Kitabı oku: «Mord im Bankhaus Lindström»

Yazı tipi:

Hans Hyan
Mord im Bankhaus Lindström

Kriminalroman

Saga

1

Der alte Martin brachte den Tee in das Arbeitszimmer des Konsuls.

„Das gnädige Fräulein möchte Herrn Konsul sprechen, ehe der gnädige Herr ins Büro geht.“

Die hohe, breitschultrige Figur des Konsuls reckte sich, er sah den Diener forschend an.

„Was sagte denn meine Tochter, weshalb sie ...?“

„Das gnädige Fräulein meinte nur, sie müßte Herrn Konsul auf jeden Fall vorher sprechen.“

Indem kamen leichte Schritte durch das Nebenzimmer, und zwischen den dunklen Samtportieren erschien die blonde Marion, des Konsuls einzige Tochter.

Sie blieb einen Augenblick stehen und sah mit ihren schönen Augen aufmerksam zu ihrem Vater hin. Da spürte er, daß sie ihm wirklich Wichtiges mitzuteilen hatte.

Der alte Martin war geräuschlos gegangen; der Konsul breitete seine Arme aus ...

Dieses Mädchen da war der Mittelpunkt seines Daseins. Er selbst, schon in den Fünfzigern, hatte das Leben genossen; er war reich, besaß Macht und Einfluß, er hätte nicht gewußt, was er sich noch wünschen sollte. Aber diese Tochter, seine Marion, mit ihren einundzwanzig Jahren, war für ihn Einsatz und Gewinn seines Lebens zugleich. Er liebte sie, nicht nur wie Väter ja meistens ihre Töchter lieben — sie war ihm Weib und Kind zugleich. Den Gedanken, sie zu verlieren, dachte er überhaupt nicht aus.

Sie war verlobt mit einem Künstler, einem berühmten und wertvollen Menschen, und sie hing gewiß mit Liebe und Leidenschaft an dem erwählten Mann. Aber ihre Verbundenheit mit dem Vater konnte durch nichts übertroffen werden.

Das alles fühlte Rudolf Lindström mit jedem Nerv, und davon war seine Seele erfüllt, als Marion zu ihm trat, ihre Arme um seinen Hals legte, wie sie es schon als ganz kleines Mädchen getan hatte, und sich von ihm auf die Wange küssen ließ.

„Ja, ich muß dich sprechen, Papa“, sie zauderte sekundenlang; dann ging ein Ruck durch ihren schlanken Körper:

„Ich kann mich nicht verloben ... ich kann einfach nicht, Papa.“

Ein Lächeln irrte um seinen bärtigen Mund, als er fragte:

„Seit wann hat meine Marion solche Launen?“

Sie schüttelte ihr blondes Haupt:

„Das sind keine Launen ... das ist ...“, sie fand das Wort nicht, „das ist ...“ Sie hob die Schultern: „Das ist wahrscheinlich ... mein Schicksal ...“

Jetzt war das Kopfschütteln an ihm:

„Wie alt bist du, Marion?“

„Einundzwanzig, Papa.“

„Ich weiß es ja, aber ich frage doch ... Ihr jungen Menschen von heute lebt von lauter Entschlüssen; für euch gibt es immer nur ein Entweder-Oder. Jede Schwierigkeit heißt bei euch ‚unmöglich‘. So ist doch das Leben nicht! ... Wenn du mir gesagt hättest: du kannst dich heute nicht verloben, das würde ich begreifen. Wenn jemand noch nicht das volle Gefühl der Zusammengehörigkeit mit einem anderen Menschen hat ...“

Aber Marion verneinte:

„Das ist es ja nicht, das ist es ja nicht, Papa! Mein Gefühl für Stefan bleibt sich immer gleich. Ich liebe ihn so, wie eine Frau einen Mann lieben muß, wenn sie ihm angehören soll. Ich habe Verlangen nach seiner Nähe und nach seiner Person, und ich weiß ganz genau, daß ich glücklich sein werde, wenn ich ihn heirate ...“

Die schönen blauen Augen blickten unbeirrt auf ihren Vater:

„Nein, das ist es wirklich nicht, es ist etwas ...“

Mit einem tiefen Atemzug, als nähme sie einen Anlauf, um ein unüberwindliches Hindernis zu nehmen:

„Es ist etwas in meinem Leben, das ich ihm nicht sagen kann ... nein, auch dir nicht, Papa ... worüber ich nicht sprechen kann, wenigstens nicht, ehe ich mir nicht ganz klar geworden bin ... über den eigentlichen Vorgang ...“

„Aber Marion, das ist doch das reine Rätselraten!“ Er versuchte absichtlich, einen leichten, scherzenden Ton beizubehalten. „Du sagst, es ist etwas geschehen; aber was geschehen ist, das sagst du nicht; gleich darauf: du weißt selbst nicht, ob etwas passiert ist, was dich hindert, dich mit Stefan zu verloben. Wer soll sich denn da herausfinden!“

Marions Gesicht wurde ernster und trüber:

“Ich weiß es nicht, Papa, ich bin mir ja selbst nicht klar darüber, was ich tun muß, um von dieser furchtbaren Last frei zu werden. Du weißt, ich habe ein heiteres Naturell, mir liegt nichts ferner als Kopfhängen und Grübeln; ich will gar nicht unglücklich sein! Leben will ich! Gesund sein und lachen! ... Aber das weißt du doch auch, Papa, man kann nicht immer, wie man will. Vielleicht ... kann ich nur in der Entfernung von dir das tun, was ich muß.“

Sie wandte sich ab und ging an das Fenster; dort zog sie die üppigen Stores beiseite und blickte hinaus in die neblige Morgenfrühe der Allee, in der die Villa Lindström zwischen anderen Landhäusern reicher Leute inmitten eines großen Gartenlandes lag.

Der Konsul hatte sich in dem Ledersessel zurückgelehnt und sagte zärtlich und eindringlich, wie manchmal in früheren Jahren, wenn Marions Widerspruchsgeist sich regte:

„Du weißt, Liebling, ich kann dir ernstlich nichts abschlagen. Aber weil du meine Schwäche dir gegenüber kennst, hast du auch die Pflicht, mich nicht vor Entscheidungen zu stellen, bei denen ich dir einfach nicht nachgeben kann. Das mußt du doch einsehen, daß du heute, am Morgen deines Verlobungstages, wo alles vorbereitet ist, wo wir hundert Gäste erwarten, nicht plötzlich sagen kannst: ‚Ich verlobe mich nicht!‘ “

Marion war zu ihm getreten, hatte den Arm um seinen schon etwas ergrauten Kopf gelegt und setzte sich nun, wie sie es als Kind oft getan hatte, auf des Vaters Knie:

„Du hast ja recht, aber ...“ Sie schwieg.

„Aber ...?“ fragte er.

Sie blickte ihn zweifelnd und unsicher an, endlich sagte sie:

„Ich verspreche dir, nichts zu überstürzen ... Ja, ich werde mich verloben, heute abend ... nicht, weil ich diese Verlobung wünsche, aber ... das sehe ich ein, und darin gebe ich dir recht, ich hätte Stefan meinen Entschluß schon früher mitteilen sollen ... das war ein doppeltes Unrecht ... Ich habe ihm verheimlicht, was er wissen muß, und ich habe ihm nicht einmal gesagt, daß ich nicht die Seine werden kann, wenn dieses Unglück ...“

Sie drückte ihre schmalen Hände an die Augen, als wollte sie aufschluchzen, aber sie weinte nicht. Im Gegenteil, ihre Stimme und ihre Muskeln wurden fester und straffer. Sie beugte den Kopf:

„Ich muß dahinterkommen, Papa, und du kannst dich auf mich verlassen, daß ich das, was mir heute, jetzt so unfaßbar ... so unergründlich erscheint, daß ich das herausbekomme und daß ich mich von allem freimache.“

Sie drückte seinen Kopf fest und leidenschaftlich an ihre Wange, und da er weiter fragen wollte, wehrte sie ab:

„Nein, nein, ich kann dir jetzt nichts sagen, heute nicht und morgen auch nicht ... Du darfst mich auch nicht fragen.“

Der Fernlautsprecher schnarrte. Dann kamen aus dem Apparat die Worte:

„Herr Generaldirektor wollen doch bitte sofort in die Bank kommen, es ist eingebrochen worden!“

Überrascht fragte der Konsul:

„Bei uns ... in der Bank ...?“

Er hatte den Lautsprecher abgestellt und den Hörer ans Ohr genommen:

„Matschunke, Sie sind es ... nun sagen Sie doch ...! Nein, ich komme sofort herunter ... den Doppelschlüssel zum Tresor, ja, den bring’ ich mit ...!“

Er legte den Hörer fort, wandte sich zu der gespannt aufhorchenden Tochter:

„Was sagst du dazu, Marion ...! Ja, ich ruf’ dich gleich an, von der Bank aus ...“ Der Konsul war jetzt schon ganz in seiner Bank und mit dem Einbruch beschäftigt. „Und im übrigen, Marion, ich komme früh nach Hause heute, da können wir ja alles noch einmal in Ruhe durchsprechen ... und du bist meine vernünftige Tochter ... nicht wahr, du siehst, in diesem Augenblick ... da weiß ich wirklich nicht, wo mir der Kopf steht ...“

Der alte Martin war hereingekommen, hatte seinem Herrn Mantel und Hut gebracht, und der Konsul war aus dem Zimmer, ehe Marion noch viel fragen konnte. Sie war auch so beschäftigt mit ihren eigenen Gedanken, daß ihr dieser Einbruch, der sie sonst gewiß interessiert hätte, im Augenblick recht bedeutungslos erschien.

Es gab ja eine Versicherung und auch die Polizei. Marion war es von ihrem Vater gewöhnt, daß er jede Sache schnell und praktisch erledigte.

Nachdenklich ging sie wieder hinüber in ihr Zimmer.

2

Im Schneenebel eines Wintermorgens, der sich langsam erhellte, ging der frühere Kriminalinspektor und jetzige Privatdetektiv Doktor Splittericht durch die Flinsberger Straße nach seiner am Harlemer Platz gelegenen Wohnung. Zehn Schritt vor ihm, im Morgendämmer verschwimmend, trugen zwei Telefonarbeiter ein schweres Kabel, und der Doktor-Kommissar, der in Gedanken versunken dahinging, erschrak etwas, als der vordere von den beiden Arbeitern aufschreiend mit dem halben Leibe im Straßenpflaster versank. Sein Kollege sprang hinzu und zog den Mann im blauen Kittel aus dem Loch. Im Verein mit dem Detektiv betrachteten beide voll Erstaunen den Einbruch in der Pflasterung. Es hatten sich eigentlich nur die mosaikartig festgeklopften Granitbrocken neben den großen Trottoirsteinen etwa einen halben Meter gesenkt. In dem entstandenen Loch aber sah man zerbrochene Bretter und Hölzer, die den Steinbelag noch stützten. Als sich nun die beiden Arbeiter mit ein paar hinzukommenden Kollegen daran machten, wurde bald ein unterirdischer Gang bloßgelegt, der, wie ein Bergwerksstollen abgesteift, unter der Erde entlangging.

Doktor Splittericht trat mit einem leisen Lächeln an den Bord der breiten Straße. Das Haus, vor dem man sich befand, war ein großes Industriegebäude, das in seinen oberen Etagen Wohnungen enthielt, während in den unteren Stockwerken sich nur Geschäftsräume befanden. Das Erdgeschoß und den ersten Stock bewohnte das Bankhaus Lindström — diese Feststellung zauberte ein mephistophelisches Lächeln auf Doktor Splitterichts Gesicht. Er legitimierte sich den durcheinanderredenden Arbeitern gegenüber und forderte sie auf, hier an der Stelle zu bleiben, bis er von einem Telefongespräch zurückkäme. Dann eilte er nach dem Harlemer Platz, trat in einen Telefonkiosk und ließ sich mit dem Polizeipräsidium verbinden.

„Die Abteilung IV, bitte, Fräulein ...! Kommissar Starkmann ... jawohl, hier Splittericht. Sie müssen schnell mal herunterkommen, Herr Kollege, nach der Flinsberger Straße neun. Mit ein paar von Ihren Leuten, ja ... es handelt sich um ein ganz groß angelegtes Verbrechen ... wie? ... ja, Bankraub ... Bankhaus Lindström in der Flinsberger Straße neun ... das Straßenpflaster ist unterminiert. Die Leute sind offenbar unter dem Straßenniveau durch die Hausmauer in den Tresorkeller gedrungen ... richtig, ja! ... Ich sichere den Tatort bis zu Ihrer Ankunft.“

Der Detektiv hängte ab und nahm gleich die zweite Verbindung zu der Privatwohnung des ihm gut bekannten Oberregierungsrats Henderson, des Leiters der Abteilung IV. Auch den verständigte er von seiner Entdeckung und entschuldigte sich wegen des frühen Anrufs — es war kurz nach sieben Uhr.

„Aber ich bitte Sie, liebster Doktor“, klang es von der anderen Seite, „wir sind Ihnen doch sehr dankbar ... es ist ja so merkwürdig, daß Sie immer schon da waren, wenn wir erst hinkommen ...“ — sie lachten beide, — „in einer Viertelstunde bin ich bei Ihnen.“

Als Doktor Splittericht zurückkam, hatten die Telefonarbeiter den Gang schon ein ganzes Ende weiter bloßgelegt. Die Flinsberger und die Straße am Harlemer Platz schnitten sich hier. Den Schnittpunkt bildete das Bankhaus. Der Eingang zur Bank befand sich an der Flinsberger Straße. Doktor Splittericht stieg nun auf die etwa zwei Meter tief liegende Gangsohle hinab. Den Revolver in der rechten, seine Taschenlampe in der linken Hand, drang er zuerst nach links vor und kam etwa drei Meter weiter an das Ende des Stollens und an ein Loch in der Hausmauer, durch das er sich nur schwer hindurchzwängen konnte. Er befand sich jetzt, wie der helle Lichtstrahl seiner Lampe zeigte, in einer Art Schornstein, in dem er sich kaum bewegen konnte. Kein Zweifel, das war ein Luftschacht!

Splittericht kroch vorläufig wieder durch das Mauerloch in den Gang zurück und ging in gebückter Haltung durch ihn hindurch bis zu seinem rechten Ende. Auch hier stieß er auf ein Loch in der Hausmauer, durch das er in den Heizungskeller hineinblickte. Er wollte sich eben weiter orientieren, als er Stimmen in seinem Rücken hörte und, sich umdrehend, den Kommissar Starkmann sah, der ihm neugierig mit der elektrischen Laterne ins Gesicht leuchtete.

„Ah, Sie sind der Kriminalpolizei wieder um eine Nasenlänge voraus, Herr Doktor!“

„Leider“, meinte Splittericht bekümmert, „ich habe wirklich selber genug zu tun. Aber ich kann doch beim besten Willen an so einer Sache nicht vorbeigehen.“

„Waren Sie schon da drin?“ Der Kommissar deutete auf das Loch in der Mauer, durch das Splittericht im nächsten Augenblick verschwand. Der Beamte folgte ihm. Das erste, was sie sahen, war ein gewaltiger Berg weißen Sandes — der Rauminhalt des Stollens, den die Einbrecher mit großer Mühe herausgeschafft hatten. Da lag noch der Eimer, den der im Stollen stehende Schränker ein Mal um das andere mit der Erde füllte, um ihn jedesmal dem hinter der Mauer im Heizkeller stehenden Komplizen durch das Loch hindurchzureichen.

„Ein tolles Stück Arbeit“, sagte der Kommissar, „woran die Herrschaften wahrscheinlich tagelang geschuftet haben! Den Sand und die Bruchstelle haben sie immer wieder mit Kohlen bewerfen müssen ... es konnte ja doch jemand hier reinkommen, wenngleich die Stelle im Keller ziemlich abseits liegt ...“

Die beiden leuchteten nun den Keller in allen seinen Gängen ab. Sie besichtigten die Heizung, das recht komplizierte System der elektrischen Schalter für die Beleuchtung des großen Hauses und kamen so durch mehrere Gänge an die Tresorwand.

„Von hier aus ist nichts zu machen gewesen, das haben die beiden Ganoven sofort gesehen. Der Tresor besteht aus einer zollstarken doppelten Stahlwand, der Zwischenraum ist mit einer Mischung von Beton, Kalk und Kieseln, sogenanntem Eisenmörtel, ausgefüllt. Kein Bohrer und kein Schneidebrenner kann dagegen an.“ Kommissar Starkmann betrachtete die Wand interessiert, er sah deutlich, wo die Einbrecher das Material des Tresors auf seine Festigkeit geprüft hatten. „Nun bin ich bloß gespannt, ob und wie sie reingekommen sind.“

„Das will ich Ihnen sagen“, nickte Splittericht, „darum sind sie ja durch die Hauswand, unterm Trottoir durchgekommen, dann wieder durch die Hausmauer und an den Tresor, aber von der Schmalseite her ... da liegt nämlich der Luftschacht.“

„Woher wissen Sie denn das?“

Das stille Leuchten, das über das meist unbewegliche Gesicht des Detektivs lief, ärgerte den andern. Er dachte bei sich: Du alter Besserwisser, zaubern kannst du doch auch nicht!

„Woher wissen Sie denn das, Herr Kollege?“

Aber Splittericht antwortete nicht. Er ging zurück, kroch durch die Mauer, wobei ihm der Kommissar auf dem Fuße folgte, glitt den Gang entlang und kam durch die jenseitige Maueröffnung in den Luftschacht hinein. Hier war nur sehr wenig Raum. Herr Starkmann konnte ihm nicht folgen. Er hörte nur, wie Splittericht meinte:

„Es ist so, wie ich dachte: der Luftschacht ist von außen durchbrochen, dann haben die Leute die Anker, die in der Luftklappe den Durchlaß zum Tresor schützen sollen, mit dem Schweißbrenner beseitigt und der Dünnere ist reingekrochen ... Das werden wir beide kaum fertigkriegen, Herr Starkmann ... Wir müssen warten, bis die Leute von der Bank mit den Schlüsseln kommen.“

Auch Starkmann sah sich in dem engen Gemäuer um, dann gingen sie beide zurück, kletterten aus dem Gang auf die Straße und kamen eben recht, um Oberregierungsrat Henderson zu begrüßen, der gerade aus seinem Auto sprang.

Der Hausportier hatte inzwischen den Generaldirektor und Hauptaktionär des Bankhauses Lindström, Konsul Lindström, angeläutet und ihm mitgeteilt, was geschehen war. Auf dessen Geheiß war er im Auto zu dem nahe wohnenden Kassenboten Matschunke gefahren, der den einen Schlüssel zum vorderen Bankeingang in Verwahrung hatte. Den anderen Schlüssel nahm der Lehrling Winter abends mit nach Hause, um sich am nächsten Morgen Punkt acht Uhr mit Matschunke vor dem Bankgebäude zu treffen. Die beiden Leute konnten nur gemeinsam die Eingangstür zur Bank öffnen. Allerdings befanden sich die Duplikatschlüssel zum Eingang im Gewahrsam des Generaldirektors selbst.

Matschunke und Alfred Winter kamen eben. Sic öffneten die Tür und ließen den Oberregierungsrat, den Kommissar Starkmann, zu dem jetzt noch seine Untergebenen, Wachtmeister Vogel und Assistent Nebeltau, gestoßen waren, und den Doktor Splittericht in die Bank eintreten. Dann fuhr der Lehrling Winter nach der Markenstraße zum Hauptkassierer Hermann Reese.

„Wann kommt Herr Reese gewöhnlich ins Geschäft?“

„So um halb neun, Herr ...“

Splittericht sah auf die Armbanduhr: es waren zehn Minuten bis acht.

Das Banklokal lag nur eine Stufe über dem Niveau der Straße, auf der sich jetzt, da es schon heller geworden war und der Verkehr der zur Arbeit eilenden Menschen wuchs, Publikum ansammelte, das voller Neugier herandrängte. Von der nächsten Wache wurden mehrere Sipos herbeibeordert, die die Straße im Umkreis absperrten.

3

Wenn man in den Schalterraum der Bank eintrat, lagen rechts die sich weit hinziehenden Einzelschalter, vor denen sich das Publikum aufhielt Es standen da Tische zum Schreiben, Sessel und Stühle und an der linken Wand mehrere große Lederbänke. Links vom Eingang führte eine Holztreppe mit geschnitztem Eichenholzgeländer in den Tresor hinab. Der Treppeneingang war offen. Unten kam man in einen kleinen Vorraum und dann an die Tresortür selbst, die, gleich einer mächtigen Stahlwand, den Zugang zu diesem Mammut-Kassenschrank versperrte. Das Buchstaben-Stellschloß war nach besonderer Konstruktion gearbeitet. Niemand außer dem Konsul Lindström und dem Hauptkassierer Reese kannte die Zahlenfolge des Stellschlosses, die obendrein alle Woche einmal geändert wurde.

„Es ist ganz unmöglich“, meinte Herr Henderson, „in diesen Tresor einzudringen. Denn selbst wenn man die Schlüssel hat, so muß man doch immer noch die Stellziffern wissen.“

Doktor Splittericht nickte, und wieder irrte jenes seltsame Lächeln um seine Lippen.

„Man hätte nur an den Luftschacht denken müssen, der doch eigentlich, wenn man so will, recht überflüssig ist.“

In diesem Augenblick trat der Generaldirektor des Bankhauses Lindström, Konsul Lindström, in den Vorraum des Tresors und begrüßte, mit besorgtem Blick die Tresortür musternd, die Herren von der Behörde. Mit Herrn Henderson war er seit langem befreundet. Er schüttelte den Kopf:

„Ich kann es mir doch gar nicht denken, lieber Herr Oberregierungsrat ... unter der Straße lang und durch die Hausmauer ...? Ist denn so etwas möglich?“

„Ja ...“ Der Oberregierungsrat strich den kurzen grauen Schnurrbart. „Es muß wohl sein, Herr Konsul. Eben sagte Doktor Splittericht noch ... übrigens, darf ich vorstellen: Herr Doktor Splittericht — Herr Konsul Lindström .... ach, die Herren kennen sich?“

Der Bankier reichte dem Detektiv die Hand:

„Ich habe viel von Ihnen gehört, Herr Doktor! Und gerade in diesen Tagen hatte ich vor, Sie in einer Sache um Ihren Rat zu bitten ...“

Der Detektiv verbeugte sich:

„Ich stehe immer zu Diensten, Herr Konsul!“

Der Oberregierungsrat lächelte verbindlich:

„Ja, aber der Doktor hat recht: an den Luftschacht im Tresor hätte man denken sollen ... der ist ja total überflüssig ... Wenn einer, der hier was zu suchen hat, hineingeht, so bleibt die Tresortür offen und er kriegt Luft von außen. Und wenn einer eindringt, der nichts darin zu suchen hat, dann hat man eigentlich nicht notwendig, für Luftzuführung zu sorgen ...“

Konsul Lindström stellte jetzt die Scheiben-Kombination des Stellschlosses an der Tresortür auf die nur ihm und dem Hauptkassierer bekannte Stellziffer ein und drehte das Handrad einmal. Dadurch wurde eine kleine Nische in der Außenpanzerung frei, und der Bankier erklärte dem Leiter der Kriminalpolizei: das sei die sogenannte Lafette. Dahinein täte man diesen Schlüssel, er holte aus einem kleinen Lederetui ein unwahrscheinlich kleines, flach-sichelartiges Instrument hervor, das er nun in die Vertiefung einpaßte.

„Sie sehen, lieber Herr Oberregierungsrat, ein Schloß gibt es hier eigentlich überhaupt nicht, wenigstens nicht an der Oberfläche der Tür. Das Schloß ist eingelagert in die hintere Panzerung. Erst die zweite Umdrehung des Handrades“, er legte seine Hand auf das Rad, „führt den Schlüssel mit der Lafette in das versteckte und so doppelt geschützte Patentschloß ... wenn ich jetzt das Rad noch eine halbe Drehung machen lasse, dann ist das Schloß offen, und gleichzeitig schiebt sich die hundert Zentner schwere Doppeltür selbsttätig auseinander.“

Er ließ seinen Worten die Tat folgen und trat dann mit dem Kassenboten Matschunke, der neben ihm stand, in den Tresor. Aber die beiden Männer prallten zurück, der Kassenbote schrie laut und Konsul Lindström griff nach dem blanken Stahl der Gittertür. Hinter den beiden reckten die Kriminalbeamten voller Neugier die Köpfe.

Was zuerst ins Auge fiel in diesem von automatisch aufflammenden Lampen erhellten Raum, waren nicht die aufgebrochenen Safes, auch nicht der Extraschrank, an den Konsul Lindström besonders gedacht hatte, weil gestern abend noch anderthalb Millionen in barem Gelde darin lagen — was so kraß ins Auge fiel und die Beschauer mit Entsetzen erfüllte, war der Mensch, der mitten im Raum tot auf dem Teppich lag.

Ein junger, großer und schlanker Mann in eleganter Kleidung. Der lag, die Arme verkrümmt und die Hände zu Fäusten gekrampft, lang ausgestreckt, das Gesicht nach unten, auf dem hellen Fußbodenbelag. Neben ihm lag die ausgebrannte Diebslaterne.

Kommissar Starkmann trat heran. Seine beiden Untergebenen folgten ihm.

„Drehen Sie mal den Mann um, Vogel!“

„Jawohl, Herr Kommissar!“ Und der Oberwachtmeister Vogel, ein wahrer Goliath, gegen den sich ein Verhafteter nur selten wehrte, nahm den doch schweren Menschen wie eine Puppe vom Boden auf und legte ihn auf den Rücken:

„Er ist schon ganz steif, Herr Kommissar.“

„Ja“, sagte der und sah bald den Wachtmeister, bald den Verbrecher an, „wie ist mir denn, Vogel? Das ist doch der ehemalige Leutnant, unser alter Freund Zalewski?“

Der Wachtmeister Vogel war im Kriminaldienst ergraut, er kannte die meisten der gewerbsmäßigen Einbrecher. Und nickte einsilbig:

„Ja ... Zalewski.“

„Na, na, reden Sie mal ’n bißchen, lieber Vogel, wenn’s auch schwer fällt! ... Seit wann ist denn der wieder draußen, der Zalewski?“

„Sechs Wochen.“ Und Wachtmeister Vogel schwieg abermals.

Lächelnd sagte der Kommissar, zu dem Generaldirektor und seinem Chef gewendet:

„Der Wachtmeister Vogel weiß mehr als wir alle, aber er sagt es nicht ... ’s muß hart kommen, wenn er mal vier Worte hintereinander sprechen soll. Was, lieber Vogel?“

Aber der Wachtmeister beantwortete auch diese Frage nicht. Er hatte sich niedergebeugt, hatte den toten Einbrecher durchsucht und die Brieftasche aus dem modern geschnittenen dunklen Tuchjackett genommen. Dann zog er aus der hinteren Hosentasche links eine Pistole und aus der rechts eine zweite, beides Brownings, heraus. In den Seitentaschen steckten ein an der Kette hängendes Schlüsselbund, ein Taschentuch und eine Handvoll zerknittertes Papiergeld.

„Das ist alles, was der Tote bei sich hat?“ fragte Starkmann.

Der Wachtmeister bückte sich noch einmal, nahm eine fein ziselierte Uhr aus der Westentasche des Toten, steckte sie ebenfalls zu sich. Dann hob er den Toten wieder hoch, als hätte er gar kein Gewicht, und legte ihn genau so nieder, wie er ihn gefunden hatte.

Inzwischen war der Polizeifotograf gekommen und die übrigen Herren der Mordkommission. Jetzt traten alle zurück, um Platz für den Fotografen zu schaffen. Eine große Lichtlampe wurde angeschlossen. In der weißblendenden Helle sah das Gesicht des toten Einbrechers wie Marmor aus.

Ein Reporter, der erste, der, Gott weiß woher, schon von dem Bankdiebstahl gehört hatte, stellte sich vor und übersah freundlich die kühlen Blicke, die ihn kaum willkommen hießen. Er ließ es sich auch nicht anfechten, als Herr Lindström deutlich sagte:

„Wir sind genug hier unten ... Sagen Sie mir bloß, lieber Oberregierungsrat, was bedeutet das?“

Der hob die Achseln, zeigte mit dem Finger auf den Geldschrank:

„War viel Geld darin?“

„Anderthalb Millionen Mark ... und was da drüben in den Einzelsafes“, er zeigte nach dem Metallschrank, der eine Kombination vieler, jetzt brutal aufgerissener Safefächer war, „was da drin gelegen hat, das wissen nur unsere Tresorkunden ... da kann es noch ganz nette Zivilprozesse geben ...“

Konsul Lindström schwieg. Er ging an den kleinen, aber ganz modernen Kassenschrank, dessen beide Schlösser mit dem Fernholzbrenner wie mit einer Schere aus der Stahlplatte herausgeschnitten waren ... Dicht neben dem Schrank lag die Brennlampe, ein Erzeugnis modernster Konstruktion, und daneben eines jener schweren Lederetuis, in denen die kleinen Staubsauger-modelle transportiert werden. Hier hatte dieser glänzende Beutel zum Transport zweier Eisenflaschen gedient, und Herr Henderson verbreitete sich eben über ihren Zweck: sie seien mit dem modernen Disu-Gas gefüllt gewesen, mit dem der Fernholzbrenner gespeist würde. Eine ganz neue Erfindung, die das Mitschleppen der großen Sauerstoffballons überflüssig mache.

In einer Art Trance sah der Bankier die Menschen und die Gegenstände in dem hell erleuchteten Tresorraum an sich vorüberhuschen. Der Verlust der anderthalb Millionen, die Sonnabend von der Reichsbank hereingeholt waren, um heute, am Letzten des Monats, den Ultimobedarf einer Kleinbahn, der Hauptkundin der Bank, zu decken, war gewiß schmerzlich. Doch die Diebstahlsversicherungen seiner Bank waren so ausreichend, so durchaus unanfechtbar, daß für die Firma auf keinen Fall ein allzu großer Verlust entstehen konnte. Nein, was den Konsul so schwer bedrückte, was in ihm diese widerwärtige Empfindung hervorrief, als schmecke er Blut, das war der tote Mensch dort vor ihm auf der Erde. Und in dieses grausige Bild mischte sich ein anderes. Er hörte die Stimme seiner Tochter, die ihn bat: „Du darfst mich jetzt nicht fragen, Papa, ich kann heute nichts sagen!“ — Was verbarg sich hinter dieser Weigerung ...? Die Furcht vor einem Menschen ...? Aber wer durfte seinem Kinde etwas anhaben ...? Hatte sie selbst etwas Unrechtes begangen? — Nein, er kannte Marions stolze, freie Seele! Hatte sie etwas getan, was unrecht war, so hätte sie auch den Mut gefunden, es einzugestehen.

„Was ist nun eigentlich hier vorgegangen, meine Herren?“ wiederholte der Konsul seine Frage.

In diesem Augenblick kam noch jemand die kurze Treppe herab und drängte sich zwischen den Beamten durch. Herr Henderson ging ihm entgegen und sagte vorstellend:

„Sanitätsrat Rangower, unser Polizeiarzt.“

Ein kleiner, nicht sehr adrett gekleideter Herr von fünfzig Jahren mit buschigem Schnauzbart, der einen schwarzumrandeten Kneifer vor die Augen drückte, sofort die grüne Decke wegzog und, neben dem Toten in die Knie gehend, den Körper und das Gesicht musterte.

Er fühlte flüchtig den Puls, behorchte die Herzgegend und sagte mit heftiger Stimme:

„Herzschlag ... gar kein Zweifel“, er lauschte nochmals an der Brust, „sogenannter Betriebsunfall ...! Is mausetot, der Mann!“

Herr Henderson schüttelte ungläubig den Kopf.

„Aber wieso ...? Wie soll er denn — hier ’n Herzschlag gekriegt haben?!“ Doktor Rangower sprühte ordentlich vor Sarkasmus: „Das is ganz einfach! Arbeiterrisiko bei der Nachtschicht, Herr Oberregierungsrat!“

Henderson schien ärgerlich, aber er überwand seine Verstimmung und meinte nun seinerseits ironisch:

„Natürlich! Wer so befreundet ist mit dem Herrn Tod wie Sie, Doktor, der muß ja alle Scheu vor ihm verlieren!“

Der Sanitätsrat Rangower stand auf und drehte sich um:

„Danke bestens! Übrigens kann ich hier weiter nichts tun ... kommt ja später zur Obduktion, der Knabe, habe heute auch noch zu viel anderes vor!“

Und er ging, ohne sich um irgend jemand zu kümmern, durch den Kreis der Herren und verschwand auf der Tresortreppe.

Der Oberregierungsrat lächelte und wollte den Sanitätsrat, der im übrigen ein ganz vorzüglicher Arzt wäre, entschuldigen. Doch Konsul Lindström sah mit zerstreutem Blick an den Anwesenden vorbei:

„Mich entschuldigen Sie wohl auch für eine Weile, lieber Henderson ... ich muß mich erst wieder ein bißchen zusammenfinden. Außerdem warten meine Herren oben auf mich mit der Post ...“

Und er ging langsam die Treppe hinauf nach den Bankräumen.

Dort stand er noch und sprach ein paar Worte mit dem Vorsteher der Wechselkasse, als die Eingangstür förmlich aufgerissen wurde und ein großer, gebückt gehender Herr unsicheren Schrittes schnell hereinkam. Der Mann war leichenblaß, und als er eben den Hut abnahm, sah man das dichte weiße Haar, das unordentlich um den Kopf hing. Sein Winterpaletot stand offen, in der Eile und Aufregung hatte er sogar vergessen, die Krawatte zu binden, deren beide Enden herabhingen.

Konsul Lindström trat ihm entgegen:

„Aber lieber Herr Reese! Um Gottes willen, was ist denn mit Ihnen?!“

Der Hauptkassierer konnte nicht sprechen. Der Konsul nahm ihn unter den Arm und begleitete ihn die breite Treppe hinauf, die in die obere Etage der Bank führte.

„Ich kann es ja verstehen, lieber Freund, daß Sie sich darüber aufregen, aber schließlich trifft Sie doch keine Schuld. Es ist natürlich ein Unglück für die Bank und für jeden von uns ... das obendrein noch ein Menschenleben gekostet hat ...“

Nichts weiter als ein trockenes Schluchzen kam aus der Kehle des Hauptkassierers.

„So beruhigen Sie sich doch nur ...! Wollen Sie vielleicht wieder nach Hause fahren, lieber Reese? Wir kommen auch so aus ... außerdem habe ich schon an Ostermann telegrafiert, der seinen Urlaub natürlich unterbrechen muß ... Ich erwarte ihn heute noch.“

Der Hauptkassierer sah seinen Chef aus verstörten Augen an:

„Anderthalb Millionen Mark ... anderthalb Millionen ... und die Schlüssel ... die Schlüssel ...“

Er machte sich vom Arm des Generaldirektors los und lief fahrig mit seiner langen mageren Gestalt den Korridor hinab, der nur gedämpftes Licht aus den Deckenlampen erhielt.

Der Konsul war stehen geblieben und wartete auf den Lehrling Winter, der beflissen näher trat:

„Herr Reese hat sich furchtbar aufgeregt, als er es hörte. Ich dachte schon, er würde ohnmächtig werden Fräulein Gertrud kommt auch gleich.“

Der Konsul nickte:

„Es ist gut, Winter, gehen Sie man an Ihre Arbeit.“

Der junge Mensch verneigte sich in dem Gefühl seiner Wichtigkeit. Nachher, während der Frühstückspause, da würde er den Kollegen, die sonst immer auf ihn herabsahen, als wenn er gar nichts wäre, mal was erzählen!

Indem kam Gertrud Reese. Sie war ein Mensch, auf den man sich verlassen konnte. Hermann Reeses Tochter war schon ein paar Jahre in der Bank tätig und jetzt Privatsekretärin des Generaldirektors. Der Konsul kannte sie von Kind auf, er nannte sie heute noch „du“ und „Trudchen“, so daß sie von jedem in der Bank „Fräulein Gertrud“ gerufen wurde.

„Papa ist schon oben?“ fragte sie. „Ach, Herr Konsul, er hat sich entsetzlich aufgeregt, als der Winter kam. Und war schon so fruchtbar niedergedrückt ... Willis wegen ...“

Der Konsul sah sie fragend an, sagte aber nichts. Sie gingen nebeneinander den breiten Korridor hinauf. Der Plüschläufer dämpfte das Geräusch ihrer Schritte, und dem Konsul war, als ob dieser matt erhellte Gang sich in schattenhafte Angst und Unsicherheit verlor.

Rudolf Lindström konnte nicht weitergehen. Ganz unmöglich, daß er jetzt mit diesem zerbrochenen Menschen, dem Reese, über das Verbrechen sprach. In dieser Stunde war er nicht wie sonst imstande, Mitgefühl für andere aufzubringen. Er suchte selbst nach einer Seele, die ihm helfen und ihn stützen konnte. Er sah Gertrud mit einem langen Blick an und wandte sich rückwärts:

„Ich muß noch einmal nach unten ... geh du zu deinem Papa und sieh, daß du ihn ein bißchen beruhigst.“

Das Mädchen bewegte die vollen Lippen, als wollte sie etwas erwidern, aber dann nickte sie nur und ging weiter den Gang entlang.

4

Kommissar Starkmann war mit Wachtmeister Vogel und Assistent Nebeltau um die Ecke nach dem Harlemer Platz gegangen. Sie wollten durch den zweiten Eingang des Hauses über den Hof in den Heizkeller. So blieben Herr Henderson und Doktor Splittericht allein im Tresorraum.

Sie hatten auf zwei Hockern Platz genommen, und der Chef der Kriminalpolizei steckte sich noch eine von den schweren Zigarren an, die er entgegen dem Rat seines Arztes vornehmlich dann gern rauchte, wenn eine besonders schwierige Aufgabe seinen Geist beschäftigte.

Doktor Splittericht war der Vertraute des ungemein rechtlichen und tüchtigen Henderson gewesen, solange er im Kriminaldienst stand. Als es ihm mit den Jahren immer schwerer wurde, sich in den Beamten-Rangstaat einzuordnen, litt es ihn nicht länger bei der Behörde. Sein Ruf war auch in Privatkreisen so groß, daß er als Detektiv das Zehnfache seines Beamtengehaltes verdiente. Dabei zog ihn die Kriminalpolizei noch jetzt bei besonderen Gelegenheiten gern zu Rate.

Die Herren saßen eine Weile schweigend beieinander. Zarte blaue Wolken zogen von der großen Zigarre des Oberregierungsrates durch den Raum, bis Splittericht auf einmal sagte:

„Wenn ich nur wüßte, wieso der Zalewski ’n Herzschlag gekriegt hat ...“

„Wird ’n Herzfehler gehabt haben, lieber Doktor!“

Splittericht nickte:

„Ganz recht, Herr Oberregierungsrat ... möglich ist das schon ... aber so herzleidende Leute wenden sich selten einem so anstrengenden Beruf zu ... haben auch meist gar nicht die Energie, die dazu nötig ist ... Ich kann mir nicht helfen, Herr Oberregierungsrat, an der Sache stimmt etwas nicht ...“

Kommissar Starkmann kam ohne seine beiden Helfer wieder herunter in den Tresor.

„Was sagen Sie dazu, Herr Starkmann ... ich meine, zu dem Herzschlag des Zalewski?“

Starkmann zuckte die Achseln:

„Was soll man da sagen! Der andere hat ihm vielleicht ’ne Pille gegeben, hat ihn beerben wollen, konnte die anderthalb Millionen alleine gebrauchen!“

Splittericht schüttelte den Kopf:

„Ausgeschlossen. Sie kennen doch unsere schweren Jungen ebenso gut wie ich selbst, Herr Kollege. Aber Sie denken vielleicht nicht so an das psychologische Moment bei der Tat. Wenn so ein Mensch an seine doch unerhört schwierige Aufgabe herangeht, dann erfüllt ihn das ganz und gar! Daß er dabei auch noch einen so raffiniert ausgeklügelten Mordplan wälzen soll — nein!

Übrigens hätte Doktor Rangower das ohne weiteres festgestellt ... müßte auch ein ganz besonders tückischer Geselle sein, der Täter! Nein, hier liegt irgendeine Kombination vor, die, das will ich offen gestehen, mir vorläufig selber ganz rätselhaft ist.“

Der Doktor-Kommissar stand auf und ging nachdenklich beobachtend durch den engen Raum. Er kam dabei an einem kleinen Tisch vorbei, der neben dem Geldschrank stand. Auf der polierten Platte befand sich ein handgroßer Wasserfleck ... Wie kam er dahin?

Splittericht ging zu den beiden Herren zurück. Er sagte kein Wort.

Herr Henderson blickte fragend zu Kommissar Starkmann hin, der in seiner unbekümmerten Weise mit einem halben Lachen erwiderte:

„Na, ich habe jedenfalls meine beiden Helfer zu der ‚schwarzen Alma‘ geschickt. Die hat die alte Zachowsche Kaschemme in der Boyenstraße, und da werden wir vielleicht Husaren-Albert finden. Das war der beste Freund von Zalewski. Das heißt, sie haben sich mal um ein Mädel gegenseitig halbtot geschlagen. Wer weiß, ob das Husaren-Albert dem da“ — er deutete mit der Stiefelspitze auf den bedeckten Leichnam — „nicht noch nachträglich hat eintränken wollen.“

Doktor Splittericht war sichtlich anderer Meinung.

Starkmann meinte rasch und nicht allzu höflich:

„Na, eine Erklärung haben Sie doch auch nicht, Herr Doktor?“

„Nein, aber ich werde sie finden, Herr Kollege ... Sie verzeihen, Herr Oberregierungsrat, ich will mir nur einmal die oberen Räume ansehen.“

5

In der Liguster-Allee in Westend, nahe dem großen Rondell, das mit seinem Alpenrosenschmuck und den gewaltigen Fliederhecken im Frühsommer das Entzücken der ganzen Gegend ist, lag die Villa des Konsuls. Heute war in dieser so stillen Gegend ein emsiges Kommen und Gehen. Lieferanten aller Art brachten Blumen und Eßwaren für die Verlobungsfeier der einzigen Tochter.

Marion Lindström stand im Erker ihres kleinen Musiksalons und blickte auf die winterliche Straße hinaus.

„Gnädiges Fräulein ...“

Marion sah sich rasch um:

„Ja, Annette, was ist denn?“

Eine Zofe, ungewöhnlich hübsch mit ihren dunklen Locken und Augen, war eingetreten.

„Ach, Fräulein Marion“, die Zofe sah sich besorgt um, obwohl niemand im Zimmer war, und sagte ganz leise:

„Ich habe wieder einen ... einen Brief ...“

In das schöne, helle Oval der Blonden kam ein Ausdruck, als erstarrte sie zu Eis:

„Ich will ihn nicht ...! Ich nehme keinen Brief mehr an!“

„Was soll ich denn aber damit machen, gnädiges Fräulein?!“

„Zerreißen! Verbrennen!“ kam es zwischen den weißen Zähnen hervor. „Ich will das nicht mehr! Ich kann nicht!“

„Aber, Fräulein Marion ...!“

„Nein! Geh weg ...! Scher dich ...!“

Annette wollte ängstlich geduckt aus dem Zimmer. Da war Marion an ihrer Seite und streichelte der um einen Kopf Kleineren das dunkle Gelock:

„Du kannst ja nichts dafür, Mädchen ...! Gib mir den Brief ...! Gib her ...!“

Sie nahm den Umschlag aus bläulichem Überseepapier:

„Auch wieder per Post ... natürlich ...! So ein Schuft! Immer auf Schleichwegen ... hinten herum. Also geh, Annette ... und ...!“ Die Bankierstochter drückte den Finger an die Lippen.

„Du wirst nicht mehr viel solche Briefe bringen .. einmal versieht er’s doch, der ...“

Sie riß den Umschlag auf, und lesend winkte sie der Zofe zu gehen.

Marion stand noch am Fenster und sah hinaus. Vor ihrem inneren Auge kamen drüben Stefan von Wieland und ihr Vater die Straße herauf. Die beiden gingen Arm in Arm, plaudernd und lachend ... Sie sah sie beide so deutlich, den geliebten Papa und ihren Stefan ... Stefan war nicht so sehr viel jünger als der Vater; der Konsul hatte schon die Fünfzig überschritten, aber er sah aus, als wenn er in der Mitte der Dreißiger stünde. Stark, gefestigt und durch und durch gesund war er mit seiner breitbrüstigen, gerade gewachsenen Gestalt. Und stark und fest waren auch die Züge von Stefans durchgeistigtem Angesicht.

Und ihn, den Mann, an dem ihr ganzes Herz hing, sollte sie aufgeben, ihren Stefan nicht mehr sehen, seine liebe warme Stimme nicht mehr hören ...! Vielleicht nie mehr an seiner Seite gehen, wenn der Frühling kam, wenn es wieder grün wurde und die Vögel in den Büschen sangen ... Was war dann ihr Leben noch? Wofür sollte sie dasein, welchen Sinn sollte ihr Leben noch haben, wenn sie ihm nicht mehr gehörte ...?! Ach, das, was sie für Stefan empfand, das war nicht nur Liebe, das war viel, viel mehr! Ein schrankenloses Vertrauen, ein Fest-an-ihn-Gebundensein für alle Zeiten ... Und doch wollte sie ihn verlassen? — Nein, sie wollte nicht ..! Niemals ..! Weshalb denn ...? Weswegen? Hatte sie sich denn etwas vorzuwerfen —? Einmal in ihrem Leben war sie leichtherzig gewesen, und das viel mehr aus Interesse und Mitgefühl mit dem Menschen, der ihr wertvoll schien, als aus irgendeinem anderen Grunde ... Sturm der Sinne? Ach, nichts davon!

Sie hatte den Mann, der damals in ihr kaum achtzehnjähriges Leben trat, ja noch gar nicht kennengelernt! Hatte ihn für einen feinen Menschen gehalten, dem sie helfen sollte. Dann, nach jenem Tage, an dem er plötzlich alle Hüllen abwarf von seiner grenzenlosen Schlechtigkeit, als tödlicher Abscheu gegen ihn in ihr aufwuchs, da war es zu spät. Seitdem hatte er sie in der Hand und ließ sie nicht wieder los..

„Wenn du mir auch deinen Körper nicht gibst, deine Seele habe ich, und die halte ich fest! Die lasse ich nicht wieder!“ hatte er einmal gesagt. Und er hatte Wort gehalten. Mit der Zeit aber war die Kraft, sich gegen ihn zu wehren, immer mehr von ihr gewichen.

Als sie Stefan kennenlernte, hatte sie geglaubt, jetzt würden seine Liebe und die ihre stark genug sein, diese Sklavenkette zu sprengen. Aber auch das war nur ein schlimmer Irrtum gewesen. Ganz das Gegenteil war eingetreten. Dieser Erbärmliche hatte mit ihrer Liebe zu Stefan eine neue Zange, mit der er sie festhielt und peinigte.

Aber heute, wo aus der freien Wahl ihrer Liebe zu Stefan ein Verlöbnis, ein Verspruch fürs Leben werden sollte — heute mußte sie sich wehren ...! Sie mußte alle ihre Kraft zusammennehmen und die Kette zerreißen, an der der erbärmliche Mensch sie festhielt ... Wie sie das anfangen sollte, wußte sie noch nicht ... Sie fühlte nur die Unmöglichkeit, ihren Liebsten weiter zu belügen, als Braut und bald als seine Frau an seiner Seite zu leben, immer gepeinigt von der abscheulichen Furcht, daß Stefan eines Tages alles erführe.

Aber sie fand nicht die Kraft, dem Liebsten ihr Herz zu öffnen. Sie fürchtete, Stefan in dem Augenblick zu verlieren, in dem sie offen zu ihm redete. Denn er war ein seltsamer Mensch. Er hatte oft genug gesagt, daß er ihr schrankenlos und bis zum Letzten vertraue, aber daß er eine Täuschung von ihr auch nicht ertragen könne ... konnte sie ihm trotzdem die Wahrheit eröffnen?

Marion drehte sich um und sah ins Zimmer. Sie hatte in ihrem Rücken ein Räuspern gehört; die Zofe war wieder da und meldete, daß ein paar Lieferanten Fräulein Marion durchaus selbst sprechen wollten.

„Ja, Annette, ich komme!“

Das klang froh und zuversichtlich. Marion ging hinüber in den hohen Festsaal. Sie traf mit einigen Geschäftsleuten notwendige Dispositionen, half bei der Aufstellung der Blumen, ordnete an und sah überall nach dem Rechten. Schließlich war sie ganz eifrig dabei, und am Ende kam’s ihr vor, als müsse sie mit dem Mut und der Kraft ihrer Jugend das Schicksal meistern, als könne keine Niedertracht ihrer Liebe etwas anhaben.

6

In dem Privatbüro des Konsuls, einem großen, viereckigen Raum, der ganz in dunkler Eiche getäfelt und möbliert war, lag die Dämmerung des Winternachmittags, gleich jener grauen Angst und Sorge, die des reichen Mannes Herz umklammert hielten.

Der Konsul hatte in tiefem Nachdenken hinter dem Ebenholzschreibtisch gesessen. Jetzt ging er dem Doktor Splittericht entgegen, wobei er die starken Deckenlichter einschaltete.

„Ich habe Sie zu mir gebeten, Herr Doktor, weil ich das größte Vertrauen zu Ihnen habe ...“

Splittericht wollte etwas erwidern, aber der Konsul hob leicht die Hand ...

„Das ist keine Floskel! Ich kenne Sie aus Ihren Arbeiten, und ich weiß, daß Sie, was ich für unendlich schwer halte, bei all der ernsten Unnachgiebigkeit, die Ihr Beruf nun einmal erfordert, daß Sie dabei immer menschlich fühlen und Mensch bleiben. Das führt mich zu Ihnen, Herr Doktor, das gibt mir den Mut und das Vertrauen, mich an Sie in einer schlimmen Angelegenheit zu wenden ... Vielleicht hätte ich das heute noch gar nicht getan, obgleich ...“, der Konsul zögerte, „obgleich gerade heute etwas eingetreten ist, was ich, ich will nicht sagen, erwartet, nein, vor dem ich mich schon lange geängstigt habe.

Und da ist nun heute diese schreckliche Diebstahlgeschichte noch dazugekommen. Der tote Mensch da unten im Tresor ... das war ein Anblick ... ich kann Ihnen nicht sagen, Herr Doktor, wie mich das erschüttert hat ...“

Der Konsul bot aus einem getriebenen Silberkasten, der auf der schwarzen Ebenholzplatte stand, dem Detektiv eine Zigarre an.

„Sie rauchen nicht, Herr Doktor ...? Ich leider desto mehr ... Wir Geldmenschen müssen ewig hetzen und jagen ... ganz ohne Stimulans halten da die Nerven nicht durch.“

Er zündete die Zigarre an dem elektrischen Apparat an und tat ein paar lange Züge.

„Ich möchte Sie vorerst einmal fragen, Herr Doktor, ob Sie inzwischen etwas herausbekommen haben, was irgendwie Licht in die Angelegenheit bringen kann?“

Doktor Splittericht antwortete nicht gleich Es wurde ihm schwer, diesem sowieso gequälten Manne noch mehr und besonders das zuzumuten, was er selbst auf dem Herzen hatte.

„Herr Konsul, ich muß und will Ihnen das Ergebnis meiner Untersuchungen gleich zu Anfang sagen. Ich glaube, wenn jemandem etwas für ihn schwer, sehr schwer zu Ertragendes gesagt werden muß, dann soll man ihm diesen bitteren Trank sofort, mit einem Male, nicht tropfenweise, geben.“

Der Konsul richtete sich in seinem Sessel hoch empor, als wollte er dem Stoß, der ihn treffen sollte, die Brust zur Abwehr bieten:

„Ich bitte Sie, Herr Doktor, ohne jede Rücksicht auf mich oder irgendwelche andere Personen die volle Wahrheit zu sagen oder wenigstens das, was Sie dafür halten.“

Splittericht nickte und sprach klar und mit langsamer Betonung:

„Der Einbrecher, den wir unten im Tresor gefunden haben, ist nicht am Herzschlag gestorben. Er ist das Opfer eines Komplicen ... der hat ihn vergiftet ..“

Herr Lindström blickte überrascht auf:

„Wieso ...? Woher wissen Sie das, Herr Doktor?“

Der Detektiv antwortete nicht, er fuhr fort:

„Und der den Zalewski vergiftet hat, der ist zweifellos ein Mitglied Ihrer Bank, Herr Konsul!!“

Das hatte Konsul Lindström nicht erwartet.

Er nahm sich sehr zusammen, aber er konnte das Zittern seiner Lippen und das nervöse Spiel der Hände nicht verbergen. Seine Stimme klang mühsam, als er fragte:

„Und darf ich Sie bitten ...“

Der Doktor-Kommissar nickte:

„Jetzt, da Sie das Wichtigste wissen, Herr Konsul, möchte ich Ihnen der Reihe nach erzählen, was ich bei meinen Untersuchungen festgestellt habe.

Es fiel mir vor allen Dingen das auf, was wir Kriminalisten, dem Rotwelsch der Verbrecher folgend, die ‚Annonce‘ nennen. Die ‚Annonce‘ ist das Auskundschaften der Gelegenheit zum Diebstahl, die genaue Beobachtung von Zeit, Ort und Menschen und insbesondere der Plan der internen Örtlichkeit, wo der Einbruch verübt werden soll.

Das war in unserem Falle von besonderer Wichtigkeit. Von außen sieht ein Haus wie das andere aus, das Gebäude Ihrer Bank unterscheidet sich nicht wesentlich von den Nachbarhäusern. Aber es hat zwei Eingänge von verschiedenen Straßenseiten. Der eine Eingang liegt auf der Seite, die gleichzeitig den Publikums-Eingang Ihrer Bank enthält Der andere Eingang geht von der Straße am Harlemer Platz in Ihr Haus hinein.“

Der Konsul nickte.

„Und zwar“, fuhr Splittericht fort, „führt dieser zweite Eingang über einen kleinen Hof zur Hintertreppe. Diese führt hinauf zu den Wohnungen. Die Bank hat zu ihr einen zweiten Ausgang in der ersten Etage. Wesentlich ist die Treppe für unsern Fall, weil sie auch hinabführt in den Heizkeller, den die Einbrecher als Operationsbasis benutzt haben. Von dort haben sie die Hauswand durchstemmt, so daß sie in der Flinsburger Straße unter dem Trottoir herauskamen. Dann haben sie einen vier Meter langen Gang unter dem Straßenniveau gegraben und sind nun in der Flinsburger Straße abermals durch die Hauswand gedrungen, und zwar ausgerechnet da, wo der wenig mehr als mannsbreite Luftschacht sich befindet, der durch eine Luftklappe Ihren Tresor ventiliert.

Wie konnten die Einbrecher diesen von außen in keiner Weise erkennbaren und so kleinen Luftschacht herausfinden? Ich habe mich genau erkundigt, irgendeinen Grundriß der inneren Baulichkeiten gibt es nicht. Das Haus ist etwa zwanzig Jahre alt, die Wohnungen in den oberen Stockwerken werden selten oder nie gewechselt, Ihre Bank hat das Erdgeschoß und den ersten Stock inne, den zweiten Stock ein großes Möbelhaus. Diese beiden Parteien wohnen hier schon seit zwölf Jahren. Und ferner: wie und woher wußten die Einbrecher, daß dieser Luftschacht in den Tresor hineinführt? Man könnte glauben, der eine oder der andere von ihnen, elegant, wie sie stets gekleidet gehen, hätte sich im Bankhaus Lindström zu tun gemacht, hätte vielleicht sogar unter angenommenem Namen einen Safe bei Ihnen gemietet und hätte so die Stelle des Lufteinlasses herausgebracht ... Aber nein, auch das ist unmöglich. Seit Jahren schon steht vor dieser Luftklappe im Tresor ein Ständer, an dem eine Schifffahrtskarte der Cunard-Line aufgehängt ist. Allein können die Diebe vorher nicht im Tresor gewesen sein ... Es ist doch immer ein Bankangestellter dabei, wenn ein Kunde an seinen Safe will?“

Der Konsul nickte mehrmals. Seine Lippen waren fest zusammengebissen, man sah, daß er in seinem Inneren schwere und furchtbare Gedanken wälzte. Aber er sprach vorläufig kein Wort.

„Es muß also, verehrter Herr Konsul, schon aus diesem Grunde ein mit den Örtlichkeiten ganz eng vertrauter Mensch dagewesen sein, der den Einbrechern die ‚Annonce‘ brachte. Aber ich gebe zu, die bis jetzt angeführten Gründe brauchen Sie, Herr Konsul, nicht zu überzeugen. Und ich würde Ihnen nicht so etwas, das tief in Ihr menschliches Vertrauen einschneidet, gesagt haben, wenn ich nicht ganz andere und unwiderlegbare Beweise für meine Behauptung hätte:

Ich sprach gestern — ich weiß nicht, ob Sie, Herr Konsul, zugegen waren? — schon mit Herrn Oberregierungsrat Henderson darüber:

Der ‚Herzschlag‘ des Zalewski erschien mir vom ersten Augenblick an merkwürdig ... Nachher fand ich auf dem kleinen polierten Tisch unten im Tresor einen großen Wasserfleck ... Wie kam der dahin? ... Wo doch keine Wasserflasche, kein Glas im Tresor zu finden war ... Ich habe mich dann oben im Kundenraum ein bißchen umgesehen, und da bemerkte ich eine Wasserflasche mit zwei Gläsern auf einem gelben Tablett.“

Herr Lindström lauschte gespannt.

„Und in dieser Karaffe war noch ein kleiner Rest Wasser. Den habe ich heute morgen von dem Gerechtschemiker Doktor Westkorn untersuchen lassen.“

„Na, und das Resultat, Herr Doktor?“

„Das Wasser war mit einem starken Betäubungsmittel versetzt ... mit Skopolamin.“

Der Doktor Splittericht hatte die letzten Worte langsam und mit Nachdruck gesprochen.

Der Konsul wollte etwas fragen, aber er blieb auch jetzt schweigsam und sah den Detektiv nur mit weit geöffneten Augen an.

Splittericht fuhr fort:

„Ich habe nun noch einmal mit Doktor Rangower gesprochen und ihm die Analyse des vergifteten Wassers gezeigt. Er war sofort im Bilde Es sei noch ein dritter Täter im Spiel gewesen, meinte er, und dieser Dritte hätte den Zalewski betäubt. Zalewski hatte wahrscheinlich einen angeborenen Herzfehler. Für solche Leute sind Narkotika doppeltes Gift, besonders wenn man sie ihnen im Zeitpunkt großer Anstrengung beibringt.“

„Und so, meint Doktor Rangower, ist Zalewski umgebracht worden?“

Splittericht nickte:

„Ja, und das gelbe Tablett — ich habe es inzwischen sichergestellt, ebenso wie die Gläser und die Flasche — dieses Tablett befand sich während des Einbruchs im Tresorraum ... es ist eigens zu dem Zweck der Vergiftung vor dem Einbruch in den Tresor hineingebracht, und nachdem es seinen Zweck erfüllt hatte, als der Einbrecher Anton Zalewski tot am Boden lag, ist es wieder von derselben Person aus dem Tresor hinausgetragen und an seinen alten Platz gestellt worden.“

Dem Konsul wurde während des Gesprächs der Mund trocken. Er hielt den langen graumelierten Spitzbart mit der Rechten fest umspannt und leckte nervös die Lippen. Sehr blaß sagte er tief atmend:

„Schauerlich ist das ... ganz furchtbar!“

Der Detektiv machte, selbst erschüttert, eine Pause. Dann fuhr er fort:

„Und außerdem: an dem zur Vergiftung gebrauchten Glase, das der Mörder wohlweislich ausgespült, gereinigt und abgetrocknet hat, fand ich noch eine andere Spur seiner Tötigkeit. Er hat nämlich dabei Handschuhe angehabt, wie das heute bei einem Einbrecher von Klasse selbstverständlich ist. Er wußte zwar, daß die Papillarlinien der menschlichen Hand sich am Glas abdrücken und eine für den Eingeweihten leserliche Schrift bilden. Was er aber nicht gewußt hat, das ist die ebenso unumstößliche Tatsache, daß ein mehrfach getragener Handschuh besonders an den Fingerkappen Linien aufweist, die ebenso wie die Papillaren zur Rekognoszierung dienen können.“

„Und diese doch wohl für das bloße Auge kaum wahrnehmbaren Spuren, die haben Sie auch festgestellt, Herr Doktor?“

„Ja. Ich habe sie sofort mit Argentol, einem Silberpräparat, bestreut und fixiert, sie dann fotografiert und diese Abdrücke nach einem sehr interessanten Verfahren zwischen feinen Zelluloidblättchen konserviert. Wenn es uns gelingt, den Mann zu finden, und er nicht etwa die Handschuhe fortgeworfen hat (woran ich nach meinen früheren Erfahrungen nicht glaube), werden wir ihn durch diese Abdrücke und Fotos überführen.“

Der Konsul atmete hörbar.

„Und Sie meinen, Herr Doktor“, fragte er und konnte nur schwer und mit Pausen, so aufgeregt war er, sprechen, „Sie meinen, daß der Mensch einer von meinen Angestellten ist?“

Splittericht nickte mehrmals.

„Jawohl, Herr Konsul. Das ist für mich eine unverrückbare Tatsache: Der zweite oder wahrscheinlich der dritte Mann war jemand, der in Ihrem Büro schon längere Zeit tätig ist.“

„Ich habe hundertsechsunddreißig Angestellte“, sagte der Konsul eintönig, „hundertsechsundzwanzig sind davon dauernd in der Bank, zehn sind Vertreter und Außenangestellte. Aber sie können ebensogut wie die anderen sich jederzeit im Büro aufhalten —“

„— und kommen ebensogut wie die übrigen für das Verbrechen in Frage“, vollendete der Doktor-Kommissar.

„Wo soll man da ansetzen?“ fragte der Chef des Bankhauses mutlos. Er schwieg eine Weile und fuhr dann mit umflorter Stimme fort:

„Das alles ist schrecklich, lieber Herr Doktor, und doch erregt es mich weniger und wühlt mich innerlich nicht so auf wie das, was ich Ihnen mitzuteilen habe. Wollen Sie mich, bitte, anhören?“

Doktor Splittericht neigte den Kopf und vermied es, seinem Gegenüber ins Gesicht zu sehen, denn Konsul Lindström kämpfte mit den Tränen.

7

Hundert weiße Milchglaskugeln, die von der Decke der großen Halle in der Villa Lindström herniederhingen, beleuchteten eine Gesellschaft, die sich aus den Spitzen der Behörden, der Industrie, aus Gelehrten und Künstlern, lauter prominenten Persönlichkeiten, zusammensetzte.

Man saß bei Sekt und Nachtisch an der hufeisenförmigen Tafel am oberen Ende des Festraumes, und die Kapelle, hinter Rosen und Lorbeer versteckt, spielte zum Tanz auf.

„Wirklich, es ist ein ästhetischer Anblick“, sagte Oberregierungsrat Henderson zu der Baronin Korf, die gleich ihm das Zusehen beim Tanzen höher schätzte als das Tanzen selbst.

„Aber was ist mit unserem Wirt?“ fragte die Dame dagegen, „ich habe Konsul Lindström noch nie in einer so gedrückten Stimmung gesehen.“

„Wundern Sie sich darüber, gnädige Frau? .... Ich glaube, wenn mir anderthalb Millionen gestohlen würden, würde ich ganz anders lamentieren.“

„Also ist es wirklich wahr, Herr Oberregierungsrat ... anderthalb Millionen? Ich habe gedacht, die Fama macht da auch wieder aus der Mücke einen Elefanten.“

„Nein, da ist nichts übertrieben. Wir, meine Leute und ich, sind ja mit der Sache so eng befaßt, daß wir es schon wissen müssen.“

„Ich bin wahnsinnig neugierig, Herr Oberregierungsrat! Haben Sie denn überhaupt einen Verdacht auf irgend jemanden?“

„Bis jetzt nicht, leider! Wir wissen eigentlich noch so gut wie gar nichts. Und ich sitze hier wie auf Kohlen, gnädige Frau. Ich erwarte jeden Augenblick den Anruf eines meiner Herren, der heute abend mit einem ganzen Heer von Beamten auf Streife ist, um den zweiten Täter zu fassen.“

„Den ersten, den haben Sie tot aufgefunden, nicht wahr?... Das habe ich in der Mittagszeitung gelesen ... um Gottes willen, wie schrecklich ist das! In was für einer wilden Zeit wir doch leben! Ein Mord gilt heute kaum noch so viel wie früher ein einfacher Diebstahl.“

Herr Henderson nickte:

„Ja, das merken wir am besten. Die Kriminalpolizei ist mit Arbeit überlastet, und dann beschimpft man uns noch obendrein, wir bekämen nichts raus!“

Henderson nahm den Pommery aus dem Kühler, um seiner Partnerin die Sektschale zu füllen. Da sprang, freilich ein wenig zu spät, ein Lohndiener heran, der dem Oberregierungsrat die Flasche abnahm und sie wieder in den Kübel stellte Henderson richtete seinen Blick auf den Mann, der, in schwarzem Frack, nur an der silbernen Raupe auf der Schulter als Bedienter kenntlich war.

„Ah, aha!“ Herr Henderson wollte etwas sagen, verschluckte es aber. Nur ein leises Lächeln spielte um die grauen Borsten auf seiner Oberlippe. Das war doch? ... Ja ... ganz sicher! ... Das war er!

Doktor Splittericht, der nach Übereinkunft mit dem Hausherrn heute hier die Rolle des Lohndieners spielte, sah den Oberregierungsrat mit großen Augen an. Sie verstanden sich. Dann eilte der Pseudo-Lohn-diener nach dem Tanzparkett hinüber und reichte da Erfrischungen herum.

Jemandem, der zu beobachten verstand, wäre es nicht verborgen geblieben, daß der Detektiv sich immer in der Nähe der blonden Tochter des Hauses aufhielt.

Die Tanzmusik hörte nun auf zu spielen, und mit einem mächtigen Akkord einsetzend, intonierte die Tafelkapelle den Hochzeitsmarsch aus „Lohengrin“. Alle Gäste wußten, wem zu Ehren man heute hier feierte, und von allen Seiten liefen sie nun zusammen, reckten die Hälse und warteten auf den Hausherrn, der vor den Lorbeerbüschen auf eine kleine Estrade trat und die Verlobung seiner Tochter mit dem Komponisten Stefan von Wieland bekanntgab.

Wieland, als Musiker bekannt und geschätzt, war vor kurzem zur musikalischen Leitung der Staatsoper berufen worden. Er hatte eine große Anzahl von Verehrern und Freunden, und wohl keiner war in der Gesellschaft, der ihm das Glück mißgönnte, als Schwiegersohn des millionenschweren Bankiers eines der schönsten Mädchen der Hauptstadt heimzuführen.

Der Konsul sprach nicht viel, aber jedes seiner Worte kam aus seinem Herzen. Dann trat Wieland mit seiner Braut hinzu, und der Vater räumte ihnen den erhöhten Platz zwischen dem Lorbeer.

Alles drängte herbei, den Verlobten zu gratulieren. Auch Herr Henderson mit seiner Dame war unter den Glückwünschenden.

Aber da geschah schon etwas Störendes:

Ein anständig, aber gar nicht festlich gekleideter Mann trat rasch an Herrn Henderson heran und sagte leise einige Worte zu ihm. Darauf wandte sich der Oberregierungsrat zu der Baronin und verschwand mit einer hastigen Entschuldigung.

Die Musik schwieg nun nicht einen Augenblick. Es wurden Überraschungen hereingebracht ... Riesentiere, wie sie in New York den Festtrubel heute beleben, Elefanten, Nashörner, Riesenschwäne und Alligatoren aus Gummi, die, aufgepustet, die Gäste faszinierten und die Stimmung zu großer Lustigkeit und lautem Gelächter aufpeitschten.

Noch vor Minuten war Marion Lindström im Arm des Bräutigams der Musik gefolgt. Dann hatte er sie einen Augenblick zu ihrem Sessel gebracht, war von einem der Freunde fortgezogen worden und hatte nach einem, wie er meinte, sehr kurzen Gespräch Marion wieder aufgesucht.

Sie war weg. Seine Augen forschten umsonst nach ihr. Eine Freundin Marions, die eben mit ihrem Kavalier vorübertanzte, gab Wieland Bescheid: vor ein paar Minuten sei ein junges Mädchen in hellem Kleid, wohl Marions Zofe, an sie herangetreten und habe ihr etwas gegeben. Was, konnte sie nicht genau sehen, aber wahrscheinlich sei es ein Brief gewesen.

Beunruhigt eilte der Musiker durch die Reihen der Herumstehenden und Tanzenden, achtlos, beinahe schon unhöflich, und suchte Marion.

Er fand sie nicht. Aber die Zofe sah er am Ausgang der Halle eben hinter den Lorbeerbäumen verschwinden. Wieland verdoppelte seine Schritte und holte das Mädchen an der Saaltür ein.

Er war fast atemlos:

„Wo ist meine Braut, Annette?“

Die Zofe war sichtlich bestürzt und unruhig:

„Ich weiß es nicht, Herr ... Herr von Wieland.“

Es klang scharf und heftig, als er erwiderte:

„Sie müssen es wissen, Annette, Sie haben ihr ja eben erst den Brief gebracht!“

Das Mädchen erschrak so, daß ihr das Blut wie eine rote Welle bis unter das dunkle Stirnhaar flog.

„Ja, ja“, sagte sie weinerlich, „ja, Herr von Wieland, aber ...“

„Von wem war der Brief?“

„Ich weiß es nicht ... ich hab’ keine Ahnung.“

„Sie wissen es wohl! Reden Sie, antworten Sie mir augenblicklich!“

Er griff sie hart beim Handgelenk und schüttelte sie. Und sie, schon schluchzend:

„Ich weiß es nicht, ich weiß wirklich nicht, Herr von Wieland!“

„Kommen Sie mit!“

Es zog sie aus der Tür der Halle in den Gang, der in die Zimmerflucht hinüberführte. Die erste Tür links war geschlossen, die zweite stand halb offen, das Zimmer war erhellt.

Er blieb einen Augenblick zweifelnd stehen und sah zu dem Mädchen hin, dessen Arm er nicht losgelassen hatte. Sie verstand seine stumme Frage:

„Ja ... ja, hier ist das Schlafzimmer des gnädigen Fräuleins ...“ Und sie weinte wieder.

„Heulen Sie nicht!“ herrschte er sie an. „Sagen Sie mir die Wahrheit, das ist alles, was ich von Ihnen will! ...“ Er zog sie in das Zimmer hinein..

„Wie oft haben Sie Fräulein Marion schon solche Briefe überbracht? Sagen Sie, was Sie wissen! ...“

Am Ende dieser peinvollen Unterredung wußte der Komponist, daß seine Braut schon seit zwei Jahren solche mit der Schreibmaschine geschriebenen Briefe erhielt, die Marion gleich nach der Lektüre vernichtet hatte.

Von wem diese Briefe stammten, konnte Annette dem Musiker nicht sagen. Er redete, drängte und drohte immer mehr! Er schien wirklich willens, sie sofort auf die Polizei zu schleppen. Er tat es nicht. Aber wenn er es getan hätte, hätte er auch nicht mehr von Annette erfahren. Denn wer der Schreiber dieser Briefe war, wußte sie in der Tat selber nicht. Sie hatte eines Tages einen an ihre Adresse gerichteten Brief erhalten. Wenige Zeilen nur, ohne Unterschrift. Der Absender bat die Zofe, den inliegenden versiegelten Brief heimlich der jungen Herrin zu geben. Den beigeschlossenen Zwanzigmarkschein sollte sie als Trinkgeld behalten

Annette gab den Brief ab Zwanzig Mark kann man immer brauchen, und nebenbei macht es ja Spaß, so eine kleine Heimlichkeit mit seiner Herrschaft zu haben! Dann kam wieder ein Brief und noch einer. Zuletzt fast jede Woche einer. Einmal hatte sie einen solchen Brief, der nicht fest verschlossen war, neugierig geöffnet. Er enthielt zwei Hundertmarkscheine, die sie, vor Angst am ganzen Körper fliegend, an ihrem Busen verbarg. Den Brief, der keine Unterschrift zeigte, hatte sie ebenso wie den Umschlag verbrannt.

Nie hatte Marion nach diesem Brief gefragt. Aber ein paar Tage später kam ein anderer Brief an die Zofe selbst. In ihm teilte der Briefschreiber Annette kurz mit: er habe Kenntnis davon, daß sie den letzten Brief an das gnädige Fräulein nicht abgegeben und die inliegenden zweihundert Mark unterschlagen habe. Ob er sie deswegen bei der Polizei anzeigen und zur Bestrafung bringen sollte, das müsse er sich noch überlegen.

Seitdem lebte Annette in ewiger Angst. Ihre Herrin war freundlich und gut zu ihr wie stets. So wäre sie gewiß nicht gewesen, wenn ihr dieser unheimliche Mensch etwas von den zweihundert Mark gesagt hätte. Aber nun konnte es Annette nicht wagen, so oft sie schon daran gedacht hatte, seine Briefe nicht mehr zu bestellen. Sie war ein willenloses Werkzeug in seinen Händen geworden. Und wenn sie auch viel zu heiter von Natur und zu lebenslustig war, um etwa dauernd den Kopf hängen zu lassen, so gab doch ihr schwacher und leichtherziger Charakter ihr auch keine Möglichkeit, diese Sklavenkette abzuwerfen.

Das war’s, was alle Bemühungen des Komponisten nutzlos machte. Annette hätte so gern gesprochen! Sie hätte diesen Mann, der immer freundlich zu ihr gewesen war, schon längst aufgeklärt in der Hoffnung, damit ihre arme Herrin, deren seelische Leiden ihr nicht verborgen blieben, von ihrem Peiniger zu befreien. Aber die Angst um ihr eigenes Leben, um ihre Sicherheit war größer und ließ sie schweigen.

Der Musiker, vor Aufregung seiner Sinne kaum mächtig, stieß das Mädchen von sich und ging. Er verließ das Haus.

8

In jenem Augenblick, da Marion Lindström den ihr von der Zofe verstohlen dargereichten Brief empfing, stand der Doktor-Kommissar, ein besserer „Lohndiener“ als die meisten der hier versammelten Kollegen, in der nächsten Nähe der schlanken Blondine.

Er ließ sie nicht aus dem Auge. Er sah den Schrecken und die Angst auf ihrem Gesicht, als sie den Umschlag aus blauem Überseepapier empfing. Und er begriff sofort, daß schwarzes Unheil dem Mädchen drohte.

Da dankte er dem Schicksal, daß er hier war und daß sein Beruf und seine Tätigkeit ihm erlaubten, ihr beizustehen.

Mit großer Behutsamkeit folgte er ihr. Sie eilte durch den Ausgang hinter den Lorbeerbüschen ins Haus hinüber. Denn die Halle war ein mächtiger Anbau, der von den Wohnräumen getrennt war.

Da sie in dem langen Korridor verschwand, wußte Splittericht für einen Augenblick nicht, ob er ihr folgen und sie hier belauschen dürfte. Er entschloß sich kurz, blieb zurück und verließ das Haus durch die diesseitige Hallenpforte. Es war ihm im Nu klar geworden, daß Marion Lindström durch den eben empfangenen Brief irgendwohin gerufen wurde. Er war aber auch sogleich entschlossen, ihr zu folgen und das Ziel ihres Ausganges festzustellen. Hier bot sich wahrscheinlich die nicht so leicht wiederkehrende Gelegenheit, das Geheimnis dieses gequälten Frauenherzens zu ergründen.

Er ging hinten herum durch die Anlagen des Gartens, kletterte behend über das Eisengitter und befand sich auf der Straße. Die Leuchtziffer auf seiner Armbanduhr zeigte Mitternacht. Den kleinen, schnellen Wagen, den er selbst fuhr, hatte er auf der gegenüberliegenden Seite unweit der Villa zwischen den Autos geparkt, die dort in langer Reihe auf den Schluß des Festes und die heimkehrenden Gäste warteten.

Es war leicht, hinter diesen Autos sich so zu verstecken, daß er die beiden Eingänge zur Villa, die Hauptanfahrt und das Tor zu den Wirtschaftsräumen überblicken konnte. Und diese Vorsicht war nötig. In der Tat hatte Marion es vorgezogen, den Seitenausgang zu benutzen, zu dem sie einen Schlüssel besaß.

Splittericht, der sich tagsüber in der Umgebung des großen Besitzes orientiert hatte, war froh, daß Marion Lindström nicht etwa den Weg durch die Gartenanlagen hinter der Villa wählte; das war ein Ausgang nach der Parallelstraße.

Er hatte richtig vermutet: das blonde Mädchen eilte schnell über die Straße und schlüpfte in eine Autotaxe. Der Schofför fuhr aus der Reihe, drehte um und gab so dem Doktor-Kommissar, der schon in seinem kleinen Wagen saß, Gelegenheit, unauffällig zu folgen.

Vielleicht wären die Gedanken Marions nicht so schwer und schmerzlich gewesen, vielleicht hätte sie die Bahn ihres jungen Lebens nicht so bedroht gefunden, wenn sie geahnt hätte, welch mutiges Herz ihr zu Hilfe eilen wollte.

Marion hatte nur den Fehpelz über ihr weißes Kleid geworfen und ein seidenes Spitzentuch um den Kopf genommen, als sie fortlief. Die Füße froren ihr in den goldenen Schuhen, aber sie empfand es kaum. Ihr ganzes Wesen war wie ausgelöscht. Als habe eine fürchterliche Faust sie im Genick gepackt, die sie nun ins Verderben riß. Sie konnte nicht mehr weinen. Sie rang nur wieder und wieder die Hände, in denen sie noch den Brief hielt, der ihr befohlen hatte, sofort aufzubrechen von dem glänzenden Fest, auf dem sie sich verlobte, irgendwohin in eine schwarze Wildnis, wo ihr der Untergang drohte.

Mußte sie denn diesem Menschen folgen? Seinem Wort so blindlings gehorchen?

Es war, als risse plötzlich ein Vorhang vor ihrer Seele mitten durch, und in einem kalten, grausamen Licht standen alle die Erlebnisse, die sie seit jenem Junitag vor zwei Jahren bis heute umdroht und geängstigt hatten.

Da war dieser Mensch in ihr Haus gekommen. Er spielte Klavier, sie sang; so musizierten sie zusammen, sie ritten miteinander aus, machten gemeinsame Autotouren, und es war nichts zwischen ihnen als eine freundlich-harmlose Kameradschaft. Eines Tages kam er mit allen Zeichen des Entsetzens zu ihr und bat sie um Hilfe. Marion besaß von Mutters Seite — sie hatte ihre vergötterte Mama verloren, als sie eben konfirmiert worden war — ein recht beträchtliches Vermögen, das ihr der Konsul zur freien Verfügung überließ. Sie konnte nach eigenem Gutdünken über dieses Geld verfügen, das nicht einmal bei dem Bankhaus Lindström angelegt war. Marion war, so weit das ein Mädchen ihrer Herkunft sein konnte, bescheiden. Sie verbrauchte bei weitem nicht die Zinsen ihres Kapitals. Aber sie fürchtete sich auch nicht vor einer größeren Ausgabe. So kam es, daß sie, als jener Mensch um Hilfe bat, mit ruhiger Selbstverständlichkeit ihr Scheckbuch nahm und auf den kleinen Zettel die Zahl zwölftausend schrieb, die er genannt hatte. Da er ihr danken wollte, lachte sie ihn aus und begriff nicht, was der Listige vorhatte, als er sie bat, zu ihrer Güte noch ein besonderes Geschenk hinzuzufügen und ihm die Annahme des Geldes dadurch leicht zu machen, daß sie übermorgen seinen Geburtstag mit ihm feierte. Später erfuhr sie, daß er gar nicht an diesem Tag geboren war. Wie alles bei ihm, war auch das Lug und Trug gewesen.

Marion fuhr mit ihm am übernächsten Tag weit ins Land. Sie verlebte an seiner Seite einen frohen und, wenn ihr das heute auch ganz unmöglich erschien, glücklichen Nachmittag.

In Daxlau, einem kleinen Landstädtchen, speisten sie zu Mittag. Sie tranken Champagner, und Marion, die sonst Wein nicht mochte, ließ sich an diesem Tage ihre Sektschale wiederholt vollschenken.

Nachher wurde sie so seltsam müde. Ihr Begleiter nahm ein Zimmer, daß sie ruhen könne. Sie schlief stundenlang. Als sie erwachte, saß er neben ihr auf dem Bettrand und wollte sie küssen. Sie wies ihn energisch aus dem Zimmer.

„Mach dich doch nicht lächerlich!“ Er nannte sie plötzlich du. „Oder willst du mir einreden, du seist umsonst mit mir herausgefahren?!“

Sie sah ihn sprachlos an. Blickte in zwei böse schillernde Augen.

„Dein Vater? Ha! Dein Vater kann mir gar nichts! Dem werd’ ich schon klarmachen, wer mich so lange angelacht und gelockt hat, bis ich, halb verrückt vor Leidenschaft, mich nicht mehr beherrschen konnte ... Oder willst du etwa leugnen, daß wir nur auf deinen Wunsch hierhergegangen sind?“

Sie verstand ihn erst gar nicht, sie begriff diese abgrundtiefe Schlechtigkeit, seine Verlogenheit nicht. Sie sah ihn nur groß an:

„Auf meinen Wunsch sind wir hierhergegangen?“

„Was denn sonst! ... Wärest du mir etwa gefolgt, wenn du es nicht selbst gewollt hättest?“

All dies widerte sie von Grund auf an; sie empfand, daß er sie durch das „Du“ weit mehr noch als durch seine Lügen beleidigte.

Er grinste sie an:

„Na, sprich doch, rede doch! ... Aber du weißt nichts, du fühlst, daß ich im Recht bin, und hast wenigstens noch so viel Scham, es nicht abzustreiten!“

Sie sah ihn starr an. Diese Demaskierung eines Schurken geschah zu plötzlich. Und Marion wurde sich so schnell nicht klar über das Unrecht, das an ihr begangen worden war.

„Wir wollen fahren ...“, sagte sie nur.

Er wurde unsicher, sagte aber frech:

„Ja, wenn es mir paßt!“

Da nahm sie den seidenen Automantel und Schal vom Riegel, setzte die Sturmkappe auf und ging zur Tür.

Er wollte sich ihr in den Weg stellen, sie schob ihn jedoch mit einer Handbewegung zur Seite. Und nun folgte er ihr, als sie hinunterging, ins Gastzimmer.

Marion bezahlte die Zeche. Die dicke Frau hinter dem Schanktisch wunderte sich über die plötzliche Abfahrt.

Es dämmerte schon. Da glitt das Auto zwischen schweigenden Wäldern und schimmernden Feldern hindurch der großen Stadt zu ...

Zwischen Vater und Tochter herrschte ein unbegrenztes Vertrauen. Der Bankdirektor war vom Charakter seines Kindes zu fest überzeugt, als daß Marions verspätete Heimkehr ihn hätte irgendwie beunruhigen können. Konsul Lindström schlief schon, als der Wagen gegen zehn Uhr vor der Einfahrt zur Garage hielt. Marion stieg aus und ging ins Haus hinein, vorbei an ihrem, sie mit unterwürfiger Höflichkeit grüßenden Begleiter, den sie einfach übersah.

Aber sie sprach auch zu keinem Menschen von den Erlebnissen dieser Nacht.

Der Mann, der sich in solcher Stunde als ein Lump vor ihr entpuppt hatte, kam nach wie vor in ihr Haus. Er besuchte Marion in Gegenwart des Vaters und allein, er beachtete ihre Abwehr nicht. Und als sie ihm mit deutlichen Worten sagte, was sie von ihm dachte, da warnte er sie, ihn ja nicht zu beleidigen oder zu reizen, wenn sie es nicht arg bereuen wolle Dagegen könne sie ihm wieder mit ein paar tausend Mark unter die Arme greifen. Er brauchte Geld, viel Geld!

Von jener Nacht an stand der, dessen Namen sie selbst in stillen Selbstgesprächen nicht aussprechen mochte, einem schwarzen Schatten gleich überall an Marions Wegen. Sie mußte ihm wieder und wieder Geld geben. Er verlangte so viel, daß die Zinsen ihres Vermögens nicht ausreichten, daß sie das Kapital anzugreifen gezwungen war. Aber das war ihr gleich. Sie hätte alles, was sie besaß, mit Freuden geopfert, wenn sie sich dadurch von der Gegenwart dieses Widerwärtigen hätte befreien können.

Sie lernte Stefan von Wieland kennen und geriet nun doppelt in Angst und Nöte. Jetzt war es nicht mehr der Vater allein, waren es nicht mehr nur Freunde und Verwandte, die ihre, ach, so verzeihlichen Fehler verurteilen konnten, nun kam noch die Liebe und die Eifersucht des Mannes hinzu, der ihr blind ergeben und doch so herrisch war, wenn es um seine Leidenschaft für sie ging.

Marion las im Schein des Taxilämpchens den Brief:

„Wage es nicht, meine Befehle zu mißachten! Ich habe dir heut früh geschrieben, daß ich diese Verlobung nicht dulde. Sobald du diese Zeilen erhältst, komme sofort in die Diana-Säle, Frühlingsstraße 58a, auf den Artistenball. Ich erwarte dich dort. Der Brief an deinen Bräutigam liegt fertig zum Absenden. Ich warte bis Mitternacht.“

Marion zerriß den Brief, den sie in Händen hielt, in kleine Stücke. Dann ließ sie das Wagenfenster herab und warf die Schnitzel hinaus. Im nächsten Augenblick erschrak sie furchtbar. Sie hatte den Ort, wohin der Mensch — anders nannte sie ihn bei sich nie — sie hinbestellt hatte, vergessen.

Aber der Schofför, dem sie vorhin Straße und Hausnummer angegeben, hatte die Adresse behalten.

Nicht lange, da hielt das Auto vor einer Fassade, über deren hohem Rundbogen elektrische Buchstaben leuchteten. Marion buchstabierte: Diana-Säle. Dann stand sie auf der Straße. Sie merkte gar nicht, daß vor dem Nebenhause ein anderes, ein Privatauto hielt, dem der Doktor-Kommissar entstieg, um sich sofort im Nachbarhausflur zu verbergen.

Marion ging unschlüssig ein paar Schritte hin und her, dann eilte sie durch die erleuchtete Einfahrt über einen schmutzigen Hof auf die vier hohen, erhellten Fenster zu.

Es war ein großes Tanzlokal, das sie betrat. An der Kasse stand ein feister Mensch in schwarzem Pierrotkostüm. Sein Gesicht war durch rote und schwarze Striche und den breit geschminkten Mund entstellt. Er feixte:

„Meine Dame, es ist ein Maskenball. Haben Sie kein Kostüm? ... Na, schlimmstenfalls können Sie ja ...“, er berührte täppisch ihren Fehmantel, „auch in der Karnickelpelle da rein!“

In diesem Augenblick ging die Saaltür auf und ein Domino trat auf den zugigen Flur an den improvisierten Kassentisch heran, reichte Marion die Hand und sagte:

„Komm nur!“

Dem Pierrot machte er ein Zeichen mit den Augen, die aus seiner schwarzen Samtlarve grünlich leuchteten. Er trug einen weitfaltigen Domino aus gelbem Atlas, und man konnte nichts feststellen als die mittelgroße, geschmeidige Figur eines Menschen, der nicht mehr zu jung, aber auch nicht alt war.

Er zog jetzt eine der seinen gleiche Larve aus der Brusttasche und hing sie, ohne erst viel zu reden, dem Mädchen vors Gesicht. Dann öffnete er die Tür zum Saal und führte Marion hinein.

Es war ein großer Raum, einer jener Tanzsäle in der Vorstadt, an den Wänden und unter der Decke mit Girlanden aus buntem Seidenpapier bespannt, mit Fahnen und Bannern dekoriert und von drei mächtigen Kronleuchtern erhellt. Die Musik spielte oben auf der Empore gerade einen neuen Gassenhauer, dessen blöden Kehrreim die nach mehreren Hunderten zählenden Gäste laut und herausfordernd mitsangen.

Es waren durchweg junge Leute, Männer von zwanzig bis dreißig und Frauen in demselben Alter. Sehr viele hübsche Mädchen, auch erschreckend verlebte Gesichter. Sehr teure und geschmackvolle Maskenkostüme sah man, allerdings weniger bei den Herren, die den Frack bevorzugten und die zum größten Teil ihre Larven schon abgelegt hatten. Die schmalen Augenstreifen baumelten am Knopf der Weste oder lagen auf den Tischen zwischen Bier- und Weingläsern.

Getanzt wurde auf zwei Rondellen, deren eines fest und unverrückbar stand, während das andere sich drehte, und zwar in der dem Tanze entgegengesetzten Richtung. Es war ein Kunststück, sich auf dieser rotierenden Scheibe auf den Füßen zu halten, ein größeres, darauf zu tanzen. Doch die Frauen hier schienen an die Unsicherheit ihrer Lebenslage so gewöhnt, da ihnen diese Bewegung Spaß machte. Auch wurden sie von Männern im Arm gehalten, die sich damit brüsteten, daß sie in noch seltsameren Situationen fest auf den Füßen blieben.

Marion Lindström ging am Arm des maskierten Dominos nach der Treppe hinüber, die zu den Logen hinaufführte.

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Litres'teki yayın tarihi:
05 mayıs 2025
Hacim:
210 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788711468241
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Telif hakkı:
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