Kitabı oku: «Am Rande der See»

Yazı tipi:

Hans Leip
Am Rande der See
Geschichten von der Wasserkant

Saga

Am

Rande

der See schien

manches voll Liebreiz,

doch nie war das Schreckliche fern.

Ein Leuchtturm wird frisch gestrichen

Als der Holunder zu blühen begann, roch der ganze Deich nach Schnaps und Brot. Es war Juni, und die Mädchen, die gegen die untergehende Sonne lustwandelten, waren trunken von der blühenden Luft. Sie alberten mit den weidenden Lämmern und winkten übermütig den großen Dampfern nach, die in der Breite des Stromes nach Westen in die Welt verschwinden, und auch den weißen Jachtseglern, die sonntags fernab kreuzen und selten auf den Gedanken kommen, bei dem einsamen Deichdorfe anzulegen.

Da geschah es eines Abends, daß ein sonderbares Boot quer über das Fahrwasser genau auf den Ort zuhielt, von einem winzigen Schlepper gezogen. Als es dem Ufer näher kam, wo es flacher wird, warf der Schlepper los und überließ das merkwürdige Fahrzeug seinem Schicksal. Es sah aus wie die Arche Noah, mit der die Kinder spielen. Die Strömung schob es sachte an die Steinböschung heran, doch keine Tiere traten heraus, sondern fünf schweigsame Männer, die mit Stangen nachhalfen. Der Deich ist hier mächtig hoch und beschreibt viele Buchten, und in die größte, wo oben die Mühle steht, bugsierten sie es hinein.

Die Dorfmädchen standen mit wehenden Röcken auf der Deichkrone. Die Männer schielten hinauf, aber vorerst ertönte noch kein Hallo; denn die nördlichen Herzen sind schweigsam und mißtrauisch von Natur. Erst als der Wirt zum „Schönen Blick“ ihnen den besten Liegeplatz hinunterrief, da erfuhr man, daß diese Männer den Leuchtturm frisch zu streichen hatten und vom Staate kamen.

Der Leuchtturm steht nicht weit von der Mühle hinterm Deich. Er ist hoch wie der Großmast eines Vollschiffes, weit höher als der Kirchturm. Seine einst weiße Farbe war in Wind und Wetter ergraut. Manche Leute erinnerten sich daran, wie vor vielen Jahren ein ähnliches Boot und ähnliche Männer gelandet waren, um den Leuchtturm zu streichen, und daß es den Sommer unruhig gewesen war im Orte, nämlich zum Schluß hatte ein Mädchen namens Berta ein Kind gekriegt, man wußte nicht von wem, auch war eine Frau nicht weitab in der Marsch geschieden worden, und eine andere war nach Hamburg gezogen, Ottel Reem hatte ein Auge verloren, und Pümpel, der mit dem Brotwagen, hatte einen ausgerenkten Daumen seitdem.

Die Männer verankerten das ungefüge Boot nach allen Seiten. Man sah, sie gedachten ihre Zeit zu bleiben. Eine schmale lange Planke wurde vom Bordrand auf die unteren Deichsteine gelegt, und das war die Verbindung bei Flut und bei Ebbe. Wie ein ordentliches Haus, so groß war das Boot. Das obere Stockwerk erwies sich, als das Persenning weggezogen wurde, aus aufgepackten Leitern bestehend. Die Männer gingen daran, packten ab und trugen ohne Hast eine nach der andern über die Planke, die sich jedesmal wie eine Hängematte bog unter der Last, schleppten Leitern, Tauwerk, Latten und Eimer den Deich hinauf, auf der andern Seite wieder hinab über den Wiesenweg an die Chaussee bis zum Leuchtturm. Der Leuchtturm ist um die Zeit des Jugendstils errichtet, eben nach dem Eiffelturm, doch nicht vier, sondern sechs Eisenstreben ragen in den Himmel und haben den Schwung eines Kleides unserer Mütter, als sie jung waren, und die mittlere Säule, darin eine Treppe emporführt, ist schlank wie eine Tänzerin vom Montmartre. Hoch oben ist die Laterne wie ein Kopf mit einem chinesischen Hut, und die Galerie darunter gleicht der Halskrause einer Pirouette. Eine etwas fremde, aber lustige Angelegenheit, solch ein Leuchtturm in dieser platten Landschaft, sollte man meinen. Aber die Männer rankten einen unlustig verkniffenen Blick daran hoch und senkten ihn wieder, spien saftig ins grüne Gras und fluchten über die große Arbeit, die ihnen bevorstand, obwohl sie hinterrücks im Gemüt froh waren, daß sie noch Arbeit hatten, wo andere damals nichts als trockenen Karo schoben.

Somit stiegen zwei im Innern hinauf und nahmen die längste und stärkste Leine mit, ließen sie von der Galerie herab und hievten eine Leiter empor, und der eine kletterte dort oben in schwindelnder Höhe unangeseilt übers Geländer und hielt sich mit einer Hand und befestigte die Leiter mit der andern unterm Boden der Galerie, wo extra Haken dafür sind, und schwang sich auf die Sprossen, sprang sozusagen in die freie Luft, stieg bis zum unteren Ende der Leiter und pendelte damit hin und her, bis es richtig lag, und band es fest. Dann kletterte er wieder hoch und tat mit der nächsten Leiter das gleiche und so fort an allen sechs Streben rundherum an der Galerie. Vielleicht hätte man auch vom Turmfuß aus beginnen können, aber der Meister hielt es für richtig, seinen Leuten von Anfang an ein Vorbild zu sein und die Nerven abzuhärten wegen des Schwindelgefühls, jetzt, da sie noch nüchtern von zu Haus und aus dem Winter kamen; denn es war der erste Leuchtturm, den sie dieses Jahr zu streichen hatten. Und er tat es auch, um den Dorfbewohnern, die unten mit Herzklopfen zusahen, wahren Mannesmut zu zeigen.

Als der Leuchtturm nun ganz eingekleidet war in Leitern und Mannshöhe über Mannshöhe dünne Sondergalerien aus Latten und Bohlen in die Sprossen gehängt waren, da zogen vier der Männer schneeweiße Kittel an, setzten grüne Schutzbrillen auf, rührten ungeheuer viel Bleiweiß an und begannen zu streichen. Früh um sechs stiegen sie, den Pinsel zwischen den Zähnen, den schmalen schwankenden Leiterweg gen Himmel, an fünfzig Meter hoch, links und rechts weiter nichts als Luft, und in der Entfernung von unten schrumpften die Sprossen zusammen, als sei es nur ein Strick. Der fünfte Mann blieb an Bord. Er war der Schiffer und sorgte auch fürs Essen.

Nachdem nun die oberen zehn Meter in purem Weiß prangten, wurde ein Kübel kräftiges Rot angesetzt. Denn diesmal sollte der Leuchtturm der besseren Kennung bei diesigem Wetter wegen nicht in eins weiß heruntergestrichen werden, sondern von der Galerie abwechselnd je vier Meter rot und weiß. Das tat zugleich der Würde Hamburgs Genüge; denn es führt diese Farben im Wappen und hat die Aufsicht über die Befeuerung des Fahrwassers bis in die See hinaus. Die Maler nun, wenn sie von den Gerüsten stiegen, sahen bald aus wie Metzger am Schlachttag oder wie Chirurgen nach gefährlichen Amputationen; läßt sich doch ein gelegentlicher Spritzer schlecht vermeiden, wenn die Sache flutschen soll. Und die Mädchen gruselten sich.

Solange die Arbeit noch so hoch war am Leuchtturm, ging alles friedlich zu im Dorfe. Punkt zwölf und Punkt achtzehn schritten die vier weißen Männer, die grünen Brillen in die Stirn geschoben, im Gänsemarsch zu ihrem Hausboot zurück. Dort rauchte der Schornstein, und der Koch brachte kräftige Sachen auf den Tisch, doch mit dem Gewürz war er sparsam, um den Durst und die Laune nicht zu reizen. Am Sonnabend kam der kleine Schleppdampfer und brachte die, welche verheiratet waren, in die Stadt, und der Meister, der unverheiratet war, besuchte seine Mutter auf der anderen Seite des Stromes. Nur einer blieb immer als Wache an Bord zurück, und saß auf der beschränkten Plattform bei dem kleinen Anbau, obschon es dort nicht am lieblichsten roch, und las alte Zeitungen und die Bücher, die der Pastor des Ortes zur Ablenkung aufs Boot geliehen hatte, gähnte und stopfte seine Socken, und die Blicke, die sich von und zu den Mädchen spannen, die in rosa und blaßlila Sonntagskleidern auf dem Deich hin und her gingen, wurden allgemach geneigter.

„Das sind andere Leute als damals!“ sagte der Wirt zum „Schönen Blick“ und sah seine Frau aus tiefen Augenwinkeln an, weil sie Berta hieß und das Kind jetzt seine Tochter war und abends auf dem Deich spazierenging und neugierig war auf die Männer, die den Leuchtturm strichen, genau wie ihre Mutter es gewesen vor achtzehn Jahren.

„Warten wir ab!“ antwortete die Wirtin, und ihr Doppelkinn lächelte böse aus der Erinnerung hervor. „Die sind noch nicht fertig, die Kerls! Aber an Meta kommen sie mir nicht ’ran!“

Meta, das war die Tochter. Der Alte muschelte, da wäre denn ja auch wohl nicht so viel Mitgift bei den dreckigen Zeiten wie dunnemals, um jemand Unschuldigen damit zu angeln und ihm ein Lokal zu kaufen. Vielleicht würde es für einen Brotladen reichen, meinte Meta da spöttisch; denn sie war ein schon selbständiges Kind, wie die heutige Jugend ist, und riskierte ein offenes Wort. Damit war der Punkt vorerst erledigt, und die Eltern sprachen davon, daß man das Lamm, das den Deich abgraste, bald schneiden müsse, damit es ruhiger werde und fetter im Fleisch.

Die Witterung hielt sich einigermaßen den Sommer. Wenn es regnete, blieben die Maler anfangs an Bord und hauten sich in die blaugewürfelten Betten. Das sah wirklich nicht nach Störenfrieden aus. Die Wirtin zum „Schönen Blick“ atmete einesteils auf, andernteils jedoch hatte sie schon mit einigem Verdienst an diesen Brüdern kalkuliert, wo alles zurückging im Geschäftsleben. „Wart man ab“, sagte ihr Mann, „sie kommen noch.“

Und richtig. Als die Männer über die Mitte herunter waren und nicht mehr so lerchenhoch saßen, wurden sie kühner. Der Holunder hatte ausgeblüht, die Beeren waren grün, und auf den Bänken, die schief vom Wind auf der Deichkuppe in die Büsche gedrückt stehen, saßen abends bei Mondschein die Mädchen und sangen zweistimmig. Die vier, fünf Leute aus dem dicken Malerboot wandelten auf dem Deich einher, und sie hatten einen leichten Schritt, fast wie die vornehmen Segler der Jachten, die nur notgedrungen bei schlechtem Sturm den Ort anlaufen. Sie blieben bei dem angepflockten Bockslamm stehen, das war ganz in der Nähe der Mädchen, und die Mädchen schwiegen plötzlich. Aber nach einer Weile, da die Männer sich mit dem Tierlein herumbalgten und sich komisch machten, kicherten sie allesamt, und eine ließ eine Bemerkung entschlüpfen über große und kleine Böcke; das war Meta, die Tochter zum „Schönen Blick“. Nunmehr war bald Unterhaltung genug im Gange. Jedoch als es dunkel wurde und der Leuchtturm sein Licht anzündete, gingen die Männer die Deichtreppe hinunter in die Wirtschaft. Sie hatten in den soliden Wochen viel Geld gespart, es wurde allmählich langweilig, und die Arbeit war jetzt leicht und es war kein Grund mehr, nicht tüchtig einen zu heben.

Und je mehr der Leuchtturm seiner Vollendung entgegengedieh, desto mehr kitzelte ihnen das Geld in der Tasche. Im „Schönen Blick“ spielte jeden Abend das Grammophon und im Gasthaus „Zur Fähre“ das Radio, und im letzteren war nun sonnabends und sonntags Tanzkränzchen, den Leuchtturmmalern zu Ehren, und diese ließen den wöchentlichen Schlepper zumeist leer wieder wegfahren. Von weit her kamen die Mädchen und jungen Leute, und um Mitternacht, wenn Polizeistunde war, johlte es noch lange auf der sonst so stillen Landstraße, und hinter jedem Distelbusch am Deich lagen die flüsternden Paare. Auf den Bänken aber beim Holunder saßen die Alten noch spät, wenn es die Luft erlaubte, und sprachen von den früheren Zeiten und was da alles passiert sei, als der Leuchtturm gestrichen wurde. Weiß und rot blitzte das Leuchtfeuer über den Strom und die weite Marsch. Und der Brotmann Pümpel reckte den steifen Daumen in den Mund und verschwor sich, sein Sohn solle sich nicht dazwischenmischen.

Sein Sohn steckte morgens die Rundstücke in die Beutel, welche zu dem Zweck an den Hausklinken des Dorfes hingen. Abends saß er im „Schönen Blick“. Er hatte es auf Meta, die Wirtstochter, abgesehen. Aber die Maler schienen das Grammophon auch mehr zu lieben als das Radio und die Tanzkränzchen; denn Meta hatte eine bestechende Art, ihnen die schäumenden Kugeln Helles hinzuschwenken, sie hatte stramme Beine und eine schlagfertige Zunge, und das Licht schien durch ihr dünnes Kleid. Dazu waren da seit kurzem drei Damen in „Penschon“, Damen aus der Stadt, wo sie in der Fabrik, die eine bei Puddingpulver, die andere bei Wollsplint, die dritte bei Kautschuk, tätig waren, sie hatten alle zugleich Ferien und waren befreundet und aus Gründen der Billigkeit in das gottverlassene Deichdorf geraten, wo es nicht einmal einen Badestrand gab. Dennoch liefen sie den ganzen Tag irn Badeanzug umher, und die Maler kamen ihnen gerade recht und sie den Malern, so daß die weiteren Schönen des Ortes und das Gasthaus „Zur Fähre“ ins Hintertreffen gerieten. Bezüglich der Tochter Meta jedoch war es der Meister selber, der gewogen blieb. Die Wirtin sah es wohl, jedoch sie beschwichtigte ihr Bedenken, denn es war ja der Meister, der auch ein Motorrad besaß und fast aussah wie ein Kunstmaler und staatlich angestellt war. Damals war es der Meister ja nicht gerade gewesen. Sie betrachtete ihn abschätzend auf Schwiegersohn hin und setzte ihm in der Küche manch kaltes Huhn ohne Anrechnung vor, er war sanftmütig und spielte mit dem Wirte und mit Brotmann Pümpels Sohn Schafskopf bis spät in manche Nacht. Meta saß dabei und tat, als ahne sie nichts, und holte Bier aus dem Keller und goß Steinhäger ein und war freundlich zu jedem, der da kam. Oh, es war ein Leben und Treiben im Dorfe, und der Koch brachte dem Pastor die ablenkenden Schriften mit Dank zurück.

Die Fliederbeeren, wie man die vom Holunder nennt, wurden schwarz und reif. „Die geben gute Hitze!“ sagte die Wirtin und lud den Meister zur Suppe ein. Aber auch die übrigen kamen mit; denn es war August geworden. Und Pümpels Sohn kam auch und auch Heinrich von der Mühle und etliche andere. Die „Penschonärinnen“ jedoch waren schon wieder abgereist, ihre Ferien waren nicht wie etwa bei Lehrerinnen so groß.

Diesen letzten Abend war es anfangs recht still im „Schönen Blick“, doch später machte der gläserne Stiefel die Runde und wurde oft geleert nach Handwerksbrauch, und Pümpels Sohn holte seine Harmonika, und man sang das Lied vom Pfannenflicker und tanzte mit Meta und untereinander, und Heinrich von der Mühle sagte, die Damen aus der Stadt hätten es auch wohl gut gekonnt, nun sei er an der Tour, und der Koch sagte, er habe auf „Friedrich dem Großen“ gedient im Skagerrak und brauche sich das nicht bieten zu lassen, und Pümpels Sohn sagte, Meta würde sich mit keinem Kletteraffen einlassen, und die Wirtin sagte, ihr Haus sei ein reines Haus, und der eine Maler, der von den Maurern herkam und das Händeklatschen vorführen wollte, wie es zünftig ist, hieb jemanden versehentlich in die Fresse, und ein wenig später alarmierte der Wirt den Gendarm, und manches war danach trotzdem blau, zerbrochen, eingeknickt und ausgerenkt. Und dann wurde weiter Abschied gefeiert.

Der Meister und Meta waren dem Krakeel entronnen und saßen auf der Holunderbank, und sie weinte, sie habe sich schon drei Morgende übergeben. Da standen sie auf. Der Schafbock, der so munter gewesen war vor zwei Monaten, kaute träge im abnehmenden Mond und war den Tag ein Hammel geworden. „Dja“, sagte der Meister trübe, und weiter sagte er nichts und verzog sich auf sein Boot, das schon wieder bepackt war mit den Haufen der Leitern, und seine Leute kamen um die Frühdämmerung ebenfalls, mitgenommen, sternhagelvoll, doch vergnügt. Hinter ihnen, verbunden und geschient, humpelten einige vom Dorfe und hofften giftig, daß die verfluchten Maler allesamt in den Bach kippen würden. Aber sicher wie die Engel glitten sie über den dünnen Plankensteg an Bord, obwohl er sich wie eine Sense krümmte. Um sieben Uhr kam der Schlepper und holte die Arche Noah wieder ab, um sie nach Bützfleth zu bringen oder zum Hungrigen Wolf oder wo sonst ein Leuchtturm zu streichen ist.

Die Deichflicker

Der Deich war schadhaft geworden. Es ist an der gefährlichsten Stelle des Stromes, schon nahe der See. Die Tiden nagen an der gewaltigen Böschung, die von Menschen aufgerichtet, die Marschen schützen sollen, das saftige Weideland, das tiefer liegt als der mittlere Wasserspiegel. Wenn der Mond wechselt und es Springflut gibt, dann klauben die Brecher dicke Granitblöcke aus dem Deich leicht wie ein Jungensdaumen die Rosinen aus dem Weihnachtsklöben.

Die Bauern schrieben an die Regierung. Es dauerte lange, aber eines Tages kam der Staatskommissar und beaugenscheinigte. Und als der nächste Frühling aufzog und der Schaden noch ein gutes Stück teurer war, kam die Sache denn in Schwung. Es war um die Zeit, da es der Landwirtschaft schlecht ging und die Weltmärkte die Erzeugnisse unter Preis lieferten. Somit waren die Bauern froh, bei der Deichflickerei anzuhaken, wenn sie es auch früher verachtet hatten. Gewiß, in einer verschollenen Großväterzeit hatte jedermann einst kostenlos am Deiche mitzuarbeiten gehabt nach dem harten Motto: Wer nicht will dieken, mutt wieken. Heute jedoch, so deuchte es ihnen, wäre es noch schöner gewesen, dem Staate, der seine Steuerblutegel an jedwede Beutelfalte legte, für nichts und wieder nichts untern Arm zu fassen. Und man nahm den sauren Lohn des Arbeitsmannes ohne viel Dank als selbstredend hin. Und sie sprachen obendrein davon, daß es anders werden müsse, und daß die zu Neumünster es bloß man zu dummerhaftig angefangen hätten.

Nun wurden erst mal die Ruinen der alten Steinsetzung entfernt. Der Deich ist hier hoch wie ein vierstöckiges Haus in der Stadt und sah in seinem unteren Teile aus, als hätte die polnische Marine ein Übungsschießen darauf abgehalten. Die Löcher waren muddig voll Brackwasser, und wenn man die noch vorhandenen, von Tang und Algen schlüpfrigen Blöcke zu je vier Mann hochböhrte, schlängelten sich grüne Glasaale darunter, und auch an Wollhandkrabben war kein Mangel. Danach kam eine Schute voll schlanker Kiefernstämme, die man zu mannslangen Pfählen zersägte und sie unten zuspitzte und in den gehörigen Abständen zu niedrigen Palisaden verrammte. Und der Deich roch würzig nach den Heidewäldern, deren sanfte Wipfelbögen man dünn über das ferne andere Ufer blauen sah. Sodann kamen Ewer mit Bauschutt, der von staatlichen Gebäuden stammte, ebenso wie auch die Kiefernstämme von der Regierung kamen, und weil alle sozusagen an der gleichen Kuh sogen, überstürzten sich die Bauern nicht mit der Unterschüttung und dem Glätten der Löcher. Auf der Deichkrone stand ein Maler, der aus einer bessern Gegend her verirrt schien, dem Anzug nach. Und er malte die „Arbeit“ und setzte seinen Ehrgeiz in große Bewegungen. Peter Kleuden aber sagte, er störe seine Ziege, die da auf dem grünen Teil weidete, und sah es sich an, schüttelte den prallen Kartoffelkopf, schneuzte sich durch zwei Finger und wischte mit dem roten Flanelltuche nach. „So scharp wird nich arbeit’ bi de Regierung!“ äußerte er mißbilligend und steckte die Ziegenkette ein paar Schritte weiter weg, und seitdem gilt Kunst hier weniger denn Stiefelwichse.

Dann aber kam der Schiffer mit den Steinen, und der wurde pro Ladung entlohnt. Darum hatte er es eiliger als die anderen. Sein langes Fahrzeug hatte nur einen Mast, der war aber stämmig genug, um mit dem angehievten Schotbaum einen kräftigen Kran abzugeben. An der Nock wurde ein vernünftiger Flaschenzug befestigt, und das Windetau hatte keinen einfachen Haken, sondern eine gewaltige Zange, mit der wurden die großen Steinblöcke erfaßt und schwebten aus dem Schiffsbauche empor, drehten sich schwerfällig in der Luft und wurden niedergelassen auf den einrädrigen Schubkarren, der da schon wartete. Und der Bauer, dessen Karren es gerade war, warf einen abschätzend finsteren Blick auf das feuchte Ungeheuer, das scharf nach verwesendem Seeschleim roch und nach der salzigen Tiefe, aus der es der Schiffer gefischt hatte, und spuckte in die groben Fäuste, schob den Gurt über den Nacken, ergriff die Karrendeichseln, drückte das Kreuz durch und schob bedächtig die jankende Last an Land über die schmalen verwetzten Bretter, die von der Schiffsluke über Bord auf ein paar zitternden Absteifungen an den Deichfuß und die Böschung hinanführten. War er an die Stelle gelangt, wo die Steine benötigt wurden, ließ er mit grunzendem Laut den von der Anstrengung verpreßten Atem entfliehen, die Karre neigte sich zur Seite, und der Stein purzelte heraus.

Es hat gar kein Tempo! knurrte der Schiffer: In drei Tagen müsse der Kahn gelöscht sein. Die Bauern grinsten hämisch. Und auch Peter Kleudens Ziege meckerte herab. Sie war von der gelbschwarzen Sorte und hatte ein Gesicht wie der Leibhaftige. Die Bauern achteten dessen nicht, aber dem Schiffer war es sonderbar. Er war ein langer dürrer Mann mit einem Knebelbart, der aussah wie ein gestutzter Strohwisch. Das war den Bauern gleich verdächtig vorgekommen. Er ging auch nicht in die Wirtschaft, er fragte Kleuden, ob er von der Ziegenmilch haben könne. Kleuden sagte verächtlich: Nö! Ein Schiffer, der Milch trank, war ihm noch nicht begegnet. Da versuchte es der Schiffer im Dorf und kriegte welche bei der tauben Witwe Tiedemann. Abends saß er auf dem Deich und erzählte den Kindern gruselige Geschichten.

Sechs Tage brauchten die Bauern wie der liebe Gott bei der Schöpfung, dann war der letzte Stein ans Licht. Der Schiffer setzte sein braunes Segel und rutschte mit der Ebbe seewärts, um eine neue Ladung zu fischen. Die Bauern packten nun die großen Steine einen neben den andern auf die Schuttunterlage. Sie hatten Glück, da der Regierungsbeamte gerade jetzt zur Kontrolle kam; denn das Einpassen und Zurechtklopfen der Blöcke und das Berammen der Zwischenräume mit geeigneten Splittern muß sorgfältig geschehen und ist eine von Natur langsame Arbeit. Der Maler, der sich noch immer in der Gegend herumtrieb, meinte zwar, es sei einfacher und eleganter, eine glatte Zementböschung hinzugießen wie zu Gibraltar, der hatte aber keine Ahnung, daß ein Deich in sich federn muß im Schwell der Naturgewalten, genau wie eine Matratze, wenn sie nicht vorzeitig Kuhlen kriegen soll.

Nach wenigen Tagen schon war der Schiffer wieder da, sein langer Kahn lag bis an die Lademarke im Wasser, er wußte, was er dem Auftraggeber schuldig war, und die Bauern sagten bedauernd, wenn es ein bißchen gebrist hätte, wäre er abgesoffen mit seinen Steinen. Sie meinten es aber im Herzensgrunde nicht so schlimm, handelte es sich doch um ihre Länder, die da vorm Versaufen geschützt werden sollten. Nun ging die Plackerei mit dem Karrenschieben wieder los, eine wahre Knochenarbeit, und das mit weit weniger Umschichtigkeit, weil die schon vorhandenen Steine noch lange nicht eingebaut waren, und die, die das Einpassen besonders gut zu können meinten, durchaus keine Lust zeigten, Karrenhund zu spielen, was der Deichvogt denn auch so entschied. Dem Schiffer war es nicht recht. Er wollte seinen Kontrakt auf zehn Ladungen abgerissen haben, bevor im Alten Lande die Kirschen reif seien, deren Transport nach Hamburg wie auch späterhin die Äpfel und das Frachtgeld für beide er nicht missen wollte. Darum knurrte er, so oft es ging: Gau, gau, man’ büschen hü! Und die Bauern nannten ihn deswegen Käptn Hü.

Sie hatten auch die taube Witwe Tiedemann verständigt, wo er die Milch bezog, so daß sie ihm, als er wieder kam, richtig sagte, sie müsse nun alles an die Meierei liefern. Er versuchte es an andern Stellen, aber alle wußten Bescheid, es gab überall Ausreden. Bis auf eine junge Frau, die von der hohen Geest war, wo die Herzen milder sind, die sagte, wenn ihr Mann nicht wäre, dann gern. Wenn er mal nicht da sei und zur Versammlung, dann vielleicht. Dann würde sie die Ziege selber holen.

Es war Peter Kleudens Frau. Und die Ziege weidet noch immer am Deich. Peter steckte ihren Kettenpfosten dem Fortschritt der Arbeit gemäß, damit er sie im Auge habe. Mittags besorgte er Wasser für sie, und bei Feierabend zottelte er mit ihr nach Hause. Da molk sie seine Frau im Stall, er stand dabei, und dann mußte sie die Milch trinken, solange sie noch warm war; denn er wollte allmählich gern einen Stammhalter haben; und aus dem übrigen wurde Käse gemacht.

Der Schiffer, Käptn Hü, trank Tee, und die Bauern merkten, daß er nach Rum roch, und sagten, den hat er geschmuggelt. Er aber schrie: „Hü! Das ist ja ’n Tempo wie ’ne Fliege in der Buttermilch!“ Es war den dritten Morgen bei der zweiten Ladung. Da sagte einer der Bauern so aus den Kusen ’raus: Er könne es ja selber mal versuchen, so eine Karre voll den Deich ’raufzuknacken. Dann könne er mal sehen, ob es gauer ginge und mit mehr Hü. Der lange Schiffer spie giftig über Backbord. Aber es war an sein Ehrgefühl und seine Muskulatur gekitzelt worden. Da half nichts. Er tat einen gesalzenen Fluch und packte die Karrenstengel mit seinen teerigen Flossen, als seien es Suppenschleefe. Den Schultergurt ließ er mißachtend baumeln, wo er baumeln mochte. Die Bauern hatten es so abgepaßt, daß gerade ein besonders fetter Brocken auf dem Schub lag. Der Schiffer kam aber gut damit über Bord, er war die Balance auf schmalen Wegen ja gewohnt. Wo die Bahn jedoch zu steigen begann, da rührte es ihm an die Puste. Er ließ nicht locker, er wollte es den Klutenpeddern schon zeigen, was Seemann heißt und Murr in den Kaldaunen. Aber die Bauern merkten ihm die Säuernis an. Tempo, hü! grölten sie, und Peter Kleuden, der ducknackig und krumm die Klappe am weitesten aufriß, fügte genußreich hinzu: „Kiek, sien Mors röögt sick all!“ — Das hatte zur Wirkung, daß der Schiffer seine Aufmerksamkeit mehr auf seinen Achtersteven legte als gut war, und obwohl er trotzdem unter Ächzen und Stöhnen die halbe Deichhöhe, wohin der Stein sollte, sicher noch eben erreicht hätte, kam ihm nun der schnöde verschmähte Gurt ins Gehege, der da tückisch nachschleifte, und unter seine Sohle geriet, so daß es einen Zuck gab und seine Kraft wie von einem elektrischen Schlag gestoppt wurde und nicht nur der Stein, sondern auch die Karre auf die Böschung kippte. Das Gepolter wurde vom Hohngeschrei der Bauern übertrumpft. Der Schiffer verzog keine weitere Miene, sondern ging in seine Kombüse, und für den Tag war das Gau und Hü zum Schweigen gebracht. Die Bauern fühlten sich noch bedeutender als vorher. Der Hauch der Freiheit schwelte über ihrer Knechtsarbeit, und sie sprachen von der Geheimversammlung, die den Abend stattfinden sollte, und von der blutroten Fahne mit dem schwarzen Pflug und dem weißen Schwert. Steif und bedrohlich schwangen sie die Fäuste, trampelten auch auf der Luke herum und kündigten allen Bluthunden das Morgenrot der Rache an. Sie machten auch früher Feierabend. Und Peter Kleuden ließ die Ziege noch am Deich, da sie ihr Quantum noch nicht hatte.

Als alles still war, kam der Schiffer wieder aus seiner Luke, ging an Land und setzte sich oben auf den Deich ins Gras. Die Sonne rollte sich in einen wurstförmigen Wolkenflunsch, daraus wuchsen Windbäume auf, es glusterte an ihren Wurzeln, als sollte es Feuer geben. Das Wasser war hart und grau. Ein Dampfer glitt nach Amerika wie auf rostigen Eisenschienen. Die Möwen miauten ihm nach. Die Flut knisterte an den neuen Böschungssteinen, kam höher und färbte die hell abgeschlagenen Flächen dunkelnaß. Die Ziege riß an ihrem Pfahl. Sie schwieg und sah den Schiffer mit bösen gelben Augen an, und ihr ganzes höllisches Aussehen paßte gut zu dem brandigen Himmel und der steigenden Sintflut. Die Schwalben flitzten tief, sie stießen fast an des Schiffers Beine, um die Mücken zu gnappen, die sich um seine Socken sammelten. Er bohrte verdrossen mit einem Kieferspan im Boden. Dünne Regenwürmer spulten sich hervor, die glaubten, der Maulwurf komme. Er faßte sie spitz mit seinen klobigen Fingern und warf sie in die Luft. Aber die Schwalben wiesen ihm die weißen Bäuche und hatten keinen Appetit. Und die Kinder kamen den Abend auch nicht. Die Väter hatten es ihnen gründlich verboten.

Dafür aber wandelte der Landjäger übern Deich und hatte den Zöllner bei sich. Die beiden blieben bei dem Schiffer stehen, an ihre Fahrräder gelehnt wie pappene Reklamebilder an die hintergeklebte Stütze. Der Schiffer ließ sich nicht stören, und sie begannen, über das Wetter zu sprechen, und daß man mit den Metten lieber angeln solle. Schließlich räusperte sich der Landjäger und sagte, sie wollten eigentlich mal einen Blick in seinen Kahn schmeißen. Und der Zöllner rückte seinen Schnurbart zurecht und sagte: „Sie haben nämlich Rum an Bord!“

„Stimmt!“ antwortete der Schiffer grienend: „Ihr könnt ’n Schluck kriegen!“ Und damit blieb er sitzen. Die beiden Grünröcke wiesen den Bestechungsversuch in seine Grenzen zurück und schoben sich mit gebreiteten Armen und wackelnden Knien über die mageren Laufbretter, tauchten in den Bauch des Kahnes, rumorten zwischen den Steinen, kletterten in die Kabüse, stocherten mit der Plempe in die Koje, den Ofen, ins Kabelgatt, ins Gemach und in alle Ecken. Mit einer Rumflasche, die halb gefüllt war, erschienen sie wieder an der Oberwelt. „Ist das alles“: schrie der Zöllner.

„Müßt ihr ja wissen!“ rief der Schiffer gnatzig zurück. Kam dann aber auch seinerseits an Bord und ließ die Güte der Flüssigkeit probieren, pur, da man keine Zeit mit Wasserheißmachen vergeuden wollte. Und er sagte, er trinke ihn gewöhnlich mit heißer Milch und Klundjezucker, das sei gut für die Brust. Und wie sie auf die Idee gekommen seien?

Oh, es war so Gerede in der Wirtschaft. Gerüchte. Dazu sind wir als Beamte ja da, erklärten sie wegwerfend.

Der Schiffer pfiff böse durch eine Zahnlücke. Denn komme es auf ein büschen mehr oder weniger Gerede ja nicht auf an. Denn sollten sie man mal im Grenzhaus vorgehen, da neumünstert sich was. Und das seien die richtigen Schmuggelanten, die sich vorn von der Regierung bezahlen lassen für ihr Deichgeflicke und Faulenzen und sie hinten umstürzen. Die Grünen zwinkerten ihm zu. Und er sagte prost und versöhnte sich; denn durch die Luke sah er die junge Frau von der Geest, wie sie die Ziege vom Deich holte. Als sie die Flasche ledig hatten, nahmen die Beamten ihre Räder. Ihre Mienen waren kriegerisch, sie fuhren in Richtung Grenzhaus davon. Doch auf halbem Wege überlegten sie es sich, bogen nach der Poststelle ab und weckten Verstärkung an.

Der Schiffer stieg wieder auf den Deich. Das Dorf war merkwürdig still. Er holte tief Luft, seine Brust schmerzte von der Anstrengung am Morgen. Denn muß ich doch wohl mal Milch trinken, sagte er sich: Wie du mir, so ich dir! Die Brüder sind es nicht besser wert! Und damit ging er hinunter in Peter Kleudens Strohkate, und er kriegte schön warm zu trinken und konnte sich auch im übrigen nicht über Kälte beklagen.

In der Nacht, als im Grenzhaus die Versammlung mit Stank und Krach und etlichen Zertrümmerungen aufgelöst war und die größten Skandalmacher verschütt gingen, kam Peter Kleuden mit einem dicken Auge davon und mehrere andere mit ihm, und sie rechneten sich unterwegs aus, daß kein anderer als der verdammte Käptn Hü das Ding verraten haben könne. Sie schlichen daher nicht gleich nach Haus, sondern auf den Kahn, um den Schiffer gehörig zu vermöbeln. Der Schiffer war aber nicht da. Da glaubten sie erfreut, er sei auf ihre Anspielung wegen Schmuggelns eingebuchtet, und taten ein übriges, schon um die Deichflickerei noch ein wenig zu strecken, kriegten einen Bohrer aus dem Werkzeugkasten, und Kleuden bohrte eigenhändig Käptn Hüs Eigentum unter der Wasserlinie an. Denn mit dem „Wie du mir“ springt das Schicksal manchmal komisch um. Und der Schiffer kam, als sie gerade verdufteten, sagte nicht viel, kriegte nasse Füße und stopfte das Loch wieder zu.

Nach ein paar Wochen, als alles wieder in Lot war und die Winden schon süßgrüne flache Kränze um die frischen Deichsteine zu schlingen begannen und ihre weißen Unschuldsbecher dem Tau des Himmels darboten, sprach man nicht mehr davon und vertrug sich besser, weil das gegenseitig volle Kerbholz gut ist für das Gleichgewicht untereinander. Und der Schiffer trank Milch mit Rum, erledigte seine Fahrten, und wenn auch nicht zu den Kirschen, zur Apfelernte kam er gerade noch zurecht.

Gespenst im Nebel

Es waren schon ein paar warme Tage gewesen, und dann war es wieder kühl. Die munteren Dünste, von der Sonne schräg aus den nassen Wiesen, dem Watt und der See gesogen, krochen zusammen und rollten graugelb wie unordentliche Wülste Schafwolle über die Priele. Ein paar Fischer lagen draußen hinterm „Hundeloch“ und hofften, ein bißchen Südost solle auffrischen und es sichtiger blasen. Einer aber konnte es nicht abwarten, ging ankerauf und seilte gegen Mittag los, als das Wasser hoch war, kam aber mit vollem Motor bald zurück und preite die anderen an, sein Junge sei über Bord gefallen. Da nahmen sie alle die Beiboote und suchten den ganzen Tag im dicken, stinkigen Nebel an den Schlicksänden entlang. Aber sie fanden die Leiche nicht. Die Ebbe hatte sie wohl mit in die See genommen.

Den Abend klarte es auf, und der Kutter, der das Unglück gehabt hatte, setzte Segel und rutschte mit der Flut heim nach Friedrichskoog, und schon am andern Morgen stand es im Marner Blatt, das von dem Ertrunkenen, und darunter stand das Inserat des Fischers, daß er einen neuen Jungen suche. Der kam denn auch gegen Klock zehn an Bord mit seiner weinenden Mutter, und um elf bei günstiger Tide und prächtig hellem Wetter warf man die Leinen vom Hafendamm los und fuhr wieder davon, um das Geschäft nicht allzulange zu unterbrechen und um die Kosten wieder einzuholen.

Zu Mittag mußte der Junge Graupen kochen, die allgemein „Scheeben Wind“ heißen. Er kochte sie dem Schiffer zu pampsig, und der prophezeite dem armen Bengel handgreiflich nichts Gutes für seine Seefahrt und Laufbahn. Pech klebt an Pech, und so hatten sie eben eine Kumme Kaffee zum Nachspülen genossen, da wurde es wieder diesig und bald so dick, daß sie ihre Pantoffeln an den Füßen nicht mehr sehen konnten und Anker werfen mußten. Der Schiffer fluchte, klopfte die Pfeife aus und haute sich in die Koje. Er hatte noch Schlaf zugute. Der Junge mußte oben bleiben. Weitere Mannschaft war ja nicht an Bord. Er hatte strenge Weisung, der Junge, seinen Schiffer nicht vor anständiger Sicht zu wecken, und hatte zweierlei zu tun: Erstens mußte er alle Minute mit einem alten Belegnagel an eine rostige Eisenplatte klopfen, die da frei am Backstag hing und einen durchdringenden Ton abgab. Das war das Warnungssignal für andere Boote, um bei dem Nebel einen Zusammenstoß zu vermeiden. Zweitens sollte er ab und an die Ankerkette einen Faden weiter ausstecken, um bei dem ablaufenden Wasser den Kutter im Strom zu halten. Er tat beides mit zitterndem Eifer. Er war nur ein schmächtiger Knabe, frisch von der Konfirmation, und hatte nicht Schuster werden wollen wie sein Vater, sondern Seemann. Er hatte immer von der hübschen blauen See geträumt mit Wogenkämmen weiß wie Milchschaum, weiß wie ungebärdige Schimmelhengste, darauf Rasmus reitet, der Nordseewind. Nie hatte er wie andere Knaben mit ihren Fischervätern auf See mitgedurft. Er hatte sich am Ausguck vom Vorland genügen lassen sollen, aber es hatte ihm nicht genügt. Nun war er denn ja auf See. Und nun war da dieser alte hustige Drecknebel. Dahinter lag wahrscheinlich die Insel Trischen und ein bißchen weiter längs England und noch ein bißchen weiter Amerika. Dahin wollte er bei nächster Gelegenheit auskneifen und was werden, Hotelboy, Goldsucher, Ölfeldermillionär. Das Leben des Seemannes mit Graupenkochen, Ohrfeigen, Nebelsignalen und Ketteausstecken schien ihm nicht das, was er sich noch vor wenigen Stunden davon versprochen hatte. Anderen Leuten jedoch das Leder versohlen wie sein Vater, das allerdings war ihm auch von einem neugewonnenen und leicht bitteren Standpunkt aus nicht verlockender als vorher. Dann steckte er doch noch lieber fleißig von der ekligen, naß rostigen und fingerzerreibenden Kette aus. Gewiß, der Schiffer hatte ihn wegen der Graupen vermöbelt. Das nächste Mal würde er die Mischung ’raushaben. Morgen nun sollte es Erbsen geben, grün, ungeschält mit Speck. Ihm wurde schwer ums Herz. Nun war wieder das Nebelgebimmel fällig. Und nun wieder die Kette. Es ging schon ganz gut. Auf einmal war die Ankerkette fast zu Ende. Der Krampen, der ihr letztes Glied am Spill festhielt, war mächtig dünn geschliffen. Oho, der Junge sah es wohl. Er ließ den Stopper ins Zahnrad fallen, aber das Spill war zu flott in Gang, der eiserne Stopperzapfen prallte ab, flutsch, rauschte die Kette aus, der Krampen barst weg, als hätte der Teufel seinen Finger dran gewetzt, und die Kette schoß wie ein Katerschwanz durchs Gatt in den Nebel und ins Wasser und war weg. Es war geradezu, als habe jemand mit Gewalt sie hinabgerissen. Der Junge mußte plötzlich an den Ertrunkenen denken. Hatte der sich etwa wieder an Bord ziehen wollen, um ihn vom Platz zu stoßen? Ihm wurde gräsig Er nahm sich zusammen. Längst mußte wieder eine Minute um sein. Dengelenge — beng — beng — beng! knallte er den Belegnagel gegen die Glockenplatte.

Der Kutter lag so schön still, deuchte ihm, was brauchte man einen Anker. Den würde man schon wiederkriegen, tief war es hier sicher nicht. Er pekte mit dem langen Haken ins Wasser, das man nicht sah, das man nur fühlen und hören konnte. Es war doch zu tief. Der Haken, im Nebel sich gleichsam auflösend wie eine Zuckerstange, erreichte keinen Grund. Was nun? Man hätte ins Boot müssen, aber dazu war jetzt keine Zeit wegen des Nebelsignals. Auch fürchtete er, bei weiteren Angelversuchen womöglich einen Leichnam herauszufischen. Den Schiffer zu wecken, wagte er nicht. Sein Gesicht brannte noch von den Maulschellen, und die Luft war ja ringsum noch immer dick wie ein Sack. Dengeleng — beng — beng!

Der Kutter aber dachte gar nicht daran, stillzuliegen. Sachte, sachte schob er sich mit der starken Ebbströmung von dannen, an Trischen vorbei und durch das Falsche Tief, wie es dort heißt.

Der Junge merkte nichts von der Fahrt. Wie eine grauverstaubte Käseglocke war die Welt über ihn gestülpt. Nach dem Kompaß zu sehen, dazu war er nicht beauftragt; er verstand auch noch nichts davon. Manchmal brachen Vögel durch den Dampf, erschreckten ihn, riefen schrill und verschwanden wie weiße Fäden in grauem Tuch. Auch sah er einen Augenzwink lang Masten und Rümpfe der ankernden Flotte; sie glitten vorbei, riesenhaft unter der Lupe des Nebels, glatter Spuk mit scheinbarem Kurs auf Friedrichskoog, wo er zu Hause war und es schön warm und gemütlich hätte haben können auf einem runden Schusterschemel. Danach vernahm er die Heulboje, die vor Buschsand liegt. Es klang grausig, wie jammernde Hilferufe. Er sagte sich tapfer, das könne der Ertrunkene unmöglich sein, vielleicht waren es Seehunde, vielleicht eine Heulboje. Daß es dergleichen gab, hatte er gehört. Und wenn es ein Mensch sei, helfen würde ihm doch keiner können in diesem verfluchten Nebel. Und wie ekelhaft dieser Nebel dunstete, richtig nach Verwesung.

Er hatte den Jungen, der tags vorher ertrunken war, gut gekannt. Sie waren aus derselben Schulklasse. Und der andere hatte gleich Seemann werden dürfen, er aber erst auf das Inserat hin. Der andere war ziemlich dickfellig in der Schule gewesen, oft hatte er über seine dummen Antworten gelacht. Vielleicht war es Unrecht gewesen zu lachen. Aber nun war es zu spät zum Abbitten. Und warum auch? Wer etwas weiß, soll sich freuen, und wer dumm ist, muß sich Spott gefallen lassen. Das hatte der Lehrer gesagt. Und daß sich etwa einer noch im Tode rächen könne, das durfte sich ein vernünftiger Mensch nicht einbilden.

Solcherlei hübsche nüchterne Überlegungen, eines seebefahrenen Mannes würdig, wollten auf die Dauer jedoch nicht viel nützen. Er war ja noch so klein, der Junge auf dem umnebelten, heimtückisch treibenden Fischkutter, er war eben vierzehn. Die Heulboje jammerte nun achteraus. Es war wirklich grausig. Er stand nunmehr in Schweiß frierend da, klammerte sich ans Stag, halb tot vor Angst. Und der Minutenabstand wurde immer kürzer, und während er mit dem großen schwarzen runden Eisennagel auf die Signalplatte hämmerte, schluchzte er: Ich bitte dir ab! Ich bitte dir ab!

Inzwischen lief der Kutter mit einsetzender Flutwelle die Norderpiepen hinauf gen Büsum, geriet bei Tertius-Sand sachte auf Grund und blieb da sitzen. Der Junge im Nebel ahnte nichts davon. Die Heulboje lag nun weit weg, ihr Seufzen war verweht. Der Junge atmete auf. Er hat mir vergeben! sagte er und faltete die mageren Hände für eine Minute Signalpause. Und da, wie ein himmlisches Zeichen sah er auf einmal die Sonne; sie stand schon tief und hing wie eine Blase Schmalz im Nordseequalm geradewegs an der glasig verschwimmenden Klüverspitze. Nun mochte kommen, was wollte; mochte der Schiffer ihm das Fell verbläuen, er wollte es freudig als Buße hinnehmen. Die Luft wurde immer dünner, das Wasser rispelte lebhafter, ein Hauch Brise tat sich auf, in Süd erblitzte ein Strich silberner See. Nur gen Norden lag der Dunst noch dick wie Milchglas.

Jetzt wecke ich ihn! schluckte der Junge gefaßt. Doch kaum hatte er Kurs auf die Logisluke zu genommen, da fuhr er wieder zusammen. Wieder hatte er das entsetzliche Jammern gehört. Es ist bestimmt eine Heulboje! sagte er tapfer zu sich. Er war vor Erschöpfung ein wenig abgestumpft, zum Umfallen müde, auch hungrig und durstig und ganz durchfeuchtet von Nebel und Schweiß. Aber klang es denn nun nicht wirklich ganz deutlich wie ein weinerliches menschliches „Hölfe! Hölfe!“? Es kam aus Nord, wo es noch unsichtig war. Er schleppte sich ans Signal zurück, trommelte wie besessen darauf los, um den Schabernack zu übertönen. Und siehe da, als sein Arm erlahmte, war alles wieder still. Da lächelte er. Ein Gefühl von Triumpf schlich ihn an, genau wie in der Schule, wenn der andere einen richtigen Blödsinn verzapft und er dann mit seiner Antwort ihn gänzlich zugedeckt hatte. Aber plötzlich wurden seine Augen stier wie Fischaugen, seine Füße versagten den Dienst. Auf Backbord, woher das Gejammer gekommen war, bewegte sich eine ungeheure Gestalt im Nebel und kam auf das Schiff zu und wandelte über das Wasser und sah dem Ertrunkenen ähnlich und kam näher, taumelnd, schlenkernd, gräßlich wie der Tod, den er einmal in einer Kasperbude auf dem Marner Markt gesehen. Da wußte er, was seine Mutter gemeint hatte, als sie weinte und sagte: „Op See, dor is de Dood!“ Er wich zurück; kein Schrei brach aus seiner Kehle, seine Hacken stießen rücklings an die Bordschanze, er schlug hintüber, und obwohl das Wasser hier nur flach war, regte er kein Glied vor Entsetzen und ertrank, und die See deckte ihn zu.

Von der anderen Seite kam das Gespenst und schrumpfte zusammen und schlotterte über den platten Tertius-Sand, ein armer klappernder Knabe, derselbe, der den Tag vorher auf den glitschigen Planken ausgerutscht und über Bord gefallen war. Er hatte sich an einem treibenden Fischkorb gehalten. Die Strömung hatte ihn denselben Weg geführt wie den Kutter und bis Tertius-Sand, wo er Grund gefühlt hatte und aufs Trockene gelangt und hingesunken war. Dann hatte er sich gesammelt, war bis zur Bake gekrochen und hatte Kraft gefunden, die steilen Sprossen hinaufzuklettern und vom Wasser und Zwieback zu genießen dort in der Hütte für Schiffbrüchige, die der Sturmfluten und Brandung wegen so hoch im Gebälk hängt. Er war erhalten geblieben, hatte anderntags die Nebelsignale gehört, war dem Klange nachgetorkelt und wie ein Wunder wieder an seinen alten Kutter gekommen.

Als der Schiffer endlich ausgeschlafen hatte und an Deck klüste, saß da jener Junge, den er in vergangener Nacht als geblieben gemeldet hatte, und anfangs glaubte auch er an ein Gespenst. Dann aber machte er seinem Ingrimm Luft, er könne keine zwei Jungen an Bord gebrauchen, und das Geld für das Inserat sei gänzlich weggeschmissen. Als jedoch der zweite Junge nicht aufzufinden war, ernüchterte er sich einigermaßen, was aber nur von kurzer Dauer war, konnte ihm doch der Standort des Schiffes und der Verlust des Ankers nebst Kette nicht lange verborgen bleiben.

Er begann wieder zu toben, brach aber unvermittelt ab, da ein frostiger Schauer sein küstengehärtetes Herz überschlich. Der Hergang schien ihm jählings nebelhaft. Ihm war unheimlich. Er ging ins Logis und nahm einen Schluck. Und mit Unbehagen dachte er an das Gewimmer, das die Mutter des Schustersohnes nicht unterlassen würde, während die des Wiedergekehrten aus alter, leidgewohnter Seemannsfamilie stammte und ihren Schmerz stumm mit in die Kammer genommen hatte.

Gewiß, der Schusterjunge war nicht ungefällig gewesen. Auf See fängt jeder als Tollpatsch an. Aber der Graupenpamps lag dem Schiffer noch im Gedärm, und das verlorene Ankergeschirr war ein Schaden, daran lange zu knacken sein würde. Das dämpfte jede Rührseligkeit. Der Schiffer nahm die Kömflasche nochmals unter die Nase, und danach polterte er wieder auf Deck, und das Jackvoll, das dem andern zugedacht war, bezog nun der Wiederkehrer, und der ließ es geduldig über sich ergehen, weil es immerhin zu seiner Erwärmung beitrug, und weil das Leben besser ist als der Tod.

Der tote Matrose

Es war um die Zeit, da ich etwas später die Mieke von Teerstickens Hof kennenlernte. Öllrich, Leuchtturmwächter zu Neuwerk, sagte, sie sei nicht normal. Der Himmel verzeih mir, wenn ich das Ganze ein wenig anders ansehe.

Die Inselbauern fuhren nach jener Sturmnacht, da sie der Bark, die abends auf Scharhörnriff aufgelaufen war, nicht hatten helfen können, eilends hinüber, sobald es die Ebbe erlaubte. Sie fuhren mit ihren hochrädrigen Wagen über das Watt, wie sie es seit alters her zu tun pflegen, um von den Trümmern zu stranden, was möglich ist. Denn es ist ihr gutes Recht, zu nehmen, was das Meer ihnen zuwirft. Aber, wie Öllrich gleich sagte, der vom Turm im ersten Taggrau ausgelugt hatte, das Wrack war schon bis auf die Mastspitze im Treibsand versackt. Und Rose, der Wirt des Hotels zur Meereswoge, des einzigen auf der Insel, hatte die ganzen zwei Stunden ärgerliche Vermutungen ausgestoßen, ehe wir da waren. Dadurch hatte er mich, der neben ihm auf dem Kutschbock saß, in meinem Genuß der Landschaft gestört, weswegen ich ihm gönnte, daß er recht habe, obwohl ich keinen trefflicheren Menschen als ihn kenne. Ich war damals jedoch noch jung, romantisch und unerfahren.

Wir gingen durch den knisternden Sand gleich auf die Baake, die ungeheuerlich in den Tag ragte, denn sie ist das größte Seezeichen Deutschlands. Wir stiegen mit dem Gemeindevorsteher hinauf, dessen Pflicht es ist, weil sich dort hoch im Gebälk eine kleine Hütte für Schiffbrüchige befindet. Jedoch Zwieback, Decken und Wasserkessel waren unberührt, und es gab für Rose keine Gäste zu begrüßen. Somit kletterten wir denn wieder zu den Wagen hinunter. Rose ließ seinen vierschrötigen Blick noch einmal über die endlose Sandwüste gleiten, die gerillt ist vom ewigen Wind. Fern am Westsaum stand der Gischt wie eine atmende Mauer. Die hochbeinigen Wattwagen bewegten sich spinneklein in der Weite umher. Rose schüttelte verächtlich den Kopf und schnalzte seinen Pferden zu, die ohne weiteres die Richtung gegen den Neuwerker Turm nahmen. Aber auf einmal steckte er die Nase höher und lenkte wieder den Sand hinauf, auf eine Stelle zuhaltend, wo ein paar Möwen sich über der Kimmung balgten. Wir hörten auch bald die Brandung, und als wir über die Düne waren, sahen wir etwas Dunkles, und wir fanden da eine angespülte Leiche. Es war ein Matrose, der wohl in der Nacht ertrunken war. Mir zitterte das Herz, als wir zu ihm traten. Er lag mit entblößten Zähnen da, gleichsam ein verzweifeltes Gelächter verbeißend. Die Möwen und Fische hatten schon ihr Teil von ihm genommen, und seine leeren Augenhöhlen standen voll Salzschaum. Rose sah ihm die Taschen nach und nahm an sich, was er hatte, eine Brieftasche, einige Münzen, einen Ring.

„Ein armer Teufel, es ist Glas!“ sagte Rose. „Und dazu ein Engelsmann.“

Dann luden wir ihn auf den Wagen und fuhren davon, denn außer ihm schien keiner mehr da zu sein. Ich wandte voll Grausen meinen Blick über ihn hin, wie er so dalag und vom Wagen ein wenig gerüttelt wurde. Über ihm leuchtete das Meer, und auf dem unbewegten Horizont glitten viele Dampfer dahin. Ich sah es wohl, wie sich der Sand heimtückisch bis an die Fahrrinne der Welt schiebt, gierig mahlend und scharrend, ein Horn und ein Schlund zugleich. Scharhörnriff.

„Nichts für ungut, wenn’s ein bißchen pumpelt!“ sagte Rose, und er meinte den toten Matrosen. Wir schlugen ein gutes Tempo ein, um den Luftzug hinter uns zu lassen. Rose war weit vergnügter als auf der Herfahrt. Er hat ein gutes Herz, dachte ich. Er bemerkte aber gleich darauf, daß sich eine Leichenbergung mehr lohne als das Suchen nach ein paar verrotteten Stengen, denn der Staat bezahle fünfundzwanzig Mark dafür.

Wir holten nunmehr den Wagen des Gemeindevorstehers ein, der auch auf die Wrackbeute verzichtet hatte, aber mehr aus Standesbewußtsein. Rose lieferte ihm richtig alles ab, was er bei dem Toten gefunden hatte. Wir hielten mitten im Watt, Deichsel an Deichsel. Nie sah ich die Muschelbänke ringsum so gelb im kobaltblauen Wasser. Der alte Seebauer entfaltete die Brieftasche mit seinen knotigen Fingern. Etwas Geld war darin und ein Brief das war alles.

„Schlecht zu lesen!“ sagte er nach geraumer Zeit und reichte das feuchte Papier an Rose.

„Wahrhaftigen Gottes!“ bestätigte Rose und reichte es mir.

Es war klar und deutlich geschrieben und unverwischt.

„Von einem Mädchen!“ sagte ich und kramte meine englischen Brocken im Gehirn zusammen. Sie war anscheinend irgendwo in Australien. Es war ein Liebesbrief, und sie schrieb, wie es üblich ist, sie würde ins Wasser gehen, wenn er nicht wiederkäme. Aber dahinter stand, Gott würde ihr den Weg schon zeigen, bis sie ihn fände in der See.

Ich sagte den beiden Männern, was da also stand, und wir sahen eine Weile stumm auf den toten Liebsten.

„Er hat mal gute Zähne!“ kaute der Gemeindevorsteher schließlich aus seiner alten Mundfalte heraus.

Im unendlichen Watt tauchten nun auch schon die Wagen der Nachbarn auf, und wir fuhren weiter.

Auf Neuwerk angekommen, hielten wir gleich vor dem kleinen Leichenhaus, in dem immer ein frischer Sarg bereitsteht für die Heimatlosen. Rose und der Gemeindevorsteher wollten sich nunmehr daran begeben, den Toten abzuladen, aber der Alte hält plötzlich inne und befragt mich noch einmal nach dem Inhalt des Briefes.

„Ne“, sagte er dann zu Rose, „sodenn fahr ihn man wieder zurück!“

„Und das Geld?“ entgegnete Rose.

„Steck ihm wieder bei!“ sagte der Alte und schob die armen Habseligkeiten auf Roses Kutschbock.

„Dunnerslag, den Bergelohn meine ich!“ knurrte Rose hoch.

„Er muß in der See bleiben, du hörst es doch!“ erwiderte der Alte. „Wo soll sie ihn sonst finden!“ Und er sagte dies eigentümlich aus seinem gebeugten Haupte hervor.

Andere Leute waren herzugekommen und beredeten die Sache und den Brief. Rose schrie wütend: „Er schwimmt ja oben!“

Aber man bedeutete ihm, es liege noch ein verrosteter Anker im Vorland, oder einige Steine würden es auch tun. Währenddessen lag der tote Matrose auf dem Wagen dabei; er grinste schaurig in den Himmel, und das Wasser tropfte von den Rädern. Schließlich gingen sie alle davon, und keiner wollte etwas mit der Sache zu tun haben. Rose stand allein da mit seinem Leichnam. Er verbat sich jede Handreichung von mir, wagte auch, wie ich wohl merkte, an meinen Englischkenntnissen zu zweifeln, weswegen ich es begrüßte, daß Öllrich, der Leuchtturmwächter, kam, da er gerade ausgeschlafen hatte, und Rose versprach ihm zehn Mark.

„Ich tu es“, wandte sich Öllrich an mich, wohl um sich vor einem einwandfreien Zeugen reinzuwaschen, „denn man soll immer gegen den Aberglauben angehn!“ Er sei vierzehn Jahre auf Segelschiffen gefahren, sein Sohn sei auch draußen, und er würde ebensowenig wegen einer lächerlichen Deern — hingegen, was er an diesem tue, das möge jemand, solle es so sein, auch an jenem tun.

Damit hoben sie den toten Matrosen herunter und trugen ihn hinein. Sie wagten aber doch nicht, ihn in den Sarg zu legen, sondern legten ihn auf die bloße Erde.

An dem Abend kam kein Mensch in die Wirtschaft, die sich Hotel zur Meereswoge nennt. Rose hatte gleich nachmittags die Habseligkeiten des Toten in ein Paket gepackt, denn er könne es so gut wie der Gemeindevorsteher, und er schickte seinen Knecht bei der zweiten Ebbe mit los, nach Duhnen auf die Post, an den Cuxhavener Amtmann, so unsinnig es zu der späten Stunde war. Der Knecht kam denn auch triefend mit triefenden Pferden lange vor der Zeit zurück, und der Priel habe sich geändert, und er sei bis an den Hals im Wasser gewesen.

„Und das Paket?“

Das Paket sei weg.

„Es ist nicht wegen der fünfundzwanzig Mark, sondern wegen der Albernheit!“ erklärte Rose, als es wieder still war. Und er täte nicht gern etwas umsonst, aber dieser Grog, der solle heute nichts kosten, denn er werde das Geld schon kriegen, schrie er und schlug mit der Faust auf den Tisch. Da tranken wir bis Mitternacht. Kein Laut war außer uns in der Welt. Und wir sprachen dies und das und redeten mit großer Stimme von sozusagen philosophischen Dingen.

Auf einmal klopft es ans Fenster. Rose erbleicht, steht schweigend auf, geht an die Tonbank, nimmt eine volle Flasche und schwankt hinaus.

Nun geht er dahin! dachte ich, und ich mußte laut auflachen, als er weg war. Er war wohl nicht mehr nüchtern, und mir deuchte, er habe mächtig komisch von hinten ausgesehen, so breit wie kurz, und hatte den Kopf eingezogen wie eine Schildkröte, und die Flasche hatte fast auf dem Boden nachgeschleift, so tief hingen seine Arme. Danach fiel mir der tote Matrose ein, von dem wir den ganzen Abend nicht geredet hatten; ach, das traurige Lied stieg mir im Sinn auf, das sie an der Hafenseite singen:

„Glori —, glori —, glori —, gloria,

Schön sind die Mädchen in Batavia!“

Doch war es nur der Kehrreim, denn es handelt von einem gestorbenen Seemann, und mir kamen die Tränen in die Augen, wenngleich ich nicht auf die anderen Worte kommen konnte. Da dachte ich auch wieder an sein Mädchen, das nun in die See gehen würde, ihren Liebsten zu suchen. Ja, ich betete heimlich, da niemand zugegen war, Gott möge gnädig mit ihr sein und mit seinem Finger die Wellen lenken, sie hinzuführen bis Scharhörnriff, und ich wollte Öllrich auch zehn Mark geben, damit er Tag und Nacht nicht das Fernglas von seinen Augen nehmen solle. Und wir würden sie auch begraben auf dem Heimatlosenfriedhof, neben ihrem Herzallerliebsten. Diese tröstliche Erleuchtung überströmte mich, und ich ging hinaus auf den Deich, um den Kleingläubigen, denen man das schlechte Gewissen sogar von hinten ansah, zuzusprechen: „Fürchtet euch nicht!“

Als ich gegen den Wind an die Stelle kam, wo der Grabenring unten liegt, der den kleinen, kreisrunden Friedhof umschließt, da sah ich in der Dunkelheit die beiden schon daherschwanken, unten am Deich, und sie trugen den Sarg auf ihren Schultern. Die Turmlaterne stand wie ein böses Auge hoch darüber. Ich hörte die Kibitze jammern, und Rose trug in der freien Hand die Flasche und ein Tau, während der Leuchtturmwärter die beiden Spaten hatte. Es geht ein kleiner Steg über den Graben auf den Friedhof. Wie nun die beiden mit dem Sarg auf den Steg kommen, da schreit Rose plötzlich dumpf auf, und sie halten an. Ich starre auf die Stelle hin, ich kann mich nicht rühren, so schaurig ist es. Vor dem Steg auf der anderen Seite, da steht eine Frau, und sie hebt die Hand und weist die beiden Männer mit dem Sarg zurück. Ich sehe, wie der Sarg schief auf den beiden Schultern steht; denn Rose ist etwas kleiner, und ich sehe, wie sich Öllrichs Bart vorsträubt; denn er hebt sich vom Grabenwasser ab, in welchem sich das Leuchtfeuer spiegelt. Und sie gehen keinen Schritt, sie stehen auf dem schmalen Steg, der über den Graben führt, und der Sarg schwankt hin und her. Eine unsinnige Angst erfaßt mich, er könne in den Graben stürzen, oder die von mir so schön erdachte göttliche Fügung könne anderweitig zunichte werden. Ich will hinunter, aber meine Füße sind wie Schlick, ich breche in die Knie, ich würge an meiner Kehle, es kommt kein Laut heraus, und dennoch schrei ich wie verrückt.

„Scharhörnriff!“ schrei ich und schrei es ihr zu. Mein Gesicht schlägt ins Gras.

Als ich wieder aufblicke, da standen die beiden Männer mitten auf der Friedhofskuppe, die so gewölbt ist von dem Gebein der Namenlosen die vielen Jahrhunderte lang. Sie schaufelten, daß die Spaten klirrten.

Es ist vom Grog! sagte ich mir, nahm mich zusammen und stieg den Deich hinab. Ohne Zögern ging ich über den Steg zu den beiden und half ihnen das Tau halten.

„Sie ist wohl wieder ’runter“, sagte Öllrich, „die Mieke stand nämlich vorhin da, die ist nicht ganz normal.“

„Und wir dachten erst, es wär seine Braut!“ lachte Rose, aber sein Lachen klang man dürftig, und er nahm den letzten Zug aus der Flasche; man sah ihm an, daß es kalt war die Nacht.

Ich aber schwieg, denn es hat keinen Sinn, zu deutlich zu zeigen, wenn man einen romantischen Gedanken gehabt hat. Somit war der Hügel bald gemacht, und er sah aus wie eine kleine helle Sandinsel auf dem dunklen Friedhof, und dieser war wieder eine Insel auf einer Insel, und diese lag mitten auf der runden Erde, die wiederum eine Insel ist in dem großen Himmelsmeer. Wir nahmen alle die Mützen ab, und da mir gerade in dem Augenblick der letzte Vers des Liedes einfiel, an dem ich die ganze Zeit herumgegrübelt hatte, so nahm ich die Gelegenheit wahr und sagte ihn auf:

„Ruhe sanft auf blauem Grunde,

Von den Wellen eingewiegt,

Deiner Mutter bring ich Kunde,

Wo ihr Sohn begraben liegt.“

Aber das Gloria ließ ich weg.

Stiller Strandgarten

Folgendes begab sich nach dem Ersten Weltkrieg, aber Ähnliches begibt sich immer wieder.

Es hatte bis zum Mittag geregnet. Der Himmel blieb noch eine Weile bedeckt, und niemand in der großen Stadt dachte daran, sich einem Spaziergang mit Traufe auszusetzen; somit war es sehr einsam diesen Nachmittag auf den Straßen hinter den Vororten und auf der Elbchaussee und die Hügel hinunter die Meile Strand entlang bis Blankenese. Selbst als die Sonne aus abziehenden ockerfarbenen Flören durch die hellgrünen Wipfelschleier zu fingern begann, belebte es sich kaum, denn der Mensch braucht Zeit zur Besinnung. Nur ein einziger Wagen rollte langsam von Ottensen her über das blanke Pflaster den Weg am hohen Ufer hin zwischen den alten Patriziergärten. Es war ein edler und großer Wagen, eine Dame saß am Volant, und sie war allein. Ihr Gesicht, als es durch die Scheibe sinnend über die tiefe Strombreite sich in die Ferne den rauchblauen, sanft schwingenden Graten der Lüneburger Heide zuwandte, war so jung nicht mehr, aber es war schmal und gut gezeichnet, bräunlich, großäugig und im Ausdruck von einer sonderbar kindlichen Erwartung. Er kam von weit her. Der Wagen trug nicht das HH der Stadt, die es eben durchfahren hatte, auch nicht das D Deutschlands, es war eine fremde Bezeichnung, in der sich selbst der greise Gärtner der Bülowschen Villa nicht auskannte, der gerade vorm Gartentor stand, und er hatte hier noch Wagen aus sozusagen aller Welt erlebt.

Eine Pforte weiter nun hielt der Wagen. Sollte es ein Käufer sein? dachte der weißhaarige Mann und strich über seine Joppe. Die Dame stieg zögernd heraus, sie tat es anmutig, aber sehr zaghaft. Sie war schlank, von angenehmer Größe und war in Schwarz, doch sommerlich gekleidet. Es ist eine vornehme Dame, sagte sich der Gärtner; denn seine Augen waren vom Horizonte der Elblandschaft die weiten Blicke gewöhnt, und als sie sich ein wenig scheu umsah, nahm er die Mütze ab, obschon es bis zur nächsten Tür an fünfzig Schritte sein mochte. Sie nickte zurück, ja eine gewisse Helligkeit flog über ihr Gesicht. Dann sah sie, daß die Gartenpforte rostig war und mit einem schmutzigen Bindfaden verschlossen, sah, daß der Kiesweg ungepflegt sich zum Haus hin in verwilderte Büsche verlor, und sah die leeren Fenster des Hauses, und daß es seit längerem ohne Anstrich geblieben war. Eine Weile stand sie reglos. Ihr Mund war keineswegs mehr kindlich, er war in Fröhlichkeit und Leid erfahren, er hatte unzweifelhaft Enttäuschungen hinter sich, und es schien, als wolle er sich vor einer unerwarteten, letzten und tiefen Enttäuschung mit einem heftigen Schlußstrich bewahren, so dünn preßten sich die Lippen zusammen.

Der alte Gärtner war einige Schritte herangekommen, ihm war nämlich, als müsse es so sein. Sie wollte ihm entgegengehen, um die Stimme nicht zu sehr erheben zu brauchen, aber ihre Füße waren erschrockener und trauriger als es ihr Herz zugab, sie kam nicht recht von der Stelle und blieb bei einem Schilde stehen, das über den Zaun ragte und besagte, das Haus sei nebst Garten und Wirtschaftsräumen zu verkaufen. „Dieser hochherrschaftliche Besitz ...“ stand da, und das Schild war schon ziemlich verwittert. „Es ist schon ’n paar Jahrende zu verkaufen!“ sagte der Gärtner. Er war nun heran.

„Heinrich!“ antwortete sie da mit gepreßter Kehle.

„Heinrich, das bin ich noch immer“, erwiderte er bescheiden und glücklich; denn es hatte lange keiner zu ihm gesagt: „Gnäi Frau waren wohl auch mal zu Besuch hier, ist ja nun aber tot, lange tot, Seine liebe Durchlaucht, unser Fürst Bülow. Ich muß ja noch immer ’n büschen aufpassen auf ’n Garten, damit wenn einer kömmt, es zu kaufen, allens in Schuß sein tut. Abers kömmt ja niemand. Slechte Zeiten. Oder wollen gnäi Frau etwa?“

„O nein! Ist denn dieses auch zu verkaufen?“

„Das da? Wo gnäi Frau ihr Wagen halten tut? Jahrende schon, sind ja zu slechte Zeiten, gnäi Frau. Kam doch der Herr Direktor immer noch mal vor, zu Fuß, ist nämlich ganz arm geworden, der Herr Direktor. ‚Heinrich‘, sagte er immer, ‚slechte Zeiten, abers wird wieder besser‘, sagte er. Nu is er auch gestorben, is an die drei Monate her.“

„Das war mein Bruder!“ sagte da die Dame mit leiser, verzweifelter Stimme: „Ich hörte es, er sei tot. Ich komme von Kuba; es dauert so lange, ehe man alles weiß; ich wußte ja nicht, wie schlimm manches hier aussieht bei euch in Deutschland.“

Der alte Gärtner verzog seinen verwitterten Schädel in drei Dutzend mißtrauische Falten, aber auf einmal sagte er freudig: „Die Farbe von Haar, das stimmt. Dann sind Sie, o ja, nu kenn ich Sie, gnäi Frau, nu sind Sie die Irmel, soo klein waren Sie damaligen. Und gingen in Internat und waren wohl auch später mal da und heirateten nach Übersee, und die alten Herrschaften starben beide im Süden, und der Sohn, der Herr Direktor, was der Bruder war von gnäi Frau, übernahm die Firma. Aber die slechten Zeiten, da ist nichts mehr mit dem Export, und ist eine arme Stadt geworden, die liebe Vaterstadt, un allens Schulden und Elend, da hilft kein Tünche und Hochbahn und Großartigkeit und große neue Schiffe, is nix dahinter!“

Sie schluckte eine Weile an Tränen. Dann verwies sie den Kleinmut. Es sei nur eine Übergangszeit. Und sie bat den alten Mann, die Gartenpforte aufzubinden; er nahm sein Messer mit zittrigen, knotigen Fingern, und durchschnitt das Band, vermeinend, es werde nun wohl bald ein richtiges Schloß wieder daran kommen, und er entschuldigte sich, daß drinnen im Garten alles verwahrlost sei, niemand wolle etwas daran wenden, und er könne ja auch nicht mehr recht, und sei es ja seines Amtes auch nicht für dieses Grundstück, und die Schlüssel für das Haus hätten die Makler.

„Ich will nicht in das Haus, nur ein bißchen durch den Garten“, erwiderte die Dame, und Heinrich solle nur wieder in den seinen gehen. Sie bedankte sich, sie lächelte sogar. Aufrecht und fest ging sie den sandigen Weg hinein, und hinter ihr sachte lehnte der Gärtner die wacklige Gartentür wieder an.

Sie ging eine Weile und kam um das Haus auf der Ostseite herum, die Fensterläden hingen schief herab, im Keller waren Scheiben zerschlagen, man sah die Küchenfliesen, das lustige Schachbrett, aber sie waren lange nicht gescheuert. Die Ilexbüsche auf dieser Seite waren üppig über den wuchernden Rasen geschossen, sie blühten in wilden gelben Dolden, der Duft war nicht heimatlich, er war schwül und bitter, roch nach Konfirmation und Beerdigung und nach Westindien, wo sie lange Jahre hatte leben müssen und das sie nicht liebte. Die Rhododendren hatten schon dicke Knospen, aber das war üppiger in den Tropen. Auf der kleinen Lichtung jedoch standen Löwenzahn golden im Gras und die kleinen Marmelblumen, und dann sah sie den Mandelbaum wieder, den sie gepflanzt hatte, als ihr letzter Milchzahn ausgefallen war, und der war darunter begraben worden; das Stämmchen war drei Hände hoch gewesen, mehr nicht und war nun höher als sie, strahlte seine Zweige nach allen Seiten gerade heraus wie ein mildes Feuerwerk, und stand voller seidiger rosa Blüten. Da begann sie zu weinen und ging weinend weiter und sah durch den Tränenschleier die Arabis wie eine weiße Brandung über die Terrasse schäumen, sah die Fetzen der einst weißrot gestreiften Sonnenmarkise im Winde winken, sah die steinernen Löwen, die einen Schnurrbart hatten wie Wilhelm II., der so oft nebenan zu Besuch gewesen und blickte wie durch Nebel hinab auf den Strom, wo weiße Segel in der Brise lagen starr wie Scherben alten Porzellans. Doch über ihr riefen Amseln in den lichten Gewölben der Bäume. Es säuselte im jungen Laube, der frühe Sommer duftete rings, und auch ein Duft von Wasser stieg die Wege herauf. Sie mußte daran denken, daß Gärtner Heinrich, wenn er ein Trinkgeld erhielt, immer zu sagen pflegte: Es hat einen guten Geruch.

Weiter und weiter ging sie umher in dieser zahmen nordischen Wildnis, in der keine Schlangen, keine giftigen Dornen zu fürchten waren. Der Park war groß, sie kam auf den Altan, der hoch überm Abhang in die perlmuttfarbene Luft ragte. Sie blickte ergriffen über das breite glitzernde Wasser, das Füllhorn der Hanse, die Fährstraße der Welt. Drüben die Sände, die flachen Inseln, die saftigen Marschniederungen, winzig auch Kirchtürme, Leuchttürme und Windmühlen und dann die Kuppen und Forsten der Heide, die in milchfarbenem Dunst zergingen. Aber auch Öltanks standen am jenseitigen Ufer, eine ganze Stadt von Öltanks war da aufgewachsen und die Hellinge und Krangerüste einer Werft. Als sie fortging, waren da noch Wiesen gewesen, Gräben und Schilfdickichte, darin ihr Vater Enten jagte und ihr Bruder und sie Urwald gespielt hatten. Sie hatte den richtigen Urwald kennengelernt und sehnte sich nach den kleinen Schilfwäldern zurück. Unter ihr stürzte sich das grünsilberne verwilderte Gewipfel aus Akazien, Weiden, Erlen und blühenden Birnbäumen schluchtig ins Stromtal hinab; der Strand leuchtete kuchengelb durch das frühzarte Blättergespinst. Blasse Wellen, schon rosafarben in der schrägen Sonne, kräuselten wie kindliche Lippen und hatten kleine weiße Zähne. Ach, da fiel ihr ein, wie oft sie als Kinder hier kleine Gesellschaften hatten geben dürfen zu Kuchen und zu Kakao; das liebliche unnütze Geschwätz, die fröhlichen Herzen, das süße Gelächter, die Augen blank wie die Sonnenfunken auf der Strombreite, das Getrappel der zieren Füße wegauf, wegab, die Huhu- und Nu-all-Rufe, die sich in den grünen Gründen verloren, es wisperte noch in ihren Ohren, es hing zwischen den jungen Zweigen, aufbewahrt in den silbernen Schellen dieser herben, kühlen, reinlichen Luft, gewiegt von den Westwinden, die von der Nordsee kommen und salzig auf der Zunge schmecken und Kraft in sich tragen wie Schwarzbrot und Holsteiner Vliesenwurst. Es waren aber mehr die salzigen Tränen, die sie schmeckte. Ein Verlangen stieg in ihr auf nach der Kühle der kleinen Wellen unten am Strand. Ihre Wangen brannten, sie lief die alten grasbewachsenen Schlängelsteige hinunter, sie hob ihr langes Kleid, damit es schneller ginge; es ging so leicht in dieser Luft, es war, als seien drei Jahrzehnte nicht gewesen. Sie kam an einer runden Grotte vorbei, da hatte eines Abends, als sie nach Glühwürmchen suchte, Betty, die gute dicke Köchin, mit Heinrich gesessen, und Heinrich war ein stattlicher Mann gewesen, der Trost und Kummer aller dienstbaren Mädchen der ganzen Nachbarschaft. Sie mußte lachen, es war zu komisch gewesen, sie hatte gesehen, wie die beiden sich küßten, nie vordem hatte sie dergleichen gesehen und hatte es alsbald ihrem Bruder erzählt und ihn gebeten, es ihr zu zeigen. Aber ihr Bruder hatte gesagt, das müsse er leider anderen überlassen. Und nun war er tot.

Der Zaun, der den Garten gegen den offenen Strand abschloß, war an vielen Stellen niedergebrochen, sie lief durch eine Lücke in den knirschenden Sand, sie ließ sich niederfallen; das belanglose Rauschen tat es ihr an, sie hatte großartigere Brandungen erlebt, den Atlantik und die Karibische See, aber dieses war das alte Kinderrauschen und der alte gute Windfächer, der ihre Augen trocken tupfte. Sie zog die Schuhe aus, die Strümpfe. Es war kein Mensch weit und breit, sie streifte die leichten Kleider ab, lief mit erhobenen Armen in die schmalen Wellen, sie lief nicht weit, es war kühl, ungewohnt kühl, aber es war gut. Sie drehte sich in der Sonne um sich selber und flüsterte: Liebe, liebe Sonne, da bin ich wieder! Und sie setzte ganz heimlich hinzu: Hab ich mich nicht gut gehalten trotz der schrecklichen Fremde? Nicht so sehr? War ich damals schöner? Das macht das Heimweh, liebe Sonne!

Ein großer Dampfer kam von Hamburg herab, rotweiß die Schornsteine. Musik, Musik an Bord. Sie bewegte ihre Hände wie weiße Taubenflügel: Nein, ich fahr noch nicht wieder mit, noch nicht, nein, noch nicht gleich! Sie begann wieder zu weinen, so wie sie war, bis an die Knie im Wasser. Dann schämte sie sich, das Schiff war nahe genug, sie sah die Offiziere hoch auf der Brücke, man würde auch sie sehen können, Gläser waren sicherlich auf sie gerichtet, sie flüchtete zu ihren Kleidern zurück; dem Himmel Dank, daß wenigstens die Passagiere schon beim Abendessen saßen. Und dem Himmel Dank, daß sie sich rasch wieder angezogen hatte. Der Gärtner Heinrich stuchelte den Weg herab; sie wurde nachträglich rot. Aber der alte große Mädchenjäger, das war Heinrich ja nicht mehr.

„Ich wollt nur gnäi Frau, wenn gnäi Frau gedenken das Haus zu kaufen, gnäi Frau mit Rat und Tat zur Seite stehn, wollt ich man sagen!“ Das war alles, was Heinrich wollte.

„Ich will es mir überlegen, Heinrich!“ entgegnete sie. Sie wollte nicht sentimental sein; man baute heute schöner und praktischer, keine unechten Rokokoschlösser mehr, sondern versenkbare Glaswände. Aber da oben in den Sälen war ihre Jugend gewesen. Sie stiegen langsam die lichten, verwucherten Hänge empor, sie sah nicht viel rechts und links. Von der Höhe nur warf sie einen Blick nach Westen, wo die große Schiffahrtsstraße dem glühenden Tor der Ferne zuschwingt. Bald würden die Nachtigallen schlagen. Sie wollte nicht daran denken. Sie brach ein Andenken von ihrem Mandelbäumchen, die Blüten kollerten herab, sie lächelte schmerzlich, aber dennoch nahm sie das kahle Zweiglein mit: „Ich werde es meinen Töchtern zeigen“, sagte sie. Doch dann schüttelte sie den Kopf: „Nein, die werden es nicht begreifen; ich werde es meinem Bruder aufs Grab legen, er hat mir beim Pflanzen geholfen. Ja, Heinrich, meine Töchter wollen nicht nach Deutschland, die wollen in Neuyork studieren, in ein paar Jahren sind sie soweit, so geht die Zeit dahin. Ich muß ja zurück. Und dann da unten die gräßlichen Öltanks und Werften! Früher waren da Wiesen. Leben Sie wohl, Heinrich!“

Sie wagte nicht mehr, das Haus ihrer Kindheit anzusehen, stieg in ihren Wagen und fuhr davon. Heinrich spürte eine Neigung, das, was sie in seinen alten Fingern gelassen hatte, an die Lippen zu drücken, aber indem er seine Rührung hochschnaubte, hielt er auf halbem Wege inne, murmelte: „Es hat einen guten Geruch!“ und steckte den Geldschein ein mitsamt der ganzen hübschen Vergangenheit.

Mussel auf dem Schlick

An der Dithmarscher Küste lebten zwei Vettern, die von Jugend auf einander ähnlich sahen und auch an Wildheit der Gebärde und der Lebensauffassung keiner dem anderen nachstanden. Beider Familienname war Leweko. Harm, der eine, als Erbe eines großen Hofes, wurde Landwirt, der andere, ohne Aussicht auf Grundbesitz, machte zur Not das Abitur und begann, in Kiel dies und das zu studieren. Als der Krieg ausbrach, meldete er sich zur Marine. Doch in den langen Jahren zwischen U-Boot- und Hafendienst gelangte er, trotz allen Wagemuts durch mancherlei Zügellosigkeiten den Vorgesetzten unbequem, nicht weiter als bis zum Obermaaten, spielte alsbald bei den Umsturzgeschichten eine Rolle, wurde fast, ob zu Gebühr oder nicht, von den eigenen Kameraden standrechtlich erschossen und kam, abgekühlt und nach Ruhe verlangend, in seinem Heimatorte wieder an.

Dort hatte er mit einiger Aussicht ein Mädchen sehr gern gehabt, die Tochter des Schulmeisters, sich auch öfter während des Feldzuges um sie gekümmert. Sein Vetter hingegen, sein Rivale auch in dieser Sache wie in manchen sonstigen Wettbewerben der einstigen Jugend, war schon länger wieder daheim; sein Draufgängertum hatte ihm bei der Linie bis zum Offizierspatent verholfen, so daß er mit Glück die einst Umstrittene für sich gewann; zumal man über den anderen, der unzweifelhaft vor Jahren die besseren Chancen gehabt hatte, allerhand der dunkeln Kieler Gerüchte selbst bis an diesen weltverlorenen Strand dringen hörte. Was Wunder, daß keiner von dem „roten Mariner“ recht etwas wissen wollte. Selbst seine Eltern und Geschwister empfingen ihn voller Sorge, daß nun bald das Dorf von nichts als seinen angeblichen Untaten rede. Nur der alte Strandvogt war bereit, den guten Kern unter der zerlumpten Paradejacke zu erkennen. Seit je war ihm dieser unruhigere und empfindsamere Sproß der Lewekos lieber gewesen als dessen hochnäsig zielstrebiger Vetter, der sich schon als Deichgraf zu fühlen begann.

Der Heimgekehrte, dessen Neckname vordem Mussel gewesen war, weil er als ein vorzüglicher Muschelfischer gegolten hatte, besann sich auf die See hinterm Deich, lieh sich ein Boot und eine Möwenflinte bei dem gütigen Vogt und fuhr auf eine als unrentabel von der Domäne längst aufgegebene Schlickinsel weit draußen im Watt, wo die Tiden seit Urzeit Land wegschlürfen und Land ausspeien wie am zweiten Schöpfungstage. Dort hauste er in der während des Krieges verlassenen Schäferhütte, die auch kurz als Beobachtungsstation gedient hatte. Er schoß Seehunde und Wattvögel und begann mit den Fellen und Bälgen einen Tauschhandel nach Helgoland, das er fast alle vierzehn Tage, Sommer und Winter, in seinem unmöglichen und vielgeflickten Boote aufsuchte. Niemand störte ihn dabei. Eine Anzahl Legenden bildeten sich über den anwachsenden Luxus seiner Haushaltung, jedoch auch über die lebensgefährlichen Maßnahmen, die er zur Verteidigung seiner Schlickfestung ersonnen hatte, indem er angetriebene oder aufgefischte Minen in die Prielzugänge rund um die Insel verankert haben sollte.

Inzwischen fand die Hochzeit des Vetters statt, der das Hoferbe angetreten hatte. Die junge Frau sah am Hochzeitsmorgen ein ausgesucht schönes Seehundsfell auf der Hausschwelle liegen. Ihr Mann, der darüber zukam, wie sie es in einer Truhe verbergen wollte, meinte, Lunte wittern zu müssen, und ließ nicht nach, in der Folgezeit auf Schritt und Tritt zu sticheln und zu argwöhnen, zumal die junge Frau angab, erst am Trautage selbst durch den Vogt erfahren zu haben, daß Mussel Leweko noch in der Gegend sei, sie habe es aber weder damals noch jetzt glauben können. Die mißtrauischen Redensarten ihres Gatten, die schließlich, obwohl gänzlich grundlos und wohl gerade deswegen, in Grobheiten und sogar Handgreiflichkeiten ausarteten, weckten notgedrungen immer stärker die Erinnerung an jenen durch die Kieler Ereignisse Verrufenen, Erinnerung früher, längst vergessener Zärtlichkeiten, die auf dem trüben Grunde dieser Ehe mählich übergroß und verlockend aufzublühen begannen.

Inzwischen war der Behörde verschiedentlich Unliebsames zu Ohren gekommen über einen Schmuggel mit unverzolltem Rum zwischen Helgoland und der Dithmarscher Küste. Der alte Strandvogt, der die Aufmerksamkeit der Amtsstellen nach der dänischen Grenze zu abzulenken gewußt hatte, starb um diese Zeit. Seinen Posten übernahm Harm Leweko, und eine seiner ersten Vogtshandlungen war, sich mit einer Anzahl Gendarmen, die ihm aus Schleswig zur Verfügung gestellt wurden — mit den ortszuständigen hatte er sich längst überworfen und bezichtigte sie allesamt der Unfähigkeit — nach jener Schlickinsel einzuschiffen, die er als Schmuggelnest lange und laut schon in Verdacht gehabt hatte. Sie kamen auch unter Beobachtung aller Vorsicht durch den Ostpriel. Von einer Minensperre zeigte sich nicht eine Spur, und der neue Strandvogt lachte verächtlich über das Gefasel der albernen Koogbauern, die über Nacht einen Seeteufel und Störtebeker aus dem albernen weggelaufenen Mariner und Muschelschlucker gemacht hätten. Er prahlte, er werde den Käskerl sanft wie ein Milchlamm und ganz allein aus seiner Schlammbude holen. Somit ließ er die Landjäger, die sich in der grauen, naßkalten Nordsee-Einsamkeit sowieso nicht zu Hause fühlten, an der Vorlandsgrenze im Boot zurück und stieg unbegleitet, allerdings die Flinte hinterm Knast, in seinen Schaftstiefeln den über zwei Kilometer breiten, öden Quellergürtel hinan, der ungestaltet, seltsam und häßlich wie etwas eben Geborenes die flache Kuppe Sandes umgab, die hinter einem kniehohen Dünensaum den Unterschlupf für den Gesuchten bot. Es war schon spät im Jahr, Vogelschwärme zogen wie schmale, enggestrickte Reusennetze durch die Diesigkeit des Tages.

Er soll mir nicht entgehen! sagte sich der Neuvogt. Denn er sah Rauch über der Bude aufsteigen. Aber er erstaunte, als er statt der morschen Schäferhütte, oder vielmehr hinter den Resten dieser, beim Näherkommen ein, wenn auch niedriges, so doch kräftig anmutendes Haus aus frischem Holz erspähte.

Einer der Gendarmen, der durch das Glas vom Boote aus des Vogtes Weg zu verfolgen vermochte, bemerkte, wie er die Flinte nach vorn schob und hinter dem Dünenkamm dort verschwand. Nach einer Weile hörte man aus jener Richtung einen Knall, der nichts anderes als ein Gewehrschuß sein konnte, und dem bald ein zweiter folgte. In Eile machten sie sich nun auf, um über das Vorland an die Hütte zu gelangen; ihre Füße sanken ein, und es dauerte fast eine halbe Stunde, ehe sie den niedrigen Dünensaum erreichten. Dort trat ihnen der Strandvogt entgegen und führte sie in das Haus, wo er im Vorraum auf ein Dutzend Rumfässer wies. In der Stube, die mit aller Behaglichkeit eingerichtet war, lag ein Mann erschossen auf dem Boden. Er war in Seehundsfell gekleidet. Neben seiner gekrampften Rechten lag ein noch neues Jagdgewehr. Ja, ja, das also war Mussel, der große Schmuggler, der rote Kieler. Da lag er nun wie ein toter Eskimo. Er sah ganz so aus, wie ihn die Bauern und Fischer zu beschreiben pflegten.

„Es ging nicht anders, er oder ich!“ sagte der Vogt, „hier ging sein Schuß und Gott sei Dank vorbei in die Wand.“

Die Beamten gaben zu, daß die Sache hätte unglimpflicher ablaufen können. Der Vogt erklärte, ein Protokoll schon aufgenommen zu haben, zeigte auch dergleichen und ließ die Gendarmen den Tatbestand durch Unterschrift bekräftigen. Im übrigen müsse man sich sputen, sagte er sodann, da die Witterung unbeständig sei. Man vermied, an der Lage des Toten Wesentliches zu ändern, nahm ein Faß Rum als erstmaliges Zeugnis mit, und nachdem ein Wachtmeister flüchtig und hinter der Hand zu einem seiner Kameraden bemerkt hatte, der Erschossene und der Strandvogt sähen einander merkwürdig ähnlich, und der Angeredete ihn taktvoll daraufhin anstieß, es seien ja auch Vettern gewesen die beiden, fuhr man wieder von dannen.

Der Strandvogt zeigte von da ab ein sonderbar verändertes Wesen, obschon die gerichtliche Untersuchung seinem energischen Vorgehen durchaus Billigung angedeihen ließ. Er war sanfter, namentlich gegen seine Frau, und beide machten oft einen seltsam heiteren Eindruck. Manche wollten allerdings seit der unseligen Tat eigentümliche Gedächtnisstörungen und eine veränderte Redeweise bei dem Strandvogt bemerkt haben. Vielleicht war ihm die Sache nähergegangen, als man hätte vorher vermuten mögen. Immerhin schien ihm, und wohl namentlich auch der Frau, die ein Kind zu erwarten begann, die Gegend nicht mehr zu gefallen. Er legte sein Amt nieder, verkaufte den Hof und wanderte nach Kanada aus.

Mieke Teersticken, als sie davon hörte, meinte einmal, die Vettern hätten im Tode ihre Personen ausgetauscht, oder vielmehr nur ihre Kleidung, und den man dort auf der Insel begraben habe, das sei der Vogt Harm Leweko, und der „rote Kieler“ habe Amt und Frau des Toten kraft der Ähnlichkeit einfach übernommen.

Sie sagt auch, das allerdings sei keine Lüge, daß des Vogtes Gewehr erst an zweiter Stelle geschossen habe. Aber der es gegen die Wand abdrückte, das müsse Mussel selber gewesen ein.

Vor der Tür säuselt der Wind, der weiß, wie es war. Und vor dem Deich liegt die See, sie ist nicht unendlich, und niemand ist aus der Welt, solange er lebt. Möge der, der die Herzen lenkt zu gut und böse, es milde mit uns meinen, damit wir bleiben können dort, wo unser Herz zu Hause ist.

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