Kitabı oku: «Pergamente und Papyri»

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Inhaltsverzeichnis

TEIL 1: Die Puzzleteile

Die Bibel als Puzzle

Wie sehen die Puzzleteile aus? Ein Manuskript

Deutung der Puzzleteile: Einen Text lesen

Die Büchermenschen

TEIL 2: Die großen Manuskripte des Neuen Testaments

Das Manuskript mit dem falschen Namen: Codex Alexandrinus

Das Manuskript mit unsichtbarer Schrift: Codex Ephraemi Rescriptus

Das freie Manuskript: Codex Bezae Cantabrigensis

Welche Bücher lasen die ersten Christen?

Das Manuskript im Kloster: Codex Sinaiticus

»Die Menschen zogen ihre Hüte …«

Der Manuskriptschatz in der Mauer

Das Mysterium des handgeschriebenen Briefes

Das Manuskript in der Vatikanischen Bibliothek: Codex Vaticanus

»Lass das Alte stehen!«

Ein tiefer Einschnitt: die diokletianische Verfolgung

Wurden die vier Evangelien ausgetauscht?

TEIL 3: Eine neue Ära alter Manuskriptfunde

Das Papyruszimmer in Oxford

Die Manuskripte im Müllhaufen

Das Miniaturbuch aus Ägypten: Papyrus 62

Die ersten großen Papyrusmanuskripte: die Chester Beatty-Funde

Das erste große Evangelienbuch: Papyrus 45

Die erste Briefsammlung: Papyrus 46

Die Klöster in der Wüste Ägyptens

Die Manuskripte mit apokryphen Evangelien: der Nag Hammadi-Fund

Die Manuskripte unbekannter Herkunft: die Bodmer-Funde

Ein unbekannter Manuskriptfund

Langsam fügen sich die Puzzleteile zusammen

Woher stammen die Manuskripte?

Das älteste Evangelienbuch: Papyrus 66

Das Manuskript, das einem Mythos ein Ende setzte: Papyrus 75

Das Manuskript in der Restekiste: Papyrus 52

Die Schokoladenpuddingmethode

Wie bestimmt man das Alter eines biblischen Manuskripts?

Die am besten belegte Schriftsammlung der Antike

TEIL 4: Die Manuskripte des Alten Testaments

Lebendige Bücher

Die Krone von Aleppo

Ein noch dunkleres Geheimnis

Heilige Schriften in einer atheistischen Stadt: Der Leningrad-Codex

Was hat es mit den Schriftrollen vom Toten Meer auf sich?

TEIL 5: Das Puzzle legen

Textausgaben und ihre Unterschiede

Erasmus und der erste griechische Text

Wie viele Unterschiede weisen die Manuskripte auf?

Wie groß sind die Unterschiede zwischen den Manuskripten?

The number of the beast und andere Varianten

Die 25 größten Unterschiede

Was ist mit dem Ende des Markusevangeliums passiert?

Was wurde aus der des Ehebruchs überführten Frau?

Wenn ein Buchstabe viel zu sagen hat: Majuskel 0220

Das nie gefundene Manuskript: Q

Das Puzzle: eine Geduldsprobe

Wie soll das Puzzle zusammengesetzt werden?

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

Bildnachweis

Impressum

TEIL 1:
Die Puzzleteile
Die Bibel als Puzzle

Ein Puzzle mit wenigen Teilen zu legen, ist leicht, wird jedoch ziemlich schnell langweilig. Viel spannender ist es, wenn es Tausende von Teilen sind. So wie bei dem Puzzle namens »Bibel«. Mit dem Fund der Schriftrollen vom Toten Meer stehen den Forschern des Alten Testaments für ihre Studien zweihundert neue Manuskripte zur Verfügung. Und was das Neue Testament betrifft, so wurden allein in den vergangenen einhundert Jahren fast zweitausend neue Manuskripte gefunden. Noch immer versuchen die Forscher festzustellen, wie alt sie sind, und herauszufinden, welchen Text sie enthalten und wie er zu bewerten ist. Welche Texte sind den vor zweitausend Jahren niedergeschriebenen am ähnlichsten?

Leider stehen uns nicht alle Teile zur Verfügung. Die allerersten Manuskripte, die die Apostel und Evangelisten einst mit der Feder festhielten, existieren nicht mehr. Sie wurden durch langen Gebrauch oder im Zuge von Bränden, Kriegen und Verfolgung zerstört. Das gleiche Schicksal ereilte im Lauf der Geschichte Tausende anderer Manuskripte. Die heute vorliegenden Exemplare sind lediglich ein kleiner Bruchteil aller, die einst existierten. Was ist mit den anderen geschehen?

Von den erhaltenen Puzzleteilen passen einige scheinbar nicht zusammen. Kein Manuskript gleicht komplett dem anderen. Manche unterscheiden sich sogar stark voneinander. Wie kann plötzlich in Psalm 145 des Alten Testaments ein neuer Vers auftauchen? Warum ist das letzte Kapitel des Markusevangeliums in vielen Manuskripten um zwölf Verse länger? Woher kommt im Johannesevangelium die Erzählung von der des Ehebruchs überführten Frau? Und wie kam es zu den vielen kleinen Unterschieden in der Schreibweise von Wörtern und Sätzen? Das sind einige der Fragen, auf die Forscher seit Hunderten von Jahren Antworten suchen.

Die Unterschiede zwischen den Manuskripten sind eine Goldgrube für alle Liebhaber von Verschwörungstheorien. Viele fragen sich, ob die Texte über die vielen Jahrhunderte des Kopierens hinweg willentlich verändert wurden. Kann es sich gar um Fälschungen handeln? Hat ein römischer Kaiser große Teile der Bibel ganz einfach ausgetauscht? Ist es überhaupt möglich zu wissen, was in den ursprünglichen Texten gestanden hat? Die Textgeschichte der Bibel ist von vielen derartigen Gerüchten umgeben. Welche davon sind wahr und bei welchen handelt es sich um moderne Fiktion?

Manuskriptfunde haben von jeher die Fantasie der Menschen angestachelt. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn moderne Krimiautoren die Entdeckung alter Manuskripte als Grundlage für ihre Bücher verwenden. Wo Kriminalromane jedoch erfundene Geschichten erzählen, berichtet dieses Buch von realen Ereignissen – die ab und an die Fantasie übersteigen. In der Textgeschichte begegnen wir Käufen und Verkäufen, die kein Tageslicht vertragen, Funden, die an den unwahrscheinlichsten Orten gemacht wurden, und Manuskripten, die im letzten Moment vor der Zerstörung gerettet wurden. In diesem Buch erfahren Sie, wie alt die ältesten Manuskripte der Bibel sind, welche Vorgeschichte sie haben und wie sie in den letzten Jahrhunderten wiederentdeckt wurden.

Heutzutage haben wir Zugang zu einer Unmenge an alten Manuskripten. Sie liefern den Beweis für die frühe Existenz und Nutzung der biblischen Bücher. Aber wie weit zurück in die Zeit führen uns die Manuskripte? In diesem Buch werden wir uns Stück für Stück in die Geschichte zurückarbeiten. Los geht es am Übergang von der Antike zum Mittelalter.

Wir beginnen mit dem Neuen Testament. Wie nah kommen wir der Zeit der Apostel? Sind möglicherweise Manuskripte zu finden, die bis ins 4.Jahrhundert zurückreichen oder noch weiter? Kurzum, wie weit zurück in der Zeit gelangt man? Dieses Buch präsentiert die wichtigsten und ältesten Manuskripte dieser Textgeschichte.

Im weiteren Verlauf werden wir die Manuskripte des Alten Testaments näher betrachten. Davon gibt es weniger, jedoch sollen die wichtigsten hier vorgestellt werden. Bei ihnen ist der zeitliche Abstand in der Geschichte noch größer als bei jenen des Neuen Testaments. Wie weit zurück können wir ihnen folgen? Wie wichtig sind die berühmten Schriftrollen vom Toten Meer? Und was wurde aus den verschwundenen Bögen eines alten Manuskripts aus Aleppo?

Dieses Buch ist weder eine vollständige noch eine wissenschaftliche Einführung in die Textgeschichte der Bibel. Vielmehr handelt es sich um eine einfache und populärtheologische Darstellung, die einige Kostproben eines vielfältigen und spannenden Fachgebietes offeriert. Wer sich detaillierter in das Fachgebiet einlesen möchte, kann die Literaturliste im Anhang als Ausgangspunkt nutzen.

Aber lassen Sie uns zuerst das Wort »Manuskript« ein wenig genauer unter die Lupe nehmen, da es uns in diesem Buch immer wieder begegnen wird. Was bedeutet dieses Wort?

Wie sehen die Puzzleteile aus? Ein Manuskript

Josef ist müde. Der Schilfstift kratzt über den groben Papyrus. Mehr und mehr neigen sich die kantigen Buchstaben nach rechts, ebenso sein Kopf. Es ist nur noch ganz wenig übrig, dann ist er fertig. Sein Nacken ist steif, seine Augen schmerzen. Das Öl in der Lampe ist fast aufgebraucht. Jetzt gilt es, die letzten Zeilen fertigzukriegen. Erneut taucht er den Schilfstift in das Tintenfass und schreibt die letzten Worte des Buches: »… Ihnen allen verkündete er, wie Gott jetzt seine Herrschaft aufrichtet, und lehrte sie alles über Jesus Christus, den Herrn – frei und offen und völlig ungehindert.« (Apg 28,31)

Endlich kann er den Stift beiseitelegen. Er dehnt den Nacken, beugt den Rücken nach hinten. Es ist das umfangreichste Buch, das er bisher geschrieben hat. Er lässt die Finger über den Stoß Papyrusbögen gleiten. Einhundertzwölf große Bögen sind es geworden. Wie viele Abende hat er an dem Buch gearbeitet? Er hatte aufgehört zu zählen. Alles, woran er denken konnte, war, dass es rechtzeitig fertig werden musste – für den großen Tag, der in einigen Stunden beginnen würde. Genauso wie die anderen Gemeinden im Tal brauchte selbstverständlich auch seine ein großes Buch mit allen vier Evangelien. Am nächsten Tag sollte es geweiht werden.

Dieses Mal hatte er nicht nur eines der heiligen Bücher schreiben sollen, sondern alle vier. Sie sollten in einem großen Papyrusbuch Platz finden. Und nicht nur das: Auch das große Buch über das Tun der Apostel sollte ein Teil davon sein. »Das macht den Menschen so viel Mut«, hatte Vater Anatolios gesagt. »Und wenn wir in unserer jungen Gemeinde etwas brauchen, dann ist es der Mut und die Stärke der Apostel, die hinausgingen und vom Herrn Jesus verkündeten.« Der Alte hatte gelächelt und Josef auf die Schulter geklopft.

»Du darfst nicht vergessen, dass wir nicht viele wie dich haben«, hatte er gesagt. »Jetzt, wo der alte Sabbateus weg ist, bist du der Einzige hier, der lesen und schreiben kann.« Josef wusste, dass die meisten in seiner Kirche kaum mehr als ein paar Zeichen kritzeln konnten, die ihre Namen darstellen sollten. Er selbst hatte jedoch von dem alten Juden eine gründliche Ausbildung in der Kunst des Schreibens erhalten.

Zudem war er mehrere Jahre auf dem Schiff eines phönizischen Kaufmanns die Küste hinauf und hinab gesegelt. Als Schreiber des Kaufmanns hatte er gelernt, sowohl schnell als auch genau zu schreiben. »Acht Fässer Roggen« und »zwölf Säcke Weizen« gehörten zu seinen häufigsten Notizen – das war nicht gerade eine spannende Arbeit gewesen, aber zumindest hatte er von dem alten Phönizier Genauigkeit gelernt.

Ein letztes Mal lässt er den Blick über den Stapel Papyrusbögen gleiten, bevor er die Flamme der Öllampe löscht. In der Tat ist es spannend, diese Bücher beständig neu zu schreiben. Obwohl er mittlerweile weiß, was auf den nächsten Seiten steht, erzeugen die Worte in seinem Mund einen ganz eigenen, süßen Geschmack. Wenn sie unter seinem Schilfstift Form annehmen, weiß er, dass er an etwas Wichtigem teilhat. Noch immer erinnert er sich an das gute Gefühl, das ihn übermannte, als er die Texte im Gottesdienst zum ersten Mal vorlas. Der alte Sabbateus hatte ihn zu sich gebeten, ihm einen Arm um die Schulter gelegt und gesagt: »Meine Augen sind nicht mehr in der Lage, die Zeichen voneinander zu unterscheiden. Fortan musst du die heiligen Schriften lesen.«

Das Letzte, woran Josef vor dem Einschlafen denkt, sind erfreute Gesichter. Endlich soll die Gemeinde ein eigenes Buch mit den heiligen Schriften bekommen. Die anderen Kirchen hatten sich freundlich gezeigt und ihre Bücher ausgeliehen, sodass er von den besten Büchern des Tals hatte abschreiben können. Jetzt ist das große Evangelienbuch fertig, und Josef freut sich darauf, es am nächsten Tag in der Kirche vorzulegen.

Ungefähr so können wir uns die Vorgeschichte eines der ältesten existierenden Manuskripte des Neuen Testaments vorstellen. Das Manuskript wurde in den 1930er-Jahren in Ägypten gefunden. Es bekam den Namen Papyrus 45 und wurde irgendwo im Niltal verfasst. Das große Buch enthält sowohl die vier Evangelien als auch die Apostelgeschichte. Alle 224 Seiten sind mit der gleichen, leicht nach rechts geneigten Handschrift geschrieben. Wie so viele andere frühe Manuskripte wurde das Buch von einem gewöhnlichen Christen niedergeschrieben und nicht von einem Mönch im Kloster. Er oder sie verfügte wahrscheinlich über eine Ausbildung als Schreiber und gebrauchte die Schreibkunst in der täglichen Arbeit; neue Exemplare der heiligen Bücher für die Gemeinde wurden jedoch in der arbeitsfreien Zeit gefertigt.

Der Schreiber ist der anonyme Held der Textgeschichte. In einigen alten Manuskripten finden sich kleine »Seufzer« von ihm oder ihr, eingefügt nach getaner Arbeit. In einem Manuskript aus Armenien beklagt sich der Schreiber über die Kälte: Draußen tobt ein Schneesturm, sodass die Tinte gefriert, die Hände werden taub, und ständig fällt der Stift aus der Hand. In einem anderen Manuskript ist ganz unten auf dem letzten Bogen dieser poetische Vergleich zu lesen: »Wie sich ein Reisender darüber freut, die Heimat zu sehen, so ist das Ende des Buches für jenen, der sich damit abgemüht hat.« Andere Manuskripte enden mit einer Lobpreisung Gottes: »Das Ende des Buches – Gott sei gelobt!«1

Wir bezeichnen die alten Bücher also als Manuskripte. Wofür steht dieses Wort? Es hört sich wie eine Art erster Entwurf eines literarischen Werkes an, eine Kladde, die nach Fertigstellung des Buches beiseitegelegt wird. Man denkt leicht an etwas Unfertiges, etwas Vorläufiges.

Das war in der Antike (im Zeitraum von ca. 700 v.Chr. bis 500 n.Chr.) anders. Zu dieser Zeit gab es keine Druckereien. Alle Bücher mussten zwangsläufig von Hand geschrieben werden. Und sie wurden keineswegs nach dem ersten Lesen beiseitegelegt; sie waren so selten und ihre Herstellung so teuer, dass sie bis zur vollständigen Abnutzung verwendet wurden. Aus diesem Grund sind alle bisher gefundenen Manuskripte in mehr oder weniger starkem Umfang beschädigt.

Das Wort Manuskript stammt aus dem Lateinischen und bedeutet schlicht und einfach »von Hand Geschriebenes«. Manus steht für »Hand« und scriptum bezeichnet »etwas Geschriebenes«.

So verhielt es sich die gesamte Zeit über, bis Johannes Gutenberg (1398–1468) Mitte des 15.Jahrhunderts die Kunst des Buchdrucks erfand. Bis dahin galt: Wollte man ein Buch haben, dann musste es von Hand geschrieben werden. Jedes einzelne Exemplar des Buches musste von Hand geschrieben werden, Wort für Wort, Seite für Seite. Daher wird alles schriftliche Material aus dieser Zeit Manuskript genannt.

Auch die Texte des Neuen Testaments wurden von Beginn an durch Abschrift von Hand verbreitet. Innerhalb kürzester Zeit zirkulierten die Bücher im gesamten Mittelmeerraum. Um das Jahr 300 finden wir den Glauben an Jesus in Gebieten, die heute zu Israel und Palästina, dem Libanon und Syrien, der Türkei und Griechenland, Italien und Deutschland, Frankreich und Spanien, Algerien, Tunesien und Ägypten gehören. Sogar so weit nördlich wie im heutigen Belgien, den Niederlanden und England gab es christliche Glaubensgemeinschaften. Der Glaube an Jesus von Nazareth war dabei, eine Weltreligion zu werden.

Aber wie sah ein Bibeltext in den ersten Jahrhunderten nach Christus aus? Welches Format hatte er? Woraus waren die Bücher gefertigt? Viele dieser Manuskripte sind bis heute erhalten geblieben, einige von ihnen sind in diesem Buch auch mit Foto wiedergegeben. Dabei sind einige Gemeinsamkeiten erkennbar:

Zum einen wurden die ältesten Manuskripte auf Bögen aus Papyrus geschrieben. Papyrus wuchs in Ägypten und wurde von dort aus in den gesamten Mittelmeerraum exportiert. Zur Fertigung der Bögen wurden die Halme der Papyruspflanze, genannt biblos, in dünne Streifen geschnitten. Diese Streifen wurden in zwei Schichten quer übereinandergelegt; dieses Kreuzmuster ist bei allen Papyrusbögen leicht zu erkennen. Dann wurden die beiden Schichten aufeinandergepresst, wobei der Pflanzensaft wie Leim wirkte und die Schichten zusammenklebte. Anschließend wurden die Bögen getrocknet und später in der passenden Größe zugeschnitten. Mit dem Schreiben begann man stets auf der Seite mit den horizontalen Linien, weil diese am leichtesten zu beschreiben war.

Bis etwa 300 n.Chr. war Papyrus das gebräuchlichste Schreibmaterial. Im 4.Jahrhundert übernahm nach und nach Pergament diese Rolle. Dieses wurde aus feiner Tierhaut hergestellt. Dabei war es üblich, sowohl Ziegen- als auch Schafshaut zu verwenden. Das feinste Pergament hingegen wurde aus Kalbshaut gewonnen. Die Stadt Pergamon, die in der Offenbarung des Johannes (2,12) erwähnt ist, war für die Veredelung der Pergamentherstellung bekannt, weswegen das feine Leder nach dieser Stadt benannt wurde. Heute trägt sie den Namen Bergama und gehört zur Türkei.

Die Herstellung war arbeitsintensiv: Um sie geschmeidig zu machen, wurde die Tierhaut zuerst eingeweicht. Anschließend wurde sie in einen Rahmen gespannt, um die Haare auf der Außenseite und das Fett auf der Innenseite zu entfernen. Nachdem sie getrocknet war, wurde die Haut geglättet und in der gewünschten Größe zu Bögen zugeschnitten. Die fertigen Bögen wurden nach Qualität sortiert. Hatte die Haut Löcher oder anderweitige Beschädigungen, wurde sie für weniger wichtige Dokumente verwendet. Das feinste Pergament war äußerst kostbar und wurde nur für große literarische Werke genutzt. Zum Beispiel wurde das prachtvolle Manuskript Codex Sinaiticus auf dem dünnsten und teuersten Kalbslederpergament geschrieben, das es seinerzeit gab.

Im Vergleich zu Pergament ist Papyrus weniger haltbar. Es grenzt an ein Wunder, dass bis heute 135 alte Papyrusmanuskripte mit Texten des Neuen Testaments gefunden wurden, alle in Ägypten. Nur dort war das Klima so trocken, um den Papyrus in verfallenen Ruinen oder vergraben im trockenen Wüstensand zu erhalten. Alle Papyrusmanuskripte, die in anderen Ländern rund um das Mittelmeer existiert haben müssen, sind verloren gegangen. Die wenigen Exemplare, die sich nach den Verfolgungen im 4.Jahrhundert noch dort fanden, hatten gegen das Klima und den Niederschlag keine Chance. Unter dem Sand Ägyptens lagen die Papyrusmanuskripte hingegen wie ein versiegeltes Geschichtsbuch, bereit, um von späteren Generationen geöffnet zu werden. Im 20.Jahrhundert ist das verborgene Geschichtsbuch unter den Sanddünen geöffnet worden. Es bot den Forschern einen schier unglaublichen Einblick in biblische Manuskripte aus den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung. Dieses neu geöffnete Geschichtsbuch möchte ich in Pergamente und Papyri präsentieren.

Deutung der Puzzleteile: Einen Text lesen

Die Schriften, aus denen das Neue Testament entstanden ist, waren von Beginn an zum Vorlesen gedacht. In der Antike war es unüblich, still für sich allein zu lesen; gelesen wurde vorwiegend laut, damit andere es hören konnten. Mit anderen Worten: Ein Buch wurde erst dann lebendig, wenn es Stimme und Ton bekam. Das entsprach dem eigentlichen Sinn niedergeschriebener Bücher: Die schriftliche Fassung sollte dem Vorleser bei der Erinnerung an das mündlich Vorgetragene helfen.

Bei einer Bevölkerung, von der lediglich zehn bis fünfzehn Prozent lesen und schreiben konnten, war es wichtig, hören zu können, was gelesen wurde. Dem Vorleser kam deshalb nicht nur in der Kirche, sondern in der ganzen Gesellschaft eine wichtige Funktion zu. Die einzige Möglichkeit der Menschen, Informationen zu erhalten, bestand darin, dass jemand auf dem Markt oder in der Kirche laut aus einem Manuskript vorlas.

Aus diesem Grund findet sich das Wort »vorlesen« über dreißig Mal im Neuen Testament. Es wurde stillschweigend vorausgesetzt, dass es lauten Vorlesens bedurfte, wenn Jesus Dinge sagte wie: »Habt ihr nicht gelesen, […] dass Gott am Anfang den Menschen als Mann und Frau geschaffen hat.« Vorlesen war ein selbstverständlicher und notwendiger Teil der antiken Gesellschaft.

»Bis ich komme, lies wie bisher aus den Heiligen Schriften vor …« (1.Tim 4,13)

So schreibt der alte Apostel Paulus an seinen jungen Mitarbeiter Timotheus. Es ist kein Zufall, dass er das Vorlesen so betont. Aus den Schriften zu lesen war noch wichtiger als zu predigen und zu unterrichten. Nur so konnte die Gemeinde erfahren, was in den Schriften stand. Der Vorleser musste seine Aufgabe daher ernst nehmen. In der Johannesoffenbarung werden sowohl der Vorleser als auch die Zuhörer gepriesen, weil sie das Gelesene in Obhut nehmen:

»Freuen darf sich, wer die prophetischen Worte in diesem Buch anderen vorliest, und freuen dürfen sich alle, die sie hören und beherzigen; denn die Zeit ist nahe, dass alles hier Angekündigte eintrifft.« (Off 1,3)

Dieser Bibelvers schildert die konkrete Situation, in der der Text verwendet wurde: Einer las laut vor, während andere zuhörten. Es gibt eine ergreifende Schilderung eines Gottesdienstes, wie er von Christen Mitte des 2.Jahrhunderts abgehalten wurde. Darin berichtet der christliche Autor Justin der Märtyrer, dass viel Zeit auf das laute Vorlesen verwendet wurde:

»An dem Tag, der der Tag der Sonne genannt wird, versammeln sich alle, ob sie in den Städten oder auf dem Land wohnen. Man liest aus den Erinnerungen der Apostel oder aus den Schriften der Propheten, solange es die Zeit erlaubt. Wenn der Lesende das Vortragen beendet hat, spricht der Vorsteher ein Wort der Ermahnung, worin er uns auffordert, die guten Dinge, die wir gehört haben, zu befolgen.«2

Wie man sieht, verwendeten die Christen sowohl Schriften des Alten als auch des Neuen Testaments, wie die beiden Sammlungen später genannt wurden. Mit »Erinnerungen der Apostel« wurden in der Urkirche für gewöhnlich die vier Evangelien bezeichnet und mit »Schriften der Propheten« die Bücher, die wir als das Alte Testament kennen. Diese Bücher wurden gelesen, »solange es die Zeit zuließ«, anschließend folgte eine kurze Predigt. Sie verwendeten also viel Zeit auf das Wichtigste, das Hören der Schriften. Denn niemand besaß diese Bücher persönlich, und die Wenigsten konnten lesen.

Versuchen wir uns vorzustellen, wie es war, diese Manuskripte zu verstehen. Es kann keine leichte Aufgabe gewesen sein, Vorleser zu sein, weder in der Gesellschaft noch in der Kirche. Die meisten Hilfsmittel, wie man sie in modernen Texten findet, waren in der Antike unbekannt:

Erstens gab es keine Leerzeichen zwischen den einzelnen Wörtern. In einigen Manuskripten ist die Andeutung eines Leerzeichens zu finden, zumindest zwischen den Sätzen. In der Regel bestanden jedoch alle Manuskripte aus kontinuierlicher Schrift, d.h. einem Text komplett ohne Leerzeichen. Wer vorlesen sollte, musste deshalb vorher üben, um zu wissen, wie DIELANGEREIHEVONBUCHSTABENEINGETEILTWERDENMUSSTE.

Nur wer geübt hatte, wusste, wo die einzelnen Wörter anfingen und endeten.

Zweitens bestanden die Texte ausschließlich aus GROSSBUCHSTABEN. Die Kleinschreibung entwickelte sich erst im Mittelalter. Bis dahin hatte der Vorleser nicht die Möglichkeit, anhand großer Anfangsbuchstaben zu wissen, wo ein Satz begann oder was Orts- und Personennamen waren, wie es im heutigen Schriftbild der Fall ist.

Drittens fanden sich in den Texten weder Kapitel- noch Versnummern. Kapitelnummern wurden erst im 13.Jahrhundert eingesetzt, und die heute übliche Einteilung in Verse wurde erst 1551 im griechischen Neuen Testament des französischen Herausgebers Stephanus eingeführt.

Viertens fanden sich in dem Text keine Überschriften. Daher war es nicht so einfach, seinen bevorzugten Text oder überhaupt irgendeinen bestimmten Text zu finden. Das Problem, den Bibeltext des Tages zu finden, wurde gelöst, indem man Lektionare anfertigte, das heißt Textbücher mit ausgewählten Bibeltexten. In diesen Büchern fand sich für jeden Tag oder für jeden Sonntag ein Abschnitt. Über vierzig Prozent aller neutestamentlichen Manuskripte sind solche Lektionare. 2433 wurden bisher gefunden.

Fünftens gab es keine Fußnoten, die dem Leser beim Verständnis der Inhalte halfen, und kaum Querverweise, die auf andere Texte mit gleichem oder ähnlichem Inhalt hinwiesen. In modernen Bibeln gibt es diese reichlich, in der Antike jedoch musste man ohne sie auskommen, abgesehen von den Stellen, wo jemand eine Notiz an den Rand des Manuskripts geschrieben hatte. Anmerkungen dieser Art finden sich in vielen Manuskripten.

Wir werden uns bald einem Manuskript zuwenden, das über viele Notizen am Rand verfügt. Aber zuerst müssen wir eine wichtige Frage hinsichtlich des verwendeten Buchformats stellen: Warum nutzten die Christen keine Buchrollen?

Die Büchermenschen

Die Manuskripte der ersten Christen weisen ein sehr überraschendes Merkmal auf: Ihre Schriften wurden nicht auf Buchrollen, sondern in Büchern verfasst. Die Christen entschieden sich nämlich sehr früh für das Buchformat. Ein solches Buch, in dem man blättern konnte, nennt sich Codex. Nahezu alle in diesem Buch behandelten Texte stammen aus alten Codizes. Von den fast 6000 vorliegenden Manuskripten des Neuen Testaments sind lediglich fünf auf Rollen geschrieben. Worin liegt das begründet?

Lag es vielleicht daran, dass die Herstellung von Büchern billiger war? Indem man beide Seiten eines Bogens beschrieb, sparte man bei den Ausgaben für das Schreibmaterial fast die Hälfte. Oder war es, weil Bücher auf Reisen einfacher transportiert werden konnten? Das angenehme Format kann zur schnellen Verbreitung der christlichen Bücher beigetragen haben. Oder war es, weil ein Buch auf der Suche nach einem bestimmten Zitat schneller aufgeschlagen werden konnte als eine Schriftrolle?

Wollten die Christen vielleicht verdeutlichen, dass ihr Glaube nicht mit dem der Juden identisch war? Viele Zeitgenossen unterschieden nämlich nicht zwischen Juden und Christen. Oder entschieden sie sich für das Buch, weil es leichter zu verstecken war? Ein Buch konnte unter etwas anderem verborgen, in eine Felsspalte geschoben oder zusammengefaltet werden. Vielleicht bezeugt die Wahl des Buchformats also die stete Bereitschaft der Christen, ihre Bücher zu verbergen, wenn sie von Verfolgung bedroht waren?

Oder hat die Wahl mit dem Buchformat an sich zu tun? Ein Codex war von Beginn an eine Art Notizbuch. Er wurde nicht für große literarische Werke verwendet, sondern war ein praktischer kleiner Begleiter, in dem man Notizen machen konnte. Einer Theorie des Forschers Colin H. Roberts zufolge wurde das Markusevangelium zuerst in so einem Notizbuch niedergeschrieben. Daher verbanden die Menschen den Codex mit dem Christentum, wodurch alle späteren christlichen Bücher auch die Buchform erhielten.

Die vielleicht beste Erklärung nimmt ihren Ausgangspunkt in dem Umstand, dass die christlichen Schriften in Gruppen gesammelt wurden. Ein Codex bot nämlich Platz für mehr Text als eine Schriftrolle. Solange man lediglich ein Evangelium pro Band schreiben wollte, war dies mittels einer Schriftrolle gut umsetzbar. Eine Rolle konnte jedoch nicht länger als zehn bis zwölf Meter sein. Und schon bald benötigten die Christen ein Format, das mehreren Schriften in einem Band Platz bot. Allem Anschein nach sind diese Sammlungen sehr früh entstanden. Vermutlich kursierte bereits um das Jahr 100 n.Chr. eine Sammlung der von Paulus verfassten Briefe. Diese Sammlung hätte eine Buchrolle von etwa 25 Metern erfordert, also doppelt so lang, wie eine Rolle sein konnte. Paulus’ Briefsammlung sprengte somit die Buchrolle, und den Christen blieb nur eine Alternative: Sie mussten die Briefe in Büchern sammeln, in denen man blättern konnte.

Somit kann die Frage gestellt werden: Welche Auswirkungen hatte die Wahl des Buchformats auf unser Verständnis der Texte? Eine Buchrolle ist dafür gemacht, einen Text zusammenhängend von Anfang bis Ende zu lesen, während ein Buch den Leser einlädt, vor- und zurückzublättern. Wie hat das Buch die Art und Weise beeinflusst, in der wir heute die Bibel lesen? Springen wir im Text mehr hin und her?

Viele Leser springen auf der Jagd nach den guten Zitaten im Text hin und her. Häufig wählen sie die schönen und tröstenden Sätze aus. Die Gefahr besteht selbstverständlich darin, dass die schwierigen und herausfordernden Texte unberührt bleiben. Vielleicht wäre es gewinnbringend, längere Textabschnitte im Zusammenhang zu lesen? Vielleicht sollten wir einfach mehr im Text »scrollen«?

Jetzt haben wir uns ganz kurz mit dem Erscheinungsbild der Manuskripte beschäftigt und mögliche Gründe für die Wahl des Buchformats zusammengestellt. Lassen Sie uns nun ins 5.Jahrhundert zurückgehen. Ist es möglich, Manuskripte des Neuen Testaments aus dieser Zeit zu finden?

In London befindet sich ein Dokument mit einigen geheimnisvollen Notizen neben dem Bibeltext. Es ist das erste Manuskript, das ein eigenes Symbol erhielt. Das Symbol ist der Buchstabe »A«, der erste Buchstabe des Alphabets. Aber woher kommt das Manuskript? Und wie alt ist es?

TEIL 2:
Die großen Manuskripte
des Neuen Testaments
Das Manuskript mit dem falschen Namen:
Codex Alexandrinus

Siehe Abbildung 1

»Das Manuskript soll sich in der Zelle des Patriarchen in der Festung in Alexandria befinden. Wer es von dort entfernt, soll verbannt und ausgestoßen sein. Gruß Athanasius der Demütige.«1

Die oben stehende Anmerkung ist historisch. Sie wurde auf das große Pergamentmanuskript Codex Alexandrinus gekritzelt, wobei sich hinter dem Unterzeichner »Athanasius der Demütige« der Patriarch Athanasius III. verbirgt. Die Hafenstadt Alexandria galt in der Antike als wichtiges Zentrum der Gelehrsamkeit und des Wissens – sowie der christlichen Kirche. Der Bischof von Alexandria war Patriarch über alle Christen Ägyptens, und Athanasius III. hatte diese Stellung von 1275 bis 1315 n.Chr. inne. Er ist der Mann hinter der kurzen Nachricht: Das Buch solle bei ihm verbleiben.

Der Codex Alexandrinus war das erste in Europa bekannte große Bibelmanuskript der Antike. 1627 wurde es König Karl I. von England als imposantes Neujahrsgeschenk überreicht. Im Zuge der feierlichen Übergabe wurde auch hervorgehoben, dass das Buch dem Patriarchen von Alexandria höchstpersönlich gehört habe. Aus diesem Grund erhielt es für alle Zeiten den ersten Platz unter den alten Manuskripten der Bibel und als Symbol den Buchstaben A.

Der Codex Alexandrinus ist ein großes und schönes Manuskript, auf feines Pergament geschrieben und auf jeder Seite mit Text in zwei Spalten. An mehreren Stellen finden sich prachtvolle, farbige Ausschmückungen. Das alte Buch ist ein fast komplettes Manuskript der Bibel. Von den einst mindestens 817 Bögen sind heute noch 773 erhalten. Das Buch ist eines der prächtigsten Bibelmanuskripte überhaupt. Der Name Codex Alexandrinus wurde 1657 erstmals im Vorwort einer englischen Bibelausgabe verwendet. Seither besteht die Verbindung zu der ägyptischen Hafenstadt.

Im Laufe dieses Buches werden wir immer wieder auf Manuskripte aus Ägypten stoßen. Das Land verfügt über eine uralte Tradition des Schreibens. Der entlang des Nils geerntete Papyrus lieferte eine schöne und strapazierfähige Schreibgrundlage, zudem war die Kunst des Schreibens in der Gegend früh bekannt. Daher schlug sich der Glauben auch in Büchern nieder, als sich die christliche Kirche in Ägypten etablierte. Das alte Buch aus Alexandria gilt als eines der prächtigsten Beispiele einer ägyptischen Bibel.

Aber stammt das Buch wirklich aus Alexandria? Neuere Forschungen lassen Zweifel daran aufkommen. Kommt das Buch möglicherweise gar nicht aus der Stadt, deren Namen es trägt? In diesem Fall würde das alte Manuskript seit mehr als 350 Jahren unter einem irreführenden Namen firmieren. Wie wir sehen werden, ist der Codex Alexandrinus ein Beispiel dafür, dass die Wahrheit eine andere sein kann als die von allen angenommene. Die Spuren des alten Manuskripts weisen nämlich in ganz andere Richtungen als nach Alexandria.

Aber wie kam es zu der anfänglichen Verbindung zwischen dem Manuskript und der alten ägyptischen Hafenstadt? Der Grund ist ganz sicher die Nachricht von Athanasius III. Sie wurde mit wogender arabischer Handschrift unten auf der ersten Seite des Buches notiert. Auf dieser Seite finden wir den ersten Text des 1.Buch Mose Kapitel 1: »Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde …« (1 Mose 1,1). Darunter ist die Mitteilung zu lesen: »Das Manuskript soll sich in der Zelle des Patriarchen befinden.«

Auf dem Manuskript findet sich jedoch noch eine zweite geheimnisvolle Notiz. Auch diese ist in Arabisch geschrieben und steht auf der Innenseite des Umschlags. Sie gibt an, das Manuskript sei von Thekla geschrieben worden, einer Heiligen aus Ägypten, die im 4.Jahrhundert n.Chr. lebte. Um dies zu unterstreichen, hat jemand dem Manuskript einen Zettel beigelegt, der die gleiche Information enthält und erläutert:

»Dieses Buch mit den heiligen Schriften des Alten und des Neuen Testaments wurde der Tradition zufolge von Theklas Hand geschrieben, einer edlen Ägypterin, vor ungefähr dreizehnhundert Jahren, in einer Zeit nach dem Konzil von Nicäa.«2

Wer kann der Verfasser dieses Zettels sein? Alles deutet auf einen späteren Patriarchen hin und auf einen Zusammenhang mit der geplanten Übergabe des Buches an König Karl 1627. Der Betreffende hieß Kyrillos Loukaris und war Patriarch von Konstantinopel. Da die alte griechische Pergamentbibel dem König von England vermacht werden sollte, hatte er den Wunsch zu erklären, woher das Manuskript stammte. Kyrillos Loukaris war nämlich selbst Patriarch von Alexandria gewesen, bevor er 1620 Patriarch von Konstantinopel wurde. Daher kannte er das Manuskript gut und hatte es bei seinem Weggang aus Ägypten wahrscheinlich mitgenommen.

Wir können an dieser Stelle festhalten, dass Kyrillos Loukaris genau das getan hat, was Athanasius III. 300 Jahre zuvor strengstens untersagt hatte: Er entfernte das Buch aus der Zelle des Patriarchen in Alexandria. Wäre der alte Athanasius III. noch am Leben gewesen, hätte der demütige Patriarch wohl dafür gesorgt, dass sein Nachfolger verbannt und ausgestoßen worden wäre, wie es der Eintrag besagt.

Auf dem beigelegten Zettel liefert Kyrillos Loukaris viele spannende Informationen: Er berichtet, dass Thekla eine Christin war, die während der Verfolgungen im 4.Jahrhundert wegen des Glaubens an Christus ihr Leben verloren habe. »Der Tradition zufolge« sei der Name sehr lange mit dem Manuskript verbunden, schreibt der Patriarch. Sie soll die große Lederbibel »in einer Zeit nach dem Konzil von Nicäa« geschrieben haben.

Wir werden an anderer Stelle mehr über das legendäre Konzil von Nicäa erfahren. Der Zeitpunkt des Konzils ist bekannt; es wurde 325 n.Chr. in der Stadt Nicäa, südöstlich von Konstantinopel gelegen, abgehalten. Bezüglich dieses Konzils existieren diverse Mythen. In diesem Zusammenhang merken wir uns nur, dass Kyrillos Loukaris das Manuskript in eine Zeit »nach dem Konzil von Nicäa« datiert. Also war er der Meinung, der Codex Alexandrinus stamme aus der Mitte des 4.Jahrhunderts n.Chr.

1627 gelangte das Manuskript nach England. Mit viel Pomp und Pracht wurde es König Karl präsentiert. Heute befindet es sich in der British Library in London. Wer das Museum besucht, findet in einem Raum zwei prachtvolle, alte Manuskripte vor. Sie liegen Seite an Seite in einer großen Vitrine. Das eine ist der Codex Sinaiticus, der im Katharinenkloster am Berg Sinai gefunden wurde. Das sehr große Manuskript hat auf jeder Seite vier Spalten Bibeltext. Das Manuskript daneben ist jedoch nicht weniger prächtig, mit ornamentierten Vignetten und zwei Textspalten pro Seite. Das ist der Codex Alexandrinus, von dem man angenommen hatte, er sei in Alexandria geschrieben worden.

Wie lange hatte sich das Manuskript in Alexandria wohl schon befunden, als Kyrillos Loukaris es 1620 mit nach Konstantinopel nahm? Das ist unbekannt. Wir wissen nur, dass die Anordnung von Athanasius dem Demütigen, das Manuskript solle sich in der Zelle des Patriarchen befinden, Anfang des 14.Jahrhunderts geschrieben wurde. Daher ist wahrscheinlich, dass das Manuskript in den folgenden dreihundert Jahren dort verblieb. Aber wie viel weiter zurück können wir den Spuren des Manuskripts folgen, und wohin führen uns die Spuren? Wie wir sehen werden, führen sie nicht notwendigerweise nach Ägypten und Alexandria.

Im 5.Jahrhundert galten mehrere Städte rund um das Mittelmeer als wichtige christliche Schriftzentren, in denen ein so aufwendiges Manuskript wie der Codex Alexandrinus hätte hergestellt werden können. Dazu gehören Caesarea, Ephesos und Konstantinopel. Das Manuskript kann somit ebenso gut im östlichen oder nördlichen wie auch im südlichen Gebiet rund um das Mittelmeer geschrieben worden sein.

Nun kann man selbstverständlich denken, das Manuskript hätte sich schon seit seiner Entstehung durchweg in Alexandria befunden. Warum aber sollte Athanasius III. anordnen, das Buch solle sich für alle Ewigkeit in der Zelle des Patriarchen befinden, wenn es bereits seit mehreren Hundert Jahren dort war? Wäre eine solche Anordnung nicht sinnvoller, wenn er das Manuskript soeben erst bekommen hätte?

Lassen Sie uns einen Blick auf die Spuren werfen, die auf andere Orte als Alexandria verweisen. Zum einen hielt sich Athanasius III. während seines Patriarchats kaum in Ägypten auf. Von 1275 bis 1305 befand er sich aufgrund der Verfolgung von Christen in Ägypten im Exil in Konstantinopel. Noch interessanter ist: Der Patriarch von Alexandria war überhaupt nicht in Alexandria ansässig. Seit Ende des 10.Jahrhunderts hatte er seinen Sitz in Kairo. Somit erscheint die ganze Verbindung zur Stadt Alexandria mehr und mehr fraglich.

Die drei wichtigsten Spuren jedoch, die in eine andere Richtung weisen, sind drei Manuskripte, die ebenso einen von Athanasius III. verfassten Zusatz enthalten. Dabei handelt es sich nicht um Bibelmanuskripte, sondern um Kommentare zu Bibeltexten alter Kirchenväter. In diesen Manuskripten finden sich Notizen von Athanasius III., die beinahe identisch mit denen sind, die er auf den Codex Alexandrinus geschrieben hat: »Das Manuskript soll dem Patriarchen von Alexandria gehören, und wer es entfernt, wird verbannt und ausgestoßen. Gruß Athanasius der Demütige.«

Alle drei Manuskripte waren Neuanschaffungen, die Athanasius III. während seiner Zeit in Konstantinopel erhielt und die er 1305 mit nach Ägypten nahm. Der Hinweis, die Manuskripte sollen dem Patriarchen von Alexandria gehören, scheint somit eine Art Aufschrift zu sein, mit der Athanasius III. alle neuen Manuskripte versah – nicht jedoch Bücher, die sich seit mehreren Hundert Jahren in der Bibliothek des Patriarchats befanden. Mit diesem Wissen leuchtet es ein, dass der Codex Alexandrinus eine Neuanschaffung gewesen sein muss, die er 1305 aus Konstantinopel mitgebracht hatte.

Noch interessanter ist, dass wir sichere Informationen darüber haben, woher die anderen drei Manuskripte stammen. Das eine kommt aus »der Königin aller Städte«, wie der Patriarch schrieb, also aus Konstantinopel. Auch das zweite ist von dort. Das dritte jedoch kommt aus dem Katharinenkloster am Berg Sinai. Ist es möglich, dass auch der Codex Alexandrinus vom gleichen Ort wie eines der anderen drei Manuskripte stammt?

Lassen Sie uns ein wenig bei dem Gedanken innehalten, das Manuskript könne aus dem Katharinenkloster am Berg Sinai stammen. Vielleicht hatte der Patriarch als junger Mönch dort gelebt? Vielleicht bekam er deshalb vom Kloster wertvolle Manuskripte geschenkt? Kann auch das große Manuskript, das später den Namen Codex Alexandrinus erhielt, ein Geschenk des Klosters gewesen sein?

Der Gedanke lässt einen regelrecht schwindelig werden: Die beiden uralten Bibelmanuskripte, die jetzt Seite an Seite in einer Vitrine in der British Library liegen – der Codex Sinaiticus und der Codex Alexandrinus – könnten bereits früher unter demselben Dach gelegen haben, im selben Kloster am Berg Sinai. Dieselben Mönche können in ihnen gelesen haben, und in denselben Sälen kann laut aus ihnen vorgelesen worden sein. Durch ein wundersames Zusammentreffen sind sie letztendlich im gleichen Museum und in der gleichen Vitrine gelandet.

Kommen wir noch einmal auf die Frage des Alters des Manuskripts zurück. Kyrillos Loukaris meinte, es sei Mitte des 4.Jahrhunderts von einer Frau namens Thekla geschrieben worden. Kann das Manuskript wirklich so alt sein? Vielleicht liefert der Inhalt des Buches einen Hinweis.

Der Codex Alexandrinus beinhaltet nämlich mehr als nur biblische Schriften. Neben den üblichen 27 Schriften, aus denen das Neue Testament besteht, standen in dem Manuskript auch der erste und der zweite Clemensbrief. Dabei handelt es sich um zwei frühe christliche Schriften aus der Zeit um das Jahr 100 n.Chr. Die Clemensbriefe haben niemals Eingang ins Neue Testament gefunden. Dennoch stehen sie in dem Manuskript. Das kann darauf hindeuten, dass das Manuskript verfasst wurde, bevor der Umfang des Neuen Testaments feststand. Dies geschah auf den Synoden von Hippo und Carthago in Nordafrika in den Jahren 393 beziehungsweise 397 n.Chr. Dort wurde endgültig festgelegt, dass nur die 27 Schriften, die sich zu dieser Zeit im allgemeinen Gebrauch der Kirchen befanden, das Neue Testament ausmachen. Sind die Clemensbriefe ein Zeichen dafür, dass der Codex Alexandrinus vor den beiden letzten Synoden in den 390er-Jahren n.Chr. verfasst wurde?

Auch ein anderes Detail des Manuskripts weist darauf hin, dass es sehr alt ist: Mitte des 5.Jahrhunderts führte Bischof Evthalius eine Art Kapiteleinteilung der Bibel ein. Diese Einteilung fehlt jedoch im Codex Alexandrinus. Auch das kann auf eine frühe Entstehung des Manuskripts hindeuten, zumindest vor Mitte des 5.Jahrhunderts.

Auf der anderen Seite kann das Manuskript nicht früher als auf das Jahr 373 n.Chr. datiert werden, da das Buch auch einen kleinen Brief von Bischof Athanasius (298–373 n.Chr.) über das Buch der Psalmen enthält. Dieser Brief stammt aus dem Jahr 373. Somit deuten die zur Verfügung stehenden Informationen darauf hin, dass der Codex Alexandrinus irgendwann nach 373, aber vor 393 (oder 450) n.Chr. geschrieben wurde. Das prachtvolle Manuskript ist damit nur zwei oder drei Generationen jünger als die beiden anderen großen Pergamentbibeln aus dem 4.Jahrhundert, der Codex Sinaiticus und der Codex Vaticanus, die wir uns bald näher ansehen werden.

Wenn das Manuskript aus dem 4.Jahrhundert stammt, dann muss es am Ende des Jahrhunderts verfasst worden sein. Heute ist es üblich, den Codex Alexandrinus auf Anfang des 5.Jahrhunderts n.Chr. zu datieren. Daher ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass er von der heiligen Thekla geschrieben wurde. Aber Kyrillos Loukaris glaubte offensichtlich an diese Tradition.

Was hat es mit dem Inhalt des Buches auf sich? Das große Manuskript ist von mindestens zwei verschiedenen Manuskripten abgeschrieben worden, da die Texte in den Evangelien und im Rest des Neuen Testaments große Unterschiede aufweisen. Der Text der Evangelien ähnelt einem späteren Texttyp, wie man ihn in der großen Mehrzahl der Manuskripte aus der Zeit ab dem Jahr 500 findet. Diese Textform wird oft als byzantinisch bezeichnet, weil sie im Byzantinischen Reich, im östlichen Teil des Mittelmeergebietes, bewahrt wurde.

Der Rest des Neuen Testaments scheint von einem Manuskript abgeschrieben worden zu sein, das eine noch ältere Textform bewahrt hat, die bereits vor dem Jahr 300 in Gebrauch war. Diese wird als alexandrinische Textform bezeichnet, weil sie zuerst mit Ägypten in Verbindung gebracht wurde. Besonders in der Johannesoffenbarung hat der Codex Alexandrinus einen sehr alten und ursprünglichen Text bewahrt.

Das Manuskript erhielt bereits 1657 den Buchstaben A als Symbol. Der erste Platz auf der Liste der Manuskripte des Neuen Testaments wurde bestätigt, als Johann Jakob Wettstein (1693–1754) im Jahr 1751 die erste standardisierte Liste herausgab. Heute werden andere Manuskripte als noch wichtiger für die Forschung betrachtet. Dennoch ist der Codex Alexandrinus zusammen mit zwei anderen Manuskripten aus der gleichen Zeit, dem Codex Ephraemi Rescriptus und dem Codex Bezae Cantabrigensis, noch immer ein wichtiges Zeugnis dafür, wie der Bibeltext im 5.Jahrhundert ausgesehen hat.

Fakten über den Codex Alexandrinus:

 Symbol in der Textforschung: A.

 Schreibmaterial: Pergament.

 Gehörte seit Anfang des 14.Jahrhunderts dem Patriarchen von Alexandria, wurde 1627 König Karl von England vermacht.

 773 Bögen (143 mit dem Neuen Testament).

 Seitengröße: 32 × 26 cm.

 Text zweispaltig.

 Beinhaltet fast das komplette Neue Testament (es fehlen jedoch Matt 1, 1–25,6; Joh 6,60–8,52; 2 Kor 4,13–12,6) und das Alte Testament.

 Datierung: Ende des 4.Jahrhunderts oder Anfang des 5.Jahrhunderts n.Chr.

 Aufbewahrung in der British Library, London.

Das Manuskript, dem wir uns nun zuwenden, kann heute nur mittels ultraviolettem Licht gelesen werden. Warum ist die Schrift so unlesbar geworden?

Das Manuskript mit unsichtbarer Schrift:
Codex Ephraemi Rescriptus

»Sind dort unter der Schrift … nicht andere Buchstaben …?«

Anfang des 18.Jahrhunderts betrachtet ein Mann in der Nationalbibliothek in Paris ein prachtvolles Manuskript. Sein Name ist Pierre Allix. Das Manuskript, das er immer intensiver in Augenschein nimmt, ist auf feines Pergament geschrieben und beinhaltet 38 Predigten des 373 n.Chr. verstorbenen Kirchenvaters Ephräm der Syrer. Die syrische Handschrift wirkt kantig und exotisch. Das Manuskript gehört wirklich zu den seltenen Schätzen des Museums.

Plötzlich beugt sich Allix weiter hinunter zu dem Manuskript. Sind dort unter der syrischen Schrift nicht undeutlich andere Buchstaben zu erkennen? Befindet sich auf dem alten Manuskript eine Schicht mit noch älterer Schrift, ein noch älteres Dokument als die Predigten des Kirchenvaters?

Pierre Allix (1641–1717) ist ein einfacher Prediger und Erbauungsschriftsteller und alles andere als ein Experte für alte Manuskripte. Dennoch ist er es, der in diesem Moment eine der größten Entdeckungen in der Textgeschichte des Neuen Testaments macht: Er hat einen sogenannten Palimpsest entdeckt, ein Manuskript, von dem der ursprüngliche Text abgewaschen oder abgekratzt wurde, um das Pergament erneut, für ein anderes literarisches Werk zu verwenden. Unter den alten Manuskripten des Neuen Testaments wurden bis heute mindestens 63 Palimpseste gefunden, wobei sich jenes, das Allix an jenem Tag entdeckte, als das Wichtigste erwiesen hat.

Recycling ist also keine moderne Erfindung. Feines Pergament war so teuer und in der Herstellung so zeitaufwendig, dass es nicht ungewöhnlich war, es wiederzuverwenden. Eine andere Methode bestand darin, auf die Rückseiten alter Schriftrollen zu schreiben. Fünf Manuskripte des Neuen Testaments stammen von solch wiederverwerteten Schriftrollen.

Das Manuskript in Paris hat eine lange und unstete Geschichte. Irgendwann einmal ist es wahrscheinlich Bestandteil der berühmten, von Kirchenvater Origenes (185–253 n.Chr.) gegründeten Bibliothek von Caesarea gewesen. Später wurde es in Konstantinopel genutzt, worauf Anweisungen zum liturgischen Gebrauch hindeuten, die im 10.Jahrhundert auf dem Rand notiert wurden.

Im 12.Jahrhundert hat irgendjemand die alte Schrift entfernt und die 38 Predigten von Ephräm auf das Pergament geschrieben. Nach dem Fall Konstantinopels 1451 gelangte das Manuskript nach Italien und schließlich nach Frankreich. Ende des 16.Jahrhunderts kam es dann in die Nationalbibliothek in Paris. Gut einhundert Jahre später beugte sich der französische Prediger über das uralte Pergament.

Nach Allix’ Entdeckung war der Forscher Jean Boivin 1710 der Erste, der das Manuskript untersuchte. Es gelang ihm, einen Teil der verborgenen Schrift zu deuten. 1717 unternahm der bekannte Textforscher Johann Jakob Wettstein (1693–1754) den gleichen Versuch. Später berichtete er, um allein eine Seite zu lesen, habe er zwei Stunden gebraucht.

Das Manuskript wurde vermutlich vor Mitte des 5.Jahrhunderts in Ägypten verfasst. Aufgrund einer Analyse der Handschrift meinte der deutsche Textforscher Konstantin von Tischendorf, es seien mindestens drei verschiedene Schreiber daran beteiligt gewesen.

Welche Art Text verbirgt sich in dem Manuskript? Auf der Suche nach fehlenden Sätzen wird schnell eine große Abweichung erkennbar: Es hat den Anschein, als habe die Erzählung über die beim Ehebruch ertappte Frau (Joh 7,53–8,11) nicht im Manuskript gestanden. Zwar fehlen in diesem Teil des Johannesevangeliums zwei komplette Bögen, doch wenn man den Platz berechnet, der auf diesen zwei Bögen vorhanden ist, stellt man fest, dass die Erzählung nicht dort gestanden haben kann. Der Codex Ephraemi Rescriptus belegt also, dass diese Erzählung um das Jahr 400 n.Chr. nicht immer Teil der Manuskripte gewesen ist. Diesem Thema ist an anderer Stelle dieses Buches ein komplettes Kapitel gewidmet.

Daneben fehlt in den ältesten Manuskripten oftmals auch ein anderer langer Abschnitt: das Ende des Markusevangeliums, Mk 16,9–20. Fehlt dieser Abschnitt auch hier? Nein, dieser scheint Teil des Codex Ephraemi Rescriptus gewesen zu sein. Auch hier ist das zwar nicht direkt ersichtlich, denn auch am Ende des Markusevangeliums fehlen einige Bögen. Man kann jedoch ausrechnen, dass die Verse 9–20 Teil des Textes gewesen sein müssen.

Bei dem Versuch, den verborgenen Text deutlicher hervortreten zu lassen, setzte Ferdinand Florian Fleck in den Jahren 1834/35 Chemikalien ein. Es gelang ihm jedoch nicht die Schrift zu deuten, vielmehr hinterließ die Vorgehensweise Flecken auf dem Pergament. Den gleichen Versuch unternahm der legendäre Konstantin von Tischendorf (1815–1874). Er war gerade einmal 26 Jahre alt, als er 1841 die große Leistung vollbrachte, das komplette Manuskript zu entziffern und zu transkribieren. Auch er setzte Chemikalien ein, um die verborgene Schrift, die sich dort, tief unten in den Fasern des alten Pergaments verbarg, sichtbar zu machen.

Tischendorf publizierte den Text des Neuen Testaments 1843 und den des Alten Testaments 1845. Aufgrund all der verwendeten Chemikalien ist es heute noch schwerer als damals, die Schrift zu deuten. Heute benötigt man Ultraviolettfotografie, um den darunterliegenden Text zu sehen, und selbst dann ist er schwer zu erkennen.

Die enorme Leistung der Deutung des Codex Ephraemi Rescriptus brachte Tischendorf bei anderen Forschern Ansehen ein, was leicht zu verstehen ist. Wie er es geschafft hat, alle 209 Bögen des Neuen Testaments zu lesen, ist ein Rätsel. Die Textmenge der erhaltenen Bögen macht über die Hälfte des Neuen Testaments aus.

Der Codex Ephraemi Rescriptus ist ein faszinierendes Beispiel für die Wiederverwertung von Pergament im Mittelalter. Hätte sich ein unbekannter Mönch nicht irgendwann die Mühe gemacht, das alte Pergament erneut zu verwenden, wäre dieses Exemplar des griechischen Neuen Testaments der Nachwelt vielleicht niemals erhalten geblieben. Das zeigt, wie viele Paradoxe die Textgeschichte oft ausmachen: Die augenscheinlich am meisten zerstörten Manuskripte können die größten und erfreulichsten Überraschungen verbergen.

Fakten über den Codex Ephraemi Rescriptus:

 Symbol in der Textforschung: C.

 Schreibmaterial: Pergament.

 Bögen: Vom Alten Testament sind 64 Bögen bewahrt, vom Neuen Testament 145.

 Seitengröße: 32 × 27 cm.

 Text einspaltig.

 Beinhaltet Teile vom Text aller Bücher des Neuen Testaments, abgesehen vom 2.Thessalonicherbrief und dem 2.Brief des Johannes. Ursprünglich enthielt das Buch die komplette Bibel.

 Datierung: 5.Jahrhundert.

 Der ursprüngliche Text wurde im 12.Jahrhundert abgewaschen und mit 38 Predigten von Ephräm ersetzt, einem syrischen Theologen aus dem 4.Jahrhundert.

 Aufbewahrung in der Nationalbibliothek in Paris.

Das nächste Manuskript, dem wir uns widmen, lief Gefahr, zerstört zu werden, als es während der Religionskriege im 16.Jahrhundert aus einer Klosterbibliothek in Lyon geholt wurde. Es erwies sich als ein sehr spezielles Manuskript. Aber wie sollte man ein Manuskript mit einer recht freien Nacherzählung des Bibeltextes einordnen? Sollte man es besser im Verborgenen halten?

Das freie Manuskript: Codex Bezae Cantabrigensis

Überall in der Stadt sind die Geräusche von Zerstörung zu hören: Statuen werden auf dem steinigen Kirchenboden zertrümmert, Mäntel und Chorgewänder in Stücke gerissen, Grabsteine und Reliquien zermalmt – das dumpfe Dröhnen, wenn die Kirchenglocken zu Boden knallen. Protestanten verwüsten und plündern die französische Stadt Lyon. Immer mehr haben sich ihnen in den vergangenen Jahren angeschlossen, und nunmehr haben die protestantischen Hugenotten die alte Stadt eingenommen. Es ist der 2.Mai 1562. Im Zuge der Verwüstungen wird unter anderem das Grab des heiligen Irenäus zerstört.

In dem alten Kloster, das Irenäus’ Namen trägt, steht ein Mann um die vierzig, mit spitzem Bart und scharfem Blick. Tief im Inneren der Bibliothek der Mönche hat er ein altes Buch entdeckt, das sich von den anderen unterscheidet. Es ist Theodore Beza (1519–1605), einer der führenden protestantischen Theologen der in Europa wütenden Religionskriege. Er ist zum ersten Mal hier in der Hochburg der Katholiken der Stadt und blättert nun in dem alten, handgeschriebenen Manuskript von Seite zu Seite. Auch wenn mehrere Seiten fehlen, erkennt Beza umgehend den Wert des Buches: Es beinhaltet das Neue Testament sowohl in Griechisch als auch in Latein. Er schiebt das dicke Buch unter seinen Mantel und verlässt schnellen Schrittes das Kloster.

Ist es Plünderung? Ist es eine Rettungsaktion? Was wäre mit dem Manuskript geschehen, hätte Theodore Beza es nicht an sich genommen? Das wissen wir nicht. Heute jedoch kann das Manuskript in der Universitätsbibliothek Cambridge

studiert werden. Und es trägt noch immer den Namen Bezas, des Mannes, der

es an sich genommen – oder gerettet – hat, je nachdem wie man es betrachtet.

Die historischen Wege vieler Manuskripte sind verzweigt. Der Codex Bezae Cantabrigensis ist ein Beispiel dafür. Es ist an so vielen Orten gewesen, wurde von so vielen Händen berührt und wurde von so vielen Stiften vollgekritzelt, dass man ein ganzes Buch allein mit Erzählungen über dieses eine Manuskript füllen könnte. Das trifft auf alle Manuskripte zu, die so alt sind. Der Textforscher David C. Parker hat dieses Manuskript über viele Jahre genau studiert. Über das alte Buch schreibt er:

»Die Seiten eines geöffneten Manuskripts erscheinen uns zweidimensional. Sie verfügen jedoch auch über eine dritte Dimension, eine zeitliche Perspektive. Je interessanter und komplizierter die Textgeschichte des Manuskripts ist, desto stärker wird diese dritte Dimension für uns sichtbar.«3

Wir können versuchen, uns in diese dritte Dimension hineinzudenken: Wie verstand ein Mönch im 7.Jahrhundert das dort Geschriebene? Was brachte einen protestantischen Theologen in der Renaissance dazu, bei dem Buch innezuhalten? Und was würden uns die zierlich niedergeschriebenen Buchstaben mitteilen, wenn das Buch in diesem Moment direkt vor uns auf dem Tisch liegen würde? Würden wir denken, die roten und schwarzen Buchstaben hätten etwas mit uns und unserer Gegenwart zu tun? Oder würden wir das Manuskript als unzeitgemäß und unbrauchbar zurückweisen?

Diese letzte Möglichkeit – verworfen und zurückgewiesen zu werden – bestimmte in weiten Teilen seiner Existenz das Schicksal des Codex Bezae Cantabrigensis. Grund dafür ist sein ganz spezieller, selbstständiger Text. Viele Forscher und Theologen haben ihn still beiseitegelegt, weil er so viele eigene Formulierungen, so viele eigenartige Varianten und eine so große Freiheit in der Wortwahl aufweist. »Das muss ein Manuskript mit ungewöhnlich vielen Fehlern sein«, dachte man. Aber vielleicht ist es umgekehrt? Wurde der Text des Manuskripts vielleicht gerade mit besonderer Sorgfalt ausgearbeitet? Kann er das Resultat der Arbeit eines großen Künstlers sein – eines Theologen mit einem äußerst feinen Sinn für Stil, der jedes Wort genau abgewogen hat, bevor er die heiligen Texte nacherzählte?

Denn vielleicht gehört dieses Manuskript ins Genre Nacherzählung. Der unbekannte Theologe, der diesen freien Text seinerzeit in der Urkirche ausformuliert hat, war nicht daran interessiert, eine exakte Abschrift des vor ihm liegenden Manuskripts anzufertigen. Nein, er hatte ein vollkommen anderes Ziel vor Augen: Er wollte einen noch schöneren Text formulieren, einen Text, der besonders gut über die Lippen ging, wenn er laut gelesen wurde. Deshalb raufen sich Textforscher heute die Haare, wenn sie sich in fast jeder Zeile einem Schwarm kleiner Umschreibungen, Zusätze und sprachlicher Erweiterungen gegenübersehen. Es ist nicht so, dass der Inhalt ein ganz anderer ist, jedoch ist alles mit einem künstlerischen Sinn für Details erzählt. David C. Parker zufolge erscheint der Text als »eine separate und distinkte Nacherzählung der Geschichte«.

Besonders deutlich ist die freie Nacherzählung in der Apostelgeschichte des Lukas. Dort finden sich so viele Zusätze im Text, dass das Buch an dieser Stelle ungefähr zehn Prozent länger als bei anderen Manuskripten ist. Aber auch hier wurden keine vollkommen neuen Erzählungen hinzugefügt. Es ist der Detailreichtum der Sprache, der das Buch umfangreicher macht.

Einige Forscher diskutieren, ob der eigenartige Text in der Apostelgeschichte eine ganz einfache Erklärung haben kann: Haben von Beginn an zwei verschiedene Versionen dieser Schrift existiert? Hat der Verfasser einen ersten Entwurf an Freunde geschickt, die daraufhin antworteten: »Gut geschrieben, aber es ist viel zu lang. Kürze mindestens zehn Prozent des Textes!«? Hat daraufhin der Verfasser, der traditionell Lukas genannt wird, das Manuskript noch einmal überarbeitet und einige Formulierungen gestrichen? Anschließend wäre die gekürzte Version zu den Schreibern geschickt worden. Parallel dazu kann einer dieser Freunde einige Kopien des langen ersten Entwurfs verbreitet haben, wodurch auch dieser in Umlauf geriet. Kann es sich so zugetragen haben?

Wir wissen es nicht. Jedoch kann nie ausgeschlossen werden, dass Unterschiede zwischen Texten eine so einfache und natürliche Erklärung haben. Wie auch immer: Es ist spannend, sich in die möglichen Geschehnisse der langen und vielfältigen Textgeschichte hineinzudenken.

Der Codex Bezae Cantabrigensis ist in der Tat eines der merkwürdigsten Teile des großen Puzzles der Manuskripte. Er hat einige Ecken und Kanten, durch die er schwerlich ins Bild passt, auch wenn Farbe und Form im Großen und Ganzen mit den anderen Teilen übereinstimmen. Würden alle Manuskripte solche Eigenarten aufweisen, wäre es schwer, festzustellen, wie der ursprüngliche Text des Neuen Testaments gelautet hat. Nun ist es aber vielmehr so, dass dieser Codex eine Art eigensinniger Löwenzahn ist, der sich in ein ordentliches Blumenbeet eingeschlichen hat und dort für Abwechslung sorgt. Das Buch ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt: Die Variationen zwischen den Manuskripten sind meist sehr gering und drehen sich um Details, wobei dieses Manuskript zeigt, wie groß die Unterschiede sein könnten.

Der Codex Bezae Cantabrigensis ist das prächtigste Manuskript dieses eigenartigen Texttyps. Der Wortlaut ist aller Wahrscheinlichkeit nach jedoch viel älter als das Manuskript. So kann diese freie Form bereits vor dem Jahr 200 entstanden sein. Grund zu dieser Annahme liefern die frühesten Übersetzungen in andere Sprachen, in denen sich ähnliche Textvarianten finden: Dies betrifft die alten lateinischen, syrischen und armenischen Übersetzungen. Diese Textform wird oft als westlich bezeichnet, ohne dass man sie heute mit einem bestimmten geografischen Gebiet verbindet.

Dem unbekannten Theologen als Verfasser dieser freien Textform muss ein altes und sehr genaues Exemplar des Neuen Testaments vorgelegen haben. An vielen Stellen beinhaltet der Codex Bezae Cantabrigensis Varianten, die als sehr alt angesehen werden. An anderen Stellen weist das Buch Varianten auf, die sich in keinem anderen Manuskript finden. Es bietet somit eine ungewöhnliche Mischung aus alten Formen und neuen Varianten.

Ein Beispiel für Änderungen am biblischen Wortlaut ist die Harmonisierung von Details, die in mehreren Evangelien behandelt werden. Denn viele Erzählungen der vier Evangelien ähneln sich. Das gilt unter anderem für die Erzählung, wie Jesus fünftausend Menschen mit zwei Fischen und fünf Broten sättigte. Dieser Text steht in vier verschiedenen Versionen im Neuen Testament. Diese vier Versionen ähneln einander, sind aber nicht vollkommen gleich. Zwischen ihnen gibt es mehrere Unterschiede, ungefähr so wie bei vier Augenzeugen, die mit verschiedenen Worten von ein und demselben Ereignis berichten.

Werden derartige Texte von Hand abgeschrieben, kommt es häufig vor, dass die Schreiber die Unterschiede harmonisieren. Das kann unbewusst geschehen, weil der Schreiber den Markus-Text, wie er ihn in seiner Kirche gehört hat, gewohnt ist und daher einige der Wendungen in ein anderes Evangelium einbaut. Oder es kann bewusst geschehen, indem der Schreiber innehält und denkt: Fehlt in diesem Zitat von Jesus nicht ein Satz? Daraus schließt er, der vorhergehende Schreiber müsse den Satz ausgelassen haben, und schon wird er hinzugefügt. Auf diese Weise gleichen sich Wortlaut und Schreibweise der Evangelien immer mehr an.

Harmonisierungen sind in nahezu allen Manuskripten zu finden. Keines jedoch verfügt über mehr als der Codex Bezae Cantabrigensis. Ganze 1278 Harmonisierungen haben die Forscher in diesem Manuskript entdeckt. Das belegt, dass sich der Schreiber dem Original gegenüber vollkommen frei verhalten hat und den Text an das anpasste, was er im Kopf hatte und was rein sprachlich betrachtet am besten klang.

Dem Textforscher Philip Comfort zufolge muss diese Person »ein Theologe gewesen sein mit einer Vorliebe dafür, historische, biografische und geografische Details hinzuzufügen. Mehr als irgendein anderer war er entschlossen, die Zwischenräume in den Erzählungen zu verdichten, indem er ausfüllende Details hinzufügte«.4 Dieser Umgang mit dem Bibeltext kann schon vor der Entstehung des Codex Bezae Cantabrigensis aufgekommen sein, jedoch ist dieses Manuskript das älteste bewahrte Exemplar dieser Textform.

Besonders zwei Abschnitte machen den Codex für Textforscher zu einem wichtigen Manuskript. Er ist das erste Manuskript, das die beiden längsten Texte beinhaltet, die in den ältesten Manuskripten fehlen: das Ende des Markusevangeliums (Mk 16,9–20) sowie die Erzählung über die Frau, die des Ehebruchs überführt wurde (Joh 7,53–8,11). Das Manuskript ist damit ein Beleg dafür, dass diese beiden Texte zumindest im 5.Jahrhundert ihren Platz gefunden hatten.

Heute erscheint das Manuskript als ein schönes Buch. Wo Seiten fehlten, wurden neue eingesetzt, die Bögen wurden am Rücken zusammengenäht und zwischen zwei Deckel eingebunden. Die Restaurierung erfolgte 1965. Das Buch ist nunmehr fast ebenso prächtig wie einst, als es neu war. In der digitalen Bibliothek der Universität Cambridge kann man durch gute Aufnahmen aller 856 Seiten blättern.

Der Name des Manuskripts ist verzwickt. »Cantabrigensis« verweist auf den Aufbewahrungsort, die Universitätsbibliothek von Cambridge. Dort liegt es schon lange, genauer gesagt seit 1581, als Theodore Beza es als Geschenk übergeben hat. Der erste Teil des Namens weist selbstverständlich auf Beza. Dieser hatte das Manuskript im Laufe der wenigen Monate, in denen die Protestanten 1562/63 die Herrschaft über Lyon innehatten, in seinen Besitz gebracht und es schließlich mit in die Schweiz nach Genf genommen.

Als Theodore Beza das Manuskript an sich nahm, hatte es sich seit vielen Hundert Jahren in der Obhut des Irenäus-Klosters in Lyon befunden. Allerdings behielt Beza das Manuskript nicht sehr lange, lediglich bis 1581, als er es der Universität Cambridge vermachte. Dennoch trägt es seither seinen Namen. Beza selbst scheint es nicht für besonders wichtig gehalten zu haben. Zumindest nutzte er es nicht sonderlich, als er seine eigene Ausgabe des Neuen Testaments auf Griechisch veröffentlichte. Dieses Neue Testament erschien in sechs Ausgaben, wobei die ersten beiden ungefähr zu der Zeit herausgegeben wurden, als sich das Manuskript in Bezas Besitz befand, 1565 und 1582. Befürchtete er, die Menschen würden seine Textausgabe nicht mögen, wenn er all die ungewöhnlichen Varianten des Codex aufgenommen hätte?

Das Manuskript muss sich seit dem 9.Jahrhundert in Lyon befunden haben. Dort wurde es zum ersten Mal restauriert. Beschädigte Bögen wurden durch neues Pergament ersetzt, auf das der betroffene Text geschrieben wurde. Dies ist nachweislich in Lyon erfolgt. Erstens deutet die Handschrift darauf hin: In der Stadt hatte das Fragezeichen zu dieser Zeit einen bestimmten Schwung, gleichzeitig weist die spezielle blaue Tinte nach Lyon. Zweitens ist ganz klar, wer die Restaurierung durchgeführt hat. Im 9.Jahrhundert gab es in Lyon einen tüchtigen Wissenschaftler namens Florus, der für die Restaurierung und Rettung vieler alter Texte und Manuskripte bekannt ist. Er muss auch die feine Arbeit am Codex Bezae Cantabrigensis ausgeführt haben. Florus starb im Jahr 860, wodurch die Restaurierung auf Mitte des 9.Jahrhunderts datiert werden kann.

Aber nicht nur Florus hat Spuren im Manuskript hinterlassen. Vom 6. bis zum 12.Jahrhundert sind zehn verschiedene Schreiber auszumachen, die Berichtigungen an die Ränder, zwischen die Zeilen oder über den alten Text geschrieben haben. Das ist die höchste bekannte Anzahl an Korrektoren bei einem Manuskript. Angesichts der vielen Abweichungen des Manuskripts vom üblichen Bibeltext überrascht es nicht, dass den Menschen daran gelegen war, Korrekturen einzufügen. Denjenigen, die die Berichtigungen einfügten, lagen oftmals andere Manuskripte mit einem »normaleren« Text vor.

Wie alt ist das Manuskript? Heute sind die Forscher aufgrund einer Analyse der Handschrift sowohl des lateinischen als auch des griechischen Textes der Ansicht, es könne auf Ende des 4.Jahrhunderts oder – am wahrscheinlichsten – auf Anfang des 5.Jahrhunderts datiert werden. Früher war es häufig auf die Zeit um das Jahr 500 datiert worden.

Wo kann es geschrieben worden sein? Die Fachliteratur wartet mit einer Unmenge unterschiedlicher Vorschläge auf, wobei jeder Forscher ganz sicher ist, im Recht zu sein: Einige behaupten, es müsse aus Nordfrankreich oder Italien stammen, andere geben an, es komme von der anderen Seite des Mittelmeers, aus Ägypten oder Nordafrika. Nach Meinung von David C. Parker, der heute als größter Experte bezüglich des Codex gilt, könne es aus Syrien oder dem Libanon stammen. Von dort aus kann es während der arabischen Invasion im 7.Jahrhundert nach Sizilien oder Süditalien in Sicherheit gebracht worden sein, bevor es letztendlich nach Lyon in Frankreich gelangte.

Näher kommen wir den Umständen nicht auf die Spur. Niemand weiß, wer das prächtige Manuskript auf Griechisch und Lateinisch geschrieben hat. Unbekannt ist auch, wer in der Urkirche einst Urheber dieses freien, nacherzählenden Textes war. Sicher ist: Als sich Theodore Beza im Kloster von Lyon befand, während die Protestanten in den Kirchen der Stadt wüteten, nahm er sich eines ganz besonderen Schatzes an. Noch heute fasziniert der Codex Bezae Cantabrigensis die Textforscher.

Fakten über den Codex Bezae Cantabrigensis:

 Symbol in der Textforschung: D (DEA).

 Schreibmaterial: Pergament.

 Bögen: Erhalten sind 406 von ursprünglich ca. 534 Bögen.

 Seitengröße: 26 × 21,5 cm.

 Text einspaltig, Griechisch auf der linken Buchseite und Latein auf der rechten Buchseite.

 Beinhaltet Teile des Textes der vier Evangelien und der Apostelgeschichte des Lukas sowie ein Stück aus dem 3.Brief des Johannes.

 Datierung: Anfang des 5.Jahrhunderts.

 Der Text der Apostelgeschichte des Lukas ist um zehn Prozent länger als bei anderen Manuskripten.

 Aufbewahrung in der Universitätsbibliothek Cambridge.

Jetzt haben wir uns drei große Pergamentmanuskripte aus dem 5.Jahrhundert angesehen. Sie sind Belege dafür, dass die Schriften des Neuen Testaments vor dem 5.Jahrhundert verfasst worden sein müssen, da die Bücher zu dieser Zeit im gesamten Mittelmeerraum verbreitet waren. Zuvor, am Übergang vom 4. zum 5.Jahrhundert, war eine entscheidende Weiche gestellt worden: Es wurde endgültig festgelegt, welche Bücher Teil des Neuen Testaments sein sollen. Wie ist es dazu gekommen?

Welche Bücher lasen die ersten Christen?

»Auch wenn uns die Bücher der verschiedenen Evangelien unterschiedliche Dinge lehren, macht das für die Gläubigen keinen Unterschied. Denn in ihnen allen ist alles bekannt gemacht worden, durch den einen, souveränen Geist: alles über seine Geburt, seine Leiden und seine Auferstehung, sein Leben mit seinen Jüngern und sein doppeltes Erscheinen. Das erste, geschehen in Niedrigkeit und Verachtung; das zweite, das in der Zukunft geschehen soll, in strahlender königlicher Macht.«5

Dieses Zitat aus dem Jahr 180 n.Chr. sagt mindestens drei Dinge darüber, welche Bücher die Christen gelesen haben: Zum einen kannten und verwendeten sie mehrere Evangelien. Zum anderen waren sie sich der Unterschiede zwischen den Evangelien bewusst. Des Weiteren stellten diese Unterschiede kein Problem für sie dar, denn das Wichtigste war in ihnen allen enthalten.

Diese Haltung ist für Bibelleser seit jeher typisch: Sie sind die Verschiedenheit der Bücher und den ungleichen Erzählstil gewohnt – und finden das vollkommen in Ordnung. Gleichwohl wurde Ende des 2.Jahrhunderts n.Chr. ein Versuch unternommen, die vier Evangelien zu einem zusammenzuführen. Ein Syrer namens Tatian hatte die Idee, alle Geschichten der vier Bücher zu einem Riesenevangelium miteinander zu verbinden. So könnte vermieden werden, dass der Leser im falschen Evangelium zum Beispiel nach dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter sucht (das ausschließlich im Lukasevangelium steht). Alles würde an einem Ort zu finden sein, in einer zusammenhängenden Erzählung.

Die Idee war gut. Das Riesenevangelium des Tatian fand schnell weiträumig Verbreitung und war allem Anschein nach beliebt. Historisch betrachtet wurde es jedoch zu einem Fiasko. Keines der Manuskripte ist vollständig erhalten. Bekannt ist es heute lediglich durch Erwähnungen, durch Zitate in anderen Büchern, und weil kleine Teile davon gefunden wurden. Es trug den Namen Diatessaron, was so viel bedeutet wie »durch vier«. Wie dem Titel zu entnehmen ist, enthielt das Buch die gleichen Erzählungen, die in den vier Evangelien wiedergegeben sind.

Im 5.Jahrhundert endete die Verwendung des Buches. Viele Bischöfe wollten, dass die Gemeinden die vier individuellen Evangelien lasen. Mitte des 5.Jahrhunderts prahlte ein Bischof damit, zweihundert Exemplare des Diatessaron durch individuelle Evangelien ersetzt zu haben. Der wichtigste Grund aber war wohl, dass die Leser die vier Einzelbücher lieber mochten. Sie waren schlicht und einfach der Ansicht, es sei interessanter, vier unterschiedliche Porträts von Jesus zu lesen als ein standardisiertes. So ist es auch heute: Auch wir finden es spannend, die gleiche Person von vier unterschiedlichen Künstlern porträtiert zu sehen. Der Einsatz von Farben und Formen kann sehr unterschiedlich sein; dennoch sehen wir, dass alle Künstler in ihren Werken die gleiche Person porträtiert haben und lediglich eine bestimmte Seite von ihr besonders betonten.

Den ersten Lesern gefiel es also, dass es mehrere, unterschiedliche Erzählungen gab. So zieht es sich durch die gesamte Bibel. Die unterschiedlichen Bücher des Alten und des Neuen Testaments weisen große Unterschiede auf. Dennoch haben sich die Leser daran gewöhnt, eine Vielzahl unterschiedlicher Genre und Stilarten zu bewältigen. Wie aber kam es dazu, dass exakt diese Auswahl von Büchern zwischen zwei Umschlagseiten landete?

Weder Konzile noch eine zentrale Kirchenmacht haben entschieden, welche Bücher das Neue Testament bilden sollten. Es waren die Christen selbst, die die Bücher durch deren Nutzung auswählten. Bereits Ende des 2.Jahrhunderts hatte sich ein Kern von etwa zwanzig Büchern herauskristallisiert, die überall in Gebrauch waren. Es handelte sich um die vier Evangelien, die Apostelgeschichte des Lukas, dreizehn Paulusbriefe, den 1.Brief des Petrus sowie den 1.Brief des Johannes. Die letzten sieben Bücher waren noch nicht überall in Gebrauch: der Hebräerbrief, der Brief des Jakobus, der 2.Brief des Petrus, der 2. sowie der 3.Brief des Johannes, der Brief des Judas und die Johannesoffenbarung. Dieser Kern von zwanzig Büchern findet sich in zwei verschiedenen Dokumenten des 2.Jahrhunderts:

Im Jahr 1740 fand der Historiker Lodovico Antonio Muratori in der Bibliothek von Mailand ein altes Manuskript. Es ist eine Liste der Bücher, die in den christlichen Gottesdiensten verwendet wurden. Die Liste ist um das Jahr 180 n.Chr. in Rom verfasst worden und erwähnt 22 der Bücher des Neuen Testaments: die vier Evangelien, die Apostelgeschichte des Lukas, zwei Briefe des Johannes, dreizehn Paulusbriefe, den Brief des Judas sowie die Johannesoffenbarung. Das Manuskript bekam den Namen Kanon Muratori, nach dem Historiker, der es gefunden hat.

Ein zweites Beispiel finden wir weiter westlich in einem Gebiet, das heute zu Frankreich gehört. In den 180er-Jahren schrieb Irenäus sein drittes Buch »Gegen die Häresien« (Adversus Haereses). Darin hat er 23 Schriften aufgelistet, die für die Kirche verpflichtend sind. Neben jenen des Kanon Muratori benennt Irenäus den 1.Brief des Petrus sowie den Hebräerbrief, lässt jedoch den Brief des Judas aus. Noch immer ist die Außengrenze der Schriftensammlung also leicht fließend. Gleichzeitig ist ein fester Kern erkennbar: die Evangelien, die Apostelgeschichte des Lukas und die Paulusbriefe sind überall in Gebrauch und werden von niemandem angezweifelt. Irenäus spricht von den »Schriften der Wahrheit« im Gegensatz zu der »Menge an Apokryphen und unechten Schriften«, die es zu seiner Zeit offensichtlich auch gegeben hat.

Wenn wir das Mittelmeer überqueren und ins nordafrikanische Karthago segeln, begegnen wir dort Anfang des 3.Jahrhunderts dem großen christlichen Theologen Tertullian (ca. 160–225 n.Chr.). Er verwendet als Erster den Namen »Das Neue Testament« für eine Sammlung von Schriften. Mit diesem Namen scheint er eine abgegrenzte Sammlung von Büchern zu meinen, auch wenn er nicht angibt, welche Bücher er dazurechnet. Wahrscheinlich denkt auch er an die vier Evangelien, die Apostelgeschichte des Lukas und die verschiedenen Briefe.

Eine Generation später versucht auch Origenes (185–253 n.Chr.) den Umfang des Neuen Testaments zu definieren. Er hält sich in der Nähe des östlichen Mittelmeers, in Caesarea auf. Origenes hält alle 27 Schriften, die heute das Neue Testament ausmachen, für verpflichtend. Er fügt jedoch hinzu, dass der Hebräerbrief, der 2.Brief des Petrus, der 2. und 3.Brief des Johannes, der Brief des Jakobus und der Brief des Judas mancherorts umstritten sind. Zudem ordnet er einige Schriften als falsch ein, unter anderem das apokryphe »Thomasevangelium«.

Einhundert Jahre später hält sich der große Kirchenhistoriker Eusebius (gest. 339 n.Chr.) in Caesarea auf. In seiner Kirchengeschichte beschreibt er die Bücher des Neuen Testaments und teilt sie in drei Gruppen ein: Die erste Gruppe bilden die allgemein anerkannten Bücher, wozu die vier Evangelien, die Apostelgeschichte des Lukas, die Paulusbriefe, der Hebräerbrief, der 1.Brief des Johannes, der 1.Brief des Petrus sowie die Johannesoffenbarung gehören; insgesamt 22 Bücher. In der zweiten Gruppe finden sich die umstrittenen Bücher, die nicht überall in Gebrauch sind: Das sind der Brief des Jakobus, der Brief des Judas, der 2.Brief des Petrus sowie der 2. und 3.Brief des Johannes – das heißt, die restlichen Bücher dessen, was wir als das Neue Testament bezeichnen. Die dritte Gruppe umfasst Bücher, die Eusebius als die unechten bezeichnet: der »Hirte des Hermas«, der Barnabasbrief und die »Lehre der zwölf Apostel«. Daneben gibt es einige Schriften, die es laut Eusebius nicht einmal verdienen, als »unecht« bezeichnet zu werden, wozu er unter anderem das Petrusevangelium und das Thomasevangelium zählt.

Einer der bedeutendsten Kirchenväter zur Zeit der Abgrenzung des Neuen Testaments war Augustinus (354–430 n.Chr.). Er war Bischof im nordafrikanischen Hippo. In seinem Buch »Über die christliche Lehre« benennt er die wichtigsten Kriterien bei der Auswahl der Bücher des Neuen Testaments. Seine Aussagen können in drei Punkten zusammengefasst werden:

– Die Schriften mussten apostolischen Ursprungs sein:

Sie mussten von einem Apostel oder einem Mitarbeiter eines Apostels geschrieben worden sein.

– Ihr Inhalt musste apostolisch sein:

Sie mussten die gleichen Botschaften über Christus enthalten wie die anderen Schriften, die bereits in Gebrauch waren.

– Sie mussten allgemein verbreitet sein:

Es reichte nicht aus, eine Schrift vorzuschlagen, die lediglich an einigen wenigen Orten in Gebrauch war. Die Bücher mussten in der gesamten christlichen Kirche bekannt sein und genutzt werden.

Der endgültige Schlussstrich unter das Neue Testament wurde 397 n.Chr. während einer Synode in Karthago gezogen. Dort wurde festgelegt, dass keine anderen Schriften als die 27 des heute bekannten Neuen Testaments verwendet werden sollen. Diese Schriften hatte Bischof Athanasius (298–373 n.Chr.) im Jahr 367 n.Chr. in einem Osterbrief in Alexandria aufgelistet. Und so geschah es.

Diese Punkte belegen, dass die Bücher, die zum Neuen Testament wurden, sowohl im Norden und Süden als auch im Osten und Westen des Mittelmeerraums in Gebrauch waren. Auch wenn dieser lange und spannende Prozess seinen Abschluss letztendlich im Rahmen einer Synode fand, waren es doch die Leser, die entschieden, welche Bücher sie am meisten mochten. Man kann von einer demokratischen Volksbewegung sprechen, die durch Gebrauch über die Auswahl der Bücher entschied – am Ende des Prozesses erst wurden die Beschlüsse gefasst.

Bislang sind wir den Manuskripten des Neuen Testaments zurück bis zum Beginn des 5.Jahrhunderts gefolgt. Jetzt begeben wir uns in das 4.Jahrhundert und widmen uns den beiden prächtigsten und wichtigsten jemals gefundenen Manuskripten des Neuen Testaments. Beide wurden im 19.Jahrhundert erstmals von Forschern beschrieben – und in diese Zeit führt uns das nächste Kapitel.

Das Manuskript im Kloster: Codex Sinaiticus

Siehe Abbildung 2

»Schlafen fühlte sich wie ein Verbrechen an.«6

Das Zitat stammt aus dem Tagebuch des jungen Textforschers Konstantin von Tischendorf (1815–1874). Er hatte soeben eine ganze Nacht mit dem weltweit ältesten kompletten Manuskript des Neuen Testaments in den Händen verbracht. Kein Forscher wusste von der Existenz des Manuskripts, bevor der Verwalter des von Tischendorf besuchten Klosters es aus einem Schrank holte. Tischendorf hatte die Erlaubnis erhalten, es sich näher anzusehen, jedoch nur bis zum nächsten Tag. Er war sich vollkommen im Klaren darüber, wie einmalig diese Möglichkeit war, und blieb dafür die ganze Nacht wach. Zu schlafen wäre schlicht und einfach nicht richtig gewesen, fand er.

Die moderne Geschichte des Manuskripts, das den Namen Codex Sinaiticus bekam, beginnt fünfzehn Jahre vor dieser Nacht 1859. Bereits 1844 reist Konstantin von Tischendorf auf der Suche nach alten Manuskripten des Neuen Testaments in das alte Katharinenkloster am Fuße des Sinai. Er ist nicht einmal dreißig Jahre alt, hat aber bereits viele griechische Bibelmanuskripte studiert. Mithilfe von Chemikalien hat er bereits den Versuch unternommen, die verborgene Schrift des Codex Ephraemi Rescriptus zu deuten. Mit wachsender Spannung hat er zugesehen, wie die alten Buchstaben auf dem Pergament sichtbar wurden, nachdem sie viele Hundert Jahre verborgen waren.

Sein Interesse, die ältesten Manuskripte der Bibel zu finden, entwickelte sich bereits in den Jahren 1834 bis 1838 während seines Theologiestudiums in Leipzig. Der Unterricht bei Professor Johann G.B. Winer löste bei Tischendorf den glühenden Eifer aus, die frühesten Texte des Neuen Testaments ausfindig zu machen. Er beschloss, sich voll und ganz dieser Lebensaufgabe zu widmen und schrieb 1838 an seine Verlobte:

»Ich stehe vor einer heiligen Aufgabe, dem Kampf, den ursprünglichsten Text des Neuen Testaments wiederzufinden.«7

Tischendorf gab sich dieser Lebensaufgabe mit immensem Arbeitseifer hin. Er weihte sein Leben der Suche nach alten Manuskripten, und seine Verlobte musste bis 1845 auf die Hochzeit warten. Tischendorf fand und publizierte mehr Manuskripte des Neuen Testaments als irgendein anderer. Auf seinen vielen und langen Reisen in den Orient fand er insgesamt 21 Manuskripte, die der Forschung bis dahin unbekannt waren. Er schrieb über 150 Bücher und Artikel, vor allem über die Textgeschichte des Neuen Testaments. Und nicht zu vergessen: Acht Mal nahm er die unsagbar detailreiche Kleinstarbeit auf sich, eine neue Textausgabe des griechischen Neuen Testaments anzufertigen. Für diese Textausgaben verglich er Hunderte von Manuskripten bis ins kleinste Detail und erklärte die Unterschiede in Tausenden von Fußnoten. Noch heute zählen Tischendorfs Fußnoten zu den Standardwerken der Forschung zum Neuen Testament.

In den Textausgaben Tischendorfs nimmt der Codex Sinaiticus selbstverständlich einen wichtigen Platz ein. Seiner Meinung nach war das Manuskript das beste und zuverlässigste Exemplar der vorhandenen Bibeltexte. Auch wenn diese Auffassung nach den neuen Funden im 20.Jahrhundert etwas zu differenzieren ist, ist der Codex Sinaiticus für die Forscher noch immer eines der wichtigsten Manuskripte, wenn es darum geht, die älteste Textform auszumachen.

Lassen Sie uns zu seinem ersten Besuch im Katharinenkloster 1844 zurückkehren. Die Geschichte des Klosters reicht bis ins 6.Jahrhundert n.Chr. zurück. Mehr als eintausend Jahre lang haben sich hier Mönche der Abschrift biblischer Bücher gewidmet. In den Wänden steckt eine uralte Schrifttradition – buchstäblich gesprochen, wie sich 1975 herausstellen sollte. »Hier könnten sich alte, unentdeckte Manuskripte finden«, denkt Tischendorf. Er erhält die Erlaubnis, sich in der Bibliothek des Klosters umzusehen, entdeckt jedoch nichts von besonderem Interesse.

Wie sich später herausstellen sollte, wurden andernorts im Kloster weitere Manuskripte gelagert. Erst 1975 wurde ein geheimer, zugemauerter Raum entdeckt. Niemand weiß genau, wann und warum der Raum versiegelt wurde. Wahrscheinlich haben die Mönche den alten Brauch praktiziert, abgenutzte Manuskripte nicht wegzuwerfen, sondern sie zu begraben. Bei dem Einmauern kann es sich um eine solche Grablegung alter, nicht mehr in Gebrauch befindlicher Dokumente gehandelt haben.

Das muss so weit in der Zeit zurückgelegen haben, dass sich keiner der Mönche daran erinnerte, als Tischendorf an jenem Tag ins Kloster kam. Der Raum muss spätestens im 18.Jahrhundert versiegelt worden sein. In ihm wurden mehr als 1000 Manuskripte in unterschiedlichen Sprachen gefunden; 836 davon waren auf Griechisch verfasst. Zwölf der gefundenen Bögen stammen aus dem alttestamentlichen Teil des Codex Sinaiticus und waren den Forschern bis dahin unbekannt.

Überhaupt haben sich die Klöster im östlichen Teil der Christenheit als unglaublich wichtige Verstecke des griechischen Bibeltextes erwiesen. Als die westliche Kirche im 4.Jahrhundert n.Chr. dazu überging, Latein zu verwenden, lasen die Mönche im Osten die Texte weiterhin auf Griechisch. Als die meisten im Westen noch vorhandenen griechischen Manuskripte durch Kriege und Verfolgungen vernichtet wurden, wurde im Osten der griechische Text hinter dicken Klostermauern beständig von Hand kopiert. Als im Zuge der arabischen Invasion um 640 die Klöster und Kirchen in Nordafrika in Schutt und Asche gelegt wurden, fuhren die Mönche im Osten damit fort, ihre Manuskripte abzuschreiben. Bis sie im 15.Jahrhundert selbst von der muslimischen Invasion übermannt wurden, hielten sie an ihren Traditionen fest und überlieferten den Bibeltext – auf Griechisch. Durch die wechselnden Jahreszeiten der Geschichte hindurch hat der griechische Bibeltext hinter den Klostermauern schlicht und einfach überwintert, sicher verborgen vor Kriegen und Gefahren.

Während seines ersten Besuchs 1844 findet Tischendorf jedoch nichts von besonderem Interesse. Erst als er aus der Bibliothek kommt, hält er inne: In einem Korb mit altem Abfall, den die Mönche zum Feueranmachen verwenden, entdeckt er einige alte Pergamentbögen mit griechischen Buchstaben darauf. Tischendorf erkennt sofort, dass die Schrift darauf sehr alt ist und dass die Texte von der griechischen Übersetzung des Alten Testaments stammen. Er zieht 43 Bögen aus dem Korb. Ein Mönch berichtet ihm, dass sie bereits zwei Körbe voll solch alter Bögen verbrannt hätten. Auf der Suche nach alten Dokumenten, die sie zum Feueranzünden verwenden konnten, hatten sie offensichtlich die Bibliothek aufgeräumt. Der alte Brauch, die Manuskripte zu begraben, anstatt sie zu verbrennen, war zu dieser Zeit offenbar in Vergessenheit geraten. Tischendorf bittet die Mönche, fortan nicht mehr mit alten Manuskripten Feuer zu machen, und nimmt die 43 Bögen mit nach Europa. Diese 43 Bögen beinhalten Text vom 1.Buch der Chronik, Jeremia, Nehemia und Ester. Tischendorf veröffentlichte sie unter dem Namen Codex Frederico-Augustanus. Heute befinden sie sich in der Universitätsbibliothek Leipzig.

1853 kehrt Tischendorf in das Kloster zurück, jedoch sind die Mönche dieses Mal ihm gegenüber ein wenig misstrauisch; seine Begeisterung beim ersten Besuch war ihnen nicht entgangen. Daher bekommt er keine weiteren Manuskripte zu sehen. Auch als er 1859 ein drittes Mal zurückkehrt, scheint die Suche nach alten Manuskripten ergebnislos zu bleiben. Am Tag vor seiner geplanten Abreise zeigt er dem Verwalter des Klosters eine von ihm in Druck gegebene neue griechische Ausgabe des Alten Testaments. Der Verwalter entgegnet, dass auch er über eine griechische Bibel verfüge. Aus dem Schrank in seiner Klosterzelle holt er ein riesengroßes Manuskript, eingewickelt in rotes Tuch. Das Tuch wird zur Seite geschlagen und dort, vor den Augen des überwältigten Tischendorf, liegt ein Schatz der Art, wie er ihn die ganze Zeit gehofft hatte zu finden: 199 Bögen eines biblischen Manuskripts aus den ersten christlichen Jahrhunderten, mit uralter, griechischer Handschrift geschrieben. Die Seiten sind weder verblasst noch an den Rändern beschädigt, wie es bei vielen alten Funden der Fall ist. Diese Bögen befinden sich in einem guten Zustand. Das Pergament ist noch immer geschmeidig und hell, die Handschrift auf allen Seiten gut und leicht lesbar.

Tischendorf bemüht sich, seine enorme Begeisterung zu verbergen, und bittet darum, sich das Manuskript bis zum nächsten Tag ansehen zu dürfen. Dieser Wunsch wird ihm gewährt. Es ist diese Nacht, in der Konstantin von Tischendorf hellwach, mit weit aufgerissenen Augen im schlechten Licht einer flackernden Lampe dasitzt und Seite um Seite des alten griechischen Bibeltextes liest. In dem Manuskript findet er viel mehr, als er gehofft haben kann. Es beinhaltet nicht nur den Großteil des Alten Testaments, sondern auch das komplette Neue Testament sowie zusätzlich zwei frühe christliche Bücher aus dem 2.Jahrhundert: den Barnabasbrief, der zuvor ausschließlich in der lateinischen Übersetzung bekannt war, sowie einen Großteil des Buches Der Hirte des Hermas, von dem Forscher bisher nur durch dessen Erwähnung in anderen Schriften wussten.

Am nächsten Morgen versucht Tischendorf das Manuskript käuflich zu erwerben, die Antwort lautet jedoch Nein. Der Abt des Klosters erlaubt ihm einzig, das Manuskript zwecks Anfertigung einer Abschrift auszuleihen. Auf dem Rücken eines Kamels wird ihm das Manuskript nach Kairo gebracht, jedoch immer nur in Auszügen. Die Seiten sind in zusammengefalteten Stößen mit jeweils acht Bögen geordnet, wobei Tischendorf jeweils nur einen Stoß ausleihen darf. Mithilfe zweier anderer Deutscher, die sich zufällig in Kairo aufhalten und ein bisschen Griechisch können, einem Apotheker und einem Buchhändler, wird das komplette Manuskript von Hand abgeschrieben. Innerhalb von zwei Monaten erfassen sie 110.000 Zeilen mit griechischem Text.

Heute befindet sich der Codex Sinaiticus nicht mehr im Katharinenkloster. Nach Tischendorfs drittem Besuch wurde das Manuskript anlässlich des tausendjährigen Jubiläums des russischen Imperiums dem Zaren von Russland als Geschenk vermacht. Der Zar war der oberste Schutzherr der orthodoxen Kirche, und dem Kloster war es daran gelegen, die Verbindung zu Moskau zu pflegen, um schmerzlich benötigte Mittel für den Erhalt der alten Gebäude zu bekommen. 1862 wurde der Codex Sinaiticus daher dem Zaren als Geschenk überreicht, und Tischendorf publizierte die erste gedruckte Ausgabe des Manuskripttextes. Im Gegenzug erhielt das Kloster vom Zaren sowohl wertvolle Gegenstände als auch Geld, unter anderem 7000 Rubel zur Erweiterung der Klosterbibliothek.

Viele denken vermutlich, das Manuskript hätte dort verbleiben sollen, wo es herkam. Es waren die vielen Mönche im Osten, deren Namen wir nicht kennen, die über die vielen Jahrhunderte des Mittelalters hinweg in unfassbar mühevoller Schreibarbeit die heiligen Schriften auf Griechisch bewahrt haben. Heute jedoch sind es die großen Manuskriptsammlungen im Westen, die sich im Glanz der prächtigen Pergamentbücher sonnen. Das fühlt sich nicht richtig an.

Gleichzeitig haben die westlichen Sammlungen und Museen eine enorme Arbeit geleistet, die alten Manuskripte zu untersuchen, zu beschreiben und zu bewahren und sie sowohl Forschern als auch anderen Interessierten zugänglich zu machen. So kann man sagen, Westen und Osten haben beide auf ihre Weise dazu beigetragen, dass wir heute Nutzen aus den alten Büchern ziehen können: Die Mönche im Osten verfügten über die Treue und den Fleiß, den griechischen Text über Jahrhunderte mit Kriegen und Katastrophen hinweg zu bewahren, während die Sammler im Westen über die Ressourcen verfügten, die Manuskripte in der Gegenwart zugänglich zu machen. Dieser gemeinsame Einsatz ermöglicht es, dass wir uns heute über diese Manuskripte freuen und sie Menschen zeigen können, die sich für Geschichte und die alten griechischen Bibeltexte interessieren.

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