Kitabı oku: «Kein Trost, nirgends?»
Nach seiner Zeit als Theologe und Friedensforscher an der Ruhr-Universität Bochum und als Pfarrer in einem Neubaugebiet in Hamburg lehrte Prof. Dr. Hans-Jürgen Benedict an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie in der Hansestadt. Seit seiner Emeritierung 2006 beschäftigt er sich besonders mit Fragen der Literaturtheologie, zuletzt „Wär ich allmächtig, ich würde retten, retten“ (2019) und mit der Rolle der Kirchen in der Nazizeit und ihrer schwindenden Bedeutung in der Gegenwart, zuletzt „Beschädigte Versöhnung. Die Folgen des Versagens der Kirchen in der Nazizeit“ (2020). Er ist Mitherausgeber der Zeitschrift „Junge Kirche“.
Hans-Jürgen Benedict
Kein Trost, nirgends?
Zu Gedenken und Vergessen, zu Sterben und Trost

E-Book (ePub)
© CEP Europäische Verlagsanstalt GmbH, Hamburg 2022
Alle Rechte vorbehalten.
Coverabbildung: Denkmal für die Kinder in Yad Vashem
Covergestaltung: Christian Wöhrl, Hoisdorf
Signet: Dorothee Wallner nach Caspar Neher »Europa« (1945)
ePub:
ISBN 978-3-86393-586-3
Auch als gedrucktes Buch erhältlich:
© CEP Europäische Verlagsanstalt GmbH, Hamburg 2022
Print: ISBN 978-3-86393-130-8
Informationen zu unserem Verlagsprogramm finden Sie im Internet unter www.europaeischeverlagsanstalt.de
Inhalt
Einleitung: Kein Trost, nirgends?
„Auch mich, den Tod, gibt es in Arkadien.“
Die neue Aktualität des Memento Mori-Gedankens infolge der Corona-Pandemie
„Verweinte Augen zum Leuchten bringen.“
Die Predigttätigkeit des Laien Arthur Goldschmidt in der evangelischen Gemeinde im KZ Theresienstadt
„Mit dem letzten (deportierten) Juden verschwindet auch das Christentum aus Deutschland.“
Elisabeth Schmitz’ mutiges Eintreten für die Juden und das Versagen der Kirche
Erinnern, Vergessen, Versöhnen – drei Wege um mit Untaten des eigenen Volks umzugehen
Mit den Toten reden
Zum Gedenken an den Hamburger Feuersturm 1943
„In der S-Bahn reckten die Leute die Hälse.“
Zur Ausstellung „In den Tod geschickt“
Memento mori. Julian Barnes, Nichts, was man fürchten müsste (2011)
Gelesen kurz vor dem 79. Geburtstag 2020. Und nach einem Jahr Corona-Pandemie April 2021.
Jenseitstrost und Sterberealität
Zur Literatur-Geschichte der Wiedersehenshoffnung
Wo ist die Angst vor dem Jüngsten Gericht geblieben?
Zur Geschichte und Wandlung des Zusammenhangs von Totengericht und Gewissensbildung
Der Corona-Toten gedenken. Staatlich und kirchlich getrennt? (April 2021)
Nichts als Vertröstung?
Trostbilder in der Bibel und in der Geschichte des Christentums
Von der Religionskritik zur neuen Sinnfrage/Anthropodizee – Wie kann der Mensch das Leiden zulassen?
Was kann trösten?
Verlegenheiten am Sterbebett
Ist christlicher Trost tiefer als andere Trostversuche?
Trost als verwandelnde Kraft
„Herr, lehre mich doch, dass es ein Ende mit mir haben muss“ – harter Trostzuspruch angesichts des Todes in Seuchenzeiten
Anmerkungen
Nachweise
Einleitung: Kein Trost, nirgends?
Wer wie ich dem tödlichen Inferno des Zweiten Weltkriegs (meine erste Kindheitserinnerung sind die Bombenangriffe auf Hamburg 1944) entronnen ist und sehr lange in Friedenszeiten gelebt hat, könnte mit dem Trost diese Welt verlassen, nicht nur, dass es ihm gut ergangen ist sondern auch, dass es in der Welt doch besser geworden ist. Aber es hat in meinem Leben von dem Moment an, als ich bewusst die Erfahrung des Todes anderer Menschen (angefangen bei dem frühen Tod meiner Mutter) machte und besonders mit dem gewaltsamen Tod anderer Menschen in Vergangenheit und Gegenwart konfrontiert wurde, einen Impuls des Protests, aber auch den Wunsch nach Trost, gegeben. Diese Erfahrungen fremden Leids konnten einen nicht zur Ruhe kommen lassen. Niemals in Ruhe lassen konnten mich die sechs Millionen Toten der Shoah. Jede Lektüre eines Buchs über die Verfolgung und Ermordung der Juden Europas, jeder Besuch einer Gedenkstätte in einem ehemaligen KZ beunruhigte mich zutiefst und provozierte immer die Frage, wie konnte das ein einem zivilisierten Land wie Deutschland geschehen. Es war ja mein Land, auf das ich trotz allem wegen seiner großen Kultur und technischen Errungenschaften stolz war. Wieso haben meine Eltern und Verwandten das hingenommen, fing ich an zu fragen. Sollte ich ihnen glauben, dass sie nichts davon wussten? Als ich in Yad Vashem in den weiten dunklen Raum mit den gespiegelten fünf Lichtern trat, der an die etwa eineinhalb Millionen von den Nazis getöteten Kinder erinnerte, ihre Namen wurden leise verlesen, war es ein schmerzlicher und zugleich tröstlicher Moment. Ihr Andenken ist nicht vergessen, immer wieder werden ihre Namen genannt. Wie ich hätten sie noch leben können, denn die Jüngsten waren in meinem Alter. Sie wurden ausgelöscht, aber sie werden erinnert. Das ist auch ein Trost. Der Trost des Gedenkens.
Nicht in Ruhe lassen mich auch die 60 Millionen Opfer des Zweiten Weltkriegs, besonders die 5,6 Millionen polnischen Opfer und die 23 Millionen Toten der Sowjetunion als Folge des deutschen Vernichtungskriegs. Und die Toten der Kriege danach, Korea, Nahost, Vietnam, Afghanistan, Irak u.a., außerdem Naturkatastrophen wie der Tsunami in Südostasien 2004 mit 230 000 Toten und das Erdbeben auf Haiti mit seinen über 300 000 Toten 2010, die vielen Toten infolge der Flüchtlingsbewegungen, die Ertrunkenen im Mittelmeer. Während meines langen Lebens wurde ich ständig mit dem Tod an anderen Orten konfrontiert. Immer habe ich versucht innezuhalten und der Opfer zu gedenken. Das war mir gerade als Theologe wichtig. Ist doch Gott ein Name für das Gedenken und die Kirche ein Ort, wo das geschehen kann (aber nicht mit revanchistischen Kriegerdenkmälern!). Gegenwärtig sind es die Toten der Corona-Pandemie, die Trauer und Betroffenheit hervorrufen. 4,5 Millionen weltweit, 92 500 in Deutschland. Das sind alles bedrängende Zahlen, die einen billigen Trost ausschließen.
„Kein Trost, nirgends“ (in Abwandlung eines Romantitels von Christa Wolf) ist man versucht, angesichts dieses ungeheuren Leidens auszurufen. Aber ich habe ein Fragezeichen dahinter gesetzt. Was bedeutet dieses Fragezeichen? Als Kinder wurden wir mit der Auskunft getröstet, dass die verstorbene Großmutter als Stern am Himmel leuchtet und uns begleitet. Die fromme Lüge habe selbst ich als kritischer Theologe noch angewandt, als die Kinder nach ihrem verstorbenen Opa fragten.
Wir glauben daran und hoffen darauf, dass die Toten, die in ihrem Leben an Gott glaubten, jetzt bei Gott aufgehoben sind, wäre eine erwachsene Antwort auf die Frage. Doch insgesamt haben die tröstlichen Antworten der großen Religionen an Überzeugungskraft verloren. Das Versprechen einer Existenz im Himmel als Entschädigung für ein elendes Erdenleben überzeugt nicht mehr viele. Zudem sind Jenseitsversprechen durch ihre Pervertierung bei Selbstmordattentätern in Misskredit geraten – wer möchte schon in einem Paradies zusammen mit Attentätern fortexistieren, die hunderte auf dem Gewissen haben. Die Menschheitsgeschichte ist immer noch die Schlachtbank, auf der Millionen geopfert werden. Es gibt leider nicht den Trost, dass es gewiss anders wird und die Menschheit in Kürze lernt, ihre Konflikte friedlich zu lösen. Oder dass Naturkatastrophen ausbleiben, selbst wenn wir jetzt drastische Maßnahmen gegen den Klimawandel auf den Weg bringen. Trotzdem, das Fragezeichen hinter „Kein Trost, nirgends“ ist berechtigt, weil es den Trost des Gedenkens an die sinnlos Gemordeten gibt und die starke Hoffnung, dass die Täter letztlich nicht über die Opfer siegen. Die Geschichte ist für die Opfer nicht abgeschlossen, sagte Walter Benjamin.
Ich habe in den letzten zehn Jahren mich immer wieder mit Fragen des Sterbens, des Erinnerns und Gedenkens in der Literatur und in der Gesellschaft beschäftigt. Als Kind der Täter-und Mitläufer-Generation und als zoon politikon fühlte ich mich dazu ein Leben lang verpflichtet. Und als Christ ist für mich das Gedächtnis der Leidenden, die Memoria passionis, bindend. Ich frage also: Wie geht Literatur mit dem unerbittlichen Faktum des Todes als Auslöschung der Identität um? Kann man der infolge vernichtender Gewalt Getöteten gedenken, ohne aufzurechnen? Wie kann Gedenken dauerhaft sein, ohne zum leeren Ritual zu werden? Gibt es neben dem Gedenken auch die Möglichkeit des Vergebens und Vergessens? Schließlich: Was hat das Christentum heute noch für ein Trostpotential? Trost als verwandelnde Kraft im Diesseits und nicht mehr als Vertröstung? So stelle ich in diesem Büchlein Texte zusammen, die sich dem Thema Gedenken und Vergessen, Sterben und Trost stellen, in der Hoffnung, sie können ausgehend vom Memento mori und der Memoria passionis die Lebenskräfte stärken.
„Auch mich, den Tod, gibt es in Arkadien.“
Die neue Aktualität des Memento Mori- Gedankens infolge der Corona-Pandemie
„Memento Mori.“ Sei dir deiner Sterblichkeit bewusst. Denke daran, dass du sterben musst. Man findet diesen mittelalterlichen Spruch heute gelegentlich noch auf Grabsteinen, auf Gemälden, aber auch an öffentlichen Gebäuden. Im Mittelalter war er Ausdruck der von dem Kloster Cluny ausgehenden monastischen Reformbewegung, die die Reinigung von allem Weltlichen in den Klöstern und die Vorbereitung auf den Tod und das Jüngste Gericht ins Zentrum des Glaubens stellte. Ab der Mitte des 14. Jahrhunderts führte das pandemische Auftreten der Pest, dem die damalige Menschheit hilflos gegenüberstand, aber nur begrenzt zu einer Verstärkung des Memento Mori-Gedankens.1 Trotzdem nahmen Totentanzdarstellungen zu. Sie zeigten den Tod als Gerippe-Spielmann mit Geige, der die Menschen ohne Unterschied zum letzten Tanz holt, den Bettler wie den König. Das Motiv fand großartige bildliche Darstellungen unter anderem auch im Ostseeraum (man denke an den im Zweiten Weltkrieg zerstörten Lübecker Totentanz von Bernd Notke). Auch Pestsäulen erinnern bis heute an diese Seuchenzeiten. Gleichzeitig entstand, die Totenmusik des Requiems mit dem Dies Irae, die allerdings erst Ende des 18. Jahrhunderts, als der Glaube an das Jüngste Gericht schon geschwunden war, große Kompositionen aus sich heraussetzte. Der Vergänglichkeitsgedanke Vanitas vanitarum fand im Barock zur Zeit des Dreißigjährigen Kriegs in Kunst und Literatur noch einmal große Verbreitung. Auf Gemälden Guercinos und Poussins stehen Hirten betroffen vor einem Totenkopf bzw. vor einem antiken Grabmal in der schönsten Landschaft, auf dem „Et in arcadia ego“ zu lesen ist–auch mich, den Tod, gibt es in Arkadien. Doch schon am Ende des 18. Jahrhunderts geriet die Darstellung des Sensenmanns außer Mode (mit der Ausnahme von Matthias Claudius, der ihn „Freund Hain“ nannte). Die Menschheit witterte dank medizinischer und technischer Fortschritte Morgenluft. Die Lebenszeit verlängert sich schon Ende des 19. Jahrhunderts. Das tat sie auch im 20. Jahrhundert trotz seiner schrecklichen Kriege und Völkermorde mit Abermillionen Opfern. Vollends im 21. Jahrhundert ist das Genieße das immer längere Leben, das carpe diem zum bestimmenden Motto der Wohlstands- und Erlebnisgesellschaft geworden (mit den bekannten sozialen Unterschieden zwischen Nord und Süd). Auch wollen immer mehr Menschen nicht mehr daran erinnert werden, dass der Tod „ein Meister aus Deutschland“ ist, dass es für Millionen ermordeter Juden nur ein „Grab in den Lüften gab“. Das Auschwitz-Gedenken wurde von einem Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels sogar als Moralkeule diskreditiert.
Und das ging so, bis die Corona-Pandemie ausgehend von China alle Länder der Welt erfasste. In Zahlen ausgedrückt: Am 26. 8. 2021 gab es weltweit 212 884 693 bestätigte Infektionen und 4 447 120 Tote. In der Bundesrepublik 3 877 612 bestätigte Infektionen und 92 022 an und mit Corona Gestorbene. Aber auch 53 405 091 Geimpfte. An dem Tag, an dem ich dies schreibe, liegt die Siebentag-Inzidenz je 100 000 Einwohner bei 58,0. Das öffentliche Leben hat sich weitgehend normalisiert. An den Wochenenden mit schönem Wetter waren die Seen und ihre Ufer ebenso überfüllt wie die Restaurants und Cafés.
Das Memento Mori, sprich die Erinnerung an die Infektionsgefahr von Seiten der vorsichtigen Epidemiologen und Politiker, die vor neuen Varianten des Virus (Delta) warnten, wurde nicht gerne gehört. Die im Fernsehen ständig wiederholten Bilder von den Intensivstationen, in denen Corona-Infizierte während des zweiten und dritten Lockdowns um ihr Leben kämpften, sind weniger geworden. Fast vergessen sind die Fotos der Militärlaster mit den Särgen der Corona-Toten von Bergamo im März 2020. Immerhin gemahnen die täglichen Tabellen mit der Erwähnung der an Covid-19 Verstorbenen in der sommerlichen Freizeitgesellschaft weiter an das „Et in arcadia ego“.
Ein Freund (Martin Cordes aus Hannover) schrieb mir vor über einem Jahr im April 2020 prophetisch ausgreifend: „Die Menschheit ist offensichtlich jetzt so herangereift, dass sie die Pandemie meistern kann. Sie ist nicht mehr dem Untergang geweiht, sondern kann das Unglück bewältigen. Sie kann anders als die Dinos sich wehren – aber erst jetzt, vorher wütete die Pest ungebremst. Macht euch die Erde untertan würde dann bedeuten, euch wachsen auch ungeahnte Kräfte zu. Die intelligenten und geistbegabten Menschen entdecken und schaffen Gegenmittel.“ Ja, so kann man es mit einer Prise sarkastischem Optimismus sehen. Da ist einerseits trotz des priesterschriftlichen „Siehe, es war sehr gut“ die unfertige Schöpfung mit ihren Katastrophen infolge der Verschiebung der Kontinentalplatten, mit Erdbeben, Tsunamis, Vulkanausbrüchen und den Folgen der Klimaerwärmung. Andererseits die Gefährdung durch seuchenartige Krankheiten, die aus mangelnder Hygiene und unvorsichtigem Umgang in der Massentierhaltung entstehen. Diese Gefahren werden bleiben. Kein Gott kann daran etwas ändern. Aber die Jahrtausende alte Hilflosigkeit des Menschen gegenüber Pandemien wie die im 14. Jahrhundert auftretende Pest (von China nach Europa brauchte sie zehn Jahre!), die die Bevölkerung Europas um ein Drittel dezimierte oder vor 100 Jahren noch die Spanische Grippe mit 50 Millionen Toten, ist weitgehend überwunden. Selbst gegen die zoonotischen Infektionen, die sich von den Wildtiermärkten infolge der fortgeschrittenen Globalisierung schnell ausbreiten (Sars, Covid-19), entwickeln moderne Wissenschaft und Medizin Gegenmittel. Ja, es gibt schon 4,5 Millionen Tote weltweit, das ist schrecklich und immer noch wütet Corona in den Ländern und Kontinenten, die nicht so große medizinische Möglichkeiten haben, das Virus durch Impfen einzudämmen. Trotzdem – in the long run, so scheint es jedenfalls, ist die Corona-Pandemie trotz der Entstehung neuer Viren beherrschbar. Es gibt Gegenmittel, Schutzmasken, Tests und Beatmung auf Intensivstationen in den Krankenhäusern. Vor allem gibt es die Impfstoffe Biontech, Astra Zeneca und Moderna, die seit Beginn des Jahres 2021 zum Einsatz kommen, vor Ansteckung schützen können und mildere Verläufe der Infektion ermöglichen. Auch ich bin inzwischen zwei Mal geimpft, und ich muss gestehen, dass mich das sehr erleichtert und aus einer zeitweilig depressiven Phase herausgeholt hat. In nur einem knappen Jahr wurden diese Impfstoffe entwickelt, geprüft und zur Anwendung gebracht (auch wenn sich leider! längst nicht alle impfen lassen wollen). Merkwürdig genug – die traurige Geschichte der Pestilenzen mit ihren Millionen Opfern stellt zugleich den Trost bereit: Die Menschheit hat es überlebt. (So Yuval Noah Harari in der SZ vom 17. 4. 2020) Das macht die Opfer nicht wieder lebendig. Die Hunderttausende von Aids-Waisen in Afrika werden durch diese Auskunft nicht getröstet. So ist es auch jetzt, wenn Enkel ihre Großeltern durch Covid-19 verlieren, wenn jüngere und mittelalte Menschen sterben und nicht wenige nach überstandener Infektion trotzdem an „Long Covid“ leiden. Wie soll man sie trösten? Wie den Glauben an einen barmherzigen Gott bewahren?
Wir müssen in der Moderne so handeln, als ob es Gott nicht gäbe, etsi deus non daretur, hat Dietrich Bonhoeffer 1944 unter Beziehung auf Hugo Grotius formuliert. Deutlich gesagt: Es gibt keinen direkt in Natur und Geschichte eingreifenden rettenden Gott, keinen Gott, der die Pandemie verhindern oder begrenzen kann. (Und schon gar nicht einen Gott, der durch Naturkatastrophen und Unglücksfälle die Menschen erziehen und strafen will, wie manche Fundamentalisten auch jetzt wieder behaupten). In der Natur treten Lebewesen wie die sich vermehrenden Viren auf, die aufs Überleben hin optimiert sind und die für den Menschen gefährliche Mutationen durchlaufen. Auch wenn unsere technischen und wissenschaftlichen Fähigkeiten gewachsen sind, wir haben die Zukunft nicht im Griff. Sie ist unverfügbar.
Als Theologie und Kirche müssen wir zugeben: Gott kann nicht eingreifen. Aber das macht Gebete nicht überflüssig. Sie bringen Klagen und Überforderungen expressiv vor Gott. „Herr, was tust du?“, ruft Jakob aus, als Rahel bei der Geburt Benjamins stirbt. „In solchen Fällen erfolgt keine Antwort“, heißt es in Thomas Manns Roman Joseph und seine Brüder weiter. „Aber der Ruhm der Menschenseele ist es, daß sie durch dieses Schweigen nicht an Gott irre wird, sondern die Majestät des Unbegreiflichen zu erfassen und daran zu wachsen vermag.“ Ähnlich hat es der islamische Mystiker Rumi gesagt: „Die Antwort liegt im Schrei“. Noch mal: Der eingreifende Gott ist lange tot. Aber es ‚gibt‘ Gott als Beziehungskraft. Als Christen sollen wir den Glauben an den Gott, der sagt, meine Kraft ist den Schwachen mächtig, nicht aufgeben. Gerade in schwierigen Zeiten nicht, wo hunderttausende an Covid-19 sterben. Auch wenn Gott nicht eingreift ins Naturgeschehen, so kann er doch eine stärkende Beziehungsmacht sein. Die Pandemie ist eine Erinnerung an das Unverfügbare vor allem in dem Sinn, dass dieser Glaube den Menschen trotz aller Schwierigkeiten in seinem Kampf um Rettung stärken kann. Auch die Kranken und ihre Angehörigen, die ÄrztInnen und PflegerInnen, die ForscherInnen und PolitikerInnen, die VerkäuferInnen und andere sogenannte ‚systemrelevante‘ Gruppen. Dass dies Unverfügbare den Menschen zwar demütig, aber nicht resignativ macht, wie das in Pestzeiten oder zur Zeit der Spanischen Grippe vor 100 Jahren noch der Fall war. Und dass der Grundsatz antiselektiver Rettung, der den barmherzigen Gottesgedanken seit dem Exodus der israelischen Sklaven aus Ägypten begleitet, in den ethischen Debatten um die harten Maßnahmen in der Corona-Pandemie weiter zur Geltung kommt. Denn wie sonst könnte eine Kanzlerin eine ganze Gesellschaft dazu auffordern, einen harten Lockdown mitzutragen, um die besonders gefährdeten Großeltern vor Ansteckung durch das Virus zu schützen?! Die Schwachen zuerst schützen! Ja, und schließlich darf dann auch der Gott, der nach dem Zeugnis der Offenbarung am Ende die Tränen abwischt, zitiert werden als letzter Trost für die, die in diesem Kampf noch zu Opfern wurden und für ihre Angehörigen.
„Verweinte Augen zum Leuchten bringen.“
Die Predigttätigkeit des Laien Arthur Goldschmidt in der evangelischen Gemeinde im KZ Theresienstadt
In dem Buch über den französisch-deutschen Autor Georges-Arthur Goldschmidt, Überqueren, überleben, übersetzen (veröffentlicht im Göttinger Wallstein-Verlag 2018 zu seinem 90. Geburtstag) ist ausführlich kommentiert und historisch eingeordnet der bewegende Bericht von Goldschmidts Vater Arthur Goldschmidt Geschichte der evangelischen Gemeinde Theresienstadt 1942–1945 abgedruckt. Ich wusste von diesem Bericht, 1948 im Furche-Verlag zuerst veröffentlicht, hatte aber bislang nicht die Gelegenheit gehabt ihn zu lesen. Jetzt tue ich es also, am Vorabend des 8. Mai 2020, des Tags der Befreiung vom Faschismus und der Niederlage Nazi-Deutschlands. Arthur Goldschmidt, 1873 geboren, 1887 evangelisch getauft (zusammen mit seinen Eltern), studierte Jura, wurde Richter am Hamburger Oberlandesgericht, 1933 in den Ruhestand versetzt, malte gerne und war ein überzeugter evangelischer Christ in Reinbek, aber nicht aktiv in der Gemeinde. 1938 schickte er seine beiden Söhne ins Exil, zuerst nach Italien, von wo sie 1939 nach Frankreich kamen. Nach dem Tod seiner Frau 1942 wurde er nach Theresienstadt deportiert.
Theresienstadt, eine kleine Festungsanlage, die Kaiser Josef II einst hatte erbauen lassen, wurde 1941 freigeräumt und von Hitler „den Juden geschenkt“. Es sollte einerseits ein Vorzeigelager sein, ein Ghetto, eine jüdische Siedlung in Selbstverwaltung, von der SS kontrolliert. Goldschmidt nennt es kommunistisch, kollektiv. Alle, so unterschiedlich sie waren, waren gleichgestellt. Es war aber zugleich großenteils ein Durchgangslager für den Transport der Juden nach Osten in die Vernichtungslager.
In Theresienstadt angekommen fasste Arthur Goldschmidt den Entschluss, evangelische Gottesdienste abzuhalten. Anders gesagt, der Auftrag drängte sich ihm wie bei einer alttestamentlichen Prophetenberufung auf: „Ich ging dorthin, wie unter dem Auftrag, dort Gottes Wort zu verkünden zu sollen (…) Nach einigen furchtbaren Wochen in der Kaserne, kam ich mit einigen Hamburger Herren auf den Dachboden einer Kaserne. Dort versammelte ich, am ersten Sonntag, einige Bekannte von mir; wir lasen einen Text des Evangeliums und ein geistliches Lied. Das sprach sich rasch herum, von Sonntag zu Sonntag wuchs die kleine Gemeinde.“ (222) Der damalige Judenälteste, Herr Edelstein, war erstaunt, dass sich eine evangelische Gemeinde gebildet hatte, aber verständnisvoll. „Der liebe Gott sei ja schließlich derselbe, und ihm Edelstein, sei es gleichgültig, in welcher Weise man ihn verehre.“ (223) Goldschmidt forderte als Fürsprecher einer religiösen Minderheit unter den Juden Theresienstadts Respekt und religiöse Autonomie, wie es die Juden seit Moses Mendelssohn auf ähnliche Weise gegenüber den Preußen getan hätten. „Wir geben zu bedenken“, heißt es mit kaum verhaltener juristischer Schärfe in seinem Protestschreiben an den Ältestenrat, „was das Weltgericht der Geschichte einmal über die Anklage befinden würde, daß eine soziale Gemeinschaft, die als Minderheit Kulturautonomie begehrt und gefunden hat, als Mehrheit eine solche nicht einräumen will.“ (233) Schließlich wurde der Dachboden als Versammlungsraum offiziell zur Verfügung gestellt. Ein ehemaliger Landgerichtsrat aus Berlin, Dr. Stargadt, wurde von Goldschmidt zum Diakon berufen und ging ihm zur Hand. Man erstellte eine Mitgliederliste, später ohne das Taufdatum anzugeben, weil Juden, die erst als Erwachsene übergetreten waren, von den gesetzestreuen Juden als Abtrünnige angesehen und diskriminiert wurden. Insgesamt standen wohl ca. 800 evangelische Christen aller möglichen Denominationen auf dieser Liste. Der Altar wurde mit einem von Goldschmidt gemalten Bild Marias mit Kind geschmückt, dazu wurde ein in Theresienstadt gefundenes Kruzifix aufgestellt. In diesem Raum konnte auch die katholische Gemeinde ihre Gottesdienste feiern.
Die Gemeinde zu leiten, Gottesdienst zu halten und das Abendmahl auszuteilen, stand nur ihrem Begründer zu, der sich dabei auf die Schmalkaldischen Artikel berief, die ein Notregiment durch einen Laien vorsahen, wenn kein ordinierter Pastor zur Verfügung stand. Wie oft in urchristlichen Gemeinden kam es auch zu Rivalitäten. Die Bemühung eines der Dahlemer Bekennenden Gemeinde nahestehenden Gemeindeglieds, Dr. Hamburger, als dort ordinierter Notgeistlicher auch zu predigen, wurde nach einem ersten Versuch von der Gemeindeversammlung abgewiesen. Neben der Treue zu dem Gemeindegründer spielte auch das Argument eine Rolle, er komme nicht richtig an und stelle mehr als den Auftrag, der Gemeinde „einen gewissen Halt gegen das äußere Leiden zu geben“ (234), dogmatische Fragen in den Mittelpunkt. Später kam ein holländischer Pastor jüdischer Herkunft, Dominus Enker, nach Theresienstadt, der dann wegen der deportierten holländischen Juden selbstverständlich predigen durfte. Neben den Gottesdiensten gab es auch Gemeindeabende mit Vorträgen verschiedener Referenten und Bibelarbeiten. Goldschmidt, ein begabter Maler, fertigte davon Zeichnungen an, auch von den Trauerfeiern, die angesichts der hohen Sterblichkeit häufig stattfanden. Zunächst nicht unterschieden von den jüdischen Trauerfeiern, später dann doch in einer eigenen Halle mit Kruzifix und dem Spruch „Ego sum resurrectio“. Taufen wurden nicht vorgenommen, Trauungen nur in Ausnahmefällen. Es hätte ja dazu einer vorherigen standesdesamtlichen Eheschließung bedurft.
Die Ernährung in Theresienstadt war schlecht und „auf allmählichen Untergang abgestellt. Es herrschte ständiger Hunger, und die Menschen magerten rasch zu Skeletten ab; das Gewicht der Verstorbenen betrug vielfach nur 60 Pfund (…) Zu dem Hunger kam das unbeschreibliche Wohnungselend. Man litt unter unvorstellbaren Mengen von Ungeziefer.“ (220 f.) Hinzu kam die seelische Qual, ohne Nachrichten von den Lieben draußen zu sein und nichts von der militärischen Lage zu wissen. „Auch ein früheres Todesgeschick klopfte Tag für Tag an das Tor: Abtransport. Alle acht Wochen bis zwölf Wochen, mitunter öfter, wurden ein-, zwei-, fünftausend Menschen zum Abtransport bestimmt; niemand wußte, wen und wann es ihn traf.“ (221) Abtransport in den, wie man ahnte, Tod. In dieser extrem belastenden Situation eine Gemeinde von Judenchristen aufzubauen und zu leiten, war eine große Aufgabe. Wie aber in dieser bedrohlichen Situation, zwischen dem langsamen Verhungern und dem Abtransport nach Osten, das Wort Gottes verkünden? Was konnte da einer Gemeinde, die danach hungerte, Trost geben? Was Goldschmidt dazu sagt, hat mich als Prediger, der nie in einer ähnlichen Situation war und zu Zweifeln über die Wirksamkeit der Predigt neigt, (wie heißt es im Wunderhornlied Mahlers: „die Predigt hat gefallen, sie bleiben wie allen“) besonders beeindruckt. Ich habe immer daran gezweifelt, dass in einem Ghetto oder KZ ein lebbarer Glaube an einen gerechten und barmherzigen Gott möglich sei. Denn der war doch in diesem Grauen so weit weg, Lichtjahre entfernt. Ein KZ als Vernichtungslager, selbst ein (halbwegs Überleben ermöglichendes) Ghetto wie das in Theresienstadt war in der Nazizeit doch die Widerlegung Gottes. „Zu Tausenden und Abertausenden zusammengepfercht, entbehrte unser Leben jeden höheren Sinnes. Denn unaufhörlich starrte uns das Ende an, sei es, daß man heute oder morgen in Not und Krankheit hinstarb, sei es, daß heute oder morgen das zum Feind gewordene Vaterland uns tötete“ (250), beschreibt Goldschmidt ohne Beschönigung die Lage der Bewohner. „Der Gedanke an Rettung und Befreiung, der dazu noch herzbedrückend, den Gedanken an die Niederlage und den Untergang Deutschlands in sich schloß, war wie eine Fata Morgana, wie eine Lichtspiegelung in unerreichbarer Ferne, die nur wenige sahen. Wer von uns konnte schon mit dem Herrn sagen: ‚Seid getrost, ich habe die Welt überwunden!‘“ (250)
Und nun höre man, was Goldschmidt im Angesicht der drohenden Vernichtung als Aufgabe der Verkündigung beschrieb: „Von der Gnade des Herrn zu sprechen, daß sie auch uns leuchtete, uns in diesem anscheinend hoffnungslosen Leben, das musste der Inhalt der Predigt sein.“ Es konnte sich nicht um Erbauung oder Belehrung handeln, sondern „um Erweckung von Mut aus der Heilsgewißheit im Blick auf das Letzte (…) Nur dieser Mut machte es möglich, das Leben in dieser Welt zu ertragen, in einer Welt, die für uns doch noch nicht zu Ende war.“ (251) Die Predigt sollte nicht chiliastisch sein, also auf den neuen Himmel und die neue Erde gerichtet, nicht Jenseitstrost, sondern Diesseitsermutigung mit dem Satz des Paulus „Hoffnung lässt nicht zuschanden werden.“ (Rö 5,5) „Man konnte das Wort diesseits wendend, die verweinten Augen zum Leuchten bringen.“ Welch ein schlichter schöner Satz, der der Predigt das zutraut! Ich war immer ein Kritiker einer allzu direkten Wort Gottes-Theologie, die von der Selbstdurchsetzung des Wortes spricht. Hier jedoch möchte ich an sie glauben!
Und dann der Ausblick auf das Leben nach dem Kriegsende: „Unsere Aufgabe ist dann nicht Vergeltung zu üben, sondern mitaufzubauen an dem inneren Deutschland, sich auswirken zu lassen, was das Leid uns an geistiger Erhöhung geschenkt hat.“ (253) Was für eine großherzige Versöhnungshaltung eines Mitglieds des Volkes, das die Nazis in Europa fast ausrotteten!
Abschließend geht Goldschmidt auf die erzieherische Aufgabe der Predigt ein; sie liege darin, auf die nicht verhehlte christliche Überheblichkeit gegenüber dem Judentum, das wahre Israel zu sein, hinzuweisen. Es sei ihre Aufgabe, die „immer verspöttelte jüdische Gesetzestreue, die Einstellung Christi zum Gesetz und den Pharisäern verständlich“ zu machen und Respekt für die Aufrechterhaltung der Tradition und das Volk zu erwecken, von dem man sich zu lösen versuchte. (252) Ich muss leider berichten, dass in meinem Theologiestudium in den 60er Jahren die Kritik an der jüdischen Gesetzesreligion unter den Theologieprofessoren noch weit verbreitet war. Erst die Erklärung der Rheinischen Synode von 1980 hat hier eine Veränderung bewirkt und daran festgehalten, dass Israel weiter das erwählte Volk Gottes und eine Judenmission daher nicht nötig sei. Sie wurde allerdings von einigen Theologieprofessoren deshalb kritisiert. Arthur Goldschmidt schließt seinen Bericht mit dem Bekenntnis, die Predigt müsse der Kraft des Wortes Gottes glauben, sich allein auf das Evangelium stellen und darauf vertrauen, dass es wirkt. „Ein Zeichen dafür, dass es in gewissem Grade vielleicht der Fall war, mag der große Besuch der Predigt sein und die geschlossene Haltung der Gemeinde all die Zeit des bitteren Leids und des Endes so vieler, bis zur Stunde, da die Gemeinde – im Juni 1945 – nach einem letzten Dankgottesdienst sich auflöste und die wenigen am Leben Gebliebenen befreit allmählich wieder in die Welt zurückkehren konnten.“ (253) Für mich ist dieser Bericht ein wunderbares Zeugnis über die schwache Anwesenheit eines abwesenden Gottes.1
Nach Einführung des Judensterns 1941 erklärten sieben von Deutschen Christen beherrschte Landeskirchen, sich von ihren Judenchristen zu trennen. In einer Erklärung vom 17. Dezember 1941 stellten sie sich hinter den staatlichen „Abwehrkampf gegen die Juden“, die „den Krieg in seinen weltweiten Ausmaßen angezettelt“ hätten.2 Im Kirchenkreis Stormarn, zu dem auch Reinbek gehörte, forderte der Propst die Gemeinden auf, getaufte Juden vor Beginn des Gottesdienstes darauf aufmerksam zu machen, „daß sie ihre judenchristliche Gemeinschaft aufsuchen müssen, „weil unsere Kirche eine deutsche Volkskirche ist.“3 Das war eine zynische Empfehlung, denn eine judenchristliche Gemeinde gab es in Stormarn nicht, was der Propst natürlich wusste. Sie bildete sich aber im Ghetto Theresienstadt, und in dem Bericht des ehemals zum Kirchenkreis Stormarn gehörenden Christen Arthur Goldschmidt wurde von ihrer Existenz eindrucksvoll Zeugnis abgelegt. Es dauerte aber 65 Jahre, bis auch die kirchliche Öffentlichkeit in der inzwischen Nordelbischen Kirche davon Kenntnis erhielt. Das war in der Wander-Ausstellung „Kirche, Christen, Juden, in Nordelbien 1933–1945“ aus dem Jahr 2011, in der nach anfänglichen Schwierigkeiten, worüber sich sein Sohn Georges Arthur Goldschmidt zu Recht noch heute ärgert, Arthur Goldschmidts Bericht zusammen mit seinen Bleistiftzeichnungen in einer Black Box ausgestellt wurde.
„Mit dem letzten (deportierten) Juden verschwindet auch das Christentum aus Deutschland.“
Elisabeth Schmitz’ mutiges Eintreten für die Juden und das Versagen der Kirche
An jedem Sonntag der schrecklichen zwölf Jahre von 1933 bis 1945 wurde in zehntausenden katholischer und evangelischer Gemeinden Gottesdienste gehalten. Es wurde gepredigt, gesungen, das Abendmahl gefeiert, gebetet, getröstet, ermahnt. Diese Gottesdienste blieben, von der Machtübernahme im Januar 1933 bis zum Kriegsende im Mai 1945, als viele Kirchen zerstört und die Pfarrer oft an der Front waren, die größte nicht nazistische Öffentlichkeitsveranstaltung, die das gleichgeschaltete Dritte Reich kannte. Doch diese massenhafte Predigt bewirkte offensichtlich unter den Christen keine Bereitschaft zum Protest gegen die verbrecherische Politik der Nationalsozialisten. Und es gab nur wenige Ausnahmen von der eher unpolitischen Tendenz dieser Predigten – ich nenne die Predigt des württembergischen Pfarrers von Jan nach der Reichspogromnacht 1938, der inhaftiert wurde und ein Predigtverbot erhielt, und die des Lübecker Pastors Karl Friedrich Stellbrink, der am Palmsonntag 1942 die verheerenden Bombenangriffe auf Lübeck als „Gottesgericht“ bezeichnete, inhaftiert und 1943 mit drei katholischen Kaplänen in Hamburg ermordet wurde1. Weder die Errichtung von Konzentrationslagern für politische Gegner noch die sich ständig steigernde Ausgrenzung der jüdischen Mitbürger aus dem gesellschaftlichen Leben von 1933 bis 1938 wurden von den Kanzeln oder von den Kirchenleitungen als mit dem christlichen Glauben unvereinbar kritisiert. Die Pastoren und die Bischöfe schwiegen. Aber das nicht, weil diese Ausgrenzungspolitik nicht bekannt war. Zunächst mit dem Arierparagraphen, dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums und dann mit den Nürnberger Rassegesetzen wurden die jüdischen MitbürgerInnen in Deutschland in aller Öffentlichkeit ausgegrenzt und diskriminiert. Es gab 1933 den Boykott jüdischer Geschäfte. Es gab 1935 eine schlimme Welle antisemitischer Aktionen. Und spätestens im November 1938 in der sog. Reichskristallnacht hätte jeder ‚Volksgenosse‘ die mörderische Bereitschaft der Nazis erkennen können. 1400 Synagogen wurden angesteckt und zerstört, 7500 Geschäfte demoliert, hunderte von Juden umgebracht und siebenundzwanzigtausend jüdische Männer in Konzentrationslager deportiert. Hitler erklärte im Januar 1939 im Reichstag: „Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas noch einmal gelingen sollte, die Völker in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.“ Nach dem Überfall auf Polen sagte Hitler in einer öffentlichen Rede: „Dieser Kampf wird mit der Ausrottung des Judentums in Europa sein Ende finden.“2
Hitlers Absicht der Judenvernichtung, die dann im Januar 1942 mit der Wannseekonferenz von der Naziführung organisatorisch in die Wege geleitet wurde, war also den Bischöfen und Pastoren der Kirchen wie den Gemeindemitgliedern bekannt. Trotzdem hat sich bis auf einzelne Ausnahmen die christliche Bevölkerung Deutschlands mit dem Mordregime abgefunden. Auch die Bekennende Kirche hat nach anfänglichem Protest vor allem versucht ihren Bestand zu retten und ist öffentlich nicht für die verfolgten Juden eingetreten. Immerhin verhalf die 1938 im Auftrag der Bekennenden Kirche gegründete Hilfsstelle für Nichtarier mit christlicher Taufe, das sogenannte Büro Grüber, ca. 2000 Juden in Zusammenarbeit mit den regionalen Hilfsstellen zur Auswanderung3. Nach Grübers Verhaftung 1940, seiner Einlieferung in das KZ Sachsenhausen und der Schließung des Büros konnte die von der Wohlfahrtsabteilung geleistete Hilfe nur noch im Untergrund und beschränkt durchgeführt werden. Es gab aber weiter einzelne Christen mit „ungewöhnlicher Zivilcourage“, vor allem Frauen, die auch danach „Mut und Phantasie bei der Rettung jüdischer Frauen und Kinder bewiesen.“4
Man schaute weg, weil man es nicht sehen wollte. Eine, die genau hingeschaut hat und was sie sah, dokumentierte, war die Berliner Lehrerin Elisabeth Schmitz. Eine liberale Protestantin, 1893 in Hanau geboren, die bei Ernst von Harnack in Berlin studierte und bei dem Historiker Friedrich Meinecke promovierte, war seit 1929 im Höheren Schuldienst und mit Juden befreundet. Als große Teile der evangelischen Kirchen mit ihrem völkischen Protestantismus die Machtergreifung durch Hitler begeistert begrüßen, ist sie entsetzt. 1934 schließt sie sich der Bekennenden Kirche an, die das Führerprinzip und die Anbetung von Rasse und Volk in ihrem Barmer Bekenntnis im Mai 1934 entschieden ablehnt, aber kein Wort zu den Judenverfolgungen sagt. An ihrer nichtarischen Freundin, der evangelisch getauften Ärztin Martha Kassel, mit der sie eine Zeitlang zusammen wohnt, bis es ihr verboten wird, erlebt sie hautnah das Geschehen der Ausgrenzung jüdischer Mitbürgerinnen. Dagegen muss die Kirche doch ihre Stimme erheben, denkt sie und wird aktiv. Sie beschwört wichtige Kirchenführer und Theologen wie Karl Barth, Friedrich von Bodelschwingh, Martin Niemöller und Walter Künneth in eindringlichen Briefen, gegen Unrecht und Verfolgung besonders der Juden öffentlich aufzutreten. An den bekannten Theologieprofessor Karl Barth schreibt sie Anfang 1934: „Sollten die Gesetze, so wie sie heute sind, längere Zeit bestehen bleiben, so würde das das glatte Todesurteil bedeuten für hunderttausende, vielleicht für Millionen.“5 Doch ihre Warnungen sind vergeblich. So entschließt sie sich, als im Juli 1935 eine neue antisemitische Welle mit fast pogromhaften Zügen durch Deutschland geht, eine Denkschrift „Zur Lage der deutschen Nichtarier“ zu verfassen und anonym in mehreren Exemplaren zirkulieren zu lassen. Zu diesem Zweck schafft sie sich eine kleine Schreibmaschine vom Typ Erika an. In dieser Denkschrift fordert sie ein öffentliches Eintreten der Bekennenden Kirche für die Juden. Sie schildert die „innere Not“ der verfolgten Juden, dann ihre „äußere Not“ und fragt schließlich nach der „Stellung der Kirche“ dazu: „Was soll man antworten auf all die verzweifelten Bitten, Fragen und Anklagen? Warum tut die Kirche nichts? Warum läßt sie das namenlose Unrecht geschehen? Wie kann sie immer wieder freudige Bekenntnisse zum nationalsozialistischen Staat ablegen, die doch politische Bekenntnisse sind und sich gegen das Leben eines Teils ihrer Mitglieder richten? Warum schützt sie nicht wenigstens die Kinder? Sollte denn alles das, was mit der heute so verachteten Humanität schlechterdings unvereinbar ist, mit dem Christentum vereinbar sein?“ Ausdrücklich verurteilt sie den theologischen Antijudaismus, der in der Verfolgung und Ausgrenzung der Juden meint, dem Judentum das Gericht und die Gnade Gottes verkündigen zu können: „Seit wann ist es etwas anderes als Gotteslästerung zu behaupten, es sei der Wille Gottes, daß wir Unrecht tun?“6 Eine Zeitlang wurde vermutet, dass ihr Text der dritten altpreußischen Bekenntnis-Synode in Berlin-Steglitz im September 1935 übergeben, aber nicht behandelt worden sei. Doch das ist inzwischen zweifelhaft.7 Vermutlich kursierte das anonyme Papier zunächst nur in wenigen Exemplaren. Aber es gibt wieder keine öffentliche Reaktion der Bekennenden Kirche (BK).
Schmitz entschließt sich, weiteres Material zu sammeln und die um einen Nachtrag, „Folgen der Nürnberger Gesetze“, erweiterte Denkschrift im Mai 1936 erneut unter die Leute zu bringen. In der Zwischenzeit hatte sie einen Vervielfältigungsapparat erworben. Diesmal schrieb sie den Text auf Matrizen und stellte eigenhändig 200 Exemplare her, die sie an wichtige Personen wie den BK-Pfarrer Wilhelm Niesel, an die Vorläufige Leitung der BK und an die Provinzialbruderräte schickt. Aus einem Bericht der Londoner Times übernimmt sie den Begriff „cold Pogrom“ und belegt dieses kalte Pogrom durch den Hinweis, dass es inzwischen in den jüdischen Gemeinden zwischen Sterbefällen und Geburten ein Verhältnis von sechs zu eins gebe.8 Sie betreibt diese nicht ungefährliche Aufklärungsarbeit in einer gleichgeschalteten Öffentlichkeit, weil sie, wie sie gegenüber Karl Barth formuliert, erreichen möchte, „dass die Kirche anerkennt, daß es sich um ein Gebiet handelt, das sie angeht.“ Ihre Aktivitäten in den ersten fünf Jahren des NS-Regimes zusammenfassend, formuliert ihr Biograph Manfred Gailus: „Da der Verfolgungsdruck wuchs und von der Kirche wenig geschah, fasste sie den einsamen Entschluss, die Denkschrift zu schreiben, um aufzuklären und aufzurütteln. Diese Schrift war eine mutige Tat: der Text selbst, die Schreibmaschine, die Anschaffung des Vervielfältigungsapparats, die riskante Verteilung der hochbrisanten Flugschrift an mehr als ein Dutzend Stellen, das Abziehen von 200 Exemplaren, der Berg subversiven Papiers in der eigenen Wohnung. Die christlich-fromme Studienrätin in der weißen hochgeschlossenen Bluse und dem langen, grauen Faltenrock war damit zur Widerstandskämpferin geworden.“9
Der Dienst in der Schule wurde für Elisabeth Schmitz angesichts der stärker geforderten Indoktrinierung der jungen Generation immer schwieriger. Eine nichtarische Kollegin, Lottesophie Hartzfeld, brachte sich um. Kirchlich orientierte sie sich in dieser Zeit stärker zur Dahlemer Gemeinde hin, wo Martin Niemöller sonntags oft vor eintausend Zuhörern in der Jesus-Christus-Kirche predigte. Dann kam es zu einer Zuspitzung des Kirchenkampfes mit der Verhaftung Martin Niemöllers am 1. Juli 1937; als Hitlers persönlichen Gefangenen brachte man ihn in das KZ Dachau. Es ist anzunehmen, dass sich Elisabeth Schmitz an den Fürbittgottesdiensten für die inhaftierten Pfarrer der BK beteiligte. Sie trat in Kontakt mit dem inoffiziellen Nachfolger Niemöllers in Dahlem, dem jungen Pfarrer Helmut Gollwitzer, einem Barth-Schüler. Noch einmal unternimmt sie im September 1938 einen Versuch mit einem Brief-Appell an den BK-Pfarrer Niesel, „die Bekennende Kirche möge endlich über die Behandlung der Juden in Deutschland ein Wort an die Gemeinden richten.“ Sie schreibt diesen Brief vor dem Hintergrund der Sudetenkrise und der damit drohenden Kriegsgefahr. Sie mahnt: „Denn was ein Krieg für die Behandlung der Juden in Deutschland bedeuten würde, ist nicht abzusehen.“ Die Gemeinden müssten über die Verfolgung der Juden in Deutschland besser informiert werden. Sie müssten ihre Mitschuld an der Vereinsamung und Verzweiflung erkennen, denn „wir“ hätten geschwiegen, wo „wir“ hätten reden müssen, zu den Misshandlungen in den Lagern und zum Mord.10 Ein solches klares Wort, durch Unterschrift bekräftigt, wozu sie bereit sei, müsse jetzt kommen. Doch wieder kommt keine positive Reaktion von der BK. Diese war mit den Folgen der Gebetsliturgie zur Erhaltung des Friedens angesichts der Sudetenkrise beschäftigt und wollte sich nicht durch eine solche Stellungnahme zu der Verfolgung der Juden zusätzlich in Schwierigkeiten bringen. Die Ereignisse um den 9./10. November, die sie vorausgesehen hatte, versetzen Elisabeth Schmitz in schlimmste Aufregung. Sie lässt sich krankschreiben (und kehrt danach auch nicht in den Schuldienst zurück, der für sie ohnehin wegen der ihr abgeforderten nationalsozialistischen Lehrinhalte immer schwieriger geworden war.) Zugleich unternimmt sie einiges, um das Ungeheuerliche der Reichspogromnacht mit genaueren Berichten in der Kirche bekannt zu machen. In drei Briefen an den Dahlemer Pfarrer Helmut Gollwitzer versorgt sie diesen mit zusätzlichen Informationen zum minutiös geplanten Ablauf des Pogroms, die sie durch eigene Recherchen und Lektüre ausländischer Presse herausbekommen hatte. „Die Verhaftungen dauerten gestern noch an. Es wird die Zahl von 40.000 genannt. In München, Nürnberg, Breslau und wohl auch in Frankfurt a. M. scheinen alle Männer im Alter von 16–40 Jahren verhaftet zu sein.“ Sie gibt zu bedenken, dass zu einem solchen Vorgehen die Kirche nicht schweigen dürfe, sondern „sofort in allen Gemeinden Bußgottesdienste ansetzen müsste.“
Gollwitzer, der zunächst erwog, zu der Pogromnacht und ihren Folgen zu schweigen, fühlte sich durch Schmitz’ Intervention ermutigt, doch in seiner Bußtagspredigt dazu Stellung zu nehmen und ohne die Juden wörtlich zu nennen, die Aktionen des Pogroms zu verurteilen und die Mitschuld der Kirche zu benennen: „Was hat nun uns und unserm Volk und unserer Kirche all das Predigen und Predigthören genutzt die ganzen Jahre und Jahrhunderte als daß wir nun da angelangt sind, wo wir heute stehen?“ „Wir (sind) mitverhaftet in die große Schuld, daß wir schamrot werden müssen.“ An der wachsenden Grausamkeit „sind wir alle beteiligt, der eine durch die Feigheit, der andere durch Bequemlichkeit, durch das Vorübergehen, das Schweigen, das Augenzumachen (…) durch die verfluchte Vorsicht.“ Gollwitzer entließ seine Zuhörer mit den Worten: „Nun wartet draußen unser Nächster, schutzlos, ehrlos, hungernd, gejagt und getrieben von der Angst um die nackte Existenz, er wartet darauf, ob heute die Gemeinde wirklich einen Bußtag begangen hat. Jesus Christus wartet darauf. Amen.“11
Nach Gollwitzers mutiger, wenn auch die brutale Ausgrenzung der Juden nur indirekt benennender Predigt am 16. November 1938, hat Elisabeth Schmitz, sie wohnte dem Gottesdienst bei, dann noch einmal an Gollwitzer geschrieben. In diesem Brief vom 24. November stehen die Sätze, die mit Recht als prophetisch bezeichnet werden und die zu den großen Briefdokumenten im 20. Jahrhundert gehören: „Als wir zum 1. April 1933 schwiegen, als wir schwiegen zu den Stürmerkästen, zu der satanischen Hetze der Presse, zur Vergiftung der Seele des Volkes und der Jugend, zur Zerstörung der Existenzen und der Ehen durch sogenannte Gesetze – da und tausendmal sind wir schuldig geworden am 10. November 1938. Und nun? Es scheint, daß die Kirche auch dieses Mal, wo ja nun wirklich die Steine schreien, es der Einsicht und dem Mut des einzelnen Pfarrers überlässt, ob er etwas sagen will, und was.“12 „Das Wort der Kirchen ist nicht gekommen. Dafür haben wir das Grauenhafte erlebt und müssen nun weiterleben mit dem Wissen, daß wir daran schuld sind.“ „Die Presse der ganzen Welt ist voll von dieser Katastrophe, und hier hat man den Eindruck, daß sie schon jetzt, wo die zahlreichen Verhaftungen noch andauern, bei den Menschen wieder vergessen wird – auch in kirchlichen Kreisen.“ Das Gerücht darüber, dass ein Zeichen an der Kleidung der Juden vorgesehen sei, hält sie für ein schlimmes Omen. „Ich bin überzeugt, daß – sollte es dahin kommen – mit dem letzten Juden auch das Christentum aus Deutschland verschwindet. Das kann ich nicht beweisen, aber ich glaube es.“13
Anders als die meisten Deutschen während dieser ersten sechs Jahre der Hitler-Herrschaft hat Elisabeth Schmitz hingesehen und das, was sie gesehen hat, was eigentlich alle sehen konnten, wenn sie nicht wegschauten, dokumentiert, gedeutet und anderen mitgeteilt. Besonders ihrer Kirche, von der sie einen Protest gegen das schreckliche tagtägliche Geschehen der zunehmenden Ausgrenzung und schließlich der Vernichtung der Juden erwartete. „Ich bin überzeugt, daß – sollte es dahin kommen – mit dem letzten Juden auch das Christentum aus Deutschland verschwindet. Das kann ich nicht beweisen, aber ich glaube es.“ Ich halte diesen Satz der Berliner Lehrerin für eine prophetische Aussage, eine Unheilsprophetie vom Zuschnitt Jeremias. Dieser Satz‚ die Deportation des letzten Juden bedeute das Ende des Christentums, ist vor allem ein heilsgeschichtlich-theologischer Einwand. Schmitz sagt: Die von den Kirchen hingenommene Vernichtung der Juden ist das Ende des Christentums, weil es untrennbar mit dem Judentum, aus dem es stammt, verbunden ist. Eine ähnliche Aussage findet sich auch bei Dietrich Bonhoeffer, wenn er in seiner nicht fertiggestellten Ethik um 1943 formuliert: „Die abendländische Geschichte ist nach Gottes Willen mit dem Volk Israel unauflöslich verbunden, nicht nur genetisch sondern auch in echter unaufhörlicher Begegnung (…) Eine Verstoßung der Juden aus dem Abendland muß die Verstoßung Christi nach sich ziehen; denn Jesus Christus war Jude.“14 Diese klaren Aussagen von Elisabeth Schmitz und Dietrich Bonhoeffer werfen die Frage auf, ob mit der von den deutschen Kirchen hingenommenen Judenvernichtung durch das Naziregime nicht das herkömmliche Christentum tatsächlich ein Ende gefunden hat, auch wenn es weiterlebt. Denn es ist ein Versagen, das an die Substanz gegangen ist und das die Botschaft von der Versöhnung in Christus beschädigt hat. Davon legte indirekt Propst Grüber, der ehemalige Leiter der Hilfsstelle, Zeugnis ab, als er kurz vor seinem Tod 1975 erklärte: „Wir leiden bis heute unter diesem Schweigen der Kirchen. Das lässt mich bis zu meinem Lebensende nicht mehr los.“15 Es ist ja leider so, dass die Kirchen nach dem Krieg das ungeheure Verbrechen der Shoah lange Zeit verdrängten, dass sie keine Scham empfanden bzw. sie nicht zeigten und seine epochale unheilsgeschichtliche Bedeutung nicht wahrgenommen haben. Oder anders gesagt – sie haben nicht bemerkt bzw. nicht zugeben wollen, dass durch die Shoah das Versöhnungshandeln Christi in Frage gestellt wurde. Denn kann eine Kirche, die solchen Verbrechen nicht öffentlich widersprochen hat, weiter glaubwürdig von der in Christus geschehenen Versöhnung der Welt reden!?16
Der Württembergische Pfarrer und spätere Theologieprofessor in Tübingen, Hermann Diem, schreibt in seinen Lebenserinnerungen Ja oder nein. 50 Jahre Theologie in Kirche und Staat (Stuttgart 1974) über die Judenfrage: „Unbegreiflich ist das Schweigen der Kirche in der Judenfrage. Man kann die ganze Hilflosigkeit der Kirche nur von daher erklären, daß sie das Dasein der Juden nicht mehr theologisch als Glaubensfrage verstand und sich deshalb vom Nationalsozialismus ihre Behandlung als Rassenfrage aufdrängen ließ. Damit war ihr Widerstand schnell gebrochen und sie mußte sich auf die Rolle des ‚barmherzigen Samariters‘ zurückziehen, die nicht sehr effektiv sein konnte.“ (129) Hermann Diem berichtet in seinen Erinnerungen, wie sehr „bei jedem Eintreten für die Juden die Frage der Legalität vielen unter uns zu schaffen machte, das heißt, ob es uns als Christen erlaubt sei, gegen die staatlichen Gesetze zu verstoßen (…) Um den untergetauchten Juden zu helfen, mußten Lebensmittelkarten gedruckt, Pässe gefälscht werden usw. Aber auch solche unter uns, die jedes persönliche Opfer und Risiko zu übernehmen bereit waren, scheuten vor diesem aktiven Schritt in die Illegalität zurück.“ (131) Eine Auswirkung von Röm 13 und der lutherischen Zweireichelehre. Diem berichtet, wie in einer von dem reformierten Pfarrer Kurt Müller organisierten Aktion aus Berlin geflüchtete Juden als „Bombenflüchtlinge“ im Sommer 1943 getarnt in sein Haus kamen, so die Frau eines jüdischen Kantors mit zwei Kindern. In Absprache mit dem Bürgermeister sollten sie polizeilich angemeldet und die Kinder zur Schule geschickt werden. Doch dann erhielt Diem aus Stuttgart die Nachricht, dass die Gestapo aufgrund eines Briefes aus Berlin seinen Gästen auf der Spur sei. Diem wusste nicht, wohin er die Familie so schnell bringen sollte. So wurde die Mutter verhaftet. Am nächsten Morgen mussten er und seine Frau die weinenden Kinder zum Bahnhof bringen, wo die Mutter in Begleitung eines Polizisten auf sie wartete, der sie nach Stuttgart transportierte. „Ich konnte nichts mehr tun, als sie mit dem aaronitischen Segen zu verabschieden – demselben Segen, den ich jeden Sonntag über meine Gemeinde sprach und doch niemandem von ihr zumuten konnte, die Flüchtlinge zu verstecken. Auf das Verstecken jüdischer Flüchtlinge stand die Todesstrafe. Die Spuren der Familie konnte ich hinterher nur noch auf dem Weg nach Auschwitz verfolgen. Es hat mich lange beschwert, daß ich die Polizei bei ihrem – angeblichen Glauben ließ, daß ich nicht gewußt hätte, daß die Frau eine Jüdin war. Doch was war, hinterher gesehen, ‚richtig‘?“ (132) Eine bewegende und ehrliche Geschichte, die zeigt, dass Hilfe für die verfolgten Juden möglich und doch sehr schwierig und gefährlich war.
Denn was geschah nach dem Krieg? Trotz ihres Versagens haben die Kirchen nach dem Krieg sich schnell reorganisiert. Doch was als kirchliche Organisation wiederauflebte, war, zugespitzt formuliert, nur noch Hülle ohne den Inhalt, dass nämlich der Gott Israels in dem Juden Jesus aus Nazareth Mensch geworden ist, um durch dessen Leiden die Welt mit sich zu versöhnen. Auf den Punkt gebracht: Wo die Kirche es hinnimmt, dass das Volk Gottes, aus dem der Erlöser stammt, umgebracht wird, hat sie ihre Existenzberechtigung verwirkt. Oder vorsichtiger gesagt: Ist ihre Versöhnungsbotschaft nicht mehr glaubwürdig. Sie kann als Organisation weiterbestehen, predigen, taufen, Gottesdienste halten, Abendmahl feiern, Nächstenliebe üben, kann sich staatskirchenrechtlich absichern mit staatlichem Kirchensteuereinzug, Staatsleistungen aufgrund der §§ 137 ff. der Weimarer Verfassung, Beamtenstatus der Pastoren, Sendezeiten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, dem grundgesetzlichen Recht auf Religionsunterricht – das Versagen in der „Judenfrage“ hat ihr eigentlich die Grundlage entzogen.
„Mit dem letzten Juden (verschwindet) auch das Christentum aus Deutschland“, dieser Satz von Elisabeth Schmitz sollte in den Kirchen endlich in seiner prophetischen Bedeutung, als negatives heilsgeschichtliches Datum, ernst genommen werden. Dann kann auch der kirchliche Neuanfang, den es trotz des Versagens gegeben hat, dankbar gewürdigt werden. Theologisch wird der Neuanfang mit der Gnade Gottes und seinem Verzeihen erklärt. Weltlich gesprochen ist er auf das Verhalten der westlichen Alliierten zurückzuführen, die der BRD die Chance gaben, in den Kreis der zivilisierten Völker zurückzukehren und einen demokratischen Rechts-und Sozialstaat mit staatskirchenrechtlich privilegierten Kirchen zu errichten.
Was hätte in den Kirchen anders gemacht werden können? Bonhoeffer hat aus dem Versagen der Kirche angesichts der Judenverfolgung radikale ekklesiologische Konsequenzen gezogen, und zwar in dem „Entwurf einer Arbeit“ aus dem Jahr 194417: „Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist. Um einen Anfang zu machen, muss sie alles Eigentum den Notleidenden schenken, die Pfarrer müssen von freiwilligen Gaben der Gemeinde leben, evtl. einen weltlichen Beruf ausüben.“ Und dann ganz wichtig: „Sie muß an den weltlichen Aufgaben des menschlichen Gemeinschaftslebens teilnehmen, nicht herrschend, sondern helfend und dienend. Sie muß den Menschen aller Berufe sagen, was ein Leben mit Christus ist, was es heißt, ‚für andere da zu sein‘“.18 Bonhoeffer hat aus dem Versagen der Kirche angesichts des Unrechtsregimes des Nationalsozialismus und der Judenverfolgung Konsequenzen gezogen und eine neue arme und solidarische Kirche gewollt, nicht die Wiederherstellung des kirchlichen Zustands vor 1933.
Wir wissen, dass die Entwicklung anders gelaufen ist. Bonhoeffer wurde am 9. April 1945 ermordet und konnte bei der Neuausrichtung der Kirche nach der Befreiung vom Faschismus nicht mehr mitwirken. Die Vertreter der Bekennenden Kirche, die dann in den wiederhergestellten Landeskirchen oft an wichtiger Stelle saßen wie Martin Niemöller als Kirchenpräsident der hessisch-nassauischen Kirche, mussten sich zum einen mit den konservativen Kräften der sog. intakten lutherischen Kirchen arrangieren, um so die kirchliche Einheit zu bewahren. Zum anderen dachten sie ekklesiologisch nicht so basisgemeindlich wie Bonhoeffer. Sie kannten ja dieses Konzept Bonhoeffers auch nicht. Es wurde erst 1951 veröffentlicht und entfaltete dann erst langsam seine Wirkung, da war die Rekonstruktion der alten Kirchenstrukturen schon abgeschlossen.
Gab es in der Kirche eine Einsicht in die Größe und Schwere des eigenen Versagens? Sicher – der Rat der EKD hat in dem Stuttgarter Schuldbekenntnis von Oktober 1945, in Anwesenheit von Vertretern der Ökumene, seine Schuld und sein Versagen im Nationalsozialismus einbekannt. Einleitend heißt es, und damit wird eine Reaktion formuliert, die dann für spätere Stellungnahmen der EKD prägend werden sollte: „Wir wissen uns mit unserem Volk nicht nur in einer Gemeinschaft der Leiden, sondern auch in einer Solidarität der Schuld. Mit großem Schmerz sagen wir: durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus. Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat, aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“
Doch dieses Schuldbekenntnis geht über die tiefer reichenden Konsequenzen des Versagens zügig hinweg und verschweigt das ungeheure Verbrechen der von der Kirche hingenommenen Judenvernichtung und anderer Untaten. Es geht relativ schnell zur Tagesordnung der Neuordnung der Kirchen über. Das Stuttgarter Schuldbekenntnis erreicht nicht die Qualität jenes radikalen, nichts beschönigenden Schuldbekenntnisses, das Bonhoeffer in seiner Ethik von der Kirche forderte: „Die Kirche bekennt, schuldig geworden zu sein an den Unzähligen, deren Leben durch Verleumdung, Denunziation und Ehrabschneidung vernichtet worden ist.“19
Beschämend ist auch, dass sich die Kirchen nach dem Stuttgarter Schuldbekenntnis schnell gegen die Siegermächte und ihre Entnazifizierungspolitik aussprachen. Es entstand das von ihnen mitgeprägte Narrativ von der Sieger- und Rachejustiz. Im Februar 1948 rief Kirchenpräsident Martin Niemöller sogar zum Boykott der Spruchkammerverfahren auf und wies die hessisch-nassauischen Pfarrer an, nur noch als Entlastungszeugen daran teilzunehmen. Die tatsächlichen Zahlen der in Entnazifizierungsverfahren Bestraften widerlegen jedoch eindeutig die Propaganda von der Rachejustiz. Von etwa einer Million Verfahren in der US-Besatzungszone wurden gerade mal 1 586 (0,2 %) Überprüfte als Hauptschuldige und 22 122 (2,3 %) als NS-Aktivisten eingestuft. Der Historiker Clemens Vollhans kommt in seiner Veröffentlichung der Dokumente 1989 zu dem Schluss: „Der Fürsprache für die Täter im engeren und weiteren Sinne stand in den ersten Nachkriegsjahren kein einziges Wort der Kirchen gegenüber, das sich für die Wiedereingliederung und materielle Entschädigung des Millionenheeres der NS-Opfer einsetzte.“ Es ist bekannt, dass katholische Stellen die Emigration, besser Flucht von NS-Verbrechern nach Südamerika unterstützten. Auch die evangelische Kirche setzte sich für mutmaßliche Massenmörder und Kriegsverbrecher ein. Über viele Jahre arbeiteten offizielle Vertreter der Kirchen und unverbesserliche Nazis in der sog. „Stillen Hilfe“ zusammen. Der in der Nazizeit für sein Eintreten gegen die Euthanasie von Behinderten hervorgetretene württembergische Landesbischof Wurm saß im Vorstand der Organisation, zusammen mit dem ehemaligen Obersturmbannführer Heinrich Malz, Adjutant von Ernst Kaltenbrunner, dem Leiter des Reichssicherheitshauptamtes und Vorgesetzter von Adolf Eichmann. Nach außen vertreten wurde die Stille Hilfe von Prinzessin Helene Elisabeth von Isenburg, die sich der Hilfe für Naziverbrecher widmete. Sie bezeichnete sich gern als „Mutter der Landsberger“, also der im Gefängnis Landsberg inhaftierten Kriegsverbrecher. Eine Denkschrift des Rates der EKD hatte 1950 die Verfahren gegen Kriegsverbrecher zum Thema, denen angeblich Unrecht angetan wurde. Sie erschien nur in englischer Sprache und wurde im Februar 1950 geheim dem Hohen Kommissar der USA, John McCloy, übergeben. Die Übersetzung hatte die IG Farben finanziert, ein Unternehmen, das bekanntlich an der Vernichtung der europäischen Juden im KZ Auschwitz unmittelbar beteiligt war. Erst Recherchen des Journalisten Ernst Klee haben 1991 diese skandalösen Fakten ans Licht der Öffentlichkeit gebracht. Klee wurde dafür heftig gerade von Kirchenvertreten attackiert. Die württembergische Kirche erklärte allen Ernstes: „Was Wurm damals getan hat, das tut heute Amnesty International, nämlich Mund der Stummen zu sein und gegen Unrecht anzugehen.“ Schon 1949 wollte der Hannoversche Landesbischof Hans Lilje einen Schlussstrich ziehen. Er sagte in einer Rundfunkansprache: „Der Augenblick ist gekommen, mit der Liquidation unserer Vergangenheit zu einem wirklichen Abschluß zu kommen (…) Wir haben von Gott eine Frist bekommen für die Klärung unserer Vergangenheit. Nach menschlichem Urteil ist diese Frist vorbei.“
Eine schlimme Fehleinschätzung. Es gibt einen von Günter Heidtmann herausgegebenen Band „Hat die Kirche geschwiegen? Das öffentliche Wort der EKD von 1945 – 1964 (Berlin 1964).“ 1969 habe ich in der Jungen Kirche einen Aufsatz veröffentlicht „Die Forderung der Wiedervereinigung in den öffentlichen Voten der EKD.“ Darin zeigte ich auf, dass neben dem immer wieder angeprangerten Unrecht der deutschen Teilung vor allem auch die Forderung nach Freilassung der in der Sowjetunion festgehaltenen deutschen Kriegsgefangenen im Zentrum der EKD-Voten stand. Stets wurde auf das Leiden dieser Gefangenen in den Lagern hingewiesen, ihre Beteiligung an einem Vernichtungskrieg, dem 22 Millionen Sowjetbürger, nach neueren Schätzungen sogar 27 Millionen, zum Opfer gefallen waren, aber verschwiegen. Zehn Jahre zuvor hatten die Kirchen diese Solidarität mit den völlig unschuldigen Juden Deutschlands und Europas in keinem Wort öffentlich geäußert. Erst in der sogenannten Ost-Denkschrift wurde 1965 die deutsche Teilung als eine Folge des von Nazideutschland begonnenen Zweiten Weltkriegs anerkannt und damit aus dem theologischen Versöhnungsgedanken heraus eine neue Ostpolitik mit der Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze gefordert. Die Vernichtung der europäischen Juden blieb auch in dieser Denkschrift unerwähnt.
Immerhin hat der erste evangelische Militärbischof Herrmann Kunst, als er 1959 von dem jungen Militärpfarrer Pohl die Information über den Aufenthalt Adolf Eichmanns in Argentinien erhielt (Pohl erfuhr sie von seinem Studienfreund, dem in Argentinien tätigen Geologen Gerhard Klammer), diese an Generalstaatsanwalt Bauer weitergeleitet. Dieser informierte den israelischen Geheimdienst Mossad, welcher daraufhin Eichmann im Mai 1960 entführte und nach Jerusalem brachte, wo ihm der Prozess gemacht wurde. Eichmann, der 1944 noch den Transport von 400.000 ungarischen Juden in die Vernichtungslager organisiert hatte, wurde verurteilt und 1963 hingerichtet, (s. B. Stagneth/W. Winkler, Der Mann, der Adolf Eichmann enttarnte, SZ 21./22. August 2021).
Letztlich gab es also in der EKD lange Zeit keine Einsicht in den theologischen Substanzverlust der christlichen Kirchen durch ihr Schweigen angesichts der Shoah. Auch in dem Darmstädter Wort des Bruderrates der Evangelischen Kirche in Deutschland „Zum politischen Weg unseres Volkes“ vom August 1947 kommt in den sieben Punkten der Irrwege der Kirche die ausgebliebene Solidarität mit der jüdischen Bevölkerung nicht vor. Erst auf der EKD-Synode in Berlin-Weißensee 1950 wird zum ersten Mal in einem kirchlichen Dokument knapp auf die Judenvernichtung hingewiesen, ohne dass damit eine Aufarbeitung des kirchlichen Versagens eingeleitet würde. In den 50er und 60er Jahren wird in den Kirchen wie in der Gesellschaft weiter über den Holocaust geschwiegen. Der Ulmer-Einsatzgruppenprozess 1958 gegen die an der Ermordung zehntausender Juden hinter der Front beteiligten Täter und auch der Auschwitzprozess 1963 haben dieses Schweigen in den Kirchen zunächst nicht ändern können. Dass das öffentliche Wort der Kirche zur Judenverfolgung im Dritten Reich ausgeblieben war, wurde nicht reflektiert. Nur wenige haben es wie Karl Barth als Versagen bekannt. Er „bereute es zeitlebens, in der Barmer Erklärung die Juden vergessen zu haben.“20
Um es noch einmal deutlich zu sagen: Leider haben die Kirchen von dieser Vernichtungserfahrung des jüdischen Volkes zunächst weder sich noch ihre Theologie infrage stellen lassen. Auch sie waren von der „Unfähigkeit zu trauern“ (Mitscherlich) bestimmt. Musste man nicht wenigstens fragen, wie kann ein gerechter und gütiger Gott das zulassen, dass das Volk der Erwählung ermordet wird? War der leidende Gott in Auschwitz anwesend? Etwa im Sinne der Geschichte, die Elie Wiesel aus Auschwitz erzählt, als jemand angesichts des Todeskampfes eines erhängten Knaben fragte: „‚Wo ist Gott?‘ Und ich hörte eine Stimme in mir antworten: ‚Wo er ist? Dort hängt er, am Galgen‘.“
Doch die ewige Liturgie wird weiter gesungen trotz der Millionen jüdischer Opfer, die infolge auch der fatalen Logik der christlichen Heilsgeschichte (die Juden sind halsstarrig und schuld am Tod unseres Erlösers, bei den Nazis: sie sind an allem schuld) sterben ‚mussten‘. Das Lob Gottes, der seinen Sohn dahingegeben hat um unsrer Sünde willen, erklingt weiter. Das wird wohl auch nicht anders sein können, wenn die Kirchen ihren Heilskern nicht aufgeben wollen. Immerhin gab es Bußbekenntnisse und eine Veränderung der Theologie in der Hinsicht, dass Israel weiterhin als das von Gott erwählte Volk gilt und sein Glaubensweg anerkannt wird – so in der Synodal-Erklärung der Rheinischen Synode von 1980 und auch in Johannes Paul II Erklärung zu den älteren Brüdern im Glauben 2000.
Aber die Frage, ob Christi Opfer religiös und sozial-kulturell gesehen nicht beschädigt ist, wagte man nicht zu stellen. Sie muss aber gestellt werden. Wie das geschehen kann, dazu verweise auf den jüdischen Philosoph Hans Jonas. Er hat 1983 in seiner Tübinger Rede über den Gottesbegriff nach Auschwitz nachgedacht, um den Gemordeten, darunter seine Mutter, die in Auschwitz starb, „so etwas wie eine Antwort auf ihren längst verhallten Schrei zu einem stummen Gott nicht zu versagen.“ Jonas fragt, was für ein Gott konnte Auschwitz geschehen lassen. Und er antwortet: ein allmächtiger Gott kann es nicht gewesen sein. Vielmehr muss man von einer Verstörung Gottes durch Auschwitz sprechen. Er droht sich aus der Welt zurückzuziehen: „Nachdem er sich ganz in die Welt hineinbegab, hat Gott nichts mehr zu geben: jetzt ist es am Menschen, ihm zu geben (…) darauf zu achten, daß es nicht zu oft geschehe, daß es Gott um das Werdenlassen der Welt gereuen muß. Dies könnte wohl das Geheimnis der unbekannten ‚sechsunddreißig‘ Gerechten sein, die nach jüdischer Lehre der Welt zu ihrem Fortbestand niemals mangeln sollen und zu deren Zahl in unserer Zeit manche der erwähnten ‚Gerechten aus den Völkern‘ gehört haben möchten“. Als Christen müssen wir fragen: Gilt das, was Jonas spekulativ für Gott aussagt, auch für Christus, das Wort, das nach Johannes 1 am Anfang bei Gott war, als Grund und als Sinnmitte der Welt? Müssten nicht auch wir bekennen: Christus, das Wort, ist verstört und es/er bedarf unserer tatkräftigen Unterstützung, damit es/er glaubwürdig in der Welt als erlösende Kraft bleiben kann, damit sein Opfer nicht vergeblich war?
Die EKD hat 1991 endlich in einer Stellungnahme von der Mitschuld der Kirchen an der Shoah gesprochen. Heute versuchen die vielen Gesellschaften für jüdisch-christliche Zusammenarbeit in Deutschland in ihren Veranstaltungen die Fragen der Vergangenheit aufzuarbeiten, Verständnis in den christlichen Gemeinden für den jüdischen Glauben mit seiner Ablehnung Jesu als Messias zu wecken, die Kenntnis über neu erblühtes jüdisches Leben in der Bundesrepublik zu vertiefen und aktuelle Fragen des jüdisch-christlichen Verhältnisses zu thematisieren. Die Warnung vor Fremdenfeindlichkeit und der Protest gegen neuen Antisemitismus, auch den muslimischen, gehören entscheidend dazu. Aber: Ist es nicht mit ein Versagen der kirchlichen Verkündigung, wenn heute jüdische Menschen öffentlich bedroht werden und die Synagogen von der Polizei bewacht werden müssen?!
Das Schweigen der Kirchen angesichts der Shoah hat die christliche Versöhnungsbotschaft schlimm beschädigt. Trotzdem ist die Verkündigung vom gnädigen Gott, der in Jesus unser Heiland und Bruder geworden ist, weiter wirksam. Sie tröstet nach wie vor Millionen Menschen und motiviert Christen zur Solidarität mit den Flüchtlingen und Verfolgten von heute. In der Willkommenskultur waren und sind besonders die Kirchengemeinden aktiv. Die Beteiligung der EKD an der Ausrüstung eines Rettungsschiffs für die Flüchtlinge im Mittelmeer zeigt, dass sie die Konsequenz aus ihrem Versagen vor 80 Jahren gezogen hat.
Zum Schluss eine Antwort auf die Frage: Was ist aus Elisabeth Schmitz geworden, die in den dreißiger Jahren so mutig wie vergeblich das öffentliche Eintreten der Kirchen für die verfolgten Juden gefordert hatte? Sie lässt sich 1939 in den vorzeitigen Ruhestand versetzen. In der Bekennenden Gemeinde Berlin-Friedenau bleibt sie vor allem in der Fürsorge für die jüdischen Mitglieder aktiv. Sie macht ab 1940 Hausbesuche in sog. ‚Judenhäusern‘, um Taufunterricht zu erteilen, was nicht ungefährlich war. Mehrere aktive Mitglieder der BK werden in dieser Zeit verhaftet. In ihrer Wohnung in der Luisenstraße beherbergt sie bis zur deren Zerstörung gelegentlich Menschen, die ein Versteck brauchen. Sie erlebt die Deportationen der jüdischen Gemeindemitglieder – als eine junge Mutter mit ihrem kleinen Kind nach Theresienstadt deportiert wird, „zerreißt es ihr das Herz“, wie sie in einem Vortrag 1950 sagte. 1943 geht sie zurück nach Hanau in das Elternhaus, erlebt dort das Kriegsende. 1946 tritt sie, zunächst nebenamtlich, dann dauernd wieder in den Schuldienst. Vor allem: Im nachtotalitären Biedermeier der Adenauerzeit bleibt sie aktiv in der antifaschistischen Informationsarbeit. Bei einschlägigen Gedenkanlässen ist sie es, die um den Vortrag gebeten wird. So 1950 in ihrer Schule bei einer Gedenkfeier für die Opfer des Faschismus. Sie nennt die ungeheuerlichen Opfer-Zahlen, die allgemein verschwiegen oder sogar bestritten wurden: „Wir wissen von den 6 Millionen, die von den Deutschen ermordet wurden, das ist der dritte Teil aller in der ganzen Welt lebenden Juden gewesen.“ Sie beklagt, dass „wir in den letzten Jahren immer nur damit beschäftigt gewesen sind, uns selbst zu rechtfertigen und alle möglichen Entschuldigungen zu finden.“ Angesichts der antijüdischen Friedhofsschändungen schildert sie noch einmal den Prozess der Ausgrenzung: „Er begann damit, dass die Juden in kein Kino, kein Theater, kein Restaurant gehen durften.“ Und er „endete damit, dass sie nach Polen und das heißt in den Tod deportiert wurden.“ 1958 wird sie pensioniert. Sie stirbt 1977 im Alter von 84 Jahren. Nur sieben oder acht Personen sollen bei ihrem Begräbnis dabei gewesen sein. Doch inzwischen ist Elisabeth Schmitz’ Widerstand von der Wissenschaft erforscht. Es gab eine Tagung zu ihrem Wirken 2007. Die Kirche hat ihre wichtige Rolle anerkannt, so der ehemalige Berliner Bischof und EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber am Bußtag 2002. In einer Gedenkrede zum 9. November 2008 ist sie sogar von Bundeskanzlerin Angela Merkel erwähnt und gewürdigt worden. 2010 erschien ihre Biografie, verfasst von Manfred Gailus. Ihr bezeichnender Titel „Mir aber zerriss es das Herz. Der stille Widerstand der Elisabeth Schmitz.“
Erinnern, Vergessen, Versöhnen – drei Wege um mit Untaten des eigenen Volks umzugehen
Wir leben in einer Kultur des Gedenkens und der Erinnerung. Vergessen gilt meiner Generation, deren Eltern und Großeltern die Verbrechen der Nazizeit lange Zeit beschwiegen und verdrängten, als schlimmes Vergehen. Die deutsche Erinnerungskultur der Nazi-Verbrechen wird von anderen Ländern Europas als vorbildlich angesehen. Sie ist zum Kernbestand deutscher Identität geworden. Aus ihr kann und darf es keinen Ausstieg geben, auch wenn ihre Verordnung von oben von den nachwachsenden Generationen zunehmend als problematisch empfunden wird. Meine Kinder würden den Auschwitz-Gedenktag am 27. Januar aus eigenem Antrieb kaum begehen. Ähnliches gilt für die acht Familien, mit denen ich zusammen in einem Mietshaus wohne. Auch wenn mit dem Berliner Holocaust-Mahnmal und dem Gedenktag 27. Januar die Erinnerung an den Holocaust in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, alltägliche Praxis ist sie nicht; von hoher Verbindlichkeit ist sie „nur“ für die politische Klasse und für hoch sensible, semi-professionelle Erinnerungsgruppen. Der Holocaust ist eine normative Vergangenheit.
„Vergessen führt ins Exil, Erinnern beschleunigt die Erlösung“, dieser Spruch in der Gedenkstätte Yad Vashem, gilt unbedingt. Ich will im Folgenden trotzdem neben das Erinnern das heilsame Vergessen und die praktizierte Versöhnung als Wege vorstellen, mit den Untaten der eigenen Geschichte umzugehen – als Wege, die sich ergänzen.
1. Ist ein geordnetes Vergessen von Untaten möglich? (Der Weg der Griechen)
Vergessen von in Kriegen begangenen Untaten – das ist eine Tradition, die beispielsweise in Friedensverträgen des 17. und 18. Jahrhunderts eine Rolle spielte – ein Vergessen aller schuldhafter Kriegshandlungen. Rechtlich drückt diese Vergessensklausel aus, auf alle Schuldzuschreibungen und Strafmaßnahmen für vergangene Kriegshandlungen zu verzichten. Das bedeutet eine Generalamnestie für die Täter. So auch im § 2 des Westfälischen Friedens von 1648: „Alles sei in ewiger Vergessenheit begraben.“ Im 30jährigen Krieg war es zu schlimmen Verbrechen und Verwüstungen gekommen, man denke nur an die Eroberung Magdeburgs. Trotzdem – um einen Neuanfang zwischen den religiös verfeindeten Parteien zu begründen, musste auch vergessen werden können, durfte nicht stets von neuem aufgerechnet werden. Das ging einfacher, wenn beide Seiten sich etwa gleich viel hatten zuschulden kommen lassen. So der Gedanke hinter dieser Vergessensklausel um des Friedens willen. Er war auf eine bessere Zukunft gerichtet zwischen den Völkern. Noch Kant sagt 140 Jahre später in seiner Schrift Zum ewigen Frieden, erschienen im Jahr 1795, Friedensverträge dürften nicht solche Klauseln enthalten, in denen der Keim zu neuen Kriegen liegt.
Das Leid des einzelnen konnte darin nur begrenzt eine Berücksichtigung finden. Damit musste er persönlich fertig werden. Das ging vor dreihundert Jahren vielleicht noch leichter, weil das meist kurze Leben als von Gott verhängtes Schicksal empfunden wurde, bestimmt von Leid und Entbehrung, mit dem Trost der Entschädigung im Himmel, wie es uns aus den Liedern Paul Gerhardts entgegen klingt.
Der Althistoriker Christian Meier hat in einem bedenkenswerten Essay Das Gebot zu vergessen und die Unabweisbarkeit des Erinnerns, erschienen 2010, daran erinnert, dass das Vergessen in der europäischen Geschichte eine wichtige Rolle spielt. Er geht viel weiter zurück – bis zu den Griechen, die diesen Gedanken des Vergessens zuerst entwickelten.
494 vor Christus entfachte eine Tragödie über die Zerstörung der Stadt Milet durch die Perser eine so große Diskussion unter den Bürgern Athens, dass sie umgehend von der Bühne genommen wurde. Das Leid von Milet sollte auf gar keinen Fall öffentlich memoriert werden. Am Ende des Jahrhunderts, nach der Niederschlagung der sogenannten Tyrannis der Dreißig in Athen, wurde das Gebot zu vergessen dann erstmals rechtskräftig. Nach zeitgenössischen Berichten wurden in dem Konflikt damals zweieinhalbtausend Menschen ermordet, unter ihnen 1500 Bürger im rechtlich-politischen Sinn. Das entsprach fünf Prozent der Athener Bürgerschaft. Mit dem Beschluss, diese Vergangenheit ruhen zu lassen und nicht mehr öffentlich an sie zu erinnern, sollten mögliche Rachefehden verhindert werden. Und damit neue Bürgerkriege. Die Griechen hatten dafür eine Formel me mnesikakein, nicht das Schlimme aufrühren, wofür später das Wort Amnestia (NichtErinnerung) benutzt wurde. Dieses Rechtsverständnis hat die europäische Geschichte mehr als zwei Jahrtausende lang geprägt. Es findet sich in der römischen Antike, etwa bei Cicero nach der Ermordung Cäsars im Jahr 44 v. Chr.: Alle Erinnerungen an die Zwieträchtigkeiten seien durch ewiges Vergessen zu tilgen, oblivione sempiterna delendam. Amnestie gab es im Mittelalter, der 30jährige Krieg wurde schon erwähnt. 1814 nach der Niederlage Napoleons erklärte der aus dem Exil zurückkehrende König Ludwig XVIII, „wir haben aus unserer Erinnerung sämtliche Übel, welche während unserer Abwesenheit die Heimat bedrückten ebenso getilgt wie wir wollten, dass man sie aus der Geschichte tilgen könnte.“ Er verzichtete selbst auf die Bestrafung der Königsmörder. Und 1946 rief Winston Churchill in der Züricher Rede zu einem blessed act of oblivion, segensreichen Akt des Vergessens, zwischen den Feinden von gestern auf. Allerdings müssten zuvor die beispiellosen crimes and massacres geahndet werden.
Dieses kluge zukunftsorientierte Vergessen hat eine moderne Gestalt gefunden in der deutsch-französischen Freundschaft. Sie beruht nicht gerade auf einer Vergessensklausel, aber auf dem Ausstieg aus gegenseitiger Revanche, zu dem ein Vergessen der Untaten gehört. Der Erbfeind wird zum Freund symbolisch im Treffen Adenauers mit de Gaulle in der Kathedrale von Reims 1962. Der Freund darf sehr viel später sogar dabei sein, wenn der ehemalige Feind sich des Sieges über ihn freut (so Kanzler Schröder bei dem Gedenktag zur Landung der Alliierten in der Normandie 2004). Lange vorher (1957) machte ich eine Klassenreise nach Nord-Frankreich: Auf einem deutschen Soldatenfriedhof in Neuville St. Vast versuchten wir die Spuren jahrzehntelanger Vernachlässigung ein wenig zu beheben. Hier lagen Angehörige des Regiments meines Vaters, der als 18jähriger am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatte. Abends trafen wir uns mit der Dorfjugend und hier war es, wo eine reizende Französin zu mir sagte: Tu es trop aimable. Ich wusste gar nicht, wie mir geschah, und genoss die Wonnen deutsch-französischer Freundschaft ganz sinnlich. Und als wir dann in Paris waren und ich den Arc de Triomphe, Notre Dame, den Tour Eiffel und die Sainte Chapelle sah und bewunderte, war es mir, als gehörte Paris mir. Ich erlebte, was während des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 Victor Hugo den deutschen Intellektuellen, um sie gegen den Krieg zu begeistern, zugerufen hatte: „Paris ist euer so wie es unser ist.“ Und das ohne Krieg!
Was mit Frankreich funktionierte, konnte angesichts der Ungeheuerlichkeit des Verbrechens am jüdischen Volk im Falle Israels mit den Wiedergutmachungsverträgen, deren Architekt ebenfalls Adenauer war, nicht in gleicher Weise umgesetzt werden. Hier musste es nach der Phase des zeitweiligen Beschweigens und auch des komplizenhaften Vergessens zu zwei weiteren Entwicklungsschritten kommen – dem moralisch-therapeutischen Diskurs ab 1965 mit den Auschwitzprozessen und zu der Wandlung durch Erinnerung, 1985 beginnend mit der Weizsäcker-Rede zum Kriegsende bis zur Einweihung des Holocaust-Mahnmals 2005, in der die „solidarische Erinnerung an nicht Wiedergutzumachendes“ (Habermas) ins Zentrum rückte.
2. Die neue Ostpolitik – Versöhnung zwischen Völkern (Das christliche Modell)
Das Vergessen schuldhafter Kriegshandlungen hat eine unübersteigbare Grenze angesichts solcher Untaten und Verbrechen, die gegen die Menschenrechte gerichtet sind und auf die Vernichtung ganzer Völker hinauslaufen. Die immer grauenhafteren Kriegsverbrechen seit dem Ersten Weltkrieg können nicht mehr durch (an)geordnetes Vergessen aus dem Gedächtnis getilgt werden. Bereits die Kalendergeschichte „Der Husar in Neiße“ Johann Peter Hebels aus dem Jahr 1809 über ein Kriegsverbrechen, verübt von einem preußischen Soldaten in Frankreich, schließt mit dem Merksatz: „Es gibt Untaten, über die kein Gras wächst.“ Seit den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen sind alle Verbrechen gegen die Menschlichkeit, insbesondere der Genozid, von jeder Amnestie ausgeschlossen und können nicht verjähren. Können sie vergeben werden? Chaim Weizmann, der Präsident Israels, hat das 1996 vor dem Bundestag ausgeschlossen. Vielleicht deswegen, weil Vergeben Vergessen beinhaltet.
Es wäre aber auch möglich beides zu trennen, ich vergesse nicht, aber ich vergebe dir. Was zwischen einzelnen möglich ist, nämlich Versöhnung, muss doch auch zwischen Völkern möglich sein. Das sagte die sog. Ostdenkschrift der EKD von 1963 und bereitete damit den Weg für eine neue Ostpolitik. Ihr genauer langer Titel: „Die Lage der Vertriebenen und das Verhältnis des deutschen Volkes zu seinen östlichen Nachbarn.“ Wir können nicht ewig Unrecht gegen Unrecht aufrechnen, sagte die Denkschrift. Deutschland hat mit Krieg und Vertreibung begonnen, wollte Polen von der Landkarte tilgen und muss die Folgen, die Vertreibung der Deutschen aus Schlesien, anerkennen. Die Aussöhnung Deutschlands mit den östlichen Nachbarn kann nur gelingen, wenn wir die Oder-Neiße-Grenze anerkennen. Damit brach die Denkschrift mit einem parteiübergreifenden Tabu bundesdeutscher Politik und leitete die neue Ostpolitik ein. Im Gefolge des durch die Ostdenkschrift ausgelösten Umdenkens wandten sich die katholischen Bischöfe Polens in einem Hirtenbrief an die deutsche Bischofskonferenz mit dem Satz: wir vergeben (das massive Unrecht, das Deutschland an Polen beging) und wir erbitten Vergebung (für das Unrecht bei der Vertreibung).
Selbst die Führer der Sowjetunion mit ihren über 22 Millionen (nach neueren Berechnungen sogar 27 Millionen) Kriegstoten haben Deutschland die Hand zur Versöhnung gereicht und uns vergeben. Bei einer Reise in die Sowjetunion 1963 beschämte mich die Freundlichkeit russischer Mütter, die Kinder im Krieg verloren hatten. Dabei ist der Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion auch eine Untat, über die kein Gras wachsen kann. Sie darf nicht vergessen werden. Aber auch der Untaten der Sowjetunion nach Kriegsende, man denke an die Vergewaltigungen und an die Lager in der sowjetischen Besatzungszone, in denen tausende zu Tode kamen, muss gedacht werden. Manches kommt erst jetzt ans Tageslicht, weil die ehemalige DDR diese Verbrechen beschwieg. Die Aufarbeitung der Vergangenheit bleibt schwierig und sensibel, zu groß sind die gegenseitigen Verletzungen gewesen. Nicht verleugnen und nicht vergessen, aber vergeben. Ermutigend ist es, dass es junge tschechische Historiker sind, die die Untaten bei der Vertreibung der Sudetendeutschen recherchieren.1
Zu dem christlichen Modell der Versöhnung gehört das südafrikanische Konzept der Wahrheits-und Versöhnungskommissionen. Nach der Abschaffung der Apartheid wurden besonders unter dem Einfluss der Kirchen (Bischof Tutu) Wahrheitskommissionen eingerichtet, die in anderthalb Jahren (zwischen 1996 und 1998) die Vergangenheit des geschehenen Unrechts aufarbeiten sollten: Täter und Opfer sollten sich begegnen, die Täter sollten erzählen, wie sie ins Unrechtsystem geraten waren, was sie dort taten und die Opfer um Verzeihung bitten, ohne dass die Vergehen strafrechtlich verfolgt wurden. Absicht war, so eine gemeinsame Zukunft zu ermöglichen. Also eine Versöhnung, die die Wahrheit nicht verschweigt, eine Art Täter-Opfer-Ausgleich, der aber auf die Gerechtigkeit der Bestrafung verzichtet. Das im Apartheidregime Unterdrückte sollte so ans Licht kommen. Doch oft war es schwierig für die Angehörigen der Opfer, das verbrecherische Geschehen so noch einmal miterleben zu müssen und dann die Täter straffrei ausgehen zu sehen. In diese Methode, von Bischof Tutu entschieden vertreten, wirkt der Weg Jesu hinein, „die Macht des Verzeihens“, die nach Hannah Arendt mit Jesus in die Welt gekommen ist. Es ist ein Kompromiss zwischen solidarischer Erinnerung, Verbrechen ahnender Gerechtigkeit und heilsamem Vergessen. Versöhnung, um das Zusammenleben der ehemals Getrennten zu ermöglichen. Wirklich nicht einfach, wenn man daran denkt, wie schwer es uns fällt, unseren Mitmenschen selbst kleine Ungerechtigkeiten zu verzeihen.
Entstanden ist dieses Modell nach den Unrechts- und Bürgerkriegs-Situationen in Lateinamerika im Übergang von den Militärdiktaturen zur Demokratie – in Chile, Argentinien, Uruguay und Brasilien. Die Opfer dieser Diktaturen beriefen sich dabei auf das Recht der Erinnerung an die Menschenrechtsverletzungen, denen sie ausgesetzt waren. Sie traten als Zeugen auf, die die Täter mit dem von ihnen verübten Unrecht konfrontierten. Das Erinnern ist hier die Bedingung für eine soziale Umwandlung, die auf den politischen Systemwandel folgen muss – um der gemeinsamen Zukunft willen. (Oberflächlich durchgeführte Wahrheitskommissionen können dabei, wie z.B. in Marokko geschehen, gelegentlich mehr zum Verdrängen/Vergessen als zur Aufarbeitung führen.)
Auch die von der Nagelkreuzgemeinschaft der Kathedrale von Coventry ausgehende Versöhnung zwischen den ehemals verfeindeten Engländern und Deutschen gehört zu diesem Weg – im Krieg zerstörte Kirchen verbinden sich über das Nagelkreuz, das nach der Zerstörung der Kathedrale von Coventry durch die deutsche Luftwaffe aufgefunden wurde und das im Austausch der Kirchengemeinden zum Symbol der Versöhnung der ehemals Verfeindeten geworden ist. Erinnern und vergessen im Sinne von: nicht mehr aufrechnen, verzeihen, sich versöhnen wird so sichtbar und weist in die Zukunft.
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