Kitabı oku: «Nächte von Fondi»

Yazı tipi:

Hans Hyan
Leichte Mädchen, schwere Jungen

Illustriert von

Erich Godal

Saga

Chansonetten-Schule.

Jn der „Fürstenkrone“ war heute wieder mal ein ganz unheimlicher Radau. Die im Souterrain belegene Kneipe hallte wider von dem Brüllen und Gröhlen der angezechten Jünglinge, die mit ihren Biergläsern klapperten und das schrille Stimmchen der kleinen Chansonette oben auf dem Podium übertäubten.

Die Mimi sang gerade. Es war eine kleine, fast winzige Person, an der aber alles rund war. Die Augen und die Wangen und besonders die Bäckchen unter dem kurzen grünen Seidenrock, der pralle Waden und in schmutzigen, viel zu weiten Atlasschuhen steckende Füßchen sehen ließ. Ihre Stimme glich einer elektrischen Glocke von mäßiger Stromstärke in Musik übertragen.

„Ich laß’ mich nicht verfüh!—ren,

Dazu bin ich zu schlau,

Ich kenne die Manie!—ren

Der Männer zu genau!“

Das Publikum johlte. „Jawoll, die kennt se!“ — „Aber se kennen ihr ooch!“ — „Mensch, is det ’ne Pflaume!“ — „Wat meenste, wenn die Hochberg heeren wirde!“ ... —

Die kleine Mimi nahm ihr grünes Seidenröckchen mit den Spitzenvolants von Jandorf zusammen, machte eine nur ganz kleine, unanständige Gebärde, was ihr mehr Beifall eintrug, wie ihr Lied, und setzte sich wieder als siebente und letzte in der Reihe ihrer Kolleginnen.

Die nächste, die sang, war ziemlich groß und nicht ohne eine gewisse Grazie, offenbar eine Jüdin. Sie sang mit der verschleierten Stimme der Orientalin, in der das Geschlecht bebt, und wenn auch die Worte des Liedes, welches sie vortrug, dumm und zotig waren, so war es doch nicht unangenehm, ihre Stimme zu hören. Und jedesmal, wenn sie den Refrain sang:

„Das geht doch wirklich über’n Spaß.“

Ich bin noch Jungfrau, glauben Sie mir das ...“

ging eine Bewegung durch die Zuschauer. Nicht als ob es ihr wirklich jemand geglaubt hätte, sondern im Gegenteil, gerade weil man es ihr nicht glaubte.

Dann stand die erste auf in der Reihe. Sie war groß, kräftig und die Töne, die aus ihrem vollen, tief dekolletierten Busen drangen, stießen den Zigarrendampf zurück, der in breiten Schwaden unter der Kellerdecke heranschwebte und die Milchglasglocken der Gasflammen in bläuliche Schleier hüllte. Die Sängerin hieß Melitta und, ihrer ganzen Art nach mehr für kräftige Sachen geeignet, schmetterte sie eine Lobhymne auf die bombenschmeißende Artillerie hinaus, zu der man sich unwillkürlich die Begleitung eines Bombardons dachte. Als sie schließlich ausbrach in die glückseligen Worte:

„Ja, bei jenen habe ich längst kapituliert,

Denn sie haben mir mein Herz gerührt!!!“

da brach ein donnerndes Beifallklatschen los. Einige Einjährige in Zivil, oder am Ende waren es auch Offiziere, schrieen „Bravo!“ und „bis!“ und ruhten nicht eher, als bis die entzückte Melitta ihr Lied da capo sang. Dann stellte sich einer dieser Herren auf den Stuhl, ein Hüne, der sich bücken mußte, um nicht mit seinem Schädel den Kalk von der Decke zu stoßen, und erklärte Fräulein Melitta für die erste Gesangskünstlerin ihrer Zeit, und daß er und seine Freunde jedem die Karbonaden entzweitreten würden, der sich erlaubte, daran zu zweifeln. Darauf bestellte er mit lauter Stimme beim Kellner eine Brauselimonade für die Sängerin und setzte hinzu, daß es ein grauenhafter Irrtum sein würde, ihn für betrunken zu halten. Er und seine Freunde seien zwar schon von heute früh an unterwegs und kein noch so begabter Adam Riese könne die Anzahl der von ihnen konsumierten Getränke ausrechnen, aber nichtsdestoweniger seien sie sämtlich tadellos nüchtern. Gleich darauf fiel er vom Stuhl, seine Freunde hoben ihn auf, setzten ihn hin und brachten ihn durch einige Kognaks wieder zu sich.

Unterdessen war hinter dem Kattunvorhang, der sich an der rechten Seite des Podiums befand, eine Dame hervorgetreten im dunkelroten Seidenkleide, das trotz eifriger Bearbeitung mit Benzin und ähnlichen Reinigungsmitteln eigentlich nur ein großer Bier- und Fettfleck war.

Frau Amalie Rickert, Inhaberin der Chansonettenschule, sang selber nicht mehr mit, sie präsidierte nur. Schon ihre zweihundert Pfund gewährleisteten ihr eine gewisse Würde, und die höhnenden Zurufe aus dem Auditorium prallten machtlos ab an diesem Fettpanzer. Früher selber Chansonette und von einer beinahe ebenso dicken Chansonettenmutter ausgesogen, hatte sie ihr Metier vorzüglich begriffen. Das erste Jahr arbeiteten ihr die kleinen Mädchen rein für den Preis der Annonce, durch welche sie ihrer habhaft wurde. Dabei war Frau Rickert außerordentlich moralisch und duldete in ihrer Wohnung nie irgendwelche Herrenbesuche. Was die „Jöhren“ draußen machten, ging sie nichts an ... Uebrigens nahm sie auch keine unter sechzehn Jahren in ihre Schule auf, sie hatte da früher verschiedentliche Unannehmlichkeiten gehabt.

Inzwischen sang Antonie.

An’onie war wie ein junger Spatz, eckig und sozusagen noch voller Flaumfedern. Wenn sie wirklich nicht ihren Taufschein gefälscht hatte und in der Tat schon sechzehn Jahre alt war, so war doch die Magerkeit und Unentwickeltheit ihrer stöckerigen Gliedmaßen durchaus geeignet, selbst den verwöhntesten Geschmack à la Sternberg zu befriedigen. Aber sie war hier auch die einzige, die Talent besaß. Sie sang ein Lied von einem jungen Hahn, der, von seinem älteren Kollegen immer weggebissen, nie Gelegenheit findet, seinen Liebeshunger zu stillen. Und wie sie das gaak ... gaak ... gaak ...!“ einer koketten Henne nachmachte, und dann den ganzen sehnsüchtigen Liebesjammer des jungen Sporenträgers in ihrem „Kikirikiki“ herausbrachte, das war zwerchfellerschütternd.

Die Idioten dort unten im blauen Qualm lachten auch darüber, weil sie eben mußten. Allerdings waren sie der Meinung, daß sie die Künstlerin auf der Bühne, für deren humoristisches Talent den meisten von ihnen natürlich jeder Maßstab fehlte, verlachten.

Und so empfand es Antonie, die ein vollkommener Neuling auf den Brettern war. Und was hier wohl noch nie geschehen war, die Kleine brach in helle Tränen aus.

Einen größeren Spaß hätte sie ihrem Publikum gar nicht bereiten können. Alles wälzte sich vor Lachen.

„Se heult!“ schrie einer, „se will bei ihre Tante! ... Hat woll nen Floh, wat? ... Olle Tränenweide! ... Na, wat se weent, det braucht se nich zu pinkeln!“, entschied ein dicker Student.

Unterdessen war Antonie von ihrer Pflegemama, der Dicken im Rotseidenen, ins Schlepptau genommen und durch den Vorhang hinausbugsiert worden.

Aber trotzdem zur selben Zeit die blonde Julie, ein schweres, anscheinend etwas wassersüchtiges Mädchen, im Gesang behauptete, daß eine Frühlingsnacht und ein Kuß von ihres Liebsten Munde im Mondenschein ihr lieber wären, als alle Schätze der Welt, und obwohl die blasse Blonde sich augenscheinlich anstrengte, das Geräusch hinter dem Vorhang mit ihrem Gesang zu übertönen, so blieb das Weinen der kleinen Künstlerin da hinten doch immer vernehmbar. Jetzt hörte man ein klatschendes Geräusch, das sich mehrmals wiederholte, ein lautes Schluchzen folgte, und gleich darauf stürzte Antonie wieder auf das Podium. Ihre gelbseidene Taille war zerrissen und die Watte, welche den Busen vortäuschen sollte, quoll reichlich hervor. Aus ihren kleinen blauen Schweineritzen, denn mehr waren die Augen nicht, floß eine unaufhörliche Tränenflut, und das Kartoffelnäschen war rot und geschwollen vom Künstlerelend.

Gleich hinter ihr kam aber Madame Rickert und wollte sie, die dicken Fleischerarme mit zärtlicher Gewalt um Antoniens mageren Körper schlingend, wieder hinausführen.

Doch da kam sie beim Publikum schlecht an.

„Hier bleiben!“ schrie alles, und „Wat macht se denn mit det arme Meechen?!“ Einer faßte die Sache humoristisch auf und gröhlte: „Ach, das arme Me—echen! ...“

Aber da geschah wieder etwas seltsames. Dieser kleine Spatz, dem die Watte aus der zerrissenen Brust quoll, rannte, sich von der dicken Chansonettenmutter losreißend, bis an den äußersten Rand der mit rotem Kattun bedeckten Podiumbretter und schrie, die nackten mageren Aermchen heftig vorauswerfend, ins Publikum hinab:

„Det is ne Jemeinheit! ... Un ick bleibe nich mehr hier! Erst soll man Jehalt kriejen und Jott weeß wat, un denn jiebts nich mal satt zu essen! ... Alles schluckt die Olle! ...“

Sie wandte sich halb um zu ihren Kolleginnen. „Wenn Ihr Euch schon nich schämt un arbeet’ for son Hundelohn, ick will den Schmerbauch da nich noch länger futtern mit meine Arbeet. Ick singe nich mehr!!“

Damit sprang sie vom Podium ins Publikum hinunter und verschwand, von einer ganzen Schar von Jünglingen, die ihr Mäntel und Paletots anboten, begeistert in Empfang genommen, auf der Kellertreppe.

Der Wirt des Lokals und Madame Rickert, die ihr dicht auf den Fersen waren, wollten sie zurückholen, das war ein Fehler! Denn plötzlich bemächtigte sich der Gäste eine ungeheure Wut, es kam zu einer fürchterlichen Prügelei, bei der kein Stück Glas und Porzellan in dem Lokal heil blieb, und die „Fürstenkrone“ wurde polizeilich geschlossen.

Loin du Bal.

Das Fest hatte seinen Höhepunkt erreicht ... Erich Fehlenbrand atmete befriedigt auf. Noch um zwölf Uhr war er recht zweifelhaft gewesen, ob seine rastlose Mühe, diese einen ganzen Monat täglich von früh bis zum Abend währende Arbeit, nicht schließlich doch ohne Lohn bleiben würde. Aber um Mitternacht drängten sich plötzlich die Masken im Treppenhause, wo sie von Ungeheuern mit riesigen Fledermausflügeln und seltsamen Köpfen in Empfang genommen und wo die Frauen, wenn sie schön waren, plötzlich von ihren Männern und Begleitern getrennt und hinaufgetragen wurden in „Nirwana’s Reich“ ... Der indische Charakter dieses Balles gab Anlaß zu einer Prachtentfaltung im Kostüm, die einzig war und die ganz von selbst einen Humor, eine Laune heraufzauberte, welche selbst den Grämlichsten in ihren Strudel riß.

Um ein Uhr erhob die Musik, die hier und dort in den Sälen, in Palmen- und Lorbeerhainen versteckt, die Räume mit ihren zarten, süßen Weisen erfüllte, sich zu lautem Trompetengeschmetter, und der Kaiser von Nirwana mit seiner jungen Gemahlin betrat an der Spitze eines unendlich erscheinenden Zuges von in allen Farben leuchtenden Masken den Kuppelsaal. Dort bestiegen die Majestäten einen blumengeschmückten Elefanten, und der Zug ging weiter durch alle Säle, überall Jubel entfesselnd, umtost und umschrien von den Gästen, die aus nüchternen Menschen plötzlich zu ekstatischen Dienern eines tollen Mysteriums geworden schienen ...

Erich Fehlenbrand, dessen Malerauge in diesem Farbenrausch, dieser Orgie trunkener und entzückter Stimmungen schwelgte, hatte sich an den Säulenpfeiler hinter der Galerietreppe gelehnt, als eine leise Hand seinen Arm berührte.

„Gnädige Frau!“ sagte er sich umdrehend und erst wie im Schreck zusammenzuckend, der sich dann in ein Gefühl großer Freude löste.

„Sie haben sich so sehr angestrengt,“ sagte sie, „Sie müssen doch recht müde sein!“

Er sah sie nur an ... ja, bis zu diesem Augenblick war er wirklich müde gewesen, todmüde! ... In der vergangenen Nacht hatte er mit seinen Freunden begonnen, die Säle zu dekorieren und auszumalen Und so war er jetzt mehr als fünfundzwanzig Stunden auf den Beinen unter einer Last von Arbeit, von hundert Seiten zugleich in Anspruch genommen, sich mit den Arbeitern, mit dem Wirt, mit den Kellnern herumbalgend, dabei immer voll Scherz und Munterkeit, bis alles fix und fertig stand. Dann, wie er in das kleine, ihm reservierte Kabinett ging, das im zweiten Stock lag, sich umzuziehen, da sank er auf das Kanapee mit der Empfindung, seine Kräfte würden nicht ausreichen, alles bis zu Ende zu führen ... Und nun, da sie ihn ansah, spürte er nichts mehr von seiner Mattigkeit, das Blut ging brausend in seinen Adern, die Augen, diese fast schwarzen Künstleraugen, die schon so manch’ Einer gefährlich geworden waren, strahlten, und alle seine Muskeln spannten sich im Fieber einer wiederaufbrechenden Leidenschaft ...

„Belohnen Sie mich und trinken Sie ein Glas Sekt mit mir!“ sagte er.

Sie nickte. „Wo aber?“

„Hier ... da ... wo Sie wollen ...“

Sie saßen am Tisch, allein und durch die Treppe gedeckt vor den Tanzenden.

„Wo ist Ihr Mann?“ fragte er aus seiner Bewegung heraus, die ihm fast die Sprache raubte.

Sie lachte darüber und beide bekamen einen roten Kopf.

„Er amüsiert sich!“ sagte sie endlich, „wo soviel Damen sind! ...“

„Aber Sie amüsieren sich nicht?“

„Doch! ... wer sagt Ihnen denn das ... ich danke Ihnen.“

Er ergriff rasch ihre Hand.

„Nein, bitte nicht ... ich weiß schon ... habe es ja heute schon Gott weiß wie oft gehört ... von Ihnen möchte ich aber ... Sie brauchen mich nur anschauen, Frau Dina, mehr will ich gar nicht ...“

„Das wird nicht sehr kurzweilig sein!“ scherzte sie. Und doch sah sie ihn an, und seine Augen brannten in ihrem Blick, und er sah, wie hoch und stürmisch ihr Busen ging.

„Wissen Sie, wie lange wir uns jetzt kennen?“ fragte er.

Sie nickte lächelnd.

„Acht Jahre.“

„Damals waren Sie achtzehn ...“

„Ja, — und heute bin ich sechsundzwanzig ... eine alte Frau, was?“

Er schüttelte seinen braunlockigen Kopf.

„Für mich sind Sie immer noch achtzehn ...“ Er faßte nach ihrer Hand und drückte die weißen Finger, die rosige Stellen bekamen unter seinem Griff.

„Du! Du!“ flüsterte er leidenschaftlich, „soll es denn nie wahr werden? ...“

Und plötzlich erhob er sich und sagte in einem seltsam befehlenden Ton: „Wir wollen gehn.“

Unter seinem Bann stehend, ihn anschauend voller Angst und doch hingerissen von ihrer Liebe zu ihm, ging sie neben ihm her, zwischen den Tischen und Stühlen, die an den Wänden des Saales standen, und zwischen den Tanzenden hindurch, die eben in den seltsamen Figuren des Jazz ihre Glieder verrenkten.

So durch Lust und Fröhlichkeit verdeckt, verließ das Paar den großen Saal unbemerkt.

Der Maler eilte die Treppe hinauf, ohne sich umzusehn. Er wußte, sie folgte ihm. Und sie, die leichenblaß geworden war, lief hinter ihm her, leichtfüßig, schlank, umweht von der Surahseide, die in bunten Farben um sie floß und, an Hals und Armen mit Perlen bestreut, wie ein glitzernder Nebelschleier ihr nachwehte ... Ihr Gesicht mit den wundervollen Augenbogen und der geraden feinen Nase, darunter der Mund keusch wie bei einem Mädchen schimmerte, ihr stolzes Antlitz sah mit seinen meertiefen Augen starr vor sich hin; die Lippen glühten in seiner Blässe, die noch gespenstischer erschien in der weißen Flut der elektrischen Lampen.

Er ging geradenwegs nach dem kleinen Kabinett und antwortete nicht, als sie schaudernd fragte:

„Wohin?“

Und hinter ihr schloß sich die Tür. Aber wie seine Hand sich ausstreckte, um die Lampe zu verlöschen, da baten ihn ihre flehend erhobenen Arme, daß er davon abließ.

Er lachte bitter, setzte sich neben einen Tisch auf die Chaiselongue und sah mit traurigen Augen zu ihr auf.

Sie aber blickte von ihm zu den Kleidern, die auf Stühlen und am Boden lagen, und fragte: „Wird hier auch nicht jemand hereinkommen?“

Er schüttelte den Kopf: „Die ersten paar Stunden sicher nicht, Dina!“

Da ging sie, widerstrebend noch, aber sichtbar getrieben von einem Gefühl, das übermächtig schien, hin zu ihm, nahm seinen Kopf in ihre Hände und küßte seine Augen.

Und seine Arme breiteten sich aus, er umschlang sie, seine Lippen suchten die ihren, und, ermattet von diesem achtjährigen Widerstand, einem Gatten zuliebe, der die Größe dieser Aufopferung nicht würdigte, sank sie in die Arme des Geliebten.

In demselben Augenblicke klopfte es.

Sie standen nebeneinander wie aufgejagte Hirsche, die eine Sekunde nach dem Feinde äugen, um dann in rasender Flucht davonzuspringen.

Und wie sie den Mund öffnen wollte, legte seine Hand sich auf diese brennenden Lippen, er raunte: „Pst ... ich steige aus dem Fenster —“

Es klopfte wieder. —

„Sage jetzt, du wirst sofort aufmachen, du ordnest bloß etwas an deiner Toilette. —“

„Aber, Mensch, so mach’ doch auf!“ klang es von draußen herein, „wir sind’s ja! ... Du bist doch drin!“ Und ein paar andere Stimmen, an denen er ein paar junge Malerinnen erkannte, setzten neckend hinzu: „Sie werden doch nicht etwa Heimlichkeiten haben, Herr Fehlenbrand?“

Indem sagte die junge Frau, die am ganzen Leibe bebte, laut: „Ich bitte, meine Herrschaften, noch einen Augenblick! ... Ich bin hier hineingeraten, weil ich nicht wußte, wem das Zimmer gehört ... ich mache nur etwas an meiner Toilette ..“

„O bitte, bitte, bitte!“ scholl es durch die Tür, „wir warten gerne!“

Und sie warteten wirklich. Es war ganz klar, daß niemand von der Tür fortging.

Der Maler faßte die junge Frau um, die ihn mit ihren kleinen Fäusten von sich wegdrücken wollte, und küßte sie lange, lange. Dann öffnete er behutsam das Fenster, hob das eine seiner schlanken Beine hinaus und ließ, sobald er die Mauerkante gefaßt hatte, das andere folgen. Dann zog er das Fenster heran und stand draußen, in der tiefsten Dunkelheit, zwischen Himmel und Erde. Mit den Händen hielt er sich am Fensterkreuz fest. Aber in der Angst um die geliebte Frau, der vielleicht seine Finger zu Verrätern werden konnte, versuchte er das Aeußerste und tastete mit dem Fuße in die Finsternis hinab. Da unten schien eine Art von Staket zu sein, zu Blumenranken vielleicht.

Er ließ eine Hand los, bog sich mit aller Anstrengung hinab und verfolgte die Latte, die bis an die Seite des Fensters ging, unter dem er stand. Ein Zusammenziehen aller seiner Muskeln, ein Anhalten des Atems, dann war er hinabgeglitten und stand auf einem Blumenbrett der ersten Etage, unter sich den lichtlosen Hof, der wie der offne Rachen eines Ungeheuers heraufgähnte. Er wollte noch weiter abwärts, aber da hörte das Staket auf ... und springen? ... es konnten zehn bis zwölf Meter in die Tiefe sein, und wer weiß, ob der Hof nicht voller Gerätschaften lag ... So stand er und stand in seinem Frack mit der Ballweste, unter der er nur das Oberhemd trug, und dabei fror es draußen.

Vor ihm war ein erleuchtetes Fenster der ersten Etage, hinter dem Schatten dahinglitten. Kurz entschlossen klopfte Erich. Man öffnete, und wie zwei Kellner vor ihm standen, steckte er in jede Hand einen Zwanzigmarkschein.

Dann, ohne das verschmitzte Lachen der Befrackten zu sehen, eilte er hierauf in die zweite Etage auf das kleine Kabinett zu, das jetzt voller Menschen war. Dinas Gatte kam ihm entgegen.

„Aber wo sind Sie denn, lieber Freund? Es soll photographiert werden!“

„Ja,“ sagte sie und sah ihn mit einem entzückten Lächeln an, „und wenn Sie wollen, tanzen wir beide zusammen.“

Und wie er sie hinabführte in den Ballsaal, da drückte sie seinen Arm zärtlich und flüsterte: „Du Geliebter!“

Beerdigung.

Fliegenfuß war tot.

Vorgestern Abend war er noch mit der blonden Minna, die er zuletzt als Geliebte hatte, in den Dianasälen gewesen. Dann war Minna mit ihrem Freier nach Hause gefahren und Fliegenfuß ging noch in’s „Hackebrett“, wo im Hinterzimmer stets ein bißchen gespielt wurde. Und Fliegenfuß war ein leidenschaftlicher „Zocker“. Nur daß er sich immer vergab und zwar besonders dann, wenn seine Karte nicht dem entsprach, was er sich unter einem guten „Blatt“ vorstellte. Und da war’n anderer gewesen, „Sandhase“ hieß er, dem paßte das nicht, und dann gingen sie beide raus und dann hörte der kleine „Schnepper“, der drin am Billard gerade ’ne Serie machte, einen gräßlichen Schrei, und wie er hinausstürzt, liegt Fliegenfuß auf dem Pflaster und die Beine zucken gerade noch ’n paar mal, dann war’s alle ...

Fliegenfuß war ein sehr hübscher Kerl, und viele Mädchen aus dem Elsasser Viertel hatten die blonde Minna um ihn beneidet. Die Minna war auch noch im Tode stolz auf ihn. Da sie gerade ’n ziemlichen Zug gemacht hatte, so fuhr sie gleich in ein renommiertes Trauermagazin und kam als reizende junge Witwe wieder heraus, was nicht nur der pietätvollen Geliebten sehr wohl anstand, sondern auch ihr Geschäft merklich hob ... sie nahm sich sogar vor, nur noch Schwarz zu tragen ... Vor allen Dingen ging sie nach ’m Alexanderplatz und verdibberte Sandhas’n, den denn die Polente auch sofort hopp nahm. Er hatte sowieso ’ne Latte da oben, und das wurde nu alles gleich in Summa beglichen, deshalb nahm auch die blonde Minna seine Drohung, er würde ihr, sowie er erst wieder draußen wäre, „’n jeheerijen Platon schieben“, nicht allzu ernst.

Nun lag Fliegenfuß draußen in der Leichenhalle in Britz in einem prächtigen Eichensarge, der unter dem Holzdeckel einen festgefügten Glaskasten barg, damit man sich den Toten doch wenigstens noch mal ansehen könnte. Eben war der ganze Athletenklub „Zentrum“ draußen. Die Brieder vom Zentrum hatten morgen ihren Stiftungstag, und da fuhren sie jedesmal nach Zerpenschleuse raus, also konnten sie morgen nicht zur Beerdigung kommen, aber dafür waren sie eben heute hier, brachten auch heute schon ihre Kränze und erwiesen ihrem Kollegen die letzte Ehre.

„... Wa doch ein’tlich ’n hibscha Mensch!“ meinte Kürassierwilhelm ... „un muß nu schon wech ... wat hätte der sich noch amesieren kenn’!“

Dabei kuckten er und die andern angelegentlich in den Glassarg, wo auf blütenweißem Linnen der tote Zuhälter mit einem so friedlichen und ergebenen Zug auf dem wachsbleichen Gesicht dalag, als sei er nicht der berüchtigte Schläger, Messerstecher und Gewaltmensch Sally Wolff, alias Fliegenfuß, sondern ein Börsenjobber vielleicht; ein hübscher, harmloser, jüdischer junger Mann, dessen dunkles Haar und schwarzer Schnurrbart sich scharf abzeichneten von dem starren weißen Gesicht.

„Muß doch immerhin schon in de dreißig gewesen sein!“ sagte der kleine Schnepper, „wie a vor drei Jahre wiederkam von Rawitsch, da war a schonst einunddreißich .... un ’ch jloobe, a hat da seine fimf Jemmchen abjerissen ... weswejen wa doch det man bloß?“

„Aba, Mensch, det wa doch die drollige Geschichte, wo den franzö’schen Weinreisenden, der bei’s Weberklärchen wa, die Brieftasche wechkam ... mein Jott, wat ham se nach den Zasta jesucht!“

„Na, Du mußt et ja am besten wissen, Frettchen!“ lachte Kürassierwilhelm zu dem, der eben gesprochen hatte, einem kleinen, unansehnlichen und rothaarigen Menschen, der ein böses Gesicht hatte. Da lachten die andern auch und der kleine Schnepper sagte:

„Weeß da Deibel, Frettchen hat immer Schwein jehatt, ooch damals wie wa in den Schuhladen wa’n, wo der Besitzer vajessen hatte, ’n Schlissel von de Kasse abzuznehn ... ’k mußte meine sechs Monate richtich abschwimmen in de Pletze ... aba Frettchen, natierlich! der fand wieda ’n Stellvatreta ... sare ma, biste denn iebahaupt schon ma drin jewesen?“

Der kleine Rothaarige machte eine ungeduldige Bewegung mit den etwas schiefen Schultern, dann stieß er kurz und brummig hervor:

“Ja ... Untersuchung ......“

Und die andern sahen sich an und zwinkerten sich mit den Augen zu, aber sie sagten nichts, sie waren wohl zu zartfühlend, um den Rotkopf daran zu erinnern, daß er einmal mehr als ein Jahr hinter den eisernen Gardinen zugebracht hatte, weil man seitens der Behörde sehr stark zu der Annahme neigte, er habe seiner „Braut“ die Kehle durchgeschnitten.

Dann schlug der „Augsburger“ vor, in einer nahen Kneipe ’n Topp zu trinken, womit alle einverstanden waren.

„’Is ooch bessa, wa jehn“, sagte Kürassierwilhelm, „a fengt doch schon an ...“ und er faßte sich an die Nase.

„Ja, vadammt nochmal,“ meinte Schnepper und kratzte sich den Kopf, „man kann im Leben noch so sauba sein, kaum is ma drei Dare machulle (tot), dann stinkt man wie’n Hoppatz ... Schweinerei vadammte! sowat mißte nich sein!...“

„Ja, det is ebent die jettliche Weltornung,“ meinte Kürassierwilhelm bedächtig, „daran wirst Du nischt ändan un wir alle nich ... und wir ham uns doch eintlich ieberhaupt nich zu beklaren, wat fehlt uns denn?“

„Jo, Du!“ sagte der Augsburger und trank sein Seidel, wie ein echter Bayer, auf einen Zug leer, „Du konnscht di nit b’scheere, d’ hasch dei’ drei Mädele rumlaufe, dö bringe da scho d’ Miete z’samme! ... aba unsaans! ... wenn’s dös Unglick will un so a Frauenzimma wird amal unpaß, bal is z’ End mia dem Geldvadiene! ...“

„Jawoll,“ setzte Schnepper hinzu, „un wenn se mal keene eichne Bleibe (Wohnung) hat un se klettert ma bei een’, det heest, man jibbt ihr Obdach aus lauta Menschenfreindlichkeit“, in seinen kleinen grauen Augen flinkerte es bei diesen Worten humoristisch, „denn heeßt et jleich: schwere Kuppelei un so, un se lassen een ’n Knast schieben (Strafe absitzen), det man schwarz wird!“

„Oda man sieht sich ma jenötigt, seine Beere ’ne väterliche Zichtijung anjedeihn zu lassen,“ der Rothaarige machte dabei ’ne recht kräf ige Bewegung mit der Faust, „un die Schickse rennt hin un vamasselt een, denn heest et ooch jleich wieda, spinnen von wejen Netijung ...“

„Jawoll,“ flocht ein andrer ein, „un jetz’ knacken se een’ nich alleene ’n Ding uff, wat ’n Pfund wiegt, nee, nachher jibbt et noch’n Jemmchen (Jahr) Rummelsburch dazu, damit man’s Fett los wird, wie der Staatsanwalt neilich bei Kneiferpaul’n sagte, als der rin ing ... det nennen sie denn „Ibaweisung an de Landespolizeibeheerde“ ... Quatsch is et, sar’ ick! ... un unjesetzlich obendrin! ... wenn wir nischt jejen det Jesetz untanehmen solln, denn derf det Jesetz uns ooch nich so madich behandeln ...“

„Faß Dir, Karl,“ sagte Kürassierwilhelm, „die wissen schon janz jut, wat se dirfen un wat se nich dirfen ... det Jesabbere hat ja keen Zwerch ... ick für meine Parte, ick halte ma vollstendich neidral un nebenbei bin ick konservativ aus Ibazeijung un wähle imma ’n Kandidaten von de Rejierungspartei ... det weeß der Wachtmeesta ooch aus mein Revier un dadrum jrüßt a mir ooch un habe nischt auszustehn ... aba wißt a, nu ham wa eentlich jenuch jequatscht, wie wär’s denn jetzt mit ’ne kleene Taille?! ... hier draußen is ’t so jemietlich un hier steert uns ooch keen Mensch ...“

Kürassierwilhelms Vorschlag fand sofort Anklang und bald war mit Kreide ein kleiner Tempel auf den Gartentisch der Bierwirtschaft gemalt und Kürassierwilhelm, der mit seinen gewaltigen Schultern und dem mächtigen Körper seine Namen Ehre machte, zog als Bankhalter selber die Taille runter ...

Unter sämtlichen Briedern und besonders im Athletenklub „Norden“, dem der Erstochene angehörte, war gesammelt worden. Auch die ganzen Mädchen der Gegend hatten sich zusammengetan und Geld aufgebracht für die prachtvollsten Kranzspenden und Palmzweige. In den Nachtcafés war der einzige Gesprächsstoff die am Donnerstag stattfindende Beerdigung, und an dem hierbei zutage tretenden Zug der Zusammengehörigkeit hätte sich manche andere Kaste der hauptstädtischen Bevölkerung ein Beispiel nehmen können.

Am Donnerstag um zwölf Uhr mittags sammelten sich an die sechzig Droschken erster Klasse in der Elsasserstraße, und in jeder saßen zwei elegant gekleidete weibliche und zwei ebenfalls durchaus würdig kostümierte männliche Personen, die fast unter der Last der Kränze und Blumen verschwanden. Voran fuhr der Rabbiner mit zwei Verwandten des erstochenen Zuhälters. Sie hießen gleichfalls Wolff und waren beide mehrfach vorbestraft wegen Hehlerei, Wechselfälschung und wegen Vertriebs falschen Geldes. Im übrigen machten sie den Eindruck wohlhabender jüdischer Geschäftsleute. Und der Geistliche, der augenscheinlich ein milder und humandenkender Mann war, sprach mit ihnen, wie man mit Glaubensgenossen spricht, die wohl von dem Wege, welcher der richtige ist, abgewichen sind, die aber doch schließlich immer Glaubensgenossen bleiben und sich zur rechten Zeit an die Religion und ihre Gebote erinnern.

Auf dem Friedhof benahm sich die ganze Gesellschaft durchaus angemessen. Den Mädchen, wie all solchen Geschöpfen, die nur noch in der Liebessphäre leben und daher durchweg hysterisch sind, wurde es nicht schwer, herzzerbrechende Tränen zu vergießen. Und die Männer standen ernst und schweigsam um die Grube her, und einer oder der andere dachte doch vielleicht daran, wie schnell so ein wildes und ungesetzliches Leben endet und wie anders es früher war, als er noch arbeitete und zu denen gehörte, die jedem Schutzmann frei ins Auge sehen können.

Freilich, lange anhalten konnten solche ernsten Gedanken wohl kaum, denn als der feierliche Akt vorüber war, fuhren sämtliche sechzig Droschken nach einem nahen Vergnügungslokal, wo erst ein opulenter, schon vorher bestellter Leichenschmaus eingenommen, sehr viel getrunken und nachher flott getanzt wurde.

Die Kriminalpolizisten, die sich dem Kondukt per Rad angeschlossen, hatten nachher noch Gelegenheit, einige recht wertvolle Griffe zu tun. Unter andern fiel ihnen auch Kürassierwilhelm in die Hände, der nach der Stiftungsfestlandpartie noch einen Augenblick mit herangekommen war und nun unter dem Verdacht des gewerbsmäßigen Hazardspiels nach Moabit wandern mußte.

Abneigung.

Voller Unbehagen stieg Hans Barre die Treppe hinauf.

Er kam aus dem Westen, wo eines der Kinder wohnte, denen er Klavierunterricht erteilte. Und war trotz des schmutzigen Wetters den ganzen Weg gelaufen, bloß um möglichst spät nach Hause zu kommen. Am liebsten wäre er in irgend eine Kneipe gegangen, aber seine Einkünfte waren klein und der Monat noch lange nicht zu Ende.

Und vielleicht hatte sie auch nichts im Hause, er konnte sie doch nicht hungern lassen ... ah, dieser verdammte Leichtsinn, solch eine Last sich aufzubürden!

Er knirschte mit den Zähnen.

Die Gasflamme auf der dritten Etage brannte düster und das Holz der Treppe knarrte unter seinen Füßen. Dem Musiker war es, als öffne sich über ihm eine Tür und jemand träte heraus.

Sie ... sicher sie! Niemand hatte hier sonst solchen leichten, behutsamen Tritt.

Und der kleine magere Mensch schlich mit einem zornigen Ausdruck in dem dunklen, bartlosen Gesicht hinauf.

Sie stand auf der Schwelle des Zimmers, das direkt auf den Flur hinausging, vom Licht der hinter ihr stehenden Lampe scharf silhouettiert, und erwartete ihn mit einem Lächeln.

In ihm wühlte, während er die wenigen Schritte zu ihr hin tat, die Frage: „Wie entgehst du ihrer Umarmung?“

Gut einen halben Kopf größer als er, legte sie den Arm zart um seine Schulter und zog ihn hinein. Seine ganze Seele zwang ihn, sie fortzuschleudern, aber eine Rücksicht, über die er nicht wegkam, hielt ihn davon ab.

„Guten Abend, lieber Hans.“

Ihr Organ hatte gewiß nichts Verletzendes.

„n’ Abend ... ich habe Kopfweh!“

Sie trat rasch zurück. Ihr blasses nervöses Gesicht zuckte schmerzlich zusammen.

Merkwürdig, wenn er ihre schöne, straffe Figur von hinten sah, so mißfiel sie ihm nicht so sehr. Aber ihr Gesicht ... er sah in ihm einen heimlichen Trotz! Eine Auflehnung, die sich unter der Maske der Nachgiebigkeit verbarg! Und wenn sie schon so war, warum gab sie sich nicht auch so? ... Hielt sie ihn etwa für so dumm, daß er sich durch diese Sklavenmiene täuschen ließ?

Das Mädchen hatte unterdessen das Geschirr zurechtgestellt und fragte nun in ihrer ruhig ergebenen Weise:

„Willst Du nicht essen?“

Voller Ungeduld zog und zerrte er an seiner großen Nase. Es fiel ihm ein, daß er sie an dem Abend, wo sie sich nach zwei Jahren zum ersten Male wiedertrafen, eigentlich gar nicht gebeten hatte, mit ihm zu kommen. Das war wie selbstverständlich geschehen.

Ah, er verfluchte innerlich die Leipziger Straße, wo er sie wiedergetroffen, und die Konditorei, in der sie das Rendezvous bei den „Stettiner Sängern“ verabredet hatten. Dort, in dem Restaurationsgarten war er auf den verrückten Einfall gekommen, sie wieder an die alte Geschichte zu erinnern. Und sie? Kaum einen schwachen Versuch hatte sie gemacht, heimzugehen zu ihrer Tante ...

„... Tante! hahaha! ...“

Bestürzt sah sie ihn an, wie er plötzlich hohnlachend das Wort herausstieß.

Er setzte sich und aß die Schinkenstulle, die sie ihm zurechtgemacht hatte. Dabei ließ er seine schwarzen, hartherzigen Augen nicht von ihr.

Ganz langsam stieg das Blut unter ihrer Haut auf.

„Was willst Du denn, lieber Hans, ist etwas nicht in Ordnung an mir?“

Sie zupfte an ihrer Tüllschleife.

Er biß an seiner Oberlippe und stieß dabei verächtliche Töne aus:

„Im Gegenteil, Du bist ja immer so ordentlich! Bist überhaupt so’n ordentliches, braves Mädchen!“

Ihr Blick wurde unsicher und sie zeigte nur ein armseliges, hilfloses Lächeln.

Das brachte ihn nur noch mehr in Wallung:

„Ich möchte bloß wissen, wo Du Dich ... wo Du während der ganzen zwei Jahre gewesen bist?“

Ihre Augenlider, deren bläulicher Schimmer auf die Glut ihrer Küsse schließen ließ, sanken herab.

„Sieh mich doch an!“ befahl er grausam.

Und sie tat es und bot ihre Augen, wie jemand, der geblendet werden soll.

Schadenfroh blinzelnd betrachtete er sie genau und studierte einzeln die Mängel ihres Gesichts, dem das matte Blond ihrer glatt gescheitelten, aus der Stirn gekämmten Haare keinen rechten Abschluß gab. Fast weißblonde Wimpern und Augenbrauen, die zu fein gezeichnet waren für ihre helle Farbe, verstärkten diesen Ausdruck der Nüchternheit. Dadurch bekam der sehr kräftige, rote Mund etwas Unglaubwürdiges. Er erschien unmotiviert in dieser allgemeinen Blässe, und man war versucht, diesem klösterlichen Antlitz das Recht auf so brennende Lippen abzusprechen.

Ab und zu schlug sie ihre schönen, hellblauen Augen auf, die voller Angst um ein wenig Nachsicht flehten.

Da sie noch immer schwieg, wiederholte er:

„Du willst mir also meine Frage nicht beantworten, wo Du die ganze Zeit über gewesen bist?“

Er wußte, daß jedes derartige Wort sie auf die Folter spannte, aber er konnte dem Drange nicht widerstehen, ihr weh zu tun und sich für die unerwünschte Anwesenheit ihrer Person zu rächen.

Sie hatte sich über ihren Teller gebeugt, der Schein der Lampe lag auf ihrem vollen Haarknoten. Aber das Brot auf dem Teller war unberührt und ihre geraden Schultern, die von der prächtigen Brust zurückgedrängt wurden, erzitterten wie unter Schlägen. Vielleicht wollte sie sich aufraffen zur Wahrhaftigkeit. Aber sie kam nicht über ihre Scheu hinweg. Vielleicht fühlte sie auch, daß er sie zertreten wollte. Und dieser kleine, dumme Mensch hätte sich doch nur erinnern brauchen, wie sie die unflätigen Worte, mit denen er sie in den letzten Tagen absichtlich gequält hatte, — wie sie diese verkappten Beschimpfungen richtig begriff und ihnen auswich, als wären es Schmutzspritzer.

Und wenn sie wirklich, von der Not auf den Weg der Schande getrieben, einmal gefehlt hatte — — — wäre nicht jedes andere Weib in solcher Lage für ihn ein Gegenstand des tiefsten Mitleids gewesen?

Er sah, wie ein paar große Tropfen aus ihren Augen auf die weiße Serviette fielen und meinte roh:

„Das werden schöne Dinge gewesen sein, die Du in der Zwischenzeit getrieben hast ... mich wundert bloß, daß Du trotzdem noch immer so liebebedürftig bist!“

Das riß ihr den Kopf in die Höhe. Die Scham entzündete ihr bleiches Gesicht. Aber sie sprach das, was sie auf den Lippen hatte, nicht aus, sondern sagte nur:

„Ich war bei meiner Tante und nachher habe ich bei einer Freundin gewohnt.“

„Und Deine Mutter, die war doch damals, als die Ausstellung war, hier?“

„Ja, aber die wohnt jetzt wieder in Prittkow, das weißt Du doch, lieber Hans!“

„Lieber Hans! lieber Hans!“ äffte er ihr nach, „was ich weiß, is’ nur, daß’n anständiges Mädchen bei ihrer Familie bleibt und sich nich so in der Welt umhertreibt!“

Sie sah ihn groß an, dann schob sie den Teller ein wenig zurück und stand auf.

„Nanu?“

„Ich will gehn.“

„Weshalb denn?“

„,Es ist doch bloß alles, weil Du mich los sein willst.“

„Ich? — ich will Dich los sein?! ... ha! so ist’s richtig! So muß man’s machen! Weil ich will, daß Du offen und ehrlich zu mir bist, sagst Du, ich will Dich los sein!“

Sie stand unschlüssig und schaute traurig vor sich hin.

„Ja, ja, Hans,“ nickte sie, „es ist doch so, ich bin Dir zuviel! Du bist einer von den Männern, die nicht lange bei einer Frau bleiben können ... ich kann es ja auch ganz gut verstehen ...“

Dabei nahm sie ihren Hut vom Bett.

Sofort war er neben ihr und riß ihr den Hut aus der Hand.

„Ach was! mach’ keine Dummheiten! Wo willst Du denn jetzt hin?!“

„Oh, darum sorge Dich nur nicht, ich werde schon ein Unterkommen finden!“

„Quatsch! Du bleibst hier und damit basta. Wenn man so, wie wir, zusammenlebt, dann sind eben solche Auseinandersetzungen manchmal unvermeidlich! ... Un jetzt setz’ Dich hin und iß, daß Du nich noch krank wirst ... ich will ’n bißchen spielen.“

Er ging ans Klavier und spielte eine tolle Melodie, die er zu einem ebenso verrückten Gedicht eines Freundes erfunden hatte. Aber mittendrin brach er ab.

Warum hatte er sie denn nicht fortgelassen? ... Diese verfluchte Sentimentalität!! ... Ach, ihm graute schon davor, sich jetzt umzudrehen. Sicher hatte sie sich wieder leise bis an seinen Stuhl geschlichen und stand jetzt wieder da mit ihrem dämlich verzückten Gesicht, daß er gleich hätte hineinschlagen mögen! Er war eitel und leckte jedes Krümchen Anerkennung begierig auf, aber ihre Bewunderung, die wollte er nicht!

Plötzlich fuhr er herum. Da stand sie richtig, Begeisterung auf den feinen Zügen, die förmlich starr wurden vor Entsetzen über seine wilde Miene.

„Schön! schön! was?“ schrie er und seine Stimme war ganz rauh vor Grimm, „da, spiel’ Du doch mal!“

Sie wagte nicht, zu widersprechen und klimperte so leise, als sei ihr die Furcht schon bis in die Fingerspitzen gekrochen, ein kleines Salonstück.

Jetzt stand er hinter ihr und ärgerte sich über ihre klaren, in dem matten Licht leuchtenden Hände. Jeder Fehler, den sie machte, erfreute ihn, und die Angst, die sie, wie er genau wußte, während des Spielens ausstand, war ihm ein Labsal.

Vom Klavier ging er fort ans offene Fenster.

... Warum hatte er sie denn nicht gehen lassen, vorhin? Dann wäre er jetzt allein in dem Zimmer, das ihm, zusammen mit ihr, wie ein Zuchthaus vorkam. Diese blödsinnige Inkonsequenz! von jeher war es sein schlimmster Fehler gewesen, daß er nie das tat, was er wollte ... Dieses enge Loch, in dem man sich kaum umdrehen konnte, dadrin war kein Platz für zweie! ... Also noch ’ne Nacht mit ihr zusammen ... und morgen wieder und immer weiter ... aber konnte er’s ihr denn nicht jetzt noch sagen? — Nein, nein! Nie! Niemals würde er’s fertig bringen, zu ihr zu sagen: „Geh!“ .... Bei ihm bleiben konnte sie nicht! Er ertrug’s nicht länger! Sie mußte weg und ... und wenn ... und wenn er sie aus dem Fenster schmeißen sollte!

Sein Blick fiel auf den dunklen Heinrichsplatz. Die Luft war warm nach dem Frühlingsregen. Etwas Schwellendes lag darin, das aus der Dunkelheit aufstieg, das die Kräfte hob und die Wünsche brutal werden ließ. Der Himmel war finster und das spärliche Licht der Laternen da unten wirkte, wie rote Farbentupfen auf schwarzem Grunde. Nur die erleuchteten Schaufenster der Läden warfen ihre rechteckigen Lichtbreiten über Trottoir und Damm.

... Von unten heraufsehen, bis zu ihm, nach der vierten Etage hinauf, das konnte niemand. Daran dachte ja auch keiner ... wie viele Menschen sind schon aus dem Fenster gefallen! ... Aber sie war ja viel größer als er, entweder sie würde sich sträuben oder ihn mitreißen ...

Mit einem tiefen Seufzer strich er das lange, schwarze Haar aus der Stirn.

Das Mädchen drehte sich augenblicklich um.

„Spiel doch weiter, Marie“, sagte er sanft.

Und mit heißer Freude über das armselige Almosen gehorchte sie ihm.

Er sah sie starr an, wie sie kerzengrade auf ihrem Stuhle saß und, ohne daß sich auch nur ihr blonder Haarknoten bewegte, die Tasten berührte. Die Töne vernahm er gar nicht. Wie sein Körper, so zog sich auch sein Geist noch einmal zurück vor diesem schwarzen, grauenvollen Abgrund.

Morden ... morden wollte er? ... Wo er nur nötig hatte, ein Wort zu sagen, um allein zu sein ... er würde das Wort aber nicht sagen ... Und fort mußte sie. Sie oder er, einer mußte weg!

Wieder ging er ans Fenster.

... man hört einen Schrei, das ist alles. Wer da runterstürzt, ist tot. Der kann nicht mehr sprechen und niemand verraten ... aber um die Taille fassen darf er sie nicht, sonst reißt sie ihn mit ...

Er sah wie in einen finsteren Kessel hinab, in dem Lichter auf- und niedersteigen und Schatten umherirren.

Erschauernd fühlte er, wie sie neben ihn trat. Und während sie sich mit den Händen aufs Fensterbrett stützte, trat er ein wenig zurück. Das dumpf heraufdringende Geräusch der Straße wurde in seinen Ohren zu mächtigen Orgeltönen, die ihn berauschten und ihn seines Verstandes beraubten.

Von der geheimnisvollen Macht des Wahnsinns zum verzweifelten Entschluß getrieben, bückte er sich und packte mit eisernem Griff ihre Beine.

„Hans! Um Gotteswillen, Hans! ... es klopft!“

Er ließ sie los und sagte mit einem blöden Lächeln:

„Ach wo ...“

Der furchtbare Schreck hatte ihr den Atem genommen. Ihre entsetzten Augen ließen ihn nicht los und, sich am Klavier entlang an ihm vorbeischiebend, stammelte sie:

„Aber — — Hans —“

Da klopfte es noch stärker.

„Machen Se doch auf, Herr Barre, ich weeß ja recht jut, daß Se zu Hause sind!“

Der Komponist öffnete.

Ein kleiner, dicker Mensch mit rundem, fast kahlem Kopf und mit Augen, die im trüben Glanz des Alkohols schwammen, drängte sich durch die Tür, deren Klinke der Musiker in der Hand hielt.

„Ick wollte Ihn, bloß sagen, Herr Barre, det det so nich weiter jehn kann! ...“

„Was denn?“ fragte der andere teilnahmslos.

„Na, mit Ihre Braut! Morjen kommt meine Frau zurick und da paßt ma det nich mehr, daß det Frailein hier bleibt ... hat ma überhaupt schon lange nich jefallen; wenn mir eener dadruffhin anzeicht, denn bin ick Onkel! Ihn’ passiert nischt, aber ick falle rin! ... Se dirfen mir’t nich weiter iebelnehm’, Herr Barre, wenn ick Ihn’ det sage: aber Ihre Braut muß wech! Heute noch. Sonst ... ’s bleibt ma denn eben nischt anders iebrig, als selbst uff de Polizei zu jehn ... und det macht man doch nich jerne ...“

Der Mann war schon längst wieder aus dem Zimmer, als die beiden noch immer ratlos, das Mädchen am Klavier, der Musiker am Tisch neben dem Sofa standen.

Ihre Blicke begegneten sich, aber die Furcht lag jetzt in seinen Augen. Sie wollte ihm etwas sagen. Aber sie konnte nicht. Sie fand keinen Ausdruck für das, was sich ihr auf die Lippen drängte.

Seine Hände, seine Knie zitterten vor nervöser Erschöpfung, als er ihr so gegenüberstand. Er war unfähig zu denken. Wohl fühlte er, daß sie jetzt fortgehen mußte, aber es machte ihn nicht froh. Das Mitleid mit ihr hatte ihn wieder ergriffen, stärker, viel stärker als vorhin, und in seiner Phantasie, die ja die furchtbare Tat längst begangen hatte, litt er jetzt die Gewissensbisse des Mörders. Die tödliche Abneigung, die ihn noch eben nach ihren Füßen greifen ließ, um sie hinabzustürzen, schien sich in diesem bestialischen Willensakt ganz verzehrt zu haben.

Langsam, wie somnambul, trat er auf sie zu und streckte ihr die Hand entgegen.

Aber sie wich vor ihm zurück.

Ohne sich zu besinnen, nahm sie ihr graukariertes Cape von der Wand, setzte ihren Hut auf und zog schnell die braunen Glacéhandschuhe an.

Als sie an der Tür war, blieb sie noch einen Augenblick stehen und sagte, die Klinke niederdrückend, furchtsam und leise:

„Ich bin Dir nicht böse, Hans, ich bin Dir gar nicht böse.“

Der elegante Zirkel.

Der Herr, welcher „Rosenmäulchen“ genannt wurde und dessen weißer, 8 cm hoher Stehkragen in einem verblüffenden Gegensatz zu seiner kleinen, zierlichen Figur stand, und der schlanke Jüngling, mit den feudalen Schmissen im aristokratischen Gesicht — das waren heute die beiden ersten.

Madame war bereits in großer Toilette. Sie trug blaßlila Faille mit Pailettenstickerei an Hals und Armen.

„Meine Herren! Ich freue mich sehr, Sie heute zu begrüßen ... wir werden das Vergnügen haben, le petit Kakadu und die Sarmatin heute am Teetisch zu sehn ...“

„Also ist der Herr Ohnegleichen auch wieder hier in Berlin?“

„Nein, er und die Sarmatin haben sich in Paris getrennt ..., aber deshalb sind sie nicht böse miteinander, er kommt vielleicht heute auch noch ...“

Die Klingel ertönte wieder. Madame bewegte sich, das goldne Lorgnon in der Rechten, in stolzer Attitude der Tür zu; das Rosenmäulchen und der Jüngling gingen in den Salon.

Dort saßen „Henri“, ein Herr, dem der dunkle, sehr starke Henriquatre etwas Gallisches verlieh, ferner le juif rouge, und der Literat, ein starker Herr mit einem dunkelblonden Vollbart und den nervösen Bewegungen des überanstrengten geistigen Arbeiters.

In dem recht diskret eingerichteten Gemach, dessen dem roten Marmor täuschend nachgeahmte Tapete die Bilder sehr hob, saßen die drei Herren mit fünf Damen, zu denen in diesem Augenblick die sechste trat.

„Ah,“ meinte der Literat, „endlich einmal eine Hellblonde! ... Es scheint, meine Damen, daß diese Farbe heute unmodern wird?“

Die Blonde, ein großes Geschöpf von dreißig Jahren, ging, noch ein wenig linkisch, einige Schritte in den Salon hinein, blieb dann stehen und verneigte sich, dabei halb neugierig, halb furchtsam alle Anwesenden musternd.

„Aber so treten Sie doch näher, meine Gnädige,“ meinte das Rosenmäulchen, den parfümierten, schöngebrannten und tiefschwarzen Schnurrbart kokett nach beiden Seiten streichelnd, „gestatten Sie, daß ich Ihnen gleich Ihren Namen gebe ...“ er dachte einen Augenlick nach, aber ehe er antworten konnte, sagte eine der anderen Frauen, offenbar schon eifersüchtig:

„Zerbrechen Sie sich doch nicht Ihren schönen Friseurkopf! ... und wenn Sie schon durchaus wollen, so genügt „Die Blonde“ ja vollständig!“

Ja, damit waren sie alle einverstanden. Die Frauen, unter denen eine hohe Rotblonde mit leuchtendem Teint hervorragte, redeten alle durcheinander und, als jetzt Madame mit der Sarmatin, einer Schwarzen, die nur zu dicke Lippen hatte, um schön zu sein, und mit le petit Kakadu hereinkam, stand alles auf, und paarweise und einzeln begaben sich die Herren und Damen durch den Musiksalon in das Speisezimmer.

Denn Frau de Buval hielt nichts von dem labbrigen Tee, wie sie sagte. Unter dem Vorwand Kaffee zu trinken, nahm man Ananasbowle, Sekt, schwere Südweine und deutsche Marken — es war Usance, daß man in jedes geleerte Glas drei Mark warf. Der kleine, niedlich angezogene groom nahm es dann sofort weg und Madame ersetzte es am Buffet durch ein neues, nicht ohne den Taler in Empfang zu nehmen.

Der Speisesaal war hübsch getäfelt, seine großen, offenbar nach dem Hof des Gebäudes hinausgehenden Fenster hatte man dicht verhängt, und obwohl draußen noch die helle Sonne schien, strömten hier die elektrischen Birnen der schweren Metallkrone ihre sanfte Helligkeit aus ...

„Es ist reizend, so am Tage Nacht zu machen,“ sagte der Schriftsteller, „finden Sie das nicht auch, Gnädigste?“

Die Blonde sah ihn dumm an und antwortete nicht.

„Schade,“ dachte er, „sie stammt offenbar aus Borneo, aber dumm küßt auch!“

„Ganz recht!“ sagte der links von der Blonden sitzende juif rouge. „Die gnädigste Frau hat das wieder mit einer Verve, mit einer Grazie gesagt! ... ich bin entzückt! ...“

Und er küßte die Fingerspitzen, deren Nägel wie Rosentopase strahlten, — ebendeshalb kokettierte er fortwährend damit.

„Aber ich war ja noch nie hier!“ sagte die Blonde, wie in Entrüstung. Worauf ihr Madame mit dem Lorgnon drohte und leise rief:

„Nicht aus der Schule plaudern, meine Liebe! ... Oder wollen Sie alle Herren in sich verliebt machen? ...“

Denn die noch nicht da gewesen waren, waren die Begehrtesten. Und Henri erklärte das dabei obwaltende Gefühl soeben:

„Man glaubt da an etwas, was vielleicht gar nicht vorhanden ist ...“

„Oh, ich glaube gar nichts,“ erwiderte der Jüngling.

Und hellachend äußerte die Rotblonde, „Attalea“ genannt:

„Unser Kleiner ist schon zu oft enttäuscht worden!“

„Bin ich auch!“ beharrte er eigensinnig, „und durch Sie zu allererst!“

„Das müssen Sie erzählen!“ drängte das Rosenmäulchen, abermals den kußlichen Mund von dem dichten, schwarzen Schnurrbarthaar entblößend, und dabei faszinierte er Margot, eine magere Brünette, mit glühenden Augen.

„Nein, lassen Sie ihn!“ wehrte Attalea, der die von allen erwarteten Enthüllungen unangenehm schienen.

Doch der Jüngling wollte jetzt reden, er begann schon:

„Wir hatten eben soupiert, im séparée natürlich, und ich forderte Attalea auf ...“

„Pardon!“ unterbrach Madame de Buval, deren Stimme plötzlich an die Markthalle gemahnte, „ich kann solche Gespräche absolut nicht dulden!“

„Aber wer sagt Ihnen denn ...“ wollte der Jüngling aufbegehren, doch die Dame fuhr ihm sofort in die Parade:

„Mein Herr! ... Sie befinden sich hier in einem hochanständigen Hause! ... Außerdem sind Sie mein Gast! Ich möchte nicht genötigt sein, Ihnen unhöflich zu begegnen!“

„Meinetwegen!“ Der Jüngling zuckte unartig mit den Schultern. „Wenn’s hier in dem verfluchten Nest, diesem Berlin, nur nicht so langweilig wäre! Sonst würd’ ich wahrhaftig nicht mehr herkommen!“

Er sagte das halblaut und stand auf, um ans Fenster zu gehen. Der juif rouge und Rosenmäulchen hatten sich, etwas indigniert über den Ton des Alten, ebenfalls erhoben. Am Fenster rissen sie Witze, der Jüngling sagte:

„Haben Sie gehört, hochachtbares Haus hat sie gesagt!“

„Nein, hochanständiges, wenn ich bitten darf!“ meinte der Herr mit dem Iudas-Ischariotkopf, „Zustand! ... Ihre Mutter war Aufwartefrau in der Schwiegerstraße in Hamburg und der Herr Papa ist heute noch Kalefaktor in Rawitsch.“

„Was im Zuchthaus?!“

„Nu nee, im Offizierkasino vielleicht!“

„Na, ist sie denn jüdisch, die Alte?“

„Ach, das wissen Sie nicht?!“

„Ach so,“ sagte Rosenmäulchen, „daher auch dieser Erwerbssinn! ... Was verdient die Alte wohl so jährlich mit den Weibern?“

Le juif rouge antwortet:

„Man sagt, sie soll ihre zweimalhunderttausend auf der englischen Bank haben! ... Ich taxier’ se so auf 50—60 000 pro anno!“

Der Jüngling wollte gerade eine perfide Bemerkung machen, indem kam Madame de Buval und sagte mit einem honigsüßen Lächeln, bei dem sie ihr tadellos gearbeitetes, kokett mit zwei Goldplomben versehenes Gebiß zeigte:

„Wollen die Herren denn nicht wieder zu uns kommen? Schauen Sie, es ist nicht recht, wenn Sie mir meine Worte von vorhin übelnehmen! ... Unser lieber Freund“, sie nickte dem Jüngling wohlwollend zu, „ist noch zu vertrauensvoll! Er sieht nicht, wie sehr eine alleinstehende Frau beobachtet ist! ... Ich muß vorsichtig sein, meine Herren, ich muß!“

„Ganz recht!“ sagte der Rotköpfige, „Sie können nebbich ins größte Schlamassel kommen! ...“

Das süße Lächeln wurde sauer, die Dame entfernte sich und die Herren folgten ihr, nachdem sie sich vorher noch verabredet hatten:

„Wir wollen das alte Vieh zappeln lassen, eh’ wir uns entschließen. Aber hören Sie, Jüngling, Sie bleiben standhaft! Die Attalea nimmt Ihnen keiner!“

Indem kam le petit Kakadu, hängte sich in den Jüngling und Rosenmäulchen ein und schrie, immer mit der schrillen Papageienstimme, welche ihr ihren Spitznamen verschafft hatte:

„Ich will Sekt haben! Zur Kasse, meine Herren, zur Kasse!“

Und wie le juif rouge, der hinter den dreien ging, seine aufgeworfenen Lippen auf den aus dem Ausschnitt der roten Libertybluse hervorleuchtenden Nacken preßte, schrie sie erst leicht auf und sagte dann mit komischem Zorne sich umwendend:

„Ich will keine koscheren Küsse! ... Madame, er hat mich geküßt! ... Ich verlange einen Taler! ...“

Frau de Buval lächelte ihr gütiges, mildes Matronenlächeln und sagte fein:

„Vielleicht genügt ihm der eine nicht, ... und dann kann er seine Schuld nachher auf einmal begleichen!“

„Unterstehen soll er sich!“ Der kleine Kakadu schüttelte das weiße Fäustchen, „ich bin Antisemit!“

„Mais l’amour fait tout égal!“ sagte eine Schwarze, welche die Witwe genannt wurde, weil sie nur diese, ihr gut zu Gesicht stehende Farbe trug.

Und da wollte die Blonde wissen, was das hieße. Die schien überhaupt furchtbar naiv. Der Schriftsteller hatte sich für sie entschieden und, da er zufällig ein Romanhonorar einkassiert hatte, gestattete ihm seine Börse, die exorbitante Forderung der Alten zu befriedigen.

„Sie sind sehr süß!“ schmeichelte er.

„Ach, das sagt mein Mann auch immer; ich dachte, es wäre hier mal etwas anderes.“

„Aber das ist es ja eben, was die Dame in Schwarz da drüben eben gesagt hat ... Die Liebe macht alles gleich! ... und niemand kann mehr als eine Frau lieb haben!“

„Dann ist das langweilig! ... Meine Freundin war auch zweimal hier ... Die sagt, hier könnte man was kennen lernen ...“

„Also pekuniäre Gründe sind es nicht, die Sie hierherführen?“

„Sehe ich denn so aus?“

Sie schien beleidigt. Er versöhnte sie aber sofort, indem er ihr nicht geschmackvolles, aber gewiß teures Kleid aus beigefarbener, weicher Seide mit eingefügten Spachtelmedaillons sehr lobte und beiläufig hinzusetzte:

„Die nichts haben, kommen nämlich auch stets elegant ... Dafür hat die Alte eine sehr reichhaltige Garderobe ... und wenn’s nicht paßt, so hilft eine Schneiderin aus ... ich habe hier schon dieselben Kleider auf drei, vier verschiedene Frauen gesehen ... oh ja! Madame de Buval, alias Frau Rosa Cohn, versteht den Handel ...“

Aber er ärgerte sich sofort, soviel verraten zu haben. Die in der Tat außergewöhnlich hübsche Blondine schien plötzlich von Angst oder Widerwillen ergriffen zu sein. Ueber ihr süßes, helltoniges Gesicht flog es wie Schatten. Die leichtlebigen, blauen Augen bekamen einen erschreckten, starren Ausdruck und von dem wirklich rosigen Mund zogen sich die kleinen Fältchen hinab, welche auf Tränen deuten ...“

Doch gelang es dem Schriftsteller mit seinen zärtlich streichelnden Worten noch einmal, sie zu beruhigen ...

Madame hatte schon mißtrauisch herübergesehen. Aber noch mehr beschäftigte sie die Tatsache, daß Rosenmäulchen, der Jüngling und le juif rouge noch nicht abgeschlossen hatten. Mit den drei anderen war sie im Reinen, obwohl das mit dem dritten, der hier „Professor“ genannt wurde, immer ein schweres Stück Arbeit war. Er war nicht geizig, oh nein!, aber er schämte sich so dieses Kreises, in den ihn vielleicht widrige Lebensumstände oder am Ende auch nur wieder seine Schüchternheit hineingetrieben hatte, so daß es großen Raffinements seitens der Alten bedurfte, um seine Absichten herauszubekommen und ihn zum endgültigen Entschluß zu bringen.

Der Jüngling, das Rosenmäulchen und le juif rouge aber bockten. Sie hatten sich innerlich längst entschieden: der erste für Attalea, der zweite für die Witwe und der dritte für den kleinen Kakadu. Aber alle saßen, listig lächelnd und törichtes Zeug redend, da und brachten Madame zur Verzweiflung.

Endlich flüsterte sie dem Groom etwas zu. Der stellte vor jeden der drei Herren diskret ein kleines Tablett mit einem Kuvert und Briefbogen hin. Das war ihre Art, mit den schüchternen und neueingeführten Kunden zu verkehren.

„Hab’ ich Papier bestellt?“ fragte der Jude.

„Ich erledige meine Post zu Haus!“ sagte Rosenmäulchen. Und der Jüngling spöttelte:

„Welch’ ordinäre Post! Und sogar ohne Monogramm! ...“

„Aber bedienen Sie sich doch!“ ermunterte lächelnd die Alte.

Nun schrieben der Rotkopf und das Rosenmäulchen etwas auf. Der Jüngling schrieb auch, las aber absichtlich jedes Wort langsam vor:

„Ich reflektiere auf Attalea, wenn ...“ und er setzte noch einige Worte hinzu, bei denen die Blondine, die der Schriftsteller bewunderte, aufsprang und ganz laut rief:

„Ich will fort von hier! Lassen Sie mich fort! ... auf der Stelle! ...“

Nun tat die Alte das Falscheste, was sie machen konnte: sie drohte der blonden Frau, ihrem Manne Mitteilung zu machen, wenn sie sich nicht füge.

„Mein Mann! Mein Mann! ...“ schrie die Blondine unter hysterischen Tränen, „ach Alfred! Alfred! ...“ sie reckte die Arme zur Zimmerdecke empor und begann im Weinkrampf laut zu schreien.

Die anderen Frauen wollten aufbrechen, auch die Herren. Die Alte wurde totenbleich.

„Seien Sie still!“ zischte sie die Hysterische an, „halten Sie den Mund, Sie affektierte Person, Sie! ...“

„Nein, nein!“ trat der Schriftsteller dazwischen, „das unterlassen Sie gefälligst, Madame! — Ich begleite die Dame! ...“

Und er ging mit der Blonden, die sich an ihn anklammerte, rasch hinaus — — —

Vor der Haustür traten zwei Herren an ihn heran, zeigten ihre Blechmarken und fragten: „Die anderen Gäste sind wohl noch oben?“

Der Schriftsteller nickte, und auf die Blonde zeigend, sagte er: „Ich geleite eine Kranke nach Haus!“

Die junge Frau starrte die Beamten entsetzt an, die aber ließen beide ruhig passieren und gingen ins Haus hinein.

Nach einer Weile schlichen Herren und Damen des kleinen Zirkels einzeln und mit gedrückten Mienen hinaus.

Madame de Buval stieg mit den beiden Beamten in eine Droschke und fuhr nach dem Alexanderplatz.

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05 mayıs 2025
Hacim:
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9788711445839
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