Kitabı oku: «Der Massenmörder»

Yazı tipi:

Hans Hyan
Der Massenmörder

Saga

Homo sum.

Mit den Schatten der Dämmerung, unter denen das Licht in dem grossen Arbeitsgemach immer grauer wurde und endlich ganz versiegte, war Luise selber wie ein schöner, flüchtiger Schatten verschwunden.

In der Rauchecke, verschmolzen ganz mit der Dunkelheit, in die nur die massigen Schultern des Mannes, sein gebogener Rücken eine vage Linie zeichneten, sass der königliche Staatsanwalt Emil Pallaske, noch betört und selig hingenommen von den Liebkosungen dieser Frau, die vor etlichen Monaten auf eine Annonce zu ihm gekommen war, als seine Haushälterin ... So süssermattend, all seine Sinne streichelnd, umschwebte ihn noch ihres Leibes Duft, dass er das Licht nicht andrehn, seinen Platz nicht verlassen, dass er sich nicht einmal aus seiner Lage rühren mochte ... Es girrte und gurrte noch um ihn die Stimme der Rothaarigen, ihr weiches, helldunkles Lachen; und seine Augen fühlten in der Finsternis den singenden Schwung, die strahlende Form ihrer Linien.

Wie war ihm nur? Er hatte doch schon früher Frauen gehabt ... die schönsten ... nie lange ... Sein Überdruss erwachte vorm Sattsein. So hatte er, ein klarer Rechner auch seiner Sinne, sich nie verheiratet. Nie hatte er einer mehr versprochen, als er gut halten konnte. Sein Leben war ganz korrekt. Nicht einmal der unbewusste Fehler unterlief ihm. Wie ein Spieler, der jeden Zug berechnet und jeden Tag sein nennt.

Bis sie kam ... Ja, jetzt ... jetzt war seine Kühle entflammt. Seine Triebe stürmten entfesselt! Seine eiserne Strenge war dahin und lag vor sich selber auf den Knien.

Einmal, vor zehn Jahren, war ihm so etwas passiert .. die Geschichte mit der Else Löwenthal ... in dem Wucherprozess Löwenthal und Genossen. Sie hatte ihn aufgesucht, ihres Mannes wegen. Hatte ihn bestürmt, und er — er war nachher ein ebenso kalter, eiserner Ankläger des Mannes geblieben wie vordem. Dass die Frau vor Schrecken erstarrte ... Sie stand vor den Schranken des Gerichts und wogte von wilder Anklage gegen den Ankläger. Doch ihre brennenden Augen erloschen in dem fahlen Licht ihrer Schönheit, als er sprach ... sprach, wie — ja, er hatte sich damals selber bewundert wegen seiner Disziplin!

Aber die Abende, die er vor dieser Verhandlung an dem grossen Schreibtisch da drüben am Fenster zubrachte; die Nächte ... diese tolle, nervenreibende Angst, in die er reinhieb mit seiner herzlosen Stärke, bis sie dann doch verschwand — des allen erinnerte er sich wohl ... auch noch jener Sucht, dem ganzen Irrsal mit einem Fingerdruck zu entgehen.

Der Mann im dunkeln Zimmer drehte sich ein wenig im Sessel und griff sachte an die Waffe, die immer in der hinteren Beinkleidtasche steckte. Man kann doch fort! Bleiben, wo er nichts mehr zu suchen hatte, das war Emil Adolf Pallaskes Sache nicht!

„Die Menschen sind Dreck, aber man kann ihre Achtung nicht entbehren!“

Seine Stammtischfreunde sahen ihn bei solchem Wort an, wie einen, der nicht im Fleisch gewachsen ist.

Ja, er hatte die Kraft, zu gehen, ohne Gruss und Geste ..

Der Staatsanwalt sah auf einmal in der noch eben von Luisens Reizen hold belebten Finsternis einen Mann, der seine Figur, seine Züge trug, der Emil Adolf Pallaske selber war, inmitten einer lärmenden, lachenden, jubelnden Gesellschaft, die er still verliess.

War vielleicht da oben unter der breiten Glatze der Mechanismus nicht mehr intakt? ... Sein Grossvater väterlicherseits war im Greisenwahn gestorben, immerhin mit fünfundsiebzig. Und mit siebzig hatte der auch noch ’ne Haushälterin! ... Grossvater mütterlicherseits total gesund.

Aber die beiden Grossmütter ... Paralyse und Paranoia ... und seine Mutter ... verflucht. Da lag eine Grube bei der andern ... bloss nicht zu alt werden ... und aufpassen, auf sich selber!

Machte ihm sein Beruf denn Freude? Freude? ... Gott, das ist doch Pflicht. Er war ein Mensch, der das Staatsinteresse im Auge hatte! .. Immer? Ja, zum Donner! ... Selbstverständlich hat der, der dem Staat zum Wohle lebt und tut, sein Wohl in sicherer Wiege! Streber? — Quand même! Jeder Begriff ist ein Wort! Man fasst’s aus, wie man’s gelernt hat.

Er würde vielleicht bald „Ober“ werden ... Oder sollte er ... Der armselige Jude damals, der Löwenthal, der liess sich gleich nach der Verurteilung noch einmal vorführen und:

„Herr Staatsanwalt! Nich leben will ich: Sie enden mal ebenso wie ich!“

Am andern Morgen hing er tot in seiner Zelle.

Ach nee, aufhängen ... das nun nich!

Ja, zum Dieb und zum Deubel, was machte ihn denn heute so nervös? ... Ihm war doch eben noch so wohl! Diese Erschütterung in seinem Gefühl ... die hat wohl jeder nach solchen Küssen ... Man soll sich mit dreiundfünfzig nicht mehr verlieben? — vielleicht. Und doch ist der Strom der Leidenschaft auch auf dem Triebrad der Kraft!

Ach, er hatte ein hypertrophiertes Gewissen, das war alles! ... Luise war gerade die, die sein schweres Blut leichter machen, seiner Logik trägen Fluss sprudeln lassen konnte! ... Vielleicht heiratete er sie auch ... gebildet, aus anständiger Familie ... ja ... hm ... was denn?

Emil Adolf Pallaske lachte plötzlich, und das klang sonderbar, eigentlich beinahe schaurig in der nun ganz dunkeln Stube.

Sie war jünger als er ... hatte vorher schon andere Männer geliebt ... deswegen ... na ja! ... was denn? ... Jeder Mensch hat seine Fehler ... jeder ... bloss .. sie fallen nicht immer gerade unter einen Strafgesetzbuchparagraphen!

Und Luise ... Luise stahl ... ja, sie stahl, wie’n Rabe! Sie bestahl ihn, ihren Herrn und Liebhaber! ... Ging am Tage mit Nachschlüsseln an seinen Sekretär ... plünderte in der Nacht sein Portemonnaie ... raubte seine Beinkleider aus ... alles.

Gemerkt hatte er’s bald ... Aber doch zu spät ... da war er schon nicht mehr imstande, sie fortzujagen ... Dann die Szene, wo er ihr’s sagte ... Sie weinte gar nicht, keine Idee ... Nur ganz zuerst war sie ein bisschen betreten, dann lachte sie ihn aus, log aus allen Schleusen und stahl noch am selben Tage wieder.

Einem Freunde, der, ebenfalls Junggeselle, solchen Besuch gern empfing, hatte sie, während sie alle drei lustig lachten, drei Hundertmarkscheine weggenommen — peinlich! Und nebenbei auf die Dauer auch sehr teuer.

Stahl sie etwa auch in Läden? Sie besass ja mehr Schmuck als eine Frau aus der Gesellschaft! ... Ja, gewiss, sie stahl, wo sie nur konnte!

Und er, als Staatsanwalt, er hatte doch gewissermassen die Pflicht, jedes Verbrechen, das ihm bekannt wurde, zur Anzeige zu bringen ... er hätte allerdings amtliche Kenntnis davon haben müssen.

War sie Kleptomanin? — Wahrscheinlich ... Wie die meisten dieser Maniakalischen, die ihre Anomalie doch zu recht brauchbaren Objekten hintreibt ... Freud will darin einen erotischen Symbolismus sehen ... vielleicht ... Ja, wahrhaftig! das war schlimmer, als damals die Geschichte mit Grete Löwenthal, die nachher in eine Bar gegangen war und heute dekollettierte Triumphe feierte.

Verdammt, warum warf er denn das Mensch nicht raus? ... heute noch!

Er konnte sie doch jeden Tag ... er konnte ...

Und Emil Adolf Pallaske lachte wieder ... Das klang wie aus dem finsteren Grabe.

Dann stand er auf, ging zum Fenster, wo kleine matte Blitze vom Laternenlicht hereinzuckten. Die Dunkelheit war ihm plötzlich greulich.

Er schaltete das Licht unter der grünen Schirmlampe am Arbeitstisch ein.

Da stand ihr Bild!

Wie schön ... gross ... üppig! ... Seine Blicke enthüllten sie ... Er atmete ...

Dann sah er sich scheu um in dem grossen Schattenraum ... Else Löwenthal huschte vorbei ... und der kleine kranke Jude, ihr Mann ...

Was hatte er denn? — toll! ... einfach toll ... Liebeshörigkeit nennt man sowas ... hm ... Und er hatte mehr als einen, der sich von solchem geliebten Satan den Mordstahl in die Hand drücken liess, hinrichten lassen ... fiat justitia ...

Es klingelte.

Draussen?

Nein, am Telephon!

Der Staatsanwalt ging an den Apparat: „Halloh!“

„Hier Kriminalpolizei.“

„Ja, was denn?“

„Ach, Herr Staatsanwalt, da ist in dem grossen Juweliergeschäft von Grilling & Sohn in der Friedrichstrasse eine Ladendiebin abgefasst worden ... hinter der wir übrigens schon eine ganze Zeit her sind ... Die Person behauptet, sie kennt Herrn Staatsanwalt und müsste Herrn Staatsanwalt sofort sprechen!“

Emil Adolf Pallaske sah aus, wie wenn er lächelte ... Er wusste nicht mehr, dass er am Telephon sprach, und zwang seine Züge, als stände er dem andern gegenüber.

„So ... wie heisst sie denn?“

„Den richtigen Namen wissen wir auch noch nicht. Sie nennt sich Luise Schulz.“

„Und wie sieht sie aus?“

„Pardon, Herr Staatsanwalt, ich kann nicht vorstehen?“

Herr Pallaske wollte lauter reden, es wurde ihm schwer.

„Wie sie aussieht?!“

„Gross, volle Figur, rothaarig und sehr elegant ... sie spricht holsteinischen Dialekt.“

„Dann ...“ der Staatsanwalt lächelte noch immer, er dachte nach .. „dann sagen Sie der Person, ich kenne sie nicht und muss daher bedauern.“

„Danke bestens, Herr Staatsanwalt.“

„Bitte. Schluss.“

„Ja,“ sagte der Staatsanwalt, sowie der Hörer hing, noch einmal ganz laut zu sich selber: „Schluss!“

Er ging zur Wand, suchte mit fahrigen Fingern nach dem Lichtknopf und drehte ihn einmal ... die leuchtenden Kugeln verglühten in der grünen Seide ... Doch ein zweites „Knicks“ liess sie noch einmal aufflammen.

Herr Pallaske wandte sich und sah lange auf das Bild ... Er sann nach ... Irgendeine Rettung? — Nein, für ihn nicht.

„Sauve qui peut!“ Er sprach die Worte, leise, „wie lieb sie doch war! ... ja, dahinten ist’s dunkel ... keiner sieht den andern ... Adieu, Luise!“

Und es ward abermals finster im Gemach.

Schritte gingen leise auf dem Teppich ... Die schwere Form eines Mannes in der Finsternis versinkend .... Geräusche von an Stoff tastenden Händen ...

Ein scharfer Knall!

Und stöhnendes Schlagen gegen Möbel ... rutschen ... fallen ... röcheln ...

Die Akrobatin.

Am letzten Sonnabend hatte er „geschmissen“ und seinem Chef, einem Eierhändler, gesagt, er sollte sich seine faulen Eier gefälligst alleine aussuchen. Dann hatte er Geld und Bücher genommen und war spät in der Nacht sternhagelvoll zu seiner Wirtin gekommen, die noch an ihrer Nähmaschine sass und sofort die Miete verlangte. Aber Friedrich Unkelbach hatte alles verwichst. So musste er am nächsten Montag auf die Sparkasse, wo er die mühselig gesparten siebzig Mark abhob. Zuerst fluchte er, dann aber, sowie er den Betrag in der Tasche hatte, wurde er sich auf einmal bewusst, wie herrlich das sei, Geld zu haben und nicht gleich wieder arbeiten zu müssen. Er frühstückte in einer bekannten Kneipe, gab ein paar Lagen aus für ebensolche Nichtstuer und kam schon wieder angetrunken am späten Nachmittag zu seiner Wirtin, die ihn tüchtig ausschalt.

„Schäm’n sollten Se sich was,“ sagte die brave Frau, die von früh bis spät arbeitete, um sich und ihre beiden vaterlosen Kinder zu ernähren, „da ham Se nu Wochen und Wochen zu jebraucht, um die paa Meta uff de Kasse zu bring! ... un nu jeh’n Se hin un schlagen allens in’n paa Dage uff’n Kopp!“

Friedrich Unkelbach lachte. Er zahlte für zwei Wochen im voraus seine Schlafstelle, dann legte er sich hin und schlief sofort ein.

„Morjen früh,“ hatte er gesagt, „morjen früh mach ick ’ne Landpartie!“

Und da er an diesem Tage gar nicht mehr aufstand und es sowieso gewohnt war, früh aus dem Bett zu müssen, zog er sich am nächsten Morgen, wie es kaum Tag geworden war, schon an und ging ohne Kaffee fort ... Natürlich zuerst in die Kneipe, wo er schon zum Frühstück ein paar Schnäpse trank. Dann ging es mit dampfender Zigarre hinaus in den frischen Herbstmorgen.

Wie griente er und verspottete innerlich die Fleissigen, die schon nach ihren Arbeitsstellen zu eilen anfingen. Ein paarmal rief er, sie sollten sich doch Zeit lassen, die Arbeit liefe ihnen ja nicht weg. Und er högte sich, wenn die Leute über seine faulen Witze ärgerlich wurden.

Mit der Potsdamer Vorortbahn fuhr er hinaus bis nach Grosslichterfelde. Dort kehrte er wieder ein und trank gehörig. Er hatte eine förmliche Sucht nach Alkohol, der, das empfand er unklar, eine vollkommene Änderung in seinem ganzen Wesen bewerkstelligte. Die Ehrfurcht, die ihm sonst jeder besser gekleidete und höhergestellte Mensch abnötigte, verschwand unter dem Einfluss dieser starken Getränke. Der junge Mensch, der sonst wirklich kein Bösewicht war, empfand nach ihrem Genuss, er sei genau soviel wie jeder andere, ja, es sei eigentlich unverschämt, wenn irgendwer mehr scheinen wollte! ... Und während er sonst schüchtern war in Gesellschaft von Frauen, war er sich jetzt, in der Betrunkenheit, seiner Mannhaftigkeit vollbewusst. Ein unschönes Feuer erglühte in ihm, und mit frechem, zudringlichem Blick mass er jede Frauensperson, die ihm begegnete.

Inzwischen wanderte er rüstig fürbass. Aus dem in der Frühe noch mit einer grauen Dunstschicht verkleideten Himmel war die Sonne hervorgetreten, die milde Herbstsonne, die in der weichen Bläue des Morgenhimmels stand und alles vergoldete ... Hie und da erhoben sich auch hier schon die weissen, hässlichen Mietskasernen, aber noch dominierte das Feld, wo eben umgepflügte und frisch gesäte Landstriche von schwarzbrauner Farbe mit dem Grün bepflanzter Erde wechselten ... Lauben standen da, noch umweht und übersponnen von den bunten Wimpeln und Papierguirlanden des Erntefestes, alles aber, alles lag in dem weichen Glanz dieses herrlichen Morgens, der wie ein Abschiedsblick des scheidenden Sommers über die Erde leuchtete.

Friedrich Unkelbach schob den verbeulten Filzhut aus der niedrigen Stirn und steckte seine breite Nase witternd in die köstliche Luft. Er war auf dem Lande gross geworden; der Reiz der Natur ging an ihm verloren.

Aber da! Da drüben! ... Das war was!

Ein Mädel ging da durch die Felder, den Rock aufgeschürzt, so dass man ein Stück ihrer festen Wade sehen konnte, mit kräftigem, hurtigen Schritt und in strammer Haltung.

Der Hausdiener musste seine kurzen Beine tüchtig gebrauchen, um ihr näher zu kommen. Einmal sah sie sich um, aber sie beachtete den ihr Folgenden offenbar gar nicht.

Friedrich Unkelbach glühte förmlich. Vom schnellen Laufen, aber auch von jenem anderen Feuer, das der Alkohol in ihm entzündet hatte.

Die Gegend wurde hier, hinter Zehlendorf, immer freier, und bald, bei dem Wege, den das Mädchen einschlug, musste es in die Busch- und Baumgruppe hineinkommen, die völlig abgeschlossen lag und wo um diese Zeit sicher noch kein Mensch hinkam. Friedrich Unkelbach kannte die Gegend genau.

Er folgte dem Mädchen, das sich noch einmal umgesehen hatte, jetzt in einer Entfernung von knapp zehn Schritt, und seine Phantasie, von allen Hemmungen der Schamhaftigkeit befreit, malte sich den strammen, vollbusigen Körper der rasch vor ihm Herschreitenden.

Friedrich Unkelbach war neunzehn Jahre alt, er hatte aber bisher nichts anderes wie käufliche Liebe genossen. Vielleicht war seine Schüchternheit sonst zu gross oder er gefiel den Mädchen nicht. In dem gesteigerten Selbstbewusstsein seiner augenblicklichen Stimmung empfand er das als eine Beleidigung, für die er sich rächen müsse. Er war Mann und hatte so gut wie jeder andere das Recht, ein Mädchen sein zu nennen, das keine Dirne war!

Und, die da eben den Saum des Laubwäldchens erreichte, das war bestimmt keine! ... Die musste er haben! Bis zu diesem Augenblick hatte seine Begierde sich noch niederhalten lassen von dem Verantwortlichkeitsgefühl. Jetzt aber schnellte sie empor und bezwang die moralischen Regungen.

Im Nu war der Bursche hinter seinem Opfer, hatte es gepackt und rücklings ins Gras gerissen. Aber über sie herzustürzen, ihr gar Gewalt anzutun, dazu kam er nicht! Die Arme der Liegenden, deren frisches, fröhliches Gesicht einen starren Ausdruck angenommen hatte, waren plötzlich wie eiserne Pfähle steif emporgerichtet und hielten den Übeltäter an den Armmuskeln gepackt von sich ab. Dann warf sie mit gewaltigem Schwung ihren Unterkörper in die Luft und flog in vollem Überschlag von rückwärts auf ihn hinauf.

Friedrich Unkelbach stöhnte: es hagelte jetzt förmlich Schläge und Püffe auf seinen Kopf und Rücken von diesen stählernen Mädchenfäusten. Zuerst hatte er sich gewehrt, hatte mit den Beinen gestossen und sie von sich abwälzen wollen. Aber seine Kräfte reichten nicht aus, je mehr er sich zur Wehr setzte, desto mehr Prügel bekam er. Endlich liess sie von ihm ab und stand mit einem trotzigen Lachen auf.

„Wollen Sie nun noch etwas von mir?“

Er wagte garnichts zu erwidern. Sah sie nur bewundernd an und war voller Angst, was sie nun mit ihm machen würde.

Sie schien sich schnell zu beruhigen, und an ihrer aufgerissenen Bluse nestelnd, sagte sie:

„Haben Sie vielleicht ’ne Stecknadel?“

Die hatte er zufällig. Sie steckte den Riss in dem roten Stoff zu, klopfte ihren Rock ab und meinte:

„Machen Sie sich man auch ’n bisschen sauber! Wir werden nu beide auf de Polizei gehn!“

Da fing er an, laut zu weinen:

„Ach nein, bitte nich! bitte nich! Ich tu’s ja nie nich mehr wieder! Wahrhaftig nich! ...“

Sie verbiss sich das Lachen über sein mehr als komisches Gesicht und sagte:

„Das is janz egal! Wenn das nu ’ner anderen passiert, die zufällig nich soviel Kräfte hat wie ich! .. Dann machen Se so’n armes Jeschöpf unglücklich für Zeit ihres Lebens! ... Nee, nee! Hier nachher rumweimern, das kann jeder! Man schmeisst doch ’ne Frau nich so einfach mir nichts, dir nichts hin! Das ist doch keine Sache!“

Sie ging. Er rannte mit gerungenen Händen schluchzend neben ihr her und bat unaufhörlich, sie möchte ihn laufen lassen!

Sie sagte lange Zeit garnichts. Endlich blieb sie stehen. Und so recht nachdenklich kam’s aus ihr heraus:

„Komisch, alle Männer sind so! .. Ist denn das Liebe?“

Er nickte voller Überzeugung.

Sie lachte leise.

„Also, Sie lieben mich? .. Gefall’ ich Ihnen denn?“

Er wusste gar nicht, was er sagen sollte vor innerer Bewegung.

„Ja ... ja ... ja ...“

„Na, denn kommen Sie doch heute mal in Müllers Variété in der Tiekstrasse, da bin ich Akrobatin.“

Er nickte voller Begeisterung, und da sie sich’s gefallen liess, nahm er ihre Hand und küsste sie unaufhörlich.

Hernach gingen sie zurück nach dem Bahnhof Zehlendorf und fuhren zusammen hinein in die Stadt.

Der Koffer.

Zwischen den Eheleuten Haber war heute wieder einmal der Zank ganz besonders laut und hässlich. Die Nachbarfrauen standen aus der Treppe und lauschten, um keine der pikanten Aufklärungen zu verpassen, welche derartige Auseinandersetzungen in jeder Ehe ergeben. In dieser besonders, denn Frau Haber gehörte zu den sogenannten „unsterblichen Alten“; sie war annähernd fünfundsechzig Jahr, mager wie ein Zaunstecken, hatte den Kopf voll weisser Haare und im Gesicht über der rotspitzigen Nase und dem zahnlosen Maul ein paar Augen voll rastloser Geilheit.

Er war erst siebenundzwanzig, schwarzhaarig, ein verschlagener Kopf, mit lüsternen, aber unkräftigen Zügen. Seine lange, schlanke Gestalt ging immer etwas geduckt, wie wenn sie zum Sprunge ansetzen wollte.

Oh, wie die Alte zeterte! ... Sein schwächeres Organ blieb verhalten, düster drohend und doch feige; sie aber trompetete wie ein Pfau! Bei ihr brauchte man gar nicht aufpassen. Bloss das, was er sagte, war interessanter: er warf ihr vor, wie sie ihn zwang ... und wie er sich vor ihr ekelte!

„Hören Se, Webern, hören Se!!“

„Pfui, wie kann er sowas sagen!“

„Na, warum denn nich! ... Wenn sie so eene is! .. so’naltes Reff! ... Die müsste man ja bei de Sittenpolizei anzeijen!“

„Nee, warum denn? ... Er hat ihr doch jeheirat!“

„Na ja, aber doch bloss wejent Jeld!“

„Denn kann er ihr ooch jetzt den Jefallen dhun un se abknutschen!“

Indem stürzte die Alte drin den Gang entlang, nach der Korridortür zu.

„Huh! ... huh! ... er schlägt mir dod ... Hilfeh! Hilfeh!“

Die Frauen prallten zurück.

Dann wie man drin klatschende Schläge, unterdrücktes Weinen und ab und zu einen Aufschrei vernahm, machte sich die aus der Solidarität der Frauen keimende Entrüstung geltend: jetzt schimpften sie alle auf den Mann, und eine vorwitzige Hand pochte gegen die Korridortür ... Aber die Kecke sprang gleich wieder zurück, als geöffnet und Frau Haber sichtbar wurde.

„Wat? ... wat is denn los?“ keifte sie, „wat stehn Se denn hier alle un halten Maulaffen feil? ... wat sagen Se, Frau Webern, mein Mann? ... Ick sage Ihn’, lassen Se ja mein’ Mann zufrieden! ... Mechten woll mit ihn poussieren, wat? Sie? ... Machen Se ja, det Se Ihre Weje kommen, Sie! vastehn Se?“

Die Frauen, die sich schimpfend entfernten, waren alle darüber einig, dass die Alte absolut kein Mitleid verdiente und dass keine von ihnen sich je wieder um den Lärm da oben kümmern wollte.

Frau Ottilie Haber war inzwischen in die Küche gegangen und hatte Mittag gekocht. Rouladen mit Speck, Gurken, Senf und Zwiebel, wie sie ihr Emilchen so gerne ass.

Sie schluchzte noch ein paarmal, dann rief sie ins Zimmer, so recht schmachtend:

„Mileken! mein Mileken! ... Ick bin jleich so weit! ... Hungert dir ooch schon?“

Für gewöhnlich schmollte er nach solchen Szenen stunden-, ja tagelang, ganz im Gegensatz zu ihr, deren hysterische Launenhaftigkeit ewig zwischen Regen und Sonnenschein wechselte.

So war sie doppelt glücklich, dass er jetzt gleich herauskam. Er stand an der Küchentür.... Blass, nur an der Stirn voll roter Flecken und mit schwarzflackernden Augen, strich er den dünnen, lang ausgezogenen Schnurrbart.

Sie war wieder ganz Güte:

„Det macht ja nischt mit den dummen Koffer, Mileken! ... Wenn d’n ooch so gross jenomm’ hast ... lass doch man, Mile! Meinswejen kannste noch zwee sone Koffer koofen! Bloss wat soll’n da allens rin? ... ick weess ja nich! ... aba det is ja ooch janz ejal ... nich wahr, nu essen wa jleich un denn lejen wa uns hin un schlafen, un morjen, da reisen wa, schon janz früh! ... nich wahr, Mileken! ... ja?“

Sie schwatzte unaufhörlich, sah sich dabei gar nicht um, sondern rührte in ihren Töpfen und Pfannen.

Er stand immer noch an der Tür, hielt beide Hände auf dem Rücken. Nun trat er ihr behutsam näher, seine Füsse schoben sich langsam vorwärts, seine schwarzen Augen tasteten nach ihrem Gesicht — die Hände hielt er krampfhaft auf dem Rücken.

Darin hatte er etwas: eine Schlinge aus starker Hanfschnur. Langsam, ganz unglaublich vorsichtig brachte er die Schnur hervor, hob sie, die rechte Hand höher haltend, in die Höhe und —

Die Alte drehte sich um —

„Mile ... hach!“

Sie versuchte mit ihren mageren Händen in die Schnur zu greifen, die sich — ritz!! — um ihren Hals zog. Er riss sie mit dem Aufgebot aller seiner Kräfte zusammen. Dann trat er ihr mit dem Stiefel mitten ins Gesicht, auf die Nase, und zerrte so mit beiden Fäusten und — erwürgte sie.

Sie röchelte schwer ... ihre Augen, die alle Zärtlichkeit verloren hatten, kamen aus den Höhlen und flehten voll Entsetzen um Schonung ... und die Zunge — blaurot, grässlich! — trat aus dem Halse.

Zuletzt zuckten und zitterten die alten, gichtigen Hände nur noch, wie wenn sich das letzte Leben in diese hässlichen und doch so erbarmungswürdigen Finger verkrochen hätte.

Er holte nun ganz schnell den Koffer, um dessen Ankauf sie heute morgen so gestritten hatten und der von vornherein nur zu ihrem Sarge bestimmt gewesen war, hob sie mit Anstrengung hinein und brach und bog rücksichtslos die Glieder der Alten, wo sie nicht in den grossen, leinwandüberzogenen Kasten passten.

Nun ass er, benutzte aber alles Geschirr doppelt, damit niemand Verdacht schöpfen könnte.

Und dann erwartete er den Spediteur, den er zu 4 Uhr bestellt hatte ... So genau, mit solch kaltblütiger Ruhe war der Mord geplant.... Der Spediteur kam und wunderte sich über den schweren Inhalt des Koffers. Haber selbst half beim Hinabtragen und scherzte mit dem Rollkutscher, den er zum Schluss noch einlud, einen Schnaps mit ihm zu trinken.

Dann ging er wieder hinauf, fragte die ihm auf der Treppe begegnende Frau Weber, ob sie denn seine Frau nicht gesehen hätte?

Die Frau verneinte natürlich. Er entschuldigte sich und legte sich oben in der Wohnung, in der die Alte den letzten Seufzer ausgehaucht hatte, ruhig, als wäre nichts geschehen, schlafen ...

Er schlief sofort ein und schlummerte tief und fest mehrere Stunden lang. Als er aufwachte, erinnerte er sich eines angenehmen Traumes: er hatte ein Dienstmädchen aus dem Hause, das ihm schon seit langem gefiel, zu sich in die Wohnung gelockt. Und als sie erst einmal bei ihm war, tat sie ihm auch den Willen ... er dehnte sich jetzt noch vor Behagen ... Gott sei Dank, dass die Alte —

Die Alte!!!!!!!!!!

Er sprang mit beiden Beinen vom Sofa. Und schickte seine todesängstlichen Augen überall im Zimmer umher.... Da! Da! Da! Da! ... war sie nicht da?! ... Aber nein, sie war weg! ... er hatte sie ... stöhnend knickte er zusammen und kniete und stierte immerfort in dem schon vom Dämmerlicht verschatteten Gemach umher, als müsste sie jeden Moment dort hinter der Gardine, aus dem Nebenzimmer, aus dem grossen, alten Kleiderspinde, ja, aus der Wand selbst heraustreten.

Ein namenloses Grauen hatte ihn erfasst! Nicht Mitleid mit der Toten, die hasste er! Keine Reue, denn in seiner fürchterlichen Angst war er doch glücklich, ihr weinerliches Lachen nicht mehr hören zu brauchen, ihr ewig verlangendes Gesicht nicht zu sehen und dieses scheussliche Gekeif nicht zu hören, das ihn um den Verstand gebracht hatte.

Aber er fürchtete sich! ... Noch im Tode fürchtete er sie! ... Und war fest überzeugt, dass sie ihre alte, dreckige Knochenpfote emporrecken und ihn hineinreissen würde ins Unglück.

Wie hatte er vorher, vorm Schlafen, bloss so ruhig sein, noch essen ... ja und sogar schlafen hatte er können!!

Es trieb ihn durch die drei Zimmer der Wohnung, wieder in die Küche ... überall machte er die Vorhänge zu, liess die Rouleaux runter.... Sie wohnten ja drei Treppen hoch, aber vielleicht ... vielleicht konnte doch einer reinsehn ... wer weiss ...

Oder sie sah hinaus und rief um Hilfe! ... sie!! ...

Er lachte, absichtlich laut und schallend. In den Räumen, die wenig Möbel hatten, klang das Echo ... herrjeh, das war ja fast schrecklicher jetzt, als wie die Alte noch lebte! ... Aber es würde besser werden! Ja, sicher! ... Das war nur die erste Angst ... Er bebte und traute sich plötzlich nicht mehr vor- noch rückwärts ... überall war das, was ihn ängstigte!

Dann aber stürzte er vor! ... In verzweifelter Anstrengung durchbrach er den Kreis der Angstgespenster, die ihn umringt hielten und ihm hohnlachend entgegengrinsten.

Er suchte nach dem Geld!

Überall hielt’s die Alte versteckt, nur damit er nicht rankam. Aber, warte, du altes Aas, ich find’s doch! ... Und in dem wütenden Eifer des Suchens, in dem er Kasten und Spinde aufriss, den Inhalt umherstreute, sie von ihrem Platz schob und die ganze Wohnung auf den Kopf stellte, gewann er seine Selbstbeherrschung wieder.

Endlich hatte er das Scheckbuch!

Nun raus, weg! ... nach Amerika!

Aber soviel Besinnung hatte er doch noch, dass er sich vorm Spiegel sorgfältig anzog.

Auf der Treppe traf er das Dienstmädchen das er vorhin im Traum geküsst hatte. Er lachte und schäkerte mit der kleinen Rundlichen. Und ganz erregt ging er aus dem Hause.

Budenfrass.

Bloss dreissig Flaschen Bier, Paul?“

„Ja, draussen ist ja noch ’ne alkoholfreie Wasserleitung!“

„Und wie ist es mit der Erotik?“

„Ausser Lene kommt die verdrehte Agnes und noch son paar kleine Atelierhasen.“

„Wo ist denn Lene?“

Er zeigte mit dem Daumen rückwärts über die Schulter nach einem „Das Koituskulum“ genannten Nebengemach.

„Und immer noch platonisch?“ zweifelte der Gast, ein grosser, dicker Mensch mit langem, lockigen Haar.

Paul Rammler nickte und räumte die Zeichnungen, Bleistifte, chinesische Tuschfläschchen und den ganzen Malerkrempel vom Tisch.

„Ach du ...“ lachte der andere, „das hältste wohl für riesig anständig?! ... ich schreib’s doch nich!“

„Würd ick mir ooch verbitten!“

„Wieso?“

Die etwas schwindsüchtige Klingel draussen übernahm die Antwort. Zwei kamen. Ein Baumeister, der nie etwas baute, namens Fritz vom Strom, und ein ungarischer Journalist mit sehr dicken Lippen und den schwermütigen Augen eines Neufundländers.

„Kinder, ein Wetter ist draussen!“ sagte der Baumeister, „man wird der reine Sturmgeselle!“

„Aber nich Sokrates!“ meinte der Schriftsteller.

„Still, du Siamese! ... Wo ist der Steinklopfer-August?“

„Wennste Jehmann meinst, der besorgt die Fettigkeiten!“

Paul Rammler ging dabei an die Schlafzimmertür und klopfte.

„Immer noch nich fertig, Leneken?“

Aber schon ging die Tür auf und ein ganz schwarz gekleidetes Mädchen mit perlenbesetzter Seidentaille, deren Ausschnitt ein schwarzes Tüllfichü verhüllte, kam herein. Die Ärmel waren auch Tüll, die bleiche Haut der langen schlanken Arme schimmerte hindurch. Und sie trug den sehr schlanken Leib anmutig. Ihr Kopf war mager, aber doch von weicher Form, das gleich den grossen, langbewimperten Augen schwarze Haar nach Madonnenart frisiert. In ihrem ganzen Wesen lag eine Bitte um Nachsicht, man wusste zuerst nicht, ob mit ihren geistigen Gaben oder mit ihrer augenblicklichen Hilflosigkeit.

Und auf einmal wirbelte es in das grosse Atelierzimmer herein, wie Wind! Es hatte noch gar nicht geklingelt, da war sie schon drin, die verrückte Agnes!

Die beiden Mädchen küssten sich, Helene zurückhaltend, lieb und ein wenig untergeben, Agnes mit einer leisen Pose von Tribadie.

Den Schriftsteller hatte sie noch gar nicht gesehen. Zog ihn sofort auf den windigen Balkon und sagte, ihren blonden Kopf mit der fast tierischen Kinnpartie und dem kindlich reizenden Oberteil an seine Brust lehnend:

„Nicht wahr, Sie versprechen mir, zu sagen, dass wir uns beide schon lange kennen?! ... Ich kann neue Bekanntschaften nicht leiden!“

„Wenn Sie mir für die Lüge einen Kuss geben, ja!“

„Nachher!“

„Nein, gleich!“

Er wollte sie umfassen, da war sie schon wieder drin im Atelier und lag auf dem kleinen Diwan, wo sich der inzwischen mit den Essvorräten angekommene Bildhauer Aute Jehmann zu ihr setzte.

Er war klein, bartlos und knabenhaft blond und eroberte die Frauen, indem er sich auf das liebenswürdige, ungefährliche Kind hinausspielte. Kein Mensch ahnte, dass er verheiratet und Vater von drei kleinen Jungens war.

„Im übrigen ist mir Klinger schnuppe,“ sagte der Schriftsteller, „seine Radierungen, schön! ... Vielleicht noch ein paar Büsten, aber ohne die bunten Geschmacklosigkeiten ... sonst, das andere — Kitsch!“

Der Ungar polemisierte dagegen in seiner gewandten, stets nachgiebigen, auf den Rückzug bedachten Weise, aber die tolle Agnes sagte plötzlich, Aute Jehmann, der, allzu frühreif, ihren Busen prüfen wollte, vom Sofa stossend:

„Bildhauer ist überhaupt Unsinn! Farbe! Farbe, das ist alles! Nicht wahr, Paul?!“

Und sie umfing den Hausherrn und küsste ihn, wie eine Verzweifelte.

„Du verdirbst mir de Frisur!“ meinte Rammler, küsste aber, von den andern beneidet, energisch wieder.

Inzwischen hatte Lene den Tisch gedeckt. Auf sieben Leute kamen zwei Messer und drei Gläser. Es gab Aufschnitt, Käse, Sardinen, Gurken und Appetitsilds. Einer sass dem andern auf dem Schoss, denn Stühle waren auch nur drei da.

Neben Lene sass ein blonder Student, der seine ersten Lieder im Selbstverlag herausgegeben hatte. Ein blonder, feinrassiger Typ mit den Erinnerungen einer blöden Korpsvergangenheit im zarten Gesicht. Mit einer sordinierten Sprache, den ruhigen, wohlgefälligen Gesten und dem sanftwitzigen Fluss seiner Rede passte er gut in den Kreis und noch besser zu der Schwarzen, die er in seine Universitätsstadt mitnehmen wollte.

„Wie bist du eigentlich zu ihr gekommen?“ fragte in diesem Augenblick der Schriftsteller den Maler, flüsternd und mit einem Augenwink nach dem Pärchen.

„In de Stadtbahn ... se fuhr immer rund rum für ihren letzten Jroschen.“

„Und behältst sie hier ... hat sie denn Sachen?“

„’n bissken ... det meiste is in Metz jebliem ... irgend so’n Strunk von Offizier hat se da hinjeschleppt un nachher uff’n Proppen jesetzt.“

Der Schriftsteller verzog den Mund.

„Ehrenmann!“

Indem kam Agnes, die schon vor Neugierde platzte, heran.

„Über mich?“ sagte sie, „ja? ... reden Sie über mich?“

Der Schriftsteller nickte.

„Was denn, sagen Sie doch!“ Sie bat förmlich.

„Ins Ohr ...“

Sie hielt ihr Ohr hin. Und nun küsste er sie, obwohl sie sich sträubte. Er wäre zu dick. Sie liebte die Dünnen. Einen Blick auf den Maler, worauf dieser unnachahmlich drollig das eckige Kinn hob und den Brustkasten herausstreckte. Er war mager, ganz Muskel und von einer Beweglichkeit, die das sinnliche Mädchen, dessen Formen das samtne Reformkleid voll ausfüllten, reizen musste.

Darüber machte ein anderer Maler, ein schwächlicher, aber in seiner Kunst nicht übler Landschafter, eine täppische Bemerkung.

Die tolle Agnes zog sich, als habe sie plötzlich Zahnweh bekommen, in eine Ecke zurück und sagte zu dem kleinen Bildhauer:

„Warum denn?! ... Ich verstehe das doch auch so!“

„Aber er versteht es nicht anders ...“

„Sind sie auch so ... so gemein?“

„Alle Männer ...“

„Pfui! ... Ich will nichts mehr mit euch zu tun haben!“

„Det wirste nich aushalten!“ sagte Rammler, der zuhörte.

Sofort sprang sie auf ihn los, wie eine Tigerkatze, und biss ihn in die Backe, dass er schrie.

Der Ungar sagte zu seinem Nachbar, dem Studenten:

„Mir ist sie ekelhaft!“

Das hatte sie gehört und erwiderte schlagfertig:

„Will ich auch! ... Ich kann nur Künstler leiden!“

„Wahrscheinlich, weil Sie selbst das Gegenteil sind!“

Sie weinte fast. Wieso? ... Er sollte auf der Stelle sagen, wieso sie keine Künstlerin wäre?

Der Ungar biss gerade in seine Käsestulle.

„Weil alles an Ihnen Pose ist ... und Kunst ist das Gegenteil von Pose: Einfachheit! Wahrheit!“

Sie lief fort, ins Koituskulum, warf sich dort aufs Bett, vergrub den Kopf in die Kissen. Doch als der gutmütige Student nach ihr sah, hatte sie keine Träne.

„Auch noch!“ meinte sie auf dessen Frage, „wegen dem wein’ ich doch nicht!“

Der Schriftsteller kam, auf der Suche nach einem komplizierten Seelenmechanismus.

„Wenn Sie so durch die Welt wollen,“ sagte er, „als Weib ... allein ... wird Ihnen da nicht manchmal bange?“

Sie schlug ihre merkwürdig glänzenden, sehr lichtgrauen Augen zu ihm auf.

„Nein, ich stehe in mir selbst!“

Er dachte nach, was sie damit meinen könnte, sie aber störte ihn und sagte:

„Sie vergessen das weibliche Gemüt ... mit seiner Tiefe ... seiner tiefen Tiefe!“

„Au!“ dachte er, „das hätte nicht kommen müssen! .. Sie ist offenbar eine Pflaume!“ — Laut sagte er:

„Sie haben ganz recht, liebes Kind ... aber sagen Sie, waren Sie dies Jahr schon im Panoptikum?“

Sie begriff ihn nicht, ahnte aber, dass er sie frozzeln wollte und schmollte. Zu seinem Glück klingelte es. Zwei Mädchen kamen.

Die eine klein, hässlich, schlecht angezogen, aber sprühend wie ein Teufelchen. Die andere ausgesprochen dumm, dahingegen zum Reinbeissen. Blond, rosig, in ihrem entzückenden Gliederbau wie auf Federn. Wirklich blaue Augen, die Zähne alle echt und trotzdem so schön und weiss. Es war eine rechte Gottesfreude!

In fünf Minuten war sie von den Männern umlagert.

Der kleine Aute Jehmann küsste sie zuerst. Und dann alle anderen. Sie schien das selbstverständlich zu finden — ihre kleine, hässliche Freundin fragte, warum Hella nicht wenigstens Entree erhöbe! — sie hielt ihren süssen Mund hin, und gefiel ihr einer besonders, gab sie den Kuss zurück. Selbst Fritz vom Strom, der nie um einen faulen Witz verlegene Baumeister, bekam was ab von diesen einzigen Lippen.

Sehr schüchtern im Verkehr mit dem weiblichen Geschlecht, hielt er sich zurück und sagte eben:

„Ich komme mir so ungeleckt vor!“

Als sie auch schon auf ihn zukam und mit ihren weichen, warmen Armen seinen Hals umschlang.

Vielleicht forcierte sie das Küssen auch ein bisschen. Denn so dumm ist kein Weib, dass sie nicht ihre Nebenbuhlerin ärgern möchte.

Lene nicht, die blieb immer still und freute sich. Aber den Irrwisch, die Agnes!

„Wenn man nichts andres wie küssen kann! ...“ sagte sie und zuckte die runden Achseln.

„Oh, die kann auch noch was andres!“ meinte der Maler, und alle stimmten ihm bei.

Aute Jehmann wurde geschickt, Stoff holen. Eine grosse Blechkanne voll Bier. Der lange Rickel, ein Karikaturist und der geborene Clown, sang Niggersongs und spielte Bagno. Als das Bier kam, wurde wieder stark getrunken. Der Ungar schlief schon. Da er schnarchte, weckten ihn die andern fortwährend.

Die Flamme in der von einem roten Seidentuch umhüllten Glasglocke flackerte, denn der Herbstwind fuhr in das des Rauches wegen geöffnete Balkonfenster.

Nun wollte die wilde Agnes tanzen, aber die schöne Hella war dagegen, da hätte ihr doch nur immer einer den Hof machen können. Sie sagte das auch ganz naiv.

Aute Jehmann fiel ab. Er schluchzte, weil Hella sagte, er röche so nach Bier, sie wollte ihn nicht mehr küssen. Der kleine Landschafter verlangte nach Hause, er müsse morgen arbeiten. Wer noch lachen konnte, lachte. Der Schriftsteller war nüchtern, er verabredete für den nächsten Tag mit Agnes ein Rendezvous, er wollte ihre Seele doch noch einmal untersuchen, vielleicht war es gar nicht so schlimm mit ihr.

Die andern sangen eine Kabaretweise.

„Bald grob, bald fein,

Mit Trillerlein drein ...“

Sie sangen falsch und ohrzerreissend, aber mit der Ausdauer der Trunkenen.

„Na, dann gehn wir ins Café!“ meinte Agnes.

„Hella bleibt noch hier!“ sagte Paul Rammler.

„Und Lene?“

„Ach so ... hm ... ja ...“

„Ich gehe mit ins Café!“ sagte Lene diskret und zog sich ihr Mäntelchen an.

„Nein, wir gehn auch mit, Paul!“ meinte die süsse Blonde.

Paul maulte, aber er ging.

„Seid bloss leise auf der Treppe!“ sagte er, die Korridortür aufschliessend, „ich habe meine Miete noch nicht bezahlt!“

Leb’ wohl, mein Herz.

Als Herr Philipp Mertens gegen sechs Uhr abends nach Hause kam, eilte er wie gewöhnlich zu seiner Frau, die um diese Zeit in ihrem Zimmer zu arbeiten pflegte. Er lächelte heimlich über diese Beschäftigung mit Nationalökonomie und ähnlichen Dingen, die seiner Überzeugung nach die praktischen Menschen wenig, und Frauen garnichts anging. Aber er hatte seine Frau viel zu gern, und wenn sie ihm von ihrem Lieblingsthema sprach, war er liebenswürdig und heuchelte eine Aufmerksamkeit, die er nicht aufbrachte.

Wie er den langen, matt erhellten Korridor entlang ging, kam ihm das Hausmädchen aus dem Schlafzimmer heraus entgegen.

„Waren Sie bei der gnädigen Frau?“ fragte der Fabrikant.

„Nein, gnädige Frau sagten, als ich vorhin den Tee servierte, „wir sollten sie heute auf keinen Fall mehr stören ... gnädige Frau hat wahrscheinlich wieder so viel zu arbeiten ...“

„Ja, ja,“ sagte Philipp Mertens im Weiterschreiten. Und er sah sie im Geiste vor sich sitzen, den prächtigen, lebenstrotzenden Körper, in das lose, buntseidene Hauskleid gehüllt, das den Nacken frei liess, über dessen warme Haut das rotbraune Haar in schweren Knoten fiel.

Herr Mertens seufzte. Dann klopfte er leicht an die Tür und drückte die Klinke nieder. Es war dunkel im Zimmer.

„Hanni!“ sagte er, und ein vages Gefühl der Unsicherheit durchzog sein Herz.

„Hanni ... bist du hier?“

Sie schlief wohl ... aber er hörte keinen Atemzug.

Da griff er in ausbrechender Angst nach dem Drehknopf der elektrischen Beleuchtung. Das Licht flammte auf.

Mit in die Luft tastenden Händen, vorgebeugt und die Augen, den Mund vom Entsetzen weit aufgerissen, stand der Fabrikant vor der hingestreckten Gestalt seines Weibes. Sie lag auf dem hellfarbenen Perserteppich auf der Seite, das Gesicht in die rechte Armhöhle gedrückt, wie ein grosses Kind, das unter Schluchzen eingeschlafen ist.

Philipp Mertens war in die Knie gesunken und zu ihr hingerutscht. Er war kaum bei Besinnung, als er, von krampfhaften Schmerzen geschüttelt, wimmernd den Kopf der Frau in seine Arme nahm und sein tränennasses Gesicht gegen ihre eisigkalte Wange drückte. Einen Augenblick dachte er daran, das Mädchen hereinzurufen, einen Arzt holen zu lassen, aber die Gewissheit, dass dieses starke und noble Frauenherz, an dem er so sehr gehangen, zu schlagen aufgehört hatte, liess ihn nicht von der Stelle. Ihm war, als dürfe er sie auch nicht für einen Augenblick verlassen, als habe ihm der erkaltete Mund, der unter seinen Küssen so fühllos blieb, doch noch etwas zu sagen ... etwas Wichtiges, das keinen Aufschub duldete....

Und so liess er, dessen Arme den üppigen Busen der Toten in verzweifelter Liebe umschlangen, die vom Weinen geblendeten Augen im Zimmer umhergehen und blieb mit seinen Blicken an dem kleinen Schreibtisch aus Rosenholz hängen, auf dessen Platte er so, in seiner hockenden Stellung, nicht hinaufsehen konnte.

Er flüsterte leise wie zu einer Erkrankten und liess den Körper sanft zurückgleiten auf den Teppich. Dann schlich er zu dem Schreibtisch hin und nahm den Brief, der ja dort liegen musste, mit zusammengebissenen Lippen. Aber der Mut, das Kuvert aufzureissen, fehlte ihm lange. Er tastete sich erst noch einmal zu seiner Toten hin und horchte wieder nach ihrem Herzen, das, reglos, seiner verzweifelten Sehnsucht keine Antwort gab.

Und so neben ihr auf dem hellen Perserteppich sitzend, las er den Brief, den sie ihm hinterlassen hatte:

Mein lieber Mann!

Ich kann Dir den Schmerz nicht ersparen, ich muss weg. Wenn Du den Brief durchgelesen hast, wirst Du auch die Notwendigkeit einsehen. Du hast mich so oft ausgelacht mit meinem Studieren und Lernen, aber ich konnte Dir ja nicht sagen, dass es alles nur um meiner selbst willen geschah, um eine Erklärung zu finden für die Veränderung meines Wesens, meiner ganzen Person. Ach, ich war wie eine Maus, die man in eine Falle gesperrt hat und die voller Angst immer wieder vergebens nach einem Ausweg sucht ... Ja, immer vergebens.... Das einzige, was ich mit all meinem Lesen und Lernen schliesslich begriffen habe, ist, dass wir alle einem schrecklichen Zwang unterworfen sind, dass unser ganzes Leben von hässlichen und oft lächerlichen Zufällen abhängt ... Ich habe mich geschämt, wenn ich launisch und zänkisch war im Zusammensein mit Dir, und Du, Lieber, hattest immer nur Entschuldigungen für mich und bist stets voller Nachsicht gewesen ... Aber es entschuldigt mich vielleicht, dass ich vordem anders war, dass ich eine lustige, glückliche und auch eine demütige Frau war, bis das Unglück kam, das schreckliche Unglück, ... ach, mein armer, lieber Mann, sei doch nicht böse! Es soll ja kein Vorwurf sein! Konntest Du denn ahnen, als Du damals vor sechs Jahren so gesund und fröhlich auf die Jagd fuhrst, dass sie Dich noch am selben Abend für tot, von einer tückischen Kugel getroffen, wieder zu mir ins Haus bringen würden! ... Zuerst war ich nur in Sorge um Dein Leben und voller Mitgefühl mit den grossen Schmerzen, die Du littest.... Aber dann sagte mir der Arzt eines Tages, Du würdest wieder gehen und Dich bewegen können wie vorher, aber als Mann würdest Du ein Krüppel bleiben ...“

Der Lesende fing an zu zittern, er schluckte ein paarmal, wie von innerem Weinen, dann erhob er sich schwerfällig und riegelte die Tür ab, als könne ein Unberufener hereinkommen und in dieses traurige, ängstlich behütete Geheimnis eindringen. Er ging an den Schreibtisch; es war, als sei die Seele der Frau, die er so sehr geliebt hatte, in diese beschriebenen Blätter geflohen und lenkte seine Aufmerksamkeit von dem Leichnam ab, dessen schöner, in seiner gelblichen Blässe so ernster Kopf sich wie ein Bildwerk abhob von dem schwarzen Sammetkissen, auf das ihn der Mann gebettet hatte.

Philipp Mertens bebten Lippe und Herz, als er weiterlas:

„Dem Arzt nahm ich es zuerst sehr übel, als er mir sagte, dass es ein schweres Schicksal sei, das da auch mich erwartete ... Was konnte denn da schon sein? Gibt es nicht Tausende und aber Tausende von Frauen, die ehelos und ohne alle körperliche Liebe durchs Leben gehen müssen? Und ich hatte das Glück solange besessen. Ich besass auch für mein späteres Leben die Erinnerung daran. Und ich hatte ja auch Dich selbst! Du warst mir geblieben! Deine Liebe und Güte! Wie leicht hätte ich Witwe sein können! In meiner Dankbarkeit, dass Du mir erhalten warst, lachte ich über einen Verlust, dessen Bedeutung mir erst ganz allmählich klar wurde ... Ach, solange man reich ist, kann man den Armen mit seiner Not und seiner Gequältheit nie begreifen!

Aber ich weiss noch: was mich zuerst unruhig machte, das waren Deine kühlen Küsse.... An Deiner Liebe konnte ich nicht zweifeln, jeden Tag hast Du mir ja durch tausend kleine Dinge bewiesen, wie wert ich Dir war. Trotzdem fing ich an, eifersüchtig zu werden, Dich zu beargwöhnen; ich konnte und konnte nicht begreifen, dass das Feuer Deiner Leidenschaft so ganz erloschen sein sollte, dass die Schauer des Entzückens, unter denen ich gebebt hatte, nun niemals mich beseligen sollten!

Bis Du eines Tages, vielleicht von Deinen geschäftlichen Ideen und den Sorgen des Tages in Anspruch genommen, Dich aus meinen Armen losmachtest und mit einem halbverlegenen Lachen sagtest ... nein, ich will das schlimme Wort nicht wiederholen, Du hast es ja selber gewiss auch nicht vergessen.... Das war das einzige Mal in all der Zeit, wo ich Dir böse war, wo ich Dich förmlich gehasst habe und wo ich den Plan fasste, Dir untreu zu werden. Du erinnerst Dich wohl noch, dass damals die beiden jungen Akademiker, Heinz Marquardt und der Kandidat Emil Fröhlich, in unserm Hause verkehrten ... Sie warben beide um mich, und Fröhlich, der mir der liebere war, hätte vielleicht gesiegt, wenn er kühner gewesen wäre. Und er wär’ es am Ende geworden, hätte ich nicht eines Tages, gerade als er bei mir war, Dein trauriges Gesicht plötzlich zwischen den Portieren der Tür zum Wohnzimmer auftauchen sehen ... Du tratest nicht ein, und ich habe mich nachher oft gefragt, ob Du es denn wirklich gewesen bist, oder ob damals schon eine Halluzination, wie ich sie später so oft gehabt habe, meiner erregten Phantasie Dein Bild vorgespiegelt hat. Jedenfalls habe ich Fröhlich nachher nur noch selten und später gar nicht mehr empfangen.

Aber ich weiss bestimmt, dass von dieser Zeit an meine Ruhe weg war. Ich schlief schlecht und ass sehr unregelmässig. Gewundert habe ich mich nur, dass ich nicht mager wurde. Aber ich freute mich doch auch darüber, denn ich wollte gefallen. Am Tage verbot ich meinem Innern, sich mit dem zu beschäftigen, was meinen geheimsten Sinn so ganz erfüllte, aber des Nachts, da kamen die Träume, und früh, wenn ich erwachte, da brannten meine Wangen noch vor Scham über das, was ich gesehen und erlebt hatte.

All das, womit ich mich in diesen Jahren beschäftigt habe, was mir scheinbar Interesse abnötigte und meine Zeit ausfüllte, war Ausflucht und Notbehelf. Ich dachte bei alledem nur an mich und mein Unglück und sehnte mich immerfort nach Liebe. Ich sah heimlich alle Männer an und fühlte mich in ihren Armen, aber in der Tat blieb ich die treue Gattin und die ehrbare Frau, als die ich nun auch freiwillig aus dem Leben scheide.

Und ich hätte es trotzdem nicht getan, hätte mein Geschick weiter ertragen, weil ich an Dich dachte und an Deine Liebe.

Aber da ist plötzlich etwas gekommen, was zu stark war; das ist Herr geworden über mich ... Ich war entsetzt und verwundert zugleich über diese neue Hanni Mertens, die auf einmal da war. Und es fällt mir schwer, Philipp, Dir auch das zu sagen ... nur damit Du nicht glaubst, ich sei wirklich ... ich sei Dir wirklich untreu gewesen ...

Zuerst war es ein Hausdiener, ein grosser, blonder, junger Mensch, dem ich hier vom Fenster aus beim Abladen von Waren zusah ... Als ich mich auf diesen Gedanken ertappte, war ich entrüstet. Ich ging in mein Zimmer und arbeitete.... Und anfänglich half das auch. Aber später wurde ich selbst immer schwächer. Und vorgestern abend, wie ich allein aus dem Theater kam, da bin ich nur noch mit Mühe dem Verhängnis entgangen. Es war wieder ein solch grosser Blonder. Und auch einer aus niederstem Stande, aber besser gekleidet. Er sprach mich brutal an, und mich überkam eine derartige Schwäche, dass ich ihn nicht energisch abweisen konnte. Er forderte mich auf, in ein Café mit ihm zu gehen, und ich ging. Und da sah ich den Dr. Hemberg, Deinen Freund. Ob er mich auch gesehen hat, weiss ich nicht. Aber ich wachte auf, ja, ich erwachte aus dieser schrecklichen Lethargie meines Gewissens ... Nun wollte ich fort, und der liess mich nicht ... es war unbeschreiblich, und ich zittere noch, wenn ich an die Worte denke, die dieser Mensch ganz laut hinter mir herrief.

Zu Haus in meinem Bett — Du schliefst schon und ich wachte noch lange — da bin ich mir klar geworden: ich unterliege! Ich kann diesen Kampf nicht weiter kämpfen ... Nicht mein Herz, meine Instinkte sind stärker geworden als mein reiner Wille. Und ich komme mir vor, wie besudelt ... ich kann’s nicht ertragen! ... Ich habe mir Morphium verschafft, durch Bestechung, das nehm’ ich. Wenn Du heute heim kommst, wirst Du mir den letzten Kuss auf die Lippen drücken, die dann so kalt sein werden, wie die Deinen ach so lange schon waren! ... Ich habe Dich sehr lieb, jetzt, wo es ans Sterben geht, noch viel mehr als früher ... leb’ wohl, mein Herz!

Deine Hanni.“

Der Mann, dessen blasses Gesicht immer grauer und elender geworden war beim Lesen, weinte nicht mehr. Er schraubte den kleinen, rötlichen Kachelofen auf und verbrannte Brief und Kuvert sorgfältig ... was ging es die Neugierde der Welt an, weshalb sie gehen und er ihr folgen musste ... Dann verliess er das Zimmer, die Tür hinter sich abschliessend, kam aber schon nach wenigen Minuten zurück. Und dann setzte er sich wieder auf den hellen Perserteppich, das Gesicht und das Haar seiner Toten zärtlich streichelnd; dabei flüsterte er:

„Das hätten wir doch schon früher tun können! .. schon vor Jahren! Ich quälte mich deinetwegen, und du, du littest für mich!“

Er schüttelte den Kopf und lachte leise ... Dann kam der Revolver, den er in der Tasche hatte, zum Vorschein ... Ein Knall. Und der Kopf mit der durchschossenen Schläfe sank auf das weisse Gesicht der Frau hin, die unbeweglich blieb unter dem krampfigen Zittern des Sterbenden.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺331,73
Yaş sınırı:
0+
Hacim:
180 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788711445907
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar