wenn auch auf sehr individuelle Weise, diesen Zustand einigermaßen einzuhalten. Im erotischen Umgang mit dem weiblichen Geschlecht gab es zwar wenig Tabus, weil das erste Gebot Toleranz hieß, obwohl von Fall zu Fall dem Ausleben individueller Sexualpraktiken moralische Grenzen gesetzt waren, besonders wenn es um das Wildern in Nachbars Garten ging.
Allein schon aus diesem Grund war ich fest entschlossen, zu Erika fortan nicht mehr als ein freundschaftliches Kumpelverhältnis aufzubauen. Mein aufgekommenes Balzverhalten ließ ich deshalb schlicht wieder unter den Tisch fallen und täuschte von nun an so etwas wie freundliche Gelassenheit vor. Unser beider Verhältnis war damit eindeutig abgeklärt, und ohne mir etwas zu vergeben, konnte ich mein weiteres Verhalten ausnahmslos in diese angedeutete Richtung hin manifestierten.
Wenn ich mein turtelndes Gegenüber betrachtete, schien Kurt offensichtlich den erotischen Part zu Spatz weitgehend abgeklärt zu haben. Das hektische Aufbruchsmanöver der beiden ließ daran keinen Zweifel mehr, sie hatten ein gemeinsames Ziel vor Augen, welches dringend auf den Weg gebracht werden musste. Die Frage, ob Kurt in meiner Grenzvilla nächtigen würde, war somit für mich auch schnell beantwortet. Schon wenige Wimpernschläge später rauschte ein intensiv betörender Parfümduft an mir vorbei, und eilte meinem Freund Kurt in eine viel versprechende Nacht voraus.
Der Platz neben Erika sollte nicht mehr lange leer bleiben, denn unter der Klicke von Filmhochschülern, die wenige Minuten später in das Cafe stürmten, befand sich nun auch der Schauspielstudent Rene, dem Schneewittchen schon so lange entgegen gefiebert hatte.
Die Großfamilie der Studenten zelebrierte kurz ihr Begrüßungsritual und verteilte sich, dem individuellen Interessenressort zugeordnet, an die verschiedenen Tische, ausgenommen Rene, der sich ganz selbstverständlich mir gegenüber zu Erika setzte. Sein flüchtiger Wangenkuss bewirkte bei Erika auch sofort, dass ihre dunklen Augen größer und ihr samtiger Schimmer noch leuchtender wurden. Das Warten auf Rene, die lang aufgestaute innere Erregung, die unterdrückten Gefühle, Erikas Emotionen konnten jetzt endlich in äußerliche Aufgeregtheit übergehen. Die zarte Röte ihrer blassen Wangen, zuvor noch als winziger Tupfer von mir wahrgenommen, breitete sich jetzt beinahe über das ganze Gesicht aus. Genau wie im Märchen nahmen sie die Farbe des rotbäckigen Apfels an, was das Schneewittchenantlitz für mich augenblicklich wieder zu einem Wunschbild des Begehrens machte.
Erikas schüchternes Verlangen, ihr zaghafter Versuch Rene für sich allein zu vereinnahmen, wurde von ihm eher etwas beiläufig registriert, schauspielerisch hingegen aber gekonnt überspielt. In geübter Professionalität gab er sich ungemein locker, mimte, unbeeindruckt von der Anwesenheit seiner Kommilitonen, gestisch den Liebhaber, so als sei das Cafehaus seine Bühne, auf der er ganz allein den Romeo zu spielen hatte. Zwar wandte er sich hin und wieder mit stummen Gesten seiner Julia zu, um vor seinem Publikum den Anschein zu erwecken, mit ihr weiter im Dialog zu stehen, ließ sie aber gar nicht erst zu Wort kommen.
Obwohl ich nach dem Redeschwall von Rene eigentlich einen Monolog von Erika erwartet hatte, blieb diese auch im weiteren Gesprächsverlauf völlig stumm. Statt der zu erwartenden Gegenrede, die jetzt eigentlich von ihr hätte kommen müssen, träumte Erika wie ein kleines Mädchen schwärmerisch an seiner Schulter. Anstelle des ausgebliebenen Monologs rückte ein seliges Lächeln um ihren blassroten Mund und es sah so aus, als wollten sich die kleinen Lachfältchen dort auf ewig eingraben. Julia erlag von nun an in stummer Ergebenheit dem Scharm ihres Geliebten, deshalb übernahm ich bis auf weiteres ihren Theaterpart, weil Rene schon die ganze Zeit unentwegt auf mich einredete, mir unbedingt etwas über Schillers „Räuber“ erzählen wollte.
Bei seinem eloquenten Vortrag aber konnte ich ganz beiläufig beobachten, wie sich seine rechte Hand wie selbstverständlich schon mal unter dem Tisch verirrte, um vertraulich auf Erikas linkem Knie zu landen. Ungeachtet dessen trieb der große Mime sein rhetorisches Ablenkungsmanöver wortgewaltig voran, obwohl er trotz ausladender Gestik die Entgleisung seiner Hand vor mir, auch wenn er es noch so geschickt kaschierte, keinesfalls verbergen konnte. Vielmehr hatte ich das Gefühl, dass sein, durchaus von Emotionen getragener Dialog mit mir, unter dem Tisch in eine völlig andere Richtung manövrierte.
Da ich in fast allen Lebenslagen stets bemüht war tolerant zu bleiben, beschloss ich Renes abwesende Hand ganz einfach zu ignorieren, sie schlicht zu übersehen, und plauderte zwanglos mit ihm über seine eben beendete Theaterprobe. Dabei verriet er mir, dass sich die Schauspieleleven seiner Seminargruppe gerade mit großem Engagement an die „Räuber“ heranarbeiteten und demnächst mit diesem Stück auf der Bühne des Hans Otto Theaters in Potsdam stehen würden. Rene, der in diesem Stück den Karl Moor spielte, wollte insbesondere auch hier im Cafe zeigen, dass ihm das ungestüme Studentenleben im wahren Leben nicht fremd sei, und arbeitete mitten im Freundeskreis gerade mit großem Pathos die Parallele zum Moor heraus. Das Cafe als Zentrum unseres wahren Seins bot für einen Theaterhelden die beste Voraussetzung, die Heftigkeit des studentischen Lebens voll auskosten zu können, bevor seine ungestüme Leidenschaft im Kampf um eine gerechte Weltordnung geopfert wurde.
Für mich war es immerhin beeindruckend, mit welcher Vehemenz Rene mit mir über den Mohr stritt, während er zeitgleich Erikas Knie unter dem Tisch bearbeitete. Über dem Tisch zelebrierte unser Held die Weltbühne, von der durch seine überzeugend theatralische Darstellung sogar ein Hauch des Schillerschen Freiheitsgedanken auf mich übergesprungen war.
Unter dem Tisch, quasi in der Bühnenversenkung, sollte aber bereits die Vorbereitung für ein völlig neues Theaterstück, das des „Doktor Faustus“ laufen, und Mephisto hatte Erika bereits auf die Gretchenrolle vorbereitet.
Doch zurück ins wirkliche Leben. Der Geräuschpegel des Cafes überschritt mittlerweile die erträglichen Grenzwerte um ein Vielfaches. An fast allen Tischen wurde diskutiert, gestikuliert und Rotwein geschlürft, wurden Rollen gespielt und getauscht, Illusionen geweckt und Träume gelebt. Von dieser kleinen Insel der Weltverbesserer, zu deren Bewohner auch ich damals zählte, ging durchaus ein revolutionärer Hauch von Opposition aus, auch wenn der kleine Gegenwind von der Außenwelt kaum wahrgenommen wurde. Streitgespräche über Gesellschaft und Politik konnten unsere Gemüter durchaus auf das Äußerste erhitzen. Vermischt mit philosophisch, künstlerischen Betrachtungen endeten sie irgendwann im kritischen Zerpflücken eines Theaterstückes oder eines Filmes.
Richtete man den Focus ausschließlich auf die verbale Seite, konnte der eine oder andere dabei sogar seinen Höhepunkt erreichen, auch wenn sein Streitpartner das völlig anders empfand und wieder einmal leer ausging. Eine ähnliche Disharmonie, wie sie beim Gleichklang des Gedankenaustausches relativ häufig vorkommt, könnte man durchaus auch mit der erotischen Gleichberechtigung im partnerschaftlichen Umgang vergleichen. Beispielsweise wird der Höhepunktes beim Liebesakt, zwar meist von beiden Partnern ersehnt, oft aber nur einseitig erreicht, weil ein gleichzeitiger Orgasmus in der Regel nur äußerst selten vorkommt.
Der dramaturgische Verlauf des Abends sollte von nun an - Goethes Faust hatte es bereits vorgegeben - primär von irdischen Gelüsten diktiert werden. Mein philosophischer Diskurs mit Rene ebbte dabei auch zwangsläufig ab, zumal ich ein wenig resignierend feststellen musste, dass mittlerweile der Faustsche Unterbühnenbereich mehr und mehr von meinem leidenschaftlichen Mimen Besitz ergriffen hatte. Als passiver Betrachter musste ich zusehen, wie er unruhig auf seinem Stuhl hin und her rückte, seine körperliche Aktivität erheblich zunahm, seine Streitkultur hingegen zusehends verblasste, und dem rein animalischen Verlangen geopfert wurde.
Meinem Vorschlag, dass man bei einer weiteren Flasche Rotwein den Schillerschen Freiheitsgedanken doch irgendwie weiter ausdehnen könne, wollte Rene nun nicht mehr nachkommen. Der Vorhang war gefallen! Der Tragödie erster Akt, und auch sein leidenschaftlicher Bühnenauftritt waren für heute beendet. Rene hatte sich jetzt fest für einen anderen zweiten Akt und zum Aufbruch entschlossen, winkte Lolo heran und bezahlte.
Irgendwie war ich enttäuscht von Renes abruptem Bühnenabgang und bestellte mir trotzig eine neue Flasche Gamza. Notfalls wollte ich allein mit ihr die Nachhaltigkeit des eklig grauen Vormittags ganz und gar auslöschen, wollte das Ende dieses ereignisreichen Novembertages unter dem Einfluss des Rebensaftes ein kleines bisschen vergolden. Schließlich fing der Abend für mich erst an, und ich hatte keine Ahnung, was daraus noch werden würde.
Während Rene seinen winzigen Geldvorrat zusammenkratzte, wickelte sich Erika kunstvoll in ihren schwarzen Schal, schlüpfte in den Fell gefütterten Parka und sah in hoffnungsvoller Erwartung auf Rene, der umständlich wie ein Krämer die letzten Groschen zusammenzählte. Als er sich endlich anschickte aufzustehen, im Vorbeigehen seinen dunkelblauen Anorak von der Stuhllehne nahm, um Erika hinterher zu laufen, wurde die Glastür des Cafes weit aufgerissen.
Mit dem einströmenden kalten Luftzug stürzte, ganz in Schwarz und in völliger Vermummung, Heidi in den Raum und steuerte, ohne die anderen überhaupt nur wahrzunehmen, direkt auf unseren Tisch zu. Erika und Rene, die ihr kurz vor der Tür beinahe in die Arme liefen, begrüßte sie im Vorbeiflug mit flüchtigem Handschlag, hastete weiter auf mich zu und fiel mir mit großem Hallo freudestrahlend um den Hals. Eine Ewigkeit hatten wir uns nicht mehr gesehen, eine wirklich freudige Abwechselung, wir würden uns sicherlich viel zu erzählen haben.
Beim Hinsetzen erwischte mich von der Tür her kommend wieder ein eisiger Luftzug, und ich konnte gerade noch mitbekommen, wie Schneewittchen mit ihrem Theaterprinz hibbelig durch die Ausgangstür fegte, um eilig in die Nacht und ihrem heiß begehrten Höhepunkt entgegenzustürzen.
Heidi hüpfte, eingehüllt in ihren langen schwarzen Mantel, sofort auf den Platz zu meiner Rechten, dort wo noch wenige Augenblicke zuvor Kurt dem betörenden Parfümduft von Spatz erlegen war. Ohne mich überhaupt zu fragen, schnappte sie sich einfach mein volles Glas, um es in einem langen Zug zu leeren.
„Entschuldige, aber das musste sein“, eröffnete sie noch völlig außer Atem ihre Begrüßungsrede, „es muss doch eine Ewigkeit her sein, ...als wir uns das letzte mal gesehen haben, ich weiß auch gar nicht mehr wo, und ...was gibt’s denn eigentlich bei dir so Neues?“ In abgehackten Halbsätzen, noch immer etwas atemlos, purzelten die Worte nur so aus ihrem Mund, und hinterließen auf ihren Lippen, die im milchigen Licht verführerisch schimmerten, winzig kleine, funkelnde Rotweinperlen.
„Bei mir ist alles beim Alten, aber was ist denn auf einmal mit dir los, du hast es mit dem ersten Glas so eilig gehabt, ist irgendetwas nicht in Ordnung?“, fragte ich besorgt zurück und zitierte durch Handzeichen Lilo heran, um ein weiteres Glas für Heidi zu ordern. Als Lilo mit den randvollen Gläsern auf uns zu balancierte, bekam ich erst einmal nachträglich von Heidi einen laut schmatzenden Wangenkuss und erst nach diesem hörbaren Begrüßungszeremoniell ließen wir die Gläser kräftig aneinander klingen, denn die Wiedersehensfreude war auf beiden Seiten.
Bei all der vordergründigen Fröhlichkeit wurde ich einfach nicht das Gefühl los, dass Heidi etwas verbarg, dass sie ein wenig Trost gebrauchen könne, und begann ihren schmalen Handrücken zu streicheln. Obwohl ich mir unsicher war, und nicht so recht wusste, ob ich damit richtig lag, suchte ich für einen kurzen Moment ihren Blick, so wie es Verliebte tun, wohl wissend, nur ein guter Freund zu sein, aber einer, zu dem sie uneingeschränktes Vertrauen haben konnte.
Erst nach längerem Zögern begann Heidi, in der Wortfolge zwar noch etwas holpernd, nach dem zweiten Glas, das sie wieder in einem Zug runterkippte, schon fließender, zu reden und mir ihren Kummer anzuvertrauen.
Nach der anfänglichen Zurückhaltung konnte ich jetzt von Heidi in Erfahrung bringen, dass ihr eigentliches Problem ihr Ehemann Knut war, der ihr erhebliche Sorge bereitete. Obwohl sie noch nicht sehr lange verheiratet waren, zogen am bislang so sonnigen Ehe Himmel bereits die ersten dunklen Wolken auf. Heidi beklagte sich mehrfach über das eigentümliche Verhalten von Knut, besonders wenn es um die Belange ihrer ganz persönlichen beruflichen Karriere ging. Aus ihren verzweifelten Worten war herauszuhören, dass sie dieses besonders egoistische Verhalten ihres Mannes sehr zu kränken schien. Nach Heidis Schilderung mussten Knuts Äußerungen geradezu herablassend gewesen sein, und mir wurde sehr schnell klar, dass bei ihm ein harmonisches Verständnis für die beruflichen Alltagsprobleme seiner Frau gar nicht existierte, sogar erheblich gestört zu sein schien. Mir war das schlicht unverständlich, schließlich waren sie beide von Beruf Bibliothekare, auch wenn sie in verschiedenen Bibliotheken beschäftigt waren.
Knut war aber strikt der Meinung, dass beide Bildungseinrichtungen von sehr unterschiedlichem intellektuellem Niveau seien. Damit musste er, so kam es mir jedenfalls vor, einer merkwürdigen Logik des menschlichen Denkens gefolgt sein. Ganz offensichtlich sah er sich in der Rolle des philosophischen Alphatiers, und gab aus nicht nachvollziehbaren Gründen vor, dass nur seine Bibliothek ein wirklich anspruchsvolles Niveau vorweisen könne. Worauf er aber diese These stützte, stand für mich in den Sternen, war logisch einfach nicht nach zu vollziehen.
Fast alle Bibliotheken der kleinen DDR waren, ungeachtet ihrer räumlichen Größe und dem damit verbundenen Literaturangebot, was ihren Bildungsauftrag anbetraf, als ziemlich gleichwertig anzusehen. Die von Knut geäußerte Kritik am intellektuellen Unterschied war wohl eher seiner Exaltiertheit zuzuschreiben. Wie ich es aus einigen Begegnungen mit ihm kannte, ließ er keinen anderen Menschen wirklich nah an sich heran, und hatte zudem meistens das Recht für sich allein gepachtet. Heidis besorgtem Gesichtsausdruck konnte ich jetzt deutlich ansehen, dass sie unter genau dieser Eigenschaft von Knut sehr zu leiden hatte, damit einfach nicht mehr so richtig klarkam, irgendwie auch ziemlich ratlos war, und jetzt einfach meine Hilfe in einem freundschaftlichen Gespräch suchte.
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