Kitabı oku: «Eingezogen. Ein Wehrpflichtiger der NVA erinnert sich.»
Hans-Joachim Grünitz
Eingezogen
Ein Wehrpflichtiger der NVA erinnert sich

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3. unveränderte Auflage
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Für meine Eltern
Prolog
Im Oktober vor zwölf Jahren hatte ich per Befehl das letzte Mal offiziell eine Militäruniform zu tragen. Wir haben jetzt wieder Oktober. Es sind die letzten Tage dieses Monats im Jahr 2000 und es ist wohl dem trüben Herbstwetter geschuldet, daß ich mal wieder an meinem Schreibtisch sitze um nun endlich die letzten Zeilen an diesem Buch zu schreiben. Die Armee, deren Uniform ich damals und in Abständen auch Jahre davor trug, gibt es nicht mehr. Auch nicht den Staat, zu dem diese Armee gehörte. Der dem Staat einst geschworene Eid hat keinen Wert mehr. Dennoch meine ich, daß der Alltag im militärischen Leben eines Soldaten bei der Nationalen Volksarmee sowie den Grenztruppen der DDR eine Geschichte wert ist. Eben weil es Geschichte ist und weil Geschichte oft und gern vergessen oder nicht überliefert wird. Natürlich kann dieses Buch nur einen winzigen Ausschnitt, ein ganz kleines Stück dieser Geschichte wiedergeben. Sicher gibt es Menschen, die durch abweichende Erfahrungen eine andere Sicht auf das Vergangene haben. Dieser Bericht verfolgt nicht das Ziel einer wissenschaftlichen Abhandlung, sondern erzählt meine eigene Geschichte, ich hoffe auf unterhaltsame Art, mal satirisch, mal ernst, mal nachdenklich.
Einleitung
Das Jahr 1977 war dazu bestimmt, mir in ewiger Erinnerung zu bleiben. Diese vorwiegend negativ geprägten Erinnerungen verblaßten mit den Jahren. In den Vordergrund drängen sich heute fast nur noch die übrig gebliebenen positiven Eindrücke. So ist das eben, der Mensch verdrängt das Schlechte und ist geneigt, aus seinen Erinnerungen nur noch das Gute zu berichten. Und letzteres geschieht besonders gern in Männerrunden »Gedienter«. Hier werden die tollsten Geschichten zum Besten gegeben und manche Erzählung läßt die Tendenz zur Übertreibung vermuten, so daß der willig Zuhörende wohl hin und wieder am Wahrheitsgehalt zweifeln dürfte. Nicht zweifeln hingegen muß der Leser am Inhalt und Wahrheitsgehalt des nun folgenden Berichtes. Bewußt wird hier von Höhen und Tiefen, guten wie schlechten Seiten einer Zeit erzählt, die immer wieder Erinnerungsstoff bietet: der Militärzeit.
Gemustert
»Musterung«, ein für mein Befinden unwürdiges Wort. Pferde werden ja bekanntlich auch gemustert. Aber gut, heute schreiben wir das der Militärtradition zugute und regen uns nicht mehr sonderlich auf. Die Musterung bedeutete nichts anderes als die Feststellung der militärischen Tauglichkeit, nein, nicht der von Kavalleriepferden, sondern der von jungen Männern. Es war die erste medizinische Untersuchung zu diesem Zweck und fand in der Regel jährlich für die jeweils 18jährigen statt und die wußten schon, was kommen würde. So auch bei mir, im Jahre 1973.
Man hatte einen ganzen Gebäudeflügel in der Betriebspoliklinik frei gemacht. Jeder mußte zwei Ärzte nebst Schwestern über sich ergehen lassen. In diesem Zusammenhang fällt mir immer wieder das wohl auch traditionelle »Hosen runter und bücken« ein. Hätte bis zu diesem Zeitpunkt nie gedacht, daß es das in dieser Form tatsächlich gibt. Man denkt dabei sofort an Hämorrhoiden! Aber in diesem Alter? In meinem G-Buch, dem mich nun immer begleitenden »Gesundheitsbuch« der NVA, ist im Kapitel »Musterung« jedenfalls kein diesbezügliches Wort zu finden. Erst das Kapitel »Entlassungsuntersuchung« nennt einen solchen Eintrag. Könnte das etwa zu der Annahme führen, daß der Armeedienst diesbezüglich förderlich wäre? Um es vorweg zu nehmen, bei mir ist »nein« unterstrichen!
Nun, man wollte wohl nur die Wirbelsäule prüfen und das machte sich in gebückter Haltung mit heruntergelassenen Hosen und in Anwesenheit der Schwester wohl besonders gut. Zum Glück war letztere bereits in gereiftem Alter und hätte meine Mutter sein können. Peinlicher waren dagegen die Fragen des Arztes nach meinem Intimleben. Des weiteren sollte ich ihm die Bezeichnungen diverser Teile meiner Genitalien nennen! Das muß wohl auch der in der Mimik starren Schwester seltsam vorgekommen sein. Ihre Gesichtsfarbe veränderte sich zumindest in Richtung »mehr Blut«.
Was nach dem »medizinischen Teil« kam, war die verbale Attacke, geführt von der Einberufungskommission, die auf Biegen und Brechen einen Längerdienenden, sprich Unteroffizier auf Zeit oder gar Berufssoldaten aus mir machen wollte. Es hat nicht geklappt. Weder die anfänglich väterliche Tour der Offiziere, noch die dann folgende strenge Aufforderung, gerade zu sitzen, verbunden mit der Drohung, man werde mich dann eben erst »sehr spät« und »ganz weit weg von zu Hause« einberufen, konnten mich von einem Dienst, länger als die obligatorischen eineinhalb Jahre, überzeugen.
Auch nicht der unfaire Verweis auf den Beruf meines Vaters. Mein herzensguter Vater, der zu diesem Zeitpunkt noch als Geschichtslehrer arbeitete, hat für mich stets nur das Beste gewollt und mir selbstverständlich die Entscheidungsfreiheit gelassen. Er sollte nun auf Grund seines Lehrerdaseins als ideologische Waffe herhalten. In der Luft schwang, wenn auch nicht direkt ausgesprochen, unmißverständlich die Drohung, daß mein Vater durch meine Unwilligkeit Ärger bekommen könnte. Ganz so weit ging die Macht der Herren nun aber doch nicht. Ich äußerte mich darauf wohl überaus ungehalten, worauf die Einberufungskommission des Wehrkreiskommandos mich in ebenfalls ungehaltener Stimmung entließ.
Einberufen nach Johanngeorgenstadt
Da war er nun, der berüchtigte Einberufungsbefehl zur Ableistung des Grundwehrdienstes. Mit Sicherheit nicht ersehnt und Schrecken verbreitend. Die Zeit bis zum Tag X wurde immer kürzer und dann ging es im Mai 1977 unweigerlich auf die Reise. Ich war zweiundzwanzig und »weit weg« ging es tatsächlich. Mit dem Sonderzug nach Johanngeorgenstadt, zu den »Grenztruppen der DDR«, den Einberufungsbefehl in der Tasche. Ein Sammeltransport ab Cottbus brachte uns Rekruten in professioneller Begleitung etappenweise an die vorbestimmten Ziele. Da gab es einige, die hatten es im Vorfeld schon übers Herz gebracht, den Friseur aufzusuchen. Ich gehörte nicht dazu, meine Haare waren lang, wie es in den Siebzigern halt Mode war. Angetrunken wegen des nun bevorstehenden, waren wir aber einheitlich alle. Dieses sollte eigentlich die Begleitung verhindern. Ein ungleicher Kampf. Die Ernüchterung kam dann aber mit dem Anblick des Kasernentores und dem Schrecken, als dieses hinter uns zukrachte.
Von nun an war für 18 Monate eigenes Denken offiziell gestattet aber praktisch unerwünscht. Es herrschte die Macht des Militärs - der Befehl. Was auch immer ab jetzt getan wurde, für alles gab es das Werk der Werke für den Soldaten: die Dienstvorschrift. Sie regelte einfach alles und so war das mit dem Denken sowieso überflüssig. Und das war auch gar nicht so schlecht, denn wer abschalten konnte, merkte nur gedämpft, was jetzt auf ihn zukam.
Johanngeorgenstadt - welch klingender Name, aber nur für die Touristen und Urlauber in diesem beliebten Ferienziel der DDR. Und wir mitten drin für ein halbes Jahr Grundausbildung! Diese Zeit war in den Reihen der Grenztruppen vorgeschrieben. Fit machen wollte man uns für den dann planmäßig folgenden einjährigen Dienst an der »Grünen Grenze«. So nannten wir alle Grenzabschnitte, außer dem nach Westberlin. Offiziell hieß unser Abschnitt »Grenzkommando Süd«. Planmäßig allerdings sollte bei mir nichts so recht verlaufen.
Eingekleidet und Ausgerüstet
Beim Militär geht es erst mal los mit dem Loswerden der eigenen Kleidung. Und dies geschah gründlich. Außer einem Schlafanzug behielten wir nichts individuell Anziehbares. Alles genormt, alles gleich in Farbe und Form, wie sich das für eine anständige Truppe gehört und was ja auch die zuständigen Befehle für die Anzugsordnung erheblich vereinfachte. Man hatte auf dem Kasernenhof eine Reihe Zelte aufgestellt, die wir nun passierten. In jedem Zelt gab es andere Kleidungs- und Ausrüstungsgegenstände, von der Unterwäsche bis zur Feldflasche. Die Zivilkleidung mußte eingepackt und nach Hause geschickt werden. Nach erfolgter Einkleidung mit den unweigerlich begleitenden Worten »paßt, paßt«, standen wir im Armee-Trainingsanzug und einem riesigen Bündel voll Klamotten über der Schulter auf dem Hof.
Es folgten Fragen der Unteroffiziere an die Rekruten »Wer kann was?«. Wer jetzt viel konnte, hatte später die Chance, hin und wieder abducken zu können, sprich, sich vor der einen oder anderen Maßnahme zu drücken. Wie durch Eingebung dachte ich mir das schon und konnte Schreibmaschine schreiben, gut zeichnen, Gitarre spielen. Die ersten beiden genannten Fähigkeiten brachten mir die Stellung eines Wandzeitungsredakteurs, ja sogar die des Chefredakteurs ein und den Schlüssel für einen Kellerraum - unserer Redaktion. Der Schlüssel war Gold wert, wie sich später herausstellte. Wenn wir, es wurden mir noch zwei weitere Genossen zur Seite gestellt, nicht mit dem Anfertigen von Wandzeitungen, der Herstellung von Agitations- und Propagandamaterial oder wunderschön gezeichneten Lehrtafeln über Kleidung und Ausrüstung unseres Klassenfeindes beschäftigt waren, schlossen wir von innen ab und legten uns auf den Tischen schlafen. Hin und wieder machte uns aber auch ein Schluck aus der geschmuggelten Schnapsflasche besonders munter.
Die Unteroffiziere, meist jünger als so mancher von uns, hatten in der Folgezeit alle Hände voll zu tun. Mußten sie doch erst einmal »Menschen aus uns machen«. Mein angeborener Ordnungssinn half mir jetzt in so mancher Angelegenheit. Im Spind bekam alles seinen Platz nach DV (Dienstvorschrift). Die Unterwäsche, bei der NVA und den Grenztruppen, egal ob Sommer oder Winter, ausschließlich aus langem Unterhemd und langer Unterhose in weißer Baumwollqualität bestehend, wurde aus Gründen exakter Geometrie und glatter Kannten mittels eingelegter Zeitungen zusammengelegt. Hierzu war bestens geeignet die »Volksarmee«, ein Blatt, dessen Bezug Pflicht war, wie auch das FDJ-Organ »Junge Welt«. Auf dem 10-Mann-Zimmer hätten wir die Zeitungen gleich zehnmal lesen können. Sinnigerweise mußte jeder seinen Sold für eigene Zeitungen schmälern. Sonst hätte das mit der Wäschegeometrie ja auch nicht geklappt. Geometrische Linien- und Flächenführung ohne chaotische Falten waren auch den Betten zugedacht. Hierzu gab es das Procedere des Bettenbaus. Wie gut, wenn jemand von uns eine noch intakte, nicht durchgelegene Matratze erwischt hatte. Sonst war es schwierig, ein Bett zu bauen, das wie eingeschalt aussehen sollte. Sehr zu beachten war auch die Falttechnik der an das Fußende aufgelegten Decke. Das in großen Lettern aufgedruckte »NVA« hatte immer sichtbar nach oben zu zeigen. Wir sollten schließlich nie vergessen, wo wir uns jetzt befanden.
Bei Nichteinhaltung dieser wichtigen Dienstvorschriften kam die »Mutter der Kompanie«, sprich der Spieß oder offiziell Hauptfeldwebel genannt und machte aus dem angeblich unordentlichen Bett nachdrücklich einen Saustall. Gleiches konnte durch Auskippen des Spindes geschehen, wenn dieser in den Augen des Hauptfelds nicht der DV entsprach. Das war allerdings Auslegungssache und von Genosse zu Genosse oder von Tag zu Tag, je nach Laune des Spießes, verschieden. Also Ordnung, Ordnung, nochmals Ordnung und Acht geben, wenn der Spieß kommt! Der hatte auch immer im höchsten Maße ein Auge auf die Sauberkeit. Die gesamte Kaserne und deren Umfeld hatte zu blitzen. Reinigungsgeräte gab es dazu von verantwortlichen Soldaten der Besenkammern. Die Armee muß Großabnehmer von Bohnerwachs gewesen sein. Das gab es in Pappeimern und wurde in Unmengen auf Zeitungspapier, sozusagen haufenweise, ausgeteilt.
Der Bohnerbesen wurde kräftig geschwungen, es galt, lange Flure und Stubenfußböden blitzblank zu machen. Der Spieß kannte jedes noch so versteckte Eckchen, wo Staub liegen könnte. Die Konzentration auf Sauberkeit und Ordnung ließ uns manchmal den Blick auf unseren Feind vergessen; also auf das Wesentliche, den oft und gern herbeigeredeten»Aggressor«.
Der Spieß stand jeden Morgen zum Appell vor der Truppe, schickte die Unrasierten wieder weg und gab den Dienstplan bekannt. Der Dienstplan, Dokument von Furcht und Hoffnung, hatte für jeden etwas dabei. Frühsport, Märsche, Sturmbahn, Politunterricht, Übungsschulgelände, Imitationssgrenzdienst und und und. Nur Freizeit war rar. Wochentags eine Stunde, Samstag einen halben und Sonntags den ganzen Tag. Freizeit hieß allerdings nicht frei sein. Auch hier warteten viele Überraschungen auf uns. Wie z.B. der bei mir so besonders beliebte Sport. Da ich von Geburt an nichts vom Sport hielt, was sich bis zum heutigen Tage nicht geändert hat, gab man mir Gelegenheit, in meiner Freizeit meine nicht vorhandenen sportlichen Fähigkeiten wenigstens in Ansätzen zu trainieren.
Die ersten 14 Wochen
Die ersten Wochen sind die Schlimmsten, erzählte man sich. Das trifft für den normalen Rekruten in der sogenannten Grundausbildung für etwa 4 bis 6 Wochen zu. Nicht aber in unserer Truppe. Die Zeit bis zum ersten Ausgang sollte 14 Wochen dauern. Uns kam sie unendlich vor. Das Leben hatte sich gravierend geändert. Man war irgendwie nicht mehr Subjekt, sondern nur noch Objekt. In allen Lebenslagen geführt, gelenkt und geleitet von Befehlen. Übermittelt meist durch Unteroffiziere, von denen es damals leider auch einige gab, deren Intellekt wohl keinen anderen Beruf zuließ. Allgemein bekannt war, daß viele der sogenannten 10-Ender, also zehn Jahre dienende Berufsunteroffiziere von der Armee geworben wurden, egal zu welchen Leistungen sie in der Schule fähig waren. Ähnliches traf auf einige Offiziere zu, die an der damaligen EOS (Erweiterte Oberschule, entspricht dem heutigem Gymnasium) nur zum Abitur kamen, weil sie sich für die Offizierslaufbahn verpflichteten. Wie gesagt, das traf für einige Armeeangehörige zu, nicht für alle. Ich habe auch Vorgesetzte, sowohl Unteroffiziere als auch Offiziere, mit menschlicher Stärke und großen Fähigkeiten kennengelernt. Nicht vergessen sind auch all jene, die sozusagen zwangsweise 3 Jahre dienten, nur um später einen Studienplatz zu bekommen, und das waren nicht wenige. Zwischen den Unteroffiziersdienstgraden und den Offizieren gab es noch den Fähnrich. Nicht jeder BU (Berufsunteroffizier) wollte oder konnte nach 10 Jahren Armee so einfach in das Zivilleben wechseln. Die Fähnrichschule war sozusagen der Ausweg für einen weiteren Werdegang in der Truppe.
Frühsport
Besonderes Vergnügen muß es manchem Unteroffizier gemacht haben, den militärischen Tag zu beginnen. Und zwar um 6.00 Uhr früh mittels Trillerpfeife auf hallenden Fluren, Türen aufreißend und laut brüllend »Kompanie, Nachtruhe beenden!«. Dann hieß es raus aus den Betten in Sekundenschnelle, der Kreislauf wird´s danken. Schnell zur Toilette. Der nächste Befehl kommt bestimmt. Kurz darauf: »Fertigmachen zum Frühsport. Sportzeug kurz. Zeit fünf Minuten«. »Alles raustreten zum Frühsport!«. »Im Laufschritt marsch, marsch!«. Normales Gehen war ohnehin verpönt. Also nichts wie runter die Treppen, raus auf den Kasernenhof und zur Einstimmung erst mal immer schön im Kreise mit Einlagen, wie Schlußstrecksprung, Liegestütze etc. Und dann in eine andere Ecke des Hofes, denn dort lagen sie schon und warteten auf uns, die schön bunt (!) angestrichenen Panzerkettenglieder. Beliebte, kraftfördernde, aber erst mal entkräftende Trainingsgeräte.
Nach diesem Treiben war meist die erste Hürde des militärischen Dienstplanes genommen. Der Frühsport konnte aber auch in einen 3000 Meter-Lauf ausufern. Dann rannten wir aus dem Kasernengelände hinaus, durch die Urlauberstadt, vorbei an früh aufgestandenen, neugierig gaffenden Touristen, direkt zu einem Wanderweg, um auf diesem dann immer hin und her zu rennen. Die Uffze paßten auf, daß auch ja keiner abduckte. Da diese Genossen aber auch nicht immer dienstlustig waren, hatten wir hin und wieder auch mal Glück. Es waren eben immer die kleinen Dinge, die kleinen fast unscheinbaren Vorteile, welche man für sich zu nutzen wußte und die einem jedesmal wie ein Sieg vorkamen.
Nun war die morgendliche Zeremonie des Mannschaftswaschens an der Reihe. Mehrere Züge mußten es fertig bringen mit wenigen Waschgelegenheiten, die irgendwie an Viehtränken erinnerten und scheinbar nur mit Kaltwasserhähnen ausgestattet waren, auszukommen und das selbstverständlich nach vorgegebener Zeit. Das Wort »Dusche« war in dieser Kompanie nur als Massendusche bekannt und das auch nur einmal in der Woche.
Essen ist Dienst
Was jetzt kam, wurde ausdrücklich als »Dienst« ausgewiesen, das Frühstück. In der Tat waren bei der Armee sämtliche Mahlzeiten Dienst und Erscheinen somit Pflicht. Man ging, wie immer in Marschordnung, Bestecktasche und Plastetasse in der Hand, zum Speisesaal. Der war in einem separatem Gebäude, in dem sich auch die Küche befand, gleich neben unserem Quartier untergebracht. Der Weg dorthin konnte allerdings hin und wieder ziemlich lang werden. Zum Beispiel, wenn das befohlene Lied nicht laut genug vorgetragen wurde oder der Gleichschritt nicht klappte. Drei bis fünf Runden um den Kasernenhof waren dann nicht unüblich. Das Frühstück bestand aus Brötchen und Marmelade, etwas Wurst und wer wollte Mehlsuppe. Die Krönung war der Malzkaffee oder auch der Tee. Diese aus Aluminiumkannen in unsere roten oder blauen Plastetassen, welche es übrigens auch in Kindergärten und an Schulen gab, gefüllten Flüssigkeiten schäumten jedesmal so verdächtig, daß die Erkenntnis nicht ausblieb, hier muß noch was anderes drin sein. Hartnäckig hielt sich das Gerücht, es handele sich um das sogenannte »Hängolin«, der Spitzname für einen chemischen Zusatz zur Dämmung sich regender Manneskraft.
Exerzierausbildung
Das wichtigste beim Militär ist zu wissen, wie man sich zu bewegen hat. Für jede Lebenslage, Gangart, Drehung oder Formation gibt es eindeutige Befehle. Das erleichtert im Kriegsfall den geordneten Gang in den Tod oder, was dann doch angenehmer wäre, den Rückzug nach dem Motto: »Kameraden, die Welt ist rund, wir greifen von hinten an!«. Wie auch immer, Bewegung zu erlernen hieß im Dienstplan »Exerzierausbildung«. Zwar langweilig aber nicht sonderlich anspruchsvoll, sollte man meinen und, außer dem Paradeschritt, von körperlicher Anstrengung her zu ertragen. Also eine der leichteren Übungen. Selbstverständlich fand das Ganze auf dem Kasernenhof statt und bei solchen Aktivitäten mußte man unwillkürlich an die alten Preußen denken. In der Tat dauerte es aber doch seine Zeit, bis alle Soldaten diesen hochwichtigen Part beherrschten, denn scheinbar wußte nicht jeder wo links oder rechts ist, eine der grundlegenden Voraussetzungen für erfolgreiches Exerzieren. Irgendwann nach zahlreichen Tobsuchtsanfällen der Ausbilder und ebensovielen Strafrunden schaffte unser Zug und natürlich auch alle anderen es doch. Der Grundstein war gelegt, und künftig war das räumliche Dirigieren der Truppe mit kurzen Worten möglich, egal wohin es ging.
Sehr beliebt in diesem Zusammenhang war der Marsch im Gleichschritt mit gesungenem Lied. Talentierte konnten sich austoben. Die eine oder andere Stimme war in beeindruckendem Klangvolumen zu vernehmen, so daß man dachte, man sei in einem russischen Männerchor. Dagegen kämpften allerdings die falschen Töne mit großem Erfolg an. Probleme bereitete meist der zu singende Text. Zwar wurde dieser eigens im Unterricht vermittelt, irgendwann einigte man sich aber dann doch auf nur ein oder zwei Lieder. Meine Singbereitschaft ging immer nur soweit, daß ich einfach mit dem Mund wackelte. Äußerst unbeliebt war der sogenannte Exerzier- oder Paradeschritt. Eine Gangart, die nicht gerade der Natur abgelauscht und somit also äußerst anstrengend war. Mit durchgedrückten Knien, die Beine beinahe bis zur Waagerechten hochreißend, hatte man Mühe, vorwärts zu kommen. Aber unerläßlich, denn dieser Schritt war für die spätere Vereidigung vorgesehen. In weiser Voraussehung allerdings nur für eine kurze Wegstrecke.
Wir lernten nacheinander alle für das militärische Leben wichtigen »Unterordnungsübungen« wie z.B. Grußanweisungen mit und ohne Mütze, wie man sich zu melden hat, wie man einen Vorgesetzten anspricht, wenn ein noch höherer Vorgesetzter im Raum ist, was man zu sagen hat, wenn man den kargen Sold empfängt und und und. Es war an alles gedacht. Wenn im Gebäude keine Kopfbedeckung getragen wurde, hatte man einen Vorgesetzten mittels einer sogenannten Blickwendung zu grüßen. Dabei waren bestimmte Abstände, vor und nach dem Vorbeigehen, einzuhalten.
Eines Tages lief ich den Flur in der Kaserne entlang, da kam mir ein BU entgegen. Dieser Mensch war von kleinem Wuchs, wofür er ja nichts konnte, aber irgendwie mußte der einen Schaden, um es vorsichtig auszudrücken, in seiner Psyche davongetragen haben. Jedenfalls wendete ich im Vorbeigehen meinen Kopf und blickte ihn vorschriftsmäßig an. Der BU tat gleiches, allerdings riß der seinen Kopf so herum, daß man das Knacken der Halswirbel hören konnte und verzog sein Gesicht dabei dermaßen zu einer Grimasse, man kann sagen »Gesicht zur Faust geballt«, daß ich nicht so recht wußte, will der mich nun verscheißern, hat er was gesoffen oder siehe oben! Ich nehme an, es war der lange Dienst und die Jahre, die noch vor ihm lagen. Im Übrigen gehörte dieser BU zu den unangenehmen Typen, die mangels Intellektes nur kraft ihres Dienstgrades über ihre Untergebenen herrschten. Solche Leute waren unberechenbar, da sie ihren Geist, wenn überhaupt welcher vorhanden war, vor dem Kasernentor zurückgelassen hatten.
Die Sturmbahn
In der Unbeliebtheitskala ganz vorn stehend, war die Ausbildung auf der Sturmbahn. In Felddienstuniform mit Stahlhelm, Schutzausrüstung und einem hölzernen Übungsgewehr ging es im Gleichschritt zum Ort des Schreckens. Die zahlreichen Hindernisse auf der Bahn waren nach Zeit zu absolvieren und die war ziemlich kurz veranschlagt. Den beinahe totalen Stopp verursachte bei den meisten die sogenannte Eskaladierwand. Da hinüber zu kommen schien mir schier unmöglich und in der Tat wurden solche Genossen wie ich anfänglich einfach rübergeschmissen. Und dann gab es da noch eine Wand: die zweistöckige Häuserwand. Mittels eines Seiles sollte man das Fenster des zweiten Stockes erklimmen und von dort auf der anderen Seite über einen schmalen Balken laufen, um dann in zwei Etappen hinunter auf Betonklötze zu springen. Das brachte mir meine erste Innendiensterkrankung ein. Auf meinen Hinweis, daß ich nicht höhentauglich sei, nahmen die Ausbilder keine Rücksicht. Befehl ist Befehl, also schaffte ich die Hürde, allerdings überaus verkrampft. Daher sprang ich auf die Betonklötze zuerst mit der Hacke aufkommend und die nahm mir das übel. Eine Prellung war die Folge.
Innendienstkrank
Am nächsten Morgen meldete ich mich zum Arztbesuch. Das hatte beim UvD, dem Unteroffizier vom Dienst, zu geschehen. In der UvD-Stube wurden Anliegen dieser Art in die UvD-Kladde eingeschrieben. Anschließend brachte ein Sankra die kranken Genossen in ein weiteres, im Ort vorhandenes Objekt zum Militärarzt. Der hatte jeden Tag eine ganze Reihe von Soldaten zu verarzten. Deren Beschwerden waren meist auf Blasen an den Füßen, Erkältungen oder eben wie bei mir auf traumatische Ereignisse wie Verstauchungen und Prellungen begrenzt. Öfter gab es da auch Simulanten, die mit Magenverstimmungen oder Sehnenscheidenentzündungen glänzten. Unglaubwürdige wurden sofort ausgesondert und zurückgeschickt. Der Spieß nahm sich derer dann besonders an.
Meiner nahm er sich auch an. Allerdings wurde ich tatsächlich innendienstkrank geschrieben. Das hieß nun aber nicht, daß ich meine Ruhe gehabt hätte. Nein, ein Spieß hat immer Einfälle. Und kann man nicht laufen, so kann man doch in der Küche im Sitzen Kartoffeln schälen und das kübelweise. Später hat er mich dann dem Schreiber zugeteilt um irgendwelche Sachen zu sortieren. Als meine Innendiensterkrankung dem Ende zuging, gab es noch den Befehl zum Säubern der Toiletten. Diesem Befehl kam ich nicht sofort nach, sondern erledigte erst noch etwas Angenehmeres im Auftrag des Schreibers. Das hatte einen mordsmäßigen »Anschiß« zur Folge. Um den Spieß für die Zukunft bei Laune zu halten und nicht weiterhin in seiner Schußbahn zu stehen, streute ich mir Asche aufs Haupt, machte »Männchen« (soldatischer Gruß) und gab dem Spieß zu verstehen: »Genosse Hauptfeldwebel, gestatten Sie, daß ich Sie spreche?« Der: »Rede, Grünitz!« »Genosse Hauptfeldwebel, ich hätte natürlich zuerst Ihren Befehl und dann den des Schreibers befolgen müssen. In Zukunft mache ich diesen Fehler nicht mehr.« Der Spieß fühlte sich sichtlich auf den Bauch geklatscht und meinte »Grünitz, Grünitz paß bloß auf, aber na ja...wegtreten!« Das war meine Rettung, denn wer einmal auf der schwarzen Liste der Mutter der Kompanie stand, der bekam für den Rest der Tage eine wenig mütterliche Sonderbehandlung.
Der Spieß war wichtig, ja man konnte sogar behaupten, die Macht des Hauptfeldwebels lag trotz des niedrigeren Dienstgrades über der des Kompaniechefs. Hatte der Spieß doch die gesamte Organisation zum Funktionieren des Kasernenlebens zu bewältigen, von der Verpflegungsliste über Bekleidung und Ausrüstung bis zur Militärfahrkarte, Ausgangsschein, Belobigungs-, Strafregister und vieles mehr. Mein Verhältnis zum Spieß sollte sich viel später, an einem anderen Standort, in ein beinahe herzliches ändern.
Ausbildung auf dem ISG
Aber noch waren sie nicht vorbei, die ersten Wochen, und schon gar nicht das erste halbe Jahr.
Bewegung im Gelände, Nahkampf und andere Tugenden eines Soldaten in der Grundausbildung standen auf dem Dienstplan. Wir rückten morgens aus. Es ging in voller Montur zum ISG, dem »Immitationsschulgelände«. Alle Mann in Felddienstuniform, Felddienstkäppi, Vollschutzausrüstung, Stahlhelm an der Seite, über der Schulter das russische MG »Kalaschnikow« und an einem Tragegestell auf dem Rücken das Teil 1, eine Art Tornister. Teil 2 hatte man uns diesmal erspart. Dieses hätte man noch an Haken unter dem Teil 1 befestigen können. Dafür hingen aber noch ein Seitengewehr und die Munitionstasche am Koppel. In der Munitasche befanden sich 4 Magazine mit Platzpatronen. Die klappernde und äußerst hinderliche Ausrüstung wurde ergänzt durch die Feldflasche und das mitzuführende Kochgeschirr, das dem fiktiven Feind schon von weitem meldete, »Wir kommen!«
Aber erstmal rasselten wir in dieser Aufmachung mitten durch die Stadt. Und wie das so ist, immer schön im Gleichschritt oder auch »Ohne Tritt, Marsch«. Die Kompanie geordnet nach Zügen und die Genossen in den Zügen nach Größe. Das hatten wir ja schon vorher auf dem Exerzierplatz bis zum Umfallen geübt. Unter der Last der Ausrüstung, wir sagten immer, der deutsche Soldat schleppe seinen ganzen Schrank mit ins Feld, brach unser letzter und kleinster Genosse im Glied beinahe zusammen. Ein Soldat, der nach unserer Meinung nicht die Mindestgröße gehabt haben dürfte, um eingezogen zu werden. Irgendwie muß die Meßlatte des Musterungsarztes einer Sabotage des Feindes zum Opfer gefallen sein oder der Musterungsarzt hatte schlechte Laune. Wie auch immer, nicht einmal unsere nicht gerade zimperlichen Vorgesetzten konnten die Sachlage verstehen. Aber Befehl ist Befehl und der Mann mußte mit. Leider zum Spott aber auch zur Empörung der Zivilisten im schönen Johanngeorgenstadt. Man stelle sich einen Gartenzwerg in Kriegskleidung vor und bis an die Zähne bewaffnet. Uns tat der Mann leid. Bald aber konnten wir uns selber leid tun, denn was jetzt losging, gab es viele, viele Male in diesem ersten halben Jahr. Zur Einstimmung lernten wir erst mal gründlich die schöne Umgebung kennen. Ein riesiger Umweg zu unserem Ziel bescherte uns dieses Erlebnis, welches noch mit netten Einlagen gespickt war. Wenn die Laune der Uffze sich plötzlich hob, dann hatten die immer etwas pyrotechnisches Spielzeug dabei und wollten das nun unbedingt ausprobieren. Also hasteten sie nach vorn und irgendwo in einer hohlen Gasse warfen sie zum Beispiel Tränengaspatronen und Übungsböller von oben herab. Einer schrie: »Gasalarm!«. Alle legten die Schutzmaske an. Wer den Schlauch im Gasmaskenbehälter von dem dort befindlichen Filter abgeschraubt hatte, um beim Marsch unter Maske unerlaubterweise besser Luft zu bekommen, der hatte jetzt ein Problem: Tränengas reizt mächtig und in so einem Falle auch die Schadenfreude der Unteroffiziere. Ein weiteres beliebtes Spielchen war: »Fliegerangriff von links!«. Alles fiel, Deckung vor dem imaginären Feind suchend, in den Dreck. Und so immer schön weiter, streckenweise in »kurzen Sprüngen« bis wir endlich am ISG angekommen waren. Jetzt war erstmal kurze Rauchpause angesagt und Frieren.
Durchgeschwitzt vom langen Marsch standen wir da in unserer Sommerdienstuniform, obwohl es in den Vormittagsstunden noch recht kalt in den Bergen rund um Johanngeorgenstadt war. Allerdings nicht lange, denn jetzt ging´s erst richtig los. Grundstein jeder Gefechtsausbildung ist es, zu lernen, sich nach Befehlen richtig zu bewegen. Wo kämen wir wohl sonst hin, wenn jeder in eine beliebige Richtung verschwinden würde? Also lernten wir die Bewegungsarten eines Soldaten im Gelände, welche da z.B. sind das Laufen in Reihe, in Kette, in kurzen Sprüngen, das Kriechen oder auch Gleiten bzw. Robben genannt und und und. Sehr hilfreich für eine möglichst gefechtsnahe Ausbildung war der aufgeweichte, nasse, dreckige, matschige Boden an bestimmten Stellen, die dann auch bevorzugt benutzt, d.h. befohlen wurden. Diese momentanen persönlichen Ärgernisse sollten helfen, in einem eventuellen Ernstfall, besser durch das Schlachtfeld der Ehre zu kommen.
Auf dem ISG stand zu Übungszwecken ein ausgedienter Panzer, ein alter T34 russischer Bauart, an dem wir aber nie geübt haben. Jedoch hatte dieser eine magische Anziehungskraft auf uns. Wollten wir doch so´n Ding auch mal von innen sehen. Eine Pause in der Gefechtsausbildung nutzend, setzten wir auf, d.h. wir kletterten unbemerkt hinein. Der Turm ließ sich tatsächlich noch mittels Handkurbel drehen, so wie auch das Kanonenrohr in der Vertikalen beweglich war.
Da das ISG mitten in touristisch erschlossenem Gebiet lag, war kaum zu verhindern, daß sich hin und wieder Wandersleute hierhin verirrten und dann gemütlich und hochinteressiert über den Platz schlenderten. Diese Zivilkontakte waren natürlich nicht unbedingt im Sinne des Militärs, wo ja ohnehin alles so geheim war, daß man selber nicht wußte, was man da gerade tat. Also machten wir uns den Spaß und drehten das Kanonenrohr in Richtung der zivilen Spaziergänger. Die wurden irgendwie unruhig und gingen in den beschleunigten Schritt über. Als sich dann noch das Rohr in eine ballistisch direkte Anvisierung senkte, so daß unsere Wandersleute nur noch die sie verfolgende kreisrunde, schwarze Mündung sahen, ergriffen sie die Flucht und rannten dorthin, wo sie hergekommen waren.
Glücklicherweise hatte die Sache für uns kein Nachspiel und man möge uns im Nachhinein verzeihen, hatten wir doch sonst eher selten etwas zu lachen. Noch den ganzen Tag tummelten wir uns auf diesem abwechslungsreichen Immitationsschulgelände. Und es waren noch viele Tage, welche uns dieses Gelände bis auf den letzten Zipfel kennenlernen ließen. Man könnte eventuell noch heute die Spuren von damals feststellen, denn es müßten ungezählt viele unabgefeuerte Platzpatronen in der dortigen Erde stecken. Bei den Angriffen mit befohlenem «Hurraaaaa”-Geschrei auf unseren unsichtbaren Feind sollte aus allen Rohren der Maschinenpistolen gefeuert werden. Jeder wußte aber, daß Platzpatronen besonders viel Dreck in der Waffe hinterlassen und in der Kaserne angekommen, war zu später Stunde Putzen angesagt. Also führten wir den Krieg mehr lautlos, zur Wut unserer Unteroffiziere, aber die konnten ja nicht überall sein. Die guten Patronen ließen wir zwecks Beweisentlastung unbenutzt im Erdreich verschwinden. Das war im wahrsten Sinne des Wortes Munitionsverschwendung.
Mittags gab es das so überaus beliebte Essen aus dem Kochgeschirr. In Kübeln herangefahren, wurde von der Ladefläche des W50 herab in die Geschirre gekellt. Das Speisen aus dem Kochgeschirr war am appetitlichsten, wenn es Eintopf gab. Ein Einsatz im Kochgeschirr verhinderte zumindest, daß bei anderen Gerichten nicht auch der Nachtisch mit allen anderen Essenskomponenten vermischt wurde. Zur Ehrenrettung der Küchenbullen, so nannten wir die Küchenverantwortlichen, sei erwähnt, daß diese auch hin und wieder Plasteteller mitschickten. Von denen ließen sich Fleischgerichte einfach besser essen.
Nach erfolgtem Rückmarsch in die Kaserne, welcher meist ruhig verlief, da bei den Vorgesetzten auch die Luft raus war, gab es dann, wie schon erwähnt, das Waffenreinigen. Es galt der Grundsatz: erst die Waffe, dann der Soldat. Der Waffe erging es dabei allerdings meist besser als uns, war doch Duschen nur einmal die Woche möglich. Aus den Stuben holten wir unsere Hocker. Richteten diese in einer langen schnurgeraden Reihe auf dem Flur aus und legten unsere auseinandergenommenen Waffenteile nebst Reinigungsgerät darauf. Wir standen dahinter. Eine Waffe war sauber, wenn der Vorgesetzte diese für sauber erklärte. Das konnte lange bis sehr lange dauern. Manchmal bis zum Zapfenstreich.
Unterricht
An einigen Tagen stand theoretischer Unterricht auf dem Dienstplan. Die Welt hätte ich umarmen können an solchen Tagen. Eine Erholung! Und wer nicht blöd war, hatte nichts auszustehen. Doch schlauer als der Vorgesetzte sollte man tunlichst nicht sein. Das war aber nicht immer leicht! Der Stoff, nicht sonderlich anspruchsvoll, war mehr auf Geheimhaltung ausgerichtet. Und der gemeine Soldat ist ja ohnehin nur Befehlsausführender. Er braucht nur soviel zu wissen, um einen Befehl ausführen zu können! Also gab es ein wenig Waffenkunde, die oft zitierte Ballistik oder die Beantwortung solcher Fragen: »Wie sieht der Feind aus, was hat er für Uniformen, welche Waffen und Fahrzeuge?« Hier halfen die von meiner Wandzeitungsredaktion abgemalten Lehrtafeln der Nachbarkompanie. Lehrmaterial war knapp, man mußte sich eben zu helfen wissen.
Rein ideologisch betrachtet, weiß ich allerdings heute noch nicht, wie unser damaliger Feind ausgesehen hat. Dafür gab es aber zuhauf Erörterungen »Vom Sinn des Soldatseins« im Politunterricht, von uns »Rotlichtbestrahlung« genannt. Auch die »Aktuell politische Information« gehörte dazu. Diese hatte stets eine Tendenz zur Tendenz, will sagen, sie war strikt einseitig in ihrer Betrachtungsweise. Kein Wunder, wollte man doch vom kalten Krieg nicht loslassen. Kurz und gut, es galt das »Militärische Kampfkollektiv« auch theoretisch zu formen.
Bei all der Theorie war es ein Spaß aus dem Fenster zu schauen. Dort unten auf dem Kasernenhof übten sich unsere Unteroffiziere in der Schutzausbildung. Ja tatsächlich, denen, die uns immer triezten, geschah jetzt selbiges. Natürlich unter Anleitung eines Offiziers. Soviel Hierarchie muß schon sein und wie es richtig geht, kann nur ein Offizier sagen. Wie auch immer, das Lachen unsererseits war nur befehlsmäßig zu unterbinden. Wir hörten an solchen Unterrichtstagen noch etwas von Taktik und Strategie, d.h. die Bedeutung der Wörter wurde erklärt. Sehr tiefgründig waren diese Erläuterungen allerdings nicht, detailliertes Wissen blieb den Offizieren vorbehalten. Man führte uns ein in die Politik und Theorie des Grenzschutzes und man lehrte uns Lieder, wie ja weiter oben schon zu lesen war. Alles in allem zwar langweilig aber eben nicht anstrengend. Eben wunderbare Stunden!
Maskenball
Damit es an solchen Tagen nicht gar zu geruhsam zuging, war zwischendurch »Maskenball« angesagt. Tolle Erfindung, durften wir doch nach vorgegebenen Zeiten die Uniform in all ihren Spielarten wechseln und dann immer wieder zum Appell antreten. Wurden Zeiten nicht geschafft, gab es eine Sonderrunde. Oder aber es wurde BA-Appell befohlen. Dann durften wir mit all unseren Bekleidungs- und Ausrüstungsgegenständen, eingewickelt in unsere Zeltplane, auf dem Kasernenhof erscheinen. Glücklicherweise war die Ausrüstung damals in ihrem Umfang relativ bescheiden.
Überaus bescheiden war die Ausgangsuniform. Diese bestand im Sommer aus Hose und Paradejacke, getragen mit Schirmmütze, Lederkoppel und schwarzen Halbschuhen. In die Jacke wurde eine weiße Kragenbinde eingeknöpft. Ein Oberhemd und Binder gab es für die einfachen Grundwehrdienstpflichtigen nicht. Die Jacke wurde somit direkt über dem Unterhemd getragen. Das hatte im Sommer natürlich auch Vorteile, denn diese Uniform war ohnehin aus dickem, schwerem und dazu noch kratzigem Stoff. Noch um einige Kilo schwerer war der Mantel, von uns »Pferdedecke« genannt. Dieser wurde im Ausgang getragen wenn »Winter« befohlen war. Bei der Armee ist es nämlich Winter oder Sommer und damit kalt oder warm, wenn die Militärführung dies festlegt. Zu unserem Bedauern stimmten aber Befehle und real existierende Witterung meistens nicht überein. Die Ausgangsuniform zu tragen, hatten wir aber bisher immer noch keine Gelegenheit. Die ersten Wochen der Grundausbildung waren scheinbar unendlich.
Damit keine Langeweile aufkam und um Zeiten zu überbrücken, wenn mal keine Ausbildung war, standen sogenannte Putz- und Flickstunden auf dem Dienstplan oder wurden einfach eingeschoben. Hier hatten wir Gelegenheit, unsere BA-Gegenstände sauber und in Ordnung zu halten. Wer es noch nicht konnte, lernte spätestens jetzt, mehr oder weniger gut, Knöpfe anzunähen, Dreiangel und kleine Löcher zu reparieren, aufgeplatzte Nähte zuzunähen oder Socken zu stopfen oder letztere wegzuwerfen und neue zu kaufen. Die gab es nämlich in der MHO, der Militär-Handelsorganisation. Und hier gab es auch Kragenbinden, von denen man nicht genug haben konnte. Eine wahre Sammlerleidenschaft war ausgebrochen, denn immerzu die schnell verschmutzenden Kragenbinden zu waschen, war doch sehr zeitraubend und nervig. Diese weißen Kragenbinden hatten wir auch in unserem Felddienstanzug zu tragen. Jeden Tag wurde kontrolliert, ob die auch sauber waren!
Naturgemäß war der Felddienstanzug am stärksten strapaziert, sollte aber trotzdem immer sauber sein. Die Pflege des Anzuges, wir nannten ihn scherzhaft »ein Strich, kein Strich«, weil er zwecks Tarnung ein Muster aus lauter senkrechten Strichen hatte, bestand vorwiegend im Ausbürsten, Ausklopfen und Fleckentfernung. Von Zeit zu Zeit wurde das gute Stück laut Befehl des Hauptfeldwebels in die Reinigung gegeben. In dieser Zeit mußte dann wohl das DhS, das Diensthabende System, eine Art Einsatz- und Gefechtsbereitschaft für den Ernstfall, gefährdet gewesen sein, da bei uns Reservekampfanzüge eher die Rarität waren. In die Pflegearbeiten wurden all unsere Ausrüstungsgegenstände mit einbezogen. Das ging soweit, daß wir die Metallteile der Gasmaske mit neuer grüner Farbe versahen, damit der Rost unsichtbar wurde. Gut, daß es diese Stunden gab. Sie waren immer auch eine Verschnaufpause, zumal sie oft nicht sinngemäß genutzt wurden.
Hierarchisch
Wir lümmelten dann in der Stube herum, quatschten, rauchten, tranken Club-Cola oder Limo und ärgerten uns über die militärisch unbequemen Hocker, auf denen wir sitzen mußten. Die Einrichtung der Unterkünfte erfolgte, wie alles in der Armee, streng hierarchisch. Den Mannschaftsdienstgraden standen eben nur Hocker, Doppelstockbetten mit sehr dünnen Kopfkissen und schmale Spinde zur Verfügung, während die Uffze Stühle, Einzelbetten mit dicken Federkopfkissen und breitere Schränke hatten. Aber die mußten ja auch länger bleiben. Und die, die ganz lange blieben, denen sei es vergönnt, hatten Sessel, bequeme Holzbetten und kleine Schrankwände im Zimmer. Ja, die Hierarchie war allgegenwärtig. Eben nicht nur im Verhältnis der Genossen untereinander mit ihren unterschiedlichen Dienstgraden, Rangabzeichen und sonstigen Effekten, sondern auch in den Ausstattungsmerkmalen. Offiziere hatten im Winter einen Webpelzkragen. Nun stellt sich die Frage, ob der einfache Soldat weniger kälteempfindlich ist? Übrigens gab es BUs, Berufsunteroffiziere, die hatten auch einen Webpelzkragen. Bis heute weiß ich nicht, ob der ihnen denn tatsächlich zugestanden hat.
Und die Hierarchie machte sich auch in den Rechten der Armeeangehörigen bemerkbar. Zum Beispiel durfte nur ein Offizier in der MHO alkoholische Getränke kaufen. Trinken durfte er sie aber innerhalb des Kasernenengeländes nicht. Das war laut Dienstvorschrift grundsätzlich verboten. Grundsätzlich durchzusetzen war das Verbot jedoch kaum. Vor allem die Offiziere und Unteroffiziere begleitete nicht selten nur die »Truppenstandarte«. Obwohl strengstens verboten, war Alkohol ein immer wieder auftretendes Problem. Gelegentlich gelang es auch uns etwas zu schmuggeln. Postpakete, von den Angehörigen verschickt, wurden allerdings vom Hauptfeld immer argwöhnisch geschüttelt. Es hätte ja was gluckern können. Dann war Paketaufmachen angesagt. Die konfiszierten Flaschen bekam man im günstigsten aber seltenen Fall bei Heimreise zurück, im ungünstigsten Fall wurden sie im Beisein ausgekippt und im für den Hauptfeld günstigsten Fall von diesem und seinen eng Verbündeten ausgetrunken. Der Einfallsreichtum, Alkohol zu schmuggeln, war enorm. Aufwendig getarnt, z.B. in Konservendosen oder anderen unauffälligen Verpackungen, oder gar in Paketen mit doppeltem Boden, wurde versucht, die begehrte Flüssigkeit in die Kaserne zu schicken. Der Spieß, oft mit jahrelanger Berufserfahrung, kannte aber auch sämtliche Tricks und es hing von seiner Laune ab, ob er kurz nach Paketausgabe urplötzlich in der Soldatenstube erschien. Ja, es gab auch Zeiten, da konnte man denken, es gelte der Satz »Leben und leben lassen«. Diese Momente waren allerdings recht selten. Und wenn der Schnaps dann doch in den Kehlen der Vorgesetzten verschwand, hätte man sich zwar beschweren können, aber zum einen war der Dienstweg der Beschwerde lang und zum anderen war man ja durch den Besitz des Feuerwassers im Unrecht.
Freizeit
Wie also die kärgliche Freizeit verbringen? Täglich etwa ein bis zwei Stunden waren vorgesehen und die galt es, wie wir im Soldatendeutsch sagten, »abzudienen«. In jeder Kaserne standen sogenannte Klubräume zur Verfügung. Hierin befanden sich etwas bequemere Sitzgelegenheiten, Bücher des sozialistischen Literaturerbes und ein Radiogerät. Die Skalen der Radios, auch der eigenen auf den Stuben, mußten alle an den Stellen markiert sein, wo die DDR- oder andere sozialistische Sender lagen. Denn den Klassenfeind abzuhören war strengstens verboten, wäre man doch so »der politisch-ideologischen Diversion des Gegners« ausgesetzt gewesen, wie es im »Handbuch des Militärischen Grundwissens - NVA Ausgabe« geschrieben stand. Aber ich hatte Glück, in dem Klubraum gab es auch zwei Gitarren und die waren selten belegt. Also zog ich damit in meinen geliebten Wandzeitungsredaktionskellerraum. Dort konnte ich ungestört mittels Gitarre meine Nerven beruhigen.
Gleich neben meinem Kellerraum war das Reich für unsere Kompaniemusikgruppe und den Kompanie-DJ mit seiner Tontechnik. Hier wurden diverse Instrumente strapaziert, kleine Auftritte einstudiert und die sonntägliche Kompaniebeschallung, Disco genannt, vorbereitet. Hin und wieder war also beträchtlicher Krach in den Kellerfluren. Ich hätte mitgespielt in der Band, aber die wollten offensichtlich keinen mehr an ihren Vorteilen teilhaben lassen. Es gab so etwas wie einen Konkurrenzkampf um Vorteile. Aber was soll´s, ich hatte ja meine Wandzeitung zum »Abducken«. Das heißt, hierhin zog ich mich zurück um dem Militär da oben in der Kaserne, wenigstens für kurze Zeit zu entfliehen.
Viele von uns nutzten die Freizeit zum Briefe schreiben, lesen oder Fernsehgucken. Der Fernseher befand sich in einem speziellem Fernsehraum für Soldaten und war wie die Radios sendermäßig eingeschränkt. Hierzu wurde einfach das DDR-Fernsehen fest eingestellt und das Bedienfeld zur Programmwahl abgedeckt und versiegelt. Die Unteroffiziere hatten einen eigenen Fernsehraum. Ob deren Fernseher auch versiegelt war, oder zwecks »Feindstudium« nicht, konnte ich persönlich nicht feststellen. Ich sah nur manchmal einige wenige ausgewählte, offensichtlich mit Privilegien ausgestattete Soldaten darin verschwinden. Unterschiede zu machen, war in dieser Kompanie ein gern praktiziertes Mittel um den einen oder anderen hervorzuheben und auf diese Weise Kameraden gegeneinander auszuspielen.
Zapfenstreich
Privilegien in größerem Umfang zu genießen, sollte für mich viel später auch wahr werden. Aber noch waren wir in Johanngeorgenstadt und die ersten schlimmsten 14 Wochen ohne Ausgang neigten sich nur ganz langsam dem Ende zu. Nach der Freizeit stand Stuben- und Revierreinigen auf dem Dienstplan. Jeder war für irgend etwas eingeteilt, alles mußte sauber sein bevor der Zapfenstreich folgte. Pünktlich 22.00 Uhr hatten alle in den Betten zu liegen. Die Stubenältesten machten dem UvD noch Meldung: »Stube mit 10 Mann belegt, 9 Mann anwesend, einer im Med-Punkt, Stube gereinigt und gelüftet, zur Nachtruhe bereit.« So oder ähnlich lauteten die einstudierten Meldungen und der eine, der da fehlte und im Medizinischen Punkt oder Lazarett lag, hatte entweder Fieber oder einen Knochen gebrochen, sonst läge er dort nicht.
Das Licht wurde gelöscht, und es hatte Ruhe zu herrschen. Die konnten wir nach dem ausgefüllten militärischem Tagewerk allerdings gut gebrauchen und alle hofften, daß ja kein Nachtalarm unseren Schlaf jäh beendet. Schlaf war sehr beliebt, war es doch gediente Zeit, von der wir nichts mitbekamen. Wer nicht gleich einschlafen konnte, der kam ins Grübeln. Dachte man doch an zu Haus und seine Angehörigen. Einige von uns waren bereits verheiratet, hatten ein kleines Kind, von dem sie nun anderthalb Jahre nur sehr wenig mitbekamen. Ein Umstand, der sogar den Einsichtigsten zum Fluchen auf die Armee veranlaßte. Und ich habe mich oft gefragt, ob es dafür nicht eine andere Lösung hätte geben können. Schließlich befand man sich nicht im Kriegszustand, wenn es uns auf Grund permanenter ideologischer Einflußnahme auch manchmal so vorkam. Draußen, wenige Meter vor meinem Fenster und doch so weit weg, lief das Leben ab. Auf dem Bett liegend, fiel mein Blick oft auf den »Tourist«, eine Urlaubertanzgaststätte, die fast jeden Abend hell erleuchtet war.
Der Zeitpunkt der Nachtruhe wurde nur einmal in der Woche befehlsmäßig nach hinten verschoben, nämlich immer Montag wenn im Fernsehen der »Schwarze Kanal« von und mit Karl-Eduard von Schnitzler gesendet wurde. Für uns eine Pflichtveranstaltung, sollten wir doch durch Herrn von Schnitzler in unserer verordneten sozialistischen Ideologie gestärkt werden. Diese Sendung bewirkte bei den meisten Genossen nur ein müdes Lächeln oder lethargisches Danebenhören, denn selbst die treuesten Genossen mußten feststellen, daß der Mann maßlos überzog und in seinen Argumenten der kälteste Krieger aller Zeiten war. Warum der sein »von« noch nicht abgelegt hatte war geradezu verwunderlich. Eine weitere Pflichtsendung flimmerte jeden Abend um 19.30 Uhr auf uns hernieder. Die »Aktuelle Kamera«, eine im Sinne des sozialistischen Zuschauers geprägte Nachrichtensendung. Leider hatten die von Pressefreiheit noch nichts gehört, denn viele Ereignisse fielen einfach unter den Tisch. Gesendet wurde nur, was ins Weltbild paßte. Unvergeßlich sind die tödlich langweiligen Berichte von angeblicher Planerfüllung in den Betrieben, von Erntekapitänen und ihren Helfern bei der Getreideernte und von Kartoffelvollerntemaschinen. Letztere mußten auch als schön langes Wort für Galgenrätsel herhalten, mit denen wir solche Zeiten zu überbrücken versuchten.
Ein ignoriertes Gespräch
Der Zeitpunkt der Vereidigung der Truppe rückte immer näher. Eines Tages machte der Zugführer, ein Oberleutnant, Einzelgespräche mit jedem Soldaten. Da wir ja zu Grenzsoldaten ausgebildet werden sollten, wollte er unter anderem wissen, wie wir uns bei einer eventuellen Grenzverletzung verhalten würden. Ob wir Hemmungen hätten, die Schußwaffe anzuwenden. Ich sagte ihm ganz klar, daß ich bei einer direkten Bedrohung meiner Person oder meiner Genossen, also aus Notwehr, Waffen anwenden, sie aber in anderen Fällen niemals benutzen würde. Ich würde nicht auf Flüchtende schießen, wie auf Hasen. Ein eventuelles Todesurteil zu fällen, egal aus welchen Gründen auch immer, fühlte ich mich nicht im Recht. Der Genosse Oberleutnant fand das zwar nicht so toll und meinte, es gäbe ja auch subversive Grenzverletzer, die bei uns eindringen würden. Abschließend gab mir mein Zugführer noch zu verstehen, daß sich meine Meinung im Laufe der Zeit schon noch ändern werde, denn zur ideologischen Bildung habe man ja in den Grenztruppen extra ein halbes Jahr Zeit und damit hatte sich der Fall für ihn erledigt. Probleme wollte der anscheinend nicht haben. Ich auch nicht, also lief vorerst alles ganz normal weiter. Allerdings sollte dieses Gespräch nicht das letzte dieser Art gewesen sein.
Vereidigt
Der Tag der Vereidigung, befohlener Höhepunkt im Soldatenleben, war da. Man hatte uns gut vorbereitet. In den letzten Tagen hatten wir nur noch exerziert, das Gelöbnis erläutert und studiert, die Paradeuniformen auf Vordermann gebracht und die Stiefel hochglanzpoliert. Ein solch überragendes Ereignis, das Bekenntnis zu seinem Staat, findet meist in der Öffentlichkeit statt. Das war bei uns auch der Fall. Ein großer Teil der Angehörigen der Soldaten war zu diesem Zweck extra nach Johanngeorgenstadt angereist. Das Kasernentor stand ausnahmsweise einmal ganz weit offen, denn es war gleichzeitig Tag der offenen Tür.
Nach der Vereidigung, bei der wir den heißgeliebten Paradeschritt vorführten und den uns vorgesprochenen Text nachsprachen, hatten nach Auflösung der Formation die meisten von uns Freizeit. Die war das Angenehme an der ganzen Prozedur, konnte doch jetzt erstmalig seit der Einberufung persönlich mit Angehörigen gesprochen werden. Ich hatte allerdings ziemliches Pech. Da ich keinen Besuch empfing und aus eventuell noch anderen Gründen, die festzustellen mir unmöglich waren, aber sicherlich einer Laune des Hauptfeld entsprangen, wurde ich zum Küchendienst eingeteilt. So endete für mich dieser Höhepunkt im Soldatenleben weniger angenehm bei Kartoffeln schälen und Töpfe waschen. Kleiner bescheidener Vorteil: ich durfte so viel Kuchen essen wie ich wollte. Kuchen gab es immer an Sonn- und Feiertagen und natürlich auch am Tag der Vereidigung, pro Mann ein Stück. Unter Umständen wurde dieser Kuchen zur Tauschware, denn nicht alle standen da drauf aber viele eben doch, so wie ich. Nachdem die Angehörigen und alle anderen Neugierigen unseren Bettenbau, die Ordnung in den Spinden sowie die erstklassig gebohnerten Fußböden bewundert hatten, fuhren sie nach Hause.
Die Freizeit war beendet und der militärische Alltag hatte uns wieder in seinen Klauen. Jetzt allerdings mit strafrechtlich erweiterten Pflichten, die sich aus der Vereidigung ergaben, was uns durch unsere Vorgesetzten nun auch ausdrücklich klargemacht wurde. Ja, es gab kein Zurück! Das hätte es allerdings vorher auch nicht gegeben, denn in Unehren entlassen zu werden, wer wollte das schon ausprobieren.
Beurlaubt
Alles lief weiter wie gehabt, in der Hoffnung auf einen baldigen VKU, den verlängerten Kurzurlaub, mit längst fälliger Heimreise. Leider enttäuschte man uns. Wir führten noch tagelang diese und jene hochwichtige militärische Übung durch, wollte unser KC, der Kompaniechef, doch der Beste sein. Die Ausbildungskompanien standen nämlich untereinander in einem »Sozialistisch-Militärischem Wettkampf«. Offenbar Karrieresprungbrett für besonders gute KCs, was uns allerdings völlig egal war. Wir wollten endlich raus! Raus aus dem Kasernenmief, der uns schon weltfremd hatte werden lassen. Und das trotz allabendlich befohlenem Schauen der »Aktuellen Kamera« im Fernsehen!
Nach 14 Wochen war es dann endlich soweit und man erklärte uns eindringlich, wie wir uns draußen zu benehmen hätten. Die ganze Kompanie fuhr in den VKU nach Hause. Das wurde auch Zeit, der Stumpfsinn hatte sich schon mächtig in unsere Hirne eingenistet. Freuten wir uns jetzt doch über die einfachsten alltäglichen Dinge des zivilen Lebens wie die kleinen Kinder, wußten wir doch, daß dies nur von sehr kurzer Dauer sein würde.
Kaum raus aus der Kaserne, eilten wir zum Bahnhof. Die meisten hatten eine lange Reise vor sich, denn es war vielfach Methode, den Wohn- und den Dienstort weit voneinander festzulegen. So verbrachten wir also eine nicht unbeträchtliche Zeit unseres spärlichen VKUs auf den Schienen und Bahnhöfen der Deutschen Reichsbahn. Schnelle Zugverbindungen, in denen eventuell der Klassenfeind hätte sitzen können, wie z.B. in den sogenannten Interzonenzügen, waren ohnehin verboten. Ein solcher Westkontakt wäre unserer Armee wegen der bereits weiter oben schon einmal beschriebenen »politisch-ideologischen Diversion des Gegners« nicht gut bekommen! Aber das war uns jetzt auch erstmal egal. Alle wollten vor Abfahrt noch Bier kaufen. Zwei Flaschen reichten, um uns endgültig glücklich zu machen. Nach so langer Zeit der alkoholischen Entwöhnung brauchte es nämlich nicht viel. Man wollte ja zu Haus auch ankommen und Militärstreifen sowie Bahnpolizei hatten immer ein Auge auf uns. Wer das nicht ernst nahm, sah sich unter Umständen schneller in der Kaserne wieder, als geplant. Also blieben wir artig und beschmutzten unsere Uniform nicht, wie man sinnbildlich meinen könnte. Das Tragen der Uniform war in der NVA und bei den Grenztruppen für Grundwehrdienstleistende im Ausgang und bei Urlaubsfahrten grundsätzlich vorgeschrieben. Wir besaßen in der Kaserne ja auch keine Zivilkleidung mehr, aber zuhaus. Wäre es nach Dienstvorschrift gegangen, hätten wir auch dort Uniform tragen müssen. Hier ignorierten aber alle in fester Verbundenheit die Dienstvorschrift.
Diese DV war offensichtlich von einem äußerst weltfremdem, wahrscheinlich vergreistem und verkalktem Militär-Gesetzgeber erlassen worden. Stützte sich ihre Durchsetzung doch auf das Bewußtsein der Soldaten. Dieses ließ allerdings, bis auf unbekannte Ausnahmen, die gewünschte Ausprägung vermissen und so führte mich, zu Hause angekommen, der erste Gang zum Kleiderschrank und der zweite zur Hausbar in meinem Zimmer. Ich wohnte damals noch bei meinen Eltern und die sorgten sich rührend um mich und natürlich auch um die Auffüllung meiner kleinen Bar. Dafür bin ich ihnen heute noch sehr dankbar.
Die Zeit verging viel zu schnell, immer überschattet von dem Gedanken an die Rückfahrt und die noch folgende, scheinbar unendlich lang zu dienende Zeit. Der Abschied von zu Haus nach dem ersten VKU ist mir auf Grund der deprimierenden Gedanken an die damals von mir sehr verhaßte Armee in besonders guter Erinnerung. Das hing sicherlich auch mit der besonders militärisch-straffen Dienststelle in der Ausbildungskompanie in Johanngeorgenstadt zusammen. Später, in anderen Dienstorten, war dann alles nur noch Routine. Man nahm es wie es kam und diente Zeit ab. Aber jetzt war noch nicht mal ein halbes Jahr rum und es ging unbarmherzig zurück in die Höhle des Löwen.
Ob dieser Wehrdienst jemals zu Ende ging?
Nachtalarm
Kaum in der Kaserne gelandet, den militärischen Alltag wieder in vollen Zügen aufgenommen, krähte der Erpel und zwar des Nachts, zu bestschlafender Zeit. Die in allen Fluren hängenden lautstarken Alarmgeber mit »Erpelklang« ließen uns kerzengerade aus den Betten springen. Nachtalarm! Jetzt galt es alle Befehle zu erfassen und die vorgegebenen Zeiten einzuhalten. Ansonsten hätte immer wieder geübt werden müssen, bis die Normen stimmten. Jeder hatte seine Aufgabe. Nach Anlegen der Bekleidung und Ausrüstung und dem Empfang der Waffen, hatte ich die Aufgabe, zusammen mit einem Genossen Soldat, eine Ausrüstungskiste auf den Hof zu schleppen und dort anzutreten. Nachdem die Anwesenheit von Mannschaft und Material überprüft wurde, fuhren LKW heran und nahmen das Material, wie Munitionskisten, Kisten mit ABC-Bekämpfungsmitteln und sonstige unabkömmliche Gegenstände auf. Uns nahmen sie nicht auf, wir durften laufen, d.h. marschieren. Und weil es in der Nacht gewöhnlich sehr still ist, marschierten wir ohne Tritt, also zwar geordnet aber nicht im Gleichschritt, denn dieser wäre zu laut gewesen. Aber kurze Zeit darauf mußte ich innerlich lachen und muß es heut noch, wenn ich an das skurrile Szenario zurückdenke.
Wir schlichen also aus der Garnisonsstadt hinaus und marschierten auf einer Landstraße in Richtung eines Dorfes. Zur Sicherung der Truppe liefen drei Mann voraus. Einer in der Mitte an der Spitze, die zwei anderen je auf einer Straßenseite ein Stück dahinter. Der eine von der Seitensicherung war ich. Und nun sollte ich auf verdächtige Bewegungen achten und Geräusche hören, die von einem imaginärem Feind stammen könnten, um dann Alarm zu geben. Aber alles was ich hörte, war die in der Stille der Nacht fürchterlich klappernde und schlurfende Truppe hinter mir. Göttlich, welch seltener Spaß! Und was werden wohl die Dorfbewohner gedacht haben, als die dunkle, bis an die Zähne bewaffnete Truppe des Nachts zu Friedenszeiten durch ihre Gemeinde rasselte? »Die von Georgenstadt spielen mal wieder Krieg« Oder waren sie es gewöhnt und es berührte sie nicht weiter?
Der Spaß verging jedoch mit der Anzahl der marschierten Kilometer. Wir liefen die ganze Nacht. Als es hell wurde, kam das Unvermeidliche: Vollschutz war anzulegen. Da hatte doch der Feind tatsächlich biologische Waffen eingesetzt. Zum Glück im Hellen, denn im Dunklen trauten sich die Vorgesetzten nicht so recht »Vollschutz« zu befehlen. Die Gefahr, etwas von der Ausrüstung zu verlieren war einfach zu groß. Die Konstruktion unseres Vollschutzanzuges kam dieser Annahme sehr entgegen. Nur aus einem Teil plus zwei Stiefelüberzüge, Handschuhen und Gasmaske bestehend, war das Anlegen eine Wissenschaft und damit marschieren erst recht. Die Dinger waren so sinnig konstruiert, daß sich nach sechs Kilometern Marsch bei den meisten im Ernstfall der Tod eingestellt hätte. Das ganze Gebinde löste sich nämlich auf und man sah es durch die Maske nicht einmal. Also mußte hin und wieder etwas gesucht werden und das war im Hellen einfach leichter. Daß die Konstruktion nicht ausgereift war, beweist, daß später andere Vollschutzanzüge, bestehend aus Jacke und Hose, eingeführt wurden. Diesen Luxus habe ich aber nie genossen.
Irgendwann kamen wir dann im Gestellungsraum an. Die Truppe sammelte sich im Wald an vorgesehener Stelle. Alle sanken erschöpft zu Boden. Kurze Pause. Danach noch ein paar Spielchen im Gelände, wie Schützenlöcher und -gräben ausheben, an gespannten Seilen über einen Wassergraben hangeln, von Baumstumpf zu Baumstumpf hopsen, über eine Wippe rennen und ähnliche, viel Freude bereitende Aktivitäten. Eine Art Sturmbahn, nur eben gefechtsnah direkt im Gelände, sicherlich mit viel Liebe aus Naturmaterialien errichtet. Wir übten fleißig, denn hierher sollte es auch später gehen zum Abschlußkomplex. Der besten Gruppe winkte ein Sonderurlaub. Und den wollte und sollte ich meiner Gruppe nicht versauen. Da ich nunmal nicht der sportlichste Typ war und dies so schnell nicht ändern konnte (oder wollte?), meine Ausbilder dies schon längst erkannt hatten, beschlossen sie, mich während des Abschlußkomplexes für andere wichtige Tätigkeiten abzustellen.
Der entgangene Sonderurlaub
Alle waren einverstanden, mich fragte man auch und so ging ich, als der Tag herangekommen war in den Wandzeitungskeller und meine Mitgenossen ins Gelände. Ich pinselte also an meinen Wandzeitungen rum, da kommt ein Soldat vom Nachbarzug leise herein. Dieser Zug war aber ebenfalls zum Abschlußkomplex ausgezogen und der Genosse sagt mir, er hätte sich im Keller versteckt, weil er keine Lust hat, bei der Tortur mitzumachen. Unglaublich! Ich solle ihm nach Möglichkeit etwas zu Essen besorgen. Wie im Krimi, dachte ich mir. Der Kamerad versteckte sich dann wieder in einem leeren, im Kellergang stehenden Spind. Leider wurde ich aus meinem idyllischem Keller und diesem Abenteuer, von dem ich leider nicht weiß wie es ausgegangen ist, abgezogen.
Die Vorgesetzten glaubten wohl, mir angemessene Arbeit verschaffen zu müssen. Ich wurde also zum Bau befohlen. Zu einer kleinen Truppe, die ebenfalls abgestellt war und deren fachliche Anleitung ein Kamerad aus meiner Stube hatte, der Maurer war. Da hatte ich aber Glück, es geht eben nichts über Kameradschaft. Viel helfen konnte ich denen sowieso nicht und für einen Tag erst alles erklären lassen lohnte nicht. Der Tag war somit abgehakt und vorgesetztenfrei. Jedes Ding hat seine zwei Seiten. Die zweite Seite war, daß meine Gruppe beim Abschlußkomplex tatsächlich Beste wurde und meine Kameraden noch am gleichen Tag in den Sonderurlaub fuhren. Ohne mich, selbstverständlich. Ob sie mich wohl gelyncht hätten, wenn ich darauf bestanden hätte mitzumachen und wir dann eventuell nicht beste Gruppe geworden wären? Eigentlich hatte ich mir den Sonderurlaub auch verdient.
Sonderurlaub, heiß begehrt und selten erreicht. Unserer Wandzeitungsredaktion versprach der Politoffizier, bei zeitlich kurzer Fertigstellung der Lehr- und Anschauungstafeln über den Klassenfeind, ebenfalls Sonderurlaub. Mit Speck fängt man Mäuse, dachte der wohl. Sonderurlaub haben wir nicht bekommen. Die Tafeln sahen aber wirklich gut aus.
Geschossen
Natürlich hatte ich nicht immer die Möglichkeit irgendwo abzuducken. Das wäre auch nicht gut gewesen, gäbe es doch dann wenig zu erzählen und: »Richtig gedient haben muß man schon «, so die Behauptung aller Gedienter.
Richtig dienen, so mit allem Drum und Dran, konnten wir bei einem herrlichen Biwak in Mutter Natur mit Schießausbildung. Zu diesem Zwecke gab es erst mal eine mehrere Stunden lange Anfahrt der Kompanie auf Mannschafts-LKWs. Dies waren W50 mit Plane und 4 Bankreihen auf der Pritsche. In einer Art Reißverschlußmanier wurde aufgesessen. Dadurch paßten viele rauf auf so einen W50. Hinten an der Klappe saß meist ein Unteroffizier. Bei mir saß ein frischgebackener Offizier, ein Unterleutnant. Alles raunte: »Hier riecht´s nach frischem Brot!« »Brot« war ein wenig hochachtungsvoller Begriff des gemeinen Soldaten für einen Offizier. Und los ging´s. Bei einer langen Fahrt mit dem LKW ist es so wie auf einem Schiff. Man wird seekrank. Dazu kam, daß Auspuffgase unter die Plane gewirbelt wurden. Und so war es nicht verwunderlich, daß sich nicht wenige erbrechen mußten. Den Luxus einer Tüte hatte man nicht bedacht, also wurden die Betreffenden kurzerhand nach hinten gehievt und kotzten über die Ladewand. Anhalten wäre unmöglich gewesen, dann wären wir nie angekommen.
Aber wir kamen an, in einem herrlichen Wald, wo wir erst mal unsere Zelte aufschlugen. Diese wurden immer von acht Mann aus deren Zeltplanen zusammengeknöpft und mittels der kombinierten Zeltbestecke aufgestellt und verspannt. Einen Zeltboden gab es nicht. Der wurde aus abgeschnittenen Nadelbaumzweigen aufgeschüttet. Je mehr, desto besser, wie sich des Nachts herausstellen sollte. Alles hatte gefechtsnah zu erfolgen. Sogar das Zähneputzen und Rasieren. Wasser gab es streng rationiert, für Zähne und Rasur nahm man Tee. Der war nicht rationiert(?). Mordsmäßige Kälte ließ uns eher aufwachen als nötig. Zum Frühstück gab es Komplekte, wie zu allen anderen Mahlzeiten während dieser drei Tage dauernden Übung. Der Begriff allein ließ uns schaudern, denn das hieß nichts anderes, als langweilige Konserven zu futtern. Dazu gehörte auch die berühmte Dreifruchtmarmelade aus der Tube. In ihrer Grundfarbe rot, strich ich sie mir auf einen Kannten Komißbrot und wollte nun das Ganze mehr oder weniger genüßlich verspeisen. Kommt der Spieß vorbei und brüllt: »Genosse Soldat, halten Sie gefälligst die Marmeladenseite nach unten!«. Ich muß wohl ziemlich fragend dreingeschaut haben. »Wegen der Tarnung, Genosse, wegen der Tarnung! Feindliche Flugzeuge könnten uns entdecken.«, so die Erklärung. Wer den, in schauspielerisch überzeugender Art vorgetragenen Witz schon kannte, lachte nun schallend. Gut, daß der Feind nicht in der Nähe war. Aber unser Hauptfeld hatte ab sofort die beste Laune, war er jetzt doch so richtig in seinem Element.
Uns verging jedoch bald der Spaß, denn es ging jetzt zum Schießen. Wir waren im ersten halben Jahr mehrmals schießen. Jedoch war das erste Mal für jeden von uns besonders aufregend, wie halt in anderen Lebenslagen auch. Und aufgeregt, wenn nicht sogar etwas ängstlich waren auch sämtliche Vorgesetzte vom Unteroffizier bis zum Hauptmann. Alle waren plötzlich unerwartet nett und umgänglich. Das muß wohl an der scharfen Munition gelegen haben, die wir naturgemäß erhalten sollten. In der Tat, es soll schon schlimme und weniger schlimme Unfälle, meist durch Unachtsamkeit oder Nichteinhalten der Dienstvorschriften, gegeben haben, nach denen in der Regel dann auch personell Köpfe rollten. Ich mußte solches zum Glück nicht erleben. Wir hatten gutes Trockentraining hinter uns und alle behielten die Nerven.
Was dann kam, war an sich überhaupt nicht furchterregend. An sich machte die Sache sogar Spaß, wenn man das Glück hatte zu treffen und die Silhouette umklappte. Aber das sagte kaum einer öffentlich. Einige, so auch ich, waren hingegen bemüht, nicht zu gut zu schießen. Wir dachten dabei bereits an einen späteren Grenzdienst. Bei guten Schießausbildungsergebnissen hätte man dort wohl auch treffen müssen. Aber es gab auch die Jäger der Schützenschnur. Die sahen die Sache anders und wollten die sogenannte Affenschaukel unbedingt an ihrer Ausgangsuniform baumeln haben. Sah ja aber auch gut aus!
Für uns zukünftige Grenzer gab es außer dem normalen Schießen auf Ringe und feste Ziele eine besonders zugeschnittene Übung. Wir liefen dabei mit gehörigem Seitenabstand vorwärts und schossen auf plötzlich auftauchende oder wegfahrende Silhouetten imaginärer Grenzverletzer. Ein zukunftsträchtiges Spielchen und weiterer Anlaß zum Grübeln. Man hatte aber Angst um uns und schickte hinter jedem Schützen einen Uffz. her. Noch viel mehr Angst herrschte später beim Nachtschießen. Hier wich man uns nicht von der Seite und behandelte uns geradezu mütterlich. Leuchtspurgeschosse zogen ihre helle Bahn durch die Nacht. Die Dunkelheit verstärkte den Schall der detonierenden Panzerfäuste und Zielattrappen krachten auseinander. LMGs spritzen ihre Garben weit über den Schießplatz. Im Mondlicht sah man aufstiebende Erdbrocken. Da waren alle doch recht froh, gelenkt und geleitet zu werden. Die Trommelfelle summten noch im Biwak. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, die Schießreihen am nächsten Tag waren weniger aufregend. Da nicht alle auf einmal ballern konnten, wurden wir auch anderweitig beschäftigt. Natürlich militärisch. Schützenlöcher nach Zeit, Bewegen im Gelände und und und.
Auch diese drei Tage vergingen. Dann ging es, wie hergekommen, zurück per LKW. Auf denen saßen nun völlig verdreckte Genossen, die sich nichts weiter wünschten als eine Dusche und Schlaf. Die Dusche gab es dann auch. Dieses Procedere wurde zugweise durchgeführt. Ein Zivilangestellter hatte die Kessel im Duschgebäude geheizt, drehte ein riesengroßes Ventilrad auf und los ging´s. Die Dusche war eine Massendusche und man mußte sich beeilen, denn der Zivilangestellte hatte strikte Anweisung, nach einer bestimmten Zeit pures Kaltwasser aufzudrehen. Und dieses kam meist überraschend. Wer dann noch eingeseift war hatte eisekaltes Pech. Nach dem Duschen gab es noch einen Wäschewechsel, in diesem Fall außerordentlich. Sonst wurde die Unterwäsche nur einmal in der Woche (!) gewechselt. Eigene Wäsche zu tragen war untersagt. Und dies wurde zumindest in der Grundausbildung strengstens durchgesetzt.
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