Kitabı oku: «Mit Feuer und Schwert»
Hans-Joachim Löwer
Mit Feuer und Schwert
Wie Christen heute
im Nahen Osten verfolgt werden

Inhalt
Cover
Titel
Vorwort
BLUT IM BODEN
KAPITEL 1 · VAKIFLI – TÜRKEI
„Fühlt ihr euch hier eigentlich wohl?“
Wie das letzte Armenierdorf mit seiner Geschichte umgeht
KAPITEL 2 · WADI NATRUN – ÄGYPTEN
„Man kann es aus den Gesichtern lesen“
Wie koptische Mönche mit ihren muslimischen Nachbarn leben
KAPITEL 3 · LASSA – LIBANON
„Wir haben vor euch keine Angst!“
Wie der Streit um eine kleine Kapelle eskalierte
WUT IN DEN KÖPFEN
KAPITEL 4 · TRIPOLI – LIBANON
„Wir warnen dich“
Weshalb eine Bibliothek in Brand gesetzt wird
KAPITEL 5 · KHABUR-TAL – SYRIEN
„Wo war denn unser Gott?“
Wie Kirchen in Trümmer sinken
KAPITEL 6 · KIRKUK – IRAK
„Sie wissen nichts von ihren Wunden“
Wie Albträume den Alltag von Flüchtlingen beherrschen
KAPITEL 7 · DELGA – ÄGYPTEN
„Sie haben euch doch nichts getan“
Wie ein aufgepeitschter Mob Jagd auf Christen macht
KAPITEL 8 · MAALULA – SYRIEN
„Sie haben uns getäuscht“
Wie ein Pilgerort zum Schlachtfeld wird
KAPITEL 9 · MINYA – ÄGYPTEN
„Es braucht nur ein paar Streichhölzer“
Wie ein Jesuitenzentrum in Flammen aufgeht
FREIHEIT DURCH FEILSCHEN
KAPITEL 10 · SINJAR – IRAK
„Ihr habt jetzt drei Optionen“
Wie eine Familie sechs Monate unter dem „Islamischen Staat“ übersteht
KAPITEL 11 · KIRKUK – IRAK
„Er ist unser James Bond“
Wie ein Mittelsmann mit Geld vom Bischof IS-Geiseln freikauft
LEIDEN FÜR GOTT
KAPITEL 12 · BAGDAD – IRAK
„Wir haben noch die ganze Nacht“
Wie ein Priester von Milizen gefoltert wird
KAPITEL 13 · KLOSTER MAR MATTAI – IRAK
„Mein Reden wird mich den Kopf kosten“
Wie ein Mönch an der Front die IS-Kämpfer sieht
KAPITEL 14 · JERUSALEM – ISRAEL
„Wir werden euch kreuzigen“
Wie radikale Juden auf Kirchenmänner losgehen
LEBEN IN ANGST
KAPITEL 15 · DAMASKUS – SYRIEN
„Es kann jeden Moment passieren“
Weshalb Christen lieber auf einen Diktator setzen
KAPITEL 16 · KAIRO – ÄGYPTEN
„Herr, erbarme dich“
Weshalb Müllsammler sich um einen Felsendom scharen
KAPITEL 17 · TRIPOLI – LIBANON
„Sie wussten genau die Adressen“
Weshalb Alkoholverkauf zum Todesrisiko werden kann
KAPITEL 18 · BETHLEHEM – PALÄSTINA
„Sie töten unsere Zukunft“
WORTE STATT WAFFEN
KAPITEL 19 · ANTAKYA – TÜRKEI
„Ein paar Minuten Stille“
Wie sich Menschen in einem Friedenshaus begegnen
KAPITEL 20 · BEIRUT – LIBANON
„Wir müssen etwas für unsere Kinder tun“
Wie Christen und Muslime aufeinander zugehen
KAPITEL 21 · ALEXANDRIA – ÄGYPTEN
„Wie schön, deine Stimme zu hören“
Was ein christliches Krankenhaus mit islamistischen Patienten erlebt
KAPITEL 22 · NAZARETH – ISRAEL
„Die wollen uns enteignen“
Weshalb Schulleiter einen Schulstreik ausrufen
KAPITEL 23 · BAALBEK – LIBANON
„Dies ist ein Angriff auf den Islam“
Weshalb eine Schule unter Feuer genommen wird
WORTE UND WAFFEN
KAPITEL 24 · DOHUK – IRAK
„Was soll ich in Berlin?“
Wie christliche Assyrer ihre Zukunft sehen
KAPITEL 25 · QAMISHLI – SYRIEN
„Mein Vater ist stolz auf mich“
Wie ein neues Denken um sich greift
TROTZ UND TRÄNEN
KAPITEL 26 · BAR‘AM – ISRAEL
„Ich bitte Sie um etwas Geduld“
Wie vertriebene Dorfbewohner seit fast 70 Jahren um ihr Land kämpfen
KAPITEL 27 · ANKAWA – IRAK
„Wir machen uns gegenseitig Mut“
Wie Flüchtlinge sich nach der verlorenen Heimat sehnen
KAPITEL 28 · KAFRO – TÜRKEI
„Manchmal muss man etwas opfern“
Wie schwer die Rückkehr aus dem Westen ist
KAPITEL 29 · DİYARBAKĪR – TÜRKEI
„Du musst es dir selber sagen“
Wie „Krypto-Armenier“ ihre Identität entdecken
KAPITEL 30 · BAALBEK – LIBANON
„Ich wusste, was ich vor mir hatte“
Wie die Tochter eines Scheichs sich gegen ihren Vater auflehnt
Übersichtskarte „Christen im Nahen Osten“
Dank
Weitere Bücher
Impressum
Vorwort
Für dieses Buch war ich drei Monate lang von September bis Dezember 2015 in sechs Ländern des Nahen Ostens unterwegs. Dort sinken nicht nur Städte und Dörfer in Trümmer, es stirbt auch ein Stück Kultur mit einer zweitausendjährigen Geschichte. Vom Euphrat bis zum Nil droht dem Christentum der Untergang – ausgerechnet in der Region, wo es einst entstand. Was sind die Gründe für diese Agonie? Wer ist dafür verantwortlich, dass Kopten und Katholiken, Maroniten und Melkiten, Griechisch- und Syrisch-Orthodoxe seit Jahren in Scharen den Orient verlassen? Welche Schuld haben die Christen selbst? Trägt Europa am Ende auch noch dazu bei?
Die Antworten sollten nicht von mir, sondern von Menschen vor Ort kommen. Denn sie erfahren am eigenen Leib, was Religion in dieser Weltgegend bedeutet, in der außer den Christen auch Juden und Muslime ihre historischen Wurzeln haben. Religion kann eine Quelle großer geistiger Kraft sein, aber auch eine Quelle von Zerstörungswut, in der sich nichts anderes als Neid und Gier, Machthunger und Machodenken austoben.
Die Recherchen, die ich in dieser gefährlichsten Konfliktregion der Welt betrieb, waren nicht immer ganz einfach. Oft war ich auf die Hilfe von Übersetzern für Arabisch, Aramäisch und Kurdisch angewiesen. Häufig musste ich erleben, dass Menschen aus Furcht nicht wagten, mit mir Kontakt aufzunehmen. Manchmal waren sie dazu unter der Bedingung bereit, dass ich versprach, ihre Namen nicht zu nennen.
Wer in Ländern arbeitet, die von Terror und Gewalt gezeichnet sind, muss immer abwägen, wie viel Risiko die Suche nach der Wahrheit rechtfertigt. Wo immer ich eine Chance sah, habe ich Anstrengungen unternommen, um die erhaltenen Informationen durch die Befragung oder das Studium anderer Quellen zu verifizieren. Doch waren mir in vielen Fällen Grenzen gesetzt: Ein Besuch bei der „Gegenseite“, der üblicherweise zu einer Recherche gehört, hätte nichts anderes bedeutet, als meine Arbeit, meine Freiheit oder gar mein Leben aufs Spiel zu setzen. In solchen Fällen versuchte ich zumindest, meine Informationen mithilfe einer dritten, unabhängigen Seite zu überprüfen.
Die Menschen, die mir ihre Erlebnisse erzählten, hatten für mich als Autor einen großen Vorteil: Sie waren in ihrer großen Mehrheit keine professionellen Sprecher von Parteien oder Kirchen, Organisationen oder Institutionen. Sie waren nicht dafür trainiert, bestimmte Nachrichten in die Medien zu lancieren, um dadurch erwünschte Wirkungen zu erzielen. Das bedeutet nicht automatisch, dass sie auf Anhieb immer die reine Wahrheit sagten. Aber Unstimmigkeiten und Widersprüche, die häufig auftauchten, waren in der Regel durch hartnäckiges Nachfragen bei ihnen selber oder in ihrer Umgebung zu klären. Fast immer stellte sich am Ende heraus: Es stand kein böser Wille dahinter, sondern es waren Erinnerungsschwächen oder Missverständnisse mit dem/der Dolmetscher/in – meist jedoch fehlende Erfahrung darin, leidvolle Erlebnisse gedanklich präzise und prägnant zu strukturieren.
Die Fakten, die ich zusammengetragen habe, mögen nicht jedermann gefallen. Das ändert aber nichts daran, dass es Fakten sind. Und ich meine allerdings schon, dass man nicht die Fakten seinem Weltbild, sondern sein Weltbild den Fakten anpassen muss.
Hans-Joachim Löwer
ANMERKUNG
Bei lokalen Namen und Begriffen sowie bei Namen von Personen öffentlichen Interesses wurde die in den Medien geläufigste Transkription gewählt, auch wenn diese nicht immer als „richtig“ im Sinne sprachwissenschaftlicher Vorgaben gilt. Bei den Namen der Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner wurde die von den jeweiligen Personen verwendete Schreibweise beibehalten.

KAPITEL 1 · VAKIFLI – TÜRKEI
„Fühlt ihr euch hier eigentlich wohl?“
Wie das letzte Armenierdorf mit seiner Geschichte umgeht
Bin ich im Garten Eden angekommen? Rote Rosen, die Toreingänge überwölben. Gelbe Ginstersträucher, die in der Sonne leuchten. Orangen- und Zitronenbäume zu beiden Seiten der Straße, die Früchte greifbar nahe und verführerisch durch das Blattwerk schimmernd. Hinter Geflechten aus Ästen und Zweigen verstecken sich schmucke Landhäuser und stille Villen – Residenzen des Rückzugs aus der lärmenden Welt. Ausflügler, die in Vakıflı landen, stoßen Rufe des Entzückens aus. Sie spähen durch die blühenden Büsche, um noch ein Stück mehr von diesem Paradies zu erhaschen. Zücken ihre Kameras, um ein paar Bilder mit nach Hause zu nehmen. Ziehen eine Schleife durch das verwunschene Dorf und spüren, dass hier irgendetwas anders ist. Vakıflı liegt an einem Hügel, 27 Kilometer südlich von Antakya, neun Kilometer vor der Mittelmeerküste. Wer hierherkommt, nimmt eine kleine Auszeit vom Leben. Ein Aquädukt, das die Gärten versorgt, zieht sich einen Steilhang entlang. Direkt an der Straße plätschern die Fluten über eine zehnstufige Treppe nach unten, ein Wasserfall als rauschender Höhepunkt des Dorfrundgangs.
An diesem Tag steigen nacheinander drei Brautpaare aus dekorierten Limousinen, um vor dieser Kaskade für Hochzeitsbilder zu posieren. Die angeheuerten Fotografen fangen die Frischvermählten in romantischen Posen ein: die Frau, von hinten zart an seine Schultern geschmiegt, der Mann, das Haupt ihr zugeneigt, dann beide lächelnd einander zugewandt, wie sie einen Blumenstrauß umfassen – Symbol des neuen, gemeinsamen Glücks. Ein Teehaus ist das Zentrum des Ortes. Hier stoppt alle zwei Stunden ein dolmuş, das türkische Sammeltaxi, das Vakıflı mit dem fünf Kilometer entfernten Städtchen Samandağ verbindet. Touristen parken ihre Autos vor der Terrasse, ehe sie ihren Bummel beginnen. Unter schattigen Bäumen sitzen alte Männer auf Plastikstühlen und verbringen den Tag mit tabla und sadranç, beliebten Brettspielen des Orients, die sie geradezu süchtig machen.
Dieses Dorf, so scheint es, ist eine pittoreske Sommerfrische, den Sorgen des Lebenskampfes enthoben. Es gibt auch keine Infotafel, die darüber aufklärt, welches Drama hier vor hundert Jahren ablief. Kein Monument, kein Museum, nichts. Es ist, als habe die laue Brise, die häufig über den Hang weht, das historische Drama in alle Winde verstreut. Oft wundern sich türkische Gäste, dass die Bewohner von Vakıflı untereinander nicht Türkisch sprechen. Es gibt hier auch keine Moschee, nur ein kleines, sorgsam gepflegtes Gotteshaus mit einem Kreuz auf dem Glockenturm. Die Grabsteine auf dem Friedhof gegenüber haben Inschriften in lateinischen, aber auch ganz andersartigen Buchstaben. Vakıflı ist ein armenisches Dorf – das einzige, das es in der Türkei noch gibt.
Es ist Sonntagmorgen und aus der Kirche dringen uralte Choräle hinaus in die Obstplantagen. Pater Avedis Tabașian kommt alle zwei Wochen aus Iskenderun, um hier eine Messe nach armenisch-apostolischem Ritus zu feiern. Pater Housig Hergelian aus Istanbul, der im Dorf seinen Urlaub verbringt, predigt allerdings lieber auf Türkisch. Die Leute hier würden ihn nur schlecht verstehen, weil das Armenisch von Vakıflı ganz anders klingt als das Armenisch, das in der Großstadtgemeinde am Bosporus gesprochen wird. Staunend lauschen die Touristen den seltsamen Lauten, Liedern und Gebeten, die da nach draußen dringen. Die Texte verhallen, ohne verstanden zu werden.
DIE ARMENIER
Die Armenier, eines der ältesten christlichen Völker, siedelten seit 2.700 Jahren bis Anfang des 20. Jahrhunderts im ostanatolischen Teil des Osmanischen Reiches. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurden sie wegen angeblicher Kollaboration mit Russland massenweise massakriert oder in Wüstenregionen deportiert. Schätzungen zufolge kam dadurch mehr als eine Million Menschen ums Leben. Der heutige Staat Armenien am Südrand des Kaukasus ging 1991 aus der Erbmasse der Sowjetunion hervor und hat drei Millionen Einwohner. Ein Großteil der Armenier aber lebt in der ganzen Welt verstreut. Die Armenisch-Apostolische Kirche zählt neun Millionen Mitglieder. Der Armenisch-Katholischen Kirche, die mit Rom uniert ist, gehören gut 500.000 Gläubige an.
Ich versuche das Schweigen zu durchbrechen, das sich über dieses Bergdorf gelegt hat. Panuş Çapar, Jahrgang 1932, gilt als jemand, der viel über die Geschichte weiß. Doch was er mir berichtet, liegt 200, 500, 1.000 Jahre zurück. Kein Wort darüber, was vor hundert Jahren geschah. Er habe zwar selber ein Buch geschrieben, lässt er mich wissen, das habe er aber noch niemandem gezeigt, denn er wolle es seinen Enkeln vererben, sozusagen als Vermächtnis seines Lebens. Eine Gruppe von Amerikanern, die mit ihrem Führer zu Besuch kommt, befreit ihn von meinen bohrenden Fragen. Wie mit der Reiseagentur besprochen, spielt er Flöte und singt alte armenische Lieder, die Gäste machen davon Videoclips und sind stolz, für ein paar Minuten ein lebendiges Stück „history“ in ihren Reihen zu haben.
Ich mache einen zweiten Versuch. Da ist Harabet Doğan, 1941 in Vakıflı geboren. Er war fünf Jahre Import-Export-Händler im Libanon und ging 1973 nach Deutschland. In Kirchenlamitz bei Hof arbeitete er in einer Porzellanfabrik, in Osnabrück in einer Margarinefabrik, dann machte er sich mit einem Lederwarengeschäft in Bad Essen selbstständig. Seit 2008, als er sich pensionieren ließ, verbringt er jedes Jahr sieben bis acht Monate in seinem Geburtsort. Es zieht ihn zurück zu seinen Wurzeln – doch was vor hundert Jahren geschah, darüber will auch er sich lieber nicht zu ausführlich unterhalten. „Es ist besser, die alten Wunden nicht wieder aufzureißen.“
Immerhin beschließt er, ein Foto sprechen zu lassen: Er bringt von zu Hause ein Bild mit, das schon vom Alter gezeichnet ist. Ein seltsames Monument aus Stein ist darauf zu erkennen, der linke Teil sieht aus wie ein Schiff, der rechte wie eine Kirche. Das Foto trägt eine Inschrift in armenischen Buchstaben, die Doğan aber gar nicht lesen kann, weil er in der Schule nie diese Zeichen gelernt hat. Wir holen Pater Housig herbei, nur er als Priester ist der armenischen Schriftsprache kundig, und der Kirchenmann liest uns feierlich vor: „Wir müssen uns den Mut unserer gefallenen Helden erhalten – wo immer wir auch leben.“
Dieses Foto bricht für kurze Zeit den Bann. Es zeige ein vier Meter hohes Monument, sagen Dorfbewohner, die mich jetzt neugierig umringen, Anfang der 1920er-Jahre hätten es Armenier errichtet und die Bausteine dafür auf Pferden hinaufgeschleppt. Es sei auf dem berühmten Höhenzug gestanden, an dessen Flanke Vakıflı liegt. 1982 hätten türkische Soldaten das Denkmal demoliert, weil es angeblich in der Türkei keine Armenier mehr gäbe, also auch kein armenisches Denkmal mehr nötig sei. Die verbliebenen Reste seien mittlerweile restauriert – aber es sei ein weiter, schwerer Weg dorthin, man brauche einen Esel dafür und einen ortskundigen Führer. Dann ist es aber auch genug mit diesem Thema und die Alten kehren zu ihren Brettspielen zurück.
Der Gipfel, von dem sie sprachen, heißt auf Deutsch „Berg Musa“. Unter seinem türkischen Namen „Musa Dagh“ ging er in die Weltliteratur ein. Wie kein anderer steht er für den Untergang eines Volkes, obwohl er ja zur Stätte einer geradezu wundersamen Rettung wurde. 1915, ein Jahr nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, führte der Ex-Offizier Moses Der Kalousdian rund 4500 Armenier aus umliegenden Dörfern auf diese 1355 Meter hohe Erhebung des Nur-Gebirges. Dort wollten sie den osmanischen Truppen Widerstand leisten, die Hunderttausende von Armeniern entweder gleich massakrierten oder auf Todesmärsche in die mesopotamische Wüste schickten. So wollten die Türken ihr zerbröckelndes Reich ein für allemal von diesem christlichen Volk säubern, weil es angeblich mit dem feindlichen Russland kollaborierte. Es war, so die Mehrheit der Historiker, ein Völkermord, der gut fünfundzwanzig Jahre vor Hitler mit der Judenvernichtung begann.
Die Armenier, die sich auf dem Bergrücken verschanzt hatten, sahen die Soldaten immer näher an ihre letzte Bastion heranrücken. In ihrer Verzweiflung hissten sie zwei Fahnen, die bis auf das Mittelmeer hinaus sichtbar waren. Die eine trug ein rotes Kreuz auf weißem Grund, die andere eine Aufschrift in englischer Sprache: „Christians in distress: Rescue!“ („Christen in Not: Rettet uns!“) Um den Blick darauf zu lenken, entzündeten sie abends ein Feuer. Nach ein paar Tagen entdeckten Matrosen eines französischen Kriegsschiffes, das vor der Küste kreuzte, die Fahne mit dem Schriftzug. Drei weitere Schiffe ihres Flottenverbands wurden hinzugerufen, die Franzosen nahmen die Türken unter Beschuss, so wurden alle Armenier gerettet, die noch am Leben waren. Die vier Schiffe brachten sie nach Ägypten. 53 Tage hatte ihr Widerstand gedauert, der österreichische Schriftsteller Franz Werfel schrieb darüber den epochalen, dramaturgisch etwas gewandelten Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“.

Alte Männer beim Brettspiel in Vakıflı. Die Vergangenheit des Dorfes am Musa Dagh möchten sie lieber ruhen lassen.
Nach Kriegsende 1918 durften die Überlebenden in ihre Dörfer zurückkehren. Die Kolonialmacht Frankreich hatte diesen Teil des zerschlagenen Osmanischen Reichs unter ihre Verwaltung genommen. 1939 aber wurde die Region Hatay wieder der Türkei angeschlossen. Fast alle Armenier flüchteten in den Libanon, so leerten sich sechs von sieben christlichen Dörfern, die es damals rund um den Musa Dagh gab. Die 130 Bewohner, die heute noch in Vakıflı leben, sind so etwas wie die Letzten ihrer Art.
Unterhalb der Kirche steht eine von drei Pensionen, die die Dorfbewohner für Touristen eingerichtet haben. Im Hof verkaufen Frauen Produkte aus ökologischer Landwirtschaft: Granatapfelsirup sowie Marmeladen aus Rosen- und Orangenblüten, Grapefruit und Kirschen, Feigen, Walnüsse und Papayas. Ich streife an einem Zaun entlang, der behängt ist mit nostalgischen Fotos aus einer versunkenen Zeit. Ganz hinten hängt unter Baumzweigen tatsächlich eine kurze Chronik, die von der Rettung der Armenier berichtet. Es ist der einzige schriftliche Hinweis auf dieses Drama, den ich im Dorf gefunden habe. Kein Satz aber über den Genozid, den Hintergrund dieses Ereignisses. Jede türkische Regierung hat ihn bislang bestritten, und wer es dennoch in diesem Land behauptet, riskiert bis zu zwei Jahre Gefängnis wegen „Herabsetzung der türkischen Nation“.
Ich treffe Kuhar Kartun, die Frauenbeauftragte der Kooperative von Vakıflı. Sie ist Jahrgang 1962 und lebt seit gut 25 Jahren im Ort. Ihr Großvater gehörte zu den Helden des Musa Dagh, so sieht sie es eigentlich als Aufgabe an, Besuchern von der Geschichte des Dorfes zu erzählen. Doch auch sie tut es eher zögerlich und stockend, als wir uns dem Thema „Völkermord“ nähern. „Wir wollen in Frieden leben“, sagt sie. „Wir kämpfen hart genug darum, dass unsere Kinder hier überhaupt eine Zukunft haben. Wir werden ja nur deshalb gut behandelt, weil wir so wenige sind.“ Das Geschäft mit der Ökonische funktioniere eher schlecht als recht. Die meisten jungen Leute seien daher schon nach Istanbul gegangen.
Ich fange an, ihr ein paar Ideen vorzuspinnen. Man könne das Drama am Musa Dagh touristisch richtig groß einschenken, mit Dokumentarfilmen und einer Ausstellungshalle und historischen Wanderpfaden am Berg. Aber je länger ich davon fabuliere, umso entgeisterter schaut die Frau mich an. „Wir wären wohl damit überfordert“, sagt sie schließlich, „diese ganze Geschichte hier aufarbeiten zu wollen.“ Sie weiß natürlich, dass der Teufel los wäre, wenn die Leute von Vakıflı so etwas ernsthaft versuchen wollten.
Manchmal stellen türkische Touristen Fragen, bei denen es ihr schwer fällt, nicht die Beherrschung zu verlieren. „Wie kommt es denn, dass es euch noch gibt?“, hat sie mehr als einmal gehört. „Fühlt ihr euch hier eigentlich wohl?“ – „Wir waren schon lange hier, bevor die ersten Türken kamen“, pflegt sie dann trotzig-tapfer zu entgegnen. Und erschrickt doch immer ein wenig vor ihren eigenen Worten. „Zehn Jahre früher“, meint sie, „hätte ich so etwas noch nicht zu sagen gewagt.“ Sie spürt, kein Ort kann seiner Geschichte entrinnen. So wandern die Menschen von Vakıflı, wenn Besucher danach forschen, geistig auf einem schmalen Grat. „Wir wollen uns nicht zur Schau stellen“, sagt Kartun. „Wir wollen nicht ständig um Mitleid betteln. Wir wollen nur unseren Glauben leben.“
Kaum hat sie das gesagt, hören wir aus der Ferne einen dumpfen, grollenden Knall. Ich schaue die Frau fragend an. Am Himmel wölben sich dunkle Wolken, ob das wohl ein Gewitter ist? „Nein, das war kein Donner“, erwidert sie. „Wir kennen das Geräusch schon ziemlich gut. Es war mit Sicherheit eine Bombe.“ Syrien liegt, blickt man gen Südosten, gleich hinter den Bergen. Kuhar Kartun schaut nicht lange dorthin. Sie kehrt schnell zurück in ihre kleine, Gott sei Dank noch geordnete Welt. Das Leben im Dorf ist schwer genug. Aber wenigstens haben sie hier Frieden.
Ich packe meine Sachen und strebe dem nächsten dolmuş zu. Zwei Tage lang habe ich in die Vergangenheit geblickt. Aber, so schießt es mir plötzlich durch den Kopf, vielleicht war das auch ein Blick in die Zukunft? Habe ich hier ein Modell dafür gesehen, wie die Christen im Orient überleben werden? Wird es, wenn wieder hundert Jahre vergangen sind, 20, 50 oder 100 Vakıflıs geben? Ein Szenario, das mir am Anfang meiner Reise schwer vorstellbar erschien. In den drei Monaten, die vor mir liegen, wird sich das ein wenig ändern.
KAPITEL 2 · WADI NATRUN – ÄGYPTEN
„Man kann es aus den Gesichtern lesen“
Wie koptische Mönche mit ihren muslimischen Nachbarn leben
Je weiter weg von der Welt, desto so näher bei Gott. Dieser Glaube hat vor 1.700 Jahren junge Christen scharenweise in die ägyptischen Wüsten getrieben. Allein im Wadi Natrun sind es mindestens 5.000 gewesen, die seit dem 4. Jahrhundert als Eremiten leben wollten. Sie zogen sich in eine Gegenwelt aus Höhlen und Zellen zurück. Obwohl sie rein gar nichts besitzen durften, hatten sie offensichtlich eine große Anziehungskraft auf benachbarte Stämme. In den Klöstern, die da aus dem Boden schossen, gab es Wasser und Brot, kostbare Güter in der Wüste. Es gab wärmende Kutten, die Nomaden sich gern überstreiften, wenn die Nächte besonders kalt wurden. Es gab Brennholz und Essensvorräte, gestapelt in Kellerräumen. Es gab kunstvolle Ikonen, die sich als Raubgut an reisende Händler verkaufen ließen. Ein Kloster war eine lohnende Beute für Berber und Beduinen, die als Nomaden durch die nördliche Sahara zogen.
Den ersten Überfall im Wadi Natrun gab es im Jahr 407, ein halbes Dutzend ist schriftlich dokumentiert. Die wehrlosen Mönche wurden ihrer Kleider beraubt, niedergemacht oder auf Kamelen verschleppt und danach als Sklaven gehalten. Erst im 9. Jahrhundert begannen die Gottesdiener, ihre Klöster mit schützenden Mauern zu umgeben. Jeder Konvent hatte von nun an einen Fluchtturm mit einer Zugbrücke. In ihn zogen sich die Mönche zurück, wenn feindliche Horden heranrückten. Dort hatten sie so viele Nahrungsmittel gehortet, dass sie wochenlang ausharren konnten – so retteten sie wenigstens ihr Leben.
Heute stehen vier Klöster im Wadi Natrun, eineinhalb Autostunden westlich der ägyptischen Hauptstadt Kairo. Die Türme ihrer Kirchen ragen wie mächtige Pfeiler in die Landschaft. Die Mönche haben die Wüste rundum in fruchtbares Land verwandelt, mit Feigen- und Olivenbäumen, Obst- und Gemüsegärten, Schaf- und Hühnerfarmen, Kuh- und Büffelherden. Freitags und samstags streben Tausende von Kairoern, Christen wie Muslime, diesen Bastionen zu. Viele Besucher kommen aus keinem anderen Grund, als einen Gesprächspartner zu finden, bei dem sie ihre Sorgen ausschütten können. Die Nachbarn aber, die nahe den Klöstern siedeln, sind offenbar ein etwas anderer Menschenschlag.
Ich sitze vor Pater Bertie, sein Name ist eine Kurzform von „Bartholomäus“. Er ist Jahrgang 1952 und lebt seit 40 Jahren im Kloster St. Makarios. „Hier war Wüste, nichts als Wüste“, erzählt er, „ich bin selber barfuß durch sie hindurchgegangen. Als wir Mitte der 1970er-Jahre mit der Bewässerung begannen, war noch kein Mensch hier auf diese Idee gekommen.“ Dann erzählt er, was die Mönche so alles auf ihrem neu kultivierten Land erlebten.
Es begann im Jahr 1976. Da kamen Leute und warfen plötzlich Stroh auf ein Grundstück, um es auf diese Weise in Besitz zu nehmen. „Es waren Beduinen vom Westrand des Wadi Natrun, sie wollten dort Wassermelonen pflanzen.“ Ein Abgesandter des Klosters suchte in der Hauptstadt den Innenminister auf, bald darauf wurden die Landbesetzer von der Polizei vertrieben. Der zweite Versuch war 1980. Die Bevölkerung wuchs, Nahrung wurde knapp, wieder ging es um Wassermelonen. Die Leute, die sich ein Stück Klosterland genommen hatten, brachten immerhin eine Ernte ein. Dann mussten auch sie auf behördliche Anordnung hin wieder abziehen. Der dritte Versuch war 1985. Ein Beduine namens Abdel Kader Latif Qadallah fuhr mit Begleitern im Kloster vor. „Das ist das Land meiner Vorväter“, eröffnete er den Mönchen, und das wolle er nun umgehend zurückhaben. „Er war von einem Anwalt geschickt worden, der für eine Firma arbeitete“, hat Pater Bertie damals recherchiert. „Dieser Anwalt gehörte der Muslimbruderschaft an.“
DIE ORTHODOXEN KOPTEN
Der Name rührt von „kubti“, der arabischen Bezeichnung für Ägypter, her. Mit schätzungsweise elf Millionen Mitgliedern ist die Koptisch-Orthodoxe Kirche die mit Abstand größte aller christlichen Glaubensgemeinschaften im Nahen Osten. Beim Konzil von Chalcedon 451 wurde die Zwei-Naturen-Lehre verkündet, wonach in Christus sowohl das Göttliche als auch das Menschliche vorhanden sei. Die orientalischen Kirchen spalteten sich daraufhin ab, weil sie Christus nur als Gott, seine menschliche Natur hingegen als eine Art „Verkleidung“ ansahen. Das Oberhaupt der Kopten trägt seither den Titel „Papst“. Das christliche Klosterleben erfährt in seinem Stammland Ägypten, anders als in Europa, eine Renaissance – trotz oder gerade wegen des islamischen Drucks.
Die Mönche von St. Makarios wurden nun doch von Unruhe gepackt. Sie suchten die zuständigen Behörden auf und legten ihre Besitzurkunden vor. Sie schrieben einen langen Bericht für die Polizei. Sie gingen vor Gericht, und das gab ihnen recht. Aber was ist so ein Urteil in Ägypten auf Dauer wert? Sie begannen eine zweite Mauer zu bauen, nach 14 Monaten war sie fertig. Drei Meter hoch und 16 Kilometer lang, umgab sie das gesamte Land, das dem Kloster St. Pischoi gehörte. So leben die Brüder wie in einer Festung und fast alle koptischen Klöster in Ägypten haben es ihnen mittlerweile gleichgetan.
2011 war in Ägypten das Jahr der Revolution. Nach dem Sturz von Staatschef Mubarak, erzählt Pater Bertie, sei weit und breit keine Polizei mehr zu sehen gewesen, und die Islamisten hätten mehr und mehr Oberwasser bekommen. Eines Tages zertrümmerte ein Bulldozer die größte und schönste von insgesamt 33 kartierten Höhlen, in denen einst Mönche ihr asketisches Leben geführt hatten. Sie lag vier Kilometer vor der Außenmauer von St. Makarios und war reich mit Wandmalereien verziert gewesen. Wieder schrieben die Mönche einen Bericht, doch nie wurde ein Täter gefunden, nie einer bestraft.
„Was sollte denn die Attacke auf die Höhle?“, frage ich.
„Es ging halt gegen die Christen, gegen das Kreuz.“ Pater Bertie sagt es in einem Ton, als sei das doch irgendwie logisch.
Die Mönche haben lange versucht, ein halbwegs freundschaftliches Verhältnis zu den Nachbardörfern zu entwickeln. 1996 schickten sie eine Delegation nach Beni Salema, das am nächsten gelegene Dorf. Sie fragten die Bewohner, was sie am dringendsten bräuchten. Eine gute Schule, lautete die Antwort, man habe derzeit nur zwei elende Klassenräume. Die Klosterbrüder hatten einen Architekten und zwei Ingenieure in ihren Reihen, so bauten sie gratis neue Unterrichtszimmer, richteten eine Bibliothek ein und statteten sie gleich mit Büchern aus. Dann kamen sie auf die Idee, an Weihnachten und Ostern bis zu hundert Familienoberhäupter einzuladen. Sie servierten ihnen ein festliches Essen und gaben ihnen am Ende noch ein wenig Geld mit auf den Heimweg.
„Goodwill-Aktionen um des lieben Friedens willen“, meine ich, „Diplomatie mit christlichem Touch.“
„Das ist die Interpretation eines westlichen Autors“, sagt Pater Bertie lächelnd. „Für uns war es schlicht ein Gebot der Nächstenliebe.“ Der Kontakt habe lange ganz gut funktioniert, meint er abschließend. Aber seit einigen Jahren würden immer weniger Menschen den Einladungen Folge leisten. Bei all der Hitze, die ein Großteil des Jahres im Wadi Natrun herrscht – das Klima um die Klöster herum scheint frostiger zu werden. Es ist, als braue sich wieder etwas zusammen.
Im Kloster St. Pischoi ist heute ein besonderer Tag. Genau zwanzig Jahre ist es her, dass Pater Bejimi ordiniert wurde. Er sagt es ganz beiläufig, als wir durch den Hof zu dem Friedhof spazieren, auf dem auch er dereinst seine ewige Ruhe finden wird. Der heutige Tag, so eröffnet er mir, sollte eigentlich ein Wendepunkt in seinem Leben werden. Er hatte vor, seine Mitbrüder ein letztes Mal um sich zu versammeln, um sich von ihnen zu verabschieden. Er war als Seelsorger für sieben Jahre nach Kairo geschickt worden, dann hatte er – seiner Sprachkenntnisse wegen – sieben Jahre in Österreich, drei Jahre in Deutschland und ein Jahr in Tschechien als Diaspora-Priester gewirkt. Das waren 18 Jahre Pfarrdienst in der Welt, die er doch eigentlich hinter sich lassen wollte. „Es reicht nun wirklich, es reicht!“, platzt es aus ihm heraus. „Ich möchte eigentlich nichts lieber als eine Höhle ganz für mich allein.“
Der 48-Jährige hat all die Jahre stets nach einer Eremitage gesucht. Zuletzt landete er in den französischen Pyrenäen, acht Kilometer vom Benediktinerkloster Saint-Michel-de-Cuxa entfernt. Durch den Tod eines katholischen Einsiedlers war eine Felsenhöhle in Traumlage frei geworden: 200 Meter über einer Straße versteckt, mit einem rauschenden Fluss tief unten im Tal. Doch als er sich durch den Wald dorthin kämpfte, schossen Jäger auf ihn, weil sie ihn für ein Wildschwein hielten, nur mit viel Glück entkam er ihnen. Und gerade einmal einen Tag später erfuhr er von Mönchen, gleich nach seiner Besichtigungstour habe sich ein großes Stück Fels gelöst und die ganze Höhle zum Einsturz gebracht. War das ein Fingerzeig Gottes zur richtigen Zeit? War es die Warnung vor dem selbst erkorenen Weg?

Koptische Mönche beim Gebet. Viele junge ägyptische Christen suchen ein Leben in der Einsamkeit der Wüste.
Pater Bejimi gab sich noch immer nicht geschlagen. Eine Woche vor seinem 20. Jubiläum fuhr er ins Kloster St. Anton, das nahe dem Roten Meer in der Wüste liegt. Dort wollte er in dem Gebirge leben, das hinter dem Konvent aufsteigt, ganz allein mit Gott und sich selber, der Welt entzogen bis zu seinem Tod. Er brauchte dazu die Genehmigung von Bischof Yostos, dem Oberhaupt von St. Anton – doch von diesem kam ein hartes Nein. Offensichtlich fürchtete der Bischof, dass diese Art von radikaler Isolation auch andere auf den Gedanken bringen und die Klostergemeinschaft dadurch schwächen würde.
„Dies war nun wirklich mein letzter Versuch“, sagt Pater Bejimi. „Ich werde mich endlich fügen.“ Er wird vertrauen auf das, was ihm der Abt von St. Pischoi und sein spiritueller Begleiter empfehlen. Sie gestehen ihm eine Art „gemäßigte“ Isolation im Kloster zu. Dabei lebt der Mönch zwar weiterhin in einer Zelle, jedoch vom Trakt der anderen getrennt. Keine Besuche mehr, keine Teilnahme an den gemeinsamen Gebeten und Messen. Um etwas von seinem Traum zu retten, wird er den Weg gehen, den man ihm weist. „Ich habe gelernt, auf Gott zu vertrauen“, sagt Pater Bejimi, „statt meine inneren Wünsche zu erfüllen.“
Wir steigen über Treppen hoch auf das Dach der Festung, in der sich die Mönche einst vor den Räubern verschanzt haben. Von hier aus haben wir einen weiten Blick hinaus aufs Land. Meine Augen gleiten an der Mauer entlang, die sich schnurgerade durch die graubraune Wüste zieht. Wie weit kann er dieser verteufelten Welt noch entrinnen, die immer wieder nach den Mönchen greift?
Die muslimischen Nachbarn, sagt er, hätten nur mit Widerwillen gesehen, wie das Kloster sich ausgebreitet habe. Es habe Neid hervorgerufen, dass St. Pischoi, wie auch die anderen Konvente, eine leistungsfähige Oasenwirtschaft aufgebaut hatte. „Sie haben an den Enden unserer Mauer vier Moscheen gebaut, je eine in jeder Himmelsrichtung, um dadurch jede weitere Expansion zu stoppen. Ja, die Minarette wirken wie Verteidigungstürme.“
Pater Bejimi hat schon ein paar Mal versucht, außerhalb der Mauer durch die Dörfer zu spazieren. Da hätten sie ihn zur Rede gestellt und gefragt, was er hier wolle. Und sie hätten ihm klargemacht, dass er in ihrem Ort nichts zu suchen habe. „Eines Tages werden sie kommen“, sagt er, so wie damals die Berber und Beduinen. „Sie warten nur auf ein Signal. Man spürt es, wenn man durch ihre Dörfer geht. Man kann es aus ihren Gesichtern lesen.“ Sind die Mönche auch in ihrem Denken eingemauert? Oder haben sie ein Gespür, das andere nicht haben? Es gibt ja auch die Lehre, dass Angriff die beste Verteidigung sei.
„Bereiten Sie sich etwa auf einen Überfall vor?“, frage ich.
„Nein, nein“, sagt er lächelnd. „Was sollen wir denn machen?“
„Sie warten also einfach auf den Tag X?“
„Wir wissen, dass es passieren wird“, antwortet er. „Der Boden dafür ist bereitet.“
Er sagt es so kurz und schlicht, als sei es die sicherste Sache der Welt.
KAPITEL 3 · LASSA – LIBANON
„Wir haben vor euch keine Angst“
Wie der Streit um eine kleine Kapelle eskalierte
Was ist denn das?“, frage ich erstaunt. „Kanonen mitten in einer Berglandschaft? Auf wen soll hier geschossen werden?“ An einem Hang direkt neben der Straße, auf der wir fahren, zähle ich sage und schreibe acht Panzer, in Reih und Glied aufgestellt. „Bloß nicht fotografieren!“, rufen meine Begleiter, als hätten sie meine Gedanken erraten.
Wir fahren ein paar hundert Meter weiter und kommen zu einem Landhaus mit direktem Blick auf die Panzerrohre, das schon bessere Tage gesehen hat. Es ist eine alte Sommerresidenz, erfahre ich. „Sie wurde um 1850 für den hiesigen Bischof gebaut. Nach 1950 fanden hier Bildungsseminare statt. Seit 2005 aber steht das Gebäude leer.“ Irgendwie, so ahne ich, muss das mit den Panzern da drüben zu tun haben. In der Tat kommen jetzt Soldaten auf uns zu, eine 30-Mann-Truppe campiert in der alten Villa. „Bloß nicht fotografieren!“, rufen meine Begleiter. Zum Glück weiß der Kommandeur Bescheid, dass wir zu einer Ortsbesichtigung kommen. Er stellt uns zwei seiner Leute an die Seite, damit wir auch wirklich keinen falschen Schritt tun.
Ich streife mit meiner Eskorte durch hohes Gras und Gebüsch. „Was ist denn das?“, entfährt es mir schon wieder. „Wer hat dieses Ungetüm gebaut?“ Gut 100 Meter hinter der zweckentfremdeten Villa ragt ein 20 Meter hoher Stahlmast in die Höhe, vier Lautsprecher sind an ihm angebracht. Die Soldaten und meine Begleiter schauen sich bedeutungsvoll an. „Das Ding steht schon seit zehn Jahren hier“, bekomme ich zu hören. „Muslime aus der Gegend haben es gebaut. Bloß nicht fotografieren!“
Ich stapfe noch ein paar hundert Meter weiter, bis zu einem Punkt an der Nordseite dieses Hügels, von dem man eine grandiose Aussicht auf das Yanouh-Tal hat. Nun steht eine mächtige, weiße, aus Kunststoff gefertigte Marienstatue vor mir. Die Gottesmutter mit dem Jesuskind blickt auf christliche Dörfer, die ihr zu Füßen liegen, Yanouh unten am Fluss, Kartaba drüben am Hang. Wenigstens von dieser Schutzpatronin darf ich eine Aufnahme machen.
„Da habt ihr ja wirklich ein tolles Ambiente“, sage ich zu den Soldaten. „Eine Bischofsresidenz, eine Marienfigur, ein Minarett aus Stahl und die acht Panzer da drüben.“ Die Männer in Uniform nicken und prusten. Aber reden dürfen sie nicht mit mir. Plötzlich springt an dem hohen Turm ein automatisches Tonband an. Aus den vier Megafonen schnarrt die Stimme eines Imams das Mittagsgebet, und zwar so laut, dass ich mir unwillkürlich die Ohren zuhalte. Tag für Tag muss dieser Trupp der libanesischen Streitkräfte das über sich ergehen lassen, zum Glück nur drei- statt fünfmal, weil in dieser Gegend nicht Sunniten, sondern Schiiten wohnen.
Der Distrikt Jbeil, wie dieser Teil des Libanon-Gebirges heißt, war einst eine Hochburg maronitischer Christen. 14 Patriarchen haben nach dem 10. Jahrhundert hier ganzjährig residiert. Es war eine der wenigen Regionen, wo selbst in der Zeit des Bürgerkriegs, der das Land von 1975 bis 1990 verwüstete, keine Kämpfe ausbrachen. Aber der Libanon ist eben voll von Paradoxien. Genau von dem Moment an, da auf nationaler Ebene wieder so etwas wie Frieden herrschte, brach in dieser Gegend Streit zwischen Christen und Muslimen aus.
DIE MARONITEN
Die Maronitische Kirche ist eine von 18 Glaubensgemeinschaften, die im Libanon offiziell anerkannt sind. Sie entstand im 7. Jahrhundert als eine Abspaltung der Syrisch-Orthodoxen Kirche. Ihr Name geht auf einen Eremiten namens Maron zurück, der 410 starb. Sie hat weltweit rund sechs Millionen Mitglieder und erkennt den katholischen Papst in Rom als Oberhaupt an. Mit knapp einer Million Anhängern ist sie die größte christliche Kirche im Libanon. Ihr Patriarch, seit 2011 Béchara Pierre Kardinal Raï, hat seinen Sitz im Kloster Bkerke bei Jounieh. Die Maroniten sind in rivalisierende Familienclans gespalten, fühlen sich aber auch unter wachsendem Druck der Muslime. In religiös gemischten Gebieten kommt es oft zu Landstreitigkeiten.
Meine Begleiter sind Mounir Khoueiry, Jahrgang 1960, Bürgermeister des christlichen Dorfes Kahmes, und Takla Khoueiry, geboren 1981, seine Schwester. Mitte der 1990er-Jahre, sagen sie, seien die Muslime hier zahlenmäßig immer stärker geworden. Im Dorf Lassa haben sich die Verhältnisse auf besonders dramatische Weise umgekehrt: 4.500 Einwohner sind heute Schiiten, nur noch etwa 300 Christen. So wurde Lassa, das den Panzern am nächsten liegt, zur Keimzelle von Auseinandersetzungen, die nun schon seit 20 Jahren toben. Lassa ist, wenn man so will, ein libanesischer Mikrokosmos. In ihm spielen sich Konflikte ab, die dieses Land seit seiner Gründung lähmen – wenn nicht gar seine Existenz bedrohen.
Nicht weit von der verfallenen Bischofsresidenz steht die kleine Kapelle „Unsere Frau“. Das Grundstück um sie herum, das belegen Besitzurkunden aus dem Jahr 1939, war von der Maronitischen Kirche im 19. Jahrhundert erworben worden. Schiitische Führer in Lassa aber behaupteten, es sei muslimisches Land. Im Jahr 2000 kam Scheich Mohammed Itawi, der in Lassa wohnt, auf die Idee, diesen Anspruch mit einer spektakulären Aktion zu unterstreichen. Er wollte die Kapelle, die von den Christen kaum noch genutzt wurde, in eine Moschee für Frauen verwandeln. Mit ein paar Anhängern besetzte er kurzerhand die Kapelle, die unverschlossen war, und ließ darin Gebetsteppiche und den Koran auslegen.
Die Christen versuchten zunächst, ihre privaten Kontakte zu nutzen. Sie mobilisierten ihre Leute in den Behörden, ihre Minister in der Regierung und ihre Abgeordneten im Parlament. Nach einer Woche schafften sie es tatsächlich, den Scheich zum Rückzug zu zwingen. Die Kapelle wurde für beide Konfessionen geschlossen. Dieser Fall war aber, wie sich zeigen sollte, nur die Spitze eines Eisbergs.
Seit Jahren verfolgten die Christen mit Ingrimm, dass Muslime neue Häuser auf Grundstücken bauten, die sie gar nicht besaßen. Auch diese Ländereien waren nämlich, wie Dokumente nachwiesen, seit Langem Eigentum der Maronitischen Kirche. Seltsamerweise legten nun aber viele Muslime sowohl Dokumente vor, die sie als rechtmäßige Besitzer auswiesen, als auch die entsprechenden Baugenehmigungen. Issam Miqdad, der schiitische Bürgermeister von Lassa, hatte offensichtlich keine Hemmungen, seinen Glaubensgenossen solche Urkunden auszustellen. Miqdad gehört der „Hisbollah“ an, dem starken politischen wie militärischen Arm der Schiiten. Auch er hatte also seine Leute, wenn er welche brauchte. Die Polizei hielt sich vorsichtshalber aus der Sache raus – denn im Libanon kann man sehr leicht zwischen die Fronten geraten.
Im Jahr 2005 ging die maronitische Diözese Jounieh, von Einheimischen dazu gedrängt, endlich vor Gericht. Zugleich wurde ein zwölfmonatiges „Missionsprojekt“ gestartet, mit Bibelabenden und Kursen in religiöser Erziehung. „Wir wollten die Christen dort stärken“, sagt mir einer der sieben Priester, der damals dabei war, denn zu jener Zeit agierte in der Gegend nur noch ein einziger, altersschwacher Pfarrer. Für eine Woche schlugen die jungen Geistlichen, weithin sichtbar, ein Zelt auf einem Hausdach auf. Die Muslime empfanden das als Provokation und ersannen allerlei Methoden, um die „Missionare“ zu schikanieren. Junge Männer jagten mit Motorrädern dicht hinter ihren Autos her. In Lassa wurde gegenüber der Kirche ein Lautsprecher angebracht, aus dem immer dann islamische Gebete tönten, wenn die Christen eine Messe feierten – selbst wenn es überhaupt keine muslimischen Gebetszeiten waren. Auf dem Hügel neben der einstigen Bischofsresidenz wurde der 20-Meter-Stahlmast errichtet, die eindrucksvollste aller Gegendemonstrationen – und den Christen blieb nichts anderes übrig, als die Bildungsseminare in der alten Villa einzustellen.
In dieser Gegend reicht schon ein Funke, um einen Konflikt ausbrechen zu lassen. Das verdeutlicht die folgende Geschichte. Ein Jahr darauf, so erzählen meine Begleiter, gab es in Lassa eine christliche Hochzeit. Der Bräutigam war aus dem Ort, die Braut aus Beirut. Nach der Feier fuhr eine laut hupende Autokolonne zur weltlichen Feier in einen Nachbarort. Ein junger Muslim und drei seiner Freunde folgten ihnen in einem blauen BMW. An einer Tankstelle kam es zu einem heftigen Wortwechsel: „Warum nervt ihr uns mit eurer Huperei?“, schrien die Muslime und einer der christlichen Chauffeure bekam das Wort „Hurensohn“ zu hören. Der Fahrer stieg wütend aus, da hielt einer ihm eine Pistole an den Kopf. Nun solidarisierten sich die Leute aus der Hochzeitsgesellschaft mit dem Fahrer. Die Muslime sahen, dass sie in der Minderheit waren, und flüchteten Richtung Faraya. Nun blockierten fast 50 Autos von Christen die Straße – sie warteten darauf, dass die Muslime zurückkehren würden. Zufällig kam aus dieser Richtung eine Armeepatrouille. Die Christen erzählten den sechs Soldaten von dem Vorfall. Die Soldaten sperrten nun ihrerseits die Straße, und als der blaue BMW zurückkam, wurde er vom Militär gestoppt. In dem Wagen lagen zwei Gewehre, ein Messer und jede Menge Drogen. Die vier Männer wurden festgenommen – schon eine Woche später aber waren alle wieder frei.
Jahrelang bekämpften sich die verfeindeten Parteien vor Gericht mit echten und gefälschten Dokumenten. 2011 schickte die Maronitische Kirche Geodäten nach Lassa, um die Grundstücke rund um die Marienkapelle neu vermessen zu lassen. Eine zornige Menge von Muslimen stellte sich ihnen entgegen und zwang sie, ihre Arbeit zu stoppen. Ein Fernsehteam, das dort filmen wollte, wurde ebenfalls daran gehindert. Die Reporter hätten keine Erlaubnis des Bürgermeisters, wurde ihnen gesagt, und sie seien nur gekommen, um neues Öl ins Feuer zu gießen. Die Fäuste flogen, eine Kamera ging zu Bruch, Muslime rissen das Filmmaterial heraus. In der folgenden Woche saßen Vertreter der zwei Lager in Bkerke, dem Sitz des maronitischen Patriarchen, an einem Tisch. Sie handelten ein Abkommen aus, wonach die Landvermesser nach Ablauf von zwei Monaten ihre Arbeit wieder aufnehmen sollten. Sie gelobten, die Medien nicht weiter mit provokanten Statements zu füttern, und baten die Armee um eine Dauerpräsenz, um den Ausbruch neuer Auseinandersetzungen zu verhindern.
Aber einen Monat später war es schon wieder vorbei mit der Ruhe. Ein Trupp von Polizisten kam nach Lassa, um auf gerichtliche Anordnung hin ein illegal errichtetes Haus einzureißen. Eine wütende Menge von Muslimen empfing sie mit Schüssen in die Luft, und aus Rache wurde die Kirche umzingelt, um die dort laufenden Renovierungsarbeiten zu unterbinden. Diakon Tony Halim wurde so schwer verprügelt, dass er ins Krankenhaus eingeliefert werden musste.
2012 ging es in eine weitere Runde. Auf umstrittenen Grundstücken wuchsen wieder neue Häuser in die Höhe. Issam Miqdad, Lassas Bürgermeister, päsentierte dem Innenminister eine Landkarte, wonach dieses Land seit jeher einer schiitischen Stiftung gehört habe.
Talal Miqdad, sein christlicher Gegenspieler, verlangte, die Immunität des Gemeindeoberhauptes aufzuheben, weil der Bürgermeister ausgehandelte Abkommen eigenmächtig gebrochen und den Gemeinderat nicht einmal konsultiert habe. Die Kampfstätte verlagerte sich wieder zur alten Bischofsresidenz. Zähneknirschend hatten die Christen das stählerne Minarett hingenommen, jetzt aber wollten sie ihm etwas entgegenstellen. Ende September 2012 transportierten sie eine Marienstatue, die ein lokaler Bildhauer gefertigt hatte, mit einem Lastwagen hoch zu dem Hügel. 50 feindliche Muslime blockierten die Straße. Fünf Soldaten sorgten dafür, dass die zwei Lager nicht erneut aufeinander losgingen. Der Bürgermeister von Lassa eilte herbei, diesmal zum Glück in friedlicher Absicht. Er schickte seine Leute nach Hause, nun hatten die Christen ihren Triumph.
Seit 2013 herrscht nun gespannte Ruhe. Die „Hisbollah“ sei derzeit wohl voll und ganz mit dem Krieg in Syrien beschäftigt, sagen meine christlichen Begleiter. Dort kämpft die bewaffnete Miliz der Schiiten aufseiten der Regierung gegen sunnitische Rebellen. Auf unserem Rückweg stoßen wir auf einen Gedenkstein für den „Märtyrer“ Hussein al-Miqdad, der in Syrien gefallen ist. Die „Hisbollah“-Leute haben dafür die Landstraße einfach in der Mitte aufgerissen. Kein Polizist, keine Behörde hat es offenbar gewagt, sie daran zu hindern. „Bloß nicht fotografieren!“, bekomme ich zu hören. Da habe ich aber schon durch das offene Wagenfenster abgedrückt. „Alleine kannst du das vielleicht noch riskieren“, schimpfen meine Begleiter. „Aber denk doch mal daran, wir haben den Bürgermeister von Khames dabei …“

Monument für einen „Märtyrer“. Hisbollah-Anhänger haben es mitten auf der Straße nach Lassa errichtet.
„Die Armee soll bloß bleiben“, sagt Mounir Khoueiry. „Ich hoffe, der Staat wird hier endlich stark. Sonst können wir nicht in Sicherheit leben.“ Seit 1980 hätten die Muslime in Lassa illegal 180 Häuser gebaut. Die meisten dieser Grundstücke seien wohl für immer verloren. Nur fünf Mal sei es gelungen, unrechtmäßig in Beschlag genommenes Land wieder an die rechtmäßigen Eigentümer zurückzugeben. 30 weitere Fälle lägen derzeit noch bei den Gerichten. 2014 hätte Scheich Mohammed Itawi für sich selber ein neues, illegales Haus bauen wollen. „Dies war der einzige Fall, in dem das Militär so eine Aktion erfolgreich stoppte.“
Eigentlich müsste ich ja nach Lassa hinein und auch mit der Gegenseite sprechen. Aber alle Leute, die ich deswegen anspreche, warnen mich dringend davor. Die „Hisbollah“, so heißt es, habe Lassa zu einer Art Kampfbasis ausgebaut, mit unterirdischen Bunkern und Tunnels und Überwachungskameras in den Straßen, die alle ankommenden Autos und Fahrer filmen würden. So gebe ich schweren Herzens den Gedanken doch lieber auf.
Was spornt die Schiiten zu dieser Bauwut an? Die Christen wittern dahinter einen strategischen Plan. Man brauche, so sagen sie, nur einen Blick auf eine Karte des Libanon zu werfen, in der die Siedlungsgebiete der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen eingezeichnet seien. „Sie wollen einen Korridor bilden“, sagen meine Begleiter. „Er soll die schiitischen Dörfer an der Küste mit den schiitischen Siedlungen im Bekaa-Tal verbinden.“ Die „Hisbollah“ habe es sogar geschafft, dass zwischen den Städten Byblos am Mittelmeer und Baalbek im Bekaa-Tal eine neue Straße durch das Gebirge gebaut worden sei. „Sie wird so gut wie kaum benutzt“, erzählen sie. „Sie hat rein strategische Bedeutung.“ Wer den Libanon nicht kennt, wird darüber den Kopf schütteln. Aber ich werde nur nickende Köpfe sehen, als ich diese These in den Tagen darauf ein paar anderen Gesprächspartnern vortrage.
Wir lassen Lassa hinter uns und fahren zurück in Richtung Beirut. Nun prasseln doch tatsächlich Schüsse um uns herum. Meine Begleiter aber, die bislang die Nerven meist auf der Haut trugen, bleiben diesmal erstaunlicherweise völlig gleichmütig.
„Was ist da draußen jetzt schon wieder los?“, frage ich verwirrt. „Keine Sorge“, entgegnen sie, und endlich huscht mal ein Lächeln über ihre Lippen. „Wir haben Saison für die Vogeljagd. Das ist bei uns ein sehr populärer Sport.“
„Ist die Vogeljagd denn nicht verboten?“, frage ich.
„Wer fragt schon danach?“, kriege ich als Antwort. „Schauen Sie mal, überall stehen Männer mit Flinten.“
Ich steige aus und rede mit ein paar von ihnen. Die Zugvögel seien von Europa nach Afrika unterwegs, erklären sie mir, Gänse und Greifvögel, Störche und Kraniche. Ein Teil nehme die Seeroute über das Mittelmeer, ein Teil die Landroute über Vorderasien. Ich starre mit ihnen gemeinsam hoch zum Himmel, der ist dunkelgrau und wolkenverhangen. Keinen einzigen Schwarm kann ich erkennen, doch die Flintenmänner ballern schon wieder drauflos, sie haben wohl ein ganz besonders geübtes Auge für ihre Beute. Mein Gott, denke ich mir, im Nahen Osten ist wirklich niemand sicher – nicht mal die Vögel in 3.000 Meter Höhe.

KAPITEL 4 · TRIPOLI – LIBANON
„Wir warnen dich“
Weshalb eine Bibliothek in Brand gesetzt wird
Man kann sich schon ein wenig verlaufen inmitten der gedruckten Schätze. Die Regale, in denen sie lagern, tragen keine Hinweisschilder. Draußen im Hof stehen stapelweise Kisten, die ebenfalls mit Büchern vollgestopft sind. So streife ich ziellos durch die engen Gänge und lande schließlich in einem Toilettenraum, wie ich ihn noch nie gesehen habe. Er ist auf schon geniale Weise in die Bibliothek integriert. Man kann auf der Toilette sitzen und die Hand nach Hunderten von Werken ausstrecken, die das Örtchen auf drei Seiten eng umschließen. Allerdings würde ich es nicht wagen, auch nur eine Publikation herauszuzupfen, weil ich Angst habe, dass dadurch alles zusammenbricht. Das Waschbecken wirkt wie ein Fremdkörper in diesem literarischen Lokus und die schiefe Holztür lässt sich nicht mehr richtig schließen. Ein Fettleibiger habe sich kürzlich hindurchgezwängt und einiges zum Wackeln gebracht, erzählt mir Hozyfa, ein junger Mitarbeiter, seither helfe oft leider nur noch rohe Gewalt. Er holt einen Hammer und drischt auf ein Brett ein, das Bestandteil des Türrahmens ist und sich schon bedrohlich gelockert hat.
Ein paar Minuten später vergeht mir dann doch wieder das Lachen. Hozyfa deutet zur Decke, die ist pechschwarz, und dort oben, in den höchsten Regalreihen, stehen Bücher, die von Feuer angefressen, aber in letzter Minute noch gerettet wurden. „Das sind Spuren des Attentats“, sagt der 18-jährige Student. Er ist Muslim und liebt das Ambiente hier, obwohl ihm der Schreck in den Knochen sitzt. So etwas wie dieses Haus, meint er, gebe es nicht noch einmal in der Stadt.
Tripoli, der einstige Phönizierhafen, begrüßt Besucher mit einem Steinmonument, das ihn geradezu mit der Nase auf die Eigenheiten des Landes stößt. Am Kreisel auf dem Hauptplatz Sahad al-Nur prangt in großen Lettern „Allah“ und darunter die Inschrift: „Die Festung der Muslime im Libanon heißt Sie willkommen.“ Man stelle sich einmal vor, München präsentiere sich an der Frauenkirche als „Festung der Katholiken“ und Hamburg vor dem Michel als „Festung der Protestanten“. Im Libanon aber gehört es zur Tagesordnung, die Zugehörigkeit zu einer religiösen oder ethnischen Gruppe demonstrativ zur Schau zu stellen. Man muss Stärke zeigen, denn Schwäche nutzt die Gegenseite aus.
Mein Weg zur Al-Saeh-Bibliothek führt durch die engen Gassen der Altstadt und ein Gewimmel von Menschen. Schon in diesem orientalischen Labyrinth kann man leicht die Orientierung verlieren und aufgesogen werden von dem Durcheinander. Am Ende geht es unter einem Torbogen hindurch in eine stille Nebengasse und plötzlich blickt man von der Straße aus durch eine offene Tür direkt auf das Büchergewirr. Keine Sperre am Eingang, keine Kontrolle, nichts. Die Bücherei war, ist und bleibt ein Haus der offenen Tür.
Sie ist das Lebenswerk von Ibrahim Sarrouj, einem rum-orthodoxen Priester. Er fing 1970 damit an, den Bestand mit seinem eigenen Geld aufzubauen. Spenden und Schenkungen kamen hinzu, weil die Leute sahen, mit welcher Hingabe er sich seiner Bibliothek widmete. Im Lauf der Jahre wuchs die Sammlung auf mehr als 85.000 Werke an, Bücher in arabischer und englischer, französischer und italienischer Sprache, poetische und wissenschaftliche Texte, Traktate zur islamischen Theologie, Schriften über die Geschichte des Judentums und der Stadt Tripoli. Die Räume wurden zu einem Treffpunkt von Akademikern, Intellektuellen und bildungsnahen Eltern aus dem Bürgertum, die für ihre Kinder etwas Schönes zum Lesen suchten. Sarrouj hatte für alle Zeit und für alle ein Lächeln, und natürlich wusste er auf Anhieb, welches Buch in welcher Reihe stand.
DIE RUM-ORTHODOXEN
Rum war die arabische Bezeichnung für Ostrom (Byzanz). Die Rum-Orthodoxe Kirche, nach dem Konzil von Chalcedon 451 entstanden, wird auch „Griechisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien“ genannt. Als „Buchbesitzer“ wurden Christen wie auch Juden unter islamischer Herrschaft meist respektiert, mussten jedoch eine Kopfsteuer zahlen und waren bei der Vergabe von Staatsämtern benachteiligt. Die endlosen Nahostkonflikte führten bei den Rum-Orthodoxen zu einer Abwanderung in den Westen. Ihr Oberhaupt ist seit 2012 Patriarch Yuhanna X. Er residiert in Syriens Hauptstadt Damaskus. Gottesdienste wurden bis zum 20. Jahrhundert in Griechisch und Aramäisch gehalten. Heute ist die Liturgiesprache Arabisch.

Eine Toilette voller Bücher: Die Al-Saeh-Bibliothek in Tripoli ist ein attraktives Ziel – für Freunde wie für Feinde.
„Zu mir kommen mehr Muslime als Christen“, sagt der 74-Jährige mit dem gepflegten Bart, die Brille baumelt ihm stilgerecht vor der Brust. Den Nachbarn ruft er jeden Tag ein freundliches „Salam aleikum!“ zu, der Mufti von Tripoli ist sein Freund und sogar ein salafistischer Scheich wie Salam al-Rafei hat ihm einmal ein hübsches Buch über den Islam geschenkt – als Geste des guten Willens und als Ausdruck der Anerkennung für die kulturelle Arbeit, die dieser ganz und gar unorthodoxe Priester leistet. „Viele Muslime“, sagt Sarrouj schmunzelnd, „nennen mich sogar ‚Scheich Ibrahim‘.“
Für ihn kam es wie ein Blitz aus heiterem Himmel, was da Anfang Januar 2014 passierte. Bashir Hazzuri, ein neu eingestellter Mitarbeiter, hatte seinen ersten Arbeitstag und machte sich mit dem Computer vertraut. Rami, dessen Kollege, war gerade Essen holen, Sarrouj saß mit Gästen draußen im Garten. Da stürmten zwei bewaffnete Turbanträger herein, die mit einem Motorrad vorgefahren waren. Waren sie hinter dem Priester her und sauer, dass sie ihn nicht fanden? Oder war es ihnen völlig egal, wen sie da vor der Flinte hatten – Hauptsache, sie konnten Schrecken verbreiten? Wie auch immer, sie feuerten in der Bibliothek eine Salve ab, Hazzuri trafen zwei Kugeln ins Bein und drei in die Brust, eine davon ging nur ganz knapp am Herz vorbei. Als Sarrouj hereinstürzte, waren die Männer schon wieder weg und der Schwerverletzte röchelte in einer Blutlache.
Ein Blitz aber kommt nie aus heiterem Himmel. Sarrouj brauchte nur noch etwas Zeit, um herauszufinden, welch dunkle Wolken sich da zusammengeballt hatten. Zwei Minister riefen ihn an und rieten ihm dringend, die Stadt zu verlassen, er solle die kommenden Nächte lieber nicht zu Hause, sondern an einem sicheren Ort verbringen, am besten in einem Kloster seiner christlichen Glaubensgemeinschaft. Am selben Tag, abends gegen neun, kamen schon wieder zwei Männer zur Bibliothek, die nichts Gutes im Schilde führten. Sie versuchten, die verschlossene Eingangstür aufzubrechen. Zwar waren nun, wegen des Überfalls, Polizisten zur Bewachung abgestellt worden, die waren aber gerade essen gegangen. Zum Glück rannten Nachbarn herbei und verscheuchten die Täter mit den Rufen: „Haut ab und lasst den Pater in Ruhe! Der hat doch niemandem etwas getan!“
Was war geschehen in Tripoli? Weshalb wurde Sarrouj zur Zielscheibe? Weil er Büchernarr war? Weil er ein christlicher Priester war? Nachts um eins traf eine SMS mit anonymem Absender auf seinem Handy ein. „Wir warnen dich!“, lautete die Nachricht. Für den nächsten Tag, nach dem Freitagsgebet, sei eine Demonstration gegen ihn geplant. Kam die SMS von Feinden oder Freunden? Nicht einmal das konnte Sarrouj in diesem Moment sagen.
Frühmorgens suchte er Ephrem Kyriakos, den rum-orthodoxen Bischof von Tripoli, auf. Der kontaktierte sunnitische Führer, zu denen er einen guten Draht hatte. Diese erzählten von einer fatwa, die irgendein Imam gegen ihn wegen Blasphemie erlassen habe. Eine fatwa ist ein Rechtsgutachten, auf das sich muslimische Gewalttäter gerne berufen, wenn sie jemanden umbringen sollen oder wollen. Was aber, so fragte sich Sarrouj, hatte er denn Böses über den Islam, den Koran, den Propheten Mohammed gesagt oder geschrieben?
Nach und nach schälte sich eine durch und durch krause Geschichte heraus. Da gab es eine Website in arabischer Sprache, betrieben von einem Mann namens Ahmed Kadi. Auf ihr habe der Priester 2010 ein Pamphlet veröffentlicht, wonach Mohammed pädophil gewesen sei. Ein junger Bote im Dienst von Scheich Ali Hashar, einem muslimischen Führer, hatte etwas in einem Copyshop von Tripoli zu erledigen, dort sah er zufällig vier ausgedruckte Seiten liegen, deren Inhalt von dieser Website stammte. Er fragte das Personal, woher sie denn diese Vorlagen hätten. Die angebliche Antwort war, Sarrouj habe das zum Zweck der Vervielfältigung hierherbringen lassen.
Was gingen den Boten diese vier Seiten an? Was brachte die Leute am Tresen dazu, ihn als den Auftraggeber von Kopien zu bezeichnen? Die Sache wurde noch abenteuerlicher. Der Bote bat darum, einen zusätzlichen Kopiersatz für ihn anzufertigen und der Copyshop kam tatsächlich seiner Bitte nach. War da ein Eiferer unter den Angestellten, der den Islam gegen Schmähungen verteidigen wollte? Der Bote nahm die Kopien mit und überreichte sie seinem Arbeitgeber. Scheich Ali gab das Material an die Polizei und den Geheimdienst weiter. War er selber ein Teil des Komplotts? Oder wollte er Schlimmeres verhindern? In jedem Fall war die Nachricht aus dem Copyshop offensichtlich auch noch zu anderen Personen vorgedrungen – wie sonst wäre es zu einer fatwa gekommen?
Als das Freitagsgebet zu Ende war, rottete sich in der Tat eine rachsüchtige Menge zusammen. Die islamischen Autoritäten, mit denen der Bischof gesprochen hatte, waren auf diesen Fall vorbereitet. Sie traten vor ihre Leute und riefen ihnen zu: „Bitte geht nach Hause! Wir haben die Sache schon geklärt. Der Priester hat sich nichts zuschulden kommen lassen.“ Die Menge schenkte ihnen offensichtlich Glauben, denn sie löste sich auf, und alles schien ein gutes Ende zu nehmen. Aber es schien eben nur so. Nachts um halb elf – die Polizisten waren schon wieder abgezogen – bekam die Al-Saeh-Bibliothek erneut Besuch. Diesmal waren es fünf Männer und daher ging alles sehr schnell. Sie schlugen mit einem Hammer das Schloss und den Sperrriegel der Eingangstür in Stücke. Dann stießen sie die Türflügel auf, leerten im Innern einen Benzinkanister aus und setzten die Flüssigkeit in Brand. Sekunden später brannten die ersten Regale lichterloh. Im Nu waren die Täter verschwunden, und als die Feuerwehr kam, waren mindestens 8.000 Werke schon den Flammen zum Opfer gefallen.
„Wissen Sie noch, was Ihre ersten Worte waren, als Sie die Nachricht erhielten?“, frage ich Sarrouj.
„Gott hat es gegeben, Gott hat es genommen“, lautet seine fatalistische Antwort.
Am Tag darauf fand in Tripoli eine Demonstration gegen den Brandanschlag statt. Auf Transparenten stand, so etwas verstoße „gegen die Werte des Propheten“ und „Tripoli ist eine friedliche Stadt“. Regierungschef Nadschib Miqati, islamische Würdenträger und Vertreter der Zivilgesellschaft verurteilten das Attentat. Emad Ayoubi, der Sicherheitschef von Tripoli, erklärte auf einer Pressekonferenz: „Pater Sarrouj hat mit diesem Websitebeitrag absolut nichts zu tun.“ Scheich Salam al-Rafei ließ allerdings verlauten, bestraft werden müssten nicht die Täter, sondern der Autor der fatwa.
Eine Welle der Solidarität setzte ein. Sarrouj konnte sich kaum noch retten vor Buchspenden, die die entstandenen Lücken füllen sollten. 1.000 Bücher trafen vom Kulturministerium ein, 1.000 von der Universität Antonine, die ein maronitischer Orden betreibt, 2.500 vom christlichen General Michel Aoun, einer der wichtigsten politischen Figuren des Libanon. Zahlreiche Kisten erreichten die Bibliothek aus Frankreich und den USA.
Unter dem Motto „Kafana Santam“ („Schluss mit dem Schweigen“) lief auf Facebook eine Spendenkampagne an. Binnen weniger Wochen wurden 37.000 Dollar für die Erneuerung der Bibliothek gesammelt. Die Freude von Pater Sarrouj über diese Aktion hält sich allerdings sehr in Grenzen: „Kein Mensch weiß genau, wie viel Geld da wirklich zusammengekommen ist“, sagt er. Ja, die Aktivisten hätten neue Regale gekauft sowie einen Teil der rußgeschwärzten Wände und Decken frisch gestrichen. „Aber das hat nie und nimmer 37.000 Dollar gekostet, wahrscheinlich maximal 12.000 Dollar.
„Was ist mit dem übrigen Geld geschehen?“, frage ich.
Der Bibliotheksleiter zuckt mit den Schultern. „Ich habe bis heute keine einzige Quittung gesehen.“ Wohl aber hätten die Initiatoren sich selber zu einem üppigen Abendessen eingeladen, mit dem sie den erfolgreichen Abschluss ihrer Kampagne gefeiert hätten – in einem schicken Restaurant, das dem Vater eines der Organisatoren gehöre. Im Libanon sind die Wege des Bösen wie auch des Guten oft auf tückische Weise miteinander verschlungen.
Ein Mitarbeiter der Sicherheitsdienste habe ihm erzählt, dass schon wieder ein neues Gerücht im Umlauf sei. Hinter dem Brandanschlag stecke der Eigentümer des Gebäudes, in dem die Bibliothek untergebracht ist. Der wolle das ganze Grundstück an einen Investor verkaufen, was wegen der zentralen Lage wohl ein ziemlich einträgliches Geschäft wäre. Weil das Haus aber unter Denkmalschutz stehe, sei ein für einen Neubau erforderlicher Abriss verboten. Wenn hingegen nur noch eine Brandruine übrig sei, gebe es nichts mehr zu schützen – und daher seien an eine muslimische Gang 2.000 Dollar gezahlt worden, um den Verfall der Strukturen etwas zu beschleunigen …
Sarrouj winkt ab und wendet sich ab. Genug der Verdächtigungen und der bösen Worte. „Es ist nicht meine Aufgabe, sondern die der Regierung, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Ich bin hier, um die Leute zu lieben. Ich trage sie auf meinen Schultern.“ Neue Kundschaft ist gekommen, es sind Eltern, die Kinderbücher suchen. Die Videokamera am Eingang nimmt jetzt alle Szenen auf. Der Priester aber blickt am liebsten nie dorthin. Glücklich führt er die Besucher an den Regalen entlang. Es ist doch viel schöner, sich nur mit Büchern zu beschäftigen.
KAPITEL 5 · KHABUR-TAL – SYRIEN
„Wo war denn unser Gott?“
Wie Kirchen in Trümmer sinken
Unter meinen Füßen knirschen verbeulte Plastikflaschen, verrostete Cola- und Thunfischdosen. Mein Blick fällt auf zerfetzte Sofas und Sessel, ausgebrannte Küchen, umgekippte Kühlschränke, herumliegende Kleidungsstücke und aufgerissene Matratzen. Haus um Haus taste ich mich mit meinen Begleitern voran. Es ist ein Rundgang durch ein zerschundenes Dorf.
„Und wo sind die Einwohner?“, frage ich.
„Irgendwo bei Verwandten“, lautet die Antwort. „Oder in einem Lager. Oder schon bei euch im Westen.“
Tel Shamiran ist der arabische Name dieses Dorfes, seine Bewohner aber nannten es Marbusnayeh. Sie waren Assyrer, Nachfahren eines Volkes, das um 900 v. Chr. in Mesopotamien das erste Großreich der Welt errichtete. Die Menschen, die an den Ufern des Flusses Khabur siedeln, sprechen noch heute Aramäisch, die Sprache Jesu. Sie gehören zu den Kulturen, die man die „Versprengten der Geschichte“ nennen kann. „Das war die Front“, sagen die Assyrer, die mich hierhergebracht haben. „Hier haben sich die IS-Kämpfer verschanzt. Die Häuser boten ihnen Schutz. Ohne die Unterstützung der Alliierten aus der Luft hätten wir sie wohl nur schwer vertreiben können. Schauen Sie sich um! Das Dorf sieht heute noch so aus, wie die Leute vom ‚Islamischen Staat’ es verlassen haben.“
Drei Monate lang, von Februar bis Mai, tobten hier 2015 die Kämpfe. Die daesh, wie die selbsternannten Gotteskrieger im Nahen Osten heißen, hatten einen Großteil der Provinz Hassaka im Nordosten Syriens überrannt. In Dörfern wie Tel Shamiran buddelten sie Bunker in die Gärten und hoben Schützengräben aus. So schossen und starben sie für Allah und ihren Traum vom Kalifat, das sie am liebsten über die ganze Welt ausdehnen würden.
Als die daesh über diese Gegend herfielen, ahnten die Assyrer, dass für sie wohl wieder einmal die Stunde geschlagen hatte. Sie gehören einer christlichen Glaubensgemeinschaft an, die oft als „Nestorianer“ bezeichnet wird, sich offiziell aber „Assyrische Kirche des Ostens“ nennt. Für die daesh waren sie nichts anderes als kafir, Ungläubige. Die Assyrer wussten aus ihrer leidvollen Geschichte heraus, was das für sie bedeutete: die zweite große Flucht innerhalb von hundert Jahren.
Die Welt hatte schon kaum Notiz davon genommen, dass 1915 im Osmanischen Reich die Vernichtung der Armenier begann. Noch viel weniger drang nach außen, was zeitgleich mit den Assyrern geschah. Seit Generationen hatten sie im Turabdin, einer urchristlichen Region im Südosten der Türkei, und noch weiter östlich in den Bergen rund um Hakkari und den Van-See gelebt. Nun fielen auch sie der brutalen ethnischen Säuberung zum Opfer, die die Jungtürken zusammen mit verbündeten kurdischen Stämmen betrieben. An die 300.000 Assyrer, so schätzen Historiker, kamen damals um, die anderen flüchteten in den Norden Syriens. Knapp 20 Jahre später, 1933, wurden im Nachbarland Irak Tausende von Assyrern durch Soldaten umgebracht, weil sie angeblich Plünderungen veranstaltet hätten. Die meisten, die sich retten konnten, bekamen auf Beschluss des Völkerbundes in 37 Dörfern am Khabur eine neue Heimat.
Wir müssen uns tief ducken, so können wir durch Wände gehen. Die daesh haben sie einfach durchbrochen, damit sie im Innern der Häuser im Blickschutz bleiben und sich trotzdem bewegen konnten. „Gott, vergib uns“, sprühten sie an die Mauern. „Alle Macht ist bei Gott“, lesen mir meine Begleiter die Graffiti vor. „Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist sein Prophet.“
DIE NESTORIANER
Auf dem Konzil von Ephesus 431 wurde Nestorius, der Patriarch von Konstantinopel, als Häretiker verurteilt. Nach seiner Lehre konnte Maria als Mensch kein göttliches, sondern nur ein menschliches Wesen namens Jesus geboren haben. Nestorius’ Anhänger formierten sich zur „Kirche des Ostens“. Wegen ihrer starken Präsenz in Mesopotamien wurde sie bald „Assyrische Kirche des Ostens“ genannt. Assyrische Christen übersetzten Werke griechischer Wissenschaftler und Philosophen ins Arabische, später lernten sie von muslimischen Mathematikern und Astronomen. Ihre Kirche erlebte mehrere Spaltungen. Heute zählt sie weltweit etwa 400.000, im Nahen Osten aber kaum noch 200.000 Mitglieder. Zahlreiche „Nestorianer“ sind nach Europa und in die USA ausgewandert.
Die islamischen Gotteskrieger haben die Namen ihrer Kampfeinheiten auf dem Putz hinterlassen. Wir lesen den Namen „Abu Hamza“ – ein Hassprediger, dessen Ansprachen oft mit den Worten begannen: „Beseitigt die Juden vom Antlitz der Erde, schlachtet die Ungläubigen ab, errichtet das weltweite Kalifat!“ Er wurde 2014 in den Vereinigten Staaten wegen elf Verbrechen, darunter Geiselnahme im Jemen, der Beihilfe zu Anschlägen in Afghanistan und Einrichtung eines Terrorcamps im US-Staat Oregon, zu lebenslanger Haft verurteilt. Wir lesen „Abu Sumaya“ – er war ein IS-Kommandeur, der im Nachbarland Irak den Verkauf gefangener jesidischer Frauen organisierte; er wurde 2014 bei Kämpfen im Raum Mossul erschossen. Wir lesen „Al-Adiyat“ – der Name der Streitrosse, von denen der Koran in seiner 100. Sure berichtet. Es seien, so steht dort geschrieben, „schnaubende Renner“, die „Feuerfunken schlagen“, „frühmorgens anstürmen, Staub aufwirbeln und dadurch in die Mitte der Feinde eindringen“.
Die Assyrer haben das Glück, dass die Kurden heute nicht mehr gegen sie, sondern mit ihnen kämpfen. Im Nordosten des zerfallenden Staates Syrien haben deren „Volksverteidigungseinheiten“ (YPG) seit 2013 das mehrheitlich von Kurden bewohnte Gebiet unter ihre Kontrolle gebracht. Unter dem Schutz der Kurden stellten die Assyrer eine kleine bewaffnete Truppe aus ein paar Hundert Kämpfern auf. „Sutoro“, so ihr Name, hat seither in christlichen Gebieten wie dem Khabur-Tal das Sagen. Ich bin aus dem irakischen Kurdistan mit einem Fährboot über den Tigris in diesen Teil Syriens gekommen – illegal, weil ohne Visum der Regierung in Damaskus; legal, weil die „Sutoro“ mir einen gestempelten Zettel mit einer Aufenthaltserlaubnis für sieben Tage ausstellte.
In Tel Shamiran taucht plötzlich eine Gruppe von ehemaligen Dorfbewohnern auf. Sie erzählen, dass im Khabur-Tal die Leichen von 70 daesh entdeckt worden seien. Die IS-Leute hätten bei ihrem Rückzug aber auch 253 Einheimische als Geiseln mitgenommen. Gut die Hälfte davon – meist Männer über 60 – seien mittlerweile freigelassen, vermutlich drei Gefangene erschossen worden. Für den Rest hätten die IS-Leute ein Lösegeld von 100.000 Dollar pro Kopf verlangt, vor Kurzem sei der Preis halbiert worden. „Aber niemand von uns“, sagen die Assyrer, „kann auch nur annähernd so viel Geld aufbringen.“ Ein 40-Jähriger mit Namen Ashur, der damals mitgekämpft hat, schält sich aus der Gruppe heraus. „Ich bin der Letzte aus meiner Familie“, sagt er, „alle anderen sind ums Leben gekommen, mein Vater und meine Mutter, meine Frau und meine fünf Söhne. Acht Menschen habe ich verloren, während ich bei meiner Einheit war. Vielleicht wissen Sie jetzt, wie ich mich fühle.“
Ich glaube zu spüren, dass Farbe aus meinem Gesicht weicht. Der Mann zeigt mit einem bitteren Lächeln auf ein dickes, freiliegendes Wasserleitungsrohr, das sich durch die Trümmerlandschaft zieht. „Setzen wir uns, das ist jetzt unser Gästezimmer.“ Dann hocken wir auf dem harten Metall, und ich frage ihn, ob man als Christ den Glauben an Gott verliert, wenn man vom Leben so grausam behandelt wird.
„Tja, wo war unser Gott, das frage ich mich auch“, antwortet er. „Als Kinder hatten wir immer Angst vor seinen Strafen. Warum nur hat er die daesh nicht bestraft? Wo war er, als sie unsere Häuser zerstörten? Wo war er, als sie unsere Kirchen zerstörten?“
„Die daesh haben auch die Kirchen zerstört?“, frage ich.
„Neun Kirchen“, entgegnet er. „Neun Kirchen allein auf der Südseite des Flusses. Fahren Sie hin, schauen Sie es sich an. Es gibt hier kein einziges Gotteshaus mehr, das unversehrt geblieben ist.“
Wir machen uns auf den traurigen Weg. Die Kirche von Tel Shamiran stand etwas abseits des Ortskerns, wir finden nur noch ein Meer aus Steinen und ein paar Säulen, die einst das Dach trugen. In Tel Telaa (aramäisch: Sara) steht noch eine Art Betongerippe, das die einstige Form ahnen lässt, aber kein Dach und keine Wände mehr hat. Wir sammeln ein paar Scherben mit aramäischen Schriftzeichen auf und setzen die Bruchstücke zusammen, es sind Reste einer Tafel mit den Gründungsdaten, die am Haupteingang hing. In Tel Baloua (Diznayeh) saßen die islamischen Gotteskrieger auf dem Dach der Kirche und nahmen den Feind unter Feuer.

IS-Parolen auf zerstörten Wänden. Ein „Sutoro“-Kämpfer zeigt, wie die „Gotteskrieger“ sich in Häusern verschanzten.
„Sutoro“- und YPG-Kämpfer schossen von einem Hügel auf der Nordseite des Flusses zurück.
Das Resultat mutet an wie ein Symbolbild für den Untergang des Christentums in einer Region, wo vor 2.000 Jahren sein Aufstieg begann: Die Kirche ist zernarbt von schweren Granattreffern. Von ihren Mauern sind die meisten Steinkacheln abgefallen, so liegt der nackte Beton darunter frei. Die Glocke hängt verloren in ihrem Gebälk, der Läutestrick sinnlos in der Luft. Das vierarmige orthodoxe Kreuz, das nicht nur von allen Seiten, sondern auch von oben als solches erkennbar sein soll, baumelt verkehrt herum auf dem Glockenturm; vermutlich wird es nicht mehr lange dauern, bis es endgültig herunterfällt.
Ein letztes Dorf tun wir uns noch an, bevor die Sonne untergeht. In Tel Tal (Talnayeh) ragt aus einem riesigen Schutthaufen der ganze obere Teil eines Kirchturms. Es neigt sich schräg zur Seite wie ein sinkendes Schiff.
„Soll bloß niemand sagen, dieser Bau sei durch Bomben aus der Luft zerstört worden“, sagen die Assyrer. „Schauen Sie genau hin! Das Dach ist völlig ganz geblieben. Nein, die Bombe kam nicht von oben, sondern von unten. Die daesh haben die Kirche in die Luft gesprengt.“ Ich streife leicht benommen durch den Ort. Hier sind kaum Kampfspuren zu sehen, das stärkt die Vermutung von purer Zerstörungswut. Nun aber sehe ich, dass etwas in aramäischen Schriftzeichen auf eine Hauswand gesprüht wurde. Die Assyrer übersetzen es für mich. Es ist eine überraschende Nachricht, die einzig gute an diesem Tag. „Wir kommen zurück in unser geliebtes Tel Tal.“ Wer hat das nur geschrieben?
Ein Bursche namens Baribal taucht auf und sagt voller Stolz, das sei er gewesen. Er winkt uns, ihm zu folgen, und führt uns in ein Haus, das tatsächlich wieder bewohnt ist. Wir gehen durch einen Garten, rot schimmernde Granatäpfel hängen an den Bäumen. Da steht Elias Antar, der Vater des jungen Mannes, auf der Veranda und streckt uns strahlend die Hand entgegen. Er war sein ganzes Leben lang in diesem Dorf als Lehrer tätig und ist als Erster schon eine Woche nach der Rückeroberung wieder in sein Haus eingezogen. „Vor dem Krieg lebten in Tel Tal 55 Familien“, sagt er. „Jetzt sind immerhin schon zwölf wieder da. Wir sind ständig dabei, weitere Familien zur Rückkehr zu ermuntern.“ Seine Frau zögere noch, aber sie komme immerhin schon ein- bis zweimal pro Woche zu Besuch, und sie verspreche die vollständige Rückkehr für den Fall, dass Shadadeh, die nächstgrößere Stadt weiter im Süden, aus den Händen des IS befreit wird.
„Meine Kindheit, meine Jugend, meine Frau, meine Vergangenheit und meine Zukunft – alles ist von hier“, sagt der 68-Jährige. „Warum soll ich von hier weg?“
Er geht in den Keller und holt eine Flasche hausgemachten Rotwein. So ein Tag und so ein Besuch – das muss gefeiert werden. Dann aber schaut er mich durchdringend an, während er die Flasche öffnet. „Sie kommen aus Deutschland, sagten Sie?“ Ich nicke und er hält für einen Moment inne mit dem Korkenziehen.
„Ich hasse Deutschland“, sagt er mit einem Lächeln, dem man ansieht, dass es von Schmerz verzerrt ist.
„Sie werden Gründe dafür haben“, entgegne ich.
Er füllt die Gläser und reicht mir eines zum ersten Schluck.
„Zwei meiner Töchter sind nach Deutschland gegangen“, erzählt er. „Sie selber wollten es eigentlich nicht. Aber letztlich haben sie ihren Männern nachgegeben. Sie waren beide Lehrerinnen in der Stadt Hassaka gewesen. Mein Gott, sie hatten doch alles, was sie brauchten. Jetzt arbeiten sie in einem Restaurant.“ Er habe gebrochen mit ihnen, fügt er hinzu, so groß sei seine Enttäuschung gewesen.
Ich kann nachvollziehen, was die Gründe gewesen sein mögen, die Familie, das Haus und das Dorf zu verlassen. Der Fluss Khabur ist zum Rinnsal geworden, von seinen 300 Quellen sprudelt nur noch eine einzige, und deren Menge wird durch einen Kanal zur Versorgung von Hassaka geleitet. Die Türkei hat mit ihren Staudammprojekten den syrischen Nachbarn das Wasser abgegraben. Die Dorfbewohner können kein Obst mehr anbauen, weil der Grundwasserspiegel so stark gesunken ist. Das Trinkwasser, das die Leute einst aus Brunnen holten, ist so salzig geworden, dass sie ihren Bedarf in Plastikflaschen kaufen müssen. Und zu all dem ist dann noch der Krieg mit all seiner Zerstörung und die Angst vor den daesh gekommen.
„Wer glaubt denn noch ernsthaft daran, dass viele Auswanderer je wieder zurückkommen werden?“, frage ich in die Runde.
Sie zucken stumm mit den Schultern. Es hänge halt alles davon ab, was aus diesem Land Syrien werde.
„Getreide und Baumwolle lassen sich hier immer noch anbauen“, beharrt Elias Antar, als wir uns verabschieden. Ich spüre, wie ohnmächtig er gegen den Gang der Zeit kämpft. Er drückt mir, obwohl ich aus Deutschland komme, einen reifen Granatapfel in die Hand.
KAPITEL 6 · KIRKUK – IRAK
„Sie wissen nichts von ihren Wunden“
Wie Albträume den Alltag von Flüchtlingen beherrschen
Eine Nacht kann ein ganzes Leben verändern. Eine einzige Nacht. In ihr bricht alles zusammen, was Menschen Halt gegeben hat. Der sanfte Rhythmus des Arbeitstages. Der Schutz durch die eigenen vier Wände. Das Vertrauen in die eigenen Kräfte. Die Gemeinschaft mit den Nachbarn. Mounir Hanna und seine Familie haben das alles am eigenen Leib erfahren, und je länger er darüber spricht, desto größer wird der Abgrund, vor dem er nun steht.
Bis zum letzten Moment krallten sie sich fest an einem Leben, das ihnen zwar keine Reichtümer, aber Geborgenheit bescherte. Bis zuletzt weigerten sie sich, das Undenkbare zu denken. Selbst als der Donner von Geschützen dem Städtchen Bartella immer näher kam, hielten sie aus und glaubten fest daran, dass sie nicht im Stich gelassen würden. Es gab in der Ebene von Niniveh Tausende von irakischen Soldaten. Es gab Tausende von kurdischen peshmerga, „die dem Tod ins Auge sehen“, wie ihr stolzer Name sagt. Es gab 500 ehrenamtliche Kirchenschützer, von denen jeder immerhin eine Kalaschnikow hatte. Wozu waren denn diese Bewaffneten da? Sie würden doch die daesh in die Flucht schlagen, oder? Wenn nicht jetzt – wann dann?
Dann aber sahen Mounir und seine Familie fassungslos, dass all diese Uniformierten selber die Flucht ergriffen. Die vermeintlichen Verteidiger spürten ganz offenbar, dass sie der Waffentechnik und dem fanatischen Kampfgeist der islamistischen „Gotteskrieger“ nicht gewachsen waren. Es war die Nacht vom 6. zum 7. August 2014, in der die kleine, scheinbar gesicherte Welt der Familie von Mounir Hanna binnen weniger Stunden unterging.
Sie sahen, dass alle Christen, bis dahin die Mehrheit der Einwohner, in wilder Angst ihre Sachen packten. Selbst die Kirchenschützer rannten davon und gaben die ihnen anvertrauten Gebäude auf, die seit Jahrhunderten das Gesicht von Bartella geprägt hatten: Gotteshäuser der Assyrischen Kirche des Ostens, der Syrisch-Katholischen und der Syrisch-Orthodoxen Kirche. „In diesem Moment wurde uns klar, dass uns niemand mehr schützen würde“, sagt Mounir. „Wir gehörten zu den Letzten, die ihr Haus aufgaben. Aber uns blieb keine andere Wahl. Nur einen Tag mehr, und wir wären verloren gewesen.“ Sie rafften gerade mal das Allernötigste zusammen: Ausweise, Schmuck, ein paar Kleidungsstücke. „Wir hatten gar keine Zeit, um noch mehr einzupacken“, sagt der 55-Jährige. „Wir hätten auch gar keinen Platz gehabt, um viele Sachen zu transportieren.“ Fünf Menschen zwängten sich mit Beuteln und Taschen in Mounirs Auto. Sie wollten nach Erbil, in die Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan, wo sie sich die Rettung erhofften. So wie sie dachten in jener Nacht Tausende christliche Familien, die in der Niniveh-Ebene lebten, jener biblischen Region, in der laut Überlieferung der heilige Judas Thaddäus das Evangelium gepredigt hatte.
Ein endlos langer, chaotischer Blechwurm wälzte sich durch die Dunkelheit. Peshmerga, die ihn eskortierten, schossen ab und zu Salven in die Luft, um den Weg frei zu machen. „Nach Erbil haben wir normalerweise nicht mehr als eine Stunde gebraucht“, sagt Mounir. „Diesmal aber waren es neun Stunden.“
TRAUMA
Traumatische Erlebnisse, die von Menschen verursacht werden, sind viel schwerer zu behandeln als traumatische Erlebnisse als Folge von Naturkatastrophen. Den Opfern wurde das Grundvertrauen tief erschüttert oder ganz genommen, das für einen erfolgreichen Umgang mit anderen Personen nötig ist. Opfer von Krieg und Terror leiden in der Regel an Schlafstörungen, Nervosität und Gereiztheit; sie müssen oft erst durch Medikamente stabilisiert werden, ehe sie überhaupt behandlungsfähig sind. Traumatisierte gehen mit ihrem Leid sehr unterschiedlich um: Die einen suchen Zurückgezogenheit und Ruhe, andere möchten möglichst viel darüber sprechen. Erfahrungen zeigen, dass Traumata sehr lange nachwirken – ja sich im höheren Alter meist wieder verschlimmern.
An der Grenze zu Kurdistan mussten sie den Wagen stehen lassen, denn die peshmerga hatten Angst, dass in dem Treck auch Autobomben eingeschmuggelt würden. Kurdische Helfer luden sie auf Pick-ups und brachten sie endgültig außer Reichweite der Kanonen. In Ankawa, der christlichen Vorstadt von Erbil, campten die Flüchtlinge in Parks und auf offener Straße. Nun sind sie in Kirkuk gelandet, in einem Notquartier, das Bischof Faris Mansour Yacoub von der Syrisch-Katholischen Kirche zur Verfügung gestellt hat.
Mounir versucht sich zusammenzureißen. Sabirha, seine 53-jährige Frau, bricht bei jeder Station des Leidenswegs, den er erzählt, aufs Neue in Tränen aus. Shama, seine 85-jährige Mutter, starrt die ganze Zeit stumm vor sich hin. Sabina, seine 61-jährige Schwester, und Nur, seine 18-jährige Tochter, nicken ab und zu mit den Köpfen.
Fast zwei Millionen Menschen – Christen, Jesiden und Muslime – sind seit 2014 in die Gebiete unter kurdischer Kontrolle geströmt. Im Raum Dohuk kamen schätzungsweise 600.000, im Raum Erbil 400.000, im Raum Kirkuk 500.000 Flüchtlinge unter. Sie leben zusammengepfercht bei Freunden und Verwandten, in Wohncontainern und angemieteten Häuserblocks, manchmal sogar in zweckentfremdeten Kirchenräumen. Wie viele halten auf Dauer dieses Dasein aus?
Ich bin mit Yousif Salih, einem Psychotherapeuten, in Kirkuk unterwegs. Die Stadt gehört nicht zur Autonomen Region, wird aber von den Kurden beansprucht und derzeit kontrolliert. Die IS-Front ist ziemlich nahe, die Ölfelder sind ständig in Gefahr. Das äußere Elend der Flüchtlinge, das wir sehen, ist nur die Oberfläche des Problems. Viel schwerer ist es, ins innere Elend zu blicken. Salih hat versprochen, mir ein wenig zu helfen.
„Die meisten Flüchtlinge wissen nicht, dass jeder und jede ein Trauma hat“, sagt Salih. „Väter prügeln ihre Kinder, Brüder und Schwestern schreien sich an – ohne zu wissen, welche Wunden sie in der Seele tragen.“ „Gibt es ein Entrinnen aus einem Trauma?“, frage ich ihn.
„Es ist ein langer und schwerer Weg“, antwortet er. „Wir Therapeuten dürfen nie versuchen, solche Menschen zum Reden zu bringen. Wir müssen Geduld haben. Es muss aus ihnen selber herauskommen.“
Salih leitet in Kirkuk das lokale Büro der Stiftung „Jiyan“ (Leben). Sie wurde 2003, nach dem Sturz des Diktators Saddam Hussein, gegründet. „Das war die Zeit, in der radikale Muslime anfingen, die Dolmetscher umzubringen, die für die US-Invasoren arbeiteten. Wir wagten es damals nicht einmal, uns irgendein Symbol zuzulegen. Wir wollten überparteilich arbeiten und es uns mit keiner Seite verderben.“ Heute betreiben sie im Irak neun Behandlungszentren mit 75 Therapeuten, 12 davon sind in Kirkuk tätig.
Die christlichen Assyrer, sagt er, seien anders als die muslimischen Kurden; im Gegensatz zu denen seien sie keine Kämpfertypen und hätten sich meist wehrlos in ihr Schicksal ergeben. Eine Gruppentherapie wie etwa mit den Jesiden funktioniere mit Christen nicht. „Im Irak waren sie so etwas wie eine geschlossene Gesellschaft“, sagt Salih, „offen zeigten sie sich nur in Richtung Westen. Sie fühlten sich immer bedroht, so haben sie sich eingebunkert im Lauf der Geschichte.“
Jahrhundertelang haben im Orient Stammesbindungen das Leben der Araber geprägt. Bei den Assyrern, die immer mehr zur Minderheit wurden, war es der Zusammenhalt im Dorf oder im christlichen Viertel einer Stadt. „Man war nie allein, wenn etwas Schlimmes passierte“, sagt Salih. „Immer kam die ganze Gemeinschaft zu dir: Nachbarn, Freunde und Verwandte, um das Leid mit dir zu teilen.“ Jetzt, nach Flucht und Vertreibung, zeige sich die Kehrseite dieser Medaille. „Die Menschen treffen sich in ihren Notquartieren, um gemeinsam ihr Schicksal zu beklagen. Durch dieses ständige Jammern ziehen sie sich gegenseitig aber noch mehr runter. Traumatisiert, wie sie sind, machen sie ihr Drama immer größer und immer schmerzlicher – und meist sind halt keine Psychotherapeuten da, um gegenzusteuern.“
Die Leute von „Jiyan“ liefen selber Gefahr, vom Ausmaß des Leids erdrückt zu werden, fährt Salih fort. „Wir halten zwar Distanz zu unseren Patienten, das ist ja die Grundvoraussetzung, um ihnen helfen zu können. Aber stellen Sie sich einmal vor, wie viel sich da in jedem von uns ballt. Manchmal drohen auch wir unter dem Druck zu kollabieren. Ja, wir haben selber ein Trauma-Risiko.“ Das Gegenmittel sei die Gruppentherapie, die sie sich auferlegen. „Wir setzen uns zusammen und reden, so laden wir unsere Last voreinander ab. Nur so werden wir wieder innerlich frei für die nächsten Sitzungen. Es ist wie bei einem Chirurgen, der sich vor der Operation die Hände wäscht. Wir müssen uns reinigen von allem, was stört.“

Flüchtlinge aus dem Städtchen Bartella. Für Zehntausende Christen in der Niniveh-Ebene brach 2014 eine Welt zusammen.
Salih, ein muslimischer Kurde, ist Jahrgang 1975. „Leute in meinem Alter“, meint er, „haben ohnehin eine schier endlose Traumakette.“ Er hat die Diktatur von Saddam Hussein erlebt, die Aufstände der Kurden und die chemischen Waffen, die zu deren Bekämpfung eingesetzt wurden. Er hat nach Saddams Sturz die blutigen Auseinandersetzungen erlebt, die zwischen Schiiten und Sunniten ausbrachen. Einst war es die Angst vor der Folter, die ihn und seinesgleichen beherrschte, nun ist es die Angst vor Terroristen, die Menschen vor laufender Kamera die Köpfe abschlagen. „Als Zwölfjähriger musste ich mit ansehen, wie ein 15-Jähriger exekutiert wurde“, erzählt Salih. „Uns wurde damals gesagt, das sei ein Feind der Baath-Partei gewesen, so etwas war damals ein ganz normaler Teil der Erziehung. Seit ich für ‚Jiyan‘ arbeite, habe ich erlebt, dass vor unseren Büros in Bagdad und Kirkuk Autobomben hochgingen. Ich habe Attentatsopfer gesehen und gerettet, die manchmal nur noch halbe Menschen waren.“ Durch die moderne Technologie – Fernsehen, Handys, soziale Medien – rückt das Unheil so nahe wie nie zuvor an die Menschen heran. In einer Frontstadt wie Kirkuk hört man den dumpfen Schlachtenlärm oft sogar mit den eigenen Ohren. „So kommt die Gefahr schon gedanklich auf uns zu“, sagt Salih. „Du beginnst dir auszumalen, was mit dir passieren könnte. Solche Gedanken sind die ersten Auslöser eines Traumas. Es ist das Anfangsstadium eines Schneeballs, der ins Rollen kommt und immer größer wird.“ Kirkuk hatte eineinhalb Millionen Einwohner, im Zuge der Flüchtlingswelle sind es mittlerweile zwei Millionen geworden. „Wie viele Menschen in dieser Stadt haben wohl ein Trauma?“, frage ich den Psychotherapeuten. „Das kann ich Ihnen ganz genau sagen“, lautet die Antwort. „Zwei Millionen.“
Zu der Fülle an seelischen Ängsten, setzt er hinzu, komme eine große, geistige Leere. „Unser ganzes Leben lang haben wir Iraker erfahren, dass Ideen, Slogans und Programme immer nur missbraucht wurden. Die Folge ist, dass wir an keine Idee, keinen Slogan, kein Programm mehr glauben. Wie soll da aus dem Inneren des Volkes eine neue moralische Kraft wachsen?“
Aus der puren Verzweiflung heraus bildet sich stattdessen eine neue, trügerische Hoffnung. Die Rettung könne nur aus dem Ausland kommen: von Europa, von den Vereinten Nationen, von einer internationalen Streitmacht. Vor allem die Minderheit der Christen glaubt nur dann an eine Zukunft in diesem Land, wenn eine Macht von außerhalb im Irak interveniere. Das ist aber, wie man seit der US-Invasion weiß, schon einmal gründlich schiefgegangen.
So brüten sie in ihrem Elend vor sich hin und mit jedem Tag ohne Licht im Tunnel wächst die Lethargie. „Es ist wie mit einem Schiffbrüchigen weit draußen im Meer“, sagt Salih. „Die erste Stunde schwimmt er noch um sein Leben, vielleicht auch noch die zweite. Doch mit der Zeit wird er immer schwächer – und irgendwann gibt er auf.“
KAPITEL 7 · DELGA – ÄGYPTEN
„Sie haben euch doch nichts getan“
Wie ein aufgepeitschter Mob Jagd auf Christen macht
Direkt vor uns ragt ein Minarett in die Höhe. „Die Nasr-Moschee wurde vor etwa 50 Jahren errichtet“, sagt Pater Ayoub. „Damals musste unsere Georgskirche weichen, nur das Gemeindezentrum blieb.“ Das kleine katholische Gotteshaus steht heute hundert Meter entfernt, versteckt in einer engen Gasse, ohne Glockenturm und wie hingeduckt. Wir sind schnellen Schrittes von dort herübergekommen und durch ein eisernes Tor gehuscht. Dann schloss ein Helfer des Pfarrers von außen wieder ab.
„Als ich vor fünf Jahren in Delga mein Amt antrat, haben sie mir von der Moschee aus eine Botschaft geschickt“, erzählt der 43-Jährige. „Sie hatten schon vier Lautsprecher am Minarett, dann fügten sie weitere vier hinzu. Wir selber hatten nie auch nur einen einzigen Lautsprecher, trotzdem haben sie sich immer wieder über Lärm von unserer Seite aus beschwert. Ärger gab es vor allem, wenn wir Veranstaltungen mit Kindern hatten oder aus unserer Sonntagsschule Gebete nach drüben drangen.“
Wir stehen sozusagen vor einer kulturellen Kampflinie. „Die Muslime hatten es schon immer auf unser Grundstück abgesehen“, so Pater Ayoub. 1988 bauten die Christen zur Abgrenzung eine Mauer, vier Meter Gelände mussten sie dafür opfern. Nun dringt aus einem Kindergarten neben der Moschee ein laut geschrienes Stakkato an unsere Ohren. „So werden den Kleinen die Koranverse eingehämmert“, meint der Priester. „Sie lernen Arabisch durch den Koran. Sie lernen schon von Kind an, in aggressiven Tönen zu sprechen. Wenn sie etwas älter sind, kannst du das dann von ihnen auf der Straße hören.“
Delga ist eine bedrückende Stadt. Sie liegt in Oberägypten, 20 Kilometer westlich des Nils, in einer vergessenen Ecke am Rand der Wüste. Die Straßen sind mit Müll und Schlaglöchern übersät, Eselskarren und Pferdefuhrwerke rumpeln an armseligen Läden vorbei. Die Menschen trotten träge dahin, die Gesichter der Frauen sind verhüllt, die der Männer kantig und hart. Von den 120.000 Einwohnern sind 100.000 Muslime, 15.000 koptisch-orthodoxe, 3.000 protestantische, 2.000 koptisch-katholische Christen. Es gibt nur einen einzigen Grund, weshalb ich mich auf den Weg hierher gemacht habe: Delga ist ein Musterbeispiel dafür, wie sehr in Ägypten die Politik mit der Religion und die Religion mit der Politik zu tun haben.
Pater Ayoub will mir zeigen, was einmal das Gemeindezentrum war. Jedenfalls bis zu jenem fürchterlichen Tag, als Delga erstmals Schlagzeilen machte. Die Spuren, denen wir folgen, sind in erster Linie Brandspuren. Wir gehen durch einen Flur mit schwarz versengten Wänden, Weizenkörner liegen verstreut auf dem Boden. „Sie waren eigentlich für Arme bestimmt“, erklärt der Geistliche. „An dem Tag aber, als die Muslime das Gebäude plünderten, haben sie auch diese Nahrungsmittelsäcke mitgenommen.“ Wir streifen durch einen Raum, der ein Versammlungssaal war, darin steht einsam ein verkohltes Sofa. Im zerstörten Kinderhort sind lustige Bilder an die Wände gemalt. In der Bibliothek kramt Pater Ayoub aus einem Stapel Reste halb verbrannter Bücher. „Ich habe es gerochen, als das Papier brannte, es tat ganz besonders weh“, sagt er. „3000 Werke sind den Flammen zum Opfer gefallen. Sie waren über einen Zeitraum von 25 Jahren mit viel Liebe zusammengetragen worden.“
Seit jenem Tag, dem 3. August 2013, ist in Delga nichts mehr so, wie es war.
DIE MUSLIMBRÜDER
Die sunnitische Muslimbruderschaft wurde 1928 in Ägypten von dem Volksschullehrer Hassan al-Banna gegründet. Sie ist eine der einflussreichsten islamistischen Bewegungen im Nahen Osten. Aus ihren Reihen ging 2011 in Ägypten die „Freiheits- und Gerechtigkeitspartei“ hervor, die das gesamte Rechts- und Gesetzgebungssystem auf der Scharia aufbauen will. Bei den Parlamentswahlen 2012 errang sie mehr als 42 Prozent der Parlamentssitze und wurde damit zur stärksten Partei. Nach dem Militärputsch 2013 durch General Abd al-Fattah as-Sisi wurde die Muslimbruderschaft als Terrororganisation eingestuft – und damit auch ihr politischer Arm verboten. In Massenprozessen wurden Hunderte von Islamisten wegen gewalttätiger Protestaktionen zum Tod verurteilt.
Frühmorgens trat General as-Sisi, damals Chef der ägyptischen Streitkräfte, vor die Fernsehkameras und verkündete, er habe den gewählten Präsidenten Mohammed Mursi abgesetzt. Er warf ihm vor, das Land zu einem islamistischen Staat und sich selber zu einem autoritären Herrscher machen zu wollen. In den 14 Monaten, die Mursi regierte, hatten Ägyptens fundamentalistische Muslime in der Tat immer mehr Schaltstellen der Macht übernommen. Nun rebellierten die „Muslimbrüder“ und Salafisten gegen den neuen starken Mann, der sie mit seinem Staatsstreich aus ihren Träumen gerissen hatte. Weil die christlichen Kirchenführer ganz offen mit as-Sisi sympathisierten, erklärten die radikalen Muslime nicht nur Militär und Polizei zum Feind des Islams, sondern pauschal auch die schätzungsweise zehn Millionen Christen, die in Ägypten leben.
Delga war die erste Stadt, in der Mursi-Anhänger rebellierten und Pater Ayoub sollte ihr erstes Opfer werden. Zunächst verjagten bewaffnete Schlägertrupps die lokale Polizei, damit gab es keine Staatsmacht mehr, die Recht und Ordnung durchsetzen konnte. Dann zogen sie vor das katholische Gemeindezentrum und brüllten „Allahu akbar!“ – „Gott ist groß!“, womit sie freilich nur ihren und sonst keinen anderen Gott meinen.
Pater Ayoub steigt mit mir in den ersten Stock des Gebäudes. Hier hatte er nachts geschlafen und morgens zwischen acht und neun rottete sich unten am Tor die Menge zusammen. „Tod den Christen!“, drang es zu ihm hoch, und plötzlich sah er, wie draußen an den Mauern Flammen loderten, sie schlossen ihn von drei Seiten ein. Wussten die Brandstifter, dass er sich im Inneren aufhielt? Hatten sie es nicht nur auf das Gebäude, sondern auch auf ihn persönlich abgesehen? Er saß wie ein Gefangener in einem Raum auf dem Boden, während immer mehr Rauch durch die Gänge zog.
Die Rettung in letzter Minute kam von muslimischen Nachbarn. Sie lehnten eine Leiter an die Mauer, die von ihrem Grundstück zur Terrasse des Gemeindezentrums hinaufreichte. Pater Ayoub kletterte hinunter und die Hausbewohner gewährten ihm Unterschlupf, bis die Menge zu ihrem nächsten Ziel weiterzog. So sah er mit eigenen Augen, wie sein Zentrum in Schutt und Asche sank. Die Feuerwehr hatte keine Chance durchzukommen, denn die Zufahrtsstraßen waren mit gefällten Bäumen blockiert.
Wir sind am Ende unserer Besichtigungstour. Pater Ayoub ruft per Handy seinen Assistenten an, er möge bitte mit dem Schlüsselbund kommen. Wir stehen unten am Tor, der Priester lauscht nach draußen und späht durch das Schlüsselloch. Sein Helfer kommt erst dann, wenn die Luft wirklich rein ist. Nach zehn Minuten geht das Tor auf, wir treten hinaus auf den Platz vor der Moschee. Da sitzen Leute beim Tee, sie unterbrechen das Trinken und stellen die Gläser ab. Passanten bleiben wie angewurzelt stehen und alle starren uns an. Ein Ausländer in der Stadt, an der Seite dieses Priesters? Sie sehen meine kleine Kamera, die ich an der Hüfte trage. Sie verfolgen jeden meiner Schritte. Ich spüre, wie die Blicke auf mir lasten – und ahne die Gedanken, die sich bei ihnen damit verbinden. Nur weg von der Straße, möglichst schnell weg.
Der Anschlag von Delga war der Beginn eines Flächenbrandes. Nach dem 3. August 2013 fraß er sich sieben Wochen lang unerbittlich nach vorn. Delga wurde zu einer Festung der islamistischen Rebellen; zwei Mal scheiterten Versuche von Polizeikräften, die Stadt zurückzuerobern. Die Minderheit der Christen traute sich kaum mehr, die Wohnung zu verlassen. In der Hauptstadt Kairo bauten derweil die Sisi-Gegner zwei Protestcamps auf. Die neuen Machthaber, die Tausende von Regimegegnern verhaften ließen, forderten die Mursi-Anhänger mehrfach zum Abzug auf. Am 14. August 2013 war ihre Geduld zu Ende. Die beiden Lager wurden mit brutaler Gewalt aufgelöst, dabei kamen nach Angaben der Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ mindestens 900 Menschen ums Leben.
Kaum hatten die Soldaten das Feuer eröffnet, gingen landesweit die Islamisten auf die Straße, um Rache für das Blutbad zu nehmen. Delga war eine der Städte, wo sie sich besonders stark fühlten. Von nahezu allen Moscheen hallte es aus den Lautsprechern, es waren aber keine Gebete, sondern offene Aufrufe zur Gewalt. „In Kairo werden eure Brüder umgebracht. Alle, die eine Waffe haben: Kommt heraus und rettet sie vor ihren Mördern!“ Der Feind, so schrien die Imame wiederum, seien nicht nur Armee und Polizei – es seien „die christlichen Ungläubigen“. Der Volkszorn sollte sich diejenigen als Opfer suchen, die am schwächsten, weil völlig wehrlos waren.
Am Morgen jenes Tages machte in Delga der Friseur Iskander Toss seine jährliche Runde, die ihn zu seinen Stammkunden führte. Die zahlten nämlich nie bar, stattdessen durfte er bei ihnen einmal im Jahr Gemüse abholen: Tomaten, Kartoffeln, Auberginen und was ein Garten halt so hergibt. Es war ein Tauschhandel, geprägt von gewachsenem Vertrauen, sein ganzes Barbierleben lang hatte das funktioniert. Toss war Christ, die meisten seiner Kunden Muslime, doch das hatte nie eine Rolle gespielt, wenn sie bei ihm auf dem Stuhl saßen.
Toss trug noch so etwas wie Hochstimmung in sich. Zwei Monate zuvor hatte er mit einer Pilgergruppe die Reise seines Lebens gemacht. Er war in Jerusalem und Bethlehem gewesen, an den heiligsten Stätten des Christentums. Nun war er mit vollen Taschen, sozusagen seinem Jahreshonorar, auf dem Weg zurück zu seinem Laden in der Robasheya-Straße. Da drangen Laute an sein Ohr, die seine Stimmung schlagartig wandelten: „Allahu akbar!“, hörte er, und zwar immer lauter, je näher er seinem Geschäft kam. Toss wusste, dass diese Rufe nichts Gutes bedeuteten. Als er gegen elf Uhr in die Straße einbog, sah er Menschen in rasender Wut, die Haumesser und Gewehre schwangen. Bald erkannte er, dass es sein Laden war. Er rannte hin, die Menge bildete ein Spalier, aber niemand half. So versuchte er, mit einem Eimer Wasser die Flammen zu löschen. Es kam aber kein Wasser mehr aus der Leitung, vermutlich war sie schon zerstört worden. So stand Toss hilflos im Qualm im Angesicht der tobenden Leute, die „Christen raus!“ und „Tod den Christen!“ skandierten.
Dieser Mob, der Streichhölzer und Benzinflaschen mit sich trug, war keine spontane Reaktion auf das Massaker in Kairo. Er hatte sieben Rädelsführer, einer war ein stadtbekannter Apotheker, die sechs anderen hatten fast alle den Rang eines Scheichs. Sie hatten einen präzisen Plan für den Tag X, an dem sie losschlagen wollten. Die Stadt war von ihnen in sieben Zonen aufgeteilt worden, in denen sie nun jeweils das Kommando übernahmen. Mit Megafonen standen sie fuchtelnd und schreiend auf Pick-ups, fuhren durch die Straßen und stachelten die Leute an. Nicht selten verteilten sie sogar Geld, um Muslime mit Waffen zu mobilisieren. Binnen einer Stunde hatte jeder Anführer ein paar Tausend Fanatiker hinter sich. Erst steckten sie die Polizeistationen in Brand, dann waren die Kirchen an der Reihe, dann ungefähr 60 Häuser, in denen Christen wohnten.
Toss stürmte in den ersten Stock, dort lag direkt über dem Laden seine Wohnung. Er wollte seine Familie retten, insgesamt sieben Erwachsene und zwei Kinder. Auch sie hatten das Glück, dass nicht alle Muslime bei den Pogromen mitmachten, denn die Leute im Nachbarhaus boten Hilfe an. So begannen neun Menschen auf der Rückseite des Hauses, den Blicken der Belagerer entzogen, in wilder Angst über das Dach zu klettern, um drüben durch ein Fenster bei den Nachbarn einzusteigen.
Toss aber folgte ihnen nicht. Er hatte die Entscheidung getroffen, sich selber zu opfern, um seine Familie zu retten. Es ging um Minuten, vielleicht nur noch um Sekunden. Die Menge machte nämlich Anstalten, das Haus zu stürmen. So rannte er wieder die Treppe zu seinem Laden hinunter und warf sich dem Mob entgegen, um ihn wenigstens noch eine kurze Zeit aufzuhalten. Er blickte in die Mündung einer Maschinenpistole, der Schütze jagte ihm eine Kugel in den Kopf und eine ins Herz. Als er am Boden lag, stach ihm einer noch mit einem Messer in die Brust. So lynchten sie einen 62-jährigen Friseur, der mit seinem Messer immer nur sanft und sorgsam rasiert hatte. Die Masse steigerte sich in einen wahren Blutrausch hinein. Sie holten einen Traktor und banden die Leiche mit einem Strick daran fest. Dann schleiften sie ihr Opfer 500 Meter durch die Straße bis zu einer Moschee, die ausgerechnet den Namen „Rahman“, „Erbarmer“, trug, einen der 99 schönen Namen Gottes im Islam. „Allahu akbar!“, schallte es über den Platz, sie warfen auf den Toten auch noch Steine, erst dann hatten sie genug und zogen zu ihrem nächsten Ziel.
Ein paar Beduinen, bei denen Toss an diesem Morgen sein Gemüse abgeholt hatte, erfuhren von dem Mord. Sie eilten zur Moschee, packten die Leiche auf ein Tuk-Tuk, ein dreirädriges Mopedtaxi. Es blieb keine Zeit, um einen Sarg zu organisieren, so fuhren sie auf einen Hügel am Rand der Stadt, hoben ein Grab aus und legten den Leichnam hinein. Doch kaum hatten sie die Begräbnisstätte verlassen, zog der Mob den Hügel hinauf. Ein paar Männer rissen das Grab wieder auf, holten den Toten heraus und steinigten ihn ein zweites Mal. Die Beduinen, die davon erfuhren, kamen um drei Uhr morgens im Schutz der Dunkelheit zurück, um Toss ein zweites Mal zu bestatten. Ein paar Tage später wurde der Leichnam für eine Autopsie exhumiert. Sie ergab, dass durch die Steinigungen auch noch mehrere Rippen gebrochen wurden.
Die Stammkunden, die ihrem Friseur die Treue bis zum Tod hielten, nahmen dessen Familie für zehn Tage bei sich auf. Dann brachten sie die neun Geflüchteten nachts heimlich mit einem Minibus nach Kairo. Nur im Gewühl der Großstadt konnten seine Eltern, seine Frau und die Kinder auf Dauer untertauchen. In Ezbet el-Nakhl, einem ärmlichen Viertel im Nordosten der 16-Millionen-Metropole, fanden sie Unterschlupf bei Verwandten, ehe sie sich eine eigene Wohnung mieten konnten. Dort haben sie mir die Geschichte erzählt – und zwei Videos gezeigt, mit denen die Mörder ihre Tat auch noch dokumentierten und auf You Tube stellten. „Wir haben nie gespürt, dass Muslime uns hassten“, sagte mir Sami Toss, ein Sohn des Toten. „Aber jetzt wissen wir, dass es so war. Sie täuschten uns mit ihrer Freundlichkeit. Sie warteten nur auf den Tag, an dem sie einen Grund bekämen, um uns auszuplündern. Ja, sie waren Heuchler. Solange sie sich schwach fühlten, lächelten sie uns zu. Aber als sie sich stark fühlten, schlugen sie zu.“
An jenem 14. August 2013 brannten in Ägypten 25 Kirchen, in Delga waren es fünf. Darunter war die Katakomben-Kapelle zur Jungfrau Maria, die 1600 Jahre überstanden hatte und deren Eingang noch zwei alte römische Säulen rahmten. Damals, in den Zeiten der ersten Christenverfolgung, gab es im Raum Delga unterirdische Tunnel, die 24 Kirchen miteinander verbanden. Die Tunnel sind heute verfallen, man hätte sie noch gut gebrauchen können. „Die Menge hat alles geplündert“, berichtete ein Angestellter am Tag nach dem Pogrom und bat mich darum, seinen Namen nicht zu nennen. „Die Leute trugen die Kirchenbänke weg, stahlen die Ikonen oder steckten sie in Brand, rissen sogar die Elektrokabel heraus. Sie hoben alle Eingangstüren aus ihrer Verankerung und trugen sie davon. Dann kamen sogar ein paar Idioten mit Schaufeln und fingen an, im Garten zu buddeln – sie hofften offenbar, vergrabene Schätze zu finden.“
Anfang September kehrte endlich die Polizei nach Delga zurück. Aber sie schaffte es nicht, das Klima der Angst aus der Stadt zu vertreiben. Acht Christen, Männer und Kinder, wurden bis Ende 2013 entführt. Als Lösegeld mussten die Familien im Durchschnitt 50.000 ägyptische Pfund, gut 6.000 Euro, bezahlen – eine ziemlich happige Summe, wenn man bedenkt, dass das Durchschnittseinkommen eines Einwohners kaum mehr als umgerechnet 200 Euro im Monat beträgt. Die Eltern von Kerloes Yousif, einem sechsjährigen Entführungsopfer, konnten den Betrag nicht aufbringen, so wurde der Junge kurzerhand erdrosselt und die Leiche in ein Plumpsklo geworfen.
Unerschrocken und unbeirrt von all dem gab Pater Ayoub weiterhin Interviews für Presse, Rundfunk und Fernsehen. Sein Mut reizte die Muslimführer zu neuer Wut. Ein halbes Dutzend Mal trafen per SMS anonyme Drohungen bei ihm ein. „Wir bringen dich um!“, stand jedes Mal auf dem Display. In der Nacht zum 21. Februar 2015, er schlief in seiner Wohnung neben der Georgskirche, wachte er gegen 2.30 Uhr von einem Geräusch auf, das er schon gut kannte. Es knisterte auf der Straße und dichter Qualm drang durchs Fenster in sein Schlafzimmer. Draußen stand sein Auto in Flammen, man hatte es mit Benzin übergossen und angezündet.
„Haben Sie denn mal versucht“, frage ich, „so etwas wie einen Dialog mit den Muslimen zustande zu bringen?“
„Ja, das war schon 2011, nach der Revolution, als die Spannungen sich im ganzen Land aufbauten“, antwortet er. „Mein koptischer Kollege hatte keine Lust dazu, der protestantische Pastor ebenfalls nicht. So versuchte ich es halt allein.“ Seither habe er mehrfach mit 30 bis 40 Scheichs zusammengesessen, und alle hätten beteuert, nichts anderes als gute Nachbarschaft zu wollen. Mit Scheich Fayak, dem obersten Führer der Muslime, habe er sogar eine richtige Freundschaft geschlossen.
„Ich würde gern ein paar Takte mit ihm reden“, sage ich.
„Kein Problem, ich rufe ihn gleich an“, antwortet der Priester.
Eine halbe Stunde später kommt der Scheich tatsächlich zur Sakristeitür herein. Ein groß gewachsener, schlanker Mann mit freundlichen Augen und einem weißen Käppi auf dem Kopf. Er berichtet, wie oft er seinen Leuten schon ins Gewissen geredet habe. „Ich habe ihnen immer gesagt, die Christen sind friedliche Nachbarn, sie haben euch doch nichts getan.“ Aber manchmal sei es ihm vorgekommen, als redete er gegen eine Wand. „Sie sagten mir immer, sie müssten den Islam verteidigen.“
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.