Kitabı oku: «Emotionen und Affekte bei Kindern und Jugendlichen»

Die Autoren

Volker Tschuschke, Univ.-Prof. Dr. rer. biol. hum., Dipl.-Psych., studierte Soziologie und Psychologie in Münster. Danach war er 10 Jahre als wissenschaftlicher Angestellter an der Forschungsstelle für Psychotherapie in Stuttgart tätig. 1986 promovierte er an der Universität Ulm. Seine Ausbildung zum Psychoanalytiker absolvierte er an der Stuttgarter Akademie für Tiefenpsychologie und Psychoanalyse.
Von 1990 bis 1996 arbeitete er am Lehrstuhl für Psychotherapie der Universität Ulm als wissenschaftlicher Angestellter. 1994 bis 1995 vertrat er parallel den Lehrstuhl für Psychoanalyse an der Universität in Frankfurt/Main, bevor er 1996 den Ruf auf den Lehrstuhl für Medizinische Psychologie am Universitätsklinikum der Universität zu Köln erhielt. Gegenwärtig arbeitet er als Dozent und Supervisor an der Deutschen Akademie für Psychoanalyse (DAP) in Berlin mit, wo er auch die Gruppentherapie-Ausbildung leitet.

Hans Heinz Hopf, Dr. rer. biol. hum., analytischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut. Seit 1975 in eigener Praxis niedergelassen. Von 1996–2003 Therapeutischer Leiter im Therapiezentrum Osterhof. Dozent, Supervisor und Ehrenmitglied an den Psychoanalytischen Instituten Stuttgart, Freiburg und Würzburg. Lektor an der Leopold-Franzens-Universität, Innsbruck. 2013 Diotima-Ehrenpreis der deutschen Psychotherapeutenschaft. Staufer-Medaille des Landes Baden-Württemberg. Vielfältige Veröffentlichungen, u. a. im Kohlhammer Verlag gemeinsam mit Evelyn Heinemann »Psychische Störungen in Kindheit und Jugend«, 6. Auflage.
Volker Tschuschke Hans Hopf
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1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-037178-1
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-037179-8
epub: ISBN 978-3-17-037180-4
mobi: ISBN 978-3-17-037181-1
Inhalt
1 Vorwort
2 Teil I Neuropsychologische Grundlagen der Emotionsentstehung
3 1 Der Aufbau des Gehirns
4 1.1 Stammhirn – Zwischenhirn – Großhirn
5 1.2 Das Limbische System als Zentrale emotionaler Eindrücke
6 Teil II Die Bedeutung von Gefühlen in Philosophie und Wissenschaft
7 2 Begriffsklärungen und Definitionen
8 2.1 Körper und Gefühle – Philosophische Erklärungsansätze
9 2.2 Gefühl, Emotion, Affekt – Definitionsversuche
10 2.3 Funktionen von Gefühlen und Emotionen
11 3 Zur Evolution von Gefühlen
12 3.1 Darwin und das Bild vom Menschen
13 3.2 Basisemotionen und ethnologische Sichtweisen
14 4 Emotionstheorien
15 4.1 Theorien zur erbbiologischen Anlage von Emotionen
16 4.2 Triebe und Körperreize – Ursprünge der Emotionen?
17 4.3 Abschließende Bemerkungen
18 Teil III Wie entstehen Gefühle?
19 5 Kognitionen und Emotion
20 5.1 Kognitive Theorien der Emotion
21 5.2 Das Verhältnis von Kognition und Emotion
22 5.3 Gefühl und Emotion
23 5.4 Emotion und Motivation
24 6 Ontogenese von Emotionen
25 6.1 Emotionen beim Kind
26 6.2 Emotionen und Persönlichkeitsentwicklung
27 Teil IV Psychodynamische Emotionstheorien
28 7 Freuds Affektmodelle
29 7.1 Die erste und die zweite Theorie
30 8 Neuere psychoanalytische Sichtweisen und Erkenntnisse
31 8.1 Neuere psychoanalytische Theorieentwicklungen
32 8.2 Erkenntnisse der Kleinkindforschung
33 8.2.1 Emotionen und Affekte beim Neugeborenen und im Säuglingsalter
34 8.2.2 Entwicklung und Affektqualität
35 8.2.3 Beziehung, Ich-Selbst-Entwicklung und die Rolle von Emotionen und Affekten
36 8.2.4 Die Rolle der Objektbeziehungen und die Ausbildung intrapsychischer Instanzen
37 8.3 Affekte und Geschlecht
38 8.3.1 Zur Bedeutung des mütterlichen Erlebens der Geschlechtlichkeit ihres Kindes
39 8.3.2 Philobatismus und Oknophilie
40 8.3.3 Existieren ein »normaler« Philobatismus und eine »normale« Oknophilie?
41 Teil V Ergebnisse der Emotions- und Affektforschung
42 9 Affektanalysen anhand von Sprachmaterial
43 9.1 Affekte von Kindern und Jugendlichen im Vergleich zu Erwachsenen
44 9.2 Affekte von Jugendlichen in psychiatrischer Behandlung
45 9.3 Somatische Bezüge von Affekten
46 Teil VI Das Ich, seine Funktionen und deren Störungen
47 10 Strukturdefizite
48 10.1 Rückblick in die Anfänge der Kinderpsychotherapie
49 10.1.1 Fritz Redl und die Ich-Psychologie
50 10.1.2 Deutung der Abwehr
51 10.1.3 Begrenzungen
52 11 Verbalisierung von Affekten
53 Teil VII Externalisieren und Internalisieren
54 12 Psychische Störungen sind geschlechtsspezifisch
55 13 Jungen externalisieren
56 13.1 Unterschiedliche Externalisierungsformen
57 14 Mädchen internalisieren
58 14.1 Die Mutter und die Über-Ich-Entwicklung des Mädchens
59 Teil VIII Störungen der Affektregulation
60 15 Diagnostik von Störung und Affektregulation
61 16 Affektregulierung
62 16.1 Wie werden Affekte reguliert? Elimination und Transformation
63 16.2 Wie gelingt Affektregulierung?
64 Teil IX Angst- und aggressive Affekte
65 17 Zwei zentrale Affekte und ihr Zusammenwirken
66 17.1 Fallbeispiele
67 18 Wie hängen Angst- und Wutaffekte zusammen?
68 18.1 Überlegungen zu den Angstaffekten
69 18.2 Überlegungen zu aggressiven Affekten
70 19 Langzeituntersuchungen zur Aggression von Henri Parens
71 19.1 Nicht-destruktive Aggressivität
72 19.2 Nicht-affektive Destruktivität
73 19.3 Feindselige Destruktivität
74 Literatur
75 Stichwortverzeichnis
Vorwort
Vielleicht wird sich die Frage stellen, warum zwei so verschiedene Autoren – der eine praktizierender Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut (H. H.), der andere ehemaliger Hochschullehrer, Psychotherapieforscher und ebenfalls Psychoanalytiker (V. T.) – dieses Buch gemeinsam geschrieben haben. Es gibt einen recht einfachen Grund, der sich zwar nicht unmittelbar erschließen, aber sehr leicht erklären lässt. Wir haben uns 1983 an der Stuttgarter Akademie für Tiefenpsychologie und Psychoanalyse kennengelernt – der eine als Dozent (H. H.), der andere als interessierter Ausbildungskandidat (V. T.). Die Ausbildung an diesem Institut begann 1984, und Ausbilder und Kandidat trafen sich zwei Jahre später wieder: an der Forschungsstelle für Psychotherapie in Stuttgart. Dort wollte der eine promovieren (H. H.) und der andere (V. T.) wurde von seinem Chef (Prof. Helmut Enke) dazu »verdonnert«, den einen zu betreuen. Schon damals ging es um Affekte, und zwar um die in Kinderträumen.
Die Pläne wurden in die Realität umgesetzt – mit großem Erfolg. Es entwickelte sich eine äußerst angenehme, im Endergebnis erfolgreiche und befriedigende Zusammenarbeit, die in ein sehr gutes Promotionsvorhaben mit ausgezeichnetem Abschluss und andauernde Freundschaft mündete.
Diese Freundschaft hält nun bereits seit mehr als 30 Jahren an und wird von beiden Seiten mit großer Zuneigung gepflegt, was sich in wechselseitigen Besuchen beider Familien mit dem Auffrischen alter Erinnerungen beim »Schlotzen« schwäbischen Weißweins und dem Austausch neuester Witze – neben einem natürlich ständigen fachlichen Austausch – ausdrückt.
Es lag daher nahe, an unser altes Forschungsinteresse anzuknüpfen und ein Buch über Affekte, ihre Entstehung sowie ihre Rolle in psychodynamischen Therapien zu schreiben. Dieses gemeinsame Projekt haben wir mit großer Freude realisiert und hoffen nun, dass diese Lust an dem Buch – eben unsere eigenen Affekte – bei Ihnen, unseren geschätzten Lesern, beim Lesen spürbar werden wird.
Volker Tschuschke und Hans Hopf im Frühjahr 2021
Teil I Neuropsychologische Grundlagen der Emotionsentstehung
1 Der Aufbau des Gehirns
1.1 Stammhirn – Zwischenhirn – Großhirn
Hunderte von Millionen Jahre benötigte die Evolution, um von primitiven Lebensformen ohne Gehirnausstattung über immer differenziertere Lebensformen, die eine zentrale koordinierende Steuerungseinheit für die vielen eintreffenden Umgebungsreize benötigten, immer komplexere Gehirne zu entwickeln. Das menschliche Gehirn ist nach Auffassung des Hirnforschers und Nobelpreisträgers Sir John C. Eccles das komplizierteste Gebilde des gesamten Universums (Eccles, 1987). Es funktioniert vollständig auf naturwissenschaftlich erklärbaren Prinzipien wie z. B. der elektrophysiologischen Weiterleitung von eintreffenden Sinnesreiszen und biochemischen Prozessen, u. a. in synaptischen Spalten. Je höher auf der Entwicklungsstufe der Evolution, desto entwickelter insbesondere das Großhirn, der sogenannte Neocortex. Auffällig ist, dass das Gehirn des Menschen größer ist als das der meisten Tiere, sein Gewicht variiert meist zwischen 1 200 und 1 800 Gramm.
Das absolute Gewicht des Gehirns sagt allerdings nichts aus, sondern eher das Verhältnis der tatsächlichen Gehirngröße zum erwarteten Gehirngewicht (der Encephalisationsquotient EQ), wobei die erwartete Gehirngröße unter Berücksichtigung der Körpergröße lebender Säugetiere berechnet wird. Der EQ liegt beim Menschen um 6,30, beim Schimpansen z. B. bei 2,48 und bei der Katze bei 1,01. Da dieser Quotient aber nicht viel aussagt – z. B. hat der Delphin einen EQ von 6,00 –, berücksichtigt man den Zuwachs des Neocortex im Vergleich zu anderen höher entwickelten Säugetieren (Cortexquotient [CQ]). Dann ergibt sich, dass der CQ beim Menschen 3,2-fach größer ausfällt als der von Primaten (Kolb & Wishaw, 1996).
Wir Menschen teilen den basalen strukturellen Gehirnaufbau mit allen höher entwickelten Arten: Den entwicklungsgeschichtlich ältesten Teil, das Stammhirn, das Zwischenhirn und das Großhirn. Der entwicklungsgeschichtlich neueste Teil der Hirnentwicklung ist die Großhirnrinde und hier insbesondere der Neocortex, der – wie erwähnt – beim Menschen größer ausfällt und insbesondere durch verschiedenste Funktionen gekennzeichnet ist.
Im Folgenden werden die für unser Thema wichtigsten Hirnareale und ihre Funktionen in sehr knapp gehaltener Form dargestellt, damit ein grundlegendes Verständnis der Gefühls- und Emotionsentstehung für die therapeutische Arbeit an den Emotionen und Affekten von Kindern und Jugendlichen zugrundegelegt werden kann. Erst ein grundlegendes Verständnis der funktionalen Organisation des Gehirns ermöglicht den Brückenschlag zur Psychologie (Roth, 1996).
In Abbildung 1.1 sind die für unsere Zwecke wichtigsten Hirnbereiche dargestellt (
Abb. 1.1).
Das Stammhirn (Übergangsbereich zwischen Brücke und Rückenmark) umfasst Zentren für die lebensnotwendigen Funktionen des Organismus (z. B. die Formatio reticularis). Darin befindet sich eine Reihe von Kernen, die für die Regulationen des Wasserhaushalts des Körpers, die Atmung oder die Regulierung des Kreislaufs zuständig sind, hier läuft alles automatisch und unbewusst ab.
Das Zwischenhirn (Diencephalon) bzw. Mittelhirn befindet sich zwischen dem Stammhirn und dem Großhirn. Es umfasst vegetative Aufgaben – etwa die Balance zwischen dem sympathischen und parasympathischen Nervensystem –, steuert den Biorhythmus und ebenfalls die Emotionen. Das limbische System (vom Lateinischen Limbus = Saum; da die zugehörigen Strukturen einen doppelten Ring um die Basalganglien und den Thalamus bilden) als zentraler Bereich des Zwischenhirns ist an Gedächtnisleistungen beteiligt und spielt die entscheidende Rolle bei der emotionalen Bewertung von Ereignissen in der äußeren Umwelt. Besonders wichtig ist das limbische System bei der Herstellung von emotional-affektiven Zuständen in Verbindung mit Vorstellungen, Gedächtnisleistungen, Bewertungen, Auswahl und Steuerung von Handlungen (Roth, 2001). Zum limbischen System gehören u. a. die Basalganglien, der Hippocampus, der Gyrus cinguli, der Thalamus, der Hypothalamus und die Amygdala.

Abb. 1.1: Hirnaufbau des Menschen
Der Gyrus cinguli (nicht abgebildet) umschlingt weite Teile des limbischen Systems und ist an kognitiven und emotionalen Funktionen beteiligt.
»Der ventrale Bereich steht mit emotionalen Funktionen im Zusammenhang und unterhält Verbindungen zur Amygdala, zum Nucleus accumbens, zur Insula und zum Hypothalamus. Im dorsalen Teil spielen sich hingegen eher kognitive Prozesse ab« (Medlexi, Abruf am 28.03.2020).
Der Thalamus als größter Teil im limbischen System ist Sammel- und Durchgangsstelle für alle Sinneseindrücke (nur ohne Geruchssinn), auch aus dem Stammhirn. Auf dem Weg zur Großhirnrinde werden hier eingehende Reize umgeschaltet. Der Thalamus entscheidet, welche Sinneseindrücke in das Bewusstsein gelangen sollen (»Tor zum Bewusstsein«).
Der Hypothalamus ist zentrale Koordinierungsstelle zwischen dem endokrinen und dem Nervensystem. Als solche reguliert er vitale Funktionen wie Wachstum, Körpertemperatur, Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme, zirkadiane Rhythmen wie Schlaf und das vegetative Nervensystem (Huggenberger et al., 2019).
Der Hippocampus (»Seepferdchen«) ist entscheidend bei Gedächtnisfunktionen, für die Abspeicherung neuer Informationen in Gedächtnisinhalte.
Die Hypophyse (Hirnanhangdrüse) ist wichtig für den Stoffwechsel des Organismus und steuert den Hormonhaushalt. Als Drüse produziert sie z. B. GH (growth hormone), ACTH (adrenokortikotropes Hormon, ein Stresshormon), FSH (Follikel-stimulierendes Hormon) für die Reifung von Eizellen, Spermienzellen oder TSH (Thyroid-stimulierendes Hormon) für die Schilddrüsenfunktion.
Die Amygdala ist eine zentrale bewertende Instanz, insbesondere im Hinblick auf die emotionale Bedeutung. Angst und Aggressivität sind die zentralen Emotionen, die hier geweckt werden können, aber auch Freude und Sexualtrieb.
Die Großhirnrinde (Cortex cerebri)ist der evolutionsbiologisch jüngste Teil des Gehirns. Sie hat eine Gesamtfläche von 2 200 cm2, die in zahlreichen Furchen und Windungen in einer Dicke von nur ca. 2 bis 5 mm versteckt ist. Da sie eine die beiden Hemisphären überspannende Struktur aus grauer Substanz ist, wird sie auch als Mantel (Pallium) bezeichnet. Die Zahl der Nervenzellen besteht aus unvorstellbaren fast 90 Milliarden Neuronen in sechs horizontalen Schichten. Der Cortex cerebri lässt sich in fünf bis sechs große »Lappen« einteilen (je nach Autor): Frontallappen, Parietallappen, Occipitallappen, Temporallappen, sowie Insellappen und Limbischen Lappen. Der Neocortex (auch Isocortex) nimmt hierarchisch, funktionell und topographisch das höchste Niveau des Telencephalons (Endhirn) ein und ist verantwortlich für die höheren zerebralen Funktionen wie Sprache, abstraktes Denken, Sozialverhalten, Lernvermögen usw. (Huggenberger, 2019).
Man kann den Cortex nach seinem stammesgeschichtlichen Alter in den älteren Archicortex und den (sehr alten) Palaecortex sowie den neueren Neocortex unterteilen. Der Unterschied besteht in der geringeren Schichtung bei den Nervenzellen in den älteren Arealen, z. B. bei der hippocampalen Formation (Archicortex) und beim Riechhirn (Palaecortex). Der Neocortex ist der Teil der Großhirnrinde, der für multisensorische und motorische Funktionen zuständig ist.
Es gibt unzählbar viele Faserverbindungen vom Zwischenhirn zum Großhirn (s. im Folgenden). Das wichtigste Umschaltorgan des Zwischen- bzw. Mittelhirns zum Cortex cerebri ist der Thalamus. Das Zwischenhirn umfasst u. a. den Thalamus, den Hypothalamus, den Hippocampus, die Amygdala, den Gyrus cinguli, den Nucleus accumbens und wichtige andere, die alle eine bedeutsame Funktion beim Erkennen und Bewerten von Ereignissen außerhalb des Organismus haben. Das Zwischenhirn ist für unsere Zwecke besonders wichtig, weil es neben den genannten Funktionen für die Gefühle zuständig ist. Hier entstehen Emotionen und Affekte.
Die Großhirnrinde erhält ihre zuführenden Informationen (Afferenzen) überwiegend vom Thalamus. Diese Informationen umfassen Sinneswahrnehmungen der verschiedenen Sinnesorgane.
»Extrathalamische Afferenzen kommen hauptsächlich aus der Amygdala, dem basalen Vorderhirn (cholinerge Afferenzen) einschließlich des Septum, den Basalganglien, dem Hypothalamus, den Raphekernen (serotoninerge Afferenzen), dem Locus coeruleus (noradrenerge Afferenzen) [die Raphekerne und der Locus coeruleus liegen im Stammhirn; Anmerk. v. d. Verf.], und dem tegmentalen Höhlengrau (dopaminerge Afferenzen) [Nervenzellkörper im Mittelhirn, eine Schicht, die ventral an den inneren Liquorraum grenzt und Angst- und Fluchtreflexe koordiniert; Anmerk. v. d. Verf.]« (Roth, 1996, S. 153).
Der präfrontale Cortex befindet sich im Frontallappen. Hier finden Steuerungen der Motorik und der Emotionen statt. Als »Organ der Zivilisation« bezeichnet, reguliert dieser Hirnbereich ethisch-moralische Entscheidungen. Verletzungen können zum Verlust von Scham- und Schuldgefühlen führen, d. h. Läsionen können die Persönlichkeit drastisch verändern. Der präfrontale Cortex dient als Schaltstelle zwischen dem Neocortex und dem limbischen System. Emotional-affektive Regungen werden bei intaktem präfrontalen Cortex stets von hier aus in enger Zusammenarbeit mit dem limbischen System reguliert.
Der Parietallappen organisiert und reguliert räumliches Denken und feinmotorische Abstimmungen für Hand- und Augenbewegungen. Er liegt leicht seitlich (Scheitellappen) hinter dem Frontallappen.
Der Occipitallappen liegt am Hinterhaupt. Er verarbeitet visuelle Reize und stellt das Sehzentrum des Gehirns dar.
Der Temporallappen umfasst den auditiven Cortex, den Hippocampus und das Wernicke-Sprachzentrum. Er ist wichtig für das Erkennen von Objekten.
1.2 Das Limbische System als Zentrale emotionaler Eindrücke
Der wichtigste Aspekt der komprimiert dargestellten Informationen zu den für unser Thema wichtigen Hirnfunktionen besteht darin, das Wechselspiel zwischen dem Limbischen System im Zwischen- bzw. Mittelhirn und dem Neocortex zu verstehen. Sinneseindrücke werden zentral im Limbischen System unter Hinzuziehung der im Neocortex abgespeicherten Informationen früherer Erlebnisse und Eindrücke in Gefühle und Handlungsreaktionen umgesetzt. Sinneseindrücke gelangen über verschiedenste Kanäle in das Gehirn.
»Hat die Information einmal den Cortex erreicht, so wird sie auch hier über multiple parallele Systeme weitergeleitet, die ihrerseits unterschiedliche Funktionen haben. Hier sei daran erinnert, dass das visuelle System im Cortex eine ventrale und eine dorsale Route hat, wobei die ventrale durch den Temporallappen und die dorsale durch den Parietallappen führt. Der erstgenannte Weg ist bei der Objekterkennung von Bedeutung, der zweite bei der räumlichen Zuordnung von Objekten. Angesichts dieses allgemeinen Organisationsprinzips des Gehirns gibt es sehr wahrscheinlich auch multiple Systeme – und zwar sowohl auf cortikaler als auch auf subcortikaler Ebene – die zu unserem Erleben von Emotionen beitragen« (Kolb & Whishaw, 1996, S. 355).
Das Limbische System ist – als Teil des Zwischen- bzw. Mittelhirns – auf die vielfältigste Art und Weise mit dem Neocortex verknüpft. Die Hauptbahn zum Neocortex verläuft zur orbitalen Oberfläche des präfrontalen Cortex. Speziell die Bedeutung dieser Verbindung könne man nicht hoch genug einschätzen, so Eccles (1987).
Der Entwicklungsweg von zunächst einmal trivialen Umgebungsreizen des Organismus bis hin zu subjektiv hoch bedeutsamen emotionalen Empfindungen für das Individuum und seinen Reaktionen zeigt Abbildung 1.2 im groben Überblick (
Abb. 1.2; Goeppert, 1996). Alle prozessualen Reizverarbeitungen im Bereich der objektiven Sinnesphysiologie basieren auf naturwissenschaftlich einfach zu erklärenden Reizweiterleitungen und Umschaltungen auf der Basis von elektrophysiologischen und biochemischen Vorgängen.

Abb. 1.2: Bereich der Verarbeitung objektiver Sinneseindrücke und Übergang zu subjektiver Sinnesphysiologie (nach Goeppert, 1996, S. 193)
Die entscheidende psychologische Umschaltung erfolgt dann im Übergangsbereich zur subjektiven Sinnesphysiologie. Hier werden auf bisher nicht vollständig geklärte Art und Weise physiologische und/oder biochemische Prozesse in höchst subjektive Gefühlsqualität verwandelt. Dasselbe Lied kann unter kontrolliert exakt gleichen Bedingungen (Räumlichkeit, Licht- und Temperaturverhältnisse, Tageszeit, Abspielgerät, Lautstärke etc.) abgespielt werden, und die eine Versuchsperson erlebt keine besonderen Gefühle, während die nächste Person einen wohligen Schauer verspürt und sie Gefühle freudiger Erregtheit ergreifen (etwa weil beim Hören des Liedes die Erinnerung an ein schönes Erlebnis wachgerufen wird).
Roth (2001) beschreibt die Abfolge von der Sinneswahrnehmung extraorganismischer Ereignisse bis hin zum bewussten Erleben.
»Ein positiv oder negativ erregendes Ereignis wird zuerst subcortical vorbewusst verarbeitet, und zwar bei einer visuellen Wahrnehmung durch die Retina, den lateralen Kniehöcker des Thalamus und den Colliculus superior des Mittelhirns (um die wichtigsten subcorticalen visuellen Zentren zu nennen). Vom lateralen Kniehöcker und vom Colliculus superior aus laufen unterschiedliche Aspekte des Seheindrucks zu limbischen Zentren, z. B. zur basolateralen Amygdala, und von dort aus unbewusst zu den vegetativen Zentren, wo sie – falls nötig – die notwendigen Reaktionen auslösen.
Gleichzeitig laufen die Erregungen vom lateralen Kniehöcker zur primären Sehrinde und von dort zu temporalen und parietalen visuellen Cortexarealen sowie in einem Umweg vom Colliculus superior aus über das Pulvinar des Thalamus ebenfalls zu visuellen Arealen. Im Cortex verbinden sich diese ›neutralen‹ visuellen Erregungen mit deklarativen Gedächtnisinhalten, die durch den Hippocampus und die ihn umgebende entorhinale, perirhinale und parahippocampale Rinde aktiviert wurden. Aufgrund der Tätigkeit des basalen Vorderhirns werden sie mit erhöhter Aufmerksamkeit versehen, und schließlich werden sie – vermittelt durch die Aktivität von Amygdala und mesolimbischem System und über deren Projektionen in den Cortex – mit Inhalten des emotionalen Gedächtnisses verknüpft.
Aufgrund der komplexen Interaktion vieler corticaler und subcorticaler Zentren entsteht dann in den entsprechenden assoziativen visuellen Arealen die bewusste, inhaltsreiche Emotion« (Roth, 2001, S. 172 f.).
Das Gefühl bzw. die Emotion, die ein Mensch empfindet, ist also stets eine hochkomplexe Kette einer Abfolge von Reizen der Umgebung des Organismus, die über Sinnesorgane in Zentren des Gehirns umgeschaltet werden, wo sie zunächst unter Hinzuziehung basaler unbewusster Einschätzungen der situativen Lage mit abwesender oder gegebener Gefahr bzw. als angenehme oder unangenehme Situation (Stammhirn- und Mittelhirnareale) eingeschätzt werden. Gleichzeitig laufen unter Hinzuziehung präfrontaler Areale blitzschnelle Abklärungen über thalamische Verbindungen zum Großhirn, wo Erinnerungen der subjektiven Lerngeschichte (deklarative Gedächtnisinhalte) hinzugezogen werden, was dann durch efferente Prozesse im limbischen System weiterverarbeitet und letztlich wiederum durch Projektionen in die assoziativen visuellen Bereiche des Cortex unter Hinzuziehung des emotionalen Gedächtnisses zur bewusst empfundenen Emotion wird.
Man kann sich vorstellen, dass Emotionen eine entscheidende Rolle für die Tiefe der Einspeicherung ins Gedächtnis und die Leichtigkeit des Erinnerns spielen (Roth, 1996). Situatives wird leichter und dauerhafter abgespeichert, wenn es für das Individuum emotionale Bedeutung hat (Spitz, 1980).
Zusammenfassung
• Bewusstes Erleben entsteht nur unter der Beteiligung von Emotionen; Kognitionen alleine sind nicht hinreichend.
• Das limbische System ist der zentrale emotionsverarbeitende Bereich im Zwischenhirn.
• Der Thalamus (als Teil des limbischen Systems) ist die wichtigste Umschaltstelle des Zwischenhirns zum Cortex cerebri.
• Komplexe wechselseitige Verschaltungen zwischen den Arealen im Zwischenhirn und dem Neocortex lassen, aus zunächst neutralen Reizen der Umgebung, subjektive Bedeutung mit zugehörigen Emotionen entstehen. Der genaue Vorgang des Übergangs von naturwissenschaftlich beschreibbaren Vorgängen im ZNS in subjektive Bedeutung ist wissenschaftlich noch nicht vollständig geklärt.
• Der präfrontale Cortex steuert – in Zusammenarbeit mit dem Zwischenhirn – die Emotionen und die Motorik (Schaltstelle zwischen Neocortex und limbischem System).
• Emotionen höherer Differenziertheit entstehen aus bedeutsamen, im Neocortex abgespeicherten individuellen Lebenseindrücken, die – i. d. R. aufgrund aktueller äußerer situativer Ereignisse – erinnert und so aktualisiert werden.
Literatur zur vertiefenden Lektüre
Eccles, J. C. (1987). Die Großhirnrinde. In: K. R. Popper & J. C. Eccles (Hrsg.), Das Ich und sein Gehirn (S. 283–308). München: Piper.
Kolb, B. & Whishaw, I. Q. (1996). Neuropsychologie. 2. Auflage. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag.
Roth, G. (1996). Das Gehirn des Menschen. In: G. Roth & W. Prinz (Hrsg.), Kopf-Arbeit. Gehirnfunktionen und kognitive Leistungen (S. 119–180). Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag.
Roth, G. (2001). Fühlen – Denken – Handeln. Wie das Gehirn unser Verhalten steuert. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
Weiterführende Fragen
• Welcher Bereich des Gehirns ist überwiegend für die Entstehung von Emotionen wichtig?
• Was wird auch als »Organ der Zivilisation« bezeichnet?
• Welches Organ des Mittelhirns ist eine zentrale Umschaltstelle für alle Informationen an den Neocortex?
• Welcher Teil des Cortex dient als entscheidende Schaltstelle zum limbischen System?
• Wann entsteht aus Sinnesreizen subjektive emotionale Bedeutung?
• Wo im Gehirn laufen lebensnotwendige Funktionen unterhalb der Wahrnehmungsschwelle ab?
• Welche ist die Hauptbewertungsinstanz – im Hinblick auf die emotionale Bedeutung – des limbischen Systems?
Teil II Die Bedeutung von Gefühlen in Philosophie und Wissenschaft
2 Begriffsklärungen und Definitionen
2.1 Körper und Gefühle – Philosophische Erklärungsansätze
Das Wesen der Gefühle beschäftigte die Philosophie bereits sehr früh. Empfinden und Verhalten von Tieren und Menschen waren zu allen Zeiten eine Herausforderung für Philosophen, Dichter und Wissenschaftler (Scherer, 1990).
»Nahezu alle großen Philosophen haben den Emotionen wesentliche Teile ihres Werkes gewidmet: die Großen der klassischen griechischen Philosophie, insbesondere Plato und Aristoteles; die Philosophen der Stoa; die Philosophen und Rhetoriker der römischen Schulen, wie etwa Cicero; Kirchenväter wie Augustinus, die Vertreter der scholastischen Philosophie des Mittelalters, so etwa Thomas von Aquin; die Philosophen des 17. Jahrhunderts, insbesondere Descartes und Spinoza; die Philosophen der Aufklärung, insbesondere Kant; und eine große Zahl von Philosophen der Neuzeit, in besonderem Maße Sartre« (Scherer, 1990, S. 1).
Aristoteles (384 bis 322 v. Chr.) gilt heute als der erste Philosoph, der eine vollständige Theorie der Affektentwicklung vorstellte (Aristoteles, 2011; 2017; Fonagy et al., 2008; Höffe, 2009). Nach ihm kann die Seele in einen vernunftbegabten und einen Teil ohne Vernunft unterteilt werden. Letzterer bestehe aus dem vegetativen Teil, den der Mensch mit allen anderen lebenden Geschöpfen teile. Als vernunft- und sprachbegabtes Wesen verfüge er aber auch über Gemütsbewegungen, die er nicht verhindern, jedoch kontrollieren könne. »Tugend« ist ein wichtiger Begriff bei Aristoteles. Sie sei erforderlich, um mit aufkommenden Affekten »richtig« umzugehen, nämlich indem der Mensch sie beherrsche.
»Da es nun drei Dinge in der Seele gibt, Affekte, Fähgkeiten und Eigenschaften, wird wohl die Tugend eines von ihnen sein. Als Affekte bezeichne ich Begierde, Zorn, Furcht, Mut, Neid, Freude, Liebe, Hass, Sehnsucht, Eifersucht, Mitleid und allgemein alles, was von Lust und Unlust begleitet wird. Fähigkeiten sind das, wodurch wir für diese Affekte empfänglich genannt werden, wie etwa das, wodurch wir fähig sind zu zürnen und Unlust oder Mitleid zu empfinden. Die Eigenschaften wiederum sind es, durch die wir uns zu den Affekten richtig oder falsch verhalten; so verhalten wir uns etwa dem Zorn gegenüber falsch, wenn wir allzu heftig oder schwach zürnen, richtig aber, wenn wir es mit Mittelmaß tun; ebenso ist es auch mit den übrigen Affekten« (Aristoteles, 2017, S. 41 f.).
Bemerkenswert sind die weit vor der heutigen Zeit erfolgten differenzierten Überlegungen zur Psychologie von Emotionen und Affekten und das Erkennen der komplexen Zusammenhänge zwischen Körperreaktionen wie z. B. Lust-Unlust-Empfinden, damit in Verbindung stehenden Emotionen und Abwehrprozessen (bei Aristoteles Kontrolle durch Tugend).
Dagegen kritisierten die Stoiker Aristoteles; sie gingen davon aus, Affekte seien nicht zu kontrollieren, sie entzögen sich der Kontrolle und seien daher nicht kultivierbar (Fonagy et al., 2008). Ihnen zufolge sei der Mensch vom Logos der Natur geleitet. Allein der Geist und das Denkvermögen könnten den Menschen dahin führen, am »göttlichen Logos« teilzuhaben. Durch ein ständiges Bemühen um Selbstformung und -kontrolle könne der Mensch zur Selbstgenügsamkeit und Unerschütterlichkeit gelangen. Die stoische Ruhe ermögliche es, Affekte am besten zu vermeiden, um so zur »Selbstvervollkommnung« zu gelangen.
»Die Stoiker betrachteten die Affekte als falsche Urteile und daher als korrumpierende Faktoren, die uns vom rechten Wege abbringen. Deshalb ist es unsere Pflicht, uns von ihnen zu distanzieren und uns zu bemühen, einzig auf der Grundlage der Vernunft zu handeln. Wenn es uns gelingt, der überwältigenden Macht der Affekte zu widerstehen, können wir Gleichmut und Selbstgenügsamkeit entwickeln, die es uns erlauben, ein glückliches und vernunftgemäßes Leben zu führen« (Fonagy et al., 2008, S. 77).
Fonagy et al. stellen eine interessante Verbindung her, indem sie den Einfluss der Stoa auf die römische Kirche betonen, »… die den Affekten und dem Körper feindlich gegenüberstand …« (S. 77). Affekte machen dem Emotionsphilosophen DeSousa (1987) zufolge für die römische Kirche fünf der sieben Todsünden aus: Hoffart, Wolllust, Neid, Völlerei, Zorn und Trägheit, während drei der vier Kardinaltugenden – Weisheit, Besonnenheit, Tapferkeit – nur auftreten könnten, wenn der Mensch sich gegen seine emotionalen Versuchungen zur Wehr setze. Man kann hier noch heute unschwer die konservative Haltung der römisch-katholischen Kirche gegenüber dem menschlichen Gefühlsleben und seinen Verbindungen zu körperlichen Regungen erkennen.
Der französische Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler René Descartes hat den bis heute nachhaltigsten Einfluss auf das abendländische Denken zum Verhältnis von Körper und Geist bzw. Seele genommen. Er schuf einen Dualismus, der bis heute das Denken und Handeln in der naturwissenschaftlich begründeten Medizin prägt.
»… da Descartes das Denken bekanntlich für eine Tätigkeit hielt, die sich völlig losgelöst vom Körper vollzieht, behauptet er in dieser Äußerung die radikale Trennung von Geist, der ›denkenden Substanz‹ (res cogitans) und dem nichtdenkenden Körper, der Ausdehnung besitzt und über mechanische Teile verfügt (res extensa)« (Damasio, 2018, S. 329; Hervorh. dort).
Damasio sieht in der »abgrundtiefen Trennung von Körper und Geist«, wie sie Descartes vorgenommen habe, einen »großen Irrtum« (s. hierzu ausführlich Abschnitt III;
Teil III). Auch der britisch-österreichische Philosoph Sir Karl R. Popper kritisierte Descartes’ Auffassung vom Menschen als Maschine, eines von mechanistischer Kosmologie beherrschten Apparats, die keinen Raum lasse für ein lebendiges Wesen mit Seele (Popper, 1987).
Eine Brücke zwischen Aristoteles und der Stoa schlug der portugiesische Philosoph Spinoza, der beide Positionen miteinander vereinte, indem er seiner radikalen Philosophie ethische Ziele zugrundelegte (Spinoza, 2017). Der Mensch solle insbesondere die illusorischen Lebensziele vom einzig Wahren differenzieren. Der Begriff der »Substanz« spielt bei ihm eine überragende Rolle. Er verstand darunter das, was in sich sei und durch sich begriffen werde; so sah er Gott als die einheitliche und ewige Substanz an. Eine Substanz benötige keine weitere Ursache, sie sei Ursache ihrer selbst, wie eben Gott auch. Denken (Geist) und Ausdehnung (Materie) sind für Spinoza zwei verschiedene »Attribute« der Substanz. Wie Descartes sah Spinoza einen Gegensatz zwischen Geist und Materie, allerdings konstruierte er nicht wie Descartes einen Dualismus, sondern einen Monismus. Geist und Materie seien keine gegensätzlichen Substanzen, sondern verschiedene Attribute einer einzigen Substanz (psychophysischer Parallelismus).
Bei aller Vernunft, die von letztlich fast allen Philosophen als Ziel propagiert wird, konzedieren sie gleichwohl mehrheitlich, dass ein vernünftiges, rationales Denken alleine dem Menschen nicht zu seinem Glück verhelfen könne. So ist für Schopenhauer nicht die bloße Reflexion wichtig, nicht alleine das »prüfende und vergleichende Nachdenken«, sondern »… gränzenloses Mitleid mit allen lebenden Wesen ist der festeste und sicherste Bürge für das sittliche Wohlverhalten …« (Schopenhauer, 2019; S. 207). »Mitleid« ist der zentrale Begriff des Schopenhauer’schen Ethik-Entwurfs, ein Mitleid – mit dem psychologischen Wissen von heute würde man dies als Mitfühlen, als Empathie bezeichnen –, das voraussetzungslos, ohne jegliche egoistischen Hintergedanken oder Motive, aus reiner Selbstlosigkeit handele. Mitleid sei Menschlichkeit im besten Sinne.
»… es ist das alltägliche Phänomen des Mitleids, d. h. der ganz unmittelbaren, von allen anderweitigen Rücksichten unabhängigen Theilnahme zunächst am Leiden eines Andern und dadurch an der Verhinderung oder Aufhebung dieses Leidens, als worin zuletzt die Befriedigung und alles Wohlseyn und Glück besteht. Dieses Mitleid ganz allein ist die wirkliche Basis aller freien Gerechtigkeit und aller ächten Menschenliebe« (Schopenhauer, 2019, S. 186).
Die Grundtriebfedern menschlichen Handelns sieht Schopenhauer im Egoismus, in der Bosheit und eben im Mitleid. Dass es sich hierbei nicht um Kognitionen, sondern um basale Gefühle handelt, erklärt sich von selbst.
Kierkegaard sieht den Mut zur Liebe als die entscheidende innere Haltung an, um eigene Ängste bewältigen und frei wachsen zu können (Kierkegaard, 2003). Ein Gefühl wie die Liebe sei unabdingbar wichtig für die eigene Existenz. Selbstliebe und Liebe des Nächsten seien untrennbar miteinander verknüpft.
»Niemand kann hoffen, ohne zugleich zu lieben, er kann nicht für sich selber hoffen, ohne zugleich zu lieben, denn das Gute hängt unendlich zusammen; liebt er aber, so hofft er zugleich für andere. Und im gleichen Maße, wie er für sich selber hofft, ganz im gleichen Maße hofft er für andere; denn ganz im gleichen Maße, wie er für sich hofft, ganz im gleichen Maße ist er der Liebende« (Kierkegaard, 2003, S. 282).
Selbst der stets mit Rationalität und Vernunft in Verbindung gebrachte Immanuel Kant legt seinem kategorischen Imperativ, dass der Mensch stets moralisch richtig und so handeln solle, so dass dieser Leitspruch jederzeit zum Gesetz werden könne, Gefühle zugrunde. Zwar benötige der Mensch dazu seine Vernunft und seine Erfahrung – also rational-kognitive Elemente –, die Vernunft jedoch könne nur wirken, wenn sie vom Gefühl der Achtung und dem Wunsch nach Liebe getragen sei (Kant, 2016).
Der Skeptiker Nietzsche jedoch sah in erster Linie den Intellekt durch Affekte bedroht. Er sah in Affekten eine Gefahr für das klare Denken, ganz ähnlich den Stoikern. Mit seiner negativistischen Äußerung »Wettstreit der Affekte und Überherrschaft eines Affekts über den Intellekt« (Nietzsche, 1980, S. 421) klingt eine Dimension des menschlichen Empfindens an, die den Affekt in seinem Grundcharakter von Gefühlen und Emotionen unterscheidet.
Während Philosophen und Denker sich damit befassten, wie wohl die durch Emotionen hervorgerufenen Gemütszustände zustande kamen, befassten sich die Vertreter der biologischen und medizinischen Wissenschaften von jeher mit den körperlichen Symptomen emotionaler Reaktionen (Scherer, 1990). Angefangen mit Hippokrates und von Galen, die sich mit den Körpersäften in Verbindung mit dem Charakter und den Emotionen befassten, über Darwins Evolutionstheorie, die Gemeinsamkeiten der Abstammung in Erscheinung, Verhalten und eben auch Gefühlen postulierte, über Cannon und Bards körperlich begründete Emotionstheorie bis hin zu Kretzschmers Konstitutionspsychologie im frühen 20. Jahrhundert – stets wurde der Körper als Ausgangspunkt und Ursache von Emotionen angesehen (Hippokrates & Fuchs, 1897; Galenus, 2019).
2.2 Gefühl, Emotion, Affekt – Definitionsversuche
Es wurden verschiedene Begrifflichkeiten genannt, die man alle eher dem Bereich des Empfindens, Fühlens oder »Spürens« zuordnen würde als dem des Denkens, z. B. Mitleid, Mut, Liebe, Achtung. In der Tat werden selbst in der Fachliteratur die Begrifflichkeiten uneinheitlich verwendet, so dass ein begrifflicher Wirrwarr herrscht. Begriffe wie »Gefühl, »Emotion«, »Stimmung«, »Erregung«, »Affekt« werden durcheinandergeworfen, so dass man oft nicht wissen kann, was der Verfasser genau meint. Die verschiedenen Begriffe bezeichnen nicht dasselbe; sie versuchen, unterschiedliche Befindlichkeiten zu kennzeichnen, die aufgrund ihres zeitlichen Umfangs, dem Ausmaß ihrer Intensität sowie der Art ihrer Qualität für ganz unterschiedliche innere Zustände stehen.
»Die Frage, was ein Gefühl sei, vor 100 Jahren von W. James (1884) gestellt, ist bis heute aktuell und unbeantwortet. Die Komplexität des Gegenstands, nämlich das Gefühl als Erlebnis, Gefühl als (Ausdrucks-)Verhalten und Gefühl als Kovariat von neurophysiologischen Strukturen und Prozessen erschwert aus nahliegenden Gründen eine tiefgreifende Theorienbildung« (Ewert, 1983, S. 397).
Die Vielfalt der verwendeten sprachlichen Begriffe für emotionale Phänomene zeigt zum einen eine Uneinheitlichkeit im Verständnis von Erlebensweisen und Probleme mit der Eingrenzung und Präzisierung des Emotionskonzepts, zum anderen aber auch, dass es eher eine mangelnde Klarheit in der Konzeptualisierung der Theorien gibt als in grundlegenden Meinungsverschiedenheiten über die zugrunde liegenden Prozesse (Scherer, 1990).
In der empirischen Forschung geht man im Allgemeinen davon aus, dass eine »Stimmung« einen zeitlich dauerhafteren inneren Zustand des Individuums beschreibt (»die Stimmung im Büro ist heute nicht die beste«). Stimmungen sind Gefühlserlebnisse von diffusem Charakter (Ewert, 1983). Inwieweit »Gefühl« und »Emotion« dasselbe meinen, darüber besteht kein allgemeiner Konsens; jedenfalls werden sie als zeitlich deutlich eingegrenzter angesehen als »Stimmung«.
Bindungstheoretiker verwenden den Begriff »Emotion« zur Kennzeichnung biologischer Grundmuster im Sinne Darwins und »Gefühl« als Bezeichnung für das Bewusstwerden von Individuen über innere Zustände, die sie dann kommunizieren (Grossmann & Grossmann, 2008). Psychiatrische Sichtweisen dagegen unterscheiden nicht nach der Bedeutung von Empfinden, sondern nach Dauer und Intensität.
»Gefühle heißen einzelne eigentümliche wurzelhafte Seelenbewegungen. Affekte nennt man augenblickliche komplexe Gefühlsverläufe von großer Intensität und auffallenden körperlichen Begleit- und Folgeerscheinungen. Stimmungen nennt man das Zumutesein oder die innere Verfassung bei länger dauernden Gefühlszuständen, die dem gesamten Seelenleben für die Dauer ihres Bestehens eine eigene Färbung geben« (Jaspers, 1973, S. 91; Hervorh. b. Autor).
Die Hirnforscher Gluck, Mercado und Myers (2010) definieren Emotion als
»… ein Gesamt von drei unterschiedlichen, aber wechselseitig miteinander verbundenen Reaktionsarten: physiologische Reaktionen, manifeste (beobachtbare) Verhaltensweisen und bewusstes Empfinden. Zu den physiologischen Reaktionen, die mit Emotion zusammenhängen, gehören Veränderungen des Herzschlags, erhöhte Transpiration, beschleunigte Atmung und dergleichen. Beispiele für manifeste Verhaltensweisen sind Gesichtsausdruck, Tonfall und Körperhaltung. Mit einer Emotion zusammenhängende bewusste Empfindungen sind z. B. die subjektive Erfahrung von Traurigkeit und Glück« (Gluck, Mercado & Myers, 2010, S. 389).
Darüber, dass ein »Affekt« eine spontane, zeitlich sehr eng begrenzte heftige Gefühlsregung ist, besteht hingegen allgemeiner Konsens. Bischof (2008) unterscheidet »Emotion« von »Affekt«, indem er vor allem die Rolle der kognitiven Kontrolle bei Emotionen betont, die bei Affekten fehle.
»Wenn die Signale des Antriebssystems an den Coping-Apparat durch den Filter der exekutiven Kontrolle gegangen sind, bezeichnen wir das als Emotionen. Fehlt diese Kontrolle oder gelingt es ihnen, sie zu durchbrechen, sprechen wir von Affekten« (Bischof, 2008, S. 387).
Diese definitorische Unterscheidung unterstellt, dass Emotionen und Affekte prinzipiell bewusstseinsfähig sind, ansonsten wäre ja keine Kontrolle möglich. Ebenso wird die Beteiligung einer kontrollierenden Instanz für Emotionen postuliert. Dieser Auffassung zufolge ist ein Affekt also eine heftige emotionale Aufwallung, die nur deshalb existiert, weil sie nicht mehr vom Individuum kontrolliert werden kann, ein überschießender, nicht mehr kontrollierbarer Gefühlsbetrag bzw. eine unkontrollierbare Gefühlsintensität. Als kontrollierende Instanz wird das Ich angesehen, das auch bei Lewins Feldtheorie eine entscheidende Rolle bei der Entstehung des Affekts spielt.
»Danach beruht der Affekt auf einem Konflikt zwischen Feldkräften in einer Situation, die ein Aus-dem-Felde-Gehen unmöglich macht. Der Übergang vom Normalzustand bis zum Ausbruch geht kontinuierlich mit dem Ansteigen der Spannung, die sich aufgrund von Barrieren nicht ausgleichen kann, vor sich. Die Wandfestigkeit der gespannten Systeme des Ich hält dem wachsenden Druck nicht mehr stand, sodass sich die Spannungsenergie weitgehend über alle Bereiche des Ich ausbreiten kann. Ebenso verwischen sich die Grenzen zwischen dem Ich und dem übrigen Feld. Ergebnis ist das Abfallen der Differenziertheit bis auf einen minimalen Grenzwert« (Bergius, 2014, S. 103; Hervorh. b. Verf.).
Auch Thomae (1983) unterscheidet zwischen Emotion und Affekt. Affektive Prozesse würden negativ bewertet, da sie normative Schranken außer Kraft setzten und quasi ein Zeugnis »vorintellektueller, ungeistiger und willensmäßig unkontrollierter Haltung« (Lersch, 1970, S. 225) darstellten, wie diese Auffassung auch Kant teilte.
»Die Ausschaltung der Orientierung an der Gesamtlage erfolgt einmal unter den Bedingungen extremer ›affektiver‹ Erregung, zum anderen durch situativ bedingte kognitive Verzerrungen. … kommt der Begriff heute noch in der Wortbildung ›Affektivität‹ vor, die synonym mit ›Emotionalität‹ gesehen wird (Kretschmer, Weitbrecht, Bas). Affekt meint seinem im Deutschen heute vorherrschenden Sinne nach ein ›rasch anspringendes, große Intensität erreichendes Gefühl‹. Die Beziehung dieser Motivationsform zu den Problemen der Norm-Orientierung ergibt sich aus der Aussage von I. Kant, wonach Affekte Gefühle seien, welche ›die Schranken der inneren Freiheit im Menschen überschreiten (Anthropologie 61 Anm.)‹« (Thomae, 1983, S. 305; Zitate dort).
Die Auffassung, dass Affekte von minderer psychischer Qualität seien, werden in der psychiatrischen Literatur und im Kern auch der psychoanalytischen Auffassung geteilt. Im Unterschied zu Emotionen wird in Affekten die versagende Kontrolle des Ichs bzw. der Abwehr gesehen. Der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers (1973) greift ein Zitat C. G. Jungs auf, der in der Affektreaktion eine »Emotionsstupidität« gesehen haben will und spricht selbst von einer »Bewusstseinsleere« bzw. von »Bewusstseinstrübungen«.
»Senkungen, Trübungen, Verengungen des Bewußstseins gibt es in mannigfachen Formen als Folge und Begleitung einzelner Erlebnisse. … Bei heftigen Affekten, in Angstzuständen, ferner in tiefen Melancholien, wie in manischen Zuständen ist die Konzentration, die Möglichkeit, sich auf etwas zu besinnen, über etwas nachzudenken, ein Urteil zu gewinnen, sehr erschwert« (Jaspers, 1973, S. 119); Hervorh. b. Autor).
Bei aufregenden Gelegenheiten würde die normalerweise gegebene Kontrolle von Emotionen versagen, alle Fähigkeiten versagten in der Affektreaktion.
Die Rolle der Persönlichkeit, speziell die des Ichs, im Zusammenhang mit Emotionen bzw. Affekten wird weiter unten noch ausführlich zu behandeln sein.
Die außerordentlich vielfältigen Definitionsvorschläge sollten nach Auffassung des Emotionspsychologen Klaus R. Scherer nicht dazu führen, eine allgemein verbindliche Emotionsdefinition vorzulegen. Es reiche aus, von der Vorstellung auszugehen,
»… daß zum Zustandekommen und Ablauf emotionaler Prozesse sowohl subkortikale als auch kortikale Verarbeitungsmechanismen externer oder interner Reizung, neurophysiologische Veränderungsmuster, motorischer Ausdruck, Motivationstendenzen und Gefühlszustände beitragen« (Scherer, 1990, S. 3).
Scherer schlägt ein Modell mit fünf »organismischen Subsystemen« vor, die alle jeweils eigene Funktionen für Adaptation und Verhalten des Organismus hätten:
• Informationsverarbeitungssystem,
• Versorgungssystem,
• Steuerungssystem,
• Aktionssystem,
• Monitorsystem.
»Die hier vorgeschlagene Definition postuliert mithin folgenden Ablauf des Emotionsprozesses: Die Ergebnisse von Informationsverarbeitungsprozessen, kortikal oder subkortikal, führen zu Veränderungen der Zustände aller fünf Subsysteme. Diese Veränderungen führen zu komplexen Wechselwirkungen und damit zu einer Synchronisation der Systemzustände, auch wenn die speziellen Eigenschaften der einzelnen Subsysteme unterschiedliche Verlaufsformen oder Veränderungsprozesse nahelegen. Während der Episoden der so synchronisierten Subsysteme ist mithin die gesamte Verarbeitungskapazität des Organismus auf den speziellen Auslöser gerichtet. Die emotionale Episode endet, wenn die Synchronisation und das gegenseitige Einwirken der Subsysteme aufeinander schwächer werden und die einzelnen Subsysteme wieder ihre speziellen Funktionen übernehmen« (Scherer, 1990, S. 7).
2.3 Funktionen von Gefühlen und Emotionen
Von der Evolution herausgebildete, erbbiologisch tief verankerte Reaktionsweisen basieren auf ganz grundlegenden Mechanismen, die mit Gefühlen in Verbindung gebracht werden müssen wie Kampf- oder Fluchtimpulse, die einen Überlebensvorteil bieten, eben um lebenswichtige Ziele zu sichern bzw. zu erlangen und schädliche Situationen zu beenden (Schneider & Dittrich, 1990). Erstere sind mit aggressiven und letztere mit Angstemotionen verbunden. Einig ist man sich in der heutigen Emotionsforschung darüber, dass Emotionen unverzichtbar wichtig sind bei der Erreichung von Verhaltenszielen, die den Reproduktionserfolg und so die Weitergabe von Genen sicherstellen und gefährliche Situationen zu vermeiden gestatten. Biologen und Philosophen sind sich darin einig, dass die Erscheinung von Emotionen essenziell war, um Leben in der Evolution auf eine höhere Stufe zu heben (Langer, 1967; Izard & Malatesta, 1987).
Emotionen konnten erst auf einer Stufe der Entwicklung der Arten vorteilhaft werden, auf der starre Verknüpfungen von Reiz-Reaktionsschemata zugunsten einer größeren Verhaltensvariabilität und damit zugunsten einer größeren Entscheidungsfreiheit aufgegeben werden konnten (Izard & Malatesta, 1987; Schneider & Dittrich, 1990).
Emotionen haben eine »handlungsstützende« sowie eine »kommunikative« Funktion (Geppert & Heckhausen, 1990). Im ersteren Sinne dienten Emotionen der Initiierung und Bestimmung der Intensität einer Handlung, der Aufrechterhaltung oder Beendigung einer Handlung, während die kommunikative Funktion von Emotionen darin bestehe, dass über Ausdruckserscheinungen Beobachtern Signale bezüglich der eigenen Zustände und Handlungsbereitschaften geliefert werden.
»Emotionen greifen in die bewusste Verhaltensplanung und -steuerung ein, indem sie bei der Handlungsauswahl mitwirken und bestimmte Verhaltensweisen befördern. Hierbei spricht man von Motivation. Als Wille ›energetisieren‹ sie die einen Handlungen bei ihrer Ausführung und unterdrücken als Furcht oder Abneigung andere. Sie steuern unsere Gedanken, Vorstellungen und insbesondere unsere Erinnerungen.
Der große mittelalterliche Philosoph Thomas von Aquin definierte Emotionen als ›etwas, das die Seele antreibt‹ in Richtung auf etwas Gutes oder Schlechtes. Ohne emotionale Impulse keine Aktionen!« (Roth, 2001, S. 263; Hervorh. b. Autor).
Der Kleinkindforscher René Spitz (1980) hebt die Bedeutung von Emotionen und Affekten für die Gedächstnisleistung hervor.
»Bei den Tieren haben die Verhaltensforscher unter den Bedingungen emotionaler Belastung (stress) eine enorme Beschleunigung der Erinnerungsspeicherung beobachtet.
Bei den … besprochenen Affektphänomenen ist die Rolle der zugrunde liegenden Triebregung (deren Indikator der Affekt ist) in der Entwicklung von Denkvorgängen von großem Interesse« (Spitz,1980, S. 162 f.).
Dies gilt aber ebenso für intensive positive emotionale Eindrücke (Roth, 1996).
Laux und Weber (1990) sehen sogar eine enge Nachbarschaft zwischen den Begriffen »Stress« und »Emotion« und diskutieren Emotion unter der Überschrift »Bewältigung von Emotionen«. Emotionen dienten der Bewältigung von Belastungs- und Stresssituationen, wie sie auch durch gegebene Bewältigungsressourcen modifiziert würden.
Zusammenfassung
• Es gibt keine einheitliche Emotionstheorie.
• Keine der bekannten philosophischen Sichtweisen vom Altertum bis zur Aufklärung negierte die Bedeutung von Emotionen bzw. Affekten im menschlichen Leben.
• Emotionen und Affekte werden als Teil der menschlichen Natur gesehen.
• Bezüglich der Bewertungen allerdings gehen die Meinungen auseinander: Die meisten Philosophen betonen die unverzichtbare Notwendigkeit von Emotionen für ein glückliches Leben, die anderen sehen speziell in Affekten eine Gefahr.
• Affekte werden von einigen philosophischen Richtungen bzw. Philosophen als den Menschen in die Irre führend angesehen, den Intellekt bedrohend, weshalb sie am besten durch die Entwicklung von Tugend und Beherrschung vermieden werden sollten.
• Affekte werden als eine deutlich von Emotionen abgrenzbare Kategorie angesehen, insofern sie sich weitgehend einer bewussten Kontrolle entziehen.
• Gefühle bzw. Emotionen kommen durch hochkomplexe innerorganismische Aktivitäten zustande, an der verschiedene »organismische Subsysteme« beteiligt sind, was eine einheitliche Erklärung und Definition für den Bereich des subjektiven, gefühlshaften Erlebens unmöglich macht.
Literatur zur vertiefenden Lektüre
Bischof, N. (2008). Psychologie. Ein Grundkurs für Anspruchsvolle. Stuttgart: W. Kohlhammer.
Damasio, A. R. (2018). Descartes’ Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. 9. Auflage. Berlin: List.
Fonagy, P., Gergely, G., Jurist, E. L. & Target, M. (2002). Affektregulierung, Mentalisierung und die Entwicklung des Selbst. Stuttgart: Klett-Cotta.
Scherer, K. R. (1990). Theorie und aktuelle Probleme der Emotionspsychologie. In: K. R. Scherer (Hrsg.), Enzyklopädie der Psychologie. Psychologie der Emotion – Motivation und Emotion (S. 1–38). Band 3. Göttingen: Hogrefe.
Weiterführende Fragen
• Die meisten Philosophen postulierten, dass Affekte kultiviert werden müssten. Welche Begriffe verwendeten sie?
• Bei welchem Philosophen schließen sich Intellekt und Affekte gegenseitig aus?
• Welcher Philosoph sieht eine grundlegende Ethik erst durch was gewährleistet?
3 Zur Evolution von Gefühlen
3.1 Darwin und das Bild vom Menschen
Den größten Einfluss auf das heutige Wissen über die Natur der Lebewesen und damit auch des Menschen allerdings hatte Charles Darwin. Er belegte nicht nur als Erster aufgrund anatomischer Gemeinsamkeiten oder großer Ähnlichkeiten zwischen den verschiedenen Arten die gemeinsame Abstammung aus vorangegangenen Lebensformen, sondern er unterstellte auch gemeinsame Wurzeln von Intelligenz, Denkfähigkeiten, Gedächtnis und Gefühlen (Darwin, 1859; 1877; 2013; Plutchik, 1980). Der Ausgangspunkt seiner Entdeckungen war die Beobachtung, dass es bestimmte Formen des Anpassungsverhaltens gibt, die alle Organismen als Reaktion auf spezielle Ereignisse in ihrer Umgebung zeigen, selbst die einfachsten Lebensformen. Die Umgebung aller Organismen kreiere die gleichen Probleme, z. B. die Notwendigkeit der Identifikation von Beute und Räuber, Freund und Feind oder Nahrung (Pluchik, 1980). Emotionen seien körperliche Reaktionen, im Inneren wie im Verhalten nach außen, um die basalen Überlebensprobleme zu bewältigen, die die Umgebung hervorrufe. Gefühle stellten Lösungsversuche des Organismus dar, Kontrolle über bestimmte Ereignisse zu gewinnen, die im Zusammenhang mit dem Überleben des Organismus stünden.
Darwins Beobachtungen und Schlussfolgerungen zur Verwandschaft emotionaler Reaktionsweisen bei verschiedenen Lebensformen beziehen sich auf körperliche Reaktionsweisen wie auch auf emotionale Ähnlichkeiten.
»Beim Menschen lassen sich einige Formen des Ausdrucks, so das Sträuben des Haares unter dem Einflusse des äuszersten Schreckens, oder des Entblöszenz der Zähne unter der rasenden Wuth, kaum verstehn, ausgenommen unter der Annahme, dasz der Mensch früher einmal in einem viel niedrigeren und thierähnlichen Zustande existirt hat. Die Gemeinsamkeit gewisser Ausdrucksweisen bei verschiedenen, aber verwandten Species, so die Bewegungen derselben Gesichtsmuskeln, während des Lachens beim Menschen und bei verschiedenen Affen, wird etwas verständlicher, wenn wir an deren Abstammung von einem gemeinsamen Urerzeuger glauben.
[…]
Um eine so gute Grundlage als nur möglich zu gewinnen und nun, unabhängig von der gewöhnlichen Meinung, zu ermitteln, in wie weit besondere Bewegungen der Gesichtszüge und eigenthümliche Geberden wirklich gewisse Seelenzustände ausdrücken, habe ich die folgenden Mittel als die nützlichsten befunden. An erster Stelle sind Kinder zu beobachten: denn sie bieten, wie Sir Ch. Bell bemerkt, viele seelische Erregungen, ›mit auszerordentlicher Kraft‹ dar; während im späteren Leben mehrere unsrer Ausdrucksarten ›aufhören, der reinen und einfachen Quelle zu entspringen, aus welcher sie in der Kindheit hervorgehen‹« (Darwin, 2013, S. 11 f.).
Darwin stellte grundlegende Prinzipien auf, die seiner Auffassung nach am besten die Ausdrucksformen und Gebärden erklären, die vom Menschen und niederen Tieren unter dem Einfluss unterschiedlicher »Seelenbewegungen und Gefühle« unwillkürlich gebraucht würden und anlagebedingt seien.
»Dasz die hauptsächlichsten ausdruckgebenden Handlungen, welche der Mensch und die niedern Thiere zeigen, jetzt angeboren oder angeerbt sind, – d. h. dasz sie nicht von dem Individuum gelernt worden sind – wird von jedermann zugegeben. Ein Erlernen oder Nachahmen hat mit mehreren derselben so wenig zu thun, dasz sie von dem frühesten Tagen der Kindheit an durch das ganze Leben hindurch vollständig auszer dem Bereiche der Controle liegen: so z. B. die Erschlaffung der Arterien in der Haut und die erhöhte Herzthätigkeit beim Zorn. Wir können Kinder, nur zwei oder drei Jahre alt und selbst blindgeboren, vor Scham erröthen sehen« (Darwin, 2013, S. 322).
Junge wie alte Individuen sehr unterschiedlicher Ethnien drückten die gleichen Seelenzustände durch die gleichen Bewegungen bei Menschen wie bei Tieren aus.
»Die bei weitem größere Zahl der Bewegungen des Ausdrucks, und alle die bedeutungsvolleren, sind, wie wir gesehen haben, angeboren und vererbt, und von diesen kann man nicht sagen, dasz sie vom Willen des Individuum abhängen. Nichtsdestoweniger waren alle die unter unser erstes Gesetz Fallenden ursprünglich zu einem bestimmten Zwecke ausgeführt worden – nämlich um irgend einer Gefahr zu entgehen, irgend eine Noth zu erleichtern oder irgend ein Verlangen zu befriedigen« (Darwin, 2013, S. 324).
Und:
»Ich habe mit ziemlich detaillierter Ausführlichkeit zu zeigen mich bemüht, dasz alle die hauptsächlichsten Ausdrucksweisen, welche der Mensch darbietet, über die ganze Erde dieselben sind. Diese Thatsache ist interessant, da sie ein neues Argument zu Gunsten der Annahme beibringt, dasz die verschiedenen Rassen von einer einzigen Stammform ausgegangen sind. … Es ist bei weitem wahrscheinlicher, dasz die vielen Punkte groszer Ähnlichkeit in den verschiedenen Rassen Folge der Vererbung von einer einzigen elterlichen Form sind, welche bereits einen menschlichen Charakter angenommen hatte« (Darwin, 2013, S. 330 f.).
Darwin ging von einer gemeinsamen Abstammung aus, Ausdrucks- und Verhaltensmuster sah er als angeboren und als Folgen von Vererbung an.
»Die Bewegungen des Ausdrucks im Gesicht und am Körper, welcher Art auch ihr Ursprung gewesen sein mag, sind an und für sich selbst für unsere Wohlfahrt von groszer Bedeutung. Sie dienen als die ersten Mittel der Mittheilung zwischen der Mutter und ihrem Kinde; sie lächelt ihm ihre Billigung zu und ermuthigt es dadurch auf dem rechten Wege fortzugehen, oder sie runzelt ihre Stirn aus Missbilligung« (Darwin, 2013, S. 335).
3.2 Basisemotionen und ethnologische Sichtweisen
Die Darwin’sche Sichtweise der vererbten Anlage und zu automatischen, ganz spezifischen gemütshaften Reaktionen auf bestimmte Umgebungsanforderungen hat sich in den Emotionstheorien auf breiter Ebene niedergeschlagen. In der psychologischen Literatur zu Emotionstheorien geht man davon aus, dass es sogenannte »Basisemotionen« gibt, die universell und für alle Menschen, Ethnien und Kulturen Gültigkeit besitzen (Zimbardo & Gerrig, 2004). Die allgemein gehandelten Basisemotionen seien Wut, Angst, Ekel, Erschrecken, Freude, Überraschung und Trauer. Diese Aufzählung differenzieller, angeborener Emotionszustände wird u. a. auf den Emotionsforscher Paul Ekman zurückgeführt, der emotionale Regungen anhand von menschlichen Gesichtsausdrücken seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts beforscht. In neuerer Zeit geht Ekman von fünf Basisemotionen aus (Ekman, 1992): Freude, Trauer, Zorn, Furcht und Ekel.
»Diese elementaren Emotionen sind in bezug auf folgende neun Eigenschaften charakterisiert: distinktive universale Signale, Vorkommen auch bei nicht-menschlichen Primaten, distinktive Physiologie, distinktive universale Aspekte in Auslöservorgängern, Kohärenz der emotionalen Reaktionen, schnelles Einsetzen, kurze Dauer, automatische Bewertung und unerbetenes Auftreten (Ekman, 1992)« (Fonagy et al., 2008, S. 80; Zitat dort).
Unter evolutionärer Perspektive stellt der gefühlshafte Ausdruck (speziell der Affekt) ein Signal für eine bestimmte Verhaltensbereitschaft dar (Steimer, 2005, S. 313). Die evolutionäre Sicht betont den Überlebensvorteil von Verhalten und Ausdruck, und dazu gehört der kommunikative Charakter der Ausdrucksformen, der dazu dient, an Freund und Feind Signale auszusenden, die für den Sender überlebensnotwendig sind, ihn schützen (Signale von Aggressions- und Kampfbereitschaft, Gefahr für den Angreifer) oder ihm dienlich sein sollen (Signale bezüglich Paarungsbereitschaft, Nahrung, Sicherheit).
Ethnologische Forschungen von Benedict (1934) und Mead (1939) vertraten schon früh die Auffassung, dass zwischen verschiedenen Kulturen enorme Unterschiede hinsichtlich der Formen des Gefühlsausdrucks bestünden. Unterschiedliche Kulturen lehrten ihre Mitglieder unterschiedliche Regeln über angemessene Verhaltensweisen und wie Emotionen in verschiedenen sozialen Kontexten und Situationen zu zeigen seien (Gluck et al., 2010). Zusammenfassend kann man davon ausgehen, dass die Fähigkeit zum Emotionserleben und -ausdruck anlagebedingt ist und auf evolutionär unverzichtbaren Gegebenheiten fußt, die Formen des emotionalen Erlebens und des Emotionsausdrucks hingegen aber sozial und kulturell vermitteltet sind.
Zusammenfassung
• Bestimmte basale Gefühle werden als evolutionsbedingt aufgefasst und sind ethnien- und kulturübergreifend erkennbar.
• Gefühle und Emotionen erfüllen verschiedene Funktionen, vor allem dienen sie als Signale für die Umgebung und haben für die Arten – also auch den Menschen – einen Überlebensvorteil.
• Aufgrund der Ähnlichkeit basaler Emotionsausdrücke ging Darwin von einer gemeinsamen Abstammung aus, so dass Ausdrucks- und Verhaltensmuster als angeboren und somit vererbt betrachtet werden müssten.
• Ethnologische und Hirnforscher dagegen betonen kulturelle Unterschiede in emotionalen Ausdrucksformen, die darauf hindeuteten, dass nicht alles am emotionalen Ausdruck erbbiologisch vorgegeben, sondern vieles erfahrungs- und lernabhängig sei.
Literatur zur vertiefenden Lektüre
Darwin, C. (2013). Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren. Bremen: Bremen University Press.
Plutchik, R. (1980). Emotion. A psychoevolutionary synthesis. New York, NY: Harper & Row.
Zimbardo, P. G. & Gerrig, R. J. (2004). Psychologie. 16. Auflage. München: Pearson.
Weiterführende Fragen
• Wie sieht das Verhältnis zwischen Körper und Emotion bei Darwin aus?
• Ist die Universalität basaler emotionaler Ausdrucksformen erbbiologisch festgelegt, oder kann auch eine kulturelle Überformung erfolgen?
• Wie kann man sich erklären, dass sich – trotz gemeinsamer Abstammung – in verschiedenen Kulturen unterschiedliche emotionale Ausdrücke entwickeln?
4 Emotionstheorien
4.1 Theorien zur erbbiologischen Anlage von Emotionen
Theorien, die von einer anlagebedingten, also vererbten Fähigkeit zu Gefühlsausdrücken ausgehen, stehen naturgemäß der Darwin’schen Auffassung von einem gemeinsamen Stammbaum des Gefühlsausdrucks und seinen Erscheinungsformen nahe. Wenn nun alle Lebewesen einen gemeinsamen Ursprung haben – was heute wissenschaftlich nicht mehr angezweifelt werden kann –, dann muss auch von einer Verwandtschaft von bestimmten Verhaltens- und Ausdrucksweisen ausgegangen werden, so dass eine gewisse Universalität auch bei den Gefühlsausdrücken zu unterstellen ist. Wie Darwin überzeugend nachgewiesen hat, handelt es sich beim Ausdruck von Gefühlen nicht um eine beliebige Spielart, sondern um überlebensnotwendige und – im Laufe langer Entwicklungszeit – überlebensoptimierte Formen des Ausdrucks von Gemütszuständen, die zwar kulturell mehr oder weniger überformt werden können, die aber in ihrem Grundcharakter vermutlich eher identischer als ähnlicher Natur sein dürften.
Überlebensnotwendige Fähigkeiten von Organismen gehören also zur genetischen Grundausstattung, die nicht einfach abgelegt werden können. Aus dieser Sicht muss es auch gleiche oder ähnliche Ausdrucksformen geben, die nicht vom jeweiligen individuellen Lebewesen oder von der sozial-kulturellen Umgebung kreiert worden sind und allgemein verstanden werden. Speziell beim Menschen gelangt man aber schnell zu der Frage, ob es nicht auch individuelle Formen des Gefühlsausdrucks gibt, dass also die Art und Weise des Gefühlsausdrucks nicht grundsätzlich starr und vorgegeben ablaufen muss, sondern dass auch individuelle Überformungen gefühlshafter Ausdrücke möglich werden, ohne den Grundcharakter der evolutionär erworbenen und für ein Überleben notwendigen Bedürfnisse zu verlieren.
Theoretiker des anlagebedingten Erklärungsansatzes von Gefühlsausdrücken kommen aus den verschiedensten psychologischen Schulen und Sichtweisen, sie reichen von evolutionär-anthropologisch orientierten Motivations- und Persönlichkeitsforschern bis hin zu lerntheoretisch-verhaltenstherapeutischen und psychodynamischen Theoretikern. Sie alle gehen mal mehr, mal weniger von anlagebedingten, erblichen Ursprüngen menschlicher Gefühlsausdrücke aus. Basale Gefühle haben sich im Laufe der Evolution in primitiver oder differenzierterer Form bei allen Arten entwickelt und haben ihrer Auffassung nach einen adaptiven Charakter, weil sie im Überlebenskampf von unverzichtbarer Notwendigkeit sind. Aus dieser Perspektive kann es dann auch keine Frage mehr sein, ob Gefühle und Empfindungen anlagebedingt vorgegeben sind oder nicht. Die grundsätzliche Fähigkeit zum emotionalen Empfinden und zum Ausdruck desselben ist es zweifelsfrei immer, es stellt sich lediglich die Frage, inwieweit Emotionen modifiziert und zu differenzierteren Erlebens- und Ausdrucksweisen ausgeformt werden können, wodurch dies erfolgt und wovon dies abhängt. Außerdem stellt sich die Frage, ob bestimmte Emotionen, die nicht ursprünglich erbbiologisch mitgegeben wurden, nicht auch ausschließlich sozial und kulturell vermittelt werden können. Die Fähigkeit zur Ausformung bestimmter Emotionen oder Affekte dürfte zweifelsfrei eine genetische Mitgift sein, die Formen seelischen Ausdrucks hingegen könnten von relativ primitiven, rein anlagebedingten Ausdrucksweisen bis hin zu hoch differenzierten, phylogenetisch und ontogenetisch ausgebildeten reichen.
Sehr frühe Annahmen zum Zusammenhang zwischen »Seelenbewegungen« und Körper lassen sich bereits auf Aristoteles zurückführen, der eine untrennbare Einheit zwischen beiden sah (Aristoteles, 2011). Ebenso sah Darwin (2013) emotionale Ausdrucksformen als ungelernt und anlagebedingt an, als Mitgift der Evolution im »struggle for survival«.
Auch Freuds Auffassungen von den Gefühlen und vom Affekt basieren auf körperlichen Vorgängen. Freud präzisierte seine Theorien erstmals 1892 in »Ein Fall von hypnotischer Heilung« und sah im sogenannten »Erwartungsaffekt«, der an bestimmte Vorstellungen geknüpft ist, einen verunglückten Kompromiss aufgrund eines ungelösten Konfliktes (GW I, 1892). Seine frühen Auffassungen vom Affekt basieren auf dem Konzept seiner Triebtheorie. Im Kern der Theorie werden Affekte konflikttheoretisch hergeleitet, insofern sie einem Lust-Unlust-Spannungsverhältnis entspringen. Diesem frühen Modell zufolge entstehen Affekte in Situationen, in denen die Triebenergie, mit der Vorstellungsinhalte besetzt sind, nicht in motorische Interaktionen übergeführt oder nicht erfolgreich unterdrückt werden können.
Auch Watson – der Begründer des Neobehaviorismus – ging davon aus, dass Emotionen ungelernte Reaktionsmuster, mithin erbbiologisch angelegte Phänomene seien (Plutchik, 1980). Wie eine unkonditionierte Reaktion seien sie genetisch angelegt und erfolgten mit ziemlicher Konstanz und Regelmäßigkeit auf bestimmte Reize hin. Auch dem US-amerikanischen Psychoanalytiker Rapaport zufolge existieren bereits bei der Geburt angeborene Abfuhrkanäle für Affekte, die ab bestimmten Schwellenwerten für die Abfuhr genutzt würden (Rapaport, 1942; 1953; Plutchik, 1980; Zepf, 2000).
Weitere namhafte Emotionsforscher wie Sylvan S. Tomkins gingen von speziesspezifischen Anlagen, »programmierten« Emotionen, aus. Sein bekanntester Schüler, Carroll B. Izard, legte seinem Emotionsbegriff ebenfalls eine genetische Sichtweise zugrunde. Emotionen waren für ihn primär mimische Gesichtsausdrücke, die eine neurologische Basis haben. Wie sein Lehrer Tomkins ging auch er zunächst von subkortikalen Zentren mit genetisch festgelegten »Programmen« für einzelne Emotionen aus. Individuen lernten nicht, ängstlich oder depressiv zu sein, sie lernten lediglich die Schlüsselreize, die die Gefühle von Angst oder Depression hervorriefen (Izard, 1977). Wie Tomkins auch ging Izard von einer kleinen Anzahl von anlagebingten »Basisemotionen« aus.
Magda B. Arnold war in ihrer Zeit die erste Theoretikerin, die sich von den James-Lange- und Cannon-Bard-Gefühlstheorien (s. weiter unten) distanzierte und eine kognitive Richtung einschlug. Auch sie nahm zwar angeborene Reaktionsmuster an, die aber durch Lernprozesse modifiziert werden könnten (Arnold, 1960). Sie kritisierte die Emotionstheorien ihrer Zeit, indem sie die Wichtigkeit längerer Beobachtungszeiträume von kleinen Kindern einforderte. Laborforschungen taugten nichts, Kinder reagierten über längere Zeiträume mit unterscheidbaren emotionalen Mustern auf vergleichbare Auslöser, was die Bedeutung der individuellen Modifizierbarkeit von Emotionen hervorhebe.
Der Emotionstheoretiker Robert Plutchik zählt zu den bedeutendsten Emotionsforschern der jüngeren Zeit. Grundsätzlich geht er von einem evolutionären Standpunkt der Emotionsentstehung aus. Emotionen sind diesem Darwin’schen Denkmodell folgend in der Phylogenese durch Selektionsprozesse entstanden und haben somit eine genetische Grundlage (Plutchik, 1955; 1957; 1958; 1980).
Plutchik postuliert acht verschiedene wesentliche Basisemotionen: Furcht, Ärger, Traurigkeit, Ekel, Überraschung, Freude, Vertrauen und Erwartung. Wie Arnold kritisiert er die artifizielle Laborforschung, die keine Validität für sich in Anspruch nehmen könne. In Laboren würden Individuen meist mit Elektroschocks gestresst oder lauten Geräuschen, um nachfolgend durch introspektive Befragungen zu erfahren, was diese Individuen gespürt hatten. Dass solche Erinnerungen – bereits künstlich und wirklichkeitsfremd verformt durch experimentelle Anordnungen – darüber hinaus dann kognitiven und Abwehrprozessen unterliegen und somit keine Gültigkeit mehr beanspruchen können, kam Forschern damals nicht in den Sinn (und auch heute nur selten).
Otto F. Kernberg, einer der bedeutendsten psychoanalytischen Theoretiker der Gegenwart, stuft Affekte als genetisch festgelegte Dispositionen für bestimmte Verhaltensweisen ein (1998). Im Kontext internalisierter Objektbeziehungen entwickeln sich nach Kernberg die dispositionell vorgegebenen Affekte im Zuge der Reifung der Persönlichkeit. Affektdispositionen seien primäre Motivationssysteme, nicht Triebe wie bei Freud.
Rainer Krause ist einer der wichtigsten deutschsprachigen Emotionstheoretiker, der mit seiner Arbeitsgruppe ebenfalls sehr umfangreiche Emotionsforschungen betrieben und affektiv-mimische Gesichtsausdrücke empirisch auf ihre kommunikativen Funktionen hin untersucht hat (2012). Auch er geht von angeborenen, kulturinvarianten primären Affekten aus. »Affekte« beziehen sich ihm zufolge auf körperliche Reaktionen und deren Empfindungen, ohne bewusste Repräsentanz und Erleben, während sich »Gefühl« auf ein bewusstes Wahrnehmen und Erleben situativ hervorgerufener Gegebenheiten zurückführen lasse.
4.2 Triebe und Körperreize – Ursprünge der Emotionen?
Wie bereits dargelegt, basiert Freuds Modell auf der Annahme, dass Triebspannungen bei der Entstehung von Affekten entscheidend seien. Er war zu seiner Zeit nicht alleine mit seiner körperbezogenen Auffassung von Emotionen und Affekten, wie die Psyche zu Beginn des letzten Jahrhunderts generell von Psychiatern und Ärzten als grundsätzlich körperverankert angesehen wurde – wenn auch dualistisch – (z. B. Kretschmers Konstitutionspsychologie, 1977), was in weit zurückreichenden Auffassungen vom menschlichen Charakter wurzelte (Hippokrates, 460 bis 377 v. Chr.; Galenus von Pergamon 129 n. Chr.).
Einen wichtigen Meilenstein auf dem Weg zum Verständnis von Gefühlen stellten die Annahmen von William James und Carl Lange dar. Ihrer Theorie zufolge basieren Gefühle grundsätzlich auf Körpereizen. Der US-amerikanische Psychologe William James von der Harvard University entwickelte die Theorie in seinem Werk »Principles of Psychology« (1890). Körperliche Reaktionen erfolgen demnach direkt auf äußere, aufregende Ereignisse hin, und das Gefühl dieser körperlichen Veränderungen sei die Emotion. Wie genau die Körperwahrnehmung das Gefühl dann produziert, wird in seiner Theorie nicht näher erläutert. Zeitgleich mit James propagierte der dänische Neurophysiologe Carl Lange (1887/2013) einen theoretisch sehr ähnlichen Standpunkt. Die durch die Theorie aufgeworfene und ungeklärte Frage der James-Lange-Theorie – ähnlich dem Henne-Ei-Problem – lautet: Was kommt zuerst?
Auch Walter B. Cannon studierte und lehrte an der Harvard University, allerdings später als James. Cannon und sein Doktorand Bard verwarfen basale Annahmen der James-Lange-Theorie, indem sie der Auffassung waren, dass der Ausfall von Feedback über viszerale Reize offensichtlich keine Auswirkungen auf einen emotionalen Ausdruck hatte. Somit hatte der Körper ihrer Theorie zufolge keine entscheidende Beteiligung am emotionalen Erleben.
Clark L. Hull (1952) ging – wie Freud – von einer Triebtheorie aus, derzufolge alle menschlichen Handlungen »energetisiert« seien durch Triebe. Seine Motivationstheorie basierte auf mathematischen und quantitativen Elementen, die gleichwohl in sich nicht fehlerfrei blieb und weiter keine große Beachtung fand. Allerdings bahnte Hull der Entwicklung einer mathematischen Lerntheorie den Weg und somit auch der später daraus hervorgegangenen Verhaltenstherapie. Eine ebenfalls sehr abstrakt-radikale Position nahm Burrhus F. Skinner ein. Alles, was gefühlt werde, basiere nicht auf einer irgendwie gearteten nichtphysikalischen Welt eines Bewusstseins, Geistes oder sonstigen mentalen Lebens. Was wir Menschen fühlten, gehe nicht auf Introspektion zurück. Stattdessen könnten wir uns nur verstehen, indem wir unsere genetische und umgebungsabhängige Geschichte betrachteten. Mentalistische Sichtweisen hätten die Psychologie beschädigt. Falls das, was ein Individuum tue, auf irgendwelche inneren Prozesse zurückgeführt werde, sei jegliche weitere Untersuchung sinnlos. Diese extrem radikale Position führte nach dem Zweiten Weltkrieg zum Aufschwung der Lerntheorie als eines Gegenentwurfs zur – aus Sicht von Skinner – spekulativen Sichtweise psychodynamischer oder humanistischer Theorien vom Menschen und zum Aufschwung der frühen Verhaltenstherapie.
Philip Zimbardo und Richard J. Gerrig sind die Autoren des bekanntesten Psychologie-Lehrbuchs. Beide forschten an der Stanford University zu unterschiedlichen psychologischen Fragestellungen. Sie sind der Auffassung, dass Triebe interne Zustände des Organismus bewirken, die bestimmte physiologische Prozesse in Gang setzten. Daraus ergebe sich das Motiv für lebende Organismen, einen Zustand der Homöostase bzw. des Gleichgewichts wiederherzustellen (2004). Auch das traditionell immer wieder aktualisierte Dorsch-Lexikon der Psychologie definiert das Affektsystem als mit Organempfindungen verknüpft (Bergius, 2014, S. 102).
4.3 Abschließende Bemerkungen
Aus evolutionsbiologischer Perspektive ist das Ziel allen Verhaltens die Sicherstellung der Fortpflanzung und Weitergabe der eigenen Gene. Entsprechend gibt es im Verhalten von Tieren relativ starre Koppelungen von Reizen und Reaktionen, für die im Nervensystem Mechanismen auf genetischer Basis bereitstehen, wie die ethologische Forschung gezeigt hat (Lorenz, 1967; Tinbergen, 1951). Das Verhalten von Tieren folgt meist dem Reiz-Reaktionsschema (S = stimulus, R = reaction). Das Verhalten von Säugetieren allerdings ist bereits komplexer als das von beispielsweise Amphibien oder Insekten.
»Jeder Hundehalter ist wahrscheinlich mit Recht davon überzeugt, daß sein Tier Emotionen, z. B. Freude und Traurigkeit erlebt. Zwar sind die Instinktbewegungen, wie sie von den Ethologen auch im Verhalten von Säugern beschrieben wurden (vgl. Eibl-Eibesfeld, 1978; Ewer, 1976; Lorenz, 1937; Tinbergen, 1951), dadurch gekennzeichnet, dass bei einer entsprechenden inneren ›Gestimmtheit‹ und dem Vorhandensein eines ›Auslösereizes‹ eine relativ starre Bewegungsabfolge, die eigentliche ›Instinkthandlung‹, ausgelöst wird. Beim sogenannten Appetenzverhalten, das der eigentlichen Instinkthandlung vorausgeht, zeigt sich aber auch schon unterhalb der Organisationsstufe der Säugetiere eine größere Variabilität und Abhängigkeit von der Lerngeschichte des Individuums.
Das Verhalten von Säugetieren und besonders von Primaten, ist zudem im Vergleich mit den anderen Klassen der Vertebraten und der Invertebraten durch eine größere Flexibilität auch bei den Endhandlungen ausgezeichnet. Ein bestimmter Reiz löst häufig nicht mehr ein bestimmtes Verhalten aus, sondern bestimmt nur die allgemeine Richtung des Verhaltens« (Schneider & Dittrich, 1990, S. 44; Hervorh. bei den Autoren).
Die auf genetischen Annahmen fußenden Theorien zum Gefühlsleben beim Menschen reichen von relativ starren Reiz-Reaktionsmodellen – bei denen sich der Mensch im Prinzip nicht vom Tier unterscheidet – bis zu sehr differenzierten, individuumsbezogenen Erfahrungs- und Lernhintergründen, allerdings auf der Basis einer biologisch mitgegebenen genetischen Ausstattung, die die grundsätzliche Reaktionsrichtung aufgrund eines bestimmten Reizes oder einer bestimmten Situation vorgibt.
Emotionen konnten erst auf einer Stufe der Entwicklung der Arten vorteilhaft werden, auf der starre Verknüpfungen von Reiz-Reaktionsschemata zugunsten einer größeren Verhaltensvariabilität (Entscheidungsfreiheit) aufgegeben wurden (Schneider & Dittrich, 1990).
Zusammenfassung
• Die Mehrzahl aller Emotionstheorien geht davon aus, dass Gefühle anlagebedingt sind und nicht erworben werden bzw. dass es zumindest angeborene Dispositionen für Gefühlsempfindungen gebe.
• Daneben gibt es Theorien, die die Abhängigkeit der Emotionen von Triebspannungen betonen, in der Mehrheit psychoanalytische Annahmen.
• Fast alle Emotionstheorien postulieren eine Körperabhängigkeit der Emotionen, indem Triebspannungen und Körperreize Gefühle auslösen.
• Die Emotionsforschung zeigt, dass alle Lebewesen über eine basale Ausstattung an emotionalen Reaktionsweisen verfügen, dass sich aber bei komplexeren Lebensformen auch größere Variationsbreiten für emotionale Ausdrucksweisen finden lassen.
• Diese komplexeren emotionalen Reaktionsweisen sind auf die evolutionär herausgebildete Vergrößerung des Neocortex zurückzuführen – und einer damit einhergehenden intellektuellen Leistungsfähigkeit – , sie sind aber untrennbar mit einer parallel laufenden Herausdifferenzierung emotionaler Reaktionsweisen verbunden, die ihrerseits auf die intellektuelle Fortentwicklung rückwirkt.
Literatur zur vertiefenden Lektüre
Darwin, C. (2013). Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren. Bremen: Bremen University Press.
Plutchik, R. (1980). Emotion. A psychoevolutionary synthesis. New York, NY: Harper & Row.
Schneider, K. & Dittrich, W. (1990). Evolution und Funktion von Emotionen. In: N. Birbaumer, C. F. Graumann, M. Irle, J. Kuhl, W. Prinz & F. E. Weinert (Hrsg.), Enzyklopädie der Psychologie. Band 3. K. R. Scherer (Hrsg.), Psychologie der Emotion – Motivation und Emotion (S. 41–114). Göttingen: Hogrefe.
Zepf, S. (2000). Allgemeine psychoanalytische Neurosenlehre, Psychosomatik und Sozialpsychologie. Bibliothek der Psychoanalyse. Gießen: Psychosozial-Verlag.
Weiterführende Fragen
• Gibt es Unterschiede zwischen Triebspannungen und Körperreizen?
• Wie entstehen Emotionen der Mehrheit der Theorien zufolge?
• Wie erfolgt die Übersetzung von gefühlten Triebspannungen oder Körperreizen in Emotionen?
• Wie ist der Unterschied in den emotionalen Ausdrucksmöglichkeiten des Menschen im Vergleich zum Tier zu erklären?
Teil III Wie entstehen Gefühle?
5 Kognition und Emotion
5.1 Kognitive Theorien der Emotion
Kognitive Theorien zur Emotionsentstehung gehen davon aus, dass die Auslösung und Differenzierung von Emotionen durch kognitive, also erkennungsbasierte (sic: cognoscere = erkennen) Bewertungsprozesse erfolgt (Scherer, 1990). Im Folgenden sind die bekanntesten kognitionsbasierten Konzepte kurz dargestellt.
Julian B. Rotters soziale Lerntheorie ist eine kognitiv ausgerichtete Theorie, die Elemente des lerntheoretischen Ansatzes von Skinner mit Elementen der Lewin’schen Feldtheorie integrieren will. Verhalten ist nach Rotter sozial erworben, gelernt und durch die psychologische Situation des Individuums determiniert (kognitive Bewertung der Lage). Zu Letzterem postulierte er das berühmt gewordene Konstrukt des locus of control (1954). Rotter war der Auffassung, dass die Überzeugung von Individuen, das Erreichen eines Zieles durch das eigene Handeln beeinflussen zu können, die entscheidende Rolle bei den Emotionen und dem Verhalten von Menschen spielten.
Gemeinsam mit Jerome E. Singer entwickelte Stanley S. Schachter die Zwei-Faktoren-Theorie der Emotion (1962). Kognitionen seien der entscheidende Faktor beim emotionalen Erleben. Das Individuum verspüre eine physiologische Erregung und empfinde eine spezifische Emotion nur aufgrund bestimmter im unmittelbaren Umfeld befindlicher Gegenstände oder Ereignisse. Diese Emotionstheorie unterstellt, dass Emotionen ausschließlich über Körperreize und nur unter Einbezug von kognitiven Deutungen der aktuellen Umgebungsreize zustandekommen können.
Gemeinsam mit Susan Folkman wurde Richard S. Lazarus als der Stressforscher bekannt. Der von ihnen entwickelten Stresstheorie zufolge sind Emotionen Copingstrategien, also Bemühungen, belastende Situationen zu bewältigen, um den Stress abzubauen (Lazarus & Folkman, 1984). Auch diese Theorie basiert zentral auf dem evolutionären Prinzip, indem die kognitive Bewertung der Lage, in der sich das Individuum befindet, über seine Reaktionen entscheidet.
Diese Sichtweise der Emotionsentstehung wirft allerdings die Frage auf, wie z. B. eine Copingstrategie wie Vermeidung ohne emotionale Beteiligung überhaupt erst in Gang gesetzt werden kann. Es gilt zu bedenken, ob in einem Vermeidungs- oder Angriffsverhalten nicht bereits eine emotionale Komponente enthalten sein muss. Vermeidung muss aber untrennbar mit einem Angstgefühl oder zumindest mit einem Unwohlseinsgefühl gekoppelt sein, sonst würde der Organismus ja nicht in Alarmbereitschaft versetzt.
Die Überlegung, dass Kognitionen das Wesen von Emotionen bzw. Affekten ausmachen, wurde denn auch von anderen Forschern kritisiert. So stritten sich Robert B. Zajonc und Richard S. Lazarus in der sogenannten »Zajonc-Lazarus-Debatte«, ob Emotionen notwendigerweise Kognitionen benötigten (Zajonc, 1980; Lazarus, 1982). Zajonc war der Auffassung, dass Emotionen und Kognitionen unabhängig voneinander existierten. In der Tat zeigt die neuere Hirnforschung eindeutig, dass es auch unbewusste Bewertungen gibt, die Einflüsse auf die neuronalen, endokrinologischen und immunologischen Systeme des Organismus nehmen, ohne dass bewusste Bewertungen vorgenommen werden müssen (LeDoux, 1994).
Die Emotionsforscherin Katherine M. B. Bridges studierte, inspiriert durch John B. Watson, die emotionalen Reaktionen von Kleinkindern, indem sie den Kindern Filmsequenzen darbot (1930). Nach ihren Beobachtungen zeigten Kinder im Alter von ein bis zu drei Wochen lediglich eine »Emotion« als Reaktion auf alle möglichen Außenreize. Die Theorie unterstellt, dass die emotionale Entwicklung des Kindes auf dreierlei Weise stattfindet: (1) Angefangen mit der Entzückungsreaktion entwickelten sich allmählich differenzielle Emotionen, (2) die Entwicklung von Wahrnehmungs- und motorischen Fertigkeiten beeinflussten die Form eines jeden einzelnen emotionalen Ausdrucks und (3) unterschiedliche Situationen oder Reize riefen unterschiedliche emotionale Reaktionen auf jeder Altersstufe hervor.
Dem Psychoanalytiker L. Alan Sroufe zufolge stellt das Bindungssystem einen Regulator für das emotionale Erleben des Kleinkindes dar. Daraus folgt, dass frühe Bindungsprobleme von Kindern vielen Formen mentaler Störungen zugrunde liegen (1996). Emotionales Erleben werde demzufolge zwangsläufig kognitiv beeinflusst, aber nicht erst durch Kognitionen generiert.
5.2 Das Verhältnis von Kognition und Emotion
Ein Streitpunkt in der Emotionsforschung betrifft die Abfolge: Sind Emotionen Folgen vorangegangener Kognitionen, benötigen sie die kognitive Einschätzung der jeweiligen Situation, und resultieren dann die Gefühle auf die Bewertung, also die kognitive Einschätzung der Situation z. B. als gefährlich oder ungefährlich? Oder benötigen Emotionen nicht notwendigerweise Kognitionen (Geppert & Heckhausen, 1990)? Diese Frage hatte in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts eine heftige Debatte zwischen Richard Lazarus und Robert Zajonc ausgelöst. Lazarus (1982) vertrat die Auffassung, dass Kognitionen immer den Emotionen vorausgehen. Dagegen war Zajonc (1980) der Überzeugung, dass Emotionen auch ganz ohne Kognitionen auskommen und beide unabhängig voneinander bestehen könnten. Die moderne Hirnforschung hat diese Debatte inzwischen überflüssig gemacht, indem sie gezeigt hat, dass es emotionale Reaktionen auch ohne eine Beteiligung kognitiver Systeme gibt (LeDoux, 1994).
»Aus rein kognitiven Akten folgt direkt keine Änderung der körperlichen Befindlichkeit (etwa gemessen an vegetativen Reaktionen) oder des Verhaltens, sondern nur dann, wenn sie mit affektiven oder emotionalen Zuständen zusammentreffen« (Roth, 2001, S. 269; Hervorh. b. Autor).
Man betrachtet heute Emotionen und Kognitionen zwar als getrennte Systeme, die aber miteinander (re)agieren. Sie seien in einer »höchst komplexen Komposition miteinander verwobene Elemente eines fortgesetzten, untrennbaren Verhaltensstroms« (Geppert & Heckhausen, 1990).
Aus dem bisher Gesagten ergibt sich für jede psychotherapeutische Behandlung eine sehr wichtige Erkenntnis: Veränderungen im körperlichen oder psychischen Bereich ergeben sich nur unter Beteiligung der Arbeit an den Emotionen und Affekten, psychotherapeutische Arbeit allein an den Kognitionen kann nicht hilfreich sein. Entgegen der Auffassung mancher Lehrbücher ist eine ausschließlich kognitiv orientierte und arbeitende Psychotherapie auch gar nicht möglich. Kognition und Emotion sind untrennbar miteinander verbunden. Kognitive Bewertungsprozesse von internen oder externen Umständen – mögen sie bewusst oder unbewusst erfolgen – gehen immer mit Emotionen einher.
Emotionen sind keineswegs ein evolutionär bedingter Restballast, den wir Menschen mit uns herumschleppen, den wir aufgrund unserer intellektuellen Fortentwicklung und aufgrund der Entwicklung des Neocortex nicht mehr benötigten. Die Fortentwicklung der kognitiven Fähigkeiten ist untrennbar mit der Fortentwicklung einer Differenziertheit und Vielfalt der Emotionalität verbunden (Dörner & Stäudel, 1990). Ein Verlust an Intellektualität sei stets mit einem Verlust an Emotionalität verbunden.
»Der Mensch verfügt über kognitive Fähigkeiten, wie die Fähigkeit zum Problemlösen und zum Lernen, die Fähigkeit zu absichtsvoller, symbolischer Sprache und absichtsvoller dyadischer Kooperation, die sich in dieser Form und diesem Ausmaß im Tierreich nicht nachweisen lassen. Es zeigt sich nun bei der Untersuchung von Tieren, daß mit einer größeren intellektuellen Kapazität auch eine erhöhte emotionale Empfindlichkeit einhergeht. Je höher man in der phylogenetischen Reihe steigt, desto größer ist der Umfang der Auslösereize für Emotionen, desto größer ist auch die Variationsbreite hinsichtlich der Reaktionen und desto länger dauern emotionale Störungen« (Dörner & Stäudel, 1990; S. 299).
Das abendländische Denken und die Entwicklung in der modernen Medizin wurden bis heute von den letztlich verheerenden Ausführungen des französischen Philosophen, Mathematikers und Naturwissenschaftlers René Descartes beeinflusst. Das sogenannte »cartesianische« Gedankengebäude in der Medizin fußt auf der Annahme, der Mensch überrage als denkendes Wesen die Niederungen der Biologie und alle übrigen Lebewesen, habe quasi alles Tierische – mithin die Triebe und die Emotionen – hinter sich gelassen (Bischof bezeichnet dies als »god-like metaphor«).
»Die aus der kartesischen Kontamination folgende Anthropozentrik ist wohl die empfindlichste Schwachstelle der kognitivistischen Psychologie. Hier glaubt der Mensch wirklich, es sei an ihm allein, dem Weltgeschehen Sinn zu verleihen.
Dieses Skotom hat nachhaltige anthropologische Konsequenzen: Die ganze dunkle Welt der Instinkte, Triebe, Affekte und Gefühle findet im kognitivistischen Modell im Grunde keinen Platz. … Der affektive Bereich wird daher lediglich als ›einbettender Kontext‹ kognitiver Prozesse wahrgenommen, und man beeilt sich, festzustellen, dass es sich um ›wolkige Konzepte‹ handelt, auf die man am besten nicht zurückzugreifen genötigt sein sollte« (Bischof, 2008, S. 505).
Während in der akademischen Psychologie lange eine Verbannung der biologischen Grundlage und eine fast ausschließliche Konzentration auf die kognitiven Seiten des Menschen erfolgten, wurde in der Medizin der menschliche Organismus fast ausschließlich auf seine biologischen Systeme hin betrachtet. Man ist versucht, hier die seit Descartes künstlich geschaffene Trennung des Organismus in zwei separat voneinander existierende Gebiete wiederzufinden. Was eigentlich untrennbar zusammengehört – und erst in neuerer Zeit durch Erkenntnisse der Hirnforschung und Forschungen in der Psychoneuroimmunologie wieder zueinander zu finden scheint –, wurde in zwei getrennte Welten expediert, was auch die Aufspaltung der Wissenschaft vom Menschen in die beiden Fächer Medizin und Psychologie widerspiegelt und lange Zeit zwei konträre Menschenbilder transportierte – und immer noch transportiert.
Obwohl die moderne Hirnforschung die komplexen Zusammenhänge zwischen Psyche und Körper unwiderlegbar nachgewiesen hat (Kolb & Whishaw, 1996; Schedlowski & Tewes, 1996; Schubert, 2011; 2020; Tschuschke, 2018), ist die weitgehende Trennung zwischen Körper und psychischen Prozessen leider immer noch in weiten Bereichen der Medizin zu beobachten, psychologische und psychosomatische Erkenntnisse finden kaum – oder nur sehr langsam – Eingang in die klassische Schulmedizin, was sich in den Curricula des Faches Humanmedizin bis heute widerspiegelt.
»Obwohl Gefühl und Denken häufig und mit guten Gründen als Antipoden gesehen werden, sind Gefühle ohne das kognitive Erfassen von Situationen nicht möglich. Mit zunehmender seelischer Differenzierung wächst die Zahl möglicher Anlässe, und die Variationsbreite von Gefühlen wächst mit steigender Komplexität der sozialen Umwelt. Erlebnistönungen hingegen stehen am Anfang der Entwicklung und sind von hoher biologischer, nicht sozialer Bedeutung« (Ewert, 1983, S. 412).
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