Kitabı oku: «Der Widerschein»
Hans Leip
Der Widerschein
Eine Rückschau
1893-1943
Saga
Zusammenstellung und Zwischenbemerkungen von Kläre Buchmann. Die Zeichnungen, Gedichte und Prosastücke sind größtenteils bisher unveröffentlicht.
In den folgenden Blättern ist ein in seinem so eigenartigen wie notwendigen Verlauf fast gleichnishafter künstlerischer Weg aufgezeichnet: der Weg eines modernen Menschen mitten durch unsere Zeit, durch unsere großen Städte mit allen angenehmen und bedrängenden Errungenschaften des Jahrhunderts, vorbei an den bunten Gärten ihrer Vororte, durch die wandelbare Vielheit unserer Landschaften unter den ziehenden Wolken und den tönenden Sternen, in die Weite der Meere und die Lockung der Ferne und zurück wieder in die Innigkeit der Heimat, durch Dürftigkeit, Enge und Entbehrung, dem einen und dem anderen Beruf entlang und immer nur dem einen, dem künstlerischen getreu, durch Hunger und Auskömmlichkeit und fröhlichen Wohlstand, durch einen Krieg und die Abgründe der ihm folgenden Jahre und die wieder wachsende Sicherheit bis hinein in den neuen, durch Schwermut und Unruhe, Sehnsucht und Nüchternheit, Wirrnis und Gefährdung und alle Inbrunst zum Dasein, ein Weg, traumwandlerisch begangen aus innerem Zwang und auch wieder bewußt in gemächlichem Schreiten, abspenstig meist und den Markierungen des eigenen Herzens mehr als den vorgegebenen trauend, vielfach in fremdes Schicksal verstrickt und doch im Letzten allein, ein Bergpfad oft, umgehungsreich und kurvig und von wechselndem Gefälle, und doch wie unter höherem Zwang unabänderlich in der Richtung – aus dem Lauten in die Stille, vom Heftigen ins Milde, aus der Ebene zu jener Höhe, von der aus Rückschau und Umschau möglich, ja nötig ist.
Denn sie erst macht bewußt, daß jener Werdegang mehr ist als ein, wenngleich belangvoller Einzelfall, mehr als ein aufschlußreicher Beitrag zu der verworrenen Geschichte des menschlichen Herzens und der durchsichtigeren der deutschen Literatur, daß vielmehr in seiner Sonderbarkeit Gesetz waltet und sein schicksalhafter Verlauf etwas von dem offenbart, was uns nottut.
Hans Leip kommt so ursprünglich und unmittelbar aus dem Reinkünstlerischen, wie es seltsamerweise selbst bei Dichtern nicht häufig ist: ohne Programm, ohne Anspruch, kein Empörer, kein Ankläger, kein Erzieher, kein Rufer und Mahner, ein Verkünder schon eher und ein überaus empfindliches Instrument, auf dem alle guten und bedrohlichen Geister der Zeit und gelegentlich der liebe Gott selber musizieren. So ist sein Anfang: ganz aus dem sinnlich Anschaulichen und dem Empfindungshaften, aus der naturhaften und schwermütigen Nähe zum Dasein, ohne die Hemmungen und Müdigkeiten und freilich auch ohne die Sicherungen einer langen geistigen Tradition.
So ist sein Weiterweg, der eine Zeitlang sich mit dem heftigen Gefälle des Expressionismus, jenem in seiner Bedeutung durchaus noch nicht klargelegten Sturm und Drang des 20. Jahrhunderts, vereinigt: ekstatisch ausbrechend, verirrt in die Wildnis der Zeit, in ihr Dickicht verwildert und sich doch schon aus ihm lösend zu einem Lobpreis des Daseins, wie er trunkener selten gelang, vorgestoßen zu der Weise, wie man leben müsse, dem Innigsten anheimgegeben, vom Hauch der Mystik überweht und in scheinbar fernen Gesichten das Gegenwärtigste offenbarend.
Und dann der Umweg: in die Weite der Welt und die abenteuerliche Vielfalt des Lebens, in den Anreiz des Äußeren, in Eindrücke, Erlebnisse, Erfahrungen und in die vor dem unheimlich Tieferströmenden bewahrenden Bereiche einer handwerklich sicheren Gebrauchsliteratur.
Schließlich jene Gegenwart (von der aus neue Sichten und Wege sich auftun, ohne Zahl): die Verbindung der ins Intuitive und Visionäre gesteigerten Anschauung mit der sicheren Kenntnis des äußeren Gefüges der Welt, die bewußte Rückkehr in die Heimat der Seele im heiteren Bewußtsein, daß es kein Entrinnen gebe vor der innersten Weisung und daß alle betörende Vielgestalt des Außen nur ein Gleichnis sein könne für die geheimnisvolle Unendlichkeit des Innen, die gereifte und helle Erkenntnis des früh Erahnten und dunkel Gefürchteten, daß es keine künstlerische Verantwortung gibt ohne menschliche, und die unerschrockene Bereitschaft, sie schlicht und ehrfürchtig auf sich zu nehmen im Angesicht der ungeheuerlichen Zeit.
Kläre Buchmann
Anfänge
Wo blüht der guten Zukunft Licht,
wo sind die Lande ohne Leid?
Auswandrer sind wir dieser Zeit.
Wohin? Wir wissen es noch nicht.
Von der herkunft
Mein Vater, Sohn eines angesehenen Bauern und Schneideramtsmeisters im Hannöverschen, kam mit fünfzehn Jahren nach Hamburg, fuhr zur See, machte als Artillerist den Krieg 70/71 mit und versuchte, nachdem er geheiratet hatte, mancherlei an Land, war unter anderem Kutscher bei einer englischen Porzellanfirma, hatte ein Brotgeschäft und war schließlich bis hoch in die Siebzig Kaiarbeiter und Schauermann im Hamburger Hafen. Er vermochte Dinge und Personen mit phantastischen Namen zu belegen, so vierschrötig und gelassen er äußerlich war, wußte die bekannteren Teile der Bibel auswendig, besaß den Hamburger Bürgerbrief, besprach die »Rose« und pflegte zu den Geburtstagen meiner Mutter ein Gedicht zu schreiben.
Meine Mutter stammte aus einem armen mecklenburgischen Dorfe und hatte gleich nach der Konfirmation aus dem Hause gemußt, sich in der großen Stadt selber zu ernähren. Sie ging in Stellung bei einer guten Hamburger Familie und lernte dort vorzüglich kochen und rechnen. Mit achtzehn heiratete sie. Sie war klein und zierlich, von stiller rührender Frömmigkeit, geschickt in allem, unermüdlich, und wo andere gingen, huschte sie. Niemals war sie laut, niemals ungütig. Ihr einziger Ehrgeiz war, unbescholten zu bleiben, ihr einziges Streben, daß ihre sechs Kinder etwas Ordentliches würden. Und sie hat es, in dürftigen Verhältnissen, fertig gebracht.
Mond-Rehe
Im endlosen Sand
auf den mageren Wegen
zwischen dem Föhrenkratt
kamen meiner Mutter Füße
mir entgegen.
Kleine bloße Füße. Und es war
das kindliche Gesicht gesenkt,
und verborgen
weinten die hellen Augen.
Sie trug ein armes Bündel in der Hand
und die Schuhe, die bei jedem Schritt
schwerer wurden und noch lange taugen
sollten für härtere Sorgen.
Der Mond stieg silberklar
am Wald auf, und viele süße
Rehe wurden mild von ihm gelenkt
und gingen heimlich mit
in die große fremde Stadt.
Aus der kindheit
Das Geheimnisvolle fand sich in allen Treppenwinkeln und dunkeln Stuben, und manchmal, wenn ich nachts aufwachte, versammelte es sich erstickend um die Dampferrufe, die vom Hafen tönten. Aber auch bei Tag vermochten sich aus Tapeten, Stuhllehnen, Giebeln und Schornsteinen unversehens schattenhafte Gestalten zu lösen, die sich durch den Raum bewegten, ohne mich anzusehen, und voll unerkennbarer drohender Forderung und Lockung waren. Der Atem stockte mir oft mitten in Spiel oder Bastelei und selbst noch bei den Schulaufgaben. Um die Zeit baute ich mir ein Schattenpuppen-Theater, dessen Stücke sich in Schauerlichkeiten ergingen.
Aber da ich eifrig den Kindergottesdienst in der kleinen Stiftskirche zu St. Georg besuchte, konnte es nicht ausbleiben, daß meine Phantasie auch Engel um sich zu spüren meinte. Sie schwebten in den lauten Straßen eben über den Leitungsdrähten der Bahnen, und ihre Stimmen drangen deutlich, wenn auch – wie ich anmaßend glaubte – nur für mich vernehmbar, durch den Lärm und trösteten mich, der ich schüchtern und empfindlich und ewig bedrängt und nicht gerne Kind war, und ich antwortete flüsternd, daß ich verstanden habe. Leicht und verzückt schwankte ich dahin, ja, ich meinte, selber zu schweben, und wurde gütig vorbeigeleitet an Passanten, Laternenpfählen und dem rasselnden Verkehr.
Frühe begegnung
Ich war noch nicht zehn, da sah ich zum erstenmal die See, und es war bei Cuxhaven. Sie war vorerst ruhig und grau und glatt und befremdlich flach und sah keineswegs unendlich aus und roch bitter und fischig. Aber bald sprang der Wind auf, und die Luft wurde scharf und fuhr kühl und heftig in mich, als sollte ich platzen vor Frische, und die See fing an zu toben und zu brüllen, so daß ich ihr alle erste verhaltene Enttäuschung und Verächtlichkeit, die ich gefühlt, abbat und mich beklommen dessen entsann, was in der Schule mitsamt den Geboten an lutherischer Erklärung gelernt wird und wo es auf die Frage: Was ist das? heißt: Wir sollen Gott fürchten und lieben... So erging es mir mit der See und geht es heute noch. Die Hamburger hatten aus privater Stiftung um 1900 schon das, was man später Kinderlandverschickung nannte. Mein Vater kannte einen der Senatoren, die im Gremium saßen; denn er hatte ihm mit Erfolg eine »Gürtelrose« besprochen. Somit kam ich, lang aufgeschossen und bläßlich, zur Kräftigung an die See. Es war dort in der Christian Görnestiftung zu Duhnen, in einem weiträumigen, von tüchtigen Damen geleiteten Gefilde, dicht am Strand gelegen. Doch der harte Wind bekam meinem Halse nicht, ich mußte mit Fieber zu Bett und hatte mich schon darein ergeben, sterben zu müssen. Als es mir wieder besser ging, machte ich dankbar mein erstes Gedicht. Es hieß: Der Jüngling zu Nain.
Bald danach kamen die Hamburger Senatoren, um von Duhnen aus zu Wagen über das bei Ebbe freie Watt hinüber nach der Insel Neuwerk zu fahren, die mit ihrem dicken Leuchtturm so verlockend am Horizont lag und zu Hamburg gehörte und alljährlich behördlich besichtigt wurde. Die Görne-Kinder nun, wie wir hießen, die ja sozusagen Gäste der Stadt waren, wurden zur Begrüßung der Stadtväter in gleichmäßige Anzüge gesteckt, denen der Waisenkinder ähnlich, und es gehörte ein flacher weißer Umlegekragen dazu nebst einer blauen Schlipsschleife. Da es fraglich war, ob ich, eben genesen, die kleine Parade bei der Senatsabfahrt vor dem Strandhotel mitmachen dürfe, ich aber mich nicht abweisen ließ, ergab es sich, daß die blauen Schleifen alle schon vergeben waren und ich mich mit einer roten begnügen mußte.
Wir standen Spalier und sangen, und die Herren auf den hochrädrigen Wattwagen ließen eine Weile halten, auch den Geringsten unter ihrer Verwaltung Wohlwollen zu bekunden und unser Lied zu Ende zu hören, das die »Stadt Hamburg an der Elbe Auen« kindlich pries. Und einer der Großmächtigen, die zu meiner Mißbilligung in schlichtem Zivil und keineswegs in ihrem Amtstalar mit Mühlsteinkragen gekommen waren, beugte sich freundlich von seinem Sitz herab mir zu, lächelnd auf die rote Schleife weisend, vermeinend, es solle etwas Besonderes bedeuten. Ich ahnte nichts von Besonderem und daß Hamburg derzeit begann, im Ansehen des Reiches als »rot« und aufrührerisch zu gelten und daß es einer von den »Linken« sei, der sich durch meinen Schlips angestrahlt fühlte, und er lud mich leutselig ein mitzufahren.
So gelangte ich zum erstenmal auf eine Insel und genoß es sehr, hatte auch teil an dem, was den Herren an Kaffee und Kuchen kredenzt wurde. Wir wanderten danach deichlängs zwischen Schafen und Gänsen hin zum alten Störtebekerturm, der erschreckend in den Tag ragte, dicker und höher als ich je dergleichen gesehen. Und da wir nun aus belehrendem Munde über die Jahrhunderte vernahmen, denen er getrotzt, ging plötzlich ein schmächtiger knebelbärtiger Mann still über den breiten, kopfsteinig gepflasterten Turmhof, und ich hätte wohl lieber einen der gefürchteten Seeräuber erblickt, die hier einst gehaust hatten. Indessen ließ der Vortragende Syndikus eine kleine Pause eintreten, ohne daß der Dahinwandelnde uns zu bemerken schien, und jedermann sah dem in sich versunken Davongehenden nach, als habe er eine gebührende Kenntnisnahme und einen Gruß von ihm erwartet.
Später sagte dann jener Joviale, der mich eingeladen hatte, wie zur Entschuldigung in den Kreis seiner Kollegen: Es ist ein Dichter, meine Herren, der hat Eigentümlicheres zu bedenken als das, was mit einem behördlichen Aussehen und Ausflug zu verknüpfen wäre... Oder so ähnlich. Und er nannte den Namen. Und es lächelten alle und nahmen es nicht wichtig. Nicht so wichtig jedenfalls wie ich, der sich noch lange darüber wunderte, daß ein Mann nicht nur Rainer, sondern sogar Maria mit Vornamen heißen könne, und noch mehr, daß jemand vermocht habe, an einer so gewichtigen Vertretung der hansischen Regierungsmacht und Weltbedeutung, der ich mich eben stolz eingefügt gefühlt, achtlos vorbeizugehen; und eine bedrängende unbehagliche Ehrfurcht wehte mich erstmals leise an vor dem, was ohne Gewalt sich leisten darf, ungestört und ohne Blick auf andere und wie im Traum seinen Weg zu schreiten.
Ich fragte nachdem die Fräulein, die uns zu Duhnen betreuten, nach ihm, der Gedichte gemacht haben sollte, die vielleicht schöner waren als das meine, und ich hätte gern etwas davon gehört.
Aber sie kannten Rilke noch nicht.
In den bescheidenen Verhältnissen des Hauses und der Schule wirkte alles Besondere mächtig auf die ungelenkte Phantasie des Knaben: der geheimnisvolle Hauch des Welthafens und das Getriebe der großen Stadt, die Ahnung von den Schätzen der Ferne, die mit mancherlei vom Vater Mitgebrachtem in den dürftigen Haushalt wehte, das frühe Erlebnis des Elbelandes und der See, die Zeichnungen und Gedichte im ersten Jahrgang des »Simplizissimus«, dem heimlichen »Bilderbuch« des Jungen, die Lektüre der »Lesefrüchte« (an denen schon Hebbel als Knabe sich erbaut hatte), die Kunstwartmappen und gepflegten Leseneigungen der älteren Schwestern, die sogar den geliebten Gerstäcker verdrängten, die damals ungewöhnliche pädagogische Freimütigkeit des bedeutenden Hamburger Schulreformers und Kunsterziehers Heinrich Wolgast, die sanften Lieder in der Sonntagsschule, die große evangelische Kirchenmusik in der Chorjungenzeit. Aus der Unruhe und Versponnenheit wuchs, wirr noch und sich selber kaum bewußt, in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg immer unaufhaltsamer der Drang zum eigenen Gestalten, vielfältig aufbrechend unter dem Anhauch erster Liebe. Es entstanden schwermütige Gedichte im Volksliedton, Melodien, Zeichnungen und daneben die kindlich tastenden Versuche der Tagebücher, mit sich selbst, der Umwelt, den literarischen Äußerungen der Zeit und den unklar gefühlten eigenen künstlerischen Aufgaben ins reine zu kommen.
Das ruderlied (1909)
Tauch die Kuder leise ein,
Laß uns nun verschwiegen sein,
Hören wir doch, ich und du,
Gerne kleinen Wellen zu.
Weißt du, was die Welle singt?
Was in deinem Herzen klingt.
Lacht wie du und weint wie du,
Lacht wie du jetzt, hör nur zu.
Wenn ich eine Welle wär,
Zög ich in das blaue Meer,
Zög vorbei an manchem Land,
Blieb an einem schönen Strand.
Macht die Sonne ihren Lauf,
Höb sie mich zum Himmel auf,
Flögen Wolken fort mit mir,
Käm ich wieder her zu dir.
Sommersende (1910)
Die düstern Ulmen reckten ihre Äste
Wie Toresbogen in die sonn’ge Luft.
Wir gingen still, des Sommers letzte Gäste,
Den alten Weg. Im Winde war ein Duft
Von letzten Rosen und den welken Blättern,
Die leise unter unsern Füßen klagten.
Wir sprachen nichts. Nur unsere Herzen fragten
Sehnsüchtig nach den toten Frühlingsgöttern.
Auf dem fried hof an einem schönen tage (1910)
Wie feierlich die Taxushecken stehn.
Von Rosen sind die Gräber zugedeckt.
Wie damals singt die Drossel buschversteckt.
Mir ist, als sollte ich dich wiedersehn.
Unruhig lauscht mein Sinn den Hain entlang.
An jeder Wegesecke zagt mein Schritt.
Knirscht nicht der Sand? Ein Lachen klang?
Doch nur der Wind geht flüsternd mit.
Die alte Bank, von Buchen überdacht.
Es wär wohl an der Zeit. Bald kommt die Nacht.
Fern gleiten Glockenstimmen und verwehn.
Mir ist, als sollte ich dich wiedersehn.
Diese beiden ersten veröffentlichten Gedichte standen in der kleinen Zeitschrift »Junge Geister«.
Aus briefen und tagebüchern 1909–1914
Sie haben vielleicht noch die kindliche Ansicht, daß Gott etwas außerhalb der Menschenwelt Bestehendes sei. Seien Sie sich doch klar: Gott ist nur durch Menschen da. Aus der Erkenntnis ihrer Unvollkommenheit heraus schafft die Seele ein Ideal, dem sie gleich werden möchte. Wenn dann nach unendlicher Entwicklung ihr Himmelreich gekommen ist, braucht sie kein Vorbild mehr; dann ist sie selber Gott.
Es ist doch vollkommen gleichgültig, ob Christus gelebt habe oder nicht. Seine Gedanken leben auch ohne ihn. (1909)
*
Dehmels Theaterstück am 11. 11. 11. Michel Michael. Operettenwirtschaft ohne Musik. D. macht sich gemein. Dirne des Pöbels. Applaus wie wahnsinnig. Mir kam eine Lust zum Pfeifen. Das ist ja eine Vergewaltigung alles Deutschen. Simplizissimus. Grobe Satire. – – Ja arbeiten! Mathematik! Jammer! Lieber erfinden! Malen. Ich möchte ein besseres Theaterstück schreiben als Dehmel, wenn ich soweit wäre. Wann bin ich soweit? – nie? Die Zukunft wirds zeigen. Sagt jeder. Aber Gegenwart: Arbeiten! (1911)
*
Es ist doch ein blödsinniges Leben. Was bin ich überhaupt? Ich habe ein Theaterstück gesudelt. Scheint weiter keinen Eindruck gemacht zu haben. (1911)
*
O alle unsere herrlichen Dämme und glatten Wege. – Die Flut kommt und triumphiert.
Der Mensch, welche Bestie! –
Ich hatte einen wunderlichen Traum. Ich wanderte in der Nacht gegen ein fernes Licht. Die Dunkelheit war wie ein Meer und darin schwamm ein leises spöttisches Lachen. Dieses Lachen machte mir Qual, und ich wollte ihm entkommen aus der schrecklichen Einsamkeit. Ich lief und lief, aber das Licht blieb immer gleich fern, und das Lachen schwieg nicht. (1912)
Zwischen gärten (1912)
Zwischen Gärten war ein Gang,
wie im Frühling kam der Wind,
und der Strom im Dunkeln sang
von den silbergrauen Ländern,
die in unsern Träumen sind.
Welkes Laub hing Baum an Baum
aufgereiht gleich Zuckerkringeln.
Durch die Abendzweige wand
sich der ferne Ufersaum
als ein frühes Weihnachtsband.
Da erschrak sich deine Hand,
war wie heiliger Schein so weiß,
Bange lief der Wind zum Strand,
und der Regen weinte leis
von dem vielen Leid der Erde.
Deine Hand war weiß und klein,
war ein arm Christkindlein bloß.
Meine Hand war braun und groß,
mußte wohl die Krippe sein.
Halleluja sang der Wind.
Lernen! Wozu?? – Ich dichte und komponiere jetzt lieber kleine Lieder. Weihnachten kommt. O käme auch unser Heiland, unendlich herrlich, unendlich rein! Ich war heute auf den Kirchhöfen. Einsamkeit und Andacht. Auf dem »Dom« stehe ich und starre in das kindische Treiben. Sinnenvergewaltigung. Ich geh nicht wieder hin. Dirnen und Narren! – (1913)
Sehen lernen und still sein, nicht mit einem Bauchladen an der Hauptstraße stehen wollen und den »sensationellen Massenartikel« an die Leute reden. Bohemegelüste sind auf die Dauer wirklich saure Trauben. Arbeiten ist sicher gleich Glück. Schaffen, Schöpfer sein!... Mit dem Stilisieren und Karikieren darf man nicht anfangen, sondern höchstens aufhören. Man muß jedes Kleinste erst richtig sehen und zeichnen können, dann erst darf man weglassen, darf großzügig sein.
Ich hab dem »Alten« ein von ihm geliebtes Heidehaus-Interieur gemalt und wurde dazu einen Tag beurlaubt. Dafür hat er mir sein Bild mit Rahmen zum Geburtstag geschenkt: »Werden Sie ein großer Künstler und guter Mensch!«... (1913) Man muß Normen und Halt und Ordnung haben. Leidensstationen der Hoffnung, Meilensteine des Vergänglichen, Türen zu anderen Zimmern, die anfangs nett und sauber sind; aber wie wird darin gehaust, wie gerne geht man schließlich hinaus! Täuschung. Aber doch wichtige Abkühlung für den Boden, der ewig unter den Füßen brennt. »Es ist alles nichts gewesen, ich will es vergessen, aber mm wirds kommen!« Und immer so weiter. Die Ewigkeit wirkt beklemmend, darum teilt man sie in verdauliche Happen. Woran liegt es, daß niemand recht fröhlich ist? Haben wir uns denn angenehme Augenblickserfahrungen zu dauernden Lebensbedürfnissen verplattet? Minutenerlebnisse, die nur durch ihre Zeitbeschränkung wirken (Glück), zur Alltäglichkeit verlangsamt wie Mittagessen und Straßenbeleuchtung? Sicher ist: Richtige Freude am Leben hat keiner. (1914 Neujahr)
Gewiß wäre ich zu Zeiten dankbar für einen urteilsfähigen Freund, der den Weg zeigt, der für mich zu gehen ist, den ich nicht weiß. Bin ich nicht überall auf Irrwegen? Sollte doch etwas dahinter sein, hinter der »Wahrheit«? Das Fieber Tausender nach diesem »etwas« kommt auch über mich vielleicht, der Drang nach Wahrheit; ist das nicht der Drang nach einer Stütze, weil wir schwach sind und das Leben zu wirr in uns?
Es kann ja nichts weiter sein als ein imaginäres Geländer.
(1914 Februar)
In dem folgenden Bericht, der 30 Jahre später, nach den großen Luftangriffen auf Hamburg Sommer 1943 geschrieben wurde, taucht die Kindheit zwischen Zerstörtem und Unzerstörbarem wieder auf.
Im grauen ein holder schein
Es drängte mich, die Stätten der Kindheit wiederzusehen, von denen ich gehört hatte, sie seien durch die Bombenangriffe alle zerstört. So kam ich vom Hauptbahnhof denn zu der St. Georger Kirche hinüber, wo ich vom zehnten bis vierzehnten Jahre Chorjunge gewesen war. Das bedeutet in einer protestantischen Kirche nicht viel, aber mir hat es die Sinne geöffnet für die große Musik der Orgel von Bach bis Reger. Und da ich unter dem ausgebrannten Turmstumpf eintrat durch das hohle Barockportal und über den Schutt hinwegstieg, weit genug, um den gewaltigen Innenraum zu überblicken, dessen Decke allein durch die ein wenig nach außen geneigten Mauern gespannt und getragen gewesen war und keiner Säule bedurft und die nun dem Himmel Platz gemacht hatte, wisperte mich viel Kleinkram der Erinnerung an, und ich sah mich auf der herabgestürzten Empore stehen, eng zwischen den »singenden Drachenkälbern«, wie einer der Herren uns nannte, die sonntags mit Baß und Tenor unsere dünnen Stimmen prangend zu untermalen verpflichtet waren. Der Kantor, der uns streng und geschickt, ich möchte sagen, elegant zu leiten wußte, war Georg Aleff, ein höchst musikalischer und musisch geneigter Mensch, ein Ritter an Gesinnung und Haltung wie St. Georg selber und in mannhaftem Kampfe mit unserer Ahnungslosigkeit und Nachlässigkeit, aus der wenig an verborgenen Schätzen zu erringen gewesen. Der Hauch seiner weltmännischen Kenntnisse, seine Ehrfurcht vor der Kunst, seine gepflegte Erscheinung und die vornehme, fast schauspielerische Art seiner Sprache und Gebärde hat auf alle, die unter ihm dem Chor je angehört (und es sind darunter zum Beispiel Bernhard Jakschtat und Erwin Bolt), sicher eine fördernde Wirkung gehabt; denn wir kamen zumeist aus kleinen und armen Verhältnissen und sangen um des Chorgeldes willen, das, anders als beim amtlichen Hamburger Kirchenchor, die Gemeinde und nicht der Staat aufbrachte. Ich rechne den trefflichen Mann wie Heinrich Wolgast und Alfred Lichtwark mit Stolz zu meinen Erziehern. Auch habe ich mein erstes schriftstellerisches Honorar bei ihm verdient. Er war es, der lange bevor der Begriff allgemein wurde, jährlich einen »Betriebsausflug« mit uns machte, und seine pädagogische Neigung ging so weit, uns zu veranlassen, einen Bericht darüber zu verfertigen; er setzte auch einmal auf einer schönen Fahrt nach Lübeck als ersten Preis einen blanken Taler dafür aus, und ich gewann ihn.
Am meisten habe ich unseren Kantor bewundert, wenn er, unseren mageren Sopran zu verstärken und in der Höhe zu halten, dessen Partie im Diskant mitsang, indes seine schwarzen Bartspitzen drohend aufstachen und seine schwarzgeränderten Brillengläser magisch blitzend uns zu letzter Anstrengung beschworen.
Lange hat er seinen Posten mit dem eines »Repräsentanten« der größten deutschen Flügelfabrik vertauscht. Doch der Hall seiner Stimme, ach, der Hall unserer kindlichen Stimmen, der so gläsern klar unter der schnörkligen, flachen, gewaltigen Wölbung hinklang, fromm und unschuldsvoll, so wenig oft unsere Herzen Anteil hatten an der Hoheit der Musik und des Textes, nun, selbst an den ausgebrannten, abgeborstenen, aller lustigen Priölken und Gestühle entkleideten Mauern scheint er noch nachzuhallen, unverwelkbarer meiner Erinnerung als manches, was mächtiger oder lieblicher mir später in die Ohren scholl.
Auch das Küsterhaus ist ausgebrannt, wo die Chorproben stattfanden, in die wir erhitzt vom Schlagballspiel hineinstürzten, wenn Kneifer und Bartspitzen über dem edlen gelben Mantel unter dem hellen, kecken Hut eilends um die Kirchenecke bogen. Aus den Saalfenstern habe ich oft verlangend in die Hintergärten geblickt, die voller alter Bäume, Gebüsche und Geheimnisse sich zu den damals noch sehr »feinen« Häusern an der Alster hinzogen. Wir hatten zu Hause nur einen Balkon. Jetzt sah man durch die zusammengestürzte Hinterwand weit in das immer noch grüne Gelände, und niemand hätte mich gehindert, dort einzudringen, als einzig die Scheu, nun als Erwachsener vor den blassen Knabenaugen von einst einherzugehen in dem, was unerreichbar und schön wie alle Gefilde der Sehnsucht gewesen war.
Der Spruch fiel mir ein, den mir der herrlich freigeistige Pastor Kapesser bei der Konfirmation gegeben hatte, als ich mir vorm Altar von der Orgelempore mußte zusingen lassen, wie ich jahrelang mit für andere gesungen. Klopfet an, so wird euch aufgetan! hieß mein Spruch. Er hat sich oft bei mir bewährt, so wenig gern ich ihn anfangs hatte mit dem Stolz der Armen, die noch eben keine Bettler zu sein brauchen. Der Sinn der sanften Gewalt in diesem Spruch ging mir erst später auf, und er hemmte auch nun meinen Schritt, daß er behutsam bleibe; denn der Garten der Kindheit tat sich weit auf, da mein Herz an die unsichtbaren Pforten klopfte, und ein holder Schein hob sich über das Grauen der Zerstörung.
*
In der Langen Reihe hatten wir zweimal gewohnt, einmal im Keller an der lichten Seite gegenüber der Turnhalle und einmal gegenüber der alten Weinhütte hoch oben im vierten Stock. Im Keller hatten meine Eltern ein Brotgeschäft betrieben. Ich war noch zu klein, um viel Erinnerung daran zu haben, außer an ein paar stibitzte Kuchen und das Fell voll dazu und – da fällt mir ein – an den munteren Schauspieler Ludwig Max, der unser Kunde war und mich, ich weiß nicht warum, mit »Herr Professor« anzureden pflegte. In der vierten Etage aber, die, mit »Mädchenklingeln« in allen Zimmern den Glanz der damals noch im allgemeinen wohlhabenden Gegend auch bei uns ahnen ließ, begann ich meine ersten Zeichenversuche auf einer Schiefertafel, lernte in den Hinterhöfen – die in dem rücksichtslos anwachsenden Großstadtverkehr die einzig sicheren Kinderspielplätze waren; denn selbst zu den spärlichen sogenannten »Anlagen« mußte man über die tobende Straße – alle alten Hamburger Kriegen-, Versteck-, Kreis- und Reigenspiele von »Hahn, ick seih di...« und »Abo, Bibo...« bis zu »Trauer, über Trauer, hab verloren meinen Ring...« und »Adam ging und wollte sich erquicken...«. Den wilderen Unternehmungen der Schlachtersöhne Hans Albers und des späteren Meisterspringers Albert Zürner sah ich atemlos nur von weitem zu, denn sie waren mir im Alter voraus, und nur als sie bei ihrer Konfirmation nach derzeitiger Sitte eine Unmenge von eigens zu diesem Zweck von einer Hamburger Fabrik hergestellten und bei allen Krämern um Ostern zu habenden »Konfirmandenbontjes« in die »Grabbel schmissen«, war ich näher beteiligt.
Die zerspellten Gesimse – o höllischer Spuk – hatten in der ungeheuren Feuerwalze die Farbe jener billigen gebrannten Zuckerkaramellen angenommen, daran nun der Wind sog und sich unermeßlich anfüllte mit der Grausamkeit des Geschehens, das alle Rauheit, Bangnis und Süße der Kindheit überdunkelte, fast auch die holderen Gestalten, die mir nun aus dem Trümmerfeld, darin es noch glomm und qualmte, entgegenschritten, die hübscheren unter den Freundinnen meiner großen Schwester, die sich – ich ging noch nicht zur Schule – vor meinen Küssen nicht zu retten vermocht hatten.
*
Kamen wir in die Alexanderstraße, Hans Friedrichs und ich, der mein Spielkamerad gewesen war vor vierzig Jahren und es nun bis zum Revierleutnant gebracht batte, immer noch der alte nette Junge. In Schutt lag auch hier, wo er und ich gewohnt, aber unsere Erinnerungen waren lebendig wie je, und wir nannten die unverblaßten Namen der Freunde und Feinde und der Nachbarn und Kaufläden, gedachten der Schlachten mit unseren Bleisoldaten, die wir in imerkannt friedlich schönen Zeiten so ahnungslos gespielt, gedachten der Sedan-Ehrenpforten und -Feuerwerke und daß ich seine Schwestern schüchtern verehrt, gedachten der Abenteuer mit Einbrechern und des Kriegervereins des Hausbesitzers und Gipsgießers Zehle. Die Alexanderstraße war damals reich an Gegensätzen, es gab dort Villen mit vielen reichen Ausländern in Pension und gute Bürgermietshäuser, in deren einem wir wohnten, und finstere Hinterhöfe; dazu gab es kleine Vorgärten und größere, meist verwahrloste Hintergärten hier und da, und eine kleine vornehme Sektierergemeinde und weiterhin stille Stiftswohnungen und in der Nähe die kleine Stiftskirche, wo ich zur Sonntagsschule ging.
Zerschlagen alles, hohl und verlassen, unheimlich reckt sich das leer zerzackte Gemäuer wie nur je die Kulissen unserer verschollenen Knabenphantasie, darin die Abenteuer nicht grandios genug sich an unsäglicher Gewalttat und Zermalmung zu erbauen geliebt, wie es Knabenart ist. Und ein frühes uraltes Gelächter geistert zwischen der Zerklüftung, und das ahnungsvolle und genießerische Erschauern der jungen Jahre verwürgt sich mit der erbarmungslosen Anschaulichkeit der Gegenwart. Ein unfaßliches Grauen schlich mich an und schien mir doch so vorbekannt aus allen zerschundenen, dem Himmelslicht brutal aufgerissenen Stuben, wo wir gewohnt, selbst dort, wo ich geboren war und der Ofen noch halbzerschmettert ragte, an dem meine ersten Windeln getrocknet, und wo, unweit davon, an zerbrochener Mauer mit großen, ungelenken, traurigen Buchstaben stand: Mama, wo bist du? Fidi... und ein verdorrter Stiefmütterchenstrauß in der zermörtelten Fensterhöhle leuchtete. Und in der Reismühle, welch gigantische Gräbermale die zerschlagenen Häuserblocks, darunter die schüchternen Erinnerungen lagen von frühen Wanderungen an Neckar und Main, längst verblichene Tapeten, daran Ansichtskarten, Fotos und Lautenbänder geheftet gewesen in erster eigener Kammer, deren Wände nun hinabgestürzt waren, vergänglicher als die Andenken des Herzens an die ersten Verliebtheiten, vergänglicher selbst als die ersten kleinen Lieder.
Annemarie,
die ging am Abend spät noch aus, sie ging vor eines Spielmanns Haus, kein Mädchen war so schön wie sie, Annemarie.
Meine Eltern sind lange tot; sie haben das Entsetzliche nicht mitzuerleben brauchen. Und meine fünf Geschwister, obwohl sie alles verloren, haben doch das Leben gerettet. Und das Leben ist es, das triumphiert. Die versengten Bäume, mitten schon im Herbst, stehen überall stammauf und -ab in Frühlingsgrün neu ausgeschlagen.
Und aus dem bitter-süßlich dunstenden Schutt hervor strich eine kleine schwarze Katze liebebedürftig an meine Beine, und da sie zu mir aufmauzte und ich meiner Töchter gedachte, die nun schon auch fast erwachsen und mir wie mein Haus und mein Herz bewahrt geblieben sind – bislang, ja, bislang –, also wie ich daran gedachte, daß sie eine kleine schwarze Katze namens Ally sehr geliebt, da erst war mir, daß ich mich niederbeugen mußte, das Lebendige in der ungeheuren Trümmeröde zu streicheln und um das Feuchte der Augen zu verbergen, das kaum geeignet sein konnte für die Aufmerksamkeit eines Polizeioffiziers, der an Leid und Sorge und Pflicht genügend zu tragen hat und seine Mutter und alle Habe zum Opfer hatte geben müssen in den Nächten des Höllensturzes unserer lieben Stadt.
Hamburg, am 11. Oktober 1943
Hans Leip sollte Pastor werden – das war der Herzenswunsch der Mutter; aber die Mittel reichten nur zur »Universität des kleinen Mannes«, dem Lehrerseminar, das zu Hamburg nicht zu Unrecht einen guten Ruf genoß. Besonders anregend wirkte auf den spröden und verhaltenen Norddeutschen der weitgespannte, lebendige und zugleich anspruchsvolle Deutschunterricht des vielgereisten schwäbischen Professors Dr. Theodor Jaeger.
Für Leips künstlerische Entwicklung aber wurden vor allem bedeutungsvoll die sonntäglichen Vorlesungen des weit über die Grenzen seiner Heimat hinaus berühmten Direktors der Hamburger Kunsthalle, Alfred Lichtwark, dessen erzieherisches Bemühen um den »Deutschen der Zukunft« noch lange nicht zu seiner vollen Wirkungsmöglichkeit gelangt ist.
Der Krieg unterbrach den eben ohne Neigung begonnenen Lehrberuf (an der Knabenschule Billhörner Röhrendamm zu Hamburg-Rothenburgsort): Hans Leip wurde Gardefüsilier in Berlin. Dort entstand unmittelbar vor dem Ausmarsch in die Karpathen das Lied »Lili Marleen«, und die Stimmung des Abschiedsabends wird anschaulich in der ersten veröffentlichten Prosaarbeit geschildert.
Mit dieser Melodie des Dichters wurde Lili Marleen in einem kleinen Kreise von Kameraden gesungen, die keine Ahnung hatten, wer der Verfasser war. Veröffentlicht erst 1937 in der »Kleinen Hafenorgel«, komponiert von Norbert Schultze, gesungen von Lale Andersen über den Belgrader Sender, wurde es das beliebteste Lied des neuen Weltkrieges und übertrug sich auf fast alle lebenden Sprachen. Neben einer Fülle von mehr oder minder tiefsinnigen Betrachtungen rief es eine Unzahl von Parodien und Karikaturen hervor.
Aus der ersten Prosaarbeit
Der abschied
Sie hatten sich zum letztenmal auf der »Krummen Bude« versammelt, und es ging hoch her bei Kommißbrot und Bier...
Mit der hereinbrechenden Dämmerung kroch eine Schwermut aus den Ecken, spann ein Spinnweb und fing die lustigen Gesellen wie Fliegen.
Schalli war nach einer Rundreise über die moderne Schlagermusik Europas wieder bei »Morgen muß ich fort von hier...« angelangt. Aber keiner sang mehr mit, alle saßen schief und bleich hinter den Gläsern. Betty sog mit geheuchelter Kennermiene an einer Zigarette, die Krischan ihr aufgeschwatzt hatte, und sagte ab und zu: »Schalli, was extra Lustiges!«
Der Straßenlärm schwoll herauf, die Krumme Bude bebte. Klas stand am Fenster. Eine Bogenlampe malte seinen Schatten unheimlich groß auf die Decke, eingesponnen in das Netz des Gardinenmusters. Schalli spielte drei Verse. Es war eine Qual, aber keiner hatte die Kraft, sich zu wehren. Klas hörte das Meer rauschen und sah statt der Berliner Dächer und Schornsteine einen hellen grünen Deich, und der Deich drehte sich und drückte sich in die Erde, verschwand und ließ einen schwarzen Graben nach; auf dessen schräger Wand glitten weiße regungslose Gesichter wie Schneeflocken zu Grund, Hunderte, Tausende.
»Mach Licht!« sagte Betty.
»Es ist hell genug von der Straße!« erwiderte Klas, und die andern stimmten ihm zu, weil sie wie er Angst hatten vor ihren eigenen Gesichtern.
Dann knarrte der Klavierbock, und Schalli setzte zweimal an: »Ist da noch – ist da noch was zu trinken?«
Alle stürzten in einem Atem nach der Ablenkung. Leere Flaschen fielen um, das Brotmesser klirrte zur Erde. Krischan kniff Betty in die Wade, sie trat ihm auf die Hand, beide taten es ohne ein Wort dazu.
»Hier ist noch eine«, sagte Klas.
»Nur eine?«
»Wer soll sie haben?«
»Wir verlosen sie«, riet Schalli.
Das war eine Idee, und mit Krakeel und hundert Vorschlägen krallte man sich daran fest. Man knobelte. Pinkatt gewann, nahm einen Schluck und gab die Flasche weiter. Und bald saß man wieder auf dem Trockenen. Da sagte Krischan, der sich rächen wollte: »Verlosen macht Spaß, nicht Betty?«
»Ja», sagte sie ahnungslos.
Und nun wollen wir dich verlosen, grinste er, so daß seine Zähne im Halbdunkel leuchteten.
»Quatsch!« sagte Klas.
»Herrlich!« rief Schalli, und selbst Pinkatt rührte sich beifällig.
»Und zwar mit Blindekuh«, fuhr Krischan Pütt würdevoll fort:
»Derjenige, welchen du zuletzt fängst, mein Kind, darf dich abküssen nach allen Regeln der Kunst.«
»Pfui!« schrie sie, »nein, das tu ich nicht!« Aber sie lachte halb dabei, so daß alle außer Klas sie bedrängten, und Pütt wollte ihr die Augen mit seiner Halsbinde verbinden. Plötzlich aber sprang sie auf Klas zu, warf einen Arm über seine Schulter und küßte ihn auf den Mund. War dann wie eine Ratte flink an der Tür und hinaus.
Die vier standen unbeweglich, bis die raschen Füße auf der Treppe nicht mehr zu hören waren.
Ausmarsch (1915)
Morgens halbig vier
schon marschieren wir,
und im Nebel friert ein kahler Baum.
Wie ein Vogel singt,
ja ein Stieglitz singt,
zirpt mir von der Nacht ein schöner Traum.
Und sie sprach zu mir:
Ach komm bald zu mir,
Und du sollst und mußt mein eigen sein!
Und ihr blondes Haar,
ja ihr schönes Haar
hüllte mich wie Gold und Seide ein.
Ei du Unverstand,
ei du Rand und Band,
warum lockst du in der Frühe mich,
Bruder nimm mich mit,
ja und nimm mich mit!
Oder ließ auch dich dein Herz im Stich?
O du Soldatenfeld,
du grüne Mädchenwelt,
o du Soldatennot,
Soldatentod.
Brief aus den karpathen
Ers. Batl. G. F. R.
12. April 1915
Liebes Gretchen,
Wann diese Post Euch erreicht, ist nicht abzusehen, denn wir liegen weit weg aus aller Welt im Schneeschlamm am Zwinin. Die Verbindungswege sind sehr dürftig und nur für die armen abgetriebenen Maulesel gangbar, und die bringen nur Munition und etwas Schiffszwieback (österreichischen!) und keine Post und nehmen, wenns gut geht, die schmutzige Offizierswäsche mit zurück. Verwundete müssen auf Zeltbahnen zu Tal geschleift werden, aber meistens sterben sie vorher oder bleiben sowieso gleich im metertiefen Tauschlamm stecken, wo denn die, die den Winter über gefallen sind, langsam herauskommen, eine schwarze Hand erst, dann ein Knie, dann das schwarze arme Gesicht. Auf den Kleidungsstücken hält sich der Schnee länger. Die ganze Front riecht schaurig süßlich nach den Verwesenden, es riecht wie Hamburger Aalsuppe, sagte einer aus meiner Gruppe, Möller, auch aus Hamburg. Er ist gestern gefallen und war ein netter Junge. Er wollte zeigen, daß er nicht bange ist, und stellte sich auf eine M.-Kiste und sah zu den Russen hinüber, die oben gut eingebaut sitzen. Und – zick – hatte er den hier üblichen Kopfschuß. Sein Gehirn spritzte uns aufs Zeug, und es sah aus wie die Mettwurst, die einer hier, ein Bauer von Beruf, neulich bekam und alleine ißt, und er ließ sich auch heute nicht dabei stören trotz der deutlichen Erinnerung. Es sind sibirische Scharfschützen, die uns gegenüber in den gewaltigen Bergtannen nisten. Ich will mich gut in Deckung halten. Demnächst wird wohl der Zwinin gestürmt. Wir haben Verstärkung und sollen auch Handgranaten haben, mit denen nebenan schon viel Unfug in den eigenen Reihen angerichtet wurde. Auch sind nun die lange gewünschten Pioniere mit Minenwerfern da...
Ich kann diesen Brief vielleicht selber mitnehmen nach Tucholka, wo ich zwei sibirische Gefangene abliefern soll, die sehr viel besser ausgerüstet sind als wir und einen trefflichen Eindruck machen. Es sind Bauernsöhne, hörte ich. Jetzt sind Österreicher aus Fiume unter uns verteilt. Nach Fiume, wo Du ja schon warst, möchte ich auch mal, Adele hat mich doch eingeladen. Ich möchte überhaupt noch viel sehen von der Welt, namentlich von dem südlichen Teil. Den nördlichen, wenigstens das Wasser, kenne ich etwas und habe keine Sehnsucht mehr danach, besonders hier in den traurigen Schneedrecklöchern. Die Landschaft ist großartig, so beschwerlich sie ist; ich möchte sie einmal als freier Mensch genießen. Ich habe ein Gedicht an die Neue Hbg. Zeitung geschickt, wundere Dich nicht, wenn es etwas traurig ist, wenn es gedruckt würde. Manchmal singen wir noch, aber nicht oft. Herzliche Grüße an alle
Dein Bruder Hans
Wenige Tage danach wurde Hans Leip verwundet. Eine lange besinnliche Lazarettzeit brachte ihn zum erstenmal in die bewußt erlebte Nähe großer Literatur, vermittelt durch den musisch bewegten Leipziger Schulmeister und Landsturmmann Wilhelm Fuß. Ein unverlöschlicher Eindruck, der, scheu und ehrfürchtig empfangen, auf allen späteren Wegen trotz mancher Ablenkung mehr und mehr verpflichtend weiterwirkte, so sehr auch zunächst nach der Entfernung durch den Krieg für den Zurückgekehrten das augenfällige Bild der Heimat und des greifbar Nahen und die Fülle persönlichen Schicksals in den Vordergrund traten.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.