Kitabı oku: «Vatter - es passt schon»
Hans-Jürgen Kampe
Vatter - es passt schon
Ein marokkanisches Märchen
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Marokko – 3 Jahre zuvor
Marburg – in diesem Jahr
Marokko – einige Zeit zuvor
Besuch in Kassel
Marokko – ein Jahr zuvor
Semesterferien in Andalusien
Spanien – einige Monate zuvor
Herbsturlaub in La Herradura
Spanien – bis Jetzt
(Er)Lösung
Epilog
Impressum neobooks
Marokko – 3 Jahre zuvor
Zitat:
"Auch aus Steinen, die Dir in den Weg gelegt werden, kannst Du etwas Schönes bauen."
Erich Kästner
1
Wie so oft hatte Lailas Traum ein Ende genommen, das sie ängstlich aufschrecken ließ. Sie fühlte sich matt, dumpf und ohne jene Leichtigkeit, die jungen Mädchen sonst zu eigen ist.
Der Regen hatte mit langer Zunge den Staub der Straßen und Plätze weggeleckt und tiefe Pfützen hinterlassen. Bereits nachts hatten sich die schwarzen Wolken verzogen, und jetzt tanzten die ersten zaghaften Sonnenstrahlen über die Spitzen des Hohen Atlas. Noch wirkte das majestätische Gebirge wie ein schwarz-grauer Schatten vor dem blass blauen Himmel. Aber schon bald würden die Gipfel glühen und die rote Stadt würde zum Leben erwachen.
Nouria, ihre kleine Schwester, räkelte sich neben Laila, kuschelte sich, um Lailas Wärme aufzunehmen und dünstete den unschuldigen Hauch von schlafenden kleinen Kindern aus.
Laila war wie immer sehr früh wach und lauschte den Geräuschen des Morgens. Draußen fuhr der erste O-Bus quietschend seinen Stromabnehmer hoch. Zwei frisierte Mopeds knatterten röhrend Richtung Innenstadt und vor ihrem Haus zupften die drei Ziegen malmend das wenige verbliebene Gras, das sich dem nächtlichen Regen entgegengestreckt hatte. Fatima, Lailas Mutter, schichtete Reisig in den Lehmofen, das kurz darauf prasselnd ein Feuer nährte.
Mohamed, ihr Vater, wusch sich wie immer nur sehr oberflächlich und unzufrieden knurrend an der einzigen Wasserstelle im Haus, um dann seinen abgewetzten Kaftan überzustreifen, der wie ein Nachthemd fast bis zu den zertretenen Babouches, den hinten runtergedrückten, offenen Lederpantoffeln reichte. Fatima hatte ein Kaffeegebräu aus Zichorie aufgesetzt und briet Fladen aus Maronenmehl. Beides, die Zichorie, und auch die Esskastanien, mussten Lailas Brüder regelmäßig sammeln, damit ihre Mutter, ohne Geld ausgeben zu müssen, die Familie bekochen konnte
Laila bewunderte ihre achtunddreißigjährige Mutter, die ein Wunder an Kreativität, Geduld und Demut war. Die vier Kinder liebten das Maronenbrot, die geschmorten Maronen mit Kürbis aus der braunen, angeschlagenen Ton Tajine und die morgendlichen Fladen mit Dattel- und Feigenmus.
Alle paar Wochen hatte Fatima die Zutaten für einen Maronenkuchen zusammengespart, der die Augen ihrer Kinder zum Leuchten brachte. Lailas Vater aber nahm das Organisationstalent seiner Frau nicht nur stillschweigend als Selbstverständlichkeit zur Kenntnis, sondern fand jeden Tag Gründe, um zu nörgeln, zu schimpfen oder um einen seiner gefürchteten Wutanfälle zu bekommen.
Vor Jahren, als die fast sechzehnjährige Laila noch klein war, herrschte noch eine andere Stimmung in der Familie. Mohamed war freundlicher, geduldiger, hatte Ideen und Tatkraft. Und ab und zu lachte er sogar mit den Kindern, die jedes lobende Wort ihres Vaters dankbar aufsogen.
Der alte Ziegenstall, den er von seinem Vater geerbt hatte, wurde in monatelanger Arbeit mit Lehmziegeln zu einem kleinen Wohnhaus ausgebaut. Primitiv - nur zwei Zimmer und eine Küche - aber am Rande der stark wachsenden Stadt war der kastenförmige Bau doch ein eigenes Nest für die Familie. Der Lehmbau wirkte wie ein gelb/roter Schuhkarton, mit vielen Löchern in den Außenwänden, damit das Mauerwerk Feuchtigkeit aufnehmen und wieder abgeben konnte. Für die vielen Schwalben in Marrakesch waren die faustgroßen Löcher im Mauerwerk ideal zum Nisten. Ab dem frühen Morgen herrschte ein geschäftiges Hin- und Herflattern der geschickten Mauersegler.
Auch der Fußboden bestand aus gestampftem Lehm, auf den der Vater später Stück für Stück alte, zerbrochene Fliesenreste legte, die er von Baustellen mitgehen ließ. Die bunten Brocken in Blau, Rot, Grün und Gelb mit Resten von Kalligraphien, geometrischen und floralen Mustern auf dem Boden waren für Laila noch das Schönste an ihrem Haus. Wasser konnten sie im Brunnen schöpfen, der auf ihrem Grundstück eine Wasserader anzapfte, die aus dem Atlasgebirge gespeist wurde.
Nur - ein Bad gab es nicht. Vor allem Fatima und ihre beiden Mädchen litten sehr darunter, dass sie im Haus nur über einen Wasseranschluss zur Brunnenpumpe verfügten und außen über ein schlichtes Plumpsklo, welches Mohamed neben dem ehemaligen Stall in einem Wellblechverschlag untergebracht hatte. Auf eine flache Tonne mit Henkeln wurde ein rohes Brett mit einem Loch gelegt- fertig war der Abtritt. Und mehr brauchte man nicht, herrschte Mohamed seine Familie an.
Alle paar Wochen wurde der Eimer sehr früh morgens heimlich im Gulli der nahen Straße geleert, weil kein Kanal an die Hütte reichte.
Schlimmer als die primitive Toilette waren für Laila und Nouria allerdings die dicken schwarzen Spinnen im Haus. Wegen der Lehmbauweise sammelten sich immer mehr der ekligen Krabbler in den Ecken und an der Decke. Nachts wurde Laila regelmäßig wach durch ein „Plop“, wenn sich die Spinnen von der Zimmerdecke auf ihr Bett fallen ließen, weil sie die Körperwärme der schlafenden Mädchen suchten. Sie hätte schreien können vor Abscheu und Angst, wenn die haarigen, schwarzen Monster über ihre Hände, oder manchmal sogar über ihr Gesicht krabbelten. Es war ein Alptraum für die Mädchen, für den ihr Vater keinerlei Verständnis hatte.
Für den Strom hatte Mohamed eine für alle zufriedenstellende Lösung gefunden. Weil die Familie im vorderen Haus an der stark befahrenen Ausfallstraße Richtung Agadir zwar Strom, aber kein Wasser hatte, durfte Ajwad, der Nachbar, Wasser aus Mohameds Brunnen entnehmen. Mit einer alten Pumpe, die immer wieder angegossen werden musste, was ein quakendes Krötenpaar zur Freude der Kinder nicht davon abhielt, sich im Brunnen ein Zuhause zu suchen. Und Jamal, Mohameds Vetter dritten Grades, führte als angelernter Elektriker eine nicht genehmigte Strom Außenleitung vom Dach des vorderen Hauses bis zur Wand von Mohameds Behausung, sodass beide Familien den unerhörten Luxus von Strom und Wasser hatten.
Laila musste mit Nouria ein Bett in einem der beiden kleinen Zimmer teilen. Im Nachbarraum genossen ihre beiden Brüder den Vorzug, dass jeder in einem eigenen Bett schlafen durfte.
Und die Eltern verbrachten die Nacht in der Küche. Laila war froh, wenn sie nachts durchschlafen konnte und nicht von dem brünftigen Gestöhne ihres ungepflegten Vaters wach wurde.
Schränke gab es in dem Behelfsheim nicht. Mohamed hatte alte, rostige Nägel, die er in den Gassen der Altstadt gefunden hatte, mit einem Holzscheit in die Wände geschlagen. Das sollte zum Aufhängen der wenigen Kleidung reichen.
Eigentlich hätte Mohamed zufrieden sein können und dankbar, dass die Familie gesund und fleißig war. Fatima hatte eine Putzstelle in einem Restaurant bekommen, wo sie morgens, wenn die Familie aus dem Haus war, drei Stunden die Gaststube, die Küche und die Toiletten reinigte. Immer in der Reihenfolge. Nicht nur, dass Fatima für die wenigen, für sie passenden Arbeitsstunden, fast neunhundert Dirham, ungefähr achtzig Euro, im Monat bar auf die Hand bekam. Vielmehr durfte sie auch ab und zu, wenn der Chef gute Laune hatte, abgelaufene Lebensmittel, fleckiges und eingedrücktes Obst und überreifes Gemüse, vertrocknetes Brot, angeschlagene Teller, Gläser sowie verbogenes Besteck und einmal sogar eine Ton Tajine mit einem Riss in der Glasur mit nach Hause nehmen.
Nur so konnte die Familie halbwegs überleben.
Denn das Gehalt von Mohamed als städtischer Müllmann hätte niemals gereicht, die sechsköpfige Familie zu ernähren. Das war auch ein Grund für Mohameds zunehmende Gereiztheit und Unzufriedenheit.
Während die vier Kinder vor und nach der Schule halfen, wo sie nur konnten, verschwand Mohamed jeden Nachmittag nach seiner Arbeit in der Moschee, um sich danach im Teehaus bei Seinesgleichen über all die Ungerechtigkeiten, die ihnen das Leben schwer machten, auszutauschen, oder sich lange über seinen Lieblingsverein „Kawkab Marrakesch“ und dessen fehlende Torerfolge aufzuregen. Oft genug hatte der nachmittägliche Müßiggang Mohameds zu Streit zwischen den Eltern geführt, bis Fatima schließlich über die Jahre hinweg immer mehr resignierte.
Die beiden Brüder von Laila, Jamal al Din, Schönheit des Glaubens, und Badr al Din, Vollmond des Glaubens, mussten Holz und Dung sammeln, der getrocknet als Brennstoff diente. Und Nouria, die Strahlende, achtjährige Schwester, half Laila beim Hausputz, Ziegen füttern, melken und beim Schälen der Maronen.
Die Vorgesetzten von Mohamed registrierten ebenfalls die Veränderung und den immer geringeren Einsatz des Müllmanns. Mohamed wirkte nur emsig, wenn er glaubte, dass Höhergestellte ihn beobachteten. Ansonsten hielt er schwätzend andere von deren Arbeit ab. Während der Nachbar, Ajwad, ein Kollege von Mohamed, als pünktlich, fleißig und lernwillig galt, wurde Mohamed nach einiger Zeit degradiert. Er bekam die niedrigste Stufe bei der städtischen Müllabfuhr zugeteilt. Mohamed musste mit einem Muli, über dessen Rücken links und rechts breite Gummitaschen hingen, durch die engen Gassen der Medina gehen, um in dem Labyrinth hinter dem Jamaa–Lafna Platz und dem Djeman al Fna, dem Platz der Gehenkten, die Abfälle aufzusammeln.
Weil Mohamed bei den Chefs nicht nur als faul, sondern auch als störrisch galt, wurde ihm eine passende Eselsinzucht zugeteilt. Mit breiten Hufen, so groß wie eine Suppenterrine, stemmte sich die Kreatur jedes Mal bockig in den Boden, sobald ihr Führer an einem Obst–oder Gemüsestand vorbeikam und war nur zum Weitergehen zu bewegen, wenn ihm eine alte Möhre oder ein welkes Blatt zwischen die gewaltigen, schwarzgelben Zähne geschoben wurde.
Mohamed nannte seinen Arbeitsbereich verärgert die „stinkende Achselhöhle“ von Marrakesch. Nirgends war es dreckiger, übelriechender und gefährlicher als in diesen dunklen Gassen, die noch aus dem Mittelalter stammten.
Vor allem, wenn Mohamed die Gassen im Gerberviertel reinigte, roch sein Kaftan, seine Kappe, seine Sandalen, seine verbliebenen Haare und seine Haut noch tagelang nach den Ausdünstungen der Chemikalien, die ungehindert in die offenen kleinen Kanäle geleitet wurden. Mit dem Dunst hätte man ein Kamel in Narkose versetzen können. Aber selbst nach seiner Gerbertour vermisste Mohamed das fehlende Bad nicht sonderlich.
Was Mohamed immer mehr verbittern ließ, war die Tatsache, dass Ajwad Karriere machte. Obwohl er eine niedere Abstammung von Berbern hatte, während er, Mohamed, von edlem arabischem Geblüt war, wurde sein Nachbar befördert.
Ajwad hatte LKW fahren gelernt und seinen Führerschein bestanden. Nach einiger Zeit wurde eine Stelle als Fahrer eines Müllwagens frei. Eine saubere Arbeit, bequemer, besser bezahlt und mit einem leuchtend orangen Arbeitsanzug mit Kappe versehen.
Seit seiner Beförderung trug Ajwad zu Hause keinen traditionellen Kaftan und auch keine Babouches mehr, sondern eine schwarze Hose, ein weißes Hemd und braune Lederschuhe. Mohamed fühlte sich seitdem von Ajwad provoziert, giftete, kochte, wenn er den Nachbarn abends sah, und war im Haus nur am Fluchen über die „Natternbrut“ im Nachbarhaus, die wohl glaubten, als Berber jetzt etwas Besseres zu sein.
Fatima erzählte ihrem zunehmend gereizter auftretenden Mann nichts mehr davon, dass sie sich mit Samima, der Frau von Ajwad, nach wie vor gut verstand, den Kontakt aber auf die Zeiten beschränkte, wo Mohamed in den dunklen Souks von Marrakesch den stinkenden Dreck aufsammeln musste.
Lailas älterer Bruder Jamal wollte nach 6 Jahren die Schule abbrechen und in einer Werkstatt arbeiten. Ihn lockte das Schrauben an den Motoren und die wenigen Dirhams, die er verdienen konnte. Mohamed war es recht, denn es ärgerte ihn täglich, dass seine hungrigen Mäuler so lange in die Schule gehen mussten und nicht arbeiten konnten, um Geld heimzubringen.
Vor allem bei den Mädchen war er am Schimpfen und am Drohen. Denn Mädchen würden sowieso heiraten, Kinder bekommen und den Haushalt besorgen. Daher war jeder Schulbesuch, der über die vorgeschriebene Zeit ging, aus seiner Sicht unnötig und musste bei Mädchen unterbunden werden.
„Zu viel Bildung, vor allem für Mädchen, ist schlecht. Es zerstört unsere Tradition“, rechtfertigte Mohamed seine Ansicht, die auf einer tiefen Angst und Abneigung vor jeglicher Veränderung beruhte.
Laila fand aber Unterstützung bei ihrer klugen Mutter, die selber unter ihrer zu kurzen Schulzeit und einer fehlenden Berufsausbildung litt. Denn Laila war schlau, hübsch anzusehen und hatte Freude am Lernen. Ihr Traum war es, in eine weiterführende Schule zu gehen und dann eine Ausbildung in einem der zahlreichen gehobenen Hotels zur Hotelkauffrau zu machen. Oft genug schlich Laila mit sehnsüchtigen Blicken an einer der gepflegten Parkanlagen vorbei, die vor den unüberwindlichen roten Mauern der Nobelherbergen lagen, oder schaute neugierig in die Einfahrt mit den teuren Autos, an deren Ende das Paradies wartete.
Arabisch war ihre Muttersprache und Französisch wurde bereits in der ersten, völlig überfüllten, Klasse gelehrt. Ihr Lehrer, Monsieur Attique, ein kleiner dicker Mann mit einem Oberlippenbart, hatte sehr früh Lailas Sprachtalent entdeckt und gab ihr gebrauchte Spanisch und Englisch Lehrbücher mit nach Hause. Wenn ihr Vater nachmittags noch nicht zu Hause war, lernte Laila hochmotiviert Vokabeln und arbeitete die Bücher Kapitel für Kapitel durch.
Mohamed hatte letztes Jahr einen alten Röhrenfernseher mit Sat Anlage „gefunden“, wie er sagte, so wie Mohamed auch die wenigen anderen Möbel im Haus angeblich vor anderen entsorgt hatte, nur weil Umzugswillige ihre Möbel für einen unbedachten Moment auf der Straße abgestellt hatten. In diesen Fällen konnte Mohamed plötzlich sehr schnell arbeiten.
Und so gab Fatima ihrer ältesten Tochter den Rat, heimlich spanische und englische Fernsehsendungen zu schauen, um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. Der Vater hätte es nie erlaubt, dass Laila die spanische Seifenoper „Grand Hotel“ mit Liebesdramen und Verbrechen verschlang, oder ihr Englisch mit der britischen Serie „Coronation Street“, einem Pendant zur „Lindenstraße“, verbesserte.
Im Gegenteil. Mohamed wurde von Jahr zu Jahr konservativer, angeblich auch religiöser und intoleranter. Beide Mädchen und auch die Mutter mussten außerhalb des Hauses einen Niqab, den schwarzen Gesichtsschleier tragen, den Laila nur in der Schule abnahm. Und auch zu Hause erwartete der strenge Vater, dass Fatima, Laila und sogar die kleine Nouria ein Kopftuch trugen. Es war, als hätte sich eine unüberwindbare, gläserne Wand aus Unterdrückung und Herrschsucht zwischen der Familie und ihrem Oberhaupt aufgebaut.
Letztes Jahr hatte der Direktor der Schule die Idee gehabt, einen Musik Arbeitskreis zu gründen. Es sollte traditionelle Musik der Araber und Berber geübt werden. Dass Laila hier die Gimbri, jene lange, arabische Kastenhalslaute spielen lernte, durfte Mohamed nie erfahren. Denn er hätte niemals erlaubt, dass seine Tochter zusammen mit jungen Männern in einem Orchester spielte.
Beim Spielen der traditionellen Musik lernte Laila den schüchternen Nabil kennen und verliebte sich in ihn. Obwohl Nabil, der Noble, als Sohn von Ajwad und Samima direkt gegenüber wohnte, fiel ihr der zurückhaltende, hochgewachsene junge Mann doch erst im Orchester auf. Laila suchte immer häufiger das Gespräch mit Nabil, der sich gern mit Laila nach dem Musizieren noch etwas unterhielt.
Obwohl Nabil ein Jahr älter als Laila war und in eine höhere Klasse ging, hatte es sich Nabil nach einiger Zeit angewöhnt, auf Laila zu warten, um mit ihr den vierzig Minuten langen Fußweg von der dunklen und feuchten Schule bis nachhause zu gehen. Beide hätten sich zu gern an den Händen gefasst, aber sie hielten sittsam Abstand und trennten sich, bevor die Elternhäuser in Sicht kamen. Denn Mohamed und Ajwad hätten aus unterschiedlichen Gründen eine Beziehung zwischen ihren beiden Kindern mit aller Macht verhindert.
Ajwad war der Ansicht, sein gutaussehender Sohn müsste beruflich und auch familiär nach etwas Besserem streben. Dazu gehörte aus seiner Sicht eine Schulausbildung bis zur Hochschulreife und danach ein Studium an einer der beiden Universitäten von Marrakesch. Und dort sollte sein Sohn dann eine gleichgesinnte, strebsame Frau aus guter Familie kennenlernen, welche die Karriere ihres Mannes bedingungslos fördern würde. Denn Ajwad hatte bei sich selbst erfahren dürfen, wie sehr sich Fleiß und Einsatz lohnten. Seinen Kindern sollte es in der Zukunft unbedingt noch besser gehen, als ihm. Ein Schwiegervater wie Mohamed stände diesem Ziel nur im Wege.
Mohamed hatte ganz andere Pläne mit Laila. Mit bald sechzehn Jahren kam sie in ein heiratsfähiges Alter, brauchte also keine weitere Schulbildung mehr, sondern gehörte in den Schoß einer konservativen Familie, die sie um viele Kinder bereichern sollte. Nabil hätte er als Schwiegersohn niemals akzeptiert. Denn der war die Brut des arroganten Aufsteigers Ajwad, einem Berber Schakal.
Weil Laila und Nabil die Einstellung ihrer Väter kannten, hielten sie ihre Liebe vor anderen geheim, trafen sich nach der Schule zum Spaziergang in einem Park und trauten sich dort, von anderen unerkannt auf einer Bank an den Händen zu fassen. Für beide war es ein großes Glück, dass sie sich gegenseitig ihre Gedanken, Sorgen und Hoffnungen erzählen und auch ihr Leid klagen konnten. Jeder hörte dem anderen zu und hatte Verständnis für die Träume des anderen.
Laila hätte zu gern weiter gelernt, war zielstrebig, ohne ihren Vater auch kontaktfreudig und wollte sich nach oben arbeiten. Nabil hingegen wäre froh, wenn sein Vater nicht so viel Erwartungen in ihn setzen würde und fest davon ausging, dass er studieren müsste. Am besten Ingenieurwissenschaften, um dann in der Zukunft Chef aller Straßenreiniger von Marrakesch zu werden. Nabils Mutter belächelte hingegen den Traum ihres Mannes, wenn der ihr immer wieder von seinen Plänen mit Nabil erzählte.
Nabil liebte Pflanzen, Gärten, Parks und konnte sich immer wieder vorstellen, als Gärtner mit Blumen, Büschen und Bäumen zu arbeiten, denn in Marrakesch gab es durch das reichliche Wasser aus dem Atlasgebirge eine einzigartige und bunte Pflanzenwelt.
So wie Laila heimlich an den Luxushotels vorbei schlich und von einer Arbeit in einem dieser Hotels träumte, war Nabils Ziel einmal die Woche der Jardin Majorelle im Herzen der roten Stadt. Dieser ummauerte botanische Garten wurde bereits 1923, während der Zeit der französischen Besatzung, im Zentrum von dem französischen Maler Jaque Majorelle angelegt.
Wege, Mauern, kleine Plätze, Bänke und Pavillons sind bis heute in einem speziellen Kobaltblau, dem „Majorelle Blau“ mit grüner Umfassung gehalten. Zwischen Wasserläufen, kleinen Brücken und einem Teich wachsen Pflanzen aus allen 5 Kontinenten. Neben Bambusarten, vielfarbigen Bougainville und Laubbäumen, dominieren verschiedenartige, teils sehr hohe Kakteen. 1980 wurde der öffentlich zugängliche, aber zwischenzeitlich verwilderte Garten von Yves Saint Laurent und seinem Lebensgefährten Pierre Bergé gekauft, liebevoll restauriert und in eine Stiftung überführt. Eine Majorrelle blaue Villa im Art Deco Stil, die dem Modeschöpfer viele Jahre als Rückzugsort für die Entwicklung seiner kreativen Ideen diente, steht inmitten des Parks an einem kleinen Teich.
Die Wachleute kannten Nabil und sein staunendes Interesse an dem kleinen Paradiesgarten mittlerweile gut und ließen den jungen Mann regelmäßig durch eine Seitentür ohne Eintritt zu zahlen in den Park. Und Nabil dankte es den Gärtnern, indem er gern, ohne ein Entgelt, bei der Pflege der Pflanzen, der Wege und der Wasserläufe mithalf.
Auch wenn die Ziele der beiden jungen Leute sehr unterschiedlich waren, kamen sie sich in ihren Gesprächen doch immer näher, verstanden und respektierten sich und spürten, dass sie zusammengehörten. Ihre Liebe wuchs, und ihre Sehnsucht nach einer gemeinsamen Zukunft wurde umso stärker, je mehr sie ihre Beziehung verheimlichen mussten.
2
Lailas und Nabils stilles Glück hielt nicht lange. Eines Abends erzählte Badr, Lailas kleiner Bruder, unbeabsichtigt, dass er Laila und Nabil nach der Schule gemeinsam nach Hause hatte gehen sehen. Beide hätten sich unterhalten, sich angesehen und gelacht. Mohameds Augen verengten sich zu schmalen, stechenden Schlitzen, die Stirn knitterte in tiefe Falten, seine Nasenflügel bebten und beide Mundwinkel fielen so nach unten, dass die gelben Zahnstummel wie Stücke von Runkelrüben aus seinem gefletschten Mund ragten. Er wirkte jetzt wie ein Raubtier.
Im nächsten Moment explodierte Mohamed und brüllte zischend durch die Küche, als hätte man Karbid in einen Eimer Jauche geworfen. Die gestrickte weiße Gebetsmütze war weit nach hinten gerutscht. Alle duckten sich ängstlich und fürchteten einen Gewaltausbruch des hasserfüllten Vaters. Obwohl Laila immer wieder zitternd versicherte, es wäre nur ein Zufall gewesen, dass Nabil mit ihr nach Hause gegangen war, denn sie hatten ja einen gemeinsamen Schulweg, half nichts gegen den Wutanfall des Vaters.
Entscheidend für Mohamed war Lailas Lachen. Sie hatte mit Nabil gelacht. Eine Todsünde, die noch verschlimmert wurde, weil Laila ihren schwarzen Niqab nicht aufgehabt hatte und jedermann, vor allem der lüsterne Bock von nebenan, ihr Gesicht sehen konnte.
An diesem Abend fällte Mohamed die Entscheidung, Laila von der Schule zu nehmen und sie schnellstens zu verheiraten. Aber vorher würde er noch mit seinem Erzfeind Ajwad reden und ihm befehlen, dass dessen zuchtlose Lendenfrucht jeden Kontakt zu seiner Tochter unterlassen musste.
Ajwad hörte sich zuerst schweigend Mohameds gebrüllte Vorwürfe an, bevor er seinerseits seinen Nachbarn anschrie, er würde sich verbitten, dass dessen sittenlose Tochter seinen anständigen Sohn verführen würde.
Ohne über die Konsequenzen nachzudenken, drohte Mohamed daraufhin, dass Ajwad mit seiner Berbersippe in der Zukunft ohne sein kostbares Wasser auskommen müsse. Ajwad konterte mit einem überlegenen Grinsen, dass er mittlerweile genügend gespart hätte, um sich einen eigenen Wasseranschluss zu leisten. Und außerdem würde er Mohamed empfehlen, sich genügend Petroleum und Kerzen anzuschaffen, denn die Stromleitung würde er morgen noch kappen.
Mohamed spie seinem, ehemals gut gelittenen Nachbarn, die Drohung ins Gesicht, dass es dann immer mal vorkommen könne, dass seine randvolle Tonne aus dem Wellblechanbau, zufälligerweise vor Ajwads Tür umkippte. Worauf Ajwad seinem Hinterlieger entgegnete, er hätte als Müllwagenfahrer so viele gute Beziehungen zum Rathaus, dass er den hohen Herren schon klarmachen würde, in was für einem Schwarzbau ohne Genehmigung Mohameds Sippe primitiv hauste. Und dann säße Mohameds Familie ganz schnell auf der Straße.
Das Gebrüll der beiden Streithähne hallte über das Grundstück und wurde erst unterbrochen, als beide Frauen erschienen, ihre hochgradig erregten Männer trennten und jeweils in die eigene Wohnung zerrten.
Letztlich waren alles nur leere Drohungen, die niemals wahrgemacht wurden. Aber nach dieser Auseinandersetzung sprachen Mohamed und Ajwad kein Wort mehr miteinander. Ajwad ließ sich tatsächlich schnellstens einen eigenen Wasseranschluss legen, rührte aber auf Bitten von Samima die Elektroleitung nicht an und erwähnte auch nichts von dem Schwarzbau im Rathaus.
Für Mohamed war das allerdings ein weiterer Grund, Ajwad zu verfluchen. Denn damit war die ehemalige Pattsituation aufgehoben, und er war allein von Ajwad abhängig, ihm den Strom zu überlassen, den er ab jetzt auch noch bezahlen musste, denn bislang wurde der Strom stillschweigend mit der Wasserentnahme verrechnet.
Zwar schleppten Jamal und Badr die Tonne aus dem Anbau weiterhin mit größter Vorsicht schwappend an Ajwads Tür vorbei zur Straße, um den Nachbar nicht zu provozieren. Aber Mohamed befahl seinen beiden Söhnen, ab sofort ihre Schwester auf dem Schulweg zu begleiten. Ein Treffen mit Nabil war also kaum noch möglich. Nur ab und zu konnten sie auf dem engen, verdreckten Schulhof miteinander reden, sich verstohlen zuwinken oder sich einen Zettel zustecken.
Da beide Mütter nach wie vor noch befreundet waren und Verständnis für die Gefühle ihrer Kinder hatten, durften sich Laila und Nabil dann heimlich sehen, wenn die Geschwister nichts mitbekamen und die Väter an der Arbeit oder in der Teestube waren. Und das war selten genug.
Eines Tages verkündete Mohamed seiner Familie großen Besuch. Er hatte Jamal, seinen Vetter dritten Grades und Aushilfselektriker, mit dessen Familie eingeladen. Fatima und Laila schauten betreten nach unten. Denn zu Jamals Familie gehörte auch sein Sohn Baz, der Falke, zweiundzwanzig Jahre alt, fett wie ein Otter, übelriechend, meist übel gelaunt und Hilfsmechaniker in einer Moped Werkstatt. Aber - Baz war noch unverheiratet.
Laila erinnerte sich an den kleinen, dicken, jungen Mann mit einer beginnenden Glatze über dem pickligen Gesicht mit der dicken Nase. Sie wusste ganz genau, was ihr Vater mit dem Treffen bezwecken wollte. Laila sollte mit Baz verheiratet werden. Die Sechzehnjährige war zuerst geschockt, dann verärgert und hoffnungslos. Wie ein Morgennebel waren ihre Augen von Angst und Traurigkeit verklärt.
Das Treffen verlief dann auch in einer eisigen Atmosphäre. Fatima musste ihren Maronenkuchen backen. Die Jungs wurden aufgefordert, die dicksten und reifsten Datteln aus fremden Palmenhainen zu sammeln und dazu noch Walnüsse, die neben den Bäumen lagen, mit denen die Töchter die Datteln füllen sollten. Eine Leckerei zum Nachtisch, die Baz nach dem Kuchen hemmungslos fast alleine wegnaschte.
Während die beiden Frauen, Fatima und Rahma, mit den Kindern still in der Küche saßen, überboten sich Mohamed und Jamal in gegenseitigen Lobpreisungen über ihre Kinder.
Demnach war Baz der begehrte Schwarm aller ledigen Frauen in Marrakesch. Gutaussehend, gepflegt, fleißig und der perfekte Ehemann. Ein Glücksfall für Laila, die sich stillschweigend fragte, warum dieser Traummann überhaupt noch auf dem Heiratsmarkt verfügbar war.
Laila war in der Beschreibung ihres Vaters nicht nur hübsch. Sie war auch rein, folgsam wie ein Lamm, fleißig, still und ergeben und noch unschuldig. Seine Blume von Marrakesch half geschickt im Haushalt und wünschte sich nichts mehr, als mit einem Mann wie Baz eine Menge Kinder, vor allem Jungen, zu bekommen.
Das Problem der Unterkunft der zukünftigen Eheleute wurde auch schon besprochen. Baz würde in der kleinen Wohnung seiner Eltern ein eigenes Zimmer für seine Familie erhalten, denn Jamal und Rahma wollten zugunsten des Eheglücks der jungen Leute künftig ebenfalls in der Küche schlafen.
Den ganzen Nachmittag starrte Baz seine baldige Verlobte mit großen Augen lüstern abschätzend an. Mit jedem Kuchenstück gefiel ihm die Wahl seines Vaters immer besser. Er hätte das Eheversprechen noch heute besiegelt.
Aber eine ganze Kleinigkeit stand der Einigung zwischen den beiden Vätern doch noch im Wege. Als Jamal sich erdreistete, seinen Vetter dritten Grades zu fragen, an welche Mitgift Mohamed denn gedacht hätte, damit Laila seinen Märchenprinz Baz überhaupt heiraten könne, wurde Mohamed plötzlich sehr schweigsam. Hastig versuchte der Brautvater das Thema zu wechseln, aber Jamal bestand auf der üblichen Mitgift für eine junge Frau, die Mohamed allerdings nicht aufbringen konnte.
Unter zwanzigtausend Dirham wäre sein einziger Sohn, die Perle von Marrakesch, nicht zu haben, zumal Baz noch eine glänzende Karriere in der Moped Branche bevorstand. Außerdem würde eine Frau im Haushalt ja auch Kosten verursachen, ganz zu schweigen von den vielen kleinen Jungen, die Laila hoffentlich gebären würde. Und Mohamed würde nach der Hochzeit von Laila, die er selbstverständlich auch ausrichten und bezahlen müsste, viel Geld sparen, denn er hatte ja dann einen Esser weniger zu versorgen.
Mohamed standen die Schweißperlen unter seiner besten Kappe. So viel Geld hatte er noch nie besessen und würde er auch nie besitzen. Selbst wenn er weiterhin geschickt abgestellte Möbel oder Fernseher „entsorgen“ und hinterher auf dem Trödelmarkt verkaufen würde-die geforderte Mitgift würde er nicht zusammenbekommen.
„Wie wäre es mit Ratenzahlung nach der Hochzeit“, schlug Mohamed listig vor. Doch Jamal kannte seinen entfernten Vetter nur allzu gut, und schüttelte den Kopf.
„Aber ich könnte meinen Sohn vielleicht überreden, mit der Hochzeit noch etwas zu warten, damit ihr die Summe ansparen könnt. Nur, lass Dir nicht zu lange Zeit, Mohammed. Die Zahl der Frauen, die Baz begehren, wird immer länger“, war der einzige Kompromiss, den der künftige Schwiegervater eingehen wollte.
Um sein Gesicht zu wahren verabredete Mohamed per Handschlag mit Jamal, dass dieser wichtige Punkt in naher Zukunft nochmal allein zwischen den Familienoberhäuptern ausgehandelt werden solle. Aber scheitern würde die Verbindung ihrer beiden Kinder bestimmt nicht an diesem nebensächlichen Problem.
Als Jamal, Rahma und Baz endlich gegangen waren, kratzte sich Mohamed gedankenverloren im Schritt. An das Problem der Mitgift hatte er noch nicht gedacht. Aber es war richtig. Billiger würde es in keinem Fall werden. Andere Väter würden für eine Hochzeit mit ihrem Sohn eher noch mehr Geld verlangen.
Nach einigen Minuten Nachdenken hatte Mohamed die Lösung. „Du gehst von der Schule und arbeitest. Das Geld, das Du verdienst, lege ich für Deine Mitgift zurück. Wir wollen uns vor Jamals Familie nicht schämen müssen“.
Fatima wagte das erste Mal zu widersprechen und flehte ihren Mann an, dem Kind doch noch Zeit mit der Entscheidung zu geben und Laila, die so gern und fleißig lernte, auf der Schule zu lassen. Auch Lailas verzweifelte Tränen halfen nichts. Der Vater wurde immer verstockter und beharrte darauf, dass Laila zu gehorchen habe.
Schließlich schlug Mohamed mit der Faust heftig auf den Tisch.
„Auf jeden Fall kannst Du Dir diesen windigen Schakal Nabil aus dem Sinn schlagen. Selbst wenn Ajwad, der Sohn einer Hündin, mir eine ordentliche Brautgabe für Dich zahlen würde, Nabil würdest Du nie im Leben bekommen“.
Mohamed machte seine Drohung wahr und meldete Laila in der nächsten Woche in der Schule ab. Ihr Lehrer, Monsieur Attique, beschwor den Vater, seine beste Schülerin doch noch auf der Schule zu lassen. Auch der Direktor bekniete Mohamed, seiner Tochter nicht die Zukunft zu stehlen. Sie würde mit Leichtigkeit die Schulen bis zur Hochschulreife absolvieren. Er selber wollte sich dafür einsetzen, dass Laila eines der wenigen, begehrten Stipendien bekam, um an der ESMA, einer der beiden Universitäten in Marrakesch, studieren zu können.
Nur-all das waren genau die falschen Argumente, die Mohamed gerade nicht hören wollte, und die ihn noch mehr in seiner Entscheidung bestärkten. Kein Mädchen von ihm durfte studieren, zumal seine beiden Jungen an einer weiteren Schulbildung kein Interesse zeigten.
Da Laila die Mindestschulzeit bis zum fünfzehnten Lebensjahr erfüllt hatte, konnten die entsetzten Lehrer nichts gegen die Starrköpfigkeit des Vaters unternehmen. Laila musste ihren blauen Schulkittel und ihre Schulbücher zurückgeben. Nur die alten, abgewetzten Spanisch -und Englisch Lehrbücher von Monsieur Attique durfte sie behalten. Beide Bücher waren ihr ganzer Schatz, den sie unter ihrer Matratze vor ihrem Vater versteckt hielt.
Von einem Tag auf den nächsten musste Laila zu Hause bleiben und der Vater zwang sie, sich irgendeine Arbeit zu suchen. Aber Arbeit war in Marrakesch sehr rar. Es gab zu viele hoffnungslose Tagelöhner, die vom Land in die Stadt drängten; Menschen, die für einen Hungerlohn jede Arbeit angenommen hätten, aber auch keine Arbeit fanden.
Tag für Tag verging und Laila konnte ihrem zornigen Vater abends nur von Absagen berichten. Der wurde immer aufgebrachter.
„Du willst nur nicht arbeiten. Glaubst Du vielleicht, Du kannst mir auf der Nase rumtanzen? Ich war bis jetzt so großzügig und habe Dir die Wahl Deiner Arbeit überlassen. Aber wenn Du nicht willst, werde ich mich selber drum kümmern, Dir eine Arbeit zu suchen. Und Du nimmst jede Arbeit an, die ich finde“.
Damit war das Thema für Mohamed vorerst erledigt. Aber auch er musste in den nächsten Wochen die Erfahrung machen, dass ein Mädchen mit abgebrochener Schule und ohne Ausbildung keine Stelle finden konnte. Selbst junge Menschen mit Hochschulabschluss mussten sich hinterher als Lederwaren-, Teppich- oder Schmuckverkäufer auf Provisionsbasis ohne jede Absicherung verdingen.
Mohamed fand auch keine Arbeit für seine verzweifelte Tochter und wurde immer ungeduldiger und gereizter zu Hause. Fatima musste sich immer öfter den Vorwurf anhören, dass sie ihm zwei Mädchen geboren hatte.
3
Es war ein Zufall, dass Mohamed in seinem Stammcafé von einem anderen Müßiggänger erfahren hatte, dass es achtzig Kilometer weiter westlich von Marrakesch in der Nähe der Kleinstadt Chichaouna an der Fernstraße nach Essaouira, eine Kooperative gab, in der auch ungelernte Frauen eine Arbeit finden konnten.
In der Kooperative Khemisa wurden hunderte von alten Argan Bäumen gepflegt, bewässert und von den Frauen der Kooperative abgeerntet. Die viele tausend Beerenfrüchte mussten aufwändig von Hand geöffnet und entkernt werden. Die Nusskerne wurden sodann mit Steinwerkzeug gespalten und die ausgelösten Samenplättchen geröstet. Im nächsten Arbeitsschritt kneteten und pressten die Frauen die gerösteten Samenplättchen mit einer Steinmühle kalt, um aus dem Teig das wertvolle Arganöl zu gewinnen.
Fast drei Tage braucht eine Arbeiterin, um ohne Maschinen zeitraubend und anstrengend einen Liter reines Arganöl zu gewinnen. Die Kooperative wurde neben vielen anderen in Südmarokko 1996 von der marokkanischen Chemieprofessorin Zoubida Charrouf gegründet. Die Professorin, selbst Halbberberin, hatte an der Universität von Rabat festgestellt, dass Arganöl Saponine, Spinasterol und Schottenol enthält, ebenso einen hohen Anteil von ungesättigten Fettsäuren und Antioxidativen. Damit hilft das wertvolle Öl gegen Krebs, Entzündungen, Durchblutungsbeschwerden, senkt den Cholesterinspiegel und findet auch in der Kosmetikindustrie immer mehr Anwendung, da es Narben- und Faltenbildung vorbeugt.
All das interessierte Mohamed allerdings herzlich wenig. Für ihn war nur wichtig, dass Laila hier eine Möglichkeit hatte, für wenig Geld und unter dem Mindestlohn, aber bei freier Kost und Logis und sogar mit einer Krankenversicherung ohne eine Ausbildung zu arbeiten.
Am nächsten Tag meldete sich Mohamed bei der Arbeit für einige Tage krank, was nicht weiter auffiel, und fuhr mit Laila im Bus bis nach Chichaouna. Weinend hatte Laila von ihrer Mutter und ihren Geschwistern Abschied genommen. Während die Brüder hämisch grinsten, klammerte sich die kleine Nouria vergeblich an ihre große Schwester und die Mutter stieß ein verzweifeltes Wehklagen aus. Es half alles nichts. Mohameds Entschluss stand fest. Laila musste weit weg von Nabil, arbeiten und Geld verdienen.
Fatima hatte ihrer Tochter noch ins Ohr flüstern können, dass sie Samima heimlich unterrichten würde, damit die ihren Sohn Nabil über Lailas neue Unterkunft informieren könne. Auf dem Weg zur Busstation nahm Laila traurig und hoffnungslos die ersten Sonnenstrahlen wahr. Das Rot der ihr so vertrauten Häuser am Rande ihrer Heimatstadt schimmerte früh morgens noch blass.
Ihren Pass hatte Mohamed seiner Tochter vorsorglich abgenommen, als sie mit sehr wenig Gepäck in dem stickig heißen Bus anderthalb Stunden durch die trockene Souss Ebene in die Kleinstadt fuhren. Die letzten fünf Kilometer mussten Vater und Tochter die staubige Landstraße in flirrender Hitze entlanglaufen, bis Reihen von Arganbäumen die Kooperative ankündigten. Bis auf die Anpflanzungen der teilweise schon sehr alten Bäume, war die Gegend so steinig und karg, dass auch das Leben der Vögel verkümmerte.
Ausgezehrt, traurig, hilflos und durstig betrat Laila widerwillig den bekiesten Hof. Alles wirkte hier einfach, aber sauber. An der linken Seite wartete ein Parkplatz auf die ersten Besucherbusse. Vor Kopf trennte eine zwei Meter hohe Mauer den Vorplatz vom eigentlichen Hof der Kooperative.
Mohamed schritt als erster forsch durch das hölzerne Tor und betrat den Hof, in dessen Mitte ein kleiner Brunnen plätschernd Wasser spendete. Laila folgte sehr zögerlich. Sie hatte Angst vor der unbekannten Welt. Zwei alte, knorrige Olivenbäume standen vor einer langen, überdachten Terrasse, die zwanzig Frauen unterschiedlichen Alters Schatten bot. Die Arbeiterinnen saßen auf Kissen, neben sich Körbe, voll mit Argan Früchten. Einige öffneten die Beeren und holten die nussartigen Samen aus der Frucht, andere spalteten die Nüsse und einige pressten mit schweren Steinmühlen das begehrte Öl aus dem gekneteten Teig der Samen.
Mohamed schaute sehr skeptisch. Kein Mann zu sehen, der aufpasste, dass fleißig gearbeitet und nicht geschwätzt wurde. Aber wenigstens trugen alle Frauen Kopftücher. Er ging auf die älteste Arbeiterin zu und verlangte selbstbewusst, den Chef zu sprechen. Zuerst schaute die Alte gar nicht hoch. Als Mohamed seine Frage ungeduldig und lauter wiederholte, blickte ihn die runzlige Arbeiterin etwas spöttisch an.
„Den gibt´s hier nicht“, war alles, was der unsympathische Besucher zu hören bekam. Einige Fragen später war Mohamed zwar schlauer, aber auch frustrierter. Es gab hier tatsächlich keinen Chef. Aber es gab eine Chefin. Lailas Vater war verblüfft und verunsichert. In was für einer Kooperative war er hier nur gelandet? Aber nach einer so langen Fahrt wollte er sein Vorhaben mit Laila jetzt unbedingt zu Ende bringen. Er musste wohl oder übel akzeptieren, mit einer Frau zu verhandeln. Etwas kleinlaut verlangte er, dann eben die Chefin zu sprechen.
Nach einer Viertelstunde Wartezeit erschien Latifa, die Leiterin der kleinen Dorf–Kooperative. Jetzt war Mohamed entsetzt. Latifa war erst Ende zwanzig. Und trug kein Kopftuch. Aus seiner Sicht noch viel zu jung, um ein solches Unternehmen zu leiten. Mohamed empfand es als weiteren Affront, dass die junge Frau ihm gegenüber auch noch erstaunlich selbstbewusst auftrat. Am liebsten wäre er mit seiner Tochter wieder nach Marrakesch zurückgefahren.
Latifa hatte die Situation mit wenigen Blicken erfasst und bot Vater und Tochter in ihrem Büro ein Sitzkissen aus rotem Leder an. Unaufgefordert erschien wie von Geisterhand eine ältere Frau mit heißem, süßem Pfefferminztee, den sie in kleine Teegläser mit silberner Ummantelung goss. Nach dem ersten, unverbindlichen Geplänkel konnte sich Latifa noch ein besseres Bild machen. Laila war nicht freiwillig hier, konnte aber in ihrem Alter nichts gegen den Willen ihres despotischen Vaters unternehmen, der seine Tochter in Khemisa zum Arbeiten zwingen wollte.
Latifa spürte, dass Laila sich in der Gegenwart des autoritären Vaters unwohl fühlte und Angst hatte. Aber vielleicht konnte gerade eine Zeit in der Frauen Kooperative dem Kind helfen, Abstand zu gewinnen, reifer und selbstsicherer zu werden und sich mit zunehmendem Alter gegen den tyrannischen Vater zu behaupten. So wie auch ihr die vergangenen Jahre in der Kooperative geholfen hatten, erwachsen und selbstbewusst zu werden.
Latifa beschloss, Vater und Tochter erstmal die Kooperative zu zeigen, bevor eine Entscheidung getroffen wurde. Alles in den Häusern und im Außenbereich war einfach, aber sauber. Der Schlafsaal für die Frauen, die in eigenen Betten, welche durch Vorhänge abgeteilt werden konnten und mit eigenen Schränken versehen war, wirkte auf Laila befreiend und anheimelnd. Der Speiseraum, die Küche, und die Toiletten-alle Böden waren gefliest und die Wände weiß gekalkt.
Laila registrierte dankbar, dass es sogar Waschbecken und zwei Duschen gab. Aus den Leitungen floss sauberes, klares Wasser und die Fenster ließen Licht und Luft in die Räume. Laila und auch Mohamed waren nur am Staunen. Hier war alles besser, als in dem umgebauten Ziegenstall in Marrakesch, wie sich Mohamed mit aufkommender Missgunst eingestehen musste.
Während der Besichtigung erklärte Latifa die Arbeit in Khemisa, welches wiederum zu einer von sechs Hauptkooperativen gehörte, die zusammen den landwirtschaftlichen Verband „Targanine“ bildeten.
Vor Mohamed erwähnte Latifa nichts von den Fortbildungen für Frauen, die neben der Arbeit hier angeboten wurden. Auch erfuhr der Despot nichts von den Schulungen über das Rechtssystem in Marokko, welche Frauen über ihre Rechte aufklärten, mit dem Ziel, dass sie eine Gleichstellung in der Ehe und zwischen Mann und Frau in der Gesellschaft einfordern konnten. Auch die Alphabetisierungs-, Schneider-, Näh-, und Kunsthandwerkerkurse erwähnte Latifa ebenso wenig wie den Fonds, den „Targanine“ eingerichtet hatte, um Frauen mit zinslosen Darlehen in einer Notsituation zu helfen.
Vor Allem, um sich vor gewalttätigen Ehemännern und Vätern behaupten zu können.
Vielmehr war die junge Leiterin zu Mohamed liebenswürdig, ohne unterwürfig zu wirken. Sie umschmeichelte ihn als verantwortungsbewussten Vater, der diesen langen Weg auf sich genommen hatte, um seiner Tochter eine der wenigen Arbeitsstellen zu vermitteln. Sie erwähnte das ausreichende gesunde Essen und Trinken, die Krankenversicherung und das Geld, das Laila verdienen konnte.
Zwar waren die neunhundert Dirham im Monat auch für marokkanische Verhältnisse nicht viel - sie lagen bei der Hälfte des Mindestlohnes. Aber Mohamed war mittlerweile so tief in dem Netz von respektvollen Liebenswürdigkeiten und Anerkennung über seine Verdienste als Vater gefangen, dass er fast alles akzeptiert hätte.
Und so fiel es ihm auch nicht weiter auf, dass das Gehalt, welches Laila beziehen würde, nicht auf sein Konto gezahlt werden sollte, sondern auf ein Lohnkonto, welches die Kooperative jeweils für die Arbeiterinnen einrichten würde.
Als Latifa den Eindruck gewonnen hatte, dass auch Laila die Arbeit, die Unterkunft und das Angebot der Kooperative gefiel, bereitete sie einen Arbeitsvertrag vor. Mohamed war viel zu stolz, um zuzugeben, dass er nur sehr schlecht lesen, schreiben und rechnen konnte. Zwar tat er so, als würde er das Vertragswerk eingehend studieren, hatte aber nichts von dem Inhalt verstanden, als er den Vertrag mit einigen unkenntlichen arabischen Schriftzeichen von rechts nach links unterschrieb.
Der Abschied von Laila war emotionslos und sehr kurz. Laila schaute ihren Vater nicht an, als der sich von ihr und Latifa verabschiedete und stolz auf sich durch das Tor schritt. Auf dem Rückweg zur Busstation rechnete Mohamed über eine Stunde lang aus, dass Laila fast zwei Jahre arbeiten musste, um die geforderten zwanzigtausend Dirham zu verdienen. Das war ihm viel zu lang. Denn so viel hatte Mohamed schnell begriffen. Dann wäre seine Tochter achtzehn Jahre alt, volljährig und könnte sich ihm in undankbarer Weise widersetzen. Was seine aufsässige Tochter mit Sicherheit machen würde.
Also musste die geforderte Summe schneller aufgebracht werden, um die Hochzeit mit Baz früher feiern zu können. Mohamed überlegte während der Busfahrt krampfhaft, wie er Geld dazuverdienen könnte.
Eine Möglichkeit war nach wie vor der Verkauf von Gegenständen, die anderen gehörten und die er in einem unbewachten Augenblick auf dem Markt „entsorgte“. Das war nicht ohne ein Risiko. Mohamed rieb sich unentschlossen den Stoppelbart. Kurz bevor er Marrakesch erreichte, fiel ihm noch eine Möglichkeit ein, ohne zu investieren, Geld zu verdienen. Er würde seinen beiden Söhnen befehlen, die vielen Hundekadaver, die an den Straßenrändern lagen, aufzusammeln. Ein wunderbares Rohmaterial, und sie würden der Stadtverwaltung noch ein gutes Werk tun, das Mohamed bei seinen Chefs erwähnen wollte. Fatima würde er dann zwingen, aus den Knochen Seife zu kochen, die er an einen der Händler in den Souks verkaufen könnte. Keine großen Beträge, aber im Laufe von über einem Jahr würde ein weiterer Beitrag für Lailas Hochzeit zusammenkommen.
Für seine Verhältnisse gut gelaunt stieg Mohamed aus dem Bus und schlurfte in seinen Pantoffeln zurück in die Arme seiner Familie, die ihn im Grunde genommen nicht vermisst hatte.
Marburg – in diesem Jahr
1
Anton Thaler erwachte schweißgebadet und setzte sich unbeholfen auf seiner durchgelegenen Seegrasmatratze auf. Immer wieder dieser Albtraum.
Alle paar Wochen sah er, wie sie sich ihm aufreizend im weißen Sand wie ein Schlemmerfilet entgegenräkelte, wie sie sich ihm förmlich anbot und entgegenstreckte. Noch unberührt. Wie sie ihn geradezu anbettelte, sie endlich zu nehmen und sich ihm gänzlich geöffnet hatte. Antons Puls und Atem ging immer schneller.
Und dann hörte er wieder hinter sich das Keuchen, Schritte im Sand, während seine eigenen Beine immer schwerer wurden. Nur noch zehn Meter, noch fünf! Anton ruderte mit den Armen, um vorwärts zu kommen. Es half alles nichts. Ein Schatten glitt an ihm vorbei. Seine Füße schlurften nur noch bleiern im Sand.
Tief enttäuscht musste er wieder mit ansehen, wie sich sein eigener Vater, mit einem kompromisslosen „Haben wollen“ in den Pupillen auf das Objekt seiner Begierde stürzte und sie wie immer zuerst in den Händen hielt.
Die weiße, handtellergroße Drehmuschel, makellos hingespült an den Strand von La Herradura, wo Antons Eltern, Klaus und Andrea Thaler, sich vor Jahren ein kleines Ferienhaus bauen ließen. Und in dessen Zimmern sich mittlerweile die übervollen Glaszylinder reihten, in denen sein Vater seit geraumer Zeit seine Beutestücke, die immer seltener werdenden Drehmuscheln, hortete.
Was Anton, dem ältesten „Stammhalter“ von Klaus, am meisten schockierte, war nicht die Tatsache, dass er wie immer im Traum bei der Drehmuschel gegen seinen „Vatter“ den Kürzeren zog, sondern, dass er unbewusst seinem Vater, den er seit Jahren mit seinen Macken auf die Schippe genommen hatte, immer ähnlicher wurde.
Was er nie im Leben wollte.
Es waren ja nicht nur die Drehmuscheln, die ihn seit einiger Zeit faszinierten und die er auch so liebend gern suchen und sammeln wollte. Andere Kleinigkeiten, die sich im Laufe der Semester, die er mit seinem langjährigen Freund Artur, genannt „Lutscher“, wegen dessen früherer Vorliebe für klebrige Lollis, in Marburg Jura studierte, eingeschlichen hatten, wunderten Anton selbst immer mehr.
Da war zum Beispiel seine aufkommende Begeisterung für sehr alte Beatles Songs aus den frühen sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts, über die er sich früher nur lustig gemacht hatte. Denn in der Schulzeit wollte Anton nur Punk, Heavy Metal und Hardrock hören, und zwar sehr laut. Wahrscheinlich, weil die halbe Schule das so gemacht hatte. Und jetzt mit über zwanzig? Ein richtiger Softie war er geworden.
Das Gleiche galt auch für seine aufkommende Begeisterung für Joggen. All das durfte sein „Vatter“ erstmal nicht erfahren. Der fühlte sich sonst noch bestätigt
Anton hatte sich von den sehr überschaubaren Überweisungen seines knausrigen Vaters ein paar Laufschuhe abgespart und joggte dreimal die Woche den steilen Berg bis zum Marburger Schloss hoch. Das hätte Klaus, der selber mit seinen Freunden regelmäßig lief, mit Sicherheit sehr gefreut, was Anton aber gern verhindern wollte. Nachher würde sein „Vatter“ auf die Idee kommen, am Wochenende in Kassel mit ihm eine Runde zum hohen Herkules laufen zu wollen. Und da hätte Anton wahrscheinlich richtig alt ausgesehen.
Richtig geschämt hatte sich Anton aber, als er in einem Reformhaus in der Marburger Altstadt ein Schild sah, auf welchem Weidenröschen Tee im Sonderangebot beworben wurde. Er hatte sich mit größten Gewissensbissen in den Laden geschlichen und sich zweihundert Gramm von dem immer noch teuren Tee gegönnt. Der Tee war seinem Vater seit Jahren heilig, weil er der Meinung war, seine Prostata würde es ihm im Alter sicherlich danken. Wahrscheinlich hatte die Verkäuferin Anton auch deshalb so merkwürdig angesehen, weil kein Student normalerweise diesen heuähnlichen Tee mit dem Geschmack von Pferdepippi kaufen würde. Und weil die Ausgabe für das Gesöff sein Budget bei weitem überschritt, beschloss Anton, jede Portion mindestens dreimal aufzubrühen. Auch deshalb wäre sein sparsamer Vater wieder sehr stolz auf ihn gewesen. Anton konnte machen, was er wollte, seine Erziehung und seine Gene schlugen voll durch.
Die schlimmste Eigenschaft, die sich bei Anton immer stärker zeigte, durfte der „Vatter“ aber nie im Leben mitkriegen: Anton spürte selber, dass er in den zwei Jahren, die er nun schon in Marburg lebte, immer sparsamer wurde. Ein Wesenszug, den er bei seinem „Vatter“ bislang einfach nur peinlich fand.
Die Sparsamkeit hatte sich bei Anton erst langsam entwickelt. Am Anfang war er froh, wenn er am Monatsende etwas von den knappen Überweisungen seiner Eltern übrigbehielt. Er sparte beim Putzen in seinem Zimmer und bei den Staubsauger Beuteln für den alten Sauger, den ihm Klaus zum Einzug großzügig überlassen hatte. Entsprechend sah Antons kleines Zimmer im Dachgeschoß des alten Fachwerkhauses am Marktplatz auch aus.
Die „Wollmäuse“ unter seinem ausgelegenen Bett bildeten mittlerweile eine harmonische Wohngemeinschaft mit der zunehmenden Zahl von übergroßen Silberfischen, die in Antons jahrzehntealter Seegrasmatratze seit Generationen nisteten. Und die nach vier Semestern fast handzahm geworden waren, weil sie bei Anton eh nichts zu befürchten hatten. Lutscher war sowieso der Meinung, die vielen Silberfische wären das Ergebnis eines besonders guten Mikroklimas in ihren Studentenbuden.
Wobei man mit dem Begriff „Klima“ in den Dachzimmern sehr vorsichtig umgehen musste.
Im Sommer glich das kleine Zimmer unter dem nahezu ungedämmten Dach des über fünfhundert Jahre alten Fachwerkhauses einem Römertopf im Backofen. Da musste keiner frieren.
Im Gegensatz zum Winter, in dem Anton versuchte, ökonomisch und ökologisch nur minimal zu heizen, sodass Lutscher, der im Nachbarzimmer hauste, der Meinung war, jede offene Bushaltestelle in Jakutsk wäre im Januar noch gemütlicher, als Antons Zimmer.
Oft genug weigerte sich der Jurastudent, sein Zimmer halbwegs warm zu halten. Denn die einzige Heizquelle war ein steinalter Ölofen der Marke Degussa, den Anton mit einer Kanne regelmäßig befüllen musste. Entsprechend stanken seine Haare, seine Haut und seine Kleidung das gesamte Wintersemester nach Heizöl, sodass Anton nur wenig Lust hatte, die vier Stockwerke in den Keller runter und wieder hoch zu steigen. Erst wenn die Eisblumen jeden Blick nach draußen versperrten und kaum noch Tageslicht ins Zimmer drang, bequemte sich Anton, eines der drei Fässer im Keller anzuzapfen, die dort unter Missachtung jeglicher Umwelt- und Brandschutzauflagen auf dem uralten Lehmboden standen.
Und wenn Anton den Ofen aus den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts doch benutzte, konnte es schnell passieren, dass eine Verstopfung in der Leitung jegliches Heizen verhinderte. Von seinem Vermieter kam dann immer nur die gleiche Antwort: „Ich schicke Ihnen einen Spezialisten vorbei“.
In den nächsten Tagen hörte Anton dann irgendwann am frühen Abend ein heftiges Trampeln, Keuchen und Schnaufen im Treppenhaus, als käme eine Dampflok nach oben.
Gregori, der „Spezialist“ wuchtete seine drei Zentner die alte Holztreppe bis ins Dach. In der linken Hand trug der Deutschrusse das einzige Werkzeug, das er hatte: eine gekürzte Dachlatte. Mit der stocherte Gregori heftig in der Brennkammer, trat zweimal mit den verstärkten Kappen seiner Arbeitsschuhe roh an den scheppernden Ofen, bis das Öl vor lauter Erschütterungen wieder floss.
Der einzige Satz, den der Dicke nach dem dritten Deutschkurs relativ flüssig in Deutsch sprechen konnte, lautete: „Host`n Schnops?“ Letzten Endes war das keine Frage, sondern eine Aufforderung, denn Gregori hatte sein Leben bereits vor langer Zeit dem Alkohol geweiht.
Deshalb hatte sich Anton auch für die Besuche des gewichtigen „Spezialisten“ in einem Billigdiscounter eine Literflasche des billigsten Korns zugelegt, von dem Gregori nach jedem Besuch ein Wasserglas runterstürzte, bevor er mit Getöse die zitternde Holztreppe wieder nach unten stapfte.
Nur - es konnte passieren, dass nach einer Behandlung durch den „Spezialisten“ viel zu viel und zu schnell Öl in die Brennkammer floss, sodass die gusseisernen Platten rot glühten und sich Anton ängstlich überlegte, auf welchem Fluchtweg er die vier Stockwerke nach unten kommen könnte. Also blieb der Ofen lieber aus.
Seit Anton eine feste Freundin hatte, versuchte er noch weiter zu sparen, denn er wollte Frida, der Politik- und Pädagogikstudentin aus dem Norddeutschen, ja ab und zu auch etwas bieten.
Also änderte Anton zwangsweise seine Essgewohnheiten. Er gönnte sich nur noch dreimal die Woche das billigste Stammessen in der Mensa. Zum Beispiel durchgekochte, rosa Labskaus mit Gurke, Linsensuppe oder auch mal ein Spiegelei mit Bratkartoffeln. Ansonsten bestand sein Mittagessen aus einem der großen Mohnstriezel in der Mensa, die nur die Hälfte des Stammessens kosteten, dafür aber den Blutzuckerspiegel schön nach oben trieben.
All das reichte aber nicht, um seine Freundin, die selber auch knapsen musste, ab und zu mal ins Kino oder zum Billardspielen einschließlich Getränk einzuladen.
Also suchte Anton krampfhaft nach weiteren Quellen, um zu sparen. Nicht nur, dass er festgestellt hatte, wie er bei Konzerten in der Marburger Stadthalle durch den Bediensteten Eingang ohne zu zahlen zu einem Kulturerlebnis kam. Wobei ihn ja meistens die Konzerte, in die er sich einschleichen konnte, noch nicht mal sonderlich interessierten. Aber egal - es war kostenlos, und da nahm Anton auch schon mal eine Schlagerparade von abgehalfterten „Stars“ aus den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts in Kauf.
Lutscher hatte ihm zudem vorgeschwärmt, dass man durch Blutspenden auch zu einer monatlichen Mehreinnahme ohne großen Aufwand kommen konnte. „Man könne ja auch noch ganz andere Sachen in der Uni Klinik von sich spenden, was sogar sehr angenehm sein kann“, war Lutschers Überlegung, sein selbstloses Angebot an Körpersäften noch zu diversifizieren.
Zu beiden Möglichkeiten, sich kurzzeitig zu schwächen, hatte Anton aber keine Lust, denn er hatte noch eine weitere Möglichkeit entdeckt, wie er beim Essen weiter sparen konnte.
In Marburg gibt es, wie in allen anderen Universitätsstädten auch, zahlreiche studentische Verbindungen. Und die hatten laufend Nachwuchssorgen. Also wurden die „Frischlinge“ an der Uni mit Handzetteln, Mailings und durch persönliche Ansprachen von „Füchsen“, den Einsteigern bei Verbindungen, eingeladen, das gesellige Leben der Korpsstudenten kennenzulernen. Und dann möglichst auch Mitglied zu werden.
Aber vorher durften sich die neuen Studenten als Gäste abends in den großen Verbindungshäusern so richtig den Bauch vollschlagen. Und damit die Leber nicht vertrocknete, gab es Bier bis zum Abwinken.
Auf diese Weise hatten Anton und Lutscher schon diverse Abendessen kostenlos genossen, teilweise sogar mit Bedienung. Aber beide hatten immer dem wachsenden Druck standgehalten, in eine der Verbindungen einzutreten. Wenn die Erwartung an eine Mitgliedschaft zu groß wurde, wechselten die beiden schnellsten als nicht zahlende, aber anfangs willkommene Gäste in ein anderes Verbindungshaus.
Heute Morgen hatte Anton auf seiner dreiteiligen Matratze verschlafen. Gestern Abend war es bei der „Fidelia“, einer schlagenden Verbindung, wieder hoch her gegangen und sehr spät geworden. Der Jurastudent sprang aus dem Bett, wusch sich sehr flüchtig an dem Fünf Liter Boiler auf dem Gang, sparte sich den Gang auf die nur achtzig Zentimeter breite Toilette, schnappte sich zuerst hektisch seine Unterlagen und dann den alten grünen Parka, der schon in der Ecke stehen konnte und rannte die Barfüßerstraße zwischen den restaurierten Fachwerkhäusern runter. Sein Ziel war das „Landgrafenhaus“, in dem seit über hundert Jahren tausende Studenten mit öffentlichen und zivilen Rechtsfragen gelangweilt wurden.
Als er keuchend vor der Tür des großen Vorlesungssaals L 100 angekommen war, hörte Anton schon, wie von innen ein Schlüssel ins Schloss geschoben wurde. Hastig riss Anton die Tür auf und stand Auge um Auge Professor Fuchs gegenüber. Grauer Anzug mit Weste, Fliege auf weißem Hemd mit verblichenem Kragen, graue Haare und bereits jetzt schon ein hochrotes Gesicht, das auf eine gewisse Reizbarkeit schließen ließ.
Professor Fuchs las Strafrecht, dessen Auswirkungen er durch Überschreitungen der Gesetze regelmäßig bei Selbstversuchen zu spüren bekam.
Denn Wotan Ignaz Egon Fuchs war ein ausgemachter Choleriker vor dem Herrn. Der Pate des kleinen Egon hatte auf dem zusätzlichen Namen Wotan bestanden, weil das Baby bereits in seinen ersten Lebenstagen extreme Schreikrämpfe und plötzlich auftretende, nicht zu bremsende Wutanfälle zeigte. Egons Mutter hatte zwar immer beschwichtigt: „das sind nur Blähungen“, oder „das verwächst sich noch“. Aber als der erste Zahn kam und das Kleinkind aus purer Bosheit seine Mutter heftig beim Stillen gebissen hatte, stimmte sie resigniert dem Namen des germanischen Kriegsgottes zu.
Der Kleine blieb hochcholerisch.
Aus Sicht der meisten Studenten war der Professor, der kurz vor der Emeritierung stand, ein Fall für die „Klapsmühle“. Und ein klassisches Beispiel für die Anwendung des Paragraphen 51 des Strafgesetzbuches.
„Schuldunfähigkeit aufgrund Unzurechnungsfähigkeit wegen Alkoholgenuss“.
Fast wöchentlich stürmte der Professor ins Foyer des Landgrafen- oder des Savigny Hauses und riss wutentbrannt die Büchertische der Studenten um. Am Anfang waren die Tische der Marxisten, Leninisten, Spartakisten, oder der Maoisten das Ziel seiner Attacken. Auf die Farbe Rot reagierte der Professor wie ein spanischer Kampfstier in der Arena. Später hatte sich der Choleriker auch auf Grün eingeschossen und rammte die Tische der strickenden Vertreter der Umweltbewegung. Seit Neuesten verschmähte er noch nicht einmal die Farbe Gelb, der liberalen Gattung, und sogar der Tisch der Schwarzen, des Rings Christlich Demokratischer Studenten, flog in seltener Einigkeit mit den anderen Fraktionen durch den Flur.
Weitere, bei den Studenten immer wieder gern erzählte Beispiele seines Jähzorns, waren das Eintreten einer Tür des Stadtbusses, weil der Fahrer nicht da hielt, wo der Herr Professor gerade mal aussteigen wollte. Oder das hilflose Zusammensacken seines Architekten, weil der krachend in der Linken des Gelehrten gelandet war, dem die neue Garage doch nicht hundertprozentig gefallen hatte. Auch die junge Frau, die bei Dunkelgelb nicht noch über die Ampel gefahren war, sondern sich erdreistet hatte, zu bremsen, sodass der Wissenschaftler ebenfalls nicht mehr über die Ampel, sondern vier Minuten zu spät zum Mittagessen nach Hause kam, konnte ein Lied von der Tobsucht des Strafrechtlers singen. Sie rettete in letzter Sekunde der Verschlussknopf an der Tür ihres „Käfers“, die der Erzürnte aufreißen wollte, um die „total unfähige“ Fahrerin vom Lenkrad zu entfernen. Der prügelnde Welfenprinz Ernst August war dagegen ein Musterknabe an selbstbeherrschter Zurückhaltung.
Deswegen schaute Anton sehr betreten nach unten, als er an der Lehrkraft vorbei auf einen der hinteren, noch freien Plätze schlich. Im Vorlesungssaal nahm Anton wieder den betäubenden Geruch nach Bohnerwachs, abgestandener Luft und saurem Angstschweiß vor Professor Fuchs wahr. Er hatte sowieso keinen guten Stand bei Professor Fuchs, denn die Ergebnisse seiner letzten Strafrechtsklausur waren „serbisch“, sehr beschissen.
Wie jeden Morgen holte der Professor seine Taschenuhr aus der Westentasche, schaute missmutig auf das Ziffernblatt und verschloss um Punkt neun Uhr fünfzehn, cum tempore, die Tür des Vorlesungssaales. Kein/e Student/in kam ab jetzt mehr in den Saal und keiner kam mehr raus. Auch die Fenster mussten geschlossen bleiben. Nichts durfte die geistigen Ergüsse des Professors stören. Lutscher grinste seinen Freund fünf Reihen unterhalb wissend an. Anton musste jetzt schon austreten.
2
„Salve Studiosi“, begrüßte Wotan Fuchs wie üblich die fast zweihundert Studenten vom Katheder, die teils mit übermüdeten Augen auf ihren Laptop oder auf den Bildschirm hinter dem Professor starrten. In der ersten Reihe saßen die üblichen „Verdächtigen“, die „Speichellecker“, die möglichst nah bei der Lehrkraft ein Gesichtsbad nehmen wollten. In der Mitte, nur zwei Meter vom Pult entfernt, hatten Olaf, das „Fressbrett“ und Berti, der „Käse“, ihren Stammplatz belegt. Beide hatten bereits schon gegen halb neun vor der grauen Doppeltür des L 100 rumgelungert, um dem Strafrechtler möglichst nahe zu kommen.
Olaf wurde von den meisten Kommilitonen nur als „Fressbrett“ bezeichnet, weil seine Unterlippe unnatürlich groß war und sehr weit nach vorne hing. Und Bertis Teint und sein Körpergeruch erinnerten alle an einen überreifen französischen Brie. Beide hätten als Bekannte bei Anton und Lutscher niemals landen können, wenn sie nicht Mitglied in einer der wenigen Verbindungen gewesen wären, die Anton und sein Freund noch nicht zum kostenlosen Abendessen beehrt hatten.
Für heute Abend hatte Olaf die beiden zu einer fröhlichen „Kneipe“ mit Offizium und Inoffizium eingeladen. Will heißen, nach dem Abendessen sollte sich höchst akademisch zugedröhnt werden.
Während Herr Fuchs alle nur denkbaren Straftaten bei Vorsatz, bedingtem Vorsatz, Fahrlässigkeit und Unterlassen erläuterte, ruhte sein Blick wohlwollend auf dem „Fressbrett“.
Denn Wotan Fuchs war „Alter Herr“ in Olafs und Bertis schlagender Verbindung „Rheumania“ und bemerkte mitfühlend und begeistert das große Pflaster auf Olafs linker Wange. Gestern Abend war „Mensur“ Nacht. Ein Fechten von Studenten aus unterschiedlichen Verbindungen mit messerscharf geschliffenen Klingen. Der Höhepunkt von Olafs und Bertis monatelangen Paukübungen mit stumpfen Waffen.
Obwohl die Probanden an Körper, Hals und Kopf geschützt waren, blieb doch sehr bewusst der Wangenbereich frei, um den Klingen wenigstens eine kleine Möglichkeit zu eröffnen, den Gegner mit einem gekonnten Nachfedern des Schlägers im Gesicht zu zeichnen. Berti hatte sehr viel Pech und überstand alle zwanzig Gänge der Mensur leider unverletzt. Ein schöner breiter Schmiss, möglichst tiefrot durchblutet, hätte seinem quarkähnlichem Aussehen erst die richtige Note gegeben. Berti hatte sich deshalb gleich für die nächste „Mensur“ Nacht eintragen lassen.
Olaf befürchtete schon, dass ihn das gleiche herbe Schicksal wie Berti ereilen würde und er ohne akademische Auszeichnung das Lokal verlassen müsste. Gott sei Dank senkte Olaf bei der letzten Quart der zwanzig Fechtgänge etwas zu früh den Schläger, sodass die Spitze der gegnerischen Waffe tief in Olafs Wange drang. Sofort sprangen die beiden Sekundanten dazwischen. Nach einem kurzen Moment hatte Olaf den ersten Schock schnell überwunden und bemerkte stolz, wie sein Blut in den Kragen sickerte. Um den anderen Burschenschaftlern eine kleine Freude zu machen, drückte der Gezeichnete seine Zunge durch die offene Wunde und winkte mit der Zungenspitze durch die Wange. Herzlicher Applaus und allseits Begeisterung für diese gelungene Einlage. „Das gibt einen richtig schönen Schmiss“, motivierte ihn der Paukarzt.
Olaf wurde zu einem Schemel geführt, und der Paukarzt holte seinen Koffer. Berti organisierte etwas neidisch eine Flasche Cognac und goss seinem Freund ein Wasserglas ein. Ex und hopp, und schon hielten die beiden Sekundanten den Gezeichneten ganz fest. Ohne Betäubung zog der Arzt dem stolzen Fechtbruder die gebogene Nadel mit blauem Faden durch die Wange und nähte die Wunde mit acht derben Knoten gekonnt zu. Dafür durfte Olaf mit Tränen in den Augen ein zweites Glas Cognac leeren.
Am nächsten Morgen hatte Olaf von der Wunde und vom Cognac einen pochenden Kopf. Die Wunde klopfte auch insofern wie ein Kupferhammer, weil der Gezeichnete gestern nach dem Nähen noch den Wunsch geäußert hatte, den Schmiss mit Bier zu spülen und mit Salz zu bestreuen. Einem Gerücht unter Burschenschaftlern zufolge sollte diese Spezialbehandlung den Schmiss erst so richtig zum Blühen bringen und den Betroffenen zu allen Lebzeiten als standesgemäßen Mensur Schläger kennzeichnen.
Professor Fuchs war das Ergebnis der Mensur Nacht nicht entgangen. Schon deshalb wählte er Olaf und Berti gern aus, ihn diese Woche in die „Sonne“ am Marktplatz zu begleiten. Denn einmal die Woche lud der streitbare Wissenschaftler zwei schleimende Studenten aus der ersten Reihe zum Mittagessen in das alte Restaurant ein, um sich in einer wissenschaftlichen „Disputation“ seine fachlichen und didaktischen Qualitäten von zwei Speichelleckern bestätigen zu lassen.
Olaf konnte heute das Mittagessen leider nicht richtig genießen, denn er konnte nicht kauen und auch nicht ausdrucksstark sprechen. Deshalb musste er zu seinem Bedauern die sehr einseitige Konversation Berti überlassen und konzentrierte sich eine Stunde auf die Vorsuppe. Eine klare Brühe, die ihm immer wieder über das Kinn lief.
Um kurz nach neunzehn Uhr klingelten Anton und Lutscher an der gewaltigen Doppeltür des großen Verbindungshauses unterhalb des Marburger Schlosses. Die pompöse Sandsteinvilla wirkte mit ihrem Turm und den zwei Fachwerkerkern selber wie ein kleines Schloss und stammte aus den seligen Zeiten, als Kaiser Wilhelm noch das Land regierte.
Berti hatte angedeutet, man würde ein weißes Hemd und einen gedeckten Schlips erwarten. Am besten in Grün oder Blau, den Farben der Rheumania. Außerdem wäre ein blaues, graues oder schwarzes Jackett angenehm. Jeans gingen gar nicht, auch keine Turnschuhe. Aber Lederschuhe wären gern gesehen.
All solche Sachen hatten die beiden angehenden Juristen nicht in Marburg im Schrank. Es hatte beide den ganzen Nachmittag gekostet, bis sie nach endlosen Telefonaten, Whatsapps und persönlichem Betteln bei Freunden die gewünschte Kleidung leihen konnten. Allerdings nicht ganz in der benötigten Größe.
Bei Lutscher hörte die viel zu weite Hose fünf Zentimeter über den drückenden Schuhen auf, und das blaue Jackett hing ihm wie ein Poncho über den Schultern. In dem viel zu großen Hemd, dessen Ärmel Lutscher über die Hände rutschten, hatte sein dünner Hals noch jede Menge Spiel. Anton wiederum bekam sein weißes Hemd nicht zu und konnte die graue Jacke nicht schließen. Am bequemsten wäre es gewesen, wenn er das Jackett lässig nur über den Arm geworfen hätte. Seine schwarze Hose in Überlänge hatte er mit vier Sicherheitsnadeln unten umgesteckt, damit er mit den braunen Halbschuhen, in denen seine zu kleinen Füße kaum einen Halt fanden, halbwegs laufen konnte. Beide sahen aus, als wären sie gerade aus einer russischen Clown Schule geflüchtet.
Über dem wuchtigen Eingangsportal des Verbindungshauses protzte das Motto der Rheumania tief in Sandstein eingemeißelt.
„Nihil vocatus et non solution“
Lutscher hatte das mal gegoogelt. Frei übersetzt hieß es: „Kein Alkohol ist auch keine Lösung“. Das versprach ja heiter zu werden. Ein „Fuchs“, ein dienender Frischling in der Verbindung, öffnete mit einem korrekten Diener und führte die beiden Gäste in die große Eingangshalle. In den Ecken waren zwei Ritterrüstungen aufgebaut. Links und rechts von dem Wappen der Rheumania prangten Ölbilder von längst verblichenen erstchargierten Vorsitzenden. Die großen Kerzen in den Metallständern warfen ein flackerndes Licht auf die Köpfe der Anwesenden. Überall standen Korporierte in „Vollwichs“ mit Lederstiefeln, engen, weißen Hosen und einer „Pekesche“, einer Kneipjacke im historischen Husarenstiel mit Kordeln herum. Andere trugen nur die schwarze Kneipjacke mit den goldenen Knöpfen und den Stickereien, und einige wenige hatten sich mit einem schwarzen Anzug begnügt. Aber alle hatten ihre Verbindungsbänder in den Farben der Rheumanen an, ihre „Zipfel“, die kurzen Bänder, welche am Hosenbund hingen und die bunten Mützen auf dem Kopf. Anton und Lutscher wirkten so deplatziert, als wären sie gerade vom Mars gelandet.
Beide wurden höflich gebeten, sich mit einem Füllfederhalter in ein großes, aufgeschlagenes Gästebuch einzutragen. „Hoffentlich ist das nicht schon eine Eintrittserklärung“, argwöhnte Anton und Lutscher murmelte: „Ich fühle mich hier wie in Walhalla“, während er seinen Namen sehr unleserlich in das dicke Buch schrieb.
Hinter allen anderen Namen war ein „Zirkel“ gezeichnet, der erste Buchstabe der Burschenschaft mit Verschlingungen drum herum. Bei den Rheumanen also ein großes R mit kunstvollen Ziselierungen links und rechts. So wie es auch im grün/blauen Wappen der Fechtbrüder dargestellt war. Eigentlich wollten Anton und Lutscher ja nur schnell was essen und trinken und dann unbemerkt schleunigst wieder verschwinden. Aber ganz so einfach würde es wohl heute Abend nicht werden.
Endlich entdeckten Anton und Lutscher das Pflaster des Kommilitonen und die weißen Pickel von Berti. Ansonsten kannten sie niemand hier. Beide standen einige Zeit verunsichert mit dem frisch gezapften Pils in der Hand neben dem Ständer des Gästebuchs, bis Olaf und Berti ihre Gäste freudig begrüßten. Lutscher ließ sich aus Höflichkeit hinreißen, Olaf ein halbherziges Kompliment zu seiner ersten Mensur mit geglücktem Schmiss zu machen. Und Anton wünschte dem Gezeichneten eine möglichst große, breite und dauerhaft rot Narbe, was Olaf mit einem versuchten Lächeln quittierte.
„Es soll ja auch Frauen geben, die auf solche männlichen Verzierungen stehen“, versuchte Anton das Gespräch positiv im Fluss zu halten. Olaf und Berti nickten eifrig. Genau das hatten sie sich erwünscht. Anton wurde jetzt unruhig. Er konnte das Knurren seines Magens kaum noch verbergen. Denn wegen dem versprochenen Abendessen hatte er heute Mittag sogar auf den Mohnstriezel verzichtet, um sich heute bis zur Magenerweiterung voll zu essen.
Das erste Pils spürte Anton daher schon. Aber ohne weitere Nachfrage hatte ihm einer der servilen „Füchse“ bereits ein zweites, frisch gezapftes Helles in die andere Hand gedrückt, bloß weil das erste Glas nur noch halb voll war. „Bei uns wird kein Bier schal“, zwinkerte ihm die aufmerksame Bedienung zu und schwenkte das Tablett Richtung Olaf und Berti, die bereits mit zwei Bier in Vorlage waren.
Alle anderen in der Halle waren anscheinend die endlosen Bierlieferungen gewöhnt und betrachteten die laufend nachgereichten Bierchen als willkommene Grundlage für eine gelungene „Kneipe“.
Endlich war es soweit. Der Erstchargierte bat zu Tisch. Der Hausmeister, dem Anlass entsprechend in schwarzer Hose, weißem Jackett und schwarzer Fliege gekleidet, öffnete die Doppeltür in den Speisesaal. Ein riesiger Raum mit holzverkleideten, dunklen Wänden und einem neugotischen, sehr hohem Deckengewölbe empfing die hungrigen Gäste. Dreißig Gedecke standen auf massiven Eichentischen, die in U-Form aufgestellt waren. Vor Kopf würde das Präsidium sitzen. Die schweren, geschnitzten Stühle stammten noch aus der Gründerzeit vor dem ersten Weltkrieg und hatten Generationen von süffigen „Kneipen“ überstanden. Neben den Tellern standen so große Bierhumpen, dass sich die Maßkrüge auf dem Oktoberfest wie Schnapsgläser ausmachten.
Anton und Lutscher blickten sich hilflos an. Sie würden sich ihr Essen hart ertrinken müssen.
Und ausgerechnet morgen wollten Antons Eltern, Klaus und Andrea Thaler, nach Marburg kommen, um Frida das erste Mal zu treffen. Anton musste also zumindest etwas fit sein, um bei Frida und seinen Eltern einen halbwegs annehmbaren Eindruck zu hinterlassen.
Der Vorsitzende hielt eine Eröffnungsrede, gespickt mit vielen lateinischen Wendungen und begrüßte die beiden Gäste, die als Kommilitonen von Olaf und Berti herzlich willkommen waren. Er äußerte unverblümt die Hoffnung, dass ihnen das lustige Verbindungsleben so gut gefallen würde, dass sie sich als dienende „Füchse“ in ihre Gemeinschaft einbringen wollten. Donnernder Applaus und heftiges Klopfen auf die Eichentische.
„Ein jeder bringt sich bei uns ein, hilft und dient der Gemeinschaft, wo er nur kann. Und feiert gern und kräftig. Dafür kann man dann auch sicherlich das Studentenleben drei Semester länger genießen,“ motivierte der Erstchargierte die ausgehungerten Gäste, deren Magen zunehmend wie ein Hofhund knurrte.
Nach einem weiteren Bier registrierte Anton nur noch leicht verschwommen, dass der Hausmeister endlich die Vorspeise servierte.
Lauwarme Biersuppe mit ein paar verlorenen Zwiebelringen. Auf dem linken und rechten Arm seines noch weißen Jacketts balancierte der vielbeschäftigte Mann jeweils gekonnt drei schwappende Suppentassen, um die illustre Gesellschaft in einer noch tolerierbaren Zeit zu bedienen. Als Lutscher mitbekam, dass immer wieder Schweißtropfen des überlasteten Hausmeisters von der Stirn in die vorderen Tassen tropften, war der Hunger bereits vor dem ersten Gang wie weggeblasen.
Bis alle aufgegessen hatten und der nächste Gang kam, hatte einer der verpflichteten „Füchse“ bereits aufmerksam jedem der Gäste einen frischen Humpen Pils vor die Nase gestellt. Das freundliche Zuprosten des Präsidiums beantworteten Anton und Lutscher nur noch widerwillig.
Der angewelkte Salat als nächster Gang konnte die Wirkung des Humpens nicht im Geringsten mildern. Berti nahm aus den Augenwinkeln wahr, dass seine Gäste bereits schon am frühen Abend erhebliche Ausfälle zeigten. „Ihr seid doch nicht dehydriert?“ sorgte sich der Burschenschaftler um seine beiden Kommilitonen. „Eer`s Gegnteill“, nuschelte Anton unsicher.
„Alles nur Trainingssache. Nach zwei Semestern als „Fuchs“ gibt sich das von alleine“, erklärte Berti, als er für sich und Olaf die nächste Lage herbeiwinkte.
Anton hatte sich mittlerweile als Selbstschutz einen Bierdeckel über sein riesiges Glas gelegt, als endlich der Hauptgang kam. Klöße und Schweinelende in einer Schwarzbiersoße, zu der man Prost sagen konnte. Das etwas zähe, biergetränkte Fleisch ließ Anton lieber liegen und konzentrierte sich auf die Kartoffelklöße. Er hatte nur leider bereits so viel Bier im Magen, dass er nach einem Kloß schlapp machte.
Lutscher erhob sich nach dem zweiten Kloß und schlurfte schwankend zur Toilette. Der Vorsitzende schaute ihm verständnisvoll hinterher, während der Rest der Gemeinschaft mit gutem Appetit zulangte.
„Kann ich Dein Fleisch noch haben?“, fragte Berti Anton, der matt und hilflos nickte. Berti durfte bereits Olafs Fleischportion übernehmen, da Olaf nach der Biersuppe mensurbedingt streikte.
Die Nachspeise wurde von der fröhlichen Zechgemeinschaft bejubelt und die Frau des Hausmeisters wurde mit Beifall bedacht. Es gab ein „Bieramisu“. Ein Tiramisu, welches mit Schwarzbier und schwarzem Kaffee angemacht wurde. Es gab bei den Rheumanen nichts, was nicht in irgendeiner Form mit Bier veredelt wurde.
Die Wirkung war bei Anton verheerend. Während er durch das dunkle Bier in einen zunehmenden Drehschwindel fiel und sich einfach nur noch nach Hause wünschte, putschte ihn gleichzeitig der Kaffee extrem auf. An Schlaf war diese Nacht vermutlich nicht mehr zu denken.
Eigentlich wollten sich Anton und Lutscher nach dem Nachtisch schnellstens verabschieden und Richtung Marktplatz torkeln. Aber der gestrenge Vorsitzende ließ noch keinen vorzeitigen Abschied zu, denn die Gäste müssten ja erst noch die eigentliche „Kneipe“ erleben. Deswegen wären sie ja sicherlich gekommen.
Anton und Lutscher fielen fast vom Stuhl, als der Vorsitzende um „Silentium“ bat, nochmals die beiden volltrunkenen Gäste begrüßte und die „Füchse“ aufforderte, die Kommersbücher zu verteilen.
Jetzt wurde es richtig heiter, denn die Gemeinschaft wollte singen. Der Vorsitzende gab die Liednummern vor, und alle, außer Lutscher und Anton, schlugen begeistert ihre Gesangbücher auf. Nach der feierlichen Ansage „Autem cantabo“ begannen achtundzwanzig Männerkehlen kraftvoll zu singen. In der folgenden Pause entdeckte Anton nach einem kurzen Nickerchen, dass sein bedeckelter Humpen durch ein neues Gefäß mit schäumenden Pils ausgetauscht worden war. Anton versuchte jetzt, beim nächsten Lied noch höflich mit zu lallen, während Lutscher nur noch glasig in sein Buch starrte. „Als ordentlicher Korpsstudent bekommt man vom Biertrinken immer so einen Durst“, nuschelte Olaf erklärend.
Beim nächsten Lied war Olaf etwas unaufmerksam und es passierte ein unverzeihlicher Fauxpas. Der Verbindungsbruder hatte sein Kommersbuch einfach zugeschlagen, bevor der Erstchargierte sein Gesangbuch geschlossen hatte. Die Gemeinschaft hieb grölend die Hände auf die schweren Holztische, als der Vorsitzende die Strafe verkündete.
Olaf musste die Gläser aller Anwesenden austrinken! Und wenn ihm das noch einmal passieren würde, müsste er das Bier seiner Verbindungsbrüder erst in seine Mütze schütten und dann aus der Mütze trinken. Alle, außer Anton und Lutscher, lachten lauthals, weil das so eine lustige Strafe war.
Olaf erhob sich bereits etwas unsicher, ging gehorsam von Platz zu Platz und schüttete sich die Reste jedes Glases seiner Korpsbrüder in die Kehle. Donnernder Beifall, als sich der Verlierer schwankend an seinen Platz tastete. Anton und Lutscher hingegen waren heilfroh, dass Olaf ihnen die Humpen austrinken musste, denn beide hätten ihre Reste nicht mehr in ihrem Körper unterbringen können.
Die Freude währte allerdings nicht allzu lang, denn nach kürzester Zeit standen zwei neue, randvoll gefüllte Humpen vor den beiden Gästen. Beide hatten die Schnauze gestrichen voll und wollten jetzt endgültig nach Hause torkeln. Beim ersten schwankenden Versuch blickte der Erstchargierte vorwurfsvoll zu den beiden Besuchern.
„Haalt-hiergeblieben! Erst wird mit uns noch ein ordentlicher Salamander gerieben!“
Anton und Lutscher erstarrten. Jetzt artete die ganze Veranstaltung zu später Stunde noch in eine Tierquälerei aus. Als Lutscher gerade protestieren wollte, dass „Tsallmanda“ aber artengeschützt wären, erhoben sich alle Teilnehmer der Kneipe sehr förmlich. Der Vorsitzende befahl mit leicht lallender Stimme das alte Ritual:
„ad exercitium salamandri!“
Es folgte ein allseitiges, lautstarkes „Prost“, jeder setzte den Humpen an seine Lippen, und auch die beiden Gäste fühlten sich verpflichtet, ihr Glas bis auf einen Rest zu leeren, der beiden an den Mundwinkeln bis in den Hemdkragen runterlief.
Auf Kommando wurden die leeren Humpen von allen lautstark auf den Tisch geknallt und dann kräftig auf der Holzplatte gerieben. Die ganze Zeremonie wurde dreimal wiederholt. Der Klassiker eines „geriebenen Salamanders“.
Der dann einsetzende Moment absoluter, feierlicher Stille wurde nur von einem unbeabsichtigten, aber dennoch sehr heftigen Entweichen von Kohlensäure aus Lutschers willenlosem Körper unterbrochen. Der Rest der Gemeinschaft nahm das bekannte Geräusch mit verständnisvollem Wohlwollen zur Kenntnis.
Nach dem nächsten, lauthals geschmetterten Lied, hatte der Vorsitzende endlich ein Einsehen. Die beiden Gäste sahen so erbarmungswürdig aus, dass sie vorzeitig entlassen wurden. Der Erstchargierte gab ihnen noch die Erwartung mit auf den Heimweg, dass die Burschenschaft beide doch bald wieder als Gäste und möglichst auch als junge „Füchse“ begrüßen könne.
Als Lutscher und Anton von dem Hausmeister hilfsbereit unter den Armen gefasst und schwankend zur Tür begleitet wurden, schmetterten ihnen achtundzwanzig gut angefeuchtete Kehlen noch ein „Vale fratres spiritu“-„Auf Wiedersehen, Ihr Brüder im Geiste“ nach.
Zum Glück ging es von der trutzigen Verbindungsburg nur abwärts bis zum Marktplatz. Die beiden Gastesser mussten sich gegenseitig stützen, als sie über glattes Kopfsteinpflaster und holprige, ausgetretene Sandsteinstufen, schwankend wie ein Kieslaster in der Kurve, nach unten torkelten. Lutscher schlitterte in eine dunkle Ecke und hielt sich mit der linken Hand würgend an der Hauswand fest. Anton registrierte leicht schadenfroh, dass seinem Freund das günstige Abendessen anscheinend wohl nochmal durch den Kopf ging.
Währenddessen hatte Anton die Stange eines nagelneuen Hinweisschildes für den Aufstieg Richtung Schloss zu fassen bekommen und versuchte, in aufrechter Körperhaltung zu bleiben. Da das Schild aber erst am Nachmittag frisch einbetoniert worden war, stellte Anton mit vernebeltem Hirn verblüfft fest, dass sich die Stange mit ihm gedreht hatte und jetzt in bedrohlicher Schieflage zur Lahn zeigte.
„Is au egaaal,“ meinte Lutscher, als sich die beiden die letzten Meter bis zu ihrem Haus am Marktplatz schleppten. Aber jetzt kam das Schwierigste - die steile, ausgetretene Holztreppe mit den Holzstufen in unterschiedlichen Höhen. Eine Steilvorlage für gelungene Stürze, die beide aber so laut fluchend und grunzend schafften, dass ein Teil der Mitbewohner schimpfend wach geworden war. Anton hatte noch einen halbwegs klaren Moment und hangelte sich den Putzeimer im Flur in sein Zimmer, bevor sein Freund auf die Idee kam, dass ein Eimer vor dem Bett nicht die schlechteste Idee wäre.
„Nie mehr“, ging es Anton, durch den Kopf, als er sich das dritte Mal über den Eimer beugen musste. „Lieber ess´ ich jeden Tag wässrigen Labskaus in der Mensa, als mich noch einmal einladen zu lassen“.
Mit einer unendlichen Rotationsgeschwindigkeit seines Drehschwindels im Hirn versuchte der Jurastudent den Rest der Nacht irgendwie hinter sich zu bringen, damit er den morgigen Besuch seiner Eltern überstehen konnte.
3
Als Anton verkatert wachgeworden war, musste er zwangsweise wieder sparen. Er sparte sich das Frühstück, das er sowieso nicht bei sich behalten hätte. Und er sparte sich auch die kostenlose Dusche im Institut für Leibesübungen, einfach, weil er keine Zeit mehr hatte. Denn es klopfte nicht nur heftig in seinem Kopf, sondern auch an seiner Tür. Draußen stand Frida, seine Freundin seit dem vorletzten Semester und scheuchte ihn mit Vorwürfen am Morgen aus den Federn. Nebenan durfte Lutscher laut schnarchend noch ausschlafen. Beneidenswert.
Richtig, heute war ja Samstag, und die Eltern wollten stören kommen. Antons Mutter, Andrea, hatte schon seit letztem Semester darauf gedrängt, die erste feste Freundin ihres ältesten Sohnes endlich mal kennenzulernen. Klaus, Antons „Vatter“, war die Begegnung dagegen relativ egal. „Der Bursche tobt sich sowieso noch aus und hat bald wieder eine andere. So wie in der Vergangenheit ja auch“, maulte Klaus, der keine richtige Lust hatte, nach Marburg zu fahren. Vor allem nicht, unter diesen Bedingungen.
Denn Anton hatte seiner Mutter sehr vorsichtig am Telefon beigebracht, dass bei Frida der Humor bei jeglicher Umweltverschmutzung flöten ging. Und Klaus` alter Kombi wäre ein Megabeispiel an Umweltverschmutzung. Davor käme nur noch ein veraltetes Kohlekraftwerk in der Ukraine. Was Anton niemand, auch Lutscher nicht, verraten hatte, war die Tatsache, dass Fridas Libido auch nur dann richtig in Fahrt kam, wenn die CO2 Werte auf niedrigem Niveau stabil blieben. Ansonsten musste sich Anton bei hohen Feinstaub- und Abgaswerten nur anhören, dass seine Freundin vollkommen überreizt wäre. „Ich auch, ich auch“, seufzte der Jurastudent resigniert, dem im Wintersemester oder bei Tiefdrucklagen eine harte Zeit bevorstand.
Deshalb hatte Anton seiner Mutter der guten Stimmung wegen vorgeschlagen, dass seine Eltern doch bitte, bitte mit dem Zug nach Marburg kommen sollten. „Und bringt die Räder mit, damit wir etwas rumfahren und unternehmen können“ hatte Anton noch zu einer Zeit ergänzt, als er von den Folgen der Einladung zur „Kneipe“ noch nichts ahnen konnte.
Zu guter Letzt bat Anton seine Eltern noch leicht verschämt darum, seinen „Genderstern“ nicht mit einer falschen Ansprache zu reizen. Frida legte nämlich viel Wert auf eine bewusste, genderspezifische Sprache. Klaus hatte dazu seine eigene Meinung, die er zu Hause ungefragt zum Besten gab. Er genderte auf Teufel komm raus und suchte ständig neue Begriffe, wie er die deutsche Sprache gendergerecht umstellen konnte.
„Der Störenfried – die Störenfrieda, die Krankenschwester - der Krankenbruder; der Sündenbock-die Sündengeiß;“, war noch das Harmloseste, was der Familienvater grinsend vor sich hin brabbelte, während Andrea ihren Mann eindringlich ermahnte, seine Meinung bei dem Besuch in Marburg doch besser für sich zu behalten.
Frida war Samstagvormittag mit ihrem alten Damenfahrrad gekommen und nervte Anton mit ihrer Energie am Morgen. „Ich wünschte nur, die hätte einmal einen Abend bei den Rheumanen erlebt, dann ging`s ihr aber auch anders“, dachte Anton griesgrämig, als er barfuß zu dem Fünf Liter Wasserboiler im Flur schlich, und sich eine flüchtige Katzenwäsche gönnte, was bei der reinlichen Frida eine erste Runzel auf der Stirn provozierte.
Andererseits war dem verkaterten Jurastudenten aufgefallen, dass Fridas Finger aufdringlich nach Terpentin rochen und schwarze Farbreste an Daumen und Zeigefinger klebten. Die Farbe stammte von einer selbstlosen Aktion der jungen Aktivistin. Frida hatte heute Nacht über das „o“ der Mohrenapotheke zwei Punkte getupft. Der Apotheker der nun umbenannten „Möhren Apotheke“ würde sich wundern.
Trotz Antons Bitte sah es Klaus überhaupt nicht ein, seinem ältesten Abkömmling zuliebe mit den Fahrrädern im Zug nach Marburg zu fahren. Viel zu umständlich, zumal er von der Fahrradtour zum Edersee am letzten Wochenende noch den Fahrradgepäckträger auf der Anhängerkupplung sitzen hatte. Außerdem war der Familienvater viel zu ungeschickt, den Träger ohne Hilfe seines Schwiegervaters Herbert auf- und abzubauen. Also blieb das Gerät vorerst auf der Anhängerkupplung sitzen.
„Wir brauchen den Studenten ja nicht alles auf die Nase zu binden. Ich schlage vor, wir fahren mit dem Auto zum Marburger Bahnhof, parken da und fahren vom Parkplatz mit den Rädern in die Stadt. Von mir aus sollen die glauben, wir wären mit dem Zug gefahren“, bestimmte Klaus und hievte mit Andrea die beiden schweren E Bikes auf den Träger. Dass man den gewichtigen Akku abmachen und sich das Heben damit erleichtern könnte, wäre dem unpraktischen Steuerberater niemals in den Sinn gekommen.
„Und Du hältst schön dicht und erzählst Anton und auch Emil nichts“, ermahnte Klaus seine jetzt dreizehnjährige Tochter Emma, die in die Blüte ihrer Pubertät hineinwuchs und häufig genau das Gegenteil machte, was Klaus und Andrea erwarteten. „Ist mir doch vollkommen wumpe, wie Ihr nach Marburg kommt, „Schimmelchen“, Hauptsache Ihr fahrt mich vorher noch auf den Pferdehof“.
Klaus nickte ergeben. Das war zwar ein Umweg, aber Emma wollte den ganzen Tag auf dem Pferdehof mit ihren Freundinnen und ihrem Pony „Schmidtchen“ verbringen, was für die Eltern ein Glücksfall war, denn so war das Kind beschäftigt. Das Wort „Papi“ hatte Emma mittlerweile aus ihrem Sprachschatz entfernt. Seitdem bei ihrem fünfzigjährigen Vater die Haare immer grauer wurden, strich die pferdebegeisterte Amazone ihrem Vater regelmäßig liebevoll über die Haare und nannte ihn nur noch „Schimmelchen“, was Klaus im Familienkreis sogar ganz gut gefiel. Vor Freunden und Bekannten war ihm das reiterliche Kosewort allerdings etwas peinlich.
Thalers mittlerer Sohn, Emil, der mit achtzehn Jahren in der Schule glatt durchgelaufen war und im Frühsommer sein Abitur bestanden hatte, verbrachte jetzt ein ganzes Jahr in Granada, um ein freiwilliges soziales Jahr zu absolvieren.
„So wie Anton mache ich es auf keinen Fall und fange gleich mit irgendeinem Studium an. Ich will erstmal den Kopf frei bekommen, mir ganz in Ruhe überlegen, was ich mal machen möchte, und mich dann in einem Jahr entscheiden“, hatte Emil seinen Eltern nach der Zeugnisübergabe im Gloria Kino erklärt.
Bei Anton hätte Klaus noch die größten Einwände für so eine Idee gehabt, aber jetzt nickte er verständnisvoll. Granada hieß ja auch, dass der Junge ab und zu mit dem Bus an die Küste nach La Herradura fahren und sich um Thalers, außerhalb der Ferien leerstehendes Ferienhaus kümmern konnte. Emil war vernünftig, würde das Haus in Ordnung und sauber halten. Bei Anton war sich Klaus nach dem Chaos Urlaub vor zwei Jahren nicht ganz so sicher.
Außerdem wollten Opa Herbert und Oma Gisela, Andreas Eltern, die in Baños de Fortuna, einem kleinen Thermalbad bei Murcia, im Hinterland der Costa Blanca, überwinterten, ihren Enkel in Granada regelmäßig besuchen und liebend gern verwöhnen.
Emil hatte kurz vor dem Abi noch den Führerschein bestanden. So wie Anton auch vor zwei Jahren in der Fahrschule von Claire Grube, genannt die „Klärgrube“. Zu Klaus großem Glück war der Führerschein diesmal auch nicht so teuer geworden, wie befürchtet, weil Emil, genau wie sein älterer Bruder, regelmäßig auf privaten Plätzen in dessen altem Kombi geübt hatte. Emil und Klaus gingen dabei etwas geduldiger miteinander um, als Klaus und sein Erstgeborener vor zwei Jahren. Aber Klaus empfand sich ja als sensibel, lernfähig und kompromissbereit, was er sich selber regelmäßig gern bestätigte, zumal das anscheinend kein anderer in der Familie bemerkte.
Nachdem Klaus mit Andrea und dem alten Kombi in Marburg angekommen war und lange eine kostenlose Parkmöglichkeit im Gewerbegebiet hinter dem Hauptbahnhof gesucht hatte, fuhren beide mit ihren E Bikes Richtung Elisabethkirche. Andrea hatte ihren Mann während der Autofahrt zweimal daran erinnert, dass es selbstverständlich sei, die erste feste Freundin ihres ältesten Sohnes auch zum Essen einzuladen. Das erste Mal hatte Klaus die Provokation seiner Frau einfach überhört. Beim beharrlichen Nachhaken von Andrea nickte er dann nur kurz. Ihm würde schon was Passendes einfallen.
Kurz hinter der achthundert Jahre alten, gotischen Hallenkirche mit den beiden markanten Türmen und dem Grabmal der Heiligen Elisabeth kam ihnen ihr Sohn mit Freundin entgegen. Beide trugen vorbildlich einen Helm. Unter Fridas Helm flatterte ein langer, roter Pferdeschwanz. Kleidungsmäßig sah die Politikstudentin aus, als gehörte sie zur Kelly Familie aus der Zeit ihrer Auftritte in der Fußgängerzone. Viel sackartiger Plunder, braun, beige und hellgrün, ließ keinerlei weibliche Körperkonturen mehr erkennen. Man konnte Antons Freundin also keine übertriebene Eitelkeit vorwerfen. Und der Große sah mit seinem Helm über den tiefen Augenringen aus, als wäre er gerade aus einem Überraschungsei geschlüpft, fiel Klaus belustigt auf.
Im nächsten Moment merkte Klaus aber mit Schrecken, dass er die Helme in Kassel in der Garage gelassen hatte. Da lagen sie jetzt gut. Aber außerdem hatte ihn sein Kopfschutz sowieso nur gedrückt und gejuckt. Nur - jetzt wäre es vielleicht doch besser gewesen, die Helme dabei zu haben, denn Frida musterte die Eltern ihres Freundes bereits von Weitem sehr kritisch. Eine zweite Falte der Missbilligung zeigte sich auf ihrer Stirn, als Anton seine Eltern seiner Freundin vorstellte.
Nach dem etwas labbrigen Händedruck von Frida, den er erst noch verarbeiten musste, überlegte Klaus fieberhaft, wieso ihm das Gesicht von Frida so bekannt vorkam. Es fiel ihm erst ein, als die Studentin mit einem „Ihr fahrt ja auch Fahrräder mit Lithium Batterien!“ eine gewisse Missbilligung gegenüber den Akkus von Thalers Rädern zum Ausdruck brachte. Jetzt hatte er es. Das Gesicht von Frida erinnerte Klaus erstaunlich an eine Mutation ihres Schafes Lotti, das Emma vor über zwei Jahren mit der Flasche aufgezogen hatte, und das jetzt bei Mike und Ellen Rusher ein Gnadenbrot in einem einsamen Tal der Alpujarras, in der südspanischen Sierra Nevada, bekam.
Klaus spürte, wie sich in seinem Hinterkopf ganz leicht eine gewisse Antipathie aufbaute. Trotzdem zwang er sich zu einem Lächeln, denn Andrea schien der ersten festen Freundin seines ältesten Sohnes auf der Beliebtheitsskala von eins bis zehn bereits schon im Vorfeld mindestens eine Acht gegeben zu haben.
Anton wirkte an diesem Samstagvormittag ziemlich apathisch. „Erstaunlich. Bis jetzt ist der Junge doch nur bergab gefahren“, wunderte sich Klaus, als er die nahe Mensa als Ziel ihrer Fahrradtour vorschlug. Er begründete den sehr fadenscheinigen, aber kostengünstigen Vorschlag damit, dass er das heutige Studentenleben in allen Facetten richtig kennenlernen wollte. Andrea schaute ihren Mann sehr streng an, während Anton spontan konterte: „Die hat am Samstag zu, Vatter. Da musst Du Dir schon was Besseres einfallen lassen“.
Andrea schlug daraufhin die „Dammühle“ vor, jenes beliebte Ausflugslokal, das etwas außerhalb von Marburg im Grünen lag.
„Aber wir haben doch gar nicht reserviert. Wahrscheinlich kriegen wir überhaupt keinen Platz und stehen uns nur die Beine in den Bauch“, versuchte Klaus die drohende, hohe Essensrechnung noch abzuwenden. Es half nichts. Der heute Vormittag so maulfaule Anton fand die Idee seiner Mutter auch gut.
Nur Frida zögerte noch und wollte wissen, ob die dort auch vegetarisches Essen hätten. „Bestimmt gibt es das dort“, legte sich Andrea fest, ohne die Karte zu kennen. Damit musste Klaus sich resigniert geschlagen geben, obwohl er in einem letzten verzweifelten Einwand noch darauf hinwies, dass die beiden Studenten, ohne elektrische Unterstützung, fast zehn Kilometer bergauf fahren müssten.
Auf der Fahrt fuhr Andrea mit Frida plaudernd vor und freute sich, die Freundin von Anton etwas kennenzulernen. Klaus blieb bei Anton, der heute ziemlich matt wirkte, und half dem Jungen, Anschluss zu halten.
Als sie nach einer lang gezogenen Steigung, bei der Antons Gesicht die Farbe einer ungekochten Garnele zeigte, Marburg hinter sich gelassen hatten, kamen Wiesen mit Apfelbäumen an der Straße in Sicht.
Andrea drehte sich zu ihrem Erstgeborenen um. „Ich hab‘ Dir auch Deine Lieblingsäpfel mitgebracht. Braeburn aus Neuseeland“. Andrea zeigte auf ihren gut gefüllten Rucksack. Fridas Stirn bekam eine weitere, sehr tiefe Falte.
„Ich dachte, Du magst meine selbstgesammelten Äpfel am liebsten“, maulte sie Anton enttäuscht an, der vergessen hatte, seine Mutter auch über diesen fruchtigen Punkt zu informieren.
Denn Frida liebte es, auf den Streuobstwiesen um Marburg Falläpfel zu sammeln und ihren Freund alle zwei Wochen mit einem Beutel voller schrumpeliger, wurmstichiger Äpfel zu verwöhnen.
Andrea reagierte instinktiv richtig, als sie Frida erzählte, dass sie ja auch regelmäßig Falläpfel rund um den Pferdehof sammeln würde, um Apfelmus zu kochen. Frida schien etwas versöhnt zu sein. Trotzdem verlief der Rest der Fahrt meist schweigend.
In der Ausflugsgaststätte angekommen, hatte Klaus einen sehr schönen runden Tisch am Panoramafenster entdeckt, der einen wunderbaren Blick auf den großen Garten bot. Alle waren sofort begeistert und nahmen Platz. Sogar Anton taute etwas auf und streichelte die Hand seiner Freundin, die ihm mit etwas besserer Stimmung die vielen Obstbäume auf dem weitläufigen Grundstück zeigte.
Als Klaus auf die Toilette ging, nahm er diskret das kleine Schild mit, das er auf ihrem runden Tisch blitzschnell eingesteckt hatte, und platzierte es auf einem kleinen, noch freien Tisch unmittelbar vor dem Herren WC.
Später registrierte Klaus mit Genugtuung, dass das fleischlose Gericht, welches sich Frida ausgesucht hatte, das preiswerteste auf der Karte war. Langsam wurde ihm die Freundin des Großen doch etwas sympathischer. Anton hingegen spürte nach dem nächtlichen Desaster, dem fehlenden Frühstück und der anstrengenden Fahrradfahrt einen aufkommenden Hunger und bestellte sich das teuerste Essen. Rumpsteak mit allem Schnickschnack und allen, nur denkbaren Zulagen. Klaus` Stirn umwölkte sich, aber seine liebe Frau gab ihm mit einem Tritt auf seinen linken Fuß zu verstehen, dass er besser jeden Kommentar unterlassen sollte.
Als die Ausflügler gerade begonnen hatten, ihr Essen zu genießen, flog die Pendeltür des Restaurants mit heftigem Schwung auf und ein herrischer Mann mit devot wirkender Frau sowie blassem Sohn im Schlepptau stapfte in den Speisesaal. Alle drei trugen Kniebundhosen aus braunem Cord, rot karierte Hemden und einen Tiroler Hut aus grünem Filz. Die Familie war anscheinend von Marburg die zehn Kilometer gewandert und jetzt sehr hungrig und durstig.
Mit Entsetzen erkannte Anton den dominanten Familienvater.
Professor Fuchs schaute sich um, entdeckte den besetzten Tisch am Fenster und verlor so schnell wie ein Chamäleon seine helle, frische Gesichtsfarbe. Im nächsten Moment baute sich der Strafrechtler vor Thalers Tisch auf.
„Sie sitzen hier auf unseren Plätzen. Wir haben ausdrücklich diesen Tisch reserviert. Ich erwarte, dass Sie sich umgehend an einen anderen Tisch begeben“.
Andrea und Anton schauten betreten nach unten. Vor allem Anton betete, dass ihn sein Professor nicht erkennen würde. Frida schaute dem Juristen herausfordernd in das gerötete Gesicht und Klaus reagierte selbstbewusst.
„Der Tisch war frei, als wir gekommen sind. Wenn Sie reserviert hätten, müsste hier ja ein entsprechendes Schild gestanden haben. Und? Sehen Sie hier etwa ein Reservierungsschild? Also besprechen Sie das bitte mit dem Wirt und lassen uns jetzt in Ruhe unser Essen genießen.“
Wotan Fuchs war im ersten Moment sprachlos, im zweiten Moment überlegte er kurz, ob er es hier wie mit den Büchertischen an der Uni handhaben sollte. Dann stürzte er wutschnaubend zur Theke und schnauzte den Wirt an, was für ein Saustall der Laden hier wäre, wo verbindliche Reservierungen nicht eingehalten würden. Der verunsicherte Besitzer blätterte nervös im Reservierungsbuch. Alle anderen Gäste genossen belustigt die Unterhaltung während des Essens.
„Ja, hier sehe ich, Sie hatten um eine Reservierung auf Professor Fuchs gebeten. Aber ein Tisch ist nicht vermerkt“.
„Werter Herr, immer wenn ich mit meiner Gattin und meinem Sohn zu Ihnen komme, nehmen wir diesen Tisch am Fenster, den diese Sippschaft jetzt blockiert“, zischte der Professor und kam dem Wirt bedrohlich nahe.
„Wollen sehen, welcher Tisch noch frei ist. Einen Tisch haben wir ja auf jeden Fall für Sie reserviert“, schwitzte der Inhaber und begab sich auf die Suche im Speisesaal. Sechzig Paar Augen folgten ihm interessiert.
„Richtig, hier steht ja das Reservierungsschild für Sie. Dreizehn Uhr Professor Fuchs. Sie sehen, alles hat seine Richtigkeit“. Und damit zog der Wirt erleichtert die Stühle unter dem kleinen Tisch hervor und bat Familie Fuchs, Platz zu nehmen.
„Nichts hat seine Richtigkeit. Garnichts. Sie wollen uns doch wohl nicht im Ernst unmittelbar vor das Herrenklo setzen. Und das, wo meine Frau so geruchsempfindlich ist. Das nächste Mal werden Sie uns wahrscheinlich gleich auf der Toilette bewirten wollen“. Jetzt brüllte der reizbare Jurist den eingeschüchterten Wirt an, dem die Sache immer unangenehmer wurde.
„So nehmen Sie doch erstmal Platz. Die Herrschaften an dem anderen Tisch sind doch bald fertig, und dann bekommen Sie den Tisch. Währenddessen gibt`s einen Schnaps auf`s Haus“, flüsterte der Patron beschwörend.
„Meine Frau und mein Sohn trinken keinen Schnaps. Also trinke ich drei. Und sehen Sie zu, dass Sie den Tisch am Fenster schnellstens frei kriegen“. Frau Fuchs und der Junior kannten die cholerischen Ausfälle ihres Familienoberhauptes schon und setzten sich wortlos an den kleinen Tisch. In Windeseile hatte der Professor drei Grappa runtergekippt und harrte mit trommelnden Fingern auf dem Tisch auf seinen Stammplatz am Fenster.
Thalers hatten mit Frida in der Zwischenzeit entspannt ihre Mahlzeit genossen. Klaus machte der Auftritt des Cholerikers so viel Spaß, dass ihn die Wahl des Restaurants durch seine Frau und die drohende hohe Rechnung nicht mehr schreckten. Im Gegenteil. Weil er Lust verspürte, den Professor noch weiter zu reizen, ließ er sich in aller Ruhe die Dessertkarte kommen. Anton schaute seinen „Vatter“ erstaunt an. Der hilflose Wirt blickte derweil flehentlich zu Klaus und machte Andeutungen, dass man auch mit einem Nachlass rechnen dürfe, wenn Thalers ihren Platz nur zügig räumen würden.
Aber nichts da. Klaus nötigte seine Familie geradezu, sich noch einen Nachtisch auszusuchen. So kannten Andrea und Anton Klaus bislang nicht. Anton war es recht. Und Frida lernte heute eben einen gänzlich anderen „Vatter“ kennen. Als der Patron nach der Süßspeise blitzschnell die Rechnung auf den Tisch legte, brachte Klaus das Fass zum Überlaufen und bestellte seelenruhig für alle noch einen Espresso. Frida, die norddeutsche Teetrinkerin, wollte stattdessen einen ökologisch unbedenklichen Sencha Tee aus hundert Prozent fairem Anbau. Den einzigen grünen Tee in der wiederum angeforderten Karte prüfte die Studentin zur klammheimlichen Freude von Klaus lange über ihr Handy, bevor sie nach geraumer Zeit eine Bestellung akzeptierte.
Die Adern auf der Nase des wartenden Juristen traten mittlerweile bläulich-violett hervor. Bevor Klaus gemächlich das Portemonnaie suchte, stellte er mit Genugtuung fest, dass der Speisesaal fast leer war, denn die Mittagszeit war rum. Hoffentlich würde die Küche auch bald schließen. Er schlenderte in aller Ruhe an Familie Fuchs vorbei, um nochmal kostenlos die Herrentoilette zu besuchen.
Nur, ganz unproblematisch war der Zugang zum WC nicht. Der Professor hatte seinen Stuhl provokant so weit nach hinten geschoben, dass für alle potentiellen Nutzer die Tür zum Herrenklo versperrt war. Wie in den Vorlesungen des Juristen. Keiner kam mehr rein und keiner kam mehr raus. Erst als Klaus dem verbockten Gast klarmachte, dass er weder bezahlen, noch den Tisch freimachen würde, wenn er sich nicht erleichtern könne, rutschte der wütende Familienvater ganze zwanzig Zentimeter nach vorn. Dafür nahm sich Klaus ausgiebig Zeit, die Hände zu waschen und dann noch fünfzehn von den gratis Werbepostkarten aus dem Wandregal auszusuchen.
Als Klaus dann endlich gezahlt hatte und mit der Familie das geleerte Lokal verließ, hörte er noch, wie der Strafrechtler den blassen Wirt anbellte: „Und merken Sie sich das jetzt für alle Zeiten. Dieser Tisch bleibt nur für Familie Fuchs reserviert. Fuchs wie Reinecke. Ansonsten hetze ich Ihnen das Gesundheitsamt einmal quer durch die Küche. Und dann gute Nacht. Und jetzt bringen Sie schon die Karte.“
„Karte ist aus. Aber es ist noch ein Rest Suppe da“, hörte Klaus beim Rausgehen den Wirt weinerlich stottern. Ein hässliches, klatschendes Geräusch, verbunden mit dem Krachen eines heftig umstürzenden Tisches beendete die unergiebige Auseinandersetzung zwischen dem cholerischen Professor und dem hilflosen Inhaber der Ausflugsgaststätte.
Vor der Tür lachte Frida heute das erste Mal. Klaus fand, es klang wie ein asthmatischer Presslufthammer. Auf der Rückfahrt, die meist bergab ging, entwickelte Anton nach dem ausgiebigen Essen eine Energie, als hätte er Kokablätter als Beilage bekommen.
Andrea wollte in mütterlichem Interesse unbedingt noch Antons Zimmer besichtigen. Klaus war es egal. Im Zimmer angekommen, war Andrea doch über die wohnmäßige Mülltonne ihres Sohnes überrascht. Klaus, der für sein Leben gern saugte, ließ sich von Anton den alten Staubsauger geben, den er dem damaligen Erstsemester zum Einzug geschenkt hatte, und saugte in allen Ecken. Keine Wollmaus mehr, aber der Beutel war voll.
Frida schlug vor, dass sie in dem nun gesäuberten Zimmer doch ein paar ihrer selbst verfassten Haikus vortragen könnte. Andrea war sofort begeistert und Klaus heuchelte ein Interesse an den japanischen Kurzgedichten, musste aber jetzt schon ein Gähnen unterdrücken.
Zufrieden klappte Frida ein kleines Notizbuch auf und begann die Lesung mit der Rezitation eines Obstgedichtes
„Apfel hart und sauer
Krüppelbaum im Hain
nur dem Wurm schmeckt`s fein“
Klaus und Andrea sahen sich hilflos an. Der Tiefgang der dreizeiligen Kurzgedichte „Land der aufgehenden Sonne“ konnte sich nicht jedem erschließen. Mittlerweile war Frida bei einer Ode an ihr Fahrrad gelandet.
„Quietschen, schieben und ermatten
Fahrrad, alt und schwer
gestern hatt` ich einen Platten“
Unmittelbar nach der ersten Zeile setzte passenderweise ein heftiges Quietschen aus dem Nachbarzimmer ein. Lutscher hatte Damenbesuch. Frida stockte und klappte irritiert das Buch zu. Anton feixte wissend und Andrea schaute ihren schmunzelnden Mann verlegen an, schaute dann auf die Uhr und meinte schnell: „Unser Zug fährt doch bald. Wir müssen, Klaus“.
Obwohl Andrea und Klaus es vehement ablehnten, dass die Kinder sie unnötigerweise zum Bahnhof bringen würden, beharrten Anton und Frida, der die Bekanntschaft mit Antons Eltern anscheinend gut gefallen hatte, darauf, den Besuch auf jeden Fall am Bahnhof zu verabschieden. Klaus und Andrea schauten sich so hilflos an, als stände ihnen eine Wurzelbehandlung bevor. Die Kinder gingen ja selbstverständlich davon aus, dass sie mit dem Zug gekommen wären.
Auf der Fahrt zum Bahnhof zeigte Anton seinen Eltern noch stolz das Lokal, in dem er Frida kennengelernt hatte.
„Ich gehe ja in keine Disco mehr. Wegen meinem speziellen Tanzstil hab` ich in Marburg schon dreimal Hausverbot bekommen. Das schein` ich auch von Dir geerbt zu haben, „Vatter“. Du tanzt ja auch wie ein Popcorn in der heißen Pfanne. Deswegen haben wir uns hier beim Billardspielen getroffen“, erklärte Thalers Großer den ungewöhnlichen Treffpunkt am Rande der Altstadt. Das Lokal befand sich im Erdgeschoß eines mittelalterlichen Fachwerkhauses, das sich seit über fünfhundert Jahren an den Schlossberg klammerte. Und weil die Fundamente in den letzten hundert Jahren durch den rumpelnden Autoverkehr immer mehr nachgegeben hatten, hing der Billardraum ziemlich schief.
Alle paar Jahre musste der Wirt die Billardtische mit der Wasserwaage neu vermessen und Keile unter zwei Füße schieben. Jetzt wäre es auch mal wieder überfällig, erklärte Frida, denn die Kugeln würden schon von allein in die Löcher auf der rechten Seite rollen. Billard fand Klaus sofort sehr gut, denn das hatte er selber als Student nächtelang gespielt.
„Wenn wir das nächste Mal kommen, lade ich Euch zum Billardspielen ein. Mal sehen, ob ich Euch schlagen kann. Aber jetzt finden wir schon allein zum Bahnhof. Genießt den Abend noch. Am besten, Ihr spielt gleich ein paar Runden Billard hier“, versuchte Klaus, sich auf die Schnelle zu verabschieden.
„Frida hat aber beschlossen, dass wir Euch auf jeden Fall zum Zug bringen und Euch noch bei der Abfahrt winken, und dann machen wir das dann auch so“, beharrte Anton, der seiner Freundin eine kostenlose Freude bereiten wollte.
Klaus und Andrea fielen keine Argumente mehr ein. Sie kamen aus der Nummer nicht mehr raus. Also fuhren Sie mit den Kindern bis zum Bahnhof und stellten sich mit den Rädern brav auf den Bahnsteig. Nur wenige Minuten später fuhr brausend der stündliche Regionalzug nach Kassel ein. Andrea und Klaus herzten ihren Großen und drückten auch die neue Freundin. Beide bestätigten immer wieder, wie schön doch der Besuch in Marburg gewesen wäre. Beim Einsteigen sprach Andrea eine Einladung für Frida nach Kassel aus, welche die auch wohlwollend dankend annahm. Zischend schlossen sich die Türen und der Zug fuhr ruckend los. Sie waren gefangen. Aber die Kinder winkten ihnen liebevoll hinterher.
„Schöne Scheiße“, fluchte Klaus, der auf dem Streckenplan über dem Fenster festgestellt hatte, dass der Zug das nächste Mal erst in Schwalmstadt hielt. Und das waren über vierzig Kilometer.
Erschöpft sanken beide in die abgewetzten blauen Velours Sitze, nachdem sie ihre Fahrräder im Gang befestigt hatten. Klaus war jetzt hundemüde und kurz vor dem Einschlafen, sodass er die Gefahr nicht spürte, die auf sie zukam.
Kurz vor Schwalmstadt-Treysa näherte sich Thalers von hinten eine blau gekleidete Dame mit fescher roter Kappe, kontrollierte und entwertete die Fahrscheine der mitfahrenden Reisenden. Als sie die dösende Andrea und den übermüdeten Klaus weckte, wussten beide im ersten Moment nicht, um was es ging. Dann fiel es Klaus mit Schrecken ein. In der Eile hatten sie keine Fahrscheine gelöst.
Die blau gekleidete Dame blieb trotzdem verständnisvoll und hilfsbereit. Selbstverständlich könnten sie bei ihr nachlösen. Klaus seufzte erleichtert. Aber es wäre auch neben dem üblichen Fahrpreis eine Strafgebühr von sechzig Euro pro Person fällig.
„Wir nennen das: erhöhtes Beförderungsentgelt“, erklärte die freundliche Dame dem entsetzten Klaus. „Das gilt, wenn Sie sofort zahlen. Ansonsten muss ich Ihre Personalien aufnehmen und die Sache zur Anzeige bringen. Aber dann wird es wirklich teuer“.
Klaus suchte aus Andreas und seinem Portemonnaie hektisch die letzten Scheine zusammen, drückte der verdutzten Kontrolleurin das Geld in die Hand und hetzte mit Andrea zu den Fahrrädern. „Es passt schon. Wir brauchen keine Quittung“, erklärte er der Frau, als sich bereits quietschend die Türen des Zuges öffneten, weil der Zug nur für zwei Minuten in Schwalmstadt hielt. Jetzt nur schnell raus aus dem Zug und zurück nach Marburg.
Mittlerweile war es dunkel geworden, und es hatte angefangen zu regnen. Mindestens zweieinhalb Stunden Fahrt auf der vielbefahrenen Bundesstraße lagen jetzt vor ihnen. Ohne Helm und ohne Regenschutz. Andrea und Klaus waren beide stocksauer. Andrea war auf Klaus sauer und der war ebenfalls auf sich sauer.
„Diese Mist Bahnfahrt war so sinnvoll wie ein zweiter Hintern“, schimpfte Klaus und Andrea maulte, dass sie besser von Anfang an mit offenen Karten hätten spielen sollen.
„Außer, dass Frida vielleicht etwas enttäuscht gewesen wäre, hätte uns doch nichts passieren können. Und wir wären jetzt schon bald zu Hause. Außerdem hätten wir das erhöhte Beförderungsentgelt gespart. Wir könnten das nächste Mal nach Marburg auch gleich die Bahn nehmen. Dann ist Ruhe bei den Kindern. Und billig ist es auch“, warf Andrea ihrem Mann vor, der sich stillschweigend eingestehen musste, dass seine bessere Hälfte mal wieder recht hatte. Er hatte die Fahrt gründlich verbockt.
Als Klaus` Akku nach dreißig Kilometern schlapp machte, weil Klaus das Teil natürlich nicht aufgeladen hatte, stellte Andrea eine berechtigte Frage: „Warum sind wir eigentlich nicht mit dem nächsten Zug nach Marburg zurückgefahren?“
„Weil unser Geld durch die saublöde Strafgebühr alle war und wir nicht nochmal schwarz mit dem Zug fahren können. Ich kriege sonst noch Sicherungsverwahrung und „Schwarzfahren“ darf ich vor Frida erst recht nicht sagen“, stöhnte Klaus pitschnass und trat kräftig in die Pedale, um seiner Frau auch ohne elektrische Hilfe bis zum Auto nach Marburg folgen zu können. Es wurde dreiundzwanzig Uhr, als die beiden durchgeschwitzt und völlig durchnässt bei ihrem alten Kombi ankamen und die Fahrräder aufladen mussten.
Die Rückfahrt nach Kassel verlief dann schweigend.
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