Kitabı oku: «Der Bote»
Table of Contents
Die Liga der Zeitreisenden
Rückblick
Murmansk
Die Begrüßung
Valeria Dernikowa - oder doch Natalie?
Maximilian von Bergerdamm
Lokis Castle - Lokis Schloss
Valeria Dernikowa zum Zweiten - Kapitän Viktor Satchev - die Atomgaz
Nord-Ost Passage - Ljachow Inseln - Wrangel Insel - U-Boot Havarie - Jakutien
Rosenstrauch - Klon oder Chimäre?
Kontrolle - nur das Gepäck (kein Enddarm) - small talk - Visionen - Valeria Dernikowa dritte - Frühlingserwachen - Maxi Bergerdamm spurlos davon
Georgi Schukow - Sarah Rosenstrauch - Bergerdamm sei auf der Hut
Schlacht am Büffet - Anfahren der Maschinen - Good bye Murmansk
Maxis Visionen - Valerias Einladung - Viktor Satchevs Rede - Maxis Tod
SARS-Vo-1 Covid - Verwirrung - Niko Wassilew - Entsetzen - erotische Einblicke
Farewell - my Lady in Red… Lebewohl Valeria… Praschtschja… Valeria… Maxi
Eine turbulente Nacht - Tschelnikow - Federinenko - Dernikowa - Doktor Schiwagi
Spitzbergen Wetterstation - Sibirien brennt - Island vor dem Untergang- Krasnojarsk und das Mammut Projekt - die Katastrophe beginnt
Nachtflug über Sibirien - Engel des Todes - Fliegende Tankstelle - Arktisches Nordmeer
Die Auferstehung - wir sind Gott geworden
Kreuzflug Saratow
Durch die Nacht und den Tag - wo die Nacht der Tag ist
Tanz mit dem Tiger
Im Auge des Sturms - Thor schlägt zum Finale
Der Schwarze Tod - Doktor Schiwagi. - Valerias Albträume - Maxi von Bergerdamm
Oberst Pjeltrowenko - Tod im Nordatlantik
Thors Hammer
Die Tsunamis kommen - Island kollabiert - ein Chamäleon On Air
Der pandemische Weltenbrand
Die Höllenfahrt der Georgi Schukow
Das letzte Ufer - Aufbruch durch die Nord-Ost Passage
Good bye Hawaii
PS:Nachtrag aus der intergalaktischen Redaktion der Liga der Zeitreisenden.
In Memoire - Euer Zeitreisender Ohnefurcht Maxi von Bergerdamm
Das (Impf) Roulette des Todes - Nachruf auf eine Population
Farewell ihr Erdlinge - lebt wohl - Morituri te salutante
Wahnsinn - einfach Wahnsinn, dieses Wetter
Der Wetterbericht:
Lebe wohl - Erde - vaya con Dios
Die sieben Schalen mit dem Zorn Gottes
Hinweise
Impressum – Kontakt
„Der Mensch wird von zwei Parametern beherrscht -
der eine ist die Gier - der andere ist die Angst“
Hans-Joachim Rech
Der Bote
Endzeit Thriller mit fantastischen Elementen nach fiktiven und realen Ereignissen
Der Zeitreisende Ohnefurcht - auch genannt Maximilian von Bergerdamm
Impressum
Covergestaltung: andersseitig
Digitalisierung: andersseitig
© 2021 andersseitig
ISBN
9783966511759 (ePub)
andersseitig Verlag
Dresden
(mehr unter Impressum-Kontakt)
Erinnerungen des Zeitreisenden Bruders Aramis zu seiner Zeit aus der Liga der Zwölf Apostel
„Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
WAS WÄRE WENN - - -,
das ist die Gretchenfrage zu allen fiktiven oder realen Möglichkeiten die wir uns vorab stellen müssen, bevor wir mit dem eigentlichen Thema beginnen. Hierfällig ist es die Pandemie SARS-CoV-2, ausgelöst durch das Coronavirus Covid-19.“
So formuliert sich die Präambel im Arbeitstext der Bruderschaft der „Zwölf Apostel“ während ihrer Zusammenkunft in einer eher unbedeutenden Ortschaft in einer ebenso, während der Wintermonate sich selbst überlassenen abgelegenen kleinhäusigen Klosteranlage in den europäischen Alpen, in denen das sonst vom touristischem Wintersporttrubel quirlende Leben den lebensfrohen Zeittakt vorgab, hinlänglich zur Ruhe gekommen war. Der Auslöser dieser fast schon mystisch-geheimnisvollen Ruhe, die nur gelegentlich durch die donnernden Abgänge der Schneebretter und Lawinen weniger gestört denn mehr bereichert wurde, ließen die Kolkraben in ihrer sich selbst ergebenen Spielfreude im weißen Flockenwirbel, der unaufhaltsam alles und jegliches unter einem dicken geschmeidigen Teppich wie durch Zauberhand verschwinden ließ, wie der nordischen Mythologie nach die Gesandten des Göttervaters Odin - namentlich Hugin und Munin es seit Urzeiten tun, nach Sonnenaufgang auf Geheiß ihres Herrn und Gebieters Odin, auch genannt „Hrafnaess“ - Rabengott - in die Welt hinausfliegen um diese zu erkunden. Waren sie den „höfischen Zwängen“ erst einmal entflogen, gaben sie sich ausgiebig dem virtuosen Spiel ihrer fliegerischen Eleganz hin, die sie zur Winterzeit oftmals bis in den dicken flockigen Mantel des Winters purzeln ließ, in dem sie sich nur zu gerne und nach Herzenslust rollten und in aller Freundschaft balgten und plusterten. Odin wusste um die ausgeprägte Neigung seiner Freunde und Boten und gewährte ihnen großzügig dieses morgendliche Geschenk des brüderlichen Spieles, das ihre eherne Bindung über alle Zeiten hinweg unsterblich werden ließ. Bruder Aramis aus dem fernen „Fjellfräs“, dem Felsenland Norwegens, welches ursächlich an der Eindeutschung auf „Vielfraß“ beteiligt war, gleichwohl die eigentliche Namensgebung für den „Vielfraß“ auf „Felsenmarder“ deutet, da sich selbiges Tier aus der Familie der echten Marder, neben Tundra und Taiga auch im Felsenland Skandinaviens wohl fühlte und dort den zahlreichen Höhlen sein Zuhause fand, waren die Kolkraben aus seiner Heimat ein vertrauter Anblick. Schon als Kind auf dem großväterlichen Hof aufgewachsen, der an den Ausläufern einer sanft abfallenden, mit Kiefern dicht bewaldeten Hangzunge lag, war ihm das Spiel dieser majestätischen, in metallisch schimmerndem dunklem Blau-Schwarz ihres Gefieders gehüllten Vögel so vertraut wie die Gezeiten des Meeres, die zweimal am Tag die Landschaft und Ufer am Auslauf und Ende des Fjordes im Hinterland mit ihren segensreichen Fluten bedeckten und hernach wieder freigaben. Die Erinnerung daran lag lange zurück, sehr lange, aber sie war dennoch so frisch wie in jenen Tagen, als er in unbekümmerter Weise seine Lebenswelt zu erkunden, zu begreifen und zu verstehen begann, die sein Großvater mit einer schon sprichwörtlichen Engelsgeduld behutsam wie ein aufregendes Spiel, akribisch in allen Einzelheiten und Facetten ihres universalen Gefüges vor dem geistigen Auge seines kindlichen Entdeckergeistes erstehen ließ. Einer seiner prägenden Aussagen, an die sich Bruder Aramis oft erinnerte und die er auch selbst wenn es Not tat gebrauchte war jene - Wer die Gegenwart und Zukunft verstehen will, muss um das Vergangene wissen - wie recht er doch hatte, sein Großvater. Wo mag er wohl sein - just in diesem Moment? Schaute er ihm zu bei seinen Bemühungen ein klein wenig mehr an Gerechtigkeit und Toleranz an jene Erdlinge zu heften, ob dass diese sich nicht doch noch in ihrer Unvernunft gegenseitig eliminieren. Sein Großvater war einer der ihren, was er jedoch erst sehr spät von ihm erfuhr zu einer Zeit, als er - Aramis - jene Gabe an sich eigenhändig feststellte, darüber mehr erschrocken als überrascht und schon gar nicht glücklich schien. Sein Großvater nahm ihn danach behutsam „an die Hand“ und führte ihn in die „Liga der Zeitreisenden“ ein, ganz bedächtig, ohne Hast oder Eile, alles und jegliches seinem eigenen Wesen und Gedeihen anheim gelassen - nur beobachten, verstehen, begleiten und wenn wirklich bei allem für und wider nötig, erste - kaum merkliche Korrekturen setzen, die ausschließlich - wobei seine Betonung auf ausschließlich lag - das beobachtete Objekt - ob mineralogisch oder organisch Gegenstand seiner Betrachtung war. Durch seine geistige Einwirkung durfte nur das ausgewählte Objekt - in welcher Hinsicht auch immer - so beeinflusst werden, dass dies nur zu seinem Vorteil und nie zum Schaden anderer geschah. Daran hatten sich alle Zeitreisenden konsequent zu halten - bis in alle Ewigkeiten in allen Galaxien und Universen. In den Ausführungen seines Großvaters nahmen die mystischen Göttergestalten des Nordens ebenso ihren Platz ein wie die christlichen Sendboten, die aus der Mystifizierung des großen Opfergangs eines Jesus von Nazareth hervorgingen, eines Mannes, der das Leiden und die Qualen der Menschen, welche diese ihresgleichen sich selbst und anderen zufügten nicht länger hinnehmen wollte, und so beschloss dieser Jesus ein Zeichen zu setzen, - sein unsterbliches Leben als Opfer in der Körperlichkeit eines Menschen am Kreuze hingeben, um dadurch das Seelenheil aller Menschen für alle Zukunft zu bewahren. Dieser Jesus schloss einen Pakt mit den Urkräften, die alles und jegliches in allen Galaxien und Universen gestalten und fügen, und so geschah es dann, was wir heuer als das Wunder der Auferstehung - als österliche Mission anerkennen und feierlich begehen. Zuweilen sehnte er sich zurück an jene Zeiten der mystischen Mittsommernachtfeuer, wenn die Nächte des Nordens von der ewig leuchtenden Himmelsfackel wie ein einziger Tag erhellt wurden und das knisternde Flackern der Flammen zahlloser Feuer in ihrem feurigen Tanz die Geister der Ahnen und die magische Anwesenheit der Götter der Alten Zeit beschworen, die zu später Stunde aus ihrem Göttersitz in Walhall herabstiegen zu den Menschen und sich mit ihnen bei Met, Ochsenbraten und duftenden Bratäpfeln an ihren Lagefeuern wärmten und die alten, ewig jungen Geschichten erzählten, aus denen die Äonen der Zeit jene Legenden zauberten, die damals wie heute und in alle Zeit die Menschen in ihren Bann ziehen. Die Mittsommernachtfeuer und Feiern wurden nur noch von einem Tag im Laufe eines Jahres übertroffen - dies war die Zeit des Samhain - jener Tag und jene Nacht, wo die Zeiten aufhörten zu existieren, wo Tag und Nacht eins waren und es den Menschen gestattet war mit den Ahnen zu verkehren, in gleich welcher Art und Weise auch immer. Das Samhain gehörte neben dem Tag der Wintersonnenwende zu den höchsten „Feiertagen“ im Leben der Vorfahren, und beide mussten in aller Ernsthaftigkeit und Bereitschaft zur Erneuerung des Lebensbundes mit der ewig Licht und Wärme spendenden Sonne zelebriert und gefeiert werden. Er durfte bereits als Kind diesen Ereignissen beiwohnen und Dinge erleben, die viele Menschen ob ihres ungeübten Geistes schier in Verzweiflung gestürzt hätten. Die Götter des Nordens - Mystik - Legende - ein Fünkchen Wahrheit - Bruder Aramis war durchaus in der Lage auf diese Fragen eine plausible Antwort zu geben, aber er dachte nicht im Traum daran dieses wunderschöne Gebilde aus Träumen, Wünschen, Dichtung und Wahrheit irgendwelchen seelenlosen wissenschaftlichen Abstrakten preiszugeben. Sollten sie doch auf ihren eigenen Füßen diesen Weg der Erkenntnis gehen.
„Guten Morgen Hugin - guten Morgen Munin - einen schönen Tag wünsche ich euch und entbiete meinen Gruß den Boten des großen Odin. Für mich ist es Zeit das Tagwerk zu beginnen - genießt die frühe Stunde die nur euch gehört - denn auch ihr habt die ganze Welt zu besuchen. Alles Gute auf eurem Flug - lebt wohl.“
Bruder Aramis schloss das schmale Fenster seiner Klausur, öffnete die Feuerklappe des kleinen Ofens und schob noch einen Buchenscheit in das hungrige Maul des feurigen Wärmespenders, aus dem die Flämmchen einen tanzenden Ring aus feurigen Zacken bildeten - „Corona Borealis - der Feuerring“. Genüsslich verschloss Bruder Aramis die Klappe des Ofens, nahm seine Unterlagen zur Hand, ging die wenigen Schritte zur Tür der Klausur und blickte sich noch einmal um, bevor er selbige hinter sich schloss. Auf seinem wenig langen Weg in die Bibliotheka begegnete ihm keiner seiner Brüder oder Schwestern, wenngleich durch die angelehnte Tür zum Refektorium die um diese Zeit üblichen Küchengeräusche zu vernehmen waren - gedämpft aber dennoch hörbar, was sich jedoch in keiner Weise auf das Befinden der Zwölf Apostel auswirkte, die noch in ihren Klausuren beim Morgengebet weilten. Tatsächlich waren es nur noch elf an der Zahl, denn der Zwölfte war er - Bruder Aramis selbst, auf dem Weg in die Bibliotheka, wo er die Vorbereitungen für die Zusammenkunft treffen musste, wenn die Brüder und Schwestern nach dem Prandium, dem Frühstück, sich zur Zusammenkunft und zum Disput in der Bibliotheka einfinden würden. Entgegen der altehrwürdigen Mauern und der Abgelegenheit des Klosters würde niemand auf die Idee kommen in seinem Inneren Kommunikationseinrichtungen der neuesten Hightech Generation von Übermorgen zu vermuten, was im Gegensatz zur Bestückung der Klausuren oder der Cocain - Küche mit technischen Geräten im krassen Kontrast stand, was Bruder Aramis bei jedem Besuch des Refektoriums ein genügsames Schmunzeln entlockte, waren ihm die Küchengerätschaften aus seiner Kindheit nur zu gut vertraut. „Wenigstens diese Dinge sind der modernen Zeit nicht zum Opfer gefallen“ - so seine gedankliche Feststellung bei der kurzweiligen Betrachtung des Küchenpersonals - Laienbrüder und Laienschwestern, die ihren Dienst auch während ihrer Abwesenheit für Pilger und Wanderer versahen, die praktisch zu jeder Jahreszeit den Weg in die Abgeschiedenheit dieses Klosters fanden, ohne jedoch mit den Zwölf Aposteln in keiner Weise in Sicht- oder Sprachkontakt zu treten, wobei Letzteres ohnehin nicht zur Disposition stand, da die Zwölf Apostel sich ausschließlich in der nur ihnen eigenen Zeichensprache unterhielten, welche von Außenstehenden nur zu leicht als Taubstummen Gebärdensprache angesehen wurde, was den Frauen und Männern um Bruder Aramis nur gelegen kam. Die Anwesenheit ihrer kleinen Gruppe fand im wahrsten Sinne des Wortes unter Ausschluss jeglicher Beobachter, Zuhörer oder Zuschauer statt, selbst für das Küchenpersonal waren sie lediglich eine Gruppe Schiwanderer, die auf ihrer Tour durch die Berge in diesem Kloster eine zweitägige Rast einlegten. Mehr wusste niemand zur Anwesenheit der zwölf Männer und Frauen - und so sollte es auch in jedem Fall bleiben. Während der Mahlzeiten, die sie ausschließlich für sich in einem separierten Raum einnahmen, beschränkten sie sich auf die notwendigen Höflichkeitsformulierungen, weitergehende Gespräche - gleich welcher Art auch immer, unterblieben schon aus Sicherheitsgründen. Bruder Aramis öffnete die Tür zur Bibliotheka und betrat umsichtig den mit Regalwänden zu beiden Längsseiten bestückten Raum, der zur Ostseite in seinen dicklichen Mauern mehrere Fenster aufwies, durch die erste Strahlen der aufgehenden Sonne ihr goldenes Licht sandten, welches sich in virtuosem Spiel auf den ledernen Rücken unzähliger Bände in sattem Glanz spiegelte, unabdingbarer Beweis für den Fleiß der Nutzer all dieser Werke, welche durch ihre Hände und Finger in vieltausendfacher „Ergreifung“ diesen Meisterwerken buchmacherischer Handwerkskunst über Jahrhunderte hinweg jenen unverwechselbaren, fast schon mystischen Ausdruck sphärischer Erhabenheit verliehen, die sie unter all dem was Menschen seit ihres Weilens auf Erden durch ihren schöpferischen Willen zu geistig-mentalem Leben erweckten. „Warum tun sie dann all diese schrecklichen Dinge? Sie brauchten doch nur in den Büchern lesen?“ Bruder Anselm konnte sich bis zum heutigen Tage keine eindeutig schlüssige Antwort auf diese Frage geben, gleichwohl es über die Jahrzehntausende endloser Reisen durch ebenso viele Wurmlöcher, Einsteinschen Brücken und Schwarze Löcher eine kaum noch messbare Vielzahl an Zusammenkünften, Disputen und Konferenzen gerade zu diesem exemplarischen Thema gab. Bei allem Leben auf diesem Steinplaneten war es allein dem Homo Sapiens Sapiens gegeben, sein Dasein, seine Existenz nicht nur zu Hinterfragen, sondern sie auch durch seinen eigenen Willen nach der Erkenntnis zum Nutzen durch Einwirkung seines formenden geistig-körperlichen Einsatzes nachhaltig zu prägen oder gänzlich zu verändern - und das ohne „Rücksicht auf jegliches Andere, wenn es denn seinem Anspruchsdenken entgegen stand. Diese Fähigkeit veränderte nicht nur das Leben auf Erden radikal, sondern griff auch elementar in das evolutionäre Geschehen auf dem Steinplaneten Erde ein, denn das Leben auf diesem Planeten Erde folgt den rationalen Vorgaben der Evolution in Anpassung auf die sich stetig verändernden Bedingungen des Lebensraumes, dem alles Leben auf dem Planeten Erde unterworfen ist - bis auf eines - dass des Menschen. Er ist längst in der Lage entgegen allen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und Beweisen das vorhandene mechanisch-physikalische Erdenbild im wahrsten Sinne des Wortes auf den Kopf zu stellen - bis hin zur völligen physischen Vernichtung des Planeten und seiner eigenen Spezies. So etwas hatte es in allen Universums, Galaxien und Sonnensystemen zu keiner Zeit an keinem Ort jemals gegeben. Das nicht Vorstellbare, nicht für möglich Gehaltene war geschehen und ein Wesen scheinbar zur dominanten Spezies auf diesem in habitabler Zone rotierenden Kreisläufer mit Namen Erde um eine immerwährende Licht- und Wärmequelle mit Namen Sonne gemacht. Diese Entwicklung geschah schleichend, nicht unsichtbar, aber dennoch mit einer für die bislang erfolgten natürlichen Perioden, die sich über Hunderte Millionen Jahre erstreckten, in beeindruckender, ja beängstigender Geschwindigkeit, welche den anfänglichen Startschwierigkeiten dieses Wesens durchaus den Anstrich kurios-originell gefärbter Verhaltensmuster eines Varieté Clowns überstreifte, unter dem jedoch eine bösartige Kreatur zu einem kannibalischen Allesfresser mutierte, der, als seine schreckliche Gesinnung offensichtlich wurde, den Planeten Erde in einem Netz aus Gier und Angst gefangen hatte, aus dem es - so die Einsicht nicht nur der Zwölf Apostel - keinen anderen Ausweg mehr gab als das Armageddon. Wie konnte es im Gefüge der Evolution, in der Matrix der Reproduktionsordnung eine derartige Fehlleitung geben und - warum wurde diese Fehlleitung nicht beizeiten schonend korrigiert - auf das zehnfache an Zeit gedehnt? Die Suche nach möglichen Fehlerquellen im Meer der Millionen an Lichtjahren wäre eine Sisyphos Arbeit, die selbst der Zusammenschluss aller Ligen der Zwölf Apostel schwerlich erfolgreich zu leisten in der Lage wäre. Was tun - vor allem pragmatisch, konzentriert und zeitlich eingrenzbar, um so die etwaigen Erfolge zu sichten und die Maßnahmen entsprechend anzupassen? Es gab bereits einmal ein „Reinigungspogrom - eine Strafmaßnahme“ - besser bekannt als Sintflut, angeordnet vom obersten Chef daselbst, allein die Erwartungen ließen nach Hundert und einer Generation nur den einen Schluss zu, das der Mensch von Geburt aus extrem anfällig ist für das Böse - eine Mutation, die im Evolutionsplan der Genese so nicht vorgesehen war. Bei einer auftretenden Krankheit erfolgt die Untersuchung durch den Mediziner - der auch die Diagnose stellt, wenn nicht allein, dann zieht er Kolleginnen oder Kollegen zu Rate. Danach wird eine Therapie vorgeschlagen - Medikamentös oder stationär, je nach Art der Erkrankung und Dauer des Genesungsablaufs. Die operative Entfernung erkrankter Körperregionen stand praktisch als letzte Option der klassischen Schulmedizin zur Verfügung, was natürlich die parallele Anwendung anderer Heilmittel und Genesungsmaßnahmen nicht ausschloss. So weit so gut - Praxis geht vor Theorie. Im Falle des Steinplaneten Erde waren die Damen und Herren in der obersten Liga wohl ein wenig zu euphorisch im Hinblick auf ihre neueste Schöpfung eines Hominiden, anzusiedeln in den Wäldern dieses Planeten als Baumbewohner, wo er sich seiner genetischen Bestimmung gemäß von allem nähren sollte, was die Bäume der Wälder an Früchten hergaben - und das war eine Unmenge an Nahrung, wodurch zu keiner Zeit ein Mangel auftrat, mithin ein entscheidender Grund dafür, dass diese Hominiden ihren angestammten Lebensraum nicht verlassen würden, denn das Nahrungsangebot in den schier endlosen Wäldern ließ die „neue Art“ in kleinen Gruppen umherstreifen, jedoch zum Abend hin in den Baumkronen geeignete Schlafplätze aufsuchen, in denen sie ihre Schlafnester einrichteten. So hätte es weitergehen können alle Tage, die weitere Entwicklung allein der Genese überlassen, wären die „obersten Chefs und Chefinnen“ nicht der Idee aufgesessen, ähnliche Arten in den parallel Universums „anzusiedeln“ - eine wohlgemeinte Maßnahme zur Erweiterung der Artenvielfalt, welche die Familie der Primaten durchaus positiv ergänzen könnte. Das einzige was sich erweiterte - allerdings nicht positiv - war die Entwicklung jener Hominiden Art, die sich im Laufe der Genese als Erdlinge profiliert und auf Erden positioniert haben, und zwar als das „Größte Raubtier“ aller Zeiten. Die Vorstellung, dass es auf den millionenfachen Exoplaneten in den zahllosen Sonnensystemen in ebenso unzähligen Galaxien und Universums und Dimensionen eine Art gibt, die eine ähnliche Entwicklung durchlaufen hat wie die jener auf der Erde, ließ die Liga der Zwölf Apostel in fast schon albtraumhafte Reaktionen und Maßnahmevorschläge abgleiten, wie am effizientesten und nachhaltigsten dieser „Bedrohung“ und „enthemmten Verbreitung“ dieses Hominiden begegnet werden könnte. Da alle Zeitreisenden von der Basis bis zur obersten Ebene auf die Grundsätze ethischer Moralvorstellungen und der konsequenten Handhabung und Durchführung ihrer philosophischen Wertmaßstäbe „vereidigt“ waren, musste zunächst eine „Bestands- und Entwicklungsanalyse“ durchgeführt werden und genau festzustellen, wo und gegebenenfalls in welchem Umfang, sich eine ähnliche Genese vollzogen hatte oder diese im Begriff war sich zu etablieren. Danach musste entschieden werden, wie diese Entwicklung sanft und langfristig zu korrigieren ist. Darüber vergingen nach der kalendarischen Zeitrechnung der Erdlinge einige Jahrhunderttausende, was aber die Zählebigkeit und Erfindungsfähigkeit dieser neuen Art verstärkt antrieb, so dass es ihr möglich war sich selbst extremsten Klimaänderungen anzupassen. Die Maßnahmen der „Obersten Liga der Zwölf Apostel“ verfehlten ein um das andere Mal ihr eigentliches Ziel, was auch im Laufe der nachfolgende Jahrzehntausende, keine wesentlichen Änderungen hervorbrachten. Erst die Verballung und Vermassung der Menschen in riesigen urbanen Konglomeraten schuf die Voraussetzung - die Basis für Epidemien und letztlich Pandemien, die ganze Kontinente bis auf eine Handvoll Erdlinge dezimierten. Die Erdlinge des Planeten Erde hatten sich durch ihre Verhaltens- und Lebensweise letztendlich in eine Situation gebracht, aus der es kein Entkommen mehr gab. Was sagte einst der Indianerhäuptling Seattle vom Stamm der Suquamish in einer Rede vor dem Gouverneur des Staates Washington“…wenn alles ausgerottet ist werdet ihr erkennen, dass ihr Geld nicht essen könnt…“. Steht praktisch in jedem Bildungswörterbuch, in jeder Enzyklopädie über Nordamerika und ist Pflichtwissen bei den Regenbogenkriegern, einer Bewegung des 20. Jahrhunderts, als es mit dem Planeten bereits unaufhaltsam abwärts ging. Ein Sakrileg - die Perversion des göttlichen Auftrages und seiner Gebote - jene Worte auf der Rückseite der One-Dollar Note - der sogenannten „Greenback“ mit dem alles sehenden Auge der Vorsehung - „Annuit coeptis - Novus ordo seclorum“ - Es ist unseren Unternehmungen gewogen. Bruder Aramis schüttelte es jedes Mal, wenn das Gespräch unter den Brüdern und Schwestern auf dieses Reizthema fiel. Das ist wie ein Freibrief zu Raub, Plünderung und Piraterie, ähnlich den Kaperbriefen des späten Mittelalters und der Zeiten der großen Seefahrernationen, welche die neu entdeckten Kontinente nach eigenem Gutdünken zu eigenem Nutzen absteckten wie ihre Vorgärten und mit unvorstellbarer Gier und Habsucht ausplünderten, wobei die menschlichen Verluste in diesen Regionen in die Millionen gingen. Die Worte auf der One-Dollar Note der USA stammen übrigens aus dem Epos Änäas von Vergil, der selbiges 40 vor Christus schrieb. Umsonst und aus sich heraus ist Rom nicht zur damaligen größten Weltmacht aufgestiegen. Unterstützt wurden diese Formulierungen von den griechischen Philosophen - so Protagoras, der im 4. Jahrhundert vor Christus jenen berühmten Satz prägte (Zitat „Der Mensch ist das Maß aller Dinge, derer die sind, dass sie sind, und derer die nicht sind, dass sie nicht sind“). Haben sie etwas anderes verdient - diese Erdlinge? Ist diese Pandemie nicht letztlich das Ergebnis des Handelns einer Population, die nach Milliarden zählt, ein Handeln nach den Maßstäben der Anmaßung, der Überheblichkeit, der Heuchelei, der gnadenlosen Ausbeutung und Räuberei, dem Millionenfachen Mord an unzähligen Mitgliedern ihrer eigenen Art - erbarmungslos, nur um des eigenen Vorteils Willen - selbst die Kinder ihrer Kinder bringen sie mit einem gefühllosen Lächeln um, um sich den Besitz billiger Vorteile zu verschaffen. Was sagte einmal ein berühmter Militärführer und späterer bedeutender Politiker.
„Um ein gutes Kleines zu bewahren kann es notwendig werden, ein weniger gutes Großes untergehen zu lassen.“ Der Plan der Genese ist so rein wie das Licht an einem klaren kühlen Morgen während der Blauen Stunde. Dabei ist die Struktur klar definiert - die Pflanzenfresser nähren sich von Pflanzen jeglicher Art, die Wasserlebewesen von den niederen Formen, die ob ihres Vermehrungsvolumens einen ausreichenden Nahrungsvorrat beistellen. Vögel suchen in der Welt der Gräser, Bäume, der Lüfte und auch im Wasser ihr pflanzliches wie auch tierisches Auskommen. Die Reptilien zu Wasser und zu Lande nähren sich je nach ihrer Konstitution und dem Angebot an Nahrung des Lebensraumes, der für sie bestimmt ist, sowohl vom Fleisch als auch von Pflanzen, zu denen auch die Früchte der Pflanzen zählen. Die Fleischfresser - in allen Lebensräumen zu finden, nutzen das überzählige Nahrungsangebot zum eigenen Erhalt ihrer Art - nicht mehr und nicht weniger, was letztlich die Garantie für das Gleichgewicht des Lebens in seiner Gesamtheit bedeutet. Diese von allen respektierte Garantie hatte mit dem Auftreten jenes Erdlings, den wir allgemein Homo Sapiens sapiens nennen, aufgehört zu bestehen, sie wurde von jenem „über Nacht“ auftretenden zweibeinigen Wesen als Alleinvertretungsanspruch und Herrscher über den Steinplaneten Erde und alles was auf ihm gedeiht oder an mineralischen Vorkommen wertig ist dahin gehend ausgelegt, dass er auf Gebot von höchster Stelle dazu bestimmt ist,sich diese Erde untertan zu machen, sie seinem Willen zu unterwerfen, sie in letztlich räuberischer, ausbeuterischer und mordlüsterner Manier in den Untergang zu führen. Der Zeitpunkt, wo der Scheitel zwischen Überleben und Vernichtung durch eigene Hand gestellt wird, ist längst erreicht - es bleibt im Grunde nur noch die Frage nach dem Wie und Wann, wenn denn diese Antworten noch für eine abschließende Stellungnahme von Bedeutung sein sollten, was sie in keiner Weise sind - denn das Armageddon kennt nur ein Ziel und somit eine Antwort. „Si vis Pacem - Para Bellum“ - Wenn du den Frieden willst - bereite den Krieg vor“, so sagt es ein antikes lateinisches Sprichwort aus der Zeit der Cäsaren. Clausewitz formulierte es dem modernen Zeitgeist gemäß geschmeidiger und angepasster „Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.“ So soll man es schreiben - so wird es geschehen. Es gibt keine andere Möglichkeit mehr, die Erdlinge und der Steinplanet Erde mit allem was derzeit auf ihm lebt und gedeiht wird sich selbst, dem Virus Covid 19, seinen Mutanten und somit dem Untergang überlassen. Dem Wahnsinn eine Gasse - welcher Dämon hat sich die orientierungslos über den Planeten Erde stampfenden Zweibeiner Horden gefügig gemacht, sie unter seinen höllischen Willen gezwungen? Werden wir nicht sehenden Auges zu Helfern und Mittätern an dem was kommt? Die Erdlinge, sie selbst nennen sich Menschheit und gebrauchen Abwandlungen dieses Begriffes zu fast jedem Anlass und jeder passenden Gelegenheit - würden sie doch nur Ansatzweise diesen Gebetsmühlenartigen Wiederholungen globale Taten folgen lassen, die diesem Anspruch gerecht werden. So aber sind diese Erdlinge zu einer Population von Enddarmbewohnern verkommen, die alles und jegliches unternehmen, um sich und ihres Gleichen Vorteile zu verschaffen, und seien sie auch noch so bedeutungslos. Die Gier nach Besitz und Macht hat sie allen philosophischen und humanen Ansprachen gegenüber immun gemacht. Es ist das Verhängnis des Menschen und letztlich sein Untergang, dass er vergisst. Bruder Aramis schluckte oder versuchte es, allein die Trockenheit seines Halses verlangte dringend nach Feuchtigkeit, wollte er nicht durch seine festklebende Zunge in seinem Racheninneren in Erstickungsnot geraten. Rasch griff er nach einer Flasche Mineralwasser, die zu Dutzenden auf den Tischen vor den Arbeitsplätzen der Brüder und Schwestern in gekühlten Spendern bereit standen. Durch die angelehnte Bibliothekatür drangen leichte Schrittgeräusche in den Innenraum, wo gleich zwölf Schwestern und Brüder sich gegenüber sitzen und ihre Gedanken und Vorschläge zur Pandemie und dem Niedergang des Planeten Erde kundtun werden, zum anderen Grundlegende Maßnahmen diskutieren, die zur gemäßigten Eindämmung der Pandemie führen können - alles war gleitend, nichts festgeschrieben, die Zwölf Apostel begannen beim Ground Zero - dem Nullpunkt.
„Schwester Lydia, willkommen - hier bitte - neben eurer Schwester Lutetia“ wies Bruder Aramis der Glaubensschwester durch Handzeichen ihren Sitzplatz neben der verehrten Schwester Lutetia zu. Ebenso lautlos wie seine Glaubensschwestern begrüßte Bruder Aramis die nachfolgenden Brüder und Schwestern, die allesamt in gemäßer Diskretion in die Bibliotheka eintraten wobei sie es nicht vergaßen ihrem Bruder Aramis, dem Disputleiter durch Auflegen der rechten Hand auf seine linke Brustseite den gemäßen Dank auszusprechen. Die Kommunikation basierte auf dem Standard Handzeichen „Alphabet“, ergänzt durch Klopfzeichen - mehr leichten Fingertrommeltönen auf der Tischplatte, welche die Verständigung zwischen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern in eine akustisch-visuelle Formierung lenkte. Bruder Aramis registrierte die Anwesenheit aller gemeldeten Schwestern und Brüder und stellte zur Zufriedenheit fest, dass niemand seiner Anmeldung fernblieb. Er nahm seinen Platz im Halbrund der Sitzordnung ein, wobei ihm durch seine Namensgebung der Vorteil der Disputleitung oblag, allerdings nur für ein Jahr im Universum jener Galaxie, in dem sich auch das Sonnensystem befand, dem er entstammte. Der oberste Rat residierte im Sternbild LY-Myra 1515, wobei auch hier ein kontinuierlicher Wechsel der Örtlichkeit erfolgte, allerdings nach einem Ablauf von drei Universumszyklen, die dem Intervall der Primzahlenreihe folgte, die sich ohne Wiederholung in sich selbst in die Unendlichkeit fortschrieb - eine geniale Einrichtung die sich seit Jahrmilliarden bewährte und keine Veränderung erforderte, nur um der Skalierung der Bezifferung ein anderes Aussehen zu verleihen. Nachdem die Anwesenheit der Schwestern Lutetia, Lydia, Barbareta, Anglouieme, Karinata und Hildegardis sowie der Brüder Aramis, Geronimo, Vincenzo, Oktavius, Bernardus und Mastroianus festgestellt wurde, machte sich Bruder Aramis die entsprechenden Notizen in sein Logbuch, aus dem er später die Protokollniederschrift und Beschlussfassung in mehrfacher Ausfertigung erstellen würde, die alle Anwesenden Personen nach Abschluss der Veranstaltung erhielten. Darüber hinaus waren alle Teilnehmer im eigenen Interesse gehalten sich eigenständige Notizen zu machen, zumal die Dramatik und Gewichtigkeit des Themas sich mittlerweile aus der dritten Dimension heraus in die benachbarten Dimensionen verlagert hatte und hier gleichfalls zu Veränderungen im Harmonierhythmus der Galaxien und der in ihnen eingebundenen Sonnensysteme führte. Machte es somit noch Sinn über den weiteren Ablauf des Untergangs des Steinplaneten Erde zu debattieren? Sollte der Planet Erde ohne die Erdlinge weiter bestehen? Sollten die Erkenntnisse aus der Fehlentwicklung in der Genese zu einem überarbeiteten Denk- und Strukturmodell Anlass geben - einen „guten Menschen“ erschaffen? Bruder Aramis schüttelte den Kopf ob dieses interstellaren geistig-genetischen Eintopfes, sollte es denn rein theoretisch soweit kommen, es nur ein winziger Schritt wäre zu dem, was ein Volk auf diesem Planeten vor rund neunzig Jahren in die Eugenik und letztlich in den Rassenwahn führte, dem Millionen Menschen zum Opfer fielen. Nein - Nein, Bruder Aramis wehrte sich entschieden gegen jegliche Art dieser Gedanken, allein schon die Diskussion zu diesem Thema in der Liga der Zwölf Apostel, vor einigen Jahrzehnten noch undenkbar, ließen ihn keine gute Entwicklung befürchten. Braute sich da ein „Königsmord“ zusammen? Oder litt er ob seiner Lichtjahrelangen Erfahrung an altersbedingter Paranoia, verursacht durch die schier endlosen Rasereien von einem Wurmloch zum anderen, das schon so manchen Zeitreisenden in den frühzeitigen Ruhestand versetzte. Er schmunzelte ob dieser Vorstellung und wusste sich in seinen Überlegungen der Unterstützung seiner ehemaligen Geliebten - Schwester Lutetia sicher - eine charakterfeste, attraktive Glaubensschwester mit messerscharfem Verstand, der man schon öfters den Wechsel in die oberste Etage der Liga Konföderation anbot - worüber sie sich geehrt fühlte, aber ebenso freundlich lächelnd dankend ablehnte.
Die Liga der Zeitreisenden
„Die Eindämmung der Pandemie war nie das eigentliche Ziel“
„Nach dreizehn Monaten Pandemie reichen Durchhalteparolen nicht mehr aus.“
„Der Wettlauf zwischen Impfen und Dritter Welle ist verloren“
„Möge Gott uns davor bewahren die letzte Karte zücken zu müssen“
„Indiens Kampf gegen die Pandemie gefährdet die gesamte Welt“
„Chinas Macht- und Impfpolitik bringt die Welt in Gefahr“
„Die WHO sieht den höchsten Infektionszuwachs seit Beginn der Pandemie“
„In Afrika hat sich ein weiteres mögliches globales Killervirus erhoben - es trägt den Namen MERS - eine Lungenseuche, und ist gefährlicher und tödlicher als das Covid 19. Es gehört zur Gruppe der Zoonosen - besitzt die Fähigkeit vom Säugetier auf den Menschen überzuspringen.“
(Zitate - Aussagen anerkannter Virologen, Ärzte und politischer Repräsentanten, die plakativ die Projektionsfläche der Beamer Wand in der Bibliotheka für sich beanspruchten)
Anfang April des Jahres 2021, dem zweiten Jahr der großen Pandemie, welche unter dem Sammelbegriff Corona in die Annalen der Menschheit eingehen sollte, trafen sich in einem kleinen eher unbedeutenden Ort in einem Land der europäischen Alpenregion eine kleine Gruppe Wissenschaftler, Forscher, Mediziner und Zukunftsanalysten, um über den Fortbestand der Menschheit im Allgemeinen, dem gesicherten Rückzug Auserwählter in eine gesicherte Basis auf dem Planeten Erde oder andernorts (Mond oder Mars) und den weiteren Möglichkeiten zur Entwicklung eines schlagkräftigen und hochwirksamen Impfstoffes zu diskutieren, der die Überlebensfähigkeit sowie den Schutz der Auserwählten garantiert, eine wesentliche Voraussetzung für das Gelingen des Gesamtplanes, der bereits in wesentlichen Teilen fortgeschritten ist und eine mögliche Evakuierung ausgewählten menschlichen Restbestandes vom Planeten Erde vorsieht - so die Präambel zur Eröffnung dieser Zusammenkunft einer kleinen Gruppe, die sich unter dem Namen „Zwölf Apostel“ immer dann an einem geheimen, zuvor durch völlig unauffällige Auswahlkriterien bestimmten Ort zusammen findet, um über ernsthafte, die Existenz der Menschheit bedrohende Entwicklungen zu beraten. Die Räumlichkeiten dieser Zusammenkunft befanden sich durchweg in betagten, klösterlichen Anwesen abseits urbaner Konglomerate oder ähnlicher immobiler Anhäufungen, um individuelle Störungen der Zusammenkunft jeglicher Art auszuschließen. Die Organisation der Zusammenkunft oblag einem Mitglied der klösterlichen Bruderschaft, die sich ihrem Kodex honoris entsprechend einem bis zu ihrem Tod geltenden Schweigegelübde unterwarfen. In jedem Land dieser Welt existierte in einer klösterlichen Baulichkeit, die ihrem Erscheinungsbild nach eher mit einer bäuerlichen Lebensgemeinschaft als einem Kloster zu vergleichen war, eine Kommende, welche dem Lebens- und Wirtschaftsraum früherer Ordensgemeinschaften entsprach und den bescheidenen Bedürfnissen der Menschen in diesen Anwesen vollkommen genügte. Die Kommunikationsstruktur war so archaisch einfach wie effizient - innerhalb des Anwesens erfolgte die Verständigung über eine abgewandelte Form der Gebärdensprache, außerhalb des klösterlichen Anwesens durch die Erzeugnisse aus Landwirtschaft und Tierhaltung. In diesem Bereich hatten die - nennen wir sie der Einfachheit halber „Mönche“, diese Kommunikationsmethode zu einer Perfektion entwickelt, wie sie auf diesem Planeten nicht ein zweites Mal existiert, wobei sich die speziellen methodischen Verständigungsmuster von Land zu Land und Kloster zu Kloster unterschieden. Dieses System besaß die Eigenschaft zu einer komplexen Verschlüsselung und Transmission vielfältiger Daten und ähnelte in gewisser Weise jener legendären ENIGMA Maschine, die im Verlauf des Zweiten Weltkrieges zu einer zentralen Nachrichtenübermittlungs- Chiffrier- und Dechiffriermaschine wurde. In einem Nebenraum, der von seiner Größe und Ausstattung her eher einem Vorratsraum denn einem Vortragsraum glich, eingebettet in das Mauerwerk neben der Bibliotheka zwischen Dormitorium(Schlafraum) und Refektorium(Speiseraum) gelegen, erreichbar über ein halbes Dutzend, mit einem gummiartigen Belag überzogenen Stufen, die jeden - auch noch so behutsam und dezent gehaltenen Fußtritt eines Bruders oder Gastes mit der Schnelligkeit einer Fangschrecke beim Schlag in ein absolut lautloses Phantom verwandelten. Dieser Belag ließ auch das Gefährt der „Zwölf Apostel„ die sich stets in Zeiten eines globalen Notstandes, einer internationalen Gefahr für den Fortbestand des Planeten und der menschlichen Spezies oder eines extraterrestrischen Angriffs aus der eigenen oder einer fernen fremden Galaxie zur Zusammenkunft einfanden, dieser Belag ließ jenes „Gefährt“, der Einfachheit halber Unterseeboot genannt, in einem völlig wahrnehmungslosen Nichts der Anonymität verschwinden. Es handelte sich bei diesem Material um eine deutsche Erfindung aus der Zeit des letzten globalen Krieges, auch Zweiter Weltkrieg genannt, der den bis dahin noch bestehenden großen kolonialen Imperien auf diesem Planeten den Todesstoß versetzte, wenngleich der ursächliche Antreiber zu diesem globalen Krieg der als diktierter Verlierer aus dem Ersten Weltkrieg hervorgegangene das Deutsche Kaiserreich war, das nach 1918 praktisch aufhörte zu existieren und in eine Republik gewandelt wurde. Im Grunde alles Schnee von gestern, eine landläufige volksmundliche Bezeichnung für einen Begriff, der hinlänglich erklärt und in den Annalen der jeweiligen Enzyklopädien inzwischen bis zur Erschöpfung dritten oder vierten Grades schriftlich, verbal und visuell debattiert und erörtert wurde. Über den Aufenthalts- oder Anlandungsort des „Unterseebootes“, der nicht unbedingt mit einem physikalisch mineralischen „Gesteinsboden“ gleichzusetzen ist, war nichts weiter bekannt, alle Nachforschungen gleich welcher Art auch immer - würden sie denn von wem auch immer angesträngt werden, hätten als Ergebnis stets die gleiche Aussage anzubieten - „keine Anzeichen eines molekularen Schwimm- oder Tauchkörpers“. Damit war dieser Part der Unsichtbarkeit der „Zwölf Apostel“ und ihres „schwimm- und tauchfähigen Zuhauses“ abschließend beantwortet und wurde primär geschlossen und zu den Akten gelegt. Die Männer und Frauen, die sich die „Zwölf Apostel“ nannten, stammten aus einer langen, sehr langen Abfolge sagen wir - ordnender geistig- universaler Kraftquellen, die ihren Ursprung jenseits aller Vorstellungskraft intelligenten Lebens in welcher Galaxie, in welchem Sonnensystem oder auf welchem Planeten auch immer aus den Urkräften schöpferischen Willens nahmen und in diesem Auftrag als - sagen wir vereinfacht „Zeitreisende“ mit ordnenden, ausgleichenden - aber auch destruktiven Kräften ausgestatteten Wesen über den Zyklus des Werdens und Vergehens aller Universen in allen Ewigkeiten ihre regulative Ordnungs- und Obhutspflicht wahrnahmen. Der Name ihres „Unterseebootes“ war dem Abkömmling des Olympischen Göttergeschlechtes und Herrscher des Meeres mithin nach Poseidon benannt, einem Bruder des Zeus, der sich die Herrschaft über die Welt noch mit Hades teilen musste, dem Gott und Gebieter der Unterwelt. Zeus als Gottvater und Herrscher des Himmels wachte über das Zusammenwirken aller Kräfte und gütig-fruchtbare Gestalten seiner Brüder in Einklang mit dem Wirken aller Gottheiten in den irdischen Refugien, die sie in Anleitung von den Menschen bewirtschaften ließen. So in etwa waren und sind die Dinge auf einfachste und verständlichste Weise zusammengefasst und reduziert. Die Systematik und Komplexität hinter diesem einfach erscheinenden Kasus Kausalis offenbarte sich jedoch nur jenen „Zwölf Aposteln“, welche sich auch im Jahre des Herrn 2021 zu einer Zusammenkunft in einer klösterlichen, abseits aller betriebsamen urbanen Konglomerate gelegenen Immobilie ohne Namen einfanden, um Maßnahmen abzustimmen, die eine Eindämmung jener Pandemie einzuleiten, die unter dem Namen Corona Covid 19, die Weltbevölkerung zunehmend in Angst und Schrecken versetzte und in der Tat das Potenzial zu einer alles vernichtenden Seuche in sich trug. Letzte Meldungen aus den Regionen des Nahen Ostens ließen keinen Zweifel daran aufkommen, dass die Zukunft der menschlichen Spezies an einem Scheitelpunkt angelangt war, wo es nur noch um Sieg oder Untergang ging. Die einhellige Meinung der dort tätigen Wissenschaftler, Mediziner und Forscher ging dahin, dass die Pandemie nicht mehr beherrschbar ist und in eine unkontrollierbare globale Vernichtungspandemie mutiert, die alles menschliche und möglicherweise - auf Lungenatmung angewiesene Leben tötet. Die WHO erklärte am 30.Januar 2021 die Lage zur Pandemie durch Corona Covid 19 zu einer internationalen Notlage. Leider haben zahlreiche Länder, besonders die wohlhabenden Industriestaaten, diese Warnung nicht ernst genug genommen,so als würde sie das alles nichts angehen. Die Präsentation neuer und angeblich immer wirksamerer Impfstoffe erinnert an eine Zaubervorstellung in einem Varieté wo fortlaufend irgendwelche Tiere, meistens Tauben oder Kaninchen vom Magier aus den Taschen, Revers oder seinem Zylinder gezaubert werden. Leider lässt sich Covid 19 von den Tricks versierter menschlicher Zauberer nicht aufs Kreuz legen, dazu ist es einfach viel zu einfallsreich und destruktiv konstruiert. Covid 19, das in seinem Gefolge eine Heerschar an Mutanten mitführt, dass ist der wahre Todesbote der die Menschheit heimsucht und von Tag zu Tag seine Macht und seine verheerende Dynamik ausübt und vergrößert. Diesem unfreundlichen Besucher aus der untersten Schublade der Büchse der Pandora galt es den Garaus zu machen - egal wie und koste es was es wolle, im schlimmsten Fall das Ende allen menschlichen Lebens auf diesem Steinplaneten mit Namen Erde, von denen es viel zu viele nicht nur in diesem Universum, in den Galaxien und Sonnensystemen gab, sondern in allen Universums aller nur denkbaren Dimensionen - und diese waren von beeindruckender Größe und Dichte formatiert, durchzogen von einem Straßennetz nicht mehr vorstellbarer Ausdehnung, deren Anfang und Ende nicht einmal die oberste Chefetagen genau kannte. Die Straßen dieses Netzwerkes wurden von den Erdlingen „Wurmlöcher“ genannt; für die Zweibeiner waren diese Verbindungen zwischen den Sonnensystem, den Galaxien und Universums das höchste überhaupt, das man in ihrer Vorstellungswelt anzutreffen geneigt war. Dazwischen tummelten sich abstrakte Wunschbegriffe wie Dunkle Materie, negative Gravitation, Quasare und anderes hypothetisches Wunschgefludder, welches sich aber im Gewirr der diffusen Theorien, Hypothesen und anderer Verschwörungsglaubensanhänger, die wie bunte Blumen auf einer Sommerwiese nach einem warmen Regen in den Himmel wuchsen oder das Elysium, welches sie dafür hielten. Ein sanftes Lächeln entspannte die herben Gesichtszüge des Gelehrten aus der Liga der Zwölf Apostel, die seit Äonen die Kontinuität und universale Energiegleichheit zwischen allen Universums und Dimensionen des Trinity-Dreiecks, geläufiger unter der Bezeichnung Kreuz der Dreifaltigkeit, geboren aus dem interstellaren Himmelsjäger Orion, dem im Gewand seiner makellosen Reinheit das galaktische Kreuz seiner kosmischen Allgewalt wie die Heerscharen des Allmächtigen vorauseilten. Seine Augen verweilten für einige Sekunden auf den Thesen eines Psychogramms, das er zum Beginn der ersten Anzeichen einer bevorstehenden Pandemie unter der Bezeichnung SARS Corona-V 19 auf der Basis der ihm zur Verfügung stehenden Daten entwarf, welche ihm während eines Aufenthalten in einer Notfallklinik wegen eines Schlaganfalls in einer visionären Suggestion transparent wurde - und das ausgerechnet zu Karneval im Rheinland - an den höchsten Feiertagen der Fünften Jahreszeit noch vor Ostern, Weihnachten und dem eigenen Geburtstag zusammen. Ein traumatisches Erlebnis, aus dem die Corona Geschlagenen in Massen wie die Lemminge hervorquollen und einem Tsunami ähnlich nicht nur den Eingangsbereich, die Notaufnahme und alle Etagen der Klinik bis unter das Dach mit ihrem stinkenden, fauligen Auswurf besudelten, nein - in ihrem Gefolge gewahrte Bruder Aramis eine schaurig-schreckliche und zugleich traurig-bemitleidenswerte Prozession stummer zerlumpter Gestalten, dessen knöcherne Gebeine in grausigem Kontrast zu ihren in grellen Karnevalsfarben geschminkten Gesichtern standen, die lückenhaften Gebisse zu Grimassen verzogen, die an ein ehemals fröhliches Lachen erinnern sollten. Alle defilierten sie an ihm vorbei ohne ihn zu berühren oder anzusehen, ja, sie marschierten durch ihn hindurch als wäre er nicht vorhanden oder einer jener Schatten aus einer sehr lange zurückliegenden Zeit, als die Erdlinge zum Abend und zur Nacht hin sich um das wärmende Feuer scharten und sich von den Alten und Weisen die Geschichten ihrer Vorfahren erzählen zu lassen. Heuer erfahren die Kinder was sie wissen müssen und sollen über ein interstellares Netzwerk mit zahllosen Abzweigungen hin zu wiederum zahllosen Informationsfarmen, die wiederum in ebenso zahllose Erkenntnisfelder oder Quellen strukturiert sind, um auf ein Click oder Klack mit der Geschwindigkeit einer Wurmlochpassage die gewünschte Antwort, Erklärung, Theorie oder Hypothese anzubieten - in allen Sprachen und kryptischen Zeichen aller bekannten Universums, den darin rotierenden Galaxien und in diesen wiederum kreisenden Sonnensystemen…wie sagte doch dieser große universale deutsche Dichterfürst Goethe so treffend - „auch wenn alles im ewigen Wechsel kreist - so beharrt doch im Wechsel ein ruhiger Geist“.
Das von ihm entworfene Psychogramm - über die Hintergründe seiner Entstehung schwieg er sich tunlichst aus - breitete er bereits kurz nach seiner Niederschrift im März des Jahres 2020 im Kollegium Referendarum vor den Zwölf Aposteln aus, um es in sachlicher und objektiver Betrachtung zu diskutieren. Nur soviel - die Wogen gingen hoch - sehr hoch, und Bruder Aramis befürchtete schon die Zitierung wegen dieses „Pamphlets“ - so die bissigen Vorwürfe einiger Kolleginnen und Kollegen vor den hohen Rat der ersten Bildungskommission, dem die Überwachung und Zulassung zum Unterricht der Erdlinge, anderer Ethnien oder endogener Gruppierungen auf dem Steinplaneten Erde und derer in habitablen Zonen entfernter Planeten im Tiefen Raum mehrdimensionaler Universums oblag. Das einst von ihm niedergeschriebene Psychogramm entwickelte sich längst zu einem Selbstläufer, was nicht nur seine Verbreitung betraf, sondern in erster Linie seine zeitliche Fortschreibung der Geschehnisse, um allen Zivilisationen, Lebensgemeinschaften und Glaubensrichtungen als Warnung zu dienen, wie es Angehörigen gleich welcher Hominiden Zugehörigkeit ergehen kann, wenn sie sich gegen die bestehenden Gesetze der Evolution wendet, um diese in welcher Art und Weise auch immer zu manipulieren oder zu verändern. Jeder Eingriff in die Logik des Kontinuums zog unumkehrbare Folgen nach sich, die in ihrer zukünftigen Entwicklung und Auswirkung katastrophale Folgen nach sich ziehen konnten. Bruder Aramis fand in all den Anfeindungen und Geringschätzungen durch seine Glaubensbrüder und Schwestern nur eine Person, einen Menschen, der ihm in jeder Minute dieses harten Kampfes Beistand leistete und Waffenbrüderschaft beschwor - Schwester Lutetia - ein wenig älter als er, aber dennoch in keiner Weise weniger attraktiv, fraulich und immer noch begehrenswert - so wie damals, als sie beide in unbekümmerter Weise nicht nur die Welt sondern sich selbst, ihr Dasein und ihre Bestimmung als Mann und Frau erkannten und sich leidenschaftlich und tabulos ineinander verliebten. Lichtjahre lagen zwischen diesen emotionalen Stürmen entfesselter Hingabe und Zuneigung, denen eine Zeit der Entsagung, der Demut, der inneren Einkehr und Läuterung folgte, denn wollten sie sich ihrer Berufung und ewigen Bestimmung ergeben, mussten sie den fleischlichen Genüssen des Leibes entsagen. Für viele Brüder und Schwestern endete bereits hier das Abenteuer an der Teilnahme zur ewigen Reise durch Zeit und Raum - Schwester Lutetia und er - Bruder Aramis - wagten diesen Schritt nur wenige Wimpernschläge vor Ablauf ihrer Bedenkzeit und schlugen in den Pakt mit der Unsterblichkeit und den Zwölf Aposteln ein. Die in Wort und Schrift gefassten Eingebungen Bruder Aramis gehörten längst zum anerkannten Lehr- und Wissenschaftsmaterial der Liga Mitglieder und selbst jene, die Bruder Aramis noch vor nicht allzu langer Zeit ob seiner Aussagen und Prophezeiungen die Gradlinigkeit und Klarheit seines Verstandes versuchten abzusprechen, standen nun wie eine Mauer hinter ihm und seinen orakelhaften Zenturien, die denen jenes genialen Gelehrten aus der Provence im Süden Frankreichs nur zu ähnlich waren, wenngleich zwischen den Gedanken des Michel de Nostradamus und denen des Bruders Aramis aus der Liga der Zwölf Apostel Lichtjahre der Erkenntnis und geschichtlichen Abfolgen standen, welche die Grundlagen zum Verstehen seines Psychogramms auf eine gesicherte Basis stellten. Auf der Lichtfolie des Beamers erschien in regelmäßigen Abständen die Einleitungspräambel des Psychogramms, welches in den nachfolgenden Stunden auf seine Endlichkeit geprüft und hinsichtlich der Machbarkeit entsprechender Korrekturschritte der Möglichkeit von Änderungen unterzogen werden sollte. Er nutzte die verbleibende Zeit bis zum Eintreffen der Brüder und Schwestern und verteilte zu beiden Seiten der Sitzordnung die Namensschilder der teilnehmenden zwölf Personen, wobei er darauf achtete, dass sich die Brüder und Schwestern im Halbrund der Diskussionsrunde dem Alphabet ihrer Namen entsprechend gegenüber saßen. Mit dem Aufstellen der Namensschilder legte er noch einen Satz Unterlagen zu ihrem Treffen auf den Platz der jeweiligen Person. Bruder Aramis umrundete die Sitzordnung und erreichte mit den nächsten Schritten die schmalen Schlitze der Raumbelüftung, aus der ein kontinuierlicher frischer Strom Außenluft wie ein seidener Schleier in diesen Raum der Bibliothek geleitet wurde. Er atmete tief aus und ein, die würzige Alpenluft, gesättigt vom sanft-kühlenden Wind aus den Hanglagen der waldreichen Kiefernregionen drang tief in seine Lunge, durchflutete seinen Leib wie die ozeanische Welle einer schäumenden Brandung, bevor diese in Milliarden Tropfen zerstäubend himmelhoch jauchzend und brüllend vor Lust und Freude an den zerklüfteten Felsen einer ewigen Küste ihre Erfüllung fand. Schwester Lutetia - ihr Namensschild stellte er als vorletztes in der Reihe der Brüder und Schwestern auf, gefolgt vom letzten Schild der Schwester Lydia, die als Rangälteste der Schwestern neben ihm als Rangältestem der Brüder gegenüber saß. Er schmunzelte und bedachte ob der Namenskonfiguration die zufällige oder gewollte Fügung der Sitzplatzordnung, die ihm die Nähe zu seiner früheren Geliebten Lutetia ermöglichte. Seine Gedanken verwoben sich in einem Schleier der Erinnerungen zu einem dichten Netz fiktiver Körperlichkeit, die ihn an die 0vom Licht der Sonne erwärmten sandigen Ufer jener kleinen, versteckten Bucht führten, wo er sich mit seiner geliebten Schwester Lutetia den Wonnen ihrer beider ersten großen Liebe zueinander hingaben. Es war die Zeit jener letzten seltenen sorglosen Epoche auf diesem Steinplaneten Erde, bevor die großen Umwälzungen begannen, die Jahrhunderte- ja Jahrtausendelang die Geschichte und Geschicke der Erdlinge bestimmen würde. Bruder Aramis und auch seinen Glaubensbrüdern und Schwestern aus der Liga der Zwölf Apostel, wobei sich die Zwölf nicht etwa auf die Anzahl der Ligamitglieder, sondern auf die Anzahl der zwölf Haupttierkreis Sternzeichen bezog, welche aus der Galaxie ihrer Herkunft, der Milchstraße entstammten. Sie war über die Lichtjahre ihrer Tätigkeit zum einen, über die Fähigkeit zwischen den Galaxien und Sonnensystemen zum anderen und über die Beherrschung der Kompression der zahllosen Universums zu einer außergewöhnlichen Liga verschmolzen, die nicht selten als letzte Instanz zur Hilfe und Lösung bei interstellaren Streitigkeiten angerufen wurde. In allen Universums fanden sich je nach Dichte der Galaxien Dutzende Zusammenkünfte der Zeitreisenden Zwölf Apostel Liga, was auf die Anzahl der Universums hochgerechnet eine Tausendfache Anzahl an Gruppen und Untergruppen hervorbrachte, die allein aus der Tatsache heraus an allen Orten, in allen Galaxien und Sonnensystemen praktisch zeitgleich präsent zu sein. Diese einzigartige Begabung ließ ihnen eine Berater- und Schlichterrolle zukommen, welche über die Jahr Milliarden an Jahren und Lichtjahren gerechnet dem Raumkontinuum eine fruchtbare und überwiegend friedliche Zeit bescherte. Im Rechnungsspektrum der Erdlinge nahm sich dieser Begriff auf einer Zeituhr - der man mal eben vier Milliarden Jahre als Entstehungszeit für den Planeten Erde mit allen Zeitaltern auf einer Zwölf Stunden Skala zubilligte, das eigene Dasein, die eigene Existenz, das erste Auftreten eines Hominiden in die letzte Stunde auf dieser Skala auf Fünf Minuten vor Zwölf - High Noon - eine wahrhaft schicksalhafte und bedeutungsschwangere Zeitspanne, die gerechnet vom ersten Auftreten des Menschen bis zum Untergang des Planeten Erde so um die Fünf Minuten ihres Daseins nutzte, um die Erde zu erledigen. Bruder Aramiss Blicke fixierten jene Schrifttafeln, die durch den Beamer in immer wiederkehrenden Zyklen auf die Projektionswand im Raum der Bibliotheka gebannt wurden.
„Schön dich zu sehen - lieber Aramis - es tut gut einen Freund zu begrüßen.“
Eine vertraute Stimme löste Bruder Aramis aus seiner nachdenklichen Betrachtung des Psychogramms zum Virus Covid 19. Bruder Aramis wandte seine Augen in Richtung des Gesichtes der Person, die ihm durch eine rasche Abfolge von Hand- und Fingerbewegungen ihre stumme, wenngleich mehr als herzliche Begrüßung entbot. Ihrer beider Augenpaare verschmolzen für einige Sequenzen Sekundenschläge ineinander und versanken in einem imaginären Meer der Glückseligkeit, aus dem wenige Herzschläge lang die Erinnerungen ihrer Leidenschaft aus früheren Zeiten den Weg in ihr Bewusstsein fanden.“Nichts ist vergessen - es ist nicht einmal vergangen“. Die Essenz ihrer großen Liebe hatte sich untilgbar in ihre Seelen eingemeißelt, und das Verlangen in ihnen einer dem anderen mit Haut und Haaren zu gehören, dieses Feuer einer tiefgründigen, unerschöpflichen Liebe, loderte von einem Moment zum anderen Lichterloh auf, ein alles verzehrender Brand, aus dem sie wie Phönix und Aphrodite immer wieder neu geboren wurden.
„Deine Freude über unser Wiedersehen ehrt mich mehr als alles andere auf dieser Welt und anderen Welten, und mir ergeht es ebenso bei deinem Anblick, liebste Lutetia. Wie schön du doch bist - so schön wie jene Schaumgeborene, die einer Muschel vor den Gestaden Zyperns dem Meer entstieg, die Göttin der Liebe, der Sinnlichkeit und Fruchtbarkeit. Was haben wir vergeben um der Ewigkeit des Lebens Willen. Allein die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren lässt uns die Schmerzlichkeit des Verlangens bewusst werden. Darf ich dich zu deinem Disputplatz begleiten - liebste Schwester?“
„Du darfst mich begleiten wohin immer du gehen willst - geliebter Bruder im Glauben. Es ist alles wie gestern - das Leben findet sich in einer einzigen Kirschblüte - mein bester Freund. Ich habe unsere Liebe niemals vergessen - wie könnte ich das auch. Danke für deine Worte der Zuneigung, die mir Herz und Seele öffnen wie einen Kelch und ihn mit der Glut des Lebens füllen. Dagegen stehen die Ausführungen deiner Visionen wie ein Menetekel, wie ein Damoklesschwert und lassen mich fürchten. Wir werden sehen, was der Disput offenbart - ich bin an deiner Seite, geliebter Bruder.“ Schwester Lutetia verneigte sich leicht, legte ihre Handfläche behutsam auf die linke Brustseite von Bruder Aramis und nahm auf dem Stuhl hinter dem Arbeitstisch ihren Platz ein.
Nachdem alle Brüder und Schwestern ihren gemäßen Platz eingenommen hatten, oblag es nun der Weisungsbefugnis des Oberbruders Aramis, geistlicher Leiter der Zusammenkunft, die Brüder und Schwestern in angemessener Form zu begrüßen, sie auf die Arbeitsunterlagen hinzuweisen, die in Form einer tiefschwarzen, matten Lederhaut eingebunden auf jedem Tisch vor dem Arbeitsplatz einer jeden Schwester und eines jeden Bruders zu liegen kam. Sie unterschieden sich in ihrem äußeren Einband nicht von den Arbeitsunterlagen der vergangenen Zusammenkünfte, aber ein Detail stach aus dem mattschwarzen Einband in purpurnem Fluss und kraftvoll ausgeprägter Frakturschrift hervor, das wie ein Dolchstoß durch die Augen der Brüder und Schwestern bis ins Wahrnehmungszentrum eines jeden Menschen fuhr, um dort seine psychologisch-verunsichernde Wirkung zu entfalten. Zwölf Augenpaare sogen sich auf diesem Schriftzug fest, der sie wie ein starker Magnet in ihren Bann zog, von dem sich die Anwesenden nicht zu lösen vermochten.
Psychogramm einer Pandemie - fiktiv-realistischer Verlauf
Weiter war auf dem Einband nichts an Schriftzeichen vorhanden, die weiteren Aufschluss über den Inhalt des Psychogramms hätten geben können. Also mussten die Anwesenden die „Büchse der Pandora“ öffnen und dem Unvermeidlichen ins Antlitz blicken.
(nach einer visionären Eingebung von Bruder Aramis - Mitglied der Liga der Zwölf Apostel)
a) Der Dritte Weltkrieg hat längst begonnen
(weltweiter Kampf gegen das Virus)
b) es geschieht wie im Krieg der Welten - nur Seitenverkehrt
(wir sind die Aliens auf Erden und werden vom Virus attackiert)
c) Das ökologische Armageddon läuft bereits auf Hochtouren
d) Corona Szenario (basierend auch auf geschichtlichen Hintergründen)
e) Mögliche globale Entwurzelungsstadien der menschlichen Gesellschaft - Zivilisation, auch Erdlinge genannt
Die Ablösung des Menschen als dominante Spezies könnte nach dem globalen Angriff des Virus in folgendem Phasenverlauf vonstatten gehen
1) Verdrängung - Ignorieren - Trotz
2) Angst - Vorratshaltung - leichte Panik
3) soziales Geflecht in der beginnenden Auflösung - Massenhysterie - drastische Maßnahmen, Lockdown, weltweite Demos, politische Ratlosigkeit, wirtschaftlicher Niedergang, Kleinkriege, Säbelrasseln und atomare Drohgebärden, Aufhebung der Reisebeschränkungen, Brot und Spiele, Klimawandel, zweiter Lockdown, zweite Pandemiewelle, virologische Aufgabe, alle bewohnten Kontinente von SARS-CoV-2 Virus befallen (gilt auch für die Forschungsstationen in der Antarktis, Millionen Infizierte, Millionen Tote - Tendenz progressiv steigend, erste Impfstoffe in Testphase, Impfungen beginnen unter Zeitdruck, Virus nicht mehr zu stoppen, Mutationen breiten sich rasch über die Kontinente aus, Vogelgrippe rafft in Indien und Rom Zehntausende Tiere hin, in China erneuter, extrem heftige Covid 19 Ausbruch, USA der Corona Hotspot weltweit, dritte Mutations Pandemiewelle wird unvorstellbar
4) Beginn der Verwahrlosung/Verrohung der Menschen, Faustrecht, Beschaffungskriminalität, Plünderungen, Polizei und Militär überfordert, Kontrolle entgleitet rasant, Hungerkatastrophe auf Mallorca,
Schwere Unruhen in den USA, Afrika inoffiziell abgeschrieben, Brasilien ist kollabiert, Bürgerkriege drohen weltweit, Europa impft - aber zu wenig und zu lückenhaft - das Virus ist schneller - das Virus mutiert fröhlich drauf los - Mediziner geben offen zu, dass die Pandemie nicht mehr zu stoppen ist - Nobelpreis für Zaudern, Planlosigkeit, Konfusion, Hick-Hack, Konzeptlosigkeit, Versagen - vom Komitee vorgeschlagen….
5) völlige Enthemmung - Gewalt - Anarchie - Chaos - Untergang
„Wer hinter sich blickt sieht den Abgrund vor sich nicht“
„Es ist nicht leicht ein Weiterlebender zu sein, besonders in diesen Zeiten - aber war es das jemals - in anderen Zeiten???“
(warnende Stimmen renommierter Virologen, Ethik Wissenschaftler und Zukunftsforscher)
„Brüder und Schwestern im Glauben, wir befinden uns in Phase vier, die Stimmung kippt weltweit, in zahlreichen Staaten herrschen Bürgerkriegsähnliche Zustände der Impfstoff - Schutzmasken Schwarzmarkt legt fast so schnell zu wie das Virus, Parlamentarier kassieren immense Bestechungsgelder für Auftragsvermittlungen - der Betrug mit Corona Schnelltests nimmt erschreckende Ausmaße an, die Inzidenz Zahlen an Neuinfektionen haben eine dramatische Dimension erreicht, Schweden steht unmittelbar vor der Katastrophe, in Brasilien gibt es keine ordentlichen Bestattungen mehr - die Millionen herrenloser Hunde sind extrem aggressiv und hungrig, Deutschland taumelt von einem verzweifelten Befreiungsschlag zum nächsten, der indische Subkontinent gibt sich verloren… so die Schlagzeilen in den Nachrichten der Erdlinge. Ich zitiere aus den Prophezeiungen des Johannes der da sagt; „ Als das Lamm das vierte Siegel brach, rief das Tier mit Donnerstimme - KOMM. Da sah ich ein fahles Pferd - und der auf diesem Pferd saß - das war der Tod. Und ihm folgte die Hölle nach. Im 16.Jahrhundert erregte ein Alchemist, Astrologe und Mediziner mit seinen Zenturien große Aufmerksamkeit. Es war kein Geringerer als Michel de Nostradamus, der für das Jahr 2020 eine erschreckend genaue globale Katastrophe weissagte, welche die Menschheit an den Rand der Ausrottung führt.„
Bruder Aramis machte eine kurze Pause, um sich des Zuspruchs zu versichern, den seine Ausführungen zu erwarten hatten. Dann hob der Gelehrte erneut an und ließ seinen einleitenden Worten einen Abriss über die Heimsuchungen, Epidemien und Pandemien der Vergangenheit bis zum heutigen Tag folgen.
„Es ist im übrigen nicht die einzige Pandemie, welche nach seinen Prophezeiungen über die Menschheit hereinbricht. Es gab in der Vergangenheit exakt 13 Heimsuchungen mit mehr oder weniger globalen Verläufen, aber stets folgten die Krankheitsverläufe - die Infektionswege lehnten sich passgenau an die jeweiligen Handelsrouten an, ob Antike, Mittelalter oder industrielles Zeitalter, ganz bestimmten Gesetzmäßigkeiten und Zyklen. Besonders eingeprägt in das Gedächtnis der Menschen haben sich die Pocken- und Pestepidemien, welche sogar die Bevölkerungsdichte ganzer Kontinente in erschreckendem Ausmaß ausdünnten, teilweise bis zu einem Viertel der Bewohner, wobei sich die Justinianische Pest im 6. Jahrhundert als erste durchschlagende Pestpandemie des Mittelmeerraumes hervortat, eingeschleppt aus Indien oder subsaharischen Regionen, dann der Schwarze Tod - auch als Beulenpest bekannt, der im 14. Jahrhundert 1/3 Drittel der Bevölkerung des damaligen Europas hinraffte, später folgte die Große Pest zu Beginn des 18. Jahrhunderts und schließlich die Dritte Pest Pandemie Ende des 19. - Anfang des 20. Jahrhunderts mit rund 15 Millionen Opfern. Allerdings war die Medizin in der Erforschung und Behandlung dieser Erkrankungen auf dem Vormarsch, und so gelang es dem Schweizer Forscher und Mediziner Alexandre Yersin das Pest Bakterium zu identifizieren, welches sich über Flöhe bei Säugetieren, vornehmlich Ratten - ausbreitet. So ging der Name Yersinia Pestis als Schreckensbegriff für den Schwarzen Tod in die Medizingeschichte ein. Im ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhundert haben andere, nicht minder verheerende Erregerseuchen weltweit für Aufsehen, Pandemien, Schrecken und mehr als 100 Millionen Toten gesorgt - Tendenz ungebrochen und steigend----“ stieß Bruder Aramis die letzten Worte seiner Einführungsansage trotzig und mit einem spürbaren Anteil von Wut in ihnen aus sich heraus in die Runde der Zwölf Apostel, die seinem Schreckensgemälde vom Ende der menschlichen Zivilisation mit emotionalem Schütteln folgte und bei den meisten ein fast schon ungläubiges Entsetzen auslöste, das sich wie ein feiner Schleier über die Anwesenden legte. Bruder Aramis sog die weiterhin einströmende frische Luft durch Nase und Mund in gierigen Schüben ein, was ihm in mehrfacher Hinsicht Erleichterung, Wohlbefinden und mentale Klarheit verschaffte, derer er in den kommenden Stunden nötiger als alles andere bedurfte. Die Wogen im Disput um den Untergang des Planeten Erde samt seiner Erdlinge und des damit einhergehenden Endes vielfachen Lebens um das Sein der Menschen trieb seine Brüder und Schwestern um, was ihn zweifellos in einen Diskussionskonflikt stürzen würde, am Endergebnis und der Akzeptanz um das zu erwartende Szenario keinen Handlungsspielraum zuließ. In dieser ungewöhnlich engagierten und aufgeladenen Gesprächsrunde entführten Bruder Aramis Gedanken den Geist des Mannes in jene frühen Jahre, als er selbst noch Kind war und zu jung um zu verstehen, wie die Zusammenhänge und Geschehnisse einer kurzlebigen zeitlichen Epoche ihre langwelligen düsteren Schatten wie die Sendboten eines aufziehenden Gewitters den Planeten Erde in ihren bedrohlichen Mantel hüllten, um alles Leben, Werden und Gedeihen für immer aus ihm heraus zu saugen. Er sah seinen Großvater auf seinem Lieblingsplatz neben dem großen Ofen sitzen, den Rücken an die wärmende Wand der Heizkaverne gelehnt, wie er ihm und seinen Geschwistern aus dem Stegreif heraus die Märchenwelt ihrer Vorfahren in bunten und mystischen Bildern vor ihren Augen erstehen ließ, so lebendig, vital und vollkommen, wie er hernach niemals wieder einen Menschen die Genese seiner Herkunft in derart traumhaft schönen Farben und Formen hatte vor ihm ausbreiten können. Die Träume - ja - das ist es - was wäre die Welt doch ohne Träume, ohne Märchen. Wie arm wäre unser Leben, gäbe es nicht unsere Träume und Wünsche, Sehnsüchte und die Hoffnung. So möge es denn sein, dass es immer Träume gibt, Träume so schön und bunt, aus denen dann die Märchen und Geschichten werden, die unsere Vorfahren und die Alten uns an den langen Winterabenden im Haus der Geschichten erzählen.“
Rückblick
Die Pandemie forderte einen hohen Blutzoll. Mehr als Hundert Millionen Individuen des Homo Sapiens Sapiens fielen ihr zum Opfer. Das 20. Jahrhundert war reich an Katastrophen und Völkermorden, zu denen auch zwei verheerende Weltkriege neben anderen Kriegen zählten, welche aber weder von der Anzahl der Opfer noch von der Geschwindigkeit ihres Ablebens auch nur entfernt an jene große Pandemie heranreichten, die im letzten Jahr des ersten großen Krieges dieser Welt mit rund 17 Millionen Opfern begann und im Jahre 1920 ihr vorerst erschöpfendes Ende fand. Selbst in den entlegenen Ortschaften Nordamerikas - so Alaskas, fegte diese Pandemie die Menschen dahin; in der eher unbedeutenden, kleinhäusigen Ansiedlung Brewster Ferry auf der Halbinsel Seward, wo die wenigen Menschen vom Fischfang und der Rentierzucht lebten, dort - im westlichsten Zipfel Alaskas, tötete das Virus von achtzig Einwohnern mehr als siebzig, ein verheerender Blutzoll. Was in diesem Ort in jener Zeit und in späteren Jahrzehnten geschah, ist allerdings von elementarer Bedeutung für die derzeitige Pandemie, die unter dem Namen Corona - SARS-CoV-2 COVID 19 mit derweil mehr als Hundert Millionen registrierten(Tendenz rasant steigend) Infizierten sowie Millionen Toten, und das Virus hat gerade erst Tritt gefasst und die zweite Welle eingeläutet, die einen weiteren Kriegsschauplatz - die Mutation - eröffnet hat.(Inzwischen vervielfachen sich die Ausfallzahlen weiter). In dieser kleinen Ortschaft in Alaska starben 1918 innerhalb weniger Tage bis auf acht Personen alle. Acht Menschen überlebten - eigentlich unfassbar, aber so ist es tatsächlich geschehen. Man ging daran den Permafrostboden durch Feuer aufzutauen, um den Verstorbenen ein würdiges Begräbnis zu geben. So wurde es dann auch zelebriert. Weiter wusste man nichts über den Erreger außer, dass der Ursprung der Pandemie auf die „Spanische Grippe“ zurückzuführen sei, die - so die damalige Annahme, in einer ländlich geprägten Region mit Massentierhaltung in Hanson County in Kansas auftrat. Der dort tätige Landarzt Lennard Maxwell ward über die Heftigkeit der Symptome und dem äußerst aggressiven Verlauf der Erkrankung dermaßen entsetzt, dass er sich an die Gesundheitsbehörden in Washington D.C. wandte mit der Bitte um dringende Unterstützung. Dort hatte man ganz andere Sorgen, nämlich die Verquickung der USA in den europäischen Krieg zwischen Deutschland, Frankreich und England. Den galt es zu gewinnen, alles andere sei sekundär - darum sollten sich die Landärzte kümmern. Tragik der Geschichte - einer der Infizierten wurde als Rekrut in ein Ausbildungslager der Army eingezogen - wo Zehntausende Männer auf engem Raum ihre Grundausbildung absolvierten. Dort begann nachweislich der traurige Siegeszug des Influenza Virus H1N1, der binnen eines Jahres wie eine Sturmflut über den Globus hereinbrach und auf allen Kontinenten seine mörderischen Aktivitäten entfaltete. Der Hauptschlag in Europa ging von den Abertausenden US- Soldaten aus, die per Schiff nach Frankreich und England transportiert und von dort zunächst in die Auffanglager eingewiesen wurden, wo sich das Virus weiter zügig ausbreitete. Man versuchte so gut wie möglich die noch „Gesunden“ von den bereits „Erkrankten“ zu separieren, was mehr schlecht als recht gelang. Die Lage war sehr Ernst, denn es starben an dieser Influenza mehr Männer in den Ausbildungslagern, auf den Truppentransportern und in den Kasernen Europas als Soldaten auf den Schlachtfeldern. Ebenso hartnäckig hielt sich die Geschichte von der Einschleppung des Virus durch deutsche Agenten in die USA und nach Südeuropa; in letzterem Fall in der Absicht, die Zehntausende spanischer Saisonarbeiter zu infizieren, die von Frankreich angefordert wurden. Diese Auffassung hielt sich trotz besserem Wissen Jahrzehnte, gleichwohl sind sich aber die weltweit renommiertesten Forscher, Wissenschaftler und Ärzte einig, dass die erste Form der „Spanischen Grippe“ in der zuvor erwähnten Ortschaft in den USA auftrat und den dort tätigen Landarzt in einem Maße beunruhigte, dass dieser in Washington D.C. um Verstärkung ersuchte - was aber im Hinblick auf einen „normalen grippalen Effekt“ und die „Einbindung in den Krieg gegen Deutschland„, so die Bürokraten in Washington D.C., für nicht angemessen angesehen wurde. Welch ein fataler, medizinisch-wissenschaftlicher Fehlschluss, der in die katastrophalste Pandemie des 20. Jahrhunderts weltweit führte, welche die moderne Zivilisation bis dahin erlebt hatte. Den Namen „Spanische Grippe“ erhielt diese rasant um sich greifende Pandemie durch die Erkrankung des spanischen Königs Alfons XIII und der damals schon üblichen reißerischen und unzensierten Pressemeldungen besonders aus Spanien. Damit war der Begriff „Spanische Grippe“ manifestiert, der sich bis dato gehalten und Eingang in die allgemein gültige Historie über Seuchen und Pandemien gefunden hat. Immerhin war einem Arzt in einem der zahlreichen Sterbelazarette trotz der aussichtslos hoffnungslosen Lage ein wenig mehr Weitsicht beschieden, und so entnahm der Schüler des Hippokrates den Verstorbenen Gewebeproben ihrer Lunge um sie zu konservieren. Mehr schlecht als recht, denn man kannte nur Formalin und das Paraffinieren, was dem Erbgut nicht sonderlich gut bekam, aber das stellten Forscher erst Jahrzehnte später fest, als sie die archivierten Proben in den Neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts analysierten. Dennoch blieben Teile der DNA erhalten, aus denen sich zumindest eine Anfangsstruktur entwickeln ließ. Zuvor machte ein amerikanischer Student der Pathologie im Verlauf von Forschungsarbeiten 1951 seinen Kollegen 1996 in Sachen „Spanische Grippe“ den Vorschlag, in den Gräbern der Verstorbenen, die sich noch immer im ewigen Permafrostboden befanden, Exhumierungen durchzuführen, um so an die begehrten verwendbaren Gewebeproben zu kommen. Dieser Vorschlag wurde begeistert aufgenommen, da es sich bei diesem Mediziner a.D. kurioser Weise um jenen jungen Mann handelte, der den Verstorbenen der zwanziger Jahre während seiner pathologischen Studienzeit 1951 Bestandteile ihrer Lunge entnahm und konservierte. Die Veranstaltung verlief organisatorisch zufriedenstellend, aber die Entnahme und der Transport des kontaminierten Gewebes in die Labors der Kernstaaten der USA ließen an der Professionalität der Beteiligten ernste Zweifel aufkommen, zusätzlich genährt zu der in den USA bereits grassierenden „Anti - Kommunistischen -Epidemie“ ,die in jeder akademischen Aktion außerhalb der Bundeshauptstadt eine kommunistische Verschwörung sah. In den neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts war es dann erneut soweit - eine in der Tat exquisite Mannschaft aus Forschern, Wissenschaftlern, Medizinern, Geologen und Archäologen machte sich auf nach Alaska in jenen kleinen Ort, wo im Permafrostboden die Opfer jener verheerenden Pandemie weiterhin still und friedlich ruhten, wenn auch die vergangenen Eingriffe an verschiedenen Gräbern nicht zu übersehen waren. 1996 ließ es sich jener Medizinstudent von damals nun als rüstiger Rentner nicht nehmen, selbst als Mitglied an dieser Expedition teilzunehmen, um den Leichen jene berühmt berüchtigten Gewebeproben aus der Lunge zu entnehmen (welche Vorstellungen oder Gedanken mögen den Mediziner zu dieser Handlung angeleitet haben). Konserviert und tiefgekühlt, als würden sie nur darauf warten ihr tödliches Geheimnis um jenes Virus endgültig preiszugeben, dem die medizinische Wissenschaft und Forschung seit Jahrzehnten hinterher jagte. Das Forschungsteam musste zunächst den durchfrorenen Boden wie ehedem durch intensive Beheizung auftauen, um die Körper der Leichname ihren Tiefkühlkammern zu entnehmen. Dabei stellten sie zu ihrer großen Überraschung fest, dass sich die Leichen in einem ausgezeichneten Zustand befanden in der Art, als wären sie erst vor kurzem bestattet worden. Selbst das Totenhemd eines Knaben in kräftigem Karminrot wies keinerlei Spuren irgendwelcher Vergänglichkeit auf, ganz zu Schweigen vom Zustand der körperlichen Verwesung, die praktisch gegen Null ging. Jetzt hieß es rasch, konzentriert und effizient zu arbeiten, um das noch sezierfrische Lungengewebe optimal zu erhalten und entsprechend für den Transport zu konservieren. Hier leistete die Vakuumtechnik hervorragende Dienste, denn sie sorgte dafür, dass der Befall des Gewebes mit Fremdpartikeln, welche die Proben Verunreinigen könnten, auf Null gehalten wurde. Nachdem die Mannschaften ihre gefährliche Arbeit abgeschlossen und die Sezierten in ihre eisigen Totenkammern zurück gelegt hatten, ließ der Leiter der Expedition, ein gewisser Yoshua Rosenstrauch (Name geändert), ein schlichtes Kiefernkreuz errichten, das von den Geologen, Medizinern und Pathologen mittig zwischen die nun wieder geschlossenen Gräber eingegraben wurde.
„Im ewigen Gedenken an die hier von Menschen gebrachten Opfer - und in Dankbarkeit für das einzigartige Geschenk an die Forschung, Medizin und Wissenschaft, das wir heute entgegennehmen durften.“
Yoshua Rosenstrauch beendete seine kurze Ansprache und legte eine blaue Lilie auf das Grab jenes Kindes mit dem friedlichen Gesichtsausdruck in seinem Karminroten Totenhemd, welches nun der Ewigkeit einer endlos währenden Zeit in seiner eisigen Gruft entgegen schlief. Die Mitglieder des gesamten Teams legten gleichfalls ihre Blumen als letzten Gruß auf die Gräber jener Grippetoten, die als Pandemie unter dem Namen „Spanische Grippe“ den Planeten Erde wie ein Hurrikan der Stufe fünf überrollte, und von keinem der Männer und keiner der Frauen in diesem Team war zu jenem Zeitpunkt bewusst, dass sie mit ihrer Arbeit hier im Totenhaus Alaskas den Grundstein für eine der mörderischsten Pandemien legten, die in weniger als einem Jahrzehnt den Planeten Erde in den Beginn der Apokalypse stürzen sollte. Voller Stolz trat das Team den Rückweg an, in ihrem Gepäck die Gewebeproben einiger Verstorbener, darunter von üppigen Frauen, deren Fett- und Speckschicht nicht nur ihren Oberkörper wie einen schützenden Isolierpanzer einhüllte, sondern auch der Verwertbarkeit der entnommenen Gewebeproben sehr zuträglich war. Was sie bis dahin nicht wussten war die Tatsache, dass sie den gefährlichsten und tödlichsten Erreger - den größten Feind menschlichen Lebens auf dieser Welt - aus seinem ewigen Eisgefängnis befreiten, und ihn in ihrer Unwissenheit wie freudig erregte Kinder über ein neues Spielzeug wie eine Trophäe zurück in die Labore und Forschungseinrichtungen der Staaten trugen - das Virus der „Spanischen Grippe“ - der tödlichste aller Erreger, kehrte zurück in die menschliche Gesellschaft - das Influenza-A-Virus H1N1 war neu geboren und endlich - nach fast 100 Jahren identifiziert. Es war gefährlicher und tödlicher als alle bekannten Epidemieviren zusammen. Um eine größtmögliche Kontrolle über das Vorhandensein der Stämme in Reinkultur zum einen und deren Verbleib in den wenigen Laboren zum anderen zu haben, sind die Anforderungen an die Labore und im Besonderen an das Personal im Segment Defcon eins Plus der Stufe vier angesetzt, einer Kontroll- und Sicherheitsstufe, die nicht einmal Gott den Zutritt ermöglicht, so die selbstherrliche Einschätzung der Laborbetreiber, die sich über jeden Zweifel an ihrer Unfehlbarkeit erhaben fühlten. Wie heißt es doch im Sprichwort: Zuweilen tritt das Schicksal in der Maske der Dummheit auf. Dass es dieses Virus überhaupt wieder gibt, ist eine wissenschaftliche Sensation - akademische Weißkittel verkaufen praktisch alle Entdeckungen - und seien sie noch so beängstigend, schrecklich und/oder selbstmörderisch als Sensation. Dort, wo sich die Gefährlichkeit einer Entdeckung zum möglichen Nutzen des eigenen Überlebens schon theoretisch anwenden lässt, da ist die Erwägung um die Entwicklung einer Bio-chemischen Substanz als Erstschlagwaffe nur logisch, denn vom Beginn der Entwicklung eines Impfstoffes gegen einen erkannten Virus (Analyse des selbigen) bis zur anerkannten (wissenschaftlich erprobten Impfstoffes an Tieren und Menschen) Zulassung durch die staatlichen Organe (Gesundheitsbehörden, Ministerien) vergingen im Schnitt 10 bis 15 Jahre; die rasant fortschreitende medizinisch-wissenschaftliche Forschung in der Endphase des 20. Jahrhunderts und digitalen Revolution des beginnenden 21. Jahrhunderts öffneten den Möglichkeiten der Forschung, Medizin und Wissenschaft Türen und Tore, an die bislang niemand zu denken wagte. Sie verschlangen Milliarden und Abermilliarden an Dollar und Euro, und die wollte kein Unternehmen oder Konsortium auf die theoretische Möglichkeit einer neuen, gefährlicheren Epidemie als der ersten SARS Epidemie aus den Jahren 2002/2003 verwetten, und so vertrödelten die fachlich und personell fähigen Konzerne die weitere Erforschung dieser erstmals im 21.Jahrhundert auftretenden unbekannten Influenza mit Namen SARS, die aus Fernost in der südchinesischen Provinz Guangdong erstmalig auftrat. Bis 2004 kam es zu Hunderten Infektionen mit zahlreichen Todesfällen, die aber durch Anwendung diverser Medikamentengaben - auch in Zusammenführung, die neuartige Krankheit zurückdrängten und letztlich verschwinden ließen - aber nur vorübergehend, denn das wiedererweckte, von den Toten auferstandene Virus SARS-Vo-1 Covid, ein überaus intelligentes Virus, führte ebenso wie die Forscher und Wissenschaftler die es erschaffen hatten, eigene Versuchsstadien durch, die sich ausschließlich auf verschiedene Mutationsarten konzentrierten, dies aber mit einer kaum vorstellbaren molekularen Geschwindigkeit, von der seine „menschlichen Kollegen“ und „Geburtshelfer“ nicht einmal den Hauch einer Ahnung geschweige denn eine annähernde Vorstellung dessen besaßen, was da in wenigen Jahren auf die Menschheit zukommen würde. In verschiedenen Dossiers machten in den Jahren 2006 Wissenschaftler, Forscher und Mediziner in Fachzeitschriften auf die Gefährlichkeit eines neuen, unbekannten Erregers aufmerksam, der das Potenzial zu einer globalen seuchenartigen Pandemie in sich trägt und als „Lungenseuche“ verheerende Ausmaße annehmen könnte. Jetzt sollte alles unternommen werden, um diesen Erreger vollständig zu analysieren, ihn in Reinkultur zu binden und entsprechend mit einem nachprüfbaren, vielfach getesteten und zugelassenen Impfstoff kompatibel und kombinierbar zu machen. Die Verfasser der Dossiers aus dem Jahre 2006 rechneten damals mit einer Pandemie bis spätestens Mitte der zwanziger Jahre des 21. Jahrhunderts. Die Prognosen der Verfasserinnen und Verfasser haben sich in erschreckender Weise bewahrheitet, was aber das Militär in den hoch gezüchteten Industriestaaten der westlichen Welt sowie einigen nicht minder involvierten Regimes der östlichen Hemisphäre in keiner Weise davon abhält, sich intensiv mit der Erforschung neuartigster und tödlichster Viren zu befassen, welche die eigenen Soldaten einen Erstschlag immun überstehen lässt, die gegnerischen Verbände jedoch binnen kürzester Zeit dahinrafft. Beispiele dafür sind die Gruinard Island im Verband der Shetland Inseln, die während des Zweiten Weltkrieges von den Briten als Testinseln für Milzbrand Versuche (Anthrax) genutzt wurden. Allerdings handelt es sich bei diesem Erreger um ein Stäbchen Bakterium, das unter Idealbedingungen Jahrzehnte in einem entsprechenden Boden überleben kann. SARS und seine Abarten sind Viren, was die Sache nicht weniger gefährlich macht. Heuer wird in einigen Ländern und Laboren weltweit immer noch an diesem und anderen hoch gefährlichen Kampfstoffen auf biologischer Basis geforscht und gearbeitet. Zu diesen Hochsicherheitsarealen zählen Einrichtungen u.a. in Deutschland (Insel Riems in der Ostsee), England (Shetlands), Russland (Ural Sektion und Sibirien), China (Wuhan Provinz Hubai), USA (New Mexico - Area 51) sowie der Nahe und Ferne Osten (Iran, Israel - vermutlich, Pakistan, Indien). Die Büchse der Pandora kann sich jederzeit in einem Maße öffnen, wo jeglicher Versuch zur Entwicklung eines entsprechenden antizyklischen erfolgreichen Impfstoffes reines Wunschdenken bleibt und völlig bedeutungslos wird. (Beginn der fiktiven Handlung dieses Endzeit Thrillers). Ausgestattet mit diesem Hintergrundwissen begeben sich Forscher, Wissenschaftler und Mediziner auf eine Mission von der sie nicht wissen, ob sie überhaupt Erfolg haben wird und - ob sie jemals von dieser Mission zurückkehren werden. Im Sommer des Jahres 2016 treffen an Bord der Georgi Schukow, einem russischen Eisbrecher der Kategorie Arktika mit Heimathafen Murmansk, Forscher, Wissenschaftler, Mediziner, Geologen, Vulkanologen und Tiefseeexperten aus sechs international renommierten und anerkannten Instituten und Forschungseinrichtungen ein; ihr Ziel - die Erkundung und Erforschung des Nordatlantiks in der Region Arktischer Ozean und Mittelozeanischer Rücken mit den berühmten Geo-Thermalfeldern zwischen Grönland und Skandinavien. Das besondere Interesse der Forschergruppe - vierzehn Männer und elf Frauen sowie eine noch nicht näher bekannte Anzahl russischer Kolleginnen und Kollegen - galt neben anderen wichtigen Untersuchungen und Experimenten den Schwarzen und Weißen Rauchern, kurz Black and White Smoker genannt, wovon erstere der Region um „Lokis Castle“ oder „Lokis Schloss“ die Geheimnisse der Tiefsee bis heute nicht wirklich preisgaben - existierten bislang nur mehr oder weniger praktische Untersuchungen des Tiefseebodens in diesem Bereich, die mit Probeentnahmen, Analysen, Vermessungen und jeder Menge filmisch-fotografischem Material aus Kostengründen ihren vorläufigen Abschluss fanden. Die in diesen Sektionen bestehende wissenschaftliche Lücke nachhaltig zu schließen war nicht der eigentliche Zweck dieser Expedition, sondern nur ihr Deckmantel. Die Suche galt einem Bakterium in Reinform, einem fehlenden Verbindungsstück mit Genen, wie sie sonst nur vereinzelt bei Tieren, Pflanzen und Pilzen vorkommen, nicht aber in Tausenden Metern Tiefe an Hunderte Grad heißen überkochenden Schloten im Geothermalfeld bei Lokis Schloss, den Schwarzen und Weißen Rauchern. Mikroorganismen, mit einzuordnender Ausformung im Segment sollten um jeden Preis gefunden werden, dem hatte sich alles unterzuordnen. Sollte dies nicht gelingen, stünde in den zwanziger Jahren des Einundzwanzigsten Jahrhunderts kein wirksamer Impfstoff gegen die verheerende Pandemie der Weltgeschichte zur Verfügung - was das Ende jedweden menschlichen Lebens auf dem Planeten Erde bedeuten könnte. Im Februar des Jahres 2020 wird das Corona Karussell so richtig Fahrt aufnehmen, was aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht real war, gleichwohl schon Jahre vorher weitsichtige Forscher und Wissenschaftler dringend auf die Erforschung und Herstellung eines wirksamen Impfstoffes gegen SARS-Vo-1 Covid mahnten, ohne jedoch sonderlich Gehör zu finden. En tödlicher Fehler, der sich zu Beginn der 2020er Jahre in fürchterlicher Weise einer Pandemie ohne Beispiel rächen sollte. Bar jeglicher Zwänge zu aktiver Arbeit nahm ich als Journalist, Pressefotograf und Buchautor mehr aus Neugier den roten Faden Corona Virus Covid 19 auf, was mich in existenzielle Abenteuer und Geschehnisse hinein schleuderte, von denen ich mir nicht vorstellen konnte das sie überhaupt existieren.(Damit meine Laurin Kappe ihre Wirksamkeit entfalten konnte, war es mir zum derzeitigen Zeitpunkt noch nicht gestattet und auch nicht möglich mich nicht als Zeitreisender Ohnefurcht zu „outen“, das hätte meinen Handlungsvorgaben und „Regieanweisungen“ von oberster Stelle entgegen gestanden. Dies, lieber Leser, zu ihrer vertiefenden Information). So entwarf ich nach Abwägung und Recherche der damals bekannten Fakten ein fiktives Psychogramm des Corona Virus Covid 19, da es sich bei diesem mehr als unangenehmen Zeitgenossen um ein Lebewesen handelt!!! - die meisten Menschen verwechseln diesen globalen Killer mit einem etwas nervigen Schnupfen- und/oder Grippevirus, was eine tödliche Fehleinschätzung ist. Die kontaktierten Verleger sind gleichermaßen erschrocken, verunsichert aber dennoch fasziniert von diesem ungeheuren Vorgang, der als die große Katastrophe des 21. Jahrhunderts in die Geschichte eingehen wird - möglicherweise ohne die Erdlinge??? So soll man es schreiben - so wird es geschehen, denn es ist nicht leicht ein Weiterlebender zu sein, besonders in diesen Zeiten - aber war es das jemals - in anderen Zeiten???
Murmansk
Der eisfreie Nordmeerhafen Murmansk und die umliegenden kleineren Städte in der Kola-Bucht hatten dreißig Jahre nach Ende der Sowjetunion kaum noch etwas von ihrem „sozialistischen Charme“ bewahrt, abgesehen von den Zuckerbäckerbauten der Zarenzeit und des Stalinismus, dem man hier im Norden keine Träne nachweinte. Zahlreiche respektable Neubauten der staatlichen Energieversorger, die Wohn- und Freizeitkomplexe, das Kultur- und Bildungsangebot, die wissenschaftlichen Institute und die Universität sowie die weitläufigen Parks und Wälder beiderseits der Kola-Bucht und darüber hinaus, machten diese Region zu einem der begehrtesten Arbeits- und Studienplätze im nördlichen europäischen Russland. Und dann war da noch der Ausbau des Werftareals, wo nicht nur die riesigen U-Boote der Taifun- und K -Klasse, sondern auch die größten und modernsten Eisbrecher der Welt konzipiert, geplant und gebaut wurden. Seit der Katastrophe mit der Kursk im Millennium Jahr, die im Beringmeer nach mehreren Unterwasserexplosionen sank und mehr als Hundert U-Boot Fahrer in den Tod riss, hatte der Präsident Russlands die „Restauration“ - die Erneuerung von Murmansk nach modernsten architektonischen und technischen Möglichkeiten zu seinem persönlichen Anliegen gemacht. Das Vertrauen der Marine, dem Stolz Russlands, in die politische Führung nahm durch jene Ereignisse um die Kursk erheblichen Schaden, und den wollte der Präsident auf jeden Fall und um jeden Preis neutralisieren. So etwas funktioniert in allen Staaten und unter jeder Regierungsform nach dem gleichen Prinzip: Versprechen, Geschenke, Ausführung. Natürlich mussten auch Urteile gefällt werden, Bestrafungen, die sich aber im Hinblick auf die damaligen desaströsen Vorschrifts- und Befehlsketten mehr als schwierig erwiesen. Kurzum wies der Präsident den Befehlshaber der Nordmeerflotte in Murmansk an, einige wenige unbequeme Betonköpfe aus Zeiten der Sowjetunion zu entlassen - in den vorzeitigen Ruhestand zu schicken, zu denen der Befehlshaber der Nordflotte ebenso gehörte wie der Chef des Generalstabes. Das dämpfte zunächst einmal die aufgeheizte Stimmung, und als dann weitere diverse hochrangige Offiziere vor Gericht gestellt und ihren Hut nehmen mussten, hatte der Präsident die erste Runde in diesem knallharten Kampf der militärisch-politischen Interessen gewonnen. Noch im gleichen Jahr nach dem Untergang der Kursk begannen die Projektierungen an den hochmodernen, menschenfreundlichen Wohnhäusern nahe den Grüngürteln rund um Murmansk, wo die Murmansker und zahlreiche Sommer- wie Wintertouristen die Polarnacht und den Sommerdauer -Sonnenschein genießen. Innerhalb von fünf Jahren war von den Restbeständen der grautristen Plattenbau Nostalgie nichts mehr zu sehen, und die Anstrengungen der Bauarbeiter, Techniker, Ingenieure und Architekten verwandelten die Stadtteile von Murmansk geradezu in farbenfrohe lebendige Ensemble, vor denen die Familien Schlange standen, um sich für eine der heiß begehrten Wohnungen einschreiben zu lassen. Auch in der Innenstadt von Murmansk mit ihrem prachtvollen Lenin Prospekt, wurde tüchtig und nach modernsten architektonischen Vorgaben und Maßregeln geplant und gebaut, wobei die traditionelle russische Lebensweise ebenso Bau- und Wohnraum bestimmend war, wie der Anspruch an Modernität, Sicherheit und Hygiene. Immerhin stand Murmansk entgegen der früheren sowjetischen Maxime nicht mehr unter dem Dekret „Sperrgebiet“, sondern war den Touristen und Besuchern aus dem Ausland bis auf den Hafen frei zugänglich. Das verpflichtet zu besonderen Anstrengungen, denn die Stadt, die umliegenden Ortschaften und Kleinstädte - und letztlich der gesamte Oblast wollten sich in bestem Licht und Aussehen präsentieren. Da war es nicht so förderlich, wenn die Besucher auf ihren Stadttouren immer wieder die Aussicht auf den Hafen und die Grauen Wölfe der See „genossen“. Schließlich handelte es sich bei dem Murmansk Hafen um einen der zentralen Standorte und Heimathäfen der russischen Nordmeerflotte, ganz zu schweigen von Rosljakowo, knapp zehn Kilometer vom Zentrum entfernt, einem bedeutenden Standort der Nordflotte. Und dann ist da diese riesige Figur eines Soldaten, ein Monument mit Namen Alyosha, das an die heldenhafte Verteidigung der Stadt während des großen vaterländischen Krieges erinnert. Mehr als dreißig Meter hoch, den Arm und die Hand mit dem Gewehr hoch aufgereckt, ist dieses Symbol des Widerstandes von jedem nach Murmansk einlaufenden Schiff schon von weitem zu sehen. Vom Sockel und der Aussichtsplattform des Monumentes bietet sich Einwohnern wie Besuchern und Touristen ein traumhafter Blick über Murmansk und die Kola-Bucht, um die sich in sichtbarer Nähe oder gemäßem Abstand die sehenswerten und teilweise pittoresken Dörfer und Kleinstädte anlehnen, um durch ihre ureigene Individualität zum einen und der „Nähe“ zur großen Schwester Murmansk zum anderen vom Glanz und der Anziehungskraft der Weltstadt zu partizipieren, was allen urbanen Einrichtungen hervorragend gelang. Apatity, Kandalaksha, Kirovsk, Kola, Lovozero, Monchegorsk, Teriberka, Umba und Varzuga - so die Namen jener Dörfer und Kleinstädte auf der Kola Halbinsel, die sich rund um die Stadt Murmansk, der größten Weltstadt nördlich des Polarkreises, wie eine Schar quirliger Kinder scharten und voller Hoffnung auf die neue Zeit schauten, voller Enthusiasmus in das 21. Jahrhundert aufbrachen. Noch weiter nördlich, im 20 Kilometer entfernten Seweromorsk, befindet sich der wichtigste Stützpunkt der russischen Nordmeerflotte und Atom-U-Boote insgesamt. Hier galt selbst das „Stille Örtchen“ als sensibel und „Out of Area“ wie die US-Amerikaner sagen. Zutritt nur mit Permit. Schon Kilometer vor Erreichen der eigentlichen Stadtgrenze begannen die Straßenkontrollen an speziellen „Präventivsklerosen“, ein medizinischer Begriff, den die staatlichen Berufsobservierer gerne verwendeten. Schließlich handelten die amerikanischen Kollegen in Area 51 ebenso, da standen sich beide Supermächte in nichts nach. Grundsätzlich galt es nach Vorgabe der Gouverneure von Oblast Murmansk für ausländische Besucher und/oder Geschäftsleute folgende Möglichkeiten die Stadt hinter dem Polarkreis zu erreichen - tatsächlich waren es nur zwei - per Flugzeug es sei denn, man hatte mehr Zeit als der liebe Gott und reiste über Sankt Petersburg mit der Bahn an. Fliegen musste man in jedem Fall, entweder mit der Finnair von Helsinki oder einem anderen größeren finnischen oder norwegischen Flughafen aus, oder man steuerte Murmansk über Sankt Petersburg mit der Aeroflot an, in jedem Fall musste man ein sattes Zeitpolster mitbringen, um den Flughafen von Murmansk zu erreichen. Und dann gab es noch eine dritte Möglichkeit nach Murmansk zu kommen, die aber eher hinter vorgehaltener Hand getalkt wurde - die Anreise mit dem Bus - ein wirkliches Abenteuer für Globetrotter erprobte Backpacker, weniger etwas für Virologen, Ozeanforscher, Vulkanologen sowie die Thermalquellenforscher der Tiefsee. Dafür aber um einiges preiswerter als die Fliegerei und Bahnfahrt. Für die Expeditionsteilnehmer war dies von untergeordneter Bedeutung; zwölf Teilnehmerinnen und Teilnehmer reisten von Westen nach Osten, dreizehn Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Osten nach Westen - Treffpunkt Murmansk - Eisbrecherhafen über Murmansk Flughafen. Sie brauchten sich weder um Unterkunft, Verpflegung und Sicherheit zu sorgen, und schon gar nicht um die Finanzierung der Reisekosten, die pro Teilnehmer bei rund 35.000 Tausend US Dollar lag, einschließlich des gesponserten Hin- und Rückfluges in die jeweiligen Herkunftsländer der Betreffenden. Die Anreise über den Atlantik und Nordeuropa gegen die Zeit war nicht minder ermüdend als der Flug über den Kontinent Asien mit der Zeit und Nordeuropa. Die einen sahen zwölf Stunden Wasser oder Inseln, die anderen zwölf Stunden Land ohne Ende - Berge, Wüsten, Wälder, Flüsse und Seen. Dann endlich - Murmansk - der eisfreie Nordmeerhafen der russischen Marine. Die Stadt selbst wie eine mittlere City des Westens, Wohngebiete, Industrie, Gewerbe, Parks - der nicht enden wollende Baum- und Waldgürtel der Taiga und natürlich der Hafen, ein gigantischer Komplex eigens zu dem Zweck gebaut, die größten und kampfstärksten Über- und Unterwassereinheiten der russischen Marine schnell und möglichst unauffällig auf den Marineeigenen Werften zu planen, zu bauen und im Nordmeerwasser einzufahren, um sie dann entweder in den Atlantik oder in den Pazifik zu entsenden. Die Marine, das ließ sich ohne Abstriche sagen, war der Stolz nicht nur der Roten Armee, sondern der Stolz und die Seele Russlands, seiner Menschen, Hoffnungen, Träume und Sehnsüchte. Doch dieser Stolz der Seele Russlands hat auch eine düstere Kehrseite, die weder Touristen noch Besucher der Region aus der Nähe betrachten können. Es sind die zahlreichen Atom-U-Boote, die zu Dutzenden in der Saida Bucht der Halbinsel Kola vor sich hin rotten oder besser verrotten, teilweise noch mit radioaktivem Material vollgestopft, so den Reaktoren, dem Kühlwasser und anderen hoch gefährlichen Stoffen. Selbst im Hafen von Murmansk lassen sich U-Boote erkennen, von denen teilweise nur noch die Türme aus dem Wasser ragen. Ein riesiges Problem nicht nur für die russische Marine und Russland, denn an der Pazifikküste in Kamtschatka sah es noch düsterer aus. Tausende Tonnen hoch radioaktiven Materials wurden in den vergangenen Jahrzehnten sorglos in den Tiefen des Pazifiks verklappt, ähnliches geschah im Nordatlantik und im Beringmeer. Das ist in der Tat ein Szenario, das sich im Gewand einer nuklearen tickenden Zeitbombe etabliert hat und bis heute in keiner Weise angegangen wurde. Eine Bergung des Mülls einschließlich der über die Jahrzehnte gesunkenen Atom-U-Boote mit nuklearer Bewaffnung ist schlichtweg unmöglich oder einfach nicht vorgesehen. Die Gefahr nuklearer Explosionen wird nach allgemeiner Auffassung internationaler Experten ausgeschlossen, aber die Freisetzung radioaktiven Materials durch anhaltende Korrosion an den Sprengköpfen und Reaktoren, könnte in unkontrollierbaren Mengen in den Ozeanen eine globale ozeanische Katastrophe auslösen, gegen die sich die Pandemien der Vergangenheit wie leichte Erkältungen ausnehmen. So stellt sich die bekannte Situation rund um die Atom-U-Boot Flotte der untergegangenen Sowjetunion und dem Nachfolgerstaat Russland dar. Kein Erbe, auf das weder der Präsident, noch die Marine, noch Russland und das russische Volk stolz sein können. Inzwischen gibt es aber ein Übereinkommen zwischen Deutschland und Russland, den atomaren U-Boot Schrott zumindest aus dem Oblast Murmansk nachhaltig unter größten Sicherheitsvorkehrungen zu entsorgen. Der Anfang ist gemacht, spät und hoffentlich nicht zu spät. In der Tiefsee warten ungleich schwierigere Aufgaben auf die Bergungsunternehmen. Aber diese Überlegungen spielten in der Aufgabenstellung zur Lösung der vorgenannten Atommüllbeseitigung der angereisten Wissenschaftler „nur“ eine sekundäre Rolle, vorrangiges Ziel war die weitere Erforschung der Geothermalfelder im Nordatlantik zwischen Nordeuropa, Island und Grönland sowie die Übergangsregion vom Nordatlantischen in den Arktischen Ozean in der Region Mittelozeanischer Rücken, der zwischen Grönland und Skandinavien auch als Mohn- und Knipowitsch Rücken bezeichnet wird. In dieser Übergangsregion haben die Schwarzen und Weißen Raucher - die Black and White Smoker in „Lokis Castle“ - Lokis Schloss oder Lokis Burg seit ihrer Entdeckung das Interesse der Tiefseeforscher weltweit geweckt. Und als dann noch Lebewesen, Mikroorganismen und Bakterien in kaum vorstellbarer Art und Anzahl gefunden wurden, kannte die Forscher- und Entdeckerfreude kein Halten mehr. Ein Expeditionswettlauf weltweit begann, wo im Sommer fast jeden Jahres Forscherteams mit Dutzenden Wissenschaftlern aus aller Welt in diese Region entsandt wurden, wo die großen tektonischen Platten der Nordhalbkugel des Planeten den Boden der Tiefsee mit unvorstellbaren Kräften und dem glutflüssigen Inneren der Erde in ein kochendes Inferno verwandeln, dass seine explosive Urkraft immer wieder in spektakulären Unterwasservulkanausbrüchen beweist, die nicht selten zur Entstehung neuer Inseln führen. Unweit des zivilen Murmansker Kreuzfahrt- und Frachtterminals für internationale Schiffe und Reedereien erhob sich ein markant-futuristisches Gebäude - das Polar-Forschungs-Institut der Marine mit der Fischerei - Ozeanografie, das weit über die Landesgrenzen Russlands und Europas hinaus seinen Weltruf begründete. Im zweiten Hafenbecken, das dem Aussehen und Umfang nach eher Teil des Eismeeres zu sein schien als dem Hafen zugehörig, lag ein monströser schwimmender Stahlgigant, der durch dicke Trossen am Kai gehalten wurde, so dass der Betrachter vermuten könnte, dieser Stahlkoloss wäre aus der Kaianlage heraus gewachsen.
„EISBRECHER LIEGEPLÄTZE - ZUTRITT NUR MANNSCHAFTEN UND WERFTPERSOAL MIT PERMIT - PASSIERSCHEIN - ERLAUBNIS“,
las ich die rot auf weiß gehaltene Anweisung in kyrillisch, englisch und - da staunte ich in der Tat - in deutsch, meiner Muttersprache.
Die Begrüßung
„Die Atlantik Gruppe bitte in den Saal der Marine. Folgen Sie dem Guide mit dem Schild Eisbrecher Tours - die Fernost Gruppe bitte in den Saal der U-Boot Fahrer. Folgen Sie bitte dem Guide mit dem Schild Eisbrecher Tours. Herzlich willkommen in Murmansk, der größten Weltstadt über dem Polarkreis“ endete die wohlklingende Empfangsansprache einer sicher sehr attraktiven und gut aussehenden Genossin - äh Russin aus dem Reich des russischen Präsidenten. Während die akustischen Willkommenslaute der noch unsichtbaren russischen Schönheit in der architektonischen Virtuosität verhallten, marschierten zwei akademische Kolonnen aus West und Ost auf die ihnen zugewiesenen Säle zu, die sich seitlich versetzt gegenüber den großen Eingangs-Schiebetüren mit Isolierverglasung befanden und nur darauf warteten uns zu verschlucken. Die Zusammensetzung der Teams vor der Aufnahme ihrer eigentlichen Forschungstätigkeit vor Ort würde während der Anfahrt an Bord der Georgi Schukow vorbei an Spitzbergen und Island in Richtung Grönland erfolgen, mithin Zeit genug sich zum einen mit den anderen Kolleginnen und Kollegen bekannt zu machen, zum anderen um sich auf die geplanten Forschungsvorhaben und Experimente einzustellen. Einige der angereisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler waren mir von vergangenen Forschungsvorhaben in der Tiefsee bekannt, schließlich war das Albert-Wagner-Institut für Polar- und Meeresforschung auf diesem Planeten eine Institution, an der niemand vorbeikam. Zudem unterhielt Deutschland eine dauerhafte Forschungsstation auf dem Eis der Antarktis mit dem Namen des Instituts in Bremerhaven. Aber den Lorbeeren von gestern sollte man aus eigener Erfahrung bei derartigen Unternehmungen nicht nachhängen oder selbige vor anderen oder im Team kundtun; die Teilnehmer an dieser „Eisbrecherfahrt“ wussten sehr genau über den anderen Bescheid, was letztlich vollauf genügte, um die Zusammenarbeit in der Gruppe und an Bord zu optimieren. Beinahe geräuschlos und automatisch öffneten sich die Türen in die beiden Säle - der Saal der Marine für die zivile - auch christliche Seefahrt genannt, wozu auch die Kategorie Eisbrecher und Tauchboote gehörten. Die Schiffe und Tauchboote dieser Kategorie unterstanden zum Teil zivilen Eignern, zum Teil Reedereien, Kapitalgesellschaften oder Charterunternehmen, was auch für die Tauchboote galt. Selbige benötigten jedoch zum Erreichen ihres oftmals sehr fernen Zieles die Hilfe eines Mutterschiffes, welches das Tauchboot „Huckepack“ nahm und an seinen Einsatzort transportierte. Über die Unterseeboote - kurz U-Boote genannt, verfügte ausschließlich das Militär oder der Präsident als oberster Kriegsherr, denn U-Boote waren und sind Kriegsschiffe für den Unter- und Überwasserkrieg. Das ist der wesentliche und schlagkräftigste Unterschied weltweit bei allen Marinen. Gleich werden wir sicher die Dame mit der freundlichen Stimme kennen lernen, die uns vorab über Lautsprecher so warmherzig begrüßte, gingen mir frühsommerliche Gedanken durch den Kopf, was aber nicht an den Temperaturen lag, die in der Region Oblast Murmansk derzeit herrschten. Von den milden angekündigten 18 Grad war noch nicht viel zu spüren, das Thermometer pendelte zwischen elf und zwölf Grad, konnte sich aber letztlich weder für elf noch für zwölf Grad entscheiden. Wie klug doch von mir nicht alle wärmenden Jacken in den Seesack gepackt zu haben, sondern das eine und andere Teil im Handgepäck zu verstauen, was mir jetzt zugute kam. Sich im Sommer in der nördlichsten Großstadt hinter dem Polarkreis befinden und dabei frieren fand in meinem Wohlfühlverständnis keine Zustimmung. Endlich - Saal der Marine - wenngleich mich der Saal der U-Boote mehr interessierte, schon aus familiären Gründen. Vater war U-Boot Fahrer unter dem BdU Dönitz, sein Bruder und damit mein Onkel ebenfalls; letzterer überlebte die zweite Feindfahrt nicht, während mein Vater mit sieben weiteren Kameraden die achte Feindfahrt im Mittelmeer nach sechzehn Stunden im Wasser treibend ziemlich ramponiert überstand und zunächst im Marine Lazarett bei Gerbini im Osten Siziliens versorgt wurde. Nur wenige Tage vor der Operation Husky, der Landung alliierter Truppen auf Sizilien, wurde mein Erzeuger mit seinen Kameraden erst aufs Festland in die Nähe von Rom ausgeflogen, weitere zwei Tage später ging es mit der Condor heim ins Reich. Für meinen alten Herrn war der U-Boot Krieg vorbei, allerdings wurde es nichts mit einem Versorgungsposten in der Etappe, sondern erneut Fronteinsatz - dieses Mal im Osten als LKW Fahrzeugführer mit Beifahrer. Da er als Torpedotechniker für Feindfahrten nicht mehr tauglich war, steckten ihn die Betonköpfe bei der Heeres- und Marineführung kurzerhand in das Kraftfahrerkorps des Ersatzheeres für den Bereitstellungsdienst, im Klartext Versorgung der Fronttruppen mit Munition, Treibstoff und Verpflegung, nicht selten unter Feindbeschuss. Man muss sich das vorstellen - ein Marine Soldat als Kraftfahrer des Heeres im Osten - den Anblick der sich abzeichnenden Katastrophe vor Augen - ohne jegliche Erfahrung im Erdkampf. Lange ist das her, sehr lange aber mir war es wie gestern, wenn ich an die Gespräche mit meinem Reproduktionsverantwortlichen über die Geschehnisse des größten militärischen Massenmordes aller Zeiten im vergangenen Jahrhundert zurückdenke.
Valeria Dernikowa - oder doch Natalie?
Na endlich, da war sie ja, die Frau aus Gilbert Becaud‘s Schmachtlied „Natalie“, des Monsieur Hunderttausend Volt (Zitat), welche ihm die kalten russischen Winternächte im Nobelhotel „Zarengold“ angenehm wärmte - und dann eines Morgens - wie durch Zauberhand verschwunden war - nur mit einem zarten Kuss auf dem Briefumschlag des Hotels - Natalie…
„Bitte kommen Sie bis nach vorne - bis in die ersten Reihen - das macht die Konversation einfacher - nehmen Sie auf den Stühlen vor den Tischen platz - Ihre Namenschilder sind vorbereitet - das dient dem Kennenlernen und der direkten Ansprache. Auf den Tischen vor Ihnen befinden sich Mikrofone mit Gegensprecheinrichtung - einschalten am Fuß unten links - der grüne Knopf - dann können Sie sprechen, fragen oder antworten. Der rote Knopf rechts beendet ihre Anfrage oder Antwort. Bitte nur ansprechen, fragen oder antworten, wenn der grüne Knopf leuchtet, bei blinkendem Rotlicht ist keine Ansprache oder Anfrage möglich, da dann der Diskussionsleiter spricht. Das Headset wollen Sie bitte aufsetzen, ich spreche in russisch aus Gründen der Gleichbehandlung, übersetzt wird simultan live in englisch, französisch, chinesisch, japanisch, deutsch und italienisch. Danke für Ihr Verständnis. Wir kommen gleich zum organisatorischen Teil, da die Georgi Schukow noch heute gegen 20.00 Uhr ausläuft, mithin stehen Ihnen und uns noch vier Stunden für das Bekanntmachen, die Pass- und Visaformalitäten und das Einchecken auf der Georgi Schukow zur Verfügung. Mein Name ist Valeria Dernikowa, und ich bin Ihre Ansprechpartnerin an Bord der Georgi Schukow in allen organisatorischen Fragen. Ich bedanke mich bei Ihnen allen dass Sie hier in Murmansk sind, freue mich sehr auf unsere internationale Zusammenarbeit und bitte Sie nun um Ihre Aufmerksamkeit. Herzlichen Dank an Sie - ach - noch auf ein Wort, an den Getränken auf ihren Tischen dürfen sie sich gerne bedienen“ beendete Valerie Dernikowa den wohlklingenden Fluss ihrer mehr als freundlichen Ansprache an fünfzehn Personen der Marine-Saal Gruppe, den Forscher und Forscherinnen, Medizinerinnen und Medizinern, Thermalgeologinnen und Geologen, die von ihren Instituten, Universitäten und Regierungen in den Nordatlantik und das angrenzende Eismeer an Bord der Georgi Schukow geschickt wurden, um in der Tiefsee nach Dingen zu suchen, die noch geheimnisumwitterter waren als die Eingangs Codes in Fort Knox. Im Saal der U-Boote saß die Fernost Gruppe mit mindestens elf Teilnehmerinnen und Teilnehmern, soviel ließ sich jetzt schon mit Bestimmtheit sagen. Sechs Landessprachen wurden genannt, das wären mindestens vier Teilnehmer-Teilnehmerinnen pro internationalem Team plus die Russen, aber dann würden die Russen mit nur einem Kollegen ins Rennen gehen - kaum vorstellbar. Aus meiner Erfahrung bei internationalen Veranstaltungen in Sachen Erforschung der arktischen Regionen und der Tiefsee wusste ich, dass die Russenteams stets die meisten Wissenschaftler vor Ort antreten ließen, was ohnehin von ganz oben dirigiert wurde, darüber war sich jeder Teilnehmer auf dieser Expedition im Klaren. Mithin dürfte unser internationales Team mindestens einunddreißig Personen stark sein, was hinsichtlich der Kabinenkapazität der Georgi Schukow keinerlei Probleme bereitete. Ich setzte das Headset auf und sogleich kehrte eine beruhigende Stille ein, die mich gegen das unausrottbare Gemurmel der Kolleginnen und Kollegen aus noch sechs Nationen abschirmte, die sich wie auf jeder anderen Veranstaltung - gleich welcher Art weltweit - ungemein wichtige Dinge zu erzählen hatten, die nicht bis zur Pause oder Ankunft an Bord der Georgi Schukow warten konnten. Routinemäßig betätigte mein rechter Zeigefinger den Schaltknopf Headset hear on germany, und schon vernahm ich die wohlklingende Stimme einer zweiten „Natalie“ vielmehr Kollegin von Valeria Dernikowa, die uns noch um ein wenig Geduld bat, bis alle Teilnehmer gesteckt hatten und die Simultan Übersetzer den jeweiligen Landessprachen zugeteilt waren. Das übliche Prozedere, welches ich während meiner journalistisch-wissenschaftlichen Tätigkeit in den vergangenen fünfzig Jahren schon oft erlebte.
Maximilian von Bergerdamm
Ach - typisch Maxi, entschuldigen Sie meine Unhöflichkeit - so ein Lapsus - das ist mir unangenehm - typisch Akademiker werden Sie jetzt sagen - kann ich verstehen, ginge mir ebenso - vergaß ich doch über meine Ausführungen zu Murmansk, zur Expedition, zu meiner Familie mit Hans dem U-Bootfahrer, Onkel Williy und letztlich zu den Pandemien der Vergangenheit, die uns/euch bis in diese Tage immer wieder mehr oder weniger stark heimsuchen können und auch werden ja was vergaß ich - au weih - mich vorzustellen. Der Altersheimer lässt grüßen. Ich habe bereits so viel gebabbelt, und Sie kennen nicht einmal meinen Namen. Mein Alter habe ich Ihnen bereits annähernd mitgeteilt - fünfzig Jahre naturwissenschaftlicher Journalismus, dazu fünfundzwanzig Jahre Geburt, Kindheit, Schulen, Volontariat, Fotografie, Uni - und Jahrzehnte der Praxis, Beiträge und Berichte für namhafte internationale Magazine und naturwissenschaftliche Editionen und Fachzeitschriften - nun ist es genug mit der eitlen Selbstdarstellung, aber Sie sollen ja auch wissen, wer Ihnen das wissenschaftliche Akademiker Latein allgemein verständlich aufbereitet und in gewisser Weise „packend und dramatisch“ präsentiert. Mein Name ist Maximilian von Bergerdamm, kurz Maxi Bergerdamm genannt, die Kollegen verpassten mir schon vor langer Zeit einen Spitznamen „ Maxi Hügel“ - wegen des kleinen Berges, so die Argumentation. Ist mir im privaten Kreis und unter Freunden wie Kollegen schon recht, offiziell natürlich Maximilian von Bergerdamm, das geht halt nicht anders. Jetzt kennen Sie meinen Namen und wissen auch wie alt ich bin - na - fünfzig plus X - äh - fünfundzwanzig macht - fünfundsiebzig. Ganz recht, ein alt gedienter Pressezossen, der sich noch immer an Bord gewaltiger Schiffe begibt - oder auch kleinerer (da ist dann das Kotzerlebnis bei Seekrankheit ungemein intensiver - weiß ich aus eigener Erfahrung), jedenfalls liegen die dicken Pötte doch sehr behäbig in der See so wie riesige Wale, auch wenn es zuweilen ziemlich ruppig werden kann, besonders im Nordatlantik, der für seine plötzlichen Wetteränderungen und extremen Ausschläge berüchtigt ist. Gleichwohl führen einige der wichtigsten Schifffahrtshandelsrouten über diesen Ozean des Nordens - von Ost nach West und umgekehrt. Das erklärt auch die immense Anzahl an Schiffswracks, die auf dem Grund dieses gigantischen „Binnenmeeres“ ruhen und trotz ihrer hohen Anzahl nur sehr schwer oder überhaupt nicht zu finden sind. Ich war damals im Sommer Neunzehnhundertfünfundachtzig an Bord des Suchschiffes Oktopus, mit dem Randy Ballin seit Jahren nach der legendären Titanic suchte, die im April Neunzehnhundertzwölf nach der Kollision mit einem Eisberg innerhalb von zwei Stunden sank und mehr als fünfzehnhundert Menschen in den Tod riss. Schließlich fand das Team um Randy Ballin den Ozeanriesen auf dem Grund des Atlantiks - in fast viertausend Metern Tiefe, genau sind es dreitausendacht- hundert und ein paar Zentimeter. Aufrecht steht sie auf ebenem Kiel, zerfleddert in zwei Teile, regelrecht zerrissen. Die Schiffskörper liegen rund sechshundert Meter auseinander - ein grandios-schauerlicher Anblick, als wir sie das erste Mal sahen - Live über Video. Möglich machten das Tauchroboter, die funkgesteuert über Kabel von einem Tauchboot dirigiert wurden. Uff - war das aufregend, denn allen saß ein dicker Kloß in der Magengrube, als das Tauchboot in langsamer Fahrt an den Bordwänden dieses stählernen Riesenschiffes entlang glitt, das Oberdeck inspizierte, die verbliebenen Aufbauten, um dann urplötzlich Mittschiffs ins Nichts abzutauchen. Die Titanic war während ihres Untergangs tatsächlich in zwei Teile zerbrochen, so wie es die Überlebenden aussagten. Einige Hundert Meter weiter entfernt lag die restliche Heckpartie ab dem dritten Schornstein in ziemlich desolater Verfassung; der Aufschlag auf dem Meeresboden hatte dem zerrissenen Schiffskörper heftig zugesetzt, ihn gestaucht, die Decks teilweise sichtbar zusammengepresst, dennoch machte sie auch in dieser wenig ansehnlichen Lage oder gerade deswegen, immer noch die Erscheinung einer Lady, die trotz der Jahrzehnte auf dem Meeresgrund und trotz der Beschädigungen während des Untergangs und anschließendem Sinkvorgangs bis zum Aufschlag auf dem Boden des Atlantiks ihre „Besucher“ wie magisch in den Bann zieht, einen Sog, der jeden der sie mit eigenen Augen dort unten sah, nicht mehr loslässt. Wenn dann noch der Name dieses eisernen Giganten am Heck des Wracks deutlich lesbar auftaucht - TITANIC - gehen fast allen die Emotionen durch, stellen sich die Haare zu Berge und füllen Tränen der Ergriffenheit die Augen. Mir war dieses Vergnügen vergönnt - zweimal sogar. Mitunter träume ich von ihr, nehme an ihrer ersten und zugleich letzten Fahrt teil, erlebe die Tauchgänge hinab in ihr eisiges, finsteres Grab, bis sie wie durch Zauberhand nach rund zwei Stunden im Licht der Scheinwerfer vor einem auftaucht - wie ein Phantom - wie ein Geist der Tiefsee, so wie die legendären Riesenkalmare die es gibt, und die erst vor wenigen Jahren von einem japanischen Forscher durch Tauchboote, ausreichend Ködertieren und sehr viel Geduld und Erfahrung sowohl im Atlantik als auch im Pazifik nachgewiesen wurden. Gewaltige Tiere von bis zu zwanzig Metern Länge, die Giganten der Tiefsee - der Architeuthis dux, der in allen Weltmeeren zuhause ist. Ja - die Tiefsee ist das letzte unerforschte und zum größten Teil noch unentdeckte Refugium auf diesem Planeten und hält für Forscher und Entdecker Überraschungen bereit, in die wir selbst in unseren wildesten Träumen nicht zu denken wagen. Entschuldigung - abgeschweift, aber so ist das bei uns Pressemenschen, wir sind halt ein Völkchen mit zuweilen eigentümlichen Verhalten, was auch unser Mitteilungsbedürfnis betrifft - besonders dann, wenn wir auf wirklich interessierte Menschen treffen, die sich für unsere Arbeit begeistern. Dann kennt unsere und auch meine Euphorie fast keine Grenzen mehr. Und die Liebe zur Schifffahrt, zur Marine - das ist meine zweite ganz große Leidenschaft, neben jener zu reifen, attraktiven, üppigen Frauen, die es mir seit meiner Kindheit angetan haben, aber dazu werde ich hier und jetzt und überhaupt nichts weiter sagen. Kurzum - wie stellt der Bergerdamm es an, dass er an Bord eines Forschungsschiffes kommt und mit dem wissenschaftlichen Team auf Tiefseefahrt in einem Tauchboot teilnimmt? Berechtigte Frage; also erstens durch meine journalistische naturwissenschaftliche Arbeit, die allgemein in Fachkreisen anerkannt ist. Dann - und jetzt kommt es - weil ich alle - ich sage alle Unternehmungen an denen ich teilnehme, als Selbstzahler bestreite, also weder Sponsoring noch andere finanzielle Zuwendung oder Unterstützung in Anspruch nehme. Zweite berechtigte Frage: woher hat der Bursche so viel Kohle, um dieses „Hobby“ zu finanzieren? Ganz einfach - Bergerdamm - ist doch ein Begriff - Maschinenbau - Hightech Förderanlagen und Großgeräte für den Übertageabbau weltweit - Tiefseebohranlagen - Förderplattformen; unser Laden ist ebenso auf dem Land und in allen Weltmeeren präsent (im Ober- wie Unterwasser) wie der Riesenkalmar. Und absolut umweltfreundlich - bis auf die gelegentlichen Kollateralschäden, aber das ist halt Verschnitt, kann Ihnen jeder Handwerker - besonders die Künstler - bestätigen. Meine Geschwister und der Vorstand leiten den Familienzirkus, damit alles in geregelten Bahnen verläuft. Die Brüder und Schwestern schaffen die Kohle ran, und ich versenke sie bei meinen Tauchfahrten im Meer - so die scherzhaften Bemerkungen der Großaktionäre und Kollegen aus dem Freundeskreis, den ich aus ganz privaten Gründen klein halte - sehr klein. Darum perlt dieser Humor an mir ab wie Wasser an einer Ente. Sollen Sie doch lästern und sich das Maul zerfransen, meine jährliche Apanage aus dem Milliardenschweren Vermögen der Bergerdamm AG ist völlig legal, wird ordentlich versteuert und ansonsten für meine „Hobbys“ verbraten. Ich bin fünfundsiebzig, für wen soll ich noch sparen - für ein Privatzimmer auf der Intensivstation oder den Bestatter? Drauf geschissen - Knete ist dazu da verballert zu werden, so mein großes journalistisches Vorbild Jens Hüball, der mich damals als kleinen Volontär in die Geheimnisse des investigativen Journalismus, des kritischen Schnüffelns einführte.
„Kohle muss verballert werden - sie öffnet dir jene Türen zu Geheimnissen, aus denen wir die Schlagzeilen und Beiträge unserer Ausgaben errichten. Die Leser wollen kein Küchenkittelgeschwätz oder wer mit wem, sondern packende, am Leben orientierte Berichterstattung - am liebsten hautnah bis in die Kochtöpfe der finstersten Küchen jedweder Mafia Taverna auf diesem Planeten.“
Jens Hüball, wollte es auf seine reiferen Tage noch einmal wissen und ging mit der KFOR in den Balkan, in das ehemalige Jugoslawien. Drei Wochen sollten es werden - es wurde eine Ewigkeit. Ein Scharfschütze hat ihn nahe Sarajewo inmitten eines KFOR - Spähtrupps ausgepickt und kurzerhand erschossen - direkt in den Kopf.
„Immer hart am Geschehen - das honoriert der Leser, und du bist glaubwürdig - auch vor dir selbst“. Das war sein Credo - Jens Hüball - mögest du in Frieden ruhen.
Hart am Geschehen - diesen Satz hörte ich auch während meiner Berliner Studentenzeit in den 1960er Jahren - Ho - Ho - Ho Tschi Minh - hallte es dröhnend durch die Straßen der Westsektoren - tausende Studenten hielten dem Establishment den Spiegel vor und schissen auf die Adenauer Republik und die verkappten Nazirepräsentanten, welche immer noch in den höchsten politischen Ämter den Ton angaben und sich mit den Erben der Großindustrie und den Banken nur zu gerne an einen Tisch setzten, um dicke Geschäfte zu besiegeln und fette Gewinne einzustreichen, wie sie es schon während der Nazizeit und davor mit dem Kaiser von Gottes Gnaden mit Genuss taten. Die Leidens- und Sterbensgeschichten der KZler füllen kilometerlange Regalreihen, aber davon wollte zwanzig Jahre nach dem Weltkrieg Zwei niemand etwas wissen. Nur ich ,so schien es mir, und um irgendwie dabei zu sein rannte ich in der Horde mit (Herdenmentalität) und rief aus Leibeskräften jene berühmten Worte, die wie ein Flächenbrand durch Westberlin, dann durch die BRD, durch Europa und letztlich um die Welt jagten - ein Tsunami hätte es nicht besser treffen können.
Weckruf - die Georgi Schukow - der U-Bootkrieg - die Seelower Höhen - das Ende der Nazis
„Hallo - Maximilian von Bergerdamm - sind sie noch da - bitte bestätigen sie mit dem grünen Knopf“ ertönte Natalies zwei Stimme aus dem Headset, die mich aus meinen Abschweifungen in die Vergangenheit very fast in die Realität des Saales der Marine zurückholte. Natalie zwei Stimme hallte ein wenig nach, was zweifelsohne an der Aussteuerung lag, aber da hatte ich bereits den grünen Headset Knopf bis zum Anschlag eingedrückt.
„Hallo schöne Frau, hier bin ich - ganz auf Empfang eingestellt und atemlos ihrer verzaubernden Stimme lauschend - und bei der Arbeit versteht sich - willkommen im Saal der Marine - was kann ich für sie tun meine Lady in Red…?“ gab ich meine in vielen Jahren einstudierte, aber stets mit sehr viel Herzschmalz vorgetragene Gegenfrage in das Mikro meines technischen Kopfgehäuses, das meinen fast haarlosen Schädel wie die Gummistulpe eines Toilettensaugers umhüllte und für ein permanentes Kribbeln sorgte, das durch meine Denkvorgänge in unerklärlicherweise angeregt wurde. Kannte ich von einem Polizisten a.D. Der hatte den Dienst bis zur Oberkante Unterlippe satt und praktizierte Recht und Gesetz nach seinen eigenen Regeln. Letztlich räumte er mit einer Drogenbande auf, ballerte drei Figuren weg - einfach so, knüppelte vier weitere für den Rest ihres Lebens in den Rollstuhl und schoss sich zum Abschied selbst in den Kopf. Wenn es meine Zeit erlaubt, besuche ich ihn in seinem Gehege in der Psychiatrie. Ihm geht es gut dort, sagt er stets bei bester Laune, genießt beinahe alle Freiheiten und kann endlich denken ohne Kopfschmerzen zu bekommen. Der Schuss in die Birne - so seine Worte - war das beste was er in seinem Leben gemacht habe - sollten alle Menschen tun - sich in die Birne ballern - dann ist sofort Schluss mit den unsäglichen Kopfschmerzen während des Denkens. Ich habe es bis heute nicht fertig gebracht - mir in die Birne zu ballern. Und Kopfschmerzen habe ich durch das Denken noch nie bekommen, die lenken nur ab.
„Phonetische Studien üben Sie bitte später mit ihrem Kabinenkollegen Monsieur Bernard Panteneau vom Institut Louis Pasteur an der Sorbonne Paris. Also Herr von Bergerdamm - vor ihnen auf dem Tisch liegt die Arbeitsmappe mit ihrem Namen auf dem Einband und allen Unterlagen, die sie zur gemeinsamen - ich wiederhole gemeinsamen Arbeit an Bord der Georgi Schukow und Außerbords auf dem Eis, sowie auf und unter dem Wasser benötigen. Es ist ganz wichtig, dass sie sich damit intensiv während der Anfahrt in den Nordatlantik in unser Expeditionsgebiet vertraut machen. Vor Ort haben sie dazu keine Gelegenheit mehr. Es wäre doch wirklich schade, wenn ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse aufgrund unzureichender Vorbereitung in der Sache hinter den Erfolgen ihrer Kollegen zurückblieben. Danke für ihr Verständnis. Ich gebe ihnen allen nun einen kurzen Überblick zum Inhalt der Arbeitsmappe; rechts außen auf dem Rücken steckt in einer Schlaufe ein Schreibset mit farbigen Stiften. Einmal rot, einmal schwarz und einmal grün. Mit rot markieren sie Bereiche zu denen sie Fragen haben, mit schwarz Bereiche die ihnen von früheren Expeditionen oder Arbeitsaufträgen her bekannt sind und mit grün Bereiche, in denen sie promoviert oder über die sie geschrieben oder in irgendeiner anderen Art national oder international berichtet haben. Zunächst allgemeine Angaben zu unserem Zuhause auf Zeit, dem Eisbrecher Georgi Schukow, nachzulesen ab Seite drei. Sie befinden sich auf einem der größten Eisbrecher der Welt in der Klasse Neun - das bedeutet, das unser Schiff Eisstärken von mindestens vier Metern Dicke brechen kann. Die Georgi Schukow gehört der Atomgaz, einer privaten Murmansker Hochseerederei und ist international in die Eisklasse - der Arktika Polarklasse eingestuft, der höchsten Klasse überhaupt. Sie wurde am siebenundzwanzigsten Oktober Neunzehnhundertzweiundneunzig in Dienst gestellt, hat dreiundzwanzigtausend Tonnen Wasserverdrängung bei einem Tiefgang von elf Metern. Die Besatzung der Georgi Schukow beträgt derzeit einhundertfünfzig Mann. Unser Schiff absolvierte bereits ein Dutzend erfolgreiche Eisfahrten zum Point Zero Neunzig Grad Nord - dem absoluten Nordpol der Erde im Eis der Arktis. Die Maschinen der Georgi Schukow leisten zweiundsiebzig Tausend PS bei maximal einundzwanzigundvier Knoten Geschwindigkeit. Die Umsetzung der PS geschieht energetisch über einen nuklear-elektrischen Generator mit fünfundsiebzigtausend PS Leistung. Ihre zulässige zusätzliche Tragfähigkeit liegt bei zweitausendsiebenhundertfünfzig Tonnen. Gebaut wurde die Georgi Schukow für die Atomgaz auf der Baltischen Werft in Sankt Petersburg. Soviel zu unserem Zuhause auf Zeit. Noch ein Hinweis - die Georgi Schukow kann einhundert Passagiere aufnehmen zu je zwei Passagieren in einer Kabine. Die Kabinen der Gäste an Bord der Georgi Schukow sind allesamt Außenkabinen und befinden sich im Zentraldeck fünf mit einer umlaufenden Panorama-Promenaden Gangway, einem besonderen Luxus, den nur die Eisbrecher der Arktika Klasse Russlands weltweit bieten. Alle weiteren Räumlichkeiten wie Duschen, Freizeiteinrichtungen, Schwimmbad, Wellnessräume, Speisesaal, Bibliothek, Konferenzräume finden sich ebenso in Deck fünf; die Korrespondenz -Ton - und Bildschaltungen national und international erlauben individuellen Zugriff durch die jeweiligen Teilnehmer. Dies als technisches Hintergrundwissen zur Georgi Schukow als schwimmendes Hotel auf unserer Fahrt in den Nordatlantik, in die Übergangsregion vom Arktischen Ozean auf den Mittelozeanischen Rücken zwischen Grönland und Skandinavien, dem bekannten Mohn Rücken im Knipowitsch Gürtel. Von dort führt uns die Route zu Lokis Schloss - besser bekannt als Lokis Castle, einem ausgedehnten Geothermalgebiet in mehreren tausend Metern Tiefe, wo wir mit unserem Tauchboot Architeuthis zu den Black and White Smokern abtauchen….“
Meine Gedanken entführten mich und tauchten gleichfalls ab, tief hinab in die Vergangenheit meines Lebens und das meines Vaters, der als U-Boot Fahrer unter Karl Dönitz an der Schlacht im Nordatlantik teilnahm und im Namen und Auftrag eines Verbrechers und Massenmörders fremde Schiffe versenkte, die kriegswichtiges Material über die eisfreie Polarmeerroute nach Murmansk schippern sollten, zusammengestellt in großen Konvois, die zuweilen mehr als fünfzig Schiffe umfassten und spätestens seit Frühjahr - Sommer Neunzehnhundertdreiundvierzig für deutsche U-Boote zum Sargnagel jedweder Über- oder Unterwassertätigkeit führen konnten. Der Begleitschutz der Konvois zum einen und die Luftüberwachung des Weißen Flecks Nordatlantik zum anderen machten selbst die bislang erfolgreiche Rudeltaktik zu einem Todeskommando, was die Verlustzahlen nachhaltig bewiesen, und was letztlich zum Abbruch der U-Bootschlacht im Nordatlantik führte, wollte Dönitz nicht die totale Vernichtung der deutschen U-Bootwaffe riskieren. Über wie viele versenkte deutsche U-Boote mögen wir bis zum Erreichen von Lokis Schloss fahren, über wie viele versenkte Handels- und Kriegsschiffe mit Zehntausenden Sailors an Bord, für die es in diesen Gewässern keine Hoffnung auf Überleben gab, was zum einen an der Unmöglichkeit einer planmäßigen Rettung lag, zum anderen an den eisigen Temperaturen des Wassers, das einen menschlichen Körper bereits nach vier bis sechs Minuten in den Erstarrungszustand überführte, aus dem es keine Rückkehr in einen Normalzyklus gab, sollte keine Soforthilfe geleistet werden, was unter den damaligen herrschenden gnadenlosen kriegerischen Bedingungen unmöglich und mit einem Selbstmord gleichzusetzen war. Die Schlacht im Nordatlantik war einer der verlustreichsten und mörderischsten militärischen Auseinandersetzungen des Zweiten Weltkrieges, und das Verlieren dieser Schlacht bedeutete für die U-Boot Waffe unter Dönitz und damit das Nazi Regime der sichere Anfang vom Ende, welcher bereits durch den Untergang der sechsten Armee in Stalingrad eingeleitet wurde. Für meinen Vater, einen Torpedotechniker im Dienstrang eines Bootsmannsmaats - Feldwebel - bedeutete dies die Verlegung ins Mittelmeer, wo das Wasser erheblich wärmer und die Tommys - so der Name für die englischen Soldaten zu Lande, zu Wasser und in der Luft, nicht weniger gnadenlos und erbittert kämpften als im Nordatlantik. Hier wurde meinem alten Herrn auch der Heimatschuss verpasst, so der Landserausdruck für den Abschied von der Front, vom Dreck, vom Leiden und Sterben hinein in die wohlige Kuscheligkeit eines sauberen Krankenhausbettes mit hübschen Krankenschwestern, die feschen U-Boot Fahrern, sofern sie noch als solche zu erkennen waren, auch nach Dienstschluss ihre schwesterliche Zuneigung nur zu gerne angedeihen ließen - so der Traum der Grauen Wölfe nach Rückkehr zur Basis und Durchsicht im Marinehospital, wenn die „Karbolmäuschen“ alles und jegliches an einem unter die Lupe nahmen ob möglicher Beschädigungen durch Feindeinwirkung. Nebenbei, meine beiden Tanten, Katharina und Sieglinde - kurz Kathi und Sigi genannt, waren zu jener Zeit als Luftwaffenhelferin in der Heimatverteidigung sowie als Rot-Kreuz Schwester in der Charité Berlin aktiv. So fand mein alter Herr wieder zurück in den Heimathafen seiner Flottille, nach Emden, wo er dem Marine Kraftfahrerchor zugeteilt wurde. Vor dem Weltkrieg Zwei war er als Busfahrer unterwegs - erst Linie, dann KdF (Kraft durch Freude). Die von Bergerdamms mussten alle eine handfeste arbeitsintensive Ausbildung durchlaufen, bevor sie im Unternehmen meines Großvaters aktiv werden durften. Durch diese Fahrten lernte er Deutsches Land und seine Menschen kennen. War eine sehr schöne Zeit, so schwärmte er später davon, als ich ihn zu seiner Vergangenheit befragte, die er wie eine Salami scheibchenweise preis gab. Dann ging sein jüngerer Bruder zur Luftwaffe und stieg ob seiner Vorbildung gleich in den technischen Dienst ein, und nach nur einem Jahr hatte er bereits den Pilotenschein und war ganz versessen über die Möglichkeiten mit den dicken Brummern um die Welt fliegen zu können. Später wurde er Jagdflieger, erst die ME 109, dann die FW 190, dann Abschuss und Bodendienst bis zum Ende. Der jüngste Bruder meldete sich ein Jahr vor Kriegsende noch freiwillig zur U-Boot Waffe, was meinen alten Herrn vor Wut schier überschäumen ließ, aber ändern konnte er daran nichts mehr. Bei der zweiten Feindfahrt fand dann Albert der Jüngste samt Besatzung den Soldatentod im eisigen Nordatlantik. Dort fährt er heuer noch auf Patrouille in dreitausend Metern Tiefe. Technikversiert wie mein Vater war - an seinen Fahrzeugen richtete er alle anfallenden Wartungs- und Reparaturarbeiten mit eigener Hand, kam er durch seine Busfahrten auch an die deutsche Nordseeküste, nach Emden, wo die Werften sich durch die Schiffbauaufträge aus dem Reich nicht nur die Nase vergoldeten, sondern nach und nach in die beginnende Rüstungsspirale eingebunden wurden. Was macht eine Werft in wirtschaftlich schwierigen Zeiten unter der Regie eines diktatorischen Regimes? Sie schnappt nach den Brocken, die ihr ein Auskommen und langfristig gute Einnahmen garantieren. Damit begann der Aufstieg der Emdener Hochseewerft vom Handelsschiffbauer hin zum Ausrüster der Deutschen Kriegsmarine mit schweren Überwassereinheiten, vor allem aber U-Booten, die sich bereits im Weltkrieg Eins bewährten. Vaters jüngerer Bruder, der als Pilot über dem deutschen Himmel seine Runden absolvierte, drehte auch hier in Emden durch seine Beziehungen zur Marinefliegerei an der „Karriereschraube“ meines alten Herrn, und schon kurze Zeit später kam es zu einem Vorstellungsgespräch mit anschließender Eignungsprüfung, welche die Schiffbauer an den Ufern des Dollart, dem Mündungskessel der Ems in die Nordsee, in fast schon euphorische Stimmung versetzten - alles Berechnung, so mein Vater - der Krieg war längst beschlossene Sache. So kam Johannes oder einfach Hans genannt zu den U-Bootbauern, lernte von der Pike auf jede Schraube und jeden Splint kennen und die Stelle, wo dieses und jenes Teil seine wichtige Aufgabe zu erfüllen hatte. Zeitgleich mit ihm wurden ganze Jahrgangsklassen zu LI‘s - Leitenden Ingenieuren ausgebildet, die im Range eines Offiziers an Bord eines U-Bootes unerlässlich waren - praktisch die menschliche Lebensversicherung, wenn es hart auf hart ging und der Kahn genudelt werden sollte, so der Ausdruck der U-Bootfahrer für Feindkontakt mit Überwasserkampfeinheiten. Dann wurde Hans Torpedotechniker und war später dafür verantwortlich, dass die Aale - so der Jargon der Grauen Wölfe für die Torpedos, todsicher ihr Ziel fanden und ihre mörderische Ladung am oder unter dem Rumpf des Fremdschiffes zur Explosion bringen würden. Willkommen an Bord im Massenmordexpress des BdU - des Befehlshabers der U-Boote Admiral Karl Dönitz. Sein größtes Erlebnis war nicht die Versenkung des ersten Frachters, auch nicht die Verlegung in die französischen Hochseehäfen der Bretagne, sondern seine erste und einzige Fahrt über den Atlantik Anfang Januar Neunzehnhundertzweiundvierzig, als er mit Boot und Besatzung vor New York lag und die Lichter dieser Riesenstadt durch das Periskop ihres U-Bootes glitzern sahen - wie im tiefsten Frieden. Was wäre wenn - einfach um Manhattan herumschippern, den Hudson River hinauf, zwischen den Handelsschiffen auftauchen, die internationale Seefahrtsflagge hissen, an der Kaimauer festmachen und den Hafenmeister um Asyl ersuchen. Es gab den einen oder anderen an Bord, mit dem er sich mehr aus Spaß als aus Absicht darüber hinter der Hand unterhielt, was wohl geschehen würde wenn… Es kam nie dazu, wie die Sache ausging ist hinlänglich bekannt. Auf das Mittelmeer folgte der Heimatschuss und die Verlegung nach Emden zur Kraftfahrerabteilung - Versorgung der Marine im Westen und Osten, nachdem Zusammenbruch der Westfront blieb nur noch der Osten - Preußen, Pommern und Schlesien. Von Joachimsthal, wo sich in der Schorfheide riesige Munitionslager befanden, fuhr er mit seinem Beifahrer Rudi Markes, ehemaliger Hauptfeldwebel, degradiert, Strafbataillon, Bewährung, Ostfront, Kraftfahrerabteilung - Beifahrer von Hans von Bergerdamm, ehemals U-Boot Fahrer und Torpedotechniker, beinahe täglich voll beladen in den Oderbruch, nach Küstrin, Schwedt und Seelow, wo sich auf der anderen Seite der Oder die Armeen Schukows und Konjews für den letzten finalen Schlag gegen die deutsche Wehrmacht und den Sturm auf die Reichshauptstadt in Stellung brachten. Von den Seelower Höhen aus ließ sich das Treiben der Iwans, so Rudis Titulierung der russischen Soldaten, ausgezeichnet beobachten. Von der Wehrmacht hatten sie nichts zu befürchten, da selbige dieser Bereitstellung an Waffen, Munition und Soldaten nicht das Geringste entgegenzusetzen hatte. Da Hans von Bergerdamm als besonders guter Schütze in seiner Kompanie bekannt war, wurde er mit seinem Kameraden Rudi Markes regelmäßig an exponierte, gut getarnte „Ansitze“ geschickt, um dem Iwan auf den Teller zu schauen. Hin und wieder bliesen sie einem Russen die Kerze aus, um sich dann schleunigst aus dem Staub zu machen. Einer dieser besonders guten „Ansitze“ befand sich auf den Seelower Höhen, in Sichtweite zum Reitweiner Sporn. So kam mein alter Herr auch in den fragwürdigen Genuss der Begegnung mit Georgi Schukow, dem Befehlshaber der Weißrussischen Front, welche den Hauptschlag der Offensive im April Neunzehnhundert-fünfundvierzig über die Reichsstraße Eins und die Seelower Höhen nach Berlin führen sollte. Auf dem Reitweiner Sporn, einem vorgelagerten Höhenrücken, hatte der Marschall der Sowjetunion seinen Bunker und Gefechtsstand anlegen lassen. Ihm gegenüber, so um die Eintausendfünfhundert Meter entfernt, lagen mein alter Herr und sein Beifahrer Rudi in ihrem Versteck und beobachteten das Geschehen am Reitweiner Sporn durch ihre hervorragenden Marinegläser, die Hans sich aus dem Arsenal in Emden „organisierte“, so der Fachausdruck der Landser für das Beiseite schaffen von Material jeglicher Art einschließlich Schnaps, Fressalien und Rauchwaren. Rudi war plötzlich wie aus dem Häuschen - wischte sich über die Augen und blickte hernach angestrengt durch das Zielfernrohr seines Scharfschützengewehrs. Da stand er, bis zum Koppelschloss frei zu sehen, wie in einer Schießbude, der Marschall der Sowjetunion, der Führer der Weißrussischen Front, Marschall Georgi Schukow mit weiteren Offizieren, so dem Führer der 8. Gardearmee Wassili Tschuikow, der ebenso wie Schukow ziemlich unbekümmert in die Kamera des russischen Kriegsberichterstatters blickte.
„Hier Hans - die Knarre, blas dem Iwan die Birne weg, dann ist der Krieg aus für uns“ so Rudi zu meinem alten Herrn.
„Tatsächlich, das ist Schukow - und neben ihm stehen Tschuikow und Kirilenko - fehlt nur noch Konjew, aber der hat im Süden genug zu tun. - Wenn ich den Schukow wegputze, dann ist der Krieg garantiert aus für uns, aber im wahrsten Sinne des Wortes. Wir kommen hier nicht mehr weg - der Iwan wird uns mit Granaten zuscheißen bis nichts mehr übrig ist von uns. Aber Kirilenko - das wäre ein passendes Begrüßungsgeschenk der deutschen Wehrmacht für die siegreichen Führer der Roten Armee. Also denn - nehmen wir den Kirilenkow.“
Gesagt - getan, Hans visierte den Generaloberst durch das Zeiss Zielfernrohr an, lud sein Suhler Scharfschützengewehr mit Explosivmunition und ging konzentriert und eiskalt auf „Fühlung“ mit dem Ziel, wartete einen Moment, bis ihm der Generaloberst erneut die Orden verzierte Brust zuwendete - atmete ruhig aus und ein - und drückte ab. Schuss und Explosion des Geschosses in der Brust des Russen waren fast eins - der Generaloberst riss die Arme hoch und wurde durch den Schlag des Geschosses förmlich an die Rückseite des Gefechtsstandes geschleudert, wo er langsam zu Boden sank und den Blicken von Hans und Rudi entschwand. Schukow ließ sich davon nicht sichtbar beeindrucken und schwang drohend seine rechte Faust in unsere Richtung weil er wusste, dass wir als Verteidiger nicht den Hauch einer Möglichkeit hatten, heil aus diesem Krieg herauszukommen. Hans und Rudi machten so schnell sie konnten die Fliege und mit ihrem LKW Gespann ab in Richtung Westen - Berlin - Joachimsthal, zuvor lieferten sie noch im Lazarett bei Müncheberg ein Dutzend Verwundete ab, die sich als Versprengte bei Nacht und Nebel über die Oder retteten und nun die Hoffnung hegten, dem finalen Inferno entkommen zu sein. In Joachimsthal sollten sie anschließend weiteren Nachschub für die Oderfront laden und in die Hölle zurückkehren. Dann kam doch alles anders - Gott oder wem auch immer sei es gepriesen. Am Neunten Mai Neunzehnhundert-fünfundvierzig nahm Georgi Schukow in Berlin-Karlshorst die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht entgegen. Mein Vater und sein Beifahrer Rudi erhielten noch rasch vom Kompaniechef die Belobigung zum EK Eins, in Empfang zu nehmen nach dem Endsieg in Emden. Darauf wartete mein Vater bis nach dem Krieg, dann schmiss er die Unterlagen in den Ofen -kein Endsieg - kein EK Eins. Was wäre wenn - die Offensive der Roten Armee fand auch ohne Kirilenkow ein siegreiches Ende - Millionen Tote auf beiden Seiten waren der Preis dafür und Schukow - hätte sein Tod auf dem Reitweiner Sporn einen Abbruch der Offensive nach sich gezogen? Keineswegs, der Iwan wäre noch verbissener und blindwütiger gegen die deutschen Stellungen auf den Seelower Höhen angerannt, als er es dann tatsächlich tat. Nun saß ich an Bord jenes Eisbrechers, der den Namen des legendären Feldmarschalls der ehemaligen Sowjetunion trug - Georgi Schukow - und verlor mich in Gedanken an eine Zeit, in der mein Vater als untauglicher U-Boot Fahrer und Scharfschütze der Marinekraftfahrabteilung mit seinem Beifahrer Rudi auf den Seelower Höhen in Tarnung liegend den Feldmarschall der Weißrussischen Front, Georgi Schukow in seinem Gefechtsstand auf dem Reitweiner Sporn durch das Zeiss Zielfernrohr seines Suhler Scharfschützengewehres im Fadenkeuz fixierte. Was wäre wenn - nein, das mochte Hans dann doch nicht, einen so erfahrenen und taktisch hochbegabten Heerführer aus dem Hinterhalt abknallen, das hatte Schukow nicht verdient - nein - er sollte weiterleben - musste weiterleben, um Stalin wenigstens halbwegs an der Leine zu halten, denn der rote Diktator und Massenmörder an seinem eigenen Volk, trachtete nach dem Leben aller Deutschen, die er für diesen mörderischen Krieg kollektiv verantwortlich machte. Die Protagonisten dieses Dramas mit rund sechzig Millionen Toten sind allesamt zu Staub zerfallen oder Asche verbrannt, geblieben sind Erinnerungen in Form von Bildern, Filmen, Tonaufzeichnungen, Büchern, Biografien und endlosem Historikergeschwätz, von denen eins unwichtiger und unbedeutender ist als das andere. Als wenn es nichts anderes gäbe auf dieser Welt als die Nazis, zwölf Jahre Deutschland in der Dunkelkammer und die unaufhörliche gebetsmühlenhafte Wiederholung einseitiger Schuldzuweisungen zur einen Seite und heldenhafter Taten zur anderen Seite - ein Verhalten zum dauerhaften Auskotzen, welches sogar die Anfälle während einer Hochseefahrt bei Windstärke zehn in den Schatten stellte. Erinnern ja und Erinnerung bewahren, aber nicht um der eigenen Eitelkeit und Selbstdarstellung Willen auf Kosten der Opfer auf allen Seiten, denn selbige können nichts mehr gegen ihre Vereinnahmung tun.
Da saß ich nun und lauschte den Ausführungen von Valeria Dernikowa zu den organisatorischen Abläufen an Bord der Georgi Schukow, einem der größten und stärksten arktischen Eisbrecher weltweit. Rein mechanisch blätterte ich in den Unterlagen über die bevorstehende Fahrt in die arktische Nordatlantikregion, die mir durch eine seit Jahren zurückliegende Reise nach Grönland ein wenig vertraut war, also noch vor Beginn der großen Eisschmelze, die im Jahr 2016 die fünfhundert Milliarden Tonnen Grenze erreichte und überschritt. Ein gigantischer Aderlass für die größte Insel der Welt im arktischen Norden des Planeten Erde. Der Einfluss des Klimawandels war nicht mehr zu leugnen, die Wärme des Meerwassers nahm in den nördlichen Regionen kontinuierlich zu, was letztlich, so die Computermodelle, zu einem Stillstand des Golfstroms und damit Zusammenbruch der atlantischen Wasserpumpe aus dem Golf von Mexiko bis hinauf in die Arktis führen würde. Die Folgen dieses Desasters wären verheerend und derzeit kaum vorstellbar, weil schleichend und eher unterschwellig - aber bei dem aktuellen rasanten Tempo der Erderwärmung, ist mit einem Kollaps des Golfstroms noch in diesem Jahrhundert zu rechnen, das ist ein Fakt - eine Tatsache, an der sich niemand auf dieser Welt vorbei stehlen könnte.
Lokis Castle - Lokis Schloss
LOKIS Castle - LOKIS Schloss - ein Geothermalgebiet in der arktischen Tiefsee, benannt nach dem nordischen Gott des Feuers - LOKI. Das eigentliche Thermalgebiet wurde weltberühmt durch seine „Smoker“ oder „Raucher“, röhrenförmige Gebilde, die an manchen Stellen bis zu zwölf Meter hoch werden können. Ich schrieb darüber einen Beitrag in Science News, einem renommierten Geophysikalischen Magazin, der große Beachtung fand. Die Smoker oder Raucher unterscheiden sich in der Art des Rauches, den sie ausstoßen. Immerhin lasten auf dem Meeresboden in diesen Gebieten bis zu 300 bar Druck, das Wasser wird in Gesteinsspalten gepresst, bis es auch den glutheißen Untergrund am Schnittpunkt der tektonischen Platten trifft, dort wird es in heißen Dampf umgewandelt, der anderorts durch andere Spalten und Risse im Tiefsee Untergrund unaufhörlich austritt. Bei seinem Weg durch die Gesteinsschichten löst dieses Wasserdampfgemisch Mineralien in hoher Konzentration, die sich beim Eintritt in das eisige Tiefseewasser rund um den Schlot ablagern und ihrem Verhalten gemäß röhrenförmige Gebilde erzeugen - mithin einen Kamin oder gleich mehrere. Verschiedenartige gelöste Stoffe erzeugen also unterschiedliche Rauchfarben, die röhrenförmigen Gebilde werden allgemein auch als Schornstein bezeichnet. Im Atlantik auf dem Mittelatlantischen Rücken befindet sich eines der interessantesten und am besten studierten Hydrothermalfelder weltweit, allerdings nur punktuell gesehen, denn die Tiefseeforschung in ihrer anspruchsvollen Komplexität steht auch im Einundzwanzigsten Jahrhundert erst am Beginn tiefer gehender Forschungen, die grundsätzlich eine dauerhafte Station auf dem Meeresboden voraussetzt, was aber aufgrund technischer, finanzieller und vor allem internationaler Leistungsfähigkeit weiterhin noch Wunschdenken bleibt. Eine Ölbohrplattform auf dreihundert bis vierhundert Meter Tiefe auszubringen, ist eine Sache, da spielt die Musik größtenteils an der Oberfläche, lediglich die Pylone und Anschluss Pipelines Unterwasser müssen von Tauchern entsprechend installiert werden. Dazu wohnen und leben diese Männer für zwei bis vier Wochen in Unterwassermodulen in Sichtweite zum Bohrloch, welches durch mächtige Ventile gesichert ist. Schon hier ist der Einsatz von speziellen Techniken wie Dekompressionskammer, Arbeits-, Schlaf- und Notfallmodul unabdingbar. Das kostet die Ölgesellschaften Hunderte Millionen Dollar, die erwirtschaftet werden müssen. Die Tiefsee um LOKIS Schloss ist eine andere Liga, hier verlässt niemand mehr eine schützende Station, würde es sie dann irgendwann einmal geben. Aber die immens kostspieligen Tauchmanöver zum Tiefseeboden und zurück wären Geschichte, könnten Forscher und Wissenschaftler aus einer Station in der Tiefsee heraus mittels ferngesteuerter Roboter ihre Arbeit verrichten. Das ist bei allem Forscherdrang in der Tat noch Science Fiktion, da hilft alles Schönreden nichts. Von besonderem Interesse der diesjährigen Expedition mit geplanter Tauchfahrt zum Logatschew Hydrothermalfeld in dreitausenddreihundert Metern Tiefe sind die Schwarzen Raucher, in deren Umfeld vom Sockel bis zum Schornsteinaustritt - dem Schlotmund, sich große Kolonien Röhrenwürmer, Herzmuscheln und Krebse angesiedelt haben, die von den Mineralien zum einen und durch Strömung angetriebene Kleinstlebewesen zum anderen ein gutes Auskommen unter diesen archaischen Umständen finden - es ist halt wie ein Besuch in der Urzeit, der Entstehung des Planeten Erde. Hier haben sich Lebensgemeinschaften etabliert, deren Mitglieder auf sich allein gestellt in dieser Tiefe trotz Thermalquelle nicht überlebensfähig wären - dies ist nur in der Zusammenarbeit einer Gemeinschaft möglich. Ähnliches ist auch im Japanischen Meer und Pazifik um den Untermeervulkan Eifuku beobachtet worden, allerdings finden sich hier ausschließlich die Weißen Raucher - White Smoker. Im Thermalfeld um LOKIS Schloss arrangieren sich erstaunlich vitale, wenn auch archaische Lebensformen, so Bartwürmer, Schwefelbakterien, die bereits umfangreiche genetische Daten lieferten, so ein Gen, das bislang nur bei Tieren, Pflanzen und Pilzen nachgewiesen wurde. Allerdings wurde dieses Gen noch nie in Reinform Kultur gezüchtet oder vor Ort in der Tiefsee lokalisiert. Selbige kommen auch in konzentrierter Form in den Virenstämmen von SARS-CoV-2 und COVID - 19 vor. Daher weht also der Wind des Nordens über den Atlantik. Das war der tiefere Sinn unserer Ausflugsfahrt mit der Georgi Schukow in das Herz der Finsternis - hinab in LOKIS Schloss. Den globalen politischen Entscheidungsträgern ging im wahrsten Sinne des Wortes der Arsch auf Grundeis. Wie viele Epidemien weltweit hat es in den vergangenen dreißig - vierzig Jahren gegeben? BSE, HIV, Ebola, SARS, Vogelgrippe, Schweinepest, das Hanta Virus, die Influenza - und dann die Impfhysterie gegen alles und jegliches - schon bei der kleinsten Störung im menschlichen Organismus wird die Pharmazeutische Keule, der Chemische Hammer verabreicht, Medikamente - die kurzfristig für Linderung und Abhilfe sorgen, mittel- und langfristig jedoch großen Schaden anrichten, da sie zu einer Anti- Immunität führen, welche die Betroffenen bei der kleinsten Animosität aus den Socken hauen. Und wir sollen jetzt am und im Arsch der Welt herumwühlen und was auch immer suchen und finden, das der Menschheit einen Ausweg aus dem selbst verordneten Chaos der Seuchen- und Epidemienhysterie liefert. Es gibt sogar schon Kollegen bei der NASA die von Reisen zu den Eismonden des Jupiters träumen, unter deren gepanzerter Oberfläche Wasserozeane mit hydrothermalen Quellen für erdähnliche Lebensformen sorgen. Hier - so die Wissenschaftler - böten sich ungeahnte Ansatzpunkte und Möglichkeiten zur Erforschung der Paläoanthropologie, der Mikrobiologie, der Biochemie und Medizin. So also stehen die Dinge wirklich - die Informations- und Arbeitsmappe des internationalen Konsortiums für molekulare und biochemische Erforschung der Nordatlantischen Tiefsee im allgemeinen und der Geothermalfelder um LOKIS Schloss lag vor mir auf dem Tisch; während ich scheinbar interessiert weiter zuhörte und in den Unterlagen blätterte, dabei die eine und andere Notiz machte, tasteten meine Augen - durch dicke Brillengestellränder abgeschirmt, die Kolleginnen und Kollegen zu meinen Seiten ab, und soweit möglich die Damen und Herren vor mir, um so über deren Verhalten Rückschlüsse auf etwaige Erkenntnisse zu gewinnen, die meinen ähnelten oder darüber hinausgingen. Etwas Großes ging hier an Bord der Georgi Schukow vor, wir alle standen am Beginn eines weltweit bedeutenden Falles, der uns weit hinaus führen würde in die eisigen Gefilde des Nordatlantiks, hinab in die Tiefsee zu LOKIS Schloss, um dem düsteren Reich des Gottes des Feuers unsere Aufwartung zu machen. Stellt sich nur die Frage, ob dem Herrn unser Besuch recht ist, wenn wir zudem sein Reich nach irgendwelchen Bakterien, Molekülen und Mineralien durchwühlen, hier was abbrechen, dort Lebewesen gleich welcher Art einfangen oder entnehmen. Durch unsere Expedition würden wir Millionen Jahre sichtbarer erdgeschichtlicher Geothermaler Entwicklung beeinflussen, beieinträchtigen oder sogar zerstören, und das an den Nahtstellen hochexplosiver Plattentektonik, wo Nordamerika und Europa in der Tiefsee aufeinandertreffen und ihre gewaltigen Schubkräfte, erzeugt durch die Plattenbewegungen auf glutflüssigem Untergrund Kräfte freisetzen, von denen wir uns heuer noch keine Vorstellungen machen, Kräfte - die erst einmal entfesselt, den Planeten in Stücke zu reißen in der Lage sind. Die Mitarbeiter der jeweiligen Teams saßen zwar in eigenen Bereichen, aber jeder für sich an einem eigenen Tisch, so dass ein Kontakt bestenfalls visuell möglich war, ohne andere Kolleginnen oder Kollegen zu stören. Ich hatte nicht den Eindruck, dass bei den Anwesenden das Bedürfnis dazu bestand, auch ließ die Mimik der Zuhörenden - soweit von mir einsehbar, dahin gehend keine derartigen Feststellungen meinerseits zu, die Damen und Herren Kollegen zeigten sich in allerfeinster Pokerface Manier. Zum ersten Mal stellte ich an mir ein Befinden fest, das unterschwellig Vorsicht signalisierte, Vorsicht vor dem Unbekannten, das uns tief unten am Boden des arktischen Ozeans erwartete. Keine aufkeimende Nervosität oder ängstliches Verhalten geschweige denn Angst, aber da war etwas in mir, das sich langsam aber unaufhörlich ausbreitete, meine Gedanken beeinflusste, mein rationales Denken und Verhalten strukturell veränderte, nicht ad hock wie mit dem Gummihammer, sondern diffizil, hinterschwellig, kaum wahrnehmbar aber dennoch latent in mir, in meinem Verstand am Werk. Alles nur Einbildung, Überspanntheit und vor allem Übermüdung? Immerhin war ich seit mehr als zwanzig Stunden auf den Beinen, andere Kolleginnen und Kollegen noch länger. Da konnte sich schon die eine oder andere psychische Disharmonie einstellen. Ich neige dazu mich in metaphysischen Betrachtungen zu ergehen, Übernatürliches in allen Formen und akustisch-visuellen Erscheinungen für möglich und vor allem denkbar zu halten, gleichwohl fand ich es faszinierend und kolossal aufregend an Bord der Oktopus zum Wrack der Titanic hinab zu tauchen. Und das zwei Mal. Meine Berichte dazu fanden internationale Beachtung, so dass mich Randy Ballin Ende der achtziger Jahre zur Suche nach dem legendären deutschen Schlachtschiff Bismarck einlud. Leider konnte ich aus gesundheitlichen Gründen nicht daran teilnehmen, was mir sehr leid tat, aber auf Rücksicht auf das eigene Wohlergehen und das der Besatzung um Randy Ballin unumgänglich war. Zur Bismarck wollte ich nach ihrem Auffinden in fast fünftausend Metern Tiefe wenigstens einmal noch in diesem Leben, hatte es aber lediglich bis Blohm und Voss in Hamburg ( dort wurde die Bismarck gebaut) und zu einer atlantischen Überfahrt von Brest nach Halifax in Kanada geschafft, wobei wir allerdings Koordinatengenau jene Stelle kreuzten, an der das berühmteste deutsche Schlachtschiff des Zweiten Weltkrieges auf dem Grunde des Atlantiks ruhte. Immerhin entschädigten mich die Bücher und Videos von Randy Ballin, die mir der Professor und Unterwasserarchäologe großzügig zu meinem fünfundsechzigsten Geburtstag zukommen ließ. Aber das liegt auch schon „Lichtjahre“ hinter mir. Das Phänomen Zeit ist in sich ein Paradoxon, weil die Zeit eine Erfindung des Menschen ist, um sich in einer Welt, einem Universum der Vergänglichkeit und ständigen Erneuerung zurechtzufinden. Zeit ist somit eine Illusion, eine Fata Morgana - ein gedankliches Gespinst, eine kalendarische Zwangsjacke, in der wir mit dem Augenblick unserer Geburt bis zu unserem biologischen Tod gefangen sind, in einem unsichtbaren, imaginären Kerker von Werden und Vergehen, angefüllt mit Wünschen, Träumen, Sehnsüchten, Hoffnungen, Ängsten, Verzweiflungen, Leid und Tränen, Schmerzen und Erlösung, Lachen und Freuen - und das Warten auf den Tod. Meine gedanklichen Exkursionen in das Reich der anderen Dimensionen - des „outher limits“, des Überschreitens des Event Horizons in oftmals bizarren und abstrakten Denkmodellen die mich, meine Freunde und zuweilen Kollegen an den Saum des Bewusstseins führten. Vielleicht ist alles ganz anders - möglicherweise sind wir Teil eines Experimentes in irgendeinem kosmischen Labor in der vierten oder irgend einer anderen Dimension, elektronische Pixel, Bits und Bytes, die jederzeit durch universalen Mausklick von riesenhaften Erscheinungen gelöscht werden können. Beobachtet durch monströse Mikroskope von noch monströseren Kreaturen, die auch die kleinste Mikrobe, ja jedes Molekül und Atom und all die übrige amphibische Urscheiße haargenau und penibel - und vor allem mit Genuss im wahrsten Sinne des Wortes unter die Lupe nahmen. Während meiner Lyrik- und Aphorismen Phase, im zarten Alter von fünfunddreißig bis Mitte vierzig, schenkte mir die Muse Thalia die sonderbarsten Einfälle, welche Einzug hielten in die Welt des gedruckten Wortes, in Literaturzeitschriften, einen Lyrikband, in Lesungen und unterhaltsame Matinee Veranstaltungen, wo es hernach stets ein sattes Honorar in Deutscher Mark gab. Drei dieser Aphorismen haben sich zu wahren Bestaudis entwickelt.
Das Erste lautet:
„Von der großen Plakatwand herab verkündet mir ein Lasso schwingender Reiter Zigaretten rauchend den Geschmack von Freiheit und Abenteuer. Der Lungenkrebs kennt diesen Geschmack auch.
Das Zweite lautet:
„In den Kanälen unter der Stadt leben die Ratten in ihrer Stadt. Welche Ratten leben in den Kanälen unter der Rattenstadt?“
Das Dritte lautet:
„Der dicke Katalog eines Kaufhauses überschwemmte mein Verständnis und schrie laut nach einer Entladung. Ich bestellte mir ein Gewehr und erschoss den Besitzer dieser Bilderbuchwelt“.
So die Altmännerfantasien vom Dritten Mann, einem verhinderten Bismarck Taucher und Sohn eines U-Boot Fahrers unter Karl Dönitz, der seine „Grauen Wölfe“ in der brutalsten Seeschlacht der Geschichte im Nordatlantik verheizte. Operationsgebiet LOKIS Schloss - na endlich, darauf habe nicht nur ich sondern die Anwesenden Kolleginnen und Kollegen im Saal der Marine gewartet, da war ich mir ganz sicher. Im Saal der U-Boot Fahrer gleich nebenan dürfte es ähnlich zugehen. Leider war mir und den anderen Kolleginnen-Kollegen die visuelle wie akustische Teilnahme an dieser Vorstellung nicht vergönnt. Nachher auf der Georgi Schukow wäre sicher genug Gelegenheit sich näher kennenzulernen und über das Gehörte und die ersten Eindrücke auszutauschen. Fast die Hälfte aller Teilnehmer befand sich mit mir im Saal der Marine - mithin fünfzehn Personen, neun Männer und sechs Frauen und horchte dem salbeienden Wortfluss der Valeria Dernikowa, die sich verbal leichtfüßig in den Kapiteln der Informationsunterlagen bewegte und uns in unterhaltsamer, mitunter sogar aufregend - spannender Weise die Komplexität des „Operationsgebietes LOKIS Schloss“ in komprimierter Weise vermittelte.
Valeria Dernikowa zum Zweiten - Kapitän Viktor Satchev - die Atomgaz
Zwei männliche Kollegen waren mir bekannt, von den weiblichen Teilnehmerinnen noch keine, was sich aber während der Dauer unserer Expedition auf jeden Fall ändern würde. Während meine Ohren den Ausführungen von Frau Dernikowa fast schon automatisch folgten, durchforsteten meine Augen den weiteren Inhalt der Unterlagen, bis sie ziemlich zum Ende der Mappe hin auf jenem Blatt fündig wurden „Teilnehmerliste arktische Eismeerfahrt auf Georgi Schukow“. Im Laufe meines wissenschaftlich-journalistischen Lebens hatte ich mir eine Verhaltensweise antrainiert die es mir ermöglichte, akustisch dem Geschehen eines Vortrages problemlos zu folgen, derweil meine optischen Empfangsmodule entweder die vorliegenden Unterlagen sezierten, um zwischenzeitlich den einen oder anderen Blick auf Mund des Referenten oder der Referentin zu heften. Bei Valeria Dernikowa war dies in zweierlei Hinsicht einfach wie angenehm. Zum einen waren mir die Vokabularien und einstudierten Begrüßungs- und Vortragsrituale der russischen Offiziellen vertraut, zum anderen bereitete mir das prachtvolle Lippenpaar dieser Valeria Dernikowa, welches in Formvollendung, prall und üppig jenen verbalen, nach Verführung klingenden Redefluss, nicht nur an meine Ohren strömen ließ, zugegeben lustvolle Gefühle. Und das mir, einem ergrauten Pressezossen, der vom Alter her der Großvater, aber zumindest der Vater dieser attraktiven Russin hätte sein können. Ungeachtet dessen durchliefen meine Gedanken die längst verschlossen geglaubten Kammern entfernter Frühlingsgefühle - welche für die sogenannten „Schmetterlinge im Bauch“ verantwortlich sein sollen. Ich schmunzelte über mich selbst, nahm fast schon automatisch einen Schluck Wasser zu mir, derweil mir die Hoffnung blieb, dieses liebreizende Lippenpaar auf der Georgi Schukow näher kennenzulernen. Valeria Dernikowa war in ihrer Eigenschaft als Verbindungsoffizier - besser Kommunikationsmanagerin - für die Fragen und Wünsche ihrer „Schäfchen“ zuständig. Na schön, dagegen hatte ich überhaupt nichts einzuwenden, wenn sie mich nur anständig und liebevoll als Schäferin von meiner Wolle befreit. Halleluja.
„Teilnehmerliste arktische Eismeerfahrt auf Georgi Schukow“.
Na bitte - wer suchet der findet, und das war mehr als ich zu hoffen wagte, ging mir ein altes deutsches Sprichwort durch den Sinn.
Viktor Satchev - Kapitän der Georgi Schukow, die Nummer eins noch vor allen Teilnehmern und Teilnehmerinnen der arktischen Atlantik Expedition, mit allen erfolg- und ruhmreichen Unternehmungen, die er als sehr erfahrener Kommandant und Kapitän des weltweit größten Eisbrechers für polare Unternehmungen mit der Georgi Schukow und anderen Eisbrechern durchführte. Fein numerisch aufgelistet, mit Datum, Zweck und entsprechender offizieller Belobigung durch die Atomgaz in Murmansk, die offiziellen russischen Dienststellen - sogar zwei Empfänge durch den Präsidenten im Kreml in Moskau waren aufgeführt und besonders gekennzeichnet, erhielt doch Viktor Satchev stellvertretend für seine Mannschaft den Wissenschafts- und Forscherorden der Lomonossow - Universität in Moskau, die höchste zivile Auszeichnung im Universitätswesen Russlands. Auch sonst wurde die markante Erscheinung des Viktor Satchev national und international mit Auszeichnungen, Ehrungen und - Orden eingedeckt, was dem eher bescheiden auftretenden, gewissenhaften und sich seiner großen Verantwortung für Schiff, Besatzung und Gäste während der Unternehmungen bewusst, und natürlich von den jeweiligen nationalen und internationalen Forscherteams, welche an den Fahrten teilnahmen, was aber dem naturell des Menschen Viktor Satchev nicht entsprach und sich unzweifelhaft an seiner Mimik zu erkennen ließ, wenn wieder einmal eine öffentliche „Huldigung“ anstand. Der Kapitän der Georgi Schukow freute sich dagegen wie ein Schneekönig, wenn seine Gäste an Bord sich aufrichtig und engagiert für seine Arbeit interessierten und ihn soweit möglich an ihrer Arbeit teilhaben ließen und er ihnen Geschichten und Erlebnisse über und mit dem Eis erzählte, die bei den Akademikern nicht selten Bewunderung und Respekt erzeugten und seinen Ruf als Experten der polaren Regionen nachhaltig festigten. Bei den offiziellen Besprechungen der Forscherteams war Viktor Satchev oder sein IO - der erste Offizier, Stellvertreter des Kapitäns auf jedem Hochseeschiff, ohnehin anwesend, um so die wissenschaftlichen Vorhaben und Experimente der Forscherteams mit der Leistungsfähigkeit der Georgi Schukow zu koordinieren. Viktor Satchev, schon zu Lebzeiten eine Legende, Mitte fünfzig, vital wie ein Eisbär, der alle russischen Eisbrecherkapitäne der Atomgaz ausbildete und zu regelmäßigen Treffen nach Murmansk oder auf die Georgi Schukow einlud, um mit den Männern und Frauen den neuesten Wissensstand in der Führung eines Eisbrechers, seiner Technik und - primär den Umgang mit dem Eis „einzutrichtern“, bis die Kapitäne - Männer wie Frauen, ihre Lektionen wie im Schlaf beherrschten, denn das Polarmeer ist kalt, sehr kalt und das Eis verzeiht keinen Fehler, so sein Schluss -Spruch zu den Männern und Frauen nach jedem Seminar. Dieser Mann war im wahrsten Sinne des Wortes ein russischer Bär wie aus dem Bilderbuch, mit einem offenen, freundlichen Gesicht, aus dem zwei strahlendblaue funkelnde Augen jeden Menschen sofort in ihren Bann zogen, selbiges umrahmt von einem fast schwarzen, sehr gepflegten Vollbart und ebenso nicht mehr ganz schwarzes Haar, durch das sich erste hellgraue feine Marmorierungen wie silberne Fäden zogen - ein Geschenk meiner Eisbärenfreunde aus dem Polarmeer, gab er belustigt zum Besten, wenn ihn der eine oder andere Teilnehmer oder eine Teilnehmerin zu vorgerückter Stunde auf sein wuscheliges Haar ansprach. Viktor Satchev war mir aus zwei Veranstaltungen im Albert-Wagner-Institut in Bremerhaven als Gastredner bekannt, wo er über seine Erfahrungen mit Eisbrechern in polaren Regionen sprach, wobei ihm sehr viel daran gelegen war seine Zuhörer davon zu überzeugen, dass das Eis nicht nur gefrorenes Wasser ist, sondern ein lebendiges Wesen, dem mit größtem Respekt und Hochachtung zu begegnen sei. Nur so sei ein Überleben - auch unter Einsatz eines Eisbrechers wie der Georgi Schukow - möglich. Satchev war nach dem Tod seiner Frau und beiden Töchter Solist, Witwer, ohne Ambitionen auf einen erneuten Anlauf zur Eheschließung oder gar Gründung einer weiteren Familie. Der Verlust seiner „Kirschblüten“, wie er Frau und Töchter liebevoll nannte, hatte ihm fast das Herz zerrissen, beschrieb Satchev in Gesprächen im kleinen Kreis seine Empfindungen. So etwas wollte er nie wieder erleben. Ausgerechnet Eis und Schnee wurden Frau und Töchtern im Kaukasus zum Verhängnis. Ein abgehendes Schneebrett löste ein Lawineninferno aus, das den Dreien auf ihrer Skiwanderung nicht den Hauch einer Chance lies. Das lag fünfzehn Jahre zurück, doch gefunden wurden sie bis heute nicht - der Schnee und das Eis des Kaukasus haben seine „Kirschblüten“ verschlungen - für ewig. Im arktischen Eis des Nordpolarmeeres sind Lawinen, bis auf einige wenige Regionen im grönländischen Gebirgsrücken, praktisch ausgeschlossen, dafür toben immer wieder unberechenbare, schier mörderische eisige Stürme über den endlosen Eispanzer, die mitunter Wochen andauern können und schon komplette Expeditionen hinwegfegten. Die Annalen sind voll von diesen Tragödien menschlicher „Überheblichkeit“ bei den Versuchen, sich die Natur des Nordpolarmeeres oder der Antarktis untertan, sie ihrem Willen gefügig zu machen. Satchev kannte sie alle - ihre vermeintlichen Erfolge - und ihr ruhmloses Ende, wenn die Polarnacht den Männern und Frauen ihr eisiges Totenhemd überstreifte, aus dem es kein Entrinnen gab. Der respektvolle Umgang mit dem Eis, den Launen und der Wildheit der Arktis, waren unabdingbare Voraussetzungen für ein Überleben in diesen extremen Regionen, wenn dies auch nur unter eingeschränkten Bedingungen gelingen konnte, was übrigens ebenso für die südpolare antarktische Eis- und Felsmasse galt. Hier peitschten ob der immensen Größe dieses Kontinents, so Satchevs Interpretation der Antarktis, höllische Stürme über Eis- und Felsplateaus, die jenen berühmten Wettlauf zum Südpol zwischen dem Engländer Scott und dem Norweger Amundsen in einer tödlichen Apokalypse enden ließ. Amundsen ging als Sieger aus diesem Wettrennen hervor - Scott erfror mit einigen verbliebenen Getreuen in einem Zelt, nur wenige Kilometer vom rettenden Versorgungslager entfernt auf einem schier endlosen Eisfeld. Erst viel später fanden Suchtrupps das Zelt mit den erstarrten Leichen der Männer - und das Bild- und Schrift gewordene Drama um die Erreichung des Südpols als erste Menschen - um die letzten Tage und Stunden im Leben Scotts und seiner Kameraden. Ironie der Geschichte; nicht die Leistung Amundsens und seiner Begleiter als erste Menschen den Südpol erreicht zu haben füllte weltweit über Monate die Zeitungen, sondern die Berichte aus den Aufzeichnungen Scotts über die heldenhaften, letztlich verzweifelten Anstrengungen der Gruppe, doch noch vor Amundsen den Südpol als erste Menschen zu erreichen. Wie ein grinsender Dämon musste Scott und seinen Mannen die norwegische Flagge erschienen sein, die ihnen an jenem sonnigen, fast lieblichen Tag entgegen leuchtete und ihr rotes Tuch mit dem blau-weißen Kreuz im sachten Wind des frühen Morgens wehen ließ. Ja - „Väterchen Frost“ verstand es wie kein anderer, seinen „Gästen“ auf seinem Schiff, an Bord des mächtigsten und stärksten Eisbrechers dieser Welt - der Georgi Schukow - die Geschichten und Geschehnisse mit und auf dem Eis, die kleinen und großen Abenteuer, aber auch die vermeintlichen glorreichen Siege, welche gegen die verheerenden Niederlagen, die kleinen und großen Dramen, von denen sogar einige den Weg in die Weltliteratur und den internationalen Film fanden, in einer emotional - packenden Art und Weise nahe zu bringen, wie es kein Buch, kein Film oder Theaterstück jemals vermochte. Seinen Spitznamen, den er insgeheim mit einigem Stolz für sich reklamierte, den er aber nie aus eigenem Antrieb heraus wie den polierten Harnisch eines Heroldes über seiner Brust trug, klebte seit Jahrzehnten an ihm wie warme Haut auf trockenem Eis und erinnerte ihn an den stillen Abenden, wo er mit sich und seinen Erinnerungen zu den Expeditionen der Vergangenheit aufbrach, damals, als er noch IO war auf der Jamal, dem ersten atomgetriebenen Eisbrecher der Sowjetunion, öffnete sich an diesen stillen Abenden die Tür in die Seele des Viktor Satchev, zu der nur seine „Kirschblüten“ den ewigen Schlüssel besaßen. Dann war es diesem „Eisbären“ Russlands erlaubt die Tränen zu weinen, die er nie am Grab seiner Familie würde vergießen können, weil es keinen Ort gab, wo er die von Eis uns Schnee Verschlungenen hätte suchen und finden können. Aber diese Emotionen fanden niemals vor anderen Menschen den Weg hinaus aus seinem Herzen, mochten sie auch zu seinen besten Freunden zählen. Seine Verantwortung gegenüber seinem Land, seiner Mannschaft und seinem Schiff, aber auch die Zuneigung und Hilfe seiner besten Freunde, die seinen Gemütszustand festigte und ihn vor dem totalen Zusammenbruch bewahrte, ließen ihn diese emotionale Sturmflut, die seine Seele und Gefühle in nie gekanntem Ausmaß verheerte, überstehen. Und dann war da noch das uneingeschränkte Vertrauen der Atomgaz - der Eignerin der Georgi Schukow, ihm weiterhin das Kommando über diesen riesigen Eisbrecher und seiner Besatzung in seine erfahrenen Hände zu legen; die beste Therapie, die einem „Eisbären“ wie Viktor Satchev dienlich war, denn ohne Kommando auf der Georgi Schukow, ohne die Arktischen Expeditionen im Nordpolarmeer und den Unternehmungen im Antarktischen Eispanzer, wäre der psychische Untergang dieses prachtvollen Menschen besiegelt gewesen. Doch alles kam anders, und das war gut so. Viktor Satchevs Name stand als einziger von der Besatzung auf der Teilnehmerliste, was auf Fahrten dieser Art durchaus üblich war; der Kapitän stellte während der Vorstellung an Bord seines Schiffes die Offiziere vor, allen voran den IO, der sein Stellvertreter ist, besonders wenn der Kapitän die Brücke verließ. So halten es alle Kapitäne zur See auf allen Schiffen der Christlichen wie Marinen Seefahrt. Disziplin und jahrelange Erfahrung sind unabdingbare Voraussetzungen, um Vorhaben und Expeditionen - ganz besonders im ewigen Eis der Polarregionen - erfolgreich durchzuführen, die Mannschaften und internationalen Forscher- und Wissenschaftlerteams ohne gesundheitliche Nachteile wohlbehalten nach Wochen oder gar Monaten an Bord und auf dem Eis nach Murmansk zurückzuführen, und die Georgi Schukow ebenso unbeschadet an ihrem Liegeplatz in der größten Stadt nördlich des Polarkreises fest zu machen. Teilnehmende internationale Teams - so stand es abgesetzt nachfolgend unter dem Namen der Georgi Schukow - des größten arktischen Eisbrechers der Welt und seines Kapitäns Viktor Satchev. Teilnehmende internationale Teams - säuberlich nummeriert und aufgelistet - sieben an der Zahl, wobei die Anzahl der Teams keine Auskunft darüber gab, wie viele Personen in der jeweiligen Mannschaft an dieser Expedition teilnahmen. Eine uralte Verunsicherungsmaßnahme aus der Mottentrickkiste des russischen - ehemals sowjetischen Geheimdienstes, der haarklein über jede Teilnehmerin - jeden Teilnehmer eines jeden Teams aus den gemeldeten Nationen vorab informiert war; Nachmeldungen sind ab einem bestimmten Datum nicht mehr möglich, davon wichen weder die Russen noch die Atomgaz ab, auch wenn den Verantwortlichen auf russischer Seite dadurch mehrere zehntausend Dollar an „Aufwandsentschädigung“ entgingen. Es wäre durchaus ein Leichtes gewesen nicht nur eine Person, sondern ein komplettes Team nachzuschieben; die Georgi Schukow verfügte über einen hochmodernen Hubschrauberlandeplatz, der von den stärksten Transporthubschraubern der Welt, dem Mil Mi-6 und Mil Mi-26 angeflogen werden konnten. Beide schleppten Lasten zwischen 30 und 40 t auf 2000 bzw.3000 Metern Höhe, eine kaum vorstellbare technische Leistung, wenn man sie nicht selbst erlebt hat. Ein Team von vier bis sechs Personen einschließlich Ausrüstung war für die Mil Mi-6 oder Mil Mi-26 keine Belastungsprobe ihrer Fähigkeiten, eher ein Ballasttransport der unteren Kategorie. Aber das alles spielte keine Rolle, die Russen wollten auch dreißig Jahre nach der Wende genau wissen, was da für Leute auf ihren Eisbrechern logierten und - was sie mit ihren Expeditionen bezweckten, was sie untersuchten, was sie an Ergebnissen mit nach Hause brachten. Überraschungen waren etwas, was von russischer Seite zu keiner Zeit erwartet, geschweige denn gewünscht wurde, schon gar nicht die Nachmeldung eines Forschungs- und Wissenschaftlerteams, das in letzter Minute noch an dieser oder einer anderen Expedition mit der Georgi Schukow teilnehmen wollte. Njet hieß es dann aus Moskau und Murmansk - und nein war bei den Russen ein Nein, das hatte ich schon mehrmals erfahren. Ähnlich verhielt es sich bei den Asiaten, besonders die Chinesen änderten von jetzt auf gleich bereits seit langem bestätigte Termine und Zusagen aus Gründen, die nicht einmal der weise Konfuzius nachzuvollziehen in der Lage wäre. Es ist wie es ist, besonders ärgerlich, wenn dadurch bestimmte Arbeitsabschnitte komplett wegfallen und durch weniger attraktive nachgeschobene Ersatzangebote ausgeglichen werden sollen. Machen Sie das beste daraus, war eine der gängigen Floskeln, die ich immer wieder zu hören bekam, was mir als Wissenschaftsjournalist zwar immer noch ein gewisses Granteln entlockte, zum anderen aber meine Improvisationsfreude zu Höchstleistungen anspornte und nach alternativen lohnenden „Ersatzangeboten“ Ausschau halten ließ.
Nord-Ost Passage - Ljachow Inseln - Wrangel Insel - U-Boot Havarie - Jakutien
Auf meinen Streifzügen durch die Nebelbänke meiner Erinnerung dockte ich an den Ljachow Inseln an, einem Archipel, der den Neusibirischen Inseln zuzurechnen ist. Es war im Mai des Jahres 2013, ein für die Jahreszeit ungewöhnlicher milder, fast schon heißer Mai, der zum einen das Oberschichteis des Arktischen Ozeans, zum anderen aber - und das war wesentlich dramatischer - den Permafrostboden der Ljachow Inseln in einer Geschwindigkeit auftauen ließ, was selbst den im Umgang mit diesem Phänomen erfahrenen russischen Wissenschaftlern die Blässe in ihre Gesichter trieb und für Sprachlosigkeit in ihrem Team sorgte. Meine Anwesenheit auf den Ljachow Inseln verdankte ich einem geplatzten Last Minute Termin zur Teilnahme an der Jungfernfahrt auf einem neuen russischen Tauchboot, dass zur Kontrolle bei der Verlegung von Pipelines in arktischen Gewässern eingesetzt werden sollte, aber auch - gegen entsprechendes Salär - für wissenschaftlich - archäologische Unterwassermissionen zur Verfügung stand. So eine Gelegenheit bot sich in eben diesem Mai im Randschelf der Wrangel Insel, wo gleichzeitig die Lebensbedingungen in den Küstennahen Regionen der nordsibirischen Wrangelinsel erforscht werden sollten, wo vor rund 4000 Jahren die letzten Wollhaarmammuts lebten und ausstarben. Eigentlich ein ganz normaler wissenschaftlicher Einsatz in einem internationalen Team unter Leitung des anerkannten Genforschers und Mammutexperten Nikolaus Tachinsky, der seine Lebensaufgabe darin sah, die Auferstehung eben jener Wollhaarmammuts voranzutreiben, die vor einigen Tausend Jahren als Kaltsteppenbewohner die endlosen Weiten Jakutiens in großen Herden durchwanderten. Leider machte uns ein russisches Atom U-Boot mit einem ungeplanten Auftauchvorgang einen Strich durch die bekannte Rechnung - der Sonarmaat der Roten Marine hatte sich offensichtlich zu sehr auf seine Unterwasserkartenkenntnis als auf das Alarmgejaule des Sonars verlassen, was prompt zu einer Grundberührung führte, die den Kommandanten des U-Bootes veranlasste, umgehend den Auftauchvorgang einzuleiten, was zu einigen Beulen und Schrammen am Wintergarten - so der seemännische Begriff für die Umrandung der Wachstation im Turm des U-Bootes zur Folge hatte. Das arktische Scholleneis konnte oder wollte dem plötzlichen Auftauchen des U-Bootes der K-Klasse nicht so rasch Folge leisten und zur Seite weichen. Kurzum - da lag dieser Riesenstahlkoloss wie ein gestrandeter Blauwal unweit der Wrangel-Insel, was die Neugier der Wissenschaftler im Team um Nikolaus Tachinsky augenblicklich in einer andere Richtung lenkte. Wann bekam man als Mammutforscher fernab jeglicher Zivilisation am Rande des Arktischen Ozeans schon mal das Alarmauftauchen eines U-Bootes der K-Klasse der russischen Marine aus nächster nähe mit? In diesen Momenten dachte niemand im Team - auch nicht der ehrenwerte Nikolaus Tachinsky daran, sich weiter auf den Weg zu den Ausgrabungsstätten der tief gefrorenen Wollhaarmammuts zu machen, stattdessen richteten sich alle Augen - besonders die der Kameras und Fotoapparate - auf den stählernen grauen Havaristen, der wie ein urzeitliches Ungeheuer von einem zum anderen Augenblick aus den eisigen Tiefen einer unergründlichen See auftauchte, wobei er schnaubend und dröhnend Berge schäumender Wellen vor sich hertrieb, die donnernd und Wolken von Gischt versprühend, am kiesigen Gestade der Wrangelinsel zerplatzten, was aber die dickfälligen Walrosse, Robben und sogar Eisbären, die immer wieder in Sichtweite der in Brunft befindlichen Walrosse auftauchten, in keiner Weise zu beeindrucken schien. Es war Frühling auf der Wrangel-Insel, die Hochsaison für Walross Sex und überhaupt Balz- und Paarungszeit für alles was schwimmen, fliegen und laufen konnte. Nicht umsonst wurde die Wrangel Insel von der Unesco zum Weltnaturerbe erklärt. Unser Beobachtungseifer ließ gezwungener Maßen nach, denn unser Leitwolf Nikolaus Tachinsky machte uns nachdrücklich auf den Zeitplan aufmerksam und darauf, dass wir die Basisstation in plus -minus sechs Stunden erreichten mussten, wollten wir nicht in der baumlosen Tundra übernachten, was im Hinblick auf die beachtliche Eisbär Population in keiner Weise empfehlenswert erschien. Nach zwei Stunden Marsch durch den zeitweilig nachgiebigen Tundraboden, aus dem das Schmelzwasser quatschend unter unseren Stiefeltritten hervorquoll, vernahmen nicht nur meine Ohren das dumpfe Brummen eines nur zu vertrauten Flugobjektes, das sich innerhalb weniger Minuten zu einem brausenden Dröhnen steigerte und die Luft und den Tundraboden um uns herum in höllische Schwingungen versetzte. Dies war untrüglich der Atem eines Mil MI-26, die unheilvolle Stimme des größten Transporthubschraubers der Welt in Diensten der russischen Luftwaffe. Knapp Hundert Meter von uns entfernt setzte dieses fliegende Ungeheuer wie eine riesige Raublibelle genau auf Augenhöhe zu unserem Team in den sandig-kiesigen Grund der Tundra, um uns das Ende unseres Forschungsauftrags auf der Wrangel Insel zu verkünden.
„Das war es dann Kollegen, die nächsten Jahre genießen wir Gratisaufenthalt in einem Gulag - oder verschwinden in einer Sumpfgrube - wie jene Mammuts vor viertausend Jahren, die wir so gerne ausgraben würden“ tönte eine Stimme aus der kleinen Schar erschrockener Forscher und Archäologen. Nichts von dem geschah, alles kam anders.
„Rückflug nach Jakutsk, der Hauptstadt von Jakutien„ - mehr war vom Piloten des Mi-26 und dem begleitenden Offizier des zuständigen Ministeriums in Jakutsk nicht zu erfahren. Alles einsteigen, unsere Ausrüstung wird bereits vom Basislager abgeholt und gleichfalls nach Jakutsk gebracht. Im allgemeinen Tohuwabohu tauschte ich die Fotochipkarte meiner Kamera gegen eine No-Name Karte mit weniger bedeutenden Gelegenheitsaufnahmen von den Kollegen des Teams; während die Fotochipkarte mit den pikanten Aufnahmen vom Havaristen, des Atom U-Bootes K-217, den Weg in einen Ort fanden, zu dem sonst nur mein Facharzt, seines Zeichens Proktologe, Zugang hat. Die Mil Mi-26 verfügt dank meiner Kenntnisse aus früheren Flügen mit diesem Ungetüm über zwei Toiletten - eine für die Crew und eine für die Passagiere. Diesen technischen Vorteil machte ich mir zu Nutze, und mein vorgetäuschtes Flugunwohlsein erzeugte weder bei der Crew noch beim Offizier des Ministeriums Argwohn, und so trat ich rasch den Gang zur Toilette an, derweil sich die Mil Mi-26 mit dem infernalischem Gebrüll ihrer Turbinen in den graublauen Wrangelhimmel hob, eine scharfe Süd-Ost Kurve beschrieb, um dann ihren Weg auf Jakutsk zu nehmen, wo uns sonst was erwartete - und hoffentlich nicht der Gummifingerling eines Internisten der danach trachtete, in meinem Allerwertesten auf Goldsuche zu gehen. Für besonders wertvolle Dinge aus Gold - etwa den Ehering oder eine Uhr, gab es kein besseres Versteck als den eigenen Arsch - so mein Vater, der als U-Bootfahrer aus Erfahrung wusste, dass weder die Amis noch die Tommys in den Arschlöchern ihrer Gegner nach Preziosen oder Gold - in welcher Form auch immer - suchten. In der Kacke anderer zu wühlen, entsprach nicht dem angelsächsischen Standeshabitus, also ließ man es bleiben, wenn auch der Gegner sich ungeachtet dessen für das arische Gehänge des Feindes interessierte - besonders die Assistentinnen der Ärzte und die Ärztinnen im Besonderen. Nichts dergleichen geschah, nicht einmal eine irgendwie geartete Vernehmung oder Untersuchung, was für russische Verhältnisse mehr als ungewöhnlich - wenn nicht zu sagen geheimnisvoll war, was für meine und die Stimmung der Kollegen im Team in keiner Weise förderlich schien, wussten wir doch dieses völlig konträre Verhalten unserer Gastgeber nicht zu erklären. Nach weiteren zwei Stunden des Wartens in einem separaten Saal des Flughafens von Jakutsk, der die Aussicht durch die Isolierglasscheiben des Saales der Raumfahrt auf die mächtige Lena gestattete, die ihre gewaltigen Fluten wie flüssiges Silber am Hauptstadtflughafen vorbei schob, wobei uns der Aufenthalt durch ein üppiges sibirisches Büffet mit allem was das Herz begehrte versüß wurde, betrat eben jener Offizier aus dem Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der Republik Jakutsien unseren Saal, in dem ein Dutzend Wissenschaftler und Forscher aus fünf Nationen in gelöster Stimmung - gutes Essen, Wein und Wodka taten ihre Wirkung, die offizielle Vertretung der Republik Jakutsien lautstark mit „Do bar dan - Gospondi General“ begrüßte. Dem Gesicht des Offiziers, seine ethnisch-kirgisische Herkunft ließ sich nicht leugnen, war keinerlei Regung zu entlocken, aus der man auf seine Gemütslage oder gar seinen Eindruck von dieser fröhlich fabulierenden Schar internationaler Wissenschaftler unter Leitung des anerkannten russischen Mammutexperten Nikolaus Tachinsky schließen konnte.
„Meine Herren - darf ich um ihre Aufmerksamkeit bitten. Im Namen des Forschungsministeriums der Republik Jakutien darf ich sie herzlich in unserer Hauptstadt begrüßen. Wir bedauern es unendlich, dass sie ihren Forschungsauftrag auf der Mammutinsel Wrangel nicht durchführen können. Unvorhergesehen Ereignisse machten es leider notwendig ihren Aufenthalt auf Wrangel vorzeitig zu beenden. Wir haben stattdessen eine andere Forschungsreise für sie - sozusagen als Entschädigung für die erlittene Ungemach - und zwar zu den Ljachow-Inseln. Ihr Flug geht in einer Stunde von diesem Flughafen. Alle Ausrüstung befindet sich bereits in der Verladung - sie brauchen sich nicht zu beeilen - unsere Mitarbeiter werden sie abholen und direkt zum Flugzeug bringen. Von Jakutsk aus fliegen sie nach Nighneyansk, und von dort mit einer Mil Mi-26 zum Marinestützpunkt auf der Kleinen Ljachow Insel, wo wir für sie eine Überraschung bereit halten, die ihresgleichen auf dieser Welt nicht hat. Das war es auch schon von meiner Seite, ihnen allen einen guten Flug, viel Erfolg bei den Mammuts und weiterhin alles Gute. Dobar dan - Gospondis - druschba.“
Jakutien - östlicher als dieses Mitglied der GUS in Sibirien geht nicht mehr. Dieses Land ist nicht nur das unwirtlichste, kälteste und klimatologisch extremste Land der russischen Föderation, sondern auch das Reichste. Dennoch leben hier von den rund 150 Millionen Russen gut 1 Million Menschen, die meisten in den wenigen größeren Städten, etwa 15 Tausend in den Abbauregionen der Reichtümer des Landes, wo Gold, Mangan, Erdöl, Diamanten und Elfenbein in traumhaften Mengen gefördert werden. Würde Russland alles Gold und alle Diamanten die es in seinen Tresoren hält auf den Weltmarkt werfen, käme das einem „Black Friday“ wie 1929 in New York gleich. Aber daran hat weder in Moskau noch in Jakutsk, der Hauptstadt Jakutiens irgend jemand auch nur den Hauch eines Interesses. So lernte ich nach dem kürzesten Aufenthalt meiner Laufbahn auf einer Insel in der Neusibirischen See nicht nur die Gastfreundschaft der Jakuten kennen und schätzen, sondern auch noch Sibirien von oben, eine kleine Ortschaft am Rande der Ljachow See und einen rund dreieinhalbstündigen Flug mit der Mil Mi-26 über das offene Meer, das im ewigen Licht der nahenden Mittsommernächte wie golden schimmerte und die Anstrengungen der vergangenen Tage und Stunden vergessen machte. Die Stimmung im Forscherteam an Bord der Mil Mi-26 konnte besser nicht sein, wenn auch die Folgen des Büffets in Jakutsk, vor allem der Genuss von Wein und Wodka ihre Wirkung nicht verfehlten und einen nach dem anderen in einen mehr oder weniger lautstarken Schlaf sinken ließ, der nur vom gleichmäßigen Heulen der Turbinen übertroffen wurde. Auf der Kleinen Ljachow Insel landeten wir kurz nach Mitternacht auf dem Versorgungsstützpunkt der Flugbereitschaft Marineaufklärung, deren Mitarbeiter uns wie Freunde begrüßten und sich alle erdenkliche Mühe gaben, uns angemessen unterzubringen. Wir bekamen sogar Einzelzimmer im Casino der Offiziere, was mehr war als nur eine freundliche Geste - es war eine große Ehre die uns dort zuteil wurde. Bevor mich die Engel der Nacht endgültig auf ihren Schwingen davontrugen, musste ich noch meinen intimen Freund von seinem Untermieter befreien, der sich inzwischen nachhaltig bemerkbar machte, sein enges und dunkles Asyl zu verlassen.
„Das Leben hat im wahrsten Sinne auch beschissene Seiten“ brummelte ich halblaut vor mich hin, derweil ich meinen Enddarm mit eingeseiftem Zeigefinger von seinem Untermieter erlöste. Während dieses metaphysischen Vorgangs drängte sich mir die Vorstellung auf, dass die Deutschen stetig mehr zu einem Volk von Enddarmbewohnern mutieren; sie kriechen jedem in den Arsch, nur um ja nicht anzuecken - wie soll das in einem Enddarm überhaupt möglich sein? Scheiß der Hund drauf, Life ist halt eben Live. Nachdem ich diese Prozedur zu meiner Zufriedenheit erledigt ansah wurde mir nachhaltig bewusst, dass ich mit elf weiteren Kollegen durch die Havarie eines russischen Atom U-Bootes vor der Küste der Wrangel Insel nicht nur in die Hauptstadt Jakutiens gelangt war, mich mit elf weiteren „Akademikern“ an einem Büffet und der Gastfreundschaft der Jakuten berauschte, um von dort in einem Nachtflug quer über Sibirien nach Klein Ljachow mit Zwischenstopp in Nighneyansk zu fliegen. Dort sollte eine große Überraschung auf uns warten. Aber was gab es hier auf den Ljachow Inseln - außer Gletscher, Tundra, Sumpf und Moor - und Mammuts, und zwar das kleinwüchsige Wollhaarmammut, etwa so groß wie unsere heutigen Elefanten. Es existierten auch Mammuts, die waren etwa doppelt so groß und bevölkerten die weiten Steppen des Eurasischen Großraumes und brachten es auf ein Gewicht von rund fünfzehn Tonnen bei fast vier Metern Schulterhöhe - ein Koloss von einem Säugetier - ein gewaltiges Geschöpf der Evolution das Tag und Nacht nur ein Bedürfnis hatte - fressen ohne Ende, um seinen mächtigen Leib am Leben zu halten. Es soll in der Tat auch Angehörige der menschlichen Population geben, die ohne Maß und Ziel alles in sich rein stopfen, dessen sie habhaft werden können, und gegen die sich ein Flusspferd im wahrsten Sinne des Wortes „grazil“ ausnimmt. In Nagano, Präfektur Nagano nahe dem Jigukudani Affenpark, der berühmt ist für seine Rotgesichtmakaken die in strengen Wintern regelmäßig aus dem Bergland ins Tal zu den heißen Quellen pilgern, um dann darin ausgiebige Bäder zu genießen, gönnte ich mir noch vor dem großen Tsunami und der Reaktorhavarie in Fukujima einen Besuch im Katsimoto Stadion, wo die traditionellen Honshu Sumo Meisterschaften ausgetragen werden. Die größte der japanischen Inseln hat einiges zu bieten, das für Fotografen, Buchautoren, Wissenschaftsjournalisten, Sexualtherapeuten, Masseure jeglicher Art sowie ergraute Abenteurer aufregender und spannender ist als vieles von dem, was mir mein Leben, das wahrlich nicht arm ist an bewegenden Erinnerungen, bislang bescherte. Die Makaken in den heißen Quellen bei ihren Badezeremonien zu beobachten ist eine von diesen Erinnerungen, die mich bis heute in ihren Bann ziehen. Eine weitere ist die Begegnung mit diesen Fleischbergen - genannt Sumo Ringer, die oftmals ein Körpergewicht von zweihundertfünfzig Kilogramm und mehr erreichen, dabei aber extrem muskulös und beweglich sind, was ob der Masse an Fleisch und Fett nicht zu vermuten ist. Eintöpfe sind das Lieblingsgericht der Sumo Ringer, welche sich die Nimmersatte selbst zubereiten, was zum einen der Samurai Tradition und ihrem Kodex entspricht, zum anderen halt der spezifischen Zutaten wegen, die von Protein und Eiweiß nur so strotzen. Hier hat jeder Sumo seinen eigenen Ernährungsstil, den er hütet wie seinen Augapfel. An diese menschlichen Kolosse muss ich denken, wenn es auf das Thema Ernährung einerseits und das pausenlose futtern bei bestimmten Pflanzenfressern andererseits kommt. Da wundert es nicht, dass diese pflanzenfressenden Kolosse extrem abhängig waren von klimatischer Beständigkeit, denn ihr Überleben hing zweifelsohne vom Wachstum der Gräser und Kräuter ab, die Jahrein Jahraus die schier endlosen Steppenlandschaften wie einen dichten Teppich überzogen. Das hat in letzter Konsequenz zum Aussterben zahlreicher großer Pflanzenfresser geführt, wobei der aufstrebende, jagende Steinzeitmensch sicher auch einen gewissen Anteil am Untergang der Riesensäuger trug, aber das nur am Rande. Der Klimawandel sorgte letztlich auch dafür, das weite Teile der Nordhalbkugel unseres Planeten von riesigen Eismassen überzogen wurde, und die Mammute zu Anpassungen zwang, die sie nicht stemmen konnten, was letztlich zu ihrem Tod führte. Das Eis der Jahrtausende und der Permafrostboden konservierte die sterblichen Überreste der Mammute in zum Teil erstaunlich guten Zustand. Es rotieren Geschichten, wonach sibirische Elfenbeinjäger das Fleisch gefrorener Mammute an ihrer Schlittenhunde verfütterten, um sich so die Jagd auf Elche und Rentiere zu ersparen. Die Hunde haben das überlebt, sind aber später rasend geworden, als ihnen fingerlange Zähne durch die Kiefer wuchsen, so die unheimlichen Geschichten aus dem Eiskeller des größten Landes der Erde. Ob der Genuss alten Fleisches auch bei Menschen zu langen Zähnen führt? Immerhin könnte man dann die Existenz von Werwölfen mit ein wenig Glaubwürdigkeit unterbauen. Dass die Russen daran arbeiten den Mammuts in der sibirischen Taiga und Tundra eine zweite Chance zu gewähren, ist hinlänglich bekannt. Auf Ljachow, jener kleinen Inselgruppe im Neusibirischen Eismeer, fanden Naturwissenschaftler und Paläontologen in jenem Jahr 2013, als es mich und andere Kollegen von Wrangel über Jakutsk nach Ljachow verschlug, ein Mammutkalb, dem sie den Namen „Butterblume“ gaben. Das war an sich nicht übermäßig sensationell - Mammutkälber - ja komplette Mammutfamilien wurden schon häufiger gefunden, aber an diesem Kalb war alles anders. Es war vollständig erhalten, in keiner Weise verwest und sein Fleisch schimmerte rosa und roch entsprechend seines Alters „angenehm“. Was aber die Wissenschaftler schier aus dem Häuschen brachte war die Tatsache, dass das Blut im Körper das Kalbes noch flüssig war und kräftig rot schimmerte. Das war damals die große Überraschung die uns auf Ljachow versprochen wurde, und bei der ich zugegen sein durfte die große Ehre hatte. So ein Erlebnis gewährt einem das Schicksal nur einmal im Leben. Soviel zu Jakutien und dem anderen drum herum.
Rückruf in die Murmansker Realität durch Natalie zwei und ihr sinnliches Lippenpaar, welches selbst Eisbären zum Schwitzen bringt.
„Meine Damen und Herren“ unterbrach die Stimme von Valeria Dernikowa meinen gedanklichen Ausflug in die geistigen Abstellkammern meines Erinnerungsvermögens - auch Langzeitgedächtnisses genannt, die mich wie das Schlagholz eines Baseballspielers in die Jetztzeit des Jahres 2016 zurückschleuderte - gerade noch rechtzeitig, um vor dem Einschiffen oder Einchecken an Bord der Georgi Schukow die letzten Anweisungen und Empfehlungen zu vernehmen, bevor wir dem Saal der Marine auf Wiedersehen sagten.
„Gibt es noch allgemeine Fragen zum Verlauf der Unternehmung, die nicht in ihren Unterlagen abgehandelt wurden? Also keine speziellen Fragen zu den einzelnen Forschungsaufgaben, Experimenten oder Tauchgängen - selbige werden sie an Bord der Georgi Schukow mit Kapitän Viktor Satchev und seiner Mannschaft besprechen. Der Zeitplan dazu wird ausschließlich nach Maßgabe der Wetterbedingungen im Einsatzgebiet festgelegt, so dass hier und jetzt darüber nicht diskutiert werden kann. - Also - noch Fragen - wenn nicht, dann schließe ich die Begrüßung und bitte sie Ihre Unterlagen an sich zu nehmen und den markierten Weg zum Ausgang der Empfangshalle zu gehen. Dort wird sie das Einschiffungspersonal der Hafenmeisterei begrüßen und sie nach Abgleich mit den personifizierten Kennkarten, die sie alle umgehängt tragen, bis zum Passagieraufzug geleiten, der sie hinauf in den Empfangsbereich bringt, wo ihre Personalien erneut festgestellt werden, damit niemand unterwegs verloren geht. Ihre Sicherheit und ihr Wohlbefinden an Bord der Georgi Schukow hat bei uns und der Mannschaft der Georgi Schukow höchste Priorität. Also dann - begeben wir uns zum Ausgang der Empfangshalle“ endete Valeria Dernikowa ihren Einführungsvortrag zum bevorstehenden Fahrt der Georgi Schukow in das Atlantische Nordmeer.
Rosenstrauch - Klon oder Chimäre?
„Eine Frage habe ich - bitte schön an sie Frau Dernikowa. Ich heiße Rosenstrauch - Sarah Rosenstrauch vom Koninklijk Nederlands Instituut vor Onderzoek der Zee, kurz NIOZ in ´t Horntje auf Texel.“
„Bitte Frau Rosenstrauch - aber nur eine Frage - kurz und knapp“.
„Haben Sie Serum gegen SARS-Vo-1 Covid an Bord - und sind alle Teilnehmer und Mannschaften dagegen geimpft? Es gibt doch eine Krankenstation auf der Georgi Schukow“, schloss Sarah Rosenstrauch ihre Frage.
„Für die medizinischen Fragen ist der Bordarzt zuständig. Sie haben später Gelegenheit sich mit ihm darüber zu unterhalten. Also dann - meine Damen und Herren, auf geht es - ein großes Ereignis steht ihnen bevor“ antwortete Valeria Dernikowa ebenso kühl wie höflich auf die Frage von Sarah Rosenstrauch.
Während wir den Saal der Marine in Richtung Empfangshalle verließen, öffneten sich die großen Türflügel des Saales der U-Boote, aus dem nun gleichfalls die Kolleginnen und Kollegen der fernöstlichen Teams heraustraten, um sich unseren Teams anzuschließen. Derweil liefen in meinem Kopf die Erinnerungen an jene Expedition wie ein Film ab, die ein gewisser Yoshua Rosenstrauch im Jahre 1995 im Eisbunker Amerikas, in Alaska, durchführte, von wo aus das bis dahin als ausgestorben geltende Virus H1N1 der Spanischen Grippe, eines extremgefährlichen Erregers, erneut in die Welt kam, was damals nicht wenige Wissenschaftler und Forscher als genialen Forschererfolg bejubelten. Sarah Rosenstrauchs Großvater, ein gewisser Valentin Roskastowitsch, der dem stalinistischen System zunächst gesonnen, später aber auf mysteriöse Weise bei den Israelis auftauchte, denen das Einmaleins der Atomphysik sehr anschaulich beibrachte, im Handumdrehen zum jüdischen Glauben konvertierte und sich den Namen Menachem Rosenstrauch patentieren ließ, klopfte anschließend bei den US-Amerikanern an und bat um Asyl, was er innerhalb weniger Stunden erhielt. Die Staatsbürgerschaft mit amtlichem Pass war da reine Formsache. Dieser Menachem Rosenstrauch war ein hoch dekorierter Atomphysiker, Bio-Neurologe, Virologe, Chemiker und Visionär, der den Amerikanern unter anderem den Bau einer Nuklearbasis tief unter dem grönländischen Eis schmackhaft machte, von wo aus im Ernstfall Atomraketen auf die Sowjetunion abgeschossen werden könnten. Menachem Rosenstrauch sammelte Doktoren und Professoren Titel wie andere Menschen Briefmarken, und niemand wusste wirklich genau, womit er sich tatsächlich beschäftigte. Selbst die engsten Mitarbeiter seiner Labore bekamen nur so viel an Information, wie sie für die Abarbeitung der gestellten Aufgaben in ihrem Ressort benötigten. Es wurde sogar gemunkelt, dass Rosenstrauch am Thermonuklearprogramm der Sowjets, unter anderem an jener berüchtigten Zarenbombe im Team um Sacharow mitgetan hatte, und als Sacharow ob der berechneten Wirkung dieses Wasserstoffmonstrums Albträume und im wahrsten Sinne des Wortes Kalte Füße bekam, änderte er die notwendigen Parameter und zähmte das Projekt zu einem weniger „gehaltvollen“ Knallbonbon. Rosenstrauch blieb das nicht verborgen, und listig wie verschlagen er war, hintertrug er das Vorgehen Sacharows dem zuständigen Projektleiter im Militärministerium für Nuklearforschung. Was folgte ist bekannt - Sacharow landete in der Verbannung und Rosenstrauch wurde Teamleiter des Entwicklungsprogramms der Zarenbombe - kurz Projekt Peter der Große genannt. Was die Nuklearstation der USA auf Grönland betraf, so haben die US-Militärs tatsächlich angebissen und dieses Vorhaben mit immensen Mitteln voran getrieben. Bekannt wurde dieses als mineralogisches Forschungsprojekt getarnte Militärvorhaben über den Aktionfilm „Eisstation Caribou“. Nach einigen Jahren gaben die Amerikaner den weiteren Ausbau der Anlage tief unter dem Eis auf, da sie die Beweglichkeit und Drift der Eismassen nicht oder ungenügend bedacht hatten. Hals über Kopf verließen sie das Century Camp, welches nun angefüllt mit radioaktivem Abfall, Dieseltreibstoff und anderen chemischen Abfällen, eingehüllt wie ein übergroßer dicker Schneeball in Richtung Gletscherzunge unterwegs ist, wo es dann, wenn zuvor nichts an der Sicherung oder Entfernung dieses Sondermülls getan wird, vom Gletschereis in den arktischen Ozean geschoben und dort zu einer Umweltkatastrophe ungeahnten Ausmaßes führen wird. Die Grönländer versuchen seit Jahren die Regierung in Kopenhagen zu ersten Schritten gegen die USA zu bewegen, um diese hochgefährliche Hinterlassenschaft zu beseitigen. Bislang ohne Ergebnis, alles sieht nach Vertuschung aus, und so sahen die Grönländer keine andere Möglichkeit, als die komplexe Sachlage an die internationalen TV- und Printmedien weiterzuleiten. Der Effekt war überwältigend, und die Verantwortlichen in Kopenhagen und Washington beginnen sich zu bewegen. Überdies tat sich Rosenstrauch auch als Paläontologe und Eugeniker hervor, wobei es ihm in fragwürdigen Experimenten gelang, Hunden und Kälbern je einen weiteren Kopf anzupflanzen, der eigenständig fressen und trinken konnte und sogar mehrere Tage mitsamt Kalb überlebte. Filmdokumente belegen die Echtheit dieser schrecklichen Geschehnisse. Von da an hieß er im Kollegenkreis nur noch Dr. Frankenstein. Sein Sohn Yoshua Rosenstrauch war hernach der Leiter jener Expedition, die das teuflische Virus H1N1 im Jahre 1995 erneut in diese Welt brachte. Derzeitiger Aufenthaltsort des Virus H1N1 ist ebenso unbekannt wie die Adresse seines Gottvaters Yoshua Rosenstrauch. Seine Tochter Sarah Rosenstrauch machte nun als Virologin und Ozeanografin bei den Niederländern Karriere. Was es doch für Zufälle im Leben und auf dieser Welt gibt. Angeblich hat dieser Menachem Rosenstrauch alias Valentin Roskastowitsch Anfang der 2000er Jahre den Löffel weggelegt, aber sicher bestätigt ist diese Information bis heute nicht. Gut möglich, dass er in einem Ultra geheimen Labor irgendwo im Eiskeller Alaskas, in Sibirien oder der Negev Wüste weiterhin seinen bizarren Experimenten und Eugenikversuchen frönt, von der Entwicklung neuer, noch gefährlicherer Viren ganz zu schweigen.
„Wir betreten die Empfangshalle - bitte halten sie ihre Kennkarten gut lesbar in der Hand vor ihre Brust, damit das Einlesen zügig vonstatten geht“ ertönte die glockenhelle Stimme unserer charmanten, russischen Alphawölfin, während meine Augen und Gedanken versuchten, das anmutige Wesen von Sarah Rosenstrauch und den wirklichen Grund ihres Hier seins als Naturwissenschaftlerin, Ozeanographin und Virologin im Dienste der NIOZ auf Texel in den Niederlande zu analysieren. Das übliche Prozedere nahm seinen Gang, das individuelle Small Talk unter den Teammitgliedern an Intensität zu, derweil sich die Akademikerschar wie ein Jugendchor aufgeregter Pennäler schlaksigen Schrittes auf den Kontrollbereich zu bewegte, wo mehrere - in blaue Marinekostüme gekleidete außergewöhnlich hübsche Frauen - ohne Zweifel Murmansker Russinnen, ihre freundlich-dienstlichen Blicke wie Scanner über die Kennkarten der Frauen und Männer gleiten ließen, um sie augenblicklich mit dem lebenden Konterfei und dem Foto auf der vorliegenden Anwesenheits-Bordliste zu vergleichen. Die Qualität der KGB Schule war unverkennbar und ließ mich trotz meiner jahrzehntelangen Erfahrungen im Umgang - nicht nur mit russischen Geheimdienstmitarbeitern - sondern Aufpassern und Aufpasserinnen weltweit immer wieder aufs Neue staunen und dabei doch nicht überrascht sein, denn der Ausbildungs- und Lerneffekt in allen Geheimdiensten und jenen, die sich ausbilden und anlernen lassen, gleicht sich fast wie ein Ei dem anderen, mochten die Systeme in denen sie implantiert sind, noch so verschieden sein, was dem Überwachungswahnsinn auf allen Seiten eine Methode verleiht, die so durchschaubar und transparent ist wie eine frisch geputzte Fensterscheibe. Durch die großflächige Fensterfront auf der anderen Seite der Empfangshalle gewahrten meine Augen im hellen Licht der immer noch hoch stehenden Sonne - es ging gegen immerhin auf 19.30 Uhr zu, und der Auslauftermin für die Georgi Schukow war auf 20.00 Uhr festgemacht. Es würde die ganze Nacht hell bleiben, daran änderten auch die schwarzen Vorhänge vor den Kabinenfenstern nicht das Geringste. Mir kam eine Episode in den Sinn, die ich als junger Mann auf einer Backpacker Safari durch Finnlands Norden - Lappland - erlebte. Ich nächtigte für einige Tage in einem kleinen Dorf der Saami Lappen und erlebte zum ersten Mal hautnah im Hochsommer das Erlebnis der Mittsommernacht, jenes unvergleichlichen Erlebnisses, wenn die Sonne nicht hinter dem Horizont versinkt sondern vierundzwanzig Stunden präsent ist. Schwarze Vorhänge vor den Fenstern sorgten bei mir für ein gehöriges Unwohlsein - vermutete ich doch tatsächlich, dass in diesem Raum kürzlich ein Mensch gestorben ist oder dieses Zimmer im allgemeinen als Aufbahrungs- oder Todeszimmer genutzt wird. Meine Wirtsleute haben sich ausgeschüttet vor lachen und konnten sich kaum beruhigen, bis sie mir dann erklärt haben, was es mit den schwarzen Vorhängen auf sich hat. „Sichtschutz - damit wir schlafen können - Mitsommer - da scheint auch in der Nacht die Sonne.“ So einfach können komplexe physikalische Dinge sein. Und eben durch diese großflächige Fensterfront gewahrten meine Augen eine gewaltige stählerne Masse - versehen mit einem langen roten Band, das irgendwie aus dem Hafenbecken herauswuchs und diesen Stahlkoloss wie eine Schärpe umhüllte, die wiederum in einen mächtigen blauen Leib überging, der von einem weißen, strahlend hellen Aufbau gekrönt wurde und sich wie das Schloss eines Riesen aus diesem Stahlberg erhob - majestätisch, machtvoll, elegant - die Brücke der Georgi Schukow und den darunter befindlichen Decks für die Passagiere und Besatzungsmitglieder. Von Nordwesten hatte die Bewölkung aufgelockert, was nicht nur mir während des Vortrags von Frau Valeria Dernikowa im Saal der Marine aus verständlichen Gründen entgangen war. Die Sonne stand noch hoch im Westlichen Himmel und ließ ihr helles Licht wie einen silbernen Fluss über die Stadt Murmansk, die Kola-Bucht und den Liegeplatz der Georgi Schukow gleiten, was die Konturen der Gebäude, Schiffe und Hafenanlagen in pastellfarbene Gewänder hüllte.
Pariser Baguette - ein schnarchendes Rhinozeros - die Georgi Schukow
„Nicht schlecht Monsieur Bergerdamm, die Russen haben an alles gedacht. Pünktlich zum Auslaufen klart das Wetter auf und beschert uns eine waschechte Mittsommernacht - très bien - je suis Bernard Panteneau vom Institut Louis Pasteur an der Sorbonne in Paris…“
Überrascht von der plötzlichen Ansprache durch Monsieur Panteneau verschlug es mir zunächst eine entsprechende Antwort auf eine derart belanglos-banale Feststellung, und bevor ich mich noch für die Muttersprache meines ungewollten Kabinennachbarn entscheiden konnte, fiel mein Blick eher gewohnheitsmäßig auf das Außenthermometer an der Wand des Empfangssaales, und was ich dort an meteorologischen Daten ablesen konnte, überraschte mich über alle Maßen. Schließlich befanden wir uns hinter dem Polarkreis in der nördlichsten Stadt der Welt, und da waren Temperatursprünge von mehr als zwölf Grad Plus in ein paar Stunden in keiner Weise die Norm. Die Skala signalisierte uns einen Wert zwischen zweiundzwanzig und dreiundzwanzig Grad - etwa 75 Grad Fahrenheit über dem internationalen Nullpunkt. Ich tippte leicht mit dem Mittelfinger auf die Isolierscheibe, aber der Gradmesser bewegte sich keinen Millimeter. Noch ein, zwei Versuche wagte ich, dann gab ich meine Bemühungen auf, eine nach meinem Empfinden passende Temperaturanzeige zu erhalten. Der Luftdruck stieg und näherte sich der 1020 Hekto Pascal Marke, wo normalerweise dieser Wert auf Meereshöhe bei 1013 Hekto Pascal liegt. Das ließ nur einen Schluss zu; ein Azorenhoch vom Zentralatlantik jagte mit Affengeschwindigkeit in Richtung Europa, wobei es die vorgelagerten Luftmassen wie eine Tsunami Welle vor sich her schob. Der Himmel würde sich in rascher Folge mit dicken weißen Haufenwolken füllen, die wie eine Schafherde in Richtung Nordosten rennen und in Verbindung mit der nachströmenden kälteren Luft für extreme Turbulenzen sorgen würden. Da könnte es leicht zu einem Hochdruck jenseits der 1034 Hekto Pascal oder höher führen. Im sibirischen Großraum ist der Gebrauch der Fahrenheit Skalen auch heuer noch weit verbreitet. So ist es nicht ungewöhnlich, dass in Südsibirien im Sommer Temperaturen bis zu 30 Grad herrschen können, was den Bewohnern jener Regionen nicht nur helle und warme Nächte, sondern ebenso Milliarden von Moskitos beschert, die das Leben in diesen Extremzonen nicht unbedingt als angenehm einstufen. Im Klartext lasen sich diese Werte wie zwei aufeinander zufahrende Expresszüge von denen nicht anzunehmen war, dass der jeweils andere seine Geschwindigkeit verringern würde. Entweder klarte es sich tatsächlich komplett auf und wir fuhren in ein klassisches Mittsommerhochdruckgebiet hinein, oder der germanische Donnergott Thor packte seinen Hammer aus und ließ das nordatlantische Meer überkochen, wobei mir beim letzten Gedanken schon jetzt üble Gefühle durch den Bauch krochen. Das von Südwesten her hereinströmende Windfeld muss gewaltige Ausmaße haben, da es die nun rascher am Himmel vorbeiziehenden Wolkenblöcke mit einer Gewalt auseinanderriss, wie ich es in meinem bisherigen Leben auf derartigen Events selten erlebte. In meinen Kolleginnen und Kollegen erwachte nun gleichfalls ein gesteigertes Interesse an den Vorgängen in der Wetterküche über Murmansk und dem nördlichen Eismeer, wobei sich die bedenklichen Bemerkungen mit den euphorischen in etwa die Waage hielten. Aber das könnte sich ganz schnell ändern, wenn die Georgi Schukow erst in freies Wasser einfährt, die offene See erreicht. Die Erinnerungen an meine Kotz- und Würgefahrten auf Großseglern im Südatlantik und der Karibik inmitten tropischer Wirbelstürme stiegen von einem zum anderen Augenblick aus den Windungen meines Hirns empor, ergriffen von meinen visuellen und akustischen Wahrnehmungen Besitz und drängten meine sachlich-fachlichen Beurteilungsparameter gnadenlos in den Grund des Atlantiks. Jene damaligen Erfahrungen klebten an mir, in mir wie bösartige Tumore die nur darauf warteten, ihr Metastasenwerk erneut zu beginnen. Ganz in Gedanken entgegnete ich entgegen meiner Auffassung:
„Qui Monsieur - es wird eine klassische Mittsommernacht mit Wodka, Weib und Kasatschok. Viel Vergnügen dabei - ach - sie möchten in meiner Kabine nächtigen? Daraus wird nichts werden - ich bin Selbstzahler und habe meine Kabine für mich gebucht - als Alleinunterhalter. Zudem bin ich stockschwul, was ihren Hinterbacken enormen Stress machen würde - und ich schnarche wie ein Rhinozeros - Monsieur Panteneau“
Bernard Panteneau blickte mich ungläubig, ja - ein wenig fassungslos und entsetzt an, schluckte zwei Mal und sprach dann tonlos wie abwesend „Mon Dieu - das ist grausig - das ist unfassbar - das muss ich sofort Frau Dernikowa vorlegen - sie muss das ändern lassen - ich brauche ebenso eine Einzelkabine oder fliege zurück nach Paris…“
Trocken wie ein Furz in einem Sahara Wadi entgegnete ich Monsieur Panteneau
„Bon Voyage Monsieur Bernard Panteneau - grüßen sie mir den Eiffelturm, das Moulin Rouge und Professor Valjean Deveraux von der Sorbonne“.
Ich brauche keinen Mann als Kabinenmitbewohner, egal welcher Nationalität; ich will für mich allein sein, schließlich bezahle ich meine Teilnahme an der Eismeerexpedition Nordatlantik aus eigener Tasche. Wenn schon eine zweite Person in meiner Kabine, dann eine dralle Maid die es mir altersgemäß tüchtig besorgt, so meine spätpubertären Altmännerfantasien aus der anderen Dimension. Ansonsten will ich schlafen wann ich will, frühstücken wann ich will und mir einen Blasen lassen wenn ich es nötig zu haben glaube. Ich rauche nicht, ich trinke nicht, keine anderen Drogen, kein Fleisch, viel Gemüse, Rohkost und Obst. In meinem eigenen Garten kultiviere ich ausschließlich Pflanzen aus eigener Anzucht, die Betreuung übernimmt während meiner Abwesenheit ein pensionierter Landwirt, der mir in „jungen Jahren“ die Prinzipien des ökologischen sowie ökonomischen Anbaus auf der eigenen Scholle geduldig beibrachte. Die Menge der Erzeugnisse reichte mehrfach für seine eigene Familie sowie für eine nahe gelegene „Seniorenresidenz“, deren Betreute entweder eigenständig vorbeischauten und gemeinsam mit dem pensionierten Landwirt auf „Beute“ ausgingen, oder der Küchenchef kam einmal die Woche mit Azubi und holte sich die kostenlose Spende für seine Schäfchen ab. „Wenn das Essen nicht schmeckt, ist es mit dem Burgfrieden vorbei. Mit den Mahlzeiten unzufriedene Senioren haben schon manchen Küchenchef frühzeitig in die ewige Pensionierung geschickt„. Mit Erschrecken stellte ich fest, dass sich mein Kontrollscheck den in Oliv gehaltenen Gepäckdurchsuchungstischen näherte. Es war an der Zeit meine nostalgischen Gedankenausflüge in den Zeittakt der Murmansker Realität zurückzufahren und mich auf jene Dinge zu konzentrieren, die für meinen Aufenthalt an Bord der Georgi Schukow von Bedeutung waren. Den Kollegen aus Frankreich war ich los, so hoffte ich inständig, und was meine Schnarch Kompositionen betraf, so waren sie akustisch über denen eines startenden Eurofighters anzusiedeln. Dass würden bald all jene zur Nachtruhe erfahren, die in ihren Kabinen um mein Domizil auf Zeit untergebracht waren. Schon aus diesem Grunde buchte ich stets Einzelkabine mit Meerblick - dass mir Valeria Dernikowa einen französischen Kollegen unter die Bettdecke schieben wollte, empfand ich als originellen Gag, dem ich gleich nach der Identitätskontrolle ein konsequentes Ende bereiten würde. Der düpierte und völlig überrumpelte Monsieur Panteneau wechselte mit hochrotem Kopf zur dritten Warteschlange, wo Valeria Dernikowa den ihr anvertrauten Schäfchen genauestens unter die kapitalistische Wolle blickte. Ihr wie auch den anderen Kontrolldamen entging nicht die kleinste Anomalie, mochte sie auch für uns Westler oder die asiatische Abordnung ohne jede Bedeutung sein - Onkel Josef ist immer noch gegenwärtig. <<Vertrauen ist gut -Kontrolle ist besser>> so die Devise Lenins. Dann ließ er die gesamte Zarenfamilie einschließlich der wichtigsten Bediensteten, Sekretäre und Berater in Jekaterinenburg erschießen. Sein späterer Nachfolger und Massenmörder Josef Stalin vereinfachte sein Denken und Handeln im Umgang mit Kritikern oder solchen, die er dafür hielt auf einfache aber furchtbare und mörderische Worte - „Ein Mensch - ein Problem - kein Mensch - kein Problem“ im Klartext - alles sofort liquidieren, was sich nicht bedingungs- und kompromisslos dem Diktat der Partei und damit seinen Befehlen und Anordnungen unterordnet. Während Stalins Terrorherrschaft starben durch seine Anweisungen mindestens ebenso viele Menschen wie im Großen Vaterländischen Krieg, der bis heute das zentrale Trauma Russlands und der russischen Bevölkerung ist und - so wie die Dinge stehen, für immer bleiben wird. Gleichwohl hindert es die Russen nicht, die Verdienste des großen Führers und Marschalls der Sowjetunion Josef Stalin bis heute in Ehren zu halten und ihn zu verehren. Standbilder, Gedenksteine, Bilder - Onkel Josef ist noch immer top aktuell und präsent.
Kontrolle - nur das Gepäck (kein Enddarm) - small talk - Visionen - Valeria Dernikowa dritte - Frühlingserwachen - Maxi Bergerdamm spurlos davon
„Ladies and Gentlemen, meine Damen und Herren, Ihre Identy Card please - das Handgepäck bitte auf diesem Tisch öffnen, thank you - vielen Dank“
In melodischem Tonfall bat uns eine der in modischem Chic gekleideten Aufpasserinnen der Atomgaz an die Tischreihe vor den letzten verglasten Türen, die uns vom Objekt der Begierde trennten - der Georgi Schukow, auf deren Gangbord sich die Besatzung wieselflink bewegte und letzte Arbeiten vor dem Auslaufen in das Nordmeer erledigte. Unter der Fahne Russlands wehte im kräftig auflandigen Wind die Flagge der Atomgaz, der Eignerin der Georgi Schukow unter Kapitän Viktor Satchev. Zwischen den Türen der Empfangs- und Abfertigungshalle und der Zuwegung in die Schotttür zwischen Vorschiff und Mittschiff, führte die fahrbare Passagierbrücke die Gäste durch die Schotttür in den Bauch der Georgi Schukow. Zahlreiche Schiffe, die sich in arktischen Gewässern bewegen, verfügen über eine derartige Schotttür an einer Rumpfseite - meistens Backbord. Bei den Hurtigrouten sind diese Schotttüren so groß, dass sie als Schotttore bezeichnet werden, da durch diese die Beladung der Hurtigschiffe erfolgt - per Hubstapler oder direkt per LKW. Bei der Georgi Schukow handelte sich um eine gepanzerte Kabine innerhalb eines geschotteten Systems, in dem ein Aufzug die zahlenden Gäste getrennt vom Bordpersonal in den sensiblen Bereichen in den Brückenbereich auf das Zentraldeck fünf beförderte.
„Madame Rosenstrauch - Sarah - your Identy Card - please“ erklang zwei Reihen neben mir zur Linken die freundliche Stimme einer charmanten und überaus attraktiven Russin, unzweifelhaft Mitarbeiterin der Atomgaz, wie an ihrem blauen zweiteiligen Kostüm mit dem aufgestickten goldfarbenen Enblem der Atomgaz Eisbrecher- und Eismeerflotte den Außenstehenden sofort ins Auge fiel. Ich riskierte auf die Schnelle ein Auge und betrachtete die attraktive Sarah Rosenstrauch, deren Vater Yoshua Rosenstrauch in den 1990er Jahren aus Alaska das Grippevirus H1N1 mit zurück in die Labore der westlichen Welt brachte. Dem Vater dieser Frau verdankte die Welt die Rückkehr eines der schrecklichsten und tödlichsten Viren auf diesem Planeten. Das machte nicht nur ihren Vater berühmt berüchtigt, sondern auch seine Tochter Sarah Rosenstrauch zum Objekt der Begierde der Geheimdienste in aller Welt. Mit den Geheimdiensten ist das so eine Sache - im Grunde alles arme Schweine mit nur einer Hirnhälfte, jedenfalls was die Funktion angeht. Wassergeflügel kommt damit gut zurecht - eine Hälfte wacht, die andere schläft. Das macht Sinn, weil Wassergeflügel - besonders das Wilde, die Nächte auf dem Wasser verbringt - aus Sicherheitsgründen. Kraniche übernachten auf ihren Stelzen gleichfalls im Nassen. So ließen sich noch zahlreiche Beispiele aus dem Tierreich anführen, etwa bei Säugetieren - Seebären, Walrosse und Robben, die stets mit einer Hirnhälfte auf dem Quivive sind, während sich die andere im Schafmodus befindet. Geheimdienstler sind in ihrer Wesensart mit so einem Einhirnhälftigen Lebewesen aus dem Tierreich vergleichbar, der Unterschied besteht darin, dass die Damen und Herren keinen wie auch immer gearteten Schlaf- und Wachmodus kennen, sondern sich ausnahmslos in einer Art Hypnoseschaltung befinden, die sofort auf Aktion umschaltet, sollten sich irgendwelche Vorgänge oder Ereignisse manifestieren, die ihren vollen Einsatz rechtfertigen. Früher nannte man diese Figuren Schläfer, obwohl hellwach und in irgendeinem Beruf integriert, vielleicht mit Familie, Freundeskreis oder anderen sinnlosen Verbindungen, die das eigene Dasein in seiner Entwicklung gegen Null führen, stattdessen die hehre Aufgabenstellung des Dienstherrn als oberstes Gebot und unfehlbare Maxime ansehen. Dafür kommt man/frau nach Dienstjahren gestaffelt in den Genuss einer Pension, gewisser Gratifikationen und einiger Vergünstigungen, die dem Normalbürger und bedeutungslosen Sterblichen nicht einmal im Traum einfallen würden zu beanspruchen. Da gab es weltweit in allen System kaum Unterschiede zwischen den Kollegen, schließlich wollte man über die andere Feldpostnummer genauestens informiert sein. Yoshua Rosenstrauch - ein Mythos unter den Geheimdienstlern, ein weltweit gesuchter Überläufer, und das gleich mehrfach. Es gab keinen renommierten Geheimdienst weltweit, der nicht auf die eine oder andere Weise von Yoshua Rosenstrauch geleimt wurde und für die Zusammenarbeit mit ihm tüchtig bezahlte. Was da an Informationen geflossen ist, war mehr als Top Secret, da rückte nicht einmal die Parkplatzaufsicht beim CIA, beim KGB, beim Mossad oder MI 6 mit heraus, wenn sie denn tatsächlich etwas wissen sollte, vom BND, der NSA, dem Deuxiéme Bureau - besser bekannt unter Direction Générale de la Sécurité Extérieure; kurz gesagt, die französischen Geheimdienste haben alle Freiheiten die sich vorstellen lassen, da sind Bombenanschläge wie 1985 in Auckland auf die Rainbow Warrior bessere Etüden in der Ausbildung zum Berufskiller. Attentate, Umstürze - Nasse Aktionen, das sind die Privilegien und Markenzeichen, die einen Top geführten Geheimdienst auszeichnen. Sarah Rosenstrauch war sozusagen das Kronjuwel auf der Sammelliste der Geheimdienste, was besagte Dame, die heuer und hier in Murmansk mit mindestens dreißig weiteren Forschern und Wissenschaftlern an Bord der Georgi Schukow zu gehen gedachte, in keiner Weise zu irritieren, geschweige denn zu ängstigen schien. Warum sollte sie sich auch ängstigen und vor wem, wurde doch sogar ihr Toilettengang und Schlafrhythmus aus dem Orbit lückenlos überwacht. Sie hatte sich in ihrem bisherigen „kurzen“ Leben nicht das Geringste zu Schulden kommen lassen, ihre Sicherheitsakte war so blütenweiß wie frischer Schnee auf dem Kilimandscharo. Allein die schizophrene und abstrakte Vorstellung, dass sie auf Kontaktsuche zu ihrem Vater gehen könnte um hernach abzutauchen, bescherte den Gehirnakrobaten und Abstraktdenkern in den Geheimdienstzentralen richtige Albträume. Dabei wusste niemand wirklich genau oder wollte es niemand wissen, ob dieser Yoshua Rosenstrauch überhaupt noch unter den Lebenden weilte und wenn ja, unter welcher Identität er sich derzeit verbirgt und bewegt. Ich hatte sie fast alle vor dem Sucher meiner Kamera, damals, als ich in Berlin wohnte und arbeitete, im Kanzleramt und Schloss Bellevue ein- und ausging. Staatsempfänge - auch mit militärischen Ehren, Arbeitsbesuche, Akkreditierungen, Auszeichnungen und Belobigungen - ja sogar den Heiligen Vater hatte ich fotografiert, als WIR - Deutschland - endlich Papst waren - Habemus Papam - wir sind Papst, die reinste Blasphemie - so meine Einschätzung, womit ich im Kollegenkreis nicht alleine stand. Aber das ist alles Schnee von ganz weit hinten und noch weiter weg. Die bewegte Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ist mir so transparent und gegenwärtig, als wäre alles erst gestern geschehen, dabei sind darüber fast drei Generationen vergangen. Die Zeit ist eine Illusion, das ist meine feste Überzeugung. Ebenso wie die Jagd nach einem Impfstoff, der auf einen Schlag alle Pandemien hinfällig macht und sowohl gegen Bakterien als auch gegen Viren voll wirksam ist. Wunschdenken, nichts als Wunschdenken. In wenigen Jahren wird eine Pandemie über diesen Planeten fegen, die alles bisher Erlebte und Gewesene in das Meer der Vergessenheit spült. Sie haben auch bereits einen Namen für dieses Monstrum, dass angeblich auf einem chinesischen Wochenmarkt in Wuhan seinen Ausgang nahm - SARS-CoV-2 / Covid-19. Hört sich gar nicht so schrecklich an wie es tatsächlich ist. Hunderttausende - ja Millionen Infizierte jeden Tag, davon die Hälfte abgängig, weil die so hoch gelobten Impfstoffe nicht das Papier der Gebrauchsanweisung wert sind, auf welcher das Impfverfahren beschrieben steht. Aber bis dahin sind noch einige Jahre zu forschen, Expeditionen zu organisieren, Forschungswettläufe zu absolvieren, Bevölkerungen zu verarschen, den Anstieg der Infizierten und Toten wie Aktienkurse in Börsenindexen fortzuschreiben, dabei unbedeutende Erfolgserlebnisse zu Nobelpreisveranstaltungen aufzublasen - ja, das alles wird gesehen, die Saat ist ausgebracht und gedeiht prächtig. Und ich - ja welche Rolle spiele ich in diesem Gespensterkabinett der Vergessenen, Verlorenen, der unentwegt ihrem Forscher- und Wissenschaftsdrang verpflichtet umtriebigen Zeitgenossen, die nun - mehr oder weniger kollegial bekannt, auf dem größten Eisbrecher der Welt einschiffen werden und kurz davor stehen, aus der nördlichsten Großstadt hinter dem Polarkreis in das arktische Eismeer auszulaufen, um dort auf dem Meeresboden zwischen Schwarzen Rauchern und Weißen Quellen nach dem Stein der Weisen zu suchen; Bakterien oder andere Arten von Mikroorganismen die geeignet erscheinen, zur Lösung auf der weltweiten Suche nach einem Impfstoff gegen SARS-Vo-1 Covid fündig zu werden. Von dem am Horizont in Nuancen bereits vorhandenen, wird in wenigen Jahren mit finaler Wucht das Virus SARS-CoV-2 / Covid-19 über die Menschheit hereinbrechen und eine globale Pandemie auslösen, welche das Gros der Menschheit vernichten wird. An die Infektionsschleppe dieses Virus hat sich ein weiteres Virus - das G4, besser bekannt als Mutation des Schweinegrippe Virus, angehängt, das nun erstmals nicht nur seinesgleichen, nämlich Schweine befällt, sondern fleißig arglose Menschen heimsucht und tötet, wobei die infizierten Menschen wiederum andere Menschen infizieren können. Ob meine Kolleginnen und Kollegen an Bord der Georgi Schukow oder andernorts ebenso visionär denken - können?? Jetzt werden sie sich natürlich fragen, woher weiß der Bursche das, woher will der Kerl um Geschehnisse wissen, die erst in einigen Jahren passieren - wenn überhaupt? Zugegeben - klingt ein wenig nach Kaffeesatz lesen oder Glaskugelphilosophie, ist es aber nicht. Die Gabe zu sehen oder das Zweite Gesicht haben - die Amis nennen das Shining, ist ein Vermächtnis meiner Großtante Lina aus Ostpreußen. Sie hatte das Zweite Gesicht, was ihr übrigens unbeschadet die Flucht aus Allenstein ermöglichte und sie vor dem Tod in der Ostsee bewahrte. Ihre Passage und die ihrer Freundin war auf die Gustloff ausgestellt, die am 30.1.1945 von einem russischen U-Boot mit mehr als 10000 Menschen an Bord versenkt wurde. Glück gehabt - nicht ganz - Großtante Lina kam ihr Zweites Gesicht zu Gute und fuhr zwei Tage später mit der Goya unbeschadet von Gotenhafen (Gdingen) nach Kiel. Und ich - mal Glück - mal Pech und ab und an ein wenig Fernsehen - in die Zukunft, aber nicht mit Vorsatz. Es kommt dann einfach über mich, wenn meine Gedanken sich in ein interessantes Thema einsenken, und dieses Thema beginnt dann mich zu verinnerlichen - nicht umgekehrt. Einige dieser eigenen „Zweite Gesicht Erlebnisse“ habe ich in meinen Romanen beschrieben. Gönnen sie sich die Lektüre, sie ist Nerven zerrend und beschert ihnen garantiert einen erhöhten Betablocker Verbrauch, das wird ihren Arzt und Apotheker erfreuen.
„Herr von Bergerdamm, ihre Identy Card - bitte“ klang es wohltuend an mein von unzähligen Pressekonferenzen strapaziertes Gehör, und ohne weiter darüber nachzudenken versenkte ich meine Augen mit einem charmanten Lächeln - ich lächele stets charmant - in die dunklen Augen jener Dame in ihrem Marineblauen Kostüm mit dem Goldgestickten Emblem der Atomgaz.
„Es ist mir ein Vergnügen meine Dame, ihnen meine Identy Card zu überreichen. Mit Verlaub meine Dame - sie sehen bezaubernd aus in ihrem Kostüm - und sicher nicht nur in dieser schicken Kleidung“ raspelte ich mein Süßholz auf höchstem Niveau, denn in meinem Alter ist es stets von Vorteil zu attraktiven Frauen mittleren Alters (so bis Mitte dreißig) zum einen höflich zu sein und vor allem - nicht mit Komplimenten zu sparen, wobei auch dabei die richtige Kalibrierung den Ausschlag gibt. Im Klartext - glaubwürdig sein, aber nicht zu dick auftragen. Das mögen die Frauen - glauben sie mir, besonders auf Hochseeschiffen, wenn nicht gerade das große Kotzen angesagt ist. Seekrankheit macht grundsätzlich keinen Unterschied zwischen Mann und Frau, jung und alt. Die dunklen Augen sogen mich auf, ließen mich in einem See der Wärme und Zuneigung regelrecht baden, wie vor vielen Jahren im Baikalsee, wo ich um ein Haar ersoffen wäre… Natalie - Gilbert Becaud - Monsieur Hunderttausend Volt, die Begegnung mit Natalie im Café Puschkin und Hotel Zarengold, wo er die kalten Moskauer Nächte mit dieser zauberhaften Liebe einer Nacht vergaß…
„Sehr guten Dank - Herr von Bergerdamm, bitte your Handluggage - please - hier auf dem Tisch bitte öffnen… Danke“
Wie silberne Perlen flossen diese Worte in Form einer vollendet vorgetragenen Bitte aus einem ebenso vollendet geformten Lippenpaar, das sich wie die Flügel eines Schmetterlings leichtflügelig um zwei Reihen makelloser weißer Zähne bewegte, mehr ein schweben, ein virtuoser geschmeidiger Tanz, der in mir Gefühle erwachen ließ, wie ich sie schon seit Jahren nicht mehr in dieser Intensität verspürte. Ich hatte die Lunte gelegt, jetzt musste ich das Feuer ertragen - oder löschen.
„Ihrem Wunsch komme ich doch gerne nach - schöne Frau…“ sprach‘s und beförderte meine Schultertasche umsichtig auf den olivgrünen Tisch genau vor die attraktive Dame in ihrem Marineblauen Kostüm mit dem Goldgestickten Atomgaz Emblem. Ebenso umsichtig, fast schon behutsam klappte ich die breite Überwurfzunge zurück, zog am Zipper des metallenen Reißverschlusses, der surrend nachgab und den Blick freigab auf den Inhalt meines Handgepäcks. Die behandschuhten filigranen Finger der attraktiven Dame begannen mit der Präzision eines Feinmechanikers und Geduld eines Herzchirurgen den Inhalt dieser meiner Umhängetasche zu sezieren. Für einen Moment schloss ich meine inneren Augen und gab mich ganz den virtuosen Verführungen dieser Finger hin, die mich an Bord der Georgi Schukow im Doppelbett meiner Kabine in die Geheimnisse des arktischen Liebesalphabets der Inuit einweihten. Mein Fotoapparat erblickte das Licht der Murmansker Mittsommernachtswelt, dem eine Wasserflasche, eine Tafel Bitterschokolade, ein Päckchen Papiertaschentücher, eine Ersatzbrille und diverse Medikamente, die Menschen - besonders Männer meines Alters häufig mit sich führen müssen, folgten, wenn sie sich so auf Reisen ins Ausland begeben. Weiterhin ein Notizbuch, verschiedene Schreibstifte und ein Fünferpack Billy Boy - man/frau weiß ja nie. Hatte ich was vergessen? Meine persönlichen Papiere und Barcash trug ich stets in meiner Brusttasche an die nicht einmal der liebe Gott unbemerkt herankam. Natürlich - das Mobilphone, spöttisch auch Handy oder Smartphone genannt. Und das Ladegerät sowie einen Sprachführer Russisch, falls beim Kapitänsdinner der Dolmetscher wegen Vollrausch oder Seekrankheit ausfällt, was ich alles schon erlebt habe.
„Den Fotoapparat verlege ich in einen Sicherheitsbeutel mit Siegel, Etikett und ihrem Namen. Nachher an Bord erhalten sie das Gerät zurück. Fotografieren im Hafen und auf dem Werftgelände ist nicht gestattet - so sind die Vorschriften - sie verstehen“, sagte die attraktive Dame mit einem etwas verlegenen Lächeln zu mir, beförderte flugs besagten Sicherheitsbeutel unter dem olivgrünen Tisch hervor, legte meinen Fotoapparat vorsichtig hinein, verschloss und versiegelte das Behältnis und brachte das selbstklebende Etikett mit meinem Namen auf einem vorgegebenen Feld an. Ebenso umsichtig packte sie meine Utensilien zurück in meine Umhängetasche und nach wenigen Minuten erinnerte nichts mehr daran, das die Mitarbeiterin der Atomgaz meine Umhängetasche kontrolliert hatte.
„Das haben sie aber sehr fürsorglich gemacht - schöne Frau, dann darf ich mich auf sie an Bord der Georgi Schukow freuen, wenn sie mir meinen Fotoapparat zurückgeben“ antwortete ich lächelnd und freudig erregt. Eigentlich war mir der Fotoapparat egal, ein Aushilfsmodell für alle Fälle, wenn meine CANON Top Garnitur in RIMOWA Koffern diebstahlsicher und noch mehr verstaut, ihren Weg in den Frachtraum eines Fliegers oder Schiffes, gleich welcher Art auch immer, antrat. Versichert war der komplette Kram, nicht nur die Gehäuse und Objektive. Blitzlicht Geräte, Belichtungsmesser, Zwischenringe, Stative und ein halbes Dutzend Akkus sowie diverse Ladegeräte mit internationalen Anschlusssteckern für alle weltweit im Einsatz befindlichen Steckdosen. Natürlich Bildkarten für die Gehäuse in genügender Kapazität und Größe - ich ballere im Einsatz gerne im Schnellschussmodus, da ist eine Steckkarte rasch am Limit, auch wenn sie Hunderte Gigabyte hat. Aber was ist die Spitzenfotohightechnik gegen eine attraktive mittelalte charmante Dame, die meinen Aushilfsfotomaten so fürsorglich verpackte?
„Damit ist der Weg frei auf das Terminal Mittschiffs der Georgi Schukow, gleich unterhalb der Kommandobrücke, dort wo die fahrbare Gangway angelegt ist. Der Weg dorthin ist durch die grünen Leuchtpfeile gekennzeichnet. Alles Gute für sie Herr Maximilian von Bergerdamm, Bon Voyage - eine gute Reise und viel Erfolg an Bord der Georgi Schukow, auf dem Meer und bei ihren Tauchgängen mit der Architeuthis in das Herz der Finsternis…“
„Mister Berry Greenwald - your Identy Card please - Step here to my green table - please“ wiederholte die dunkeläugige Dame von der Identy Card Control ihre Ansage an den nachrückenden Forscher, Wissenschaftler oder was auch immer. Wie pflegte meine Großmutter zu sagen; Glück ist der Moment, wo einem der Zufall keinen Streich spielt. Diese alten Sprichwörter haben eine ureigene innere Dynamik, die unser Hightech Denken und Wissen bei jeder passenden Gelegenheit ad absurdum führt. Hatte ich mich doch tatsächlich für Sekunden vom Gedanken der Überheblichkeit verleiten lassen und an das praktisch Unmögliche zu glauben - dass sich eine Mitarbeiterin der Atomgaz während der Identy Card Control von einem ergrauten Pressezossen zu einem Date auf der Georgi Schukow verführen lässt. Gegen acht Uhr wollen die Russen auslaufen, das sind noch rund dreißig Minuten, aber daraus wird wohl nichts werden. Mehr als die Hälfte aller Expeditionsteilnehmerinnen und Teilnehmer wartete noch vor den Olivgrünen Tischen auf die Abfertigung durch ebenso attraktive und charmante Russinnen im Dienste der Atomgaz. Bevor ich die Empfangshalle verließ, warf ich einen letzten Blick über die vier Olivgrünen Tische, die Mitarbeiterinnen der Atomgaz in ihren Marine Blauen schicken Kostümen mit dem Goldgestickten Atomgaz Emblem darauf, auf die noch vor den Tischen anstehenden Kolleginnen und Kollegen - und auf Monsieur Bernard Panteneau, der mit Händen und Füßen vor Valeria Dernikowa gestikulierte und ihr seine Not mit meiner Anwesenheit in einer gemeinsamen Kabine klar zu machen versuchte. Ich vermied es mein Augenmerk weiter auf diesen überwichtigtuenden Tiefseezauberer zu richten und wartete in meiner sprichwörtlichen stoischen Gelassenheit auf die Dinge, die noch an Bord der Georgi Schukow auf mich zukommen würden. Während ich mit einem Teil der Kolleginnen und Kollegen aus West und Ost auf die Zuwegung der Georgi Schukow zuging, empfand nicht nur ich die spürbare Veränderung der Umgebungstemperatur, die inzwischen die zwanzig Grad Marke erreichte, gefolgt von einem kraftvollen Wind, der die Wolken über dem Nordmeerhimmel, der Kola-Halbinsel und dem Eismeerhafen Murmansk zusehends zerfledderte, dabei in kleinste Schäfchenwolken verwandelte und sie zu Paaren davon trieb - ein beeindruckendes Schauspiel der nordischen Wetterküche, die von den Südwestlichen Luftströmungen und Winden gespeist, den staunenden Menschlein im Hafen Murmansk nahe dem größten Eisbrecher der Welt - der Georgi Schukow - eine fulminante Vorstellung von der Virtuosität aus dem Zaubermalkasten der Natur bot. Der Himmel erstrahlte in allen Farben des Nordlichtes - die Mittsommernacht stand kurz bevor, und in wenigen Tagen würde die Georgi Schukow das atlantische arktische Eismeer erreichen, dort in der Nähe des geografischen Nordpols, wo die Sonne um diese Zeit nie untergeht und die Nacht ihre bedrohlichen Schatten und Schrecken verliert. Suomi - mein Lappland, warum bist du so schön? Mir fiel der Titel eines Beitrages zu meiner Rucksackreise durch Finnland und Lappland ein, was mittlerweile fünfundvierzig Jahre zurücklag, fast ein halbes Jahrhundert. Gott noch mal, was habe ich in diesen fünfundvierzig Jahren denn Großes geleistet? Die Jahrzehnte flutschten mir so durch die Finger - keine Chance auch nur eine Sekunde davon festzuhalten, geschweige denn das ewig drehende Zifferblatt der Vergänglichkeit anzuhalten. Ein Mitreisender schenkte mir vor Jahren während einer Reise durch Ägypten eine Uhr, nachdem wir uns nächtelang in philosophischen Diskussionen ergingen mit den Worten: “Schau auf dieses Zifferblatt - es zeigt zwölf Stunden an - eine davon wird auch deine sein“ Dann verschwand er einfach - ich habe ihn nie wieder gesehen. Ich schenkte mir diesen Ausflug in den Norden als Belohnung für mein bestandenes Staatsexamen als Betriebswirt, ein Ausflug, der mehr als acht Wochen dauern würde und der mich in die Arme einer liebreizenden Medizinstudentin aus Köln führte. Nach der Überfahrt von Travemünde nach Helsinki bemühten wir uns inniglich, verloren uns jedoch nach der Ankunft im Hafen aus den Augen. Sieben Wochen später begegneten wir uns fernab jeglicher Zivilisation in einem unbedeutenden und auf keiner Karte verzeichneten Lappendorf und ließen es richtig krachen. Wir wohnten einige Tage bei einer Lappenfamilie und genossen die gemeinsamen Saunagänge mit anschließenden Schwimmübungen im angrenzenden See, dessen Wasser trotz der sommerlichen Wärme von fast dreißig Grad kaum über zwölf Grad hinaus kam - das Erbe der Eiszeit. Danach verschwanden wir für den Rest des Tages oder der Nacht, was von der Helligkeit her kaum einen Unterschied machte, unter der Bettdecke oder in unseren Schlafsäcken. Ab und an steigen diese Altmännerfantasien aus den Grüften der Erinnerung empor und lassen mich wenigstens in Gedanken die Freuden der Vergangenheit ein letztes Mal kosten, bevor die Lichter für immer verlöschen. Unser Herz ist ein lebendiges Wesen aus Feuer - wenn man es verletzt verbrennt es zu Asche, so ein Sprichwort aus dem Sanskrit, der Altindischen Literatur- und Gelehrtensprache. Eine abstrakte Vorstellung zu wissen, dass mir und allen anderen Menschen auf diesem Planeten irgendwann der Docht ausgeht. Dabei gehöre ich zu den „Auserwählten - den Zeitreisenden - Ewiglebenden. Kann sein heute - kann sein morgen - aber sein wird, so Rabbi Haussteiner aus Bonn, den ich vor Jahrzehnten kennenlernte und als Mensch wie Gelehrten sehr schätzte. Seine Weltoffenheit und Toleranz beeindruckten mich sehr, wenn ihn auch das Ho-Chi-Minh Geschrei der 1968er im Poppelsdorfer Schlosspark und vor dem Residenzschloss nahe des Rheins zuweilen an seine Toleranzschwelle führte. „Der Herr wird es richten - die Jugend ist ungestüm - ein Privileg - Geduld ist noch nicht ihr Weg zur Erkenntnis - es wird sich alles fügen…“
Wie recht er doch hatte, Rabbi Haussteiner, wie recht er doch hatte. Einer der wenigen Menschen von denen ich aufrichtig sagen konnte, dieser Rabbi war ein wirklicher Freund. Seine Lebensgeschichte und die seiner Familie, seine fürchterlichen Erlebnisse während des Holocausts, habe ich neben anderen Personenerinnerungen in meinem Roman „Der Hausfreund“ erzählt. Möge er in Frieden ruhen und sein Seelenglück gefunden haben. Werde ich jemals mein Seelenglück finden? Und wenn ja - wo wird das sein? An Bord eines Tauchbootes auf dem Grund des Ozeans, einfach dort verweilen, für immer und ewig. Stille, absolute Stille und ewige Dunkelheit. Nur ab und an erhellt von den Irrlichtern der Unendlichkeit. Das langsame abgleiten in die Sphären der Anderswelt, nach Helheim, wo die Göttin Hel über ihre dunkle Welt herrscht, so der Name des Totenreiches in der keltisch-nordischen Mythologie. Die Anderswelt - in wenigen Tagen - so Gott und die Georgi Schukow will, werden wir dem ewigen Eis und den Göttern des Nordens und der Tiefsee näher sein als uns allen vielleicht lieb ist. Mag die Technik vorzüglich funktionieren und sicher sein, letztlich hängt alles auch vom Wetter ab. Der Nordatlantik in jenen Breitengraden ist unberechenbar; das Wettergeschehen kann sich in wenigen Stunden grundlegend ändern; Schiffe wie die Georgi Schukow sind so konzipiert, um damit umgehen zu können, aber die Teammitglieder außenbords in ihren Tauchbooten sind da wesentlich angreifbarer und müssen dann „rasch“ gesichert, an Bord des Eisbrechers geholt werden. Auf den Meteorologen an Bord der Georgi Schukow lastet eine große Verantwortung - die kleinste Kleinigkeit im Wettergeschehen müssen sie in ihre Vorschau für die nächsten acht plus vier Stunden Sicherheitspuffer einrechnen, so lange dauert das Ablassen der Tauchboote bis zum Erreichen des Ozeanbodens, das Abarbeiten der Experimente und das Aufholen des Teams an Bord der Georgi Schukow. Nun stand ich einen Steinwurf weit entfernt auf der Pier im Hafen von Murmansk vor der Bordwand der Georgi Schukow, die sich wie ein riesiger, unüberwindlicher Stahlberg vor mir und allen anderen Expeditionsteilnehmern aus dem Wasser erhob, in dem sie nahezu unbeweglich wie ein Wal ruhte und alle Maßnahmen an Bord und außerhalb ihres mächtigen Leibes in Gleichmut und Geduld, ja man konnte geneigt sein zu sagen in Gutmütigkeit ertrug wobei sie ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit an die zusteigenden Gäste auf Zeit aussandte, das ihrem Namen und der Erfahrung ihrer Besatzung mehr als alle Ehre machte. Das Hafenwasser quatschte und gurgelte verhalten zwischen der Bordwand der Georgi Schukow und der Betonwand der Kaimauer, wo der Eisbrecher über dicke Trossen an den Pollern festgemacht war. Das Schiff rührte sich keinen Fingerbreit, als würden die leichten Bewegungen des Nordmeerwassers, das ohne Unterlass in die Kola Bucht und den Hafen von Murmansk mit der Flut einströmte, um beim nächsten Gezeitenwechsel, der Tide, ebenso ohne Unterlass abzufließen, keinerlei Einfluss auf den gewaltigen Leib des Schiffes nehmen, welches in stoischer Ruhe auf die Anweisungen des Kapitäns und seiner Mannschaft harrte. Schiffe dieser Größenordnung verlassen einen Hafen niemals ohne Steuerschlepper, dazu ist der Bewegungsspielraum für einen solchen Koloss in einem Hafenbecken zum einen zu gering, zum anderen dient diese Maßnahme primär der Sicherheit der Georgi Schukow sowie der anderen Schiffe und der Sicherheit der Hafeneinrichtungen. Hinter der Hafenzufahrt, die einige Meilen weiter Nordwestlich lag, würden die Bugsierer, die Steuerschlepper, die Trossen von der Georgi Schukow lösen und selbige dann aus eigener Kraft ihrem fernen Ziel entgegenfahren. Der Reaktor war bereits von der Maschinenraum Besatzung auf Viertelkraft angefahren; das reichte vollkommen aus, um alle Systeme an Bord in Betriebsbereitschaft zu nehmen. Zu erkennen war dieser Vorgang an den hellen Dampffahnen, die aus dem hinteren Teil des Brückenbereiches nahe dem Sanitär- und Küchenbereich aufstiegen. Sobald die Besatzung ihr Schiff für die Hafenausfahrt bereit macht, werden die Maschine für die Grundversorgung in den Arbeitsmodus versetzt. Kein Schiff der Welt könnte die Massen an Batterien aufnehmen, um tagein - tagaus die Grundversorgung der schwimmenden Einheit über Tage oder Wochen aufrecht zu erhalten. Bei den traditionell motorisierten Schiffen dienen Batterien der Notversorgung, falls alle Strom erzeugenden Geräte - sprich Generatoren ausfallen sollten. Darüber hinaus dem Funkverkehr bei gleichem Problemfall. Bei den Selbstzündern leitet die Energie aus den Batterien den Startvorgang ein, alternativ die Druckluft aus den Pressluftflaschen. Hat mir mein alter Herr erklärt, der als U-Bootfahrer für Karl Dönitz Schiffe versenkte, bis er selbst zwei Mal versenkt wurde. Aber das nur am Rande. Das alles brauchte die Georgi Schukow nicht, wenngleich die Sicherheit an Bord eines Nuklear betriebenen Eisbrechers in keiner Weise mit den Sicherungsmaßnahmen an Bord eines normalen Schiffes, sei es Fracht- oder Passagierschiff zu vergleichen ist. Die schwimmenden Einheiten der Marine - sprich Militärschiffe, unterliegen wiederum ganz eigenen Sicherheits- und Abschottungsvorgaben, die kaum Bestandteil öffentlicher Fragestellungen geschweige denn Diskussionen sind.
„Ja - ja, so ein Eisknacker hat schon seine Eigenheiten, und wenn man diese Eigenheiten respektiert, damit gefühlvoll umgeht, ist er der beste und zuverlässigste Freund“.
Ganz in Gedanken versunken entlockte ein innerer Impuls meinem Langzeitgedächtnis diese Erinnerung an den Ausspruch von Randy Ballin, der mich auf Tauchfahrt zur Titanic einlud, damals, als wir im Nordatlantik mit der Octopus kreuzten und mit dem Tauchboot zur Titanic hinab glitten. Es war in dieser Region, wo im beginnenden Frühling nach aufbrechen der Packeisfelder Eisberge in allen Größen von der Drift nach Süden geschoben werden - mal mehr, mal weniger. Besonders nachts sind diese grauen Riesen von unberechenbarer Gefährlichkeit, wie es die Titanic im April 1912 zu spüren bekam. Wie heißt es doch in einem Lied -man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht. Stammt aus der Dreigroschenoper von Bert Brecht, einem deutschen Theaterdramatiker. Ein schnell fahrendes Schiff, die Wachen im Ausguck unzureichend ausgerüstet - schon ist die Katastrophe vorprogrammiert. Eintausendfünfhundert Menschen fielen diesem Unglück und der Überheblichkeit zahlreicher Verantworlicher zum Opfer, beim Untergang der Gustloff in der Ostsee im Januar 1945 starben sechs Mal so viele - Neuntausend Menschen, Männer, Frauen, Kinder, Matrosen und verwundete Soldaten. Aber daran war kein Eisberg schuld sondern die Torpedos eines russischen U-Bootes, das auf dem Grund der Ostsee in der Fahrrinne auf der Lauer lag, letztlich aber der verbrecherische Krieg eines teuflischen Diktators der es schaffte, die ganze Welt in einen globalen Krieg ungeheuren Ausmaßes zu stürzen. Die Annalen der Seegeschichte sind randvoll mit Katastrophen, und die Verluste am Menschenleben zählen in die Hunderttausende.
„Weiter - weiter - schnell - schnell - zu den Booten ans Oberdeck“ hallte eine Megaphon Stimme über den Kai und die Hafenanlagen, während auf den Decks eines grauen, düster gestrichenen Schiffes Hunderte - wenn nicht Tausende Menschen wie die Lemminge um und übereinander rannten, trampelten, hetzten, wie entfesselt schrien, nur um zu jenen Booten zu gelangen, die aufgrund der Schräglage des Schiffes gar nicht mehr abgefiert werden konnten. Dieses mir unbekannte Schiff sank, daran gab es keinen Zweifel, und die Menschen auf diesem sinkenden Schiff versuchten sich verzweifelt zu retten, ohne Rücksicht auf jedwedes andere Leben gleich welchen Alters oder Geschlechts. Eisiger Wind fegte Milliarden von Schneeflocken aus dem Nordosten des Kontinents über die aufgepeitschte See, in denen die Schiffbrüchigen in wenigen Minuten den Tod finden würden, um hernach in der endlosen Tiefe zu versinken. Ich verspürte eine Kraft, einen Sog, der mich unaufhaltsam in diese quirlende, tobende Masse nackter Leiber hineinzog, wie ein gefräßiger Riesenkalmar, ein Architeuthis dux von gigantischem Ausmaß, der bereits mehr als die Hälfte des sinkenden Schiffes mit seinen alles zerpressenden Greifarmen umfasst hielt, und aus dessen Innerem die nackten Menschen wie eine teigige, fettige Masse heraus quollen, um hernach im weit geöffneten Schnabelmaul des Kalmaren kreischend und schreiend zu verschwinden. Meine Augen tanzten willenlos in den Höhlen meines Schädels, sie suchten von wahnsinniger Angst getrieben einen Fixpunkt, an dem ich meine irrwitzigen Visionen festmachen konnte - und dann sah ich sie, eine Frau, eine junge Frau, ebenso nackt und weiß wie alle anderen, doch diese Frau wurde nicht von der Masse überquellenden Menschenfleisches in den grässlichen Schlund der Vernichtung gerissen, sondern stand erhaben auf dem Oberdeck des untergehenden Schiffes und drehte nur ihren Kopf von links nach rechts - von rechts nach links, wobei sie die Hand ihres rechten Armes mit erhobenem Zeigefinger vor ihrem Gesicht vorbei bewegte, wie ein knöcherner Scheibenwischer - NEIN - nicht dieses Schiff - es ist das Totenschiff… trug mir der heulende Winterwind ihre warnenden Worte ans Ohr, die leise, kaum hörbar in der Wildheit der Elemente verklangen. Ich kannte diese Frau, war ihr schon begegnet vor langer Zeit. Sie erzählte mir eine Geschichte, so glaubte ich mich zu erinnern, die Geschichte ihrer Jugend von der verlorenen Heimat fern im Osten eines ehemals großen und stolzen deutschen Reiches…. das war - ist - meine Großtante als junge Frau - unmöglich, alles Wahnsinn, ein Albtraum, dennoch konnte ich meinen Blick nicht lösen von diesem Inferno des Untergangs, diesem Dante Inferno, das ich leibhaftig Fleisch geworden vor mir sah, zum Greifen nah. Aber da war noch eine andere Frau, die plötzlich, wie von Zauberhand aus dem eisernen Gewand der Brückenaufbauten erschien, eine Frau in Schwarz, von Kopf bis Fuß in Schwarz gehüllt. Ihre glühenden roten Augen fesselten mich mit ihren Blicken, ihr bleiches, knochiges Antlitz überzog für Augenblicke ein flüchtiges Lächeln, derweil ihre fleischlose Hand mir aus ihrem dunklen Umhang leicht zuwinkte und mir bedeutete an Bord zu kommen, die letzte ewige Reise anzutreten in die Refugien der Anderswelt, in das Reich der Göttin Hel nach Helheim…
Sibirien brennt - von einem Ende zum Anderen… die Wälder - das Klima… alles vernichtet - es ist heiß - sehr heiß in Sibirien; aber nicht jetzt, erst in vier Jahren - Jakutsien - Wrangel - Ljachow. Australien ein Flammenmeer - Amazonien - die Erde brennt - verbrennt - mein Kopf, was ist in meinem Kopf - er will platzen, einfach zerplatzen. Der Schlaganfall - ja, dieser Schlaganfall an meinem Geburtstag im Februar zweitausendzwanzig - ich bin wahnwankend - in vier Jahren - Grönland - Gletscherschmelze - Hunderte Milliarden Tonnen Eis - einfach weg - die Fische fliehen nach Norden - das Meerwasser zu warm - Erhitzung - Nordsee - Ostsee - der Golfstrom - das Ende der tropischen Warmwasserpumpe - was wird aus Nordeuropa - aus der Welt - Covid Neunzehn hat alles im Griff - Infektionen zählen jetzt wöchentlich nach Millionen - die Todeszahlen überfordern die Bestatter - in Bolivien liegen die Toten an den Straßen - wie im Warschauer Getto - die Hunde haben genug zu fressen - alles passiert in vier Jahren - ich sehe alles jetzt und hier… warum ich - Großtante - was hast du mir aufgeladen… ich bin der Bote…. der Bote…. der Bote…. der Gott des Todes…. ich bin Baal…. der Gott des Todes…. wir alle sind verdammt…. Loki wartet auf uns…. das Festmahl ist angerichtet…. im Herz der Finsternis…. das Virus - die Reinform - wo ist es…
„Hallo - Herr von Bergerdamm - Kollege - ist ihnen nicht gut - kann ich ihnen helfen - sie müssen achtgeben, um ein Haar wären sie in das Hafenbecken gestürzt… Herr von Bergerdamm… Maximilian - ich bin es - Sarah Rosenstrauch - kommen sie - ich hake mich bei ihnen unter - wir gehen jetzt zum Einstieg des Aufzugs…“
Die visionären Sequenzen in meinem Kopf erloschen so schnell, als wären sie niemals an meinem inneren Auge vorbeigerast. Der schnellste Bildwechsel in einem Videoclip würde schwerlich Mühe haben diesem Tempo zu folgen, dennoch sah ich alles klar und deutlich vor mir - nur den Namen des Schiffes nicht, das vor meinen Augen mit Tausenden Menschen an Bord im aufgewühlten Meer versank. Oder versank dieses Schiff bereits vor vielen Jahrzehnten und wurde nun von den Seelen der zu Tode gekommenen in das verklärende Licht einer Mittsommernacht gespült? Meine Großtante Lina, ich sah sie an der Reling auf dem Oberdeck stehen und mir verneinen an Bord zu gehen, bevor die tobende fleischige Masse nackter Menschen sie mit sich riss - verschwunden für immer. Dieses Schiff folgte den vielen vor ihm gesunkenen, jenen die nach ihm kämen wäre es ein würdiger Quartiermacher. Alle versanken sie in den eisigen Fluten der Ostsee - die Gustloff, die Cap Arkona, die Steuben und auch die Goya, die für Großtante Lina und ihre Freundin Annegret die Rettung bedeutete. Diese in schwarz gekleidete Frau auf der Brücke - war es die Herrscherin der Anderswelt, des Totenreiches? Sollte alles eine Warnung sein vor unserem Tun - keine Expedition - kein abtauchen - einfach abbrechen? Um mich herum bewegte sich alles wie in Zeitlupe - oder noch langsamer. Ich sah die Flügelschläge der Kolibris in einer Ruhe und Harmonie auf und ab schwingen, als hätten diese schillernden gefiederten Winzlinge das Geheimnis um das Gesetz der Schwerkraft längst gelöst, gegen das sich fast alle Lebewesen dieser Welt auf Dauer vergebens stemmen. Ich sage fast, denn mit grenzenloser Bewunderung beobachte ich in jedem Frühling und Sommer den virtuosen Flug der Mauersegler, die vom Beginn der Morgendämmerung bis zum Einsetzen der Abendröte auf dem Atem des Windes in rasantem Flug dahin gleiten, Ausdruck schier überschwänglicher Lebensfreude und Lust am Spiel mit dem unsichtbaren Element Luft. Alles ist in Bewegung - alles steht - wie der Galopp eines Pferdes, welches in einem einzigen Augenblick seines schnellen Laufes mit allen vier Hufen über dem Boden schwebt - frei im Element Luft, ohne Kontakt zum Erdreich. Vor mehr als Hundertvierzig Jahren erbrachte ein englischer Fotograf durch ein Dutzend nacheinander auslösender Fotokameras den Beweis, dass Pferde „schweben - fliegen“ können, das auch Pferde aus dem großen Urstamm der flugfähigen Organismen abstammen. Urstamm - wir tragen alle den T-Rex in uns, angeflanscht an den Cortex, der immer wieder seine archaischen Rechte an jeglichem Leben einfordert - dann werden wir wieder Reptilien.
„Yoshua - du hier?“ flüsterte ich kaum hörbar.
„Was sagen sie da? Ich bin es - Sarah Rosenstrauch - eine Kollegin. Wir gehen jetzt an Bord der Georgi Schukow. Sie wären beinahe in das Hafenbecken gefallen - ich konnte sie noch zurückhalten…“
In dem Antlitz dieses menschlichen Wesens, welches vorgab Sarah Rosenstrauch zu heißen, spiegelte sich zweifellos das Gesicht jenes Mannes wider, dem ich als Yoshua Rosenstrauch vor langer Zeit begegnete. Dann war er doch nicht tot oder für immer verschollen, er lebte als seine Tochter weiter… das perfekte Alibi um geräuschlos zu verschwinden, wenn einem die Geheimdienste der Welt auf den Füßen stehen. Alles nur Spuk, Einbildung, Fantasie, geistiger Dünnschiss, Wirrwarr oder was auch immer, aber vielleicht - vielleicht -…
„Sie haben mich vor dem Ertrinken gerettet - und das bei schönstem Mittsommernachtwetter - es ist warm geworden…“
„In der Tat - das Wetter hat sich vollständig gewandelt - einfach zu schön um da in einem Hafenbecken abzutauchen“ lächelte Sarah Rosenstrauch mir zu; sie sah mich direkt an und ich blickte erneut in das Antlitz jenes Mannes, den ich in den 1990er Jahren während seiner Expedition in Alaska traf, als ich eine Reportage über Brewster Ferry schrieb. Ich zweifelte keinen Augenblick an dem was ich sah, allerdings gestand ich mir die Option zu verrückt zu sein, durchgebrannt, Paranoid oder so etwas in der Art. Menschen in anderen Menschen zu sehen, die seit Jahrzehnten wie vom Erdboden verschluckt und dazu noch wesentlich jünger und anderen Geschlechts sind. Möglicherweise ein Vorrecht des Alters, wenn schon nicht dement oder Altersheimer, dann wenigstens handfest verrückt.
„Entschuldigen sie Sarah - sie können mich Max nennen, ich hatte eben so eine Art Vorschau auf mein Leben - seit meinem Schlaganfall erlebe ich Szenarien die so real sind, dass ich zuweilen glaube ich brenne ab wie eine Silvesterrakete…“ raunte ich Sarah Rosenstrauch hinter vorgehaltener Hand zu, denn ich wollte auf jeden Fall vermeiden, dass irgendwer aus dem Kollegenkreis zu große Ohren macht, wenn ein alter Zossen wie ich und eine knackige Holländerin die Köpfe zusammen stecken und tuscheln. Ich öffnete meine Jacke und zog den Reißverschluss meines Marinepullis bis zum Hosengürtel auf; die angestaute feuchte Körperwärme konnte entweichen und machte der frühsommerlichen Milde der beginnenden Mittsommernacht über Murmansk platz, die sich eilte die frei werden Regionen meines Körpers zu besetzen.
„Das tut gut - dieser Wetterumschwung hat es in sich - schauen sie die Hafenuhr - gleich ist es acht Uhr und das Thermometer zeigt fünfundzwanzig Grad - das ist mehr als in anderen Jahren zuvor, viel mehr. Der Klimawandel ist nun nicht mehr zu leugnen, und die Eismassen weltweit schmelzen in rasantem Tempo. Es soll schon Fahrzeughersteller geben, die bereits Schwimmautos auf Vorrat produzieren. Gab es schon beim Militär, bin mit so einer Kiste gefahren - und geschwommen. Hat richtig Spaß gemacht…“
Georgi Schukow - Sarah Rosenstrauch - Bergerdamm sei auf der Hut
„Herr von Bergerdamm - ihre Bordkarte bitte - Frau Rosenstrauch - ihre Bordkarte bitte - Monsieur Panteneau - votre carte d‘accès à Bord - s‘il vors plait - Mister Ishizuzi - your bording card please - Miss Cavendish - your boarding card please - Ladies and Gentleman - come in please - we are in last time…!“ rief die Dame an der Zuwegung in den Eisbrecher, wo uns nur noch wenige Stufen vor der offenen Schotttür in den Aufzugsbereich trennten, wo es dann hinauf ging in die Kabinendecks. Schau an - Monsieur Hulot hat es tatsächlich geschafft der reizenden Valeria Dernikowa eine andere Kabine abzuschwatzen, so ein Filou. Ein kurzer Blick auf meine Bordkarte genügte, um meinem Individualbedürfnis nach Ruhe und Geborgenheit auf Zeit meine Einzelfahrerkabine zu belassen. So ein Schlagbohrerschnarchen hat doch an und ab seine Vorteile. Und meine Gesprächspartnerin Rosenstrauch - wo beliebte sie zu residieren? Bevor ich unanständigerweise nach Sarah‘s Kabinennummer fragen konnte, sprudelte es , wenn auch verhalten leise aus dem prallen Lippenpaar der Sarah Rosenstrauch hervor.
„Das nenne ich einen Service - meine Kabinenwünsche wurden rundum berücksichtigt. Erstes Oberdeck, Backbord außen, Doppelbett und Einzelbelegung - wie kundenfreundlich und das auf einem Eisbrecher. Da muss ich den Genossen ein großes Lob aussprechen“ … lachte die Gouda Gesandte aus Texel,“ und sie Maxilein - schlafen sie auch allein, ältere Menschen neigen dazu, was ja durchaus seine Vorteile hat…“
„Mag schon sein - wenn man dabei gesund bleibt…“
„Beim alleine schlafen…“
„Beim älter werden - wir sind da - der Aufzug wartet - bitte schön Fräulein Rosenstrauch…“
„Danke - aber das Fräulein war einmal, ich hatte schon mit fünfzehn Sex. Reine
Neugier - er war doppelt so alt, und hinterher sah er aus wie achtzig…“ kam es erneut lachend aus dem Rosenstrauch Mund.
„Heute ist wirklich mein Glückstag - erst retten sie mich vor dem Ertrinken, dann bewahren sie mich vor hormonellen Abenteuern und einem möglichen Herzinfarkt - haben sie ihr Praktikum beim Roten Kreuz absolviert…?“
„Nur die Mundtherapie - blasen bei gestandenen Herren, das hatte stets durchschlagenden Erfolg… „Olala Monsieur Panteneau hat da wohl Blut geleckt - dem knallen gleich die Bremsen durch, so scharf ist der auf die englische Prinzessin“… grinste Sarah Rosenstrauch mit einem Blick auf das mehr als angeregte Gespräch zwischen Bernard Panteneau und Gilian Cavendish aus Wales, Meeresbiologin und Vulkanologin für Lebensformen der Tiefseethermik vom Scientology Institute of Volcano unknown Living Forms in the Deep Sea.
„Sie sehen mich überrascht Sarah - wirklich - ihre Urteilskraft in Sachen sexueller Kontaktaufnahme ist beeindruckend wenngleich ich Ihnen dahin gehend beipflichten möchte, dass sich unser französischer Kollege mächtig ins Zeug legt - hat wohl geklappt mit der Einzelkabine…“
„Ach - Monsieur Hunderttausend Volt hat sturmfreie Bude - da tun sich ja ungeahnte Möglichkeiten auf - und Sie Maxilein - wie steht es bei Ihnen - mit der Kabine möchte ich sagen - auch sturmfrei…?“
„Solist Sarah - und das möchte ich auch bleiben während meiner Zeit an Bord und darüber hinaus - mir steht derzeit nicht der Sinn nach intimen Lustbarkeiten oder sexueller Transformation….“
„Eine klare Ansage - aber Vorsätze können sich ändern - und zwar ziemlich rasch. Wir kennen weder den Tag noch die Stunde - Carpe Diem - Maximilian - so, da wären wir… Oberdeck. Bitte nach ihnen Max. Ach - darf ich ihre Kabinennummer von ihnen erfahren, ich möchte nicht den Decksteward fragen, das ist nicht meine Art…“ lächelte mich Sarah Rosenstrauch verführerisch an, während die Kolleginnen und Kollegen durch den erleuchteten Gang des Oberdecks Eins von den Deckstewards zu ihren Kabinen geführt wurden. Ich blickte Sarah Rosenstrauch einen Moment intensiv in ihre tiefblauen klaren Augen, die so kalt und klar waren wie das Eis frischer Gletscherbrüche; es waren die Augen eines Mannes, dem ich vor Jahrzehnten in Alaska begegnete, und der zu einem anderen Zeitpunkt als Teilnehmer einer Tauchfahrt zur Titanic abstieg, gesponsert von der Atomgaz in Murmansk, während ich mit Randy Ballin, ebenfalls unterwegs war zum berühmtesten Wrack der christlichen Seefahrt. Ich war mir in diesem Augenblick Tausendprozentig sicher, dass diese Person vor mir jener Yoshua Rosenstrauch war, den die Geheimdienste der Welt ganz oben auf ihrer Cleaner Liste hatten, eine nasse Aktion - eine Liquidierung.
„Per Aspera ad Astra - Yoshua“ antwortete ich verhalten auf Sarahs Frage, wobei ich mich in die andere Richtung des Ganges im Oberdeck bewegte, um zu meiner Kabine zu gelangen von der ich hoffte, dass mir die attraktive Valeria Dernikowa Schützenhilfe leistete, als sie diesem mitteilungsfreudigen Franzosen um des Friedens und vor allem der harten Währung Willen dieses Zugeständnis machte und nur deshalb, weil ich schnarche wie ein Rhinozeros - unter uns, ich habe noch niemals ein Rhinozeros schnarchen gehört.
„Fortes Fortuna adiuvat - Maxilein“ klang es fast so rein wie Silberschellen durch den mit Bildern der Helden der ehemaligen Sowjetunion, der Marschälle, der Generalsekretäre und Präsidenten, den Helden des Großen Vaterländischen Krieges und nicht zu vergessen - den Helden der Arbeit drapiert war wie die Halle einer Fotogalerie. <<Den Mutigen winkt das Glück>>. Hüte dich Yoshua Rosenstrauch alias Sarah Rosenstrauch oder wer immer du wirklich bist, wir Journalisten kleben an dir wie Kletten in der Wolle eines Schafes. Fand Rosenstrauch in Brewster Ferry nicht das was er suchte? Er war doch der Geburtshelfer des Virus H1N1, als er im Gefrierschrank Nordamerikas in jener kleinen Siedlung die Leichen der Pandemie von 1918 bis 1920 ausgrub, in best erhaltenem Zustand vorfand und sezierte. Er entnahm Teile der Lungen, der Milz, die Herzen und Hirne, welche er bestens gekühlt und konserviert nach… ja wohin brachte er die pathologischen Proben wirklich? Was hat er in den Laboren der USA, in Israel, in England und Frankreich tatsächlich gemacht. War er auch in den Staaten der GUS - Kollegen bestätigten auf Nachfrage diese Vermutung und machten sogar präzise Angaben über den Forschungsstandortes der Labore in Russland, wo Rosenstrauch seinerzeit tätig war - Tscheljabinsk im Ural. Er deckte sich damals mit Proben der Verstorbenen ein wie der Küchenchef eines Fünf Sterne Hotels auf dem Wochenmarkt mit Delikatessen. Da war für alle namhaften Labore etwas dabei, aber nur drei waren weltweit tatsächlich in der Lage, an diesen entnommenen Organen tatsächlich medizinische und vor allem Forschungsrelevante Untersuchungen vorzunehmen. Irgendwie kamen aber auch die renommierten Einrichtungen nicht so richtig zu Potte, was durch die SARS Pandemie zu Beginn der 2000er Jahre bewiesen wurde. Nach der Rückkehr von H1N1 auf die virologische High Dangerous Bühne stieg das Covid 19 zum bis dahin absoluten Star eines Pandemieherrschers auf, aber das würde erst zum Jahreswechsel 2019 - 2020 der Menschheit bewusst werden, wenn sich im österreichischen Ischgl während feucht-fröhlicher Schiferien Hunderte oder sogar Tausende Urlauber mit diesem aus Asien (China) eingeschleppten Virus infizierten und diesen wiederum durch die Heimreise der Erkrankten über Europa, die westliche Welt und Teile Asiens und Afrikas verbreiteten. Die Suche nach einem oder mehreren geeigneten Impfstoffen lief auf Hochtouren, jedes Labor, jede Nation wollte die erste sein, die im Kampf gegen den Immun- und Erstickungstod durch Covid 19 die berühmte Nase vorne hat und somit beide Hände im internationalen Währungstopf, der mit Hunderten Milliarden, wenn nicht sogar Billionen Dollar und Euro zum Überquellen gefüllt war. Aber das würde erst in ein paar Jahren geschehen, jetzt ging es darum Lokis Castle und den Black and White Smokern in der arktischen Tiefsee einen Besuch abzustatten und tüchtig Forschungsmaterial einzusammeln sowie zahlreiche Experimente durchzuführen. Doch bei Gott, was hofften sie alle dort unten zu finden? Den Stein der Weisen - die Antworten auf die dringende und drängende Frage, welche die gesamte Menschheit bis in das Mark ihres Daseins durchwühlt? Ich musste vorsichtig sein, sehr vorsichtig, das wurde mir mit jedem Wimpernschlag mehr bewusst als mir lieb war. Sarah Rosenstrauch wusste jetzt dass ich wusste, wer sie wirklich war, und dieses Wissen machte sie zu einer extrem gefährlichen Gegnerin. Außerdem konnte ich in keiner Weise einschätzen, welche Mitspieler sie noch an Bord der Georgi Schukow für ihre Zwecke einspannte. Den Kapitän ganz sicher nicht, Viktor Satchev ist ein ehrenwerter Mann mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit und Kameradschaft, was in der russischen Marine ohnehin einen sehr hohen Stellenwert hat. Personen aus einem der Teams - oder gar aus mehreren? Je mehr Mitwisser es gibt, um so zerbrechlicher das Konstrukt - nein - sollte ein Anschlag auf mich verübt werden, so würde dieser schnell, präzise und nicht nachweisbar erfolgen. Mann über Bord; die Rundgänge außerhalb des Oberdecks wo die zahlenden Gäste wohnten. War nur mit ausdrücklicher Genehmigung und in Begleitung eines Offiziers und zwei Matrosen möglich. Zudem mussten mindestens drei Passagiere an diesem Rundgang teilnehmen. Für meine Recherchen und fotografischen Arbeiten während der Tauchgänge mit Architheutis bräuchte ich keine besonderen Vorkehrungen zu treffen, bis auf meine Yoga Stunde vor Beginn des Abenteuers arktischer Tiefsee. Diesen Akt der inneren Selbstberuhigung und Stabilisierung und die dazu notwendige Technik, hatte ich mir vor Jahrzehnten von einem nordamerikanischen Indianer beibringen lassen. Nur mit dem Bogenschießen wollte es nicht so recht klappen, ich traf fast immer die Zuschauer anstatt die Scheibe, was allerdings keinen Schaden verursachte - Übungspfeile mit Weichgummispitze. Einem Greenhorn wie mir traute man nach vier Wochen Tipi Abenteuer halt noch keine Qualitäten als Bogenschütze zu was mich veranlasste, meine Schießfreudigkeit in Sachen „der weiße Bogenschütze“ einzustellen, was nicht nur bei mir auf Erleichterung stieß. Schießen - Soldaten - Sonderkommandos - Militär - Kampfstoffe - Bakterien - Viren - Kriegführung - Immunität… was suchst du wirklich da unten in der Tiefsee - Yoshua Rosenstrauch?
„Please Mister Bergerdamm - your Kabine - a single room only for you…“ sprach der Oberdecksteward“ the luggage is ready inside the Cabine… if you have a wish or order - call me by phone… i wish you an nice day and good times on Board - Mister Bergerdamm…“ endete die Übergabe meiner Ersatzheimat auf Zeit. Alles andere steht wie üblich auf allen Schiffen mit Passagierbelegung in den Instruktionen zum Aufenthalt an Bord der schwimmenden Einheit.
„Thank you for your instructions - that‘s for you“ und spendierte dem Decksteward einen Euro Zehner als Trinkgeld verbunden mit der Hoffnung, dass diese Zuwendung in seiner eigenen Tasche verbliebe.
Ich wusste von Kollegen um die Gehälter der Matrosen und Unteroffiziere an Bord der Georgi Schukow, denn auch die Deckstewards stehen im Rang eines Unteroffiziers. Was die Atomgaz den Männern zahlt sieht das Unternehmen als großzügige Zugabe zu der unbezahlbaren Möglichkeit auf diesem Schiff Dienst zu tun und die polaren Regionen dieser Erde hautnah zu erleben. Das wäre mit Geld in keiner Weise zu vergüten. Zudem hätten die Mitarbeiter an Bord Unterkunft und Logis frei, könnten somit ihre gesamte Heuer sparen, was aber mehr dem Wunschdenken und Schönreden der Atomgaz Manager entspricht als der Realität. Die Kernbotschaft der Instruktionen aber ist die Eigenschaft aller Matrosen und Offiziere der Georgi Schukow als Botschafter Russlands den Gästen an Bord des Eisbrechers zu begegnen. Im Klartext hieß das nichts anderes, als Augen und Ohren aufzusperren, zu lauschen und zu schnüffeln wo immer sich eine Gelegenheit bot und in den freien Stunden durchaus die Einladung zu einem Gespräch wohlwollend annehmen. Schriftliche Unterlagen in den Kabinen der Wissenschaftler und Forscher, sofern diese ohne großen Aufwand einzusehen sind, sollten fotografisch erfasst werden, wobei unbedingt darauf zu achten ist, keine Spuren zu hinterlassen. Weiße Handschuhe gehören bei den Deckstewards ohnehin zur Standardbekleidung.
Dreizehn - so meine Kabinennummer, einmal in Kyrillsch, zum anderen in arabischen Ziffern. Die Kabinentür glitt sanft in die gepolsterten Zargen, was ein leicht schmatzendes Geräusch erzeugte, bevor der Schließriegel mit einem leisen Klacken in das Schließblech glitt. Die Vorhänge waren wegen der Mittsommernacht zugezogen, was noch einige Wochen so weitergehen würde, daran ging kein Weg vorbei, wollte ich in den Polarnächten wenigstens ein paar Stunden Schlaf finden. Dennoch fiel dort, wo sich die schwarzen Vorhänge überlappten, ein Lichtfinger in die Kabine hinein, der nach einigen Minuten des Eingewöhnens die Konturen der Einrichtung kraftvoll vor meinen Augen erstehen ließen. Das Doppelbett war unübersehbar; die Russen haben mit die größten Betten der Welt in ihren Hotels, was auch für die Kreuzfahrer gilt, und wird als Hommage an die russischen Zaren gewertet. Für mich als Einzelschläfer konnten die Betten gar nicht groß genug sein, aber das warum ist eine andere Geschichte, die nur mich etwas angeht. Zur rechten ein Tisch - ein Schreibtisch mit Sessel davor, an der Wand über dem Tisch eine Lampe, wahrscheinlich mit Minikamera und Mikrofon. Daneben das Bord TV Gerät (ganz sicher auch Kamera und Mikro bestückt), mit internationalen Sendern in der landeseigenen Sprache, sogar zwei deutsche Stationen waren darunter, aber zum Fernsehen hatte ich diese Reise nicht gebucht. Gleich neben der Eingangstür befand sich der Kleiderschrank, dem ich gleich den Inhalt meines Koffers anvertrauen würde. Mein Koffer - mein Gepäck, ich musste Licht machen - am besten die Vorhänge aufziehen. Mir fielen zwei leuchtende grüne Lichter mit Schaltern neben dem Türrahmen auf - einfach mal drücken - es werde Licht. Die Kabine erhellte sich in einem angenehmen Farbton, der durchaus an die Beleuchtung westlicher fünf - Sterne Hotels heranreichte, und schon erblickten meine Habseligkeiten das Licht der Kabinenwelt auf der Georgi Schukow. Fehlt nur noch das Bad mit Toilette - (den Hinweis auf Kamera und Mikrofon erspare ich mir) und das wichtigste überhaupt - die Minibar. Der zweite grüne Schalter ließ die Vorhänge am Kabinenfenster geräuschlos auseinander gleiten, solange ich den grünen Schalter gedrückt hielt. Das gleiche Ensemble leuchtet jetzt auch am Kopfende neben meinem Bett auf, so dass sich das lästige Aufstehen und durch die Kabine stolpern erübrigte. Vom Bett aus ließ sich alles wunderbar bedienen. Licht aus, Vorhang zu, schlafen gehen oder - nein - kein TV, das hatte ich mir geschworen. Vor der Glotze schlafe ich grundsätzlich ein, warum weiß ich nicht und habe auch keinen Drang nach den Ursachen zu forschen, es ist einfach so. Nur so viel - scheint nichts ernstes zu sein - weil, das geht schon seit mehr als zwanzig Jahren so. Jens Hüball, mein früherer Freund und Kollege, den es im Balkan bei der KFOR erwischte, meinte einmal zu mir, dass mein Einschlafen vor der Glotze ursächlich mit der Qualität der Programme zu tun hat. Die Menschen sollen einfach nicht mehr zum Nachdenken kommen und werden über bestimmte Impulse aus dem Bildschirm, welche direkt auf das Schlafzentrum wirken, in den Schlafmodus versetzt. Ein weiteres Indiz dafür ist die zunehmende inhaltliche Merkunfähigkeit bei Talkshows und Lifesendungen. Hier hörst und siehst du alles, verstehst auch den gequirlten Dünnschiss zum Teil, aber deine Wiedergabefähigkeit schon ein paar Stunden später geht gegen Null. Wahrscheinlich hat er recht, kein Wunder, dass immer mehr gebildete Menschen oder solche, die sich dafür halten, zu Eigenbrödlern werden, sich nur noch mit sich selbst beschäftigen und lediglich zu Erwerbszwecken Interessengeartete Betätigungen annehmen. Weg von der Mittelpunktsneurose, weg vom Narzissmus, weg von all dem Promi Getue das mir schon seit Jahrzehnten die Prostata traktiert. Weg vom Schleimen und Heucheln, dem klebrigen Anbiedern, dem um die Wette Rennen mit diesem Heer von Enddarmbewohnern, die selbst Arschlöcher haben die so groß sind, dass man mit dem Lastwagen dreinfahren könnte. Meine Teilnahme an dieser Expedition war so eine Interessengeartete Betätigung, die in erster Linie offiziell dem Broterwerb diente, wenngleich ich nicht von den Honoraren aus meiner freiberuflichen journalistisch-fotografischen Arbeit leben musste und auch nicht gekonnt hätte. Allein meine Abfindung zum Ausscheiden aus dem Unternehmen Bergerdamm bescherte mir für drei Leben ein fettes finanzielles Polster, hinzu kamen noch die Dividenden aus Aktienpaketen, die mir gleichfalls satte Zuwächse einbrachten. Bescheidenheit ist eine Tugend - so lehrte es mich meine Großtante Lina, eine richtige Ostpreußin mit solidem jüdischen Stammbaum. Was du ererbt von den Eltern, erwirb es um es zu besitzen. Mit dem Erben war es so eine Sache; ich hätte komplett verzichten können, auf alles und jegliches, wäre aus dem Unternehmen Bergerdamm ohne Aufhebens ausgeschieden, ohne Abfindung, finanziell nackt und bloß, lediglich die Betriebsrente war nicht verlegbar, die musste ich nehmen - so der Betriebsrat. Von mir aus, viel war es ohnehin nicht. Gegen diesen Schritt standen meine Wünsche und Träume - Reisen - Erforschen - Fremde Welten kennenlernen - Reportagen - Fotos - weltweit. Und der Tierschutz in all seinen Facetten. Good Will ist eine ehrenwerte Tugend, aber ohne feste Basis - sprich Knete - eine sehr wackelige Angelegenheit. Ich hatte zwar Honorareinnahmen aus meinen regionalen und deutschlandweiten Reportagen und Fotosessions, aber das reichte gerade mal für eine Einzimmerwohnung, eine Bahncard fünfzig für Journalisten und einmal im Monat Einkaufen bei ALDI. Meine Klamotten wuschen mir hilfreiche Geister in den Pensionen, in denen ich Abstieg. Die Canon-Nikon Fotokameras mit entsprechenden Objektiven stotterte ich monatlich ab und das nur deshalb, weil ich ein „noch Miterbe des Unternehmens Bergerdamm“ war. Diese Großzügigkeit rechne ich den Fotohändlern bis heuer hoch an. So könnte ich weiter ausführen, aber ich will mich nicht selbstloser darstellen als ich bin und auch keinen Heiligenschein aufsetzen, zum Gandhi eigne ich mich ohnehin nicht. Aber diese Zeit war eine sehr gute Lehrzeit - hart aber lebensnah und - fair, obwohl ich manchen Arschtritt verpasst kriegte. So sagte ich ja und ließ mich von meinen älteren Geschwistern und von den Familienanwälten einschließlich Betriebsratsvorsitzenden in einer Größenordnung auszahlen, die mir eine Summe zufließen ließ, die in der Tat für drei Leben in Hülle und Fülle reichten. Endlich konnte ich meine Wünsche und Träume Realität werden lassen. Zu einem dieser Wünsche gehören die nun schon regelmäßigen Polarfahrten zu den vereisten Erdpolen, daneben Expeditionen mit Mammutforschern zu den abgelegenen Inseln der arktischen Zonen Sibiriens und Alaskas. Das Abtauchen mit speziellen Tauchbooten im Team von Forschern und Wissenschaftlern in die absolute Nacht der eisigen Tiefsee erforderte bei mir mehr als nur Überwindung der räumlichen Enge, das nur am Rande. Kurzum - die naturwissenschaftlichen Magazine weltweit begannen sich für mich und meine Fotoreportagen zu interessieren, es lief rund, meine Honorare nahmen ansehnliche Größenordnungen an und flossen ohne Ausnahme gleich in neue Projekte, vornehmlich Tier- und Artenschutz, wobei ich Tierheime in aller Welt unter konsequenter Kontrolle ausgewählter Vertrauenspersonen versteht sich, ihren Maßnahmen entsprechend unterstützte, was die „Motivation und Selbsthilfekräfte“ der Ehrenamtler in beeindruckender Weise motivierte. Nun sitze ich hier in einer Kabine der Georgi Schukow und bin mir sicher, das dies das Domizil eines Offiziers des Eisbrechers ist, und ich als zahlender Gast auf Zeit die „Annehmlichkeiten“ seiner schwimmenden Datscha genießen darf. Ich werde mich dieser Gastfreundschaft würdig erweisen, auch wenn ich rund um die Uhr beobachtet und belauscht werde. Russland ist eben Russland und sein Präsident der politische Nationalheilige. Der andere Heilige hing als Siebdruck einer Ikone an der Wand über meinem großen Bett - der Heilige Nikolaus von Myra, herkömmlich aus Lykien, Antalya in der Türkei. Soll kein Rückschluss sein auf das gute Verhältnis zwischen den beiden Präsidenten, ist halt nur der Nationalheilige der Ostkirchen. Ein suchender Blick in die Minibar signalisierte mir zufriedenstellende Ergebnisse - Apfelsaft, Mineralwasser, Milch, Hartkäse - Ende der Durchsage. So hatte ich es auf dem Fragebogen lange vor meinem Antragsersuchen auf Teilnahme an der Fahrt mit der Georgi Schukow formuliert. Striktes selbst verordnetes Alkoholverbot - ich wollte den klaren Durchblick haben, zu jeder Zeit des Tages und der Nacht, und so wie die Dinge sich zu entfalten begannen, würde ich diesen Durchblick noch mehr nötig haben als die Luft zum Atmen. Rauchen stand ohnehin völlig außen vor, diesem Suchtmittel schwor ich schon vor Jahrzehnten ab. Also Maximilian von Bergerdamm - an die Arbeit - packen wir es aus!
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