Kitabı oku: «Des Kaisers Reeder»
Hans Leip
Des Kaisers Reeder
Eine Albert Ballin-Biographie
Saga
Der obersten Gewalt jedoch, von der alles herfließt, Wohltat und Pein, unterwerfen sich feste, folgerechte Naturen, um nach ihrer Weise zu leben und zu wirken.
Goethe
1.
Der Heranschaffer
Am Johannisbollwerk · Boß und Agent · Der Mantel des Kapitäns · Schlafplatz Zwischendeck · Lange Jahre großer Segen · Ein Freund aus London · Träumerei und Mission · Bruder Josephs feiner Job · John Meyer von der Packetfahrt · Die Zarenhymne · Reeder Carr bietet die Hand.
„Los!“ brüllte der Boß.
Der Matrose an der Gangway löste die Sperrkette. Klirrend fiel die letzte Fessel des Kontinents. Die Auswanderer strömten an Bord. „Kutschieren die mit dem miesen Pott übern Atlantik, Herr Carr?“ fragte einer der Zuschauer an der Schranke.
„Nein, Herr Cassel“, antwortete der Angesprochene und schlug den Kragen des eleganten Havelocks hoch: „Die steigen in Liverpool um.“ „Und eine direkte Möglichkeit von Hamburg nach New York gibt es nicht?“ „Nein, Mister, nicht für diese polnisch-galizischen Zwischendecker. Die müssen denn schon nach Bremen zum Lloyd gehn.“
Der Schutzmann, der daneben schnauzbärtig den Durchlaß bewachte, reckte die Pickelhaube. Vorn an der Rampe des Bollwerks brüllte der dicke Boß: „Stop! Stoi! Halt, du Pijaukel!“ und riß einen jungen Kaftanträger robust am Ellenbogen zurück. „Deinen Ausweis, fellow!“
Der Matrose warf die Kette quer über die Holme der Gangplanke. Die Auswanderer, beladen mit Sack und Pack und Bitternis und Hoffnung, stockten wie ein scharf gebremster Güterzug. Einer stieß dem andern gegen Rückfront und Habseligkeiten. Einige lupften murrend den Ballen Bettzeug von der Achsel, husteten und spuckten im herniederfahrenden Schlotqualm. Rasseln von Kohlen und Schaufeln erscholl aus dem Bauch des stämmigen Schiffes. Die Heizer machten Dampf.
Warten? Immer noch warten? Was hat denn der Boß zu meckern! Aus überzerrten Händen gleiten Bügel billiger, abgewirtschafteter Koffer, Bindfäden schneiden in Fingergelenke, Verschnürung für das bißchen, was an armseligem Hausrat mitgeschleppt werden darf.
März 1881. Der Wind bläst von Ost und ist voller Hafengeruch, Trümmerdunst und Geheul, das zuweilen in einem Sprengschuß zerbirst. Den Flüchtlingen erschauert das Eingeweide, als kämen die Kosaken wieder hinterher, von denen sie durch enge Ghettogassen in Galizien gehetzt wurden. Es war aber nur der Lärm von der Kehrwieder-Insel, wo hinterm Jonashafen die Freie und Hansestadt Hamburg darangeht, mit jaulenden Baggern und dem nagelneuen „Nobels Patent-Pulver Dynamit“, den Bismarck abgerungenen Freihafen zu schaffen und dafür bedenkenlos ein ganzes Wohnviertel schönsten Barocks opfert. „Da hätt’ ich Arbeit kriegen können“, sagt einer in dem Haufen, „aber drüben überm großen Teich gibt es Gold statt Dreck.“
Aus dem langen Schlot des Liverpooler Schraubendampfers strähnt der Rauch nun hoch gen West wie ein grauer Wimpel der Unbegrenztheit. Darunter, vor dem letzten schmalen Steg in die goldene Weite, steht der Boß der Reederei, dick wie zehn Grenzpfähle. Der Bursche in Kaftan und Lammfellmütze, den er gepackt hält und den die ungeduldig Nachdrängenden gegen die Kette pressen, wiederholt voll Trotz unaufhörlich: „Agent weiß, Agent hat!“
Es nützt ihm nichts. Matrosenfäuste befördern ihn aufs Bollwerk zurück. Und wieder löst sich die Kette. Der Boß, die erkaltete Zigarre zwischen den Zähnen, vergleicht polternd Ausweis um Ausweis mit einer langen Liste und schaut drein, als habe er es mit nichts als Gaunern und Abschaum zu tun.
„Wo bleibt bloß dieser Ballin! Damn’it!“ dröhnt er dem Kapitän zu, der am Bordende der Gangplanke Posten gefaßt hat. Der „Alte“ zuckt einen Mundwinkel nach oben. Seine verkniffenen blauen Augen gleiten über die paar Gebäude am Bollwerk: Hotel, Brauerei, Zirkuskuppel, Seemannsheim und Reeperbahn, Budiken.
„Haben bald Hochwasser, Boß!“ erwidert er und mustert weiter die Passagiere, die auf dem immer steiler vom Ufer ragenden Laufbrett an Bord klimmen, als ginge es geradewegs in den Himmel.
„Dung für den ausgelaugten Indianerboden“, meint Mister Cassel und streicht sich den gepflegten schwarzen Bart, den er sich à la Prince of Wales um Lippe und Kinn stehen läßt.
Herr Carr, das bunte Bild ostischer Kaftane durch die Schlaufe seiner Reitpeitsche visierend, fügt hinzu: „Und so gratis von Rußland geliefert, daß das Geschäft lohnt. Der Boß da vom in seinem teuren Pelz scheint jedenfalls auf seine Kosten zu kommen.“
„Aber für seinen Ranschaffer hat es offenbar nicht mal zum Sommerüberzieher gereicht“, lächelt Cassel. Mit leichter Bewegung des Handschuhs zeigt er auf einen jungen Mann, der sich atemlos, die kleine Nickelbrille auf der schweißglänzenden Nase, durch das Gedränge am Bollwerk zwängt. Seine schwarzen Locken, der kleine Schnurrbart, das weiße Formular mit dem Kontorhut in seiner Linken, schaukeln und wippen zwischen Frachtstapeln, Fuhrwerken, Quartiersleuten, Waterclerks, Hafenlöwen, Händlern, Heuerbaasen und Gaffern heran. Hier und da grüßt er und eilt an dem gemütlich zurücknickenden Polizisten vorbei zur Laufplanke. Der Bursche mit der Lammfellmütze stürzt dem Agenten entgegen, küßt ihm den Saum des abgewetzten Jacketts und jammert: „Panje Agent, Panje Ballin! Karta parowiec! Ausweis meiniges!“ Der nimmt ihn sachte beim Arm: „Wratislaw! Cicho, cicho! Dobrze! Alles in Ordnung!“ Er zieht ihn mit sich auf die Gangway. Der Boß wirft einen vorwurfsvollen Blick auf den Fahrschein.
„Ham Se woll retour gekauft, Ballin“, grinst er verächtlich.
„Das ging am schnellsten und unauffälligsten, Miller. Die Dämchen auf Sankt Pauli haben sein Heimweh ausgenützt. Aber sie fanden seine Barschaft zu armselig und wollten dafür seinen Rock und die Hosen behalten; da hat er schon lieber das Ticket gegeben. Hat sich im Seemannsheim wieder angefunden.“
Der Pelzmützige drückt sich scheu an Bord und in den Niedergang. „Menschenfreund!“ zuckt der Boß die Achseln, speit den zerkauten Zigarrenstummel in die Lücke zwischen Rampe und Schiffsbauch und reicht Ballin die Namensliste: „Bringen Sie das denn man auch zu Ende, junger Mann! Mir ist die Flosse schon ganz steif vor Kälte und Kreuzemachen.“
„Meine Tätigkeit hört zwar an der Gangway auf, doch will ich Ihnen und den Leuten gern mal wieder den Gefallen tun, Herr Miller“, entgegnet Ballin höflich.
Und nun geht es flott. Es ist auf einmal alles ganz anders. Als wehte plötzlich ein anderer Wind. Die Sonne, eben noch eine hohle Schweinsblase, scheint jetzt zu leuchten und zu wärmen, und wo bislang bedrücktes Schweigen und verhaltenes Murren geherrscht, erschallt unterdrücktes Gelächter, ja hin und wieder lobt sogar ein Dankeswort die gute Beköstigung und Unterkunft in Hamburg: Die Columbia-Agentur hat es an nichts fehlen lassen, und ihr Inhaber und Expedient ist der junge Albert Ballin, der, der nun geschickt den Rest des Auswandererhaufens an Bord schleust.
Hier und da hat er ein Scherzwort, eine Ermunterung, sein rascher Blick geht hin und her. Kreuz um Kreuz setzt er hinter Namen um Namen. Da und dort faßt er selbst mit zu und hilft einem Bündel, einem aufplatzenden Karton, einem Dreikäsehoch oder einem Mütterchen über die abgewetzten Querlatten der Bohlen zur Bordkante empor.
„Nun man gau, Iwan! – Jegnam pana, pani Bella! – Ah, pani dobrosjejka, gode Reis! – Marja Katjimiera, was macht das Zahnwehweh? Dobje? Dobje, dobje! – Palt niewoljno, Stanislaw! Rauchen darf an Bord nur der Schornstein und der Kapitän. – Immer sutje, jechatsch stäppem, Schritt fahren, Matka Kanapka! – Warschau! Uwagatsche, vorsichtig, Bäbily! ...“
„Der kleine Jud kennt doch die ganze Polakenmischpoche wieder mal persönlich, Käptn“, knurrt der Boß. „Und dabei hat er das Gesindel doch erst gestern abend vom Bahnhof bugsiert.“
„Schätze, hat ein verflucht gutes Gedächtnis, Boß, und vielleicht noch ’n bißchen mehr“, lächelt der Kapitän. Der Boß qualmt mit dem Schlot um die Wette, die Fäuste tief in den Pelztaschen. „Wieso mehr?“ kaut er.
„Dat, wat man so Herz nennt, Boß.“
„Wissen Se, Käptn, das zehrt bloß. Das sehn Se dem Moses ja an.“
„Aber immer gut zu tun, Boß“, schmunzelt der Kapitän.
„Ist jetzt endlich Schluß?“ brüllt der Boß zu dem Agenten hinunter. Die letzten Kopftücher und Matratzen gelangen aufs Schiff und tauchen in der Luke unter. Matrosen beginnen, die zur Zeit auch bei Dampfern noch üblichen Rahsegel vorn und achtern an den Rahen loszubändseln.
„Haben Sie auch alles angekreuzt, Herr Miller?“ fragt Ballin die Gangway hinauf.
„Glauben Sie, mir rutscht auch nur eine Wanze durch die Trallen?“ knattert der Boß.
„Dann fehlen noch zwei, Herr Miller.“
„Ham die bezahlt?“
„Prepaid. Fahrkarte ist von drüben geschickt.“
„Dann haben die Dreckschweine auch da zu sein. Abfahrt, Käptn!“
Der Boß klettert die Gangplanke abwärts, aber der Kapitän ruft ihm nach: „Wenn Ballin meint? Ebbe setzt eben erst ein. Bei der Brise hau ich mit volle Seils zeitig genug nach See. Können ja mal tuten.“
„Danke, Käptn Knuth“, ruft Ballin hinauf.
Die Dampfsirene orgelt gewaltig dreimal über Hafen und Stadt. Ballin greift mit beiden Händen um die Geländer des Laufstegs. Die eilige Fahndung nach dem Ausweis hat ihn erhitzt gehabt. Jetzt friert ihn elend. Kapitän Knuth wischt sich über die Stirn, zieht seinen blauen Mantel aus und ächzt: „Verdammt warm von all den Abschiedsgrogs!“
Und mit abschätzendem Blick nach unten und geschicktem Schwung läßt er den Mantel sitzgerecht auf den schmächtigen Schultern des kleinen jüdischen Agenten landen.
Zu Erstaunen, Rührung oder Abwehr bleibt keine Zeit. Knuth weist auf die Barriere. Und die Stimme des Boß dröhnt: „Nu aber hurry up, old man!“
Ohne Hast, den Fahrschein dem Wachtmeister vorzeigend, betritt eine ungewöhnliche Erscheinung die Pier, ein hochgewachsener Weißbart, barhaupt, in würdiger Haltung, obwohl mit allerlei altbackenem Krimskrams behangen, und ein kapuzenverhülltes Etwas auf dem Arm.
„Der Uhrmacher Abraham Posenitsch aus Kalisch und sein Enkelkind wollten sich noch den europäischen Staub abspülen, und gestern war die neue Badeanstalt am Schaarmarkt schon zu.“ Ballin sagt es erklärend. Er geht den beiden entgegen, nimmt das Kind und trägt es sorglich an Bord. Der Alte bleibt dicht hinter ihm. Aus der säuberlichen Kapuze weht eine blonde Haarsträhne, und ein paar runde blaue Kinderaugen lugen ängstlich hervor.
„Wie heißt denn das Muschili?“ fragt der Agent.
„Irmgard“, piepst die Kleine. Und der Alte fügt auf Deutsch hinzu: „Ist die Tochter meines Sohnes. Er ist drüben. Ich bring’ sie ihm. Die Mutter ist tot, eine Deutsche aus Oberbayern. Wir waren schon bei der Abreise, da kamen die Soldaten ...“
„Bleiben Sie noch, Mister?“ fragt der Exportmann Carr seinen Nachbarn an der Barriere.
„Doch. Möchte den Agenten sprechen. Den kenn’ ich von Liverpool. Tüchtiger Junge.“
„Das seh’ ich. Aber dieser Menschenverschleppungsbetrieb gefällt mir nicht. Meine beiden Schiffe sind reine Frachter. Ich glaub’, ich verkaufe sie.“
„Selbständigkeit ist immer riskant, Herr Carr.“
„Oder würden Sie sich beteiligen, Mister Cassel?“
„Nay, Sir! Ich hab anderes zu tun. Aber vielleicht der junge Mann.“
„So ’n Habenichts und Grünschnabel? Und dabei ein ...“
„Meinen Sie das? Übrigens hieß unser letzter Premier in England Disraeli, Herr Carr.“
*
Der Zwischendecksraum des Dampfers der Liverpooler America Line riecht noch nach den Ängsten und den Seekranken der vorigen Reise. Zum Ausschwefeln war keine Zeit. Die Saison ist da, das Geschäft blüht und muß wahrgenommen werden.
Im kärglichen Licht, das durch die Bullaugen aus dem trüben Tag hereinsickert, liegen die eisernen Bettgestelle kahl eng bei eng zweischichtig übereinander. Die Flinkeren unter den Auswanderern haben sich gleich die guten Ecken gesichert, müssen aber dulden, daß ihnen wahllos Kameradschaft zugeteilt wird. Es wird weder auf Familie noch Geschlecht Rücksicht genommen. „Ab Old England wirds noch gemütlicher!“ donnert der Bootsmann in den Lärm und bringt mit grober Faust den Wirrwarr der Proteste, Flüche, Bitten und Tränen zur Ruhe.
Als nun der Agent mit dem Kind auf dem Arm erscheint und hinter ihm noch ein Fahrgast, erhebt sich vielstimmig anklagendes Geschrei, besonders von Frauen und Mädchen, die sich in unerwünschte männliche Nachbarschaft eingewiesen finden.
„Na, Soltentien!“ lacht Ballin dem Bootsmann zu: „Dat wüllt wi all kriegen.“ Und das Kind auf dem Arm, schafft er rasch und munter Rat, wo es fehlt. Aber für den Alten und die kleine Irmgard ist dennoch nicht der geringste Platz aufzutreiben.
Der Boß grollt den Niedergang herunter: „Hier haben Sie nichts zu suchen, Ballin!“
„Oben ist eine Kabine frei, geben wir ihm die“, sagt Ballin.
„Aber für Zoll und für Bademeister ging mein letztes Geld drauf“, jammert der Alte.
„Auf meine Rechnung“, flüstert Ballin: „Ich will meine Kundschaft zufriedenstellen.“
„As you want, Master!“ lacht spöttisch der Boß: „Als wenn von diesem Mob jemals einer wiederkäme.“
„Sie haben meinen Sohn vor zwei Jahren aufs beste betreut, Herr Ballin“, sagt der Alte und hat unterdes etwas aus dem Kaftan hervorgeholt, aber es entgleitet ihm, er bückt sich seufzend und sucht es zwischen Gepäck und Stiefeln. Auch Ballin hat sich rasch gebückt.
„Ist es dies?“ Er hebt zwischen Daumen und Zeigefinger eine erbsengroße Perle hoch.
Der Alte nickt: „Ja, und die sollen Sie behalten.“
„Also doch ’n Geschäft?“ knurrt der Boß. Aber Ballin lehnt ab:
„Nein, mein Lieber, das nehme ich nicht. Das können Sie noch selber gebrauchen.“
Der Patriarch erwidert milde: „Drüben alles gut. Mein Sohn hat uns geschickt zwei solche Perlen, hat gesait: Für allerletzte Not. Eine hat genommen Irmgard, Mutter von kleiner Irmgard, als die Soldaten herfielen über sie. Tot war sie, eh die ihr Knie noch gesehn.“
„Eine Pille, Ballin, keine Perle!“ Der Boß lacht, als krache ein Stapel Holz von Deck.
„Doch Perle!“ sagt ruhig der Greis.
„Und etwa echt?“ fragt der Boß.
Der Alte nickt: „Aber hohl, gefüllt mit Ipo.“
„Ipo?“
Ballin sagt zweifelnd: „Ein Indianergift?“
Der Boß lacht: „Da haben wirs. Sie sollen sich begraben lassen, Ballin.“
„Aber vorher lange lange Jahre großen großen Segen!“ erklärt feierlich der Alte.
Draußen dröhnt die Dampfpfeife. Ballin drückt dem Bootsmann einen Taler in die Hand.
„Geiht klor, Ballin!“ sagt der und steigt mit dem Gepäck des polnischen Uhrmachers voran. Ballin trägt das Kind an Deck zurück und in die Kabine. Als er es dem Großvater gibt, schmiegt es sich zärtlich an ihn und zirpt: „Komm mit, Pappi!“
*
Dann steht er wieder am Bollwerk. Der Schlotqualm staut sich wie eine Faust. Der Dampfer legt mit wirbelnder Schraube und auftuchenden Segeln ab. Ein Kommando heult. Käptn Knuth ist mit der Segelstellung nicht zufrieden. Bootsmannspfiff. Die Matrosen der Wache reißen an den Lee-Brassen. Und ein Shanty weht auf. Schartig sticht die Stimme des Vorsängers durch den Wind:
Oh, pitty poor Reuben Ranzo!
Und unter scharfem Pull an den Tauen antwortet der Chor:
Ranzo, boys, Ranzo!
Aber die Geschichte von dem rotnäsigen Azorenbengel Loranzo, der als Grünhorn auf einem Yankee-Walfänger anmustert, Prügel kriegt, von dem Kapitän in die Geheimnisse der Navigation eingeweiht wird, dessen Tochter küßt und schließlich als Erster Steuermann fährt, gelangt nicht mehr ganz zur Kenntnis der an Land Verbliebenen. Der Dampfer legt unaufhaltsam ab, den schwarzen Rumpf voll Mensch und Fracht.
Ein paar junge Burschen, denen es um den Schlafplatz nicht bange ist, haben sich wieder heraufgetraut und winken an der Reling. Zwei, drei Mädchen vom Spielbudenplatz winken ihnen nach. Und auch der junge Agent will sein Taschentuch ziehen, da merkt er, daß ihm noch immer der Kapitänsmantel um die Schultern hängt und ihm zu entgleiten droht. Er nimmt ihn vollends ab, rollt ihn zusammen und gedenkt, ihn mit heftigem Schwung dem entschwindenden Dampferheck nachzuwerfen mitsamt einem dankbaren Blick zur Kommandobrücke, obgleich der Kapitän dort eine abwehrende Geste macht und auch schon in einer dickeren Hülle steckt.
Der Abgrund zwischen Schiff und Rampe klafft längst zu weit. Der Wind entfaltet die blaue Leihgabe und weht sie ins gurgelnde Hafenwasser.
„Lot em susen! Beibei!“ ruft lachend Käptn Knuth.
„Fehlt nur noch, daß die Wohltat in die Schraube gerät!“ schimpft der Boß. „Curios, Ballin! Irgend etwas ist jedesmal mit Ihnen los, daß man in die Luft gehn möchte. Sie behandeln das Viehzeug, als wären es Großfürsten.“
„Menschen sind keine Pökelware, Miller“, entgegnet Ballin.
„Solche Ansichten werden Ihnen einen Schneuz was einbringen.“
„Aber vielleicht der Schiffahrt.“
„Sie leben im Mond, Ballin.“
„Von dort läßt sich alles viel besser übersehen, Herr Miller.“
Ein harmloser Knabe, zu gutmütig für diese Welt, aber als Schlepper ganz brauchbar, man darf ihn nicht vergrämen, denkt Miller, und schüttelt mit herablassender Herzlichkeit die schmale fröstelnde Hand des Agenten, bietet ihm sogar eine Zigarre an in der Gewißheit, daß er sie wie immer ablehnen werde. Aber diesmal greift Ballin zu, halb in Gedanken, und weil sie Warme verspricht. Der Boß läßt ihn damit stehen, ohne noch auch ein Zündholz zu verschwenden, und entschreitet zum Frühstück, indes der Polizist die Schranke freigibt und die Zaungäste sich zerstreuen.
Ballin, noch an der Rampe, trauert kurz hinter dem in der Hafenbrühe versinkenden Mantel her und hebt dann den Blick dem Dampfer nach, der, von Möwen verfolgt, die Segel bläht und sich bescheiden in das Strombild und die Weite fügt.
„Grüß Sie, Albert!“
Die Stimme Mister Cassels mit dem weichen rheinischen Klang reißt den jungen Agenten aus einer Vision ungeheurer Märchenschiffe. Er faßt sich sofort:
„Oho, Ernst Cassel, haben Sie London satt?“
„Ich bin dort jetzt Direktor.“
„Gratuliere! Etwas Direktes schwebte mir eben auch vor, wenn auch nicht auf der Bank.“
„Dann schieben Sie es nicht auf die lange Bank, Albert!“
„Eine direkte Verschiffung von Zwischendeckern von Hamburg nach New York.“
„Nanu? Wollen Sie den englischen Zwischenhandel ausschalten?“
„Ja, Ernst!“
„Das ist eine Kampfansage.“
„Nein, das ist gesunder Wettbewerb.“
„Sehr kühn, Albert!“
„Sie sind wohl schon gänzlich Engländer geworden, Ernst.“
„Ziemlich. Ich schreibe mich seit längerem schon Ernest.“
„Wann sind wir endlich Europäer, Ernest?“
„Da denken Sie allerdings sehr weit, Albert; very far indeed! Doch falls ich Ihnen irgendwie helfen kann ...“
„Vorläufig nicht nötig, Ernest.“
Cassel lächelt, hakt den Freund unter, dessen dürftigen Gewandes nicht achtend, und geht mit ihm zur Stadt zurück.
*
Schon in die Geburtskammer Albert Ballins am Stubbenhuk zu Hamburg hatte der Dunst des Hafens hineingeweht. Das war am 15. August 1857 gewesen. Und als er, das jüngste von dreizehn Kindern, in die hinterlassene Auswandererexpedition seines Vaters eintrat, war er siebzehn Jahre alt. Wohnung und Kontor waren inzwischen dem Hafenbetrieb noch näher, an den Baumwall Nr. 6 verlegt.
Nachdem sich Albert Ballin von Cassel verabschiedet hatte – man schrieb den 14. März 1881 –, fand er seinen Bruder Joseph daheim beim Rasieren. Der Ältere hatte längst seine Mitarbeit am väterlichen Geschäft mit dem weniger aufreibenden Job eines Fondmaklers vertauscht und war sich viel zu schade, die Tagesfron vor der mittäglichen Börsenstunde zu beginnen.
Albert trat erregt in die gemeinsame Dachkammer, darin die beiden Betten je eine Wand einnahmen. Vorerst aber sagte er weiter nichts als: „Gut geschlafen, Joff?“
Dann zog er aus der schrägen Ecke, die der Schrank an der Giebelwand freiließ, ein abgegriffenes Cello, setzte sich auf den Rand seines noch immer ungemachten Lagers, drehte versonnen an den Wirbeln und strich dann ein paar heftige Doppelgriffe, so daß dem Bruder ein unwilliges: „Nana, wozu der Krach!“ entfuhr. Albert hielt inne und ließ dann, wenn auch nicht gerade meisterhaft, die bedrängende Melodie von Schumanns Träumerei erklingen. Und, als sei diese Stimme unendlicher Sehnsucht das Leitseil für gewagte Pfade, begann er halbe Sätze hervorzustoßen. Sein Bruder, den Schaum an der Waschkumme abstreifend, das Gesicht mit dem Handtuch reibend, dann Puder und Kölnischwasser nicht schonend, wurde langsam aufmerksam, namentlich auf Worte wie: „Erbärmliche Schufte! Mord! Und dennoch Anlaß, ungeheuer zu disponieren.“
„Was quasselst du da?“ sagte Joseph und zwängte den Adamsapfel hinter einen steifen Kragen neuester Mode.
„Ernest Cassel hat es frisch aus dem Telegraphen. Gestern haben die Russen ihren Zaren zur Strecke gebracht, kam im Schlitten von der Parade, auf dem Wege zum Winterpalais in Petersburg.“
„Das ist bei den Russen doch nichts Neues. Darum brauchst du doch keine Trauermusik zu wimmern! Davon wackelt nicht mal die Börse. Und wenn schon, Wichtigkeit, ich hab’ bloß Südamerika-Papiere.“
„Joff, wir werden Schiffe brauchen, unheimlich viel Raum für die vielen. Sie kommen, sie kommen.“
„Bruderherz, deine Phantasie und dein Geschäft! Wenn die den ollen Alexander umgelegt haben, kommt ein junger, und der wird nicht so dumm sein, noch mehr Arbeitsvieh und Steuerzahler aus dem Lande zu jagen. Mit der polakischen Auswanderei und mit der jiddischen wird’s aus sein, mit einem Schlage, genau wie mit der deutschen, wo sie überall Fabriken und Industrie aufmachen, als wären’s billige Brausebuden.“
Er befestigte die platte Querschleife aus überzogenem Blech mit einer widerspenstigen winzigen Gummischlaufe am Kragenknöpfchen, neigte sich gnädig zu dem Jüngeren: „Mensch, Albert stell dich um, wie ich! Ist doch sowieso ein übles Gewerb’, sich die Finger schmutzig machen mit so unappetitlichem Volk und sich zu ärgern über den dicken Boß Miller und die Gastwirte, Schlafbaase und Bordellbesitzer. Klagen, nichts wie Klagen, Undank, Aufregung und kalte Füß’ und kaum Butter aufs Rundstück.“
Albert spielte versonnen weiter, dann sagte er leise: „Eigene Schiffe müßte man haben, direkte Schiffe und besser ausgestattet mit menschenwürdigen Räumen ...!“
„Du solltest Missionar werden“, lachte der Bruder, „Neger wenigstens wird’s genug geben auf die Dauer!“
Albert setzte den Bogen ab und lächelte: „Auch das ist eine Mission. Reise du heute auf See, es ist erbärmlich! Das muß anders werden, Joff, selbst für die Ärmsten! Seereisen ein Genuß für jedermann! Das ist es.“
Joseph scheitelte die dünnen Haare, besah sich im ovalen Spiegel, der überm Waschtisch hing, zog den grauen Gehrock an, ergriff den schwarzen Zylinder, bügelte genießerisch mit dem Ärmel drüber hin, ließ den Glanz im Licht des Fensters spielen, warf einen verächtlichen Blick auf den Hafen und versetzte:
„Was sind das schon für fluktible Werte, Brüderchen! Unsicher wie Wind und Woge, abhängig von lächerlichsten Imponderabilien. Das gilt für die Schiffe wie für die Frachten. Und nun erst für die Besatzung! Und dann die Passage, das Unsicherste, was es gibt. Mensch und Ozean als Kalkulationsobjekt! Und dabei bist du verachtet und nicht nur, weil Vater und Mutter noch brav zur Synagoge gingen, sondern weil dein Beruf als besserer Sklavenhandel gilt!“
„Aber Joff, das soll ja grad anders werden!“
„Hattest du nicht selbst längst die Nase voll und hast dich voreilig mündig erklären lassen beim Senat? Bloß um etwas Solideres anzufangen und mit Maschinen zu handeln?“
„Wärst du nur nicht abgesprungen, Joff!“
„Nicht mal Maschinen sind gentlemanlike, Albert. Maschinen sind was für Transportarbeiter. Laß dir’s gesagt sein, bequem und anständig ist allein das faszinierende Jonglieren mit dem Auf und Ab der Kurse. Ein Ohr hier, ein Ohr da, ein Kabel, ein Gespräch. Das ist die Mathematik der Welt mit Handschuhen und in Klubsesseln.“
„Sieht bei uns noch nicht nach Klubsesseln aus, Joff.“
„Hat dein Freund Cassel es in London nicht weit gebracht?“
„Traf ihn eben, ist Direktor geworden bei seiner Bank.“
„Puh, Perzenthändler unter Polizeiaufsicht. Er ist aus Köln, und ich ahnte schon immer, daß man dort viel weniger zur Freiheit geboren ist, als wir Hanseaten, Albert. Ich bleibe ungebunden, frei im luftigen Reich der Aktienspekulation.“
„Was doch nur an dem hängt, was Fleiß und Schweiß anderer zuwege gebracht hat!“
„In Argentinien sagt man: Die einen leben von den Dummen und die Dummen leben von der Arbeit. Soll das etwa ‚Träumerei‘ sein? Meinst wohl, daß man dich die erste Geige im Bordgeschäft spielen läßt, wo hierzulande schon die Packetfahrt kaum noch japsen kann! Träumerei, mein harmloses Herzchen! Tschüß, Albert!“
„Bordmusik?“ lächelt Albert dem Enteilenden nach. „Keine schlechte Idee!“
Aber dann sind seine Gedanken wieder bei der „russischen Gegebenheit“. Der neue Zar, hatte Cassel gesagt, würde kräftig nach Sündenböcken suchen, ein wilder Finsterling, das war dem britischen Geheimdienst nicht verborgen. Acht Millionen Juden, die Deutschen eingerechnet, das sei bestimmt zuviel fürs Mütterchen Rußland, und deshalb wird ein Drittel totgeschlagen werden, ein Drittel wird verhungern, und der Rest wird auswandern. Das ist die große Chance!! ...
Albert Ballin springt auf. Das Instrument klappert zu Boden. Er nimmt den Hut und rennt die Treppe hinunter, vorbei an der Tür seines Agenturbüros, darin die paar Angestellten, von seinem strengen Beispiel geschult, die Abrechnung des eben abgefertigten Transports ohne den Chef unterschriftsreif machen.
*
Die Familie des Herrn Edward Carr war vor zwei Generationen von England gekommen und zu Hamburg hängengeblieben. Sein Onkel war der Reeder Sloman, mit kleiner Flotte, ein zäher Konkurrent der Hamburg-Amerika-Linie. Carr hatte mit ererbtem Geld im gleichen Topf gekocht, war aber zu widerhaarig, sich lange unterzuordnen, und hatte seinen in zwei Dampfer umgewandelten Anteil herausgezogen. Die Sache warf aber im bloßen Frachtdienst weniger ab, als er gehofft und für seine Reitpferde brauchte, die ihm lieber waren als die schnaufenden Dampfer. Er hatte sich diesen Vormittag ins Kontor der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft begeben. Nun saß er auf einem der schlichten Mahagonistühle, deren Roßhaarbezug dem Besucher eine abweisende Kühle still entgegenbrachte. Die hochbeinigen Schreibpulte und -böcke wetteiferten an Unbehaglichkeit mit den erdunkelten Wänden aus Teakholz. Portieren aus braunem Croise machten die hohen Fenster schmal, und die kleinen Posamententroddeln daran erinnerten teils an vertrocknete Kirschen, teils an aufgeweichte Schlittenschellen, zumal es draußen anfing zu schneien. Wenigstens fiel Herrn Carr zur Einleitung nichts Besseres ein als eine diesbezügliche Bemerkung, indes er mit der Reitpeitsche an der gerundet hängenden Vorhangkante entlangstrich.
Der Prokurist John Meyer schlug die Ofentür härter als nötig zu. Bei solchem Wetter pflegte er selber nachzuheizen. Der Ostwind drückte einen Schwaden Dunst ins Zimmer. Meyer hüstelte und feuchtete die trockene Kehle mit einem Whisky an, indes Carr zur Sache kam.
„Die Hapag hat viel zu wenig Dampfer, Herr Meyer“, sagte der brüsk und tippte mit der Reitgerte auf eins der bräunlichen Ölbilder, darauf die Flotte der Reederei verewigt war.
Meyer, stattlich, mit flottem Bärtchen und den Allüren eines verkappten Schauspielers, holte unterm Pultdeckel ein zweites Glas hervor und goß dem Gast mit geübtem Schwung voll ein, den üblichen Zusatz von Sodawasser mißachtend. Er schob das Glas auf die gebrechliche Andeutung von Tisch, die als „Stummdiener“ für beschleunigte Abfertigung gedacht war, und sagte: „Mir schlägt’s auf die Gurgel, der Rauch und was Sie sagen, Herr Carr.“
Jeden Einwand mit überlegener Geste abschneidend und das volle Organ souverän spielen lassend, fügte er hinzu: „Erstens hat unsere Agee bald viel zuviel Tonnage, genau wie die sämtliche Welt, und zweitens viel zu wenig Fracht und Passenger, genau wie auch die sämtliche. Und nun kommen Sie.“
„Sprechen Sie mal mit dem Verwaltungsrat, Herr Meyer!“
„Der bin ich, Herr Carr!“
„Und wie ist es mit dem Fingerspitzengefühl, Herr Meyer?“
„Oh, Herr Carr, Tastversuche hat unsere Linie nie für alert gehalten. Man kömmt uns oder kömmt uns nicht, aber wenn man kömmt, kömmt man, wie es uns zukömmt.“
„Ihr laßt euch alles von Bremen wegnehmen.“
„Nö, Herr Carr, das sind die verfluchten Agenten, die klauen uns die Passage mit ihrer ewigen Unterbietung der Fahrpreise.“
Carr nahm einen Schluck, und Meyer tat desgleichen. Dann seufzte er mit der Stimme eines sterbenden Othello: „Und was gedachten Sie uns anzubieten, Herr Rittmeister?“
Carr überhörte den Titel und meinte sachlich: „Zwei Frachter; Schraube, Maschine, Aufbauten, Bunker und so weiter, alles tadellos in Trimm, handlich, anhängliche Besatzung, unverwöhnt betreffs Heuer und Proviant, geringer Kohlenverbrauch, angenehme Geschwindigkeit, ist das was, Herr Meyer?“
„Viel zu teuer, Herr Carr.“
Ehe Herr Carr entgegnen konnte, erscholl von der Straße Blasmusik, und er fragte: „Haben Sie Geburtstag, Herr Meyer, dann prosit!“ Meyer stieß mit ihm an.
„Ich fühle mich jeden Tag wie neu geboren und verfehle nie die Gelegenheit, dieses zu begrüßen.“ Er trat zum Fenster: „Aber was die Zarenhymne da draußen anders sein soll als eine unliebsame Zufälligkeit, möchte ich dahinstellen. Sie werden erlauben, daß ich mich wieder den Fälligkeiten meines Kontors zuwende.“
Carr wollte sich schon erheben, als an die Tür geklopft wurde und auf das gedehnte „Herein?“ Meyers höflich und befangen der kleine jüdische Agent mit der Nickelbrille hereintrat, den Mister Cassel morgens am Johannisbollwerk so freundlicher Ansprache gewürdigt hatte.
„Nun?“ Meyer zog die Stirn in tausend Falten.
„Ballin, von der Agentur Columbia“, sagte der junge Mann, die erste Silbe seines Namens unterstreichend. „Ich habe einen Vorschlag, Herr Prokurist.“ Damit hielt er einen Zeitungsausschnitt in die Höhe: „Wissen Sie schon?“
Meyer schickte einen flehenden Seitenblick zu Carr: „Könnten Sie, Herr B ... allin, über sich gewinnen, sogar bei dem Lärm draußen aufzufassen, daß wir mit Agenten nie und nirgends zu tun haben möchten?“
Ballin wies auf die Notiz: „Eben meldet der Correspondent. Zar Alexander II. von einer Bombe zerfetzt.“
Meyer schickte einen Blick zur Decke: „So leid das jemanden zu tun nicht umhin geht, aber um aller Reußen willen, was geht uns das an?“
„Die Beförderung der zu erwartenden Ostauswanderer wird enormen Schiffsraum erfordern. Falls zur Verfügung, könnte man Strom und Geschäft über Hamburg direkt in die USA lenken!“
„Man lenke! Unser Bedarf ist Kajüte, mein Teurer, oder Fracht.“
„Das läßt sich miteinander verbinden, Herr Prokurist.“
„Aber nicht doch, Sie verfügen ja schon einfach, lieber Freund; die Hapag möchte für galizische Belange ganz und gar nie geneigt oder gar degradiert sein. Sie werden das nicht nachfühlen können, aber hier gibt’s noch Ruf und Ansehen.“
Ballin nickte: „O ja, es handelt sich um zumeist sehr ehrenwerte Leute, kleine Handwerker, Bauern, Händler, auch Deutsche aus dem Baltikum, Flüchtlinge, Verfolgte, Ausgewiesene, denen zu helfen Pflicht und Klugheit gebieten.“
„Die Hapag ist kein Wohltätigkeitsverein, hehrer Gebieter; sagen Sie mal ...“ Meyer legte herablassend die Hand auf des Besuchers Schulter, das abgeschabte Jackett musternd, und verlieh der väterlichen Geste einen leichten Druck zur Tür hin: „Ist das noch Ihr Konfirmationsanzug?“
Ballin, die Kränkung wortlos schluckend, entgegnet freundlich: „Ich bin gar nicht konfirmiert.“
Meyer senkte Augen und Stimme:
„Sehen Sie, Herr Ballin, dann geht’s bei uns schon sowieso mitnichten, klein geschrieben. Ungemeinen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! Und bestellen bitte vor Tür den musikalischen Wodka gnädig ab. Adjö!“
Ballin entfernte sich, ohne Verdrossenheit zu zeigen. Meyer schüttelte den gutaussehenden Kopf, der ihm den Beinamen Beau-Meyer eingetragen, hob die Hände mit tragischer Gebärde und lispelte durch eine Zahnlücke: „Ein ßtarkes Sstück, ist das ja woll, dieser so erßtaunlich ins Zugemutete ßtrebende Djudenlümmel! Das muß man je geradezu ’runterßpülen!“
Carr rieb sich mit dem Gertenstiel die Nase, trank seinen Whisky aus, zog die goldene Repetieruhr aus der Weste, klappte sie auf, steckte sie weg und leckte mit der Zungenspitze nachdenklich über die Oberlippe.
Der Reedereiprokurist wandte sich ihm zu: „Rückgreifend denn zu unseren Belangnissen! Wie weit haben der Herr inzwischen das erhoffte Einkommen unserer Womöglichkeit angepaßt?“
Carr aber erhob sich, ging zur Tür und sagte leichthin: „Herr Meyer, ich hab’ zwar die heutige Börse versäumt, möchte aber die meine zu retten suchen.“
Dabei schlug er sich mit der Reitgerte zart gegen den Mantel in Nähe der Hosentasche, so daß es deutlich von Münze klirrte: „Mahlzeit, Herr Meyer!“
Ballin fühlte sich keineswegs entmutigt, als er die drei Granitstufen des Hauses verließ. Über dem klassizistischen Eingang, flankiert von zwei Gaslaternen, sah er das Reedereiwappen zwischen steinernen Delphinenschwänzen und Lorbeer an einen zementenen Anker geheftet, und er las die fünf Buchstaben Hapag statt in der volksmündlichen Fassung: „Haben alle Passagiere auch Geld?“ – in der mehr seemännischen: „Hunger, Arbeit, Plackerei, Anpfiff, Gewürge.“
Er brauchte nicht bange zu sein. Seine Agentur ernährte die Mutter, die Schwestern, ein paar Angestellte und ihn. Was er in diesem kühlen hanseatischen Gebäude gewollt, ging über persönliche Ansprüche hinaus.
Die fünf biederen Straßenmusikanten hatte gerade Schukowskijs „Bosche Zarja chrani“ in der markigen Lwow-Vertonung hinter sich gebracht.
„Noch mol, Herr Baron?“ fragte flockenbestäubt der Pistonist und goß den Speichel aus dem Instrument.
Ballin winkte ab und eilte davon.
Alsbald erschien Herr Carr, warf der Baßtuba ein Silberstück zu und sagte:
„Da capo! Und aus allen Backen!“
Mit „Scheun Dank ok, Herr Graf!“ setzte das Quintett wieder ein, ungeachtet des Mienenspiels, das John Meyer am Fenster des Hochparterres vollführte.
*
Carr war jetzt dicht hinter Ballin und fühlte sich versucht, den jungen Mann ermunternd mit der Reitpeitsche zu berühren. Der Wunsch, sich eines guten Pferdes zu versichern, machte seine Schritte lang. Und nun war sein heller Zylinderhut auf gleicher Linie mit der grauen, bedeutend niedrigeren Melone des Agenten.
Ballin blickte gelassen. Er kannte den Mann nicht. Carr lüftete den Hut fingerbreit, um die tadellose Frisur nicht unnötig dem Schneegestiebe preiszugeben.
„Haben Sie ulkig gemanaged, Herr Ballin. Musik regt an. Man darf nur nicht zuviel Whisky getrunken haben. Was Sie da eben im Kontor sagten, gefällt mir. Man sollte wirklich ein paar Schiffe nur für Fracht und Zwischendeck einrichten.“
„Eigene Schiffe, Herr ...?“
„Carr, Edward Carr.“
„Ah, von der Sloman-Reederei.“
„Ich hab’ mich getrennt und würde gegebenenfalls meine beiden Schiffe ‚Australia‘ und ‚Amerika‘ entsprechend umbauen lassen.“
„Wären geeignet.“
„Halten Sie die direkte Route Hamburg – New York für riskant?“
„Wenn ich mich beteilige, nein.“
„Oho! Und mit wieviel?“
„Mit meiner Arbeit.“
„Ach so!“
„Meine Agentur würde volle Besetzung für jede Reise nach drüben garantieren.“
„Donnerwetter!“
„Falls Unterbringung und Verpflegung an Bord die Werbung rechtfertigt.“
„Rechne pro Schiff achthundert Passagiere.“
„Höchstens sechshundert, Herr Carr. Ich kenne die beiden Kästen, wie alles, was ab Hamburg schwimmt. Aber ich bitte mir hinreichenden Speiseraum aus und getrennte Waschräume für Männer und Frauen, anständige Küche, Bewegungsfreiheit auf Deck und menschenwürdige Schlafplätze anstatt des bisher üblichen Pferchs.“
„Bester Mann! Zwischendeck bleibt so oder so immer der gleiche Puff.“
„Das wäre gerade zu mildern.“
„Und die wahnsinnigen Mehrkosten?“
„Kommen vielfach heraus!“
„Sie garantieren das Geschäft?“
„Nur deswegen.“
„Sind Sie sicher?“
„Ja!“
Carr zog die Reitgerte durch die Luft und tat drei stumme Schritte neben dem Agenten. Ein Bierwagen polterte vorüber. Schottische Karren schoben sich vorbei. Von fern pumperte noch die Blaskapelle. Dann war eine plötzliche Stille im Straßenlärm, man vermeinte den Schnee rieseln zu hören. Und Carr sagte ruhig: „Top! Wir machen Vertrag!“
Der junge Agent mußte an sich halten. Er blickte zur Seite in die wasserhellen Augen des Kaufmanns aus britischem Blut. Ballins Vater stammte aus Jütland, war eingewandert in den feuchten grauen Rum-, Roggen- und Schellfischwinkel zwischen Niederelbe und Jammerbucht, nicht als Trödler und Wucherer, sondern als unternehmender Wollkämmerer und Tuchbereiter mit Fabrik und Angestellten. Er war gescheitert durch den großen Hamburger Brand Anno 1842 und hatte schließlich froh sein müssen, Agentendienste für englische Reedereien leisten zu dürfen zur Heranschaffung von Auswanderern.
Sein Sohn Albert hatte das Erbe übernommen. Nun schlug seine Stunde. Sollte er zögern, dem „Top“ des Patriziers zuzustimmen?
„Ich weiß nicht“, sagte Ballin, „wir kennen uns zu wenig, Herr Carr.“
Des „Rittmeisters“ Reitgerte zischte durch die Flocken. Dann blieb er stehen, zog den Handschuh aus und sprach: „Mr. Cassel hat mich vor Ihrer Tüchtigkeit gewarnt, Ballin. Genügt das?“
„Es genügt!“ antwortete der junge Mann. Sein blasses Gesicht rötete sich, und strahlenden Auges ergriff er die dargebotene Rechte.
2.
Die Carr-Linie
Passagiere sind keine Fracht · Zwischendeck und Kajüte · Ein Plakat triumphiert · Alarm und Ablehnung · Ein gemütliches Schiffahrtskontor · Carr kriegt kalte Füße · Drei blonde Damen · Der Prinz auf Helgoland · Wolldecken haben’s in sich · Brombeeraugen hinter Glas · Albert zieht aus.
Die Gründung der Carr-Linie erregte wenig Aufsehen. Seefahrtskontore kleineren Formats entstanden und fallierten in der Hansestadt je nach Bedarf und Vermögen. Fast jede größere Ex- und Importfirma besaß ein paar eigene Frachter. Was Edward Carr anfing: Neben Stückgut auch Auswanderer dürftigster Sorte aus Ost und Südost zu verfrachten und das mit Hilfe eines jüdischen Agenten als Kompagnon und direkt nach New York, erschien eigentlich fast leichtfertig und so wenig gesellschaftsfähig, daß man es lieber übersah. Obschon man dem neuen Reeder wegen seiner Konten, seines Namens und seiner weit verzweigten Verschwägerung die nachgesuchten „Parten“ nicht mißgönnte.
Parten, so nannte man die schon langsam veraltenden Vorläufer der Aktien. Es waren private Anteile am Geschäft der Schiffahrt in Papieren, die nicht offen an der Börse notiert wurden. Somit ging alles ganz ordentlich vonstatten. Der Umbau der beiden Frachter konnte beginnen. Ballin machte täglich selber einen Sprung zur Werft hinüber, so daß die Ausstattung beinahe so „komisch vergeuderisch“ ausfiel, wie er es sich gedacht hatte.
Bislang hatte man Seetransporte als Aufgabe der Frachtverstauung angesehen. Für die Sicherheit des Schiffes galt als notwendig, den Raum lückenlos auszufüllen, nicht nur wegen der Buchführung, sondern auf daß durch Verrutschen der Ladung keine Schlagseite und damit die Gefahr des Kenterns entstehe.
Dieses Prinzip suchte man auch auf die Personenbeförderung anzuwenden, vormals auf Transporte schwarzer Sklaven oder weißer Truppen, denen ein Einspruch nicht zustand, wie es denn auch Kasematten, Baracken gewisser staatlicher Unterkünfte an Land oder auf See bis heute nicht nötig haben, die Berechtigung von Bequemlichkeiten anzuerkennen. Zahlende Gäste hingegen, solange sie nicht als Herdenvieh auftraten, konnten bescheidene Ansprüche stellen; immerhin galt der private Reiseverkehr noch Anfang der achtziger Jahre keineswegs als Vergnügen.
Wachsender Wohlstand, der Aufschwung der Industrie, die Entwicklung der Technik, die Ausweitung der Handelsbeziehungen schufen um diese Zeit den Typ des Reisenden, der den Komfort des Hotels auch auf See nicht missen wollte. Als erste deutsche Linie erkannte der Norddeutsche Lloyd die Notwendigkeit, die Menschen, wie bei der Eisenbahn, auch zur Beförderung in Klassen einzuteilen. So blieben die besseren Leute unter sich, in der ersten Kajüte mittschiffs in Kammern zu zwei Betten, der Mittelstand fuhr zweiter Kajüte nahe der rummelnden Schiffsschraube und mußte den engeren Schlafraum mit mehreren teilen, fand sich auch entsprechend weniger üppig mit Verpflegung, Salon und Bequemlichkeiten betreut.
Das Zwischendeck jedoch – später nannte man es dritte oder vierte Kajüte – entsprach dem Standard der Lohnsklaven und des vierten Standes, des Proletariats. Er gehörte ins Vorschiff und unter die Wasserlinie, neben die Unterkünfte der Mannschaft, wo es am unangenehmsten schaukelt und bei Kollisionen der erste Stoß abgefangen zu werden pflegt.
Die beiden Dampfer, die Carr nach Ballins Vorschlägen neu einrichten ließ, nahmen keine Rücksicht auf Standesunterschiede. Sie waren nicht luxuriös eingerichtet, aber dafür stand den Passagieren des Zwischendecks das gesamte Schiff zur Verfügung; es war ein Einklassenschiff. Kein „Zutritt verboten“ reservierte die besten Plätze, mit Ausnahme der Brücke und der Offizierskabinen, der Küche, der Maschine, der Proviant- und Frachträume. Aber das alles stand auch keinem Kajütpassagier offen.
*
Ballin war alsbald mit Prokura betraut worden und hatte die Passageleitung. Voller Genugtuung bestellte er Plakate bei dem besten Hamburger Drucker, der mit den riesigen wildfarbigen Ankündigungen des Zirkus Renz berühmt geworden war. Bald prangte auf Planken und Mauern in gelben, roten und schwarzen Tönen ein schmuckes Dampfschiff mit malerischer Rauchfahne und busenprall geblähten Segeln über einem weithin lesbaren Text.
Auswanderer!
Hamburg–New York
Direkt
Ohne umsteigen
Besser und Billiger
mit der
Carr - Linie
Agentur Columbia
Hamburg, Baumwall 6
Diese Reklame fiel nicht nur in der Vaterstadt überall auf, sondern ebenso in Schleswig-Holstein, in Mecklenburg und auf allen Bahnhöfen und Gasthäusern, wo die Columbia seit je eingeführt war. Man sah das Plakat auch in Wien und, entsprechend übersetzt, in Lodz, in Kalisch, in Munkacz, Budapest, Prag und Belgrad. Dafür sorgte der Partner Carrs und ließ seine Verbindungen spielen.
Daß aber zwei dieser ins Auge springenden Affichen sich eines Morgens sogar links und rechts vom Eingang des Hapag-Gebäudes in der Deichstraße fanden, war allerdings, um mit John Meyer zu reden, ein „Sstarkes Sstück!“.
„Wäre dieser so unverblümt ins Geschirr trompetende Carr nur bloß nicht vor ein paar Wochen persönlich hier gewesen“, sagte er und dämpfte die aufquellende Empörung mit einem Schluck Schottisch, wischte sich den Mund und fuhr fort, „so würde ich leugnen, ein Mann mit Reitpeitsche verstünde die Seefahrt, es sei denn, er ritte ein Walroß zu.“
„Er wird wohl eins gefunden haben, lieber Meyer“, meinte Konsul Witt. Johann Witt, in Firma Witt & Büsch, Westafrika-Handel von der Glasperle bis zur Flintenkugel, vom Emailletopf bis zur Salonkarosse nebst Schnaps, Kurzwaren und Tabak. Rückfracht: Baumwolle, Palmkerne, Sesam und Elfenbein. Man hatte Faktoreien in Lagos und Porto Nove, zwei eigene Seedampfer und drei für den afrikanischen Küstenverkehr.
Witt fühlte sich in allen Weltteilen zu Hause, er war Goldwäscher in Kalifornien gewesen und Negeraufseher in Nigeria, hatte zu Lagos Niederlassungen des Hamburger Hauses O’Swald geleitet und lebte schon lange in der Heimat, selbständig und wohlhabend, so daß er, falls er es wollte, Senator hätte sein können. Es genügte ihm aber, wegen gelegentlicher Beratung von Landsleuten im Ausland hin und wieder Konsul genannt zu werden, was der einzige Titel in den Hansestädten ist, den man außer dem des Senators schätzt. Neben seinen Kontor- und Lagerfunktionen gehörte er dem Vorstand der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt A.G. an, ohne gezwungen zu sein, Reden zu halten. Denn nichts haßte er mehr. Dafür waren seine privaten Äußerungen desto zwangloser. Er versagte sich selten Schilderungen seiner Abenteuer im Busch, schon um erkennen zu lassen, daß ihm aber auch gar nichts mehr imponieren könne.
Zwanglos bediente er sich des wie üblich auf „Geschäftsunkosten“ dargebotenem Trink- und Rauchbaren und ließ den Blick begütigend über die sich vor Meyer häufenden Abrechnungen an Besatzungssorgen, Werft- und Dockkosten, Ausrüstungs- und Passagelisten gleiten.
Meyer fing diesen Blick wie einen Eindringling ab und seufzte: „Konsul, Carr wird mit seinen Dampfern – ich hätte sie haben können – direktemang ins Unglück galoppieren. Übermut muß individuell kapseis gehen, wenn er nicht unbelehrbar verwerflich weiterwuchern soll. In meiner Ablehnung war ich mir der zustimmenden Ansicht des gesamten Vorstandes sicher, wie Seesalz gegen zugefrorene Siele.“
Witt blickte belustigt aus dem Fenster. Draußen bemühte sich ein Bürodiener in Blau und Silberlitzen, die Plakate mit Wasser und Bürste von der Hauswand zu entfernen, ohne über anzüglichen Bemerkungen Vorübergehender die Würde zu verlieren. Meyer fuhr emphatisch fort: „Uns an die Wand zu drücken, dazu gehört mehr als Affiecherei.“
„Sie sollten sich nach dem Leim erkundigen, Meyer“, meinte Witt, „dann würden unsere Maßnahmen vielleicht auch so trefflich angebracht sein.“
„Herr Witt!“ Meyer erhob sich. „Wertester Konsul! Sie haben wohl diverse Aktien unserer Reederei, aber im übrigen dürften Sie, im Gegensatz zu uns, bewunderswert viel von den Bumbooten des afrikanischen Schelfs und den Bedürfnissen der Kruneger verstehen. Vergessen Sie nicht, daß unsere Packetfahrt als erste deutsche Linie gewagt hat, den Kampf gegen die amerikanische und englische Konkurrenz mit eisernen Schraubendampfschiffen aufzunehmen, über die alle Leute hier zuerst nur gelacht haben und meinten, sie könnten schneller mit ein paar alten Bettlaken übern Ozean segeln.“
„Jetzt lachen andere, lieber Meyer.“
„Ja, unsere Dividendenempfänger.“
„Dann würde ja auch ich lachen.“
„Konsul, eher könnte man einem Gorilla die Gretchen-Arie beibringen, als Ihnen ein gottgefälliges Mienenspiel. Haben wir nicht neue Prachtdampfer im Bau, einen auf englischer Werft und in Hamburg und in Stettin ebenfalls?“
„Wie groß?“
„Je über dreieinhalbtausend Bruttoregistertonnen; ist das ein Kaninchenstall?“
„Gegen das, Meyer, was sonst an Qualität auf dem Atlantik schwimmt, ja. Bremen baut genau doppelt so groß.“
„Herr Witt, Schiffe über viertausend Tonnen brechen mitten durch, wenn sie auf den Kamm einer richtigen Ozeanwelle geraten.“
„Unfug!“
„Eben! Und wie will Bremen diese unvorstellbaren Räume vollkriegen?“
„Wahrscheinlich durch das, was sie uns ablausen; das übrige nimmt Carr.“
Meyer warf sich in die Brust: „Konsul, sind Sie für Tamtam? Glauben Sie, daß ein vernünftiger Mensch solcher Marktschreierei von Plakat nachläuft, wie die Katz’ dem Bücklingskorb?“
Witt lachte. „Meyer, als ich Anno Krug zu Togo gleich hinter Little Popo im Urwald das erste Nashorn sah, da dachte ich auch: so was kann’s doch gar nicht geben, und ich wär’ ja dabei wahrhaftigen Gott’s denn auch beinah’ auf der Sstrecke geblieben, hätte ich nicht im letzten Momang mit wohlgezielter Büchse ...“
Er hob den Spazierstock aus Ebenholz an die ergrauend-rötliche Fräse der vollen Wange und ließ ein „Päng“ gegen das Dschungel eines Aktenregals erschallen.
Meyer zuckte gebührend zusammen, sank steil in den mageren Sessel neben seinem Pult und rief vorwurfsvoll: „Herr Konsul will doch nicht meinen, daß uns derlei ägyptische Plagen etwa durch diesen Carr bevorstehen könnten?“
„Ich würde das Pulver trocken halten, Meyer. Ist es nicht der, so ist es der, der ganz unten am Rand des Plakats als Agentur vermeldet ist.“
Witt hob zum Abschied den Elfenbeinknopf seines Handstocks nur so eben zum Gruß.
Aber der erregten Ahnung Meyers wollte es dünken, als sei mit leichtem Paukenschlägel das Zeichen gegeben für eine höchst unbequeme Zukunftsmusik.
*
Anderthalb Jahre darauf stellte Carr zwei weitere Dampfer in Dienst. Die russischen Maigesetze 1882 hatten Ballin völlig recht gegeben. Ein Strom von Drangsalierten schwoll von Ost und Südost den Nordseehäfen zu. Aber nicht nur die Columbia-Agentur zugunsten der Carr-Linie, sondern auch andere Reedereien unterhielten ein Netz von Zwischenfängern längs der Grenze, die es an nichts fehlen ließen, das Blaue vom Himmel für die Beförderung in die Freiheit zu versprechen. Die Vorzüge der Carr-Dampfer blieben allerdings nicht verborgen. Besser als jeder Prospekt und jedes Plakat wirbt die Leistung, die sich herumspricht.
Aber die Leute verlangen, daß das Gute auch billig sei. Carrs Plakate versprachen nicht zuviel. Er war wirklich billiger.
Binnen kurzem unterboten notgedrungen die übrigen atlantischen Reedereien seinen Zwischendeckpreis, zuerst die Bremer, dann die Franzosen. Carr, von Ballin beraten, folgte gnadenlos und machte trotzdem noch sein Geschäft. Jedenfalls sorgte Columbia für immer vollbesetzte Passagen gen Westen, wozu sie sich verpflichtet hatte. Sonst wären für jeden Ausfall vertraglich pro Kopf zwanzig bis fünfunddreißig Mark fällig gewesen.
Auch gelang Ballin eine hinreichende Heranschaffung von Speditionsgütern, selbst bedeutenderer Frachten von drüben. Auswanderer, die von den amerikanischen Behörden aus Gesundheitsgründen abgewiesen wurden, mußten kostenlos heimbefördert werden. Dazu gehörten auch die Schwangeren. Das Land der Freiheit drüben ließ niemanden hinein, der sein Gesicht nicht zeigen konnte und unter Deckmantel reiste.
Ballin hatte sich übrigens keineswegs mit Haut und Haar dem jungen Unternehmen verschrieben. Ein Mann wie Carr schien ihm von Natur geneigt, die Sättel öfters zu wechseln; war er von Sloman abgesprungen, würde er womöglich auch bei einer eigenen Linie nicht aushalten.
Sein Partner hatte sich darum Vorbehalten, die Liverpool-American-Line mit dem Überschuß an Passagieren noch weiter zu beliefern. Er hielt so die Verbindung mit der britischen Schiffahrt. Der Direktor der alten Reederei in Liverpool, Mister Wilding, blieb zeitlebens mit ihm befreundet. Das sollte sich rentieren, genauso wie die Treue zu Ernest Cassel.
*
Albert Ballins Kontor am Baumwall wirkte enger, aber sehr viel bunter und munterer als die steife Vornehmheit der Hapag in der Deichstraße. Hafendunst und Tabaksqualm hatten ihre Spuren auf Wänden und Einrichtung hinterlassen, doch gab es auch freundlichere Andenken, dediziert von Seefahrern der Bekanntschaft: Unförmige Fregattenmodelle und zierliche Buddelschiffe, Fetische vom Kongo und geschnitzte Südseepaddel. Und es fehlte weder das Konterfei der ersten New Yorker Wolkenkratzer noch der Federschmuck eines Indianerhäuptlings. Hinter Glas und Rahmen prangte der Dankesbrief eines Chikagoer Schlachtermeisters, der mit der Columbia-Agentur arm aber sicher über den großen Teich und sodann drüben zu Reichtum und Ansehen gelangt war. Ein ausgestopfter Haifisch mahnte unter verräuchertem Plafond an gewisse, dämonisch-unheimliche Gewalten des Meeres, denen entgangen zu sein sich bisher alle Schiffe rühmen konnten, die Ballin mit lebender und toter Fracht versorgt hatte. Und ringsum verkündeten die Plakate der Carr-Linie mit lauten Farben das große Abenteuer der Ferne.
Soeben war wiederum ein Haufen Auswanderer aus der Strelitzer Gegend unter Scherzen und Schmunzeln abgefertigt worden: Stämmige Bauernsöhne und Instleute, die es aus europäischer Enge nach der Weite des guten Savannenlandes gelüstete, blonde Leute, denen kein USA-Beamter den Weg in die Mais- und Weizenfelder drüben verwehren würde. Denn schon hatten amerikanische Pressestimmen davor gewarnt, allzu viele russische Juden als Proletariat in die Städte der Neuen Welt einsickern zu lassen.
Ballin hinter der langen Tonbank nickte zufrieden und rückte den goldenen Kneifer, den er seit neuestem statt der Nickelbrille trug, auf der Nase zurecht. Vor ihm lag ein Musterbuch für farbige Wolldeckenstoffe. Sein englischer Anzug saß tadellos nach der letzten Mode. Das sorgfältig gescheitelte Haar und ein wohlgestutzter Schnurrbart waren von jenem dichten feinen Schwarz, das früh grau und dünn zu werden pflegt.
Edward Carr hatte die Eleganz seines Teilhabers mit Genugtuung registriert. Seiner hanseatischen Verwandtschaft war das spöttische Augenzwinkern vergangen. Sein „Schlattenschammes“, das geduldige Arbeitstier, gut genug, die Hauptlast der täglichen Geschäfte zu tragen, hatte sich über Nacht als Erscheinung von Distinktion entpuppt. Der kleine Kompagnon hatte unauffällig seine Gleichberechtigung demonstriert. Lautlos hatte er zu betonen gewußt, daß er sich kaum in etwas hineinreden lassen und praktisch die Geschäftsführung in die Hand nehmen würde.
Die Rollklingel an der Eingangstür schepperte, und arrogant wie immer trat der Reeder ein. Er zog nachlässig grüßend einen Pack Rechnungen aus der Tasche, warf sie auf die Tonbank, schlug mit der Reitgerte drauf und äußerte nervös: „Das geht zu weit, Ballin! Wie wollen wir jemals diesen Etat an Überflüssigkeiten wieder herausholen?“
Der junge Mann lächelte: „Nur wer einsetzt, gewinnt. Ich habe sogar etwas vergessen, Herr Carr, was die anderen noch nicht haben. Wir werden jedem Fahrgast von nun an eine Schlafdecke für die Überfahrt zur Verfügung stellen.“
„Mit welchem Aufschlag?“
„Selbstverständlich ohne. Diese Qualität z. B. wäre geeignet.“
Carr schob das Musterbuch beiseite: „Unmöglich, glatte Verschwendung! Bedenken Sie allein die dauernd fällige Reinigung der vollgekotzten Filze!“
„Ist bedacht, Herr Carr. Wir brauchen neue Attraktionen. Wie wär’s mit dieser Farbe?“
Carr drehte sich auf dem Absatz herum. Draußen zog ein Rudel singender Auswanderer vorbei, an den Hüten steckte der Bettausweis seiner Reederei. „Wir haben doch auch so ganz hübsch zu tun!“ rief er.
„Ganz hübsch ist nie genug. Ich schlage vor, ab sofort die gleichen Verpflegungsrationen für unsere Fahrgäste auszugeben wie für die Besatzung.“
Carr schnappte nach Luft. „Nee, Ballin, das ist Völlerei.“
„Na, na! Ich bin sogar dafür, zugleich die Kost der Besatzungen etwas reichlicher zu gestalten.“
Es war, als höre Carr zum ersten Male, daß für seine Seeleute und Kohlentrimmer auch gesorgt werden müsse.
Ballin entgegnete: „Sonst mustern uns die besten Männer nach Bremen, England und Holland ab. Nur mit ausgesuchter und zufriedener Mannschaft übernehme ich die Verantwortung für die Transporte.“
„Sie ruinieren uns, Ballin!“
„Im Gegenteil – Sie und ich werden immer gesünder dabei!“
Carr zieht mißtrauisch Lider und Brauen nach oben. Aber vor dem offenen Blick aus den dunklen Augen vor ihm und der Heiterkeit und Zuversicht darin muß er kapitulieren. Er lächelt. Und plötzlich hebt er die Reitgerte wie salutierend. „Weiß der Kuckuck, Ballin“, sagt er: „Mister Cassel muß Sie tatsächlich gekannt haben.“
*
Die drei Töchter des Tuchhändlers Rauert waren als blonde Hamburger Schönheiten stadtbekannt. Zwei hatten früh geheiratet, die Älteste, Bertha Maria Georgine, in gute kaufmännische Verhältnisse am Ort, Johanna, ein Jahr jünger, nach Argentinien, wo ihr Mann große Estanzien besaß. Die Jüngste, Marianne, hatte sich noch nicht entschließen können.
Das Kleeblatt war wieder einmal beisammen: Johanna, von jenseits des Atlantik auf Besuch gekommen, nahm die Gelegenheit wahr, im großen Tuchlager des Vaters Stoff für ein neues Reisekostüm auszusuchen. Die Schwestern assistierten. Marianne, bereits im Achtundzwanzigsten, hatte verständlicherweise von den beiden unter der Haube Befindlichen einiges auszuhalten. Vater Rauert, mit stolzgeschwellter Brust, den glänzenden Blick auf seine geliebten „Drei Grazien“ gerichtet, ließ es sich nicht nehmen, Ballen über Ballen vom feinsten Cheviot, Homespun, Cord und Tweed mit dem suggestiv-eleganten Schwung des gelernten Textilmannes auf dem Tresen zu entrollen. Er war eine stattliche Erscheinung, gerade sechzig, ein Holsteiner Typ, an der Lübecker Bucht geboren, einer der überzähligen Bauernsöhne, die, magisch in den Sog der Großstadt gezogen, dort entweder lautlos zermahlen und verbraucht werden oder es zu Ansehen und Vermögen bringen. Er besaß etliche schöne Häuser am Jungfernstieg und den Colonnaden in der teuersten Lage. Der Handel mit englischen Stoffen, darin er als Laufbursche begonnen, war ihm zum Segen gereicht. Seine Töchter galten als gute Partien. Gerade das aber hatte Mariannens Mißtrauen gegen alle bisherigen Freier wachgehalten.
„Denen ging’s ja nur um Papas Mitgift!“ unterbrach sie kühl, als Johanna die Namen der Abgewiesenen mit spitzen Lippen nachkostete.
„Laßt mir mein Mariannchen in Frieden“, meinte behaglich der Vater. „Wo ich aufgewachsen bin, in Cismar, da steht das alte Benediktinerkloster, das ihr kennt. Das werd’ ich ihr schenken, sobald sie dreißig und noch immer Nönnchen ist. Alsdann mag sie eine Herde Stiftsdamen um sich versammeln und protestantische Äbtissin werden wie Ihre Magnifizenz zu Hamburg im Johanniskloster.“
Marianne lachte mit den anderen, wurde aber doch rot, als sie fragte: „Kann ich statt Stiftsdamen nicht lieber Kinder nehmen?“
„Gewiß, Liebling, aber nur, wenn’s deine eigenen sind und dein Mann als Klosterpförtner angestellt ist.“
Marianne küßte den Papa mit komischem Ernst auf die Stirn: „Also gut, Herr Rauert, ich will den Portier vom ‚Europäischen Hof‘ fragen, ob er bei dir Schwiegersohn werden will.“
„Samiel, hilf, das ist ja ein Neger!“ schrie der Tuchhändler entsetzt. Da stimmten die übermütigen Gattinnen Bertha und Johanna für die Jungfrau Marianne eins von jenen Liedchen an, wie sie zwischen den Tingeltangels von Sankt Pauli und Sao Paulo aus dem Ozean emportauchen:
Weit fährt ein Schiff
übers Meer, übers Meer.
Da steh’ ich an Bord,
und ich warte so sehr.
Wann sind wir denn da,
hallo, Kapitän,
in dem Hafen der Liebe
vor Anker zu gehn?
Oho!
Da kam ich nach drüben, oho!
Da standen drei Männer, oho!
Der eine war blond,
der andere war braun,
der dritte war schwarz
wie die Nacht anzuschaun.
Oho, oho, oho!
Sag’, warum liebst du mich so?
Sie hatten unterdes fleißig unter den Bergen von Stoff gewühlt und dies und das, was ihnen gefiel, der zu guter Letzt einfallenden Marianne – ohne sich selber dabei zu vergessen –, in flüchtiger Drapierung angehalten, wobei sich alle drei vor einem riesigen Spiegel hin und her drehten.
Modealben wurden aufgeschlagen, deren rundliche Figuren teils die gluckhennenhafte Linie des „Cul de Paris“ zeigten, teils die Wespentaille der Zukunft mit Röcken ohne Schweller und einer ersten Andeutung von Puffärmeln.
Endlich hatte Bertha einen weichfallenden Wollstoff in Zeisiggrün gefunden, der ihr anstand. Vater Rauert atmete auf und seufzte zugleich, da sich alsbald eine Flut weiterer Wünsche über ihn ergoß, die es unwiderstehlich auf die nötigen Jupons abgesehen hatten. Sie tänzelten selbdritt in die hinterste Ecke des Lagers und zogen eigenhändig die schmaleren Kartons hervor. Nun ertrank der Ladentisch in einer fürstlichen Flut knisternder, regenbogenfarben schillernder Tafte, Foulards, Chiffons und Moirees. Herr Rauert kostete mit der ganzen Routine des gewiegten Importeurs seinen Kommentar über Herkunft, Güte und Eigenart aus. Doch, da er Marianne sich verzückt über ein leuchtendes Seeblau beugen sah, fiel ihm etwas anderes ein.
„Vielleicht“ – er ließ genießerisch zögernd die Frage auf der Zunge zergehen –, „vielleicht ist da noch ein tieferer Grund, daß unser Nesthäkchen so wählerisch ist. Bei diesen majestätischen Stoffen müßtet ihr selbst daraufkommen, Kinnings. Insonderheit bei diesem unwahrscheinlichen Blau. Erinnert ihr Süßen euch noch an Helgoland?“
„Ich hab’s!“ triumphierte Johanna: „Ein Prinz muß es sein!“
„Ein Prinz, ein Prinz!“ jubelte Bertha und klatschte in die schon hausfraulich pummeligen Hände.
Marianne lief an wie ein Borsdorfer Apfel im Oktober. Es war lange her, da hatten sie zu dritt „Räuber und Prinzessin“ mit wirklichen Prinzen gespielt, mit den Enkeln vom alten Kaiser, Willy und Heinrich. Die waren damals noch klein, aber namentlich Willy, ziemlich keck trotz des kurzen linken Arms; er hatte Mariannens gelöstes Haar, das schon damals bis zu den Füßen gereicht, wie einen Strick gepackt und geschrien, sie sei seine Gefangene und er wolle sie heiraten.
„So ist das!“ kicherten die Schwestern.
„Und dann sind sie beide ins Wasser gefallen“, lächelte der Papa.
„Und Willy hat die Aujuste Victoria von Glücksburg geheiratet“, versetzte Johanna.
„Die unserer Marianne übrigens merkwürdig ähnlich sieht und sogar ebenfalls etwas älter ist als Willem“, fügte Bertha hinzu.
„Eine Hanseatentochter hat keinen Prinzen nötig!“ resümierte der Vater und lauschte auf das Läuten einer fernen Klingel. „Das Telefong“, rief er und eilte ins „Comptoir“, in eine abgeteilte ferne Ecke des Raumes, die sogar – für etwaige vertrauliche Zollfragen vielleicht – eine Polstertür aufwies, dahinter denn neben dem Geschäftspult und dem Kassenschrank und dem gerahmten Steindruck wild qualmender Elberfelder Spinnereischlote der ominöse Kasten an der Wand hing, mit dem das Zeitalter des Geschwätzes unsichtbarer Partner begann, indes in vorliegendem Falle ökonomischerweise die Dreiminutengebühr nicht überschritten wurde.
Die Damen, sich überlassen, wühlten stumm in den chinesischen, Lyoner und Krefelder Geweben. Dann entschied Johanna: „Bitte, jetzt nehmen wir gleich Maß!“ Sie schlüpfte aus dem faltenreichen Kleid und den Leinenröcken darunter und stand nun in langen weißen, spitzenbesetzten Unaussprechlichen da.
Wie aus der Versenkung tauchte in diesem Moment plötzlich ein junger Mensch auf. Mit halb ersticktem Aufschrei gelang es Bertha gerade noch, die Schwester in eine Woge schimmernden Seidenripses zu hüllen.
Marianne hatte eben verträumt vor sich hingeflüstert: „Aber wenigstens blond muß er sein.“ Jetzt trat sie beherzt hervor und seufzte: „Womöglich ein Kunde.“
Der Fremde, hinter seinen leicht beschlagenen Zwickergläsern zwinkernd – er schien kurzsichtig zu sein –, trug ein Päckchen Wollstoffmuster in der Hand. Er verbeugte sich unter Entschuldigungen und wollte sich zurückziehen.
„Was wünschen Sie denn?“ frug Marianne.
„Man sagte mir, der Chef sei hier oben. Ich bin angemeldet und möchte Wolldecken fürs Zwischendeck.“
„Wollen Sie auswandern und auf so unbequeme Weise dazu?“ Ein jähes Mitgefühl mit diesem höflich und versonnen dreinschauenden Menschen, der so sorgfältig gekleidet war, kam über Marianne.
„Nicht ich, gnädiges Fräulein“, erwiderte der Besucher und blickte freundlich. Doch dann verstummte er jäh, als müsse er eine Verwirrung meistern. Und dabei hätte er gern etwas gesagt, etwa: „In so einem Moment möchte kein Hund ans Auswandern denken, wenn man geradezu vor der blonden Fee der Wasserkante persönlich steht.“ Er schwieg, blaß bis zu den Haarwurzeln.
Auch Marianne sagte nichts. Er ist dunkel wie ein Spanier, dachte sie, indessen die Schwestern erwartungsvoll herüberlugten. Es war wie eine Ewigkeit. Dann nahte der Schritt Papa Rauerts.
Merkwürdig, diese sachten eilfertigen Tuchhändlerssohlen klangen dem jungen Manne, der so völlig unvorbereitet sich gebannt fand, wie Hammerschläge, geeignet zu zertrümmern oder zusammenzuschmieden. Vorerst jedoch vermochten sie das magische Gespinst, das seit Urbeginn unversehens und augenblicks geneigt ist, sich zwischen zwei Menschen zu knüpfen, nur ein wenig zur Seite zu drängen.
Der junge Mann wandte sich um, wie von rostigen Drähten gezogen.
Rauerts Stimme kam auf ihn zu: „Mein Sohn Rudolf hat Sie soeben angemeldet. Sie sind von der Carr-Linie? Haben unsere Muster konveniert? Kommen Sie! Überzeugen sich in natura!“
Den Töchtern blinzelte er ein „Kleinen Moment!“ zu, nahm den Kunden ins Schlepp und verschwand mit ihm über die Treppe ins Erdgeschoß hinab, wo die Fertigwaren ihren Platz hatten.
*
Ballin entschuldigte sich, daß er versehentlich in die Damenabteilung geraten sei.
„Haben wir gar nicht, mein Herr“, sagte Rauert, „hier ist alles für alle. Das da oben sind nur meine Töchter.“
Auf einen Wink des Chefs trugen Ladendiener Stöße von Wolldecken herbei.
„Die grüne Sorte wär’s“, sagte Ballin.
Herr Rauert, genießerisch eine Ecke der Ware zwischen Daumen und Zeigefinger reibend, strahlte: „Erstklassige Qualität, freut mich, daß Sie Kenner sind. Übrigens sind Kinder immer die besten Abnehmer, das werden Sie vielleicht auch noch eines Tages merken. Soll’s also diese sein?“
„Ja“, antwortete Ballin, und ihm war, als meine er nicht nur die grüne Decke.
„Weich, mollig, anschmiegend, ausdauernd, rentabel, mit einem Wort englisch. Damit zu schlafen, wird Ihnen sicher ein ungetrübtes Vergnügen bereiten. Oder wünschen Sie etwas noch Besseres?“
„Durchaus nicht“, stotterte Ballin. Er fühlte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoß. „Es ist für unsere Zwischendeckpassagiere gedacht.“
Rauert strahlte noch mehr: „Ah, Sie benötigen nicht nur ein Exemplar? Da kann ich Ihnen Mengenrabatt geben!“
„Sechshundert Stück!“
„Gut, sehr gut. Sie bekommen f. f. Preisnachlaß, Lieferfrist eine Woche, direkt von Yorkshire. Werde gleich telegrafieren, geht heute ja so einfach. Entsann mich gerade vorhin eines Auftrags von höchster Stelle. Ging ich da mit meinen drei Töchtern – es waren noch Backfische –, Sommer 69 über die Falm auf der Insel Helgoland, es regnete. Sie trugen ihre Capes, hübsche echte Mackintoshs. Begegnet uns der deutsche Kronprinz, bärtig wie Wotan, mit seinen beiden Buben, alle unter triefenden Umbrellas. Batz, bleibt der kleine Willy stehen und sagt keck: Das sind aber praktische Regenschirme, Papa, die kann man ja anziehen. – Was sagen Sie, im Handumdrehn hab’ ich für die Prinzen solche Umhänge besorgen müssen, und da es sich um britische Ware handelte, war es den Herrschaften ein besonderes Pläsier. Charming indeed. Ist doch die hohe Mutter eine Tochter der Queen drüben und geruhte mir bei prompter Lieferung – leider ging es noch nicht telegrafisch, aber man hatte damals auch noch viel mehr Geduld – vermelden zu lassen, daß sie geradezu erwäge, Potsdam nach Hamburg zu verlegen.“
*
Der Kunde ging, und Rauert flitzte die Treppe wieder hinauf. Seine Beine kamen ihm noch immer jung vor, aber vor der letzten Stufe mußte er anhalten. „Es ist das Herz“, seufzte er.
Die Töchter hatten sich inzwischen entschlossen. Das Gespräch war von den Stoffen auf den merkwürdigen Eindringling übergesprungen. „Wie er dich angeglupscht hat mit seinen Brombeeraugen hinter Glas!“ spottete Bertha.“
Der Vater rieb sich die Hände: „Eine wirklich angenehme Verbindung. Dabei versteht er sogar was von Qualität.“
„Und was für Qualität“, zwinkerte Johanna.
Bei Marianne entlud sich die angestaute Spannung: „Ein gräßlicher Mensch!“ schrie sie auf und wurde rot wie eine Tomate.
„Jedenfalls kein Prinz“, konterte Bertha, „und auch nicht blond.“
Der Vater hob scherzend den Finger: „Aber, liebste Marianne, gerade bei dir hab’ ich immer nur auf garantiert waschechte blonde Enkelkinder gehofft.“
Joseph trat mißmutig in die Kammer: „Dieses elende Gewinsel!“ Denn Albert saß auf dem Bettrand und strich das Cello, ließ jedoch bald den Bogen sinken und stellte das Instrument hinter den Schrank. Joseph indes fuhr fort zu knurren:
„Wenn das so weiter geht, Bruderherz, daß du nachts beliebst, plötzlich hochzufahren und Licht zu machen, und mit kratziger Feder Briefe zu schreiben, dann ziehe ich aus.“
„Das solltest du nicht, Joff. Dann könnte ich es mir doch noch eher leisten.“
„Protze nicht! Leih’ mir lieber ein paar Silberlinge. Ich hab’ einen fulminanten Tip für Valparaiso, echte Regierungsbonds.“
„Würd’ ich nicht machen, Joff. Denen stopft ganz Europa die Kapitalien förmlich in den Schlund. Werden sich bald übergeben.“
„Du magst von ozeanischer Dampfkraftverwertung und sanktioniertem Sklavenhandel dein Teil verstehen, teuerster Albert. Mich aber laß’ schlafen und wachen, wie mir’s gefällt. Oder fürchtest du etwa, deine Zinsen einzubüßen?“
3.
Marianne
Eine Dame vor der Tür · Cello mit Hafenbegleitung · Petroleumlampen brauchen Wartung · Frau Reimers liest auf Weitsicht Erna · Zwei Mücken zuviel · Weitermachen! · Gesenkte Raten · Jemand wartet · Gib mir die Perle! · Fahrkarte ins Paradies · Die Verschleierte · Das Geheimnis der Perle · Goldene Handschellen · Hochzeitsreise ins Nordseebad.
Ein paar Tage danach zog Albert Ballin auf ein möbliertes Zimmer. Es lag an den Vorsetzen, nicht weit vom Kontor am Baumwall. Nun war niemand mehr da, der ihn bei seinen abendlichen „Andachten“, wie er es heimlich nannte, stören oder sich gestört fühlen konnte. Diese stille Arbeit bestand in der Abfassung eines immer länger werdenden Briefes, daran er wochenlang schrieb, nur unterbrochen von der wehmütig-sehnsüchtigen Stimme seines Cellos.
Die biedere Logiswirtin wagte sich nur auf Zehenspitzen zu bewegen, wenn sie die Lampe oder den Tee brachte, und über die „scheune Musik“ schmachtend die Augen verdrehte. Der junge Mann zahlte gut und stellte wenig Ansprüche. Tagsüber war er nicht da. Und laut war er auch abends nicht. Er spielte immer mit Dämpfer. Ach, es klang so innig. Nie lud er Kollegen oder sonst wen zu Bier oder Kartenspiel ein, wie es der Vormieter getan. Er brachte auch nie eine Freundin mit. Kurz, er war „ein soliden ordentlichen Menschen“. Da mochte er denn ruhig drauflosquinkelieren. Um zehn ging er sowieso zu Bett. Daß er nachts hin und wieder am Tisch saß und arbeitete, merkte Witwe Reimers nicht, ihr Schlaf war gewissenssanft und tief.
Einmal, gegen Abend, es begann schon Frühling zu werden, kam eine Dame an die Wohnungstür. Sie wollte nur mal fragen, ob ein Herr Ballin da wohne. Frau Reimers trat einladend zurück: „Jawohl, Fräulein, er ist grad in, können schon von hier hören.“
Wirklich vernahm man die leise Melodie eines Streichinstruments. „Das ist wohl aus den Kinderszenen von Bizet“, meinte die Dame.
„Hab’ ich noch gar nich’ gemerkt, Frollein, können ja aber selbst nachsehn, nur nich’ so schüchtern.“
„Ist das hier immer so und öfters?“ frug die Dame.
„Och der? Das is’ ja wohl rein ’n Puritaner, is’ das ja wohl. Immer allein und nichts als Arbeit, und Mittag ißt er bei sein’ Mutter.“
Aber die Dame will nur einen Brief abgeben. Vornehm und Vergnügen ist zweierlei, denkt Frau Reimers. Immerhin ist gerade ihre Nichte vom Lande auf Besuch und spitzt in der Küche die Ohren: „Wir sind ’n anständiges Logis, Frollein, ich werde ihn ’reinbringen. Wenn Fräulein auf Antwort warten will, hier vor Tür?“
Aber Marianne ist schon auf der Treppe. „Gott sei Dank, das ist erledigt“, flüstert sie mit blassen Lippen, als die Haustür hinter ihr ins Schloß fällt.
*
Das Fenster steht offen. Der Straßenverkehr voller Hufschlag und Räderrollen brandet herauf. Die Bagger am Grasbrook geben noch immer keine Ruhe. Die Kette ihrer Eimer holt ächzend den Schlick aus der Tiefe. Das Hafenbauamt gedenkt, die neuen Becken hinter dem Sandthorkai auf fünf Meter Mittelwasser zu bringen. Fünf Meter, denkt Albert, das wird bald zuwenig sein. Aber was soll die ganze verlorene Liebesmüh! Eines Tages hat man mit anderthalb Meter Tiefe genug für sich selber, falls es überhaupt für einen Platz in der trockenen Erde reicht und man nicht mit dem feuchten Element vorliebnehmen muß.
Hamburg baut seinen Freihafen, auch für ihn, der da schwermütig die Saiten streicht. Die Loren, die den Dreck über lange Stege zu ins Wasser hinauswachsenden Molen aufschütten, poltern in die Nachtschicht hinein. Zusammen mit dem Baggergejaule, dem Werftgehämmer und den Dampferstimmen deucht es dem Cellospieler die rechte Begleitung. Nur zu, flüstert es in ihm. Greift nur ins Dunkle, höhlt die Schlünde, speit die Schätze der Welt ein und aus! Höhlt das Finstere auch in mir, grenzenlos wie die Welt, damit es Platz hat und es nirgends anstößt, das liebe Antlitz!
Vor vier Tagen hat er seinen Brief endlich abgeschickt. Er hofft auf keine Antwort mehr.
Ein paar Verszeilen von Heinrich Heine fallen ihm ein. Er sieht den jungen Dichter und Rassegenossen, wie er, verliebt gleich ihm in eine Hamburgerin, sich müht, im Tuchhandel etwas zu werden. Es war ihm nicht geglückt wie etwa Herrn Rauert. Das eine nicht und das andere nicht.
Ihr Brüder, wenn ich sterbe,
versenkt mich in das Meer!
Hab’ immer das Meer so lieb gehabt ...
Frau Reimers klopft, öffnet verstohlen, bringt auf Zehenspitzen ein weißes Etwas, legt es, da der Zimmerherr sein Spiel nicht unterbricht, wortlos auf den Tisch, nimmt die Petroleumlampe, und ehe sie das Zimmer verläßt, schickt sie nur mit den Augenlidern ein Zeichen zum Fenster hin. Draußen wartet sie mit lauschender Anteilnahme an der Tür, bis sie voller Befriedigung inne wird, daß das Cello nach kurzer Unterbrechung weit trauriger als vorher wieder anhebt. Mit Kanne, Dochtschere und Lampenputzer macht sie das rundliche Beleuchtungsgerät gebrauchsfertig und stülpt die geblümte Kuppel aus Porzellanglas darüber. Deren Form erinnert sie immer an ein Bild ihrer Mädchenjahre, auf dem sie im Ballkleid mit freien Schultern und zierlicher Halsrüsche von einem Kunstmaler konterfeit worden war. Leider ist das Bild im großen Hamburger Brand nicht verschont geblieben. Zärtlich streicht sie über den Porzellanschirm und erzählt der pausbäckigen Nichte, wie schön damals alles, insbesondere sie selber gewesen sei. Damals gab es nur Kerzen und nicht „so ’n ekligen, stinkigen und ganz gefährlichen Smerkram“ zur Beleuchtung.
Es dämmerte. Zeit war, die Lampe hineinzutragen. Das Cello schwieg gerade.
„Vielleicht ist es ein Rendezvous, und er macht sich noch fein“, vermutete die Nichte. Aber die Tante verwies ihr solch lockere Vorstellung, sie solle man lieber Teewasser aufsetzen.
Hierauf klopfte sie an und betrat, wie üblich das Herein nicht abwartend, das Zimmer ihres Mieters. Der Abendschein lag glühend im Fenster. Herr Ballin stand düster davor und hatte etwas zwischen den Fingern anscheinend direkt in den Sonnenuntergang gehalten, ein Kleinod vielleicht, so dachte Frau Reimers, das wohl richtig mal funkeln sollte. Aber es war denn doch eine Bewegung dabei gewesen, als habe er das anscheinend winzige Stück zum Munde führen wollen. Um es zu küssen? Um es zu schlucken? Vielleicht war es nur eine Schlaf- oder Beruhigungspille. Das alles erwog Frau Reimers bald darauf, indes ihr Logiergast das fragliche Objekt in die Jackentasche versenkte und geradezu, als sei er ertappt, sich wieder an sein Instrument setzte und, den Blick steif ins Abendrot gerichtet, jämmerlich weitermusizierte.
Bedächtig stellte die Witwe nun die Lampe auf den Tisch, riß ein Zündholz an, hob den Glaszylinder und entzündete den Docht, nicht ohne ihn zuvor mit dem Schwedenhölzchen glattgestrichen zu haben. Sie ließ sich Zeit. Ihr Auge ruhte weniger auf der Petroleumlampe als auf dem Briefblatt, das offen hingeworfen am Tischrand lag. Dank der Weitsichtigkeit ihres Alters vermochte sie die wenigen Zeilen unauffällig zu erspähen.
Sehr geehrter Herr Ballin,
Ihre Veilchen haben mein Herz erquickt und bedrückt. Zwar behaupten Sie, es tut nichts, daß ich drei Jahre älter bin als Sie und sogar etwas größer, aber mein Vater hat noch einen anderen Einwand. Sie wissen, welchen.
Hochachtungsvoll
Marianne Rauert.
Neben dem Briefe blitzte, in offenem Etui auf gewölbtem Atlas gebettet, eine kleine goldene Damenuhr mit herumgelegter dünner Halskette.
„Was für eine nüdliche Uhr das mal ist“, bewunderte die Wirtin, die heimliche Lektüre vertuschend.
Ballin tat einen zügigen Bogenstrich. „Können Sie mitnehmen!“ sagt er.
Witwe Reimers war nicht die Person, unüberlegte Äußerungen auszunutzen.
„Ist wohl für jemand Angenehmeren als Geschenk gedacht“, meinte sie mütterlich.
„Weg damit!“ grollte es vom Fenster.
„Aber doch nicht für meine Wenigkeit, Herr Ballin!“
„Schmeißen Sie das Ding in den Ascheimer, Frau Reimers!“
„Nee, Herr Ballin, das wär denn ja wohl frivol. Wenn Sie gestatten, schenk’ ich die kleine Klock mein Nichte. Für die ist das was. Wär’ – mit Verlaub – sogar eine Frau für Sie, Herr Ballin. Fehlt Ihnen ja längst so was. Frisch vom Lande, kocht wie ein Gott. Will ja auch partout was Besseres. Waren hinter ihr her, Sie glauben gar nicht. Einer, denken Sie, hat sich regelrechtermang sogar was antun wollen, ihretwegen. Aus Liebeskummer. So ’ne Idioten gibt es, Herr Ballin.“
„Bitte, Frau Reimers, ich möchte allein sein!“
„Sind Sie ja viel zu immer, Herr Ballin, können es ja noch längst genug, wenn mal so alt wie ich.“
Sie hatte inzwischen die Tür geöffnet und ruft energisch in den Flur hinaus: „Erna! Komm doch mal eben ’rein!“
Das Mädchen hat offenbar schon im Flur gewartet und ist flugs zur Stelle, halb neugierig glühend, halb ländlich schüchtern.
„Kuck mal!“ sagt ihre Tante, „was unser Herr Einlogierer dir da verehrt.“
„Fru Reimers!“ Ballins Stimme droht hilflos beschwörend in Plattdeutsch, als wolle er damit besseres Verständnis erzwingen. Mit Hand und Knie klammert er sich an das schweigende Instrument, als sei es eine lecke Boje. Apathisch sieht er zu, wie die kleine Uhr von den dicken Händen der Schlummermutter um den Hals von Nichte Erna gehängt wird, wobei sie zufrieden schnalzt: „Pük! Direktemang wie ’n Orden, aberst ...“, und nun gerät ein zweideutiges Kichern in die gedämpfte Hinzufügung, „kein Nonnenorden ist das denn ja wohl doch nich.“
Erna lacht linkisch, geniert, wissend. Das gütige Licht der Petroleumlampe macht sie hübsch.
„Bedank dich“, flüstert die Tante. Und da die ländliche Schöne weder Fuß noch Zunge zu rühren vermag, gibt sie ihr einen gelinden Klaps auf die pralle Rückfront: „Denn mach wenigstens die Fenster zu! Kommen sonst noch zuviel Mücken ein.“ Das Mädchen setzt sich in Bewegung, drall und blond, süß duftend nach billiger Seife, die doch das Aroma von Kuhstall, Heu und Ackerkrume nicht verdecken kann, den Hauch des verlorenen Paradieses, der dem Großstädter ins Gemüt greift. Mit kleinen Schritten geht sie ans Fenster, beugt sich hinaus in die Landschaft aus Hafenlichtern, Lärm und Dampfergebrumm, um die nach außen geöffneten Flügel hereinzuholen. Die prallen Schenkel unterm dünnen Kleid streifen das Cello. Als springe ein Funke durch das blanke Holz über auf ihn, so nun springt der Zimmerherr auf.
Wie jeder Geist von Format ist er rasch entzündbar, gefährdet, sich zu verlieren, und gemeinhin begnadet, instinktiv bewahrt zu sein. Hier weiß er sich ins Humorige zu retten. „Mücken?“ lacht er, „tatsächlich, Fru Reimers, mindestens twe Mücken sünd hier to veel!“ Damit komplimentiert er die beiden hinaus und schließt sachte ab. Nimmt den Brief abermals in die Hand, das Papier leuchtet im Lichte des Petroleums einen Augenblick grell auf. Dann fliegt es zerknüllt zu Boden, wird erneut aufgenommen, wiederum entfaltet und schließlich in kleine Fetzen zerrissen. Ein trockenes Schluchzen würgt ihn. Aber die Hände greifen nicht noch einmal nach der kleinen Perle. Allerletzte Not? So weit ist es denn doch noch nicht. Hat ihn nicht das Vertrauen Carrs, dieses solide, achtbare hansische Vertrauen, sichtlich erkoren, nicht allein um seinetwillen, sondern für seine ganze Rasse? Hat er nicht Pionierdienst zu tun? Sind die Mutter und die Schwestern nicht mehr da, für die er zu sorgen hat? Er nimmt ein Bündel Akten vom Sofa, beißt die Zähne aufeinander, legt die Fingerspitzen zusammen und blickt durch die Gardine hindurch auf die Lichter eines ausfahrenden Ozeaners.
„Dort ist mein Lebenszweck“, flüstert er durch die Zähne. „Alles andere ist Abweg! Also? Weitermachen!“
*
„Wir schuften wie zehn Derbygäule!“ Herr Carr beugt sich übers Pult zu seinem Teilhaber, die Importe im Mundwinkel, den Hut im Nacken, die unvermeidliche Reitgerte unterm Arm. Er blättert in den umfänglichen Aufstellungen. Monat um Monat waren die Abschlüsse gestiegen, die Zahl der Passagen, die Summen der Einnahmen, die Abfahrten und die Ausgaben. Aber die Einnahmen überwiegen. Die Propagandaposten sind zurückgegangen, die Wolldecken längst abgeschrieben.
„Jedenfalls sitzen Sie gut im Sattel, Herr Carr“, nickt Ballin.
„Dabei ist mir immer, als hätte ich Ihnen den Steigbügel gehalten, Herr Ballin, und als wären mir Sporn wie Zügel entglitten.“ Carrs Pokergesicht verschattet sich, ein Abglanz der Düsternis, die über seinem Teilhaber liegt.
„Vielleicht trennen wir uns, Herr Carr“, sagt Ballin leise.
Carr schnippt bestürzt mit den Fingern. „Dann verkauf’ ich lieber.“
„Wäre zu früh!“
Carr stößt ihm abrupt die Hand hin: „Versprechen Sie mir, bei der Stange zu bleiben.“
Ballin legt die Fingerspitzen zusammen, sein Blick geht zum Fenster hinaus. Der Hafenqualm spult sich schmutzig in den Sommertag. Von der Passageabfertigung nebenan hört man gleichmäßiges Summen, Kommen und Gehen. Es wirkt einschläfernd wie ein Mückengesang. Er muß an die dralle Nichte von Frau Reimers denken. Wäre es nicht viel besser, statt der mageren Gentlemanshand des Compagnons, weibliche Arme zu fühlen?
Des Reeders gekränkte Stimme dringt wie aus weiter Ferne an sein Ohr: „Ballin, wenn Sie auf bessere Beteiligung aus sind, auch das!“
„Das soll es nicht sein, Herr Carr.“ Ballin wendet den vollen Blick auf den Partner: „Allerdings wäre es perfide, Sie auf der Höhe des Erfolges zu verlassen.“
„Ist sie erreicht?“
„Und bald überschritten.“
„Machen Sie keine Scherze, Ballin!“
„Wir müssen den Fahrpreis noch einmal senken.“
„Nein!“ Die Gerte pfeift unwirsch durch die Luft und klatscht an die Pultflanke.
„Der Lloyd hat schon, die Compagnie Générale Transatlantique, die Holland-Amerika, die Allan, Glasgow, Antwerpen, die White Star, die Liverpooler, alle haben die Sätze geschmissen, um uns klein zu kriegen.“
„Verfluchte Schufte!“
„Das Vorrecht der Erstgeburt kitzelt sie!“
„Und die Hapag?“
„Auch die Hapag.“
„Das ist bitter!“
„Aber es lohnt sich, Herr Carr.“
„Verdammte Sauerei!“
„Das Spiel beginnt erst!“
„Spiel nennen Sie das, Ballin?“
„Wie beim Derby.“
„Also scheinen doch Sie der zu sein, der im Sattel sitzt.“
„Dann vertrauen Sie dem Jockey, Herr Carr.“
Der Reeder sieht ihn durchdringend an. Er versteht nicht, wer hier abgehalftert ist. Immerhin heißt die Firma Carr-Linie, nicht Ballin-Linie. Der Reeder zieht die Hand zurück, streift die wildledernen gelben Handschuhe über, schiebt den Hut zurecht, nickt „Addio!“, geht, blickt zurück, flötet ein Signal und ruft:
„Eh ich’s vergesse, draußen am Lager wartet jemand auf Sie, ganz privat.“
Ballin dankt kurz. Er muß sein freudiges Erschrecken verbergen. Wer möchte ihn wohl privat sprechen wollen, wenn nicht die eine, die zu vergessen keine noch so betäubende Arbeit ausreicht?
*
Der Lagerraum der Carr-Linie gleicht einer Mustermesse europäischer Fertigwaren. Frachtstücke, Kisten, Ballen, Fässer tragen Aufschriften fast aller Industrien von Skagen bis zur Adria. Neben Speditionsgut häufen sich Schiffsbedarfsartikel aller Art, Tauwerk, Ersatzteile für Maschinen, Kajüts- und Logisausrüstungen, Laternen und nautische Instrumente. Die besonders kostspieligen Kompasse, Sextanten, Chronometer und Ferngläser liegen sorgsam verpackt und wohlverschlossen hinter einem engmaschigen Eisengitter.
Auch in diesem Raum fehlen die bunten Plakate nicht und werben von den gekalkten Wänden für die junge Reederei. Daneben mahnt unübersehbar rot umrandet eine gedruckte Vorschrift, wie man sich bei Feuersgefahr zu verhalten habe.
Nur ein schmaler Zickzackgang ist für die Bewegung von Mensch und Sachen frei gelassen. Ballin folgt ihm spähend, dem Ausgang zu. Der Lagermeister hat Fragen zur Verproviantierung. Ein Athlet von Arbeiter, die groben Hände vor der sauberen Schürze, möchte Urlaub wegen Kindstaufe. Ballin gibt ihm einen Taler für den Täufling. „Wo schall he denn heeten, Käsebier?“
„Albert natürlich“, lächelt der Riese.
Endlich ist Ballin am Ausgang zum Hof. Das Herz klopft ihm. Aber was da steht und ihm den Rücken zukehrt, ist kein weibliches Wesen. Vielleicht ist es Mariannes Vater. Er hat ihn vor einigen Tagen in aller Form schriftlich um die Hand seiner Tochter gebeten, ist aber bis jetzt ohne Antwort. Gefaßt tut er ein paar Schritte. Da erkennt er, ehe noch der Besucher sich umdreht, seinen Bruder.
„Joff!“ sagt er herzlich, ohne sich die Enttäuschung anmerken zu lassen. Der Angeredete wendet sich nervös um. Er ist modern, aber salopp angezogen, ja, nahebei gesehen, fast verwahrlost. Sein Gruß klingt heiser aus dem bleichen Gesicht zurück. Eine hastige Rasur hat kleine blutkrustige Schnitte am Kinn zurückgelassen und den neumodischen Stehkragen beschmutzt.
„Hast du dich duelliert?“ fragt Albert, um Heiterkeit bemüht.
„Quatsch!“ zischt der Bruder und rückt dicht heran. Sein unreiner Atem geht heftig.
Er flüstert scharf: „Ich muß die Perle haben!“
„Welche Perle?“
„Der dicke Boß hat mir’s erzählt.“
„Sie ist nichts wert. Wieviel brauchst du?“
Joseph saugt an den schadhaften Zähnen, zupft sich an den früh ergrauten Bartkoteletten: „Albert, die chilenischen Obligationen! Eine goldige Chance. Ich hatte alle Trümpfe in der Hand.“
„Und ich hab’ dich gewarnt.“
„Du hast gut reden, hast dich bei dem smarten Carr ins Nest gesetzt. Aber ich muß zahlen. Das sind Ehrenschulden wie beim Spiel, Albert, davon verstehst du nichts. Wechsel. Und kann nicht. Gib mir die Perle! Ich weiß, was drinsteckt. Rasch und schmerzlos ...“
„Hier, Joff!“
Albert hat die Brieftasche gezogen, greift wahllos ein Bündel Scheine heraus, drückt sie dem Bruder in die zitternd zuschnappende Hand: „Reicht das?“ Joseph läßt gierig den Daumen über die Kanten der blauen Lappen gleiten: „Ist das dein Geld, Bruderherz?“
Es klingt hilflos und mißgünstig, und das kurze „Ja“ löst nur ein „Unglaublich!“ aus, das von der Geste eines Grandseigneurs begleitet wird, der soeben eine lästige Gnadenbezeugung entgegenzunehmen hatte. Ach, Albert kennt ihn so gut, weiß um den empfindlichen Stolz des Bruders. Sind sie einander darin nicht ähnlich?
„Wenn du mehr brauchst ...“, sagt er freundlich.
„Keine Sorge, Albertchen!“
Der Bruder hat nun nicht länger Lust, im Hofeingang den Verkehr zu behindern und neugierige Blicke auf sich zu ziehen; es klingt mißbilligend und beugt einer Einladung ins Kontor, zur Witwe Reimers oder in ein Lokal vor. Den Hut mit zwei Fingern antippend, sagt er gönnerhaft über die Achsel: „Ich zahl’s doppelt heim, Lieber. Laß Dir’s aber gesagt sein, einzig die fluktiblen Reize der Papiere, das ist Gentlemanskunst und doch wohl etwas anderes als dieser dein Umstand hier und Plunder, mit dem du deine paar Kröten zusammenläpperst. Gehab dich wohl!“
Im Passageraum sind zwei Angestellte damit beschäftigt, die Formalitäten für die Ausreisenden zu erledigen. Die Bettplätze fürs Zwischendeck werden hier verteilt. Ihre Nummern stehen groß auf farbigen Kärtchen, rot für Männer, blau für alleinreisende Frauen und Mädchen, grasgrün für Familienmitglieder. Auch werden zugleich die Marken zum leihweisen Empfang einer Wolldecke ausgegeben. Albert Ballin, noch benommen von dem Gespräch mit dem Bruder, kehrt an sein Pult zurück. Mit abwesendem Blick faßt er auf, daß der Andrang im Abfertigungsraum abgeflaut ist. Nur die Stimme eines seiner Angestellten klingt wendig und geschult von nebenan. Von der langen Schlange der Passagiere des Morgens sind nur noch zwei oder drei übriggeblieben. Ballin blickt auf die Uhr. Es wird Zeit, zum Sandthorkai hinüberzufahren, um den fälligen Dampfer nicht uninspiziert zu lassen und dem Kapitän und den Offizieren einen Händedruck, der Besatzung und den Fahrgästen ein ermunterndes Abschiedslächeln zu gönnen. Reeder Carr läßt sich seit längerem bei den Abfahrten nicht mehr blicken. Er hat sich einen Rennstall zugelegt. Selbst Leute, die eigentlich nicht zu seinem Ressort der Passage und Fracht gehören, wenden sich an Ballin, Ausrüstungsfirmen, Werftdirektoren, ja selbst die Besatzungsmitglieder der Schiffe.
„Man müßte eine eigene Reederei haben“, denkt er und starrt aufs Pult. Wunderbare Schiffe malen sich auf die blauen Flächen eines Konossements über die Frachtorder auf dreizehnhundert Stück gußeiserne Christbaumfüße für Philadelphia via New York.
Der Angestellte lugt durch die breite Wandöffnung herüber und fragt dezent: „Herr Ballin, eine Anfrage: Eine Fahrkarte nach dem Paradies ... Wie erledigen wir das?“
„Höflich, wie immer! Paradies der Freiheit, die USA.“
Sein Blick hat sich nicht vom Pult erhoben. Christbaumfüße für Philadelphia, rechtzeitig bestellt. In wenigen Monaten werden Tannenbäume und Kerzen hinzukommen, dort drüben, und Familienglück und Kinder und Vergessen. Vergessen? Und Möglichkeit für jedermann, der Mut und Geschick hat und keine Anstrengung scheut. Wie er.
Mit halbem Ohr hört er, wie der Angestellte die strikte Anweisung, Kunden unter allen Umständen wie zukünftige Millionäre zu behandeln, befolgt und in sanftem Tone sagt: „Nicht die ‚Australia‘, gnädige Frau? Ganz, wie belieben. Verwechseln doch nicht mit der ‚Austria‘, die irgendwann mal unterging? Nein, gewiß nicht, dieselbe gehörte auch nicht uns, sondern der Packetfahrt.“
„Was nichts gegen die Konkurrenz besagt haben soll!“ korrigiert Ballin freundlich von seinem Pult aus, ohne aufzusehen. Er ist noch immer wie gelähmt und starrt auf das blaue Frachtpapier voller Visionen. Gerade ist er in einer dritten Schicht des Bewußtseins zu der Einsicht gelangt, daß Herr Georg Gustav Rauert ihm Marianne nie und nimmer geben könne. Denn ist er, hier am Pulte so verloren mit offenen Augen träumend, trotz angestrengter Gepflegtheit einem gewissen Joseph nicht allzu ähnlich, ein „Sadduzäer“ von dürftigem Äußeren, ohne Vermögen, voll großer Pläne, mit recht unbestimmter Aussicht auf Erfolg, ohne Familie von Ruf und in einem Beruf der Schiffahrt, der nur gesellschaftsfähig ist, wenn man als Inhaber der Firma zeichnet und nicht nur eine Agentur besitzt. Wie hat er auch nur so verrückt sein können, sein „salomonisches“ Auge auf eine Hanseatin aus gutem evangelischem Hause zu werfen, auf ein gebildetes und begütertes Mädchen, das auch noch blond und blauäugig ist und ihn, dank ihrer hohen Absätze nach Pariser Mode, an Körpergröße um mehrere Fingerbreit übertrifft? Daß er jünger ist als sie, wird er mit Disraeli und dem kommenden Kaiser Wilhelm II. gemeinsam haben. Er sieht sie vor sich, wie sie strahlend, in Seide und Geschmeide vor der Gesellschaft glänzt, in ihrer Loge der Oper, auf Bällen und Empfängen, zu denen er bislang keinen Zutritt hatte. Er sieht sich selbst an ihrer Seite im Frack von tadelloser englischer Façon. Immer wird sie ihn überragen, ihr blondes Haar wird wie eine Sonne über seinem dunklen Haupte leuchten. Fürwahr, kein abschätzender spöttischer Blick, kein Nasenrümpfen wird ihn kränken.
Und zwischen diesen rasch wechselnden Bildern geistern immer die riesigen Schiffe seiner Träume, neben ihr als Braut und sich als Bräutigam im Donnergetöse der Kirchenorgel von St. Petri. Er hat sich in den letzten Wochen die Hamburger Hauptkirchen von innen besehen. Mehr bedrückt als bewegt hat es ihn, zu erfahren, was aus dem Tempel Salomons und der Verehrung des Wüstengottes Jehova in Europa und hier im kühlen Norden hervorgegangen ist. An fünf Sonntagen hat er fünf verschiedene Predigten angehört voll von Zitaten aus Psalmen und Geschichten seines Volkes. Er hat kein Heimatrecht dabei verspürt und keine Hoffnung darauf bei denen, die von Zion und den Propheten mit salbungsvollem Anspruch wie Verwaltungsbeamte reden. Und er hat im Neuen Testament gelesen, alles, was über seinen „Landsmann“ Jesus aus Nazareth berichtet wird. Es hat ihn ergriffen.
O ja, das ist ein Mensch, der Mensch an sich, nach hohem Plan, anständig und tapfer, aufrichtig, weitschauend, feinfühlig, naturliebend und den Mühseligen und Beladenen zugetan. Aber dann sind andere gekommen und haben damit einen flotten Betrieb organisiert, einen Seelenhandel, ein weltumspannendes Geschäft, das zu vielerlei Trost, Güte und Aufschwung geführt hat und zu nicht minder großer Gewalttätigkeit. Der Messias, für den jener Christus sich kaum gehalten, war als Gescheiterter zu ungeahnten posthumen Erfolgen gediehen. Sein Weltreich bestand nun bald zweitausend Jahre und hatte alle anderen überlebt. Seine guten Lehren gipfeln in der Mahnung an die Welt, mit sozialen Reformen zu beginnen. Aber Jünger und Apostel haben die schlichten Forderungen mit allerlei Mystik verdunkelt. Hier an der Wasserkante spuken ältere Geister. Das „Blut des Lammes“ hat sich nie ganz mit den Fluten nordischer Häfen vertragen. Und der Erlösungsgedanke, die Reinigung von allen Sünden allein durch den Glauben deucht dem jungen Ballin – er flüstert es nur ganz heimlich, gleichsam geduckt – ungeheuerliche, durch nichts weder zu erhärtende noch zu widerlegende Propaganda.
In der Freien und Hansestadt hat man sich immer mehr auf die schlichte Erfahrung verlassen, daß der Gute belohnt und der Böse bestraft wird. Fraglich bleibt nur, was unter „böse“ und „gut“ zu verstehen sei, vor allem bei den Gläubigen selber. Entscheidet darüber wirklich nur das eigene Gewissen? Wer kann denn das Echo ertragen, das die Wände des Zimmers von dem angstvollen Schlag des Herzens zurückwerfen? Vielen sind die Ohren ohnehin verstopft. Die einen suchen den Lärm, der es übertönt, die anderen flüchten in Vereine, Zirkel und Kirchen. Wohl dem, der schlicht genug bleibt, sein Maß in sich selber zu finden. – Solche Betrachtungen steigen diesen Morgen wie von allein aus den trockenen Sätzen des Frachtbriefes auf von dem verbrauchten Pult, das schon die sorgenvollen Seufzer des Vaters ins Holz gesogen. Worte wie Stückzahl, Verpackung, Tara, Christbaum, Füße, Zoll, Ladegebühr, Bestimmungsort, Abnehmer verwandeln ihren Sinn in Träume, die zwischen Himmel und Hölle auf und nieder steigen.
Was wünschen Sie denn? Wollen Sie auswandern? Das waren die ersten Worte, die Marianne ihm gegönnt. Jetzt weiß er es: Er wird stets zu denen gehören, die immer dabei sind, auszuwandern, stets aus dem Vorhandenen in ein Neues, ein Unbekanntes unterwegs und aus der vertrauten Heimat auf dem Sprung in die unbekannte Fremde.
Ist eben nicht das Wort „Freiheit“ gefallen? Gibt es das? Es gibt nur freiwillige Bindungen. Die Lösungen bleiben ungewiß.
Nebenan, hinter dem langen Abfertigungstisch, spricht schon lange eine Frauenstimme. Der devot gekrümmte Rücken seines Angestellten verdeckt die Sprecherin. Aber man vernimmt deutlich, was sie sagt: „Mein Herr, es ist wohl besser, ich rede mit dem Chef persönlich.“
Der Angestellte tritt höflich zurück und blickt zu Ballin hinüber. Der erhebt sich und geht wie auf Watte in den Abfertigungsraum. „Ja, bitte“, hört er sich mechanisch sprechen.
Das Gesicht der Dame ist durch einen violett-grauen Schleier verhüllt. Die Stimme klingt wie verstellt darunter hervor: „Wie ich schon betonte, erwarte ich kein Billett in das Paradies der Freiheit, sondern in das der Unfreiheit.“ Hinter Ballins Stirn blitzt für einen Moment die Frage auf, wer nun eigentlich verrückt sei: er, der am hellichten Tage Träumende, oder die exaltierte Weibsperson hinter dem Tresen. Er tastet sich vorsichtig weiter: „Meinen Sie vielleicht Rußland? Dahin haben wir zur Zeit noch keine Verbindungen.“
Auf einmal aber geht ihm auf, wer sich hinter dem Schleier verbirgt, aber er verrät sich nicht.
Und da sagt Marianne ganz leise, so daß es kein anderes Ohr mehr erreicht als das seine: „Ach nein, ich meine eine ganz private Unfreiheit.“
Mit einem Schlage ist er hellwach, aber seine Beine sind wie aus Gummi. Er schickt den Kommis in den Lagerraum. Dann erwidert er mit gespieltem Ernst: „Madame, Sie verlangen Unmögliches von unserer Reederei; wir treiben keinen Sklavenhandel.“
Die Dame genießt es, ihn so beherrscht zu finden, dann lüftet sie den Tüll und lacht hell. Sie beugt sich über die dunkle, glattgewetzte Passageschranke. Der Stoff ihres Sommermantels berührt seine Hände. Und durch die Zähne flüstert sie ihm zu: „Und wenn ich lauter schwarzlockige Jungs mit Schnurrbärten kriege – ich heirate dich doch.“
*
Herr Wuttke, der geschmeidige junge Prokurist des Juweliers an der Ecke vom Neuen Wall und dem Jungfernstieg, hält eine erbsengroße Perle unter die goldgefaßte Lupe. Er hebt die Augenbrauen und zieht bedenkliche Stirnfalten. „Außer Frage, Herr Ballin – echt ist sie“, sagt er verbindlich und wiegt das leichte Etwas in der Hand. „Aber das Stück ist höchst geschickt aus zwei Hälften zusammengesetzt und offenbar hohl, wahrscheinlich mit einer Art Flüssigkeit gefüllt.“
„Also doch. Kann man nicht trotzdem eine Nadel daran befestigen?“
Wuttke untersucht abermals, er nimmt ein Mikroskop zur Hilfe, das Ergebnis ist befriedigend. Die Höhlung scheint nicht gleichmäßig, ein Teil der Wandung ist somit hinreichend dick, um ein feines Bohrloch aufnehmen zu können.
„Das Übrige ist höchst zerbrechlich, Herr Ballin. Die Ausgabe lohnt sich kaum.“
„Es ist ein Andenken, Herr Wuttke.“
„Dann ist es eo ipso teuer und berechtigt zu allem Weiteren. Außerdem, wirklich, der Glanz hat sich auffallend gut erhalten, wenn man bedenkt, daß diese Perle einige hundert Jahre alt sein dürfte.“
„Es soll eine Indianerperle sein.“
Wuttke nickt. Er ist ein Mann von Erfahrung. Gleichwohl lockt ihn noch immer das Abenteuerliche an dem Handel mit Pretiosen. „Das dachte ich gleich“, erwidert er prüfenden Seitenblicks auf den kleinen dunklen Herrn, der ihn, den Kopf lauschend geneigt, aus funkelnden Pincenezgläsern beobachtet. „Eine Majaperle, Herr Ballin. Wissen Sie auch, daß der Inhalt lebensgefährlich sein könnte? Ich würde vorschlagen, ihn bei der Montage vorsichtig zu entfernen.“
„Gerade das möchte ich vermieden sehen und bitte, die Nadel nur in meiner Anwesenheit einzufügen.“
Wuttke verbeugt sich. Der Kunde ist überall König. Und er bittet Herrn Ballin in die Werkstatt.
Während der kleinen Prozedur weiß er fesselnd zu plaudern. „Sehen Sie, vor Jahren – ich war noch Lehrling – kommt eines Tages ein statiöser Herr, Haziendenbesitzer vom Scheitel bis zur Sohle, in den Laden und bringt genau so eine Perle, um sie fassen zu lassen. Er hatte einen Hund mit, eine Dogge, grau-gelb, dänisch, hoch wie ein Flußpferd. Der Chef untersucht die Perle und zuckt die Achseln: Tut mir leid, damit möchte ich nichts zu tun haben. Der Grande, erstaunt, bittet, den Wert zu schätzen. Aber der Prinzipal schüttelt den Kopf. Nichts wert? braust der Señor auf. – Liebhaberwerte entziehen sich der Notierung, entgegnet der Chef verbindlich und reicht das Stück zurück. – Da, friß! ruft der Haziendero verächtlich. Und ehe man ihn hindern kann, wirft er die Perle seinem Hunde in den vertrauensvoll aufgesperrten Rachen. Was soll ich Ihnen sagen, Herr Ballin? Ehe noch der Kunde, sich kaum verabschiedend, die Ladenschwelle überschritten hat, fällt das riesige Hundevieh plötzlich um, ohne jeden Laut, streckt alle viere von sich und ist mausetot!“
„Interessant“, sagt Ballin leichthin. „Man kann nie wissen, ob man das eines Tages nicht mal brauchen kann.“
„Mein Prinzipal hatte bewußt vermieden, zu betonen, daß eine Firma unseres Ranges niemals Hilfestellung leisten sollte bei dem Spiel mit dem Gedanken an Mord oder Selbstmord.“ Der Juwelier hat eine Uhrmacherlupe ins Auge geklemmt und betrachtet seinen Kunden durch dieses drohende Magierauge.
Ballin lächelt: „Sie vergessen, Herr Wuttke, daß jede Art von Schmuck Anreiz zum Verbrechen in sich trägt und daß – Hundemord gegebenenfalls eine höchst wohltätige, jedenfalls aber ganz und gar persönliche Angelegenheit sein kann, obschon derartiges weder für Sie noch für mich jemals in Betracht kommen dürfte.“
„Selbstredend, Herr Ballin. Diese Majaperlen müssen übrigens äußerst geschickte Hersteller gehabt haben. Denn der ausgebohrte Hohlraum ist, wie die Forschung festgestellt hat, mit einem harzigen Lack unbekannter Herkunft aufs feinste ausgepinselt, so daß der Inhalt die Perlwandung keinesfalls angreifen kann. Kalziumkarbonat, als Kesselstein bekannt und für uns nur lästig, als Marmor begehrt, als Perle eine Kostbarkeit, hat das Zeug zu ebenso verblüffender Karriere wie Steinkohle und Ruß zum Diamanten. Derartiges soll auch bei Menschen Vorkommen. Die Struktur macht es und die Seltenheit. Die Perle ist meergeboren und sozusagen lebendig gezeugt, sie hat entschieden etwas Unheimlicheres als ein erdgeprägter Diamant. Man sagt gern: Perlen bedeuten Tränen. Als Juwelier darf ich freilich so etwas nicht nachsprechen.“
„Es gibt auch Freudentränen, Herr Wuttke.“
„Richtig! Möge auch Ihr Kleinod, Herr Ballin, nie von anderen feucht werden.“ Seine geschickten Finger hantieren mit winzigen Werkzeugen. Dann hebt er wieder den Blick. Die Uhrmacherlupe wie eine Pistolenöffnung auf sein Gegenüber gerichtet. Und als gälte es ein Geschäft auf Gegenseitigkeit in Gang zu bringen: „Ich habe eine Schwäche für alles Gefährliche. Ich bin Sportler. Die Riesenwelle am Reck ist mir ein besonderes Vergnügen, denn wenn man losläßt, kann man das Genick brechen. Ich sehe in dem Wasser dieser Perle, in ihrer seltsam durchstrahlten Taubheit, möchte ich sagen, den Schmelz einer jahrhundertelangen Verhinderung. Nicht wahr? Einer Aufgespartheit geradezu. Als die tote Dogge schon fast vergessen war, kam eines Tages ein gewisser Doktor Seler herein, der bekannte Mexikoforscher, eben im Begriff sich nach drüben einzuschiffen. Er kaufte ein Tafelbesteck, weil ihm das an Bord gebotene nicht zusagte.“
„Bei der Hamburg-Amerika Linie?“
„Ja, bei der Hapag, Westindiendienst.“
„Muß besser werden“, murmelte Ballin.
„Wie meinen?“
„Fahrgäste sollten sich wie zu Hause und noch besser fühlen.“
„Sie waren viel unterwegs?“
„Ich bin von der Schiffahrt, Herr Wuttke.“
„Das ist gut, wir würden das Bordsilber zu entsprechenden Bedingungen mit Vergnügen liefern. Ein Alpaka ungewöhnlicher Qualität und wirklich preiswürdig.“
„Sie wollten von Dr. Seler erzählen, Herr Wuttke!“
„Richtig. Der Doktor sagte, als unser Gespräch darauf kam, solche Majaperlen seien bevorzugten Opferjünglingen von Priesterhand heimlich in den Mund gegeben worden, ehe ihnen das Herz bei lebendigem Leibe aus der Brust gerissen wurde. Die so Ausgezeichneten konnten dann nach Belieben zögern, die tödliche Giftdosis zu schlucken, wenn es ihnen darauf ankam, gottgefälligerweise die schauderhafte Tortur wachen Sinnes ganz auszukosten.“
„Schlucken allein dürfte wohl nicht genügt haben.“
„Seler meinte, Versuche hätten ergeben, daß die Magensäure diese Sorte Perlen in Sekundenschnelle aufzulösen vermag. Der Tod träte fast augenblicklich ein. Schlagartige Lähmung des Kreislaufs. Aus. Wie bei der Dogge. Nicht wahr? Beinahe beneidenswert.“
„Für allerletzte Not.“ Ballin flüstert es lächelnd, mit geschlossenen Lidern. Er sieht sich ausgestreckt voller Heiterkeit auf einer Wiese zwischen lauter Löwenzahn und Gänseblumen und Mariannens Gesicht neigt sich erschrocken über ihn. Wie gut, daß er nicht voreilig gewesen ist, dann wäre es nicht Marianne, sondern die hamsterbackige Witwe Reimers, die sich über seine Starre gebeugt, und der unechte Perser ihres Logiszimmers wäre schwer mit einer Sommerwiese zu verwechseln. Aber nun hat sich alles von Grund auf gewandelt. Ein Häuschen steht bereit, es lohnt sich ungemein, dem Dasein schrankenlos zu vertrauen. Lange Jahre großer Segen, spricht eine alte milde Stimme in ihm.
„Herr Wuttke“, sagt er und schlägt die Augen so jählings berauscht auf, daß es dem Juwelier, der die eingepaßte Nadel gerade elegant präsentiert, wie ein Schreck durch Mark und Knochen fährt und er beschwörend herunterhaspelt: „Beste Präzisionsarbeit, mein Herr, sowohl für Kravatte geeignet wie fürs Chemisett. Hier haben Sie die einfache kleine Sicherung. Unser Patent. Wollen Sie gleich anlegen? Darf ich mal? ... So! Ausgezeichnet.“ Er rückt einen venetianischen Kristallspiegel heran: „Nicht wahr?“
Ballin blitzt ihn dankend an. „Ich brauche eine weitere Sicherung, Herr Wuttke. Wissen Sie, so ein paar kleine runde Miniaturhandschellen, um mich selbst für den Rest meiner Tage an die Kette zu legen.“
Wuttke, alsbald verstehend, versichert voller Erleichterung: „Auch das in jeder Ausführung. Möchten wir uns in die Offizin zurückbequemen? Darf ich übrigens hören, ob die kleine Uhr damals soweit gefallen hat?“
„Gewiß, gewiß!“ lächelt Ballin, erhebt sich und zückt den eigenen Chronometer, dessen Tombak, wie Wuttkte mit wohlgeübtem Blick feststellt, sicher demnächst durch ein hanseatisch echt goldenes Exemplar mit Sprungdeckel und Repetierwerk zu ersetzen sein wird.
„Sie belieben das Maß für die verehrte Zukünftige gewiß bei sich zu haben, Herr Ballin?“ fragt er und schlüpft leichten Fußes durch den roten Vorhang.
Gerade tritt eine Dame von draußen herein, Marianne. Sie ruft ungeziert in die weihevolle Lautlosigkeit von Sammet und Gefunkel: „Na, Albert, komm ich noch zurecht? Sind die Fesseln parat?“
Ballin strahlt: „En miniature und per sofort, Madam.“
Schon hat Wuttke eine Auswahl massiver Trauringe auf weißem Atlastablett über den Ladentisch gleiten lassen. Seine ergebene Miene läßt nicht vermuten, daß er sich dabei mokant selber fragt: „Hat nun diese blonde Kriemhild, weibliche Ausgabe des pompösen Goliath, den kleinen David hier zur Strecke gebracht oder umgekehrt?“
*
Die Hochzeit findet im engsten Familienkreise am 11. Januar 1883 statt. Marianne hatte nicht gedrängt, daß Albert sich taufen lasse. So hätte die standesamtliche Eintragung genügt, die durch Bismarck seit acht Jahren Gesetz war und jeder konfessionellen Beurkundung vorging. Da man aber in der schönen Villa des Generalkonsuls Rohlsen feierte, der Mariannes Schwester Bertha zur Frau hatte, war ihre Familie doch sehr erbaut, daß der hausbefreundete Pastor in der kleinen ehrwürdigen Dreifaltigkeitskirche zu Hamm dem jungen Paar seinen Segen nicht vorenthielt.
*
Ein paar Tage auf der Insel Helgoland, das ist die ganze Hochzeitsreise, aber sie genießen sie gebührend. Marianne schwelgt in lustigen Erinnerungen, und die Nordseeinsel, damals noch nächstgelegenes englisches Ausland, ist malerisch mit rotröckigen britischen Wachtsoldaten als lebendigen Gegenstücken zu den roten Felsen geschmückt. Nirgends kann man Champagner so billig und zollfrei trinken, und nirgends schmeckt der Hummer so gut wie hier.
Albert nennt das Eiland ein Schilderhaus, darin Britannien die Elbmündung bewacht, falls die Franzosen sich nicht länger im Zaum halten können, Elsaß-Lothringen zurückzuholen und Hamburg, wie schon einmal, als Kolonie zu kassieren.
„Mit ihren paar Kanonen können aber auch die Engländer von hier aus ebensogut unsere ganze Schiffahrt sperren“, meint Marianne.
„Grund genug, uns mit ihnen zu vertragen, Marianne. Wir haben mehr davon, wenn sie Helgoland behalten, als daß ein paar Schreihälse bei uns daraus ein kleines Außenfort gegen England machen und noch wunder was meinen, wie pfiffig und patriotisch das sein würde.“
Erst auf Helgoland erreicht sie ein Telegramm Cassels. Sein Glückwunsch klingt wehmütig: „Möge Ihnen beiden dauernder ein Glück beschieden sein als mir.“
„Das klingt ja fast tragisch, Albert.“
„Ernest Cassel hat seine Frau nur drei Jahre haben dürfen. Ich hab’ sie noch gekannt. Sie ist jung und frisch und blühend gewesen, wie vom Lande. Und blond wie du. Erst als sie im Sterben lag, von Schwindsucht aufgezehrt, und der Pfarrer ihr das Sakrament reichte – sie war katholisch – hat sie ihren Mann gebeten, er möge sich zu ihrem Glauben bekennen.“
„Warum das, Albert?“
„Sie fürchtete, ihn sonst im Himmel nicht wiederzusehen.“
„Das ist ja ein sonderbarer lieber Gott, der sich wie ein Zöllner oder Polizist einen Paß vorzeigen läßt. Hat ihr Mann denn konvertiert?“
„Wir haben nie darüber gesprochen. Ernest ist fünf Jahre älter als ich und hatte es immer schon etwas weiter gebracht. Da verstummen die Fragen.“
„Und was würdest du tun, Albert?“
„Alles, was du verlangst.“
„Evangelisch werden?“
„Da ich weder an die unbefleckte Empfängnis der Jungfrau und ihre leibliche Himmelfahrt noch an die Unfehlbarkeit des Papstes glauben müßte, wäre nur noch der Kannibalismus mit dem ‚Blut und Fleisch des Herrn‘ zu überlegen.“
„Selbst an meinem Sterbebette?“
„Marianne! Lieber will ich alsbald in der nächsten Brandungswelle gemeinsam mit dir ertrinken, als überhaupt jemals denken, daß du mich allein lassen könntest.“
Und nun stürzen sie Hand in Hand in den sprühenden Gischt der Dünenkante. Sie schreien vor Übermut und Lebenslust und kommen rechtzeitig wieder heraus, um sich mit dem Fischerboot zurück auf die ragende Insel und zum Frühstück tragen zu lassen.
Mochten ihre oder seine Vorfahren herstammen, wo immer die Welt rund ist: Sie beide waren in Hamburg geboren und aufgewachsen. „Wir sind nüchterne Hanseaten“, sagte Marianne, „und lassen uns nicht mit Phantastereien und Vorurteilen aufhalten, sondern suchen selbstverständlich den Tatsachen das Nützliche abzugewinnen.“
Sie sprach mit fast geschlossenen Lippen. Die Zähne der Hamburger sind immer etwas zusammengebissen wie von unbewußter Konzentration oder bewußter Energie. Denn jedermann an dieser Weltecke ist immerzu auf dem Quivive, sozusagen auf Ausguck, stets in Habacht und mit steifgehaltenen Ohren, um nicht abgeschleudert zu werden von der Taumelscheibe in dem unaufhörlichen Sog des lautlosen klimatischen Wirbels, der vom Atlantik, golfstrombefiebert, herüberreicht.
4.
Die Hapag wird unruhig
Woermann ist fürs Haben · Weltweite Herzen · Sind Kolonien gut? · Ein Sporenhieb · Zoll und Anschluß · Meyer wird Direktor · Zerplatztes Ruhmesblatt · Die Reitgerte knallt · Gestillter Atlantik · Fusion auf Abruf.
Adolph Woermann wartet stämmig an der rindsledernen Kante des Sitzungstisches. Seine weißgeblümte graue Pikeeweste wölbt sich wie das Vorgebirge einer neuentdeckten Küsteneinfahrt. Vom Leinwandhandel ist sein Vater Carl einst aus Bielefeld in die Hansestadt eingewandert. Nun dient die griffige Ware den schwarzen Missionszöglingen zwischen Gabun und Windhuk, die Unschuldsblöße mit Hemden der Firma zu verhüllen. Das bißchen Beigeschäft mit Flinten und Schnaps – blaue Glasperlen ziehen kaum noch – allein den Engländern zu überlassen, wäre moralisch ungenügend vertretbar. Es gibt noch manche Möglichkeiten auf dem dunklen Erdteil, der noch vor kurzem solch unermeßliche Umsätze durch den Sklavenhandel gebracht hatte. Das lebendige schwarze Elfenbein hatte sich durch den billigen Transport des toten weißen aus dem Innern des Kontinents doppelt bezahlt gemacht. Nun sind auch die Elefantenzähne teurer geworden wie alles in der Welt.
Das spürt selbst die Hapag, an deren Verhandlungstisch Woermann sitzt. Sie hat sich zwischen den weißen Küsten auf längst gebahnten Seechausseen eingefahren. Sie ist gegründet worden, um den Umweg über England zu sparen. Und darin liegt das Ungeheure, das Großartige, das Gefährliche. Mit vier bescheidenen Seglern hat die Gesellschaft 1847 den zähen Kampf gegen die Herrschaft der Meere angesagt. Wer beachtete sie damals schon? Jetzt besitzt sie zwanzig Dampfer, die nicht mehr zu übersehen sind, weder wegen ihrer Zahl noch ihrer Stattlichkeit. Woermann räuspert sich und spricht: „Unsere neuen Statuten, meine Herren, geben uns die Gewähr, daß vorerst das Notwendige getan wurde. Wir können nichts als abwarten. Als meine Firma in Gabun den ersten Kaffee geerntet hatte, haben wir ihn in der Familie mit der gebotenen Festlichkeit getrunken. Die Tasse stand mit rund fünftausend Mark zu Buch. Aber drei Jahre später konnten wir über Kakao einen Jahresgewinn von zweihunderttausend Mark erzielen. Man darf also nicht müde werden, selbst bei der Hapag nicht.“
Woermann kann in diesem Augenblick nicht ahnen, daß das gleiche Kamerun-Geschäft rund drei Jahrzehnte später – wenn auch ohne ihn – jährlich glatte zweiundsiebzig Millionen Mark ab werfen würde, nicht viel weniger als im selben Jahre die Hapag, deren riesenhafte Entwicklung er genausowenig voraussehen konnte.
Mit der Routine des hansischen Reichstagsabgeordneten fährt er fort: „Jeder von uns, meine Herren, hat mehr oder weniger selber Dampfer laufen. Sie wissen, meine Firma pflegt seit kurzem auf einer Hamburger Werft bauen zu lassen, bei Blohm & Voss. Nicht mehr, wie sonst zumeist üblich, auf englischen Werften. Das ist sehr schmerzlich für unsere englischen Freunde, und es wird eines Tages mehr als nur ein Augenzudrücken drüben und ein Augenzwinkern von uns dazugehören, um Frieden zu halten. Aber wenn die Briten argwöhnen, wir wollten die Hamburger Grenzpfähle rund um den Ozean am Kongo, Sambesi, Mississippi, La Plata und drüber hinaus am Ganges und Jangtsekiang aufpflanzen, dann überschätzen sie unsere Intensionen gewaltig. Was wir wollen, ist, wie Bismarck sagt, nur eine Luke aufstoßen, damit Seeluft hereinkommt.“
„Aber unseres Godeffroys Bruder, Cäsar VI., hat er in der Südsee verhungern lassen!“ wirft der Reeder Laeisz spöttisch ein. Woermann ist von Berlin her Unterbrechungen gewohnt und zuckt nur die Achsel: „Cäsar hätte dem Kanzler rechtzeitig eine Luxusjacht zur Besichtigung widmen sollen. Und auch dann wäre Ozeanien wenig geeignet gewesen, den Überschuß unseres Bevölkerungszuwachses aufzunehmen. Was für einen einzelnen Wagehals dort zu gewinnen ist, bedarf keiner Reichshilfe, falls er sich nicht übernimmt. Wir werden unserer aufblühenden Industrie so oder so Rohstoffgebiete sichern müssen und Absatzgebiete dazu; und durch die Tüchtigkeit unserer Kaufleute geschieht das automatisch. Kolonialgebiete? Das ist ein teures Kapitel. Wir sind ein bißchen spät an den Futtertrog gelangt, an dem die britische Bulldogge schon ein paar Jahrhunderte lang frißt. Gleichwohl mißgönnt sie uns knurrend die paar abgefallenen Brocken. So ist es verständlich, daß wir wenigstens genügend Schiffsraum haben müssen, um den Ex- und Import nicht unter fremder Flagge zu bewältigen.“
„Ein paar Panzerkreuzer zur Unterstützung täten nicht schlecht!“ ruft Herr Kirsten.
Die Runde des Aufsichtsrates lächelt. Nelsonische Anwandlungen sind in Hamburg nicht beliebt. Die Tage Störtebekers, des Störenfrieds, dem man auf die Finger geschlagen, sind seit dem Jahre 1401 so ziemlich vorbei. Aber nachdem vor kaum zwanzig Jahren zu Versailles ein neues deutsches Kaiserreich gegründet worden ist, haben auch in Hamburg Patrioten damit angefangen, über lokale Interessen hinaus der Welt die Faust zeigen zu wollen. Selbst im Verwaltungsrat der Hapag gibt es zwei Lager. Sie erhitzen sich gegenseitig.
Woermann gähnt verhalten. Dann beginnt er gedehnt von neuem: „Wir in Hamburg haben –“
Jäh wird es wieder still. Das Wort „haben“ wirkt zu Hamburg immer.
Woermann nutzt den Augenblick: „Wir haben die Hand am Puls der Welt, wir merken zuerst, wenn es auf den Kontinenten knistert. Unsere Bilanzen sind die Fieberkurven der Weltgesundheit. Das letzte Jahr gab es überall Mißernten, Fallite, geplatzte Wechsel. Was dürfen wir da anderes erwarten als mäßige Frachten, leere Kabinen und überall einen Strich in den Abrechnungen der Hapag, wo das letztemal noch etliche Prozent Dividende standen.“
Herr Kirsten sendet Wolken von Pfeifenqualm in die allgemeine Betretenheit. Auch er hat ein paar Schiffe laufen, London, New Castle, Chile. Keine Konkurrenz für die New-York-Route deren Klagen er nicht begreift: „Es gibt doch Auswanderer genug, die verhungert, getriezt und geschunden dieses blühende Europa und neudeutsche Vaterland verlassen wollen!“ ruft er behende.
„Alles nur Nusch!“ erwidert Herr Tietgens. Er denkt in Kautschuk und dehnbar. Aber bei fehlender Dividende wird die zäheste Aktiengeduld erschöpft, und so fügt er bissig hinzu: „Jedoch nicht nur den nimmt uns Carr ab.“
Carr, Reederei Edward Carr! Das ist ein Wort wie ein klirrender Sporenhieb. Der Tisch scheint sich zu bäumen, und Herr Robertson haut mit der Faust darauf. Carr hat die Frachtenraten wieder einmal unterboten.
Woermann, noch immer stehend, lacht gefällig. Die Westenfalte glättet sich über dem braven Börsenbeefsteak. Sein Lachen wirkt wohltuend, erprobt hinter dem Rednerpult der Volksvertretung, es gleicht aus und beruhigt wie ein Eiderdaunenoberbett. Doch er erwidert nichts. Er denkt immer nur an Afrika. Jetzt kommt Laeisz zu Wort, Carl Laeisz. Sein Vater Ferdinand war mit selbstgemachten Zylinderhüten groß geworden. Er hatte dem Mischmasch Südamerikas den Anschein von Gentlemen verliehen. Und hatte die Hapag mitbegründet. Die Anfangsbuchstaben seines Namens aber wehen noch immer im Vortop eigener Drei-, Vier- und Fünfmast-Segler, der weißen Flagge der Flying P-Liner, von „Pudel“ bis „Pamir“ und „Potosi“. Jetzt gehört sein Nachfolger und Sohn, wie einst er, dem Aufsichtsrat der Hapag an. Und ihm scheint dringlich, den schlappen Segeln gen USA etwas Ozon einzuflößen. „Carr mag auf hohem Roß sitzen, und wir wollen ihm seinen Pferdestall gönnen und uns nicht veräppeln lassen. Aber besser wäre es, wenn wir endlich anfingen, dem Norddeutschen Lloyd die guten Kajütspassagiere wieder abzunehmen. Das ist meine Meinung.“
Woermann, noch immer stehend, da er den Vorsitz führt, lächelt abermals. „Die Hapag ist an der Grenze ihrer Tonnagemöglichkeiten angelangt. Die Weser ist eben tiefer.“
„Tiefer gebaggert!“ sagt Kirsten.
„Dafür sind unsere Schiffe handlicher, und bis vor kurzem noch waren sie auch immer voll“, wirft Herr Tietgens ein.
Woermann antwortet: „Es wird die saure Aufgabe des neuen Vorstandes und Aufsichtsrates sein, sie wieder vollzumachen.“ Er setzt sich. „Das nennt man Vollmacht!“ kalauert Laeisz und blickt John Meyer an.
Der wacht plötzlich auf. Er hat wahrhaftig ein „büschen genickt“ bei dem Gerede, das er bis zum Überfluß kennt. So voll wie wirklich voll, so viel gibt es gar nicht, lächelt er sich zu.
Nun beugt sich Johann Witt vor. Seine Porterwangen sind prall von dem Wort, das ihm seit einer Viertelstunde auf der Zunge schwillt. Jetzt platzt es hervor, dicht an Meyers Ohr: „Und der Zollanschluß?“
Das Wort knallt wie ein Geschoß in die Sitzung.
„Prost, Mahlzeit!“ ist alles, was Meyer erwidern kann.
Da erhebt sich Oskar Ruperti, sonorer Fünfziger, Teilhaber des Bank- und Handelshauses Merck & Co., versippt und verschwägert mit allen trefflichen hansischen Namen. Die Rupertis sind gleichfalls aus dem Binnenland in den Sog des elbischen Welthafens geraten. Wie beim Stuhle Petri die Kette des Geistes nie abreißt, so hier an der Elbe die des Blutes, seitdem etwa der Heereslieferant Karls des Großen – im Tauschgeschäft norwegischen Stockfisch gegen welschen Wein liefernd – einen zu St. Gallen geborenen Leinenhändler als Teilhaber aufnahm und ihm die Hand der Tochter überließ.
Rupertis Figur vereint die Schlankheit des Vaters mit der robusten Zähigkeit seiner Merckschen Mutter. Sein männlich schönes backenbärtiges Gesicht hat seit der harten Lehrzeit in den Südstaaten der USA den Ausdruck einer straffen Beherrschtheit angenommen. Dort hat er noch Sklaven kommandiert. In seiner Stimme schwingt noch etwas von der Schmiegsamkeit frisch gepflückter Baumwolle mit, obschon die Firma sich längst auf das einträglichere Geschäft mit Chilesalpeter, ausländischen Fisch- und Fleischmehlen, heimischen Phosphaten und dem Mist überseeischer Meeresvögel, dem Guano, umgestellt hat. „Meine Herren“, sagt er verbindlich und zieht die Mundwinkel ein wenig nach unten, „lassen Sie uns dem Gedanken des Zolles so wenig Bedeutung beimessen, wie dem des Anschlusses. Es sei denn, wir freuten uns, auf der Elbchaussee und wo sonst immer wir ins Preußische fahren, endlich unser Bett- und Silberzeug unverzollt bewegen zu können. Freihandel ist immer das, was man staatlichen Maßnahmen zum Trotz zuwege bringt. Ich hatte mit Woermann und Münchmeyer bis heute einige Jahre lang den sogenannten Verwaltungsrat der Packetfahrt zu vertreten. Wir sind darin, wie die Herren von der Aufsicht, selbständige Leute und haben die Hapag wie ein Ziehkind übernommen, das unsere Väter gemeinsam gezeugt haben. Allmählich dürfte es mündig sein. Und es hat unter der Dreitürme-Flagge genau wie unsere Erbfirmen der Welt gezeigt, was Hamburg bedeutet. So ist es auch unter der Flagge des Reiches geblieben, wie unsere Stadt: Frei und hanseatisch. Das Reich ist für uns Hinterland wie der übrige Kontinent. Wir haben es im Rücken. Daß es uns denselben stärke und nicht bloß unter unseren Achseln hindurch in unsere weltweiten Beziehungen hineinfingert, dafür werden wir denn ja wohl noch sorgen können!“
Ein ungeteiltes Bravo knarrt über die rindslederne Tischplatte. Sie ist braun und glatt wie die Haut der Mädchen auf den Atollen junger Handlungsgehilfenjahre. Aber hier ist sie der Inbegriff der Hapag, kalter Atlantik vor einer Planke aus Wolkenkratzern, nur mit einem kaum noch zu ahnenden Schimmer westindischer Buntheit.
Bleibt eigentlich nur noch Bremen; Nachbarn und Verwandte sind wie üblich immer die Unangenehmsten, wenn es darauf ankommt“, sagt langsam Tietgens und lehnt sich wuchtig zurück. Ruperti läßt die salpeterfarbenen Augen zum Fenster hinaus spielen, als läse er an den schiefen Speichergiebeln der anderen Fleetseite eine unlösbare Aufgabe.
Dämmerung sickert herein und legt sich in den einschläfernden Überseedunst der Importen. Rotspongesichter schwimmen hinter den tropischen Verbrennungsschleiern wie Seetonnen in einem unsicheren Fahrwasser.
„Kramke soll Licht machen!“ sagt Meyer schläfrig und greift zur Messingglocke, die vor ihm lauert. Es bimmelt dünn wie Signale, die im Nebel übers Wasser kommen.
Eine von satter Ruhe erfüllte Grabesstimme sagt: „Am besten ist abwarten.“ Sie paßt zu Robert Mestern. Er meint, auch endlich etwas äußern zu sollen. Aber man hat ihn zum Vorsitzenden des neuen Aufsichtsrates nur deswegen gewählt, weil er das unwiderstehliche Vertrauen derer ausstrahlt, die sich nicht aufregen sollen. Sein Arzt hat die Angehörigen gebeten, den Weinkellerschlüssel zu übernehmen. Der Kreislauf des Hausherrn ist gefährdet. Wie der der Hapag.
Bürodiener Kramke erscheint, verschwindet und kommt wieder. Er stülpt mit gewandter Zehe die Stiefeletten von den Socken, schiebt zwischen Witt und Münchmeyer mit einem leidgeprüften „Gestatten die Herren!“ eine zerlesene „Börsenhalle“ auf den Tisch, dann ein Knie, dann das andere, und schwupp erhebt er und reckt sich wie die Statue St. Ansgars auf der Trostbrücke. Der empfindliche Konsul Münchmeyer hätte wohl gern, daß die Füße Kramkes auch aus Sandstein wären, obwohl er dann nicht imstande sein würde, ein Reißsticken an der rauhen Hausmeisterschürze und danach den Gaskandelaber zu entzünden. Paff! sagt es dreimal. Gelbe Helligkeit blendet jede Miene und läßt sie wie aus verzerrtem Blech glänzen. Herr Robertson beschattet die Augen. Das zarte Leuchten echten Schildpatts und Perlmutts, das sein Kontor neben Kobra aus der Südsee einführt, ist ihm angenehmer als dieses Kohlengasglühlicht. Die fünf Kuppeln unter der meerschaumfarbigen Decke schwimmen im Zigarrenhecht wie pralle Fischblasen, gefüllt mit dem Fett der Ferne.
Lähmend genießt das Schweigen sich selber. Dann sagt Witt: „Petroleum war doch gemütlicher“, und Laeisz erwidert: „Jawohl, bleibt alle man immer hübsch hinter der Zeit zurück. Und Bremen baut Schnelldampfer.“
„Dann geht’s auch schneller auf die Pleite zu“, beschwichtigt Herr Tietgen; er ist aus Liebhaberei Sportsegler. Ihn reizen Dampfer nur nebenbei als das kleinere Übel, der Geschäfte wegen. Aber was hilft es? Der mahnende Finger des Fortschritts pocht in die hergebrachte Gemütlichkeit. Durch die Fenster dringen die Geräusche des Verkehrs von Fahrzeugen und Pferdehufen. Sie schwellen an, lauter und schneller, immer lauter. Aber unentwegt fädelt sich ein fast lautloses Flüstern hindurch. Perzente, Perzente! lispelt es.
Die Wände frösteln wie der Reichstag um Mitternacht. Aus bräunlicher Patina blicken die Gründer dessen herab, was Hapag heißt. Lächeln sie? Woermann nickt dem Kollegen Münchmeyer zu. Dieser schließt daraufhin feierlich und wie erlöst: „Ich erachte es für hinreichend, die Übernahme der gehabten Rechte und Pflichten durch Herrn Mestern bekräftigt zu sehen.“
Mestern stemmt sich gewichtig hoch. Kaffee, Tee, Rohrzucker, Kakao gegen bar, reiner Import. Die Firma Tesdorpf & Co. unter seiner Leitung darf reinen Gewissens sein; sie hat nicht dazu beigetragen, stillere Kontinente mit europäischer Zivilisation zu verseuchen. Füllig ruht seine Hand auf dem Bündel der neuen Statuten, die doch nicht viel Neues enthalten, außer daß nun endlich die Besoldungsfrage für den gelöst ist, der die Arbeit zu tun hat. Bislang ist es ja mehr ehrenamtlich auf Spesen geschehen.
„John Meyer!“ sagt er schweratmend. „Hiermit ist, wie Sie wissen, Ihrer bewährten, von der Pike auf diesem Unternehmen angehörenden Kraft die volle Verantwortung der Geschäftsführung auferlegt. Wir ernennen Sie hiermit zum Direktor.“
Inzwischen hat sich auch Meyer erhoben. Hoheitsvoll, mit stummer Verbeugung, dankt er, und mit einer Arabeske der Linken unterstreicht er den souveränen Satz: „Ich nehme an und eröffne.“
Er fühlt sich wie Napoleon vor den Pyramiden und steckt die Rechte zwischen zwei Westenknöpfe, als wolle er das schwellende Herz kontrollieren. Er schlägt die Augen rund auf zu den Planeten der Gaskuppeln und denkt daran, daß jeder in einer Sitzung nur durch deren Kürze verträglich zu stimmen ist. So beschränkt er sich auf den Schlußsatz: „Indem ich die Herren für morgen zum Aufsichtsratsfrühstück zu Ehmcke einlade, schließe ich die Sitzung.“
„Endlich was Angenehmes!“ seufzt Witt erleichtert.
Aber Laeisz, schon aufgestanden, fragt sachte in das polternde Stühlerücken: „Wer zum Satan besorgt eigentlich die Passage, seit Bolten verzichtet hat?“ Das war so ein Punkt. Die Maklerfirma Bolten war Mitbegründerin der Packetfahrt gewesen und hatte sich seit kurzem zurückgezogen. Passage, das Heranholen und Betreuen der Passagiere. Die Herren sind schon den Mänteln, Hüten, Schals, Schirmen und Stöcken zugewandt, die Kramke und ein weiterer Bürodiener hereinschleppen.
„Das macht doch Meyer alles“, sagt Mestern.
„Ich?“ erwidert Meyer und hält ihm den Paletot. „Ich als Direktor? Für die Lauferei hab’ ich längst einen.“
„Muß das nicht gesagt werden?“ fragt Tietgens aus dem Halstuch hervor.
„Was wollen Sie sich mit solchem Kleinkram verplempern!“ entgegnet Meyer.
„Wer ist es denn?“ fragt Ruperti, von der Montage seiner Überstiefel auflugend.
„Ach, Herr Ruperti, wo schon das Wort Bremen gefallen ist, hab’ ich mir den besten Mann der Konkurrenz, für den er sich hält, gesichert. Er heißt Emil Ratte.“
„Die Ratten verlassen den sinkenden Lloyd?“ spottet Laeisz.
„Das wollt’ ich Ihnen gönnen, Herr Laeisz“, versetzt Meyer.
„Eine neue Ära der Packetfahrt!“ lacht Woermann. Mit diesem prophetischen Satz verläßt er als erster das Haus, die unerschöpfte Unternehmungslust eigenen Belangen zuwendend. Es wird mehr als zwanzig Jahre dauern, ehe er als gebrochener Mann die Räume der Hapag wieder betritt.
Er hört nicht mehr, daß Meyer noch weitere Eröffnungen losläßt. Aber es hätte ihn auch wenig berührt, zu erfahren, Carr sei einen Tag vorher dagewesen.
„Stellen Sie sich vor, meine Herren“, sagt Meyer. „Kommt also Carr und bietet mir seine nunmehrigen vier Dampfer an. Leicht wettergebeugt, aber die Reitgerte wie immer hervorragend. Na, sag’ ich, was soll es denn kosten? – Zweieinhalb Millionen, sagt er, das würde gerade hinreichen, ein weniger aufreibendes Leben als das eines Schiffsreeders zu führen. – Nee, sag’ ich: So viel Geld hat ja nicht mal der Weihnachtsmann, Herr Carr.“
Die Herren lachen geflissentlich, inzwischen schon in Pelz, Winterüberziehern, Handschuhen und Hut. Sie schütteln dem neuen Direktor die Hand, überlegen, ob sie nicht selber Bedarf hätten, der bei Carr zu decken sei. Aber die Weltlage ist nun einmal flau.
„Meyer hat recht!“ nicken die Herren, und sie beeilen sich, ins Familienleben oder noch einmal in ihr eigenes Kontor zu kommen. Vom Kathrinenturm schlägt es sechs.
*
Nur John Witt steht noch da. Sein Mund klafft wie eine offene Geldkatze. „Es sind sehr brauchbare Dampfer, Meyer“, sagt er.
John Meyer, voll neugebackener Würde, ist nicht scharf auf Einwände: „Bester Konsul Witt, meines bescheidenen Erachtens pfeift Carr aus der letzten Öffnung. Dem seine Untersätze kriegen wir noch ganz umsonst.“
Witt nimmt eine Brasil für den Heimweg: „Die eigentliche Arbeit, lieber Meyer, die Arbeit bei Carr, die macht nicht Carr.“
„Aber er kann doch nicht immerlos bloß reiten.“
„Wozu er sein Sitzfleisch verwendet, weiß ich nicht. Jedenfalls nicht in seinem Kontor. Man hatte mir über Quartiersmann Supp & Konsorten neulich zwanzig Klaviere für angeblich Porto Novo avisiert. Ich les’ aber ganz richtig: Pennsylvania aus dem Zettel und statt Witt deutlich Carr. Es gibt Pfoten, die schreiben Himmel, wenn sie Hölle meinen, aber wir kennen das. Ich also hin zu Carr durch den engen Gang auf dem Baumwall neben Sloman in den Hof. Da sitzt er ja oder sollte sitzen, aber man zuckt bloß die Achseln. Sie müssen nach Nummer 6 gehen, Herr Konsul, sagt man mir. Hier werden nur Beträge in Empfang genommen. Na, mag übertrieben sein, aber Carr war in seinem Tattersall. Ich also nach Baumwall 6. Agentur Columbia. Kleiner, dunkler, freundlicher Herr. Sagt: In Ordnung, die zwanzig fehlen grad noch für die „Polaria“, dann geht auch kein Spatzenschwanz mehr in die Luke, und an Deck haben wir noch hundert Kolli Eisenbahnteile. Und so ist es mit jedem Schiff bei uns.“
„Auch wohl ein büschen übertrieben, Herr Witt.“
„Nee, Meyer, sah mir nicht so aus. Und was erzählt er mir noch, dieser Herr ..., ich hab’ den Namen vergessen, erzählt mir, er wär’ in New York gewesen, um zu versuchen, eine anständige Passagerate mit den verschiedenen Konkurrenten auszumachen.“
„Altes Ei!“
„Wieso?“
„Wir haben ja auch so einen Wisch gekriegt, Witt, Einladung zur Konkurrenz. Aber das wäre wohl das Letzte für unsere Linie, andere zu fragen, was wir nötig haben.“
„Hätten, nicht haben, Herr Meyer!“
„Papperlappapageienfutteral, liebster Konsul! Leute für sechzehn Dollar verfrachten? Nich inne Tüte! Was sagte unser neuer Aufsichtsratsvorsitzender, unser lieber Herr Mestern, mit sozusagen letzter Puste? Abwarten! sagte er.“
Konsul Witts Kutscher hat schon zweimal in die Tür geblickt.
„Ick kumm all, Jochen!“ ruft Witt. In der Tür dreht er sich noch einmal um und hebt den Handstock mit dem Elfenbeinknopf wie eine Lunte. „Jetzt hab’ ich’s, Meyer. Ballin heißt der Mann.“
John Meyer fühlt etwas in sich sengeln. Er greift hinter sich in den Wandschrank, ein Schluck ist fällig. „Ballin? Wer war denn das noch? Hieß nicht ...?“ Er läßt die Flasche sinken, eilt hinter Witt her, im Bürozimmer warten vier Kapitäne, sieben Makler, zwei Spediteure und ein Buchhalter. „Gleich, gleich, sofort, Momang!“ ruft er und gewinnt den Ausgang.
„Witt, ist das etwa der ... der Agentenlümmel von damals?“
Nasser Schnee wirbelt ihm ins Gesicht.
Damals bei der Zarenhymne war es ein ähnliches Wetter. „O Isis und Osiris!“ Und nun rumpelt auch noch Konsul Witts Kutsche ohne Antwort von dannen.
*
John Meyer beschloß in seiner neuen Direktorenverantwortung, alsbald ein neues Ruhmesblatt ins Hapagwappen zu fügen. Seinerseits lud er die Vertreter der atlantischen Linien ein, und zwar nach Köln, das so angenehm zentral zwischen den Küsten liegt. Der allgemeine Zusammenbruch der Raten ließ sogar die Engländer mit den Franzosen und Holländern herüberkommen. Auch die Bremer waren da, also ziemlich alle, die für den Dienst zwischen Europa und Nordamerika in Frage standen. Nur die Carr-Linie hatte Meyer übergangen, Er hoffte, gerade sie durch gemeinsame Schritte, zum Beispiel durch Abwerben der Agenten im Hinterlande, ins Nirwana zu drücken. Da aber die Holländer eine Extrawurst verlangten, zerplatzte jeder Beschluß. Der atlantische Schwarm wohlbestallter Schiffahrtsgrößen zerstreute sich finster und kehrte in seine Hafenkontore zurück.
Herr Carr kommt aufgeregt in die Agentur. Er klatscht ein Zeitungsblatt auf das Pult seines Teilhabers, er knallt mit der Reitgerte auf ein Inserat. „Sind Sie irrsinnig, Ballin? Sie trompeten einen Fahrpreis Hamburg –New York von puren Mark sechzig in die Öffentlichkeit, ohne mich zu fragen.“
„Es eilte, Herr Carr. Sie waren so schnell im Baden-Badener Turf nicht ausfindig zu machen.“
Carr tupft sich Stirn und Wangen mit feiner Seide und schiebt als neueste Errungenschaft seiner Eleganz ein Monokel ins rechte Auge. Das harte Grau der Iris dahinter verschwimmt in eine grenzenlose Niedergeschlagenheit, die sich plötzlich auf der Krawattenperle seines Partners als letztem Anhaltspunkt zu sammeln scheint. Er stöhnt seufzend auf: „Sie werden Ihr Letztes hergeben müssen, Ballin!“
„Dazu bin ich immer bereit“, lächelt Ballin. „Ich hab’ übrigens an die Hapag geschrieben. Hier!“
Der Reeder überfliegt den Brief. Darin wird eine neue Konferenz vorgeschlagen. Seine Miene erhellt sich, er ist ein Mann von Bildung. Manchmal pflegte er sogar ein Buch zu lesen. Briefe schreibt er selber gern, wenn auch lieber an Damen.
„Donnerwetter!“ sagt er, das Monokel haltend. „Wie machen Sie das bloß?“
„Sehr einfach, Herr Carr. Nackte Tatsachen anziehend dargeboten.“
„Man merkt, daß Sie glücklich verheiratet sind, Ballin.“ Carr deutet ein Lächeln an, ergreift die Stahlfeder, taucht sie ins gläserne Tintenfaß: „Sie gestatten doch! Ich als Reeder muß das unterschreiben.“
„Genauso ist es gedacht“, nickt Ballin. „Diesmal wird Herr Meyer es wohl nicht in den Papierkorb werfen.“
„Ich werde es sicherheitshalber an die Zeitung geben“, erwidert Carr heftig. „Die Aktionäre der Hapag sollen erfahren, mit welcher Dickköpfigkeit ihre Anteile verschlampt werden.“
„Nicht ungefährlich, Herr Carr. Es könnte dort die Auflösung bedeuten.“
„Desto besser!“
„Nicht meine Meinung. Nur mit der Hapag zusammen können wir die übrigen Linien zu einer vernünftigen Vereinbarung bringen.“
„Ekelhafter Kuhhandel! Könnte ich doch jeder Konkurrenz das Wasser unterm Kiel wegpitschen!“
Die Gerte pfeift entsprechend durch die Luft.
Ballin sagt ruhig: „Konkurrenz, Herr Carr, achte ich nie als Hindernis, sondern als Ansporn.“
Das ist auch einem passionierten Reiter verständlich.
„Also nicht in die Zeitung?“ knurrt Carr ärgerlich.
„Doch! Aber dann müssen wir ein ganz klein bißchen mildern. Für die Öffentlichkeit müssen Tatsachen immer noch etwas besser kostümiert sein als für den Hausbedarf.“
*
So lesen denn die Aktionäre der Hamburg-Amerika Linie schon nach dem nächsten Mittagessen, welches in hiesigen Kaufmannskreisen englischer Sitte gemäß gern gegen sechs Uhr abends eingenommen wird, im „Hamburgischen Correspondenten“, wie rückständig sich die Schiffahrtsgesellschaft gebärdet, der sie oder ihre Väter bei der Gründung Geld und Vertrauen geliehen. Sie erfahren stirnrunzelnd, daß die Nichtzahlung von Dividenden letzthin weniger an schlechter Konjunktur als an der vorsintflutlichen Verwaltung läge.
In dem „Offenen Brief“, von einem gewissen Reeder Carr unterzeichnet, heißt es: Die Carr-Linie hat umsichtig und aktiv verstanden, die Lage zu nutzen, indes Sie, hochgeehrte Direktion, sich mit berechtigtem Stolz auf die Grundlage stützen, die ruhmreiche Jahre lang den Bestand Ihres Unternehmens gewährleistete. Ein Blick aber auf die Entwicklung der anderen atlantischen Reedereien zeigt, daß inzwischen Fortschritte erzielt wurden, denen niemand sich verschließen kann, dem es ernst ist mit den übernommenen Aufgaben und der Zufriedenheit der Partner und Aktionäre. Um was handelt es sich? Um eine freundliche, nachbarliche Vereinbarung über die Raten für Passagiere und Fracht auf der von beiden Gesellschaften betriebenen Hauptroute Hamburg – New York. Wir als der in der Schiffahrt jüngere Bruder Ihrer von uns hochgeachteten Gesellschaft wagen noch einmal wegen einer Verständigung anzuklopfen ...“
Kein Wunder, die Aktionäre rührten sich. Und auch die Bank Behrens & Söhne, mit der die Hapag arbeitet. John Meyer hat schlimme Tage. Er muß die Püffe abfangen, und gibt er sie an Vorstand und Aufsichtsrat weiter, prallen sie nur desto heftiger auf ihn zurück.
Wohl oder übel muß man sich in einer neuen Sitzung bequemen, der von Carr vorgeschlagenen Konferenz zuzustimmen. Mitte des Jahres findet sie in dem neuen Hotel „Hamburger Hof“ in Hamburg statt. Wieder kommen die Vertreter der bedeutenden Linien Englands, Frankreichs, Hollands, Belgiens zusammen, und auch der Norddeutsche Lloyd ist dabei.
John Meyer und Edward Carr sind persönlich zugegen.
Carr hat sich schriftliche Anweisungen von seinem Teilhaber geben lassen. Er liest seine Reden und Einwände, gut vorbereitet, ab und erreicht, da ihm selber nichts Ablenkendes einfällt, damit tatsächlich eine allgemeine Erhöhung der Zwischendeckspreise auf hundert Mark und sogar für die Carr-Linie eine Vorzugsrate, die um zehn Mark tiefer liegt. Auf diese Weise ist die Carr-Linie aufs neue und beste wieder konkurrenzfähig.
Ballin selber gelingt unterdessen eine Übereinkunft mit den Agenten, die in Hamburg bislang als Zwischenträger für englische Linien gearbeitet, wie er selber ja früher auch, und gelegentlich tut er’s auch noch jetzt für seinen alten Freund Wilding.
Aber auch mit den englischen Kontoren selber kann er neue Kommissionssätze festlegen. Wenn alles das besonders für die Carr-Linie vorteilhaft ist, so spürt doch auch die Hapag Erleichterung durch die gefestigte Lage.
Herr Mestern, Herr Ruperti und selbst der sarkastische Carl Laeisz sind sich einig, daß man Carr nicht weiter reizen dürfe. Der Aufsichtsrat erwägt sogar, schon Ende des Jahres, ein etwaiges neuerliches Verkaufsgebot Carrs nicht mehr abzuweisen.
Fühler werden ausgestreckt und wieder zurückgezogen.
Carr geht um keinen Pfennig von der geäußerten Forderung ab. Ballin, darin eingeweiht, hat ihm dringlichst zu eiserner Unnachgiebigkeit geraten.
Jetzt ist nur Zähigkeit im Hinhalten nötig.
Als Carr aber dennoch die Geduld zu reißen droht, überredet sein Teilhaber ihn, den nächsten Winter in Ägypten zu verbringen. Dafür reichen die Einnahmen noch.
*
Im Februar kommt Carr zurück. Er findet Ballin blaß und überarbeitet und fürchtet schon das Schlimmste. Aber die dunklen Augen, angestrengt und rotgerändert, leuchten sonderbar zufrieden hinter dem goldenen Zwicker.
„Nun, haben Sie günstig abgeschlossen, Ballin?“ fragt der braungebrannte Reeder. „Ich hab’ noch eine ganze Menge zu bezahlen.“
„Allerdings“, lächelt Ballin.
„Und mit wieviel haben Sie den Ansporn aufs Kreuz gelegt?“
Ballin schmunzelt weiter: „Ich vergaß neulich hinzuzufügen, in der Konkurrenz achte ich nächst dem Ansporn immer auch den möglichen späteren Partner.“
„Mensch, Ballin!“ Carr fällt die unvermeidliche Reitpeitsche vor Schreck aus der Achsel: „Sie meinen doch nicht etwa die Hapag?“
„Gerade die.“
„Die uns bis aufs Blut haßt?“
„Wir waren bislang nur nicht groß genug, um geliebt zu werden.“
Carr schnappt nach Luft. Er hat in Shepheards Hotel, in Kairo, in Athen angenehme Tage verlebt. Die internationale Gesellschaft, in der er sich bewegt, hat in puncto Größe und Liebe wenig Vorurteile, solange das Geld nicht knapp ist und die Manieren reichen. Hier schien eine private Dusche angebracht: „Ballin, ich denke, Sie sind glücklich verheiratet?“
Sein Teilhaber strahlt: „Trotzdem hab’ ich eine neue Fusion vorbereitet.“
„Auch so blond und hübsch?“ Carr zwingt sich zu spöttischer Gelassenheit.
„Gewiß aber auch einmalig“, lächelt Ballin, „wir vereinigen uns mit der Sloman.“
„Teufel!“
„Nicht ganz. Nur mit den sechs Dampfern, die frei werden, weil Ihr Herr Onkel den wenig lohnenden Australbetrieb aufgibt.“
„Und den wollen Sie bei uns rentabel machen?“
„Gewiß, aber auf der New York-Route. Ich denke, wir nennen sie vereinigte Carr-Sloman ...“
„Slow-Car, Bummelzug!“ Carr wiehert vor Vergnügen.
„Also Union. Wir können dann ab 15. Mai jeden Samstag einen netten Dampfer nach New York laufen lassen.“
„Ballin, das soll ich glauben?“
„Nur beglaubigen, Herr Carr. Hier ... sind die Verträge.“
5.
Gewagter Übergang
Speicher auf Mittelalter · Witt ist für Freihandel · Maiglöckchen gefällig · Trimmer Zyrax · Union, kein Unsinn · Ratte eine Falle? · Steinharte Tatsachen · Erster Gast bei Ballins · Warum immer Reitgerte? · Meyer hinreichend gestärkt · Der Agenturlümmel von damals? · Der zweite große Augenblick.
Am Zollkanal türmen sich die Stockwerke. Hamburg baut die Speicherstadt des Freihafens im Stil kräftiger Raubritterburgen. Laeisz meint, das sei ja im Grunde berechtigt, aber es brauche doch nicht jeder gleich zu sehen. Es sieht ja auch niemand. Jedermann freut sich über die gewaltigen Anlagen der zollfreien Lagerung, Verarbeitung und Veredlung, die da entstehen, und betrachtet alles als ein Wunderwerk der Wohlfahrt für Stadt, Reich und Menschheit. Höchstens der Direktor der Hamburger Kunsthalle, Alfred Lichtwark, hat ätzende Beanstandungen. Aber dem gefallen ja nicht einmal die großartigen Laternengalgen auf dem Jungfernstieg, die für seinen anspruchsvollen Blick so katastrophal aussehen wie ein Eisenbahnunglück.
Fritz Höger aber, der eines Tages Bedeutendes darin leisten wird, spielt noch auf einem Bauernhof bei Elmshorn im Sand. Und fast ein Vierteljahrhundert noch soll es dauern, ehe man den genialen Bremer Fritz Schumacher für die Leitung des Hamburger Bauwesens gewinnt.
Was Konsul Witt an der Freihafenpracht zu bemängeln hat, ist die Zollschranke. Er ist für Freihandel in aller Welt schon wegen der blöden Belästigungen durch die Zöllner, die grünen „Grashüpper“, und wegen der Zeit-, Papier-, Tinte- und Geldvergeudung. Aber das Vaterland braucht Mittel fürs Militär. Es hat Angst um seine rasch zusammengekittete Einheit und plötzliche Weltgeltung. Denn nichts ist leichter zu erregen als Neid, zumal zwischen Völkern. Als die Faktoreien zu Kamerun statt der Hamburger Drei-Türme-Flagge plötzlich die schwarzweiß-rote des Deutschen Kaiserreiches hißten, hat grinsend ein englischer Clerk zu ihm, Johann Witt, dem angesehenen Hamburger Plantagenleiter, geäußert: „Neight, nought, blood“ – Nacht, Nichts, Blut. Es konnte als unzweifelhafte Beleidigung des jungen Staates aufgefaßt werden. Aber damals hat Witt nicht mal viel anders gedacht, so sehr ist er Hanseat. Und nun wird das bis dahin recht selbstherrliche Hamburg auch noch völlig in den Zollpanzer des Reiches einbezogen. Ihm ist, als werde man künftig kaum noch Luft kriegen. Er hat sich für seine Firma notgedrungen einiges von dem werdenden Speicherraum vormerken lassen. Nie hätte er geglaubt, daß es so viel Firmen in Hamburg gibt. Die Zukunft deucht ihn nicht rosig. Fast ist er schon zu spät gekommen. Er ist zur Kur gewesen, ganze vierzehn Tage, zum erstenmal in seinem Leben; der Arzt hatte ihm Bad Gastein empfohlen.
„Maiglöckchen gefällig?“
Nun, das allerdings sieht rosig aus, das lächelnde Gesicht der jungen Vierländerin. „Deern!“ sagt er, „das erschreckt mich ja fast, so viel Mai auf einmal!“
In Gastein war noch gar kein Frühling gewesen.
Er salutiert mit dem Elfenbeinknauf, nimmt ein Sträußchen aus dem dargebotenen flachen Henkelkorb und schmunzelt: „So einen großen Strohhut sollte man eigentlich nach Afrika exportieren, aber ohne die steifen Schleifen aus Walfischhaut, die würden die Schwarzen doch nur essen, und dich dazu, min Lütten.“ Seine blaßblauen quellenden Augen scheinen selber einigen Appetit zu haben. Sie streicheln, indes er die Geldbörse sucht, über die blütenweiß gefältete Hemdkrause, über das hübsch vorgewölbte schwarze Sammetmieder, die daran klingelnden Silbermünzen und über die grüne Seidenschürze sachte hinunter, wo der rote Faltenrock, der Mode um fünfzig Jahre voraus, ein paar wohlgeformte Beine frei läßt, und das in einer Epoche, in der die weiblichen Wesen nach der Konfirmation unter bodenberührenden Säumen nur auf Röllchen zu laufen scheinen.
„Twintig Penn!“ lächelt kühl das säuberliche Bauernmädchen. Es stammt wirklich aus den Blumen- und Gemüsefeldern elbauf der Stadt, wo aus reichen Zeiten die Tracht an einer sonderlichen Rokokochinoiserie hängengeblieben ist.
Witt fühlt sich leider plötzlich abgelenkt. Durch Straßen-, Bau- und Hafenlärm schallt Musik vom Strom herein. Der Konsul zieht das kleine Perspektiv, das er stets bei sich trägt. „Was is denn das für einer?“ fragt er erstaunt.
Das Mädchen vom Lande weiß es nicht. Der schmucke Dampfer, der dort unter dem Marsch der „Stars und Stripes“ ausreist, hat über die Toppen geflaggt. Das winkt und wimpelt von Mast zu Mast wie lauter bunte Wäsche. Und auch das Deck ist zwischen gewichtigen Frachtkollis voll winkender Tücher. Dazwischen blitzt das Messing der Bordkapelle.
„Musik an Bord? Und voll is er auch?“ murmelt Witt. Er schüttelt den Kopf. „Die Sorte Kontorflagge hab’ ich nie gesehn. ‚Polynesia?’ das war doch mal eine Schatulle von Carr! Aber das is doch nicht seine Kontorflagge!“ Witt glühte jählings auf. „Potz Pampelmus und Penny! Der Trakehner is pleite!“ ruft er freudig.
„Nö, Herr!“ mischt sich eine knöhlige Stimme ein. Ein junger Trimmer, dessen leichte Schlagseite sich mit merklichem Grogdunst erklärt, greift in die Luft an einen unsichtbaren Hebel, so, als öffne er ein Feuerloch: „Das ist die Union, wenn der Herr es wissen will, das ist Carr und Sloman gekoppelt, und die fährt der Hapag über die Großschnauze wie ein Feudel am Sonnabend. Wenn die Hapag nich besser bezahlt, dann muster ich bei denen an.“
„Sind Sie etwa bei uns angestellt?“ Witt hißt die Brauen.
„Bei der Hapag? Bin ich, Herr. An die Kessel. Tief unten im Sottpüsterbauch, immer rin mit die dreckigen Steinkohlen in das feurige Höllenloch. Das müßten Sie auch mal, Herr, immer vier Stunden, ohne einen Tropfen Schampus und Kaviar, da geht der dicke Belly und Karbonadenfriedhof flöten ...!“
Witt unterbricht barsch: „Wie heißen Sie eigentlich?“
Das ist der Ton des Negeraufsehers von einst und wahrt zugleich die Würde des Firmenchefs und Aufsichtsratsmitgliedes.
„Flöten wie ein Umstand nach neun Monaten“, vollendet unbeirrt der Trimmer seine Metapher und wirft einen unzweideutigen Blick auf das Blumenmädchen. Die Grenze der Unterhaltung ist erreicht. Witt riecht gedankenverhalten an dem Sträußchen und geht. Der Trimmer äußert zutraulich hinterdrein: „Wenn der Herr sich das für die Aufbesserung meiner Heuer merken wollte? Zyrax, Trimmer Friedrich, Komma, August Zyrax ...“ Mit großem Schwung schlägt er die imaginäre Feuertür wieder zu.
Witt tippt mit dem Stockknauf an den Hut und entschwindet im Gewühl der Fuhrwerke.
„He hett gor nich betohlt“, sagt die Vierländerin.
Zyrax sticht einen Finger dem Enteilten nach. „Wein man nich, Lütten“, lallt er, „der entgeht dir nich. Dat is ook so een von de Ballonköpp mit ’n Smoltmors von de Hapagdirektschon. Dat is Hannes Witt. Hummel, Hummel! Un nu laß uns man ers mal einen heben, Deern, und dann kannst mit an Bord, in unser Roof is das bannig moi, und wenn ich denen so zuzwuster: Raus! Dann flutscht alles, und dann sünd wi ganz und gar ungestört, gut Nacht bis morgen früh klock acht ...“ Aber das Blumenmädchen ist inzwischen gleichfalls verschwunden.
Johann Witt denkt, bis zur Börse ist noch eine Stunde Zeit, also Gelegenheit, sich die nötige Frühstücksunterlage für den Wirrwarr der Geschäftsmeinungen zu sichern und sich den neuen Unionsdampfer mit einem guten Schoppen aus dem Gemüt zu spülen. Er peilt Richtung Baumwall auf die Ecke Stubbenhuk zu, wo sich die angestrebte Taverne befindet. In Sicht des Eingangs stößt er auf John Meyer, der, schon mantellos, den gleichen Kurs steuert. „Sehn Sie sich das bloß mal an, Meyer!“ sagt er empört und deutet auf den entschwindenden Dampfer: „Die Union-Linie!“
„Unsinn, Unionsinn!“ scherzt Meyer, das Ion dem Orkus so gnadenlos unterbetont überantwortend wie die Wissenschaft den mythischen Stammvater der Ionier.
„Moigen, moigen!“ grüßt ein vorbeieilender Spediteur: „Die Union hat ihre nächsten drei Wochenendabfahrten schon bis untern Schornstein ausverkauft.“
„Allens Bluff!“ ruft ihm John Meyer nach.
„Nee, Meyer!“ sagt Witt und nimmt eine Beruhigungszigarre. „Die müssen wirklich einen ekelhaft fixen Passageleiter haben. Und wir sind nu schon das zweite Jahr ohne Dividende.“
„Kommt allens wieder, Konsul!“
„Mit Ihrem Herrn Ratte gewiß nicht.“
„Das allerdings ist mehr eine Falle gewesen“, gibt Meyer trübe zu.
„Und der Lloyd blüht ohne ihn desto besser.“
„Ist schon an die Luft gesetzt, Herr Witt.“
„Und was nun?“
„Abwarten und Tee trinken, hat sogar Woermann gesagt.“
„Glaub’ ich gern; der macht nur noch eigene Perzente. Wie ist es mit Carr?“
„Mit Carr sprech’ ich nicht mehr seit der Sitzung im Hamburger Hof, wo er so stur angegeben und sich die zehn Mark billigeren Tickets gesichert hat, bloß weil seine Frachter Frachter sind und langsam wie ’n Droschkengaul in Sirup. Wo aber dennoch seine Zwischendecker das ganze Schiff für ’n Komfort haben. Hat man ja eben gesehn, die dürfen ja wohl überall hin, und stehn wohl noch dem Käptn unterm Allerheiligsten herum.“
„Das is modern, Meyer, das nennt man soziale Betreuung. Nachmachen, Meyer.“
„Ist die Hapag vornehm oder nicht, Herr Witt?“
„Hilft nichts, Meyer, Sie müssen mal hingehn.“
„Zu Carr? Ich? Dem ins Kontor kriechen? Konsul! Eher regnet’s Kabeljau!“
Der Zufall will, daß die beiden in diesem Augenblick an einem haltenden Lastwagen vorbeikommen, auf dem der Kutscher ein Faß grüner Heringe zur Hälfte in einen Korb für das angesteuerte Lokal entleert. Durch die entsetzte Gebärde des ragenden Hapagdirektors abgelenkt, versäumt er, genau zu zielen. Ein Schub Fische ergießt sich über Korb und Wagenrand hinweg, geradewegs mit Kurs auf John Meyers Hut.
„Gottsverdorigen Donnerstag!“ flucht Meyer und zuckt noch eben zur Seite.
„Und wenn’s Matjes sind, das Schicksal ist gegen Sie, Meyer. Hören Sie die Musik, die die an Bord haben? Die hört man noch von Altona her. Der Sternenbannermarsch, indes der Stern der Hapag versinkt.“
Meyer sucht Halt an Witts Schulter. Jetzt merkt man, wie sehr er mit der Reederei verwachsen ist, in die er vor langen Jahren als Lehrling eintrat. Er röchelt geradezu vor Bestürzung. Dann faßt er sich und scherzt: „Wenn Carr uns aufs Trockne schieben will, hilft nur noch, daß wir es gehörig anfeuchten.“ Und er lenkt seinen Mitbetroffenen auf das malerische Fachwerk des „Old Commercial Room“ zu. Gerade vor der Tür erwischt die Vierländerin die beiden. „Herr Witt“, sagt sie mit schönstem Erdbeerlächeln.
Witt entsinnt sich des Sträußchens, es steckt im Ausschnitt seiner seidenen Weste. Und die Börse hat er noch immer in der Hand, so sehr hat ihn das Unionsereignis mit Beschlag belegt. Indes er zahlt, nimmt Meyer eine Duftprise kostenlos aus dem Körbchen, und sein gewürzter Atem streicht genießerisch über den prallen Arm des Bauernmädchens.
„Molliger Käfer!“ säuselt er.
„Hat sich ausgemollit!“ belehrt ihn Witt. „Die Tatsachen sind steinhart.“
Ein zarter Ellbogenruck trifft Meyers Whiskynase, er schnellt ins Senkrechte zurück. „Hapischa!“ sagt er tragisch. „Nur nicht schwach werden, Konsul.“
Kraftvoll stemmt er die Tür des Lokals auf. Warmer Braten- und Grogdunst schwelt ihnen entgegen.
Witt schickt den schwarzbestrumpften Beinen der Vierländerin noch ein Auge nach. Dann folgt er dem Hapagdirektor und meint zwischen Tür und Angel gedämpft: „Wir müssen Carr schwächen!“
„Schicken wir ihm ein Dutzend solche Deerns auf seine Reitbahn!“
„Sie müssen ihm den Passageleiter ausspannen!“
„Ich? Herr Witt, das wird allerhand kosten.“
„Und wenn wir sein Gehalt verdoppeln?“
„Ich meine an Whisky, Konsul, zu meiner Stärkung.“
*
Das kleine Gartenhaus in der Heimhuderstraße ist für große Gesellschaften nicht geeignet. Es sind bisher auch nur die Verwandten zu Besuch dagewesen.
„Nur gut“, sagt Marianne, „noch sind wir am liebsten allein zu zweit.“
Gern hätte sie allerdings ein paar von ihren verheirateten Schulkameradinnen die reizenden Biedermeiermöbel des Wohnzimmers gezeigt, auch das Badezimmer, genau nach englischem Vorbild, Savoy-Hotel, die Badewanne aus nelkengeblümter Majolika mit einem komfortablen, gleichfalls geblümten W.C.
Aber bislang sind die Einladungen immer mit Ausflüchten abgelehnt worden, und Albert sagt: „Mariannchen, das ist wie bei der Fracht: „Einladen nur, wenn Annahme sicher. Solange lassen wir’s lieber!“
Seinerseits lehnt er ab, von ihrem Vater Zuschüsse anzunehmen. Er will alles selber bestreiten, und darum können sie vorerst nicht mehr als ein Dienstmädchen halten. Da es geraten scheint, endlich den Reeder Edward Carr wenigstens der Form nach einmal ins Haus zu bitten, ist es nur zum Tee.
Er sagt zu.
Damit ist er der erste fremde Gast, der zweifelsohne zur Hamburger Gesellschaft gehört. Wenn schon ein Generalkonsul angeheiratet worden ist, geht es denn ja auch, denkt Carr. Er hält es auch für besser, den Teilhaber bei Laune zu halten, solange der Verkauf der Schiffe nicht abgewickelt ist.
Gegebenenfalls kann er der blonden Ehehälfte, die anscheinend wirklich wie Isolde geliebt wird, einen Wink geben, den Eifer ihres Gatten zu zügeln. Zum Beispiel dieses Blasorchester an Bord in die Propaganda zu werfen, das ist doch wohl ein himmelschreiender Luxus.
Marianne bemerkt mit Befremden, daß Carr die unvermeidliche Reitpeitsche, die er wie einen ständigen Ausweis des High Life bei sich führt, keineswegs in der Kleiderablage läßt. Er nimmt sie wie einen Marschallstab mit in die Veranda, wo der Tisch zierlich gedeckt ist. Albert selber hat das Arrangement aus Blumen und Porzellan besorgt. Er hat darin einen natürlichen Geschmack.
Carr legt die Reitpeitsche in Reichweite aufs Kanapee und begegnet dem erstaunten Blick der Hausfrau ungeniert durchs Monokel.
„Talisman, gnädige Frau“, knökelt er durch die Nase, „für jeden Zu- und Überfall. Sie werden lachen. Bin ich letzten Winter irgendwo auf dem Balkan in bestem Hause zu Gast, ganz harmlos beim Tee. Die Hausfrau, liebreizend wie hier, der Hausherr etwas nervös. Ich merke, daß ich my little Switch wie stets unterm Arm habe und daß der Knauf – Sie sehen, es ist ein silberner Totenkopf –, eben unter meiner Achsel hervorlugend, anscheinend Ursache einer leicht geladenen Stimmung ist. Geniert es? frage ich. Oh, nein, lacht die Dame des Hauses, kohlenäugig und perlenzähnig. Nein, Mister Carr, solch Symbol wie Ihr Peitschenknauf erinnert höchst angenehm daran, daß wir noch lebendig sind. Im gleichen Augenblick fallen Schüsse. Ich springe auf und habe gerade noch Gelegenheit, mit wohlgezieltem Hieb der Gerte einen Halunken zu erledigen, der mit gezückter Pistole ins Fenster springt, um dann über die Leichen meiner Gastgeber das Haus zu verlassen.“
Nach dieser anekdotischen Einleitung ist es nicht schwer, sich dem Mokka zu widmen, den Carr statt Tee bevorzugt. Plötzlich aber sagt er aus heiterem Himmel: „Wir reiten ins Unglück, Ballin.“
Marianne pariert geschickt: „Halten Sie sich ein Reitpferd weniger, Herr Carr.“
Albert Ballin merkt, daß hier weitere Ablenkung nicht ratsam ist. Er nickt seiner Frau gelassen zu und sagt dann nüchtern: „Gewiß, Herr Carr, Sie hätten der Hapag voriges Jahr die vier Schiffe für ein Butterbrot in den Rachen werfen sollen!“
„Hätt’ ich nur!“ entgegnet Carr bissig.
„Warten Sie noch zwei Wochen.“
„Sie haben Humor! Ich werde nach England verkaufen.“
„Da hört allerdings der Humor auf. Wissen Sie, daß John Meyer sich bei mir angemeldet hat?“
„Ballin, der hanseatische Dünkel der Hapag, in Meyer verkörpert, ist so groß, daß die sich lieber selber zugrunde richtet, als uns etwas zu gönnen und erst recht einen Schritt in unser Kontor zu tun.“
„Jeder Hanseat und selbst dieser im Grunde nicht dumme Herr Meyer weiß gut, daß navigare necesse est, vivere aber erst recht: denn ohne Leben läßt sich keine Schiffahrt betreiben.“
„Aber es läßt sich ohne Schiffahrt leben, mindestens in Einzelfällen.“ Carrs Hand greift in Richtung der Reitgerte.
Marianne lächelt: „Ohne Schiffahrt? Albert nicht!“
„Dann baden Sie es allein aus, Ballin!“ sagt Carr.
„Gut!“
„Wieso, wollen Sie meine Flotte übernehmen?“
„Nicht mehr als bisher, aber ich hoffe, Ihnen schon heute abend Genaues telefonieren zu können. Jetzt muß ich leider ins Büro. Marianne, ich empfehle meinen Gast deiner Obhut.“
Carr springt auf: „Was denken Sie, Wertester, das ist ja fast wie der Überfall auf dem Balkan. Diesmal würde wahrscheinlich ich auf der Strecke bleiben. Gnädige Frau, darf ich Ihren Herrn Gemahl begleiten?“
Doch schon im Vorgarten entschließt sich Carr, die Auseinandersetzung mit John Meyer seinem Teilhaber allein zu überlassen.
*
Direktor Meyer hat sich hinreichend gestärkt. Er betritt den Raum der Columbia-Agentur, wo er sich notgedrungen angemeldet hat, mit Unbehagen. Nach den mannigfachen Kuriositäten blickt er sich in dem Gefühl um, als werde er von seltsamen Dämonen belauert. Das beeinträchtigt jedoch keineswegs seine herablassende Haltung, die er vordem zu Hause vor dem Spiegel geübt hat, beargwöhnt von seiner quecksilbrigen Frau, die wegen ihrer Chansonettenkarriere nicht ungeeignet ist, schauspielerische Leistungen zu beurteilen. Seit ihr Mann Direktor ist und sein Gehalt sich bescheiden genug erhöht hat, neigt ihr leichtes Temperament zu fürstlicher Verschwendung. Die beiden schulpflichtigen Söhne glauben den Moment gekommen, wo sie allen Lehrern und Peinigern ein Schnippchen schlagen und ihre Vormittage besser am Hafen verbringen können.
Es ist erstaunlich, wie John Meyer die familiäre Belastung abstreift, sobald er die Schwelle seiner Tätigkeit betritt. Es erklärt aber auch seine Neigung zu schottischen Trostgetränken.
Im Vorraum hat er einen Angestellten nach dem Reeder Carr gefragt und seiner Stimme den zutraulichen Ton eines Vollstreckungsbeamten gegeben, obgleich er weiß, er wird dem Reeder Carr hier nicht begegnen. Auf alles gefaßt, sieht er das Bild des kleinen Agenten im Konfirmationsanzug deutlich vor sich. Der Mann jedoch, der ihm entgegentritt, dessen Dienste er vor ein paar Jahren verächtlich abgelehnt, hat sich gewandelt. Meyer steht einem Gentleman gegenüber. „Herr ... Ballin?“ stottert er: „Meyer.“
Gewinnend sagt Ballin: „Nehmen Sie Platz, Herr Meyer.“ Er rückt ihm einen bequemen Stuhl hin.
Meyer verzichtet vorerst. Er will lieber auf Abstand halten bei dieser peinlichen Wiederbegegnung.
„Etwas zu rauchen? Oder einen Hennessy, Herr Meyer?“
Meyer schüttelt würdig das Direktorenhaupt. Er kneift die Lippen wie einer, der nicht voreilig etwas von sich geben will. Schweigend fixiert er das Plakat, das vormals seine Kampfansage frech der Hapag auf die Front geklebt hat und das nun vergilbt, wenngleich es noch immer mit geschwollenem Dampferqualm die Konkurrenz herausfordert. Daneben leuchtet aufreizend das nicht minder laute funkelnagelneue Plakat der Union-Linie.
Ballin wartet geduldig.
„Ich wollte eigentlich mit Herrn Carr sprechen“, beginnt Meyer gedehnt.
„Herr Carr hat mich gebeten, die Verhandlungen zu führen. Ich bin soweit im Bilde, Herr Meyer.“
Meyer holt gemessen Luft und äußert dann jovial: „Na, dann können wir ja noch mal über die angebotenen vier Dampfer sprechen.“
Erst jetzt setzt er sich gemessen auf einen brüchigen Plüschstuhl.
Ballin legt die Fingerspitzen zusammen, die Hand wölbend wie über der Kugel der Welt. Es ist ein großer Augenblick, da er nun freundlich erwidern darf: „Sehr nett, Herr Meyer. Es sind allerdings jetzt zwölf. Und wir haben es nicht mehr so eilig.“
Meyer wäre am liebsten sofort wieder aufgesprungen, aber er ist wie gelähmt vor dieser sanften Stimme. Er nimmt eine Zigarre, er kippt sogar einen Kognak, und dann spricht er über das schöne Wetter. Selbst Ballin findet, daß dieser Mai bislang besonders angenehm verlaufen sei.
Meyer wirft einen Blick zur Seite, von wo der Betrieb der Passage lebhaft hereintönt. „Haben Sie denn kein Privatkontor?“ fragt er und schnuppert nach Oberwasser.
„Warum?“ lächelt Ballin, „wir halten die Unkosten vorläufig klein, und so bin ich immer mitten im Betrieb.“
„Zwölf Dampfer Union-Linie!“ seufzt Meyer, es soll geringschätzig klingen, aber es bricht wie ein Klagelaut aus ihm hervor. Er richtet sich steil auf, er tut einen gedankenvollen Tabakzug. Und danach erst vermag er das Folgende herauszubringen, als handle es sich höchstens um ein Faß grüne Seife. „Sagen Sie mal, Herr Ballin, wollen Sie nicht die Passage der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Aktiengesellschaft übernehmen?“
Ballin antwortet nach gebührender Weile: „Sie meinen auch, Herr Meyer?“ Er betont das „auch“ ein wenig.
Es ist der zweite große Augenblick in seinem Leben. Er kommt unvorbereitet, aber findet ihn gelassen.
Meyer fühlt, daß etwaige Zweifel die Dornen des eingeschlagenen Weges nur spitzer machen würden. Er zwingt sich ins Strahlende. Schließlich handelt es sich ja nur um einen Angestellten. Und somit lächelt er wie King Lear bei der Schenkungsurkunde: „Wir würden es mal versuchen, Herr Ballin.“
Ballin mißgönnt ihm den Tonfall nicht. Er entgegnet schlicht: „Ganz meine Ansicht, Herr Meyer. Es müßte sich erst herausstellen, ob wir zueinander passen.“
Oho, klingt das etwa nach Gleichberechtigung? Meyer erhebt sich steif. Er müsse den Vorschlag erst unterbreiten. Oder sei etwa eine Fusion gemeint?
„Vielleicht nur eine beiderseitige Dienlichkeit betreffs Passage und Fracht, Herr Meyer.“
Aha. Meyer spürt, daß hier einzulenken ist. „Unter einheitlicher Leitung etwa?“
„Ja.“
„Ich muß Sie schon bitten, Ihre Bedingungen schriftlich einzureichen, Herr Ballin.“
„Nach Rücksprache mit Herrn Carr, gern.“
Meyer überwindet sich zu einem Ausstrecken der Hand. Ballin ergreift sie ungeziert und herzlich. Mögen die Herren Meyer in aller Welt sein, wie sie wollen, nachtragen ist unklug, selbst wenn man es sich leisten könnte. Er weiß zudem gut: die Union ist allein nicht lebensfähig. Er weiß es noch besser als Carr.
Herr Meyer aber geht, ein hoffnungsbanges Stoßgebet unterm Hut; denn er seinerseits weiß, was selbst der Aufsichtsrat und selbst der gewiegte Konsul Münchmeyer nicht ahnen, daß nämlich die Hapag dicht vorm Konkurs steht.
6.
Die Front der Patrizier
Junger Mann mit Ansprüchen · Laß ihn man, sagt Laeisz · Wie kommt man den Engländern bei? · Ernest Cassel auf Besuch · Von Sklavenketten zur Eisenbahn · Deutsche Waffenschmiede gefragt · Wer ist Tirpitz? · Das Blaue Band ist keine Haarschleife · Europäer sein · Rinnsal auf Damast · Dampfer mit Doppelschrauben? · Bismarck und Prinz Wilhelm · Jude oder Hanseat.
Der Kalender zeigt den 31. Mai 1886.
Nahezu unsichtbar neben dem langen Direktor Meyer betritt Albert Ballin den Sitzungsraum der Hapag. Vor ihm türmt sich ein Gebirge hanseatischer Ehrwürdigkeiten. Hier sind die Spitzen der Kaufmannsfamilien versammelt, auf deren Köpfen und Konten Hamburgs Beziehungen zu den Märkten und Meeren der Welt beruht.
„Meine Herren“, sagt Meyer, „ich möchte Ihnen nur unseren neuen Passageleiter vorstellen, Herrn Ballin.“
Schweigend und kaltäugig blickt die Versammlung auf den kleinen dunklen, noch so jungen Menschen mit dem flotten Schnurrbärtchen. Es ist weder Neugierde in den Gesichtern noch Ermutigung. Herr Ratte, vom Norddeutschen Lloyd weggelobt, ist eine Enttäuschung gewesen. Herr Ballin, über den diesem und jenem hie und da Tüchtiges zu Ohren gekommen – so etwa, wenn Herr Robertson sagt: „Was mein Buchhalter ist, ganz ordentlich“ – der wird den verfahrenen Bug dieser Reederei auch nicht aus dem Schlick ziehen. Eigentlich müßte man Mitleid mit ihm haben.
Immerhin hat sich der Aufsichtsrat vor ein paar Tagen auf Meyers besorgtes Drängen hin, unter Beihilfe einiger Advokaten und des Bankhauses Behrens & Söhne entschlossen, auf Vorschlag des Reeders Edward Carr, einer losen Fusion zwischen Hapag und Union-Linie zuzustimmen und den Prokuristen Ballin als Verbindungsmann für den gemeinsamen Kundendienst zu übernehmen. Der Kontrakt läuft auf fünf Jahre. Für die übrigen, mehr technischen und buchführenden Gemeinsamkeiten stellt Carr einen weiteren Mann zur Verfügung, brav und tüchtig, namens Guido Wolff, sozusagen ein blaublondes Einwickelpapier für den anderen, den man notgedrungen hat holen müssen.“
Da Herr Mestern erkrankt ist, eröffnet der wuchtige Tietgens die Sitzung. Er äußert in dürren Worten, als gelte es, einen Regattapokal zu überreichen, daß es der Hapag gelungen sei, die Konkurrenz zur Einsicht zu bewegen. Das bedeute jedoch kein Ausruhen. Man werde von nun an mit äußerster Sparsamkeit wirtschaften und die vorhandenen Mittel und Möglichkeiten energisch aufs Äußerste ausschöpfen. An Neuerungen sei bei der Kapitallage vorerst nicht zu denken. Tietgens setzt sich. Der lederbezogene Stuhl ächzt.
Der Name Ballin ist nicht erwähnt worden.
Unscheinbar sitzt der kleine Herr da. Lächelt er etwa heimlich? Niemand achtet darauf.
„Zwei Jahre warten wir nun vergeblich auf Dividende“, murrt Witt in das Schweigen.
Da erhebt sich Carl Laeisz. Seine Stimme schillert wie immer zwischen Spott und Ernst: „Die Hapag ist wie jede Reederei mit Doppel-e dazu da, Schiffahrt zu treiben, nicht Dividende zu zahlen. Dennoch gelüstet mich zu wissen, wie sich die neue Leitung der Passage die verfahrene Kiste eigentlich vorstellt.“
Ballin nimmt die Fingerspitzen auseinander. Er steht ruhig auf. Seine Stimme klingt weich und dunkel: „Sehr verehrte Herren. Aus umfassender Praxis und klarer Einsicht möchte ich zunächst folgendes vorschlagen: Verwaltung und Aufsichtsrat der Packetfahrt A.G. bewilligen die Mietung eigener, hinreichend repräsentativer, gut gelegener Büroräume für die Passagierabfertigung. Eine empfehlenswerte Lokalität ist greifbar. Der jährliche Mietpreis von fünftausend Mark kann als günstig bezeichnet werden.“
Die Herren blicken auf. Eine Demonstration vornehmer Unauffälligkeit, eine gutgenährte Fassade, hinter der hart gerechnet, gewagt und verdient wird.
„Fünftausend?“ sagt Kirsten und dehnt das Wort wie eine leere Brieftasche.
Ruperti beschwichtigt sachlich: „Wir werden uns nicht an belanglosen Summen stoßen, wenn sie Erfolg bringen.“
„Danke“, fährt Ballin fort, „es ist unnötig, diesem verehrungswürdigen Kreise zu erklären, daß nur wagemutiger Einsatz Gewinne verspricht. Als zweites schlage ich vor, die englische Konkurrenz weit energischer als bisher anzupacken.“
„Das gefällt mir!“ ruft Laeisz, „da setzen wir uns gleich in die Nesseln.“ Aber im Grunde imponiert es ihm. Auch findet er, daß der junge Mensch weniger jüdisch als romanisch aussieht.
Ballins Stimme zieht sachte ein Register mehr: „Meine Herren, wenn die Disteln stechen, darf man die Nesseln nicht scheuen. Unsere britischen Kollegen sind genauso wie die Hanseaten gegen frontale Angriffe höchst abwehrbereit. Darum bitte ich, der Einrichtung einer Dampferlinie Stettin – Gotenburg –New York beipflichten zu wollen.“
Um ihn gähnt völliges Nichtverstehen.
Herr Kirsten ereifert sich als erster: „Wieso denn bloß, was geht uns die Ostsee an? Wir wollen doch die Kerls aus dem Hamburger Geschäft raushaben!“
Und jetzt reden, fast die Haltung vergessend, alle durcheinander und übertrumpfen sich gegenseitig mit ähnlichen Argumenten.
Ballin wartet, bis es wieder ruhig ist. „Genau das“, erwidert er dann gelassen. „Wir wollen das Geschäft endlich allein machen. Aber ohne Gegenleistung werden die Herren Briten nicht verzichten. Und da wir nichts zu verschenken haben, müssen wir uns etwas Geeignetes besorgen, das uns, wenn wir es eines Tages wieder hergeben, nicht wehtut, sondern im Gegenteil das einbringt, was wir gehofft haben.“
„Da bin ich aber neugierig!“ pafft Witt und läßt ein brüderliches Rauchband um die Versammlung züngeln. Mit ahnungsvollem Behagen fühlt er sich am meisten verantwortlich dafür, daß da endlich einer mal auf die Pauke haut und anscheinend wirklich etwas hinter dem Kneifer hat; wie er denn jetzt recht beachtlich überlegen fortfährt, ohne jedoch anmaßend zu wirken:
„Skandinavische Auswanderer pflegten bislang in Gotenburg auf englischen Schiffen einzubooten. Nun hat in Stettin der Baltische Lloyd gerade seinen seit je flauen und unregelmäßigen Dienst nach New York eingehen lassen. Ich schlage vor, wir schieben uns still mit zwei guten Dampfern in die leere Stelle. Diese beiden Dampfer ziehen wir nicht aus dem bestimmt in nächster Zukunft wieder florierenden New York-Dienst, sondern mir sind zufällig von Holland zwei geeignete Objekte angeboten. Damit laufen wir einmal im Monat regelmäßig Gotenburg an, wo ein paar tüchtige Agenten gewonnen sind, uns genügend Passagiere für New York zuzuschanzen.“
„Das sieht ja alles schon so gut wie perfekt aus!“ wirft in das mahlende Schweigen Ruperti nicht ohne Schärfe hinein.
„Laß ihn man mal!“ Laeisz tippt dem Kollegen beschwichtigend auf den Ärmel.
„Das wäre denn ja wohl wirklich hanebüchen eigenmächtig!“ drängt nun John Meyer zu Worte. Aber ehe er sich ganz erhoben hat, steht Ballins Stimme plötzlich wie eine dunkle geschliffene Kugel im Raum: „Abgemacht, meine Herren, ist noch nichts, nur vorbereitet. Aber es bedarf nur Ihrer Zustimmung.“ Und da ihn die Runde anstarrt, als erwarte sie eine nachträgliche Erklärung für eine soeben erfolgte Lawine, fährt er freundlich fort: „Eingeleitet aus der Erwägung, daß sofort, wie auch Herr Tietgens meint, energisch jede Möglichkeit ausgenutzt werden muß, der Hapag zu neuem Auftrieb zu verhelfen. Mein Vorschlag sieht wie ein Umweg aus. Aber er führt die Engländer unfehlbar bald an unseren Verhandlungstisch. Dann bestimmen nicht mehr sie, sondern wir die Fahrpreise ab Hamburg nach drüben. Und das ist, was wir erreichen wollen und – müssen.“ Ballin setzt sich.
Die abgebrühten Hirne um den langen Sitzungstisch arbeiten schweigend. Tietgens merkt, wie Laeisz an einer Bemerkung kaut, die voraussichtlich nicht gegen den jungen Wagehals gerichtet sein wird. Er stemmt seine imponierende Fülle an der Tischkante hoch und sagt väterlich: „Man gut, daß uns das alles so neu nicht ist, und also sozusagen nur als unsere Anweisung beschlossen zu werden braucht. Über die Dampferpreise sprechen wir noch. Widerspruch erhebt sich nicht. Also dann bringen Sie die Sache man soweit in Schwung, Herr Meyer!“
Meyer schüttelt erstmal verdutzt den Kopf, leitet dann behende zu einem Nicken über und läßt es in eine gebietende Handbewegung zu Ballin hin münden.
„In Ordnung“, sagt Ballin, erhebt sich, verneigt sich leicht und verläßt den Raum.
„Donnerwetter! Der hat’s eilig!“ Das Lachen des Reeders Kirsten knattert hoch auf.
Meyers weiche Hand fährt dämpfend drüber hin, und mit der Stimme des alten Mohr aus dem Hungerturm deklamiert er: „Meine Herren, ein Angestellter hat in unseren Sitzungen nur solange etwas zu suchen, als seine Aufgabe es für nötig erachten läßt. Im übrigen weiß er, wozu er da ist. Das allerdings wird er kaum wissen, und das ist durchaus nicht zum Lachen, daß nämlich die Hapag fünf Minuten vorm Absaufen ist, was ich Ihnen, meine Herren, hiermit nicht länger vorenthalten haben will.“
*
Das kleine Gartenhaus in der grünen Gegend hinterm Dammtor, Heimhuderstraße 44, hatte Vater Rauert eigentlich für seinen eigenen Lebensabend ausersehen, es aber dann großzügig dem jungen Paar geschenkt. Als er zu kränkeln begann, war er zu seiner Ältesten in die Hammerlandstraße gezogen, dort gestorben und in dem großen Rohlsenschen Garten begraben worden.
Marianne hatte ihren Vater sehr geliebt, wie die jüngsten Töchter es seit jeher tun, weil sie am meisten verwöhnt zu werden pflegen. Sie bevorzugte seitdem schwarze Kleider. Selbst als der Reeder Carr den Mokka bei ihnen getrunken, war sie in Schwarz gewesen. Es stand übrigens recht gut zu ihrem schweren blonden Haar und machte sie schlanker.
„Vielleicht ziehst du morgen etwas Helleres an“, meint Albert eines Tages, „Ernest Cassel ist auf der Durchreise in Hamburg. Ich hab’ auch Direktor Meyer und Konsul Witt eingeladen.“
Eine halbe Stunde darauf wird ein Dutzend Kartons der ersten Konfektionsfirmen in der Villa abgeladen. Marianne braucht nur zu wählen, und eine weitere Stunde später ist die beste Schneiderin Hamburgs zur Stelle, um etwaige Änderungen vorzunehmen.
Anderntags, da Witt und Meyer im letzten Augenblick abgesagt haben, sitzt man zu dritt um den runden Tisch. Cassel kommt aus Schweden. Von Gotenburg ist er mit dem ersten Dampfer der neuen Linie, der von New York zurückgekehrt nach Stettin, von dort nach Berlin und dann nach Hamburg gereist.
Er berichtet nur kärglich. Small talk, die leichte Unterhaltungskunst der Engländer, hat er noch immer nicht erlernt. Seine Kindheit muß dumpf und eng gewesen sein, nur beflügelt durch seltenes Violinspiel. Das ist ähnlich wie mit Albert Ballins Cello, das auch irgendwo vergessen in einem Schranke lehnt. Cassel hat die Geige nicht mehr angerührt, seit seine Frau gestorben ist. Sein Vater ist zu Köln ein kleiner jüdischer Geldverleiher gewesen, froh, den Sohn in einem lokalen Bankgeschäft als Lehrling unterzubringen. Ernst, der heimischen Bedrängtheit bald entflohen, war mit einem mageren Kleiderbündel und seiner Violine, eben sechzehn, über Rotterdam nach Liverpool enteilt und hatte Stellung in einer Getreidefirma gefunden. „Dort sind wir einander zum erstenmal begegnet, Albert“, sagt er.
„Ja, so ist es, Ernest.“
Ballins Vater hatte damals den Jüngsten, der eben zwölf gewesen, mit auf eine Reise nach dem großen Überseehafen genommen. Seine Columbia-Agentur vertrat die dort ansässige America-Linie. Der junge Clerk Cassel war gerade dabei, einen Haufen rostige Ketten, Hand- und Beinfesseln für Negertransporte, an die Reederei zu verkaufen, die derlei für eine Ladung Schrott sammelte. Es hatte sich um Restbestände gehandelt, die sich auf dem Speicher der Getreidefirma angefunden, und aus der keineswegs weit zurückliegenden Zeit stammten, da Liverpool die Zentrale für das lukrative atlantische Dreiecksgeschäft gewesen war: Leinwand, Baumwolltuch, Glasperlen, Waffen und Schnaps nach Afrika, von dort mit „schwarzem Elfenbein“ nach Amerika und mit amerikanischen Plantagenprodukten nach Europa zurück.
Während der Vater mit dem Reeder Wilding verhandelte, hatte Albert dem Verladen der alten Sklavenketten zugesehen und den dabeistehenden Kommis mit seinem Schulenglisch gefragt, was das sei. Der Angeredete hatte barsch auf deutsch geantwortet: „Damit werden Nigger gebändigt.“
„Das ist doch längst verboten“, hatte Albert entgegnet.
Ernest Cassel, damals siebzehn, hatte den Knaben aufmerksam betrachtet. „Bist ja jäk! Kennst du Eisenbahnen?“
Rasch hatte der kleine Albert erwidert: „Ach, sind das jetzt die Neger? Dann werden wohl Schienen aus diesem Schrott gemacht?“
Seitdem ist Ernst (jetzt Ernest) Cassel von Ballins Pfiffigkeit überzeugt. Nun ist er dreimal so alt wie damals und sagt: „Ich habe an Eisenbahnen einen Narren gefressen, an diesen gebändigten schwarzen Arbeitstieren des weißen Mannes von heute. Da ich nicht gelernt habe, welche zu bauen, finanziere ich sie, wo ich kann. Eigentlich nur darum bin ich Bankmann geworden.“
Ballin blickt nachdenklich über eine Gabel mit Schwedenbissen.
„Ich begreife, Ernest: Sie haben den Schweden die Thomasbirne in Grängesberg eingeführt, um das dortige Eisenerz handelsfähiger zu machen und somit die dortigen Eisenbahnen zur Küste rentabel.“
„Gerade das“, nickt Cassel.
Marianne versucht, aufmerksam zu bleiben: „Wir interessieren uns mehr für Schiffahrt, die braucht keine Schienen“, wirft sie ein. Cassel blickt sie nicht an. Ihre Blondheit erinnert ihn schmerzlich an seine Annette. Seit ihrem Tode ist er ein fanatischer Asket, nur darauf eingestellt, Pfund auf Pfund für seine Tochter anzuhäufen.
„Es sei denn für Hafen und Hinterland“, sagt er höflich.
Er debattiert nicht gern mit Frauen und wendet sich an den Hausherrn. „Schiffe sind schwimmende Kerker. Man ist schlimmer darin eingesperrt als auf den Bahnen. Ich hab’ es wieder gespürt auf Ihrer neuen Linie, Albert. Das Wetter war schlecht und das Schiff leer. Es tanzte wie ein Korken. Ich frage mich, ob es sich für Sie lohnt, die englischen Linien zu vergrämen, die bislang Skandinavien als ihr Auswandererprivileg betrachtet haben.“
„Sie haben richtig vermutet, Ernest. Inzwischen sind die Herren zu der Einsicht gekommen, daß unser Auswandererprivileg Hamburg ist. Somit ist Gotenburg demnächst wieder frei von uns.“
Cassel unterdrückt die Anerkennung. Finster schattet der gestutzte Vollbart über seine Miene: „Das Deutsche reckt sich mächtig ins Selbständige. Als ich in den siebziger Jahren nach London kam, hörte man Deutsch reden, wohin immer man sich wandte. Fast alle großen britischen Firmen arbeiteten mit deutschen Angestellten. Britannien ist nicht schlecht dabei gefahren, solange dies dem Zwischenhandel aus den Kolonien zum Kontinent diente.“
„Und jetzt, Herr Cassel?“ fragt Marianne liebenswürdig und hofft noch immer, daß ihr wundervolles seeblaues Rüschenkleid seinen Blick erheitern möge.
„Jetzt hört man dort weniger gern Deutsch“, lächelt ihr Mann. „Dafür lernen wir jetzt selbst in den Hamburger Volksschulen eifrig Englisch.“
„Im Zug nach Berlin“, sagt Cassel, „saß mir ein Industrieller gegenüber, ein Rheinländer, ich verstand ihn also gut, der erzählte mir, Krupp liefere jetzt Kanonen nach Persien. Vordem waren es Creusot oder Vickers.“
„Auch dafür liefert Ihr Bergwerk mit die Grundlage, Ernest. Ihre Anteile florieren so oder so. Weit nachdenklicher stimmt mich, daß die Gründer der Creusot-Werke Schneider hießen.“
„Und soeben hab’ ich erreicht, daß der Berliner Waffenschmied Loewe als Direktor zu Vickers geht.“
„Ist das vielleicht europäische Gleichgewichts-Akrobatik?“ wagt Marianne einzuwerfen.
„Die sogenannten Blutsverwandten haben sich seit alters – nicht mal im Alten Testament –, gnädige Frau, mit Platzpatronen begnügt. Auch das ist einträglich. Möchte nicht wissen, was zum Beispiel die neuen Torpedos kosten, die Herr Tirpitz sicher nicht fürs Salonfeuerwerk entwickelt hat.“
„Wer ist Tirpitz?“ fragt die Dame des Hauses, indes das Mädchen noch einmal den Kalbsbraten reicht und dann die Bohnen.
Cassel nimmt nur Bohnen.
„Er soll bei der Marine sein, Marianne, hörte ich“, sagt Ballin.
„Ein Vetter von eurem Admiral Caprivi, der an nichts denkt als an den Zweifrontenkrieg gegen Frankreich und Rußland. Und dabei vergißt er England ganz“, versetzt Cassel.
„Sehen Sie, Ernest!“ Ballin wird gemütlich: „Derlei Unfug lehnen wir Hanseaten ab, genau wie Bismarck.“
„Schade, daß Deutschland nicht in Hamburg liegt! Dieser Tirpitz, lieber Albert, hat kürzlich euern Prinzen Wilhelm zur Jubiläumsfeier von dessen Großmutter Queen Victoria begleitet. Und hat vor Portsmouth seine Torpedoboote vorgeführt. Keiner hat sich was dabei gedacht. Nur Eduard, Prince of Wales, sagte zu seinem Bankier Maurice de Hirsch, und der hat mir’s erzählt: ‚Gegen was will dieser Wotan seine Knallerbsen eigentlich loslassen, wenn nicht gegen unsere Kochtöpfe‘.“
„Wotan ist gut!“ lacht Marianne. Sie schwärmt für die neue Kriegsmarine. Fast hätte sie mal einen Leutnant zur See geheiratet.
Cassel blickt an ihr vorbei. „Ich sah ihn, strotzend von Goldlitzen, den Bart, in der Farbe des Pulverdampfes, zweizipflig wallend bis zum Schärpenschloß.“
„Das ist nichts für uns, Ernest. Wir Hamburger haben Seehelden nur im Bedarfsfalle angestellt, irgendein geeigneter Senator mußte aushelfen, nur nebenbei, wusch sich dann die Hände und ging wieder zur Börse, wenn deren Störenfried erledigt war. Wir wollen friedliche Schiffe bauen und Welthandel treiben, sonst nichts.“
„Und das nennen Sie keine Kampfansage?“
„Mit friedlichen Mitteln.“
„Mein Mann ist ein Optimist, Herr Cassel.“
„Das Gefährlichste, was es gibt.“
„Gefahr muß man als Mann einkalkulieren können. Ich treibe keinen Sport. Mir genügt, jetzt erst mal Bremen einzuholen.“
„Wir werden nämlich Schnelldampfer bauen wie der Lloyd“, sagt Marianne.
„Nein, wie England, Ernest.“
Cassel zieht wortlos die Augenbrauen hoch. Jetzt sieht er faunisch aus. Der Nachtisch wird serviert. Schweizer Reis mit Kirschen. Die Hausfrau meint, da auch ihr Mann schweigt, dem Engel, der durchs Zimmer geht, Beine machen zu müssen: „Das Blaue Band des Ozeans ist keine Haarschleife“, versucht sie zu scherzen.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.